Ein Lied für Dulce

Ein Lied für die Süße schreiben – das kann nur zum Erfolg führen. Uns klingen immer noch „Suzanne“ von Leonard Cohen oder die unzähligen Hits von Prince, die er für seine Herzdamen schrieb, in den Ohren. Diese Lieder wurden schon geschrieben, verzauberten Abermillionen und die Angebeteten. Das Lied für Dulce muss noch geschrieben werden. Sie muss es bekommen, es hören, dann wird wieder alles gut. Und sie kehrt zurück…

Zurück in die Band Super Mama Djombo, deren Stimme sie war. Die Stimme, die schlagartig das Wohl der Musiker bestimmte, ihnen Erfolg bescherte. Aber auch die Dulce, die niemals einem allein gehörte. Man musste sie teilen, mit den Fans, den Verehrern. Mit Dulce war alles einfacher. Damals.

Jetzt ist sie tot und Guinea-Bissau steht kurz vor der entscheidenden Wahl des Präsidenten. Das Militär hat mehr als nur die Finger im Spiel. Die Schergen der Machthaber sorgen schon dafür, dass der Richtige gewinnen wird. Und alles so bleibt wie es ist. Ein Putsch liegt in der Luft, ist für alle spürbar angekündigt. Couto, die einzige fiktionale Figur ohne realen Hintergrund versucht Dulce, die es wirklich gab, nur in abgewandelter Form, ein Denkmal zu setzen. Super Mama Djombo sollen noch einmal spielen, für Dulce. Sie, die die Band verließ und die einen Putschisten, einen General heiratete. Und dafür benötigt er die Hilfe der Band und ein neues Lied.

Sylvain Prudhomme lässt Couto durch die Straßen der Erinnerung laufen. Leise zupft die Erinnerung die Saiten der Vergangenheit. Zuerst nur einzelne Töne, dann klangvolle Akkorde bis eine Melodie der Sehnsucht entsteht. Im Rhythmus der Schritte, mal dumpf, mal glockenklar, geht der Leser auf Tour mit Couto, mit Dulce, der Geschichte und biegt schlussendlich ein auf den Pfad der Hoffnung, dessen Ende so klar am Horizont erscheint, dass man ihn schon gar nicht mehr wahrhaben will.

Die Flagge des westafrikanischen Landes hat drei Farben und einen schwarzen Stern. Dieses Buch hat unzählige Sterne und noch mehr Farben, die der Autor allesamt zum Leuchten bringt: Das Rot der Erde, das Gold der Fassaden, das Grün der Natur … Sie alle strahlen mit jeder Zeile dieses Romans kräftiger als je zuvor, wenn Couto durch die Häuserschluchten streift und sein Land sich verändern sieht. Couto schafft, was er sich vorgenommen hat. Das Konzert findet statt. Doch es wird nicht so enden, wie er und seine Freunde es sich ausgemalt hatten…

Lesetrunken torkelt man schnurgeradeaus durch eine Geschichte, die zwar weit weg angesiedelt ist und doch so nah für Herzklopfen sorgt. Immer wieder sorgen afrikanische Sänger und Bands für Furore. Youssou N’Dour aus Senegal (nördlicher Nachbar von Guinea-Bissau), Mori Kante aus Guinea (südlicher und östlicher Nachbar von Guinea-Bissau) oder auch Papa Wemba aus Kongo, der im Frühjahr 2016 verstarb. Nur einem kleinen Kreis sind sie außerhalb ihres Landes, ihres Kontinents (dauerhaft) bekannt. Dulce Neves gibt es, sie singt immer noch. Sie ist die Vorlage der Dulce im Roman. Sylvain Prudhomme verleiht ihr Attribute, die sie zu einer Romanheldin reifen lassen, die sie real aber nie hatte. Der Sommer wird dieses Jahr, mit diesem Roman, schon sehr früh eingeläutet.

Die Tränen von San Lorenzo

Es sind die unscheinbaren Orte, die große Geheimnisse in sich bergen. Torreón ist so ein Ort. Irgendwo im Norden Mexikos. Hier gibt es nicht viel. Wüste, Sand, Öde. Doch die Geschichte, die Vicente Alfonso zu berichten weiß, hat es in sich. Eigentlich sind es mehrere Geschichten. Und alle haben es in sich. Und alle gehören zusammen. Und alle fügen sich nach und nach zu einem großen Ganzen zusammen.

