Staatsräson

Was darf der Bürger (wissen)? Was darf Literatur (schreiben)? Was darf der Staat? Keine Fragen, die man mit seinem Nachbarn in der Warteschlange beim Discounter bespricht. Daniel de Roulet stellt sie, nicht in der Warteschlange, sondern in diesem Buch. Dass er anecken wird, ist ihm klar. Genauso wie seinem Ermittler, dem Journalisten Niklaus Meienberg. Gefeierter Reporter, der es in der Vergangenheit einigen zu weit getrieben hat. Beim Tages-Anzeiger in Zürich darf er nicht mehr schreiben. Nun lebt er mehr schlecht als recht in Paris. Zusammen mit Flavia. Sie fotografiert neben ihrem Studium, das ihr ihre Eltern finanzieren. Sie können das. Denn als Bundespräsident hat der Vater durchaus die finanziellen Mittel. Und diesen, Kurt Furgler, will Meienburg, der Ermittler, unbedingt interviewen.

Es ist das Jahr 1977. In Deutschland erreichen die Aktivitäten der RAF ihren Höhepunkt. Seit einigen Wochen ist Arbeitgeber Präsident Schleyer Geisel der RAF. Im Jura wird der seit Wochen verschwundene Offiziersaspirant Flükiger gefunden. Tot. Ebenso wie schon bald darauf der Polizist Heusler, der im Tod Flükigers ermittelte. Flavia findet eine Krawattenspange in der Nähe des Fundortes. Die sieht so aus wie die von Schleyer. Dort werden dann auch zwei RAF-Terroristen verhaftet.

Es bleiben nicht die einzige Leichen in Daniel de Roulets kurzen Romans „Staatsräson“. Denn hier kommt so ziemlich alles zusammen, was einen aufwühlenden, sich an der Realität orientierenden Krimi zusammenzukommen hat. Zu dieser Zeit gewann die Bewegung zur Gründung des Kantons Jura immer mehr Aufwind. Auch durch den bereits erwähnten Kurt Furgler. Mit militanten Aktionen machten die Separatisten Furore. Und Vater Staat? Er muss zusammenhalten, die Form wahren, die Ordnung aufrechterhalten. Alles zusammenkneifen, was zusammenzukneifen ist. Stramm stehen vor dem Erreichten, und einen Weg finden, wie ohne Gesichtsverlust die unabänderlichen Veränderungen durchzusetzen sind. Opfer auf beiden Seiten sind vorprogrammiert.

Auf den ersten Blick scheint es unmöglich zu sein ein derart umfassendes Thema auf so wenigen Seiten, nur knapp über einhundert, abschließend abbilden zu können. Doch wie sein Ermittler Niklaus Meienberg schafft er es komplexe Sachverhalte mit wenigen Worten nicht nur zu umreißen, sondern sie genau so darzustellen wie sie waren. Das ist wahre Schreibkunst! Und so ganz nebenbei: Alle in diesem Buch vorkommenden Personen sind real. Ihre Handlungen legte ihnen Daniel de Roulets Phantasie zu Füßen. Wer nach dem Lesen immer noch der Meinung ist, dass Staatsräson das Nonplusultra sei, liest es noch einmal. Widerstand ja, aber nicht um jeden Preis.

Agata und das zauberhafte Geschenk

Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Agata, die tabbacchera und mittlerweile Bürgermeisterin in ihrem kleinen sizilianischen Refugium, ist so gar nicht in Weihnachtsstimmung. Genau jetzt, wenn Tür und Herz geöffnet werden, verschließt sie sich der sie umarmenden Gemeinschaft.

Agata ist traurig, nein, melancholisch. Costanzo, ihr geliebter Ehemann ist tot. Andrea Locatelli, der Maresciallo, den sie ebenso innig zuerst ablehnte, um ihn anschließend nicht minder zu lieben, ist wieder zurück. Aufs Festland. Und Agata ist wieder allein. Mit ihrer Trauer, mit ihren Zweifeln, mit sich selbst. Da hämmert es im Dunkel der Adventszeit an ihre Tür. Flehend bitte Don Bruno um Einlass. Bald schon stürmt er wie der Wind da draußen ins Haus Richtung Bad. Was trägt er da im Arm? Ein Bündel … mit einem bambino. Einem echten Kind, einem Baby, noch teilweise von der Pelle der Geburt verhüllt. Im Nu ist das ganze Dorf, dem Agata rein rechtlich nun vorsteht, auf den Beinen. Wenn das Klischee von sizilianischem Familiensinn zutrifft, dann ja wohl in dieser Situation.

