Italienische Weihnachten

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Endlich Weihnachten, endlich ist die besinnliche Zeit da. Es sei denn, man ist Bestandteil der in diesem köstlichen Band vereinten Geschichten. „Italienische Weihnachten“ ist der Festbraten unter den Weihnachtsgeschichtenbänden der Saison.

Andrea Camilleri zum Beispiel lässt den selbsternannten Weihnachtsmann von seinen Helfern aufspießen. Der Weihnachtsmann ist natürlich nicht echt. Aber James Emery könnte es sein. Fast schon fanatisch lebt er sein Alter Ego. Auch rentiere hat er, zwei Damen und einen Herren. Als er eines Tages einer Dame zu sehr zugetan ist, reicht es dem Rentier-Herren: Eifersüchtig, sich um seine Position als Platz-Rentier betrogen, greift er zu den Waffen, seinem Geweih, und schwupp, findet sich James Emery im Gehörn des weihnachtlichen Helfers. Es nützt dem Tier nichts. Der Mensch, und noch viel mehr der Weihnachtsmann ist stärker. Und die Moral von der Geschicht? Lesen! Man verrät ja auch nicht, was man an Weihnachten verschenkt.

Gesitteter geht es bei Luigi Malerba zu. Drei Männer sind unterwegs zu einem und derselben Person. Drei Männer? Auf dem Weg? Da war doch mal was! Wie die wohl heißen…? Ein Kind wurde geboren. Und die Drei haben auch Geschenke dabei bzw. wollen unterwegs noch schnell anhalten, um eines zu besorgen. Ein Junge soll es sein. Faszinierend an der Geburt ist die Tatsache, dass der betagte Vater unfruchtbar und die Mutter Jungfrau ist. Um es abzukürzen: Ganz neu ist die Geschichte nicht, aber das Ende hat es in sich. Großartige Fabulierkunst, sinnige Geschichten, vorzügliche Aufarbeitung – das sind nur drei Bestanteile dieses im wagenbachschen (weihnachtlichen?!) rot gehaltenen Weihnachtsbandes. Zusammengestellt von Verleger Klaus Wagenbach persönlich.

Jede einzelne Geschichte ist es wert mit größter Sorgfalt gelesen zu werden. Langeweile oder enttäuschtes Überblättern kommen dem Leser erst gar nicht in den Sinn. Da sitzt jedes Wort und jedes Komma! Alberto Moravia oder auch Leonardo Sciascia sind vielleicht noch die bekanntesten Vertreter italienischer Schreibkunst. Doch Namen sind es nicht, die den Leser in Verzückung geraten lassen. Es sind einzig allein die Zeilen, die Weihnachtsstimmung, ein wohlwollendes Lächeln und zufriedene Mienen zurücklassen, wenn man das Buch liest. Einzig allein das drohende Ende des Buches lassen ein wenig Wehmut aufkommen. Dafür gibt es die letzten Seiten mit umfangreichen Tipps für den Gabentisch.

Nervöser Orient

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Man stelle sich folgendes vor: Da hat man sich mit viel Schweiß und Fleiß ein hübsches Haus gebaut. Alle bewundern es. Man selbst war nicht immer freundlich zu den Nachbarn, regiert oft mit harter Hand. Aber das Haus steht Verkehrsgünstige Lage. Und permanent nistet sich jemand ein, campiert im Garten. Alles ohne einem selbst zur Last zu fallen, wird versichert. Und doch wird die Stube umdekoriert, Fremde tummeln sich in der Küche, das Bad ist andauernd besetzt. Dann wird auch noch die Verwandtschaft der Invasoren eingeladen mal vorbeizuschauen oder den Garten mit besonderem Wegerecht zu nutzen. Und das geschieht nicht nur vor der eigenen Haustür, sondern in der gesamten Siedlung. Von Ruhe und Entspannung kann da nicht mehr die Rede sein. In einem steigert sich die Wut, oder zumindest die Unruhe. Man ist nur noch nervös…

Zugegeben ein Vergleich, der etwas hinkt, wenn man ihn in Relation zur Situation des Orients setzt. Aber eben auch nicht ganz abwegig. Kersten Knipp beschreibt in seinem Buch „Nervöser Orient“ die verzwickte Situation der arabischen Welt von Napoleons Versuch sich Ägypten einzuverleiben, um Englands Routen Richtung Indien abzuschneiden und somit die Weltmacht der einflussreichsten Insel der Zeit zu torpedieren, bis in die Gegenwart.

