Im Fluss

Eines gleich vorweg: Diese Reise kann in keinem Reisebüro gebucht werden. Auch das Reisemittel, ein Kanu ist bei keinem Outdoorausrüster so erhältlich.

Dirk Rohrbach umkreist die Vereinigten Staaten mit dem Fahrrad. Er nahm sich den Yukon vor. Da entstand auch der Gedanke den Mississippi samt Missouri von der Quelle bis zur Mündung in die Karibische See zu befahren. Und er stellt auch gleich einmal ein weit verbreitetes Vorurteil richtig. Der Mississippi (ideal auch zum Abzählen von Sekunden: ein Mississippi, zwei Mississippi etc.) ist eigentlich ein Zufluss des Missouri. Da die Eroberer der Neuen Welt aber von Osten kamen, trafen sie zuerst auf den Mississippi. Und der war dann der Namensgeber. Erst später entdeckte man die Quellen des Missouri.

Und dort, in den Höhen und Weiten von Montana beginnt das große Abenteuer. Ein kleines Rinnsal, das aus einem Berg entspringt. Zu flach und zu schmal, um es mit dem Kanu zu bereisen. Das Kanu übrigens hat Dirk Rohrbach selbst gebaut. Mit Hilfe eines Videotutorials, in dem alles irgendwie viel einfacher aussah als es in der Wirklichkeit ist.

Und kaum auf dem Wasser taucht auch schon das erste Problem auf. Und zwar in der Gestalt einer Elchmutter samt zweifachen Nachwuchs. Dirk Rohrbach weiß, dass Bären mit einem Spray relativ einfach zu vertreiben sind. Aber eine Elchmutter mit ihren Zöglingen stellt ein unkontrollierbares Risiko dar. Mutter und Nachwuchs Nummer Eins queren den Fluss, doch der Nachzügler müht und strampelt sich ab wie er nur kann. Dirk Rohrbach möchte gern eingreifen und helfen. Doch das würde seiner Gesundheit nicht zuträglich sein. Auch wenn Rohrbach einmal Arzt war. Der Kleine schafft ans andere Ufer zu Geschwister und Mutter, und Rohrbach kann weiterpaddeln.

Auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unterliegt harten Regeln. Jeder, der den Missouri / Mississippi befährt, muss sein Gefährt untersuchen und abnehmen lassen. Ein Fluss-TÜV. Da sein Boot Marke Eigenbau ist, ist es nicht registriert. Und das sorgt bei den Inspektoren für Verwirrung. Hier ist Rohrbach bedeutend entspannter als bei der Elchkuh.

Eines fällt sofort auf: Dirk Rohrbach kommt schnell mit Leuten ins Gespräch. Das liegt an seiner außergewöhnlichen Route und der Neugier der Menschen am Fluss, an den Flüssen. Für den Leser ein Sammelsurium an Charakteren, die so manch einem nicht in ihrem ganzen Leben begegnen, trifft Rohrbach quasi im Vorbeipaddeln. Tom-Sawyer-Und-Huckleberry-Finn-Romantik trifft Abenteuerdurst auf einer der aufregendsten Routen, die diese Welt noch zu bieten hat. Von der unberührten Natur Montanas, in der es ein Glücksfall ist, wenn man hier mal tatsächlich einen Menschen trifft, über die Badlands, die die ersten Siedler nicht umsonst so tauften bis in die vor Leben überbordende Metropole New Orleans fast am Ende der Reise. Ein echtes Abenteuerbuch von einem überzeugten und überzeugenden Verführer!

Das Jahr der Ziege

Mal eben nach Afrika bedeutet für die meisten all-inclusive in einer Lodge in Kenia zu urlauben. Kristina will Fabian folgen auf seinem Trip nach Afrika. Doch von Cocktails schlürfen im Sonnenuntergang und aus sicherer Entfernung den Elefanten beim Abendschmaus zuschauen, ist sie, sind beide mehr als weit entfernt.

Denn in Nordkamerun, in den Mandara-Bergen bei den Ouldeme geht man nicht schnell m die Ecke, um sich eine Flasche Rotwein für einen romantischen Abend zu Zweit zu holen. Hier nutzt man das, was gerade vorhanden ist. Spielzeuge kauft man nicht im Spielzeugladen, hier bastelt man sich seine Phantasie aus dem zusammen, was links und rechts des Wegesrandes liegt.

