Der spanische Esel

Da versucht man doch nur seiner Leidenschaft zu fröhnen, und einen Film auf die Beine zu stellen. Okay, vorzugaukeln einer Frau mit einer Rasierklinge das Auge zu zerschneiden (wofür man mit Misserfolg bestraft wird), bedarf mehr nur einer halbherzigen Erklärung. Aber beim nächsten Mal wird alles anders. Zumal, wenn man schon einen großzügigen Gönner gefunden hat, der sein Geld für die Realisierung in der Mitte Spaniens zur Verfügung stellt. Man muss ihn nur von seiner Idee – sofern vorhandne – überzeugen. Und ebenso den Ideen des Geldgebers permanent eine Absage erteilen… der Beruf des Filmemachers, des Künstlers, ist eigentlich ganz einfach. Und wenn man Luis Buñuel heißt, sollte das doch kein Problem sein.

Naja, so einfach ist es dann doch nicht! Denn Buñuel war kein einfacher Charakter. Und seiner Ideen waren nicht das, was man massenkonform nennt. Und so sollte es auch wieder kommen. Mitten im Nirgendwo der Extremadura, in Las Hurdes will der eigenwillige Künstler einen Dokumentarfilm drehen. Um ihn herum nur Einöde, nur Elend. Die Menschen sind verwahrlost und als die Vier-Mann-Crew eintrifft, sehen die meisten von ihnen zum ersten Mal ein Auto. Doch dann hat eine zündende Idee – der Esel da, genau der … Buñuels Revolver … da lässt sich doch bestimmt etwas machen… oh je. Der Skandal ist ein weiteres Mal vorprogrammiert.

Sebastian Guhr gibt seiner Phantasie jede Menge Zucker. Er kratzt die harten Fakten der Filmgeschichte zusammen und knetet sie zu einer weiteren Kunstfigur erneut zusammen. Buñuel und seine Entourage werden zum Spielball ihrer eigenen Gedanken. Alles real. Alles surreal. Der Film wurde von den spanischen Faschisten verboten. Und ist ein Klassiker – nicht wegen der Legende, sondern wegen des Themas. Buñuel filmte Menschen, die nichts – absolut gar nicht, nichts zu essen, nur die Kleidung am Leibe, und vor Perspektiven ganz zu schweigen –  besaßen. Und dann die Sache mit dem Esel…

So schwierig Buñuels Filme manchmal zu verdauen sind, so leichtfüßig schafft es der Autor dem Surrealisten Buñuel nahe zu kommen. Mit Akribie recherchiert und mit straffer Feder zu Papier gebracht. Ganz real!

München Abenteuer

Wer als Fußballfan zum Erstligaspiel anreist, weiß meist schon vor Anpfiff, dass er mit gesenktem Haupt wieder von dannen traben wird. Wer das Olympiagelände besucht, kann sich sicher sein, echte Abenteuer zu erleben. Und mit der Parkplatzsuche hat sich das Repertoire an Abenteuern in München auch schon erledigt. Denkste!

Detlef Dresslein hat nicht nur das eine oder andere Abenteuer in Minga (ja, auch den Dialekt kann man als abenteuerlich auffassen, aber darum geht’s hier nicht) gefunden, sondern – und soweit kann man gehen – alle Abenteuer gefunden. Und in diesem besonderen Band zusammengefasst.

Das reicht vom historischen Rundgang durch die Millionenstadt auf den Spuren der dunkelsten Geschichte (was einst sogar auf Poststempeln als „Hauptstadt der Bewegung“ vermerkt wurde) über einen ungewöhnlichen (und preiswerten) Rundgang in der Pinakothek der Moderne bis hin zum Kinobesuch. Der Rundgang ist vom NS-Dokumentationszentrum organisiert und wird mit einer App gesteuert. Während andere fast schon achtlos an erinnerungswürdigen Orten vorbeischlendern und der nächsten Maß entgegenhecheln, ist man selbst wissend auf geschichtsträchtigen Pfaden unterwegs. Da staunt man heute noch, wie präsent die Orte noch sind. Man muss sie nur zu finden wissen.

