Der Felsengarten

Drei Inseln gehören zu den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands, in der Galway Bay. Hier ist das Leben noch in Ordnung, wie man so schön sagt. Nur ein paar mehr als tausend Menschen leben hier. Fischfang ernährt sie. Der Pub ist gut besucht. Als Doc oder Polizist hat man es schwer, denn Anrufe kommen stets bei Nacht. Und dann muss man raus, egal bei welchem Wetter. Wenn man dann auf eine andere Insel muss, der Sturm ein rauschendes Fest feiert, ist es mit den paradiesischen Zuständen vorbei.

McHugh ist der örtliche Doc. In seinem Haus kurieren sich die Besserverdienenden aus. So auch John Michael Flaherty. Seit einem Unfall ist er da. Was war, weiß er nicht mehr. Oder er will es nicht mehr wissen. Viel Mühe sich zu erinnern gibt er sich allerdings auch nicht. Das lässt McHugh verzweifeln. Flahertys Frau Peig besucht John Michael regelmäßig. Immer wieder das gleiche Spiel, nix Neues. McHugh gibt John Michael fast schon auf. Peig ist sich unschlüssig.

Ihr Hochzeitstag, ein Anlass, der hier auf den Inseln ab dem zehnten Jubiläum kaum noch wahrgenommen wird, ist fester Bestandteil ihres Jahresplans. Selbstverständlich besucht sie John Michael, … und genau so selbstverständlich wird McHugh wieder Fragen stellen. Wie war das damals? Nach dem Unfall? Irgendwelche Erinnerungen? Und Peig weiß nix Neues zu berichten. Genauso wie John Michael, der die Fragestunde viel öfter erleben muss. McHugh … naja der muss nun beiden die Fragen stellen … und auch er bekommt keine Antworten. Nur eine Geschichte von vielen, die in der Abgeschiedenheit der Galway Bay spielt, die in Wirklichkeit am Festland zu den Anziehungspunkten für Touristen schlechthin zählt.

Man spricht gern von Irlands rauhen Küsten. Ein besonderer Menschenschlag wohnt hier. Fortschritt bedeutet hier nicht immer das gleiche wie auf dem Festland. Veränderungen werden erstmal und für eine sehr lange Zeit misstrauisch beäugt. Und hier im scheinbaren Paradies lässt Leo Daly seine Helden die Hölle durchlaufen…

„Der Felsengarten“ ist ein ruhiges Buch, das bereits vor drei Jahrzehnten geschrieben wurde und nun endlich dank der Übersetzung von Chris Inken Soppa auf Deutsch erhältlich ist. Wenn man oft von den so genannten kleinen Büchern spricht, darf man nicht den Fehler begehen, dass dieses Buch wegen seiner äußerlichen Unscheinbarkeit dazugehört. Große Gefühle wechseln sich mit eingehenden Momentaufnahmen der schroffen Landschaft der Aran-Inseln ab.

Irland gehört seit Jahren schon zu den Top Ten der Reiseziele. Die Aran-Inseln sind immer noch ein Geheimtipp, den man, wie man in diesem immer noch aktuellen Buch wunderbar nachlesen kann, in Ehren halten sollte. Denn sonst würden solche Geschichten für immer verschwinden…

Kalender Berliner Geschichte 2021

Was haben Ely Beinhorn, Jesse Owens und Papst Johannes Paul II. gemeinsam? Im Jahr 2021 denken wir an sie an einem bestimmten Tag. Ende Juni ist es ein Vierteljahrhundert her, dass der Papst die deutsche Hauptstadt besuchte. Im Januar vor neunzig Jahren bestieg Ely Beinhorn ihr Flugzeug, um – nach einem kurzen Zwischenstopp im Schwarzwald – nach siebzig Stunden am Äquator ankam. Für das Jahr 1931 eine erstaunliche Leistung, als Frau eine echte Pionierarbeit zu der Zeit.

