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Doppelleben

Der Klappentext eines Buches soll Appetit auf das Buch. Man liest worum es geht, wer mit wem, und warum. Und man erfährt etwas über den Autor. Des Öfteren liest man dann auch welche Preise er gewonnen hat. Welchen rang diese Preise haben, bleibt oft verborgen. Natürlich sind es alle renommierte Preise. Den Prix Goncourt allerdings sollte man nicht sofort wieder aus dem Gedächtnis streichen. Wer den in Frankreich erhält, der darf sich tatsächlich was darauf einbilden. Hier nun die Geschichte, die hinter den Namensgebern steckt:

Es sind die Brüder Jules und Edmond Goncourt. Mitte des 19. Jahrhunderts residieren sie in einem durchaus vorzeigbaren Haus vor den Toren von Paris. Sie sind regelmäßig Gast im Salon der Cousine des Kaisers. Zola, Balzac und andere Größen zählen zu ihrem engen Bekanntenkreis. Die Literatur ist für beide mehr als nur ein Steckenpferd. Für Edmond, den Älteren der beiden, ist es die ewige Suche nach dem perfekten Wort. Jules ist nicht minder interessiert, jedoch ist er der weitaus Lebensfreudigere der beiden Brüder. Er treibt Sport und es mit so mancherlei Dirne. Edmond verabscheut Sport, jedoch nicht die Gesellschaft illustrer Damen. Fast könnte man meinen, sie wären Zwillinge. Doch sie trennen mehr als acht Jahre.

Bei einer seiner Amouren (nennen wir es einmal so, in Wahrheit war es doch eher ein Geschäft auf Dienstleistungsbasis) hat sich Jules ein dauerhaftes Souvenir eingehandelt. Nach und nach bemerkt er wie das Hantelstemmen ihm Mühe bereitet. Edmond bemerkt es auch, doch ihm ist ja Sport nicht so wichtig.

Das allabendliche Mahl dient beiden zum Austausch über ihr Leben, sie scherzen, lästern, machen Pläne. Und sie plaudern über ihr Dienstmädchen. Über sie werden sie einen Roman schreiben. Obwohl sie kaum etwas wissen über ihr geheimes Leben … was nebenbei gesagt, fast noch spannender ist als das ihre.

Als Jules immer schwächer wird, schreibt Edmond jedes noch so kleine Detail in ihr gemeinsames Tagebuch. So ist bis heute jedes noch so kleine Vorkommnis für die Nachwelt erhalten. Für Alain Claude Sulzer ist es die Fundgrube gewesne, die ihn antrieb einen Roman über die Bruder zu schreiben, deren Name den größten Literaturpreis Frankreich ziert. So ausschweifend das Leben des Bruderpaares war, so detailliert schildert er ihr gemeinsames Leben in der selbst geschaffenen Blase ihres Gemäuers. Die Blase platzt aber nicht. Dafür haben die beiden Junggesellen gesorgt. Als Chronisten ihrer Zeit sind sie unantastbar. Als Schriftsteller sind sie zu höherem berufen…

Frau Helbing und der tote Fagottist

So ein netter Mann, der Herr von Pohl. Fagottist ist er und hat seiner Nachbarin Frau Helbing Karten für eine Matinee geschenkt. Zusammen mit ihrer Freundin Heide lauschen die beiden den sanften Klängen von Mozart. Und sie beobachten welch ein Charmeur Henning von Pohl ist. Das schlohweiße Haar, das freundliche Gesicht – das bringt Frauenherzen zum Schmelzen. Für Frau Helbing mehr Amüsement denn Grund zur Sorge. Denn Grund sich um Henning von Pohl zu sorgen hat sie später noch genug. Ein paar Tage später sitzt er quietschvergnügt in ihrer Küche, schlürft Kaffee und schwärmt davon wie schön der Tag doch sei. Und verschwindet so schnell wie er gekommne war. Doch ohne sein Instrument, das Fagott, das wohl so einiges wert sein dürfte, mutmaßt sie. Als kurze Zeit später zwei weitere Kollegen sich nach von Pohl erkundigen – sie haben ihn vermisst – steht für die einstige Fleischereifachverkäuferin fest: Henning von Pohl ist etwas zugestoßen. Als passionierte Krimileserin hat sie da auch schon einen Verdacht, was das sein könnte… Mord!