Alsbald sind Mann und Maus auf den Beinen. Mit einer Mischung aus Neugier und Hilfsbereitschaft kümmert sich jeder mit guten Ratschlägen und helfender Hand um das Neugeborene. So ganz anders als damals Agata in den Witwenstand treten musste. Alle waren hinter ihr her. Die Männer, weil der unfassbaren Schönheit nicht widerstehen konnten. Die Frauen, um sich das Maul über ihre Schönheit zu zerreißen … weil ihre Männer … naja, hinter ihr her waren. Das ist Vergangenheit. Seit Agata den korrupten Bürgermeister aus dem Amt gejagt hat und nun selbst von dessen Sitz aus die Geschicke des Dorfes leitet, wird sie respektiert.

Doch was soll man als Bürgermeisterin im aktuellen Fall tun? Da ist ein Kind ausgesetzt worden. Kurz nach der Geburt. Als Erstes muss ein Name her. Man einigt sich schnell: Luce – Licht. Wenn das mal kein Zeichen ist?! Eine fieberhafte Suche nach der Mutter beginnt. Und damit eine abenteuerliche Reise für eine zufriedene Zukunft der kleinen Luce.

Tea Ranno nimmt den Leser ein weiteres Mal in Haft, zuerst mit ihrem fabelhaften Dorf, nun mit diesem zauberhaften Geschenk. Es sind ganz besondere sizilianische Weihnachten. In jedem Absatz, jedem Wort schwingt die bedingungslose Liebe mit, die alle dem Kind angedeihen lassen. Mit überbordender Fürsorge wickeln alle das Kind in Liebe, und den Leser in eine alles Unheil abwendende Watte. Tea Ranno schafft einmal mehr dem vermuteten Heimat-Alles-Wird-Gut-Vorurteil die bedingungslose Liebe zum Leben mit einer ordentlichen Portion Witz entgegenzusetzen. Ja, das Dorf ist Fiktion, ihre Bewohner sind komplett erfunden. Dennoch nimmt man jedes Wort, jede Tat für bare Münze. Das ist die große Kunst, die Tea Ranno so freizügig dem Leser anbietet. Und das kann doch nicht schlecht sein?!

Das Institut in Riga

Idyllische Landschaft, ein Gutshaus, endlose Natur – hier zieht man gern die Kinder groß. So hat es sich Edda einmal gewünscht. Dass ihr Wunsch einmal in Erfüllung geht, blieb lange ein Traum. Hier, vor den Toren Rigas, lebt die Adelige nun mit ihren Kindern auf dem Kleistenhof. Ihr Mann begleitet eine hohe Stellung im Gesundheitswesen. Er leitet das Institut für medizinische Zoologie, und er ist verantwortlich für das Gesundheitswesen in den baltischen Staaten. Die waren Bestandteil des Deutschen Reiches. Als strammer Nazi, der schon früh im Dunstkreis Hitler agierte, dem die Rassentheorien keinen Schauer über den Rücken jagten, ist Herbert Bernsdorff die Kehrseite der Medaille in dieser Idylle. Außerdem sind er und seine Familie inklusive einige seiner eifrigen Mitarbeiter die einzigen Nutznießer. Mit Einsatz forschen sie an einem Impfstoffe gegen das Fleckfieber, auch Kriegspest genannt. In den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Krankheit, an der man mit 50prozentiger Wahrscheinlichkeit sterben konnte. Läuse bieten hier einen brauchbaren Lösungsansatz. Die müssen allerdings gefüttert werden. Mit Blut. Menschlichem Blut. Und das kommt unfreiwillig von jüdischen Gefangenen. Das Institut von Riga, Originalabbildung auf dem Cover, hatte einen guten Ruf. Die Vorgänge im Inneren sind unumstößlich als abscheulich zu betrachten.

