Von Gabriel bis Luzifer

Engel sind für viele eine Alternative zur organisierten Religion. Dort kommen sie auch her. Sie zieren viele Stadtwappen, sogar ein Waschmittel trägt den Namen eines Erzengels. Nur ein Engel wird immer wieder verkannt: Luzifer. Sein Name bedeutet „Der Erleuchtete“.

Schon dieses Grundwissen offenbart die Zwiespältigkeit der himmlischen, ja göttlichen Wesen. Valery Rees geht dem Phänomen Flügelträger auf den Grund. Doch haben Engel wirklich Flügel?

Nicht immer, salopp gesagt, auf Bildern sah und sieht es einfach gut aus. Man kann sie besser von anderen Wesen unterscheiden. Und außerdem müssen sie ja irgendwie ganz schnell von einem Ort zum Anderen, besser gesagt, von einem Hilfebedürftigen zum Nächsten kommen. Also Flügel.

Salopp ist aber nicht die Art, die Valery Rees liegt. Sehr ernst, detailorientiert und so umfangreich wie man es nicht vermuten mag, macht sie den Weg frei für eine fachgerechte Betrachtung der Engel. Denn diese werden oft, zu oft als kitschiges Symbol missbraucht. Gerade zur Weihnachtszeit sind sie nicht mehr wegzudenken.

Und das fast überall auf der Welt. Ob christlich geprägte Kulturen oder in der  islamischen Welt – Engel oder Wesen, die wir in unseren Breiten als Engel bezeichnen, tauchen immer wieder auf. Und das schon seit Jahrhunderten. Wenn es also eine Konstante in den Religionen gibt, dann sind es die Engel.

Michael, Gabriel oder Raphael – um nur drei der Bekanntesten zu nennen – haben nur eine Aufgabe: Zu helfen, wo immer Hilfe benötigt wird. Sie erfüllen einen Auftrag, der einfach nicht in Frage gestellt werden kann.

Dem Thema Engel kann man sich weder mit hundertprozentiger Rationalität noch mit blindem Glauben wahrhaft nähern. Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keine Beweise für ihre Existenz. Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist es ebenso schwer ihr Treiben nachzuweisen. Im besten Fall kann man sie glaubhaft nachweisen. Nicht mehr, und nicht weniger.

Valery Rees gelingt es mit ihrem spannenden Buch den Engeln zumindest eine lange Geschichte mitzugeben. Sie umschifft gekonnt die Klippen des Unangemessenen. Wer Engel als willfährige Glücksboten für sich allein schuften lassen will, glaubt nicht wirklich an sie. Er ist ein Glücksritter auf einem klapprigen Gaul, der sein Ziel nie erreicht.

„Von Gabriel bis Luzifer“ erreicht sein Ziel von A bis Z. Nicht nur zur Weihnachtszeit bietet dieses Buch einen tiefen Einblick in faszinierende Wesen, egal, ob man nun an sie glaubt oder nicht.

Der Centaur

Paul Heyse – Italienische Novellen. Klingt auf den ersten Blick gar nicht italienisch. Und Paul Heyse – schon mal gehört, aber wer war das doch gleich? Immerhin der erste deutsche Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis für sein belletristisches Werk bekam. Das war 1910. Thomas Mann verschlang seine Bücher. Heute ist er vielen nur noch als Namensgeber von der Parallelstraße bekannt.

Fünf zauberhafte Novellen schmücken die Seiten dieses 240 Seiten starken Büchleins. Und in jeder schlummert die Wortgewalt der deutschen Sprache. Man liest vom Murren im Inneren des Vesuvs, drohendem Klirren der „Geräthe“ und vom Widerhall der Frühlingsstimmen. Wer da nicht sofort die Koffer packen und gen Sorrent fliehen will, ist immun gegen jedwede Art von Poesie.

Fünf Novellen, denen man den Charme und die Vorfreude auf sie nehmen würde, müsste man sie einer genaueren Analyse unterziehen. So viel sei gesagt: Paul Heyse verbrachte tatsächlich eine angemessene Zeit im Land wo die Zitronen blühen. Im Laufe seines Lebens schaffte er es tatsächlich fast zweihundert Novellen zu schreiben. Nicht alle aus und über Italien. Diese fünf Novellen sind so vielschichtig in sich und so abwechslungsreich in ihrer Vielfalt, dass man aus dem Verzücken nicht mehr herauskommt. Das Buch beiseitelegen scheint fast unmöglich.

