Mein Opa ist Imker

Na das war doch wieder mal ein Thema für die Massen: Die Bienen sterben. Allenthalben schlagen alle um sich, wenn sich die fleißigen Bienchen auch nur auf Armlänge nähern und plötzlich wird jeder zum Bienenfreund. Vorteil der ganzen Diskussion ist, dass nun wirklich jeder weiß wie wichtig die Insekten sind. Und dass wir ihnen außerdem noch den Honig verdanken, versüßt uns die innere Aufruhr.

Bienen stechen, das tut weh. Einem Kind die Nützlichkeit der Bienen nahezubringen, wird also nicht ganz einfach sein. Bienen sind die Tiere, die maßgeblich dazu beitragen, dass die Pflanzen sich vermehren. Das geschieht durch bestäuben. Das weiß nun wirklich jedes Kind! Nicht erst seit den endlosen Jammerarien in den Medien.

Nils ist ein aufgeweckter kleiner Junge, der sich mindestens genauso viele Fragen stellt, wie so mancher, der das Bienensterben beklagt. Nils hingegen weiß auf Anhieb, wo er Hilfe findet. Bei seinem Opa. Denn der ist Imker. Vor diesem Hintergrund schreiben Patricia Günther und Hirst Lengning ihr Buch zum Naturschutzthema Nummer Eins in Deutschland. Sie verzichten auf detailversessene Nahaufnahmen der geflügelten Agrarhelfer. Die Zeichnungen von Maria van de Rae sind eindrucksvoller als jede Naturaufnahme. Im Inneren des Buches wird neben der Geschichte um Nils und seinen Opa ein kleines Lexikon der Bienen zum Leben erweckt. Was unterscheidet eine Amme von einer Königin? Warum sind Drohnen so wichtig? Und warum sollte man sich kein Gelée Royale aufs Brot schmieren?

Ein wichtiger Beitrag zur Zeit, der nicht nur Zeitgeist widerspiegelt, sondern aktiven Naturschutz unterstützt und befeuert.

Lord Lasse und Prinz Willi

Da ist ja wieder einiges los auf dem Hof von Pauline und ihren Eltern. Eine neues Fohlen springt quietsch vergnügt über das Anwesen, Rosa-Rosinchen schläft lange, nur Lord lasse, der Hofhund wirkt irgendwie ein bisschen betrübt. Sind es die überzähligen Pfunde, die ihn träge werden lassen? Oder hat er den Blues? Oder ist er am Ende sogar krank? Keine Bange. Lord Lasse fehlt einfach nur ein Gleichgesinnter zum Spielen.

Zum Glück hat die Hündin von Oma Herz, gleich die Straße runter, Welpen zur Welt gebracht. Und einer dieser tapsigen Gesellen soll nun der neue Spielgefährte von Lord Lasse werden. Pauline ist schon ganz aufgeregt. Zum Einen, weil sie zu Oma Herz darf, hier ist es wie im Paradies mit Kakao und Keksen. Zum Anderen, weil sie weiß, dass Lord Lasse nun wieder ein fröhlich herum hopsender Hund sein wird. Wie wird der neue Mitbewohner aussehen, welchen Schabernack wird er treiben?

Kaum bei Oma Herz angekommen, scheint das neue Familienmitglied schon gefunden zu sein. Denn ein kleines Wollknäuel löst sich aus der Gruppe der Welpen und wankt auf samtenen Pfoten zu Lord Lasse herüber. Wenn es so was wie Liebe auf den ersten Blick gibt, dann hier.

Da Lord Lasse schon adeligen Blutes ist, versteht es sich von selbst, dass der Neuling dem in nichts nachstehen darf: Prinz Willi.

Welche Abenteuer die beiden erleben werden – und das werden sie – verrät Gabi Meyer sicherlich im nächsten Band ihrer Kinderbuchreihe um Pauline, ihre Eltern und die zahlreichen Tiere auf ihrem Bauernhof.