Fabian studiert Ethnologie. Kristinas spontaner Vorschlag einfach mitzukommen und ihm bei seinen Feldforschungen zu begleiten, ihn vielleicht sogar unterstützen zu können, nimmt er gelassener hin als sie es vermutete. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Und so wird aus einer spontanen Idee eine Reise, von der niemand weiß wie sie verlaufen oder gar enden wird.

Die heimelige Atmosphäre der Schweiz liegt alsbald hinter Kristina und Fabian. Die sengende Hitze in dem Saheldorf ist die erste Herausforderung für Kristina. Doch die zwanglose Gastfreundschaft, das vorurteilsfreie Leben der Ouldeme ist das, was Kristina ihr Leben lang zu suchen glaubte. Wie ein Blatt im Wind lässt sie sich treiben bis auch hier in der Ferne der Alltag einzuziehen droht.

Anders als erwartet sieht der jedoch zwanglos aus. Der zwang etwas zu tun, weil es erwartet wird, existiert nicht. Hier wird vieles einfach getan, nicht weil man es muss. Dafür gibt es in der Sprache der Ouldeme nicht einmal ein Wort. Die Mandara-Berge als Paradies zu bezeichnen, ist sicherlich nicht ganz verkehrt. Doch die Definition, was in Kristinas Gesellschaft als Paradies anzusehen ist, muss sie überdenken…

Katharina Bösiger Boukar lebte sechs Jahre im Tschad und Nordkamerun. Ihr „Jahr der Ziege“ ist also mehr als pure Fiktion, es ist vielmehr ein Reisebericht mit künstlerischer Freiheit. Als Leser wird man in eine Welt gezogen, die fernab von verklärter (und realitätsfremder) Traumschiffromantik Tag für Tag funktioniert. Im Gegensatz zu den meisten Romanen, deren Autoren selbst einmal für eine Zeitlang „den Geist Afrikas“ einatmen duften, verzichtet Katharina Bösiger Boukar auf jeglichen kleingeistigen Kitsch, der den schwarzen Kontinent umweht. Die Realität als Basis einer Liebesgeschichte – und nicht nur die zwischen Kristina und Fabian – zeigt auf fast dreihundert Seiten, dass doch noch nicht alles über Afrika geschrieben wurde.

Die Sekte der Engel

Palizzolo, Sizilien, 1901. Siebentausend Einwohner werden von einer Handvoll Barone und Grundbesitzer regiert. Und einem Mafioso, dessen Namen aber keiner aussprechen will. Ach, was soll’s, is ja nur Fiktion: Sein Name ist zù Carmineddru. Man lebt so vor sich hin, regelt in erlauchtem Kreis, was zu regeln ist. Nur Matteo Teresi, der Anwalt, passt nicht so recht ins Stadtbild. Seine aufwieglerischen Schriften in seiner von ihm verlegten Zeitschrift stören das Gleichgewicht in den Gemeinden. Allen Pfarrern, allen ehrenwerten Leuten ist er ein Dorn im Auge. Dem kleinen Mann hingegen ist er ein Segen. Ein Segen, den sie von höherer Stelle niemals zu erhoffen wagten, gingen sie auch alle noch so fromm und regelmäßig in die Kirche.

Nun begab es sich zu dieser Zeit – ach ja, so ganz erfunden ist die Geschichte gar nicht, Andrea Camilleri bedient sich ein weiteres Mal in der Geschichte seiner sizilianischen Heimat – dass ein wenig Aufruhr Palizzolo ergriff. Die Cholera verbreitet sich schlagartig. Viele verlassen ihre eigenen vier Wände. Bis sich herausstellt, dass eigentlich gar nichts passiert ist, um eine derartige Stadtflucht auszulösen. Aus Respekt und aus Berufsethik hat der Doktor, der plötzlich mehrere gleichlautende Diagnosen stellen musste, den Mund gehalten über die wahren Gründe seiner Hausbesuche. Auch gegenüber den Familien, die wiederum aus Unwissenheit das Gerücht eines Choleraausbruchs in die kleine Welt Palizzolos setzten. Der wahre Grund ist eigentlich ein erfreulicher. Gleich mehrere junge Damen sind schwanger. Und das seit zwei Monaten. Alle zur gleichen Zeit schwanger geworden. Alle jungen Damen schweigen sich über die Vaterschaft aus. Da stimmt was nicht! Doch was?

