Immer Ärger mit Harry

Das Verhältnis Vier zu Eins scheint eine besondere Anziehungskraft auf Autoren zu haben. „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ oder „Vier Frauen und ein Mord“ sind erfolgreiche Filme, die noch immer für zufriedenstellende Einschaltquoten gut sind. Nur ein „Vier zu Eins“-Buch Schrägstrich Film kommt immer ein bisschen zu kurz: „Immer Ärger mit Harry“. Das ändert sich nun, zum Glück für den Leser, den Cineasten, den Liebhaber bitterböser Satiren.

Alfred Hitchcock hatte sich den Stoff ausgesucht, um einen seiner ungewöhnlichsten Filme zu drehen. Die Vorlage ist nun erstmals in deutscher Übersetzung zu erhalten. Jack Trevor Story, es ist nicht das „Making Of“ zum Film, sondern der Name des Autors, muss beim Schreiben der witzigsten Mörderjagd der Literaturgeschichte einen Lachkrampf nach dem anderen bekommen haben.

Der vierjährige Abie stromert durch die Umgebung seines Dorfes. Das Spielzeuggewehr geschultert robbt er durchs Farn und … entdeckt eine Leiche. Hat er … nein, kann doch gar nicht … oder doch? Kurz vorher hat er zwei Schüsse vernommen, die ihn vor Schreck fast in die Hosen machen ließen. Die Schüsse kamen Captain Wiles. Er hat als Kapitän allerdings nie die große weite Welt gesehen, nur eher Flussufer. Er war auf der Jagd. Man hatte ihn schon einmal ver- vor allem aber gewarnt, dass seine Schießkünste für Andere einmal gefährlich werden könnten. Nun scheinen die Warner Recht zu bekommen, oder doch nicht?

Im Laufe der Zeit gesellen sich immer mehr Menschen zu der illustren Gesellschaft hinzu. Der Tote, den gibt es wirklich, ganz ohne jeden Zweifel erhaben, ist Harry. Auf den ersten Blick liegt er ganz entspannt im Gras, genießt die Sommerluft und lässt sich von den Sonnenstrahlen an der Nase kitzeln. Nur das Blut, das aus seinem Kopf strömt, stört die Idylle.

Fakt ist auch: Der Tote muss weg! Und je mehr Leute hinzukommen, um den Toten zu sehen oder verschwinden zu lassen, oder zu beobachten, wer denn nun noch vorbeikommt, desto größer wird der Kreis der Verdächtigen. Als Leser zappelt man quietschvergnügt auf dem Allerwertesten herum, um zu erfahren, wer denn sonst als Mörder in Frage kommt, und wie es den anderen gelingt weitere Theorien zu entwickeln. Ein Schneeballsystem der Verdächtigungen, Verdächtigen, Vertuscher, Angstgebadeten und Unschuldigen, die sich jedoch keineswegs so benehmen.

Das Buch ist fast siebzig Jahre alt, der Film nur wenige Jahre jünger. Und noch immer fasziniert jede Zeile, weil es der Autor schafft dem Leser am Schlafittchen zu packen und ihn mit aller Macht in dieses Buch hineinzieht. Wer war’s denn nun? Wer hat Harry auf dem Gewissen? Und warum? Immer wieder stellt man sich diese Fragen, blättert fieberhaft weiter, lässt sich ins Dickicht der verdächtigen hineinziehen, um schlussendlich festzustellen, dass …

Cider mit Rosie

Literarische Kindheitserinnerungen sind überwiegend sinnlich und intensiv geschrieben. Laurie Lee sticht in der langen Reihe der großen Dichter und Schreiber durch seine präzisen Erinnerungen noch einmal hervor.

Der erste Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, da muss Laurie als Vierjähriger zum ersten Mal sein angestammtes Zuhause verlassen. Als die Kutsche verlässt, beginnt ein neues Leben. Sein Leben. Mehr als eine Handvoll Geschwister sind da. Sie schieben ihm Früchte in den Mund, liebevoll und ohne Zwang. So zuckersüß die Früchte, so verzückt liest man von dieser zuckersüßen Erinnerung. Der Blick scheint unendlich weit schweifen zu können. Auch die Menschen um ihn herum sind greifbar, haben Ecken und Kanten. Mit besonderer Verve beschreibt er beispielsweise den lebenslangen Zwist zwischen zwei durchaus als alt zu bezeichnenden Damen, die keine Gelegenheit auslassen der Anderen verbal eines überzuziehen. Selbst im Angesicht des Todes befeuern sie ihre Grabenkämpfe mit Leidenschaft.