Alle Beteiligten sind verbürgt, Täter wie die Opfer. Sie haben nach dem Krieg geschwiegen, sich offen und lautstark geäußert, haben relativiert und sich von einem Leben gesprochen, das nur selten diesen Namen verdiente. Percy Gurwitz hat in Büchern über seine Zeit hier geschrieben. Er war einer derjenigen, der als „Läusejude“ Nahrungsquelle für die Heilung versprechenden Läuse diente. Er muss höllisch gejuckt haben mit der Kultur auf Beinen und Armen. Die unmenschliche Arbeit kam noch zusätzlich hinzu. Schmerzen waren an der Tagesordnung, für Wochen, Monate und länger.

Uta von Arnim wollte den Dunstschleier um dieses Institut lüften, zumindest aber Klarheit in die Machenschaften der Angestellten bringen. Und sie wollte Licht ihre eigene Familiengeschichte erhellen. Denn sie ist die Enkelin von Herbert Bernsdorff. Er starb als sie vier Jahre alt war. Für sie war er der „schöne Opa“. Das war der Krieg schon lange vorbei, der Großvater wieder als Arzt in Amt und Würden. Seine Frau Edda, der das Gutshaus gehörte, drängte ihn sich um seine Entnazifizierung zu kümmern. Er selbst wollte es nicht, wollte nicht lügen. Aber auch nicht bestraft werden.

Wie man es dreht und wendet, viel Sympathisches kann man nicht finden an Herbert Bernsdorff. Gewissenloser Wissenschaftler oder Menschenschinder – die Fakten sprechen eine klare Sprache. Und nur, weil es weitaus Schlimmeres „Kollegen“ gab, mindert es nicht seine Taten. Zur Aufarbeitung der Nazizeit trägt dieses Buch auf alle Fälle bei. Das stringente System von exakter Aufgabenverteilung trug dazu bei, dass alles dokumentiert wurde. Aber es ist auch der Grund, warum sich so viele von ihrer Schuld teilweise freisprechen konnten.

In fremden Händen

Noch einen Kaffee, und einen Whiskey … bitte! So geht das schon seit Längerem. Durch Paris streifen – nach dem Plan von Estelle. Flugblätter verteilen – nach Estelles Plan. Auf den Flugblättern ist das Gesicht von Jennifer abgebildet. Seiner Tochter. Jons Tochter. Jons und Estelles Tochter. Seit einer gefühlten Ewigkeit ist die Kleine verschwunden.

Jede Metrostation wird zu der Zeit besucht, zu der die meisten Menschen dort sind. So erhöht sich die Trefferquote, theoretisch. Zuhause hält Estelle Telefonwache. Falls Marceau, der ermittelnde Beamte, falls irgendjemand  anruft, der Jennifer gesehen hat.

Noch einen Kaffee, und einen Whiskey … und wissen Sie wer dieses Plakat da gemalt hat? Jon ist gebannt vom Detailreichtum des Bildes. Alles an diesem Bild scheint nur einem Ziel zu dienen: Die abgebildete Person in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen. Ohne, dass es ihm bewusst ist, fühlt er, dass er die Künstlerin kennenlernen muss. Vielleicht kann sie ihm helfen.

Das Plakat, das sie zeichnet, scheint Erfolg zu versprechen. Die neuen Flyer zeigen eine Jennifer, die so unverwechselbar ist, dass man sie auf Anhieb erkennt. Die Saat für eine gelungene Ernte ist in den Boden gebracht.

Und dennoch sprießen aus dem Boden nur welke, zarte Pflänzchen. Denn alles hat sich von Grund auf geändert. Estelle ist es leid. Sie kann immer noch nicht in Jennifers Zimmer gehen, aus dem nach und nach ihr Geruch verschwindet. Jon hat sich verändert. Das Zusammentreffen mit der Künstlerin hat weiter reichende Folgen als man planen kann. Die Melancholie ist weg. Selbst Marceau ist mit einem Mal zuversichtlich. Nur die vermisste Tochter ist immer noch wie vom Erdboden verschluckt.

