Kalender Mucha 2019

Alfons Muchas Werke sind unsterblich. Seinen Stil kopierten viel, doch erreicht haben sie ihn nie. Und doch ist die Person Alfons Mucha weniger Menschen bekannt als sein Werk.

Nun hat man ein ganzes Jahr Zeit sich noch einmal mit seinen Werken, zumindest mit einem Dutzend davon, auseinanderzusetzen. Und das wird man. Die reichen Verzierungen, ein typisches Stilmittel des Jugendstils, rhythmisch-geometrische Grundformen sind ein Markenzeichen der Plakatkunst des Jugendstils. Nicht ganz so erotisch und exotisch wie der Stil aus dem gar nicht so fernen Paris, doch immer noch anstößig genug, um die Gemüter zu erhitzen und gegen sich aufzubringen.

Lüsterne Orchideen umranken eine züchtige Dame. Alles fließt, und doch ist eine gewisse Dynamik im Bild erkennbar. Verspielte Linien und die meist sparsam verwendete Farbpalette lassen das Auge entspannen. Und dann wieder Werbung. Alfons Mucha begann seine Laufbahn in Paris als Plakatmaler. Zufällig erfuhr er, dass Sarah Bernard, die damals wohl berühmteste Actrice ihrer Zeit, einen Künstler suchte, der ihr ein Plakat binnen kurzer Zeit kreierte. Mucha bot sich an, man nahm ihn an, er wurde unsterblich. Er entwarf Plakate für die Weltausstellung 1904 in St. Louis genauso wie für nestle oder Biscuit. Briefmarken und Geldnoten waren dank seiner Kunst nicht nur Zahlungsmittel, sondern Kunst für jedermann.

Als die Nazis in seiner Heimat Tschechien einmarschierten, wurde Mucha verhaftet und weggesperrt. Er starb 1939 an den Folgen einer Lungenentzündung.

Kalender Bäume 2019

Wie leckerer Pudding am Schneebesen hängt der Schnee an den Bäumen. Ein genussvoller Start ins Jahr 2019. Schon einen Monat später scheint schon wieder die Sonne wie auf Teneriffa und lässt einen Drachenbaum erstrahlen. Ob verwunschene Eiche oder witterungsgestählter Olivenbaum im Reigen des Lavendel – dieser Kalender wird bewundernde Blicke hervorzaubern. Knorrige Äste, durch die Jahreszeiten geformte Rinden, die, wenn sie sprechen, Geschichten erzählen könnten. Ein Farbenspiel der Natur, das den Betrachter wie in einem Museum erstarren lässt.

Wie in einem Märchenwald fühlt man sich. Das Moos hat schon vor Äonen den Baum in Beschlag genommen und verleiht ihm etwas Geheimnisvolles. Erhaben stehen sie fest im Boden und wiegen sich sanft im Winde. Die Stille dringt aus den Bildern hinaus in die Welt.

An diesem Kalender geht man nicht so schnell vorbei. Lediglich die angezeigten Tage verweisen darauf, dass die Zeit vergänglich ist.

Stockholm

Det är fint! Beginnen wir mit dem Ende des Reisebandes. Ja, er wird jedem gefallen, der Stockholm auf eigene Faust, auf eigenen Füßen, mit allen Sinnen begegnen und darin eintauchen will. Der beiliegende Stadtplan war eine echte Erleichterung in der Stadt, die Lisa Arnold zu Beginn des Buches als „anders“ beschrieben hat. Anders sind viele Städte, jede auf ihre Art. Doch Stockholm ist es wirklich. „Lagom“ nennen die Schweden das, was man den goldenen Mittelweg zum Glück bezeichnen könnte. Kein endloses Abwegen, was wem am wenigsten schadet. Nein, wahrhaftes Glücklichsein, darum geht es. Und fast scheint es so als ob die Neu-Stockholmerin Lisa Arnold dem Leser mit diesem Buch einen kräftigen Schubs in diese richtige Richtung geben möchte.

Stockholm – noch nie da gewesen, aber schon immer dort hin gewollt? Was fehlte? Der reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag? Weil die immer so tolle Tipps haben und das ganze Buch erst vor Ort seine Reize preisgibt. Jetzt gilt dieses Argument nicht mehr. Erstauflage im Mai 2018, 264 Seiten, 121 Farbfotos, herausnehmbare Karte, Hintergrundinfos in gelben Kästen, neun Touren plus ein je Kapitel zu Ausflügen und den Schären.