Es ist ein wahres Vergnügen dem Kindertreiben vor einem ganzen Jahrhundert Zeile für Zeile zu folgen. Die nuancenreiche Sprache Laurie Lees bricht in der Neuübersetzung von Pociao und Walter Hartmann zu neuen Ufern auf. Das Gras ist auf einmal nicht mehr nur grün, sondern auch scharfkantig. Die Sonne brennt nicht, sie ist Lebensanbahner erster Klasse.

Mit jeder Seite mehr in diesem Buch kuschelt man sich in seinen Lesestuhl und liest offenen Mundes von der Schönheit vergangener Tage und dankt Laurie Lee im Nachhinein für sein enormes Erinnerungsvermögen. Mit einfachen Mitteln und der unendlichen Macht der Phantasie durchlebten der kleine Laurie und die nicht kleine Bande von Geschwistern eine nicht immer sorgenfreie Kindheit, die in ihren Augen jedoch genau das war. Unbeschwert, liebevoll, frei.

Dreizehn Aquarelle von Laura Stoddart verleihen dem ohnehin romantischen Buch den passenden Rahmen. Zurückhaltend, doch keineswegs unauffällig leiten sie eindrucksvoll jedes neue Kapitel ein. Laurie Lee scheint sich an den Abbildungen zu orientieren. Ohne viel Krakeelen und sinnfreie Lautmalerei ergießen sich Aquarelle und Zeilen über den Leser. Die verlaufen nicht im Sande, sondern setzen sich tief fest im Gedächtnis des Leser.. „Cider mit Rosie“ liest man sicherlich mehr als einmal im Leben.

Es ist der romantische Gegenentwurf zur digitalgesteuerten Kindheit der Gegenwart! Laurie Lee beschreibt seine ersten Kindheitserinnerungen mit einer derartigen Wucht, dass man das WLAN ausschalten möchte und sich ins frisch gemähte Gras setzen möchte. Einatmen, Gerüche aufnehmen, das Farbenspiel der Natur beobachten genauso wie die Menschen um einen herum. Und zwar analog, ohne Bildbearbeitung und Farbfilter.

Einfach gehen

Wenn man als Kind in der Schule seinen Berufswunsch nennen soll, waren es einst Lokomotivführer oder Feuerwehrmann. Heute ist es Influencer oder Superstar. Aber Sterbebegleiter … selbst Evan hätte nie diesen Wunsch geäußert. Doch seit Kurzem ist er es, der den Schierlingsbecher reichen  darf. Eine private Organisation bietet diesen ungewöhnlichen Weg des Aus-Dem-Leben-Scheidens an. Keine Sterbehilfe! Sterbebegleitung – das ist ein riesiger Unterschied. Die Angehörigen und der Klient haben in dem entscheidenden Moment die gleichen Rechte. Wird der Wunsch negiert, muss die „Aktion“ abgebrochen werden.

Evan hatte sich vor einiger Zeit auf eine Annonce hin beworben. Unter ständiger Beobachtung seiner Chefin hat er sich bewährt. Eigenmächtiges Handeln ist während der Arbeitszeit nicht erlaubt. Es sei denn, Evan muss abbrechen. Der einmal geäußerte Wunsch zu sterben, kann bis kurz vor Ende wiederrufen werden. Evan hat dies zu akzeptieren.

Und Privates und Geschäftliches miteinander zu vermischen, ist ganz und gar unmöglich. Im Falle von Evan auch nicht gerade wünschenswert. Ohne es zu ahnen, befindet er sich am Scheideweg seines Lebens. Ein bisschen hier mal reinriechen, dann ein bisschen dort herum suchen, nur um kurze Zeit später wieder etwas völlig anderes auszuprobieren. Lon und Simon sind seine Freunde, eigentlich mehr. Das will auch Evan. Doch Evan gibt ihnen keinerlei Signale, dass er sich fest im Dreiecksgeflecht der Gefühle fesseln lassen will.

Rat kann er sich auch auf keinen Fall bei seiner Mutter holen. Die hält ihn ordentlich auf Trab … trotz ihrer schweren Krankheit. Und so sprintet Evan wie eine Flipperkugel von Marker zu Marker, ohne zu merken, dass schlussendlich kaum was Zählbares heraus kommt.

