Der Privatsekretär

Das Leben meint es endlich mal so richtig gut mit Román Sabaté. Anfang Zwanzig und schon einen Job in Aussicht, der langfristig erscheint und in dem er was bewirken kann. Sebastian hat ihn mehr oder weniger dazu gedrängt sich bei der neuen Partei Pragma zu bewerben. Román hat Glück und ergattert den begehrten Job als privater Fitnesstrainer von Fernando Rovirá. Sebastian geht erstmal leer aus.

Fernando Rovira ist die charismatische Exzellenz, die erst als Gouverneur der Provinz Buenos Aires diese spalten, und dann Argentinien als Präsident einen will. Und sein privater Fitnesstrainer ist in Wahrheit der privateste Privatsekretär, den man haben kann. Román war geschickt beim Einstellungsgespräch. Seine Antworten, die nicht immer zu hundert Prozent der Wahrheit entsprachen, trafen genau den Nerv der Partei. So funktioniert Politik…

Die Jahr vergehen, Fernando Rovira ist fit wie eh und je … doch an seiner Seite ist kein Román Sabaté mehr zu sehen. Der hat sich abgesetzt. Mit im „Gepäck“: Joaquín, der Sohn des ehrgeizigen Politikers. Die Pläne Buenos Aires zu teilen, spalten die politischen Lager entzwei. Wie es geplant war. Doch so einiges andere mehr war nicht geplant. Die Journalistin Valentina Sureda schreibt gerade an einem Buch. Und Román Sabaté hilft ihr dabei. Auch auf seiner Flucht. Ob der Mord an Fernando Roviras Frau Lucrecia Bonara geplant war, lässt sich vorerst nicht feststellen. Genauso wie die rätselhafte Flucht von Román Sabaté.

In Rückblenden und aus der persönlichen Sicht der Akteure zeichnet Claudia Piñeiro ein verlogenes Bild der Macht. Das Román nicht wegen seiner Fähigkeiten den lukrativen Job bei Pragma bekommen hat, ist dem Leser als auch ihm selbst klar. Er hat schließlich geschummelt. Doch was prädestinierte ihn dermaßen für die kommenden Aufgaben? Auf seinem Roadtrip durch die Weiten Argentiniens kommen Román und Leser einem Geheimnis (was heißt einem? Dutzenden von Geheimnissen) auf die Spur.

Nach der Lektüre des Privatsekretärs muss man erstmal durchschnaufen. Obwohl auch reale Lenker Argentiniens wie Carlos Menem oder Néstor Kirchner erwähnt werden, ist die Geschichte komplett fiktional. Nur am Glauben mangelt es. In Zeiten, in denen Populisten ihre kruden Gedanken fast schon schuldlos, immer jedoch sorglos in die Welt posaunen dürfen, kommt ein Roman wie „Der Privatsekretär“ wie gerufen. Freimaurersymbolik, falsche Rücksichtnahme auf die Meinung der Massen, Manipulation selbiger und eine gehörige Portion Machteifer vermischt Claudia Piñeiro zu einem Skandal, der einem die Nachrichten bis zu einem gewissen Teil mit anderen Augen sehen lässt. Kuhäugiges Hinterhertraben wird unvermeidlich radikalem Nachhaken weichen müssen. Der wichtigste Thriller dieses Jahrzehnts!

Dämmer und Aufruhr

Wow, was ein Titel! „Dämmer und Aufruhr“, Roman der frühen Jahre. Schaut man in so manche Hinterhöfe, sieht man sie noch oft, die Dämmer. Von Aufruhr keine Spur.

Wow, was ein Buch! Autobiographisch. Bodo Kirchhoff feierte im Sommer seinen 70. Geburtstag. Zeit Bilanz zu ziehen? Nicht unbedingt. Aber einen Blick in die Geschichte dieses (zu Recht!) mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers werfen zu können, ist ein Privileg und eine Freude zu gleichen Teilen.

Ein Privileg, weil man das Gefühl hat heutzutage mit allem hinter dem Berg halten zu müssen. Lügen zu verbreiten ist einfacher und bringt mehr Aufmerksamkeit. Warum sich also noch um Fakten kümmern? Und eine Freude ist es, weil die Erzählkunst (oder ist es Handwerk?) von Bodo Kirchhoff nur eine Art von Tränen erlaubt: Freudentränen. Da liest man von kriegswunden Städten und bellender Intelligenz – die Essenz dieser Worte betört, verzaubert, lässt den Leser erstarren.

