Alltag in Berlin

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Wie spannend kann der Alltag schon sein? Aufstehen, arbeiten, essen, schlafen, aufstehen, … und so weiter. Klingt nicht gerade sehenswert. Denkste! Denn Alltag ist Kultur, Kultur, die jeden betrifft, die jeder kennt, die jeder formt und gestaltet. Und mal ganz ehrlich: Neugierig sind wir doch alle, wollen wissen wie‘s beim Nachbarn aussieht, was der alles so treibt. Und wie das in Berlin aussah, kann man nun in diesem Prachtband nachlesen, kann kieken wie’s um die Ecke aussah, kann man bestaunen und wieder entdecken.

Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche haben sich das Mammutprojekt „Alltag in Berlin“ vorgenommen und beeindruckend umgesetzt. Barbara Schäche saß bis 2015 an der Quelle. Als Leiterin des Berliner Landesarchives war die Herrin über einen unfassbar großen Bestand an Aufnahmen der Stadt, die den Begriff „wechselvolle Geschichte“ für sich gepachtet zu haben scheint.

Was dieses Buch dankenswerterweise nicht ist: Ein Regenbogen der Promis in der Hauptstadt. Wahre Begebenheiten, echte Menschen, reale Situationen, nachvollziehbare Prozesse sind die Zier und das Brot dieses Buches. Eine fast ausgestorben scheinende Werkhalle – letzter Tag der Abfüllung bei Bärenquell. Oder wohlverdiente Pause bei Borsig – Lehrlinge, denen harte Arbeit nichts ausmacht, aber einer Pause nicht abgeneigt sind.

Kriegsinvalide werden Badevergnügen gegenüber gestellt – Freud und Leid liegen nicht nur literarisch eng beieinander.

Dieses Buch schaut man sich immer wieder an. Schon allein deswegen, weil man es nur schwer auf einmal von der ersten bis zur letzten Seite anschauen kann. Zu viel Input, wie man heute sagen würde. Die Wucht der Bilder ist nicht nur bei intensiver Beschäftigung erdrückend. Zwischen den Bildern, die Abläufe zeigen, die heute kaum mehr einer kennt, der noch nicht in Rente ist, wie das Wäschewaschen im Waschkessel im Waschhaus, erquicken den Leser Aufnahmen von erholsamen Unterbrechungen, Gartenparties oder Faschingsfeiern im Kindergarten.

Demos für Frieden und Solidarität auf beiden Seiten der Mauer waren Gemeinsamkeiten und Unterscheide in der geteilten Stadt. Sie gehörten zum Stadtbild wie Menschen „von janz weit her“ über „aus Not auf die Straße getriebene Mädchen“ bis hin zum quirligen Treiben vor dem Ringbahnhof in Mitte. Wohlgemerkt, das sind drei Bilder von zwei sich gegenüberliegenden Seiten. Abwechslung ist geboten, das hat sich Berlin bis heute bewahrt. Es ist den beiden Sammlern zu verdanken, dass nicht nur der momentane Wandel in Bildern festgehalten wurde, sondern vor allem das, auf dem heute dieser Wandel überhaupt noch stattfinden kann. Als Berlinkenner ist es ein Riesenspaß die genauen Standorte der Fotografen zu bestimmen. Und vielleicht erkennt sich ja jemand wieder auf den Bildern. Det wär ‘ne Schau!

Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann

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Lange Zeit hatte man das Gefühl, dass deutsche Literatur nur von einem Autor geschrieben werden konnte: Goethe. Der war ja überall und nirgends. Ein echter Tausendsassa. Der Wachwechsel wurde mit der Wiederentdeckung von Thomas Mann eingeläutet. Alle überschlugen sich, der interessierte Leser konnte sich mit Biographien eindecken bis er nicht mehr atmen konnte. Mann soweit das Auge reichen konnte. Auch die Frauen der Manns wurden ausgiebig besprochen. Vorteil Manns.