Ja, dann haben wir doch alles! Auf geht’s nach Stockholm. So einfach ist es dann doch nicht! Erstmal einen Blick ins Buch werfen. Das ist ganz einfach. Denn jedes Kapitel ist klar strukturiert. Am Beginn einer jeden Tour, eines jeden Kapitels gibt es eine kleine Übersicht, was einen erwartet. So kann man schnell entscheiden, ob man dieses Kapitel sofort liest oder erst später. Man wird es so oder so lesen. Versprochen. Denn Stockholm – und schon lässt man die Seiten durch die Finger gleiten – ist ein Augenschmaus. Nimmt man alle Bilder zusammen, so streicht man die Worte Hektik und Stress postwendend aus seinem Sprachgebrauch. Das gilt übrigens auch für die Texte. Lisa Arnold hat nicht nur einen erstklassigen – Achtung Kritik! – und endlich einen Reiseband für diejenigen geschrieben, die gern auf eigene Faust eine Stadt erkunden. Ein kleiner Schubser hier, ein Fingerzeig da. Mehr braucht sie nicht, um auf den richtigen Pfad zu führen.

Und so kommt man durch Straßenzüge, die man hier nicht vermutet hätte. Der Architekt Sven Wallander, der hieß wirklich so und löste wohl den kniffligsten Fall der schwedischen Stadtplanungsgeschichte, schuf hier zum Beispiel den ersten Wolkenkratzer Europas. 1925 war das. Sechzig Meter hoch sind die Zwillingstürme Kungstornen in der Kungsgatan, der Königsstraße. Die besticht nicht so sehr durch lauschige Geschäfte – auch dafür hat die Autorin mehr als nur ein paar Zeilen eingearbeitet – sondern durch die bauliche Komposition. Nicht lang schnacken, Kopf … Apropos Kopf. Den sollte man keine Sekunde lang ausschalten. Genauso wie man das Buch immer dabei haben sollte. Denn sonst verpasst man womöglich noch die Möglichkeit zu einer Paddeltour, was in einer Stadt im (nicht am) Wasser fatal wäre. Oder ist erst weit nach 16.30 Uhr am ABBA-Museum. Dann kommt man nicht mehr rein. Was auch nicht schlimm wäre, da man sich in diesem Fall in der wohl längsten Galerie der Welt Kunst anschauen kann. Kostet nur so viel wie ein U-Bahn-Ticket und liegt auch genau auf gleicher Höhe. Die Rede ist von der Metro in Stockholm. Jede der einhundert Stationen wurde mit Skulpturen, Mosaiken, Malerei und Installationen gekrönt. Klar, Schweden ist ja auch eine Monarchie. Ist es noch notwendig zu erwähnen, dass im Buch unzählige Tipps für den verwöhnten Gaumen, verwöhnte Häupter und verwöhnte Sportenthusiasten aufgelistet sind? Ja? Sie sind es! Ob nun auf dem Montäliusvägen die romantische Aussicht genießen, im Kungstgrädgården den Wasserspielen fasziniert zuzuschauen oder in einer der zahlreichen Galerien sich ein bisschen Kunst zu gönnen: Zwischen der Sehnsucht und dem Erlebnis hat ab sofort der Michael-Müller-Verlag das ideale Bindungsglied im Programm.

Die Reise zum ersten Kuss

Wenn der, der seine Versprechen hält mit der Blume en Kind zeugt, ist es frei wie der Wind. Besnik und Lule haben Era in die Welt gesetzt. Sie wohnen in Prishtina, im Kosovo. Sie sind Kosovo-Albaner. In den 90ern kein Zuckerschlecken, vielmehr die Hölle auf Erden. Der Weg zur Schule wird von serbischen Milizen gesäumt, die je Lust und Laune die Bevölkerung drangsalieren dürfen. Ihr Vater ist politisch aktiv. Und zwar so sehr, dass er für zwei Jahre verschwindet. Oma Emine ist der ruhende Pol in der Familie. Für Era bäckt sie Schokoladenbrötchen. Daran kann sich die Kleine einfach nicht sattessen. Ein Jammer, wenn es Emine und ihre Schokoladenbrötchen nicht mehr geben würde. Unvorstellbar!

