Monty Python. 100 Seiten

Während die europäische Welt auf Großbritannien schaut, weil dort ein Bruch mit herkömmlichen Werten vonstattengehen soll, begehen wir eigentlich ein anderes Bruchjubiläum im Jahr 2019. Es war im Mai 1969 als sich bei der in London sechs Männer mit dem BBC-Repräsentanten John Howard Davies trafen. Sie hatten da so ‘ne Idee fürs Fernsehen. Und am 5. Oktober 1969 flimmerte dann zum ersten Mal im Nachtprogramm „Monty Python’s Flying Circus“ über die Mattscheibe. Dreizehn Folgen voller Lacher und Kracher, die bis heute Kultstatus genießen. Der Lumberjack wurde geboren, ebenso die „Hell’s Grannies“. Bis heute geflügelte Worte für alle, die bitterbösem Humor mehr als ein Lächeln abgewinnen können.

Im Silly Walk schreibt Autor Andreas Pittler die Geschichte der wegweisenden Komikertruppe auf einhundert Seiten nieder, ohne dabei auch nur ein Detail auszulassen. Von heiligen Spermien über Bananenangriff und der spanischen Inquisition bis hin zu toten Papageien – alles dabei, was die Lachmuskeln verlangen. Dieses Buch Seite für Seite durchzulesen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Immer wieder setzt man ab und erinnert sich an die Sketche und krümmt sich vor Lachen.

Immer wieder wird man zurückversetzt in eine Zeit, in der nicht alle vereint vor der Glotze saßen und vereint Lachsalven hinausbrüllten. Monty Python spaltete. Es gab nur Liebe oder Hass. Erst im Laufe der Jahre wandelte sich das Bild. Und als „Das Leben des Brian“ über die großen Leinwände flimmerte, waren alle versöhnt. Außer der Kirche, die darin die blanke Blasphemie sahen.

Leider gingen die Komiker da schon teilweise getrennte Wege. Und heute? Michael Palin reist auf ungewöhnlichen Wegen durch die Welt. Rund um den Pazifik, auf dem Nullmeridian während die Welt im Umbruch ist oder quer durch die Sahara. John Cleese ist der neue Q bei James Bond und nennt sich R. Terry Gilliam steht mit seinen Filmen für eine Extraklasse der Fantasy. Terry Jones widmet sich beispielswiese in einer seiner Dokus der Zahl Eins. Eric Idle ist gern gesehener Gast in familientauglichen Klamaukfilmen. Über Graham Chapman konnte man leider nur über den viel zu frühen Tod berichten.

Machen wir 2019 nicht zum Jahr des Brexits, was es wohl ohnehin nicht werden wird, oder doch?! Machen wir 2019 zum Jubiläumsjahr einer Gruppe, die Ulk, Slapstick, tiefschwarzen Humor in den Mainstream führte, ohne dabei ihre Eigenständigkeit ad absurdum zu führen. 50 Jahre Monty Python’s Flying Circus – darauf ein Bier, knick, knack, zwinker, zwinker … Sie wissen schon…

Musashimaru

Ein Käfer, der zwischen Buchstaben herumkrabbelt – Mu – Sashi – Maru kann man durch den gedrungenen Körper mit den filigranen Beinen erkennen. Bei dem einen oder anderen Sportfan klingelt ein kleines Glöckchen im Hinterkopf. Das war doch der Sumo-Ringer. Ein fast zwei Meter Koloss mit fast fünf Zentnern Lebendgewicht, an die Gegner der unteren Ränge regelmäßig abprallten. Stimmt. Aber um den geht es hier nicht! Obwohl Herr K., der Autor Choukitsu Kurumatani, sein Haustier nach dem massigen Yokozuna (der höchste Rang, den ein Sumo-Ringer erreichen kann) benannt hat. Sein Haustier ist … ein Nashornkäfer.

Nach einigen Fehlschlägen – Choukitsu Kurumatani wuchs nicht gerade mit dem so genannten goldenen Löffel im Mund auf, was ihn diese Fehlschläge einigermaßen gut verkraften ließ – geht es wieder aufwärts. Er kann sich ein geräumiges Haus leisten, das er und seine Frau nach ihren Wünschen einrichten. Der Kauf selbst gestaltet sich etwas kurios. Die Verkäuferfirma verlangt Barzahlung, die Zusatzkosten sind höher als gedacht. Doch Choukitsu Kurumatani kann die Mehrbelastung durchaus stemmen. Schon im Haus, das das Paar zuvor bewohnte, beherbergten sie ein außergewöhnliches Haustier. Und so kommt es, dass in die „Käferklause“ der Nashornkäfer Musashimaru einziehen darf.

