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Beinahe Alaska

Es gibt Reisen, die die ganz im Zeichen allgemein gültiger Sinnsprüche stehen. Der Weg ist das Ziel, ist so ein Spruch. Oft als Mutmacher, weil etwas nicht geklappt hat, missbraucht. Doch nicht nur einmal bewahrheitete sich der tiefere Sinn, und schiebt so manche Trübsal beiseite. So wie in „Beinahe Alaska“. Eine Fotografin und Autorin, Mitte 40, hat sich ihren Trip ins Eis Alaskas anders vorgestellt. Von Grönland kommend malt sie im Kopf schon die Bilder und für sich und die Ewigkeit. Es sind imposante Bilder. Sie werden beeindrucken. Sie, die Betrachter, den Auftraggeber.

Gibt es ein Buch, das sachlich, neutral die Freuden einer Kreuzfahrt ohne Beigeschmack erzählen kann? Nein! Denn eine Kreuzfahrt hat immer das schlechte Gewissen an Bord. Giftige Gase, die in den Himmel und die Nase steigen, sorgen dafür, dass ausgerechnet diese Kreuzfahrt ins Eis der Arktis zu einer der letzten Fahrten ins ewige Eis werden kann. Und dann die Passagiere. Oft meint man, dass es an jedem Ort der Welt immer Einen gibt, mit dem man selbst niemals ein Wort wechseln würde. Nervenaufreibend ist da noch die liebevollste Umschreibung für dessen Charakter. Und dann der durchgetaktete Ablauf an Bord, der zweifelsfrei notwendig ist, doch mit freier Entfaltung im Urlaub so gar nichts zu tun haben kann.

Die Ich-Erzählerin saugt alles in sich auf. Schließlich ist sie nicht zum Vergnügen hier. Diese Reise ist für sie Arbeit. Auftraggeber pochen auf die Deadline, die einzuhalten ist. Ihr eigener Anspruch steht bald schon im Gegensatz dazu. Landgänge sollen eine Abwechslung zur Routine an Bord sein. Doch auch mit festem Boden unter den Füßen sind die Mitfahrer nicht zum Umdenken und Anderssein zu bewegen. So bleibt ihr nur die Hoffnung, dass Alaska die Wende bringen wird. Das Ziel muss das Ziel bleiben. Doch es kommt anders. Das Eis, das seit Jahren zum Rückzug geschrieben und erzählt wird, schlägt dem Funktionsjackengeschwader die geballte Kraft seiner Ausmaße um den Bug. Schluss. Bis hierhin, und keine Buglänge weiter. Alaska? Weit weg. Hier setzt nun der Verstand ein. Die Erzählerin, Arezu Weitholz hat so eine Reise unternommen, und ist mit guten Gewissen als Zwillingsschwester der Erzählerin zu bezeichnen, hadert mit ihrer Mission, zweifelt an sich und ergibt sich nicht kampflos…

Alaska wird ein Traum bleiben, zumindest im Buch. Was der Autorin bleibt, sind die Erlebnisse auf dem Weg. Und die sind der Treibstoff, die den Leser zum Umblättern ein ums andere Mal antreiben. Steht anfangs noch die Aussicht auf das Ziel im Vordergrund, rücken die Begleiter steig in den selbigen. Ein köstlicher Bericht, eine Reise, die anders geplant war, ein Reiseziel, das nie erreicht wird. Und genau deswegen ist „Beinahe Alaska“ das vollkommene Reisebuch.

100 Highlights Wildes Deutschland – Die schönsten Naturparadiese und Nationalparks

Wild ist sicher nicht das erste Wort, das einem einfällt, wenn man von Deutschland spricht. Dennoch gehört das wilde Leben dazu wie die typische Korrektheit und Pünktlichkeit. Und das reicht von Kap Arkona bis ins Höllental, vom Naturpark Schwalm-Nette bis ins Zittauer Gebirge.

