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Die versprengten Deutschen

Zuerst reiste Karl-Markus Gauß in seiner guten Stube herum und erforschte aus der Froschperspektive die Geschichte Europas. Dann zog es ihn in die Metropolen der Welt, in denen er noch mehr Geschichte fand. Es war die große Geschichte Europas, die er fand. Und nun? Nun sucht er nach den Geschichten. Nach der Geschichte der Deutschen, die in der vermeintlichen Fremde ihre deutschen Wurzeln noch pflegen, sie teils sogar suchen, mit ihnen hadern.

Fündig wird er im Baltischen Raum, in Litauen, Memelgebiet, wie es hier und da einmal hieß. Er trifft Luise. Sie hat ihre Muttersprache erst spät wieder erlangt. Jahrzehntelang war sie frei wie ein Vogel im Wind. Ihr Nest war in Litauen. Ihre Wiege stand in Deutschland. Immer wieder wechselten wie bei so vielen die Herren, die die Geschicke des Landes leiteten. Immer mit Repressionen verbunden. Dabei ist es egal, ob es nun Deutsche im Namen eines menschenverachtenden Feldzuges sind oder Russen auf dem Kreuzzug gegen die Besatzer waren. Sie flatterte aufgeregt zwischen den fronten hin und her. Meist aus einem zwang heraus. Was von ihr noch deutsch ist, kann sie kaum noch bezeichnen.

Gauß reist weiter. Quer durch Europa. Bis ans schwarze Meer. Bis an den südlichen Zipfel Europas. In die Berge, ans Meer. Doch immer in die Seelen der Menschen. Er ist wahrhaft kein Seelenfänger im bösartigen Sinn. Schon gar niemand, der das Deutschtum vergöttert, es in etwas verwandelt, was einen bitteren Beigeschmack mit sich führt. Gauß sucht, Gauß findet, Gauß hört zu, Gauß schreibt nieder. Die von ihm gesuchten, gefundenen, niedergeschriebenen Geschichten sind eindrucksvolle Einblicke, die man ohne ihn niemals gelesen hätte.

Wenn heutzutage von Assimilation, Eingewöhnung gesprochen wird, ist es immer mit einer Forderung verbunden, sich gefälligst unterzuordnen und sich selbst aufzugeben (was natürlich niemand so meint, wie er es sagt…). Das ist kein Phänomen der Gegenwart. Wer die Heimat verlässt, geht ein Wagnis ein. Das Wort Abenteuer hat im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren und hat was von einem Erlebnisparkbesuch, der mit Einbruch der Dunkelheit endet, weswegen Wagnis hier wohl angebracht erscheint. Dieses Wagnis mündet in eine Neuentdeckung der eigenen Wurzeln. Neues kommt hinzu, Altes tritt vereinzelt in den Hintergrund.

Gauß staunt selbst über die Vielfältigkeit des Deutschseins. Und lässt den Leser mit seinem Staunen nicht allein. Immer weiter treibt es ihn in Gemeinschaften, in Landstriche, die mehr deutsche Prägung haben als an der Oberfläche zu sein vermag. Diese europäische Deutschlandreise ist ein intelligenter Streifzug durch Europa zu deutschen Wurzeln, tiefer in die Kultur als so manches von Oben gewünschte Verhalten.

Stark wie nur eine Frau

Gegen den Strom zu schwimmen, muss nicht immer zum Erfolg führen. Meistens ist es doch so, dass man aneckt, ins Abseits gedrängt wird und das Alleinstellungsmerkmal, das man suchte wie ein Boomerang einem den Schädel zermartert. Wie auch immer man in eine solche (Abseits-) Position gekommen ist, bleibt man dort bis zum Ende seines Lebens. Und danach? Die Sieger schreiben die Geschichte. Man selbst gerät in Vergessenheit.

