Schloss Gripsholm

Ab in die Sommerfrische nach Schweden! Peter und Lydia haben es sich verdient. Er Schriftsteller, Sie Sekretärin. Ihr hängt die Arbeit noch ein bisschen nach. Zu sehr spielen die Arbeitsabläufe noch in ihrem hübschen Köpfchen Pingpong. Doch das soll sich rasch ändern, sobald sie in Schweden angekommen sind.

Schloss Gripsholm wird ihr Exil von der Welt werden. Daddy, so nennt Lydia ihren Peter liebevoll, manchmal auch Fritzchen, ist sofort angekommen. Dem Müßiggang kompromisslos nachgeben ist für ihn kein Problem. Prinzessin, auch er hat einen Spitznamen für Lydia, lässt sich leicht anstecken.

Auffällig in dieser Abgeschiedenheit ist nur die tägliche Kolonne an Kindern, die angeführt von einer Matrone namens Frau Adriani, tagein tagaus durch die Felder exerziert. Sommerfrische kann man das nicht gerade nennen. Militärischer Drill trifft es wohl eher. Ein Mädchen reißt sich immer wieder los von dieser In-Reih-Und-Glied-Manieriertheit. Ada. Sie schluchzt so herzzerreißend, dass Lydia sich genötigt fühlt dem kleinen Mädchen auf den Zahn zu fühlen. Frau Adriani sieht sich in ihrer Generalsfigur angegriffen. Wie könne sie nur! Sie allein habe hier das Recht selbiges zu sprechen! Und so weiter. Lydia ist geschockt. Hier in dieser Idylle so drohende dunkle Wolken?

Als Karlchen eintrifft, ist die heile Welt wieder hergestellt. Kurzfristig. Ein Schnorrer vor dem Herrn. Ein liebevoller Schnorrer, dem die Zigaretten von Anderen besser zu schmecken scheinen als die eigenen, wenn er denn welche hätte. Er passt in die kleine Gruppe wie Faust aufs Auge.

Als dann auch noch Billie aufkreuzt, sie hat sich gerade von ihrem Freund, einem Maler, getrennt, ist das fröhliche Ringelreih der ungetrübten Ausgelassenheit komplett. Und Peter und Lydia? Was wird aus ihnen? Was wird aus ihnen, wenn der Urlaub vorüber sein wird?

Kurt Tucholsky wurde von seinem Verleger Ernst Rowohlt um eine kleine unverfängliche Liebesgeschichte regelrecht angebettelt. So was wollten die Leute lesen. Nicht immer nur bierernste politische Diskurse führen. Das Leben sei eh schon hart genug. Rowohlt kam ihm finanziell sogar ein Stück entgegen. Für Tucholsky nicht genug. Dass der Roman heute immer noch ein Renner ist, darf wohl als Zeichen dafür gelten, dass Tucholskys Forderungen nachgegeben wurde. Der Briewechsel am Anfang des Buches lässt diese Vermutung naheliegen.

Hans Traxler, der für die Pardon und die Titanic nicht nur zeichnete, sondern sie auch mitgründete, hat seinen Zeichenstiften eine Dreißigerjahre-Kur verordnet. Keck wie die beiden Hauptakteure, mal mit blankem Busen und spitzer Nase, mal zärtlich verliebt, dann wieder in aufreizender Pose im frech geöffneten Pyjama. Schweden regte schon vor knapp einem Jahrhundert, der Roman erschien erstmals 1931, die Phantasie der Leser an und bis heuet die der Illustratoren. Traxlers Bilder geben Tucholskys Meisterwerk für Verliebte erst den richtigen Schliff.

Brandenburg, landeinwärts

Das Land Brandenburg gilt nur unter Kennern als ausgemachtes Wanderland. Die meisten zieht es doch in die Berge, die nicht hoch genug sein können. Brandenburg hat den Vorteil, dass die Berge hier Hügel genannt werden und deswegen die Strapazen bei der „Ersteigung“ sich in Grenzen halten. Ein Wanderland für die ganze Familie.