Ins Schwarze

Zurück zu den Wurzeln, in den Ort der Kindheit und der Jugend. Laurents Ausflug in die Vergangenheit bereitet ihm weniger Bauchschmerzen als man – hat man das Buch beendet – vermuten könnte. Doch ein wenig mulmig ist ihm schon. Sein Onkel Roland wird nicht mehr lange unter den Lebenden weilen. Er lebt mit Laurents Mutter nun zusammen. Irgendwo im französischen Nirgendwo. Bis zur nächsten Apotheke ist es fast ein Tagesausflug. Das Café ist schäbig wie eh und je. Schon Jahre hat Laurent keinen Fuß mehr in den Ort gesetzt.

Es ist der Ort, in dem ihn seine Großeltern großzogen. Der Vater starb früh, die Mutter war mehr als überfordert. Einmal gab sie ihm Chlorreiniger zu trinken. Ein Versehen. Ein Versehen?

Ach ja, Cousine Lucie heiratet auch. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Das sind drei weniger als in dem heruntergekommenen Haus seiner Jugend auf dem Boden seines ehemaligen Zimmers liegen. Tot. Also die fünf Fliegen in seinem Zimmer. Das Treffen mit der Mutter, die ihn einst das Leben schenkte, verläuft kühl. Eine unterschwellieg Aggressivität ist spürbar.

Zumindest für Claire, Laurents Begleiterin. Im dritten Monat schwanger fühlt sie sich nicht besonders gut. Die Hitze, die fremden Gerüche und wohl auch die Tatsache, dass sie während des lauschigen Sommerausfluges (was er nicht mal im Ansatz ist) überall als Constance vorgestellt wird. Denn alle, die Laurent kennen, wissen, dass er mit Constance ein Kind erwartet. Also ist Claire Constance. Keine Fragen, keine Widerworte.

Es ist ein bisschen wie in einem Alexandre-Aja -Film. Man spürt, dass hiergleich etwas passieren wird. Man weiß nur nicht was und wann. Aber, dass das, was passieren wird, nicht von dieser Welt ist, steht fest. Und so streift man mit Laurent durch das Nest Saint-Fourneau. Man beäugt ihn. Jeder scheint über seine Ankunft informiert zu sein. Dass seine Mutter oben am Weiler mit seinem Onkel wohnt, darüber legt man den Schleier des Schweigens.

Cousine Lucie ist die einzige, die Laurent zu einer menschlichen Regung bewegen kann. Allerdings keine Geste der Freundlichkeit. Vielmehr erntet sie eine Warnung. Stopp, bis hierhin und nicht weiter! Warum nur? Die Spannung ist unerträglich.

Vincent Almendros fabuliert auf höchstem erzählerischem Niveau. Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, folgt man ihm in die Niederungen der menschlichen Seele. Was war, ist immer noch präsent. Wie ein luftiger Vorhang, den man einfach nur zur Seite schieben muss, verschleiert er weniger als man sieht. Doch diesen Vorhang gänzlich im Nirvana zu versenken, traut sich niemand so recht. Als Gute-Nacht-Lektüre mindestens genauso geeignet wie als Schauermärchen am Lagerfeuer unterm Sternenzelt in tiefschwarzer Nacht…

Warum wir zusammen sind

Wer ein ruhiges Leben führen will, der soll im Baumarkt arbeiten. Wer in Verwicklungen, die das Leben nun mal zwangsläufig bereithält, eine Herausforderung sieht, der wird im Freundeskreis von Marc und Irma ein wahres El Dorado finden.

Beide stecken mitten in den Vorbereitungen für ihren 20. Hochzeitstag. Porzellanhochzeit. Welch ein prophetischer Jahrestag! Da sollte man aufpassen, dass man nichts zerschlägt. Das gute Geschirr rausholen. Doch die Glasur hat schon Risse. Wann das alles begonnen hat? Who knows?! Vielleicht zur Jahrtausendwende als mit Freunden im ganz großen Stil Y2K gefeiert wurde. Der Millennium-Bug fiel aus, dafür startet eine neue Ära der Freundschaft. Anatol hatte für sich, seine Annette und Urs und Brigitta, Alice und Fred, Bea und Finn, Mila und Moritz, Axel und Ona  sowie für Evelyne (ohne und) ein Haus mit einem entsprechend großen Grundstück gekauft. Jeder sollte sich dort verwirklichen können. Ein Anbau? Ja, gern. Säen, Pflanzen, Ernten? Aber sicher doch! Eine Oase, eine Kommune für die Zukunft? Auf alle Fälle, und nichts anderes!