Maria Attanasio holt zwei Menschen wieder ans Tageslicht, denen das Schicksal einen Platz in der dunkelsten Enke der Geschichte zugewiesen hatte. Als das 17. Jahrhundert sich dem 18. annäherte, war Sizilien ein Landstrich, in dem wieder einmal die Herrscher wechselten. Die Bevölkerung konnte sich nicht loyal zeigen. Warum auch, wenn ihre Heimat mehr oder weniger regelmäßig einen neuen Regenten bekam. Der Staat war verpönt, die Kirche den meisten näher. Inklusive der Inquisition. Giacomo Polizzi ist der Stadtschreiber von Calacte, das dem heutigen Caltagirone entspricht. Er kann Lesen und Schreiben, was ihn zu einer privilegierten Person macht. Und er erzählt die Geschichte von Messer-Francisco, dem Mann-Weib, die Maria Attanasio wieder einem breiten Publikum näherbringt. Francisca, so der eigentliche Name des Mann-Weibes wird zu früh der Mann entrissen. Sie muss zusehen wie sie ihr Leben meistert und überlebt. Sie ist geschickt. Geschickter als die Männer im Ort. Und arbeitsam, arbeitsamer als … man ahnt es … als die meisten. Mehr und mehr schlüpft sie in die Rolle eines Mannes. Nur, um zu überleben. Das ruft die Zweifler, Mahner, vor allem aber die Ängstlichen auf den Plan. Und die Inquisition. Der steht zu ihrem Glück aber ein aufgeklärter Geist vor. Das vorgezeichnete Schicksal – bevor es zur Verhandlung kommt, findet sie sich schon mit dem üblen Ende ab, lässt so manche Erniedrigung über sich ergehen – kann noch abgewendet werden.

Doch auch der Adel wird von den Folgen des Andersseins stark gebeutelt. Ignazia ist die lang ersehnte Tochter im Familienreigen des Barons Federico Perremuto. Ein aufgewecktes Kind, das störrisch wie eine Esel scheint, und vom Gedanken an die Oper beseelt ist. Operbühne sonst gar nichts. Auch hier meint es das Schicksal nicht gut mit der Querdenkerin.

Nach dem Happy end sucht man in den beiden Kurzbiographien vergebens. Zumindest, wenn man nach dem „und sie lebten glücklich bis ans Lebensende sucht“. Es sind zwei Frauen, die nicht offen dem männlich dominierten Machtapparat die Stirn bieten konnten. Ihre Waffe war die Ausdauer. Und die ist manchmal schärfer als schon manches Beil…

Ankunft in der Fremde

Wir kennen Pascal schon ein bisschen. In „Ungeteerte Straßen“ ließ er uns an seiner Kindheit teilhaben. „Am anderen Ende der Stadt“ tauchten wir tief in die Gedanken eines Heranwachsenden ein. Nun, fast schon ein Mann, beginnt für ihn der Ernst des Lebens. Allerdings nicht im heimatlichen Toulon, am Meer, den Bergen im Hinterland, sondern im weit entfernten Deutschland. In Freiburg. Das Vaterland verlangt – Ende der Sechziger Jahre üblich und nicht diskutabel – seinen Tribut.

Zum Glück sind bei ein paar Leute, die wie er die Liebe zum Rugby teilen. Das erleichtert die Eingewöhnung erheblich. Doch Deutschland ist kalt. Was zuerst als Spaß gedacht war, wird nun bitterer bzw. bitterkalter Ernst. Die wenigen freien Stunden verbringt man mit Flirten, Rauchen und Träumereien. Immer im Gepäck: Lyrik von Jacques Prevert. Dem Pazifisten. Das fällt auch Madame Da Silva auf. Zwischenzeitlich hat sich aus dem dreckigen Militärdienst klischeehafter Vorstellung das Tor zum Paradies weit geöffnet. Pascal darf – und nur so kann man den göttlichen Wink des Schicksals bezeichnen – als Chauffeur für die Gattin des Generals ein durchaus privilegiertes Leben führen. Zwar als Soldat der Armee, dennoch im zivilen Leben. Die Neider verstummen für Pascal schon bald. Denn er kann sie nicht hören. Die Kaserne ist weit weg. Das Leben wartet auf den Wissbegierigen.

