Houston, wir haben ein Problem

Wissenschaft und Humor – eine schwierige Mischung. Denn schließlich geht es bei Erstem um Fakten. Und im Falle der Raumfahrt sollten diese so präzise wie möglich sein. Denn, wenn nicht … Big Bang Theory ist was anderes!

Wenn man an die Raumfahrt denkt, fallen einem Katastrophen ein wie die der Challenger im Jahr 1986. Oder Juri Gagarin, der erste Mensch um All. Oder der erste Deutsche, der Mutter Erde mal aus einem anderen Blickwinkel sehen durfte, Sigmund Jähn. Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Aber Moment mal, der erste Mensch im All? War das wirklich Oberst Juri Gagarin? Kramt man ein wenig im Hinterstübchen kommt man schnell auf einen anderen Namen – Autorin Ulrike Schmitzer auch: Ikarus. Er bastelte sich aus Vogelfedern und Wachs Flügel. Leider kam er der Sonne zu nah, das Wachs schmolz und er stürzte jämmerlich hinab ins Meer. Alles nur Legende? Alles nur Legende! Aber eine, die zeigt, dass der Mensch schon immer nach Höherem strebte.

Und schon ist dieses Buch entlarvt! Kein stupides Abhandeln, wer, wann, was genau im All getan hat und die eine oder andere Sache als Erster getan hat. Nein, es ist ein unterhaltsamer Ausritt in die Galaxien auf der Rakete der Erkenntnis. Wie ein Komet fliegt sie mit ihrem Co-Autor Martin Thomas Pesl, einem Experten für außergewöhnliche Lexika, durchs All und sammelt dabei allerlei Wissenswertes auf. Unterwegs durch die Galaxis nehmen die beiden auch einige Anhalter mit: Von Commander Cliff Allister McLane über Laika bis hin zu Lisa Nowak. McLane kennen alle Raumpatrouille-Orion-Fans auch als Dietmer Schönherr. Und Laika war der erste Hund im Weltall, ein trauriges Schicksal, das sie erleiden musste, was aber in der Presse der Sowjetunion niemals erwähnt wurde. Laika war nur fünf Stunden im All, ihr Gefährt (oder nennt man das nun Geflug?) um einiges länger. Laikas Körper war derartigen Stress nicht gewöhnt und versagte nach kurzer Zeit den Dienst. Und Lisa Nowak ist hierzulande kaum noch ein Begriff. Es sei denn, man verfolgt die Regenbogenpresse mit noch schärferen Augen als das Hubble-Teleskop. Den Hochsommer 2006 verbrachte Lisa Nowak im Orbit. Ob es nun die Sommerfrische war oder der unglaubliche Anblick der Erde, kann man nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls verliebte sie sich in William Oeferlein, den Shuttle-Piloten. Auch Colleen Shipman fand Gefallen an dem Überflieger. Mrs. Nowak hatte drei Kinder, war verheiratet und rasend eifersüchtig als sie hinter den Mailverkehr der beiden kam. Orlando, wir haben ein Problem! Unter anderem bekleidet mit einer Windel der NASA konnte sie die eintausendfünfhundert Kilometer von Houston nach Orlando ohne auszusteigen (Weltraumspaziergang on earth?) bewältigen. Sie lauerte ihrer Kontrahentin auf und … der Rest ist Geschichte, um nicht zu sagen Weltraummüll.

Es ist das wohl amüsanteste Buch über die Weltraumfahrt dieses Jahres. Nicht so bierernst und schon gar nicht mit dem Anspruch jedes noch so kleine Detail einem wissbegierigen Publikum verständlich zu machen. Es sind die kleinen Paralleluniversen, die dem Leser so viel Vergnügen bereiten. Von ewigen Nummern Zwei, Dramen und weitgehend unbekannten Histörchen berichten zwei Autoren, denen es eine unbändige Freude macht die Wissenschaft auf hohem sprachlichen Niveau ein wenig aus der Spur zu bringen. Köstlich!