Naja, so verkehrt liegt sie vorerst nicht. Von Pohl ist tot. Drei Wespenstiche haben einen allergischen Schock ausgelöst und sein Leben ausgelöscht. Dennoch: Frau Helbing bleibt bei ihrer Theorie. Und die lautet nun mal Mord. Kommissarin Schneider tut dies als Spinnerei einer alten Dame ab, die eindeutig zu oft und zu tief ihre Nase in Krimis gesteckt hat. Wo die Nase auch gefälligst zu bleiben hat. Ebenso Heide. Die ist wenig angetan vom Übereifer ihrer Freundin. Nur der Schneider Herr Aydin, der damals nach dem Tod von Frau Helbings Gatten deren Fleischerei übernahm und daraus eine ansehnliche Werkstatt machte, folgt den Gedankengängen der sympathischen Alten. Doch was nützt das alles?! Frau Helbing muss auf eigene Faust ermitteln… Ja, sie muss.

Krimiautor Eberhard Michaely traut seiner Frau Helbing einiges zu. Eine rüstige Frau, die sich ihr Leben lang in den Dienst des Familienbetriebes gestellt hat, schiebt man nicht einfach so aufs Abstellgleis. Sie ist nicht die resolute Matrone, die mit Worten und Lammkeulen gleichermaßen jongliert. Sie ist die bescheidene hanseatische Arbeiterin, die sehr wohl weiß, was sie sich zutrauen kann. Ab und zu mal einen Schritt zu weit wagend, doch immer Frau ihrer Sinne. Ganz ohne feministische Tendenzen. ’Ne Frau, die weiß, was sich gehört. Im Hamburger Grindelviertel ist es nämlich nicht so vertraut und geruhsam wie man es vermuten könnte. Und Frau Helbing stößt in ein Horn, das selbst Wespennester durchlöchert…

Der Schamaya-Palast

In seinen eigenen vier Wänden ist man sicher. Unter dem eigenen Dach ist man sein eigener Herr. In einem Palast … ist man nicht allein. Ahmad lernt das sehr früh. Mit seiner Familie ist er im einstigen Prachtpalast, dem Schamaya-Palast in Damaskus untergebracht. Ja, untergebracht. Seine Familie ist auf der Flucht. Weil sie Palästinenser sind und nirgendwo eine Heimat haben. Und nun sind sie ein Teil der großen „Familie“, die in diesem herrschaftlichen Gebäude im jüdischen Viertel von Damaskus Unterschlupf gefunden hat. So wie auch George, christlicher Palästinenser. Der Zusatz ist in dieser Situation immer noch zu erwähnen…

Gemeinsam machen sie allen Umständen zum Trotz das, was man in ihrem Alter macht: Das Haus, die Straße, die Stadt, sich austesten, einen tiefen Atemzug vom Leben nehmen und noch einen und noch einen. Bis Ahmad eins Tages verschwindet. Und das Labyrinth, das beiden bisher als sicherer Hort ihrer Unbeschwertheit galt zu einem Wirrarr an Anschuldigungen, Verdächtigungen. Die Geräusche und Gerüche sind nun nicht mehr der Teppich auf dem sie barfuß laufen, sondern ein steiniger Pfad ins Erwachsensein, das noch weit entfernt sein sollte.

Der syrische Schriftsteller und Journalist Ali Al-Kurdi malt anfangs ein Mandarla aus allen Farben des Regenbogens. Zwei Jungen, die froh sind in der verzweifelten Lage ihrer Eltern einen kleinen Ausbruch zu wagen in der Gewissheit am Ende des Tages wieder in den liebevollen Schoß der Familie zurückkehren zu können. Im Laufe der Zeit dreht sich die Welt um sie herum aber in eine andere Richtung. Nicht unbedingt langsamer, dennoch sind die Vorzeichen für die, die sensibilisiert sind, unübersehbar. Die Mahner sollen Recht behalten. Die, die aus verschiedenen gründen wegsehen, werden tiefer in ein Schwarz getaucht als sie es sich vorstellen konnten.

Die Unschuld der lebensfrohen Tage weicht einem quälenden Schmerz, der nicht einzuordnen ist. Hüften und sprangen an einem Tag noch zwei Kinder durch die Gassen, wabert nun einer von ihnen durch den dichten Qualm der Ungewissheit. Wo einmal Obststände waren, zerbricht die perfide Politik der Hausherren die Gemeinschaft entzwei.