Zuhause wartet dann Viv, seine Mutter auf ihn. Oft aufgekratzt und voller Tatendrang vergisst, dass auch sie einer schweren Krankheit anheimgefallen ist. Selbst Evan vergisst die Tücken der Natur. Meist jedoch ist er nur genervt vom den Energiebündel, das ihn zur Welt brachte und nun auf seine Hilfe angewiesen ist. Immer wieder treibt sie in zur Weißglut, aber es ist halt seine Mutter. Der man alles verzeiht. Man weiß ja nie …

Dem Krankenpfleger Steven Amsterdam gelingt das, womit gestandene Autoren zu kämpfen haben: Dem Tod, dem Ringen um ihn, dem Kampf mit dem und ums Leben ein Gesicht zu geben. Wortwitz und ein im besten Sinne des Wortes lockerer Umgang mit dem Unausweichlichen lassen die Seiten und die Geschichte um Evan, seine Mutter und seine zu wenig beachtete Berufswahl wie im Fluge vergehen. Sterbehilfe heißt es salopp, wenn darüber berichtet wird. Sterbebegleitung ist es im wahren Leben. Jemanden an seiner Seite zu haben, der in keiner Sekunde auch nur den Zweifel am Tun heraufbeschwört, ist für Betroffene der Anker, der so manchen Schmerz – seelisch wie körperlich – und sei es auch nur für Sekundenbruchteile, vergessen lässt. Dass auch dieser Anker ein Leben hat, das Qualen ausgesetzt werden kann, muss in den Hintergrund rücken. Selbstaufgabe jedoch ist der falsche Weg. Die Lockerheit, mit der Steven Amsterdam seine Berufung annimmt, ist nicht oberflächlich. Sein jahrelang gesammeltes Wissen und seine Erlebnisse verarbeitet er mit brillanter Distanz und Nähe zugleich in „Einfach gehen“. Im Gegensatz zum Leben kann man dieses Buch immer wieder lesen. Und wird es.

Und am Ende stehlen wir Zitronen

Mottenkugeln vertreiben Motten, die flatterhaften Wesen, die so chaotisch ums Licht schwirren. In Isas Kopf schwirren auch Kugeln. Auch sie verwirren sie. Doch von einem Licht, das ihr endlich aufgehen soll, ist sie meilenweit entfernt.

Isa lebt in einem kleinen Ort in Österreich. Sie ist die Fremde, die immer beäugt wird. Denn sie stammt aus dem Nachbardorf. Alle glotzen ihr auf die Brust. Nur Martin nicht, er ist ihr Freund und versucht alles um sie glücklich zu machen. Doch er versucht es zu oft, zu sehr und zu aufdringlich.

Der geographischen Enge des Ortes kann sie entfliehen. Es gibt Busse, Bahn und Flieger. Doch der emotionalen Beschränktheit kann sie erstmal nichts entgegensetzen. Bis eines Tages Zora ins Dorf zieht. Eine Frau, die nun in ein Haus zieht, das einmal Lou bewohnte. Isa und Lou sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Und Lou lebte einst das Leben, das Isa sich insgeheim immer wünschte. In Freiheit, in Wildheit, in Verruchtheit. In Rom stahl sie im Überdruss Zitronen, stellt sich Isa immer wieder vor. Zitronen stehlen als Sinnbild von Freiheit.

Als Martin Isa einen Fallschirmsprung schenkt, einfach so, nur, weil er sie liebt, weil er merkt, dass Isa genau so was genau jetzt braucht, ist das der Startschuss für Isas Ausbruch aus der Enge der Zeit.

Isa wird zu Lou. Sie lernt Ben kennen. Das heiße Wetter nehmen beide mit in die Federn. Ben ist ganz verschossen in Lou. Denn Isa hat insgeheim beschlossen Lous Leben weiterzuführen. Lou starb als sie sechsundzwanzig war. Isa ist jetzt sechsundzwanzig und bereit Lou zu sein.

Doch Lou ist nicht Isa. Und Isa hat immer noch mit den sie umschwirrenden Kugeln zu kämpfen. Lou zu sein ist nicht einfach. Doch alles ist besser als Isa zu sein. Die Kindergärtnerin aus einem kleinen Ort in Österreich. Lou war wild, frei und verrucht. Isa hat sich ihre Freiheit erkämpft. Die blauen Flecke sind noch sichtbar. Und es werden noch weitere hinzukommen. Doch wer sich traut Zitronen zu stehlen, stört sich an so was nicht!