Montagnet, eine Ermittler aus dem Norden, einer nicht minder verlassenen Gegend wie Palizzolo, trifft auf eine Horde Verdächtiger und schweigsamer Wissender. Auf Mörder und Ermordete. Auf Vergewaltiger und Vergewaltigte. Alle schweigen und versuchen nur die Ordnung im Ort wieder herzustellen. Und dann noch der Aufwiegler Teresi, der seine politischen Ambitionen verfolgt und dabei in ein Wespennest sticht, das weder der Leser noch der Ermittler sich vorzustellen wagen. Denn die wahren Schuldigen dienen …

Andrea Camilleri lässt kein gutes Haar an den Beteiligten. Sie handeln alle unter einem anderen Vorwand. Eigene Interessen weisen alle weit von sich. Doch tief im Inneren – allerdings nicht tief genug, dass man es nicht doch noch erkennen kann – tut sich ein Höllenschlund auf. Bei aller Abscheu schafft es Camilleri dennoch, dass dem Leser nicht schlecht wird. Das liegt zum Einen an der exakten Faktenlage, zum Anderen an der ihm eigenen Art zu schreiben.

Mailand MM-City

Besonders unterhalb des so genannten Weißwurst-Äquators ist es scheinbar eine Art6 Volkssport zu sein „mal eben zum Shoppen“ nach Mailand zu fliegen. Das ideale Ziel für all diejenigen, die der Unterstützung des Einzelhandels noch etwas abgewinnen. Doch allein nur wegen des Auffüllens des Kleiderschrankes die lombardische Perle zu besuchen, wird der Stadt nicht gerecht. Das findet auch Beate Giacovelli. Ihr Reiseband muss zwar auch erst einmal erworben werden – warum also nicht doch den Einzelhandel mit dem Kauf dieses Buches unterstützen?

Und dann kann die Reise, die einem garantiert noch lange im Gedächtnis bleiben wird – losgehen. Auch Beate Giacovelli kommt nicht umhin die üblichen Hotspots zu besuchen und zu beschreiben. Warum auch nicht den Dom besichtigen und in der Galeria Vittorio Emanuele ein bisschen Windowshopping betreiben, zu mehr sind die meisten Geldbeutel eh nicht in der Lage. Aber ein Augenschmaus ist die Einkaufsmeile auf alle Fälle. Den Dom darf man einfach nicht links liegen lassen. Am besten gleich zu Beginn des Reisetages, denn sonst beginnt dieser mit Schlangestehen vor dem riesigen Sakralbau. Innen ist er überwältigend. Und wer ganz genau hinschaut, und vor allem vorher im Buch geblättert hat, findet das Eine oder Andere, was die meisten übersehen. Nicht übersehen sollte man das Angebot das Dach des Doms zu besteigen. Bei guter Sicht, kann man bis an die oberitalienischen Seen blicken. Der Ausblick ist der Stadt mehr als würdig!

Das war das, was man machen muss! Die restlichen Seiten des Buches, und das sind immer noch weit über einhundert, sind das eigentliche Highlight der Reise. Man könnte vermuten, dass nun auf jeder Seite eine Sehenswürdigkeit angepriesen wird, doch da irrt der Laie. Nicht ein, nicht zwei, sondern Dutzende Tipps drängeln sich vor dem Auge des Lesers und buhlen um die Gunst besichtigt zu werden. Fast schon kein Geheimtipp mehr ist das Viertel Navigli. Ein kleiner Hafen – und das, obwohl Mailand weder an einem bedeutenden Fluss liegt noch einen direkten Zugang zu einem naheliegenden Meer aufweisen kann – und das umgebende Viertel putzt sich jeden Tag schöner heraus, um Augen, Nasen und Münder der Besucher zu verzücken.