Rebellinnen

Parteigehorsam, sich aufopfern für die Partei – wer sich heutzutage mit dieser Einstellung den Kameras stellt, wird nicht mehr ernstgenommen. Die Phrasen von Partei- und Staatsführung wurden schon mehr als einmal entlarvt. Damit holt man keinen mehr hinterm Ofen hervor. Vor reichlich einhundert Jahren machte eine Frau aber mit genau dieser Einstellung Furore. Rosa Luxemburg. Ihr unermüdlicher Kampf für die Sache der Partei, der SPD, in der sie sich bezeichnenderweise nie wohlfühlte, begleitete sie bis in den Tod. Mehrere Jahre verbrachte sie in Gefängnissen. Ihre Assistentin Mathilde Jacob war ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie tauschten Schriften und Neuigkeiten wie andere Insassen Zigaretten. Als die Haftbedingungen immer schlimmer wurden, wurde ihr Kampf auch gegen Krankheiten und Mangelerscheinungen immer heftiger.

Heftige Gegenwehr hatte auch Hannah Arendt auszuhalten. Auch sie – wie Rosa Luxemburg – musste von frühester Kindheit wegen ihrer jüdischen Wurzeln verteidigen. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie den Sprung aus dem faschistischen Deutschland. Ihr als Verständnis angesehenes Werk über Adolf Eichmann, einem, wenn nicht dem Bürokraten der Massenvernichtung, brachte ihr Hasse und Häme entgegen. Nur wenige konnten ihrer Argumentation folgen. Doch Hannah Arendt blieb im Inneren eine Rebellin. Je stärker der Gegenwind desto überzeugender ihre Argumente.

Die Dritte im Bunde dieses spannenden Buches ist Simone Weil. Vielleicht die Unbekannte unter den Dreien. Ihr Kampf für Humanität ging soweit, dass sie sich selbst ihrem Ich verweigerte und das Aushängeschild ihrer eigenen Philosophie wurde. Das begann beim für ihre Figur unvorteilhaften Kleidungsstil und endete noch lange nicht bei der Essensverweigerung.

Es wäre zu simpel zu behaupten, dass Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil drei Frauen waren, die ihre Überzeugung über das eigene Vorankommen stellten. Vielmehr gingen sie in ihrer Lebenseinstellung auf. Nicht im Sinne eines erkauften Selbstdarstellungsprozesses, sondern in der Verweigerung sich anzupassen und dem Fortschritt – mag er noch so abstrus und utopisch klingen – den Vortritt zu lassen.

Im Februar 2019 würde Simone Weil ihren 110. Geburtstag feiern können. Rosa Luxemburgs feige Ermordung jährt sich im Januar zum einhundertsten Mal. Simone Frieling erteilt diesen drei ausnahmslos beeindruckenden Frauen das Wort. Voller Wucht, jedem Widerspruch das passende Argument entgegenstemmend ist Band 76 der blue-notes-Reihe spannend wie ein Krimi, rasant wie eine Bergabfahrt und mahnend wie eine Kampfschrift, das den Leser nicht kalt lässt.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

50 Maschinen, die unsere Welt veränderten

Man stelle sich eine Welt vor, in der man sich unterhält statt nur auf eine bunte Glasscheibe zu schauen. Eine Welt ohne Gebimmel und Gedudel. Eine Welt, in der man bloßer Handkraft den Staub des Tages von der Naturklamotte wäscht. Eine Welt ohne maschinellen Antrieb.

Die Welt ohne Gebimmel wäre paradiesisch. Aber mal ehrlich: Ein Haushalt ohne Glotze, ohne Waschmaschine, ohne Musik aus der Konserve – da muss man langenachdenken, was man dann den lieben langen Tag macht.

Es waren Männer wie Zénobe Gramme, Ludwig Dürr oder Frank Brownell, die unserer Phantasie den einen oder anderen Schubs gaben.

Zénobe Gramme entwickelte den ersten Gleichstrommotor. Edison bediente sich bei ihm und entdeckte seinerseits den Wechselstrom bzw. machte ihn nutz- und vor allem kostbar. Ludwig Dürr ist es zu verdanken, dass man mal von oben sich die Welt anschauen konnte. Er entwickelt den Zeppelin. Und Urlaubserinnerungen wären ohne Frank Brownell undenkbar. Seine Boxkamera ist die Mutter aller Selfies.