Es steht wieder mal ein Zahlenwechsel an. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends haben alle hinter sich gebracht. Matti, Irmas und Marcs Sohn, ist auf dem Weg die Welt zu erkunden. Die Matura vor Augen, die erste richtige Beziehung zu Melanie hinter sich. Das Jubiläum soll in altbewährtem Ambiente in Sanssouci gefeiert werden. Das Anwesen, das Anatol für die Freunde vor Jahren kaufte, wurde ja genau für solche Anlässe erworben. Alle sind da. Außer Evelyne. Sie konnte nicht, meint Marc. Doch Irma beschleicht ein ungutes Gefühl. Gerüchte machten schon die Runde. Evelyne habe wohl einen neuen Freund. Einen Jüngeren. Wo ist eigentlich Matti? Ach ja, der wollte bei seinem Kumpel Nick übernachten…

Die Porzellanhochzeit wird für Marc und Irma, Irma und Marc zu einer weiteren Kehrtwende. Ihr Sohn „hat was mit ihrer Freundin Evelyne“. Ab ins Internat mit dem Bengel – auf dem Papier sieht alles so einfach aus. Aber Papier ist geduldig, das Lebe nicht. Und warum ist Marc so unentschlossen, wenn Irma seine Hilfe am nötigsten braucht? Ist es, weil sein Architekturbüro den Bach runtergeht? Sie seine Hilferufe nicht hört, ihn nicht unterstützt? Das Zukunftslabor Sanssouci, wie alle es nannten, ist zu einer bequemen Diaspora geworden. Ein Hospiz für die Sang- und Klanglosen. Ärmel hochkrempeln und die Problem angehen, haben anscheinend alle verlernt. Was so großartig begann – tat es das tatsächlich? – artet immer mehr zu einem Fiasko aus.

Martin R. Dean nimmt den Leser mit auf eine Reise in die menschlichen Irrungen. Fundamente bröckeln. Brücken stürzen ein. Halt bietet nur noch … ja, was denn? Die Ehe? Die Freundschaft? Anscheinend zerbricht die ach so heile Welt in einem Tempo ein, dass sich jeder fragen muss, wie man sie kitten kann. Doch keiner weiß, wo der Kit versteckt ist.

Eine kurze Geschichte der Fotografie

Warum nur sehen meine Bilder nie so aus wie die in Magazinen, auf Plakaten oder in Museen? Es ist doch nur ein Kamera durch die man sehen muss, klick, fertig. Ja, wenn das so einfach wäre, wir würden alle van Gogh heißen. Wie in jeder Kunstart denkt man nur allzu gern, dass man das auch kann. Und dann? Alles verwischt, zu dunkel, zu hell, Bildausschnitt zu eng, zu weit. Es ist schon ein Kreuz mit der Kunst! Sie zu verstehen … ein Buch mit sieben Siegeln.

Zumindest, was die Fotografie im Allgemeinen betrifft, ist ein kleiner Hoffnungsschimmer in Sachen Verständnis in Sichtweite. Ian Haydn Smith (bei dem Namen denkt man zuerst an einen Kunstführer durch die Musik) hat die bis vor Kurzem jüngste Kunstrichtung (Video ist noch jünger, aber wohl eher ein Ableger der Fotografie) unter die Lupe genommen und analysiert. Einfach abdrücken, aufs Vögelchen warten und Bild betrachten – das sind im besten Fall die Basiseigenschaften der Fotografie. Denn auch hier gibt es unterschiedliche Stilrichtungen und Spielarten, die man auf den ersten Blick gar nicht auf dem Schirm hat.

Ein bunter Spaziergang durch die Geschichte – klingt nach einem Rundgang durch alte Gemäuer, angereichert mit ein paar Schauergeschichten und unvergesslichen Eindrücken. So ergeht es einem auch – die Schauergeschichten sind in diesem Fall Hintergrundinfos – beim ersten Durchblättern. Man sucht das eine oder andere Bild, das man schon kennt. Das Portrait von Che Guevara, die napalmverbrannten Kinder in Vietnam oder James Dean mit hochgeschlagenem Mantelkragen in New York.  Vielleicht sind dem Leser ein paar Namen schon bekannt: Frank Capa, Man Ray oder auch Anne Leibovitz. Der Einstieg ist somit schon getan.