In Alassio hat sich er namenlose Erzähler, der natürlich Bodo Kirchhoff heißt niedergelassen, um die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren zu lassen. Hier begann alles. Hier waren alle glücklich, in den Ferien. Mama, Papa, Kind, bald schon Kinder. Sommeridylle, Sorgenfreiheit. Alles weit weg und doch so nah.

Wie erlebt man die eigene Geschichte mit dem Abstand von Jahrzehnten? Man ist reifer geworden, älter natürlich, das auch. Sind die Emotionen von damals noch frisch, bereit eingefangen zu werden? Ein Versuch ist es allemal wert. Und so streift der Blick zurück die Eckdaten der Menschwerdung. Die Mühen ohne männliches Vorbild heranwachsen zu müssen, sind gering im Vergleich zur Zeit im Internet. Wie ein bleischwerer Dämmervorhang hebt sich die unzulässige Zuneigung des Kantors dem noch nicht einmal Teenagers. Das widerwärtige Spiel der Macht verliert sich nicht im Reigen der Worte, wird aber auch nicht impulsiv überhöht.

Die Jahre vergehen. Freunde kommen, Freunde gehen. Bücher, Musik, Mädchen sind die drei Säulen im Leben des Beschriebenen. Mit der Distanz der Zeit, mit der Distanz der Emotionen, mit der Distanz der Orte kehren immer wieder – mal stärker, mal schwächer – die Erinnerungen zurück, umrahmt von neuerlichen Erlebnissen am neuen alten Urlaubsort.

Bodo Kirchhoff in Höchstform. Er muss niemandem mehr beweisen, dass die deutsche Sprache durch ihn auf eine höhere Stufe gehoben wurde. Die über vierhundert Seiten verfliegen wie ein Zielsprint bei der Tour de France oder ein Elferkrimi im Stadion. Wuchtig-gefühlvoll-meisterhaft zielt Bodo Kirchhoff in alle Sinneszentren. Es knallt, es raucht, die Synapsen kollabieren vor Ehrfurcht vor so viel Sprachgewandtheit.

Wow, was eine Wirkung! Wer sich jetzt noch getraut die eigene Geschichte zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, muss mehr zu bieten haben als aufgeschlagene Knie und Alkoholeskapaden in sturmfreier Bude.

Die Nacht mit Nancy

Etwas oder jemanden nach seinem Äußeren zu bewerten, gehört sich nicht. Mit dieser Wohlerzogenheit streift man nun durch eine gut sortierte Buchhandlung nach ein wenig Lesestoff, der für Zerstreuung, Aufregung und Erheiterung sorgen soll. Und plötzlich räkelt sich da jemand vor einem, der in der Lage ist all die guten Vorsätze mit einem Blick über Bord zu werfen. Es ist Mrs. Randin. Nancy sollen wir sie nennen. Das zwinkert sie dem Leser zu, und den Beteiligten im Buch haucht sie es entgegen. Ein Figur wie eine Sanduhr. Verlockende Locken. Und das Negligé ist wie von Zauberhand – upps – über die Schulter gerutscht. Niemals eine Person oder ein Buch nach seinem Einband beurteilen!

Dieses Buch ist der einmalige Freifahrtschein, um das Äußere vorerst einmal siegen zu lassen. Denn Wilson Collison füllt die hübsche Hülle mit nicht minder anregendem Inhalt. Es war eine rauschende Ballnacht, zumindest eine Sommerparty, irgendwann in der 30ern des vergangenen Jahrhunderts, irgendwo in den Staaten. Alle haben sich prächtig amüsiert. Die Hausherrin ist bekannt dafür, dass den Gästen, weiblichen wie männlichen – meist beiden gleichzeitig – alle Räume zur Verfügung stehen. Auch deswegen sind die Parties der Hanleys so beliebt.

