Die fliegenden Menschen

Peter Wilkins und das Glück gingen sein ganzes Leben lang getrennte Wege. Bis er Patty kennenlernte. Doch auch dieses Glück stand unter keinem guten Stern. Ihre Schwangerschaft musste er geheim halten. Als seine Mutter stirbt er vollends am Boden zerstört. Denn sein Stiefvater hat sich den gesamten Besitz der Mutter bereits unter den Nagel gerissen. Peter Wilkins beschließt die Welt zu bereisen. Ohne Patty, ohne die Tochter. Das ist unmöglich. Als Schreiber an Bord, verbringt er die ersten Wochen in seiner Kajüte – die Seekrankheit macht ihm zu schaffen. Doch das ist bei Weitem noch die das Übelste, das ihm passieren wird.

Das Schiff wird gekapert. Die Crew wird verschleppt. Irgendwo in Südwest-Afrika hält ihn nur noch die Hoffnung aufrecht. Sie wird ihn nicht enttäuschen. Ihm gelingt mit anderen die Flucht. Eine Flucht in eine ungewisse Zukunft. Wohin es ihn verschlagen wird? Das kann ihm keiner sagen. Und wieder schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Auf Wache mit einem Matrosen reißt sich im Sturm das Schiff los als der Rest der Besatzung Wasser fasst. Orientierungslos irren die beiden auf dem Meer herum. Und sie treiben auf eine Insel zu. Genauer gesagt, auf die Felsen einer scheinbar einsamen Insel. Das Schiff zerschellt an den Klippen. Peter ist mit einem Mal auf sich allein gestellt.

Wie Robinson Crusoe nimmt er die Insel in Besitz. Bis ihm eines Tages eine Frau, ein Wesen erscheint. Mit Youwarky stellt sie sich im vor. Ein bisschen seltsam ist diese Frau schon. Sehr liebenswert, wie Peter schnell feststellt. Auch sie ist Peter nicht abgeneigt. Doch das ist etwas an Youwarky, das ihn neugierig macht. Es ist ihr Gewand. Dass sie schon seit ihrer Geburt trägt, wie sie ihm versichert. Es sind Flügel. Ja, diese Frau kann fliegen!

Youwarky und Peter finden das Glück, das sie selbst nie zu suchen wagten. Er lehrt ihr seine Sprache, sie unterrichtet ihn in ihrer Kultur. Sie bekommen Kinder. Im Märchen würde man nun vom „… und wenn sie nicht gestorben sind“ sprechen. Doch Autor Robert Paltock hat anderes mit ihnen vor…

Eine phantastische Geschichte, die die Schlaflosreihe des Verlages Ripperger & Kremers mehr als nur um ein paar bedruckte Seiten verstärkt. Fliegende Menschen in einem Buch, das ganz ohne technische Phantastereien auskommt. Keine Beschreibung von hydraulischen Vorrichtungen, wie man sie bei Jules Verne verortet. Dessen „Zwei Jahre Ferien“ kommen jedem Leser sofort in den Sinn. Ebenso wie Daniel Defoes Robinson Crusoe oder Jonathan Swifts Gulliver. Das Leben auf dem heimischen Eiland wird bald beendet, als Youwarky den Wunsch äußert ihren Vater zu besuchen. Sie fliegt zusammen mit zwei ihrer Kinder. Drei Tage wird die Reise dauern. Und Peter? Er sehnt sich nach Youwarky. Wird bald schon von ihren Verwandten besucht und eingeladen die Familie kennenzulernen. Die Abwechslung wandelt sich vom freudigen Ereignis zu einer Art déjà vu…

Der Altar der Toten

Es gibt viele Möglichkeiten den Partner fürs Leben zu finden. Bei der Arbeit, in Bars und Clubs, ja sogar im Netz ist es gar nicht mehr so unmöglich das passende Gegenstück in sein Leben zu ziehen. Doch das, was Henry James beschreibt, ist selbst heute noch etwas Außergewöhnliches.

