An Liebe stirbst Du nicht

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“… oh, du süßliche, profane, Schlagerwelt! Man zerbricht an ihr, wächst an und mit ihr. Man verteufelt sie im gleichen Maße wie man sie zu umklammern versucht. Die Suche ist verzweifelnd. Wenn man sie findet, ist sie allgegenwärtig. Sie erhöht, und zieht einen in die tiefsten Abgründe. Doch an ihr streben? Non, das geht nun wirklich nicht!

Das werden alsbald auch schon Sie und Er merken. Beide sind im gleichen Alter. Wohnen in Paris. Sie sind erfolgreich, in ihren Berufen. Er ist sogar verheiratet. Hat eine kleine Tochter. Nur zu selten hält er sie im Arm. Ebenso seine Frau. Denn die Liebe ist von einem Ort zu anderen gezogen. Soll heißen: Von einer, seiner, Frau zu einer anderen Frau.

Die ist voller Glück endlich das gefunden zu haben, was sie vielleicht nicht zu suchen wagte, aber nun doch gefunden hat. Und da beginnt das Drama! Wie können sie zusammenkommen? Er ist verheiratet, sie nicht. Dennoch stürzen sich beide in eine amour fou. Denn das Leben hat eigentlich andere Pläne für sie vorgesehen. Er soll erfolgreich im Beruf sein und treu für seine Familie sorgen. Sie ist noch ein bisschen freier. Voller Sehnsüchte kann sie das Leben genießen. Doch die Bande zwischen Ihr und Ihm sind bereits geknüpft. Zarte Bande, die bald schon in einen Gordischen Knoten fest miteinander verwoben sein werden. Große Pläne werden gemacht.

Wenn man sich sieht, treffen sich die Blicke, das Herz rast. Das Begehren ist unermesslich. Die Lösung ist umso befriedigender, wenn sie unentdeckt bleibt. Was nicht immer gelingt. Was bisher im Verborgenen lag, drückt mit Vehemenz an die Oberfläche. Die Zeitachse ist die einzige Konstante in ihrem Verliebtsein.

Es stehen Entscheidungen an. Und da wendet sich das Blatt. So sehr er beruflich diese Entscheidungen trifft, so gehemmt ist er im Privaten. Die Geradlinigkeit im Büro weicht bei ihr einem Zickzacklauf eines Geländeläufers. Immer öfter weicht er aus. Ihr und der unvermeidlichen Zukunft. Bis, ja bis er eine Entscheidung treffen muss…

Géraldine Dalban-Moreynas lässt in ihrem Debüt zwei Menschen aufeinandertreffen wie zwei Feuersteine. Es funkt bei der kleinsten Berührung. Zu Beginn sind es Funken der Liebe. Sie erleuchten das kleine Universum Zweier, die sich unverhofft getroffen haben. Doch je mehr Funken sprühen, desto mehr brennt ein unheilvolles Feuer um sie herum. Diesen Feuerkreis zu durchbrechen, ist die größte Herausforderung ihres Lebens. Alles, was sie bisher erlebten und was sie zu dem machte, was sie sind, ist auf einmal null und nichtig. Noch einmal von der Startlinie in ein neues Leben starten oder versuchen den Staffelstab zu greifen und weiterzulaufen? Diese Entscheidung nimmt ihnen keiner ab.

Grusel in Berlin

Bei „Grusel in Berlin“ denkt so mancher sicher an den Flughafen, dessen Eröffnung immer wieder und wieder verschoben wurde. Autor Armin A. Woy hingegen lässt den Leser bei seinen Geschichten aus der Hauptstadt so manches Mal erschauern. Mit Witz und Detailverliebtheit führt er ihn dorthin, wo kein Licht mehr scheint, wo Zeter und Mordio geschrien werden, wo Recht gesprochen wird im Namen des Augenblicks.

Wie zum Beispiel am Molkenmarkt. Heute eine riesige Straßenkreuzung. Das kommt nicht von ungefähr. Denn hier lebte einst Riesen. Beziehungsweise gingen sie hier auf „Brautschau“. Einer der Riesen konnte aber partout keine Riesin finden. So schnappte er sich kurzerhand ein Mädchen von normaler Größe. Glücklich wurde er mit ihr nicht. Denn die holde Maid war schon einem anderen versprochen. Dem Schmiedegesellen. Sie umschmeichelte trotzdem den Riesen. Gewann sein Vertrauen. Und eines Nachts, als der Riese schlief, kam ihr Verlobter vorbei. Zusammen mit dem ganzen Dorf schlug man auf den schlafenden Riesen ein. Und wie zum Beweis für diese Legende hängt am Mühlendamm Ecke Poststraße eine Rippe des Riesen. Gruselig? Phantastisch? Auf alle Fälle eine Geschichte, derer man sich erinnert, schlendert man gemütlich an eben diesem Haus vorüber.