Doch dieses Mal ist das Ende nicht absehbar. Nicht so, denn ein Gast hat sich dermaßen erschreckt, dass ein markerschütternder Schrei jedwede Art von Heiterkeit im Keim erstickt. Denn Mrs. Randin, ach nennt mich doch Nancy, hatte unerwarteten Besuch im selbstgewählten Morpheus-Asyl. Wer das war, der ihre Stimmbänder derart strapazierte, kann sie beim besten Willen nicht sagen. Und nun sitzt die ganze Partygesellschaft beisammen und versucht in poirot’scher Manier den Unhold herauszufiltern. Jeder der anwesenden Männer könnte ein Motiv gehabt haben. Und alle das Gleiche… Denn Nancy, die einmalig geschiedene Mrs. Randin, hat den Dreh raus wie man bei Männern jeglicher Couleur im Kopf für Verwirrung sorgt. Außerdem ist sie eloquent und gibt auf Fragen nur so viel preis wie sie es für angemessen hält.

Diese Wortspiele auf höchstem Niveau sorgen für Erheiterung, heizen die Spannung an und regen die Hausherrin in besonderem Maße auf. Doch wer war es denn nun, der den Vamp Nancy so glockenhell erschallen ließ? Ganz ehrlich … das interessiert keinen mehr. Nancy ist Nancy, das muss genügen.

Und es genügt auch wirklich sich ihrem Spiel zuzuschauen. Sie ist eine wahre Heldin. Permanent wird sie von allen Seiten beschossen. Solidarität unter Frauen – das kann sie vergessen. Und dass sich der angeklagte Gentleman als solcher seine Maskerade fallen lässt, ist unwahrscheinlich. Allein im Kampf gegen Vorurteile hat sich Nancy ein hartes Fell zugelegt. Und sie verteidigt es mit Charme, Chuzpe und Contenance. Beifall kann sie nur vom Leser erwarten. Und der kommt prompt und lang anhaltend.

Lesereise Malta

Malta ist nicht groß. Stundenlange Ausflüge enden unweigerlich am Meer. Viel Fels, viel Sonne. … Und viel zu erkunden. Carola Hoffmeister hat das Abenteuer Malta auf sich genommen und eine Insel entdeckt, die ihre Pracht bei genauerem Hinsehen wie selbstverständlich präsentiert.

Viele Herrscher hatten sich hier eine neue Heimat schaffen wollen. Araber, Römer, Normannen, Franzosen, Engländer. Jeder hinterließ etwas. Und von allem ist noch etwas zu sehen. Eine wahrhaft europäische Insel mit darüber hinausgehendem internationalem Flair. Mehr aus Pflicht denn aus eigenem Antrieb besucht die Autorin auch Filmsets. Malta ist das Filmset Hollywoods. Troja, Game of thrones, Popeye, Der Da Vinci Code sind nur ein paar der Filme, die hier teilweise gedreht wurden. Als Guide fungiert einer, der es wissen muss. Als Statist stand er neben Angelina Jolie oder Brad Pitt vor der Kamera.

Gehaltvoller ist da schon ein Besuch bei einer Köchin, die als Autorin schon Preise absahnte. Ihr in die Kochtöpfe schauen zu dürfen ist für Carola Hoffmeister mindestens genauso spannend wie der Besuch in Mdina. Das war bis 1566 die Hauptstadt der Insel. Seitdem ist es La Valletta, die nach ihrem Erbauer benannt wurde und am Meer liegt und deswegen wohl auch eher als Hauptstadt fungieren kann. Der Ausblick ist einfach schöner… So ganz nebenbei: La Valletta ist 2018 eine der beiden Kulturhauptstädte Europas. Doch zurück nach Mdina, die auch Stadt der Stille genannt wird. Vierhundert Einwohner sorgen dafür, dass diese Stille nicht getrübt wird. Motorenlärm? Fehlanzeige! Nur wer hier wohnt, darf es brummen lassen. Ansonsten ist mal Pferdegetrappel zu hören oder vielleicht ein Hüsteln oder ein Schniefen. Ruhe und Malta – das passt irgendwie zusammen.

Kontrastprogramm Playmobil. Nein, Malta ist schon größer als der Plastik-Spielplatz aus dem Fränkischen. Aber hier werden auch die beliebten Spielfiguren hergestellt. Das Granulat dafür fließt mit rasanter Geschwindigkeit durch Alurohre – wenn Rabat nicht schon die lärmende Schwester von Mdina wäre, würde man sie in der Fabrik vermuten.