Die alten Mächte in Europa stießen an ihre wirtschaftlichen Grenzen. Neue Märkte mussten dringend erobert werden. Und der Weg übers Mittelmeer war der kürzeste Weg zu eben diesen neuen Märkten. Mit dem Bau des Suezkanals war die vereinzelt noch vorhandene Unabhängigkeit endgültig vorbei. Die Eliten des Landes konnten mit einzelnen Zahlungen noch bei Laune gehalten werden, doch der Rest des Landes war außen vor.

Entgegen alle Informationssendungen im Fernsehen hatte auch der Orient gewaltig und mindestens genauso nachhaltig wie Europa unter dem Ersten Weltkrieg zu leiden. Bündnisse zwischen bisher verfeindeten Regierungen dienten nur einem Zweck: Des Feindes Freunde unter dem Deckel zu halten. Hier entstanden Vorurteile und Feindschaften, mit denen wir heute – auf beiden Seiten – immer noch zu kämpfen haben. Krieg und Elend, Ausbeutung von Bodenschätzen, Massaker brannten sich tief ins kollektive Gewissen.

Kersten Knipp legt über diese Geschichte nicht den Mantel des Schweigens. Für ihn ist es der Brückenschlag zum aktuellen Weltgeschehen. Diktatoren wie Saddam Hussein, einst protegiert, dann verteufelt (und zwar von denselben Personen), Länder wie Ägypten, die von jeher als Spielball von Regierungen des Okzidents missbraucht wurden bis hin zu Al-Qaida und dem IS: Alles hat seine Wurzeln. Irgendwo. Und dieses Irgendwo holt der Autor ans Tageslicht. Was nicht heißt, dass er die Taten hüben wie drüben gutheißt. Er zeigt lediglich auf, dass das Newtonsche Gesetz „actio=reactio“ losgelöst von religiösem Wahn existiert und stets nachweisbar ist. Sein Buch hilft Hintergründe zu sehen und zu verstehen. Die daraus folgenden Taten sind nun nicht mehr kryptische Fakten, die – ja länger man mit ihnen konfrontiert wird – schnell an Reiz verlieren.

Licht aus dem Osten

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Dass Naturwissenschaften ständigen Veränderungen unterliegen, leuchtet jedem ein. Neue Forschungserkenntnisse erleichtern unseren Alltag. In den Geisteswissenschaften ist ein Fortschritt nicht sofort greifbar. Es gibt Schriften, Bauten oder andere Zeugnisse der Vergangenheit, die „man nur noch entschlüsseln muss“. Aber ansonsten ist doch alles klar. Sollte man meinen. Doch warum gibt es dann so viele Sichtweisen auf das, was war?

Die Welt kann in so viele Kategorien eingeteilt werden, wie es Wissenschaftler gibt. Orient und Okzident. Gut und Böse, Arm und Reich, Ost und West, Modern und Unmodern etc. Moment! Ost und West? Wer zieht denn die Grenze? Wo beginnt der Osten, wo der Westen? Und wieso zieht man diese Grenze überhaupt? Und die alles entscheidende Frage: Wer hat recht?

Auch Peter Frankopan kann diese Frage nicht beantworten. So viel steht fest. Aber, was er kann und vor allem auch tut, ist die Sichtweise auf unsere Geschichte, unser Weltbild zu erweitern. Denn so schmerzlich diese Erfahrung für so manchen Krakeeler auch sein mag: Auch im Osten wurde Geschichte geschrieben. Noch lange bevor der Westen (in letzter Zeit wird ja gern der Zusatz „so genannt“ wieder verwendet, so wie es mal die „so genannte DDR“ gab…) sich mit Ruhm bekleckern konnte, wurde im Osten schon geklotzt. Das Persische Reich sicherte sich seinen Einfluss in dem es sich den eroberten Gebieten in gewissen Teilen des kulturellen Lebens anpasste. Die Perser gingen nicht automatisch davon aus, dass ihre Weltanschauung die einzig Wahre ist. Multikulti ist eben doch keine Erfindung aus dem Kreuzberg der 70er und 80er Jahre. Und schon gar keine aus dem (so genannten) Westen.

Es ist erstaunlich wie viele Ahas schon nach nicht einmal zehn Prozent des Buches aufpoppen. Wie selbstverständlich pflügt der Autor durch die Jahrhunderte ohne dabei den Leser von der Hand zu lassen. Dynastien, Religionswechsel, Herrschernamen, verschwundene Reiche – alles fügt sich zu einem großen Ganzen zusammen. Wie eine bewegliche Grafik in den so genannten (und hier ist der Zusatz angebracht) wissenschaftlichen Sendungen im Vorabendprogramm.