Ein Hauch von Ägypten weht ganz in der Nähe der Oranienburger Straße. In einer Gruft sind die Gräber des Stadthauptmanns Christian Koppe. Der starb vor rund dreihundert Jahren. Und seine Überreste sehen – dank des ungewöhnlichen Klimas an diesem ungewöhnlichen Ort – heute noch besser aus als so mancher Lebende auf den Straßen Berlins.

Dieses kleine Büchlein jagt Angsthasen einen gehörigen Schrecken ein. Denn ob nun in alten Zeiten oder den Goldenen Zwanzigern – Gänsehautmomente waren und sind schon immer eng mit der Stadt verbunden. Fünf Touren hat Armin A. Woy zusammengetragen. Zwischen Alex und Rotem Rathaus, vom Neptunbrunnen zur Domkirche, zwischen Schlossplatz und Spittelmarkt, durch Spandau und rund um Kreuzberg kommt das ans Tageslicht, was eigentlich davor verschont bleiben sollte. Es lohnt sich dieses Büchlein im Gepäck zu haben. Ganz im Gegenteil zu den Verbrechen, wie dieses Büchlein beweist.

The Five

Die Geschichte ist eigentlich klar: Jack the Ripper ermordet 1888 binnen weniger Wochen fünf Frauen. Niemand weiß wer er war. Mythen ranken sich seitdem um den Mann, der fünf Prostituierte mit dem Messer aufschlitze. Eigentlich alles klar. Nein, nichts ist klar! Weder die Identität des Täters, noch sein Motiv. Und von den Frauen nimmt auch kein Mensch Notiz – sind nur Prostituierte. Und hier setzt Hallie Rubenhold an. Und wie!

Denn die Frauen waren keineswegs ruchlose Frauen, die ihre körperlichen Reize einsetzten, um willenlosen, triebgesteuerten Männern Momente des Glücks zu bescheren. Sie waren – und so ehrlich muss man sein – Gelegenheitsprostituierte und dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt.

Mary Ann Nichols, genannt Polly, erlangt eine gewisse Berühmtheit, weil sie Opfer Nummer Eins ist. Am 31. August 1888 wird ihr Leichnam in Whitechapel, einem der düstersten Stadtteile Londons gefunden. Identifiziert durch ihren Mann, der mittlerweile mit der Nachbarin zusammenlebt. Ihre Gesichtszüge lassen nur einen Hauch ihrer einstigen Erscheinung erahnen. Sie lebte eine Zeitlang in ganz ordentlichen Verhältnissen. Finanziell gesehen. Doch die Kinderschar wuchs, das Einkommen jedoch nicht. Fehlgeburten, Typhus, Tuberkulose waren die häufigsten Todesursachen. Auch Polly wurde vom Schicksal schwer gebeutelt. Eine Trennung, gar eine Scheidung war kaum vorstellbar. Dazu hätte ihr Mann sie grausam verprügeln müssen, mit seiner Schwester schlafen und / oder weitaus Schlimmeres tun müssen. Doch ohne Mann an der Seite, waren Frauen Freiwild. Ohne Einkommen konnten sie stehlen oder ihren Körper verkaufen. Die Ohnmacht wurde mit Alkohol betäubt. Polly war ein Opfer ihrer Zeit.

Nur ein paar Tage später fand man Annie Chapman. Die Presse stürzte sich wie weidwundes Vieh auf den neuerlichen Mord. Mitten in der Hatz aus Pollys Mörder traf rechtzeitig vor der einschlafenden Jagd ein neues Opfer ein. Wieder Alkohol, wieder verlassene Frau.

Ende September schlug Jack the Ripper in einer Nacht gleich zweimal zu. Elizabeth Stride, eingewanderte Schwedin, die nur wenige Jahre zuvor das große Los gezogen zu haben schien und Catherine Eddowes. Auch die war schon einmal auf der scheinbaren Zielgeraden zum Glück.

Ganz im Gegenteil zu Mary Jane Kelly. Die war lebensfroh, leidlich zufrieden mit ihrem Leben „auf der Straße“. Sie war attraktiv, was wohl auch erklärt, warum ihr Leben oft und ausführlich erforscht wurde.