Doch Malta ist nicht nur Malta. Drei Inseln gehören zu dem, was allgemein als Malta bezeichnet wird. Malta selbst sowie die kleinen Inselchen Gozo und Comino. Es wird nur eine kurze Stippvisite auf Comino. Zur falschen Zeit am falschen Ort, Carola Hoffmeister zieht die ruhige Alternative Gozo vor. Ein Hotel zu finden auf Gozo – unmöglich. Zumindest, wenn man Hotel mit Bettenburg gleichsetzt. Die gibt es hier nämlich gar nicht. Dafür ein reichliches Dutzend Dörfer. Und da hat die Autorin einen besonderen Antrieb für sich ausgemacht: In jedem Dorf einmal dinieren. Auch ein Art den Urlaub zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Dieses Buch ist auch etwas ganz besonderes. Mit gelassener Neugier erkundet Carola Hoffmeister ein Inseltriple, das nicht nur auf dem Papier gerade zu fürs Erkunden geschaffen wurde. Überreste aus mehreren Jahrtausenden laden echte Abenteurer ein Geheimnisse zu entlocken. Dass das Paradies sich hier nicht befindet, haben die negativen Nachrichten der vergangenen Monate bewiesen. Ausblenden sollte man diese nicht. Doch darüber hinaus muss man der Insel die Chance geben sich selbst in einem strahlenden Licht zu präsentieren und mit den durchaus misstrauischen Insulanern ins Gespräch zu kommen. Dieses Buch ist dafür mehr als ein erster Schritt.

Lesereise Stockholm

Rasso Knoller steht am Wasser und lässt Stockholm – genauer gesagt den Sonnenunter- und aufgang – auf sich wirken. Schön, dass es ihm gefällt. Doch als Leser ist man in solchen Situationen meist außen vor. Nicht hier. Das Rot des Feuerballs in all seinen Nuancen erscheint glasklar vor dem geistigen Auge. Die Menschen herum sind zum Greifen nah. Stockholm ist ein Abenteuer der besonderen Art. Und das auf jeder Zeile der nun folgenden einhundertzweiunddreißig Seiten.

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ könnte der Soundtrack einiger Kapitel lauten. Sergels Torg gehört sicher nicht zu den Sehenswürdigkeiten, die gleich zu Beginn einer Reise „abgehakt“ werden müssen. Architektonisch eher Kleckserei als Kleinod. Die Mischung der Besucher lädt auch nicht zwingend zum Verweilen ein. Doch Rasso Knoller schafft es auch diesem nicht gerade augenschmeichelnden Ort etwas abzugewinnen. Das kurze Kapitel dient nicht zuletzt dazu, den folgenden Geschichten mehr Gewicht zu verleihen, mehr Sehnsucht zu wecken.

An einem Dienstag in Skansen. Der Vergnügungspark hat wie immer geöffnet. Die Menschen strömen hinein. Doch – wie an jedem Dienstag im Sommer – die Masse der Menschen ist heute dichter. Es gilt einer der typischsten schwedischen Traditionen zu frönen: Dem Singen. Live im Fernsehen zu verfolgen für alle, die den Weg scheuen oder nicht die Möglichkeit haben selbst anzureisen. Auf der Bühne Stars der Musikszene. Davor Fans und, einfach gesagt, Menschen, die einfach gern singen. Karaoke für die Massen. Zu Tausenden strömen sie herbei und trällern im Verbund bis sich ein Chor erhebt, der seinesgleichen sucht.

Für die ganz Kleinen ist Junibacken die weite Welt, die es zu erkunden gilt. Und wenn auf der Bühne eine Rothaarige in knallbunten Klamotten auftritt, ist jeder mucksmäuschenstill. Ein Verbrecher wird gleich dingfest gemacht. Und die Heldin wird bejubelt, denn ihr Name ist weltbekannt: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Wer da nicht schwach wird und den Alltag vergisst, wird Stockholm nie verstehen.

Von der längsten Kunstgalerie der Welt, der tunnelbana (auch, wer kein Schwedisch spricht, erkennt sofort, dass es sich um die U-Bahn der Hauptstadt handelt) über royale Gärten und im wahrsten Sinne noble Menüs bis hin zu Besuchen in mittlerweile (weil als unrentabel eingestuften) geschlossenen Schulen und natürlich dem ABBA-Museum nimmt der Autor den Leser mit in eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Dass hier immer noch (trotz stets wachsender Probleme) alles im Lot ist, ist ein Verdienst der Stockholmer. Ehemals blutige Plätze verbreiten heute nur noch bei Nebel eine Art von Schrecken. Problemviertel sind multikulturelle Schmelztiegel und neuangelegte Wohnviertel sind zukunftsweisende Modelle, die andere Städte problemlos übernehmen könnten. Moderne und Traditionsbewusstsein sind in Stockholm selbstverständliche Gegebenheiten und keine Widersprüche, die verbal auf Teufel-komm-raus polemisiert werden müssen. Mit derselben Vehemenz muss man dieses Buch bei jedem Stockholm-Trip dabei haben. Ohne diese Lesereise würde etwas fehlen.