Den Dienst verrichtet er wie es sich gehört. Eine Rüge wegen Unordnung und Unachtsamkeit nimmt er hin. Solange er nur in die Stadt kommt. Uschi, Martina und dann doch Verena sind ihm näher als jemals zuvor ein Mensch war. Rückschläge inklusive. Doch Verena … ja, Verena kommt er näher als er es sich erträumen ließ.

Wieder einmal beweist Gérard Scappini, dass das harte Leben mit liebevoller Poesie durchaus zu beschreiben sein kann. Pascal ist das alter ego des Autors. Pascal lernt zu überleben in einer Umgebung, vor der seine Eltern ihn bisher beschützen konnten. Nun muss er auf eigenen Beinen stehen. Der Lernprozess ist fortwährend, doch das weiß er erst, wenn er mittendrin ist. Zwischen dem, was er kennt, und dem, was er noch kennenlernen wird, liegen Welten. Nicht nur geographisch. Zwischen akkurat geschnittenen Haaren und freigeistigen Hippies, zwischen Prevert und Beat, zwischen Heimat und Aufbruch, wiegt sich ein junger Mann, dem man gern auf humorvollen Sohlen folgt. Immer wieder ertappt man sich wie man dem blitzgescheiten Pascal bei naiver Träumerei nur das Beste wünscht. Teil Drei der lyrischen Prosabiographie lässt die Unbekümmertheit der ersten beiden Bände hinter sich, überrascht im Gegenzug durch neuerliche Anwandlungen von überbordendem Lebensglück.

Kaffeehäuser erzählen

 

Wenn diese Wände reden könnten, oft gehört nie so richtig ernst gemeint. Und wenn wir bei diesem Sprachbild bleiben, so hat Ulrike Rauh die spitzesten Ohren der Welt. Sie reiste von Chile bis zum Vesuv, von der Adria bis zur südamerikanischen Pazifikküste. Und hier und da rastete sie in einem Kaffeehaus und lauschte den Geschichten, die die Wände ihr erzählten. Sie ließ sich inspirieren, setzte sich in die Bücherregale der Cafés, verschwand nicht hinter, sondern im Vorhang und beobachtete. Und diese Erkundungstouren feiern in diesem außergewöhnlichen Buch ihre Zusammenkunft.

Wien ohne Kaffeehauskultur ist wie Paris ohne den Eiffelturm, Florenz ohne die Renaissance oder Venedig ohne das Wasser – einfach nicht einmal die Hälfte wert. Ulrike Rauh hat nicht alle Kaffeehäuser besucht. Aber, die sie besucht hat, bekommen durch ihre Geschichten noch einmal einen besonderen Touch von Exklusivität. Im Café Central in Wien beobachtet sie eine Dame, die hier ihr tägliches Ritual vollzieht. Sie liest wie einst Stefan Zweig, der die riesige Auswahl an Magazinen so mochte. Nach dem ersten Kaffee – es gibt soooo viele Arten der Zubereitung, vom Einspänner über den Verlängerten, dem Fiaker …. – gibt’s Kuchen, Malakofftorte und den zweiten Kaffee. Die Dame ist Schriftstellerin, das verbindet Beobachtete und Beobachterin.

Mal erzählen die eleganten, schweren Vorhänge vom Geschehen an den Tischen, mal sitzt die Erzählerin zwischen Bücherrücken und schaut neugierig auf die Szenerie. Histörchen gibt es allemal zu erzählen. Ulrike Rauh liebt es den Dingen auf den Grund zu gehen. Und so verwandelt sich die manchmal melancholische Erzählweise in eine Exkursion in längst vergangene Zeiten. Wer hat wann wen bedient? Wessen Bilder hängen (immer noch) an den Wänden? Welcher Freigeist konnte und kann sich hier den Weg bahnen?