George Stransom kann man getrost als treue Seele bezeichnen. Noch immer huldigt er seiner großen Liebe Mary Antrim. Sie wurde ihm entrissen, bevor er sie festhalten konnte. Er hängt ihr nicht nach. Doch die Zuneigung ist im Laufe der (vielen, vielen) Jahre nicht geringer geworden. Sie war – wenn man es einmal nüchtern betrachten will – der Startschuss für eine als ungewöhnlich zu bezeichnende Leidenschaft. Er zählt die Toten seines Lebens. Nicht falsch verstehen: George Stransom ist kein Mörder! Nur hat sich im Laufe der Zeit eine beträchtliche Zahl von Dahingeschiedenen in seinem Herzen breitgemacht. Er verehrt sie alle. Keiner wird bevorzugt, keiner benachteiligt. Als er aus der Zeitung vom Tod seines langjährigen Freundes Acton Hague erfährt, gerät seine Welt wieder ins Wanken. Doch dieses Mal ist er nicht allein.

Denn auch eine Unbekannte scheint den Erinnerungen an Acton Hague nachzuhängen. Wer sie ist? Diese Frage drängt sich dem Trauernden Stransom gar nicht auf. Er ist fasziniert einen Seelenverwandten zu treffen. Jemanden, der sich genauso tief in Freundschaften versteifen kann wie er. Unversehens haben sich da zwei getroffen, die man auf den ersten Blick in ihrer Trauer lieber allein lassen möchte. Fast schon einem Kult gleich werden ihre Treffen zu einem Leichenschmaus, der nicht den Magen füllt, vielmehr ein delikates Mahl für die Sinne ist.

Das Festhalten an Altem, ohne der Zukunft im Weg zu stehen, verwebt Henry James zu einem zarten Vorhang aus durchlässiger Seide. Durchlässig für wahre Gefühle, schützend vor Wunden. Hier klagen zwei Menschen sich gegenseitig ihr Leid ohne dabei sich selbst aufzugeben. Vielmehr ist ihr Totenkult, den sie hegen und pflegen die Kraftquelle die sie weiterleben lässt. Todessehnsucht verspüren sie nicht. Schon gar nicht nachdem sie sich getroffen haben. Ihr Zusammensein bestärkt sie in dem, was sie tun, was sie ausmacht.

Mit umwerfender Empathie steigert sich Henry James in seine Charaktere hinein. Stransom und die Unbekannte kommen zusammen ohne sich wirklich näher zu kommen. Die Distanziertheit ist ihr Kitt, der sie zusammenhält.

Reisen

Bisher verlief alles eigentlich mehr oder weniger normal im Leben des nigerianischen Mannes, dessen Reisen in diesem Buch so wie „das Normalste auf der Welt“ beschrieben werden. Er lebt in den USA, seine Frau ist Künstlerin. Ihn plagen auch keine Sorgen.

Das wird sich ändern als Gina, seine Frau ein begehrtes Stipendium für einen Aufenthalt in Berlin erhält. Das war im Herbst 2012. Das Jahr, in dem die Welt untergehen sollte … laut den Berechnungen der Mayas. Naja, wenn man es pessimistisch betrachtet…

Schon bald lernt er Mark kennen. Ein Typ, den man sich nicht besser malen kann. Student, keiner Protestaktion abgeneigt, stur, immer mit dem Kopf durch die Wand. Mit einem Augenzwinkern könnte man ihn als Hallodri bezeichnen. Nun sitzt er im Gefängnis. Wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dabei kommt heraus, dass seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Zum Glück hat er Freunde wie Ginas Ehemann. Sie, Gina, ist weniger erfreut über die Hilfsbereitschaft ihres Gatten. Denn Mark ist nun gar nicht der, der er vorgibt zu sein…