Elisabeth Tworek scheint ins gleiche Horn zu stößen. Doch nur oberflächlich. Sie interessiert sich für die Zeit und (vor allem) den Ort, an dem Thomas Mann, der Wegbereiter des Mannschen Ruhms, und seine Familie wirkte. München. Ein Stadt, die heute für markante Fußballkunst, das größte Volksfest der Welt und eine Landesregierung bekannt ist, die den Großen der Welt die Stirn bietet, sich anbiedert und immer wieder ins Rampenlicht drängt. Doch Literatur und München? Mundart, bitte schön! Das sehr wohl.

1894 führt der Weg der Manns in die bayrische Landeshauptstadt. Ein pulsierender Quell des künstlerischen Ausdrucks. Bertolt Brecht, Karl Valentin (da ist er wieder, der Dialekt), Oskar Maria Graf, Frank Wedekind und eben Thomas, Klaus, Erika, Heinrich, Katia und wie sie alle hießen. Die Manns eben. Sie alle – nicht nur die Manns – waren von München beeinflusst, leisteten im Gegenzug ihre Beitrag zur Entwicklung der Stadt. Wer was werden wollte, wer als Schriftsteller vom Ruhm der Autoren profitieren, sich inspirieren lassen wollte, musste in München sein. Und leben.

Das war und blieb so bis ins erste Viertel des vergangenen Jahrhunderts. Dann änderte sich das Bild der Stadt. Freigeister wurden zuerst zögerlich, dann immer öfter und offener zum Freiwild. Hauptstadt der Bewegung nannten die Nazis München. Das ungezwungene Leben wurde immer schwieriger, reglementierter bis hin zur Repression. In den Dreißiger Jahren packten viele gezwungenermaßen ihre Koffer und flohen vor Verfolgung und Berufsverbot. Die Auswirkungen sind bis heut spürbar.

Der Autorin gelingt mit scheinbarer Leichtigkeit das süße Leben der „nördlichsten Stadt Italiens“, die Leichtigkeit des Seins, die musischen Kräfte der Isar-Metropole einzufangen. Sie durchforstete Familienalben, recherchierte in Archiven, sammelte Anekdoten und fügte alles zusammen in diesem wunderbaren Band. Das hochdeutsche München der Bohème vor rund einhundert Jahren. Mehr als nur eine Fortsetzung in der Reihe der zahlreichen Biographien über die Manns. Vielmehr ein Kaleidoskop der Umgebung, des menschlichen Diskurses und des Kampfes gegen Engstirnigkeit für den viele einen zu hohen Preis gezahlte hatten.

Im Labyrinth des Kolosseums

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Wer sich ein Haus baut, will, dass es lange steht und bewohnbar ist. Die Grundstücksauswahl ist somit nicht nur der erste Schritt, sondern ein elementarer. Niemand würde sich ein Heim auf schwachem Grund bauen.

Doch die Geschichte zeigt, dass es auch anders geht. Wer Rom besucht – eigentlich jeder, egal ob er schon in Rom war, dort hin will oder es nie vorhaben wird – kennt die Anziehungskraft, die vom Kolosseum ausgeht. Ein gigantischer Bau, von dem, wenn man das Alter des Bauwerks bedenkt, noch sehr viel zu sehen ist. Und noch mehr zu erahnen ist. Und dieses Bauwerk steht an einer Stelle, die heutzutage als natürlicher Spa-Bereich durchgehen würde. Bauherr war Kaiser Vespasian, er regierte von 69 bis 79 unserer Zeitrechnung. Und zu eben dieser Zeit war an dieser Stelle zwischen Via Celio Vibenna und Via Nicola Salvi, die es damals garantiert noch nicht gab, ein See.

Klaus Stefan Freyberger und Christian Zitzl sezieren das Bauwerk, die vorhandenen Pläne und die Niederschriften dazu bis ins kleinste Detail. Als Leser ist man mitten im Geschehen. Ein bisschen Vorbildung ist allerdings vonnöten, wenn man den gesamten Text voll umfänglich verstehen will. Die Sitzanordnung, architektonische Besonderheiten und die Lage ergeben einen Sinn. Das Kolosseum ist von nun an nicht mehr nur eine touristische Attraktion, sondern ein vertrautes Bauwerk, das den Vergleich mit ähnlichen Amphitheatern wie denen in Verona, Pompeji oder Nîmes (auch diese werden in diesem Buch ausführlich beschrieben) nicht scheuen muss.

