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Der Billabongkönig

Drei kurze Fragen, die sogar Kinder um Handumdrehen beantworten können: 1. Wie nennt man den Chef in einem Reich? 2. Darf der alles bestimmen? 3. Kann man dagegen etwas unternehmen? Die Antworten lauten König, nö und ja. Bleibt nur noch die Frage, was ein Billabong ist. Das sind – in Australien – Seitenarme von Flüssen, meistens gibt es da noch Wasser, wenn ringsum alles ausgedörrt in der Gluthitze stöhnt. Und hier herrscht der König. Und da es in Australien keine Löwen gibt, den König der Tiere, übernimmt hier das Krokodil diesen Job. Im Falle dieses Buches heißt er Ben. Und Ben hat ein Problem. Seit dem letzten Raub- bzw. Fischzug steckt ihm eine Gräte quer rechts unten im Gebiss. Zwischen siebter und achter Stelle, wie er leicht gereizt dem Erzähler auf die Sprünge hilft. Und selbst ein König muss mal zum Zahndoktor. Auch hier gilt wieder: Das kennt jeder! Hier im Outback erledigt diese verantwortungsvolle Arbeit aber kein Weißkittel, sondern Kaukasius Grätenzieher II. Ihro Exzellenz von Stolzhausen-Stammberg. Ein Krokodilwächter, ein Vögel. Geschickt pickt er das zwischen den unzähligen Zähnen der Krokodile heraus, was da nicht hingehört. Und im Falle von Kaukasius hat Ben den Besten der Besten für sein Wehwehchen ausgesucht. Aber auch den Arrogantesten! Er weiß um seinen Ruf, und schwatzt Ben ein echt nachhaltiges Versprechen ab… Doch wenn das Maul schmerzt, wird selbst ein Krokodil weich.

Ben hat also eine Art Blankoscheck unterschrieben. Kaukasius hat einen Wunsch frei. Die Zeit vergeht. Ben regiert, wie es sich für einen König gehört. Nach und nach fällt ihm auf, dass die Krokodilwächter immer weniger werden. Sie verschwinden langsam aus dem Reich des Billabongs. Das ist ungewöhnlich. Denn sie müssen keine Angst vor den Krokodilen haben. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Krokodilswächter nicht gefressen werden dürfen. Warum das an dieser Stelle noch einmal so explizit erwähnt wird, erschließt sich aus dem Wunsch Kaukasius’. Denn eines Tages fordert der die Erfüllung des unterschriebenen Vertrages „Ein Wunsch frei!“ von Ben ein. Ein paar tausend Kilometer entfernt ist ein weiterer Krokodilswächter. Und der stört Kaukasius. Ben soll ihn fressen! Was? Das geht doch gar nicht! Aber Wunschschulden sind Ehrenschulden – schon allein wegen solcher Gedankengänge und Formulierungen lohnt es sich dieses Buch zu lesen. Mehr sei an dieser Stelle zur Geschichte nicht verraten…

Während des so genannten Lockdowns haben sich viele Autoren und Künstler in Selbstmitleid aufgelöst. Manche fühlten sich berufen das erste Lockdownbuch zu schreiben – was aber auch zu keinem nennenswerten Ergebnis führte – und andere wiederum griffen die Chance beim Schopfe und machten das, was sie am besten können: Schreiben. Für Kinder. Für die eigenen, für alle anderen. Zwischen Hängemattenabmatten und Badewannenwonnen schuf Matthias Kröner das Kinderbuch, das die kommende Saison mit strahlenden Kinderaugen erhellen wird. Weit weg von zuhause, wo ein Möwenschiss die einzige Gefahr darstellt, siedelt er seine Geschichte an. Auch im Dschungel die Regeln für das Leben aufgestellt und deren Einhaltung überwacht. Dass das nicht immer ganz einfach ist, erleben wir tagein tagaus in den Nachrichten. Im Tierreich ist man da noch ein wenig unkonventioneller. Aber bei Weitem nicht uneffektiver.