Ein ungewöhnliches Tierchen. Wiegt nur ein paar Gramm. Hat aber Kräfte wie ein Stier. Seine Behausung, ein Korb, wird von ihm regelmäßig hin und hergeschoben. Das dichte Geflecht wird aufgebogen, so dass der kleine Racker immer wieder ausbüchst. Herr und Frau Kurumatani amüsiert das und mit wachsendem Interesse und fortwährender Neugier verfolgen sie die Entwicklung ihres tierischen Gastes. Wohl wissend, dass sein Ende vorhersehbar ist. Denn Nashornkäfer haben keine große Lebenserwartung. Freunde von ihnen haben ebenfalls einen Käfer bei sich aufgenommen und werden nicht müde in Briefen darauf hinzuweisen, dass ihr Käfer doch viel älter werden kann. Hochmut kommt vor dem Fall!

Doch eines Tages bemerkt Choukitsu Kurumatani, dass Musashimaru langsam die Kräfte schwinden. Zuerst ist es nur eine Klaue, die ihm fehlt, schon bald sind es ganze Gliedmaßen, die es ihm unmöglich machen auf eigene Faust die Welt der „Käferklause“ zu erkunden. Schließlich stirbt der neun Gramm leichte Musashimaru.

Choukitsu Kurumatani wurde früh mit dem Tod konfrontiert. Das Thema Tod zieht sich durch sein gesamtes Leben und Werk. Als Schriftsteller erster Garde – zahlreiche Preise wurden ihm zu Lebzeiten zuteil – versteht er es meisterhaft die Trauer in Worte umzusetzen. Die Übersetzung der Verlegerin Katja Cassing bringt diese Wortgewalt nun auch dem deutschen Lesepublikum nahe. Als Delikatesse – nur ein Merkmal der Reihe „cass schilfboot“ – sind die Seiten mit aufwändigen Zeichnungen von Inka Grebner illustriert. Japan zu verstehen kommt manchmal einer Mammutaufgabe gleich. Zu groß die kulturellen Unterschiede, zu ungewöhnlich die Namen der Protagonisten in den Büchern. Wer sich jedoch die Mühe macht die fremden Silbenformationen als ganz normale Namen anzuerkennen, dem wird mit Band Eins dieser hochwertigen Bücherreihe einen unermesslicher Wissensfundus offenbart. Mehr als nur eine Einstieg in eine doch so fremde Kultur.

Dem Paradies so fern. Martha Liebermann

Max Liebermann erlebte die Machtübernahme der Nationalsozialisten hautnah von seinem Balkon aus. Bis heute ist sein Ausspruch von Völlerei und Erbrechen in aller Munde. Wie in so vielen Künstlerleben – Liebermann war im Gegensatz zu vielen anderen jedoch in der Lage stets seine Rechnungen begleichen zu können – stand hinter diesem großen Mann eine nicht minder starke Frau. Martha war ihr Name. Als ihr Max 1935 starb hatte sie noch acht harte Jahre vor sich. Acht Jahre, in denen ihr Haus am Wannsee, das Paradies, nicht mehr selbiges war. Acht Jahre, in denen sie jeden Tag auf Erlösung hoffte. Acht Jahre Warten auf die Ausreise in die Freiheit. Freiheit hieß in ihrem Sinne Amerika. Dort, wo schon Tochter Käthe und Enkelin Maria auf sie sehnsüchtig warteten. Vergebens.

Martha Liebermann war an Kummer gewöhnt, könnte man lapidar argumentieren. Denn ihr Gatte war selten das, was man als Mustergatten bezeichnet. Die Nazis jedoch trieben diesen Zynismus auf die Spitze. Oft boten sie ihr an ihre Heimat verlassen zu können. Zu einem Preis, wohlgemerkt. Einem hohen Preis. Einen, den sie nie und nimmer hätte bezahlen können. Ihr Haus am Pariser Platz, dort wo am 30. Januar 1933 die braunen Schergen im Fackelglanz und mit Marschmusik ihren Triumph bildgewaltig zelebrierten, und wo ihrem Gatten das Kotzen kommen konnte (eingangs erwähntes Zitat), als auch das Haus am Wannsee gehörten ihr schon lange nicht mehr. Finanzielle Ressourcen waren aufgebraucht.

Die Unterstützung aus dem so genannten Solf-Kreis, einer intellektuellen Widerstandsgruppe verpuffte ebenso wie sämtliche Anstrengungen das geliebte Heimatland still und heimlich zu verlassen. Zur falschen Zeit am falschen Ort – eine gewissenlose Phrase wie sie nur ein menschenverachtendes System benutzen konnte.

Martha Liebermann entkam ihrer persönlichen Endlösung nur durch eigene Vergiftung. Als sie im März 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden sollte, lag sie bereits im Koma. Das war ihre Antwort auf die Perfidität der herrschenden Klasse.