Doch dann der Bruch! Vielleicht war alles ganz anders? War das, was wir als Neubau sehen, nur ein Erweiterungsbau? Warum wurde dann nicht schon früher über ein Theater an dieser Stelle geschrieben? Wieso kennt das niemand? Fragen, die sich bis heute Wissenschaftler stellen. Und die der Leser nur zur Kenntnis nehmen kann. Doch Freyberger und Zitzl geben mögliche Antworten. Man darf diese Lücke nicht mit heutigen Maßstäben schließen. Heute schaut man ins Netz und ist oft schlauer, meist jedoch mit einer Theorie betraut.

Eindeutige Antworten können auch die beiden Autoren nicht liefern, doch ihre Überlegungen überzeugen den Leser. Wer Rom besucht, kommt unweigerlich am Kolosseum vorbei. Pflichttermin nennt man so was. Ob man nun dieses Buch vorher eingehend studiert hat oder es aufgeschlagen bei der Besichtigung mitführt, ist jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass es wohl nur wenige Guides gibt, die so kenntnisreich informieren können. Jeder Bogen, jedes Tor, jeder Rang erscheint in einem neuen Licht. Und warum nicht im Urlaub Erholung mit Wissen verbinden. Schaden kann’s nicht!

Paris abseits der Pfade I

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Über die Boulevards schlendern, den Eiffelturm erklimmen, auf den Treppen vor Sacré Cœur ein Eis schlecken – Paris. Ein Traum! Viel zu erleben, aber auch viel zu verpassen. Denn nur Boulevards, Turm und Ausblick mit Eis macht aus keinem Gast einen Paris-Experten. Das unter anderem beweist dieser Reiseband, der jedem Paris-Besucher unters Kopfkissen gelegt gehört.

Und wenn man es dann wieder hervorholt und auch nur ein bisschen darin blättert, erlebt man Paris wie es selbst viele Pariser nicht jeden Tag erleben. Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch „hintereinander wegzulesen“, ist nur was für Menschen mit fotografischem Gedächtnis. Die Dichte an Informationen erschlägt den Leser. Fast! Denn so manche Straße ist dem Besucher schon bekannt. Doch erfährt man nun erst, was man alles übersehen hat, welche Histörchen sich hier zugetragen haben. Auf einzelne Beispiele kann aus Platzgründen nicht eingegangen werden.

Georg Renöckl hat all seine Sinne geschärft, um dem Leser das Flanieren so einfach wie möglich zu machen. Der Duft von exotischen Kräutern aus aller Herren Länder steigt in die Nase, das Auge zuckt von einem denkwürdigen Platz zum Anderen, die Ohren vernehmen schon ab den ersten Seiten den Klang von Paris. Mit dem Autor genießt man ein krosses Baguettes und blickt auf die Ratten von Paris. Nicht sprich-, sondern wortwörtlich. Keine Angst, die tun nichts mehr!

Mit Victor Hugo durch Paris laufen, Haussmanns Erbe in sich aufsaugen, mit Napoleon die Welthauptstadt erobern und zwischendurch die kleinen, in keinem Reiseführer verzeichneten Geheimtipps aufsuchen. Georg Renöckl hat viel gelesen, hat in Paris gelebt, ist also der ideale Paris-Guide für Anfänger und Paris-Kenner. Romantisch verklärte Klischees sucht man vergebens in diesem Buch. „Augen auf!“, heißt es vielmehr, wenn man durch das Häusermeer spaziert. Den Blick immer schweifen lassen, kein Detail außer Acht lassen.

Bei der Fülle an Eindrücken gibt der Autor immer wieder Tipps zur Erholung, sprich wo man es sich schmecken lassen kann. Am Ende der Kapitel noch einmal kompakt zusammengefasst. Egal, wo man sich gerade befindet. Auch in den so genannten No-Go-Areas. Die liegen eh im Auge des Betrachters. Wer sich von den hypermodernen Hipster eher abgestoßen fühlt, meidet andere Quartiers als die Stubenhocker, die immer nur auf ihre eigene ach so tolle Kultur pochen. Alles ist relativ. Nur Paris nicht! Paris ist absolut: Lecker, bestaunenswert, vielfältig und abwechslungsreich. Und mit oder nach der Lektüre dieses Buches eine Stadt, die man so noch nicht gesehen hat.