Und Jesse Owens? Klar, dass sein Jubiläum nur mit den Olympischen Spielen 1936 zu tun haben kann. Den Hundert-Meter-Lauf, den Sprint über die doppelte Strecke und den Weitsprung hatte er schon mit Olympischen Rekord vergoldet und seine eigene Zielsetzung erfolgreich gestaltet. Am 9. August 1936 setzte er seiner Legende die Krone auf als er mit der 4x100m-Staffel zum vierten Mal Gold gewann. Am Tag zuvor hatte die Staffel im Vorlauf mit glatten vierzig Sekunden den bestehenden Weltrekord egalisiert. Bei angenehmen 22 Grad spurteten Jesse Owens, Ralph Metcalfe, Foy Draper und Frank Wykoff allen andern davon und unterboten ihre Bestmarke vom Vortag noch einmal um zwei Zehntel. Gastgeber Deutschland verbesserte sich gegenüber dem Vortag zwar auch, es reichte dennoch nur für Bronze. Auf der Tribüne schäumte die Lamettafraktion.

Geschichte und geschichtliche Daten waren im Schulunterricht meist eine langweilige Sache, wenn man mit dem Gesicht zur Tafel saß. Dieser Kalender, der von Marc Lippuner mit viel Herzblut gestaltet wurde, ist das komplette Gegenteil. Ob die Eröffnung des Palastes der Republik, dem Tod am Kleinen Wannsee, einem Attentat auf Bismarck oder der Geburt einer der wenigen echten deutschen Legenden – „Berlins janze Jeschichte“ übers Jahr verteilt sichtbar, lesbar, erlebbar.

Woche für Woche bewegt die Berliner das, was in ihrer Stadt vorgeht. Vieles geht im Laufe der Jahre wieder verloren und kommt danke solch eines Kalenders nach und nach wieder ans Tageslicht. Ein Stimmungsfänger für das ganze Jahr!

Die rote Hand

Eigentlich hatte Arnolt Streich alle Voraussetzungen für ein gutes Leben: Dank der Gnade der späten Geburt den Ersten Weltkrieg verpasst, Kinderstube in den Goldenen Zwanzigern, später Fremdenlegion und nun eine Säule des deutschen Wirtschaftswunders der Fünfzigerjahre. Doch mit den Säulen ist das so eine Sache. Sie tragen die ganze Last und die Aahs und Oohs ernten die, die man trägt. Streich legt nicht viel Wert auf Lob. Schon gar nicht auf Gesellschaft anderer. Bommel, sein Boss, ist cholerisch und wenn er Streich das Gehalt zahlen soll, muss Streich nachverhandeln. Für den dicken Boss, ein Gewinnler des Wirtschaftswunders, bewacht er Garagen, drückt dort die Klinken runter und schaut, dass die Kinder der Nachbarschaft nicht zu viel Unsinn anrichten. Für ihn, den Eigenbrödler genau richtig. Aber unbefriedigend.

Am Stehbüdchen bei Ali, holt er sich immer am Anfang des Monats seine Zigarre. In der Zeitung steht dieses Mal sogar was Interessantes. Ein Waffenschieber wurde ermordet. Georg Pucherts Mercedes sieht nicht mehr so aus wie vor dem Attentat. Und Puchert selbst schon gleich gar nicht. Dass Streich wie nebenbei mittgeteilt wird, dass sich ein paar Typen – keine Polente wird ihm versichert – nach ihm erkundigt haben, lässt Streich sogar vergessen Zigaretten zu kaufen. Einer der Typen könnte Drei-Finger-Diether sein. Streich hatte ihm vor einiger Zeit mal fast den Job streitig gemacht, als er einem freier, der es partout nicht unterlassen wollte ein Mädchen zu schlagen. Streich verpasste ihm zwei Hiebe und schon war Ruhe im Karton. Doch Drei-Finger-Diether sieht es nicht gern, wenn man ihm die Ausführung verleidet… Nur Gilla, das Mädchen, das sich Streich „einmal im Monat gönnt“, sah darin etwas ganz und gar Ehrenhaftes. Vielleicht hat sich aber auch jemand was zusammengesponnen, um Streich einen selbigen zu spielen..