Matthias Kröner verzichtet auf überbewusste Kindersprache und gibt den jungen Lesern (oder Zuhörern, die sich noch vorlesen lassen) genug Raum, um die Geschichte in eigenen Kosmos umsetzen zu können. Was bedeuten Freundschaft, Macht und Gemeinsinn? So manche Abhandlung von Pseudophilosophen (neben dem Berufsbild Fernsehkoch gibt es immer mehr Fernsehphilosophen) kann dagegen nicht ankommen. Man möchte schon nach einer Fortsetzung schreien…

Schlei

Bleiben wir realistisch: Wer weiß wo der, die, das Schlei liegt? Südlich des Harzes nimmt das Wissensniveau sicher deutlich ab. Zwischen Kappeln und dem Ort Schleswig schlängelt sich ein Fjord durch die Landschaft, und der heißt Schlei. Weiter im Norden ist Flensburg, südöstlich liegt Kiel. Nun wissen wir, wo wir sind. Der Grund, warum man hier urlauben sollte, ist immer noch verschleiert. Franz-Josef Krücker, Jutta Lietsch und Andreas Lorenz geben dem Leser nicht viel Zeit, um sich weiter zu wundern. Ab der ersten Seite – und eigentlich beginnt die reisende Lesung oder die erlesene Reise schon mit dem Einband – steigt die Vorfreude auf die nächste Seite und die Ferienzeit.

Wenn andernorts von Dorfidylle die Rede ist, sind Abenteuerlustige schon aus dem Rennen. Hier Oben im Norden, wo das Auge tatsächlich bis zum Horizont schauen kann – weiter geht physikalisch einfach nicht – sucht man nicht Ruhe, Abgeschiedenheit und Orte zum Tiefeinatmen. Man findet sie. Beim Radfahren, beim Spaziergang, beim Entspannen.

Wie wär’s mit einem Abstecher in die kleinste Stadt Deutschlands? Noch kleiner als der Vatikan. Arnis. Kein Schreibfehler, Arnis hat 300 Einwohner, und wenn man sich die Abbildungen anschaut, kann man das nicht glauben. Hier kann man mehr Zeit verbringen als es die puren Zahlen vermuten lassen. Vollendete Fachwerkhäuser machen einen Spaziergang zu einem Augenschmaus.

Wer ein bisschen mehr Nervenkitzel verträgt kann sich über den Brudermord auf der Schlei informieren. Nur so viel: Die Geschichte hat biblische Ausmaße und liegt mehr als 750 Jahre zurück.

Das Wikingerdorf Haithabu ist sicher der bekannteste Ort an der Schlei. Geschichte zum Anfassen und sehr gut erhaltene und restaurierte Hinterlassenschaften lassen die wilden gesellen von einst einmal mehr auferstehen.

So schleierhaft es erscheinen mag, das der Begriff Schlei nicht bekannter ist, so wichtiger ist es ihn endlich einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Am besten tut man das mit diesem Buch. Unermüdlich hat das Autorentrio alles, wirklich alles zusammengetragen, was wissens- und sehenswert ist. Hier steht jeder Satz an der richtigen Stelle, jedes Bild verspricht das, was man erleben kann, und die Karten erlauben es, dass man Navi und Smartphone beiseite legen kann.

Die Schlei muss sich nicht verstecken hinter großen Namen. Ihr Pfund ist die Exklusivität, die nur ein verborgener Schatz haben kann.

Der langsame Tod der Luciana B.

Wenn man sich zehn Jahre nicht gesehen hat, freut man sich auf das Wiedersehen, wenn man sich so gemocht hat wie der Erzähler in diesem Buch und seine ehemalige Assistentin Luciana. Sie half ihm als er wegen einer Handverletzung nicht selbst schreiben konnte. Der damals schon erfolgreiche Autor Kloster war verreist, und so hatte Luciana bei ihm einen Überbrückungsjob bis Kloster aus dem Urlaub zurückkehrte. Doch was nun in seiner Tür steht hat nichts mehr mit der Luciana von vor zehn Jahren zu tun. Die Lebensfreude ist nicht nur aus ihrem Gesicht, sondern aus ihrem gesamten Körper gewichen. Das hat einen Grund: Kloster!

Er hat ihr Leben zerstört und macht sich nun daran Luciana B. endgültig zu töten. Was war geschehen? Als Kloster aus dem Urlaub mit Frau und Tochter zurückkehrte, machte er ihr mehr als nur Avancen. Er bedrängte sie. Sie wies ihn ab. Verklagte ihn. Bekam Recht und eine „Entschädigung“. Zwischenzeitlich war Pauli, Klosters Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er war ein gebrochener Mann. Doch erfolgreich wie nie zuvor. Er stand auf einmal in der Öffentlichkeit, genoss es scheinbar im Rampenlicht zu stehen. So kannte ihn Luciana nicht. Und weiter? Lucianas Freund – ertrunken. Während des Urlaubs am Meer. Dort hat sie auch Kloster wieder gesehen. Zufall? Lucianas Eltern – an einer Pilzvergiftung gestorben. Sie waren erfahrene Pilzsammler. Dass ausgerechnet ihnen ein Grüner Knollenblätterpilz ins Essen gerät, war eher unwahrscheinlich. Am Tag der Beerdigung sah Luciana ihn – Kloster –  wieder. Wahrscheinlich hat er nur das Grab seiner Tochter besucht.