Michael Farris Smith wühlt tief in der Seele zweier Menschen, die sich niemals suchten. Als sie sich fanden, konnten sie ihr Glück nicht fassen. Nun wurde ihnen das Wichtigste genommen, das ihnen je passiert ist. Zu keiner Zeit driftet er in den Schlund des Kitsches ab. Niemals rühren Tränen den Leser derart, dass er losrennen und Jennifer selbst suchen möchte. Als Leser ist man Unbeteiligter, und das ist ausnahmsweise etwas Gutes. Man beobachtet wie zwei Menschen sich immer weiter voneinander entfernen, ohne jemals loszulassen. Estelle und Jon sind wie entfernte Freunde, deren selbst auferlegtes Schicksal man nicht teilen möchte. Und sie um Himmels Willen nicht stören möchte. Hier sind zwei Menschen am Werk, die sich niemals mit dem zufrieden geben werden, was ihnen angeboten wird. Sie verschließen sich der Welt und entfernen sich voneinander, um im Moment des Sieges alle und alles in den Arm zu nehmen. Der Weg ist steinig, dornig und voller Fallen. Michael Farris Smith lindert mit faszinierenden Gedankenspielen die Schmerzen.

Wüste Berlin

Nach furiosem Start folgte der jähe Absturz. Ein Ende kann ein Anfang sein. Berlin formierte sich vor einhundert neu. Erfand sich anschließend neu. Und versumpfte braun und dahinsiechend. Als diese Zeit vorbei war, sah man das Ausmaß dieses Kapitel. Landschaftliche Erhebungen bestanden aus Trümmern. Straßenzüge unerkennbar. An ein funktionierendes System konnte man sich nur vage erinnern. Und hier sollte nun etwas entstehen, das heutzutage als „In Berlin ist immer was los“ bekannt ist? Wie soll aus einer Wüste fruchtbares Land gewonnen werden?

Den Kopf in den märkischen Sand stecken, sich unter den Trümmern in Selbstmitleid ergehen – det is nich Berlin. Wie nach einem Vulkanausbruch gedeiht aus dieser Erde Neues. Es wird dauern, aber das Ziel ist klar definiert. „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, Bürgermeister Ernst Reuter hat es so in die Welt hinausgeschrien. Und bald schon schaute man nicht nur, man kam.

Bis das jedoch geschah, standen Verwaltung und Einwohner, Kultur und Politik vor der größten Herausforderung, die es jemals in der Stadt gab. Und davon berichtet Kai-Uwe Merz in seinem dritten Band über die Kulturgeschichte der deutschen Hauptstadt. Die Literaten gaben der Stadt wieder ein Gesicht. Sie verarbeiteten als Erste die dunkle Zeit und durchleuchteten die Gegenwart, manche warfen einen vagen Blick in die Zukunft. In der DDR wurde Johannes R. Becher Kulturminister. Bertolt Brecht gestaltete im Osten der Stadt mit dem Berliner Ensemble einen Leuchtstern, der über Grenzen hinweg strahlen sollte. Der entnazifizierte Wilhelm Furtwängler gab den Philharmonikern ihren Ruf zurück. Günter Neumann stand auf der Bühne, um kritisch und augenzwinkernd die neue Zeit satirisch unter die Lupe zu nehmen. Architektonisch war die Stadt sichtbar gespalten. Nicht nur wegen der Mauer – die kam erst später. Beton gab es (und gibt es immer noch weithin sichtbar) hüben wie drüben. Während die Stalinallee erst heute ihren durchaus vorhandenen Charme versprüht, war sie anfangs auch und vor allem ein Vorzeigeprojekt, bei dem Namen…

Eine Stadt lebt nicht allein nur durch Literatur oder nur durch Architektur oder nur durch Politik. Das Räderwerk aus allen Bereichen der Kultur verleiht ihr ihren einzigartigen Charakter. Berlin hatte und hat den Vorteil einen Namen in der Welt zu haben. Den galt es nach 1945 wieder herzustellen und nachhaltig zu gestalten. Aus der (Trümmer-) Wüste Berlin keimten zarte Pflanzen, die bis heute ihre Wurzeln in der Stadt haben. Und dieses Buch trägt maßgeblich dazu bei, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

Gelati! Gelati!

Die größte Angst des Autors ist die Schreibblockade. Da sitzt man angespannt und wie gebannt vor dem analogen oder digitalen weißen Blatt und die Verbindung von Kopf zu Fingern ist gestört. Kein Rauschen, kein Fluss, kein Gedankenblitz. Und das ganz unabhängig von existenten Pandemien und/oder ähnlichen Einschlägen.

Doch dann geht es los! Das Hirngewitter plätschert auf einen ein. Gedankenblitze schießen durch den eben noch pechschwarzen Raum. Die Finger kommen kaum hinterher, dem Input von „da Oben“ weiter Unten die passende Form zu geben.