Flüchtlingsgeschichten sind im Allgemeinen von Trauer und Hoffnung, von Zurückblicken und Leid sowie von Licht und Veränderung geprägt. Ali Al-Kurdi fügt diesen Geschichten mehr als nur eine Prise Blumigkeit hinzu ohne den bitteren Geschmack des Blutes zu überdecken. Immer wieder zieht er den Leser in ein Dickicht, um ihn geschützt zuschauen zu lassen wie verdorben Menschen sein können.

In meinem Herzen alles Sieger

Es ist immer noch ein Ereignis – trotz aller Totsagungen wegen anhaltender Skandale – Sportlern bei einer Sportart zuzusehen, die man selbst schnell erlernen und fast ein ganzes Leben lang ausüben kann. Der Giro d’italia ist zusammen mit der Tour de France der Zuschauermagnet des Sommers. Sowohl vor Ort als auch von zuhause aus auf der Couch.

Fabio Genovesi hatte einen Kindheitstraum: Einmal am Giro teilnehmen. Das wurde nichts. Zumindest nicht als Aktiver. 2013 wurde sein Traum gewissermaßen wahr. Als Reporter durfte er die Radrundreise begleiten. „In meinem Herzen alles Sieger“ ist das Ergebnis nicht nur tiefgreifender Recherchen, sondern vor allem ein emotionales Herzstück, das diese Leidenschaft für ein Sportereignis, das nur einmal im Jahr für drei Wochen stattfindet, die Fans fesselt und zu Höchstleistungen der Schreibfeder anstachelt.

Natürlich geht es auch um Sieger und Besiegte in diesem Buch. Massensprints, deren Ergebnis eine ganze Etappe auf den Kopf stellen können. Oder Ausreißversuche, die manchmal gelingen und ein Hurra hervorrufen oder eben zum Scheitern verurteilt sind und nicht mehr als ein „Hab ich’s doch gesagt“ zurücklassen.

Der Reporter Genovesi macht das, was ein Radprofi während des Wettkampfes niemals machen darf. Er bricht zwar aus, aber nicht nach vorn, sondern nach links und rechts. Und da trifft er dann Menschen, die den Giro wirklich zu dem machen, was er ist: Ein Ereignis, das man nie mehr vergisst.

Ein chinesischer Reporter erzählt ihm wie schwierig es ist, in seinem Land ein Radrennen zu verfolgen. Überall Sicherheitskräfte. Als Fan muss man da sehr erfindungsreich sein. In der Nähe von Bari muss die Wegführung verlagert werden, weil die eigentliche Streck zu gefährlich für die Fahrer geworden ist. Zu glatt, weil am Tag zuvor ein fest gefeiert wurde und überall auf der Straße Wachs verteilt liegt.

Das Besondere an diesem Buch ist die Tatsache, dass die Reportagen alle schon im Corriere della Sera erschienen sind. ABER: Für dieses Buch hat Fabio Genovesi sie noch einmal (um-)geschrieben. Soviel Mühe muss man sich erst einmal machen. Und eines ist sicher: Wenn im Sommer der Giro wieder im Fernsehen übertragen wird, liegt die Fernbedienung außer Reichweite des Zuschauers. Dieses Buch hingegen in greifbarer Nähe.

Gedichtekalender 2023

„Das Weltall ist so groß, und Satelliten sind klein“, wow, welch Erkenntnis. Von Elon Musk. Passend in jeder TV-Morningshow. Und bis zum Köpfen des Frühstückseis wieder vergessen. Was das Jahr 2023 an überraschenden Erkenntnissen für uns parathält, kann keiner voraussagen. Aber was es vor Jahren, Jahrzehnten zu sagen gab, was im poetischen Gewand die Gemüter erhitzte, erwärmte, erregte – das kann man bis heute getrost an die Wand hängen. Und dann auch noch in Schönschrift!

Kurzum: Auch 2023 wird ein poetisches Jahr. Wenn man sich diesen Kalender als Wandschmuck, als Ideengeber, als Wochenlosungsanschlag (bitte nicht als Attentat verstehen) gönnt. Als Belohnung winkt ein guter Start in den Tag. Ein Jahr lang der Titel als Bonmot-Verkünder. Oder einfach nur die Erkenntnis, dass „damals“ noch Werte galten, die heute vielleicht in den Hintergrund gerückt sind.

