Archiv der Kategorie: Liderbücher

Gute-Nacht-Geschichten

Nachtstücke

Vielleicht hat der Eine oder Andere schon mal das beklemmende Gefühl gehabt in einem Raum eingesperrt gewesen zu sein. Nicht wirklich, nur das Gefühl! Es ist so seltsam einsam. Aber in einer noch seltsameren Art und Weise auch irgendwie bekannt. Für viele fühlt es sich an wie in einem Film. Für wenige ist es eine Erinnerung, die im Bücherschrank steht. Edgar Allan Poe heißt der Ausgangspunkt für diese Angst. Er beeinflusste mit seiner – zur damaligen Zeit – neuen Art Suspense, das gewisse Knistern in den Synapsen herzustellen, darzustellen Generationen von Künstlern. Von Charles Baudelaire über Alfred Hitchcock bis hin zu Roman Polanski und seinen nachfolgenden Kollegen ist Edgar Allan Poes Werk die Grundlage ihres Genres.

Auch das Rätsel des locked room, also eines Raumes, aus dem niemand herauskommt bzw. herauskam, kann als Poe’sche Erfindung angesehen werden. Ein Mord in einem Raum, der absolut leer ist – außer dem Opfer, das darin liegt. Der Täter kam anscheinend nicht von außen herein. Und schon gar nicht wieder heraus. Wie also um alles in der Welt, wurde die Tat verübt?

Es sind diese Art Rätsel, die den Leser fesseln und in eine Stimmung versetzen, für die der Schlaf die ersehnte Lösung ist. Ob nun ein gefiederter Geselle, der wortreich beschrieben wird wie in „Der Rabe“. Dieses Gedicht bildet in jeder Geschichtensammlung von Poe den Auftakt. Oder der Klassiker, der jeden Kriminalkommissar als Pflichtlektüre noch vor der ersten Unterrichtsstunde neben das Bett gelegt werden sollte, „Doppelmord in der Rue Morgue“. Oder das dunkle Familiengeheimnis wie das der Ushers in deren seltsamen Haus. Oder das Unglück einer Schiffbesatzung im gefährlichen Maelström. Oder „Das verräterische Herz“, dessen Geschichte sogar bei den Simpsons Einzug gehalten hat. Jeder kennt Edgar Allen Poe. Noch immer, obwohl er vor über hundertfünfzig Jahren gestorben ist.

Sein Leben war kein Zuckerschlecken. Früh die Mutter verloren, kam er mit dem Vater nie so recht klar, überwarf sich mit ihm als junger Mann. Die einzige Konstante in seinem Leben war wohl der Alkohol. Der ihm letztlich sicher auch das Leben kostete.

Die Kraft, die seinem Werk innewohnt, ist ungebrochen. Sie bricht sich nicht in Wellenbewegungen immer mal wieder frei, sie ist gleichbleibend vorhanden. Diese Nachtstücke sind die Betthupferl, die es braucht, um des Nachts in süße Träume zu versinken. Die Wortgewalt, der intellektuelle Anspruch und die dadurch verursachte Gänsehaut sind die Zutaten, dies man braucht, um in Morpheus Armen selig dem Alltag zu entschlummern.

Die fliegenden Menschen

Peter Wilkins und das Glück gingen sein ganzes Leben lang getrennte Wege. Bis er Patty kennenlernte. Doch auch dieses Glück stand unter keinem guten Stern. Ihre Schwangerschaft musste er geheim halten. Als seine Mutter stirbt er vollends am Boden zerstört. Denn sein Stiefvater hat sich den gesamten Besitz der Mutter bereits unter den Nagel gerissen. Peter Wilkins beschließt die Welt zu bereisen. Ohne Patty, ohne die Tochter. Das ist unmöglich. Als Schreiber an Bord, verbringt er die ersten Wochen in seiner Kajüte – die Seekrankheit macht ihm zu schaffen. Doch das ist bei Weitem noch die das Übelste, das ihm passieren wird.