Fünf Frauen innerhalb weniger Wochen hat Jack the Ripper zur Strecke gebracht. Alle waren Frauen, die in ihrer Verzweiflung nur einen Weg einschlugen (mussten) – die Prostitution. Ob nun als Vollzeit- oder Teilzeitjob – wie es gern in den Geschichtsbüchern steht – ist für ihr Schicksal erst einmal irrelevant. Sie wurden Opfer eines Mannes, der Frauen nicht so zugeneigt war, wie man es annehmen sollte. Er hasste Frauen. Seine Opfer waren zufällig ausgewählt. Die Tatsache, dass alle Fünf dem Alkohol zugesprochen haben, ist auch keine Entschuldigung für ihr abrupt endendes Schicksal. Hallie Rubenhold gibt ihnen erstmals eine Stimme, ein Gesicht. Die Taten treten in den Hintergrund. Die Autorin rückt die damaligen Verhältnisse in den Fokus ihrer Berichte. Als Frau war man Mensch zweiter Klasse. Frauen hielten Haus und Hof in Schuss, kümmerten sich um den reichlichen Nachwuchs. Je mehr Köpfe im Haushalt, desto geringer das „Pro-Kopf-Einkommen“. Auf- und Abstieg waren abhängig vom Einkommen und der Anzahl der Haushaltsangehörigen. Betrug diese Zahl weniger als Fünf, konnte man „ganz gut auskommen“. Stieg die Zahl der Kinder, musste man sich etwas einfallen lassen. Verstarb ein Kind, was sehr oft vorkam, wurde die Trauer hinweg gewischt. Das Leben musste weitergehen! Dieses Buch zeigt eindringlich wie gefährlich der soziale Stand sein konnte. Die Opfer sind heute vergessen. Der Täter ist unbekannt. Und dennoch ist er immer noch präsenter als die Frauen, die er meuchelte. Dieses Buch wird das ändern!

Der Traum von einer schönen Stadt

Es muss nicht immer ein Traum bleiben, schön zu sein. Das beweist Leipzig. Und das wiederum beweisen Wolfgang Hocquel und Richard Hüttel, die mit ihrem Buch der Stadt Leipzig wirklich etwas Schönes geschenkt haben. Ein Buch über eine schöne Stadt und mit im Gepäck der Beweis, dass ihre Titelthese auch wirklich stimmt.

Etwas als schön zu bezeichnen, ist eine schwierige Angelegenheit, wenn man es auch noch beweisen muss. Das fällt einem in Florenz, Siena oder Rom leichter als im dazu unbekannteren Leipzig. Doch die heimliche Hauptstadt Sachsens muss sich architektonisch nicht hinter der Ewigen Stadt oder den Toskanajuwelen verstecken.

Ein derart kompaktes und zugleich flächenmäßig großes Ensemble des Historismus muss man lange suchen. Schlussendlich landet man doch wieder in der Pleißestadt. Ob nun die im alten Glanz wiedererstrahlenden Messepassagen, die reichlich (und doch nicht überladen) verzierten Fassaden der imposanten Bauten vor allem innerhalb des Stadtringes und die weitläufig angelegten Parkanlagen machen Leipzig nicht nur lebenswert, sondern zu einer schönen Stadt.

Bei ihren Streifzügen durch Leipzig entdecken die Autoren nicht nur so manches Detail, sondern forschen ausgiebig auch nach deren Herkunft. So wird so mancher alteingesessener Leipziger aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Seit etwas mehr als anderthalb Jahrhunderten ist die Stadt im steigen Wandel. Die Jahre der Stagnation, in denen die historische Substanz der Natur überlassen wurde – es gab in den Achtzigerjahren Häuser, die mehr Wurzelwerk als Fundament aufwiesen – sind vorbei und noch immer werkelt man an allen Ecken und Enden der Stadt, um die Pracht der Gründerzeit wieder im Sonnenlicht strahlen zu lassen.