Und das beginnt schon beim Titelblatt – am besten den Kalender gleich an Heiligabend, nach der Bescherung aufhängen! Kurt Tucholsky bringt die Glücksformel auf den Punkt: Es gibt niemanden, der alles hat. Das beruhigt oder kann als Ansporn angesehen werden. Doch Vorsicht! Tucholsky wusste zwar um diesen Zustand, es half ihm wenig. Kurz vor Weihnachten des Jahres 1935 nahm er sich im schwedischen Exil das Leben. Das, was er wirklich hatte, nutzte er, um sich davon zu machen…

Fröhlicher kommt das erste Aprilgedicht von Theodor Storm daher. Ihm verheißt der kommende Sonnenrausch Aufschwung, Wiederbelebung und Lebenskraft.

Und wenn im August die Sonne erbarmungslos auf uns hernieder scheint, ist es mit Heine gesprochen, nur der ewige Kreislauf von Sonnenauf- und untergang, der uns erheitert. Alles halb so schlimm, weil man es einfach nur hinnehmen kann.

Mit Feingefühl wurden die Gedichte den einzelnen Monaten und Jahreszeiten zugeordnet. Von Mörike über Fontane bis zu Rilke, um nur drei der bekannteren Namen zu nennen. Das Beeindruckendste ist wohl aber – vor allem für diejenigen, die nur ihrer Handschrift nach das Zeug zum Arzt gehabt hätten – der wahrhaft gelungene Schreibstil. Herausgeber Hubert Klöpfer kann man dazu nur gratulieren und sich bei ihm bedanken, dass dieser Kunst immer noch ein würdiger Rahmen eingeräumt wird. Dass man so ganz nebenbei auch noch den Tag ablesen kann, ist mehr als nur eine Randnotiz. Es ist halt ein Kalender. Aber einer, der auch ohne viel Farbenkleckserei die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird.

Wie man lebt, so stirbt man

Émile Zola – und daran gibt es keinen Zweifel – würde heutzutage mit Pomp und Glamour beigesetzt werden. Sein Leben und Werk hingegen waren wenig glamourös, und schon gar nicht pompös. Ist der Titel des Buches also schon deswegen eine Irreführung? Nein! Er sorgt jedoch bis heute für Furore. Als politischer Journalist war er redegewandter Ankläger und Verfechter der Ideale der französischen Revolution, die nicht nur seiner Meinung nach mit immer öfter mit Füßen getreten wurden. In seinen Romanen bildete er das harte Leben derer ab, die die Maschinerie einer Gesellschaft am Laufen hielten. In der DDR wurde sein Werk als Initial des Arbeiterromans gepriesen.

Die fünf kurzen Geschichten in diesem Buch handeln nicht vorrangig vom Tod. Vielmehr sind es teils amüsante Betrachtungen derer, die einen Verlust zu betrauern haben. Dass sie nicht immer trauern, sondern mit „ganz alltäglichen Sorgen“ kämpfen, ist verständlich, aber manchmal eben auch ein Blick durchs Schlüsselloch der Anderen.

Wenn also eine Witwe ihre sorglosen drei Söhne ein letztes Mal mehr oder weniger auf die Probe stellt, treibt es dem Leser schon mal ein Lächeln ins Gesicht. Denn die Drei taten und tun sich nicht durch heroisches Handeln hervor. Das Erbe des Vaters haben sie im Handumdrehen durchgebracht, leben wieder bei der Mutter. Doch auch deren Tage sind gezählt. Ein neuerliches – zu verprassendes Erbe wie einst bei Papa – ist nicht zu erwarten. Vor der Ernte steht die Saat. Und die wird nicht einfach.

Es liegt Émile Zola fern nur über die zu berichten, denen es nicht nur auf dem Papier gut geht. Finanziell gesehen. Wie in der Geschichte über ein Paar, das bei fast Null begann. Durch harte Arbeit und Zielstrebigkeit, Entbehrungen und Verzicht füllte sich das Portemonnaie. Doch wir alle wissen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Und so bleibt dann doch nur die Erkenntnis: „Wie man lebt, so stirbt man“.