Zitate und Schriften von Gelehrten von Hier und Da bereichern die Argumentation Peter Frankopans. Ins Stocken gerät nur der Leser. Im Angesicht der aktuellen Diskussion, ob der tolerante Westen den intoleranten Osten auf- oder wenigstens annehmen könnte, wird durch die Eroberungspolitik der Perser vor tausenden von Jahren obsolet. Die verstanden die eroberten Gebiete als fruchtbaren Boden ihre eigene Kultur anzureichern. Das Neue wurde erstmal beäugt, auf Brauchbarkeit untersucht und oft (öfter als heutzutage – egal welche Sichtweise man bevorzugt) integriert. Ein stetiger Lernprozess war die Folge.

Der Westen als Nabel der Welt, ist nur eine Sichtweise auf unsere Wurzeln. Wenn man im Westen aufgewachsen ist, ein verständlicher Standpunkt. Doch der weitaus größere Teil der Menschheit ist eben nicht mit den Errungenschaften von Otto I, Leonardo da Vinci, James Watt und Gustave Eiffel (zugegeben eine mehr als willkürliche Aufzählung) aufgewachsen. Sind diese Menschen nun dazu verdonnert sich anzupassen oder sollten man ihren Wurzeln auch Gehör schenken? Das ist keine Frage, die mit Ja oder Nein beantwortet werden soll. Es ist eine rhetorische Frage. Natürlich sollte – man muss, schließlich hat man eine aufgeklärte, humanistische Erziehung genossen – sie anhören und Schnittpunkte finden.

Geschichte ist niemals abgeschlossen. Jede Zeit hat ihre Interpretatoren der Vergangenheit. Das ist hier wie da der Lauf der Zeit – schon mal eine erste Gemeinsamkeit. Und nur weil andernorts die Kultur rein äußerlich anders gelebt und gesehen wird, ist sie nicht gleichzeitig zu verteufeln. Was im Urlaub als Folklore gesehen wird, ist doch zuhause nichts Schlechtes, oder?! Peter Frankopan gelingt es mit einfachen Worten Zusammenhänge darzustellen, eigene Sichtweisen zu ergänzen oder im Einzelfall zu kippen, und den Blick wieder einmal gen Osten zu richten. Doch dieses Mal nicht aus folkloristischen Gründen. Er ist der Geschichtslehrer, den man sich nicht geträumt hat zu ergattern. Denn er schafft es, ohne den Nabel der Erkenntnis zu verschieben, neue Denkweisen anzuregen.

Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Hölle und Paradies

Keine Biographie über einen Autor, keine Abhandlung über ein bestimmtes Werk – nein, eine Biographie über einen ganzen Verlag. Man fängt am besten am Ende des Buches an, um dieses Buch zu verstehen. Denn dort stehen die Werke des Querido-Verlages Amsterdam, der so bedeutend ist für die deutsche Literaturszene wie kaum ein anderer. Lion Feuchtwanger, Heinrich, Thomas und Klaus Mann, Albert Einstein, Alfred Döblin, Arnold Zweig, Anna Seghers, Bruno Frank, Romain Rolland, um nur einige zu nennen, die in den Jahren 1933 bis 1950 hier verlegt wurden. Anhand der Jahreszahlen ist es offensichtlich, warum. Sie waren in ihrer Heimat verboten, wurden verfolgt, ihre Bücher öffentlich(!) verbrannt. Exil war die einige Möglichkeit zu überleben. Ihr Brot verdienten sie ebenso dort, im Exil, der Querido-Verlag war ihre nicht verborgene Geldquelle.

Emanuel Querido ist der Kopf hinter dem Verlag, Fritz Landshoff der geschickte Strippenzieher, der von Emanuel Querido von Kiepenheuer in Berlin nach Amsterdam gelockt wird. Hier soll deutsche Literatur ein neues Zuhause bekommen. In Deutschland wurde ihnen der Boden unter den Füßen entrissen. Mit zunehmender Repression werden ihre Schriften politischer.

Klaus Mann will mit seiner Zeitschrift „Die Sammlung“ über den Querido-Verlag den zu Verstummenden eine Stimme geben. Das Projekt ist ehrgeizig, doch schwer realisierbar.

Als 1940 auch die Niederlande, trotz Neutralitätsbekundungen, annektiert werden, steht es schlecht um den Verlag von Joseph Roth, Vicki Baum und Erich Maria Remarque. Emanuel Querido schafft es nicht den Nazischergen zu entkommen. Er wird ins KZ Sobibor gebracht, wo er wahrscheinlich – genaue Aufzeichnungen gibt es nicht (mehr) – am gleichen Tag mit seiner Frau ermordet wurde.