Martin Mosch weiß das. In seinem eingängigen Wanderband durchstreift er das Land, gibt ganz persönliche Eindrücke wider und erleichtert den Einstieg ins Wandern „gleich um die Ecke“. Fünfzehn Touren hat er beschritten und das Sehenswerte in diesem Buch festgehalten.

Wie zum Beispiel die stillen Dörfer der Prignitz. Einer Gegend, in der man sich auf Anhieb wohlig aufgenommen fühlt. Straßenlärm? In der Prignitz-Ausgabe des Dudens dürfte dieses Wort wohl fehlen. Fast schon amerikanische Ausmaße (man schaut und schaut und schaut und sieht nur Horizont) findet man hier vor. Rund zwanzig Kilometer lang und per pedes oder dem Drahtesel hervorragend zu erkunden. Auch mit dem kleinen Anhang durchaus zu bewältigen. Mit dem ÖPNV nach Barenthin, dem Ausgangspunkt zu gelangen, muss der Autor zugeben, ist nicht ganz einfach. Rad in den Regionalsexpress nach Breddin einpacken und von dort zum Ausgangspunkt. Ein mehr als nützlicher Tipp. Backsteinbauten und idyllische Wege zeichnen die 400-Seelen-Gemeinde im Nordwesten Brandenburgs aus.

Auf dem Weg Richtung dem Gutshaus Granzow säumen Eichen und Kastanien auf märkischem Sand. Soweit nur ein kleiner Einblick in einer der fünfzehn Wanderungen.

Martin Mosch meidet die Wanderpfade, auf denen eine Armada wanderstockschwingender, Funktionskleidung tragender Wanderwütiger den Staub aufwirbeln. Ihn zieht es links und rechts der Pfade in die Mark Brandenburg. Dort, wo einst Dichter ihre Inspiration fanden und ruhesuchende Wanderer heute eben dies auch finden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer ausreichend gestalteten Karte sowie Anfahrttipps und einer Kurzeinschätzung der Strecke. Ansonsten macht man es wie der Autor: Sich treiben und die Sinne den Körper leiten lassen. „Brandenburg, landeinwärts“ kommt ohne jegliche Schnickschnack wie Geodaten und Höhenangaben aus. Hier steht das Naturerlebnis Brandenburg im Vordergrund. Wer sich also im Hauptstadt umschlingenden Bundesland vor den Toren des Trubels eine Brise Erholung gönnen will, wird mit diesem Wanderband genau das bekommen.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Mordechai Wolkenbruch, von allen nur Motti genannt, lebt in Zürich, ist Student und ist – sehr zum Leidwesen seiner mame – immer noch Single. Die versucht mit aller ihr zur Verfügung stehenden Macht ihrem Sohn ein mejdl vorzustellen. Mottis jüdische Familie ist für ihn ein Segen, keiner macht so leckere knajdl. Momentan ist sie aber auch Fluch. Denn seine mame lässt einfach keine Ausreden gelten. Der Junge muss unter die Haube! So wie seine Geschwister – die haben’s gut!

Hat Motti endlich mal eine froj gefunden, ist mame nicht weit. Selbst wenn Motti also könnte, wie er wollte – das Damokles Schwert in Gestalt seiner Mutter würde über ihm schweben und darauf achten, dass der Sohn auch keine unkoscheren Gedanken auslebt.

In der Uni erblickt Motti Laura. Ihr blondes Haar, ihre blauen Augen … ja, Motti kommen da schon die einen oder anderen Ideen, dass er und Laura … Problem ist nur, dass Laura eine schickse ist. Eine, die mit der jüdischen Religion und der jüdischen Kultur nicht so viel anfangen kann. So was kommt mame nicht ins Haus! Das weiß Motti. Er muss einen Weg finden mit Laura zusammen sein zu können. Ohne gleich als merder der eigenen Kultur angeprangert zu werden. Mit so einer wie Laura kann man keine chassene machen!