An einhundert solcher wilder Orte kann man sich in diesem prachtvollen Bildband ergötzen, und zwar von Nord nach Süd. Als Erstes schlägt man willkürlich eine Seite auf. Land der tausend Seen – Müritz-Nationalpark. Ein stimmungsvoller Sonnenuntergang und ein Urwald, in dem die Stämme in einem derart saftigen Grün zu versinken drohen, dass man es für eine Setaufnahme aus einem mystischen Thriller halten könnte. Doch es ist alles real. Im richtigen Moment den Auslöser der Kamera gedrückt, und voilà: Auch das ist Deutschland. Wild, frei, fernab von Tabellen und Zahlenkolonnen. Der dazugehörige Text brilliert durch Fakten, die nicht wegzureden sind und macht Appetit genau diesen Ort, zu genau der Zeit der Aufnahme einmal selbst zu besuchen.

Nur wenige dutzend Seiten weiter wird’s fast schon historisch, ein wenig politisch sogar. Deutsche Politiker und wild? Keine Angst, so schlimm wird’s nicht. Doch die Schorfheide – bis dahin hat man sich nun vorgeblättert in diesem Buch – ist eng mit den Lenkern Deutschlands verbunden. Wo einst Nazis wie Kommunisten auf der Jagd waren, nördlich von Berlin, ist heute der sanfte Tourismus zu Hause. Hier kann man stundenlang unterwegs sein, ohne dabei tatsächlich eine Menschenseele zu anzutreffen. Kloster Chorin, ein Zisterzienserkloster in Backsteingotik, gehört den berühmtesten Orten der Gegend.

Bereits kurz nach der Wende wurde dem Gebiet in der Uckermark un dem Barnim der Status eine UNESCO-Biosphärenreservats verliehen. Einhundertdreißigtausend Hektar – zur Verdeutlichung: Ein Fußballfeld misst nicht einmal einen Hektar – 240 Seen, Tausende Moore, Wiesen, Äcker und Wälder. Das sind die blanken Zahlen. Was die Natur hier auf die Landkarte gezaubert hat, spottet jedoch jedem Kategorisierungswahn. Jeder Ast darf so wachsen wie er es für richtig erachtet. Jeder Grashalm darf sich nach der Sonne recken wie es ihm beliebt. Und jeder Besucher erfreut sich genau an dem, was so wild mitten in Deutschland zu entdecken ist.

Dieses Buch macht Lust darauf die wilde Seite Deutschlands zu erkunden. Sanft auf dem Rad mit einem Lächeln im Gesicht. Mit forschender Miene. Alle Sinne geschärft. Vom Rothaargebirge bis an die Saale (die mit dem schönen Strand, wie es schon im Volkslied heißt), vom Stettiner Haff bis in den märchenhaften Habichtswald – Wer es bisher nicht wusste, wird in diesem exzellent gestalteten Bildband zum Naturfan, zum Wildheitsforscher, zum Naturparadies- und Nationalparkfan ersten Grades.

Schlei

Bleiben wir realistisch: Wer weiß wo der, die, das Schlei liegt? Südlich des Harzes nimmt das Wissensniveau sicher deutlich ab. Zwischen Kappeln und dem Ort Schleswig schlängelt sich ein Fjord durch die Landschaft, und der heißt Schlei. Weiter im Norden ist Flensburg, südöstlich liegt Kiel. Nun wissen wir, wo wir sind. Der Grund, warum man hier urlauben sollte, ist immer noch verschleiert. Franz-Josef Krücker, Jutta Lietsch und Andreas Lorenz geben dem Leser nicht viel Zeit, um sich weiter zu wundern. Ab der ersten Seite – und eigentlich beginnt die reisende Lesung oder die erlesene Reise schon mit dem Einband – steigt die Vorfreude auf die nächste Seite und die Ferienzeit.

Wenn andernorts von Dorfidylle die Rede ist, sind Abenteuerlustige schon aus dem Rennen. Hier Oben im Norden, wo das Auge tatsächlich bis zum Horizont schauen kann – weiter geht physikalisch einfach nicht – sucht man nicht Ruhe, Abgeschiedenheit und Orte zum Tiefeinatmen. Man findet sie. Beim Radfahren, beim Spaziergang, beim Entspannen.