Immer tiefer reißt der Autor den Leser in seine Welt voller Phantasien, scheinbar trostloser Lebenswege, überraschender Geheimnisse und melancholischer Welten. Ein Fest für die Augen und die Gehirnzellen, die mit jeder Seite aufs Neue stimuliert werden.

Die Texte basieren auf den Originaltexten Paul Heyses. Immer wieder setzt er gekonnt Akzente, indem er den Leser in die Irre führt oder der Realität romantische Vorstellungen entgegensetzt. Vom spannenden Agententhriller bis zum fast schon Märchenhaften zeigt dieses Buch die Kunst des Schreibens als Kunst für jedermann auf. Es ist schade (und ein bisschen auch bedenklich), dass ein Schriftsteller wie Paul Heyse ein Mauerblümchendasein in den Bücherregalen der durchstrukturierten Bücherläden führen muss. Im Wust der Schwarz-Weiß-Malerei sind seine Texte der Regenbogen, der auch über hundert Jahre nach seinem Tod noch so strahlt wie am Erstveröffentlichungstag.

Geniale Erfindungen made in Berlin

Oft gehört: Berlin erfindet sich immer wieder neu. Mag sein, wenn man sich erinnert wie die Stadt noch vor ein paar Jahrzehnten aussah und mit heute vergleicht. Doch Berlin ist auch eine Stadt, in der viel erfunden wurde, dass man heute noch – unter anderem Namen oder weiterentwickelter Form  – tagtäglich in den Händen halten kann. Gaby Huch hat sich auf die Suche gemacht und Erstaunliches gefunden.

Zu den berühmten Persönlichkeiten der Stadt, die heute kaum noch zu sehen ist, zählte mal der Eckensteher. Ein ruhiger Geselle, meist. Der Körper ohne Spannung, gesenktes Haupt, und wenn er was sagte, dann war es oft unverständlich. Klar, er war betrunken. ‘Ne Molle zu viel! Nicht immer. Einer der geistigen Urväter dieser skurrilen gestalten war Johann Heinrich Leberecht Pistorius. Der Kaufmann hatte eine Leidenschaft für die Wissenschaft und das Ingenieurswesen. Es war gerade einmal ein paar Jahrzehnte her, dass Friedrich der Große, die „Kartoffelbefehle“ erlassen hatte. Diese sind die Grundlage dafür, dass die Deutschen als Kartoffelesser weltweit bekannt wurden. Und Pistorius erfand – deswegen kann man ihn als „geistigen Urvater der Eckensteher“ bezeichnen – einen Apparat, mit dem auf der gelben Knolle ein klarer Geist entsprang, der Kartoffelschnaps. Das Destilliergerät war damals noch ein riesiger Apparat, der riesige Mengen produzieren konnte. Doch schon bald wurde das Verfahren für jedermann zugängig. Die Folgen waren unter anderem eben die Eckensteher.

Und was macht man, wenn einem vom vielen Schnaps der Kopf dröhnt, dass man meint der Kopf würde einem gespalten. Man wirft eine Tablette ein. Eine Spalt am besten. Und wo wurde die erfunden? Na klar, in Berlin. Genauso wie der Frommser. Jahrelang war dieser Begriff Synonym für die einzige (verlässliche) Art der Geburtenkontrolle. Fromms – so hießen die ersten Kondome.

Bleiben wir noch ein bisschen beim Alkohol. So mancher, der nicht nur ein wenig und zu oft und vor allem zu tief ins Glas geschaut hatte, wurde schmerzhaft mit einer endgültigen Nebenwirkung vertraut gemacht. Das Sehvermögen ließ stark nach bis hin zum Verlust des selbigem. Und ja, auch die Blindenschreibmaschine ist eine Erfindung aus Berlin. Louis Braille hatte 1825 die Blindenschrift entwickelt. Es dauerte noch fast ein Jahrhundert, bis diese Schrift all denen zugängig gemacht wurde, die ohne sie auf Bildung verzichten müssten. Oskar Picht hieß ihr Erfinder, und er ließ 1901 seine Maschine zum Patent anmelden.