Das Schiff wird gekapert. Die Crew wird verschleppt. Irgendwo in Südwest-Afrika hält ihn nur noch die Hoffnung aufrecht. Sie wird ihn nicht enttäuschen. Ihm gelingt mit anderen die Flucht. Eine Flucht in eine ungewisse Zukunft. Wohin es ihn verschlagen wird? Das kann ihm keiner sagen. Und wieder schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Auf Wache mit einem Matrosen reißt sich im Sturm das Schiff los als der Rest der Besatzung Wasser fasst. Orientierungslos irren die beiden auf dem Meer herum. Und sie treiben auf eine Insel zu. Genauer gesagt, auf die Felsen einer scheinbar einsamen Insel. Das Schiff zerschellt an den Klippen. Peter ist mit einem Mal auf sich allein gestellt.

Wie Robinson Crusoe nimmt er die Insel in Besitz. Bis ihm eines Tages eine Frau, ein Wesen erscheint. Mit Youwarky stellt sie sich im vor. Ein bisschen seltsam ist diese Frau schon. Sehr liebenswert, wie Peter schnell feststellt. Auch sie ist Peter nicht abgeneigt. Doch das ist etwas an Youwarky, das ihn neugierig macht. Es ist ihr Gewand. Dass sie schon seit ihrer Geburt trägt, wie sie ihm versichert. Es sind Flügel. Ja, diese Frau kann fliegen!

Youwarky und Peter finden das Glück, das sie selbst nie zu suchen wagten. Er lehrt ihr seine Sprache, sie unterrichtet ihn in ihrer Kultur. Sie bekommen Kinder. Im Märchen würde man nun vom „… und wenn sie nicht gestorben sind“ sprechen. Doch Autor Robert Paltock hat anderes mit ihnen vor…

Eine phantastische Geschichte, die die Schlaflosreihe des Verlages Ripperger & Kremers mehr als nur um ein paar bedruckte Seiten verstärkt. Fliegende Menschen in einem Buch, das ganz ohne technische Phantastereien auskommt. Keine Beschreibung von hydraulischen Vorrichtungen, wie man sie bei Jules Verne verortet. Dessen „Zwei Jahre Ferien“ kommen jedem Leser sofort in den Sinn. Ebenso wie Daniel Defoes Robinson Crusoe oder Jonathan Swifts Gulliver. Das Leben auf dem heimischen Eiland wird bald beendet, als Youwarky den Wunsch äußert ihren Vater zu besuchen. Sie fliegt zusammen mit zwei ihrer Kinder. Drei Tage wird die Reise dauern. Und Peter? Er sehnt sich nach Youwarky. Wird bald schon von ihren Verwandten besucht und eingeladen die Familie kennenzulernen. Die Abwechslung wandelt sich vom freudigen Ereignis zu einer Art déjà vu…

Der Altar der Toten

Es gibt viele Möglichkeiten den Partner fürs Leben zu finden. Bei der Arbeit, in Bars und Clubs, ja sogar im Netz ist es gar nicht mehr so unmöglich das passende Gegenstück in sein Leben zu ziehen. Doch das, was Henry James beschreibt, ist selbst heute noch etwas Außergewöhnliches.

George Stransom kann man getrost als treue Seele bezeichnen. Noch immer huldigt er seiner großen Liebe Mary Antrim. Sie wurde ihm entrissen, bevor er sie festhalten konnte. Er hängt ihr nicht nach. Doch die Zuneigung ist im Laufe der (vielen, vielen) Jahre nicht geringer geworden. Sie war – wenn man es einmal nüchtern betrachten will – der Startschuss für eine als ungewöhnlich zu bezeichnende Leidenschaft. Er zählt die Toten seines Lebens. Nicht falsch verstehen: George Stransom ist kein Mörder! Nur hat sich im Laufe der Zeit eine beträchtliche Zahl von Dahingeschiedenen in seinem Herzen breitgemacht. Er verehrt sie alle. Keiner wird bevorzugt, keiner benachteiligt. Als er aus der Zeitung vom Tod seines langjährigen Freundes Acton Hague erfährt, gerät seine Welt wieder ins Wanken. Doch dieses Mal ist er nicht allein.

Denn auch eine Unbekannte scheint den Erinnerungen an Acton Hague nachzuhängen. Wer sie ist? Diese Frage drängt sich dem Trauernden Stransom gar nicht auf. Er ist fasziniert einen Seelenverwandten zu treffen. Jemanden, der sich genauso tief in Freundschaften versteifen kann wie er. Unversehens haben sich da zwei getroffen, die man auf den ersten Blick in ihrer Trauer lieber allein lassen möchte. Fast schon einem Kult gleich werden ihre Treffen zu einem Leichenschmaus, der nicht den Magen füllt, vielmehr ein delikates Mahl für die Sinne ist.