Sophia Mott rückt eine Frau in den Mittelpunkt ihres Romans, die allzu lange im Schatten ihres übermächtigen Mannes stand. Die acht Jahre harten Kampfes um Selbstentwurzelung (ein Wort, das wohl nur LTI-Fetischisten in Erstaunen versetzt) reichert sie mit Rückblenden aus einem Leben an, das materiell reichhaltig, inhaltlich gut bestückt, seelisch jedoch ein Stück weit vom Glück entfernt war. Umso wichtiger ist dieses Buch!

In Liebe, Dein Vaterland II: Der Untergang

Der Wahnsinn geht weiter! Nordkorea hat sich in Fukuoka eingerichtet. Die abgetrennte japanische Provinz (Japans Regierung hat keinen Mumm eigenes Territorium zu verteidigen und überlässt die Halbinsel ihrem Schicksal) ist fest in nordkoreanischer Hand. Im Fernsehen läuft Propaganda. Und für die nachrückenden Einheiten, immerhin 120.000 Soldaten, wird bald schon eine kleine Stadt in der Stadt entstehen. Das kurbelt die Wirtschaft an. Freie Marktwirtschaft unter staatlicher Kontrolle. Volksverräter – und nur die Invasoren bestimmen wer Freund und wer Feind ist – werden ausgemacht und ihr Leben ausgelöscht.

Im Krieg gibt es, laut General von Clausewitz, einfache Regeln. Es gibt nur eine Nummer Eins – sie agiert. Es gibt nur eine Nummer Zwei – sie reagiert auf die Aktion von Nummer Eins. Und es gibt zahlreiche kleine „Nummern Drei“ – sie versetzen mit kleinen Nadelstichen Nummer Eins und Zwei immer wieder kleinere Blessuren. Sobald jedoch die Nummer Eins beginnt auf die Aktionen von Nummer Zwei zu reagieren, schwächt man die eigene Position. Aber ganz ehrlich: Am spannendsten ist die Nummer Drei. Mori und Toyohara gehören dieser Nummer Drei an. Ihr Leben ist nach offizieller Lesart eh nicht viel wert. Toyohara wuchs bei seinem Großvater auf. Ein ehrenwerter Mann mit ruhmreicher Ahnenlinie. Eines Tages beschloss er seine Mutter zu finden, stieg in den Zug und wurde prompt erwischt (Schwarzfahren ist ein gefährliches Unterfangen, wie man gleich sehen wird). Am nächsten Tag versuchte er es noch einmal. Dieses Mal mit einem Samurai-Schwert, eines aus Großvaters Sammlung. Ein Schaffner überlebte die freundliche Aufforderung den Zug zu verlassen nicht… Mori ist nicht minder aggressiv, hat außerdem ein sehr auffälliges Äußeres. Fast wie eine Eule.

Nur zwei Menschen aus einer Gruppe, die in der abgeriegelten Zone den Truppen folgen und ihrem Anführer Bericht erstatten. Sie sind die Nummer Drei. Sie stehen zwischen den Fronten. Auf der einen Seite sind sie japanisch, verachten aber die gegenwärtige Situation, die es ihnen verbietet ein „normales Leben“ führen zu können. Sie sind Anarchisten, Terroristen, teils sogar soziopathisch veranlagte Gangster.

Die Nordkoreaner sehen sich bald schon einer neuen Herausforderung gegenüber. Denn mit einer plumpen Invasion ist die Inbesitznahme Japans (beziehungsweise eines Teils davon) noch lange nicht erfolgreich.

Ryū Murakami lässt dem Leser keine Chance. Lachend und weinend zugleich liest man sich durch ein Szenario, das in der gegenwärtigen Situation gar nicht mehr so unwahrscheinlich erscheinen mag. Ehemalige, unverrückbare Bündnispartner drehen Japan den Rücken zu und lächeln Nordkorea an. Die schwache Regierung eines an sich starken Landes (wohl eher eine starke Wirtschaft, was die Abwendung der Amerikaner mehr als erklärlich macht) ist nach jahrzehntelanger intellektuell progressiver Hirnverfettung ist kopf- und planlos. Die politischen Gegner sehen nun ihre Chance gekommen nicht mehr nur Nadelstiche zu setzen, sondern gezielt höhere Positionen anzustreben.

Die satirischen Übertreibungen sind derart real geschrieben, dass es für diese Dystopie nur eine Devise gibt: Eine Lesemuss für jeden geistig aktiven Menschen!