Doch das Leben hält eine Wendung für Era und ihre Familie parat. Sie folgen dem Vater, der nach zwei Jahren endlich wieder aufgetaucht ist, nach Berlin. Als politisch Verfolgter darf er in Deutschland bleiben. Und der Familiennachzug ist auch kein Problem. Nur Oma Emine will nicht weg. Nicht weg von ihrem angestammten Platz. Trotz des serbischen Milizenterrors. Drei Tage hat Era Zeit. Die Musik von Madonna und der Walkman sind das wichtigste. Die Kassette hat ihr Onkel Agim einmal bespielt. Er fiel dem Terrorregime zum Opfer. Damals sah Era ihren Vater zum ersten Mal weinen.

Berlin ist kalt im November. Grau. Und es fällt der erste Schnee. Die Familie wird in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Alles kahl, kalt, unfreundlich, trostlos. Nach drei Monaten darf Era endlich zur Schule gehen. „Kaba, Autobahn und Tschüss“ kennt sie bereits. Ihr offenes, unschuldiges Wesen macht es ihr einfach Freunde zu finden. Auch ihr Deutschnachhilfelehrer Daniel erleichtert es die fremde Sprache und Kultur zu verstehen. Jetzt fehlen nur noch zwei Dinge: Karten für das bald anstehende Madonna-Konzert zu bekommen und einen deutschen Jungen zu küssen…

Arta Ramadani stammt selbst aus Prishtina. Sie hatte eine glückliche Kindheit im Kosovo und eine glückliche Jugend in Mannheim. Era und Arta sind zwei Frauen mit ähnlichen Schicksalen. Eras ist fiktiv mit realen Bezugspunkten. Mit echter Lebenslust beschreibt Arta Ramadani das Heranwachsen eines Mädchens, das früh lernen muss, dass Verlust schmerzhaft ist, im Gegenzug aber auch immer einen nächsten Schritt bedeutet. Die ungeschminkten (positiven wie negativen) Erinnerungen an Prishtina schnüren dem Leser fast die Kehle zu. Die unverblümt geäußerten Gedanken in Deutschland rühren zu Tränen. Era wird gezwungenermaßen in ihr neues Leben geschubst. Ehrlich und echt nimmt sie mit, was ihr beigebracht wurde und ist nun mittendrin im neuen Lernprozess des Lebens. Traditionen beißen sich in Berlin noch offener als in der beruhigend anmutenden Heimat im Süden. Doch Era weiß sich zu helfen und die besten Ratgeber der Welt hinter sich: Ihre Eltern.

Die Weltbürgerin

Den Titel „Weltbürgerin“ hat sich Alma Karlin mit allem erkämpft, was ihr zur Verfügung stand. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verließ sie die Enge Celjes im heutigen Slowenien, um in London als Übersetzerin arbeiten zu können. Hier lernte sie auch ihren Verlobten, einen Chinesen kennen. Doch der Weltkrieg durchkreuzte den Lebensplan. Als Deutsche im Feindesland England, blieb ihr nur die Flucht. Nach Norwegen.

Stand wenig Arbeit an, lernte Alma Karlin fleißig Sprachen, so dass sie fließend in Norwegisch, Dänisch, Schwedisch, Russisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und natürlich auf Englisch parlieren konnte. Es folgten Reisen rund um die Welt. Acht Jahre war sie unterwegs. Amerika, Asien und die Südsee brachten sie zum Schreiben. Wieder zurück in der Heimat tobte wieder Krieg. Als Deutsche in Slowenien wäre sie in prädestinierter Position gewesen. Doch die Abneigung den Nazis gegenüber brachte ihr Verhöre und Haft ein. Was sie nicht vom aktiven Kampf abhielt.

Als Tito an die Macht kam, waren ihre Bücher ein weiteres Mal verboten. Krank, arm und vergessen starb sie 1950.

Milan Dekleva gibt der mutigen Frau eine Stimme, die so schnell nicht verhallen wird. Sein Roman beschreibt drei Abschnitte im Leben der Alma Karlin. Der erste ist die Zeit in London. Eine schöne Zeit. Sie kann sich entfalten. Sie liest, übersetzt, lernt, auch die Liebe kennen. Doch die Stimmung kippt, als marschiert wird. Europa geht in Rauch und Flammen auf. Monarchien zerfallen, auch das Habsburger Reich.