Bettina Baltschev begibt sich auf Spurensuche nach Hinterlassenschaften eines der wichtigsten Verlage deutscher Literatur und Geschichte. Sie wird findet in Amsterdam noch Bücher des Querido-Verlages, der 2015 sein hundertstes Jubiläum feierte. In kleinen Antiquariaten kommen ihr Kleinode unter, die teilweise eine echte Weltreise unternommen haben. Bis heute zählen die Bücher der im Querido-Verlag betreuten Schriftsteller zu den meistgelesenen Werken überhaupt. Es ist das Vermächtnis zweier Männer, die unerschrocken der Kunst eine Bühne boten. Fritz Landshoff überlebte die Nazizeit. Seine Aufzeichnungen, Interviews sind die Basis für dieses Buch, das so eindrücklich Zeugnis ablegt, dass die Feder oft schärfer ist als das Schwert.

Es sind Bücher wie diese, deren Autoren sich vermeintlich kleine Aspekte der Geschichte herauspicken und in einem großen Zusammenhang stellen. Mutige Menschen wie Emanuel Querido, Fritz Landshoff und ihre „Klienten“ wird in diesem Buch ein leicht zu lesendes Denkmal gesetzt.

Aufs Korn genommen

Aufs Korn genommen

Viele waren schon mal in einer Situation, in der sie richtig geladen waren, fast schon die Flinte ins Korn geworfen hätten, weil sie jemand auf Korn genommen hatte, sie ins Kreuzfeuer geraten waren und deswegen schwere Geschütze auffahren mussten. Immer dieses „Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“. Da muss man was auf Lager haben und sich immer wieder auf Vordermann bringen, um nicht aus dem Tritt zu geraten. Ansonsten fahren die anderen mit einem Schlitten, mag gerät aus dem Tritt.  Denn andere springen wohl kaum für einen in die Bresche.

Selbst als überzeugter Pazifist und Waffenablehner kommt man nicht umhin sich der Militärsprache zu bedienen. Manche Redewendungen sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie schon gar nicht mehr als Stechschritt-Phrasen wahrnehmen. Es besteht nun bei Weitem nicht Gefahr in Verzug, wenn man sich hier und da dieser exakten Sprache bedient. Man kann ja trotzdem noch dem Frieden trauen. Und alle alten Zöpfe abschneiden, würde einem Bildersturm gleichkommen, womit mit der Pazifismus mit wehenden Fahnen dem Untergang geweiht wäre.

Autor H. Dieter Neumann war selbst beim Militär, berufsmäßig. Ob er so manchem den Marsch geblasen hat? Kohldampf hat er auf alle Fälle, denn nun hat er sich dem Schreiben verpflichtet. Der Leser geht mit dem Autor auf Tuchfühlung mit alten Schweden, und zwar ab durch die Mitte. Voll wie eien Strandhaubitze ist man allerdings nur, wenn man dieses Buch hintereinander durchliest. Über einhundert Redewendungen aus dem Kampfgetümmel der Sprache nimmt er unter die Lupe. Kein 08/15-Gerede, sondern fundiertes Wissen aus der ersten Linie. Wer dann noch dumm aus der Wäsche schaut, muss nicht gleich die weiße Flagge schwenken. Er schreibt sich einfach auf die Fahne es noch einmal Kapitel für Kapitel durchzulesen.

Sprache als vorrangiges Kulturgut sollte sorgsam benutzt werden. Worte können verletzen, das weiß nicht nur Lisa Simpson, wenn sie wieder einmal von ihrem rabiaten Bruder Bart eine Breitseite bekommt. Wer sich darauf versteht, Sprache gezielt und gekonnt einzusetzen, ist auf der Gewinnerstraße. Die Buchreihe aus dem Konrad-Theiss-Verlag mit Redewendungen aus allen Gesellschaftsschichten und Zeiten ist ein Paradebeispiel für den korrekten Umgang mit Sprache. Oft werden Phrasen benutzt, um der eigenen Meinung Nachhall zu verleihen. Doch meist falsch! So entstehen Missverständnisse. Und die Wirkung verpufft wie Schwarzpulver, das nicht richtig gezündet wurde.