Remo und Rómulo sind Brüder, Zwillinge. Eineiig. Zum Verwechseln ähnlich. Erst, wenn man sie näher kennt, treten die Unterschiede deutlich zu Tage. Und genau da liegt die Krux! Die beiden kennenzulernen, ist eine Mammutaufgabe. Ein Psychologe versucht es trotzdem. Unfreiwillig. Denn Remo ist sein Patient.

In einer Bar wurde Farid Sabag ermordet. Und Remo soll der Täter sein. Oder doch Rómulo? Wer soll die beiden auseinanderhalten? Der Vater kann’s, der aber ist Richter und somit befangen. Die Mutter lebt nicht mehr. Warum? Haben die beiden was damit zu tun? Genauso wie mit dem Verschwinden von Niña?

Jedenfalls ist Remo beim Therapeuten, sein Gegenstück, Rómulo, ist verschwunden. Der Therapeut glaubt Remos Ausführungen. Einst waren er und sein Bruder beim Großen Padilla angestellt. Einem Zauberer der Extraklasse. Er, die Ayala-Brüder und seine Assistentin waren die Attraktion bei jedem Fest. Man kann es schon erahnen: Alle hatten ein großes Geheimnis. Beziehungsweise gleich mehrere. Manche teilten sie sogar. Manche nicht.

Rómulo ist verschossen in Magda, die Assistentin. Doch scheint zum Großen Padilla zu gehören. Als Remo sich in sie verliebt, lässt sie ihn zappeln. Doch eine Lösung scheint in Sicht…

Vicente Alfonso schubst den Leser ab der ersten Zeilen ins Labyrinth der Andeutungen, Mutmaßungen und wagen Vermutungen. Ein Journalist, der der geheimnisvollen Niña auf die Schliche kommen will. Ein Zauberer, der schlussendlich im Dreck das Zeitliche segnen muss. Und zwei Brüder, die in ihrer Gleichheit die Unterschiedlichkeit ihrer Persönlichkeiten alle um sie herum verzweifeln lassen. Mystisch? Nein! Dafür sind die Charaktere zu real. Verworren? Oh ja!

Immer wieder springt der Autor zwischen den Zeitebenen und gibt dem Leser neue Rätsel auf. Die Totenmasken auf dem Cover scheinen den Leser fast zu verhöhnen. Doch wer ganz genau hinsieht, zwischen den Zeilen liest, und die Geduld nicht verliert, wird mit jedem Puzzlestück weiser und klüger. Die Zutaten des Krimi-Chilis von Vicente Alfonso sind spürbar. Sie auf den Löffel der Offenbarung zu buchsieren, erfordert höchste Konzentration.

Thomas & Mary

Ein Roman für die ganze Familie. Für die zerbrechende Familie? Für die heile Familie? Für Sie. Für ihn. Tim Parks schickt seine Leser auf einen Seelenstriptease, der von außen gesehen und gesteuert wird. Denn Thomas und Mary erkennen viel zu spät, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Und wenn doch, dann sind es Strohfeuer, die eher einer Reminiszenz an die „gute, alte Zeit“ gleichen.

Scheidungsromane sind meistens für Frauen geschrieben – Achtung Vorurteil! Männer kommen in der Regel ganz schlecht weg. Und sind einmal die Frauen schuld, dann auch zurecht. Tim Parks lässt von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass hier zwei Schuldige auf der literarischen Anklagebank sitzen: Jeder hat schon mal in seiner Firma einen Vorgesetzten gehabt, der allzu gern mit dem Handrücken der einen Hand permanent und lautstark in die hohle Handinnenfläche schlagend die – meist richtige – Aufforderung hinausposaunt: „Kommunikation!“. Meist sind es die, die immer davon ausgehen, dass alle wissen sollten, was zu tun und zu lassen ist. Da kann man sich als Chef hinterher viel besser aufregen, wenn es mal nicht so ist… Thomas und Mary sind diejenigen, die wissen sollten, was geht und was nicht geht. Kleine Aufmerksamkeiten für den Anderen gibt es schon lange nicht mehr. Haus, Kinder (je eines von jedem Geschlecht), Hund, Job. Alles da, was man braucht um zufrieden zu sein. Materiell mag das stimmen. Doch eine Ehe, ein Zusammenleben fußt doch nicht auf materiellen Dingen!