Dass die Pinakothek der Moderne auch abenteuerlich sein kann, beweist das Sonntagsangebot. Eine halbe Stunde vor Beginn gibt’s Karten für ’nen Euro – schon allein diese „Warte-Lotterie“ kann für Nervenkitzel sorgen. Und dann gibt’s 30 min Intensivvortrag über ein Werk. Keine Ablenkung durch die Fülle an Gemälden und dem Zwang auch wirklich alle sehen zu müssen. Ein Werk, dreißig Minuten – und das museale Herz blüht auf.

Wer spät am Freitag- oder Samstagabend nicht sein bitter verdientes Geld für überproportional hippe Drinks in den Schlund kippen will, der hat seit fast einem halben Jahrhundert die Möglichkeit sich für relativ kleines Geld die Klamotten versauen zu lassen. Hä? Was soll daran abenteuerlich, geschweige denn nachahmenswert sein? Ganz einfach: Am 24. Juni 1977 feierte der Film“ The Rocky Horror Picture Show“ in Deutschland Premiere. Und seitdem läuft der Film … in den Museum Lichtspielen. Und zwar mit allem, was dazu gehört. Reis, Zeitung, Gummihandschuhe, Knicklicht. Das gibt’s sonst nur noch in Paris und San Francisco! Und wer hinterher nicht die Reiskörner (während der Hochzeitsszene) aufsammeln will, um dem knurrenden Magen zu stillen, der geht vorher schon um die Ecke was essen.

Auch hierzu bietet dieser Reiseband ein Füllhorn an Möglichkeiten. Jedes Kapitel schließt mit dem vielsagenden Absatz „… und wenn man schon mal hier ist“. Großartig – da weiß jeder, dass es am Ausgang noch lange nicht Schluss ist. In etwa so, wie wenn man meint, dass außerhalb des Englischen Gartens nichts Abenteuerliches mehr zu erleben wäre.

Barcelona Abenteuer

Barcelona ohne Abenteuer? Das geht doch gar nicht! Was hingegen möglich ist, dass man bei dem Überangebot an Abenteuern leicht den Überblick verlieren kann. Kaum eine andere europäische Metropole hat sich in den vergangenen Jahrzehnt derart oft und tiefgreifend verändert wie die katalanische Stadt am Mittelmeer. Und da soll es immer noch Menschen geben, die Barcelona nicht spannend finden…

Die sollten mal mehr als nur einen Blick in dieses Buch werfen. Das gibt’s schon zu Beginn gleich was auf die Augen. Auf der ersten Umschlagseite wird in Versuchung geführt: Wie sah Pornographie in der Renaissance aus? Seite 36 weiß da mehr darüber. Eine enge Gasse, die auch schon Picasso inspirierte und … nö, das muss man selbst erleben und vorher erlesen. Wer will kann den Rundgang bei einem Cocktail und Popcorn entsprechend ausklingen lassen – „und wenn man schon mal hier ist“ lautet die weiterführende Rubrik am Ende eines Kapitels. Kopfkino einschalten!

Montags, mittwochs und freitags wird es abenteuerlich auf dem Mercat dels Encant. Ein Lächeln huscht so manchem Besucher übers Gesicht, wenn er sich mitten in einer Auktion am frühen morgen befindet. Zum Einen hat man den Weg dorthin gefunden. Zweitens hat man sich im Gewühl zum Auktionator vorgekämpft – der geht nämlich zu den zu versteigernden Sachen. Drittens ergötzt man sich an dem rasanten Tempo der merkantilen Quasselstrippe. Und Viertens findet man dieses Spektakel wirklich so nur hier.

Da darf es dann am Abend durchaus etwas gediegener und entspannter zugehen, oder?! In den feinsten Zwirn gesellt man sich in eine Reihe Wartender. Und das schon um 19 Uhr – vor 21 Uhr geht hier doch niemand raus, um den Nachtleben zu genießen. Wieso als um 19 Uhr sich in eine Warteschlange stellen, wenn es eh erst ein paar Stunden losgeht? Kleiner Tipp: Wer verschmutzte Brillengläser hat, wird es nicht genießen können!

Frank Feldmeiers Abenteuer-Reiseband durch Barcelona (keine Scheu: Das C darf und soll ruhig scharf gesprochen werden) ist es ein wahres Füllhorn an Erlebnissen, die man nie wieder vergessen wird. Und oft sogar zu einem erschwinglichen Preis nachzuvollziehen. Hier wird niemand in Bars gelockt, wo das Getränk dem Gegenwert einer Tankfüllung entspricht. In diesem Band, in dieser Reihe taucht man in eine Stadt ein, die trotz aller Menschenmassen, die sich 24/7 durch sie hindurchwalzen, immer noch jede Menge versteckte Abenteuer, die man sonst in keinem Reiseband finden wird. Selbst wer Barcelona schon kennt und liebt, wird hier immer noch fündig werden. Und wer die Stadt tatsächlich noch nicht kennt, bekommt schon beim Buchweglegen Entzugserscheinungen.