Das Festhalten an Altem, ohne der Zukunft im Weg zu stehen, verwebt Henry James zu einem zarten Vorhang aus durchlässiger Seide. Durchlässig für wahre Gefühle, schützend vor Wunden. Hier klagen zwei Menschen sich gegenseitig ihr Leid ohne dabei sich selbst aufzugeben. Vielmehr ist ihr Totenkult, den sie hegen und pflegen die Kraftquelle die sie weiterleben lässt. Todessehnsucht verspüren sie nicht. Schon gar nicht nachdem sie sich getroffen haben. Ihr Zusammensein bestärkt sie in dem, was sie tun, was sie ausmacht.

Mit umwerfender Empathie steigert sich Henry James in seine Charaktere hinein. Stransom und die Unbekannte kommen zusammen ohne sich wirklich näher zu kommen. Die Distanziertheit ist ihr Kitt, der sie zusammenhält.

Die Kunst den Mund zu halten

Unterteilt man die Menschen in die, die reden – ob nun aus Wissen oder Geschwätzigkeit heraus – und die, die schweigen – ob nun aus Unwissenheit oder Vorsicht – so hat es Joseph A. Dinouart geschafft, ein Buch für die gesamte Menschheit zu schreiben. Schweigen ist Gold, sagt der Volksmund. Und Reden ist Silber. Beides Edelmetalle, beide sind wertvoll. Wie so oft im Leben, ist die Mischung von entscheidender Bedeutung.

„Die Kunst den Mund zu halten“ stammt aus der Zeit als die Aufklärung für sich in Anspruch nahm, die Welt erklären zu können und sie verändern zu können. Ein Alleinvertretungsanspruch sozusagen. Ein Kampf der Eloquenz gegen das Bauchgefühl. Mehr als zweihundert Jahre sind seit der Erstveröffentlichung nun vergangen und noch immer kann man sich den einen oder anderen Ratschlag zu Herzen nehmen. Doch Vorsicht: Nur, weil man den Mund hält, heißt das noch lange nicht, dass man auf die Siegerstraße eingebogen ist, an deren Ende der Lorbeerkranz wartet.

Man stelle sich vor Einstein hätte geschwiegen. Oder Aristoteles. Dann hätte auch Dinouart schweigen müssen. Es ist eine verzwickte Situation. Schweigen, um dem Anderen die Argumente zu nehmen. Und Reden, um den Schweigenden selbiges anzutun. Was war zuerst da? Das Wort oder das Schweigen?

Wer nun denkt die Schrift Dinouarts mit einem Handstreich ad absurdum führen zu können, irrt. Auch Dinouart weiß, dass Schweigen nicht das Allheilmittel gegen Ignoranz und für Frieden und Wohlbefinden ist. Es ist die Mischung – wie so oft im Leben – die eine Theorie handhabbar macht. Zum Einen muss man wissen, ob der Gegenüber auf gleichen Niveau agiert wie man selbst. Dann erübrigen sich überflüssige Worte von ganz allein. Hat man das Gefühl seinen Ausführungen ein größeres Maß an Erläuterungen beizumischen, ist das nicht nur legitim, sondern essentiell wichtig.

Band Vierzehn der Schlaflosreihe ist sicher keine reine Bettlektüre, die einem einen ruhigen Schlaf beschert. Je nach Ausgangslage kann man darüber amüsieren oder bis ins Mark darüber ärgern. Was man nicht machen sollte, ist Buch und Autor komplett zu verteufeln. Oder gar zu behaupten, dass zweihundertfünfzig Jahre ausreichend seien, um solch eine Schrift heutzutage nur noch als nostalgisches Geschreibe zu bezeichnen. So sorgfältig wie man seine Worte wählen sollte, so sorgfältig sollte man auch denjenigen aussuchen, den man dieses Buch zum Geschenk macht. Denn der Titel allein könnte – nein er wird! – für Verwirrung sorgen.

