Navajo Police – Arizona, Utah, New Mexico

Shalako will nach Zuñi, um sein Volk zu besuchen. Und denjenigen zu erscheinen, die er bald zu sich holt. Klingt erstmal nicht besonders realistisch, eher spiritistisch, religiös. Und so ist es ja auch. Im Reservat, gleich neben dem der Navajo, Arizona, New Mexico, bereitet man sich auf das große Ereignis vor. Und hier im reservat ist die Zuñi-Police zuständig. Bei den Navajo ist die Navajo-Police zuständig. Zu der gehört auch Lieutenant Joe Leaphorn. Damit dürfte klar sein, dass es schon bald eine Kompetenz-Rangelei geben wird. Wir befinden uns am Anfang einer neuen Krimireihe, die dem Autor Tony Hillerman u.a den renommierten Edgar-Allan-Poe-Award eingebracht hat und in siebzehn Sprachen übersetzt wurde.

Ernesto, ein Zuñi, ist verschwunden. Und mit ihm George, ein Navajo. Fingerspitzengefühl ist das Gebot der Stunde. Denn der Buschfunk ist schneller als die Polizei erlaubt.

Ernesto ist sicherlich tot – neben seinem verlassenen Fahrrad war Blut.

Und George, sein Klassenkamerad, sein bester Freund ist spurlos verschwunden.

Der hat doch bestimmt mit dem Mord zu tun.

Ist sicher der Mörder. Und nun hat er die Beine in die Hand genommen und ist getürmt.

Der Beginn einer Krimireihe muss mit einem Knall beginnen. Und hier ist der Knall weithin zu vernehmen. Doch Tony Hillerman liegt es fern mit billiger Effekthascherei den Leser auf seine Seite zu ziehen. Fundiertes Wissen über die Kultur der American Natives sind das Salz in dieser anfangs undurchsichtigen Krimisuppe. Ohne ausladende Bewegungen schafft es der Autor umfassend und sehr präzise diese Eigenheiten in seine Geschichten einfließen zu lassen. Alte Riten und zeitgemäßes Leben schließen sich nicht automatisch aus. Das fängt bei der Reifenpanne mitten im Nirgendwo an und hört bei Gebeten noch lange nicht auf.

Hier kommt eine Krimireihe im Taschenbuchformat um die Ecke und lockt den Leser in dunkle Gassen, weites Land und in die Tiefen einer uns durch Winnetou scheinbar vertrauten Welt. Hier sitzen keine bedeutungsschwanger ins Nichts schauenden Rothäute auf kraftstrotzenden Gäulen, die in Rätseln das Leid der Welt beklagen. Hier treffen sich Gesetzeshüter und diejenigen, die das Gesetz mit Füßen treten auf Augenhöhe der Zeit.

Joe Leaphorn ist ein Gesetzeshüter, der das Herz auf der Zunge trägt. Diplomatisches Geschick lernte er auf der Straße, die ihn immer wieder in die dunkelsten Gassen führen wird. Selbst da, wo der Horizont endlos ist…

 

Was hat es nur mit den Sandbildern auf sich? Immer wieder spricht Margret Cigaret von Sandbildern. Mehreren Sandbildern. Joe Leaphorn von der Navajo-Polizei hatte – und das ist noch gar nicht so lange her – auch mit Sandbildern zu tun. Aber das waren Spuren im Sand. Er suchte nach Reifenabdrücken. Fand auch Abdrücke eines Hundes, eines riesigen Hundes. Wenn er die Spuren richtig gelesen hat. Etwa so riesig wie das Vieh, das er auf dem Rücksitz eines Mercedes gesehen hat, den er vor ein paar Tagen kontrolliert hatte. In seinem Polizeiwagen hatte er einen Ausbrecher in Handschellen bei sich. Der schrie ihm noch zu, dass er aufpassen solle. Doch da war’s schon zu spät. Mit voller Wucht rammte der Wagen Leaphorn. Der Sprung zur Seite kam einen Bruchteil einer Sekunde zu spät und erwischte den Officer am Bein. Und nun sitzt Joe Leaphorn einmal mehr da und sucht nach Antworten auf so viele Fragen. Doch Margret Cigaret spricht selbst für ihn, den Navajo, in Rätseln.

Tso, der alte Mann, der mit Atcitty, der Nichte von Margret Cigaret, verschwunden ist, sprach von einem Geheimnis. Mehr kann die alte Heilerin dem Ermittler auch nicht sagen. Sie ist blind. Wenn sie also vom Sehen spricht, sind es wohl eher Visionen. Tso war krank und Margret versuchte mit einem Maispulver die Schmerzen zu lindern und der Ursache der Krankheit auf die Spur zu kommen. Dabei versuchte sie Tsos Zunge zu lockern. Doch der beharrte stur auf dem Versprechen nichts und niemandem etwas zu verraten. So ist das mit den Traditionen.

Außerdem dem mysteriösen Verschwinden der beiden Navajo und dem Unfall mit Fahrerflucht muss Leaphorn auch noch einen verschwundenen Hubschrauber finden. Der steht in Zusammenhang mit einem Banküberfall, bei die Beute im mittleren sechsstelligen Bereich lag.