Nur wer sorgfältig durch die Stadt stromert, was in Leipzig mehr als nur ratsam ist, wird die Kunstfertigkeit der Architekten und Handwerker erkennen. Die Geschichte dahinter ist nur selten für jedermann einsehbar. Deshalb dieses Buch! Von der größten Errungenschaft der Stadt, dem Kanal, der den Namen seines Erdenkers Karl Heine trägt, und in absehbarer Zeit Leipzig auf dem Wasserweg mit den Weltmeeren verbinden wird, über fast vergessene Idealisten wie Hugo Licht, sowie immer noch präsente Verlegerlegenden wie Hans Meyer, die Meyerschen Höfe gelten heute als begehrte Wohnanlagen, reist der Strom des Staunens beim Lesen nicht ab. Die unzähligen und aussagekräftigen Abbildungen machen es einem leicht die beschriebenen Orte wieder zu erkennen, sofern sie vom Bombenhagel und der Abrisswut der Genossen von einst verschont blieben. Historische Abbildungen zeigen wie sehr sich das Antlitz der Stadt verändert hat. Die Texte der Autoren sind ein wahres Füllhorn für jeden Neugierigen, egal, ob er in Leipzig ansässig ist oder die Stadt für ein paar Tage besucht.

Allerorten

Manchmal ist genug eben nicht mehr und nicht weniger als das, was es ist, nämlich genug. Da muss man raus, raus aus den eigenen vier Wände, raus aus der Stadt, … raus aus dem bisherigen Leben. So geht es Sacha. Die Großstadt wird ihm zu viel. Landleben heißt das Zauberwort. Durchatmen. Kraft tanken. Dorthin gehen, wo ihn niemand kennt. V. – Autor Sylvain Prudhomme verzichtet darauf den Ort näher zu bezeichnen – irgendwo in der Provence ist für ihn nun der place to be. Hier kennt ich niemand, hier kann er zur Ruhe kommen, zu sich selbst finden.

Doch das Leben hält für Sacha eine Überraschung parat. Der Anhalter wohnt ausgerechnet hier am Ende der Welt. Der Anhalter ist ein Freund, der ihn schon sein ganzes Leben begleitet. Ein namenloses Faktotum, das sein Leben ein ums andere Mal schon bereichert hat, und mindestens genauso so oft auch wieder verlassen hat. Auch einer, der auf der ewigen Suche nach dem Sinn des Lebens ist. Die Realität sieht jedoch anders aus. Dieser Anhalter muss einfach raus. Er hängt sich ein Schild um den Hals, stellt sich an den Straßenrand, hält den Daumen raus und reist. Egal wohin. Hauptsache reisen. Hauptsache mit Menschen in Kontakt kommen.

Währenddessen bleiben Marie und Agustín, Frau und Sohn, zurück. Zurück in einem Leben ohne Mann und ohne Vater. Der Anhalter schickt Postkarten. Die Weiten Frankreichs klingen durch ihre Namen wie Abenteuerberichte aus vergangenen Zeiten. Für den Sohn sind es sehnlichst herbeigesehnte Leuchtfeuer. Für Marie sind es fast schon alltägliche Rituale des Lebens. Und Sacha?

Da stehen sie nun. Zwei Männer, die so eng verbunden und sich dennoch immer wieder voneinander entfernen. Zwei Männer auf der Reise. Der Eine immer wieder, immer öfter durch Frankreich, der Andere auf der Reise, die man Leben nennt. Wer denn nun wirklich schon angekommen ist, kann man schwer sagen.

Sacha fühlt sich auserkoren Marei und Agustín eine Art Ersatz zu geben und eine Rolle zu schlüpfen, die sonst der Anhalter ausfüllt. Marie und er sind Menschen, die in der Literatur mehr als nur eine Zuflucht finden. Sie erfüllt ihr Leben mit selbigem. Und so zieht Sacha Parallelen, die ihn in eine andere Welt zu katapultieren scheinen.

Sylvain Prudhomme gelingt mit „Allerorten“ der ganz große Wurf. Fast meint man sich in einer Art Fortsetzung von „Legenden“ zu wiederzufinden. Zwei Männer, die auf Reisen sind und niemals ankommen werden. In Legenden sind sie vom Erdboden verschwunden. Nun stehen sie wieder auf der Matte des Lebens und lassen all diejenigen am Leben teilhaben, die sich unterwegs aufgelesen haben. Die Frage, ob man allein nicht besser dran sei, ergibt sich niemals. Weder Sacha noch der Anhalter können und wollen jemals allein sein. Jeder ist an seinem Platz der Richtige. Dieser Platz ist jedoch Allerorten.

Wer nicht?