Farbtransfer

Farbtransfer

Der Herbst wird bunt! Weihnachten wird bunt! Das ganze Jahr wird bunt! Denn jetzt wird gemalt, gedruckt – farbenfrohe Resteverwertung par excellence! Der Titel „Farbtransfer“ klingt auf den allerersten Blick etwas schwerfällig. Dabei handelt es sich um nichts anderes als Farbe auf ein Objekt aufzubringen. Keine Angst, Autorin Courtney Cerruti gibt Tipps, dass es klappt mit den farbenprächtigen Geschenken für sich selbst oder andere. Pinsel werden getauscht gegen Plastikkarten. So erhalten ausrangierte, ungültige Kreditkarten einen neuen, langlebigeren Verwendungszweck. Die Farbpalette überlässt sie ganz dem Leser und anschließenden Bastelprofi.

Wie jedes Jahr steht man kopfschüttelnd vor der Frage wie man an Weihnachten eine Freude machen kann. Parfüm und Krawatten (oder schlimmer: Socken) sind keine Option. Dem Klischee entgegenwirken, lautet das Schenkemotto für dieses Jahr. Selber basteln … naja. Hat immer was von Kindergeburtstag. Man ist beschäftigt, es sieht ja auch alles ganz gut aus, aber ist es auch gut genug, um es zu verschenken? Ein bisschen Übung gehört natürlich dazu, wenn man sich an die verschiedenen Drucktechniken wagt. Aber die detaillierten Bilder und die exakten Beschreibungen lassen diese Ängste schnell verfliegen. Ob Holzmaserungen auf Notizbüchern, Farbverläufe auf Armreifen oder sogar Tellern, oder fantasievolle Tücher und T-Shirts bis hin zu Schuhen – Courtney Cerruti ist die Basteltante mit der Extraportion Raffinesse. Ja, auch Schuhe werden hier zu besonderen Designobjekten, die so in keinem Geschäft stehen und bei denen man nie in Verlegenheit kommt, wenn jemand vor Begeisterung schreit: „Die habe ich mir gestern auch kaufen wollen, waren mir aber zu teuer!“. Einzigartig werden alle selbst gestalteten Objekte sein. Denn hier geht es um Handwerk, mit Betonung auf Hand. Wie immer gilt, die Masse macht’s bzw. die geringe Menge.

Die Hilfsmittel sind zum größten Teil in jedem Haushalt vorhanden. Einige Zutaten wie Gelatine oder Farben müssen selbstredend besorgt werden, doch das ist kein Problem, weil sie so ausgefallen nun auch wieder nicht sind. Seit der Erfindung der Blogs tummeln sich viel Kreative mehr oder weniger erfolgreich und vor allem mehr oder weniger unabhängig (Modebloggern wird fot nicht zu Unrecht die Unabhängigkeit von Labels nachgesagt) im virtuellen Raum. Wer dieses Buch als Grundlage eines Geschäftes nutzen will, ist herzlich eingeladen dies zu tun. Doch die Exklusivität bleibt auf der Strecke. Denn dieses Buch wird Viele ansprechen. Und wenn’s jeder kennt, ist der unique selling point schnell flöten.

Besonders beeindruckend ist die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten und Einsatzgebieten. Von Buchrücken über Geschirr, Postkarten, Geschenkpapier und –bändern, bis hin zu Girlanden und Mobiles wird dem Leser ein Füllhorn an Möglichkeiten präsentiert sich auszudrücken und auszutoben. Wem regelmäßig die Ideen ausgehen, um Freunden und Familie einzigartig und originell eine kleine Aufhellung in den Alltag zu zaubern, wird hier auf lange Zeit Anregungen und Hilfestellung finden. Es als pures Bastelbuch zu bezeichnen, wird dem Buch nicht gerecht. Es ist ein reich bebildertes  Lexikon der Phantasie für alle Altersklassen, Jahreszeiten und Interessensgebieten, das nie aus der Mode kommen wird.

Satirisches Handgepäck – Nürnberg

1126Nürnberg Satirisches Reisegepäck

Wer mit leichtem Gepäck reist, ist zuversichtlich, manchmal vielleicht sogar blauäugig. Wer mit satirischem Handgepäck reist, findet schnell Freunde. Denn man hat ein Lächeln auf den Lippen, oft, wenn nicht meist, zeigt man Zähne.

Autor Bernd Regenauer ist der Kuppler in der fremden Stadt Nürnberg. Der ist auch der Reiseleiter. Und er trägt sein Herz auf der Zunge. Wer Nürnberg nicht kennt, weiß nach der Lektüre genau, wo was wie zu sehen und einzuordnen ist. Der Franke als Pessimist, die Stadt als offene Geliebte. Leicht im Sinne von austauschbar, bedeutungslos ist dieses Buch nicht. Leichtfüßig sehr wohl. Leicht eingängig auch. Leicht verschmitzt: Auf alle Fälle.