Berühmte Cafés wie das Florian in Venedig bekommen dieselbe Aufmerksamkeit wie scheinbar in den Hintergrund getretene Wohltempel wie das Hawelka in Wien, dessen Ruf nur leiser als der des Sacher oder Mozart erscheint. Hier trinkt man nicht einfach nur eine Mischung aus gemahlenen, zuvor erhitzten Bohnen, die im gekochten HaZweiOh kredenzt werden. Hier zelebriert man das Leben. Hier lässt man die Seele baumeln. Hier ist man Mensch.

Berliner Razzien

Das Trampeln schwerer Stiefel, Blaulicht, Sirenen – da kann man nur hoffen, dass man auf der richtigen Seite der Tür (des Gesetzes) steht. Und wenn man was ausgefressen hat, nimmt man besser beide Beine in die Hand und rennt, was die tabakverseuchte Lunge noch herzugeben vermag. Am besten ist es natürlich, wenn der Tross der Verdächtigen und ihrer Jäger an einem vorbeizieht und man unbescholtener Beobachter ist.

So wie Leo Heller. Er brachte schon vor fast einhundert Jahren Licht ins Dunkel der Unterwelt, bei den Namen – Heller – mehr als verständlich. Als Autor und Reporter war er bei mehr Razzien in Berlin zugegen als die schwärzesten Gestalten der Nacht und als mehr Polizisten in der Hauptstadt.

Sogar mit dem großen Ernst Gennat war er auf der Jagd bzw. Suche. Und zwar nach der Leiche von Rosa Luxemburg. Doch weder er noch der damals noch nicht so bekannte spätere Erneuerer der Ermittlungsmethoden wurden fündig. Doch allein schon die Reportage zu lesen, genügt, um sich die bedrückende Stimmung und die Hilflosigkeit der Beamten vorstellen zu können.

Manchmal kam es sogar vor, dass sich kriminelle Vereinigungen, die so genannten Ringvereine, der Dienste des angesagten Schreiber bedienten. Sie luden ihn einfach ein, um ihm ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Meistens jedoch war er mit Kommissaren unterwegs, was schon mal dazu führte, dass bei einer Razzia er selbst neben den vermeintlichen Verbechern Aufstellung nehmen musste.

Es ist erstaunlich wie modern sich diese Reportagen heute noch lesen lassen. Die lebendige Sprache hat nichts an Originalität und Einfühlungsvermögen verloren. Auch wenn es bei den Razzien nicht immer wild und pulverlastig zur Sache ging. Denn eine Razzia war zwar gut vorbereitet, musste jedoch im Vorfeld geheim gehalten werden. Der Überrumpelungseffekt war oft das Wichtigste an der Unternehmung. Mit Sprachwitz, beispielsweise, wenn ein Ganove einen anderen per Drahtverbindung (Telefonat) vor der Razzia der Polente warnte, und hinter ihm bereits die Staatsmacht stand, zogen Hellers Reportagen die zahlreichen Leser in eine Welt, die sie jeden Tag wahrnahmen, aber um nichts in der Welt ihr eigen nennen wollten.

Berlin und die Unterwelt der Goldenen Zwanziger – so traurig es ist – das gehört nun mal zusammen. Keine rauschende Nacht ohne Rausch. Und wo Rausch, da auch leichte Mädchen. Unter ihnen durchaus auch manchmal Damen der besseren Gesellschaft, die sich ihre Zeit mit ruchlosen Genossen vertrieben. Und wo Ruch und Rausch sich die Klinke in die Hand gaben, war Leo Heller nicht weit. Er kannte alle, die im Dunkel der Großstadt eine Mark extra machten, jede Mulle, jeden Gauner, jede Spelunke – und er schrieb über sie. Zum Jubiläum der Goldenen Zwanziger mehr als ein ehrenvoller Beitrag.