Eva Lugbauer legt mit ihrem ersten Roman „und am Ende stehlen wir Zitronen“ ein Höllentempo vor, das den Leser in den Sog von Isas Leben zieht. Isas Drang nach dem Leben ist so vehement, so real, dass sich ihre musikalischen Begleiter Amy, Gianna, Frederic, Dave oder Janis warm anziehen müssen. Für Isa ist die Flucht aus ihrer Bergidylle nur der Anfang von etwas Neuem. Ob es groß wird, weiß sie nicht. Das ist ihr auch egal. Konventionen kann man nicht messen, wenn man sie brechen will. Ob die gestohlenen Zitronen Isa bekommen, ob sie schmecken, wird sich zeigen. Die Autorin Eva Lugbauer gibt ihrer Isa / Lou das komplette Rüstzeug mit auf den Weg aus „Sauer macht lustig“ ein garantiertes Happy end in Erfüllun gehen zu lassen.

Petit-Louis

Nur zwei Wochen. Nur zwei Wochen, dann ist alles wieder zuvor. Das dachten Henri und Jeanne als der Krieg losging. Petit-Louis, ihr Sohn ist gerade mal sechzehn. In ihre Pariser Wohnung dringt nur selten das Sonnenlicht, hat man sie im sechsten Stock erreicht, ist man außer Atem. Nur zwei Wochen sollte diese Idylle, und das ist es trotz aller Schwierigkeiten, dem Krieg weichen. Doch die Geschichte will es anders. Vier Jahre soll es dauern bis 1918 endlich wieder Frieden herrschen soll.

Henri wird sofort eingezogen. Kämpfen wird er in seinem Alter nicht, denkt Jeanne. Doch die Geschichte will es wieder anders. Dass Ihr Sohn eingezogen werden soll, auch das kann und vor allem will sich Jeanne nicht vorstellen. Petit-Louis ist so empfindsam, ein belesener, ruhiger, höflicher Junge. Durch den Männermangel in der Stadt begünstigt, findet er schnell Arbeit. Die Kollegen sind schroff und amüsieren sich über die Belesenheit ihres jungen Kollegen.

Nun muss auch Petit-Louis in den Krieg ziehen. Zusammen mit seinen Freunden ist er voller Enthusiasmus dem zivilen Leben den Rücken kehren zu können. Schon kurz nach der Mobilmachung (ein fürchterlicher Euphemismus, wenn man bedenkt, was dahinter steckt: Krieg, Elend, Tod, Verstümmelung, Krankheit – die Reihenfolge in der Aufzählung ist dabei das Einzige, was wirklich egal ist) merkt Petit-Louis die raschen Veränderungen. Plünderungen und Verrohung greifen postwendend um sich als klar wird, das Frankreich als Verbündeter Russlands gegen den so genannten Erbfeind ins Feld ziehen wird.

Hinter der Front ist das Soldatenleben einigermaßen erträglich, im Vergleich zu dem, was die Frontschweine so erzählen. Da kann man dem Vorgesetzten schon eine Krankheit vorspielen, zu Essen gibt es jedenfalls genug. Für Petit-Louis ist der Krieg bei Weitem nicht willkommen, aber mit Hindernissen zu ertragen.

Als der Krieg zu Ende ist, streicht Petit-Louis das petit aus seinem Namen. Wie selbstverständlich sitzt er am elterlichen Tisch auf Vaters Platz. Beide, Vater und Sohn haben den Krieg ohne größere Blessuren überstanden. Jetzt kann das richtige Leben losgehen. Eugène Dabit gelingt es mit nüchterner Distanz eingehende Erfahrungen – er selbst ist wie Petit-Louis 1898 geboren – aufzubereiten. Nicht alles im Roman hat er selbst so erlebt, vieles jedoch selbst mit ansehen müssen. Weniger drastisch als „Im Westen nichts Neues“, aber nicht weniger eindrucksvoll feuert Dabit gegen die Kriegstreiber und gibt dem einfachen Soldaten, der nichts anderes kennt als tumb Befehle befolgen zu müssen ein Gesicht. In seiner Schlichtheit ist dieses Antikriegsbuch ein Kleinod aus der Feder eines gefühlvollen Schreibers.