Als alte Industriestadt tat sich Mailand einmal schwer dem Betrachter ein Lächeln zu entlocken. Die alten Boulevards und das Castello Sforzesco hatten da schon bessere Ausgangsbedingungen. In vielen alten Fabrikhallen zieht seit Jahren ein Hauch von Kunst durch die alten Gemäuer. Je nach Gusto kann man sich an alten Meistern in altehrwürdigen Gebäuden oder an moderner Kunst in nicht viel älteren Hallen erfreuen.

Ob zu Fuß oder mit einer der zahlreichen mahagoniverzierten Trams, ob mit der Nase gen Himmel oder dem Auge auf den Horizont gerichtet, für jedwedes Interesse hat Mailand etwas zu bieten. Und Beate Giacovelli kennt jedes auch noch so versteckte Geheimnis der Stadt. Da läuft man ohne groß nachzudenken an einem gigantischen Stinkefinger vorbei, schleckt nur ein paar Meter weiter ein leckeres Eis, flaniert auf Jahrhunderte altem Pflaster und … wundert sich über ein Meer an Leuten, die dafür gar keinen Sinn haben, weil sie mit den Unmengen an Einkaufstüten zu kämpfen haben. Dann doch lieber Mailand mit Reiseband, oder?!

Kalender Deutsche Geschichte 2020

Wenn ein Jahr zu Ende geht, erinnert man sich gern an das, was war. Fast schon im gleichen Atemzug schaut man voraus, freut sich auf das, was kommen wird. Das erinnert auch gern schon mal an eine Rateshow.

Und genauso beginnt auch dieser Kalender. Das Jahr 2020 beginnt auch gleich mit einem Jubiläum. Am 2. Januar 1955 – also vor 65 Jahren – wurde zum ersten Mal die Sendung „Ja oder Nein“ ausgestrahlt. Berühmt geworden ist sie sechs Jahre später unter dem Titel „Was bin ich?“. Robert Lembke wurde zu einer der Kultfiguren im TV und ist bis heute eine Marke.

Ebenfalls eine Marke, die ein Jubiläum feiert ist der DFB, der Deutsche Fußballbund. In jüngster Zeit immer mehr in der Kritik stehend, war es die Gartenkneipe „Zum Mariengraben“ in Leipzig, die als Wiege des deutschen Fußballs anzusehen ist. Die Satzung wurde am 28. Januar 1900 verabschiedet. Wenig verwunderlich, dass auch der erste Deutsche Meister aus Leipzig kam, der VfB Leipzig, der als Nachfolgeverein des 1.FC Lok Leipzig zwischenzeitlich in der ersten Bundesliga spielte, um kurz darauf in den Untiefen des Vergessens begraben wurde.

Ein deutsch-deutsches Phänomen, was ebenfalls wieder in der Kritik steht, war und ist die Sommerzeit. Die wurde gleichzeitig in Ost und West am 6. April 1980 eingeführt. Ihr wird wohl ein ähnlich kurzes Leben wie der DDR beschieden sein. Denn schon in absehbarer Zukunft muss man nicht mehr zweimal im Jahr am Räderwerk drehen. Das Bild zur Einführung der Sommerzeit ist ein echter Hingucker. Denn welcher Schlagerstar war wohl mit der Umstellung der Uhren als Werbegesicht bekannt? Die Woche Karwoche verrät es.

Von politischen Ereignissen über Naturkatastrophen bis hin zu so genannten Lustlagern bietet dieser Kalender einen bunten Über- und Rückblick auf mehrere Jahrhunderte deutscher Geschichte. Vieles ist schon wieder in Vergessenheit geraten, bei manchen ist man erstaunt, dass man sie schon wieder vergessen hat. Jede Woche wird montags mit einem Aha-Erlebnis beginnen.

Graveyard love

Mit fünfunddreißig noch bei Mutti wohnen – Kurt hat es echt nicht leicht. Vor den Toren New Yorks muss der erfolglose Schriftsteller die Peitschenhiebe seiner ihn antreibenden Mutter ertragen. Er soll ihre ach so tolle Biografie schreiben. Jeden Tag. Und jeden Tag hat sie an seinem Stil etwas auszusetzen.