Bluebird bluebird

Genevas Bar war schon immer hier. So scheint es. Am Highway, wo sich Trucker und Einheimische den Whiskey ihren Rachen runterlaufen lassen, wo für knapp fünf Dollar ein Sandwich den Magen wärmt, wo Geneva für die wichtige Ordnung sorgt. Sie hat ihren Sohn schon vor Langem zu Grabe getragen. Und seitdem trägt sie Trauer im Herzen, ohne daraus eine Mördergrube zu machen. Die Idylle – wenn man es überhaupt so nennen darf – gerät ins Wanken als in der Nähe zwei Leichen entdeckt werden. Eine junge – weiße – Frau. Und schon werden im Umkreis von ein paar Meilen alle – schwarzen – Männer erstmal verhaftet, zumindest sehr genau unter die Lupe genommen. Kurz zuvor wurde die Leiche eines – schwarzen – Mannes gefunden. Da herrschte bei den Cops noch Routine. Geneva weiß, dass bald schon Aufruhr herrschen wird im Osten von Texas.

Texas Ranger Darren Mathews muss die Morde aufklären. Besser heute als morgen. Denn je länger die Untersuchungen andauern, desto mehr brodelt die Gerüchteküche. Schuldzuweisungen machen nicht nur die Runde, sie werden lauter und lauter. Und Mathews hat auch schon einen Verdacht: Die arische Bruderschaft hat irgendwie ihre brauen Finger im mörderischen Spiel. Das laut auszusprechen, birgt für ihn aber große Gefahren. So was sagt man nicht laut, wenn man keine stichhaltigen Beweise hat und schon gar nicht wenn man als Einzelkämpfer für Gerechtigkeit zu sorgen hat. Und erst recht nicht, wenn man seine Hautfarbe hat…

Mathews ist aber auch ein Ehrenmann mit festen Prinzipien. Die haben ihm seine Verwandten eingeimpft. Niemals einen Anlass zur Beschwerde geben. Äußerlich, aber auch innerlich immer korrekt sein. Er trägt den Stetson wie selbstverständlich, seine Kleidung ist stets gepflegt. Und sein Gewissen ist rein. Seine Vorgehensweise unermüdlich gewissenhaft. Das hilft ihm aber auch nicht weiter als er seine Nachforschungen zum Tod der gefundenen Leichen beginnt. Man ist höflich zu ihm – noch. Man antwortet exakt auf das, was er fragt. Aber nur so viel wie nötig. Die so genannte Mauer des Schweigens scheint für Mathews unüberwindbar. Aber wer sich in Sicherheit wiegt, hat in Texas Ranger Darren Mathews einen unerbitterlichen Gegner.

Selten zuvor hat es eine Autorin geschafft derart rasant den Leser in eine Geschichte hineinzuziehen wie Attica Locke. Schon nach wenigen Zeilen sieht man den Film vor seinen Augen: Den gleichgültigen Bayou, die verzweifelten Bewohner mitten im Nirgendwo im Osten von Texas, die immer gleichen Gesprächsfetzen in Genevas Bar, der unterschwellige und der offene Rassismus, die verlorenen Seelen, die Einöde, die Normalität, die zu zerbrechen droht, weil zwei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe tot aufgefunden wurden. Das „Wer war es?“ rückt in den Hintergrund, wenn die Angst alle Regeln auf den Kopf zu stellen droht.

Die Stadt der Anderen

Die Pappe unterm Gesäß, das Gold vor Augen. So lebt eine Gruppe von Menschen in der brasilianischen Metropole São Paolo. Ihre Heimat ist die Praça da Matriz. Wer hier lebt, lebt schon lange nicht mehr. Elend, Armut, Dreck umgibt sie wie die Anderen der Reichtum. Nächtliche Streifzüge über die Mauer in die andere Welt gehören zum Alltag der Kampf ums Überleben. Chilves, Jéssica, Dido mit seinem Hundewelpen und Iraquitan, der Schriftsteller sowie Farol Baixo, den alle nur den Lügner nennen, weil er so manche Geschichte auf Lager hat, sind die Vergessenen der Stadt.