Schön wär’s! Denn auf dem Weg zum Boxclub von Franz Jung wird Streich abgefangen. Er solle heute nicht zu Franz kommen, ließ Franz ausrichten. Ein paar Typen, sehen gefährlich aus, hatten nach Streich gefragt. Auch wenn Streich es will, Eins und Eins macht Zwei. Und er muss Augen und Ohren offenhalten. Im besten Fall könnte es Großmann sein, der er noch Geld vom Pferderennen schuldet. Im schlimmsten Fall … das kann Streich noch nicht abschätzen.

Über kurz oder lang werden die Typen in dem eleganten französischen Wagen bei ihm auf der Matte stehen. Vielleicht kann sich Streich mit ihnen arrangieren? Und etwas über die Rote Hand herausbekommen. Die kämpfen mit allen ihnen „von Oben“ zur Verfügungen gestellten Mitteln gegen die Aufständischen in Algerien, die für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Dafür brauchen sie Waffen. Puchert war Waffenhändler… Streich dämmert es … zuerst ein wenig, doch dann kommt die Erkenntnis. Zu spät?

Jürgen Heimbach lässt so manchen Strick vom Himmel herab. Wessen Kopf sich in die Schlinge legt, oder ob, man die Stricke als Himmelsleiter zusammenknüpft, lässt geschickt offen. Jede Seite seines preisgekrönten Romans – Friedrich-Glauser-Preis 2020 – ist ein Puzzleteil, das dem Leser immer wieder neue Perspektiven öffnet. Spannend bis zum letzten Buchstaben!

Die Kunst den Mund zu halten

Unterteilt man die Menschen in die, die reden – ob nun aus Wissen oder Geschwätzigkeit heraus – und die, die schweigen – ob nun aus Unwissenheit oder Vorsicht – so hat es Joseph A. Dinouart geschafft, ein Buch für die gesamte Menschheit zu schreiben. Schweigen ist Gold, sagt der Volksmund. Und Reden ist Silber. Beides Edelmetalle, beide sind wertvoll. Wie so oft im Leben, ist die Mischung von entscheidender Bedeutung.

„Die Kunst den Mund zu halten“ stammt aus der Zeit als die Aufklärung für sich in Anspruch nahm, die Welt erklären zu können und sie verändern zu können. Ein Alleinvertretungsanspruch sozusagen. Ein Kampf der Eloquenz gegen das Bauchgefühl. Mehr als zweihundert Jahre sind seit der Erstveröffentlichung nun vergangen und noch immer kann man sich den einen oder anderen Ratschlag zu Herzen nehmen. Doch Vorsicht: Nur, weil man den Mund hält, heißt das noch lange nicht, dass man auf die Siegerstraße eingebogen ist, an deren Ende der Lorbeerkranz wartet.

Man stelle sich vor Einstein hätte geschwiegen. Oder Aristoteles. Dann hätte auch Dinouart schweigen müssen. Es ist eine verzwickte Situation. Schweigen, um dem Anderen die Argumente zu nehmen. Und Reden, um den Schweigenden selbiges anzutun. Was war zuerst da? Das Wort oder das Schweigen?

Wer nun denkt die Schrift Dinouarts mit einem Handstreich ad absurdum führen zu können, irrt. Auch Dinouart weiß, dass Schweigen nicht das Allheilmittel gegen Ignoranz und für Frieden und Wohlbefinden ist. Es ist die Mischung – wie so oft im Leben – die eine Theorie handhabbar macht. Zum Einen muss man wissen, ob der Gegenüber auf gleichen Niveau agiert wie man selbst. Dann erübrigen sich überflüssige Worte von ganz allein. Hat man das Gefühl seinen Ausführungen ein größeres Maß an Erläuterungen beizumischen, ist das nicht nur legitim, sondern essentiell wichtig.