Zum Einen ist Band Vier der Reihe Edition de Bagatelle, in der Kleinode der Großen von Damals eine neue Heimat finden, ein gefundenes Fressen für die, die im Kleinen das Große erkennen. Zum Anderen ist es eine Möglichkeit Altes im neuen Gewand zu präsentieren. Die kurzweiligen Geschichten bekommen durch die Handschrift von Vera Gereke, Studentin an der HAW Hamburg ein künstlerisches Gewand, das auch dem Autor sicherlich gefallen hätte. Die sparsame Verwendung von Schwarz, Weiß und orange spielen mit den Emotionen des Leser. Mal fast schon bedrohlich, mal liebevollen Frieden verheißend, sind die Abbildungen das kunstvolle Abziehbild der Texte Émile Zolas.

Landlust Kalender 2023

Es wird ein genussvolles Jahr, 2023. Wenn man den Verheißungen der zwölf Monatsblätter des neuen Landlust-Kalenders glauben darf. Ein opulentes Sammelsurium des Genusses! Prächtige Blütenstände, reichhaltige Körbe, die Mutter Naturs Gaben mit vollen Händen unters Volk wirft. Hier stört kein Motorlärm, die Luft ist rein, das Wetter wie es sein soll. Illusorisch? Hingebungsvoll möchte man den Zweiflern entgegenschmettern.

Die schöne, heile Welt ist noch lange nicht ad acta gelegt. Einen Monat lang, ein ganzes Jahr lang, füttert den Betrachter dieser Kalender mit dem Reichtum, der einen tagtäglich umgibt. Den man aber auch sehen will und nicht achtlos am Wegesrand stehen lässt. Kunstvolle Gebinde, ein appetitlicher Nachmittagstisch, der zum Verweilen einlädt, Winterimpressionen – das gesamte Füllhorn der Leidenschaft. Und sicherlich komplett regional angebaut.

Dieser Kalender macht Lust. Lust in die Natur zu gehen, die Augen zu öffnen, die Sinne zu schärfen, einen großen Schluck Lebensfreude zu sich zu nehmen. Immer wieder mal eine kleine Pause einlegen, das Kalenderblatt auf sich wirken zu lassen – auch der der Kalendertag noch nicht zu Ende ist. Denn den kann man bei all der Fülle an Eindrücken auch noch vom Blatt ablesen. Er erinnert einen immer daran, dass es nach dem letzten Tag des Monats immer weitergeht.

Und dann… wartet schon das nächste Bild, das erforscht werden will. Wer auf die mit der Natur oft einhergehende Entschleunigung hofft, wird bald schon eines Besseren belehrt. Denn die Neugier, was sich denn auf dem nächsten Kalenderblatt zeigen wird, steigert sich mit jedem Tag. Also Ruhe bewahren, vivere il momento … und dann ganz behutsam einen kleinen Blick auf das Morgen, den nächsten Monat riskieren. Enttäuschung? Ganz und gar nicht!

Der Billabongkönig

Drei kurze Fragen, die sogar Kinder um Handumdrehen beantworten können: 1. Wie nennt man den Chef in einem Reich? 2. Darf der alles bestimmen? 3. Kann man dagegen etwas unternehmen? Die Antworten lauten König, nö und ja. Bleibt nur noch die Frage, was ein Billabong ist. Das sind – in Australien – Seitenarme von Flüssen, meistens gibt es da noch Wasser, wenn ringsum alles ausgedörrt in der Gluthitze stöhnt. Und hier herrscht der König. Und da es in Australien keine Löwen gibt, den König der Tiere, übernimmt hier das Krokodil diesen Job. Im Falle dieses Buches heißt er Ben. Und Ben hat ein Problem. Seit dem letzten Raub- bzw. Fischzug steckt ihm eine Gräte quer rechts unten im Gebiss. Zwischen siebter und achter Stelle, wie er leicht gereizt dem Erzähler auf die Sprünge hilft. Und selbst ein König muss mal zum Zahndoktor. Auch hier gilt wieder: Das kennt jeder! Hier im Outback erledigt diese verantwortungsvolle Arbeit aber kein Weißkittel, sondern Kaukasius Grätenzieher II. Ihro Exzellenz von Stolzhausen-Stammberg. Ein Krokodilwächter, ein Vögel. Geschickt pickt er das zwischen den unzähligen Zähnen der Krokodile heraus, was da nicht hingehört. Und im Falle von Kaukasius hat Ben den Besten der Besten für sein Wehwehchen ausgesucht. Aber auch den Arrogantesten! Er weiß um seinen Ruf, und schwatzt Ben ein echt nachhaltiges Versprechen ab… Doch wenn das Maul schmerzt, wird selbst ein Krokodil weich.