Thomas Meyers erster Roman wurde umgehend zu einem Riesenerfolg und vor kurzem erst verfilmt. Ein bisschen Übung bzw. Eingewöhnung braucht das ungeschulte Auge. Denn dieser Roman ist voller jiddischer Begriffe. Die zum Glück im ausführlichen Anhang erläutert werden. Sonst würde man ja ganz meschugge werden…

Diese besondere Ausgabe der Büchergilde besticht durch die pointierten Illustrationen von Samuel Glättli. Anhand der Zeichnungen wird der Weg Mottis in die Eigenständigkeit zusätzlich untermalt. Und das im sinnbildlichen wie wortwörtlichen Sinne. Motti ist kein Modellathlet wie er im Buch steht. Aber auch nicht das viel zitierte Muttersöhnchen, das seine mame ihm unterjubeln will. Ohne viel Trickserei stehen die Abbildungen gleichrangig neben dem eindrücklichen wie witzigen Roman. Eine perfekte Symbiose!

Die Wahrheit über Lucrezia Borgia

Mord und Totschlag – da geht’s ja zu wie bei den Borgia! Stimmt, Lucrezia ist ja auch eine Borgia. Und was für eine! Eine Giftmischerin, eine Meuchelmörderin, gewiefte Strategin. Es gibt kaum ein negatives Attribut, das man ihr nicht anhängen möchte. Klar, bei diesem Familiennamen! Doch die Geschichten über sie entsprechen nicht immer dem, was wirklich geschah. Florian Neumann rückt in seiner kompakten Biographie über Lucrezia Borgia Vorurteilen auf die Pelle und einiges zurecht.

Neununddreißig Jahre wurde sie nur. Doch ihr Name hallt bis heute nach. 1480 geboren, Tochter eines Papstes, Alexander VI., lebte ein Leben, das dem geflügelten Wort vom Auf und Ab eine ganz neue Dimension gab. Als sie zwölf Jahre alt ist, wird ihr Vater Rodrigo Borgia zum Papst gewählt. Als Vizekanzler hatte er schon in der Vergangenheit einige Konklave mit organisiert und kannte die Befindlichkeiten der potentiellen Anwärter auf das höchste Amt im Kirchenstaat. Er ging auch selbst auf Stimmenfang für seine eigene Wahl. Diese reichten jedoch in den Jahren zuvor nicht. Ihm fehlte es an finanziellen Mitteln. Nun war er Papst, mehrfacher Vater (schon als Kardinal war das Zölibat für kaum mehr als ein Wort. Als Lucrezia (die einzige deren exaktes Geburtsdatum und Mutter bekannt sind) dreizehn ist, wird sie verheiratet. Die Machtverhältnisse im Ringen um das Königreich Neapel, die spanische Krone und die Machterhaltung des Vatikans sind die maßgeblichen Beweggründe für die Vermählung. Wäre nicht kurz zuvor ein anderer Heiratsvertrag geplatzt, hätte sie schon früher geheiratet.

Doch die Ehe soll nicht lange halten, denn ihr Gatte, ein Sforza, ist wegen der Allianz seiner Familie mit den Franzosen, die gegen Neapel in den Krieg zogen, die wiederum mit dem Vatikan verbadelt waren, in Ungnade gefallen und flieht.

Immer noch ein Teenager und schon zweimal wurde eine Ehe arrangiert, eine vollzogen und wieder annulliert. In der Zukunft ist Lucrezia Borgias Leben auch nicht gerade von Eigenständigkeit geprägt. Sie darf Feste und Empfänge ausrichten. Weitere Ehen werden arrangiert und wieder gelöst. Sie bringt mehrere Kinder zur Welt, die meisten sterben im Kindbett oder in sehr jungen Jahren. Ein erfülltes Leben sieht anders aus.

Doch auch die Gerüchte, die sich um sie ranken, reißen schon zu Lebzeiten nicht ab. Die Feinde der Borgia – und davon gibt es mehr als Freunde – sind geschickt darin Intrigen zu spinnen. Was das betrifft, nehmen sich Würdenträger (Borgia) und die, die ihnen die Ämter neiden (Orsini, Delle Rovere etc.) nicht viel.