Der Dreispitz

Irgendwo im beschaulichen Teil Andalusiens. Nicht weit von Jerez. Da, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Da lebt der Müller Onkel Lucas. Alle mögen ihn. Die Sympathie in Person. An seiner Seite: Señora Frasquita. Der Liebreiz in Person. Ihr steigen viele nach, noch mehr wollen es. Doch sie hat nur Augen für ihren Müller. Der Altersunterschied, die offensichtliche Kluft in ihrer beider Aussehen, hindern sie nicht ein Leben zu führen, das ganz allgemein mit Glück bezeichnet werden kann. Im Hof ihrer Mühle setzt man sich gern im Schatten zur Ruhe und lässt den Herrn über sich wachen.

Ein neuer Bürgermeister wird schon bald die Idylle des Ortes zerklüften. Don Eugenio Zuñiga y Pence de León – allein schon der Name lässt so manchen „Untergebenen“ erschaudern – hat mehr als nur ein Auge auf die hübsche Frasquita geworfen. Doch ihr imponieren weder das pfauenhafte Getue des Oberen noch seine sorgsam ausgewählte Kleidung noch sein Werben. Vielmehr bereitet es ihr einen gewissen Spaß den Beamten zu foppen, während ihr Gatte im Blätterwerk der Weinreben die Szenerie beobachtet.

Ein weiterer Spieler in dieser auf einer historischen Legende beruhenden Geschichte in Garduña, der Dorfpolizist. Einer, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Ein Günstling, der schon drei Bürgermeister erlebt hat und schon deswegen für sich in Anspruch nimmt Recht und Gesetz mehr als nur zu verkörpern.

Durch eine List wird der Onkel Lucas, der Müller des Nachts aus seinen Gemächern, vom Hof, aus dem Ort gelockt. Bahn frei für den Frontalangriff auf das Objekt der Begierde: Señora Frasquita! Doch der Angriff schlägt fehl. Anfänglich wiegt man sich in Sicherheit, doch im Nachgang wird alles, was hier einmal zur festen Grundordnung gehörte, über den Jordan geschickt. Getreu dem Motto: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“. Und das gilt für alle Beteiligten!

Pedro Antonio de Alarcón schreibt als Erster dieses kleine Verwirrspiel auf. Die Idee ist nicht seinen Hirnwindungen entsprungen. Über eine lange Zeit hinweg wurde diese Geschichte mündlich weitergegeben. Doch alle Aufzeichnungen sind spurlos verschwunden wie die Moral der handelnden Personen. Ihm verdanken wir also diese zauberhafte Geschichte, die dem Leser den Schlafsand aus den Augen treibt. Bevor die letzte Seite nicht gelesen ist, kann man eh nicht einschlafen. So viel ist garantiert. Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, kann beruhigt sein. Es ist kein böser Geist, der einem da die Gedanken durcheinander zu wirbeln scheint. Manuel de Falla hat die Geschichte in einem Ballett verarbeitet, das vor über einhundert Jahren mit dem berühmten Balletts Russes Premiere feierte. Die Bühnenausstattung inkl. der Kostüme entwarf niemand Geringeres als Pablo Picasso.

Ein Dilemma

Ein gutes Essen, Likör, Tabak – der Abend ist gut verlaufen. Der Notar Monsieur Le Ponsart und sein Mandant Monsieur Lambois sind zufrieden. Nicht wegen des guten Essens, sondern weil sie eine Lösung für ein kniffliges Problem gefunden haben. So scheint es.

Jules, der Sohn von Lambois ist verstorben. Aufopferungsvoll hat sich Sophie, die dem Vater als Hausmädchen vorgestellt wurde, um den Dahinsiechenden gekümmert. Doch ihre Opferbereitschaft war nicht von Pflichtbewusstsein gegenüber dem Herr des Hauses geschuldet, sondern geschah einzigallein aus Liebe. Denn unter ihrem Herzen trug sie die Frucht ihrer Liebe.

Jules sollte es einmal zu etwas bringen. Inder Politik. Das haben Le Ponsart und Lambois schon vor langer Zeit beschlossen. Die Jahre vergingen und Jules entwickelt sich in die richtige Richtung, zumindest in den Augen der Männer, die nun Probleme sehen, die gar keine sind. Das allerdings wissen sie nicht und preschen voreilig aus ihrer sicheren Deckung hervor.