Eine verrückte Geschichte, die unserem Helden da passiert ist. So etwas schärft die Sinne. So was wird ihm nie wieder passieren! Da mag er recht haben. Doch ihm werden noch ganz andere Dinge passieren. Er verliebt sich neu, reist in die Schweiz, um einen Tod aufzuklären und landet unversehens in einem Flüchtlingstreck. Das „Schokolade, Schokolade“, das ihm Kinder in Berlin kindlich-naiv hinterherrufen, erscheint ihm bald schon als Randnotiz in seinem Leben…

Helon Habila greift ganz tief in die Ironiekiste. Unbeirrt lässt er seinen akademisch ausgebildeten Helden die soziale Leiter hinabsteigen. Doch nicht der Verlust irgendwelcher materiellen Werte lässt ihn verzweifeln, sondern die Hoffnungslosigkeit die ihm, dem Mann, dem bisher alle Türen geöffnet wurden, ohne passenden Schlüssel vor den Toren der Zukunft leiden lassen. Helon Habila hat mit „Öl auf Wasser“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass ihm gesellschaftliche Themen am Herzen liegen. Und dass er sie schwungvoll einem breiten Publikum vermitteln kann. Mit „Reisen“ verfolgt er ganz stringent einen Mann, dem das Leben ins Gesicht spuckt. Zuerst mit kleinen Nickligkeiten. Die nimmt man unüberlegt als gegeben hin. Doch wie unser Held stolpert man als Leser gleichsam in einen Strudel aus Korruption, Vorurteilen und Hoffnungslosigkeit, dem man sich nicht entziehen kann. Wäre es nicht so traurig – wie unsere Welt ist – man könnte stundenlang darüber lachen. Es liegt an einem selbst, wie sehr man dem nachgibt.

Amazonas

Was macht ein Musiker, wenn er mal nicht auf Tournee ist? Er zieht sich in seine Dachstube zurück und schreibt neue Texte, feilt an Formulierungen oder … Oder er macht sich auf in die Wildnis und entdeckt das, was echte Kerle zu tun pflegen. Im Falle von Till Lindemann ist es nicht die Kemenate, sondern der schwer zu durchdringende Dschungel des Amazonas. Zusammen mit Joey Kelly, eben der von der Kelly-Family – also Melodie-Ideen tauschen die beiden garantiert nicht aus – kämpft er sich durch das größte Urwaldgebiet Amerikas.

Allein schon das Cover lässt erahnen, dass die Glamping-Ausrüstung zuhause bleiben muss. Schlammverschmierte Gesichter, die zu müde sind ein Lächeln hervorzuzaubern – Preisfrage: Wer hat Till Lindemann schon mal lächeln sehen?, schon allein Seite 61 wird da zur Offenbarung – und als zartes Band der beiden ungleichen Musiker: Ein Schlange.

Genug der Klischees. Joey Kelly und Till Lindemann müssen niemandem mehr beweisen, dass sie echte Männer sind. Sie treten die Reise ins Länderdreieck Peru, Kolumbien, Brasilien an, um sich an ihre Grenzen zu führen, etwas wirklich Neues zu erleben und um anderen, den Lesern, zu zeigen wie wunderschön unberührte Natur (auch mit Menschen drin) sein kann.

Wer bei Abenteuer Tom Sawyer und Huckleberry Finn im Kopf hat, startet beim Lesen von einer gesunden Basis. Till Lindemann mit Schlange (zwei, drei Meter wird sie sicher lang sein), Joey Kelly mit Blasrohr (ein bisschen kürzer, ganz sicher): Zwei Bilder, die mehr Symbolkraft haben als man gemeinhin zugeben möchte. Martialische Pose auf der einen, fokussiertes Engagement auf der anderen Seite. Und zwischendrin einzigartige Einblicke in ein Leben von Menschen, die fern der so genannten Zivilisation dem trotzen, was dem Großteil der Leser schon bei der Vorstellung daran pflaumengroße Schwerperlen aus den Poren drückt. Till Lindemann gibt zu, dass die Luftfeuchtigkeit ihm zu schaffen macht. Die Hitze – daran gewöhnt man sich schneller als man denkt.