Franken Quiz

Rätsel, Rätsel, Rätsel. Über Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ rästelt man bis heute. Bei dem Gedanken an die epische Produktionszeit von „Apocalypse Now“ schaudert es jeden Filmproduzenten. Rätsel zu lösen, sind eine Leidenschaft, die mehr als nur einen Fernseh(vor)abend dauert. Welch Arbeit dahinter steckt, bleibt für alle – bis auf die Beteiligten – ein … na was schon … ein Rätsel.

In der Pandemie haben wir Tag für Tag Künstler und Freischaffende kennengelernt, die sich lautstark über die mangelnde Unterstützung beklagten. Das ist das harte Los der Selbstständigen.

Matthias Kröner – selbstständiger Autor und mittlerweile Quizentwickler – hat die erzwungene fast schon als freie Zeit zu bezeichnenden vergangenen Monate genutzt, um dem Rätsel wie es weitergehen soll sein kreatives Potential an den Kopf zu schmettern. Als eingefleischter Franke im Ostsee-Exil war es mehr als nur ein Zeitvertreib dieses Franken-Quiz zu auszuarbeiten.

Was sofort auffällt, ist die Vielfalt der Fragen – womit nicht die Anzahl gemeint ist. Sondern vielmehr die gut sortierte Auswahl an Themengebieten. Von Politik und Theaterszene (ausnahmsweise nicht im Zusammenspiel) über Geographie und Sport bis hin zu speziellem Fachwissen. Wer weiß schon, wo vor fast siebzig Jahren die erste Pizzeria eröffnet wurde? In Würzburg sicher mehr Leute als anderswo … upps, Spoileralarm.

Als passionierter Reisebuchexperte und Franke mit Herz, Seele und Zungenschlag, konnte er schon mehreren Geheimnissen in seiner fränkischen Heimat auf den Grund gehen als die Mehrheit seiner Landsleute. Dieses Spezialwissen merkt man den Fragen des Quiz an. Schon mal was vom Frankenrechen gehört? Wo ist die Chance am größten Süßkirschen – nicht unbedingt in Nachbars Garten – stibitzen? Und für alle, die dem Fränkischen Zungenschlag nicht ganz abgeneigt sind: Was ist ein „oozuulds Buddlersbaa“?

Wenn andernorts, zur Unzeit der eigene Nationalstolz wie eine Kriegstrophäe vor sich hergetragen wird, kommt dieses Franken-Quiz wie ein lehrreicher und vor allem unterhaltsamer Regionalspaß auf den Spieletisch.

Sizilianisch Wort für Wort

Wenn ein Kind quengelt, dass es partout nicht ins Bett gehen will, kann das schon mal die letzten Nerven kosten. Wenn Pavarotti „Nessun dorma“ schmettert, trauert man der verlorenen Zeit nach, in der man dieses Lied nicht gehört hat. Italienisch ist nun mal die Sprache der Musik. Und Sizilianisch? Das ist keine eigenständige Sprache, sondern ein Dialekt, der – bereist man Sizilien – hier und da so manche Tür öffnen kann und einen geselligen Abend durchaus erleichtert.

Mit diesem kleinen Büchlein, das bequem in jede Hosentasche passt, ohne dabei zu stören, trägt richtig dick auf. Beginnen wir am Ende des Buches, das man so schnell nicht aus der Hand legen wird. Hier befindet sich ein kleines Wörterbuch. Allerdings nicht für Deutsch und Sizilianisch, sondern für Italienisch und Sizilianisch. Hier werden die Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten deutlich.