Dieses Buch liest sich wie ein spannender Western. Pioniergeist, verwegene Gestalten, mutige Draufgänger pflasterten den Weg in die Moderne. Von der Thermoskanne, über die elektrische Straßenbahn, Ohropax, die Erbswurst und den Geigerzähler (eine wahrhaft wilde Mischung) – Berlin ist nicht nur dufte, sondern war stets ein Hort des freien Geistes. Auch wenn die Dampflokomotiven heute meist nur noch als Motive für Selfies herhalten, waren sie doch einst der Motor des Fortschritts. Erfunden von Borsig in Berlin, wo heute noch an namentlicher Stelle an Zügen mehr oder weniger erfolgreich gearbeitet wird. „Geniale Erfindungen made in Berlin“ ist mehr als nur ein Bilderbuch. Die erläuternden Texte sorgen für so manches Ah und Oh.

Wilde Zeiten

Ein viel zu milder Titel für das, was beschrieben wird. Wilde Zeiten, das war die Zeit des Aufruhrs, der Rebellion gegen bestehende Mechanismen. Doch Nirvah erlebt, durchlebt harte Zeiten. Eine Zeit der Trauer. Eine Zeit der Wut. Eine Zeit der Ohnmacht.

Haïti zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Papa Doc, der ehemalige Landarzt, der sich mit gnadenloser Brutalität zum unbestrittenen Machthaber ohne Ablaufdatum gemetzelt hat, nennt ein Heer von willfährigen Vasallen aufgebaut. Jedem Widersacher droht er nicht nur mit dem Tode, er lässt seinen Worten rasch auch Taten folgen. Nirvahs Ehemann Daniel steht ganz oben auf der der Liste der zu Inhaftierenden. Als Journalist und Aktivist ist er der Dorn im Fleisch der Diktatur, der umgehend entfernt werden muss. Zwei Monate und einen Tag ist er nun schon im Fort dimanche, dem Foltergefängnis von Port au Prince, der Hauptstadt Haïtis.

Nirvah versucht verzweifelt eine Nachricht, ein Lebenszeichen von Daniel zu bekommen. So sitzt sie nun schon seit vier Stunden im Warteraum vor dem Büro von Raoul, einem Staatssekretär. Er kann ihr bestimmt sagen, ob Daniel noch lebt. Und ob er je wieder seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn in die Arme schließen kann. Doch Raoul ist nicht im Geringsten daran interessiert Nirvah auch nur den Hauch einer Hoffnung zu schenken.

Vielmehr ist er erpicht darauf diese Frau zu besitzen. Nirvah ringt mit sich. Doch für Daniel nimmt sie die Tortur auf sich und lässt sich mit dem Staatssekretär ein.

Die Liaison bleibt im Viertel nicht unentdeckt. Die Straße ist frisch geteert, ein neuer Wagen ziert die Einfahrt der Leroys, die ihren Vater und Ehemann verloren haben. Die Nachbarschaft zerreißt sich das Maul. Nirvah findet ein wenig Ruhe, aber zu einem hohen Preis. Und der steigt. Unmerklich hat sich Raoul nämlich auch noch an Marie, Nirvahs und Daniels Tochter rangemacht. Der Teenager schämt sich anfangs, doch findet sie im Laufe ihres Erwachsenwerdens allmählich so etwas wie Gefallen an dem, was da in unregelmäßigen Abständen mit ihr passiert. Als Nirvah hinter die Affäre kommt, sie also nicht mehr allein die Mätresse des mächtigen Raouls ist, wendet sich das Blatt abermals. Sie setzt ihm die Pistole auf die Brust und findet endlich wieder zu alter Stärke zurück. Entweder sie bekommt sofort Auskunft über das Schicksal Daniels, oder … Die Alternativen sind spärlich gesät. Sie schwinden als auch an Raouls Stuhl heftig gesägt wird.

Kettly Mars zeigt ein Land, dass von Hass und Missgunst zerfressen wurde. Zwischen Voodoo und Maschinenpistolen ist ein Leben möglich, aber zu welchem Preis? Ist dieser Preis verhandelbar? Und wie lange gilt das Angebot? Die Annehmlichkeiten der Beziehung zu Raoul, dem Mann der Macht muss sie den eigenen Vorstellungen vom Glück gegenüberstellen. Die Zerrissenheit einer Frau ohne Ausweg abzubilden, ist eine Gratwanderung ohnegleichen. Kettly Mars schafft es, dass man sich in jeder Sekunde mit Nirvah verbünden möchte. Ihr Mut zuzusprechen, kann nur ein gutes Ende nehmen. Doch Kettly Mars hat anderes mit Nirvah vor.