Das Zusammenspiel von Reiseimpressionen mehrerer National-Geographic-Autoren und den bei jedem Umblättern faszinierenden Bildern lassen Abenteuerpläne in der Glut der Sehnsucht Gestalt annehmen. Ein Kinderlachen inmitten notdürftiger Behausungen, Joey Kelly auf dem Rücken von Till Lindemann durch den Fluss watend, die Farbenpracht eines Papageien, unerhört beruhigte Landschaften – wo andere nur stumm abbilden, erzählen die Bilder (doppelseitig im Breitbandformat – mehr geht nicht!), kontert dieser Bildband mit einer plappernden Bildsprache, die jeden Zweifler erstummen lässt. Für Rammsteinfans? Ja! Für Kelly-Family-Fans? Ja! Für Abenteurer, für Fotoenthusiasten, für Amazonas-Begeisterte? Auf alle Fälle!

Voci di sicilia

Ein Land bereist man, weil man die Architektur sich ansehen will. Oder wegen der erholsamen Strände. Oder der abwechslungsreichen Geschichte. Weil man einen außergewöhnlichen Berg besteigen oder generell gern neue Landschaften erkunden will. Oder man will Orte besuchen, die man aus Filmen kennt und die einen sofort in den Bann ziehen. So wie es Sizilien macht. Ob man nun auf den Spuren des Paten wandelt, die wundervoll eingefangenen Drehorte von Wim Wenders‘ „Palermo shooting“ noch einmal abgeht, sofern man sie findet, die größte Insel des Mittelmeeres geizt nun wirklich nicht mit ihren zahlreichen Reizen. Und Sizilien bietet noch einen Grund mehr es zu bereisen: Die Stimmen des Landes, die Stimmen Siziliens.

Es sind bestimmt keine Stimmen, die sich hinter Zypressen verstecken. Sie treten ins Rampenlicht und künden vom Reichtum der Insel. Allen voran Etta Scollo.

Schon im ersten Kapitel über ihre Geburtsstadt Catania begreift man im Handumdrehen die Verbundenheit der Sizilianer zu ihrer Heimat. Ihre Umarmungen der nonna, der Oma, verwandeln sich im Nu in greifbare Erinnerungen. Einen weitaus nüchterneren Blick auf die Stadt hat dagegen Ambra Monterosso. Sie war jahrelang bei der Staatspolizei in Catania. Das Klischee der familienbewussten wischt sie mit wenigen Zeilen vom Tisch. Auch wenn sich die Mafia mittlerweile weniger offen darstellt, ist sie immer noch vorhanden. Was aber nichts am Reiz der Stadt ändert. Doch was wäre, wenn es keine Mafia gäbe? Dann wäre das Bild Catanias noch eindrucksvoller. Das macht sie nicht nur zwischen den Zeilen klar.

Etta Scollo gibt ihrer Heimat Sizilien, die sie einst verließ, um wiederzukehren mehr als nur eine Stimme. Von Palermo über Messina bis nach Caltanissetta eilt der Sängerin und Komponistin der Ruf als führende Stimme der Insel voraus. Bereitwillig breiten Schriftsteller, Philosophen und Politiker. Wie zum Beispiel Leoluca Orlando, der immer wieder gewählte Bürgermeister Palermos.