Für die richtige Aussprache muss man weiter nach vorn blättern. Die richtige Aussprache der Buchstaben – die gleichen wie im Deutschen – sorgen die ersten Seiten. Sobald folgen gelehrige Einführungen in die Grammatik, was schlimmer klingt als es dann doch ist. Jeder sizilianische Satz wird Wort für Wort (liest sich erstmal seltsam, hilft aber enorm beim Verständnis für den Aufbau der Sprache) übersetzt. Darunter steht die deutsche Entsprechung. „Ich zu trinken Wasser“ (Lu a vìviri acqua) – da denkt man, dass man sich verhört hat. So spricht doch keiner. „Ich muss Wasser trinken“ – so klingt der Satz verständlich für deutsche Ohren. Hat man sich daran gewöhnt, kann man im Handumdrehen selbst Sätze bilden.

Ein wenig Vorbildung im italienischen Wortschatz ist von Vorteil, wenn man sich dem Dialekt Siziliens nähert.

Wie immer, wenn man beginnt eine neue Sprache zu lernen (auch wenn es sich um einen Dialekt handelt), muss man sich eine gesunde Basis schaffen. So wie man den Tag mit dem Frühstück beginnt – auch wenn das im Speziellen in Sizilien nicht gerade üblich ist, hier schaufelt man sich erst zum Mittag die Backen richtig voll, um am späten Abend ein nicht minder reichhaltiges Mahl zu genießen, was das wegfallende Frühstück wiederum erklärt – so beginnt auch dieses Buch mit ein paar wenigen essentiellen Vokabeln und leichteren Grammatikregeln. Zahlen, Wochentage, wiederkehrende Floskeln erleichtern den Einstieg ins noch fremde Sizilianisch. Kapitel für Kapitel wird man sicherer im Umgang mit Aussprache und Wörtern, so dass man dann und wann schon mal den ersten Flirt auf Sizilianisch probieren kann. Eine Erfolgsgarantie ist das nicht, aber gegenüber den Anderen hat man zumindest den Vorteil der gemeinsamen sprachlichen Ebene auf seiner Seite. Es lohnt sich also dieses kleine Büchlein zu sutdieren…

Sizilien

Da soll es doch tatsächlich Reisende geben, die meinen, dass sie Sizilien in zwei Wochen komplett erleben können. Dann haben die ihren Reiseband (sehr schmal) wohl aus dem Wühltisch eines Discounters gefischt. Zwei Wochen – so lang benötigt man, um dieses Buch eingehend zu lesen. Notizen machen – das kann man vergessen. Dieses Buch ist der Notizblock für alle folgenden Sizilien-Aufenthalte! Wer keinen Schimmer hat, wo er seine Sizilien-Erkundungen starten, seine erholsamen Tage verbringen, unzählige Abenteuer erleben kann, hat nur eine Wahl: Dieses Buch von Seite Eins bis Seite sechshundertsechsunddreißig durchzulesen. Klingt viel, ist aber jede Leseminute wert.

Ob nun das quirlige Palermo mit seiner facettenreichen Architektur und den überbordenden Märkten oder eine Reise vom antiken Siracusa (Heureka!) ins barocke Ragusa, bei der man auch das rosarote Noto nicht „einfach mal so eben mitnimmt“ – die Autoren sind keine Faktenschreiber, sie sind Verführer. Zugegeben, die Landschaft macht es ihnen auch leicht, Sehnsüchte zu wecken.

Oder wie wäre es mit dem hitzerekordhaltenden Catania? Mit Blick auf den – und schon sind wir wieder bei hohen Temperaturen – Ätna. Dass hier ab und zu mal der Boden nicht den sichersten Halt gibt, nimmt man bei derartigen Aussichten gern in Kauf. Natürlich immer unter dem Aspekt sich nicht selbst absichtlich in Gefahr zu begeben.

Geschichte bis zum Abwinken findet man im Süden. Agrigent und das Tal der Tempel gehört für jeden Reisenden, jeden Sizilianer, selbst für Norditaliener (aus „Kulturschock Italien“ wissen wir, dass es zwischen dem Norden und dem Süden gewisse Animositäten gibt) zum festen Kulturprogramm.