Wie wär’s mit einem Abstecher in die kleinste Stadt Deutschlands? Noch kleiner als der Vatikan. Arnis. Kein Schreibfehler, Arnis hat 300 Einwohner, und wenn man sich die Abbildungen anschaut, kann man das nicht glauben. Hier kann man mehr Zeit verbringen als es die puren Zahlen vermuten lassen. Vollendete Fachwerkhäuser machen einen Spaziergang zu einem Augenschmaus.

Wer ein bisschen mehr Nervenkitzel verträgt kann sich über den Brudermord auf der Schlei informieren. Nur so viel: Die Geschichte hat biblische Ausmaße und liegt mehr als 750 Jahre zurück.

Das Wikingerdorf Haithabu ist sicher der bekannteste Ort an der Schlei. Geschichte zum Anfassen und sehr gut erhaltene und restaurierte Hinterlassenschaften lassen die wilden gesellen von einst einmal mehr auferstehen.

So schleierhaft es erscheinen mag, das der Begriff Schlei nicht bekannter ist, so wichtiger ist es ihn endlich einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Am besten tut man das mit diesem Buch. Unermüdlich hat das Autorentrio alles, wirklich alles zusammengetragen, was wissens- und sehenswert ist. Hier steht jeder Satz an der richtigen Stelle, jedes Bild verspricht das, was man erleben kann, und die Karten erlauben es, dass man Navi und Smartphone beiseite legen kann.

Die Schlei muss sich nicht verstecken hinter großen Namen. Ihr Pfund ist die Exklusivität, die nur ein verborgener Schatz haben kann.

Die Zauberflöte

In fast jeder Firma gibt es Einen, der sich seinen Posten mit Mitteln erschlichen hat, die Anderen Grund zur Spekulation geben. Unvermögen und Duckmäusertum, gepaart mit Angst – eine gefährliche Mischung.

Dieuseul Lapénuri ist so einer. Aber Angst muss man vor ihm nicht haben. Er ist der Prügelknabe für seinen alten Herren. Seine Frau Anodine verachtet ihn, den Schlappschwanz. Und dennoch hat er es geschafft, dass ihn der Präsident von Haïti zum Minister für moralische und staatsbürgerliche Werte ernennt. Ja, die Familie seiner Frau verkehrt in den höchsten Kreisen. Den Präsidenten halten sie für unfähig, umschmeicheln ihn und seine Entourage jedoch kräftig. Auch, dass die Gemeinde samt Pfarrer ordentlich die Werbetrommel rührte, damit er den Ministerposten bekommt, spielt sicher eine gewisse Rolle. Nur Dieuseul, der Name bedeutet Gott allein, weiß welches Geheimnis hinter seiner Ernennung steckt. Wenn er doch nur gerissener wäre, könnte er die Situation noch viel mehr ausnutzen. Als er noch ein kleiner Beamter im Finanzministerium war – auch hier hatte er nicht viel dazu beitragen müssen, den Job zu erhalten – hatte er gelegentliche amouröse Abenteuer mit den weiblichen Büroangestellten.

Nur bei Rita biss er regelmäßig auf Granit. Sie machte ihm unmissverständlich klar, dass ihr Frauen lieber sind als Männer. Wohl auch deswegen versteht er sich bis heute mit ihr besser als mit den anderen.

Nun ist er Minister, soll die Korruption mit den Werten des Landes bekämpfen, was nach der Ansicht eines jeden, der das Land kennt, ein Widerspruch in sich ist. Rita wünscht ihm Kraft, insgeheim weiß sie, dass er nur scheitern kann. Sein Vater weiß ganz genau, dass sein Junge scheitern wird. So stürzt Dieuseul Lapénuri in das größte Abenteuer seines Lebens.

Und das hält auch gleich einen ganz dicken Brocken für den Frischling parat. Der Innenminister reicht ihm ein Dosier weiter, in dem es um das Festi Masi geht. Eine Kampagne der schwul-lesbischen Vereinigung Haïtis. Ein heikles Thema in einem Land, in dem Religion eine derart große Rolle spielt. Unterstützung bekommt er dennoch von oberster Stelle. Denn der Präsident scheint ein persönliches Interesse an dem Thema zu haben. Und Dieuseul Lapénuri weiß auch warum… Dass andere das auch wissen, weiß er allerdings nicht!