Die Archive der Welt wurden von Florian Neumann vom Staub der Jahrhunderte befreit und gaben ihm ihre Kostbarkeiten preis. Mit detaillierter Genauigkeit und spannungsgeladener Wortwahl reist er mit dem Leser ein halbes Jahrtausend zurück. In ein Europa, das von Einigkeit so weit entfernt war, wie die Sonne von einer Unterkühlung. Diese Biographie macht Lust sich weiter in die Geschichte zu vertiefen. Sie jedoch als bloßen Appetithappen zu bezeichnen, würde dem Buch nicht gerecht werden. Die großen Zusammenhänge der Politik zur damaligen Zeit und die zahlreichen Anekdoten machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem.

Das Haus am Kongo

Die Sonne brennt unerbittlich auf das geneigte Haupt von Gelegenheitswahrsagerin Dolly. Sie stützt ihren Kopf auf die Reling des Bootes, das sie auf dem Kongo irgendwohin bringen soll, wo sie wahrscheinlich auch nicht glücklicher werden kann. Oder unglücklicher?! Egal, das Wahrsagergeschäft, ihre Show, läuft. Dafür sorgt schon ihr Partner Bill. Dieser Windhund, der ihr schon mehr als einmal an die Wäsche wollte. Doch Dolly hat Prinzipien. Und ein loses Mundwerk, das sie gern einsetzt. Zum Beispiel bei, oder besser gesagt gegen Lady Essex. Die will hier in der Ödnis am Ende der Welt ihren Gatten besuchen.

Es kommt wie es kommen muss, der alte Kahn gibt mit einem Knall seinen Geist auf. Zum Glück ist die ungleiche „Reisegesellschaft“ gerade in der Nähe von Doc Warwicks Anwesen. Das Boot ist hin, Dollys Laune hingegen hebt sich im Angesicht von so viel Zivilisation mitten in der Wildnis. Puderdöschen, ein gemütliches Bett. Und die Hausherrin, Mrs. Warwick, ist ein gute Gastgeberin und Gesprächspartnerin. Ein bisschen gelangweilt vielleicht, einsam auf alle Fälle. Eine Woche muss man hier ausharren, dann kommt das nächte Boot, die Royal,  und kann die Gestrandeten sicherlich aufnehmen.

Dolly findet Gefallen an dem alten Doc, der hier in seinem spärlich eingerichteten Buschkrankenhaus verzweifelt versucht der Schlafkrankheit auf die Schliche zu kommen. Doch es will ihm nicht gelingen. Der jungen Frau imponiert der unbedingte Wille des Doktors Gutes zu tun. So sehr, dass sie ihm bei einer Blinddarmoperation assistiert.

Lady Essex kommt die Abwechslung ganz recht. Obwohl sie sich – nach außen – schrecklich darum sorgt, dass ihr Mann sich schrecklich um sie sorgen könnte, weil sie noch immer nicht bei ihm sei, gibt sie sich dem Müßiggang hin. Mehr als Lesen, Essen, Schlafen steht bei ihr nicht auf der Agenda.

Mrs. Warwick kennt dieses Leben. Sie lebt es seit fast einem Jahr. Zuvor war sie eine lebenslustige junge Frau, die begehrte und begehrt wurde. Hier im Dschungel außer Reichweite von Zerstreuung verblüht sie zusehends in der Gluthitze Afrikas. Dem Doc fällt das nicht auf. Genauso wenig wie das Scharwenzeln von Bill um des Doktors Frau. Dolly warnt ihn. Er solle nichts Unüberlegtes tun. Denn verbrannte Erde hat er schon genug hinterlassen…

Wilson Collison gibt seiner Dolly die Waffen einer Frau an die Hand. Geschickt in allem, was sie anpackt, mit einer Portion Durchsetzungsvermögen und dem unfehlbarem Drang allen Untiefen des Lebens auch noch etwas Positives abzugewinnen. Die kurze Zeit, die das Anwesen von Doktor Warwick von den Gestrandeten in Beschlag genommen wird, reicht aus, um mehrere Leben ein für allemal zu verändern.