In Peru treffen wir Alma Karlin wieder. Die beschwerliche Anfahrt – Schiffsverbindungen vom Mittelmeer nach Südamerika waren noch nicht so zahlreich vorhanden und schon gar nicht durchorganisiert wie heutzutage – ist vergessen und die Anden verzaubern sie. Doch es drängt sie weiter. Gen Japan.

Jahre später ist die Weltreise vergessen. Ihre Erinnerungen verkauften sich sehr gut. Die neuen Herren in Slowenien nehmen die engagierte Frau ganz genau unter die Lupe. Regelmäßige Verhöre lassen Schlimmeres erahnen. Sie hilft Partisanen, schweigt gegenüber den Nazis.

Es sind nur drei Abschnitte im viel zu kurzen Leben der Alma Karlin, die Milan Dekleva in Romanform vorgelegt hat. Doch sie stehen exemplarisch für ein aufregendes Leben. Alma Karlins Aufgabe bestand darin nicht aufzugeben. Eine wissbegierige Frau, der das Leben immer wieder hart zusetzte. Es war genau die Antriebsfeder, die große Denker brauchen, um zu dem zu werden, was sie sind. Sie sah sich nie als etwas Besonderes. Doch sie wusste stets, dass sie Besonderes erleben will. Und dafür kämpfte sie. Erst seit einigen Jahren rückt Alma Karlin wieder in den Fokus. Ihre Reiseberichte gehören zur Crem de la Creme dieses Genres.

Leute machen Kleider

Es ist mittlerweile zu einer Art Volkssport verkommen jedweden Hersteller auf den Zahn zu fühlen. Woher kommt diese Zutat, woher die andere. Werden die Leute fair (was ist das eigentlich: Fair?) bezahlt? Und so weiter und so fort. Eine endgültige Antwort bekommt man nicht. Doch man weiß, dass es zig Zertifikate gibt, die dem Konsumenten – also uns – ein gutes Gefühl geben sollen. Was sie meist auch tun.

Imke Müller-Hellmann geht es nicht anders. Das, was sie auf der Haut trägt, was sie warmhält, sie schützt, sie kleidet, kommt auch von irgendwo her. Doch von wo genau? Das will sie nun wissen. Und sie fragt nach. Und zwar so lange bis sie eine Antwort erhält, die sie ruhen lässt.

Der Anfang des Buches erschafft ein modernes Märchen. Die Autorin sitzt am Frühstückstisch. Alles Routine. Mit einem Mal stehen die Produzenten in ihrer Küche. Die Erdbeerpflücker, der Weizenbauer, der Kaffeepflücker. Sie kommen aus aller Herren Länder, vom Acker um die Ecke bis nach Nicaragua. Natürlich nur ein Traum, eine Idee, ein Gedankenspiel. Vor allem aber der Grundstock für die Recherchen zum Füllmaterial ihres Kleiderschrankes.

Den Slip, den sie trägt kann sie noch ganz gut nachverfolgen. Vom Kaufhaus zum Vertrieb, von da zum Hersteller. Die Kontaktaufnahme ist relativ problemlos. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mütze. Die wird in China hergestellt. Noch. Bald schon in Bayern. Zum gleichen Preis. Erstaunlich, oder?! Aber es funktioniert wohl doch. Den Arbeitsplatz, wo ihre Mütze einmal das Licht der Welt erblickte, kann sie nicht eruieren. Selbst in Deutschland, wo die Mütze versandfertig gemacht wird, kann ihr niemand genauere Auskünfte geben. Es ist selbst den Auftraggebern nicht bekannt, in welcher Fabrik dies geschieht. Und wenn, ist es extrem schwierig einen Interview zu bekommen, geschwiege denn den Arbeitsplatz zu besichtigen. Es sind auch zu viele kulturelle Unterschiede. Gutes Argument, um eigenes Desinteresse zu kaschieren.

Die Weltreise zu den Geburtsstätten ihres Unterhemdes, ihrer Jeans, ihrer Schuhe, ihrer Fleecejacke, ihres T-Shirts führt Imke Müller-Hellmann um die ganze Welt. Dass die Produktionsbedingungen teils unter aller Würde sind, versteht sich bei den teilweise derart niedrigen Kaufpreisen von selbst. Doch dass, sie es tatsächlich schafft die Fabriken, die Hersteller, die Produzenten am Arbeitsplatz zu finden, ist ein Ergebnis, dass Bewunderung verdient. „Leute machen Kleider“ ist sicherlich der einprägsamste Beitrag zum Karl-Marx-Jahr 2018. Eine spannende Rundreise, eine lehrreiche Umrundung der Welt, die wie ein roter Faden durch das Buch führt. Und immer, wenn man nun sein Shirt Made in Indonesia sich überstreift, seine Sneaker Made in China über die Füße zieht, seinen Meanie made in Vietnam auf den Kopf setzt, hat man diese Reise im Kopf. Auch das ist Kapitalismus. Inklusive der viel zitierten Kritik daran.