Noch ein Tipp: Das Buch gibt es in zwei Ausführungen. Unbedingt die Ausgabe verwenden, der eine CD mit Liedern von Etta Scollo beigelegt ist. Ihr glockenklare Stimme, ihr Timbre, ihre unvergleichliche Ausstrahlung gibt dem Buch den richtigen klangvollen Rahmen. Von ganz leisen Klängen bis hin zum stimmungsvollen canzone, das einen einfach nicht stillsitzen lässt, erklingt Sizilien in der ganzen Vielfalt seiner Bewohner. Ein Buch, das die angeordnete Quarantäne versüßen kann. Ein Buch, das Appetit macht sicilia umgehend zu bereisen und den Stimmen zu lauschen. Ein Buch, das niemanden unberührt lässt!

Deutschland leuchtet

Alfred Hitchcock benutzte die Vogelperspektive, um dem Mörder eine Drohung „von Oben“ zu schicken. So als ob Gott mit dem erhobenen Zeigefinger dem Delinquenten klarmacht, dass er gegen das fünfte Gebot (sofern er Katholik ist, ansonsten gegen das sechste) verstößt bzw. verstoßen hat. Der Einblick ist allumfassend. Seit dem die Technik, sprich Drohnen, so weit fortgeschritten ist, dass ein ebenso umfassender Blick eine ganze Szene erfasst, gibt es kein Halten mehr. Immer mehr Fotos „von Oben“ ermöglichen Sichtweisen, die man bisher nicht kannte. Der Fotograf Robert Grahn hat diesem Genre nun die Krone aufgesetzt. Deutschland von Oben. Deutschland in der Nacht. Deutschland leuchtet!

Er zeigt mit seinen teils ganzseitigen Fotos wie agil das Land bei natürlicher Dunkelheit ist, und wie farbenfroh es des Nachts im künstlichen Licht erstrahlen kann. Wenn die Nacht über den Ku’damm Einzug hält, springen die Lichter der Großstadt und verzögern die hereinziehende Lähmung. Ein Lichtband durchzieht den Prachtboulevard, Häuserblöcke trotzen der fruchteinflößenden Lichtstille. Von Unten kennt man die Schaufenster der Passagen und Ladengeschäfte. Scheinwerfer, die einem ins Gesicht scheinen, sind niemandem fremd. Doch aus einer Höhe von mehr als dem höchsten Punkt rund um die Flaniermeile, sieht man erst das ganze Ausmaß des nächtlichen Funkenspiels: Vom Tauentzien bis zum Maison de France, Gedächtniskirche und Europacenter – bekannt bei Tag, ein optischer Leckerbissen bei Nacht. Aus der Vogelperspektive fast noch als Neuland zu bezeichnen.

Doch nicht nur die Metropole Berlin fasziniert in diesem prachtvollen, außergewöhnlichen Bildband. Schon der Einband mit der Dresdner Frauenkirche zieht den Betrachter in seinen Bann. Die exakt gestaltete Parkanlage inkl. Schloss Sanssouci in Potsdam, die Jerusalembrücke in Magdeburg oder der Marktplatz in Halle an der Saale, hier kann man sich sehr lang darin verlieren, das am Tag Gesehene in einer Nachtaufnahme nachzuerforschen.

Ein nächtlicher Streifzug durch Leipzig lohnt sich immer. Ein Blick, ein Appetitmacher darauf liefert Robert Grahn auf einer Doppelseite. Sie macht Lust die Stadt zwischen Alt und Neu zu erkunden. Selbst Leipziger entdecken hier ihre Stadt noch einmal neu!

„Deutschland leuchtet“ ist mehr als nur eine Alternative im Lockdown (der ist irgendwann vorbei, das Buch bleibt für immer) sich eine aussichtsreiche Zukunft auszumalen. Man wird immer wieder zu diesem Buch greifen, um den Blick von Unten, den man tagein tagaus hat, mit den Ansichten von Oben in Einklang zu bringen.

Das Märchen von der Turmuhrdame

Wo ist nur diese Stadt? Wo Kinder nicht richtige Rabauken sein können. Wo die Turmuhrdame die Zeit hinausflötet. Wo ältere Damen den Kindern Geschichten erzählen. Dort also, wo man sich wie im Paradies fühlt. Doch das Paradies hat ein paar kleine Risse. Denn die Turmuhrdame hat ein Geheimnis. So gehört es sich auch für ein richtiges Märchen!