Claudia Piñeiros Werk ist wie ein Sinfonieorchester und ihre Bücher sind wahre Sinfonien der Emotionen. Ein im Bauch grummelnder Bass wie in „Elena weiß Bescheid“. Eine keck trällernde Flöte wie „Betty Boop“ so zauberhaft nahbar macht. Dramatische Hörner, die das Tun und Lassen der „Donnerstagswitwen“ untermalt. Oder verspielte Violinen, die dem Liebeswirrwarr in „Ganz die Deine“ das musikalische Bett bereitet. Jeder Satz ein Paukenschlag! Nun erweitert Claudia Piñeiro ihr Register um den Tango des echten Lebens.

Julián ist seit einiger Zeit von Silvia geschieden. Die Kinder Tomás und Anita sind bei ihrer Mutter geblieben. Ein einschneidendes Ereignis, das Julián bis heute nicht verarbeitet hat. In seiner Lethargie hat der Makler sogar vergessen, dass er sich eine neue Wohnung besorgen muss. Die Zeit drängt, denn sein Sohn hat Geburtstag und Sonia hat Julián erlaubt, dass die Kinder bei ihm übernachten dürfen. Es gibt keine Straße, die „bei ihm“ bedeutet. Aber es gibt den Schlüsselkasten im Maklerbüro.

Auch George Mac Laughlin ist größtenteils Single in Buenos Aires. Als Generaldirektor eines Getreidekonzerns ist die meiste Zeit des Jahres hier, einen immer geringeren Teil im heimatlichen London. Als ihn die Nachricht von der Hochzeit seines Sohnes ereilt, wirbelt das allerlei Staub aus der Vergangenheit auf. Denn Carlos, den George immer noch Charlie nennt, was Carlos maßlos ärgert, ist nicht gut auf seinen Vater zu sprechen. Das Ja-Wort in der Kirche, der Familienersatz im Zuschauerraum geben ihm den Rest. Zum Glück hat er noch eine Wohnung in der Stadt. Die wird ihm Ruhe geben. Doch „bei ihm“ findet gerade eine Geburtstagsparty statt…

Wie ordentlich ihr Fabián doch war. Der Koffer so akkurat gepackt wie eh und je. Alles an seinem Platz, faltenfreie Eleganz. Doch in die Freude an das Vertraute mischt sich ein beklemmendes Gefühl. Denn Fabián ist tot. Im Flugzeug gestorben. Alle Wiederbelebungsversuche waren zwecklos. Und nun stehen vor der Witwe die zwei Koffer ihres Mannes. Abgereist ist er allerdings nur mit einem. Das Zahlenschloss des ersten Koffers lässt sich mühelos öffnen. Der Code ist die Hausnummer, in der sie lange zusammen glücklich lebten. Der Andere hat einen anderen Code. Der Adressanhänger gibt Aufschluss. Genauso penibel gepackt wie der Erste. Es ist Fabiáns Koffer. Doch der gehört zu einer Anderen.

Die hohe Kunst Zeilen epische Geschichten zu erzählen gelingt Claudia Piñeiro mit Bravour. Sie schaut durchs Schlüsselloch ihrer Nachbarn, vernimmt Geräusche und lässt die Phantasie durch ihre Finger strömen. Die Figuren erscheinen nicht wie starre Marionetten, die man an Fäden durchs Leben straucheln lässt. Sie sind echt. Haben ihre eigenen Willen und ein eben solchen starken Charakter. Dass man ab und zu mal auf die Nase fällt, gehört dazu. Sich aufzurappeln, den Staub des Versagens abzuschütteln – dazu gehört Mut und Durchsetzungskraft. Starke Geschichten einer starken Autorin. Wer nicht „Wer nicht“ liest, kommt nicht in den Genuss Besonderes erlebt zu haben.

Das schwarze Königreich

Alles im Leben von Jakub Shapiro ist Vergangenheit. Der Kampf gegen die Nazis, gegen die Obrigkeit, gegen den Boxer in der anderen Ringecke. Auch sein Leben mit Frau und Kindern. Und das Leben als Unterweltkönig von Warschau. Seit 1939 alles ist anders. Vorbei der Luxus und das aufregende Leben auf der Überholspur. Es herrschen neue Regeln im Warschauer Ghetto. Der gelbe Stern am Ärmel. Straßenbahnfahren verboten. Von Redefreiheit ganz zu schweigen.