Knapp an der magischen Hundert vorbei – was in diesem Fall auch gewollt ist, nicht nur aus mathematischen Gründen (dazu mehr am Ende dieses Textes). Mal „nur“ zwei Zeilen, mal mehr als eine Seite. Kurz und knackig überfluten den Leser Gedankenblitze und -spiele. Zur Abkühlung gibt’s das titelgebende Gelato, bzw. gleich mehrere, Gelati!

Vieles hat man vielleicht selbst schon erlebt … aber nie zu Papier gebracht. Ein Pferd, das langsam im Sand versinkt und Kinder, die es anfangs unschuldig füttern, wohl sicher nicht. Wohl aber schon eine Dusche am Morgen und das oft sinnentleerte Summen einer simplen Melodie. Was die Autoren daraus machen, ist es wert aufgeschrieben und vor allem gelesen zu werden.

Immer wieder ertappt man sich dabei wie Realität und Fiktion ohne Vorwarnung verschmelzen. War das eben echt oder habe ich es gelesen? In welcher Wahrnehmungsebene bin ich momentan? Ohne abzusetzen, sollte man an dieser Stelle unbedingt weiterlesen. Denn jetzt hat man den Punkt erreicht, in dem man vollends in die Welt von Lechner und Premper eingestiegen ist. Man eckt an, folgt einem Licht, verirrt sich, sieht das Ende nahen, öffnet Türen – so was können nur Miniaturen. Sie sind kleine Impulse für die eigene Phantasie.

Martin Lechner und Tobais Premper nehmen ihr inneres Schreibkind auf den Arm und präsentieren es stolz der Welt wie einst der König der Löwen vor den staunenden Tieren der Savanne präsentiert wurde. Jeder Text eignet sich als Unterhaltungs-amuse-gueule auf Kleinkunstbühnen das fachkundige und kunstgierige Publikum allseitig zu befriedigen. So grobkörnig das Cover erscheinen mag, so kleinpixelig sind die Gedankenspiele in ihren Texten. Wem auf Anhieb 99 Luftballons in den Sinn kommen, wird schnell auf den Boden der Phantasie zurückgeholt. Je Autor 33 Miniaturen und noch einmal dieselbe Anzahl an gemeinsam verfassten Gedankenspielen umspülen den Geist ein ums andere Mal auf vortreffliche Art und Weise. Kurz und knapp, präzise, auf den Punkt. Die hohe Kunst des Weglassens wird mit „Gelati! Gelati!“ gekrönt.

Der Oslo-Report

Überall auf und in der Welt gibt es regeln, an die man sich zu halten hat. Man mokiert sich nicht über den Vorgesetzten, wenn er siebzehn Fehler in eine vier Zeilen lange Email einbaut. Oder die Iren beharrlich als Irländer bezeichnet. Andererseits sind Regeln auch manchmal dazu da, um gebrochen zu werden. Wenn perfide Systeme Menschenwohl – und dabei sind die Ausmaße unerheblich – bedroht sind, muss man dem Menschenverstand den Regeln des gesitteten Umgangs den Vorzug geben.

November 1939. Seit zwei Monaten marodiert die braune Kriegsmaschine durch das verschreckte Europa. Menschen werden verschleppt, verprügelt, vergast. Häuser brennen, ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht. Die Wahrheit stirbt bekanntlich zuerst im Krieg. Und so verwundert es bedauerlicherweise wenig, dass ein kriegsentscheidender Bericht mit mehr Skepsis betrachtet wird als mit der freudigen Neugier eines begeisterten Kindes, das als einziges ein Spielzeug in den Händen hält, um das es jeder beneidet.