Gary Victor zaubert einmal mehr eine Gesellschaftsskizze aufs Papier, die dem Leser zum Einen das unbekannte Haïti zeigt, zum Anderen einen unbändigen Lesespaß bereitet. Ich weiß was, was Du nicht weißt. Dafür weiß ich nicht, was Du alles weißt. Das Wechselspiel zwischen Wissen und Macht wird durch Gary Victor auf ein höheres Niveau gehoben.

Sarajevo

Wenn man nicht permanent mit dem Finger über die Landkarte Europas streicht, hat man seine Probleme Hauptstädte den richtigen Ländern zuzuordnen. Ja, Sarajevo – die Stadt kennt man – ist eine Hauptstadt. Und zwar die von Bosnien-Herzegowina. Sie liegt, ähnlich wie Madrid in Spanien, so ziemlich in der Mitte. Manche erinnern sich noch an Vučko, das Wölfchen, das Maskottchen der Olympischen Spiele von 1984. Sein „Sarajevoooo“ schallt bis heute nach. Leider gibt es auch die Bilder einer Stadt, die wie kaum eine andere im Krieg belagert wurde. Wo einst Sportler im fairen Wettkampf um Medaillen stritten, erinnern Einschüsse an das Widerlichste, was Menschen hervorbringen können.

Eine Stadt – zwei Gesichter. Eine Stadt – zwei Welten. Das ist Sarajevo, die Unbekannte. Autor Marko Plešnik ändert mit jedem Umblättern dieses einzigartigen Reisebuches das Bild der Stadt in den Köpfen der Leser.

Etwas mehr als 300.000 Einwohner hat Sarajevo. Nur zwölf Hauptstädte haben weniger Einwohner, darunter aber „Zwerge“ wie der Vatikan und Monaco. Eine übersichtliche Stadt. Und eine Stadt, die so unfassbar viele unentdeckte Straßen, Gassen, Aussichtspunkte, Erholungsorte hat wie nur wenige Kapitale der Welt. Oft bemüht man gern die strapazierte Redewendung vom Schmelztiegel an der Grenze der Kulturen. Oft ist es aber nicht mehr als ein Klischee. In Sarajevo kann man es aber tatsächlich rund um die Uhr erleben. Zwischen Glockenläuten und den Ruf des Muezzins, locken die Düfte aus den Küchen den Besucher aus der Reserviertheit des Neugierigen.

Viele Herrscher hinterließen ihre Spuren in der Olympia-Stadt. Während nach dem Balkankrieg an den Boulevards glas- und metallglänzende Büro- und Konsumtempel aus dem Boden gestampft wurden (dafür ist immer Geld da), hat man sich in den Seitenstraßen Sarajevos unzählige Traditionsorte erhalten und wiederaufgebaut, die das Landestypische nicht nur als Standarte vor sich hertragen. Köstliche Leckereien und Gassen, deren Name die Handwerkskunst im Namen tragen. Kunstvoll gestaltete Architektur. Das alles zieht den Besucher in seinen Bann. Bereits beim Lesen des Reisebuches taucht man derart tief in die Stadt ein, dass man sich nach wenigen Seiten als Experten bezeichnen möchte. Ohne Aufforderung nimmt der Autor den Leser an die Hand und führt ihn allwissend durch eine Stadt, die ihre Geheimnisse gern zeigt, ihre Seele aber nur dem geneigten Sinnessucher darlegt. Auch wenn vielerorts – fotogen – so genannte Grenzen sichtbar gemacht sind, so spürt man in der Stadt diese  kaum. Als Tourist fühlt man sich sicher mit diesem Buch in der Hand. Attraktive Rundgänge mit so manchen Aha-Effekt, angereichert mit landestypischen Anekdoten machen jeden Schritt durch diese unbekannte Balkanmetropole der kleineren Art zu einem Erlebnis, das noch lange große Spuren hinterlassen wird, vor allem wegen der allgegenwärtigen Geschichte.