Ben hat also eine Art Blankoscheck unterschrieben. Kaukasius hat einen Wunsch frei. Die Zeit vergeht. Ben regiert, wie es sich für einen König gehört. Nach und nach fällt ihm auf, dass die Krokodilwächter immer weniger werden. Sie verschwinden langsam aus dem Reich des Billabongs. Das ist ungewöhnlich. Denn sie müssen keine Angst vor den Krokodilen haben. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Krokodilswächter nicht gefressen werden dürfen. Warum das an dieser Stelle noch einmal so explizit erwähnt wird, erschließt sich aus dem Wunsch Kaukasius’. Denn eines Tages fordert der die Erfüllung des unterschriebenen Vertrages „Ein Wunsch frei!“ von Ben ein. Ein paar tausend Kilometer entfernt ist ein weiterer Krokodilswächter. Und der stört Kaukasius. Ben soll ihn fressen! Was? Das geht doch gar nicht! Aber Wunschschulden sind Ehrenschulden – schon allein wegen solcher Gedankengänge und Formulierungen lohnt es sich dieses Buch zu lesen. Mehr sei an dieser Stelle zur Geschichte nicht verraten…

Während des so genannten Lockdowns haben sich viele Autoren und Künstler in Selbstmitleid aufgelöst. Manche fühlten sich berufen das erste Lockdownbuch zu schreiben – was aber auch zu keinem nennenswerten Ergebnis führte – und andere wiederum griffen die Chance beim Schopfe und machten das, was sie am besten können: Schreiben. Für Kinder. Für die eigenen, für alle anderen. Zwischen Hängemattenabmatten und Badewannenwonnen schuf Matthias Kröner das Kinderbuch, das die kommende Saison mit strahlenden Kinderaugen erhellen wird. Weit weg von zuhause, wo ein Möwenschiss die einzige Gefahr darstellt, siedelt er seine Geschichte an. Auch im Dschungel die Regeln für das Leben aufgestellt und deren Einhaltung überwacht. Dass das nicht immer ganz einfach ist, erleben wir tagein tagaus in den Nachrichten. Im Tierreich ist man da noch ein wenig unkonventioneller. Aber bei Weitem nicht uneffektiver.

Matthias Kröner verzichtet auf überbewusste Kindersprache und gibt den jungen Lesern (oder Zuhörern, die sich noch vorlesen lassen) genug Raum, um die Geschichte in eigenen Kosmos umsetzen zu können. Was bedeuten Freundschaft, Macht und Gemeinsinn? So manche Abhandlung von Pseudophilosophen (neben dem Berufsbild Fernsehkoch gibt es immer mehr Fernsehphilosophen) kann dagegen nicht ankommen. Man möchte schon nach einer Fortsetzung schreien…

Schlei

Bleiben wir realistisch: Wer weiß wo der, die, das Schlei liegt? Südlich des Harzes nimmt das Wissensniveau sicher deutlich ab. Zwischen Kappeln und dem Ort Schleswig schlängelt sich ein Fjord durch die Landschaft, und der heißt Schlei. Weiter im Norden ist Flensburg, südöstlich liegt Kiel. Nun wissen wir, wo wir sind. Der Grund, warum man hier urlauben sollte, ist immer noch verschleiert. Franz-Josef Krücker, Jutta Lietsch und Andreas Lorenz geben dem Leser nicht viel Zeit, um sich weiter zu wundern. Ab der ersten Seite – und eigentlich beginnt die reisende Lesung oder die erlesene Reise schon mit dem Einband – steigt die Vorfreude auf die nächste Seite und die Ferienzeit.

Wenn andernorts von Dorfidylle die Rede ist, sind Abenteuerlustige schon aus dem Rennen. Hier Oben im Norden, wo das Auge tatsächlich bis zum Horizont schauen kann – weiter geht physikalisch einfach nicht – sucht man nicht Ruhe, Abgeschiedenheit und Orte zum Tiefeinatmen. Man findet sie. Beim Radfahren, beim Spaziergang, beim Entspannen.

Wie wär’s mit einem Abstecher in die kleinste Stadt Deutschlands? Noch kleiner als der Vatikan. Arnis. Kein Schreibfehler, Arnis hat 300 Einwohner, und wenn man sich die Abbildungen anschaut, kann man das nicht glauben. Hier kann man mehr Zeit verbringen als es die puren Zahlen vermuten lassen. Vollendete Fachwerkhäuser machen einen Spaziergang zu einem Augenschmaus.