Frisch ans Werk. Den eigentlichen Besitzer des Mercedes kann Leaphorn schnell ausschließen. Der ist tot. So viel steht fest. Also ist der Fahrer, der Leaphorn schwer verletzt hat, sicher der Dieb des Wagens. Außerdem muss er sich verdammt gut auskennen. Ansonsten hätten er und seine Kollegen schon längst Spuren an den Wasserstellen gefunden. Da waren also keine. Da man ohne Wasser hier im Monument Valley, in der Wüste kaum Überlebenschancen hat, braucht man Wasservorräte und den Willen den Durst zu unterdrücken. Nichts für Großstadtmenschen. Dafür muss man geboren sein. Joe Leaphorn muss höllisch aufpassen nicht in die falsche Richtung zu ermitteln…

Tony Hillerman lässt ein weiteres Mal seinen Ermittler auf einen Fall los, den keine noch so spezialisierte Fachkraft im Handumdrehen lösen kann. Sein Gespür für die Kultur der Navajo, sein Wissen um Traditionen und Riten sind die Grundlage dieser Krimireihe. Mal fremd, mal eindeutig zielführend, oft verwirrend für alle, die Geschichten aus den Indianerreservaten nur mit Hokuspokus in Verbindung bringen. Joe Leaphorn. Wer sich auf de Erzählfluss von Tony Hillerman einlässt, erlebt ein Feuerwerk der Gefühle.

 

Ein kleines Kästchen wurde gestohlen. Sonst nichts weiter. Auch sonst wurde das Inventar von Vandalismus verschont. Wenn Jim Chee von der Navajo-Police das Kästchen wiederbesorgt, wird der fürstlich entlohnt. Mrs. Vines, die Zweite, lässt sich nicht lumpen, wenn es darum geht das Eigentum ihre Gatten wiederzubeschaffen. Der liegt derweil im Krankenhaus. Krebs, wird nicht mehr lange leben. Aber, wenn er doch noch mal zurückkehrt ins eigene Heim, dann soll alles an seinem Platz stehen.

Jim Chee plagt sich darüber hinaus noch mit der Frage, ob er den Test für die Aufnahme beim FBI bestanden hat. Und wenn ja, ob er den Job annehmen solle. Denn einerseits ist er Navajo, Navajo-Polizist und tief in seiner Kultur verwurzelt. Er will sogar yataalii – also ein Gelehrter, der unter anderem mit entsprechendem – rituellem – Gesang seelische Sorgen seiner Stammesbrüder (belassen wir es der Einfachheit halber bei dieser sehr simplen Umschreibung) lindern, im besten Fall heilen kann. Ginge er zum FBI wäre seine Kultur ihm entfernter als jede Reise zum Mond.

Derweil explodieren im Ermittlungsbereich der Navajo-Police Bomben. Da müsste man meinen, dass es tausende Meinungen und Wortmeldungen dazu gibt. Das Gegenteil ist der Fall. Jim Chee, der in „Zeugen der Nacht“ zum ersten Mal ermittelt, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Eine Sekte, die sich „Volk der Finsternis“ nennt und schon öfter im Visier der Ermittler wegen Drogenmissbrauchs – Peyote-Pilze war, hat wohl mehr zu verbergen als vielen der Beteiligten bekannt sein dürfte. Als dann auch noch Anschläge auf Jim Chee und Mary Landon (mittlerweile ein Paar) verübt werden, wird es für jeden, der in diesem Fall involviert ist, brenzlig. Denn ein Profikiller bereitet penibel schon seinen nächsten Auftrag vor…

Tony Hillerman bittet den Leser an eine reich gedeckte Tafel voller indianischer Kultur. Tiefer und tiefer dringt er in eine Kultur ein, die immer mehr verwässert wird. Und das auch schon als die Romane (ab den 1970er Jahren) geschrieben wurden. Sie sind nicht einfach nur Kulisse, in denen „der weiße Mann“ wie der Elefant im Porzellanladen herumtappt, sondern sie sind die Bühne der abscheulichsten Verbrechen. Aber auch den „ganz normalen Alltags“. Das ist die Stärke der Krimireihe um die Navajo-Police im Dreistaateneck Arizona, Utah und New Mexico.

 

Jim Chee liegt auf der Lauer. Schon seit einiger Zeit werden immer wieder Windräder sabotiert. Und er ist sich sicher, den Täter stellen zu können. Und er ist sich ebenfalls sicher, dass sein Versteck dem Übeltäter nicht auffallen wird. Geduldig wartet er vor dem Morgengrauen im Dickicht, im Schutz der Dunkelheit. Abwechslung verschafft ihm dabei das Motorenbrummen eines herannahenden Flugzeugs. Fliegt ziemlich tief. Kommt näher. Ist fast zum Greifen nah. Die Cockpitinnenbeleuchtung ist für Jim Chee von der Navajo-Polizei wie ein Licht in dunkler Nacht. Kurze Zeit später gibt es einen Knall. Und dann noch einen. Der Erste stammt vom Flugzeug, das explodiert ist. Der Zweite – und das ist viel interessanter – war ein Schuss!