Mord im Piemont

Ein paar Tage Piemont. Trüffel einkaufen für die Münchner Food Anarchist, die Firma, die Sinistra Cassotto, Sina für alle, die sie kennen, damit beauftragt hat, das Beste vom Besten zu besorgen. Sina ist Halbitalienerin und somit bestens geeignet direkt vom Produzenten einzukaufen. Blöd nur, dass im Piemont, wo die kulinarischen Verlockungen hinter jeder Straßenecke lauern, gerade eher Saure-Gurken-Zeit ist als Trüffel-Zeit. Der zu heiße Sommer hat die Knollen sich ins Dickicht zurückziehen lassen. Naja, wenigstens ein paar ruhige Tage bei Michael, bzw. in seinem Haus, irgendwo in nirgendwo. Wenn sie das Haus doch nur finden könnte. Ja, der Plan war gut, die Aussichten eher mittelprächtig. Real ist jedoch der Pistolenlauf, in den Sina nun schaut. Eingekerkert. Die Polizei im Anmarsch. Irgendwas ist hier gewaltig schiefgelaufen. Statt seltenen weiße Trüffeln aus Alba gibt es, wenn nicht bald was passiert, blaue Bohnen – als Henkersmahlzeit?

Ganz schön viel los auf den ersten Seiten von Gabriele Kunkels kulinarischem Krimi. Ein paar Seiten zuvor lässt sie den Leser schon mit der Vorstellung von Gnocchi in Käsesauce einen Gruß aus der piemontesischen Küche schicken. Ganz zu schweigen von den allgegenwärtigen Trüffeln…

Kurze Zusammenfassung: Sina will trüffel im Piemont kaufen. Sie will bei Michael wohnen. Den Schlüssel zu seinem Haus hat. Dort lässt sie auch das Geld, das sie für den trüffelkauf braucht. Barzahlung ist in diesem Fall üblich. Auf dem Weg zu Michaels Haus, erschrickt sie sich, begegnet einem Monster. Nun sitzt ihr Commissario Andrea (der Vorname sorgt allerorten für Erheiterung) Falcone. Ihr Geld ist bei einer Hausdurchsuchung in Michaels Haus sichergestellt worden. Auf dessen Grundstück wurde Cannabis-Pflanzen entdeckt, eine Plantage. Michael spricht von nur zwei Pflanzen. Und zu allem Übel wird ihr Trüffellieferant tot aufgefunden. Nicht der einzige Tote, den Sina kennt. Die Suche geht nun erst richtig los. Allerdings stehen nicht Trüffel auf dem Plan, sondern ein Mörder. Commissario Falcone weiß, wo er mit der Suche beginnen will…

Gabriele Kunkel gelingt es mit Leichtigkeit den Leser in einen Krimi hineinzuziehen, der ganz dem Klischee eines Italien-Krimis entspricht. Gutes Essen und ein vertrackter Fall – basta. Sina ist jedoch dem Commissario immer ein bisschen voraus. Und der Commissario kann Sina nicht recht einschätzen. Vielleicht hat sie ja doch was mit den Morden zu tun? Zwanzigtausend Euro in cash, nur um Pilze zu kaufen? Und das in einer offensichtlichen Drogenhöhle! Sinistra Cassotto ist allerdings nicht allein auf sich gestellt. Sie hat Helfer, die ihr tatkräftig zur Seite stehen. Das muss doch auch den Commissario überzeugen!

Provokation!

Geil! So ein Wort in den Mund zu nehmen, ja, es gab Zeiten, in denen man dafür mehr als schräg angeschaut wurde. Bruce & Bongo waren die Interpreten des gleichnamigen Titels und sorgten im Frühjahr 1985 wochenlang für heftige Kontroversen. Heute belächelt man eher diejenigen, die „geil“ als vermeintliche Jugendsprache deklarieren. So schnell kann’s gehen, erst der Teufel, dann Lachnummer. Bruce & Bongo brachte es beides, bis sie wieder dahin verschwanden, wo sie herkamen. In den Untiefen der Bedeutungslosigkeit. Ein typisches One-Hit-Wonder.

Doch „Geil“ war bei Weitem nicht das Fanal für Provokationen in der Pop-Musik. Eine Provokation ist per se immer an die herrschenden Verhältnisse gekoppelt. In einer prüden Gesellschaft kann beispielsweise allein schon die bloße Andeutung von sexuellen Handlungen Grund zur Aufregung geben. In einer humanistischen Gesellschaft sind Texte, die gegen Homosexualität, Ausländer und für die Leugnung von historischen Fakten einem hasserfüllten Publikum Futter geben, nicht minder große Aufreger. Bestes Beispiel ist hierfür die Abschaffung des deutschen Musikpreises Echo, nachdem die „Rapper“ Kollegah und Farid Bang (schon allein die Namen sollten eigentlich beim Publikum für Schmunzeln sorgen) mit ihren skandalträchtigen Texten nominiert wurden. Analog zu Bruce & Bongo kann man hier leider nicht davon sprechen, dass Provokation in der Popmusik nun ein Ende hat.