Mit der Entwicklung von Apparaten und Entwicklungstechniken wurden immer mehr Möglichkeiten geschaffen den Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Ein Schnappschuss, der erst beim entwickelten Foto seine ganze Anziehungskraft entfaltet oder ein gestelltes Modefoto schwimmen emotional auf Augenhöhe. Der Augenblick wird zur endlosen Route der Gefühle. Man steht vor einem Bild und spinnt sich seine eigene Geschichte um dieses zweidimensionale Objekt. Was geschah just zu dem Zeitpunkt als der Fotograf den Auslöser drückte?

Bekannte Namen, vergessene Namen, Künstler, die ihre Zeit prägten, einen Stil vorgaben und ihrer Kunst den Stempel aufdrückten – ausnahmslos alle versammeln sich in diesem Buch, das aus dem Leser / Betrachter sicherlich keinen besseren Fotografen machen, aber das Auge für moderne Kunst schult.

Kulinarische Reise durch Louisiana

Wer gern reist, ist offen für Neues. Und wenn man es sich so richtig gut gehen ließ, ist man nicht abgeneigt, seinen Enthusiasmus mit anderen zu teilen. Mirko Reeh ist Koch. Und er reist gern. Ein kulinarischer Reisender mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Kein Wunder, wenn man Louisiana im Süden der USA bereist und immer der Nase nach sich von Ort zu Ort bewegt.

Mit Unterstützung des Tourismusbüros Louisiana hat er sich auf die Suche gemacht, um den Geschmack des so untypisch amerikanischen Bundesstaates auf die Spur zu kommen. Hier ist alles ein bisschen schärfer, oft auch ein bisschen süßer als daheim. Und da man im Urlaub ist, ist es auch ein bisschen leckerer. Nicht nur ein bisschen! Einen großen Biss leckerer!

Seit Forrest Gump kennen Millionen von Nichtamerikanern auch die Jambalaya. Es einfach nur als Resteverwertung zu bezeichnen, wäre ein Affront gegen jeden Jambalaya-Koch auf dieser Welt. Fleisch und Wurst (Chorizo) anbraten, dazu Gemüse geben und mit Reis kochen. So die Kurzfassung. Schon anhand dieser kurzen Aufzählung sieht man, dass in Louisiana nicht ein Volk die Küche bestimmt, sondern ein ganzer Schmelztiegel – hier passt das Wort endlich einmal – am verzaubern ist. Die Spanier waren die ersten, die den Ureinwohnern ihr Gebiet streitig machten. Dann die Franzosen. 1803 kaufte Präsident Thomas Jefferson Napoleon das Gebiet für fünfzehn Millionen Dollar ab.

Heute ist Louisiana doppelt so groß wie Bayern, zählt aber nur halb so viele Einwohner. Das Land eignet(e) sich nur schwer als Bauland. Und so konnte hier eine Landschaft gedeihen, die man andernorts lange suchen muss. Olfaktorisch und gaumenfreundlicherseits (gibt es dieses Wort überhaupt, nein … aber ein Happen genügt, um zu wissen, was er bedeuten könnte) ist Louisiana ein Unikum auf der Landkarte. Hier strömen nicht nur Einflüsse aus mehreren Ländern, sondern gleich von mehreren Kontinenten zusammen. Da kann vermutlich nur noch Australien, die ehemalige Häftlingskolonie mithalten. Das Feurige aus Afrika und der Karibik. Mehl und Zucker aus der alten Welt. Gewürze und Gemüse vom seit Ewigkeiten hier ansässigen regionalen Anbieter.

Mirko Reeh will aber mit seinem Buch nicht nur Rezepte anbieten. Seine kulinarische Reise führt den Leser durch eine Gegend, die mit ihren Reizen nicht geizt. Aber als leidenschaftlicher Koch sieht er nicht nur mit den Augen, sondern auch mit Nase und Magen. Klingt komisch, ist aber so! Als zusätzlicher Reiseband für all diejenigen, die immer noch ein wenig mit fremden Küchen fremdeln, gibt dieses Buch Hilfestellung bei Magenknurren. Die Rezepte sind einfach nachzukochen (Kochzeit wird immer angegeben), da die Zutaten an die heimatlichen Warenkörbe angepasst sind. Doch Vorsicht, Reisefieber kann man nur mit viel Liebe zum Kochen entgegnen. Und dafür braucht man kein Rezept vom Doc, sondern die Rezepte aus diesem Buch.