Oft heißt es in einem Gespräch, dass man eine gute und eine schlechte Nachricht hat. Hier ist es anders: Es gibt einen Lichtblick und die Frage „Wie liest man dieses Buch?“. Der Lichtblick ist der Titel „Paris abseits der Pfade – Band 1“, d.h. die Reise wird weitergehen. Die Frage nach der Leseart ist da schon schwieriger zu beantworten. Beim Gehen schmökern? Dann verpasst man ja alles! Vor dem Flanieren lesen oder hinterher? Beides! Eindeutig beides. Zuerst anfüttern und am Abend Revue passieren lassen. So liest man „Paris abseits der Pfade“. Und Paris ist kein Traum mehr, sondern das wahre Leben!

Dahamm und Anderswo

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Wissenschaftler, Sprachforscher haben herausgefunden, dass Dialektsprecher entspannt sind, in sich ruhen. Zumindest meistens. Denn es gibt ja auch so herrlich Flüche, die in Dialekten einfach mehr hermachen.

Matthias Kröner scheint entspannt zu sein. Ein Franke abroad, hoch im Norden, dort, wo die Berge, hügelig sind und der Badesee bis über den Horizont reicht. Dahamm in Franken, dahamm an der Ostsee. Fernweh hat er nur manchmal. Heimweh? Auch. Sprachliches Heimweh. Und er hat eine ganz besondere Art gefunden das Heimweh zu stillen. Er schreibt, in Mundart, auf fränkisch.

Für ungeübte Augen muss man sich erstmal einlesen. Am besten laut. Harte Konsonanten verwandeln sich vor den Augen des Lesers in weiche „Midlaude“. Ist gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Seiten ist man „drinn im Schdoff“. Und dann sind die Heimatgedichte eine wahre Freude.

Matthias Kröner ging durch die harte Schule der Auswanderung. Hier lernte er seine Heimat noch mehr lieben und schätzen. Von außen auf die eigenen Wurzeln blicken zu können, tut gut, wenn man die Heimat wirklich begreifen will. Im Bratwurst-Franken kennt man ihn als kritischen Beobachter, immer dicht dran am Geschehen. Seit knapp zehn Jahren hat er sich in der Nähe von Marzipan-Lübeck seine kleine fränkische Enklave der Heimeligkeit geschaffen. Mit allem, was dazu gehört.

Der Begriff Heimat hat, besonders in Deutschland und besonders seit einiger Zeit, (wieder) einen faden Beigeschmack bekommen. Die meisten, die ihn benutzen, können ihn nicht so recht fassen. Krude Ideen, wer nicht dazu gehören wollte, sind für sie das Alleinstellungsmerkmal des Heimatbegriffes. Doch sollte eine Definition das herausstellen, was in den Begriff steckt? Ja, was sonst. Hier kennt man sich, spricht die gleiche „Schbrooch“. Was aber, wenn man länger weg ist? Da kennt die „Bäggeri“ einen nicht mehr beim Namen, die „Medzgeri“ auch nicht. Kein Grund zum Traurigsein. Schreib ein Gedicht und alles ist wieder im Lot.

Heimat- oder Frankentümelei sind nicht die Sache von Matthias Kröner. Er ist halt Franke, spricht die seine Sprache, beobachtet. Und er kann formulieren. Wer sich einmal in die Schreibweise vertieft hat, kommt mit den Gedichten schnell klar. Alles ist bekannt und vertraut. Und doch irgendwie neu. Schließlich denkt man permanent an die eigene Heimat. Der Alltag muss gestaltet, Kinder versorgt werden. Doch schlägt man Ende eines ereignisreichen Tages die Seiten des Buches auf, keimen spontan Erinnerungen. Wie es damals war, beim Küchendienst in der mütterlichen Küche oder beim Kicken. Nicht jedes Wort wird man als Nichtfranke sofort erraten. Weiterlesen, die Eingebung kommt … ganz bestimmt.