Sophie hat unvorsichtigerweise um etwas Geld gebeten. Schließlich ist sie schwanger, allein und ohne die Aussicht, dass sich jemand ihrer annehmen wird. Eine junge Frau im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ein Hausmädchen – das bindet sich niemand freiwillig ans Bein.

Le Ponsart und Lambois vermuten hinter der naiven Anfrage ein Komplott, den Anfang einer langanhaltenden Erpressung. Die Beziehung von Jules und Sophie war nicht standesgemäß, und die Karriere, die Lambois und Le Ponsart für Jules vorschwebte, könnte sich nur allzu schnell in Rauch auflösen. Le Ponsart macht Sophie ein Angebot, dass sie nicht ausschlagen kann. Tut sie aber! Also doch ein Problem?!

Auftritt Madame Champagne. Klatschbase, Zeitungshändlerin, Ladenbesitzerin eines Papiergeschäftes, das mehr schlecht als recht zum Überleben taugt. Aber auch eine Frau, die das Herz am rechten Fleck trägt. Ein Engel für gefallene Engel. Engagiert, gewieft und abgezockt. Dass auch sie ein Problem darstellen kann, übersehen Le Ponsart und Lambois in ihrer Engstirnigkeit und Überheblichkeit geflissentlich. Als aber auch Sophie das zeitliche segnet, wird das Spiel der beiden Männer auf eine harte Probe gestellt…

Joris-Karl Huysmans lässt in der vielsagenden Geschichte „Ein Dilemma“ zwei Welten aufeinanderprallen. Zwei eitle Faun, die in ihrem elitären Gehabe so sehr verankert sind, dass ihnen nicht in den Sinn kommt, dass außerhalb ihrer eigenen Welt andere Regeln herrschen. Spät merken sie, dass ihr Spiel von beiden Parteien, manchmal sogar von der dritten, gespielt werden kann.

Hieroglyphische Märchen

Da muss man sich erst mal einlesen! Die Märchen scheinen einem alle irgendwie seltsam bekannt bis man – ziemlich schnell – das Gefühl bekommt, dass einem die Erinnerungen einen Streich spielen. Oder doch nicht? Wie war denn das mit der Sheherezade? Ein Regent lässt sich abends in den Schlaf wiegen, indem er sich Geschichten, Märchen erzählen lässt. Doch die Märchen sind so kryptisch, dass er jedes Mal kurz dem Wegdämmern hochgerissen wird und nachfragen muss, wer, was, wie denn nun getan hat. Die Erzählerin erklärt ihm stoisch alle Zusammenhänge. Der König, schlummert nach Langem Lamentieren endlich ein. Und … dann wird es eng für ihn. Ein Kissen im Gesicht, die Luft bleibt ihm weg und aus ist es mit der royalen Herrlichkeit! Ein Horror, wenn man an den Liebreiz der eigentlichen 1001 Nacht denkt.

Horace Walpole hat dieses und noch eine Handvoll weitere Märchen zu verantworten. Er lebte fast das ganz 18. Jahrhundert hindurch auf der Sonnenseite des Lebens. Ein ausuferndes Anwesen, das an Märchenhaftigkeit kaum zu übertreffen schien. Und als Sohn des englischen Premiers auf solider finanzieller Basis war es ihm in die Wiege gelegt worden, seinen Leidenschaften – unter anderem Geschichten erzählen – folgen zu können.

Es ist sein Verdienst, dass er nicht nur bereits bekannte Märchen als Vorlage nahm und diese dann verfremdete oder gar verulkte, sondern ihnen ein neues Gewand verpasste.

Mal muss man schmunzeln, mal ist man geschockt wegen der abrupten Wendungen, mal ist man beruhigt, wenn die Protagonisten der Geschichte zwar nicht die erwartete, doch vielleicht erhoffte Wendung geben. Entführte Thornfolger, verrückte Namen (Wer nennt sein Kind schon Groß A, Big A?) oder auch ein chinesisches Feenmärchen, das in Wahrheit gar keines ist. Die „Hieroglyphischen Märchen“ regen die Phantasie an, und werden dem spätabendlichen Leser so manch reichhaltigen Traum bescheren.