Eric Chaline rattert wie eine Dampflok durch die Labore der Welt. Physik und Chemie, Astronomie und Biologie brauchten und brauchen immer wieder Innovationen, um ihren Wissensdurst stillen zu können. Die Ergebnisse stehen mittlerweile oft in jedem Haushalt, siehe Waschmaschine oder eben die Kamera von Frank Brownell. Wenn man sich so durch die spannend geschriebenen Kapitel liest, stellt man sich immer wieder die Frage wie das eigene Leben aussehen würde, könnte man nicht auf die eine oder andere Errungenschaft zurückgreifen. Das beginnt bei so banalen Dingen wie Staubsaugen und hört beim Straßenbau noch lange nicht auf.

Was haben Sie gestern Abend gemacht? Ferngeschaut. Vielleicht eine Sendung mit Rückblicken? Bei einem guten Glas Wein? Und jetzt mal der Abend ohne technische Errungenschaft. Der Wein aus der hohlen Hand. Und die Glotze wäre vielleicht der Eimer, mit dem man am nächsten Tag Beeren sammelt. Und ein vergnügliches Lachen über die Zeit, in der die Großeltern lebten und mit welch simplen Gerätschaften sie ihren Alltag meisterten, wäre nicht zu hören.

Ein kurzweiliges Buch, das man sich immer wieder aus dem Regal holt, um den Gedankenblitzen der schlauen Köpfe zu danken. Und um das eine oder andere Vorurteil zu verdrängen. Denn der Zeppelin wurde nicht von einem Grafen erfunden…

50 Schiffe, die unsere Welt veränderten

So ein Schiff kann die Sicht auf die Welt ordentlich verändern. Auf einmal sieht man nur noch Horizont und Wasser. Und bei hohem Wellengang manchmal auch sein Innerstes. Wortwörtlich und sinnbildlich gesprochen.

Wenn man nur ein paar Minuten nachdenkt, fallen einem garantiert ein paar Schiffsnamen ein, die man aus Filmen, Reportagen, Büchern kennt. Allen voran natürlich die Titanic. Die Mayflower, die die ersten Pilger nach Amerika brachte. Der Panzerkreuzer Potëmkin. Doch auch die Fram, die RMS Lusitania, Kon-Tiki die USS Enterprise hat man dem Namen nach schon mal vernommen. In Kriegen, durch überstandene Unwetter oder waghalsige Abenteuer haben sie sich ihren Ruf bis heute erhalten. Doch was ist mit der Mora? Die Eroberung der britischen Inseln wäre ohne sie undenkbar. Das britische Kolonialreich hätte es ohne sie nicht gegeben. Oder zumindest nicht in dieser Art. Man schreibt das Jahr 1066. In Barfleur, Frankreich wird ein Schiff zu Wasser gelassen, das die Normannen in eine goldene Zukunft führen sollte. Der englische Thron war verwaist. Doch die Thronanwärter scharrten schon mit den Füßen. Der Earl of Wessex krallte sich ihn zu erst. Doch er wusste, dass es nicht lange dauern würde bis das Inselreich angegriffen wird. Und schon zog man (prophylaktisch) in den Krieg. Siebentausend Mann standen ihnen gegenüber, angeführt von Wilhelm dem Eroberer. Er kam per Schiff über den Ärmelkanal. Wahrscheinlich mit einer Flotte von mehreren Hundert Schiffen. Und die Mora war die Pracht dieser Flotte: Eine 30 Meter lange Drakkar. Matilda von Flandern, Wilhelms Frau ließ es für ihn bauen. Es war schnell und leicht zu handhaben. Der Rest ist Geschichte.

Die Beagle ist ein weiteres Schiff, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind. Charles Darwin bereiste damit den Pazifik und stellte seine Evolutionstheorie unter Beweis. Die HMS Challenger hingegen ist weitgehend unbekannt. Das Segelschiff mit Dampfmaschine konnte nicht nur mächtig Dampf machen (wortwörtlich) und Staub aufwirbeln (sinngemäß), es war Bestandteil der Challenger Expedition, auf der es darum ging Leben am Meeresgrund aufzuspüren. Mit riesigen Netzen war das gelungen. An Bord fanden Wissenschaftler das, was die benötigten. Zwei bestens ausgestattete Labore, vor die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sensation.