Klare Strukturen zeichnen jedes Kapitel – jede kleine Reise – aus. Zuerst wird man umfassend in die Geschichte eingeführt. Gefolgt vom Wasser-Im-Munde-Zusammenlaufen, wenn es darum geht, die Schönheit eines Wortes, einer Landschaft, eines Viertels hervorzuheben. Da will man sofort die Koffer packen und jedes Kapitel vor Ort erleben.

Als reichhaltiges Dessert (Cannoli sind doch nicht das Nonplusultra der Nachspeise) werden die Sizilien umliegenden Inseln ausführlich nähergebracht. Und das sind nicht nur die Liparischen Inseln Lipari, Stromboli, Vulcano etc, sondern die im Westen gelegenen Egadischen Inseln sowie die pelagischen Inseln im Süden. Kleine Eilande, die teils nur von wenigen Einwohnern als Heimat bezeichnet werden. Wem die Strände auf der Hauptinsel zu voll sind, der wird auf Favignana (Egadische Insel) feinsten Sand, glasklares Wasser und unberührte Vegetation fast für sich allein haben.

Als Zusatzlektüre empfiehlt sich der kleine Sprachführer „Sizilianisch Wort für Wort“. Denn wie überall auf der Welt freuen sich Einheimische darüber, dass der geneigte Gast versucht sich zumindest sprachlich anzupassen.

Die Narayama-Lieder

„Es ist ein Brauch von Alters her, wer siebzig ist, geht auf den Berg“, naja, ganz so salopp sollte man diesen Brauch nicht nehmen. Und schon gar nicht dieses kleine Büchlein. Denn es birgt einen kleinen Schatz in sich. Den einer wunderbaren Legende.

Orin ist mittlerweile 69 Lied, vor zwanzig Jahren hat sie ihren Mann verloren. Ihr Sohn Tatsuhei und ihre vier Enkel sind ihr Lebenselixier. Dass auch Tatsuhei schon Witwer ist, betrübt die Frau. Mehr noch als die ewigen Sticheleien ihres ältesten Enkels. Bald schon steht Orins siebzigster Geburtstag an. Ein bedeutsames Datum in den Bergen Japans, wo Orin und ihre Familie leben. Denn dann ist der Tag gekommen, an dem sie die Reise zum Narayama antritt … und niemals zurückkehren wird. Ganz nüchtern betrachtet, werden die Alten auf dem Berg ausgesetzt und man erinnert sich nicht mehr an sie. Die Dorfgemeinschaft reguliert so ihr Überleben.

Aber sind wirklich die reinen Fakten. Shichiro Fukazawa macht daraus eine rührende Geschichte. Orin ist beseelt von dem Gedanken ihrem Sohn eine Frau an die Seite stellen zu können. In dem anderen Dorf – hier oben gibt es keine Namen für Dörfer – gibt es eine Frau, deren Mann erst vor Kurzem gestorben ist. Die auferlegte Trauerzeit von neunundvierzig Tagen muss überstanden werden, dann lädt man die Frau zu sich ins Haus. Und wenn man sich einig geworden ist, bleibt sie. Das Leben kann so einfach sein! Muss es auch! In der Dorfgemeinschaft herrschen strenge Regeln. Es gibt kein Geld, jeder weiß, was der Andere im Speicher hat, und man haushalten können mit dem, was man hat. Die Winter sind lang, hart und unnachgiebig. Völlerei ist unangemessen und führt unweigerlich zu Engpässen. Um die Dorfgemeinschaft herum sind nur Berge. Die so genannte Zivilisation ist geographisch wie gedanklich unendlich weit weg. Nur wenn das Narayama-Fest ansteht, kommen alle zusammen. Die Vorbereitungen schweißen zusammen. Der Abschluss des Festes ist bitter. Denn wieder wird jemand die Gemeinschaft verlassen…

Shichiro Fukazawa schildert in poetischen Bildern eine fremde Kultur. Eine Kultur, die funktioniert. Das darf man nicht vergessen. Zusammenleben heißt Sicherheit. Und die steht über allem. Da bleibt wenig Raum zur Selbstverwirklichung wie man sie in den Städten versteht. Wenn die Lieder der Legende von Narayama erklingen, weiß Orin, dass es bald schon so weit ist, die Reise anzutreten. Es bleibt ihr nicht viel Zeit, um ihren Sohn in Sicherheit zu wissen. Und wir Leser dürfen diese intensive Zeit hautnah miterleben.