Wenn dann allerdings bei der Arbeit auch noch alles aus dem Ruder zu laufen scheint, ist Ärger im Privaten vorprogrammiert. Besonders, wenn Kollegen einem richtig ans Herz bzw. in Thomas‘ Fall an die Hose gewachsen sind. Er hat eine Affäre. Ist er doch an allem schuld?

Das unaufgeregte Sezieren des langsamen Zerfalls von Thomas & Mary in Thomas und Mary ist eine Kunst, die Tim Parks vortrefflich beherrscht. Man kann keinem der beiden einen echten Vorwurf machen. Mit geschlossenen Augen entfliehen beide gleichermaßen der Realität, nicht um ins Unglück zu stürzen, sondern festzustellen, dass in der Langsamkeit eine gewisse Art Lösung ihrer Probleme steckt. Mary wie Thomas handeln nicht übereilt. Weder Lügenberge noch entwaffnende Ehrlichkeit verletzen den jeweils anderen. Ihre Kinder Mark und Sally haben schon längst vor ihren Erzeugern bemerkt, dass die Ehe nur noch auf dem Papier besteht. Doch es ist nicht ihre Aufgabe die Brüche zu kitten. Das sollen die Eltern mal selber machen! Sofern sie es denn wollen…

Leonardos Maschinen

Leos Werk hat man nie ganz für sich alleine. Zumindest, wenn man Leonardo da Vinci auf die Mona Lisa und den gleichnamigen Code bezieht. Doch damit würde man weder sich noch dem Kopf dahinter auch nur annähernd gerecht werden. Jede Epoche hatte ihren Leo, die Gegenwart Leonardo DiCaprio und die Renaissance eben Leonardo da Vinci. Beide haben gemein, dass sie schon zu Lebzeiten legendär waren und Spitzenpreise für ihre zu erbringenden Arbeiten aufrufen konnten. Was beide übrigens auch taten bzw. noch tun.

Der Leonardo der Renaissance kann ohne Wenn und Aber als das letzte, wenn nicht sogar das einzige Universalgenie betitelt werden. Gemälde, Werkzeuge, Verteidigungsanlagen, Fluggeräte und so weiter – da hat der Mann aus Vinci seine Finger im Spiel gehabt. Er diente unterschiedlichen Herren und war doch immer auch ein Stück weit unabhängig.

Die Skizzen, die für dieses Buch „auf Brauchbarkeit“ unter die Lupe genommen wurden, sind nicht selten schwer zu entziffern. Sind die Forscher aber erst einmal hinter das Geheimnis gestiegen, offenbaren sich wahre Schätze der Naturwissenschaft. Die berühmte Brücke, die in Teambuilding-Seminaren gern mal als Paradebeispiel herhalten muss, ist nur ein Teil einer für die damalige Zeit (wir sprechen hier vom Ende des 15. Jahrhunderts) eine echte Revolution: Eine Drehbrücke, mit der man flexibel Flüsse überwinden konnte. Denn genau diese Brücke war mobil. Eine leichte Konstruktion, die unter schweren Lasten nicht zerbarst. In Kriegszeiten, und zu dieser war in Italien immer irgendwo eine Fehde im Gange, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Man stelle sich vor, Leonardo da Vincis Idee vom Hubschrauber wäre damals schon umsetzbar gewesen…

Doch auch für Verteidigungszwecke setzte der stets umtriebige Forscher seine schier unendliche Neugier ein. Er entwarf eine für ideale Festungsanlage. Zu dieser Zeit lebte und arbeitete er bereits in Mailand, das um 1508 zu Frankreich gehörte. Nach den Borgias und den Sforzas bekam er seine Order nun aus Paris. Ballistische Studien, Erforschung von Handfeuerwaffen und Geschützen gingen der Konstruktion voraus. Wuchtige, abgeschrägte Mauern waren das Grundgerüst dieser Ideenspielerei.