Ian Graham schafft es spielerisch ein Leuchten in die Augen des Lesers zu zaubern. Wenn die Gischt gegen die Planken knallt, wenn der Bug sich über Wellen aufbäumt, wenn der Mast knarrt – dann liegt Salzwasser in der Luft. Die Entdeckung neuer Welten war ohne Schiffe nicht möglich. Mal schnell im Internet schauen, wie weit es noch bis zum Festland ist, fiel nicht mal den verwegensten Phantasten ein. Es waren harte Zeiten, in denen man Mutter Natur fast schutzlos ausgeliefert war. Aber es waren eben auch echte Abenteuer mit echten Abenteurern.

Die ausgegrabene Demokratie

Ein Spaziergang durch Athen – böse Zungen behaupten, dass es wohl die einzige Art sei sich durch die griechische Hauptstadt zu bewegen, um voran zukommen. Ja, so ein Spaziergang kann einem schon die eine oder andere Perspektive aufzeigen. Pedro Olalla tat sich gleich ein ganzes Füllhorn an Perspektiven auf. Und diese erlaubten ihm einen Blick über die Schulter zurück in die Anfänge dessen, was heute noch als Demokratie über uns schwebt. Ob nun als Segen oder Damokles Schwert, das steht außer Frage. Genauso wie die Wiegen der Säulen der Demokratie.

Griechenland und die EU – derzeit ein Trauerspiel. Ein Trauerspiel, das die Beteiligten da abgeben. Die ursprüngliche Idee der Demokratie war es einmal – vor mehr als zweitausend Jahren – wurde aus der Sehnsucht nach etwas Neuem geboren. Dazu gehörte auch der Verzicht, der mittlerweile fast mutterseelenallein dasteht.

Pedro Olalla geht also durch Athen. Durch das Stadtviertel Melite, beziehungsweise dort entlang, wo es einmal stand. Viel Stein hier. Historischer Stein. Bedeutender Stein. Hier wurde schon vor zweieinhalb Jahrtausenden Geschichte geschrieben, hier lebten die, die diese Geschichte mit Leben füllten. Feldherren und Politiker, was zur damaligen Zeit oft ein und dieselbe Person war. Und heute?

Das Buch wurde vor nicht mal einen Jahrzehnt begonnen zu schreiben. Ein Atemhauch im Erdenlauf, wenn man die Wege sich betrachtet, die der Autor erst vor Kurzem beschritt. Die wurden schon von Größen beschritten, die sich im Angesicht der Krise, für die Griechenland nicht nur symbolisch den Kopf hinhalten musste, als steiniger Pfade der Entbehrung erweisen. Von Verdrossenheit keine Spur. Denn Politik in der Demokratie ist ein Wechselspiel. Unrecht bzw. Missstände müssen beseitigt werden, nun heißt es Ärmel, im Falle von Pedro Olalla heißt es die Hosenbeine hochkrempeln.

„Die ausgegrabene Demokratie“ ist mit keinem Reiseband zu vergleichen. Es ist ein Rundgang nicht nur durch Athen, sondern durch das Gestrüpp und Dickicht unserer Zeit mit unzähligen Abstechern in die unsere Anfänge. Immer wieder fällt einem auf, dass man den einen oder anderen Ort vielleicht schon mal besichtigt hat, so manchen Pfad selbst schon beschritten, doch das Bewusstsein auf welch wahrhaft historischem Grund sich man da bewegt, fehlte. Das ist in keiner Weise verwerflich, aber beim nächsten Mal wird man sich dessen sicher bewusst sein.

In extremis

Thomas Sanders ist siebenundfünfzig Jahre alt, Physiotherapeut, und in drei Jahren erreicht er das Alter, in dem sein Vater starb. In absehbarer Zeit wird auch seine Mutter nicht mehr da sein. Und in ein paar Minuten muss er einen Vortrag halten. Die Blase drückt, er kann nicht Wasser lassen, seine Schwester simst ihm, dass es mit Mutter rapide bergab geht – es gab schon besser Zeiten im Leben von Thomas Sanders. Und dass ihm ein Physiotherapeut auch noch mit dem Finger am bzw. im verlängerten Rücken rumstochert, um die Schmerzen zu lösen (was allerdings das Gegenteil bewirkt), macht die ganze Situation nicht besser.