Club der Romantiker

Peter Becker hatte Glück. Vor fast einem Vierteljahrhundert bekam er die Chance in Oxford zu studieren. Mit Stipendium. Weg von zu Hause, dem Mief und der Aufbruchsstimmung der Wendejahre in Deutschland. England, Oxford. Es war wie im Traum. Nun ist die Zeit gekommen sich der Vergangenheit zu stellen. Die Ehemaligen treffen sich noch einmal. Um zu sehen, was aus den Langhaarigen von damals so geworden ist. Eine Ansammlung von Doktoren wird es nur auf dem Papier sein.

Dass die Gruppe sich fast vollständig versammeln wird, steht so gut wie fest. Denn es gibt einen weiteren Grund für ein Treffen. Die Beerdigung von

Laureen Mills, der Bibliothekarin. Ihre Leiche wurde nun endlich, zwei Jahrzehnte nach ihrer Ermordung, gefunden. Ein mulmiges Gefühl beschleicht Peter, der mittlerweile in Wales lebt und wieder verheiratet ist, zwei Kinder hat. Denn er war es. Er war es, der abgedrückt hat. Er war es, der abgedrückt hat und Laureen Mills erschoss! Peter ist ein Mörder! Und die anderen sahen zu. Taten nichts. Sind mitschuldig. Wie wird es sein, nach so langer Zeit? Hält sich jeder an das, was damals verabredet wurde?

Dass auch die Polizei auf der Beerdigung erscheint, überrascht niemanden. Detective Chief Inspector Osmer soll den Fall endlich zu den Akten legen, doch dafür hätte er gern einen Namen, den er in das Protokollfeld „Täter“ eintragen kann. Der Fall ist über zwanzig Jahre her. Zeit ihn abzuschließen.

Peter denkt zurück an die Zeit als er in Oxfrod ankam. Sein Zimmergenosse, ein Russe und seine Wodkaflaschenarmada, die Mädchen-WG im oberen Stockwerk und den Club der Romantiker. Dem trat er bei, weil die sportlichen Angebote ihm allesamt nicht zusagten. Was Peter nicht weiß, ja nicht einmal ahnen kann, ist die Tatsache, dass er auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Und das nicht erst seit er in Oxford angekommen ist. Die unsichtbaren Augen sehen ihn, alles um ihn herum und die Eigentümer dieser Augen stehen miteinander in Kontakt.

Frank P. Meyer entführt den Leser hinter die dicken Mauern des Schweigens und des Universitätsbetriebes von Oxford. Wie ein Tourenguide weist er mit wehenden Talarärmeln auf die Eigenheiten dieses Mikrokosmos und deckt so manches Verborgenes auf. Schon nach ein paar Seiten ist man selbst ein Oxforder Student, allerdings ohne schicksalshafte Vergangenheit wie Peter Becker. Ein Grummeln im Magen hat dieser sehr wohl. Das schlechte Gewissen plagt ihn mehr als er sich gern eingestehen würde. Das Misstrauen von Ed, Louise, Brandy und den anderen tritt erst nach und nach zu Tage. Als Peter die gestellte Falle entdeckt, ist es fast schon zu spät…

Einsame Weltreise

Und wieder so ein Jubiläum, das in diesem Jahr garantiert keine einzige Zeile in den Gazetten oder in Funk und Fernsehen (und im Web, muss man ja neuerdings dazusagen) wert sein wird. Am 24. November 1919 begann eine der spannendsten Reisen überhaupt. Eine Reise um die Welt. Zugegeben, das war zu damaliger Zeit schon kaum mehr eine Meldung wert. Aber es war eine Frau! Just in dem Jahr, in das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Alma Karlin war die mutige Frau, die es zuhause nicht mehr aushielt, die Sprachen in sich aufsog (u.a. Schwedisch, Norwegisch, Englisch, Chinesisch, Japanisch) wie kaum eine Andere. Sie studierte in London, arbeitete um sich den Aufenthalt leisten zu können als Sprachlehrerin und Dolmetscherin. Von frühester Kindheit an war sie mit einer Lähmung geschlagen. Doch hielt sie das davon ab ihre Träume umzusetzen? Nein!