Ihren Lebensmut, den Drang zu (Über-) leben, haben sie aber noch lange nicht aufgegeben. Denn das Leben ist jeden Tag ein Abenteuer, das bewältigt wird. Mit allen Mitteln.

Während Iraquitan seine Gedanken in Worte fasst, gehen Chilves und Jéssica auf Beutezug. Dido erfreut sich, wenn es seinen vierbeinigen Freunden gut geht. Was oft als „sie sind trotzdem glücklich“ verklärt wird – was einen unfassbaren Zynismus darstellt – ist das pure Leben.

Patricia Melo umkreist nicht den Ort des Elends. Sie blickt erst recht nicht auf ihn und seine Bewohner herab. Sie sticht ins Herz dieser Kommune, die keine Barrikaden errichtet, sondern sie niederreißt. Und wenn die Barrikaden doch Bestand haben, dann sind sie Aussichtspunkte auf das, was nie erreicht werden kann. Zumindest nicht auf legalem Weg.

Der soziale Abstieg ist an der Praça da Matriz nicht mehr vorhanden. Es gibt keinen Weg nach Unten, nur den nach vorn gerichteten Blick.

Polizeigewalt und Willkür stehen auf der Habenseite. Genauso wie die gezielten Hilfsaktionen von Organisationen, die hier aktive Hilfe leisten. Mal ein Zelt als Unterkunft, mal ein offenes Ohr – Hilfe gibt es. Doch sie sind nur Tropfen auf dem heißen Pflasters der Stadt.

„Die Stadt der Anderen“ bewegt immer mehr, je öfter man die Seiten umblättert. Ohne falsche Anteilnahme findet man sich in einer Umgebung wieder, in der das eigene Leben (des Lesers) hinter dem Vorhang der Realität verschwindet. Patricia Melo wurde in São Paolo geboren. Ihre Recherchen zu diesem Buch brachten sie mit Menschen zusammen, denen das Schicksal derer, die am Rande der Gesellschaft leben müssen, nicht egal ist. Sie erhalten ein Gesicht und eine Stimme. Und sie haben Sehnsüchte!

Eine Abenteuertour auf dem Bodensatz der Gesellschaft wirbelt viel Staub auf. Das Staubgewand ist nur blickdicht, wenn man die Augen verschließt. Patricia Melos sanfter Handkuss wirbelt diesen Wirbelwind noch einmal kräftig durcheinander. Hier ist Bewegung drin! Immer wieder liest man verblüfft wie viel Hoffnung in dieser scheinbar hoffnungslosen Stadt der Anderen aufkeimt.

Weiße Rentierflechte

„Solche wie sie kommen nicht zurück“ – alles, wirklich alles auf der Welt hätte Aljoschka lieber gehört. Auch von seiner Mutter. Seine Angebetete ist fort. Mit einem Mal verpufft all das lautlos und unwiderruflich, was er sich für eine Zukunft schon lange ausgemalt hatte. Die Tradition gebietet es jedoch selbst nicht davonzulaufen. Wohin auch? Was wäre dann?

Aljoschkas gehört zum Nomadenvolk der Nenzen, die im Nordwesten Sibirien rentiere züchten. Und sehr stark auf ihre Tradition achten! Die Trauer über die verlorene Liebe – viele haben schon ihre Familien verlassen und kommen nur an Sonnentagen zurück, und beglücken Vater, Mutter, Geschwister mit ihrer Anwesenheit – muss hinfortgewischt werden. Das Leben muss weitergehen. Auch, damit die Gemeinschaft weiterhin bestehen kann. Aljoschka muss nach meiner der Mutter nur eine Frau finden, die kochen und Löcher im Ärmel stopfen kann, die die Fellschuhe trocknet und Feuermachen kann. Tröstendes kann Aljoschka in diesen Worten nicht finden.

Er findet, dass die Traditionen durchaus ein Update vertragen könnten. Wobei er das Wort Update wahrscheinlich nie verwenden würde. Hier, wo er sein wanderndes Zuhause hat, wo seine feste Heimat ist, sind Regeln nicht dazu da, um gebrochen zu werden, sondern um der Gemeinschaft zu dienen. Ohne Regeln wären die Nenzen schon längst ausgestorben.