Fast zur selben Zeit wird eine Leiche entdeckt. Schrecklich entstellt. Fußsohlen abgeschnitten, verdrehter Körper – ach, einfach grauenvoll. Fast schon rituell. Auf alle Fälle aber mit viel Durchsetzungskraft umgesetzt. Noch ein Fall für Jim Chee.

Und dann sind da noch die Gerüchte über Hexerei in der Umgebung. Jim Chee weiß, dass das alles seinen Vorgesetzten nicht so recht in den Kram passt. Ein Flugzeugabsturz – offensichtlich ein Schmuggel, der schief ging, Drogen etc. – und ein grauenhafter Mord, das mag ja alles noch angehen. Schließlich ist man als Polizist auf solche Sachen vorbereitet. Und weiß wie man vorgehen muss. Aber dann auch noch Hexerei? Ach nee, das ist nicht greifbar. Und die Verantwortlichen schon gleich gar nicht. Jim Chees geschärfte Sinne sind das Einzige, was da Linderung beim Chef hervorrufen kann. Schon allein die Tatsache, dass an dem Flugzeugwrack etwas ist, das dem allwissenden FBI offensichtlich entgangen ist, macht Jim Chee zu einem wertvollen, wenn nicht zum wertvollsten, Hinweisgeber überhaupt…

Tony Hillerman lässt auch im vierten Band seiner preisgekrönten und bis heute nichts an Dramatik verlorenen Reihe um die Navajo-Polizei nichts an Spannung vermissen. Der ruhige, besonnene, nachdenklich Jim Chee ist der Ruhepol zwischen aufgeregter Pflichterfüllung und tiefgehenden Einblicken in eine Kultur, die im Begriff ist sich nach und nach aufzulösen. Clanzwistigkeiten unter den in Reservate umgesiedelten Ureinwohner sind dem Außenstehenden unverständlich bis unerkenntlich – und schon gar nicht erklärbar. Autor Tony Hillerman ist es zu verdanken, dass diese Kultur nicht mehr nur mit Tomahawk schwingenden Reitern zu verbinden ist, sondern Einzug in den Alltag gehalten hat. Auch wenn das Wissen darum immer mehr verschwindet.

 

Blitz und Donner, doch Jim Chee, Officer der Navajo-Police, wird nicht nass. Im Nu schmeißt er sich auf den Boden – was war das? Es war ein Schuss! Doch wer will den jungen Officer umbringen?

Lieuenant Leaphorn, Jims Vorgesetzter, steht kurz danach vor einer Landkarte. Einzelne Markierungsnadeln zeigen an, wo die Ermittler noch einmal ansetzen müssen, wo sie eventuell etwas übersehen haben, wo sie noch einmal von vor anfangen müssen. Jede Nadel ein ungelöster Fall. Und jetzt auch noch die Sache mit dem Schuss auf Jim Chee. Seltsame Verbindungen tun sich auf, erkennt Leaphorn. Denn wo nichts Offensichtliches ist, ist die Verborgene oft die Gemeinsamkeit. Diesen Zusammenhang herzustellen, fordert die beiden Ermittler extrem heraus. Die Legende der Skinwalker, tief in der Kultur der Navajo verankert und so rein gar nichts mit irgendwelchen Mysterie-„Dokumentationen“ verwandt, scheint das fehlende Puzzleteil zu sein. Doch wie will man ein Mysterium seiner Legendengewalt entreißen? Mythos und wirtschaftlicher Erfolg stehen sich hier nicht im krassen Duell gegenüber, sondern Mittel zum Zweck.

Tony Hillerman nähert sich diese Legende mit der gebotenen Vorsicht. Mitte der 80er Jahre war die Hohe Zeit seiner Krimireihe über die Navajo-Polizei. Im Zweijahresrhythmus entführte er die Leser in eine Welt voller Vorurteile und Klischees. Doch so düster und verschlungen war noch kein Titel dieser Reihe.

Auch privat deuten die Zeichen für Joe Leaphorn nicht gerade auf Sonnenschein. Seine Frau Emma zeigt Symptome für Alzheimer. Und Jims Privatleben  – er lebt im Wohnwagen, wo auf ihn geschossen wird – ist auch nicht gerade eine Wolke, auf der man sorglos übers Land schwebt.

Sind hier Mächte am Werk, denen die beiden Ermittler niemals gewachsen sein können? Oder macht sich hier jemand die alten Legenden zu Gehilfen, um dem schnöden Mammon zu fröhnen?

Nach ein paar Krimis der Reihe und der ganz großen Kulturreise in die tiefen der Navajo-Kultur, wird ziemlich schnell klar, wie schnell und tiefgreifend Glaube missbraucht werden kann. Das ist ein verbindendes Element von Religionen.

Die „Stunde der Skinwalker“ ist eine überlange happy hour, in der man in eine fremde Welt eintaucht und ein Krimi, der dank des famosen Gedankenspiels von Tony Hillerman einem nicht mehr loslässt.