Ihr Reisetagebuch, das immerhin einen Zeitraum von acht Jahren umfasst, ist nun endlich wieder erles- und ihre Reise erlebbar. Das geliebte London musste Alma Karlin verlassen, weil sie als Deutschsprachige nicht in Feindesland verweilen durfte. Sie sparte begierig ihr Einkommen und begann im November 1919 ihre Reise. Währungen unterlagen damals noch ungeheuerlichen Schwankungen. Lediglich der Dollar konnte als Konstante angesehen werden. Fahrpläne waren meist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Und so kam es, dass sie schon mal eine Nacht auf dem Bahnhof verbrachte, weil der Zug noch meilenweit entfernt war. Cilli, das heutige Celje in Slowenien war ihr Ausgangspunkt. Japan das Ziel. Indien verweigerte ihr das Visum, Ägypten war ein abgeschottetes Land. Nur das Land der aufgehenden Sonne war frei von bürokratischen Übeln. Heute bucht man in Sekundenschnelle im Netz und binnen Tagesfrist schlürft man Cocktails unter Gleichgesinnten, die am anderen Ende der Welt ihr Basislager haben. Wie die Zeiten sich doch ändern.

Auf ihrer Reise ist Alma Karlin ganz auf sich gestellt. Lediglich ihre Erika, ihre Schreibmaschine bietet ihr Halt. Ihr vertraut sie alles an. Mehr Luxus erlaubt sie sich nicht, mehr Luxus wird ihr nicht erlaubt. Die großen Hotels interessieren sie genauso wenig wie die mondänen Clubs. Sie lebt unter den Einheimischen. Air B ’n B in seiner ursprünglichen Form. Wer heutzutage davon spricht Land und Leute kennenlernen zu wollen, endet oft beim vielzitierten Ritt auf einem Esel. Alma Karlin war wirklich mittendrin. Ihre Sprachkenntnisse waren der Schlüssel zu einem (wenn auch zeitlich begrenzt) Erlebnis, das allein schon in Buchform zum Schwelgen einlädt.

Der geheimnisvolle Fremde

Eine Reisegesellschaft, die auf einer Reise ist, die sie nie anzutreten vermutete und die für alle Beteiligten ein echtes Abenteuer darstellt. Hoch zu Ross die Adeligen, die ein Schloss in Beschlag nehmen werden, das Teil der Erbmasse ist. Der verstorbene Bruder hat sie vermacht, obwohl sich die Brüder spinnefeind waren. In der Kutsche die unglückliche Franziska. Sie wird einmal heiraten, doch der Erwählte ist nicht ihre Wahl, schon gar nicht die Erste. Sie stellt sich schlafend, um einem weiteren Diskurs um die Vermählung aus dem Weg zu gehen.

Draußen weht unerbitterlich der Bora, ein Fallwind, der das Karstgebirge vor den Ufern der Adria in Bewegung versetzt. In der Ferne jaulen die Wölfe. Noch bevor die Reisegesellschaft den Zielort erreicht, fallen Schüsse. Nicht auf, sondern von der Kutsche. Da jedem Beteiligten eh schon ganz mulmig ist, beschließt man die Reise ohne viel Palaver fortzusetzen.

Kaum auf dem Schloss angekommen, steht auch schon Besuch vor der Tür. Bertha, die so vehement der verschüchterten Franziska die Ehe mit Franz ans Herz legt, weil sie selbst beseelt von der Idee ist so bald als möglich ihren Ritter Woislaw zu ehelichen, der bald eintreffen soll, frohlockt schon. Doch der nächtliche Besucher erzählt den neuen Schlossherren schauerliche Märchen. Spuk und Geister. Die Herren der Runde bedenkt er mit Nichtbeachtung und Spott. Nur zu Franziska ist er süßholzraspelnd freundlich. Die ist hellauf begeister von dem Fremden, der sich später als Azzo von Klatka vorstellt. Klatka, so heißt auch das Schloss. Während der Zeit, als Schloss Klatka im Dornröschenschlaf lag, war er oft in den Gemäuern, weswegen ihm erlaubt wird sich den Namenszusatz zuzulegen.