Bei der Provokation muss man zwischen zwei Arten unterscheiden: Der gezielten Provokation (meist kurzfristig, ein Phänomen der Gegenwart, die immer mehr Unbedarfte ins Visier der Öffentlichkeit spült) und dem puren Ausleben der eigenen Leidenschaft, die automatisch provoziert. Kaum einer würde wohl einem Bill Haley unterstellen, dass er die Gesellschaft mit heißen Rhythmen unterwandern wollte. Er liebte den Rock ‘n Roll und das allein war schon Grund zur Besorgnis. Bei Rappern der Gegenwart, egal ob dies- oder jenseits des Atlantiks, überkommt einem nur allzu oft das Gefühl, dass hier eine im Vorfeld genau durchexerzierte Provokation stattfinden soll.

Ob der Playback-Skandal von Milli Vanilli, Alice Coopers Bühnenshows, Westernhagens Anklage gegen Adipöse oder der Aufstieg von Conchita Wurst – Autor Michael Behrendt wühlt im Schmutz der Lautmacher und ihrer Ausdrucksformen. Schon das Cover (Banksys kissing police) führt den Leser auf die richtige Spur. Peter Toshs „Legalize it“, „Antichrist Superstar“ von Marilyn Manson (dessen Name schon für leuchtende Augen bei denen sorgt, die sich bewusst abgrenzen wollen) oder „The queen is dead“ von den Smiths – hier wird jeder fündig, der die Charts als Leitfaden zur Selbstbestimmung versteht.

Nicht jede vokale Provokation ist mit dem Interpreten gleichzusetzen. Denn nicht jeder, der auf einer Bühne nach Beachtung schreit, hat seine Texte selbst verfasst. Das relativiert so manches böse Wort. Und im Laufe der Zeit kehrt der eine oderandere Provokateur seinen Wurzeln des Erfolgs den Rücken. Hier noch ein paar Beispiele aus dem Buch, die dem Leser entweder in Verzückung versetzen, ein „Ach so“ entlocken oder für Verwunderung sorgen: Judas Priest – schwuler Sänger, harte Riffs, explizite Texte. Das führte zur Anhörung vor höchsten Stellen. Tipper Gore, Ehefrau von „Umweltaktivist“ und Ex-US-Vizepräsident Al Gore war die treibende Kraft dahinter. Body Count und „Cop Killer“ – so wird auch die Schusswesten durchschlagende Munition genannt – Erklärung überflüssig. t.A.T.u. – Ihr Liedchen „All the things she said“ – ein Zungenbrecher für die germanischen Sprachhüter brachen mit dem dazugehörigen Video einen Sturm der Entrüstung los. Zwei Mädchen, die sich küssen – wo soll das noch hinführen. Die Antwort wird in Deutschland indirekt immer wieder und immer unverhohlener auch von echten Demokraten versprochen. Die Zukunft sieht deutlich verklemmter aus, als es die jüngere Vergangenheit war.

Dieses Buch ist keine Provokation! Es ist das aufwendig recherchierte Lexikon dessen, was Provokation war und immer noch ist. Nüchtern wirft Michael Behrendt einen Blick hinter den Vorhang der Aufreger der Populärmusik. Ein Buch, das man spätestens dann wieder (und wieder und wieder) in die Hand nimmt, wenn Paul Hardcastles „19“, Prince‘ „Controversy“ im Radio erklingen oder Die angefahrenen Schulkinder wieder einmal vom Sex mit Steffi Graf fantasieren. Falls es noch Musikredaktionen gibt, die dieses Buch nicht im Schrank haben – schämt Euch! – kauft es! Ist allemal besser als die tausendste Nennung der Radiostation und millionenfacher Hinweise auf sinnentleerte Gewinnspiele, um die Quote während der Medienanalyse künstlich anzuheben.

USA Südwesten und Kalifornien

Sich den Wind um die Nase wehen lassen, Grenzen im flirrenden Licht des Horizonts verschwimmen lassen, das Auge einen wahren Sinnesrausch erfahren lassen – auf eigene Faust durch den Südwesten der USA zu reisen nimmt man gern als Synonym für echte Freiheit. Individuelles Reisen auf dem höchsten Niveau und Entspannung mit dem allerhöchsten Lerngehalt. Das mag stimmen, wenn man nicht gerade Reisebuchautor ist. Autor Volker Feser lag die Planung und die Umsetzung dieses Buches sehr am Herzen. Jahrelang (!) ist von San Francisco nach Phoenix, von San Jose nach Las Vegas, von El Paso ach Fresno, von … immer wieder kreuz und quer durch Nevada, die Sierra Nevada, Südutah, New Mexico, Arizona und Südkalifornien gereist, um die Plätze zu finden, die den amerikanischen Südwesten zum Abenteuerspielplatz für alle Altersklassen machen.