Ihn als Günstling der Herrscher und Kriegstreiber zu bezeichnen, wäre wiederum falsch. Denn auch als Konstrukteur von Kanalbaumaschinen, Drehkränen, als Architekt von Bühnenbauten, ja sogar Musikinstrumenten tat sich der Meister hervor.

Was dieses Buch so besonders macht, sind die Versuche die Skizzen aus dem 15. Und16. Jahrhundert in die Gegenwart zu transformieren. Anhand der Aufzeichnungen wurden aufwändige 3D-Modelle am Computer zu entwerfen. So hält der Leser das Beste aus der Technikgeschichte des vergangenen halben Jahrtausends in den Händen. Leonardo da Vinci könnte zurecht stolz darauf sein.

Alte Wunden

Acht Monate Aosta-Tal – klingt für einige wie ein nie enden wollender Urlaubstraum. Für den römischen Miesepeter Rocco Schiavone ist es die Hölle auf der alpinen Erde, die schlimmsten acht Monate seines verkorksten Lebens. Das Wetter, der Beruf, die Nachbarn – alle gehen ihn auf den Zeiger. Und der tendiert auch immer mehr gen Abneigung gegen so ziemlich alles. Da hilft nur Arbeit! Ein Verkehrsunfall mit zwei Toten und einem geklauten Nummernschild hilf da nicht wirklich – der Wochenbeginn ist eher zäh und geht Rocco gewaltig auf die Nerven. Genauso wie die dümmlichen Kollegen, die einfach nichts kapieren oder kapieren wollen. Lediglich Italo Pierron ist zu gebrauchen…

Doch die Woche hält für den mürrischen Ermittler noch eine Überraschung parat! Die achtzehnjährige Schülerin Chiara ist verschwunden. Entführung? Na klar! Zumindest für den Ermittler, nicht für die Eltern.

Die sind eher beunruhigt, dass die Polizei in Person von Rocco Schiavone nach den beiden verunglückten Personen fragt. Von der verschwundenen Chiara, ihrer Tochter, ihrem Fleisch und Blut ist keine Rede. Schiavone ist in seinem Element. Wenn jemand mit ihm Schlitten fahren will, bestimmt er die Route und das Tempo. Obwohl er Schnee im Mai hasst. Und es schneit…

Nach und nach kristallisiert sich ein verworrener Fall heraus. Chiaras Eltern sind reich. Nicht besonders, aber es reicht, um den Familienbetrieb mit einer kleinen Erpressung an sich zu reißen. Doch wer steckt dahinter? Die rechte Hand des Chefs?

Bei all den unfähigen Kollegen, den verstockten Bewohner Aostas, den kleinen, fiesen Geheimnissen, die hier jeder zu haben scheint, ist für den Großstädter Rocco Schiavone hier nicht viel zu holen. Denn immer mehr Verdächtige oder zumindest Personen, die alle etwas mit dem Verschwinden zu tun haben könnten tauchen auf. Ihr Freund Max, ihr Lehrer, der auch ihr Onkel ist, und mit der rechten Hand des Vaters eine Liaison hat oder sind noch ganz andere Mächte am Werk? Und was passiert, wenn Chiara gerettet wird? Wird sie die Entführer erkennen können?

Einzig allein die Hoffnung, dass Adele, eine Freundin ihn besuchen will, scheint Schiavone halbwegs milde zu stimmen. Wenn er wüsste, was er mit seiner Zustimmung sie zu beherbergen anrichtet…

Aus Liebe zu den Pflanzen

Fast scheint es unter Künstlern und vor allem Wissenschaftlern zum Standard zu gehören: Je höher der Wert der Erkenntnis desto niedriger der Bekanntheitsgrad. Van Gogh hat zu Lebzeiten ein einziges Bild verkauft. Und wer kennt heutzutage noch Wissenschaftler? Einstein, ja, der ist bekannt. Aber wer kann seine Relativitätstheorie kurz erklären? Der Raum ist krumm, und wer schneller als das Licht reist, wird jünger – das soll alles sein, was von ihm und seiner Theorie bleibt?