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.

Fokus

„O! say does that star-spangled banner yet wave, O’er the land of the free
and the home of the brave?“ – so endet die erste Strophe der amerikanischen Nationalhymne. Ja, weht denn die sternenbesetzte Flagge noch immer für alle über dem Land der Freien und der Heimat der Mutigen?

Lawrence Newman war so frei und hat in der Firma, in der er seit Jahren angestellt ist, einen mutigen Entschluss gefasst, eine echte Tat. Die Stenotypistinnen, denen er vorsteht, hatten die Angewohnheit immer mal wieder auf unbestimmte Zeit sich eine kleine große Pause zu gönnen. Das fiel immer nur dann auf, wenn der Arbeitsraum verdächtig übersichtlich aussah. Jetzt – das war die Tat – sitzen alle vor der großen Glasscheibe, und dahinter wacht Newman. Leider verwandelt sich die Scheibe für Newman in Milchglas. Er sieht kaum noch was in dem Großraumbüro vor sich geht. Alle raten ihm endlich mal zum Arzt zu gehen und sich eine Brille verschreiben zu lassen.

Newman sieht ein, dass es nicht mehr ohne geht. Und die Brille erfüllt ihren Zweck. Newman kann die Welt um sich herum nun wieder besser wahrnehmen. Allerdings mit ungeahnten Folgen.

Die USA stehen im Krieg mit den Nazis. Auf den Straßen sind die Zustände in Bezug auf Rassismus denen in Deutschland ähnlich. Juden gelten allgemein als verdächtig. Sind die reich, verschweigen sie ihren wahren Reichtum. Sind sie arm, tun sie nur so. Auch Newman nimmt sich von den Sticheleien nicht aus. Zwar nur hinter vorgehaltener Hand, dennoch spürbar, sind die Juden ihm egal.

Die Brille noch einen weiteren Effekt. Newman wirkt verändert. Im Büro tuschelt man nicht mehr hinter seinem Rücken. Nein, jetzt wird er ganz offen erniedrigt bis angefeindet. Was ist passiert? Die Brille macht ihn jüdisch!

Und deswegen ist er nicht repräsentabel, muss in das Büro in der Ecke umziehen, und der Eckensitzer bekommt seinen Job. Er kündigt, denn eine solche Erniedrigung, nachdem er so viel für die Firma getan hat, kann er nicht hinnehmen. Auch andere Personalchefs – ihm ebenbürtig – sehen in ihm nur den Juden, den man nicht vertrauen kann. Man kann sagen, dass die Brille ihm die Augen geöffnet hat.

Je länger Newman die Brille trägt desto drastischer nimmt er alles um sich herum wahr. Auch Gertrud, die mittlerweile an seiner Seite ist, bemerkt die Veränderungen. Ihre Natur ist jedoch robuster, was Newman anzieht, aber auch abschreckt. Solange man ihn nur körperlich in Ruhe lässt …

Dieses Buch lässt niemanden ruhig bleiben. Wenn jemand wegen seines Aussehens in eine Schublade gesteckt wird, die es scheinbar wiederum Anderen erlaubt, ihn wegen des Aussehens zu belästigen, zu diffamieren, perfide zu unterdrücken, muss man seine Stimme erheben. Arthur Miller gelang mit seinem (übrigens einzigen) Roman sehr lautmalerisch ohne dabei die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten. Ein düsteres Bild, das er da in seinem Roman zeichnet. Überzeichnet hat er es allerdings niemals.

Genauso wie Franziska Neubert. Ein Punktlandung sind alle ihre Zeichnungen in diesem Buch. Sie stellt Newman nicht bloß, indem sie ihm ein Gesicht gibt. Die Situationen, denen Newman ausgesetzt wird, gibt sie den künstlerischen Rahmen ohne dabei die Wahrheit zu verstecken. So verdeckt der Hass, der Rassismus, der Faschismus ist, so eindeutig zeigt er sich in den Zeilen und in ihren Bildern. Mal düster, mal quicklebendig, mal indirekt, mal beklemmend offen.