Band Vierzehn der Schlaflosreihe ist sicher keine reine Bettlektüre, die einem einen ruhigen Schlaf beschert. Je nach Ausgangslage kann man darüber amüsieren oder bis ins Mark darüber ärgern. Was man nicht machen sollte, ist Buch und Autor komplett zu verteufeln. Oder gar zu behaupten, dass zweihundertfünfzig Jahre ausreichend seien, um solch eine Schrift heutzutage nur noch als nostalgisches Geschreibe zu bezeichnen. So sorgfältig wie man seine Worte wählen sollte, so sorgfältig sollte man auch denjenigen aussuchen, den man dieses Buch zum Geschenk macht. Denn der Titel allein könnte – nein er wird! – für Verwirrung sorgen.

Der Dreispitz

Irgendwo im beschaulichen Teil Andalusiens. Nicht weit von Jerez. Da, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Da lebt der Müller Onkel Lucas. Alle mögen ihn. Die Sympathie in Person. An seiner Seite: Señora Frasquita. Der Liebreiz in Person. Ihr steigen viele nach, noch mehr wollen es. Doch sie hat nur Augen für ihren Müller. Der Altersunterschied, die offensichtliche Kluft in ihrer beider Aussehen, hindern sie nicht ein Leben zu führen, das ganz allgemein mit Glück bezeichnet werden kann. Im Hof ihrer Mühle setzt man sich gern im Schatten zur Ruhe und lässt den Herrn über sich wachen.

Ein neuer Bürgermeister wird schon bald die Idylle des Ortes zerklüften. Don Eugenio Zuñiga y Pence de León – allein schon der Name lässt so manchen „Untergebenen“ erschaudern – hat mehr als nur ein Auge auf die hübsche Frasquita geworfen. Doch ihr imponieren weder das pfauenhafte Getue des Oberen noch seine sorgsam ausgewählte Kleidung noch sein Werben. Vielmehr bereitet es ihr einen gewissen Spaß den Beamten zu foppen, während ihr Gatte im Blätterwerk der Weinreben die Szenerie beobachtet.

Ein weiterer Spieler in dieser auf einer historischen Legende beruhenden Geschichte in Garduña, der Dorfpolizist. Einer, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Ein Günstling, der schon drei Bürgermeister erlebt hat und schon deswegen für sich in Anspruch nimmt Recht und Gesetz mehr als nur zu verkörpern.

Durch eine List wird der Onkel Lucas, der Müller des Nachts aus seinen Gemächern, vom Hof, aus dem Ort gelockt. Bahn frei für den Frontalangriff auf das Objekt der Begierde: Señora Frasquita! Doch der Angriff schlägt fehl. Anfänglich wiegt man sich in Sicherheit, doch im Nachgang wird alles, was hier einmal zur festen Grundordnung gehörte, über den Jordan geschickt. Getreu dem Motto: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“. Und das gilt für alle Beteiligten!

Pedro Antonio de Alarcón schreibt als Erster dieses kleine Verwirrspiel auf. Die Idee ist nicht seinen Hirnwindungen entsprungen. Über eine lange Zeit hinweg wurde diese Geschichte mündlich weitergegeben. Doch alle Aufzeichnungen sind spurlos verschwunden wie die Moral der handelnden Personen. Ihm verdanken wir also diese zauberhafte Geschichte, die dem Leser den Schlafsand aus den Augen treibt. Bevor die letzte Seite nicht gelesen ist, kann man eh nicht einschlafen. So viel ist garantiert. Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, kann beruhigt sein. Es ist kein böser Geist, der einem da die Gedanken durcheinander zu wirbeln scheint. Manuel de Falla hat die Geschichte in einem Ballett verarbeitet, das vor über einhundert Jahren mit dem berühmten Balletts Russes Premiere feierte. Die Bühnenausstattung inkl. der Kostüme entwarf niemand Geringeres als Pablo Picasso.

Das kleine Licht

Wenn einem ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf geht, muss man was dagegen tun. So denkt auch der einsame Mann, in den einsamen Bergen, in seiner einsamen Berghütte. Und zwar als er auf der gegenüberliegenden Seite des einsamen Tales ein Licht sieht. Jeden Tag. Jeden Tag zur gleichen Zeit erscheint es. Und es lässt ihm keine Ruhe. Was ist das? Was ist dort? Ist es hier vielleicht doch nicht so einsam wie vermutet? Er entschließt sich dorthin zu fahren, von wo das kleine Licht ihm die Nerven zerbrechen lässt. Auf dem Weg trifft er Menschen, die noch nie was von dem Licht gehört haben, geschweige denn es selbst je gesehen haben. Nur einer hat es ebenfalls schon mal gesehen. Für ihn sind es Außerirdische. Naja, eine befriedigende Antwort hört sich anders an.