Stefano Mancuso ist selbst Biologe, forscht in Italien. In „Aus Liebe zu den Pflanzen“ setzt er den vergessenen Genies der Biologie ein Denkmal. Ein Dutzend Forscher stellt er vor, von denen gerade mal ein Viertel der Mehrheit bekannt sein dürfte: Da Vinci, Mendel, Darwin und Goethe. Schon, wenn man die Vornamen der Genannten weiß, würde man in einer Quizshow einen vierstelligen Betrag erhalten können. So unbekannt sind sie immer (noch).

George Washington Carver – kein Verwandter des ersten Präsidenten der USA, sondern ein Biologe, dessen Forschungen bis heute die amerikanische Kultur prägen. Salopp gesagt: Ohne ihn hätten Millionen von Kindern in den USA keinen Brotaufstrich. Ihm ist die Erdnussbutter zu verdanken. Unter anderem. Da könnte man meinen, dass ein solcher Erfinder im Reichtum gelebt hat. Nein, ganz im Gegenteil. Als Sohn von Sklaven in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war ihm nicht mal ansatzweise eine Art von Karriere vergönnt. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz (und davon gab es immer wieder welche – schließlich hatte er als Schwarzer in den USA keinerlei Rechte) – schaffte er es dennoch seine Ziele durchzusetzen.

Ganz im Gegensatz zu Charles Darwin. Seine Familie war und ist bis heute eng mit der Wissenschaft, besonders mit der Botanik verbunden. Darben musste er nie. Auch der Ruhm wurde ihm schon zu Lebzeiten zuteil. So bildet er eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen in diesem Buch.

Ja, auch „olle Goethe“ steckte schon während seines Studiums der Rechtswissenschaft seine Nase nicht nur in juristische Fachbücher, sondern auch in Seminare der Naturwissenschaftler. Die Botanik war mehr als nur eine Zeitvertreib oder willkommene Abwechslung vom stringenten Schriftenwälzen.

Von der Erdnuss über Weinbau, von Pflanzenkreuzungen bis hin zu Wechselwirkungen in der Natur haben alle in diesem Buch beschriebenen Wissenschaftler eines gemeinsam: Verdiente Ehre für die geleistete Arbeit mussten sie sich schwer erarbeiten. Wenige hatten Glück, viele fristen bis heute ein Mauerblümchendasein. Stefano Mancuso wirkt dieser Gedankenlosigkeit mit Verve entgegen. Seine Zuneigung für seine geistigen Väter ähnelt der Liebe derer zu den Pflanzen.

Sibylla und der Tulpenraub

Dreihundertfünfzig Jahre ist es her, dass Sibylla Maria Merian geboren wurde. Wenn man sich ihre Biografien (im Jahr 2017 gibt es gleich mehrere davon – Jubiläum!) durchliest, wird man das Gefühl nicht los, das man es hier mit einer der ersten weiblichen Wissenschaftlerinnen zu tun hat, die systematisch und analytisch gearbeitet hat. Und trotzdem ist sie (fast!) in Vergessenheit geraten. Aber die Zeiten sind ja nun vorbei.

Die E. A. Seemanns Bilderbände sind ein Grund dafür. Diese Reihe bietet Kindern die unterschätzte Möglichkeit sich der Kunst spielerisch zu öffnen. Und so ganz nebenbei lernt man auch noch was…

„Sibylla und der Tulpenraub“ stellt die kleine Sibylla vor. Weit bevor sie weite Reisen nach Surinam machte, wo sie Schmetterlinge beobachtete und in einzigartiger Weise festhielt. Bis heute faszinieren ihre Bilder der bunten Welt der Schmetterlinge die Betrachter.

Sibylla ist ein Einzelgänger. Sie interessiert sich für Dinge, die Andere einfach nur eklig finden: Kreuzottern, Gelbbauchunken, Ungetier. Eines Tages dringt ein seltsamer Duft in ihre Nase. Ein wohltuender Duft. Ein Duft, der die Kleine neugierig macht. Er weht von den Tulpen aus Nachbars Garten. Der Graf, dem der Garten und die Tulpen gehören, wird sicher niemals der „kleinen Göre von nebenan“ erlauben diese zu betrachten, geschweige denn zu malen. Und wie das eben so ist mit den verbotenen Früchten und Kindern – man nimmt sich, was man nicht haben kann. Sieht man heute noch öfter an Supermarktkassen.