Römische Augen Blicke

Rom kann man nur offenen Auges erfassen. So wie jede andere Stadt auch. Doch in Rom lohnt es sich besonders. Das weiß Birgit Ohlsen auch. Und sie liebt Rom. Das merkt man nicht nur daran, dass ihre Prosaskizzen den poetischen Titel „Augen Blicke“ wie eine Krone tragen, sondern vor allem an den kurzen, teils nachdenklichen Texten zwischen den kunstvoll gestalteten Buchdeckeln.

Die Autorin vermeidet es dem Leser eine Route vorzugeben, dafür gibt es Reisebücher. Sie schlendert durch die Ewige Stadt mit der Neugier im Kopf. Immer wieder hält sie inne, hält den Moment mit Kamera und Stift fest. Wer noch nie in Rom war, kommt jetzt erst recht auf den Geschmack. Und so nimmt man dieses Buch schlussendlich doch als Wegweiser für einen Ausflug an den Tiber.

Auf der Piazza S. Maria sopra Minerva steht eine erstaunliche Statue. Ein Elefant, der einen Obelisken trägt. Es ist an sich nicht der Elefant selbst, der die Gemüter erregt. Sondern seine Position. Denn sein Hinterteil zeigt symbolträchtig in Richtung des Dominikanerklosters.  Zwei große Köpfe der Geschichte würden diese Statue als Teil später Gerechtigkeit empfinden. Galileo Galilei und Giordano Bruno wurden hier gefoltert, gedemütigt und zum Widerruf ihrer Schriften und Ideen gezwungen. Wer einfach daran vorbeiläuft, dem ist ein wichtiger Teil Roms an selbigem vorbeigelaufen.

Nachdenklich wird die Germanistin Birgit Ohlsen, wenn sie im wahrsten Sinne des Wortes über so manchen Stein stolpert. Stolpersteine nennt man die Gedenksteine, die in den Boden eingelassen wurden, um die Greueltaten der Faschisten ewig erinnerlich zu halten. Man liest die Lebensdaten, deren Ende bis heute manchmal unbekannt ist. Man rechnet nach wie alt die Menschen waren als es brachial an der Tür klopfte oder die Pforte mit Gewalt zerbarst, weil hochmotivierte Karrieristen und menschenverachtende Querdenker es so für nützlich hielten. Als Deutsche, die sich intensiv mit deutscher Sprache, also dem originärem Kulturgut beschäftigt ein äußerst saurer Drops, den sie aber bereit ist zu lutschen.

Die Römischen Augenblicke versetzen mehr als den Sehsinn in Bewegung. Immer wieder erkennt man vielleicht Bekanntes, das man selbst anders oder nur im Vorbeigehen wahrgenommen hat. Birgit Ohlsen versetzte den Leser wieder zurück an den Ort und die Zeit, wo Rom nicht einfach nur Rom war. Rom war Sehnsuchtsort, den man unbedingt sehen wollte. Doch nachdem er Alltag wieder eingekehrt war, verblasste so manches Erlebnis im Grau der Monotonie. Hier werden Erlebnisse wieder lebendig, werden neue Sehnsüchte geboren. Denn wenn eine Stadt schon ewig existieren wird, lohnt es sich immer wieder dorthin zu fahren. Und dann sicherlich mit diesem Buch im Gepäck.

Stadtansichten

Es ist doch jedes Jahr das Gleiche: Die Urlaubszeit naht und man weiß einfach nicht wohin man reisen soll. In eine Stadt, ans Meer, in die Berge, aktiv oder faulenzen. Es gibt so viele Arten die schönste Zeit des Jahres sinnvoll zu verbringen, dass die Planung schon fast wieder in Arbeit ausartet. Gut, wenn man weiß, dass es die Reisebücher vom Michael-Müller-Verlag gibt. Auch Kochbücher gibt‘s dort. Und nun auch noch einen Kalender. Die Sehnsucht wird mit allen Mitteln verstärkt. Doch dieses Mal sind die Leser und Fans des Verlages selbst schuld. Denn sie haben ihre Eindrücke, die schönsten Fotos ihrer Reisen, die sie mit den City-Guides so  umfassend planen konnten, selbst eingeschickt. Zwölf ganzseitige Fotos haben es nun in diesen Kalender geschafft.