Die britische Botschaft am Drammensveien 19 in Oslo erreicht ein Umschlag mit mehreren Seiten höchstbrisanten Materials. Da schreibt jemand von Torpedos, die sich an Schiffe heften können, um sie zur Explosion zu bringen. Ferngesteuerte Flugzeuge, präzise Sprengstofflandungen abwerfen können. Radareinrichtungen, die aus bisher ungekannter Entfernung nahende Flieger erkennen. Kriegsschiffe von enormer Größe. Langstreckenbomber, die bald schon in gigantischer Anzahl zur Verfügung stehen können. Und der Absender? Unbekannt! Ist ja klar. Welcher Verräter unterschreibt schon garantiert lebensgefährdende Papiere?! Ist man auf der anderen Seite amused, begeistert, dem „Hurray“ näher als dem „Oh my god!“? Stirnrunzeln, Abneigung, Zweifel bestimmen die Szenerie. Seit wann kommt etwas Gutes aus dem Dunkelreich vom Kontinent? Ja, die Ausführungen sind detailliert. Vielleicht zu detailliert. Zu oft schon ist man vermeintlich gut gemeinten Aktionen auf den Leim gegangen. Erst vor Kurzem wurde eine gut vorbereitete Aktion mit einer schallenden Ohrfeige zunichte gemacht. Das dem Deutschen heutzutage vorgeworfene Übervorsichtigsein greift unter den englischen Lamettagenerälen um sich. Lieber nicht allzu euphorisch sein. Das ist bestimmt eine Falle!

Der Verfasser des Oslo-Reports war jahrzehntelang ein Phänomen. Er selbst gab sich nicht zu erkennen. Der Report verschwand in staubigen Archiven. David Rennert zieht mit seinem Buch den Hut vor einer mutigen Tat eines mutigen Mannes, dessen Name mittlerweile bekannt ist, der aber nur wenigen auserwählten Historikern ein Begriff sein dürfte. Der Physiker Hans Ferdinand Mayer spannte mit Handschuhen ein knappes Dutzend Seiten Papier in die Schreibmaschine, die man ihm freundlicherweise im Hotel Bristol in Oslo lieh. Nichts, aber auch gar nichts, sollte auf den Hochverräter hinweisen. Es klappte nur zum Teil. Mayers Wissen um die deutsche Kriegsmaschinerie blieb unentdeckt. Die Chance den Krieg, und somit unerträgliches Leid, bedeutend früher zu beenden, wurde vertan. Erstes war ein Glücksfall, Zweiteres eine Blamage. Dieses Buch gehört in die erste Kategorie: Ein Glücksfall, dass der Autor sich diesem Thema widmete.

Eine seltsame Zeit des Wartens

Bevor man über dieses Buch spricht, muss man die Autorin kennen. Iris Origo stammte aus gutem Haus wie man so schön sagt. Geldnöte kannte man nicht. Ihre Familie zog es in die Toskana, wo Iris Origo in geschichtsträchtigen Mauern, denen der Medici, aufwuchs. Sie heiratete in den 20er Jahren einen Unternehmer. Den aufkommenden Faschismus begegnete sie abwartend, doch genau beobachtend.

Die landwirtschaftlichen Aufbauprogramme begrüßte sie, wünschte sich insgeheim jedoch, dass sie auf andere Landesteile ausgeweitet werden sollen. Im März 1939 zittert Europa bereits. Der drohende Krieg könnte alsbald wahr werden. Oder doch nicht. Täglich überschlagen sich die Gedanken, was nun wird. In Italien vertraut man auf den Duce. Mit ausladender Gestik, inbrünstiger Stimme versucht er sein Volk zu besänftigen. Meist klappt das auch. Die Zweifler legen fast schon schicksalsergeben ein Schweigegelübde ab. Dennoch verstummen sie nicht.

So auch Iris Origo. Sie trifft viele Menschen, die der Situation im Stundentakt Neues abgewinnen können. Doch eine echte Meinung kann sich einfach nicht herauskristallisieren. Diese Ungewissheit ist lähmend und fordernd zugleich.

Im Spätsommer verstummt der Duce fast gänzlich, die Zeitungen berichten nur noch einseitig über die fälligen Krieg. Die Sympathie für die Deutschen nimmt zu. Etwas, was bisher so nicht bekannt war. Des Duces Worte waren die einzige Informationsquelle, der man permanent begegnete, und die man als Leitmeinung vernahm. Iris Origo, ihre Familie, ihr Freundeskreis traute ihm nicht vollends. Dass etwas passiert, schien unausweichlich. Nur was, und wann – da war man sich uneins. Und diese Ungewissheit lähmt den Geist.

Und dann doch! Der Krieg ist da. Zuvor war der Duce – krankheitsbedingt, wie es offiziell heißt – verstummt. Manche unterstellten ihm, dass er sich nach England abgesetzt habe. Nun doch. Die Reservisten werden eingezogen und kämpfen und sterben nicht immer für eine Sache, die nicht die ihre ist. Die Propagandamaschine läuft jetzt noch schneller als zuvor. Das Warten ist zwar zu Ende – aber das wollte nun wirklich niemand.