Neunhundertzwölf Seiten sind das Extrakt von zahllosen Reisen. Und die stehen nun endlich den Pionieren der Neuzeit zur Verfügung.

Steht also fest, dass der Südwesten das Ziel der Sehnsucht nach Erholung und Sinnesrausch (im positiven Sinne) ist, gibt es nur noch eine Suche: Die nach dem richtigen Reiseband. Die Suche hat ein Ende, hat man diesen hier gefunden. Nun muss man sich nur noch durch neunhundert Seiten durcharbeiten und schon kann’s losgehen! Ja, neunhundert Seiten liest man nicht eben mal schnell durch, um den Werbeblock des Abendkrimis zu überbrücken. Für dieses Buch muss man sich Zeit nehmen. Nicht allein wegen des Umfanges. Sondern wegen der jederzeit brauchbaren Tipps, die Volker Feser übersichtlich und nachvollziehbar dem Reisenden präsentiert. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie dem Yosemite-Nationalspark (kennt jemand ein Impressum, in dem mehr als ein Schlagwort mit einem Y steht?, hier sind es gleich sechs) stehen Aktivitäten wie Radfahren im Sand Flats Recreation Area, einem der ungewöhnlichsten und abwechslungsreichsten Kurse weltweit auf dem Plan. Oder doch lieber Hollywood? Oder die Route 66 entlang? Oder im Hualapai Indian Reservation der Diamond Creek Road folgen die Augen funkeln lassen? Oder dann doch lieber Walter White (der „Koch“ aus der Serie „Breaking Bad“) noch einmal auferstehen lassen?

Zur Einstimmung sollte man das Buch am Ende beginnen. Auf rund einhundertfünfzig Seiten wird diese sonnenverwöhnte Gegend umfassend von Volker Feser vorgestellt. Da er nachweislich nicht nur Internetdatenbanken durchforstet hat, sondern tatsächlich vor Ort recherchierte, um die Routen zusammenzustellen und – als Entspannung beim Lesen unerlässlich – die farbigen Kästen mit Hintergrundinformationen, die in keinem anderen Buch stehen, zu füllen.

Das komplette Buch „zu bereisen“, bedarf eines wirklichen langen Urlaubs. Wer sich abseits der Massenströme unter dem blauen Himmel des Südens die schönste Zeit des Jahres bescheren will, hat nur eine Wahl: Dieses Buch als gefährlich gutes Reisegepäck im Handgepäck mitzuführen und schon auf dem Hinflug erste Reisefieberattacken über sich ergehen zu lassen.

Große Fürstinnen und ihre Gärten

So mancher Kleingärtner hat sich mit seinem Garten ein kleines Reich geschaffen, in dem er schalten und walten kann. Innerhalb der Regeln der Kleingartenordnung, selbstverständlich. Fürsten haben den ersten Schritt zum kleinen reich schon getan. Ihnen fehlt nur noch der Garten. Zugegeben, eine Rechnung, die auf ziemlich wackeligen Füßen steht. Dennoch gab es in der Geschichte nicht wenige, die einen Garten als Ort der Ruhe durchaus zu schätzen wussten. Und dass man damit auch ordentlich Staat machen kann, wussten die gekrönten Häupter. Ein Glück für uns, die wir diese Parkanlagen bis heute – kostenlos! – genießen dürfen!

Und manchmal passiert es, dass man historischem Ort seine Fußstapfen hinterlässt. So wie im Tierfurter Park. Weimar, das in diesem Jahr das hundertste Jubiläum der ersten deutschen demokratischen Verfassung begeht, hat mehr als nur ein historisch bedeutsames Bauwerk zu verzeichnen. Goethe und Schiller sind seit ihrer Zeit in der Weimarer Stadt in aller Munde. Auch wenn gerade Goethes Ruf in letzter Zeit ein wenig an Glanz verliert. Herzogin Anna Amalia war zu ihrer Zeit eine Gönnerin der beiden Dichter. Ihr Schlossgarten lud schon vor zweihundert Jahren nicht nur ihre Günstlinge ein hier zu flanieren, nein, wie ein Bild aus dem Jahre 1860 (da waren Schiller und Goethe schon tot) von Theobald von Oer zeigt, Schiller deklamierte hier. Was er vortrug, ist nicht überliefert. Ein Gedicht? Eine flammend Rede? Ein Liedchen? Unter den Zuhörern waren unter anderem auch Goethe und Herder. Die Szene ist mindestens übertrieben dargestellt. Aber es könnte so gewesen sein. Und was macht einen Spaziergang an solche einem Ort noch schöner als das Gedankenspiel, was hier einmal passiert sein könnte? Der Musenhof im Grünen wie Autorin Editha Weber dieses Kapitel im Buch überschreibt, wurde im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Doch die Ausstrahlung, die damals wie heute von hier ausgeht, hat die Zeit überdauert.