Faschist werden

Der Titel fällt auf! Und wem das Wort Humanismus genau so locker von der Zunge geht wie die Brötchenbestellung beim Bäcker, der erkennt auch, dass dieses Buch keineswegs eine Anleitung zur Kehrtwende ist, sondern eine im tiefsten Herzen verankerte Satire. Michela Murgia, die mit ihren fantasievollen Geschichten aus ihrer Heimat Sardinien schon so manche Musestunde bescherte, wagt einen – mehr als gelungenen, so viel sei schon mal verraten – Ausflug ins ernste Fach.

Der Faschismus ist die simpelste Form des Zusammenlebens. Dem F in Faschismus liegen zwei weitere Fs zu Grunde: Führer und Feindbild. Ohne die geht es nicht! Für etwas zu sein, ist immer schwieriger, weil es eine Begründung braucht und eine Lösung einfordert. Gegen etwas zu sein, macht es einfach Massen zu mobilisieren. Sobald sich das Gegenüber aber selbst Gedanken machen muss, wird es kompliziert. Und der Faschismus bzw. dessen Agitatoren kommen ins Schwimmen.

Also braucht man eine starke Hand. Einen, der die Trillerpfeife bläst und alle nach seinem Plan marschieren lässt. Dabei darf er allerdings nie das Heft des Handelns aus der Hand geben. Das ist sein Aufgabenbereich, nicht der der Anderen. Es ist bequem zu wissen, dass es jemanden gibt, der diese Aufgaben

Erledigt und nach seinem eigenen Diktat auch lebt. Diktatoren, pardon Führer, die dies tun, haben erfahrungsgemäß eine längere Überlebenszeit als die, die immer nur andere die eigenen Aufgaben erledigen lassen. Handlanger und die, die sich als solche bezeichnen, kommen schnell unter die Räder. Adolf Eichmann konnte davon ein Lied singen.

Jeder hat sicher schon mal den launigen Spruch von der starken Hand gehört oder selbst schon einmal ausgesprochen. Immer dann, wenn man an die eigenen Grenzen stößt, erhallt der Ruf nach Härte und Strenge. Dass „die da oben“ zuerst eigene Interessen vertreten, wird schnell beiseite gewischt. Demokratie ist Verhandlungssache. Und nicht immer will man alles ausdiskutieren. Zu oft schon kam schlussendlich nichts „Zählbares“ dabei raus. Wenn man die Argumente jedoch bis zum Schluss einmal durch exerziert, ist dem nicht so, was jedoch einen riesigen Aufwand bedeuten würde. Also doch lieber draufhauen und nach Regeln verlangen. Schon bei der abendlichen Freizeitgestaltung setzt bei vielen der Demokratiegedanke aus. Wer die Fernbedienung in den Händen hält, ist König, oder Führer. Wie schwer ist es erst eine Millionenbevölkerung unter einen Hut zu bekommen? Links und rechts eine Ohrfeige und alles läuft nach (dem eigenen) Plan?! Wie viel Faschist steckt in jedem von uns. Michela Murgia treibt es in ihrem Büchlein auf die Spitze. Sie ist weit von einer Faschistin entfernt, gibt jedoch zu, dass auch sie schon schwache Momente hatte, in denen ihr der Gedanke kam, dass doch nicht alles schlecht sei an dem Bund-Tum. Faschismus leitet sich vom italienischen fascio – Bund ab. Für dieses Buch spann sie diese Gedanken weiter. Am Ende des Buches – und dieses Mal sollte man nicht schon vorher „in den Lösungsteil“ schauen – hat sie einen Fragebogen, das so genannte Faschistometer, erfunden. Fünfundsechzig Fragen und Behauptungen, die man entweder gut oder schlecht findet. Es gibt nur diese zwei Antwortmöglichkeiten, kein naja, jein oder ähnliches Herumgestammele. Je nachdem wie viele Behauptungen daraus man für sich selbst einfordert (oder gut findet), wird man im Nachgang lesen können, wie weit der innere Faschismus schon gediehen ist. Erschreckend und ernüchternd für den Einen oder Anderen. „Faschist werden. Eine Anleitung“ ist sachlich unterhaltsam, ohne zu diffamieren oder anzuklagen. Nach LTI von Victor Klemperer eines der wichtigsten Bücher zu diesem Thema. Für Aufsehen sorgt das Buch allemal: Pink und Faschismus. Als Lektüre in Bus und Bahn. Oder wenn man seine Bestellung aus der Buchhandlung seines Vertrauens abholt mit den Worten: „Ich möchte gern Faschist werden … abholen“. Ausprobieren!