Ein bisschen – anfangs – Abwechslung in seinen tristen Alltag bringt eine geheimnisvolle Rothaarige. Mehrmals die Woche besucht sie den Friedhof, der gegenüber von Kurts goldenem Käfig liegt. Kurts Lebensgeister kehren zurück. Er will ganz genau wissen, was die elegante Fremde dazu treibt so oft diesen bedächtigen Ort zu besuchen. Die Leidenschaft erlischt als sie sich wochenlang nicht mehr blicken lässt. Doch anstatt sich in die Arbeit zu stürzen – sein Mutter meckert immer noch über seinen lausigen Schreibstil – verfängt er sich in den Stricken der Sehnsucht. Bis … ja, bis die geheimnisvolle Fremde wieder auf den Friedhof und damit in sein Leben tritt.

Die Obsession erwacht aufs Neue und wird stärker je öfter Kurt die Frau sieht. Er kauft sich ein Fernrohr, um sie beobachten zu können. Folgt ihr. Bis sie in seien Stammkneipe geht. Er hat sie dort noch nie gesehen. Doch der Wirt kennt sie. Catherine. Endlich ein Name! Wie eine Offenbarung. Doch da ist noch Ralph. Auch er folgt Catherine. Immer wieder, wenn sie in die Gruft von June steigt. Und zuhause wartet Mutter und nörgelt an den ihr zu schwachen Sätzen ihrer Biographie, die Kurt schreiben muss.

Im Laufe des Buches kommt es für den Leser knüppelhart. Nicht einmal eine kurze Pause gönnt einem Autor Scott Adlerberg. Die Mutter verwandelt sich langsam von einer herrischen Matrone in eine fast schon liebevolle Amme. Und Catherine tritt in Kurts leben wie ein helles Licht zur Weihnachtszeit. Und Ralph tritt aus selbigem zurück. Du mittendrin: Kurt. Zuerst ein Stalker wird er nach und nach zum Spielball seiner selbst und von …

Was als harmlose Schwärmerei für eine Frau beginnt wandelt sich Seite für Seite in eine Horrorgeschichte. Nicht allein, dass Kurt selbst ein Horrorfilmfan ist, er merkt gar nicht wie sehr er in einen Strudel hineingezogen wird aus dem er sich nur schwer – und schon gar nicht allein befreien kann. Das vermeintliche Opfer zeigt immer öfter ihren scharfen Krallen. Die Selbstverständlichkeit wie Kurt der Boden unter den Füßen weggezogen wird, verblüfft und kennt kein Erbarmen. „Graveyard love“ ist Scott Adlerbergs dritter Roman, jedoch der Erste, der auf Deutsch erscheint. Mehr davon!

Die Münze von Akragas

Das Aufregende an historischen Romanen – aufregend im Sinne von „sich aufregen“ – ist doch, dass die Autoren in ungehörigem Maße unsauber recherchierten und unbedacht die Gegenwart in der Zeitachse nach vorn verlagern. Bei Andrea Camilleri muss man sich da keine Gedanken machen. Die Legende der Münze von Akragas ist mehr als nur Hörensagen, die Münzen existierten tatsächlich. Die handelnden Personen hat sich der Autor ausgedacht, ohne dabei den Pfad der Realität zu verlassen.

Alles beginnt vor rund zweieinhalb Jahrtausenden. Akragas, das heutige Agrigent, wird von einer riesigen Streitmacht der Kartharger dem Erdboden gleichgemacht. Das konnte nur durch Verrat geschehen. Der Söldner Kalebas kann dem Gemetzel entkommen. Im Gepäck hat er seinen Goldschatz, der heutzutage als Portemonnaie bezeichnet werden würde. Denn jede der Goldmünzen entsprach genau einer Tagesration Weizen. Auf der Flucht beißt ihn eine Viper, was ungewöhnlich ist, da zu diesem Zeitpunkt sozusagen keine „Jagdzeit“ für Vipern ist. Einen Arzt kann er nicht rufen, ihn würde eh keiner hören. Sofern man noch davon sprechen kann, wirft er geistesgegenwärtig die Münzen so weit weg wie er noch kann.