Der Falke, der moralische Wächter der unbekannten kleinen Idylle, soll ihr Vater sein. Einst hat er sie verstoßen. Denn bei einem Fest hat sie dem Sieger unfair zum Sieg verholfen. Tja, was tut man nicht alles aus Liebe?! Nun steht wieder ein Fest an. Und wieder wird ein Held in die Stadt einkehren. Wieder sind die Kinder aus dem Häuschen. Ein echter Held. Sie löchern ihn mit Fragen. Nur die Turmuhrdame nimmt Reißaus. Eine Reise, die ihr Leben verändern wird…

Die Geschichte erzählt auch von der kleinen Myrte. Dieser kleine Naseweis genießt die Kindheit wie man es jedem Kind wünscht. Die Geschichten der Alten saugt sie genauso wissbegierig auf wie die kleinen Streitereien mit ihren Freunden. Doch die Faszination für die Turmuhrdame und ihr Geheimnis führt sie bald schon ins Abenteuer ihres Lebens…

Sabin Roidl hat sich dieses Märchen um Schuld und Unschuld ausgedacht. Doch nicht nur das! Auch die Zeichnungen stammen – und das ist wörtlich zu nehmen – aus ihrer Feder. Der feingesponnene Spinnenwebenschal fasziniert nicht nur Kinderaugen. Auch die Großen, die Vorleser, geraten ins Stocken, wenn sie die mit viel Liebe zum Detail gemalten Abbildungen erblicken. So echt wirken Falken sonst nur in hochpreisigen Bildbänden.

Ein echter Volltreffer ist dieses Buch für alle, die der Phantasie stets dem Rationalen den Vorzug geben. Einfach mal fallen lassen und noch einmal das Erlebnis Märchenlesen immer wieder erfahren.

Maria in der Hafenkneipe

Wenn man in einer Stadt wohnt, die von vielen besucht wird, passiert es schon mal, dass man nach dem Weg gefragt wird. Man hilft gern aus, zeigt den Weg, erste rechts, zweite links usw. Sprachbarrieren sollten da keine Rolle spielen. Wozu hat man Hände und Füße?! Die Technik auf den Smartphones macht solche Begegnungen aber immer seltener.

Antwerpen im Jahr 1938 – da hilft keine satellitengesteuerte Navigation. Da muss man fragen, wenn man das Gesuchte nicht sofort verorten kann. Und passiert es, dass einem Mann, Frans Laamans, drei Männer – wie sich später herausstellt aus Afghanistan – ansprechen. Sie sollen zu Maria. Sie kam an Bord ihres Schiffes, um Säcke zu flicken. So hilfsbereit, diese Maria. Man redet ein bisschen miteinander, trank Tee, rauchte. Und verabredete sich für den Abend. Am Boden einer Zigarettenschachtel hat sie ihre Adresse geschrieben.

Nun sind diese Drei auf dem Weg zu Maria. Doch wie hinkommen? Drei Männer, die zu einer Maria wollen? Da war doch was! Das gab’s schon einmal. Laamans hilft gern. Eigentlich wollte er nach Hause, zu Frau und Kindern. Sich hinter der Zeitung verkriechen und den Tag in Ruhe ausklingen lassen. Nun stapft er mit den drei Fremden durch Antwerpen.

Da er selbst den Weg nicht kennt, dennoch ihn Maria mehr als brennend interessiert- die Drei haben ihn mächtig angefixt – fragen sie unterwegs, ob denn nicht jemand diese eine spezielle Maria kennt. Es gibt Ecken in Antwerpen, auch heute noch, da könnte das für Missverständnisse sorgen. Gar nicht weit vom Museum aan de Stroom findet man Damen, die sich gern als Maria vorstellen… Doch dort wird das Quartett ihre Maria nicht finden. Auch wenn Laamans inzwischen den routinemäßigen Kneipenbesuch schon ad acta gelegt zu haben scheint.