Wer die Michael-Müller-Reisebücher kennt, schätzt die farbig unterlegten Kästen mit den Informationen, die es einem als Reisenden erlauben hinter die Fassaden zu blicken. In der nun endlich ins Rollen geratenen Reihe des „Satirischen Handgepäcks“ wird diese Tradition fortgesetzt, nur hier als Dialekt-Hilfestellung. Fränkisch ist nicht Jedermanns Sache. Da muss man sich reinfuggsen. Wenn es aber einmal läuft, ist man bereit für die Stadt mit der Burg, dem Christkindlmarkt und der Glubberer (den Saisonstart 2016/17 sollte man aber geflissentlich unter den Tisch fallen lassen – ansonsten ist es um die Gastfreundschaft nicht mehr so gut bestellt).

Mit locker formulierten Ratschlägen folgt man dem Autor durch seine Schdadd. Vorbei am alltäglichen Verkehrswahnsinn, hin zum besten Döner der Stadt, ins kuschligste Kino, durch die Gassen bis ins Herz des Nationalgetränkes: Bier. Wo man steht und geht – Brauereien. Würste und Lebkuchen sind genauso klischeehaft mit Nürnberg verbunden wie dieses Vorurteil wahr ist. Lokalpatriotismus auf höchstem Niveau, aber ohne den revanchistischen Beigeschmack. Bernd Regenauer ist halt Kabarettist und schon deswegen von Haus aus tolerant und freigeistig. So sieht er unter anderem den Wegfall von zahlreichen Bäckereien, und verteufelt die Globalisierung des zuckersüßen Geschmacks. Wer also das Prädikat Nürnberger Lebkuchen sucht, muss lange forschen, oft vergebens oder er schaut in dieses Buch. Reschbeggdlos schaut er seinen Landsleuten aufs Maul, ist in seinen Betrachtungen zutiefst subbjeggdief, und als Leser erlebt man diese Stadt einfach andersch.

Ein Reisebuch ist der Diener des Gastes. Er hilft wo er nur kann, gibt Tipps zur Einkehr und Übernachtung, verrät, wo es sich lohnt zu verweilen. Das satirische Handgepäck ist der Entertainer unter den Reisebüchern. Mit einem blinzelnden Auge wird dem Gast – auch wenn er nur für ein paar Stunden über den Weihnachtsmarkt schlendern will – die volle Breitseite fränkisches Nürnberg dargeboten. Und für die Modernisten unter den Reisebuchlesern lohnt es sich doppelt. Denn per QR-Code kann man sich einzelne Kapitel noch einmal vom Autor vorlesen lassen. Dann kommt auch das Fränkische viel besser zu Geltung!

Morgen kommt die Weihnachtsfrau

1130Morgen kommt die Weihnachtsfrau

Weihnachten – eine Zeit, die im Laufe der Jahre sich immer mehr verändert hat. Die ganze Welt ist in rosarote und klebrige Zuckerwatte gehüllt, die Innenstädte duften nach verheißungsvollem verbranntem Zucker und die Menschen sind fröhlich gestresst. Politiker salben in bedächtigem Ton die Untertanen, Hinterbänkler drängen mit wirren Ideen nach vorn. Stimmungsschwankungsfest möchte manche es nennen. Doch es ist und bleiben die höchsten Feiertage des Jahres!

Auch in den Buchmarkt kommt dann regelmäßig – und zum Glück – noch einmal kräftig Bewegung. Neuauflagen von Klassikern und mehr oder weniger witzige Erlebnis-Sammlungen-Zum-Fest fluten die Regale.

Da tut ein Buch mit einem so herausfordernden Titel wie „Morgen kommt die Weihnachtsfrau“ gut. Schon das Titelbild mit der nostalgisch angehauchten Fifties-Lady, die frohlockend ihr Geschenk präsentiert (oder anbietet) verrät es: Hier erwartet den Leser kein Buchstabensalat, hier werden Worte stilvoll und dosiert präsentiert. Und der Bauch wird hinterher auch nicht drücken!

„Morgen kommt die Weihnachtsfrau“ ist ein leckerer Weihnachtskuchen mit ausgewählten Zutaten. Und es stehen die im Vordergrund, die eh immer die Arbeit haben und es allen rechtmachen müssen, können, wollen und auch tun: Die Damen des Hauses! Sie haben ihre eigene Sichtweise auf das Fest der Liebe. Schließlich sind sie von Beginn an involviert, sind Legislative, Exekutive und in manchen Fällen auch Judikative. Sie sind der Weihnachtsstaat mit dem man Staat machen kann. Wird Zeit ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen!