Das Geschrei am nächsten Tag ist natürlich groß. Doch der Gärtner des Grafen hat schon einen Verdacht: Sibylla. Die kecke Nachbarstochter wickelt den aufgebrachten Mob jedoch schnell um den Finger. Die von ihr gemalten Bilder des Diebesgutes besänftigen im Handumdrehen die erhitzten Gemüter.

So einfach war Sibylla Merians Leben nicht immer, so schwierig wie diese Kindheitsepisode schon. Ein Frau, die wissenschaftlich arbeiten will – wo gibt’s denn sowas?! Doch sie setzte sich durch, wie schon in Kindertagen. Text und Illustration stammen von Benita Roth, die in diesem Buch mit Weiß und grellen Farben arbeitet. Mit viel Lieb zum Detail würdigt sie die Arbeit der vor dreihundert Jahren gestorbenen Forscherin und Künstlerin, deren Werke bis heute in Königlichen Galerien ausgestellt sind.

Erinnerungen

Ein Buch über zwei Vorbestrafte. Zwei, die es einfach nicht lassen können mit illegalen Aktionen ihre Ziele zu verfolgen. Darf man so was veröffentlichen? Eine provokante Frage! Ja, man darf. Man muss! Denn es handelt sich hierbei nicht um irgendwelche Gauner, Diebe, Trickser oder gar Schlimmeres, sondern um Beate und Serge Klarsfeld. Nazijäger nennt man sie. Dieser Titel erfasst nicht einmal annähernd die Bedeutung der Arbeit der Beiden.

Gerade dem Teenageralter entwachsen, ging Beate Klarsfeld als Au-pair nach Paris. Mit im Gepäck waren Neugier und Schüchternheit, aber auch Charme und Durchsetzungsvermögen. Hier lernt sie auch Serge kennen. Dessen Familie hat die Judenverfolgung in Frankreich miterleben müssen, Serges Vater konnte gerade noch Frau und Kinder verstecken, bevor die Nazis ihn verhafteten, deportierten und in Auschwitz ermordeten.

Vom Ausland aus wird Beates Blick auf die Heimat geschärft. Kurt Georg Kiesinger soll Bundeskanzler werden. Nur wenige haben damals den Mut ihn wegen seiner führenden Propagandatätigkeit im Dritten Reich anzugreifen.  Beates Kampfeswille ist geweckt. Als sie in einer französischen Zeitung zum Widerstand gegen den Kanzlerkandidaten aufruft, wird sie entlassen. Ihre Vorgesetzten berufen sich auf die Statuten des Deutsch-Französischen Jugendwerkes. Einer der Hauptakteure trat am gleichen Tag wie Kiesinger in die NSDAP ein – ein Wink des Schicksals? Doch all das Kämpfen, Aufrütteln und Öffentlichmachen nützt nichts – das Angestelltenverhältnis bleibt aufgelöst. Es müssen andere Methoden her, um auf die Missstände aufmerksam zu machen.

Serge ist eine der treibenden Kräfte die Kollaboration des französischen Vichy-Regimes mit Nazideutschland publik zu machen. Wie zwei Terrier am zerren die beiden am Hosenbein der Geschichte. Aufdecken als Rache ist es nicht, was die beiden antreiben wird. Gerechtigkeit im wahrsten Sinne des Wortes ist ihre Triebfeder. Wenn es sein muss – und es muss immer wieder sein! – auch mit illegalen und spektakulären Aktionen. Als Fanal galt und gilt die schallende Ohrfeige für Kiesinger.

Es war die Zeit des Vergessens. Ruhe war eingezogen, und so sollte es auch bleiben. Krieg und Verfolgung waren über ein Jahrzehnt her, doch die Täter waren immer noch unter ihnen. In führenden Positionen, wie unter anderem das Beispiel Kiesinger zeigte. Andere waren geflohen, um sich nicht vor Gerichten verantworten zu müssen. Diese aufzuspüren, ihre Taten lautstark anzuprangern und vor Gericht zu bringen, war von nun an das Lebensziel der beiden. Und ist es bis heute.