Und so weicht die Trauer nach und nach dem Opportunismus. Jedoch nicht, ohne das Ziel – mit einer Frau zusammenzuleben – aus dem Auge zu verlieren. Dafür sorgen schon die Alten und Weisen der Gemeinschaft. Und so schlecht hat er es nicht getroffen. Wenn man zusammen ums Feuer herumsitzt, am Teetisch echtes Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt, ist die Welt mehr in Ordnung als Aljoschka es sich momentan vorstellen kann. Doch auch hier herrschen strenge Regeln. Aufstehen bevor das Mahl beendet ist, bringt genauso viel Unglück wie der Dame des Hauses beim Abräumen des Tisches zu helfen. Das Glossar am Ende des Buches ist eine wahre Fundgrube für die Traditionen der Nenzen.

„Weiße Rentierflechte“ ist das erste ins Deutsche übersetzte Buch einer Nenzin. Anna Nerkagi schafft es mit einfachen Worten ein wohliges Gefühl der Geborgenheit beim Leser zu hinterlassen. Der Winter in der Tundra ist mit einem mitteleuropäischen Winter nicht zu vergleichen. Schneefreie Monate gibt es hier nicht. Und wenn’s kälter wird, dreht man auch nicht einfach die Heizung weiter auf. Die traditionelle Behausung, Tschum, ein Zelt, wird im Winter mit einer weiteren Schicht Rentierfelle belegt – das muss reichen. Neben der rührseligen Geschichte um die Sehsüchte des verlassenen Aljoschka, besticht die Autorin mit der Gabe tief verwurzelte Traditionen leichtgängig zu vermitteln. Eine echte Entdeckung!

Gardasee

Hier ist Italien zuhause wie man es sich in den buntesten Farben nicht ausmalen kann! Eine funktionierende Infrastruktur, erstklassig beschilderte Pfade und Wege, angenehmes Klima mit unzähligen Sonnentagen – aber auch besonders zur Ferienzeit Menschenmassen, die so manches Erlebnis vermiesen können. Um dem zu entgehen, ist es ratsam die Reise an den Gardasee eingehend zu planen. Und dafür gibt es nur eine Wahl: Diesen Reiseband von Eberhard Fohrer.

In der bereits 11. Auflage wird man einmal mehr zu den schönsten Punkten des größten Alpensees geführt, ohne dabei im Strom der Neugierigen unterzugehen. Schlagzeilen machte der Gardasee in der jüngeren Vergangenheit mit einer immer häufiger sichtbaren Wasserknappheit. Dort, wo man sich vor Jahren noch nasse Füße holte, konnte man stellenweise meterweise in die Tiefe springen. Ja, dieses Thema wird immer wichtiger, wenn es um Tourismus am Gardasee geht.

Eberhard Fohrer gibt auch Tipps abseits der gängigen Klischees mit Campingverordnungen, dem besten Gelato und den eindrucksvollsten Aussichtspunkten. Wie wäre es mit einem Besuch zur Weihnachtszeit?! Es muss nicht immer der wolkenfreie Himmel über dem Lago del Garda sein! Ein lauschiger Bummel über die Weihnachtsmärkte ist mindestens so eindrucksvoll wie Wasserskifahren im Juli.

Es sind vor allem die kleinen versteckten Hinweise auf Wanderungen, die dieses Reiseband so einzigartig machen. Mal einen Strauch beiseite biegen oder da innehalten, wo andere achtlos ihre Kilometer runterspulen. Einkehr halten, wo andere die letzten Brocken der Brotzeit noch zerkauen. Oder einfach nur ein paar Meter abseits der Pfade das entdecken, was vielen verborgen bliebt, weil sie der Meinung sind, dass ein Reisband das Vorankommen behindert.

Wer den Gardasee nicht als offensichtliches Reiseziel mit allen zugänglichen Highlights, sondern als Entdecker-El-Dorado erfahren will, kommt an den 360 Seiten dieses Buches nicht vorbei. Immer wieder ertappt man sich, dass man schon beim Lesen wie im Urlaub fühlt. Die Namen sind jedem geläufig: Monte Baldo, Sirmione, Riva – das kennt man alles. Doch ihre wahren Schätze muss man suchen. Mit diesem Reiseband in der Hand oder zumindest im Reisgepäck wird diese Suche zu einer erholsamen Jagd nach dem Unvergesslichen.