Von der Goldenen Stadt Prag, über das immer noch hippe Barcelona bis ins verträumte Wien. Vom schnörkellosen Dublin übers lebendige London bis ins liebenswerte Lissabon. Doch Kalender aus dem Haus Michael Müller wäre kein echtes Produkt aus dem Hause Michael Müller, wenn es da nicht noch ein paar Tipps geben würde. Im Mai soll ja Hamburg am schönsten sein, sagt man. Der Kalender zeigt in diesem Fall nicht nur die Tage an, sondern auch einen besonderen Feiertag in der Hafenstadt, den Hafengeburtstag. Fällt 2018 zufällig mit Christi Himmelfahrt zusammen. Und wo soll man dann essen gehen, ausgehen oder shoppen gehen? Steht alles schon im Kalender, auch warum der Hafengeburtstag hier so euphorisch herbeigesehnt wird wie andernorts der Karneval. So wird der Kalender nicht nur zum Ansichtsobjekt, sondern auch gleichzeitig zum Absichtsprojekt.

Dieser Kalender beweist, dass es nicht viel Tamtam braucht, um Eindruck zu machen. Kein Hochglanz ist erforderlich, um die Augen zum Glänzen zu bringen. Und er beweist, dass man sehr wohl Kalender noch einmal neu erfinden kann. Während sich die meisten Kalender auf eine hübsche Ansicht beschränken, baut man hier auf Brauchbarkeit und eindrucksvolle Ausblicke. Und zwar so wie sie jeder erleben kann, ohne vorher in schwindelerregende Höhen aufsteigen zu müssen und ungesunde Verrenkungen machen zu müssen. Alles echt!

Ebenso echt wie der karitative Nutzen des Kalenders. Fünf Euro gehen direkt an den Kinder- und Jugendfond der Lebenshilfe Erlangen e.V. Allen, die Hilfe benötigen, um ein normales Leben zu führen, steht der Verein mit Rat und vor allem Tat zur Seite.

Gscheitgut – vegetarische Küche

Man soll aufhören, wenn‘s am schönsten ist! So ein Quatsch! Da legt man erst richtig los! Das dachten sich wohl auch Corinna Brauer und Michael Müller. Ihre „Gscheitgut“-Kochbücher überzeugten von Anfang an mit leicht nachvollziehbaren Rezepten und einer angenehm unaufgeregten Aufmachung. Teil zwei stand dem Erstling in nichts nach. Ein Teil Drei wäre zwar die logische Fortsetzung gewesen, hätte aber die treuen Fans des Michael-Müller-Verlages ein wenig enttäuscht. Also musste was Neues her, dass aber Teil Eins und Zwei lediglich als Vorgänger dastehen lässt. Eine vegetarische Variante – mehr als nur ein Gedankenspiel, ein echter Hingucker und Leckerschmecker … auch für die, „die den Tieren nicht das Futter wegschnappen“.

Saisonal und regional muss es heutzutage ja immer sein. Das ist nicht verkehrt, wird nur allzu häufig übertrieben und falsch bewertet. Wenn der Bauer von nebenan ein Hobbychemiker ist, nützt dem Verbraucher die beste Saisonalität und die beste Regionalität gar nichts. Bei all der political correctness wird viel zu oft das Eigentliche unterschlagen: Es muss schmecken! Und da kann es (wie oft muss jeder für sich selbst entscheiden) auch mal vegetarisch sein.

Die Scheu vor dem Neuen, dem Fleischlosen muss wohl kaum noch jemandem genommen werden. Dennoch ist die vegetarische Küche für die meisten ein Bermudadreieck, in das man sich nicht verläuft. Das kulinarische Dreieck dieses Buches befindet sich zwischen Memmelsdorf, Marloffstein und Bärnfels. Nie gehört? Na dann auf zum fröhlichen Schmausen durch die Jahreszeiten!