Normalität in außergewöhnlichen Zeiten zu erlangen, ist unmöglich. Der verzweifelte Versuch ausländische Radiosender zu empfangen, ausländische Zeitungen zu lesen, um sich ein umfassenderes Bild machen zu können, Gespräche mit Freunden, Vertrauten, ja sogar aus dem Umfeld Mussolinis – Iris Origo hat bedeutend mehr Zugang zu Informationen als der grossteil der Bevölkerung. Dennoch ist diese „seltsame Zeit des Wartens“ nervenaufreibend.

In ihrem Tagebuch erfasst sie mit spielerischer Leichtigkeit eine Zeit, ein Land und seine Bewohner, dass man das Gefühl bekommt mittendrin zu sein. Voller Neugier, angepasster Distanz, mit Vorsicht, mit Zuversicht erklärt sie unweigerlich die Situation der Jahre 1939/40 in Italien. Die Faschisten rudern wie wild am Steuerrad der Macht, doch das Volk können sie nicht komplett auf Kurs bringen. Unsicherheit ist oft schwerer zu ertragen als ein feststehendes Ergebnis. Das lehrt uns dieses eindrückliche Tagebuch.

Die Legende von Montecassino

Zu den spannendsten Geschichten in den Gazetten gehören die um geraubte Kunst. Wer hat wann wem was geklaut? Die Gerichte, private Schnüffler und Museen streiten sich um die Rückgabe dieser erbeuteten Kunst. Mit Sicherheit nicht die dunkelste Geschichte eines Krieges, wohl aber leider immer noch nicht komplett aufgearbeitet. So richtig spannende wird es aber, wenn man zwar weiß, wann was, und eventuell auch von wem entwendet wurde. Es aber nicht wieder auftaucht. Der rechtmäßige Eigentümer kann dann zwar gegen die möglichen Verursacher wettern, doch helfen wird es ihm nichts.

Pater Remo erzählt einem Journalisten von den Vorgängen der Jahre 1943/44 im Kloster Montecassino, südlich von Rom. Hier wurde das Kloster gegründet als die Jahreszahlen noch dreistellig waren. In der Benediktinerabtei ging es ruhig zu. Bis die Schwarzhemden und später die Wehrmacht sich hier breit machten. Unschätzbare Kostbarkeiten nannten die Mönche ihr Eigen. Über ihnen schwebte nicht nur das Damokles Schwert, sondern bald auch die alliierten Bomber. Die Kunstwerke, deren Wert bis heute nicht exakt beziffert werden kann, mussten irgendwie in Sicherheit gebracht werden. Die Wehrmacht, die gerade eine knallharte Verteidigungslinie errichtete, war ein williger Helfer. Denn Hermann Göring war als Kunstsammler (ohne Verstand und echtes Wissen, also eher ein raffgieriger Einsammler) konnte sich diesen Schatz nicht entgehen lassen. Und ein Tizian, Handschriften von unter anderem Tacitus, dem Verfasser von „Germania“ haben sicher seine Aufmerksamkeit erregt.

Der fromme Mann stellt allerdings eine Bedingung. Wenn er seine Geschichte erzählt, herrscht Ruhe im Raum. Keine Unterbrechungen, keine Nachfragen. Wenn das der Deal sein soll, dann soll es daran nicht scheitern. Immer noch besser als gar keine Geschichte.

Es entspinnt sich eine wilde Reise durch eine noch wildere Zeit. Denn der betagte Pater mischt seiner Erinnerung etwas bei. Phantasie, Blumigkeit, Spannung. So wie es jeder macht, der sich erinnert. Manchmal trügt diese immens, manchmal ergibt sich aus dem Nachempfinden eine neue Sichtweise.