In einem Versteck sitzt Ryfka. Neben ihr liegen zwei Männer auf Matratzen, die jeder Beschreibung spotten. Die Ratten tanzen Polka. Den einen Mann pflegt sie aus Höflichkeit, den Anderen aus unerschütterlicher Liebe. Sie kennt ihn schon seit Jahren. Aus einer Zeit, in der sie auch Männer pflegte. Allerdings anders als momentan. Nicht medizinisch. Sie denkt nach, wie es mal war, wie der Andere da auf der Matratze einst Ihr Leben dominierte, ihr Herz höherschlagen ließ. Vor ihr liegt nun ein Häufchen Elend. Sie weiß kaum, ob er lebt oder jemals lebte. Es fällt ihr schwer die Gedanken zu ordnen, die richtige Zeitform zu finden.

Währenddessen ist Ares im Ghetto unterwegs. Er schmuggelt alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Ares, der Kriegsgott. Namen hat er sich selbst gegeben. Legenden ranken sich um ihn. So wie einst um Jakub Shapiro. Für Ares ist das keine Adelung. Er heißt David. Auch Jude, so wie Jakub. Und der ist außerdem sein Vater. Einen Vater, den David nie mehr sehen möchte. Zu rief der Riss zwischen Vater und Sohn. Der Vater, der Kinder und Frau verließ. Der Sohn, der nun das Überleben sichern muss. Der Sohn, der jedem Deutschen am liebsten den Garaus machen möchte.

Drei Menschen, die so eng verbunden sind wie eine Familie. Doch Liebe ist hier fehl am Platz. Ryfka pflegt und trauert schon fast um ihren Jakub. Jakub ist nicht mehr Herr seiner selbst. Und David ist vom Zorn beseelt, immer in dem Wissen, dass selbst bessere Zeiten keine Linderung verschaffen können.

Was Machtverlust, Liebe und Hass, Unterdrückung und Kampf mit Menschen machen können, beschreibt Szczepan Twardoch in unnachahmlicher Weise. Gefühle und Gewalt sind gelichberechtigte Partner auf der Landkarte des Warschauer Ghettos zur Zeit des Aufstandes. Die viel gepriesene Anarchie greift um sich. Und jeder, der nicht schnell genug ist, es nicht mehr sein kann, wird gnadenlos zum Opfer abgestempelt. Die Gefahren lauern hinter jeder Ecke. Jeder kann ein Verräter sein oder sich offen zu erkennender Feind. Für Liebe und Zutrauen ist kein Platz. Ryfka wagt es dennoch. In der Stille und dem Dunkel der Nacht opfert sie sich auf bis sie Ares gegenübersteht…

Tel Aviv – Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt

Liest man nur die Kapitelüberschriften, könnte man meinen, dass es sich hierbei um einen ganz normalen Urlaubsbericht handelt, den jeder, der gern reist und der eigenen Sprache mächtig für sich und Freunde (zum Vorzeigen) verfasst hat. Doch schon nach wenigen Zeilen merkt man, dass man hier keinen vorzeigbaren Reisebericht in den Händen hält, sondern eine Reiseberichtoffenbarung!

Marko Martin bereist Tel Aviv nicht als partysüchtiger badeschlappiger Hipster im coolen Look. Er will die Seele der Stadt einfangen. Will sie nicht einsperren und am Nasenring in der Arena herumführen. Nein, er will (und er schafft es auch!) den Leser die Stadt spüren lassen.

Tel Aviv stand lange im Schatten Jerusalems. Israel war Jerusalem, und Jerusalem war Israel. Zumindest touristisch gesehen. Ein bisschen Bethlehem zur Weihnachtszeit. Aber das war‘s auch schon. Seit einigen Jahren sind Tel Aviv und Jerusalem gemeinsam auf Besucherjagd im Dschungel des Tourismusmarketings. Twin Cities, so wie St. Paul und Minneapolis in Minnesota. Doch, was einen dort genau erwartet schafft kein noch so hochglanzgestalteter Werbeprospekt. Marko Martin schafft es scheinbar spielend leicht.

Er kommt wie ein ganz normaler Tourist in Tel Aviv an. Er übernachtet im Hotel, in Absteigen. Genießt die Küche in Restaurants, spricht mit Kollegen und erholt sich am Strand. Wie im Prospekt. Doch die Menschen, die er trifft, sind keine Fotomodels, deren sehnlichster Wunsch Weltfrieden und Tierschutz ist. Es sind Menschen, die wie in keinem anderen Land der Welt die Geschichte ihres Landes kennen. Ihnen ist die Geschichte ihres Landes, ihres Volkes in Fleisch und Blut übergegangen. Die aktuelle Situation mit der allgegenwärtigen Gefahr ist nicht wegzudenken. Juden und Araber gemeinsam sind immer noch ein seltenes Bild. Politik ist so präsent wie andernorts Billigkaufhausketten.