Der einsame Mann findet die Stelle und ist überrascht, was er da sieht – was er erhofft hat zu finden, kann er eh nicht in Worte fassen. Ein kleiner Junge lebt dort. Er wäscht ab, bügelt seine Sachen, macht Hausaufgaben. Mama und Papa sind nicht da, sind weg. Einfach nicht existent. Und jeden Tag geht der kleine Junge durch den dunklen Wald zur Schule. Er lernt fleißig, doch die Lehrer verzweifeln an ihm. Die Mitschüler hänseln ihn. Er scheint keine Leuchte zu sein.

Doch die Szenerie ist irgendwie geladen. Das spürt der Mann sofort. Der Junge will sich nicht helfen lassen. Sein Fatalismus ist erschreckend, aber auch mutmachend. Der Kleine braucht keine Hilfe, so sehr sie ihm von dem Mann auch angeboten wird. Das ist verstörend … für den Mann. Doch es soll noch unerklärlicher werden als er es sich jemals ausmalen könnte.

Die Idylle der abgeschiedenen Berge ist für Antonio Moresco der ideale Nährboden für seinen Kurzroman. Die einfache Sprache passt ins Bild der Einöde in den einsamen Bergen. Hier ist nicht viel los. Arbeit und nochmal Arbeit bestimmen den Tagesrhythmus. Keine Zeit zur Klage, keine Zeit, um über Dinge grübeln, die eh nicht zu verändern sind. Doch hier oben ist die Welt nicht so in Ordnung (im wahrsten Sinne des Wortes) wie es sich so mancher Teilzeitaussteiger gern vorzustellen wünscht. Und schlussendlich ist die Begegnung mit dem Jungen, der den Kitt aus den Fenstern der Schule aß, ein Treffen mit einem sehr vertrauten Menschen…

Wir, Mädchen in Auschwitz

Zwei alles überstrahlende Mädchen. Leicht vergilbt, das Foto. Doch die unschuldige Freude ist fühlbar. Und dann dieses unheilvolle Wort: Auschwitz! So allgegenwärtig das Lächeln im Gesicht des Betrachters eben noch war, so schnell verfliegt es wieder. Diese beiden Mädchen, die noch nichts von der Welt wussten, gerade begannen das Leben zu erforschen und dieser Höllenort – wie geht das zusammen? In Zahlen: Zweihundertdreißigtausend Kinder waren im deutschen Konzentrationslager Auschwitz in eigens für errichteten Baracken untergebracht. Fünfzig überlebten die schlimmste Widerwärtigkeit, die „Menschen“ Menschen antun können. Das sind Null Komma Null zwei Prozent. Unvorstellbar! Wenn man durch die eigenen vier Wände streift und grob überschlägt wie viel 0,02% von dem sind, was da steht, hat man nicht einmal eine ungefähre Vorstellung von dem, was Auschwitz bedeutete.

Für Tati und Andra ist es das Ende ihrer Kindheit als Ende März 1944 die Stiefel knallen, die Waggontüren ins Schloss fallen und Fiume, das heutige Rijeka – dort wo zwanzig Jahre zuvor die erste faschistische Republik unter der Führung des Phantasten Gabriel D’Annunzio gegründet wurde – ein letztes Mal als Ort der Kindheit zu sehen war. Zusammen mit der Oma, der Mutter, zwei Tanten, einem Onkel und ihrem geliebten Cousin Sergio werden sie nach Auschwitz gebracht. Dort stehen sie unter der Fuchtel, aber auch dem Schutz der so genannten Blockwärtin. Die hat sich angepasst und sucht ihren Vorteil, ist aber zu den beiden Mädchen immer zuvorkommend, soweit es die Situation zulässt. Sie ist es auch, die ihnen den Rat gibt sich niemals zu melden, wenn gefragt wird, wer die Eltern wieder sehen will. Denn das ist ein fieser Trick der Wachen Kinder zu selektieren. Sergio hält sich nicht an den Ratschlag – er meldet sich. Wird abgeführt. Später erfahren die Mädchen und die ganze Welt, was mit ihm geschah – nichts, was man auch nur annähernd seinem ärgsten Feind wünscht.