Singt, Ihr Lebenden und Ihr Toten, singt

Was für eine illustre Reisegruppe: Leonie mit ihren beiden Kindern Jojo und Kayla und ihrer Freundin Misty. Sie fahren in den Norden von Mississippi, nach Parchment Farm. Dieser Ort beheimatet das Gefängnis und somit jede Menge schräge, gefährliche und verbrecherische Typen. Michael ist einer von ihnen und der Vater von Jojo und Kayla. Letzte kennt er kaum und nennt sie bei ihrem vollen Namen Michaela. Was die Kleine vollkommen verunsichert. Misty ist nur mit dabei, weil sie immer dabei ist, wenn Leonie hier hoch fährt. Auch ihr Freund sitzt in Parchment Farm ein. Für Michael ist die Zeit des Abschieds vom Knast und die Zeit des Neuanfangs mit seiner Familie gekommen.

Jojo ist inzwischen dreizehn Jahre alt. Pop nennt er mittlerweile seinen Opa mütterlicherseits. Seinen Pa nennt er Michael. Und Leonie, seine Mutter ist Leonie. Mam ist seine Oma. Zum Leidwesen aller ist Mam aber an Krebs erkrankt und sieht ihrem drohenden Ende entgegen. Leonie hat in Jojos Augen ihr Ende schon erreicht. Die Kinder sieht sie regelmäßig, aber eine echte Beziehung kann sie einfach nicht aufbauen. Über ihre Lippen kommen zwar liebgemeinte Worte, doch die daraus resultierenden Taten lässt sie schmerzlich vermissen.

Wenn sie wieder mal „drauf ist“, blüht sie auf. Dann hält sie in Gedanken Zweigspräche mit ihrem toten Bruder. Der ihr allerdings auch nicht immer eine echte Hilfe ist.

Jojo und Kayla sind das, was man ein Herz und seine Seele nennt. Die Kleine klammert sich an ihren großen Bruder, der sie behütet wie sein Augenlicht. Es ist für ihn erfülltes Pflichtbewusstsein, wenn sie ihren Kopf an seine Brust schmiegt. So zerbrechlich sie ist, so lebendig ist ihr Geist.

Michael ist also wieder da und das Leben kann endlich beginnen. Selbst wenn Leonie hochtrabende Pläne einmal gehabt haben mag, hat sie diese im Laufe der vergangenen drei Jahre gehörig mit Füßen getreten. Das Sicheinreden, dass nun alles anders wird, kann einfach keine Früchte tragen. Zu sehr zerren die Geister der Vergangenheit an ihr. Pflichtbewusstsein gegenüber denen, die ihr das Leben gaben, eine Zukunft geben können, existiert nur hülsenhaft und sporadisch in ihrem Kopf.

Jesmyn Ward zeichnet ein düsteres Bild vom Leben der Schwarzen im Mississippi-Delta. Rassismus ist allgegenwärtig, selbst innerhalb der Familien. Unbeschwert kann die Kindheit nur sein, wenn man unter sich bleibt. Und selbst dann gibt es nur ein Thema: Wie überleben da draußen in der Welt, wenn man nicht unter sich ist? Ein Roadtrip ins Verderben, gepaart mit einer Brise Mythos, serviert auf dem schwitzigen Tablett der Südstaatenpoesie. Jesmyn Ward gelingt mit einfühlsamen Worten eine traurige Geschichte zu erzählen, deren Schwere im neugierigen Umblättern der Seiten verschwindet.

Tito

Große Staatsmänner werden in zwei Kategorien unterteilt. In die, die wirklich Großes geschaffen haben und denen man den einen oder anderen Fehltritt mit einem ganz zugekniffenen Auge eventuell verzeihen könnte. Auf der anderen Seite gibt es sie, bei denen eine – historisch gesehen – Kleinigkeit immer hervorgehoben wird, die große „Schweinerei“ herunterzuspielen. Wie bitte schön kann Autobahnbau millionenfachen Menschenmord aufwiegen? Oder Alphabetisierung Vertreibung und Völkermord? Oder inszenierte Jubelarien die Unterdrückung des eigenen Volkes? Der Name von Diktatoren jedoch wird immer im Gedächtnis bleiben. Ob in Afrika, Asien, Amerika oder Europa – die Namen schallen wie Donnerhall durch die Kathedralen der Erinnerung. Tito – ist er vielleicht die Ausnahme von der Regel? Von 1945 bis zu seinem Tod 1980 war er Generalsekretär des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, Marschall von Jugoslawien, Ministerpräsident und Staatspräsident Jugoslawiens. Das Land gibt es so nicht mehr, sein Name scheint außerhalb dieses verschwundenen Landes ebenso ausgelöscht zu sein.