Als Autor eines Romans erlaubt sich Gerhard Köpf den Kunstgriff historische Fakten mit der Macht der freien Gedanken zu vermischen. Ohne dabei den Pfad der Wahrhaftigkeit zu verlassen. Viele der Personen im Buch sind historisch verbürgt, manchen verlieh er mehr Ausdruckskraft und nur wenige sind ausschließlich seine Phantasie entsprungen. Pater Remo erzählt sich in einen wahren Rausch. Roosevelt, der das Kloster als Waffenarsenal angesehen hat. Deutsche Offiziere, die linientreu und akribisch alles, was abzutransportieren war, erfassten. Das Leid und die Not der Klosterbewohner sowie der willigen Helfer aus dem Ort, die später teils dem Bombardement zum Opfer fielen. Geschichte erzählen kann nur, wer sie erlebt hat. Gerhard Köpf beweist, dass auch ausgedehnte Recherchen, Sprachgewalt und Ideenreichtum in Nichts hinten anstehen müssen.

Einziger Wermutstropfen: Die Frage, ob es sich um Rettung oder Raub handelt, kann auch dieses Mal nicht vollständig geklärt werden. und besteht die Legende von Montecassino weiter.

Spionage in Berlin

Die Stadt in Trümmern, die Menschen verzweifelt auf der Suche nach Nahrung, Soldaten stehen mit gepeinigten Mienen nebeneinander und sich gegenüber: Berlin 1945 ist wahrlich kein Ort, an dem man das Paradies vermutet. Doch hinter den Kulissen werden Allianzen geschmiedet. Wo Leid ist, ist auch Neid. Wo Neid ist, herrscht misstrauen. Und Misstrauen ist die Grundlage für Spionage. Wo einst gemeinsam gegen die braune Brut gekämpft wurde, kocht jeder am nächsten Tag schon sein eigenes Süppchen. Und dabei stehen sich hier nicht nur Briten, Franzosen, Amerikaner und Sowjets gegenüber. Selbst untereinander ist sich jeder selbst der Nächste. Die Geheimdienste sind die ersten, die funktionierend Strukturen im zerstörten Berlin aufzubauen in der Lage sind. Hüben wie drüben versucht man das Maximale für sich selbst rauszuholen und dem Anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aktion statt Reaktion.

Davon bekommt der Großteil der Bevölkerung natürlich nichts mit. Schließlich sind hier Geheimdienste am Werk. Und die arbeiten nun mal im Geheimen. Und das in der Stadt, die vor anderthalb Jahrzehnten die Kapitale der Welt war. Sonderstatus genießt. Berlin gehört nur auf dem Papier zu Westdeutschland. Vier Sektoren stellen 24/7 klar, dass Berlin sowohl zur einen als auch zur anderen Seite gehört. MI6 und CIA öfter mal gemeinsam und SDECE im Westen und das  blitzschnell ins Leben gerufene MfS, die Stasi, auf der anderen Seite. Das Sägen an den Stühlen der Oberen gehört schon immer zum Handwerk. Erich „ich lieb doch alle Menschen“ Mielke war anfangs nicht als Chef der Stasi vorgesehen. Ein Mörder mit Zwangsrekrutierung in eine NS-Organisation, der mehr aktiv als Passiv am Sturz von Walter Ulbricht beteiligt war, das war selbst den Sowjets zu viel. Der war schlecht zu kontrollieren. Schlussendlich leitete er den Spitzeldienst über vierzig Jahre, ohne je ernsthaft zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das bisschen Knast am Ende seines Lebens, hat ihn sicher weniger gejuckt als das Misstrauen der Sowjets zu Beginn seiner Karriere.

Berlin als Hort der fiesen Tricks, gemeinen Fallen, tief liegender Gräben und Stollen, Abhörmekka, Testgebiet für neue Technologien, Areal der Effizienz war in Planquadrate eingeteilt, auf denen mit Menschen ein Spiel getrieben wurde, das sie selbst nie als solche erachteten. Dietmar Peitsch war ebenfalls Teil dieses Systems, was heute so allgemein als Spionage und Spionageabwehr abgetan wird. Geduld musste man schon mitbringen, um in diesem gnadenlosen Geschäft erfolgreich sein zu können. Cleverness, Chuzpe, Charisma mit einer gehörigen Portion Eigensinn sind Grundeigenschaften eines erfolgreichen Spions oder Agenten.

Sachlichkeit und Detailverliebtheit sind Eigenschaften des Autors, die dem Leser durch dieses Buch einen tiefen Einblick in die Arbeit der Geheimdienste und ihrer Agenten geben. Angereichert mit Anekdoten wie der der versuchten Anwerbung des Autors durch die Stasi.