Dem Anwalt und Historiker Serge Klarsfeld ist es zu verdanken, dass die Opfer der Nazidiktatur namentlich nicht vergessen werden. Unermüdlich durchforstete er Archive und gab den Hinterbliebenen die Möglichkeit Zweifel und Ungewissheit über den Verbleib ihrer Väter und Mütter, Tanten und Onkel, Söhne und Töchter auszuräumen. Immer wieder kehrte auch der Terror in ihr Leben zurück. Anschläge und Anfeindungen waren Alltag.

Ihre Lizenz zum Jagen erhielten Beate und Serge Klarsfeld von der Humanität. Ihnen wurde in frühen Jahren zum Verhängnis, dass sie vorausschauend wirkten. Erst in jüngster Vergangenheit konnten sie die Früchte ihrer Arbeit ernten. Das Bundesverdienstkreuz für beide und die Kandidatur Beate Klarsfelds als Bundespräsidentin waren mehr als Genugtuung. Es war die nie eingeforderte, doch willkommene Anerkennung ihrer niemals endenden, aufopferungsvollen Arbeit.

Die Erinnerungen lesen sich wie ein Thriller, mal mit gutem, mal mit nicht so befriedigendem Ende. Die Jagd nach Klaus Barbie dem Schlächter von Lyon (in Frankreich verurteilt)  oder Alois Brunner, dem Handlager von Adolf Eichmann (entkommen, aber elend in Syrien gestorben).

Die Parallelen zur aktuellen politischen Lage sind erschreckend. Wortwahl und Zielstrebigkeit der so genannten neuen Rechten sind so eng mit der Zeit des Faschismus in Europa verknüpft, dass man meinen sollte, dass allein der Habitus dieser Querköpfe ausreichen sollte, um sie zu entlarven und zu verteufeln. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Schlag auf den Hinterkopf mit diesem über sechshundert Seiten starken Buch können die Schreie nach der „starken Hand“ von denen, die Barbie, Lischka, Brunner schon vergessen haben, verstummen lassen.

Maria Sibylla Merians Schmetterlinge

Das Jahr begann gleich mit einem Jubiläum, das ohne die vermehrte Nennung nur ein klitzekleiner elitärer Kreis gefeiert hätte: Den 300. Todestag von Maria Sibylla Merian. Ob Videotext, Zeitungen oder Ausstellungsankündigungen – der überwiegende Teil kennt diese Frau nicht (mehr). Doch ihr Werk und ihre Werke sind dann doch bekannt.

Schon als Jugendliche hat sich die wissbegierige Maria mit Schmetterlingen beschäftigt. Doch in ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main oder ihrem zweiten Zuhause Amsterdam waren Schmetterlinge nur in Privatsammlungen und Museen zu besichtigen. Ganz zu schweigen von der Metamorphose der Raupen zu den farbenprächtigen Exemplaren, die fern der Heimat zum Alltag gehören.

Maria Merian interessierte sich nicht nur die Vielfalt der Farben auf den Flügeln der flatterhaften Genossen. Siewollte wissen, wie aus einer unscheinbaren Raupe ein anbetungswürdiges Geschöpf entstehen kann. Zusammen mit ihrer Tochter machte sie sich auf den Weg, auf Expeditionsreise nach Surinam in Südamerika, damals holländische Kolonie bzw. Besitztum der West India Company.