Der geheimnisvolle Fremde

Eine Reisegesellschaft, die auf einer Reise ist, die sie nie anzutreten vermutete und die für alle Beteiligten ein echtes Abenteuer darstellt. Hoch zu Ross die Adeligen, die ein Schloss in Beschlag nehmen werden, das Teil der Erbmasse ist. Der verstorbene Bruder hat sie vermacht, obwohl sich die Brüder spinnefeind waren. In der Kutsche die unglückliche Franziska. Sie wird einmal heiraten, doch der Erwählte ist nicht ihre Wahl, schon gar nicht die Erste. Sie stellt sich schlafend, um einem weiteren Diskurs um die Vermählung aus dem Weg zu gehen.

Draußen weht unerbitterlich der Bora, ein Fallwind, der das Karstgebirge vor den Ufern der Adria in Bewegung versetzt. In der Ferne jaulen die Wölfe. Noch bevor die Reisegesellschaft den Zielort erreicht, fallen Schüsse. Nicht auf, sondern von der Kutsche. Da jedem Beteiligten eh schon ganz mulmig ist, beschließt man die Reise ohne viel Palaver fortzusetzen.

Kaum auf dem Schloss angekommen, steht auch schon Besuch vor der Tür. Bertha, die so vehement der verschüchterten Franziska die Ehe mit Franz ans Herz legt, weil sie selbst beseelt von der Idee ist so bald als möglich ihren Ritter Woislaw zu ehelichen, der bald eintreffen soll, frohlockt schon. Doch der nächtliche Besucher erzählt den neuen Schlossherren schauerliche Märchen. Spuk und Geister. Die Herren der Runde bedenkt er mit Nichtbeachtung und Spott. Nur zu Franziska ist er süßholzraspelnd freundlich. Die ist hellauf begeister von dem Fremden, der sich später als Azzo von Klatka vorstellt. Klatka, so heißt auch das Schloss. Während der Zeit, als Schloss Klatka im Dornröschenschlaf lag, war er oft in den Gemäuern, weswegen ihm erlaubt wird sich den Namenszusatz zuzulegen.

Ritter Woislaw kehrt ruhmreich und um seine rechte Hand erleichtert aus der fernen Schlacht zurück. Des Nachts – Azzo ist nur nachts aktiv, tagsüber vermeidet er es dem Tageslicht zu begegnen – treffen sich Azzo und Woislaw. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Fast wie alte Kumpel, die nach Jahren der Trennung alte Geschichten ausgraben. Woislaw hat in Azzo etwas entdeckt, dass ihn aufhorchen lässt. Woislaw kennt solche wie Azzo. Und er weiß mit ihnen umzugehen…

Bram Stoker lässt grüßen. Ja, Ritter Azzo von Klatka, das lichtscheue Wesen, mit der Appetitlosigkeit für alles Feste, dem Alkohol nicht bekommt, hat ein Geheimnis. Eines, das Franziska fasziniert. Wenn sie es kennen würde, wäre sie vorsichtiger. Die Geschichte kursierte schon vor fast zwei Jahrhunderten in Europa und jagte den Zuhörern einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Bram Stoker diente es als Vorlage für seinen Dracula. Dieses kleine Büchlein, allein im Bett, bei schummriger Beleuchtung … erhöhtes Lesevergnügen und Albträume für alle, deren Nervenkostüm aus leichtem Stoff gewebt ist.

Laura oder die Reise in den Kristall

Band Neun der Schlaflosreihe ist das bisher dickste Büchlein. So viel vorweg. Das kleine Büchlein ist auch das phantasievollste dieser Reihe. George Sand, die mit Frédéric Chopin über Jahre eine Einheit bildete, vermischt in „Laura oder die Reise in den Kristall“ eindrucksvoll naturwissenschaftliche Kenntnisse und fast schon märchenhafte Phantasien.

Ein junger Mann kommt in ein Geschäft für Kristalle und Edelsteine. Durch seine Unachtsamkeit zerstört er eine Geode. Der Besitzer ist darüber nicht unerfreut, denn so kann er ihm eine Geschichte erzählen, die ihm selbst passiert ist. Oder die er glaubt selbst erlebt zu haben. Da beginnt schon der Strudel, in den der Ladenbesucher und auch der Leser gezogen werden. Denn von nun an ist nichts mehr wie es war, wie es sein soll.