Wem das alles noch nicht reicht, der wird in den anschließenden Kapiteln in eine Landschaft geführt, die durch ihre Unberührtheit ein Alleinstellungsmerkmal erhalten hat. Die Thermalquellen von Ilidža oder die Ausgrabungsstätten von Butmir sorgen mit ihrer Vielfalt dafür, dass kein Gast der Langeweile anheimfallen kann. 6 Komma Null, 6 Komma Null … um noch einmal die Olympischen Spiele 1984 zu bemühen als Jayne Torvill und Christopher Dean mit ihrer unvergessen Eistanz-Kür zum Bolero von Maurice Ravel eine unerreichte Bestmarke aufstellten.

Caffè d’Italia – Kalender 2022

Das italienische Lebensgefühl ist nur ein Viertelquadratmeter groß. Klingt erstmal nicht viel, ist aber bei genauer Betrachtung genau das richtige Maß. Fünfzig mal fünfzig Zentimeter ergeben nun mal nur den erwähnten Viertelquadratmeter, was aber schlussendlich nur eine mathematische Fingerübung darstellt. Und beim Lebensgefühl, besonders beim dolce vita geht es nun wahrlich nicht um Zahlen, Fakten und Regeln. Vivere il momento – Leb den Augenblick! Der Augenblick beim Betrachten dieses Kalenders dauert so ungefähr … ein Jahr.

Und so betritt man eine Welt, die jedem offen steht. Die man aber so nur selten zu sehen bekommt. Denn die Fotografien von Toni Anzenberger und Christina Anzenberger-Fink geben dem Alltäglichen den besonderen Anstrich. Es ist ein reduzierter Anstrich. Schwarz-Weiß in all seinen Abstufungen. Was auf Anhieb auffällt: Wer am oder hinterm Tresen steht, lächelt. Da muss wohl was im Getränk sein, dass die Mundwinkel gen Himmel ziehen lässt?! Oder ist es das Ambiente?

Denn das erzählt nicht nur von der „guten alten Zeit“ – es bewahrt sie bis ins Jetzt und Heute. Milano, Roma, Padova, Montepulciano – schon bei der bloßen Erwähnung dieser klangvollen Orte schlägt das Herz eines jeden Italienfans höher. Auch der Gedanke einen echten italienischen Kaffee, sprich Espresso an der Bar genießen zu können, lebt die Sehnsucht nach bella italia schlagartig auf. Selbst eingefleischte Teetrinker werden hier zum Caffenista. Diese Kaffeehäuser muss man sehen.

Jetzt holt man sie sich für ein weiteres Jahr ins Haus. Das Großformat macht es unmöglich sie zu übersehen. Und so manches Mal wird man nicht einfach daran vorbeigehen, sondern innehalten. Vor Ort tritt man einfach über die Schwelle und schreitet in eine andere – sorgenfreie – Welt. Daheim, mit diesem Kalender an der Wand erhält man Einblicke, die man in Torino, Trieste oder Ascoli Piceno suchen muss. Für den Kalender haben diese Suche das Künstlerpaar übernommen. Nur hier gibt es – formatbedingt – den größten Café der Welt.

Sich Italien ins Haus zu holen, beginnt nicht im Vorratsschrank. Es beginnt bei der Einstellung das Wagnis einzugehen. Im eleganten Duotone wird jeder Augenschluck zu einem Augenschmaus und erhöht den Augenblick. 2022 soll nicht noch einmal ein pandemiebedingtes Urlaubsausfalljahr werden. Sollten die Zeichen jedoch wieder auf Homecouching stehen, dann ist dieser Kalender eine Alternative, die zwar die Sehnsucht schürt, aber im Gegenzug auch das Italiengefühl gleichwertig nach Hause holt.