Normandie

Die Normandie ist mehr als nur die Region, aus der der Camembert stammt. Hoch im Norden Frankreichs sind die berühmtesten Städte Rouen, Caen, Cherbourg, Le Havre und Granville. Doch nur sie als stellvertretend anzugeben, würde der Normandie nicht gerecht werden. Die Region wurde in den 1960er Jahren unfreiwillig durch Brigitte Bardot neuerlich ins Bewusstsein der Menschen getragen, als sie den Schauspieler Curd Jürgens als normannischen Schrank bezeichnete.
Das häufigste im Stichwortverzeichnis geführte Wort ist Château. Das verwundert es nicht, dass vom Märchenschloss bis hin zum verzaubernden Schlosspark in der Normandie alles vorhanden ist.
Ein unbestrittenes Highlight ist der Sonnenauf- und untergang am Mont St. Michel im äußersten Westen der Normandie. Auf einem Felsen, nur wenige Meter vor der Küste, erhebt sich eine Abtei, deren Grundsteinlegung vor über tausend Jahren war. Wer einmal den Aufstieg gewagt hat, ist nicht nur wegen der Strapazen außer Atem, sondern wegen der grandiosen Aussicht geplättet.
Ein Besuch einer der zahlreichen Calvados-Destillerien in und um Caen wird schnell zu einer weiteren sportlichen Angelegenheit. Denn der Apfelschnaps hat es in sich. Ebenso die Strände. Und das nicht nru wegen der jüngeren Geschichte. Gepanzerte Bunkeranlagen wurden jedoch von Mutter Natur teilweise zurückerobert, so dass das hässliche Grau dem friedlichen Grün gehorsam gewichen ist.
Wer sich auf das Abenteuer Normandie einlässt und diesen Reiseführer immer fest in der Hand und sich vor Augen hält, wird eine Region erfahren, die voller Überraschungen steckt. Ausgedehnte Autofahrten, vorbei durch weithin blühende Felder, schroffe Felslandschaften, Jahrhunderte alte Bauten, die vom einstigen Ruhm ihrer Bewohner künden und eine abwechslungsreiche, immer sich immer wieder neuentdeckende Küche machen eine Reise durch den Norden Frankreichs zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Ralf Nestmeyer hat 14 Wanderungen und Touren zusammengestellt, die jede auf ihre eigene Art die Normandie erkunden lassen. Die übersichtlichen Karten und Pläne rauben die Angst vor Verirrungen. Durch die dargelegten Hintergründe fühlt man sich hier schnell heimisch.

Geschichte und Geschichten auf allen Wegen. Lukullische Eroberungen – schon mal Camembert probiert? Ja? Schon mal in Camembert gewesen? Nicht viel größer als der Käse selbst, doch das original am Originalschauplatz zu probieren, ist eine ganz andere Welt, die es zu entdecken lohnt.

Norddalmatien

Schon das Titelbild lädt zum Verlieben ein. Eine herzförmige Insel – Insel Galešnjak – lächelt dem Leser entgegen und macht Lust auf noch mehr Entdeckungen. Wie wäre es mit einer Klettertour in der Velika-Peklenica-Schlucht? Oder einfach nur die Seele baumeln lassen auf einer der zahlreichen Inseln in der Adria? Oder mal unter der Erde verschwinden wie einst Matthias Sandorf in dem gleichnamigen Roman von Jules Verne? Ist alles möglich in Norddalmatien.

Lore Marr-Bieger schient wirklich jede noch so kleine Insel zu kennen. Inselhopping bekommt in diesem Buch eine völlig neue Bedeutung. Selbst Einheimische scheinen hier noch etwas Neues entdecken zu können. Und für alle, die Angst haben mal einen Namen nicht ordnungsgemäß aussprechen zu können – die Konsonantendichte im Kroatischen ist teilweise zungenbrechend – für den sind die Inseln Pag, Olib oder Silba angstfreie Zone…

Die Region ist schon seit Ewigkeiten besiedelt. Umso erstaunlicher ist es wie gut erhalten so manches Kleinod noch ist. Zečevo ist so ein Kleinod. Eine klitzekleine Insel – aber mit großer Geschichte. Hier steht die kleinste Kathedrale der Christenheit. Und im Mai und im August, jeweils am Fünften, gibt es hier ein besonderes Schauspiel zu beobachten. Welches, das steht in einem der zahlreichen farbigen Infokästen, die jeden Ausflug zu einem besonderen Erlebnis machen.