Wer ein bisschen mehr Nervenkitzel verträgt kann sich über den Brudermord auf der Schlei informieren. Nur so viel: Die Geschichte hat biblische Ausmaße und liegt mehr als 750 Jahre zurück.

Das Wikingerdorf Haithabu ist sicher der bekannteste Ort an der Schlei. Geschichte zum Anfassen und sehr gut erhaltene und restaurierte Hinterlassenschaften lassen die wilden gesellen von einst einmal mehr auferstehen.

So schleierhaft es erscheinen mag, das der Begriff Schlei nicht bekannter ist, so wichtiger ist es ihn endlich einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Am besten tut man das mit diesem Buch. Unermüdlich hat das Autorentrio alles, wirklich alles zusammengetragen, was wissens- und sehenswert ist. Hier steht jeder Satz an der richtigen Stelle, jedes Bild verspricht das, was man erleben kann, und die Karten erlauben es, dass man Navi und Smartphone beiseite legen kann.

Die Schlei muss sich nicht verstecken hinter großen Namen. Ihr Pfund ist die Exklusivität, die nur ein verborgener Schatz haben kann.

Der langsame Tod der Luciana B.

Wenn man sich zehn Jahre nicht gesehen hat, freut man sich auf das Wiedersehen, wenn man sich so gemocht hat wie der Erzähler in diesem Buch und seine ehemalige Assistentin Luciana. Sie half ihm als er wegen einer Handverletzung nicht selbst schreiben konnte. Der damals schon erfolgreiche Autor Kloster war verreist, und so hatte Luciana bei ihm einen Überbrückungsjob bis Kloster aus dem Urlaub zurückkehrte. Doch was nun in seiner Tür steht hat nichts mehr mit der Luciana von vor zehn Jahren zu tun. Die Lebensfreude ist nicht nur aus ihrem Gesicht, sondern aus ihrem gesamten Körper gewichen. Das hat einen Grund: Kloster!

Er hat ihr Leben zerstört und macht sich nun daran Luciana B. endgültig zu töten. Was war geschehen? Als Kloster aus dem Urlaub mit Frau und Tochter zurückkehrte, machte er ihr mehr als nur Avancen. Er bedrängte sie. Sie wies ihn ab. Verklagte ihn. Bekam Recht und eine „Entschädigung“. Zwischenzeitlich war Pauli, Klosters Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er war ein gebrochener Mann. Doch erfolgreich wie nie zuvor. Er stand auf einmal in der Öffentlichkeit, genoss es scheinbar im Rampenlicht zu stehen. So kannte ihn Luciana nicht. Und weiter? Lucianas Freund – ertrunken. Während des Urlaubs am Meer. Dort hat sie auch Kloster wieder gesehen. Zufall? Lucianas Eltern – an einer Pilzvergiftung gestorben. Sie waren erfahrene Pilzsammler. Dass ausgerechnet ihnen ein Grüner Knollenblätterpilz ins Essen gerät, war eher unwahrscheinlich. Am Tag der Beerdigung sah Luciana ihn – Kloster –  wieder. Wahrscheinlich hat er nur das Grab seiner Tochter besucht.

Bis hierhin ist alles klar. Kloster hat irgendwie seine Finger im Spiel. Auch an dem Mord an Lucianas Bruder, der von einem geflohenen Lebenslänglichen bestialisch der Garaus gemacht wurde. Luciana bittet nun ihren alten Freund, den Schriftstellerkollegen des so berühmten Klosters, dem Erzähler ihr zu helfen. Das tut er gern. Offen und ehrlich tritt er Kloster gegenüber. Auffallend gut informiert ist dieser Kloster, muss er zugeben. Er durchschaut das Spiel. Und er hat seine eigene Version darüber, was in den vergangenen zehn Jahren passiert ist …

Was sich anfänglich nach einem glasklaren Fall anlässt, wandelt sich abrupt zu einem Vexierspiel, in dem der Leser aufpassen muss nicht dem Falschen auf den Leim zu gehen.  Nach und nach – ganz langsam, so wie es der Titel verspricht – wird jeder der beteiligten unweigerlich zum Verdächtigen. Jedes Wort wird als Ausrede wahrgenommen, so dass man schließlich kaum noch jemandem etwas glauben kann. Und genau das will Guillermo Martinéz! Und ganz ehrlich: So will es auch der Leser!