Das Wunder von Runxendorf

Es ist eine trostlose Zeit in den 70ern. Gerald träumt von einem Moped, einem Mädchen und einer Timex. Das ist alles, was er braucht. Doch alles, was er hat, sind seine Zigaretten, die er sich cool anzündet, eine emotionslose Mutter und einen Vater, der einen Plan hat wie er der saarländischen Dorfgemeinschaft ein Staunen abringen kann. Mit einem Partykeller. So kurz vor der WM, 1974, ist das sicher ’ne dufte Sache. Mit Farbfernseher! Wenn schon denn schon. Zur Einweihung gibt’s Schnittchen und Kartoffelsalat. Und Bier, und Mariacron. Steffi, Geralds Schwester soll die Herren der Nachbarschaft bedienen. Dass die dem jungen Mädchen öfter mal an die Wäsche gehen, stört weder Bruder noch Vater sonderlich. Ist ja nur ein Mädchen.

Die Fußballabende enden nicht selten mit einem ordentlichen Kater. Auch für Gerald. Zum Glück lässt man ihn lange schlafen. Doch eines Tages ändert sich alles für Gerald. Der Vater, ein ehemaliger Bergmann, lässt den Sohn an sich ran. Gibt ihm Geld, macht ihm Mut sich mal an ein Mädchen ranzumachen. Allerdings hat die Sache einen Haken. Vater Müller möchte von der Jugendlichkeit, der Unbekümmertheit auch profitieren. Wenn der Junior ein Mädchen mal mitbringen könnte. Während er und seine Kumpane im Partykeller mal wieder Fußball schauen. Dann ist der Weg zum ersehnten Moped nicht mehr weit…

Ein perfides Spiel beginnt. Gerald wird mit den Ritualen der Alten vertraut gemacht. Ewald Müller nimmt seinen Filius des Nachts mit auf … die Jagd. Ein Kalb soll dran glauben. Mit Hammer und Meißel. Gerald traut seinen Augen nicht. Nimmt’s aber stoisch hin. Einmal mit dem Alten was machen – kann ja nicht schaden. Auch als eines der Fußballspiele vorbei ist, das „Mitbringsel“ von Gerald ausgeweidet auf dem Partytisch liegt, schlagen bei ihm noch lange nicht die Alarmglocken an.

Michael Wäser ist der Sensenmann für die piefige Dorfidylle der 70er Jahre. Mit einem Hieb versetzt er der Szenerie einen Schlag, den sie nicht überleben wird. Und das im doppelten Wortsinn. Mit gezielt gesetzten Worten charakterisiert eine Gruppe von Menschen, die jeglicher Illusion auf ein besseres Leben den Rücken zugekehrt haben. Animalische Triebe und profanes männliches Klischeedenken unterdrücken jedes Gefühl von Empathie. Die Gemeinschaft steht im Vordergrund. Wer was hat, muss es teilen. Und für jeden Gefallen wird postwendend der Gegengefallen eingefordert.

Die Mordserie bildet den Rahmen für diese Gesellschaftsstudie, die sich ebenso jeder Untersuchung verweigert wie dem erhobenen Zeigefinger. Der Erzähler steht mitten im Geschehen. Seine unverblümte, ungeschönte Ausdrucksweise zieht ab der ersten Zeile den Leser in eine Welt, die es so – hoffentlich – nicht mehr gibt. Sie anzuschauen, jagt einem Schauer über den Rücken. Sie zu lesen, ist ein echtes Erlebnis.

Berlin – Moskau, Eine Reise zu Fuß

Der Titel hält. Was er verspricht: Eine Reise von Berlin nach Moskau. ABER: Nicht mit dem Auto, Flugzeug oder Zug, sondern per pedes, zu Fuß. Gibt man die Strecke ohne irgendwelche Haltepunkte heutzutage in sein Navi ein, ergibt sich eine Strecke von 1774 km, die man in 15 Tagen schafft. Zu Fuß! Das wären 120 Kilometer pro Tag und fünf Kilometer pro Stunde. Ohne Schlaf, ohne rast, ohne Begegnungen. Da hat an hinterher … nichts zu erzählen.