Den Vortrag hat er gut über die Bühne gebracht, an die Schmerzen hat er sich gewöhnt. Der Flug in die alte Heimat ist das nächste große Ziel. Freundin Elsa im mittlerweile heimischen Madrid fehlt ihm, und er fehlt ihr. Die Reise, um sich von seiner Mutter verabschieden zu können, wird eine Reise in sein Innerstes. Kaum in England gelandet, melden sich alle, die seine englische Telefonnummer noch haben. Deborah. Ihr Sohn hat Dave, ihren baldigen Mann ordentlich verprügelt. Ob Thomas nicht mal mit ihm reden könne? Die beiden hatten doch immer einen so guten Draht zueinander. Seine Schwester. Thomas solle sich beeilen. Mutter spuckt Blut. Als er schon unterwegs zum Hospiz ist, fällt seiner Schwester ein, dass Mutter verlegt wurde. Während eines Arzttermins wurde einfach ihr Zimmer weitervermietet. Ob Thomas noch rechtzeitig kommt? Es ist nicht der Abschied an sich, der ihn ins Schwitzen bringt. Auch nicht die Hetzerei, schließlich ist er nicht mehr der Jüngste. Es ist eine Sache, die ihm schon länger auf der Seele brennt. Er muss vor dem letzten Good bye noch einmal mit Mutter reden. Sich ihre Absolution holen.

Als er vor seiner Mutter steht, fällt ihm die Entscheidung plötzlich ganz einfach. Er wird schweigen. Die Absolution ist im Angesicht des verfallenden Körpers seiner Mutter obsolet. Nur er allein muss und kann mit den ihm umtreibenden Zweifeln umgehen. Etwas Entspannung wurde jetzt gut tun. Im Kopf als auch in der Blase. Doch es kommt anders. Charlie, Deborahs Sohn ist verschwunden. Und Dave, ihr Mann, der gern mal „auswärts isst“, liegt mittlerweile im Krankenhaus. Tablettenvergiftung.

Thomas und Dave verbindet ein Geheimnis. Eines, das Charlie vielleicht sogar kennt, zumindest hat er eine Ahnung seitdem er den Email-Account von Dave gehackt hat. Thomas, frisch getrennt und noch frischer verliebt, gerade Vollwaise geworden mit einem schmerzhaften Problem in der Mitte seines Körpers sitzt gleich zwischen mehreren Stühlen. Unbequemer kann ein Leben nicht sein.

Tim Parks komprimiert die Geschehnisse eines überschaubaren Zeitraums (es sind nur ein paar Tage) in einen über vierhundert Seiten langen Roman. Man braucht Geduld, um sich über die Ziele des Autors klar zu werden. Ist man aber einmal in der Geschichte drin, lässt sie einen nicht mehr los. Intelligent, voll bissigem Humor, der besonders in hintersinnigen und derben Vergleichen zum Vorschein kommt, wird man auf eine Reise geschickt, die gar nicht so abwegig erscheint. Alle Personen sind zwar Fiktion, doch aus dem Leben gegriffen. Eine Anleitung zum Handeln in besonderen Situationen. Die Familie ist der Ort, an dem Lösungen gefunden werden. So unterschiedlich alle sind, so stark ist ihr Gemeinsinn füreinander ausgeprägt. Jedes reden darüber stärkt dieses Gemeinschaftsgefühl. Komme, was da wolle. Mag die Situation auch noch so extrem, oder gar in extremis sein.

Amazonenrache

Das hatte sich Wladimir, Zar Wladimir, wohl ganz anders ausgemalt. Ein kleines Tête-à-Tête mit Narda sollte es werden. Ein bisschen Abschalten vom Alltag als Regent eines riesigen Reiches. Sie die Herrin, er ihr ergebener Sklave. Narda, die Amazone, weiß die Gunst der Stunde zu nutzen. Im Pelz, so wie es ihr Sklave und Gebieter in einer Person es wünscht steht sie vor ihm. Die Macht entgleitet ihm, so wollte er es. Doch sein Hirn schaltet auf einmal in den Verdrängungsmodus. Er bietet Narda, seiner Herrin nun an, das Reich vom Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zu regieren. Am nächsten Morgen soll das Experiment beginnen.