Wiener Melange

Während man in anderen Salons Wiens nicht um Pardon bitten muss – wie im Musical „Elisabeth“ – so ist man bei Alma Mahler-Werfel der Etikette verpflichtet. Der Etikette eine Diskussion so zu führen, dass am Ende der Diskussion niemand mit Groll nach Hause gehen muss. Aber es sind halt auch Künstler darunter, und somit ist der Salon auch eine Arena der Eitelkeiten.

Das Wien der 20er und 30er Jahre ist immer noch ein Dreh- undAngelpunkt der Progression. Das einstige Reich hat sich geteilt, mehrfach. Ein Zehntel der Bevölkerung ist nun Österreicher, der Rest Slowene, Ungar, Bosnier etc. Die Kunst ist immer noch agil und weltoffen wie eh und je. Und davon berichtet dieses Buch. Was heißt berichtet? Es führt den Leser in eine Zeit, die vielleicht noch die Oma, als sie in Kinderschuhen steckte entfernt wahrnehmen konnte. Die Orte des Geschehens sind heute noch zum größten Teil besuchbar. Wie das Café Landmann, das Café Herrenhof hat zwar so machen Zwist, zwei verheerende Kriege überstanden, doch 2006 war dann doch endgültig Schluss. Jetzt steht dort das Steigenberger Hotel Herrenhof. Der Geist von Egon Erwin Kisch, Franz Werfel, Elias Canetti oder Milena Jesenská wird nur durch dieses Büchlein wieder lebendig.

Heike Herrberg und Heidi Wagner begeben sich auf Spurensuche in einem Wien, das Weltruhm genießt. Fotos lässt man bei Madame d’Ora machen, Dora Kallmus, es sei denn man ist Tänzerin. Dann geht man natürlich zur Fleischmann, Trude Fleischmann. Ihre Tanzaufnahmen sind bis heute der Grundstein der Tanzfotographie. Dora Kallmus war die Erste, die Wein verließ. Das war 1925. Ihr Ziel war Paris. Das war noch weltläufiger als Wien. Ihr sollten viele folgen, doch nicht wegen mangelnder Weltläufigkeit, sondern des widerwärtigen Naziterrors wegen. Die Kundschaft war nicht mehr da oder hatte Angst oder war schon auf dem Sprung oder hatte Wichtigeres im Sinn als sich fotografieren zu lassen. Ein Aderlass unermesslichen Ausmaßes.

Tänzer, Literaten, Maler, Sänger – sie prägten das Stadtbild Wiens. In den Cafés waren sie Stammgäste, in den Salons das Salz in der Suppe. Und dieses Buch ist das Rezeptbuch für die Seele. Starke Frauen, die sich Freiräume schafften und diese zu nutzen wussten. Viele von ihnen sind heute dem breiten Publikum unbekannt. Die beiden Autorinnen holen sie anekdotenreich aus dem Reich des Vergessens zurück auf die Bühne, die ihnen zusteht. Applaus garantiert.

Stallungen

Das kann ja heiter werden. Eine Party ohne Frauen. Don Guido Carrión feiert vielleicht einen seiner letzten Geburtstage. Ein paar hundert Gäste treffen sich auf dem ausgedehnten Anwesen des angesehenen Pferdezüchters in den Höhenlagen Guatemalas. Alle sind ausgelassen. Es gibt viel zu trinken. Und viel zu bestaunen. Die Pferde von Don Guido sind erlesene Schätze. Als die ersten maulen – schließlich sind ja keine Frauen zur Party eingeladen worden – und zu gehen drohen, knallt’s. Und zwar wirklich. Mit einem Rumms stehen die Stallungen in Flammen. Auch Duro II, der Stolz seines Besitzers und der gesamten Umgebung fällt den Flammen zum Opfer. Der Erzähler, Schriftsteller, der mit seinem Vater die Party besucht, wird von vielen erkannt und beglückwünscht. Sicher haben die meisten sein Buch nicht gelesen, wohl aber von dessen Veröffentlichung gehört. Und sie kennen ihn. So wie der Anwalt Jesús Hidalgo. Er überreicht ihm seine Karte mit einer Bitte und einem Hinweis: „Darüber sollten Sie mal schreiben!“.