Tirza Atar. Wenn alles berührt

Eine Biografie über eine Frau, die nicht einmal bei Wikipedia erscheint? Da sind die herkömmlichen Medien den digitalen endlich mal einen Schritt voraus. Aber mal ganz ehrlich, wer kennt Tirza Atar? Das wird sich mit diesem Buch schlagartig ändern.

Die israelische Poetin Tirza Atar wurde 1941 in Tel Aviv geboren, wo sie auch sechsunddreißig Jahre später starb. Sie war die Tochter des bekannteren Literaten Nathan Alterman. Der Untertitel „Wenn alles berührt“ weist auf eine verletzliche Seele hin, wie man so schön sagt. In Essays und texten kommt der Leser der unbekannten Tirza Atar auf die Spur.

Der Nachname ist ein Pseudonym. Nach einem abgebrochenem Schauspielstudium in New York kehrt Tirza Atar zurück in ihr Heimatland. Die Texte aus ihrer Feder werden allerdings erst Jahre nach ihrem Tod im Archiv ihres Vaters entdeckt. Zu Lebzeiten war Tirza Atar immer die Tochter von Nathan Alterman. Ein trauriges Schicksal für eine empfindsame Frau, die der Welt so viel zu verraten, im Sinne von preiszugeben hatte.

Einzelne Texte hat die Autorin Gundula Schiffer in diesem Buch zusammengetragen und den entsprechenden Rahmen mit Erläuterungen versehen.

Für den Leser eine neue Erfahrung. Denn wer nicht gerade den Dokumentarfilm „Bird in the room“ über die israelische Autorin gesehen hat, der wird mit den meisten Formulierungen nicht viel anfangen können. Ob Tirza Atar traurig war, heutzutage würde man vorbehaltlos von Depressionen sprechen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Aber ist das wichtig? Nein! Sie lässt ihre Texte für sich sprechen. Eine gewisse Schwermut kann man hier und da schon feststellen. Doch im gleichen Maße aber auch eine unbändige Lebensfaszination, die sie ergriff und nie los ließ. Bis zu jenem 7. September 1977, als sie wahrscheinlich die Bauarbeiter von gegenüber um etwas Ruhe bitten wollte. Sie verlor den Halt und stürzte mehrere Stockwerke tief in den Tod.

Über vierzig Jahre sollte es dauern bis man auch in Europa etwas von Tirza Atar vernehmen soll. Dem Verlag Edition Karo ist es zu verdanken, dass Tirza Atar nicht mehr nur eine Randbemerkung der Literaturgeschichte Israels ist – die Gesamtausgabe ihres Werkes ist auch dort erst seit ein paar Jahren erhältlich – sondern dank ihrer Gedichte und Texte eine kleine Renaissance erleben kann.

Nachts unterm Jasmin

Es sind Momente wie die, wenn man ein Buch wie „Nachts unterm Jasmin“ in den Händen hält. Dann weiß man, dass man bei Weitem noch lange nicht alles erlebt bzw. gelesen hat, was unter dem Himmel existiert. Die Geschichten in diesem Band von Maïssa Bey aus Algerien zeichnen ein Bild des größten Landes Afrikas, was so vielleicht von einigen erwartet, aber niemals in so klarer Sprache, mit so vielen Nuancen gezeichnet wurde.

Da ist eine Frau, die sich schlafend stellt, weil ihr Mann permanent sein Recht als gatte einfordert. Das Kind in ihrem Arm bietet ihr Schutz und ist ihr größter Schatz. Doch sie weiß, dass sie diesen Schatz eines Tages verlieren wird. Er wird die demütigen, sie verlassen. Ihr eigenes Kind.