Spätestens wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder Gemüt und Natur erwärmen, wird es Zeit Neues auszuprobieren. Auf den ersten Seiten erwartet den Leser zum Beispiel ein Brennnesselflan mit Tomatenragout. Dafür benötigt man 100 Gramm junge Brennnesselblätter (kann man selbst “jagen“), ebenso viel Spinat, eine halbe Zwiebel, eine Knoblauchzehe, 80 Gramm Butter, 400 Gramm Sahne, sechs Eier, Muskatnuss sowie Salz und Pfeffer. Allesamt Zutaten, die man mühelos besorgen kann. Auch für das Ragout sind alle Ingredienzien generell verfügbar: Tomaten, Knoblauch, Zwiebel, Olivenöl und Basilikum. Zum Abschmecken wie immer Salz und Pfeffer. Brennnessel- und Spinatblätter (ohne Stiel) waschen, blanchieren, abschrecken, ausdrücken und hacken. Zwiebel und Knoblauch glasig dünsten und würzen. Sahne rein, pürieren und die Eier untermixen. Wieder abschmecken. Nun vier Förmchen ausbuttern, die Masse bis zum Rand einfügen und im Wasserbad im Backofen eine Viertelstunde bei 170 Grad stocken lassen.

In der Zwischenzeit kann das Ragout zubereitet werden. Naschen erwünscht und erlaubt! Tomaten schälen und vierteln. Öl erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch dazu, und wenn alles glasig ist, die Tomaten dazugeben. Abschmecken und das Basilikum untermischen. Nun müssen nur noch die Flans darüber gestülpt werden. Alles keine Hexerei, geht schnell und schmeckt.

Wer es nicht erwarten kann, wirft schon mal einen Blick voraus in den Sommer: Dort wartet ein leichtes Thymian-Zitronen-Mousse mit Minzgelee. Oder im Herbst eine Blumenkohlsuppe mit Birnen. Im Winter wird es wieder traditionell bei einem Pfannkuchen mit Apfel-Zimt-Kompott.

„Gscheitgut“ ist die Kochbuchreihe zum Verreisen. Eine Wanderung durch Franken zwischen Bamberg, Erlangen und Bayreuth, auf der sich jede Einkehr lohnt. Auch für Vegetarier. Und für alle, die mal was Neues probieren wollen. Den beiden Autoren merkt man die Lust am Entdecken, Naschen und die Hingabe zum „leckeren Buch“ auf jeder Seite an. Und wer es partout nicht lassen kann, nicht zu kochen, der benutzt „Gscheitgut – vegetarische Küche“ eben als Wanderführer. Denn alle Rezepte wurden auf den zahlreichen Erkundungstouren gesammelt. Kartoffelrisotto mit Pilzen und Petersilienpesto, Beerenlasagne oder Salat vom Bamberger Hörnchen und Birnen mit Hagebuttenschaum gibt es vielleicht nicht überall, aber es gibt sie. Man muss nur wissen, wo man sucht. Lösungsansätze stehen im Buch!

Chaplin

In Kindertagen entkam man dem eindringlichen Wunsch der Eltern nach weniger Fernsehkonsum nur mit einer Ausrede: „Aber es läuft doch gerade Charlie Chaplin“. Ein unschlagbares Argument, dem sich niemand verwehren konnte. Als Erwachsener kommt der Bitte dieses “Buch doch endlich beiseite zu legen“ auch nicht nach, denn es geht wieder einmal um Charlie Chaplin. Über 900 Seiten paradiesisches Papier über den Mann, der Film- und Schauspielkunst wie kein anderer beeinflusst hat.

Autor David Robinson beginnt – wie es sich in einem Bericht, eine Biographie über einen Gott gehört – im biblischem Ausmaß die Ahnenreihe der Chaplins (deren Herkunft wohl den Hugenotten zuzuschreiben ist, weswegen wohl ein „Schapleng“ auch nicht ganz so falsch klingen würde) auseinander zu dividieren. Eine Herkulesaufgabe. Dennoch nötig, um die ersten Jahre von Charles Spencer Chaplin einordnen zu können. Diese waren nicht zwingend von Freud, mehr von Leid geprägt. Der Vater oft fort, bis er endgültig verschwand. Als er wieder da war, war sein Verfall sichtbar und das Ende absehbar. Armenhäuser, harte Arbeit, aber auch Theaterbesuche (ein Holzfäller schenkte dem kleinen Charles die erste Theaterkarte – die besuchte Vorstellung bescherte der Truppe später ihren umjubelten Star) und das karge Leben eines Künstlers. Alle Details dieser Zeit, oder fast alle, sind Charlie Chaplin in Erinnerung geblieben. Die ersten Seiten lesen sich wie die künftige Rolle des Tramps auf die Zuschauer wirkte: Zum Schmunzeln, bitter real und unabwendbar. Manche Rollennamen, die Chaplin später benutzte, hatten hier im armen London der Künstler ihren Ursprung.