Willem Elsschot erzählt eine der ältesten Geschichten neu. Die drei Afghanen haben zu viel Ähnlichkeit mit Caspar, Melchior und Balthasar. Sie folgen keinem Stern, sie folgen Laamans. Doch auch der kennt den Weg nicht, hilft aber, wo er nur kann. Sie kommen sie ins Gespräch. Über Gott und die Welt. Und das nicht nur sprichwörtlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ein Buch das Attribut „Weihnachtsbuch“ im Jahr 2020 verdient hat dann dieses Buch! Die elegante Aufmachung – wer bei diesem Rot nicht sofort an Weihnachtsplätzchen und Geschenke denkt, ist ein Weihnachtsmuffel – und die zum Nachdenken einladende Kurzgeschichte unterhalten und hinterlassen besinnliche Gedanken. Kann man immer wieder lesen und sich amüsieren.

Kommissar Gennat und der BVG-Lohnraub

Berlin Mariendorf, 14. Mai 1932, ganz früh am Morgen. Ach nee, die Presse ist schon da. Kriminalrat Gennat, der Tausendsassa, der die Berliner Polizei mit wissenschaftlicher Recherche vertraut gemacht hat (noch nicht komplett, aber die Anfänge seiner Arbeit tragen schon erste zarte Früchte), ist erstaunt, dass Max Kaminski vom Berliner Echo schon am Tatort ist. Ein Kneipenüberfall, mit Schießerei. Und die schreibende Zunft zückt schon wieder den Bleistift. Naja, was soll’s, der Kaminski is in Ordnung! Ein paar Tage später hockt man zusammen beim Dinner und schwatzt über den Fall. Bei Kaminski zuhause. Gennat mag Kaminski und weiß um die Hilfe der Presse. Der Freitag vor Pfingsten, dem Tag des Raubmordes – ein Opfer ist inzwischen verstorben –  war ein heißer Tag. Noch vor drei Tagen fröstelte man bei knapp über zehn Grad, nun war es mehr als doppelt so warm.

Die Polizei tappt im Dunkeln. Sucht Verdächtige, findet sie aber nicht. Kaminski schon. Wie? Ihm stehen andere Mittel als der Polizei zur Verfügung… Der Sommer kommt, die Ermittlungen stocken.

Im September nehmen sie allerdings wieder Fahrt auf. Ein Geldtransporter wurde überfallen. Ein verlassener Fluchtwagen, geklaut, natürlich, blockiert die Kreuzung. Erinnert verdächtig an den Überfall auf die Kneipe in Mariendorf.

Die Beute von 34.000 Mark sprengte alles bisher Dagewesene. So viel wurde noch nie erbeutet. Ein Toter und ein Schwerletzter gingen ebenfalls auf das Konto der Bande, die mit Akribie und Raffinesse von Polizei und dem Journalisten Max Kaminski verfolgt wird. Kaminski spannt für seine Recherchen sogar seine Ehefrau Lissy ein. Mit Wissen von Kriminalrat Ernst Gennat. Und nach einigen Monaten führen die Ermittlungen zum Erfolg.

In der Zwischenzeit haben die Nazis die Macht ergriffen. Das Urteil ist verheerend: Todesstrafe bis hin zu langjährigen Haftstrafen. Für Gennat geht die Zeit im Polizeipräsidium bald zu Ende. Die neuen Herren haben keine Verwendung mehr für den umtriebigen Schnüffler.

Dr. Regina Stürickow kann nicht nur Sachbuch. Dieser historische Roman fußt auf den noch zahlreich vorhandenen Akten. Max Kaminski ist ihrer Phantasie entsprungen. Er hatte jedoch ein reales Vorbild. Gennat ist so real wie die Spuren, die er hinterließ. Er war es, der das wilde Herumsuchen am Tatort unterband und Spuren nahm, die bisher im Chaos der ersten Ermittlungen unwissentlich zerstört wurden.