Nur ein paar Autostunden nördlich liegt der nächste Park blauen Blutes. In der Nähe eine weitere Bauhausstadt, Dessau. Der Wörlitzer Park ist einer der größten überhaupt. Das Schloss und die weitläufige Anlage keine Saure-Gurken-Zeit. Schon immer hüpften, lustwandelten, spazierten hier die Massen und der Adel unter dem Laubdach der Bäume und erholten sich. Fürstin Louise von Anhalt-Dessau füllte hier nicht nur ihre Lungen mit frischer Luft. Für sie war der Park Zufluchtsort vor ihrer komplizierten Ehe. Romantisch verklärt, einen Hauch Zeitfraß, Spielwiese – die Attribute, die man diesem Park geben kann, gehen einem nie aus.

Auch Editha Weber gehen die Argumente nicht aus ihrer Leidenschaft für die grünen Oasen die Werbetrommel zu rühren. Mit Stilsicherheit und Eleganz führt sie den lesenden Spaziergänger (oder ist es der spazierende Leser?) durch eine Welt, die man durch dieses Buch erst richtig wahrnehmen kann. Historische Fakten führen wie ein roter Faden von Hecke zu Hecke, von Baum zu Baum, von saftigem Grün zu herrschaftlichen Häusern. Ob nun Herrenhausen in Hannover, das Charlottenburger Schloss, Bayreuth mit seiner Eremitage oder der Felsengarten Sanspareil – sie alle sind adeligen Geblüts. So nah wie in den Gärten der Fürstinnen kann man den großen Namen der Geschichte kaum kommen.

Tochter des Geldes

Der Name Mentona Moser wird nur von wenigen Experten mit Ehrfurcht in den Mund genommen. Diejenigen, die sie noch nicht kennen, lernen in diesem Buch eine Frau kennen, die mit eben solcher Ehrfurcht vor dem Leben ein wahrhaft revolutionäres Gedankengut verbreitete.

Ihr Vorname geht auf die Stadt Menton zurück. Dort hatten ihre Eltern die wohl glücklichste Zeit ihres Lebens. Doch die Zweisamkeit währte nur kurz. Der Vater – Uhrenfabrikant mit dem besonderen Händchen für gute Geschäfte – starb kurz nach Mentonas Geburt. Was die Mutter den beiden Töchtern – Fanny war ein paar Jahre älter als Mentona – verschwieg, waren die Halbgeschwister. Eine Handvoll weiterer Mosers gab es in der Schweiz.

Fanny und Mentona wuchsen wohlbehütet – zu sehr unter der Fuchtel der eigensinnigen Mutter – in einem Schloss im Zürichsee auf. Die Halbinsel Au mit ihrer Flora und Fauna war besonders für Mentona ein Ort des Glücks. Wer die Strecke einmal mit dem Zug entlang des Sees zurückgelegt hat, weiß wovon die Rede ist. Doch die strenge Mutter sah es nicht gern, dass ihre Töchter, besonders Mentona, sich „eigenen Studien hingaben“. So suchte Mentona früh die Flucht. London war ihr erstes Exil, als Studienort. Hier lernte sie auch die Schattenseiten des Lebens kennen. Allerdings nur als Beobachterin. Sie selbst war von unermesslichem Reichtum. Die Fabriken des Vaters, Pfandbriefe und so mancher Franken auf der Bank machten sie zu einer der reichsten Nicht-Adeligen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Doch goldene Löffel im Mund hinderte sie jedoch nie daran einen ungetrübten Blick auf die Welt zu haben.

Auf dem Berg Geld gluckte immer noch die kaltherzige Mutter. Ihrer Erstgeborenen Fanny enthielt sie ebenso Geld vor (Ihre Ehe mit einem Musiker war nicht gerade von Erfolg gekrönt) wie Mentona. Die verliebte sich nach ihrer Rückkehr nach Zürich ziemlich schnell in Hermann Balsiger, einen Sozialdemokraten, der wie sie für die Rechte der Rechtlosen eintrat. Mentona plante Spielplätze, machte sich für Ausbildungen im sozialen Bereich stark. Sie und Hermann waren ein unschlagbares Team, privat wie beruflich.

Doch dem Hoch der Gefühle folgt das Tief der Realität. Ihr Sohn Eduard erkrankt schwer. Nur durch das – späte – Eingreifen eines als Kurpfuscher bezeichneten Arztes kann das Schlimmste verhindert werden. Privat hat Mentona Moser weniger Glück. Die Ehe mit Hermann zerbricht. Ihr Kinderheim steht vor dem finanziellen Aus. Ihrer Schwester Fanny steht das Wasser bis zum Hals. Erst als Mentona Moser die Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz miterlebt, bekommt ihr Leben wieder einen Sinn. Die zwanziger Jahre – Mentona ist da schon in den 50ern und hat das Vermögen ihrer Familie geerbt – sind von Reisen in die neu gegründete Sowjetunion geprägt. Nach dem Tod Lenins wird ihr jedoch gewahr, dass nicht alles Gold ist, was den roten Stern trägt.