Von der Bühne in die Welt – Unterwegs in Vietnam

Vor nicht allzu langer Zeit hat Michael Schottenberg die Bretter, die die Welt bedeuten, verlassen, um die Welt aufs Neue zu betreten. Als Theatermacher war er in Wien eine Institution, in Vietnam, wohin es ihn jetzt verschlägt, ist er einer unter vielen. Gut so!

Ein Vierzig-Liter-Rucksack, ein wenig Literatur, Brillen (für nah und fern), Tagebücher und den Kopf voller Ideen betritt er ein Welt, in der er das Publikum ist. Rollentausch der simpelsten Art. Der Zeitunterschied ist nur eine Zahl, der Kulturschock real und gar nicht so schlimm, wie man es vielleicht erwartet. Michael Schottenberg ist nicht auf alles vorbereitet, aber er hat seine Expedition gut durchdacht. Bis auf die Tatsache, dass seine Reisezeit in die Regenzeit fällt. Und so passiert es, dass Straßen zu Flüssen werden. Ein Heimweg von einem Restaurant oder einem Ausflug zum Hotel schnell zu einer Runde Schwimmen oder Rudern gerät. Schlimm? Nicht im Ansatz. Er hat sich die fünf Wochen Auszeit gewünscht, geplant, … verdient sowieso … und nun wird es auch durchgezogen.

Pauschalreisen kommt für den kreativen Kopf nicht in Frage, die Individualität ist es nicht wert für diese außergewöhnliche Reise aufgegeben zu werden. Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern dieses Buch zu einer hilfreichen Stütze für alle, die den gleichen Plan verfolgen.

Besonders angenehm für den neugierigen Leser ist die Tatsache, dass Michael Schottenberg frei jeglicher Vorurteile das Land bereist. Und so sind Überraschungen ein steter Begleiter auf seinen Touren durch Tempel, ehemalige Kriegsschauplätze, an verlassene Strände, in versteckte Hotels, über nebelverhangene Bergpfade und noch vieles mehr. So ruhig und gelassen die einzelnen Zeilen am Leser vorbeifliegen und das Blut in Wallung bringen, so umfangreich sind seine Eindrücke. Großzügig umgeht er die Fallen auf einzelne touristische Hotspots detailliert einzugehen. Das kann man eh alles in Reisebänden nachlesen.

Die Begegnungen mit den Menschen sind ihm wichtig. Ein Mopedtaxi jagt ihm zunächst Angst ein. Doch schon ein paar Tage in diesem Land lassen die Bedenken zusammen mit den Abgasen verfliegen. Wobei man zugeben muss, dass die Abgase länger in der Nase stecken bleiben als der Schrecken verbreitende Verkehr.

Unterwegs in Vietnam sein, heißt alles hinter sich zu lassen, was bisher als „normal“ galt. Ein offener Geist, keine Scheu auch mit unüberwindbarer Sprachbarriere auf Menschen zuzugehen sind zwei Grundvoraussetzungen, wochenlang am anderen Ende der Welt sich ein Stück zeitlich begrenzte Heimat zu schaffen. Michael Schottenberg gelingt es mit Bravour den Leser mit auf eine Reise zu nehmen, die nicht jedem (meist auf Zeitgründen) vergönnt ist. Die Lust auf Neues wird in jedem Absatz wie eine Krönung zelebriert, ohne dabei den Leser außen vor zu lassen.