Gayle Tufts verteilt Ratschläge, was zum Fest getragen und gehört werden muss. Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Während allerorten und jederzeit Klassiker in Top Ten gepresst werden, die dem Mainstream immer mehr die Bedeutung nehmen, t sie tief in ihrer Plattenkiste und ihrem Kleiderschrank. Von Punk bis Klassik ist alles dabei. Wie immer hintersinnig aufgetischt und makellos präsentiert.

Carson McCullers führt den Leser in ihre Welt zurück. Kindheitserinnerungen ohne Schnörkel. Südstaatenidylle – sie wurde 1917 in Georgia geboren – von wegen. Vielmehr die Geschichte eines aufgeweckten Wunderkindes, das langsam beginnt eigene zu gehen.

Zum Abschluss Barbara Krohn endlich die Weihnachtsfrau erscheinen, auferstehen für den Helden Heinrich. Dem ist so gar nicht nach Weihnachten zu Mute. Doch seine Kinder stimmen ihn um. Glücklicherweise sind sie nicht vom Mainstream-Fieber erfasst und werfen die Frage in den Raum, warum es eigentlich immer der Weihnachtsmann sein muss. Warum nicht mal eine Weihnachtsfrau?

Ganz einfach! Weil es dank solcher Geschichten Bücher wie dieses gibt. Ideal zum Verschenken, denn hier stimmen sich Aufmachung und Inhalt perfekt aufeinander ab. Dieses Buch unterliegt nicht dem alljährlichen Nachweihnachtsritual des Umtauschens! Und wer ganz der Tradition folgend, es nicht erwarten kann, darf auch an den verbleibenden 360 Tagen des Jahres immer wieder drin schmökern.

Der Mensch

Der Mensch

Dieses Buch ist das persönlichste Buch, das man haben kann. Denn es geht um jeden einzelnen von uns. Für Kinder geschrieben, aber bei Weitem nicht nur für Kinder gemacht. Den ersten Kinofilm, den man je gesehen hat, schaut man sich ja auch immer wieder gern an. Und außerdem: Was wissen wir schon über uns? Ganz ehrlich? Nach der Lektüre dieses Buches müssen die meisten von uns bekennen: Nicht viel. Wer weiß schon aus wie vielen Bausteinen wir bestehen. Mal raten? Eine Million, hundert Millionen. Falsch, ganz weit weg – siebenunddreißig Billionen Zellen ist jeder von uns schwer, leicht, wert … was auch immer. Das sind zwölf Nullen hinter der Siebenunddreißig. Allein unser Gehirn besteht aus sechsundachtzig Milliarden Nervenzellen. Und die sind manchmal alles bis zum Zerbersten angestrengt. Beim Lesen dieses Buch aus Verwunderung! Noch eine Zahl gefällig? Bevor wir wir sind, müssen wir uns zum ersten Mal einem Kampf stellen. Aber keine Angst, so viele Gegner werden wir nie wieder haben (es sei denn wir werden Diktatoren). Im Kampf um die eine Eizelle, die aus uns was macht, müssen wir uns gegen dreihundert Millionen Mitbewerber, Samenzellen, durchsetzen. Das ist eine Drei mit acht Nullen.

Es ist eine Wohltat dieses Buch zu lesen und nicht im Krabbeltisch der Pseudowissenschaften nachlesen zu müssen, dass der Mensch Mensch heißt, weil er ein Mensch ist. Sondern sich selbst anatomisch (schon allein die leicht verständliche Worterläuterung im Buch zeigt, was auf den Leser zukommt) durchzublättern.

Der menschliche Körper ist ein wahres Kraftwerk – Wunder verbringt er nicht, versteht es aber immer wieder zu verblüffen. Zahnweh muss nicht zwangsläufig auf zu viel Süßes hinweisen. Die Ursache liegt manchmal viel tiefer, bzw. weiter unten, zum Beispiel in den Füßen. Klingt komisch, … naja Sie wissen schon … ist aber so! Der Körper kann sich selbst heilen. Wenn wir Fieber haben, fühlen wir uns schlapp. Aber Fieber ist eine Abwehrtechnik des Körpers. Durch den Temperaturanstieg werden die Eindringlinge in die Flucht geschlagen.