Kurzerhand nimmt er Einladung an. Ob er am Ende des Buches noch einmal so reagieren würde? Ein zwielichtiger Typ, dieser Anwalt. Er scheint alle Fakten zu kennen, die zu der Brandkatastrophe führten. Aber er will auch niemandem auf die Füße treten. Deswegen soll ein fiktiver Roman entstehen. Doch warum das alles?

Das Gespräch geht in einen Ausflug über und unversehens blicken der Zarte, die rechte Hand des Dons, Dona Barbara, von der keiner so recht weiß, warum sie ihre deutsche Heimat verließ und in Guatemala nun Pferde züchtet, der Anwalt und der Erzähler in den Lauf einer Pistole. Ein Stallbursche am anderen Ende des Revolvers.

„Stallungen“ ist keineswegs einfach nur ein kleiner Roman aus einem kleinen fernen Land. Aus der Idee innerhalb des Romans einen Roman aus den Geschehnissen rund um eine Geburtstagsparty zu schreiben, wird schnell Ernst. Ds Machtgefüge innerhalb der Finca Palo Verde, seinem Patron und dessen Gefolge wird eher beiläufig erwähnt. Hier herrschen Zustände wie im Mittelalter. Wer nicht spurt, spürt die Knute. Wer aufbegehrt, verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Dass immer wieder rebelliert wird, zeigt nur, dass der Funke Hoffnung immer noch mehr als nur glimmt.

Rodrigo Rey Rosa ist ein Künstler mit der Feder. Die bedrohliche Situation am Tisch als plötzlich der Stallbursche die Waffe zieht, wirkt für alle wie im Film. Sie rechnen nicht mit dem alles verändernden Knall. Manche aus Arroganz, weil sie weit über dem Burschen stehen, obwohl der das bessere Argument in den Händen hält. Manche sind fast schon furchtlos, weil sie in ihm das Gute sehen. Die vierzehn Kapitel dieses Buches fliegen im Nu an einem vorbei. Erst nach dem Absetzen fühlt man die Kraft, die von diesem Buch ausgeht.

Das Casting

Sieben Jahre ist es her, dass Aoyama seine Frau verlor. Krebs. Seitdem ist der Dokumentarfilmer allein mit seinem Sohn Shige. Der ist mittlerweile schon fünfzehn und geht immer öfter eigene Wege. Und macht sich auch seine Gedanken. „Willst Du nicht wieder heiraten?“, platzt es eines Tages aus dem Teenager heraus. Aoyama wird plötzlich aus seiner Lethargie gerissen. Er trifft sich mit seinem ehemaligen Kollegen Yoshikawa. Der ist begeistert, das Aoyama wieder auf andere Gedanken kommen will. Er weiß allerdings auch, dass sein Freund besondere Ansprüche an die neue Neue stellen wird. Zwei kreative Medienmacher zusammen in einem Restaurant . klar, dass das was rauskommen muss. Yoshikawa fährt auch gleich die ganz großen Geschütze auf. Ein Casting. Für einen Film. Betrug entfährt es gleich Aoyama. Die Bedenken kann Yoshikawa sofort beiseiteschieben. Im Nu hat er einen Marketingplan parat. Werbung im Radio, er hat sogar schon die Zielgruppe und somit die Sendezeit im Kopf. So als wenn er den Plan schon seit Jahren in der Brieftasche mit sich herumträgt und nun endlich das zerknitterte Papier mit einem Taraaaa präsentieren kann. Naja, wenn’s gar nicht anders geht?!

Schon vor der eigentlichen Fleischbeschau, die für Aoyama den erhofften Segen bringen soll, fällt dem Witwer eine Dame besonders auf: Yamasaki Asami. Sie hat was. Sie wird es werden. Der neue Star! Dass das Casting eigentlicheinen anderen Grund hatte, wird er ihr schon irgendwann erklären können.