Tati und Andra überleben das reichliche Jahr Auschwitz. Was sie nichts wissen, die Mutter hatte sie immer im Blick. Wie? Dieses Geheimnis nimmt die Mutter mit ins Grab, das glücklicherweise nicht in Auschwitz liegt. Als die Befreier kommen, ist Prag die neue Heimstatt für die beiden Mädchen. Ein Heim, in dem sie wieder eine Nummer sind. Aber dieses Mal mangelt es nicht an Hoffnung. So richtig Kinder dürfen sie erst wieder sein als sie in England in Lingfield House landen. Hier werden Kinder aus den KZs wieder aufs Leben eingeschworen. Psychologische Betreuung und die Vermittlung von Werten und der eigenen Kultur stehen auf dem Tagesplan. Mittlerweile sprechen Tati und Andra kaum noch italienisch, sondern nur noch tschechisch und deutsch, ihre jüdische Kultur ist nur noch bruchstückhaft vorhanden. Sie überlebten, so wie auch ihre Mutter und Tante Gisella. Die anderen mussten der Mehrheit in den Tod folgen.

Wenn an Jahrestagen staatstragend über das Grauen berichtet wird, ist das oft nicht mehr als ein Symbol. Dem Erinnern hilft das nur bedingt. Die Aufzeichnungen der beiden Mädchen, die bei ihrer Deportation vier und sechs Jahre alt waren, geben mit nicht versiegender Wucht das eigentliche Leid wieder. Denn die Auswirkungen sind bis heute spürbar, beispielsweise, wenn Andra einen Güterzug über die Gleise rattern hört. Diese Gefühle kann niemand nachvollziehen. Es dauert Jahrzehnte bis die beiden Mädchen von damals – heute selbst Mütter und Omas – über das berichten konnten, was ihre Kindheit zerstörte. Sie reden auch und vor allem öffentlich darüber. Ihre Zeugnisse sind mehr wert als Trauerkränze und bedeutsame Reden. Selten zuvor wurden die Erlebnisse in Auschwitz so eindrücklich, so nah und so gefühlvoll dargebracht.

Tage mit Felice

Ein kleines Tal im Tessin. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Kaum Touristen, kaum Fremde, die mit ihrer Funktionskleidung ihrem ökologischen Gewissen frönen. Hier lebt der Erzähler. Hier lebt auch Felice. Ein Eigenbrödler, einer, der sich seine eigen Welt geschaffen hat, nachdem er die Welt gesehen hat. Bei Weitem kein Weltenfremdler. Er weiß sehr wohl, was vor sich geht. Er hat ein Auto und eine Melkmaschine. Ernährt sich vegetarisch – ohne das obligatorische, schulmeisterhafte „streng“ davor zu setzen. Doch sein Weg ist nicht der der Anderen. Wenn alle in der Kälte bibbern, läuft er barfuß durch die Wälder. Badet nackt im eiskalten Wasser eines Baches.

Dem Erzähler ist Felice vertraut. Auch die Geschichten, die sich um ihn ranken, sind ihm bekannt. Was wahr ist und was Fiktion, ist erst einmal egal. Er fragt Felice, ob er ihn nicht mal ein paar Tage begleiten dürfe. Ein bisschen mürrisch, nicht abweisend, aber auch nicht einladend, stimmt Felice zu. Und schon sitzen beide im eiskalten Wasser. Felice erzählt nicht viel, doch wenn man ihn fragt, gibt er Auskunft.