Auf Schienen um die ganze Welt

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Mit dem Zug reisen, ist eine ganz besondere Art die Welt zu erkunden. Man ist ein Gefangener der Technik. Mit dem Kauf der Fahrkarte hat man keinen Einfluss mehr auf die Streckenführung. Abfahrt- und Ankunftszeit sind vorbestimmt. Was die Planung erheblich vereinfacht.

Die Planung von Kristian Ditlev Jensen war allerdings nicht einfach. Für ein Magazin sollte / wollte er um die Welt reisen. Im Zug. Die Redaktion half bei den Vorbereitungen, den Rest musste er allein bewältigen. Das Ergebnis: Dieses Buch. So entschleunigt die Fahrten von A nach B, so fesselnd sind seine Ausführungen. Schon auf den ersten Seiten fragt man sich: Warum in die Ferne schweifen? Dänemark – der Autor ist Däne und startet somit folglich auch in Dänemark – ist so facettenreich wie der Rest der Welt. Nur halt eben nicht so weitläufig.

Zwölf Reisen sind auf diese Art zusammengekommen. Und gleich der erste Trip, in Japan, hat so gar nichts mit dem Untertitel des Buches zu tun. „Von der Köstlichkeit des langsamen Reisens“ – im Shinkansen ein Treppenwitz. Knapp dreihundert Kilometer frisst sich der Stahlkoloss durch die Gebirgsketten des Inselstaates. Zweihundertachtzig ka-em-ha! Langsam sieht anders aus! Doch kein Rattern und kein Ruckeln stören das Erlebnis Zugreise. Im Gegenteil. Das Fehlen von jeglicher akustischer Ablenkung erlaubt es Kristian Ditlev Jensen seine Mitstreiter genauestens zu beobachten. Und in deren Kultur einzutauchen. Kurze Zwischenstopps lassen das Ende der Fahrt erahnen und unweigerlich näherkommen. Riesige Entfernungen gehören hier bald ins Reich der vergessenen Fabeln.

Ob von einem New ins Andere – man könnte auch sagen von einem Big ins Andere – gemeint sind New York und New Orleans, hoch in den Anden in Peru, quer durch Australien, von einem Moloch in den anderen (Shanghai – Peking) oder durch die heimatlichen Gefilde: Kristian Ditlev Jensen findet immer das richtige Thema. Es schaut nicht nur aus dem Fenster, macht Ah und Oh. Jedes Land hat so seine Eigenarten, also die Menschen, natürlich. Und die interessieren den Reisejournalisten mit dem vermeintlichen Traumjob.

Als Leser ist man in einer ähnlichen Lage wie der Autor. Das Ziel ist klar, doch welche Route genommen wird, erfährt man erst on the road. Ein kleiner Abstecher nach Kulinarien, ein Zwischenstopp in Drogistan, Fotostopp im Feine-Nasen-Land. Wer Schenkelklopfer erwartet muss in die zweite Klasse umsteigen. Hier wird First-Class geschrieben, gelebt und genossen. Wer vor oder auf Reisen immer vor der Frage steht, welchen Schmöker er denn nun zum Zeitvertreib verschlingen soll, dem sei dieses Buch als Appetizer empfohlen.

Weihnachten bei den Elchen – Die schönsten Wintergeschichten aus Skandinavien

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Ach wie ruhig kann Weihnachten sein! Ach wie ruhig ist es auch! Meistens! Leise rieselt der Schnee, Glöckchen klingen, der Duft von Gebäck liegt in der Luft. Es ist Frieden! Und irgendwie kommen einem Bilder von Skandinavien in den Sinn. Warum? Keiner weiß es so recht. Vielleicht, weil dort immer, zumindest jedoch öfter als in unseren Breiten auch wirklich Schnee liegt?! Oder weil der Weihnachtsmann dort zu Hause ist?! Egal, Adventsstimmung und Skandinavien haben eine Verbindung. Und das lässt sich literarisch sogar beweisen. „Weihnachten bei den Elchen – die schönsten Wintergeschichten aus Skandinavien“ bildet den friedlichen Ringelreih zum Fest aus dem Schneegestöber-Norden.