Die Zeit vergeht, Wind, Schnee, Regen lassen Gras und andere Vegetation über die Sache und die Münzen wachsen. Bis im Jahr 1909 ein Bauer etwas Glänzendes bei der Verrichtung seines harten Tagwerkes entdeckt. Es ist eine Goldmünze mit einem Greifvogel, der einen Hasen erlegt und einer Krabbe auf der Rückseite. Die sagenumwobene Münze von Akragas ist durch Pflug und Zeit wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. Der Bauer weiß auch schon wem er die Münze vermachen wird. Einem Arzt. Der hat ihm einmal vor der Schande der Amputation bewahrt.

Dieser Doktor erkennt sofort den Wert der Münze. Und jetzt beginnt ein Spiel um Münze, Mord und Meineid. Mit vielen Opfern, aufgetretenen Türen und dem ewigen Spiel mit der Moral. Und sogar einem echten König!

Andrea Camilleri waren seine historischen Romane die liebsten. Commissario Montalbano brachte ihm Weltruhm ein, doch Geschichten wie diese lagen ihm mehr am Herzen als alles andere. Und das spürt man in jeder Zeile. Hintersinnige Humor gepaart mit harten Fakten packen den Leser am Sinneszentrum. Münzjagd, Familiengeheimnisse, bürokratisches Wirrwarr, Untreue – ein Füllhorn menschlichen Versagens. Doch immer mit einem Schmunzeln auf den Lippen, das Camilleri unweigerlich beim Schreiben getragen haben muss. Anders lässt sich das Ergebnis seiner Gedanken nicht erklären.

Die kleine Meerjungfrau

Schuster bleib bei deinen Leisten, möchte man dem jungen Ding zurufen. Unten am Meeresgrund ist es doch wunderschön. Um einen herum die bunten Fische, mystisch ranken sich wunderbare Pflanzen. Doch nein, das junge Ding will unbedingt an Land. Als sie endlich darf, sie ist gerade fünfzehn Jahre alt geworden, ist sie von der fixen Idee besessen, ein Mensch zu werden. Doch der Angebetete, ein Prinz, den sie aus den Fluten rettete, will nun eine anderen zur Gemahlin nehmen. All die Mühen umsonst?

Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau ist ein Oberklassiker der Märchenkunst, sofern es diese Klassifizierung überhaupt geben mag. Ob nun total übersextes Naivchen á la Disney oder als kitschiges Herzchen japanischer Comiczeichner, die Meerjungfrau bleibt für immer in den Köpfen von Generationen von Kindern. Gut so!

Auch dieses Buch wird dazu seinen gebührenden Beitrag leisten. Die Abbildungen stammen allesamt aus Kinderbüchern vergangener Zeiten. Nostalgisch, verklärt, anrührend – und immer wieder ein Hingucker, der einen fast den Text vergessen lässt. Aber nur fast. Denn die Geschichte ist der Star. Das Outfit jedoch muss wie bei jedem echten Star eben auch passen ohne das Wesentliche zu überdecken.

Der stabile Einband mit der bestechenden Optik wird für viele Kinder eine Marke sein, die sich in ihren Köpfen festsetzt. Ein Hingucker, ein Hinhörer, ein Hin-Und-Wieder-Aus-Dem-Schrank-Hol-Buch.

Die Verunglückten

Wer nur mit dem Kopf arbeitet, muss irgendwann einmal an seinen eigenen Gedanken scheitern. Gewagte These – liest man sich durch dieses Buch, drängt sich dieser Gedanke unweigerlich auf. Der gute Geschmack und / oder auch der humanistische Menschenverstand verbieten die aufkommende – maximal für eine Promi-Quizshow-Ausgabe geeignete – Quizfrage: „Was haben Jean Améry, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson und Ulrike Meinhof gemeinsam?“ Sie starben durch die eigene Hand.

Matthias Bormuth zeichnet das Leben der Verunglückten mit Zitaten und Schriften der Protagonisten und ihrer Wegbegleiter nach. Sie lebten ein intellektuelles Leben, das durch Widersprüche gekennzeichnet war. Jean Améry überlebte die Hölle von Auschwitz, eine Tatsache, die ihn nicht ruhen ließ. Ingeborg Bachmann verbrannte – betäubt durch Medikamente und Alkohol in ihrem eigenen Bett. Eine brennende Zigarette war die Ursache des Brandes. Uwe Johnsons Todesdatum ist schwer nachvollziehbar, man fand ihn erst Tage später tot in seinem Appartement. Auch er ein Opfer des Alkoholismus. Ulrike Meinhof passt nur auf den zweiten Blick in dieses Schema. Im Gegensatz zu den drei bisher Genannten legte sie bewusst Hand an sich. Sie erhängte sich in ihrer Zelle mit einem in Streifen geschnittenen Handtuch.