Ritter Woislaw kehrt ruhmreich und um seine rechte Hand erleichtert aus der fernen Schlacht zurück. Des Nachts – Azzo ist nur nachts aktiv, tagsüber vermeidet er es dem Tageslicht zu begegnen – treffen sich Azzo und Woislaw. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Fast wie alte Kumpel, die nach Jahren der Trennung alte Geschichten ausgraben. Woislaw hat in Azzo etwas entdeckt, dass ihn aufhorchen lässt. Woislaw kennt solche wie Azzo. Und er weiß mit ihnen umzugehen…

Bram Stoker lässt grüßen. Ja, Ritter Azzo von Klatka, das lichtscheue Wesen, mit der Appetitlosigkeit für alles Feste, dem Alkohol nicht bekommt, hat ein Geheimnis. Eines, das Franziska fasziniert. Wenn sie es kennen würde, wäre sie vorsichtiger. Die Geschichte kursierte schon vor fast zwei Jahrhunderten in Europa und jagte den Zuhörern einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Bram Stoker diente es als Vorlage für seinen Dracula. Dieses kleine Büchlein, allein im Bett, bei schummriger Beleuchtung … erhöhtes Lesevergnügen und Albträume für alle, deren Nervenkostüm aus leichtem Stoff gewebt ist.

Ein bisschen Sonne im kalten Wasser

Jeder, der schon mal eine Phase der Lethargie durchlebt hat, kommt es wie Hohn vor, wenn einem zum Trost die berühmte Medaille mit den zwei Seiten um die Ohren gehauen wird.

Gilles ist gerade in so einer Phase. Im Jahr 1967 ist er Journalist bei einer linken Tageszeitung in Paris. Doch alles in seinem Leben macht ihm keinen Spaß mehr. Die Arbeit ödet ihn an, die Kollegen lassen in ob ihres Zynismus verzweifeln. Und Eloïse, die ihn anscheinend mehr liebt als er sie … naja, ein Hilfe ist die auch nicht. Gilles muss raus. Das weiß er, das tut er. Limoges wird sein Fluchtpunkt, dort, wo seine Schwester ihr führt. Zwei Wochen lange gibt er sich dem Müßiggang hin, so wie zuvor schon in Paris. Bis es eines Tages seiner Schwester zu viel wird. Sie schleift ihn zu einer Party. Oh ja, das ist es, was Gilles nun braucht. Ein depressiver junger Mann, in der Provinz, auf einer Party. Wird bestimmt der Knaller!

Allen Unkenrufen zum Trotz kann genau dieses Ereignis ihn aus seinem Wachkoma befreien. Die passende Medizin kommt in Gestalt der anmutigen Nathalie daher. Umwerfend schön, eloquent und den Kopf mit Wissbegier und Schläue gefüllt. Soll er wirklich den Schritt wagen und mit Nathalie den weiteren Weg gemeinsam beschreiten? Was wird aus Eloïse? Und die neue Aufgabe als Ressortleiter Außenpolitik in Paris?

Die Antworten lauten ja, kein Problem und nein. Den Job will er nicht annehmen, weil er damit einen Kollegen vor den Kopf stoßen würde, den man übel mitgespielt hat. Eloïse zeigt erstaunlich viel Verständnis für Gilles‘ Wahl. Was den gemeinsamen Weg betrifft, ist sich Gilles nicht ganz so sicher. Doch die Lust auf Neues, die wieder erwachte Schaffenskraft lassen ihn alle Sorgen beiseite wischen.