Und wie es sich für einen Geschichtenband gehört, fängt es mit „Es waren einmal …“ an. Elsa Beskow erweckt die Wichtel zum Leben. Ein vorwitziger Wichteljunge erlebt durch seine Neugier und Vorwitzigkeit das Abenteuer seines Lebens. Er zaubert Lachen in die Gesichter der Kinder, doch vermisst er auch die Familie, bei der er und seine Familie ein Heim gefunden hat. Mit warmen Worten lässt die Autorin ihre Geschichte gut enden und den Leser mit dem guten Gefühl zurück, dass nicht jeder Fehltritt unendlich zu bereuen ist.

Henning Mankell begibt sich mit seiner Weihnachtserinnerung auf ein neues Gebiet. Keine Morde, keine Schicksalsschläge in weiter Ferne – nein, eine ganz normale Weihnachtserinnerung, die in ihrer Klarheit und Poesie mehr an Truman Capote erinnert, denn an düstere Komplotte und Intrigen.

Astrid Lindgren – ja, sie darf in solch einem Buch niemals fehlen, lässt den Schrecken von Gevatter Tod durch die besinnliche Zeit verblassen. Die Präzision ihrer Worte trifft den Leser mitten ins Herz. Der Geist der Weihnacht siegt über die Schatten des irdischen Seins.

Diese Geschichtensammlung hat es in sich. Nicht wegen der großen Namen – auch Selma Lagerlöf leistet ihren literarischen Beitrag – sondern wegen der sorgfältig ausgesuchten Kurzgeschichten. Kein verklärtes Heimatklischee kreuzt den Wohlklang lebensechten Einblicke ins Leben unserer nördlichen Nachbarn. Kindheitserinnerungen wechseln sich ab mit Rückblenden als alles überhaupt nicht besser war, sondern entbehrungsreich. Kleine Gesten schieben die trüben Wolken beiseite und lassen Kinder- wie Erwachsenenherzen höher schlagen. Dieses Buch in den Händen eines versierten Vorlesers, den Nachwuchs auf dem Schoß, ist der perfekte Einstand für die Adventszeit!

Hercule Poirots Weihnachten

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Weihnachtfest auf Gorston Hall. Man sitzt vereint zusammen, genießt die deftigen Gaben aus der Küche, lässt so manchen guten Tropfen die Kehle herunter rinnen und lauscht – wenn man einen Gast wie Hercule Poirot schon mal zu Gast hat – blutrünstigen Geschichten. Der Fall liegt hier jedoch etwas anders. Denn der Gastgeber des Familienessens Simeon Lee ist tot. Und erst jetzt hat Hercule Poirot seinen Auftritt. Und auf seine Ausführungen hat keiner so recht Lust.

Simeon Lee war ein echter Tyrann. Schon die Tatsache, dass er seine Familie zum Weihnachtsschmaus einlud, verblüffte. Doch die Ernüchterung trat schnell ein. Simeon Lee kann einfach nicht anders als ein echtes Ekel zu sein. Ein gutes Haar an einer Sache oder an einer Person lasen, ist nicht sein Ding. Und da sich der Schwager von Agatha Christie wieder einen guten, brutalen Mord gewünscht hat, folgte die Queen of crime seinem Wunsch und beförderte den Hausherren sofort ins Jenseits. Das weiß der Leser schon vom Klappentext. Und gleich auf den ersten Seiten werden die potentiellen Täter vorgestellt. Und bei jedem Kapitel, bei jeder Vorstellung der Sippschaft denkt man sich „Der muss es sein!“. Gefolgt von einem „Nein, der war’s“ bzw. wird es sein. Ein herrliches Versteckspiel, das Agatha Christie da zur Weihnachtszeit inszeniert!