Hier fand sie ihre Erfüllung. Unter dem Vergrößerungsglas entdeckte sie die schuppenartige Struktur der Flügel. Schon als Kind bekam sie Unterricht in Malkunst und so machte sie aus ihren beiden Leidenschaften – Malen und Forschen – eine Tugend. Das Ergebnis ist in diesem kompakten Band jedermann zugängig. Erstaunlich mit welcher Akribie sie jede auch noch so kleine Nuance abbilden konnte. Pflanzen und Schmetterlinge, die bis heute ein Faszinosum darstellen. Immer wieder verblüffen ihre Bilder den Betrachter ob des Detailreichtums. Was sonst nur im Museum der Öffentlichkeit gezeigt werden kann, ist nun jederzeit für jedermann verfügbar. Weit weg von kitschig-bunt und nostalgisch verklärter Romantik waren die Bilder schon zu Lebzeiten Maria Merians ein Verkaufsschlager. In unterschiedlicher Druckqualität wurden sie angeboten. King George III. erwarb die Bildtafel, ihm ist es zu verdanken, dass sie als Teil der Königlichen Sammlung bis heute erhalten sind.

Dieses Buch ist sicherlich kein Buch, das man mit auf reisen nimmt, um Schmetterling zu bestimmen – obwohl das möglich wär. Es ist vielmehr ein Beweis für die Kunstfertigkeit einer Frau, die in einer Zeit lebte, in der es Frauen so gut wie unmöglich war, wissenschaftlich zu arbeiten. Umso mehr erstaunt der Lebenslauf der energischen Frankfurterin. Ihre Zeichnungen sind in Ausschnitten den meisten schon mal untergekommen. Doch die Künstlerin dahinter tritt wohl nun erst jetzt so richtig ins Licht. Verdient, wenn auch verspätet!

Meine Gourmet Tour de France

Tres bien! Das war lecker! Den Col de „Gefüllte Taschenkrebse“ erklommen, als Rolleur „Normannische Brioche“ und „Milchreis“ genossen, und zum Abschluss eine „gratinierte Zwiebelsuppe“ obendrauf. Das, was den Teilnehmern der Tour de France während ihrer dreiwöchigen Rundreise vorenthalten wird, darf man nun nachkochen, mit allen Sinnen genießen und das tagein, tagaus. So macht Frankreich, so macht Urlaub, so macht ein Kochbuch Spaß!

Julie Andrieu nimmt die Strapazen der Tour auf sich und klappert mit den Kochtöpfen für den Leser die schönsten Passagen der Küchen an der Wegstrecke ab. Und genau wie jede Etappe ihre Eigenheiten hat, so ist eben auch die Küche Frankreichs nicht zu verallgemeinern. Dort, wo die Tour de France seit 1975 endet, in Paris, beginnt sie ihre Gaumenrundfahrt. Gleich die zweite Etappe hat es in sich. Nur 20 Minuten lang (also Zubereitungszeit), doch voller Geschmacksexplosionen: Entenleberpastete mit Nussaromen. Da steigt man gern vom Drahtesel und genehmigt sich noch Nachschlag. Vorbei an Louvre und Eiffelturm – das Auge isst doppelt mit, denn Fotos aus den vorgestellten Regionen sind hier mehr als nur das Salz in der Suppe – geht es weiter über Hasenpastete mit Cidre und Hähnchen mit flambierten Calvados-Äpfeln zu rosa Venusmuscheln, womit wir schon im Nordwesten angekommen sind. Hier, wo der Wind den Pedalrittern seitwärts das Vorwärtskommen gern mal erschwert, tischen die Autorin Rezepte auf – übrigens allesamt von passionierten Amateuren (als Gegenentwurf zum Profi) der Autorin verraten – deren Name schon das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Seebarsch in Salzkruste mit weißer Buttersauce.

Oder wie wäre es mit einer Tarte? Tarte Kougin-Amann aus Buchweizenmehl. Typisch für die Bretagne, dass man hier Buchweizenmehl verwendet. Originell und traditionell.

Der sonnige Süden, dort, wo die Berge nur echte Kerle zu sich herauflassen, wartet am Ende der Etappe Mandelpudding und Mandelgebäck. Und das alles ohne unerlaubte Zutaten. Alles, was hier in den Töpfen verschwindet, in den Backformen zur Hochform aufläuft, duftend aus Kellen serviert wird, nur darauf wartet nachgekocht zu werden, verdient das Prädikat lecker. Deftig und süß, raffiniert und bodenständig, exquisit und neu interpretiert – hier kommt man nach einem anstrengenden Tag im Sattel wieder zu Kräften. So eine Tour de France lässt man sich nicht entgehen!