Und so kommt es dann auch. Narda – immer ganz Herrin ihrer Sinne und fokussiert auf ihren Erfolg – wird so lang die Sonne scheint die Herrin über Leben und Tod. Mit unerschütterlichem Tatendrang stellt sie sich eine schlagkräftige Truppe zusammen. Eine Amazonengarde, die ihr auf Gedeih und Verderb nicht ausgeliefert ist, sondern blind in jede Schlacht folgen wird. Als der Tag sich dem Ende neigt, ist nichts mehr wie es war. Wladimir fordert vehement die Rückübertragung seiner ihm angeborenen Macht zurück. Doch das Spiel ist schon zu weit fortgeschritten…

Die zweite Geschichte in diesem Büchlein stammt von Leopold von Sacher-Masochs Frau Wanda. Sie hatte nach der Hochzeit nicht nur den Nachnamen ihres Gatten angenommen, sondern auch den Vornamen aus seinem berühmten Roman „Venus im Pelz“. Auch ihre Heldin wirft den Pelz wie einen Zaubermantel über, der ihr unsagbare Macht verleiht. Warwara Pagadin genießt die Liebe zu Semen Pultowski. Er hängt einer Partei an, die es sich zur Aufgabe gemacht jedes Machtgefüge im Reich in Frage zu stellen und zu erschüttern. Bei einer Demonstration in Kiew wird er verhaftet und gefoltert. Doch die Namen der Mitverschwörer rückt er nicht raus. Warwara erfährt, äußerlich ungerührt, aus der Zeitung von der Verhaftung ihres Geliebten. Sie weiß, dass große Ideen nur im Stillen, im Extremfall sogar nur im Verborgenen gedeihen. Und so macht sie sich auf den Weg Semen den Weg in die Freiheit zu bahnen.

Dieser Weg führt nicht am Polizeichef der Stadt vorbei. Vielmehr führt er sie direkt zu ihm. Das Schicksal meint es gut mit ihr. Er verfällt ihr. Und die Aufständischen sehen die Chance gekommen endlich Rache zu nehmen an dem widerwärtigen Polizeichef. Warwara soll die Vollstreckerin sein. Denn sie weiß wie man weibliche Reize einsetzt…

Das Ehepaar von Sacher-Masoch, besonders aber Leopold von Sacher-Masoch fand Einzug in die Psychologie, der Begriff Masochismus geht auf ihn zurück. Das Spiel von Macht und dessen bedingungslose Ausübung findet in diesen beiden Frühwerken schon, wenn auch nur zögerlich statt. Die eigenen Ziele stellen die Hauptakteure in den Dienst der (guten) Sache. Was der Leser im Dämmerlicht hineininterpretiert, bleibt sein Geheimnis.

Reden wir Spanisch, man hört uns zu

Es gibt nicht mehr viele, die man fragen kann wie es damals war. Damals zwischen den Kriegen. Und die, die man fragen kann, waren zu klein, um echte Eindrücke wiedergeben zu können. Ihre Berichte beruhen meist auf Geschichten, die sie selbst nur gehört haben oder, die ihnen erzählt wurden.

César Vallejo wurde 1892 in Peru geboren. Er war Dichter und in jungen Jahren in einen Aufstand verstrickt, der ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. 1923 erfüllte er sich einen Traum, die „Alte Welt“ bereisen zu können. Fünfzehn Jahre lang reiste er durch Europa, von Spanien bis in die Sowjetunion, Paris blieb aber immer sein neuer Heimathafen. Peru, seine Heimat, hat er nie wieder gesehen. Als Korrespondent für verschiedene lateinamerikanische Zeitungen berichtete er regelmäßig über das und sein Leben in Europa. Die in diesem Buch zusammengefassten Berichte geben ein ungeschöntes Bild der Alten Welt wieder.