Die Aufmachung des Buches wie ein Dick-Tracy-Comic ist sicher kein Zufall. Es ging heiß her im Berlin der beginnenden 30er Jahre. Immer mehr verloren ihre Arbeit und sahen der Zukunft nur widerwillig und geknickt entgegen. Die Kriminalitätsrate schnellte in ungekannte Dimensionen. Gennat brachte Ordnung ins Chaos. Die Lösung des größten Kriminalfalls in Großberlin ist sein Vermächtnis.

Japan

Eine ordentliche Vorbereitung ist die halbe Miete, sagt man. Und da ist es egal, ob es sich um einen Sportler handelt, der sich auf den Wettkampf seines Lebens vorbereitet, eine Geisha, die sich für ihr Engagement vorbereitet oder man selbst sich Gedanken macht, was man den Lieben an Weihnachten schenkt. Und schon sind wir beim Thema. Japan. Im Sommer 2020 sollten zum zweiten Mal in der Millionenmetropole Olympische Sommerspiel stattfinden. Die ganze Welt wurde in den Jahren seit Bekanntgabe des Austragungsortes vom Japanfieber infiziert. Und dann kam so ein kleines, fieses Virus und alles war dahin. Alles? Nein, nicht alles! Es gibt ja noch Weihnachten und die ewiges Frage: Was schenke ich?

Ein Buch geht immer. Doch dieser Bildband sagt unzweifelhaft, dass man sich Gedanken gemacht hat und dass der Beschenkte einem etwas bedeutet. Ein echtes Schwergewicht – der Titel Sumo ist sein Helmut Newtons Meisterwerk leider schon besetzt – unter den Bildbänden über Japan! Riesige Abmaße. Und der Inhalt begeistert ohne dass man das Buch aufschlagen muss. Eine exzellent vorbereitete Geisha in einem farbenprächtigen Kostüm. Die Rückansicht ist so geheimnisvoll wie das Land rätselhaft.

Einmal Auge in Auge einem Kendo-Kämpfer gegenüberstehen. Einmal inmitten einer schier unendlichen Menschenmenge in Japans Hauptstadt stehen und dem Lichterreigen begeistert zusehen. Über den Wolkenkratzern schweben. Und dann wieder einem Ikebana-Kunstwerk so nahe kommen, wie man es nicht erwartet. Solch einen Urlaub wünscht man sich. Für die meisten bleibt es eben doch nur ein Traum.

Dieser Prachtband macht jede vergossene Träne über einen nicht stattfindenden Urlaub vergessen. Denn Japan ist hier so vielschichtig dargestellt, dass wirklich nur noch eine Reise ins Land der aufgehenden Sonne es toppen kann!

Die gigantischen Maße des Buches erlauben es nur ausgewählten Muskelmännern, das Buch wie einen Schmöker auf der Couch zu verschlingen. Die Mehrheit legt es sich auf den Lesetisch oder auf den Schoß und blättert mit wachsender Begeisterung darin. Viele Abbildungen erstrecken sich über eine Doppelseite, so dass es nicht viel Vorstellungskraft bedarf das wahre Japan zu erkennen.

Ein Bildband zum Verlieben! In Japan, in das Auge des Fotografen, in die Detailverliebtheit, die jedes Bild ausstrahlt und zum Verweilen nicht nur einlädt, sondern geradezu auffordert. Dieser Bildband ist etwas für Kenner und Genießer. Kein kleiner Appetitmacher, den man in der Gesäßtasche verschwinden lässt, sondern ein besonderes Ausstellungsstück, das man gern immer wieder aus dem Schrank holt und an dem man sich einfach nicht sattsehen kann.