Jože Pirjevic versucht mit seiner Biographie – der ersten überhaupt – dem Partisanen, Politiker und Militärführer nahezukommen und ihm Ecken und Kanten zu geben, Lebenswege nachzuzeichnen, wichtige Stationen einzuordnen – ihm Konturen zu verleihen. Fast vierzig Jahre nach dessen Tod trägt die jahrzehntelange Forschung endlich Früchte. Tito wird dadurch nicht wieder lebendig, was zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise beabsichtigt wird. Aber er bekommt ein Leben zurück, das den nachfolgenden Generationen die Bewertung Titos vereinfachen wird.

Jože Pirjevic schildert auf siebenhundert Seiten, inkl. Anhang, Quellennachweisen und ausgiebigem Bildteil, das Leben eines Mannes, der nach der Macht drängte, ohne diese Machtgeilheit zu ins Unmenschliche zu treiben. Josip Broz, so Titos bürgerlicher Name (insgesamt verwendete er über dreißig Pseudonyme), wurde als junger Mann herumgeschupst, verschleppt, verhaftet, gefoltert. Ihm waren die kommunistischen Führer suspekt. Stalins Weg war nie sein Weg, er wollte eine Alternative zur „restlichen sozialistischen Welt“ schaffen. Auch ihm gelang dieser Weg nicht. Nach dem brutalen Zusammenbruch Jugoslawiens verschwand er schnell aus dem Gedächtnis der Welt.

Fast vierzig Jahre nach Titos Tod gelingt es Jože Pirjevic Tito ein gedrucktes Denkmal zu setzen. Niemals jedoch glorifiziert er den Herrscher des einst am zweithäufigsten besuchten sozialitischen Landes Europas. Die Quellen seiner jahrzehntelangen Recherche stehen stets im Vordergrund, sie zu werten ist dem Leser überlassen.

Am Ende dieser mehr als lesenswerten Biographie sind keine Fragen mehr offen. Tito war ein Querdenker. Sein Charisma suchte seinesgleichen. Tito war ein Genussmensch in jederlei Hinsicht. Wer ihm in die Quere kam, dessen Weg wurde „begradigt“. Bewundern muss man ihn als Person nicht zwingend. Seine Ideen waren ehrenwert. Die Umsetzung scheiterte allerdings an zu vielen Faktoren, die auch dieses Buch nicht komplett offenlegen kann. In der Reihe der Diktatoren, und das war Tito zweifelsohne, nimmt er eine Sonderstellung ein. Dieses Buch ist eine detailreiche Erkundungstour  auf der Suche nach dem Geheimnis Titos.

Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber

Hugo Sterber ist das enfant terrible der Literaturszene Österreich. Seine Bücher strotzen nur so von Ablehnung der Konventionen. Seine Lesungen sind Happenings des bad taste. Die Massen strömen in die Säle, in denen Hugo Sterber seinem Namen alle Ehre macht und dem Normalen den Garaus machen will.

Harry Stroh hingegen ist ein geachteter Autor von Koch, reise- und Essbüchern. Man vertraut seinem Scharfsinn und folgt seinen Thesen. Ein Wort von ihm und alle hängen an seinen Lippen. Eigentlich wie bei Sterber. Harry Stroh liest aber nicht öffentlich. Hugo Sterber schon. Es ist fast so als ob Sterber nur schreibt, um öffentlich provozieren zu können.

Die beiden Autoren verbindet eine enge Freundschaft. Es ist eine Symbiose. Jeder hat sein Leben, doch ohne den anderen, sind sie nur halb so sehr sie selbst. Denn Harry Stroh ist Hugo Sterber. Also nicht wirklich. Hugo ist Harry on stage. Nicht ein Wort von Hugo Sterber stammt aus der Feder von Hugo Sterber, sondern entsprang zu hundert Prozent dem Hirn von Harry Stroh. Was sich selbstredend nicht mit dem Image des nüchternen Sachbuchautors verbinden lässt. Also schreibt Harry Stroh die deftigen Sätze, die Hugo Sterber so effektvoll in Szene setzt. So weit so gut. Wenn die Maschinerie läuft, kann sie niemand aufhalten. Auch Lore nicht, Harrys Frau und Inhaberin des Verlages, in dem Harry seine lukullischen Eindrücke veröffentlichen darf. Lore weiß von Hugo, kennt jedoch nicht einmal ansatzweise dessen Bedeutung für ihren Gatten. Doch was, wenn der Motor spuckt, stottert und ins Stocken gerät?