Große, von Menschenmassen überlaufene Städte sucht man hier vergebens. Wer sich für Norddalmatien entscheidet, sucht (und bekommt) das komplette Erholungspaket. Und für alle, die dann doch ein wenig Action brauchen, wird ebenso gesorgt.

Es gibt keinen anderen Reiseband, der so umfänglich und detailliert die Region Norddalmatien abbildet und dem Leser/Gast ein derartiges Programm anbieten kann. Von versunkenen Schätzen bis hin zu versteckten Burganlagen in romantischen Bergen wie beispielsweise Ključica bleibt kein Wunsch nach Erholung und Abenteuer ungenannt. Immer wieder stößt man beim bloßen Durchblättern auf das eine oder andere „Das muss ich unbedingt auch machen“. Und selbst wer einfach nur sein Wohnmobil abstellen und das klare Wasser der Adria genießen will, bekommt hier die Tipps für die besten Badestellen.

Madame Roland

Schon beim ersten Durchlesen der biographischen Daten am Ende des Buches – man sollte ja niemals eine Buch am Ende beginnen, in diesem Fall ist es aber sogar ratsam – erkennt man, dass Erziehung und frühes Erkennen von Begabungen mehr Einfluss auf das Werden haben als es so manche Experten vermitteln können. Jeanne-Marie Phlipon wird im Frühjahr 1754 als Tochter eines Graveurs in Paris geboren. Schon früh las sie und lernte das Gravurhandwerk. Im Internat nahm sie ein Adeliger unter seine Fittiche und förderte sie, in dem er ihr Bildung angedeihen ließ. Und das war gut so – man stelle sich vor in einem Lebenslauf von heute würde man so seinen Lebensbeginn beschreiben… unmöglich. Kein Personalchef der (westlichen) Welt würde auf so eine Formulierung positiv reagieren. Aber wir sind ja mitten im 18. Jahrhundert in Frankreich. Schon bald wird das Adelsreich bröckeln und eine weltumspannende Revolution das Land und den Kontinent erschüttern.

Jeanne-Marie Roland, so wir sie später einmal heißen, ist sicher nicht die prägendste Gestalt dieser Zeit. Und schon gar nicht stand sie auf den Barrikaden, noch weniger halb entblößt und mit wehender Fahne. Dennoch ist ihr Leben mindestens genauso spannend wie das derer, die noch heute in aller Munde sind. Von ihr stammt beispielsweise die erste Autobiographie aus der Feder einer Frau. Warum also noch ein Buch über diese Person? Man könnte die Autobiographie ja einfach lesen und fertig… Oh contraire mon frère, möchte man voller Ungeduld dem Frevler entgegenschmettern. Ganz im Gegenteil!

Zum Einen ist da die Autorin, Christiane Landgrebe, die schon mit ihren Biographien über Diderot und Germaine des Staël die Strahlkraft der einflussreichen (und fast vergessenen) Namen der Geschichte wieder aufpolierte. Zum Anderen ist es die unverbrüchliche Neugier des Lesers wahre Geschichte(n) aus erster Hand erlesen zu können. Christiane Landgrebe rückt die Zeilen aus Briefen und Überlieferungen ins rechte Licht.

Heutzutage wäre Madame Roland, wie man sie noch heute ehrfurchtsvoll nennt, eine mittelschwer erfolgreiche Influencerin. Sie bewegte sich in Kreisen, die den meisten schwer bis gar nicht zugänglich waren. Jeder Schnappschuss mit dem Adel würde heutzutage sicherlich ein paar Tausend Likes einbringen. Und ein paar revolutionäre Hashtags würde die die gebildete Frau (was heutzutage in manchen Ohren immer noch befremdlich klingen mag) auch zum Nach- und Umdenken beisteuern können. So vergessen Madame Roland heute erscheinen mag, umso erstaunlicher ist wie modern ihre Ansichten für eine Gesellschaft heute noch wirken. Geschichte ist immer schon vorbei. Die Gegenwart mit dem Wissen um die Geschichte gestalten ist deswegen bedeutsamer als man sich eingestehen möchte. Und dieses Buch ist in gewisser Art ein Baustein, um Wissen von damals mit dem Können von heute auf ein solides Fundament stellen zu können.