Die Stadt pulsiert wie New York. Dennoch hat jeder ein Auge auf den Anderen geworfen. Was isst er, was kauft er? Die Schlussfolgerungen sind meist schon zum Volkssport verkommen. In Tel Aviv trifft sich die Welt. Sie lebt hier zusammen. Friedlich. Ausbremser dieses Friedens gibt es wie anderorts auch. Nur, dass eben hier die Kameras 24 Stunden auf die Stadt gerichtet sind.

Marko Martins Buch ist kein Reisebericht, der die unbekannten Hotspots ins Spotlight führt. Keine Handhabe für verlorene Seelen in der viel zu großen Stadt. Er reißt den Brustkorb der israelischen Hauptstadt auf und zeigt das Herz einer Stadt, die das staubige Gewand der Gewalt ablegt und zu einer blühenden Oase heranwächst.

Ich war eine Ärztin in Auschwitz

Dieses wunderbare Wort Hoffnung, dass durch den ersten Vokal einen so hübschen rund geformten Mund macht. Der jedoch postwendend durch die folgenden Doppelkonsonanten wieder nur zackige Töne hervorbringt. Diese Hoffnung darf Gisella perl nicht verlieren. Sie ist Ärztin, Gynäkologin. In Siebenbürgen. Während der dunkelsten Zeit überhaupt. Alsbald überrennen Wehrmacht und Gestapo das Land und vernichten jeglichen Farbklecks, jegliche Hoffnung. Als Jüdin ist sie nun doppeltes Freiwild. Nur ihre Ausbildung, ihre berufliche Erfahrung und ihre Fähigkeiten bewahren sie vor dem schnellen Tod. Sie spricht nicht darüber, aber so manches Mal wäre ihr dieser wohl willkommener Gewesen als das Gewesene an sich.

In einem Zugwaggon mit unzähligen Anderen zusammengepfercht fährt sie in eine ungewisse Zukunft, an einen unbekannten Ort. Die Türen sind vernagelt. Vernagelt! Nicht einfach nur zugeschlossen, was allein schon für Unmut sorgt. Mit einem wenige Gramm schweren Stück der Freiheit beraubt. Mit einem Werkzeug, das so viel wiegt wie zwei Stück Butter, eingesperrt.

Acht Tage später ist das Ziel klar: Auschwitz! Der sichere Tod, mit dem perfidesten Todeswärter, den es je gab: „Dr.“ Josef Mengele. Ihm wird sie zuarbeiten müssen. Ihm ist sie unterstellt. Er allein bestimmt über ihr Schicksal. Als Ärztin, die in dieser Vernichtungsmaschinerie dringend gebraucht werden, hat sie die Chance zu überleben. Und sie kann diese Chance nutzen, um Hoffnung zu geben. Leid zu lindern. Als Gefangene für den gehassten Feind zur geliebten Arbeit gezwungen

Sie verliert Mann und Kind. Sie wird sie nie wieder sehen. Sie trifft auf Menschen aus ihrer rumänischen Heimat. Oft jedoch findet sie nur noch Überreste. Mal ein Mantel einer ihr bekannten Person, der als Kopfstütze für einen geschundenen Körper dient. Unfassbar, aber wahr. Sie hilft einer sadistischen Aufseherin abzutreiben. Für beide Frauen ein Risiko, das beide mit ihrem Leben bezahlen würden, wenn sie erwischt werden.

Schwangere haben in Auschwitz mit dem Kind unterm Herzen gleichzeitig ihr Todesurteil in der Hand. Perl bringt Dutzende von Kindern zur Welt, um ihnen kurze Zeit später ein unheilvolles Leben zu ersparen. Die Mütter dürfen weiterleben. Dank der Tatkraft dieser mutigen Frau.

Gisella Perl hat Auschwitz, Neuengamme und Bergen-Belsen überlebt. Sie hat gekämpft, für sich und für sehr viel Andere. Kurz nach den schlimmsten Jahren ihres Lebens hat sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Dass ihr Hier und Da diese Erinnerungen einen Streich spielen, tut dem Gesamteindruck des Buches keinen Abbruch. Die Historikerin Andres Rudorff setzt alles wieder ins richtige Licht. Ihre Einführung allein lässt dem Leser schon das Blut in den Adern gefrieren. Gisella Perls Erinnerungen lassen Aufhorchen, Staunen (im negativen Sinne), sind erschütternd und lassen es nicht zu dieses Buch ohne Abzusetzen durchzulesen. Oft schluckt man ob der erbarmungslosen Bestialität und Menschenverachtung, die bei zu Vielen schon wieder in Vergessenheit geraten ist.