Immer kurz bevor ein neuer Sterber zum Leben erweckt wird, muss Hugo zur Entgiftung in die Berge. Harry schickt ihn dann ins Salzkammergut, um nüchtern zu werden. Kalter Entzug, um dem Strohmann die Möglichkeit zu geben wieder ein echter Sterber zu werden und das wortrauschsüchtige Publikum befriedigen zu können. Denn Hugo Sterbers Angriffslust auf der Bühne kommt nicht von ungefähr. Hochprozentiges und Blutbahnerweiternde Chemikalien machen aus dem ohnehin schon ausgeprägten Anarchistencharakter eine lebensgefährliche Rampensau.

Das neue Buch ist fertig, die Tour der Anmaßungen kann beginnen und Hugo nur noch aus dem cold-turkey-exil befreit werden. Doch Hugo ist weg! Verschwunden, abgestürzt, nicht nur sinnbildlich. Für die Öffentlichkeit darf das nicht so sein. Für sie muss Sterber noch unter den Lebenden weilen? Harry Stroh muss sich was einfallen lassen.

Ernst Wünsch kreiert mit Harry Stroh und Hugo Sterber ein kongeniales Duo, das leider hier auch schon wieder von der literarischen Bühne verschwindet. Ein geschäftstüchtiger Schreiber, ein chaotischer Lebemann, die nur zusammen etwas schaffen, das ein Mensch allein gar nicht im Stande ist zu stemmen. Immer wieder malt man sich als Leser die Situationen aus, in die Harry geraten kann, wenn Hugo nicht spurt. Doch soweit kommt es nicht. Wirt und Wurm, Harry und Hugo, Schreiber und Repräsentant sind sich zu nahe, um dem Anderen ein Schnippchen zu schlagen. Nur das Schicksal besitzt diese Macht…

Horak hasste es, sich zu ärgern

Wie die drei Affen: Nicht sprechen, nichts sehen, nichts hören! Erwin Horat ist deren fleischgewordene Phantasie. Am liebsten ist es ihm, wenn man ihn gar nicht wahrnimmt. Es sei denn er will im Café Hummel was zum Essen bestellen. Oder ein Achterl Roten. Ab und zu ein Kartenspiel mit seinem Freund geht ja noch. Ansonsten soll man ihn einfach ignorieren.

Elfriede ist nun auch schon seit geraumer Zeit Stammgast im Café Hummel im Achten, in der Josefstadt. Geschieden ist sie. Traurig ist sie deswegen nicht. Ihre forsche, manchmal mädchenhaft naive Art ist der Türöffner zu den Seelen der Menschen.

Es ist ein heißer Sommer in Wien. Alles strömt in den Schatten und am Abend ins Café Hummel. Kein Platz mehr frei. Für Horat kein Problem. Seit Jahrzehnten pflanzt er sich abends hier nieder, liest die Zeitung und ist der glücklichste Mensch der Welt, wann man ihn in Ruhe lässt. Doch diesen Gefallen tun ihm die Menschen so gut wie nie. Das Leben hupt, lärmt, blendet. Horat grantelt. Für Ärger hat er keine Zeit, steht ihm nicht der Sinn. Doch Elfriede könnte es durchaus schaffen ihn aus seinem Schneckenhaus heraus zu granteln. Sie findet keinen freien Platz im Lokal und fragt Horak, ob sie nicht bei ihm sitzen könne. Sie solle bestellen, essen, verschwinden. Letzteres als Erstes, aber das ist Wunschdenken und Elfriede ist weit davon entfernt dem knurrigen Alten um den Bart zu gehen.

Jeder kennt einen oder mehrere Menschen, denen man lieber aus dem Weg geht. Unsympathisch ist da noch geringste Attribut, das man ihnen geben möchte. Horak ist so einer. Doch in seiner Ungeselligkeit ist er kein aufbrausender oder gar cholerischer Zeitgenosse. Selbst dazu ist er einfach zu unumgänglich. Zu Hass ist er nur fähig, wenn er ihn nicht offen zeigen muss. Erwin Horak reicht Elfriede Steiner ungewollt den kleinen Finger. Und sie? Sie nimmt gleich die ganze Hand! Horak steckt in der Falle seines glückseligen selbstgewählten Gefängnisses.