Tja, was soll man sagen? Die Medizin hat geholfen. Gilles ist wieder der Alte. Raus in die Nacht, Saufen mit den Freunden und zuhause wartet Nathalie. Sie schaut Paris mit den Augen einer Touristin an. Denn mehr ist sie auch nicht. Gilles Freundeskreis ist sein Freundeskreis, nicht ihrer. Sie hat keine Freunde. Sie tut Gilles gut. Die Zeit zeigt Gilles jedoch auch, dass Nathalies gute Eigenschaften sich langsam aber sicher gegen ihn richten. Was natürlich nicht stimmt, ihm aber so vorkommt. So vorkommen muss. Denn zu wahrer Liebe – ob er will oder nicht – ist er nicht bereit. Das Ende jedoch konnte sich keiner, weder er noch seine Freunde, weder Nathalie noch ihre von ihr verlassene Familie so vorstellen…

Françoise Sagan macht in „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ keine Kompromisse. Alles taten haben unumstößliche Folgen, ohne Wenn und Aber. Da helfen kein Bitten und kein Flehen – so schonungslos war sie nur in ihrem eigenen Leben, ihren Romanfiguren ließ sie immer eine Hintertür offen. Gilles und Nathalie sind die Verdammten des Krieges, den sie selbst angezettelt haben ohne ausreichend bewaffnet zu sein. Und so gibt es am Ende im Roman nur Verlierer.

 

Laura oder die Reise in den Kristall

Band Neun der Schlaflosreihe ist das bisher dickste Büchlein. So viel vorweg. Das kleine Büchlein ist auch das phantasievollste dieser Reihe. George Sand, die mit Frédéric Chopin über Jahre eine Einheit bildete, vermischt in „Laura oder die Reise in den Kristall“ eindrucksvoll naturwissenschaftliche Kenntnisse und fast schon märchenhafte Phantasien.

Ein junger Mann kommt in ein Geschäft für Kristalle und Edelsteine. Durch seine Unachtsamkeit zerstört er eine Geode. Der Besitzer ist darüber nicht unerfreut, denn so kann er ihm eine Geschichte erzählen, die ihm selbst passiert ist. Oder die er glaubt selbst erlebt zu haben. Da beginnt schon der Strudel, in den der Ladenbesucher und auch der Leser gezogen werden. Denn von nun an ist nichts mehr wie es war, wie es sein soll.

Alexis ist in seine Cousine Laura verliebt. Das arme Ding muss ohne Vater aufwachsen, der sich in den Orient verkrümelt hat. Dort ist er zu ansehnlichem Reichtum gekommen. Laura jedoch, die die Avancen ihres Cousins sehr wohl wahrnimmt, zeigt ihm die kalte Schulter. Für sie ist er ein kleiner Junge, der Hirngespinsten hinterherjagt. Im Laufe der Zeit begegnen sie sich immer wieder. Seine Zuneigung verflacht keineswegs. Ihre hingegen weicht nach und nach ihrer Skepsis.

Im funkelnden Spiel der Kristalle verlieren sich beide und steigen hinab in eine Welt, die niemals irdisch sein kann. Im Vexierspiel der Kristalle ist Laura so wie Alexis sie sich wünscht: Die Frau, die er liebt und die seine Liebe erwidert. Doch was ist real, und was ist Phantasie? Das Liebesgeplänkel dauert nicht lang. Bis Onkel Narsias auftaucht. Ein angsteinflößender Kauz, wie Alexis findet. Aber voller Forscherdrang, der alsbald Alexis in seinen Bann zieht. Und ehe er sich versieht, steigt Alexis zusammen mit dem Onkel hinab. Hinab ins Erdreich. In eine Welt voller Kristalle…

George Sand spielt mit den Gedanken des Lesers wie einst ihr Gefährte Chopin auf dem Klavier. Die Grenzen zwischen Realität und Gedankenreich verschwimmen zusehends. Von verklärter Romantik weit entfernt liest man sich in eine Traumwelt, die erst wieder aufklart als der Erzähler seine Kladde schließt. Verwirrt, beseelt, verzaubert lässt Sand den Leser zurück, der das Gelesene erstmal sortieren muss. Wohlige Träume sind hier nicht mehr dem Reich der Phantasie zuzurechnen, sondern greifbare Wirklichkeit.