Und siehe da. In der Fragerunde, in der sich so manche wie typische Casting-Touristen gebärden – von bis auf die Knie fallen bis hier zum Striptease ist alles dabei – erweist sich Yamasaki Asami als die einzige geeignete Kandidatin. Das Ballett war mal ihre Leidenschaft, ihr Ausweg aus der Schwiegervaterhölle. Doch eine Verletzung beendete jäh den Traum. Aoyama und Yamasaki Asami verbringen von nun an mehr Zeit miteinander. Der Altersunterschied von einer Generation ist nicht existent. Sie lernen sich kennen, und begehren. Aoyama ist ganz Gentleman und drängt die junge Frau zu gar nichts. Seine Geduld wird belohnt. In einem Hotelzimmer kommen sich die beiden endlich auch körperlich näher. Es wird für Aoyama eine Nacht, die er nicht vergessen wird.

Ryū Murakami legt dem Leser ein kleines Leckerli hin. Ein einsamer Witwer blüht durch eine kleine List, eine Notlüge wieder auf. Er hat Glück, denn selbiges klopft prompt an die Tür. Auch sie ist auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und Glück. Mit einem Karateschlag werden Held und Leser schwer getroffen. Was ist das? Woher kam das? Denn das Glück hat selbst einen Tritt in die Magengrube erhalten. Ein teuflisches Spiel, blutrot getränkt schwing sich auf alles bisher Gelesene in Frage zu stellen. Schon mit „Coin Locker Babys“ spaltete Ryū Murakami die japanische Literaturszene. Und zwar in erfolgreiche Autoren und ihn. Ryū Murakami ist eine Liga für sich.

Kärtner Ecke Ring

Der Zweck heiligt die Mittel. Die große Sache steht über dem Schicksal des einzelnen. Das Ziel ist wichtiger als der Weg. Ludwig Bilinski ist von einer gnadenlosen Idee beseelt. Wien muss wieder erblühen. Weg mit dem gentrifizierten Mist. Weg mit dem Schutt des Alltags. Weg mit der Apathie des Hinnehmens. Es ist Zeit zu Handeln.

Große Worte, großes Gedankengut. Norbert und Tamara Bauer sind hierfür wie gemacht. Mit der Mutter bändelt Ludwig an, mit dem Sohn verschlägt es ihn in die Opera Toilet Vienna. Norbert ist vom Leben nicht nur enttäuscht, es kotzt ihn an. Den Vater hat er früh verloren – wenn er wüsste, dass der erst vor Kurzem ins Gras gebissen hat und als Poet und Sänger in Wien so manchen neuen Gassenhauer ersonnen hat. Die Mutter verbot ihm strengstens eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Als Steppke hat er eine Gitarre mal in der Abstellkammer entdeckt und ein wenig darauf rumgeklimpert. Patsch, peng, Erst ins Gesicht, seines, dann gegen den Türrahmen, die Gitarre.

Jetzt schlägt sich Norbert mehr schlecht als recht durchs Leben. Ein Blowjob da, ein Joint hier. Der Einbeinige, bei dem er lebt, ist auch nicht gerade das Paradies. Doch weniger ist besser als gar nichts.

Man liest sich fasziniert vom Wortschwall des Autors Paul Auer (der Name erscheint nicht nur auf dem Cover, sondern am Anfang und am Ende des Buches als Doktor – auf die Idee muss man erst mal kommen) und merkt gar nicht wie tief man in den Strudel der kommenden Ereignisse hineingezogen wird. Es ist ein Labyrinth. Eines aus dem nur der Leser entkommen kann. Aber warum sollte er? Es ist doch grad so schön!

Ludwig sieht das anders. Nichts ist schön. Alles ist verkommen. Er selbst steckt in einem perfiden Spiel fest. Die Spielregeln kennt er allerdings noch nicht. Nicht mal die Spielanleitung wurde ihm angeboten. Die liegt irgendwo im kranken Hirn von Ludwig Bilinski rum.

Wer Wien besucht, kommt automatisch irgendwann an der Kärntner Ecke Ring vorbei. An der Oper, und der Toilette. Eine Querstraße weiter ist das Sacher. Die Häuserfassaden verschwimmen im Meer der neuen Architektur. Und hier soll das neue Wien erstehen. Aus Ruinen. Doch die müssen erst einmal geschaffen werden. Paul Auer geht mit dem Leser auf einen Trip, von dem man verändert wieder zurückkehren wird. Das monarchische Ambiente reizt immer noch, doch ein Beigeschmack wird immer am Leser hängenbleiben. Viel Spaß beim nächsten Wien-Besuch! Und nicht vergessen: Hinterher immer brav die Hände waschen!