Es ist ein karges Leben, es reicht vorn wie hinten allemal. Kein Grund zur Klage. Worüber denn auch?! Dass das WLAN nicht funktioniert? Wozu? Es gibt genug – Wichtigeres – zu tun. Kaki pflücken zum Beispiel. Oder auf Latschenkiefertrieben herumzukauen. Die sind gesund und halten einen am Leben.

Ein prall gefülltes Leben wie man es in der Stadt zu tun pflegt, sucht man in dieser Idylle vergeblich. Wenn man es sucht. Warum soll man nach etwas suchen, das man nicht vermisst oder gar kennt? Alltagstrott kennt man hier nicht. Jeder Arbeitsschritt ist vorgegeben, notwendig, nicht wert darüber nachzudenken. Man tut, was man tun muss. Aufregung gibt es keine. Erst zum Schluss, als der Erzähler noch einmal mit Felice unterwegs sein will…

Fabio Andina versteht es mit zärtlicher Sprache eine Welt in den Fokus zu rücken, sie man so nicht auf den ersten Blick erwartet. Felice mag ein Unikum sein. Aber keines, dem man aus dem Weg geht. Mit ihm ein Stück des Weges, den man Leben nennt, zu gehen, ist ertragreicher als so manche Erde, die dauerhaft gedüngt ihre Kinder in die Regale der Zivilisation entlässt. Schritt für Schritt taucht man in die Bergwelt ein wie sie wirklich ist. Es braucht nicht viele Worte, um zu verstehen, dass Zufriedenheit ein dehnbarer Begriff ist. Wenn man schon mit dem Namen Felice – der Glückliche – bedacht wurde, kann das Leben einfach nur gut zu einem sein. Fast bis zum Schluss, zumindest in Felices Fall.

Ein zauberhaftes Buch über Freundschaft und Zuneigung zum Leben, die einfachen Dinge des Lebens und echte Liebe zur Natur.

Das Meer und der Norden

So eine Reise macht man nicht an einem Tag. Auch nicht in einer Woche. Einen Monat – vielleicht. Doch die Wucht der Eindrücke kann einen dann schon erschlagen. Charlotte Ueckert nimmt die Herausforderung an und lässt sich ein wenig durch den Norden Deutschlands treiben. Und da ist auch schon die erste essentielle Frage: Wo endet der Norden eigentlich? Sprachlich da, wo aus dem Wort „maken“ das „machen“ wird. Das wäre die so genannte Benrathlinie, von Aachen (besser gesagt Benrath mit dem berühmten, literarisch verewigten Schloss) über Kassel bis Magdeburg. Kulturell lässt sich die Grenze nicht ganz so genau ziehen.

Im Zwiegespräch mit einer Freundin, die in Jugendtagen nach Australien ausgewandert ist, lässt die Autorin ihre Beweggründe für dieses Buch aufblitzen. Ein wenig Rückschau halten, unbändige Neugier auf das, was sich bis heute verändert hat und der Drang dem Gedankenfluss folgen zu dürfen.

Über das einst sehnsüchtige Sylt über das lebenswerte Oldenburg führen sie ihre Streifzüge von Küste zu Küste. Markante Bauten säumen den Weg ohne den Blick zu verstellen. Wie war es, wie ist es, wie könnte es einmal sein? Fragen, die sich im Verborgenen stellt und deren Antworten gar nicht so wichtig erscheinen. Denn der Weg ist das Ziel.

Laut stampfend wird man Charlotte Ueckert nie erleben. Ihr Metier sind die leisen Töne. Sehr persönlich, so dass man fast schon dazu gezwungen wird eigene Gedanken mit ins Lesespiel zu bringen. Wie hat man diese Stadt, die Region selbst erlebt? Man entdeckt viele Parallelen, aber noch mehr Unterschiede.

So unterschiedlich die Region, so unterschiedlich sind demzufolge auch die Eindrücke der Autorin. Rügen – so malerisch. Finkenwerder – so klar strukturiert. Wismar und Lübeck so pittoresk und liebenswert wie kaum zwei andere Städte.