Was bleibt, ist die Liebe

Franz Ferdinand, Erich Kästner, Ludwig van Beethoven – klar, sie waren (und sind) alle weltbekannt. Ihr Ruhm überstand gesellschaftliche Veränderungen fast unbeschadet. Doch es verbindet diese Drei noch etwas: Ihre tiefe Liebe. Franz Ferdinand, als potentieller Thronfolger, verzichtete der Liebe zu seinem Sopherl auf die Thronansprüche seiner Frau und Nachkommen. Nicht standesgemäß lautete das Urteil, das ihrer Liebe nur noch mehr Futter gab. Bei van Beethoven und Kästner war es die Liebe zu ihrer Mutter. Der Musiker konnte nicht mit seinem Vater, die Mutter verlor er mitten in der Pubertät als er in Wien schon mehr als ein Standbein hatte. Noch heute ist in Briefen nachzulesen, dass seine Liebe nur einer galt: Seiner Mutter. Und Erich Kästner kann getrost als Muttersöhnchen bezeichnet werden. Als er schon in Berlin lebte und arbeitete, also sein eigenes Leben führte, schickte er regelmäßig seine Schmutzwäsche heim. Oft auch mit einem Wunschzettel – die Mutter erfüllte ihm jeden Wunsch.

Dietmar Grieser führt wie Amor durch die Spielarten der Liebe. Mutterliebe – ob sie nun als übertrieben bezeichnet werden soll oder nicht, sei erstmal dahingestellt – oder Partnerliebe, die jeder Widrigkeit die Zunge rausstreckt oder Kinderliebe, Männerliebe, Hassliebe oder die Eigenliebe: Sie alle eint die bedingungslose Hingabe zu einem Menschen.

Biographien tragen die Faktenschwere per se in sich. Zahlen und Daten sind ihr Salz in der Suppe. Dieses Kompendium der Liebesschwüre sticht aus der Masse der Biographien schon allein durch das Thema heraus. Doch Dietmar Grieser setzt mit seiner eloquenten Art allem noch die Krone auf. Ein bisschen Geschichtsunterricht hier, ein kleiner Ausritt in die Psyche da – die Liebe ist faszinierend und ein unerschöpfliches Themengebiet. Liest man den Titel „Was bleibt, ist die Liebe“ und betrachtet man das Titelbild von Auguste Renoir, so ist man sofort im Thema.

Doch was folgt, ist bei Weitem mehr als nur eine Aufzählung von Liebschaften. Es sind wahre Wurzeln wahrer Größen. So wie die Geschichte von Franziska Donner, der ersten First Lady Südkoreas. Oder von Nikolai Kobelkoff, der als Zirkusattraktion (wegen seiner körperlichen Deformation) Karriere machte. Oder von Agatha Christie, die im fernen Orient die engste Liebe zu einem Mann fand.

Ihre Geschichten beweisen, dass die Liebe immer weiter existieren wird. Man muss manchmal hart dafür arbeiten, oft sogar Essentielles aufgeben. Doch der Lohn ist dauerhaft.

Ein Sonntag auf dem Lande

Das Leben hat es gut gemeint mit Monsieur Ladmiral. Mitte siebzig ist er mittlerweile. Ein erfülltes Leben liegt hinter ihm. In Saint-Ange-des-bois hat er ein gemütliches Häuschen gefunden. Kurz vor den Toren von Paris. Der Garten ist vorzeigbar und zum Bahnhof braucht man nur acht Minuten. Monsieur Ladmiral benötigt aber immer länger, das Alter halt. Doch mit stoischer Ruhe schiebt er die verlängerte Laufzeit zum Bahnhof auf die Unzuverlässigkeit der Bahn. Das amüsiert ihn insgeheim. Für Mercédès, seine Hausangestellte, ist es eine willkommene Gelegenheit ihrem Chef ein wenig Gegenwehr zu verabreichen.

Die kleinen Beschwerden über das Älterwerden pflegt Monsieur Ladmiral. Genauso wie den sonntäglichen Besuch seines Sohnes Gonzague. Seit Jahr und Tag kommt er regelmäßig mit seiner Frau Thérèse, den Jungens Emile und Lucien sowie der kleine Mireille zu Besuch. Leidige Pflicht auf beiden Seiten. Wobei der Alte die Besuche genießt. Die kleine Mireille ist für ihn der Jungbrunnen, in den er gern steigt. Für Gonzague, der von seiner Frau bevorzugt Edouard genannt wird – sein richtiger Name, Gonzague behagt ihr keineswegs – ist es jedes Mal ein Graus.