„Die Verunglückten“ als Nachrufbuch zu sehen, ist nur zu einem Bruchteil berechtigt. Denn Matthias Bormuth richtet weder über die vier Intellektuellen, auch versucht er gar nicht ihr Tun zu verteidigen. Vielmehr sucht er die Ursachen und Hinweise in ihren Texten. Ein bisschen Vorbildung setzt er beim Leser allerdings voraus. Doch auch ohne diese kommt man schnell hinter das Geheimnis ihrer außergewöhnlichen Leben. Präzise ausgewählte Textstellen erleichtern ihr Leben einzuordnen. Weder reißerische Propaganda noch perfides Zerpflücken ihrer scheinbar „verpfuschten Leben“ sind das Salz in der Suppe, sondern die behutsame Analyse ihrer vom zweifel bestimmten Ansichten.

Ulrike Meinhof sticht aus mehreren Gründen aus diesem Quartett hervor. Ihr genügte es nicht Zweifel niederzuschreiben. Da sie keine endgültige Lösung im Schreiben fand. Sie nahm ihr Schicksal in die Hand. Die Bewertung dessen ist jedem selbst überlassen.

Wahrlich keine leichte Kost, die Matthias Bormuth dem Leser vorsetzt. Wer die hauptsächlichen Werke bereits kennt, dem wird mit diesem Buch sicherlich eine neue Sicht darauf gewährt. Wem diese Werke noch fern sind, der bekommt Appetit ein wenig Grundlagenforschung zu betreiben.

Die Schneekönigin

„Bitte nur noch ein Märchen, biiiitteeeee!“. Ein Satz, der wahrscheinlich öfter ausgesprochen wurde, als so manche Gottesanrufung. Märchen sind der Kleber, der von Kindesbeinen an den Familienbegriff am besten darstellt. Ein Märchen zu erzählen ist die hohe Kunst der Liebe.

Das Märchen von der Schneekönigin aus der Feder von Hans Christian Andersen ist das Wintermärchen par excellence. Der kleine Kay wird von der Schneekönigin entführt. Ihre Küsse lassen jeden Lebenssaft erstarren. Sein Freundin Greta, gleich von gegenüber ist so verzweifelt, dass sie kein Mühen scheut ihren Kay zu finden. Sie fragt die Vögel, den Fluss, die Rosen, sogar Krähen und Prinzen bis sie endlich in Lappland ankommt und mit ihren warmen Küssen Kay aus der eisigen Umklammerung der Schneekönigin befreien kann.

Dieses kleine Büchlein besticht den Leser – und somit auch den Zuhörer, denn dieses Märchen muss laut vorgelesen werden – durch die einzigartige Gestaltung. Das ebenmäßige Gesicht der bösen Schneekönigin wird von einem Eissplitterkranz umrankt. Mal strahlend weiß, mal goldig glänzend. Jedoch immer ohne große Emotionen. So es sich für eine richtige Schneekönigin gehört. Nur Eisprinzessinnen lächeln! Als versierter Leser hat man das Buch schnell gelesen. Aber es geht nicht darum einen Schnellleserekord aufzustellen, sondern Märchen, besonders dieses, der Nachwelt zu erhalten. Jedes „Ach ja, kenn ich!“ ist fehl am Platz. Ein „wie wundervoll!“ ist angebracht.

Gerade zur Weihnachtszeit besinnt man sich auf die viel beschworenen alten Werte, ohne dabei kitschig oder im schlimmsten (und unpassendsten) Fall politisch zu wirken. Diese alten Werte müssen bewahrt bleiben, da sie die Grundlage mehr als nur einer Kultur sind. Denn nur wer der Faszination der Märchen erliegen kann, wird ihren Zauber erkennen.