Wolfgang Büscher will aber erzählen. In einer Nacht im Jahr 2001 zieht er die Wohnungstür hinter sich zu und läuft der Sonne entgegen. Am Stadtrand der Hauptstadt liegt eine tote Maus. Im ersten Ort nach der Stadtgrenze kauft er Nähzeug, braucht nur die Schere, um Pflaster zuzuschneiden. Denn rechts wird der Schuh immer drücken, bis Moskau.

Je näher er am Ausgangspunkt ist desto ferner sind ihm die Menschen. Je mehr er sich vom vertrauten Zuhause entfernt, desto tiefer taucht er in ihr Leben ein.

Die Karte am Anfang des Buches sieht auf den ersten Blick wie eine moderne Karte mit historischem Weg aus. Immer gerade aus. Berlin – Seelow – Oborniki – Torun – Białystok – Grodno – Minsk – Smolensk – Moskau. Eine Vierteljahr wird er die Last auf seinen Schultern verfluchen. Drei Monate dem Großvater folgen, erinnern, mit ihm fühlen. Fast hundert Tage (Hallo Navi, Deine Prognose war mehr als optimistisch!) immer wieder Menschen begegnen, die ihm warmherzig bis ablehnend entgegentreten, offen und misstrauisch seinem Vorhaben gegenüberstehen, ihn belächeln, bewundern, hinter seinem Rücken tuscheln. Vier Länder sind es „nur“, die durchquert. Noch mehr Kulturen, die ihn immer weiter wegholen von dem, was in seinem fünfzigjährigen Leben als „normal“ erlernt wurde.

Wolfgang Büscher lässt keinen Zweifel daran, dass er in Moskau ankommen wird. Die üblichen Zweifel, das aufkommende Heimweh – das jeder kennt, der in der Fremde seinem Forscherdrang nachgibt – sind essentieller Bestandteil seiner Route. Das Staunen über das gewagte Vorhaben lässt den Leser immer wieder umblättern, um zu schauen, was den Wandersmannautor als Nächstes vor die spitzgefederte Flinte kommt. Und man wird niemals enttäuscht.

Je weiter der Westen (nicht nur geographisch, sondern vor allem soziologisch) am Horizont verschwindet, je näher der Osten rückt, desto flüssiger wird Wolfgang Büschers Aufnahmebereitschaft. Die Assoziationen werden sind immer öfter im Hier und Jetzt verwurzelt als am Anfang seiner Reise. Und fast erscheint es als dass das Ziel Moskau zu schnell erreicht ist…

Rendezvous mit Tieren

Andrea Camilleri war ein Lebewesenfreund. Die Liebe zu den Menschen hat er in jedem seiner Bücher, auf jeder Seite, in jeder Zeile zum Ausdruck gebracht. Die Liebe zu Tieren hat er in diesem Erzählband manifestiert. Um ihn herum waren von frühster Kindheit an Tiere. Hunde, Katzen, Vögel – keine Scheu, keine Angst, nur tief empfundene Liebe. Ein echter Camilleri!

Es ist wenig erstaunlich wie persönlich Camilleri in diesem Buch wird. In all seinen Büchern fließt das Erlebte nicht nur brauchbar ein, es ist essentieller Bestandteil seiner Kunst. Immer wieder liest man aus und in seinem Leben. Warum sollte er also an diesem Erfolgsrezept etwas ändern?

Es beginnt mit einem Hasen. Die Hasenjagd war in seiner Familie schon immer sehr beliebt. Doch Meister Lampe schlägt jedem noch so gewieften Jäger ein Schnippchen. Fast scheint als ob er seine Verfolger verspottet, wenn sie wieder einmal gesenkten Hauptes den beschwerlichen, weil erfolglosen Heimweg antreten müssen. In der Nachbetrachtung kann Andrea Camilleri, der die Geschichte mit dem Hasen als Junge erlebte, herzhaft darüber schmunzeln.

Selbst einem so gewöhnlichen Haustier wie einem Hund kann der Autor eine ausgefeilte Geschichte angedeihen lassen. Aghi hieß sein treuer Begleiter. Ein echter Freund. Doch er hat ein dunkles Geheimnis, das letztendlich dazu führt, dass Aghi von der Familie getrennt werden muss.