Denn Monsieur Ladmiral hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Wohl geraten ist er wohl, sein Sohn. Doch als eine Ausgeburt an Esprit würde ihn wohl kaum jemand bezeichnen. Das Geld reicht, und wenn nicht, bekommt er großzügig eine Lohnerhöhung. Für Thérèse eine nicht zu unterschätzende Stütze… Monsieur mag die nur allzu gewöhnliche Schwiegertochter keineswegs. Und so vergeht der Sonntag mit kleinen Fotzeleien, die Gonzague über sich ergehen lässt und der Alte ohne groß nachzudenken, großzügig verteilt. Bis … ja bis Irène eintrifft. Sie ist der Wirbelwind in der Familie. Und Gonzagues Schwester. Ein Plappermaul, das mit ihrem Elan davon abzulenken versucht, dass ihre Einnahmequellen eventuelle nicht den üblichen Standrads entsprechen könnten. Für Monsieur Ladmiral eine willkommene Abwechslung. Denn sie bekommt er nicht jeden Sonntag vor die Augen. Gonzague sieht in Irène eher eine Bedrohung.

Pierre Bost gehörte in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu den produktivsten und viel gelesenen Autoren Frankreichs. Dies ist sein letzter Roman, die letzten Jahrzehnte seines Lebens schuf er kein weiteres Werk und widmete sich Autorenaufträgen für Filme. Mit jeder Zeile dieses Miniromans dringt die ländliche Idylle tiefer und tiefer ins Herz des Lesers. Das Grün des üppigen Gartens, das Rascheln des Laubes, die Unbekümmertheit der Zeit ergreifen von einem Besitz. Die Neckereien der erwachsenen Geschwister ist greifbar, doch sind beide erwachsen genug nicht vor dem Vater ausfallend zu werden. Ihm gehört der gesamte Respekt. Gonzague verbindet die Vergänglichkeit mit Angst, Iréne ist tief im Hier und Jetzt verwurzelt. Und Monsieur Ladmiral weiß, dass er eh nichts mehr ändern kann. Den Lebensgenuss jedoch kann ihm keiner und nichts wegnehmen.

Dante Baby, das Inferno ist da!

„Ich saz uf eime Steine und dahte Bein mit Beine“ – Walther von der Vogelweide haben wir dieses mittlerweile geflügelte Wort zu verdanken. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ – den Anfang von Goethes Osterspaziergang können die meisten zwischen neun und neunzig noch aufsagen. Bei Charles Bukowski hingegen wird es schwierig ein Gedicht zu rezitieren. Oberflächlich betrachtet, darf, ja muss man ihm danken, dass das Deftige dank ihm, dem Literaten, fast schon salonfähig geworden ist.

Wozu ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn man es vollkritzeln kann. Und die Blätter sind zum ersten Mal nicht zensiert! Und zum Teil zum ersten Mal auf Deutsch erhältlich. Die Auferstehung einer Ikone.

Die vierundneunzig Gedichte in diesem Band zeigen einen bedrohlichen, vor allem aber einen nachdenklichen Buk. Klar, seine deftigen Ausdrücke sind mehr als das Salz in der Suppe. Sie sind der Sud, der dem Leser Kraft gibt. Und Kraft braucht man, um dieses Buch zu verstehen. Denn knapp einhundert Gedichte  zu lesen – die sich zu allem Überfluss nicht einmal reimen, Scherz! – ist schon eine Mammutaufgabe. Dieses Buch in Dosen zu genießen, ist die hohe Kunst. Doch wie aufhören, wenn jede Zeile nur ein Schritt zur nächsten ist?

„Dante Baby, das Inferno ist da!“ wird Bukisten begeistern und Buk-Einsteigern den Kopf verdrehen. Jahrelang war Charles Bukowski verkannt. Nur in der Undergroundszene war der gefeierte Star. Jahrzehntelang schickte er hunderte Gedichte an Verleger. Die ließen ihn am ausgestreckten Arm verhungern und seine Werke in den Archiven verstauben. Abel Debritto wollte für seine Dissertation diese Staubfänger aus den Klauen der Ignoranz. Dafür reiste er kreuz und quer durch die Staaten. Kiloweise Staub hustete er heraus, um schlussendlich doch dieses Manifest des bitterbösen Humors zusammenstellen zu können.