Ach ja, Hercule Poirot vervollständigt den Reigen des Familientreffens. Der Connaisseur schreitet dem aristokratischen Anlass entsprechend durch die heiligen Hallen von Gorston Hall. Manchmal jedoch tritt er dabei jemandem gehörig auf die Füße. Das ist ja auch ganz einfach, bei dieser Familie. Da ist Harry, so was wie das schwarze Schaf. Ein Lebemann, der immer Geld gebrauchen kann. Nach Jahren der Abstinenz ist er wieder da. Was die Brüder wundert – sie dachten er wäre tot – und Simeon Lee freut. Alfred ist immer da. Zusammen mit der beherrschten Lydia wohnt er hier, leitet das Familienunternehmen. Was den Simeon Lee freut. George kommt zu Besuch, ein weiterer Sohn. Abgeordneter, seine Frau Magdalene hält dem Weichei den Rücken frei. Das freut Simeon Lee. David und Hilda sind auch angereist. David, das Müttersöhnchen, das den Tod der Mutter immer noch nicht verkraftet hat. Das freut Simeon Lee. Doch zwei weitere Gäste erfreuen den Alten noch viel mehr: Pilar, seine Enkelin, Tochter seiner einzigen Tochter. Sie wuchs in Spanien auf. Und dann ist da noch Stephen Farr. Bereits im Zug machte er die Bekanntschaft der reizenden, naiven, reinen Pilar. Stephen ist der Sohn des ehemaligen Geschäftspartners von Simeon Lee aus Südafrika. Eine illustre Gesellschaft. So bunt, so verschieden, so geheimnisvoll. Und der Alte freut sich über jeden einzelnen. Bis zu seinem letzten Atemzug.

Der, der sich so gern im Blut der eigenen Sippe suhlte, liegt nun in seinem eigenen Saft. Kein schöner Anblick für seine Lieben. Alle lieben sich, weil sich gleichen Blutes sind. Alle hassen sich, weil sie gleichen Blutes sind. Und doch sind die scheinbar Unbeteiligten die mit den größten Geheimnissen…

Gebrauchsanweisung für Wien

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Wien, Wien, immer wieder Wien! So geht es Monika Czernin. Einmal pro Saison muss sie da hin. Und immer wieder findet sie Neues in der Donaumetropole. Und endlich hat sie es aufgeschrieben. Und endlich kann jeder es lesen! Muss es lesen! Denn wer Wien besucht und dieses Buch nicht mindestens einmal gelesen hat, findet sich nicht auf der sagenumwobenen Ringstraße wieder, sondern auf der Verliererstraße.

Monika Czernin redet keinen Besucher – sei er zum ersten oder zum wievielten Mal hier zu Gast – aus, die üblichen Verdächtigen zu besuchen. Wien ohne Stephansdom wäre wie Paris ohne Eiffelturm. Das muss man auch hoch. So richtig Appetit auf Wien bekommt man schon auf den ersten Seiten. Klar mit Sachertorte lockt man jeden Neugierigen hinterm Ofen vor. Wer behauptet Wien sei hässlich, unnahbar oder überhaupt nicht besuchswert (echt, solche Leute soll’s geben…), bleibt halt auf Balkonien und regt sich über den Straßenlärm auf. Für den Rest gibt‘s dieses Buch!

Heimlich, still und leise hat sich Wien zu dem gemausert, was man eine Metropole nennt. Die Lebensqualität ähnelt der von San Francisco oder Boston. Berlin als hipper place to be? Existent, aber Wien ist hipperer, eleganter, moderner. Hinweg geblasen der Staub der Monarchie, doch den Charme eben dieser erhalten. Traditionen wie die des Kaffeehauses werden geradezu zelebriert. Doch Vorsicht! „Hallo, ich hätte gern ein Brötchen, Herr Kellner“, führt schnell zu Augenbrauenzusammenziehen. „Herr Ober, eine Semmel bittschön und einen Braunen“, damit kommt man weiter. Und nach unzähligen Besuchen darf man den Herrn Ober sogar beim Vornamen nennen. Kosmopolitik ganz einfach. Darauf versteht sich Monika Czernin.

Nach der geballten Wucht der offensichtlichen Höhepunkte der Stadt, führt die Autorin den Leser ins Wien der Künstler und das der Spione, in die Ecken des roten Wiens, der Stadt Sigmund Freuds und vorbei an den Schaufenstern der besonderen Läden. Dort, wo man das findet, was man eigentlich überall sucht, das man aber nur findet, wenn man sich richtig vorbereiten kann, indem man eben Bücher wie die „Gebrauchsanweisung für Wien“ liest. Unverzichtbar ist dieses Buch! Man kann es sogar ohne Stadtplan beim Herumschlendern aufgeschlagen, mit dem Finger als Lesezeichen herumtragen, immer mal ein paar Zeilen lesen. Und schon ist man wienerischer als so mancher Wiener. Ortsangaben wie „Sechster“ oder „Josefstadt“ gehen einem genauso flott über die Lippen wie Fiaker oder Zentralfriedhof. Würde es einen Einbürgerungstest für Wien geben, wäre dieses Buch die ultimative Vorbereitungslektüre.