Chaplin wurde von der Kritik geliebt und vor allem gelobt. Sein Spiel war intensiv und wirkte lange nach. Er verlieh so manchem mittelmäßigen Stück einen gewissen Glanz. Liefen die Stücke oft nur ein paar Wochen, so war es sein Talent, das nachhallte. Auf Tourneen wie beispielsweise in die USA wurde man auf ihn aufmerksam. Bei einer Tournee war unter anderem ein Schauspieler dabei, der Chaplin in nichts nachstehen sollte und zusammen mit einem weiteren Kollegen das am längsten spielende Duo der Welt bildete: Stan Laurel.

Hollywood steckte noch in den Kinderschuhen, die im Schlamm dahin wateten als Charlie Chaplin die ersten Schritte vor der Kamera tat. Wie er zum Film kam, kann auch David Robinson nicht endgültig aufklären. Aber er kann die Puzzlestücke, die alle Beteiligten hinterlassen haben, auf den Tisch legen, so dass man sich selbst ein Bild machen kann. Es steht jedoch außer Frage, dass Chaplin zuerst an eine Erbschaft dachte als an ein ernsthaftes Filmangebot als er einem Vorstellungsgesuch in einem Gebäude in New York nachkam, in dem ausschließlich Anwälte ihrer Arbeit nachgingen. Umso größer die Überraschung.

Selbstbewusstsein konnte man ihm noch nie absprechen. Die Studiobosse erkannten den Ehrgeiz und statteten ihn mit Geld und Einfluss aus. Die erste Fassung seines Vertrages mit Keystone (die unter die Keystone Kops, die chaotischen Polizisten, und Fatty Arbuckle, den gefallenen Engel, produzierten), der ihm einhundertfünfzig Dollar pro Woche (schon kurze Zeit später hing man gern ein paar Nullen mehr dran) sicherte, ließ Chaplin zurückgehen und eine Kündigungsfrist einfügen. Man wusste, was man an ihm hat. Und benötigte dringend einen neuen Star(anwärter).

Als später der Tramp geboren wurde, auch hier kam ihm wieder seine harte Kindheit in den Sinn – zugute kam sie ihm bestimmt nicht, das wäre wohl zu viel des Guten gewesen – war es ums Publikum geschehen. Charlie Chaplin war nun mehr als ein Schauspieler, er war eine Marke. Eine Marke, die es ihm erlaubte Gagen zu fordern, die für die damalige Zeit astronomisch waren. Aus dem jungen Talent aus dem schäbigen London war der pedantische Star aus Hollywood geworden. Einer, der gegen alle Widerstände auch einen Film wie „Der große Diktator“ machen konnte. Die Nazis hatten damals perfide Verträge mit Hollywood – auch und gerade mit jüdischen Produzenten – gemacht, um Einfluss zu nehmen. Der Schnauzbart aus Hollywood drehte dem Schnauzbart aus der Wolfsschanze gewaltig eine Nase!

David Robinson ist der autorisierte Biograph Charlie Chaplins. Er allein durfte das Privatarchiv durchforsten. Er recherchierte jedes noch so kleine Detail. Sprach mit Weggefährten und ihm selbst. Das Ergebnis: Diese faktenreiche Biographie, die keine Fragen offen lässt. Es ist ein Fest das Leben eines Mannes nachzuvollziehen, der seit über einhundert Jahren Kinderaugen zum Leuchten bringt, Zuschauer zu Tränen rührt und Filmwissenschaftler begeistert. Charlie Chaplin, der Tramp, der außerordentliche Schauspieler wird nie in Vergessenheit geraten – wegen seiner Filme, aber auch dank David Robinsons Hingabe, die in jeder Zeile des Buches spürbar ist. Als Zugabe gibt es zahlreiche Abbildungen seiner Verträge, eine Karte Londons mit den Wohnorten der Chaplins und einer Ahnengalerie der Menschen, die Charlie Chaplin formten. Das Komplettpaket zum Glücklichmachen!