Dieses Buch kann man nicht beschreiben. Man kann es schreiben, das hat Jan Paul Schutten bewiesen und mit Floor Rieder die wohl beste Wahl bei der Illustratorin gefunden. Ihre Bilder zeigen anschaulich für Groß und Klein wie wir ticken. Die Fülle an Informationen hebt dieses Buch auf einen besonders hohen Thron. Immer wieder wird man das eine oder andere Kapitel durchlesen. Und Staunen. Und Lernen. Und Freude daran haben. Es in einem Ritt durchzulesen, ist schwierig, weil so viele Informationen, so viel Neues erst einmal verarbeitet werden muss. Aber es schadet niemandem immer wieder ein Kapitel als Stimmungsaufheller zu lesen und das Blut zum Kochen zu bringen. Was man übrigens nicht machen sollte. Denn Blut ist einer der wichtigsten Indikatoren für unseren Gesundheitszustand. Für den Wissensdurst gibt es dieses Buch.

Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

1212Alles Mythos - 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

Na, auch schon mal zum Fest der Liebe selbiges ad absurdum geführt? Oder Jesus’ Geburt gefeiert? Einer Frau Parfüm oder / und einem Mann Technik geschenkt, weil man das halt so macht? Oder ungesundes Weihnachtsgebäck geschlemmt? Ja, Weihnachten ist ein tolles fest: Es gibt Geschenke, die Familie sitzt friedlich und komplett beieinander und alle haben sich lieb.

Oder auch nicht. Denn die Trennungsraten sind an Weihnachten höher als sonst. Allerdings werden zu dieser Zeit bedeutend mehr Kinder gezeugt. Das zeigen die Geburtenraten im September. Der Weihnachtsspeck hält sich auch eine Weile. Weihnachten darf man mal kulinarisch über die Stränge hauen. Auch wenn’s ungesund ist,… es schmeckt halt einfach. Dabei übersieht man dabei – Achtung, jetzt kommt eine Ausrede, die man guten Gewissens benutzen kann! – dass doch viele Weihnachtspezialitäten sehr gesunde Zutaten enthalten. Man denke nur an Früchtebrot. Oder die außergewöhnliche Vielfalt, die überall kredenzt wird. Ach ja, Frauen und Parfüm und Männer und Technik – das muss nicht immer stimmen. Meistens stimmt’s nicht! Aber dafür gibt es auch in diesem Buch keine allgemeingültige Regel.

Aber ansonsten ist dieses Buch eine wahre Fundgrube für unser „profundes Wissen“ über die geistreichste, liebenswerteste, besinnlichste Zeit des Jahres.

Es ist erstaunlich wie viel wir über Weihnachten NICHT wissen. Beziehungsweise wie viel Falsches wir über Weihnachten wissen. Es beginnt schon bei der Ortsbestimmung. Lag Jesus in Bethlehem oder doch in Nazareth? Tourismusmanager aus Bethlehem schwitzen jedes Jahr, wenn die vermeintlichen Wissenschaftsmagazine im TV wieder ihre Praktikanten ausschwärmen lassen, um den „Großen Mythen Weihnachtens“ auf den Grund zu gehen. Aber ist es nicht eigentlich egal? Nein! Wenn man schon feiert, dann sollte man schon wissen warum.

Das Titelbild macht es schon deutlich: Weihnachten ist zum Konsumfest verkommen. Es deswegen verteufeln oder gar abschaffen – es gibt ja immer wieder mal ein paar Querköpfe, parlamentarische Hinterbänkler oder Landesfürsten, die sich mit kruden Aufforderungen in die erste Reihe katapultieren wollen – wäre der falsche Weg. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung. Und mal ehrlich: An Weihnachten zu Hause sitzen, keine Geschenke auspacken, keine lukullischen Sünden begehen, wäre auch nicht das Wahre. Einziger Vorteil (vielleicht) wäre vielleicht ein annehmbareres Fernsehprogramm.

Claudia Weingartner hat – das wird einem sofort klar, wenn man nur ein paar Seiten gelesen hat – Dutzende von Büchern gewälzt, Statistiken ausgewertet und Vorurteile gesammelt. So überrascht manch einer unterm Weihnachtsbaum schaut, so verblüffend ist die Vielfalt an Mythen ums Fest. Mit erstaunlicher Akribie seziert sie jeden einzelnen Mythos, entkräftet ihn oder stellt fest, dass an jeder Legende etwas Wahres hängen kann. Es liegt am Leser wie viel Mythos er (v)erträgt. Fakt ist, dass dieses Buch Weihnachten in diesem Jahr in einem gänzlich anderen Licht erstrahlen lässt. Naja, so lange das Licht strahlt und nicht glimmt…