Apulien

Als Mitte der Achtziger die Band Geier Sturzflug den Spaß mit „Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“ Ernst mit Spaß mischte, war es die Angst vor einem atomaren Erstschlag, die die Menschenmassen auf die Straße trieb. Der Vergleich mit einem dringend anstehenden Apulien-Urlaub mag auf den ersten blick etwas hinken, dennoch ist dieser Vergleich stellenweise angebracht. Ein Ausflug in die Flora an die Hacke des italienischen Stiefels lässt jeden Besucher den Mund offen stehen. Hier stehen uralte Olivenbäume. Und die tragen immer noch Früchte! Doch ist ihr Bestand gefährdet. Nicht nur weil der Mensch aus dem Holz den letzten Euro herausquetschen will, sondern durch ein wortwörtlich brandgefährliches Bakterium. Das Xylella fastidiosa. Dieser sorgt dafür, dass die Bäume – wie gesagt, uralt und immer noch trächtig – innerlich verbrennen. Eine Impfung wie man es beim homo sapiens kennt, gibt es nicht. Es kann also sein, dass das Gold Apuliens, aus Apulien kommen rund 40 Prozent des italienischen Olivenöls, bald schon ein Ende haben könnte.

Und wenn man schon mal da ist, um die letzten ihrer Art zu besichtigen, kann man auch gleich den Rest Apuliens besuchen. Zugegeben, eine recht eigenwillige Art der Destinationssuche, vor allem, weil Apulien so reich an Kulturgütern ist. Die Gründe die schönste zeit des Jahrs in Apulien zu verbringen sind so vielfältig wie dieses Buch prall gefüllt an Tipps und ausgewählten Wanderungen ist. Peter Amann kann von sich behaupten – diesen Eindruck bekommt man unweigerlich der Vielzahl an aufgedeckten Geheimnissen der Region – unter den Top Ten der Apulien-Experten zu sein. Perlen wie Bari und Lecce offenbaren sich Autor und Leser genauso wie das sonnenverwöhnte Hinterland. Orte wie Massafra – durch eine Brücke wird aus dem Ort tatsächlich eine Einheit – sind ein Augenschmaus.

Am Eingang zum Parco Nazionale dell’Alta Murgia, der mit der Überschrift „Steinwüste, Blütenmeer, Dinosaurier“ keine weiteren Anreize benötigt, liegt das geheimnisvolle Castel del Monte. Ein achteckiger Bau, burgähnlich, der bis heute den Wissenschaftlern Stoff für Forschungen bietet. Die Acht bietet allerlei Anlass für Spekulationen um die Form des Baus. Vielleicht, um den Nächtlichen Himmel zu studieren? Trutzburg? Wozu der Jahrhunderte alte Bau schlussendlich diente, kann bis heute nicht zweifelsfrei bewiesen werden. Fest steht, dass dieses außergewöhnliche Bauwerk mehr als nur ein Hingucker („da oben auf dem Hügel“) ist.

Mit Peter Amann zu reisen, und jede Seite ist eine kleine Reise, kommt dem sprichwörtlichen Paradies nahe. Nicht ein einziges Mal unterliegt man der Versuchung den Reiseband beiseitezulegen. Immer wieder überrascht er mit Ausflugstipps, einem Stupser in die richtige Richtung, wenn der Magen knurrt und unterhält mit kleinen Anekdoten aus der reichhaltigen Geschichte Apuliens. Mehr als fünfhundert Seiten, die schon beim Lesen den Urlaub erlebbar machen.