Das Haus am Waldsängerpfad

Es klingelt ordentlich in den Ohren, wenn man von historischen Orten und Häusern spricht. Aktuelle könnte das Reichstagsgebäude in Berlin so manche markerschütternde Geschichte erzählen. Aber auch so manches idyllisch gelegene Häuschen ist durchaus in der Lage frisch-fromm-fröhlich drauf loszuplappern, wenn man sich in seine Geschichte vertieft. Berliner Südwesten. Heute, im mit dem wenig aussagekräftigen Namen Waldsängerpfad ausgezeichneten Stück Berlin, nicht einmal einen halben Kilometer lang, steht dort ein Haus, dass immer noch den Namen seines einstigen Besitzers stolz zeigt. Einst war hier die Dianastraße, Betazeile. Die Göttin der Jagd und der Name eines der schlimmsten Antisemiten, den es jemals gab. Hier wohnte einmal Fritz Wisten. Nur eingefleischte Theaterleute erinnern sich noch an den Schauspieler und Kulturschaffenden, der 1962 starb.

Der Name ist ein Künstlername, der alsbald schon im Pass eingetragen war. Moritz Weinstein, mit diesem Namen kam er im März 1890 in Wien zur Welt. Ein paar Jahrzehnte später verschlug es ihn in die deutsche Hauptstadt. Kind und Kegel sowie sein Vater brauchten nun eine Unterkunft. Das Haus mit der modernen Architektur – Bauhaus ohne Kompromisse innen und außen – wurde gerade entwohnt, wie es im damaligen LTI-Jargon hieß. Die Besitzer und Auftraggeber für dieses Anwesen mussten Deutschland verlassen. Ihr Name, ihre Religion und vor allem die vorherrschenden Verhältnisse ließen ihnen keine Wahl. Etwas mehr als 50.000 Reichsmark blätterten die Wistens hin. Besitzerin war Gertrud Wisten. Was aber nichts moderner Gleichberechtigung zu tun hatte, sondern mit der Tatsache, dass Wisten, Fritz, geborener Weinstein, Jude war. Und die durften nichts besitzen, geschwiege denn Eigentum in diesem Maße erwerben. Das Haus war kein Ort der Freude im eigentlichen Sinne. Anfangs konnte man zwar noch Feste feiern. Doch schon bald war es für viele ein Ort der Zuflucht, der brüchigen Sicherheit. Wie für Alfred Balthoff. Auch einer von Wistens Kollegen, die heute in Vergessenheit geraten sind. Die Tatsache, dass seine Stimme vielen ausländischen Schauspielern als Charakteristikum dem deutschen Publikum vertraut ist, weist darauf hin, dass das Haus am Waldsängerpfad sicherer war als so manch anderes Versteck in dieser Zeit. Der agile Freddy Balthoff überstand die braune Zeit. Auch die Wistens. Und das obwohl es in der Nähe von Nazi- und Armeegrößen nur so wimmelte. Zum Beispiel Canaris, der sich im Laufe der Zeit gegen Hitler wandte, wohnte unweit. Das Haus selbst wurde von Peter Behrens errichtet. Bauhausikone und Erschaffer der Inschrift am Reichstagsgebäude. Fritz Wisten wurde ebenso drangsaliert wie Millionen anderer, die dem Regime nicht in den Kram passten. Auftrittsverbot, Gehaltskürzung – doch Wisten blieb. Deutsch war seine Sprache. Er konnte und wollte nicht in eine andere Welt eintauchen, die ihm das wichtigste Instrument, die Sprache, nimmt.

Nach dem Ende der dunklen Zeit konnte Fritz Wisten schnell wieder Fuß fassen. Schon Wochen nach Kriegsende inszenierte er wieder. Wurde Kulturfunktionär – im Osten. Doch auch diese Zeit ging vorüber.

Thomas Blubacher reiht in seinem Stolperstein-Buch historische Daten aneinander, dass einem schwindlig wird. Die Fülle an Fakten, Namen, Daten berührt und macht deutlich, dass Geschichte immer und überall sichtbar ist und es auch weiterhin sein muss. Der Kampf darf nicht vergessen werden. Eigentlich unvorstellbar, dass es solche Schicksale gab, und dass sie trotz der Besessenheit der Täter zu einem fast schon guten Ende führen konnten.