Einen besonders tiefen Eindruck hat Madrid bei César Vallejo hinterlassen. Drei Stunden im Restaurant beim Mittagessen – das musste er bereits in Paris erfahren. Beschwerde zwecklos. Seinen Lesern im fernen Peru und Lateinamerika schwärmt er nun vor, wie gelassen Madrid ihm erscheint. Der technische Fortschritt wird hier entgegengenommen, jedoch nicht auf einen Sockel oder gar in einen Heiligenschrein gestellt. Wer in Madrid stirbt, stirbt nicht arm. Man hilft sich hier, nicht einmal, wenn nötig sogar zweimal. Madrid ist für ihn die einzigartigste Stadt der Welt. Im Vergleich zu heute…

Europa fasziniert den wissbegierigen Autor. In Paris beäugt er seine Landsleute, Lateinamerikaner mit besonderer Neugier. Da gibt es die offiziellen Künstler – angepasst, auf der Jagd nach Anerkennung und Ruhm. Und es gibt die Inoffiziellen. Sie suchten und fanden Freiheit. Die Freiheit sich auszudrücken. César Vallejo sieht sich als Mitglied letzter Gruppe. Er hat keine Zeit andere zu verachten. Und selbst, wenn er die Zeit hätte, würde er es nie tun. Zu anständig ist er. Und außerdem würde er die Bedeutung der Anderen durch seine Be- bzw. Verachtung nur erhöhen. So wie Frankreich zu dieser Zeit Amerika verachtet und dadurch in unerreichbare Höhen katapultiert.

César Vallejo gelingt es mit unsichtbarer Eleganz Themen anzureißen, um sie im nächsten Moment mit einem Momentum zu verknüpfen. Er macht keinen Elefanten aus einer Mücke, doch seine Gedankengänge sind trotz ihres Laufes nachvollziehbar. Wer Europa heute verstehen will, findet in seinen Aufzeichnungen – den Aufzeichnungen eines Außenstehenden, der nach und nach seinen Beobachterstatus gegen den des aktiven Teilnehmers tauscht – die Wurzeln unseres heutigen Europas. Und das kam manchmal auf leisen Sohlen daher, mal polternd, doch immer unter den wachsamen Augen der Anderen.

Reise von Paris nach Java

Die Sehnsucht verweigert sich strikt der Evolution. Die Objekte der Begierde variieren, doch die Sucht, das Wesen des Verlangens, bleibt gleich. Wer träumt nicht davon einmal auf einer Insel unter der Sonne den Tag, die Tage, die Wochen an sich vorbeiziehen zu lassen? Und träumt sich selbst auf eben ein solches Eiland? Honoré de Balzac ging es vor knapp zweihundert Jahren nicht anders. Allerdings kann man bei ihm davon ausgehen, dass sein Blut nicht unbedingt unfreiwillig in Wallung gekommen ist. Der manische Kaffeetrinker hat nebenbei auch gern mal an was anderem genascht…

Und so träumt er sich auf eine Reise gen Java. Damals – wir reden hier von den Dreißigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts – war so ein Trip fast noch Utopie. Unbezahlbar. Für kaum jemanden, über den und für die Balzac schrieb realistisch.

Seinen Anzug, ein Paar Rasiermesser, sechs Hemden und leichtes Gepäck – mehr braucht der Mann von Welt im Jahr 1831 nicht, um die Seine gegen den Pazifik einzutauschen. Und erst die Frauen auf Java … Dem Verleger von 1832 waren die erotischen Ausführungen des wuchtigen Schriftsteller zu wuchtig, zu detailliert, zu direkt, dass er sie einfach strich. Skandal! Und dieser wird nun endlich gesühnt. Im Anhang dieses kleinen Büchleins, das auf jedem noch so kleinen Nachttischchens Platz finden muss, ist die gestrichene Passage abgedruckt. Für die heutige Zeit fast schon brav, doch man kann sich vorstellen, dass man damals – und vielleicht noch heute – die Schamesröte deutlich ins Gesicht schießen sah.

Honoré de Balzac war nie auf Java. Wenn man aber diese fast vergessene Geschichte liest, musste er auch nicht dorthin reisen. Er hatte viel gelesen. Solche Reiseberichte waren zur damaligen Zeit auch immer kleine Werbetexte für die Handelskompanien, die für die Anpreisung ihrer exotischen Waren über jedes Wort dankbar waren. Und so kam es wohl auch, dass Balzac diesen Text – sicher nicht ganz nüchtern und in der ihm eigenen Rasanz – zu Papier brachte.

Heute liest man diesen Text mit einem genüsslichen Lächeln auf den Lippen. Im Schein der Leselampe rückt das Moderne in den Hintergrund und das Verlangen von einst rückt immer näher.