Nehmen Sie den unterschwelligen Ratschlag Monika Czernins an, und suchen Sie sich Ihr Lieblingskaffeehaus. Ob nun eines, in dem die Großen der Welt ein- und ausgingen, oder ein uriges mit dem besonderen maroden Charme oder ein Modernes – es lohnt sich sich in Wien heimisch zu fühlen.

Gutes von Gestern – Wie man höflich rülpst und andere Tipps aus über 1000 Jahren

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Gestern. All der Ärger scheint so weit weg. Heute? Die Verrohung der Sitten greift um sich. Kaum einer hält mehr an sich, auch wenn er es vermeiden kann. Sodom und Gomorrha wo man steht und geht! Naja, malen wir den Teufel nicht an die Wand. Obwohl man schon gern mal seinem smartphone-affinenen Gegenüber die Leviten lesen möchte, wenn es wieder unerwartet piept und brummt. Dann müsst der aber erstmal googeln, was Leviten sind, wo man sie bekommt und wie hoch die Versandkosten sind. Außerdem ist Lesen eh nicht sein Ding, wenn er mehr als hundertsechzig Zeichen lesen muss.

Für alle denen die „Hundertsechziger-Regel“ am Allerwertesten vorbeigeht, die also wissen, dass man im Falle eines Husten an eben dieser Stelle, mal kurz den Raum verlassen könnte, sollte, müsste … für all diejenigen hat Elizabeth P. Archibald ihr aus Jahrhunderten gesammeltes Wissen zusammengetragen. Kein Ratgeber á la „was die Oma noch wusste“, sondern ein amüsanter Streifzug durch die Sitten der Vergangenheit.

Es ist wie beim Auto. Heute nehmen Computer beim Fahren dem Fahrer den gesamten Fahrspaß. Assistenten regeln alles, so dass man fast geneigt ist sich zurückzulehnen und sich wecken zu lassen, wenn man angekommen ist. Selbst ist der Mann? Kaum noch möglich! Ältere Modelle fahren auch. Und das gar nicht mal so schlecht. Vielleicht ein paar Zipperlein, aber die kann man selbst beheben.

Einige der Ratschläge sind einfach nur zum Schmunzeln. Man stelle sich vor, dass im Wasserbett Bettwanzen hausen. Nicht schön! Aber der Ratschlag Schießpulver auf der Lagerstatt zu verteilen, und es dann auch noch anzuzünden, ruft im besten Falle die Versicherung auf den Plan. 1777 sah man das halt noch anders…

Hilfreicher und zeitlos zugleich ist dagegen der Tipp wie man nüchtern wird. Aber Achtung: Wie alles Gute gibt es auch hier einen Haken. Im „Booke of Pretty Conceits“ aus dem Jahre 1612 wird es genau beschrieben. Hier die Kurzfassung: Den Intimbereich in Essig baden. Soll helfen. Viel Spaß beim Vorspiel und erst recht danach! Dann klappt’s auch wieder mit den Mädels. Wie man die beeindruckt, wurde schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben. Kleiner Tipp: Tanzen.

Der Autorin gilt der uneingeschränkte Dank all jener, die sich kultiviert durch das moderne Leben schlagen wollen, die ihre Geschichte und Kultur – und die von Anderen – achten und wirklich in Ehren halten. Keine Spinner, die die Vergangenheit verteufeln und als Sinnbild des Schlechten anprangern. Die Autorin kam durch Zufall auf dieses Thema. Beim Stöbern in alten Schriften traf sie auf Ratschläge aus längst vergessenen Zeiten. Als Historikern in Baltimore ließ sie aber das Thema nicht los. Sie startete einen Blog und schon kam die ersten Anfragen zu Sitte und Anstand. Wie anständig, dass sie die hehre Tradition des Buchdruckes nicht in Vergessenheit geraten lässt und die hilfreichsten Tipps in einem, diesem Buch zusammengetragen hat.