Das Inferno reitet mit brennenden Schwertern der Sprache direkt ins Herz des Lesers. Es brennt, es schmerz … im Kopf, im Herzen, im Zwerchfell. Und die Zensur muss tatenlos zusehen. Die Gesellschaft wird geroastet. Und der Roastmaster sitzt auf seiner Wolke – ja, Buk hat eine Wolke erhalten und schmort nicht wie gedacht auf dem Grill der Verdammnis – und setzt der Moral mit Blitzen des Zorns zu.

Geradezu milde wirken die Zwischentöne, die sich erst nach und nach zeigen. Hat man sich eingegroovt, ist man also schon mitten im Text, fallen einem die Feinheiten, die philosophischen Gedankengänge auf. Buk war nicht nur der rülpsende, furzende, vögelnde und vor allem saufende Unhold, der seinem Frust mit harter Feder Ausdruck verlieh. Hinter den Ärschen und Whiskeys tritt der Buk hervor, der der Welt die Zunge rausstreckt und sein Image zu pflegen weiß. Wer tiefer gräbt, erkennt warum Buk bis heute so erfolgreich ist.

Dieses Buch ist ein Schlag in die Fresse all derjenigen Mode-Rockstars, die einem mit bis oben zugeknöpftem Hemd jämmerlich talentiert ebenso weinerliche Texte massenkompatibel um die blutenden Ohren wimmern.

Köln MM City

Da ist man doch baff erstaunt, dass Köln gar keine Hauptstadt ist. Jeder Kölner wird nun zustimmen. Und alle von der Schäl Sick müssen – sofern sie noch nicht vor Ort waren – mit diesem Buch neidlos anerkennen, dass Köln eine Reise wert ist, auch wenn es auf der falschen Seite (des Rheins) liegt. Das liegt immer im Auge des Betrachters.

Hat man die Vorurteile, die besonders im Fernsehen von mehr oder weniger Begabten wie der Bauchladen der Eitelkeiten (wenn man schon sonst „cantz“ und gar nichts zu bieten hat) vor sich hergetragen wird, hinter sich gelassen, kann man sich auf dieses Buch konzentrieren. Es lohnt sich!

Jeder Kölner, der auch nur im Entferntesten eine Fernsehkamera erspäht, muss seine uneingeschränkte Liebe zum Dom kundtun. Andreas Haller hält diesem Domsinn ein knappes Dutzend Spaziergänge entgegen, die die Stadt auch ohne Jahrtausendbaustelle lebenswert machen. Das erste Kapitel ist jedoch dem Kirchenbau am Bahnhof gewidmet. Man aber auch einfach nicht ohne den Dom aus, in Köln.

Wer noch nie in Köln war, weiß ohne es zu ahnen schon eine ganze Menge von der Domstadt. da ist er schon wieder, der Dom. Zum Beispiel, dass man seine Liebe hier mit einem Schloss besiegelt bzw. bekundet. Und das hängt man an die Hohenzollernbrücke. Die verbindet Deutz (auf der Schäl Sick, man kommt in einer Stadt wie Köln einfach nicht ohne Stereotypen aus), mit der Innenstadt. Doch das war es noch lange nicht mit Deutz. Zum Beispiel steht hier ein Denkmal für einen Düsseldorfer. Ja, tatsächlich. Jan Wellem hieß er. Zumindest bei den Kölnern. Im Pass stand Herzig Johann Wilhelm II. Als katholischer Ableger der Wittelsbacher erlaubte er auch Protestanten ihre Religionsausübung. Und als Bewohner einer toleranten Stadt wie Köln, darf man auch mal über seinen Schatten springen und einem Düsseldorfer ein Denkmal setzen. Allerdings übersehen auch viele Kölner dieses Dreimetermonument im Mühlheimer Stadtgarten.

Grinköpfe hingegen sind keine mehr oder weniger liebevolle Bezeichnung für den einen oder anderen, der dem Kölner zum Schabernack treibt, sondern nützliche Hilfsmittel aus alten Zeiten, um die Arbeit zu erleichtern. In der Altstadt findet man sie hier und da noch. Statt eines Unterkiefers haben sie Metallzähne. Und das alles nur, um Waren in die Keller befördern zu können.

Das sind nur zwei Geschichten, die in den typischen gelben Kästen für Abwechslung bei der Reiseplanung sorgen. Es sind aber vor allem Hintergrundinfos, die einen hohen Wiedererkennungswert haben.

So wie das gesamte Buch. Jede Seite ist gespickt mit Wissen für den Reisenden, der offen Auges durch die Stadt spaziert.