Nach der verheerenden Umweltkatastrophe im November 2001 – weil die Bouteflika-Regierung in einigen Stadtteilen der Hauptstadt Algier Kanäle zumauern ließ, brachen sich Wassermassen fast ungehindert ihren Weg durch die Stadt und rissen hunderte von Menschen in den Tod – brach der Volkszorn über die Regierenden herein. Die Unfähigkeit und die Teilnahmslosigkeit der Behörden entzündeten eine Protestwelle bisher ungekannten Ausmaßes. In den Nachrichtensendungen Europas war die Katastrophe nur eine Meldung unter vielen. Doch die Schicksale der Menschen, die direkt davon betroffen waren, sind bis heute unbekannt. Dank dieses Buches, das zum ersten Mal in deutscher Sprache erschien, bekommen die Opfer und Beteiligten eine Stimme.

So anklagend die Texte auf den ersten Blick sind, so poetisch ist ihre Wirkung auf den Leser. Klare Aussagen gehen hier Hand in Hand mit dem Respekt vor den Akteuren und ihrer Sprache. Ob als Bettlektüre oder Auszeit vom Alltag lesen sich die Geschichten wie moderne Ausschnitte aus dem realen Leben.

„Nachts unterm Jasmin“ besticht durch die Vielfalt der Themen und die Zwischentöne, die man laut vernimmt beim Lesen.

Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

Es ist eine verrückte Welt, in der Alba aufwächst. Das Tal in ihrer Umgebung wird von einer Brücke überspannt. Eine Sprungschanze für all diejenigen, die es nicht mehr aushalten. Zwei Sekunden Flug und alles ist vorbei. Alba hat es auch schon probiert. Wie ihm Hohn muss sie sich eingestehen versagt zu haben.

Ihr Freundeskreis scheint der Realität entrückt zu sein. Jack heißt eigentlich René und in Eulalias Pass ist Anna als Name eingetragen. Das ist nur die Basis dessen, was dem Autor Demian Lienhard als Grundstock für eine außergewöhnliche Geschichte dient. Im den Titel vor Augen „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ liest man sich durch die Leichtigkeit der Worte, mit denen Alba ihr Leben im Griff zu haben scheint. Doch die Sanduhr des Lebens zieht sie in einen tiefen Strudel aus Verzweiflung, Hass, Zuneigung, Neubeginn und Absturz hinein.

Da wird dann schon mal probiert die Gesetze der Metaphysik auf den Kopf zu  stellen. Wie verhält es sich beispielsweise, wenn ein Marmeladenbrot auf einer Katze befestigt wird? Murphys Gesetz sagt, dass das Brot immer auf der beschmierten Seite landet. Und der Volksmund weiß, dass Katzen immer auf den Pfoten landen. Alles klar?!

So lustig diese kleine Anekdote anmutet, so ahnt der Leser schon, dass die Geschichte (und jede gute Geschichte kommt nur so voran) bzw. das Leben Albas auf keinem guten Weg ist. Sie driftet ab. Rutscht in einen Sog aus falscher Loyalität, Angepasstheit und Drogen. Happy end inklusive? Man zermartert sich das Hirn wie Albas Weg weiter geht. Ob der Weg überhaupt in eine einzige Richtung verlaufen kann oder ob es noch einmal zu einem (weiteren) dramatischen Wendepunkt kommen kann, ja überhaupt darf.

Demian Lienhard lässt Alba am seidenen Faden zappeln. Er lässt die Zügel schleifen, und reißt sie abrupt mit Vehemenz zurück in ihr eigenes Leben. Sie definiert sich über ihre Taten. Ihr geistiger Vater schlägt mit Worten wild um sich ohne dabei wirklich zu verletzen. Sanft und mit dem unstillbaren Willen zur großartigen Unterhaltung sperrt er den Leser in einen Käfig, aus dem es kein Entrinnen gibt. Fasziniert hetzt man von Seite zu Seite und saugt jeden Satz, jedes Wort, jede Silbe in sich auf. Ein wahrhaft außergewöhnliches Debüt, das Lust macht auf mehr Lienhardsche Phantasien. Das einzig Durchschnittliche an diesem Buch ist die Tatsache, dass jedes Kapitel im Durchschnitt zehn Seiten lang ist.