Wer Charlotte Ueckerts Werk ein wenig kennt, weiß um ihre Affinität zur Kunst und zur Geschichte. Ihre Biographie über Christina von Schweden ist so detailreich, das sich kaum ein anderer je wieder an dieses Thema wagen kann. Auch über Paula Moderssohn-Becker hat Charlotte Ueckert eine Biographie geschrieben – und Worpswede gehört schlussendlich mit zum Reiseplan der Autorin. Ein kleines Dorf mit einer lebhaften Künstlerkolonie, zu der auch eben genannte Moderssohn-Becker und ihr Mann gehörten, hat es ihr wirklich angetan.

Diese Reiseimpressionen strotzen vor Informationen, sind im Gegenzug aber auch sehr persönlich. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein Buch an die Hand, das er auf eigenen Reisen im und durch den Norden immer wieder hervorholen wird und in eine ereignisreiche Welt eintauchen kann.

Lourdes

Das Besondere an Vorurteilen, an Mythen und denen, die daran glauben, ist die Tatsache, dass man über sie herziehen kann. Gleichfalls ist es aber so, dass jedem Mythos auch ein Funken Wahrheit anhängig ist. Joris-Karl Huysmans geht es sicherlich wie so vielen vor und nach ihm: Um seine Gesundheit steht es nicht besonders gut. Ärzte und Fachleute sind überfordert und können im besten Fall Linderung verschaffen. Heilung – aussichtslos. Zehn Jahre nach seiner Geburt, erschien der vierzehnjährigen Bernadette mehrmals die Heilige Jungfrau – ein Wunder. Und schon war eine regelrechte Wunderindustrie geboren. Fünfzig Jahre später, kurz nachdem Huysmans hier logierte, zählte man schon eine Million Besucher, Pilger, Ratsuchende. Die spendeten ihr hart verdientes, kauften billige Kerzen zu überhöhten Preisen, ließen sich auf Bahren und in Rollstühlen in die berühmte Grotte fahren, badeten im heilenden Wasser, tranken es, rieben sich damit ein. Vereinzelt half es – Lahme konnten wieder gehen etc.

Joris-Karl Huysmans, der Mann aus der Weltstadt Paris, ließ sich von Freunden überreden auch nach Lourdes in die Pyrenäen zu kommen. Doch er wollte vorrangig ein Buch schreiben. So wie einst sein literarisches Vorbild Zola. Doch Spöttereien sind nicht Huysmans Geschäft. Er nähert sich dem Ort, der Grotte, dem Mythos mit Bedacht. Es könnte ja doch was dran sein. Die Frömmigkeit Einzelner jedoch lässt ihn zweifeln. Mit Sprachgewalt  – er spricht vom „Heizraum der Frömmigkeit“ – begegnet er dem treiben vor Ort. Hinweggefegt sind die eventuell zuvor geschmiedeten Pläne sich selbst der Heilung des eigenen Leidens hingeben zu wollen.

Nach Lourdes kommt man seit über anderthalb Jahrhunderten, um entweder Geld zu verdienen oder es auszugeben. Nur wenige kommen aus tiefstem Herzen, um ernsthaft eine Heilung zu erwarten. Auch wenn die Außendarstellung oft anders aussieht. Huysmans lässt sich von der permanenten Präsenz des Wunders anstecken. Fast tappt er in die Fallen der Bauernfänger, lässt jedoch rechtzeitig los, um sachlich und nüchtern dem Ort den Raum zu geben, den er verdient: Ein Ort der Hoffnung. Zweifel ringen ständig mit dem Anschein.

Als außenstehender Leser kommt man je nach Gesinnung und Vorbildung zu keinem endgültigen Schluss. Es gab Heilung hier. Durch das Wasser in der Grotte? Der Beweis fehlt letztendlich, um ernsthaft daran zu glauben. Wenn dem so wäre, dann gäbe es 2020 nur ein Reiseziel: Das Pyrenäendorf Lourdes mit dem Wunderwasser, das Viren verzehrt wie ein Durstiger in der Wüste.

Huysmans Reisebericht ist ein Füllhorn an Anekdoten. Präzise fängt er eine Stimmung ein, die sich seit seinem Besuch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum verändert hat. Nicht nur deshalb immer noch mehr als lesenswert.