Alexis ist in seine Cousine Laura verliebt. Das arme Ding muss ohne Vater aufwachsen, der sich in den Orient verkrümelt hat. Dort ist er zu ansehnlichem Reichtum gekommen. Laura jedoch, die die Avancen ihres Cousins sehr wohl wahrnimmt, zeigt ihm die kalte Schulter. Für sie ist er ein kleiner Junge, der Hirngespinsten hinterherjagt. Im Laufe der Zeit begegnen sie sich immer wieder. Seine Zuneigung verflacht keineswegs. Ihre hingegen weicht nach und nach ihrer Skepsis.

Im funkelnden Spiel der Kristalle verlieren sich beide und steigen hinab in eine Welt, die niemals irdisch sein kann. Im Vexierspiel der Kristalle ist Laura so wie Alexis sie sich wünscht: Die Frau, die er liebt und die seine Liebe erwidert. Doch was ist real, und was ist Phantasie? Das Liebesgeplänkel dauert nicht lang. Bis Onkel Narsias auftaucht. Ein angsteinflößender Kauz, wie Alexis findet. Aber voller Forscherdrang, der alsbald Alexis in seinen Bann zieht. Und ehe er sich versieht, steigt Alexis zusammen mit dem Onkel hinab. Hinab ins Erdreich. In eine Welt voller Kristalle…

George Sand spielt mit den Gedanken des Lesers wie einst ihr Gefährte Chopin auf dem Klavier. Die Grenzen zwischen Realität und Gedankenreich verschwimmen zusehends. Von verklärter Romantik weit entfernt liest man sich in eine Traumwelt, die erst wieder aufklart als der Erzähler seine Kladde schließt. Verwirrt, beseelt, verzaubert lässt Sand den Leser zurück, der das Gelesene erstmal sortieren muss. Wohlige Träume sind hier nicht mehr dem Reich der Phantasie zuzurechnen, sondern greifbare Wirklichkeit.

24 Ein-Schaf-Geschichten für Erwachsene

Das Tagwerk ist geschafft, nun winkt endlich der ersehnte Schlaf. Doch das Erlebte lässt einen nicht mehr los. Es arbeitet im Hirn auf Hochtouren. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken. Als alt bewährtes Mittel hilft da Schäfchenzählen. Ein Schaf, zwei Schafe, hilft nichts. Diese wolligen Biester lassen einen auch nicht einschlafen. Das ist gemein.

Klar, denn, was man da zählt sind GemeinSchafe. Die blöken nicht nur, sie falten Papier und schnipsen es im hohen Bogen gegen alles, was nicht schnell genug ausweichen kann. Und dann lachen sie einen auch noch aus. Moment. Hier läuft doch was schief! Nein, hier läuft gar nichts schief!

Anna Derndörfer haben es die Schafe angetan. Vierundzwanzig Geschichten bringt sie in diesem (durchaus auch als Einschlaflektüre geeignet, obwohl die Geschichten überhaupt nicht einschläfernd sind) Buch an den Sch(l)afenden.

Noch gemeiner als das GemeinSchaf ist das LebensgemeinSchaf. Mutter- und VaterSchaf hingegen sind liebevoller.

Wer beim Titel auf erfolgversprechende Einschlafgeschichten hofft, wird schon bald eines Besseren belehrt werden. Denn es sind wirklich Geschichten von Schafen. Schafe, die einem das Leben erschweren, aber auch erleichtern können. Man kann sie zählen, aber wenn man sich dann an die gelesenen Geschichten erinnert, muss man automatisch loslachen. Also wieder kein Schlaf!

Doch, doch. Jede einzelne Geschichte – man steigt doch ziemlich schnell dahinter, dass die Schafe nur allzu menschliche Züge haben – eignet sich ebenfalls als Gute-Nacht-Geschichte. Das liegt in erster Linie an der Länge bzw. Kürze der Geschichten, zum Anderen aber vor allem an der Leichtigkeit der Worte. Die Schwere des Tages verliert sich in den Zeilen wie die Schafe im Frühjahr sich ihrer Haarpracht entledigen. Mal muss man innehalten, mal sich den Bauch vor Lachen.