Sportlicher Ehrgeiz, weibliche Neugier – wie auch immer man es nennt –  Elfriede beißt sich in Horak fest. Ob es ihm nun passt oder nicht. Ihn zu knacken, wird zu einer Art zeitlich begrenzter Lebensaufgabe. Oliver Hardy dreht in „Auf See“ vollkommen durch, wenn er Hörner und Hupen hört. Pogo ist das Ventil, mit dem Punks aus der Haut fahren. Und Professor Horak? Er schaut gerade mal verächtlich mit einem Auge hinter der Zeitung hoch. Das stachelt die unermüdliche Menschenfeundin aber nur noch mehr an. Kein noch so harte Kante kann sie verletzen, kein noch so böses Wort ihr Herz ritzen, keine noch so verächtliche Geste ihren Lebensmut mit Angst erfüllen. Die Herzensgüte in Person. Dabei ist sie eigentlich genauso stur wie Horak: Er will partout in Ruhe gelassen werden. Und mit derselben Enerviertheit will und kann sie nicht verstehen wieso ein Mensch unbedingt allein sein will …

Autorin Karoline Cvancara bereitet es eine diebische Freude mit Hilfe von Elfriede dem mürrischen Alten den Lebensweg vom Geröll der Eigenbrödelei zu befreien. Im idyllischen Ambiente des Cafés Hummel in der Josefstadt, das man schon während der Lektüre sofort besuchen will. Vielleicht trifft man ja dort das reale Horak’sche Pendant. Karoline Cvancara jedenfalls kam dort die Idee zu dieser kurzweiligen Wiener G’schichte.

Die Inschrift

In Diktaturen lässt sich gut leben, wenn man das Maul und sich an die Regeln hält. Und immer schon nach dem Mund reden und auf gar keinem Fall den Blick über den eigenen Tellerrand heben. Als Freigeist oder Humanist hat man in solch einem Fall ganz schlechte Karten.

Michele Ragusano ist ein Sonderfall. Er ist Faschist aus Überzeugung. Einen Tag nach Italiens marktschreierischem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg kehrt er in seinen Heimatort zurück. Seine alten Weggefährten strafen ihn mit Missachtung. Eine Art gefallener Engel, der zurückkehrt, so was kann man nicht gutheißen. Schließlich waren vor Jahren alle einer Meinung, dass Michele in die Verbannung gehört. Einstimmiger Beschluss – wie sich das für eine ordentliche Diktatur gehört. Gleichschritt statt eigener Meinung! Basta!

Doch in ganz edler faschistischer Manier – einige ganz Überzeugte pochen auf die „Werte“ der Faschisten – lässt man ihn doch zu Wort kommen. Don Manueli Persico ist die graue Eminenz des Vereins „Faschismus und Familie“. Sein grauer Bart bedeckt die karge Gestalt, die so vortrefflich und fast schon märchenhaft von Andrea Camilleri beschrieben wird. Der Rückkehrer Ragusano macht eine Andeutung über das Vorleben von Persico, dass es dem die Sprache nimmt, die Luft und schließlich das Leben raubt.

Michele Ragusano hat ein zweites Mal gegen die Regeln verstoßen. Er wusste, dass der Don schwach ist. Und das Worte töten können (eigentlich heißt es, dass die Kehle schneller tötet als das Schwert, aber Faschisten neigen nur allzu gern bei Gedankennot zur Umdeutung). Michele wird dem Gericht überstellt, damit es Recht spreche.

Doch die Worte zeigen Wirkung. Der Don war gar nicht so sehr Faschist und rein wie ihn alle gern gesehen haben. In fast hundert Jahren Lebenszeit ändert sich der Mensch, auch seine Sicht auf die Dinge und die Sicht auf ihn. Zum Glück, sonst wäre ja heutzutage in Deutschland der Begriff „mäßiger Postkartenmaler“ mit allerlei schlechten Assoziationen und einem schlechten Gewissen behaftet…

Der eilig gefasste Beschluss eine Straße nach Don Manueli Persico zu benennen, wackelt an jeder Ecke. Besonders die Erläuterung, die Inschrift, muss nochmal überdacht werden. Und da bricht sich der faschistische Kleinbürger, der lieber nicht gewohnte Bahnen verlässt, seinen ziellosen Weg frei.

Kopfschütteln, gelehriges Wissen und die Gedanken an die Gegenwart mischen sich beim Lesen dieser Satire aus der Feder Andrea Camilleris. Wer die Augen nur stur geradeaus hält, verpasst, was links und rechts geschieht. Nur wer für seine Überzeugungen einsteht, kann ruhigen Gewissen Prügel beziehen. Äußerliche Wunden heilen, innere vernarben sichtbar.