Einem Distelfink und einem Papagei mit Namen Pimpigallo verhilft er zu einer dauerhaften Freundschaft. Dass dabei die Stimmgewalt der gefiederten Gefährten eine gewichtige Rolle spielt, ist mehrere Lacher während des Lesens wert.

Andrea Camilleri beim Beobachten, Beschnuppern und Erforschen der Fauna zuzuschauen, ist ein Genuss allerersten Ranges. Die Hingabe, die er seinen zweibeinigen Freunden der Spezies homo sapiens widmet, lässt er auch den Tieren zugute kommen. Das reicht bis hin zum echten Tierretter, der ein kleines Kätzchen vor den ortsüblichen Rowdies rettet.

Als Zugabe zu den eindringlichen Texten spendiert Paolo Canevari seine außergewöhnlichen Zeichnungen, die die Stimmung des Buches so einfangen, dass sich Phantasie und Realität vermengen. Zu diesem Rendezvous erscheint man nicht mit schwitzigen Händen und hochrotem Kopf. Es wird alles gut werden. Das verspricht der Name Andreas Camilleri. Und er hält seine Versprechen…

Selig & Boggs – Die Erfindung von Hollywood

„Ich geh nach Hollywood“ – heutzutage ein Synonym für „Ich will Karriere machen“. William Selig hat diesen Satz vielleicht nie so gesagt. Karriere machen wollte er unbedingt und unbestritten. Doch als Filmproduzent in Chicago, wo der Regen und die Wolken einfach keine guten Bilder zu produzieren sind. Schließlich wird immer noch ausschließlich in Schwarz-Weiß gedreht. Francis Boggs, Seligs Regisseur muss öfter abbrechen als weiterdrehen. Das ist mehr als hundert Jahre her. Charlie Chaplin spielt immer noch Vaudeville-Theater, Mary Pickford verzückt nur vereinzelte Zuschauer und der Begriff Effekt besteht nur auf dem Papier. Hollywood ist ein Flecken Land, auf dem Landwirtschaft betrieben wird und der Hintergrund aus etwas Echtem besteht.

Hier schient die Sonne. Und wenn es mal bedeckt ist, dann kommt das vom Gemisch aus Ammoniak und Salzsäure. Das kann man sich in den Mund kippen und qualmt aus allen Löchern. Das ist der einzige Effekt, den man dem Publikum anbieten kann.

Christine Wunnicke gibt dem Mythos Hollywood Zucker, in dem sie mit der Kunst der Literatur dem Streben nach Erfolg im Lichtspielgewerbe einen kraftvollen Anstrich verpasst. Sie reiht nicht einfach nur Anekdoten „aus der guten alten Zeit“ aneinander – sie verknüpft das Schicksal der beiden Filmpioniere mit der Suche nach dem idealen Firmenstandort.

Zwei Männer, die davon beseelt sind dem Publikum das zu geben, was es gar nicht zu suchen vermag. Für Schauspieler werden Merkzettel verfasst – nicht direkt in die Kamera schauen, unnötiges Schminken vermeiden, Fluchen (taubstumme können auch im Lichtspieltheater Lippen lesen) und übertriebenes Kämpfen vermeiden – die sie gefälligst einzuhalten haben. Grundregeln. Die bis heute gültig sind.

Wie ein Wirbelwind fegt die Autorin durch die Geschichte, von der es weniger Aufzeichnungen gibt als man vermutet. Inklusive Mord und Mordversuchen. Denn das Geschäft ist hart umkämpft. Thomas Alva Edison versucht mit aller Macht seine Erfindungen, die meist auch auf Erkenntnissen anderer fußten, vor dem kostenfreien Zugriff Anderer zu bewahren.

Spannend wie ein Krimi, (er-)kenntnisreich wie ein Sachbuch und wunderbar in Szene gesetzt – so stellt sich Christine Wunnickes Erfindung von Hollywood dar. Es gibt keinen Zweifel: Ohne dieses Buch wäre Hollywood ein viel größerer Mythos als es ohnehin schon ist. Sie sägt nicht am Thron. Sie rückt ihn lediglich ins rechte Licht.