Eveline Hasler gibt der reichsten Revolutionärin der Welt ihren Namen zurück. Nur engagierte Geschichtslehrer haben die Feministin und Kommunistin in ihren Lehrstoff aufgenommen. Ihr Wirken ist bis heute nachvollziehbar – der St. Annahof in der Zürcher Bahnhofstraße war die Idee der Eheleute Moser-Balsiger. Mentona Mosers Leben ist ein glühendes Beispiel für den unbedingten Willen Veränderungen auch unter schwierigsten Umständen als unerfüllbar nicht abzustempeln. Mit Detailwissen und empathischen Stil gelingt Eveline Hasler ein besonderes Portrait einer besonderen Frau zu entwerfen.

Das endlose Leben

Theo Mannlicher wurde 1899 geboren und starb … ja, wann eigentlich? Da geht es schon los! Andreas Kollender will einen biographischen Roman über den Schriftsteller Theo Mannlicher schreiben und kennt nicht mal seinen Todestag. Den kennt aber niemand, außer dem Betroffenen selbst. Dieser Fakt – das fehlende „lebte bis zum …“ – ist die einzige Lücke in dieser mehr als spannenden Biographie. Doch zurück zum Anfang.

1899 ist das Geburtsjahr von Alfred Hitchcock, dem Master of suspense und Theo Mannlicher. Beide wissen nichts weder von einander, noch von ihrem Lebensweg. Doch Theo wird schon bald merken, dass Worte und Taten einig Hand in Hand gehen. Beim Eintritt ins Teenageralter, ein Begriff, den Theo sicherlich noch nicht kennt, sitzen seine Mutter und sein Onkel bei ihm zuhause. Onkel Paul hat schon einen sitzen und Theo neben sich hocken. Theos Großvater hat sich umgebracht, nun auch sein Vater. Ein Ass als Arzt, meint der Onkel. Theo solle nun ein Ass als Mensch werden. Das sitzt! Die Frage was nun mit der dritten Generation Mannlichers wird – eine zynische Anspielung auf das Ableben der Ahnen männlichen Geschlechts – wird durch die Adelung als Ass weggewischt. Sie Sonne scheint über den Köpfen der Trauergemeinde in Hamburg, in den Köpfen jedoch herrscht echtes Schietwetter.

Noch zu Lebzeiten hatte der Vater alles für eine Auswanderung in die Wege geleitet. Amerika sollte der Familie neues Glück bringen. Doch nun ist es eine Flucht vor der Erinnerung. Mutter, Onkel, Tante und der kleine Theo im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Theo wächst heran, will (und wird) Schriftsteller werden. Doch der Krieg zieht ihn zurück in die alte Welt. In Mailand wird er in einem Krankenhaus gepflegt. Er, Theo Mannlicher, dessen Großvater und Vater eigenhändig aus dem Leben schieden, dreht Gevatter Tod eine lange Nase. Glückskind? Schicksalswink?

Beides, denn er lernt Mary kennen. Sie heiraten, bekommen einen Sohn. Doch die Freude währt nicht lang. Die Ehe zerbricht, der Sohn fällt im nächsten Krieg, der die Welt noch nachhaltiger berührt als dessen Vorgänger. Charlotte ist Frau Nummer Zwei. Im spanischen Bürgerkrieg kämpft Theo Mannlicher an der Seite von Hemingway. Ein erfülltes Leben liegt hinter beiden. Für einen ist der Tod näher als dem Anderen.

Den letzten Abschnitt – sofern Mannlichers Leben wirklich schon zu Ende sein sollte – verbringt Mannlicher auf Bali. Am Strand. Umsorgt von einem Chinesen, der von Weisheit umflutet ist und dennoch nicht verhindern kann, dass das Werk Mannlichers, das maßgeblich vom Tod bestimmt ist, sich immer weiter in das Leben des Autors drängt.

Andreas Kollender gelingt es mit Leichtigkeit dem auf dem Papier so düsteren Leben eines vergessenen Autors Licht und Glanz einzuhauchen. Theo Mannlicher hatte dem Tod abgeschworen, gab ihm immer wieder jedoch Futter und verschwand vor den Augen der Lebenden in ein Reich, auf das der Sensenmann keinen Zugriff zu haben scheint. Alles richtig gemacht! Sowohl der Held des Buches, sein Autor und nicht zuletzt der Leser, der sich diesem Buch nicht entziehen kann.