Bis hierhin ist alles klar. Kloster hat irgendwie seine Finger im Spiel. Auch an dem Mord an Lucianas Bruder, der von einem geflohenen Lebenslänglichen bestialisch der Garaus gemacht wurde. Luciana bittet nun ihren alten Freund, den Schriftstellerkollegen des so berühmten Klosters, dem Erzähler ihr zu helfen. Das tut er gern. Offen und ehrlich tritt er Kloster gegenüber. Auffallend gut informiert ist dieser Kloster, muss er zugeben. Er durchschaut das Spiel. Und er hat seine eigene Version darüber, was in den vergangenen zehn Jahren passiert ist …

Was sich anfänglich nach einem glasklaren Fall anlässt, wandelt sich abrupt zu einem Vexierspiel, in dem der Leser aufpassen muss nicht dem Falschen auf den Leim zu gehen.  Nach und nach – ganz langsam, so wie es der Titel verspricht – wird jeder der beteiligten unweigerlich zum Verdächtigen. Jedes Wort wird als Ausrede wahrgenommen, so dass man schließlich kaum noch jemandem etwas glauben kann. Und genau das will Guillermo Martinéz! Und ganz ehrlich: So will es auch der Leser!

Von Venedig nach Syrakus

Ulrike Rauhs Reiseberichte sind immer eine besondere Art der Reiseberichte. Sie vermischt Realität und Fiktion so zauberhaft, dass es einem nicht auffällt, was Wahrheit, und was Fiktion ist. Und dann das Thema, die Reise! Von Verona im Norden bis ins südliche Sizilien nach Syrakus. Heureka möchte man rufen!

Und erst die Zwischenstationen. Bergamo, die pittoreske Schönheit im Schatten Mailands. Das ländliche Gubbio in Umbrien, das jeden Nostalgiker in seinen Bann zieht. Das stufenreiche Perugia mit seinem historischen Kulturgut. Und natürlich Roma, das in Ulrike Rauhs Erzählungen selbst einem Römer tränen in die Augen treibt. Sehnsucht, Dein Name ist Roma! Und Lecce, das nur so vor Historie strotzt und an jeder Ecke mit seinen Reizen prahlt. Das dunkle Napoli, das sich immer wieder herausputzt und Neugierige anlockt. Zu Recht! Und dann endlich, sicilia! Meeresrauschen, Glanz und weniger Glanz. Prunk und Alltag.

Ulrike Rauh schreibt keine Reiseanleitungen, die man Wort für Wort nachempfinden muss. Sie gibt kleine Appetithappen, die man mit Genuss herunterschlingt oder sich auf der Zunge zergehen lässt. Letzteres ist nachhaltiger. So wie ihre Bücher. Vielleicht erkennt man beim Bummeln durch die beschriebenen Orte das Eine oder Andere wieder. Und dann weiß man ganz genau, was hier passierte, wer hier residierte und seiner Kunst fröhnte. Denn Ulrike Rauh ist keine Touristin im herkömmlichen Sinne. Die studierte Germanistin kennt sich aus und weiß, warum Italien nur allzu gern als bella italia bezeichnet wird. Sie weiß wer, wann, wo, was tat und strebt mit Absicht, manchmal auch zufällig auf diese Orte zu.

Wie immer an ihrer Seite ein Mann, der ihr sein Italien zeigt. Sie lässt sich gern an die Hand nehmen. Und nimmt ihrerseits den Leser mit an die Hand und zeigt ihr Italien, dass sie gerade erst (einmal mehr) und / oder nicht zum ersten Mal kennenlernt. Als erfahrener Tourist oder als Italien-Neuling ist man verblüfft von der Vielfalt des Landes und staunt, was man immer noch nicht kennt.

Dieser Appetithappen unter den Reiseberichten besticht durch seine klare Linie und die mitreißenden leidenschaftlichen Worte. Ideal für ruhige Stunden auf einer Bank am Meer, am Fuße eines Berges, in einem ruhigen Park oder im Café.

Literarische Ostsee 2020

Für viele ist es der Inbegriff der Erholung: Am Strand ein Buch endlich mal in Ruhe und nachhaltig lesen zu können. Für einige ist ein noch höheres Gut am Meer ein Buch zu schreiben. An der malerischen Ostsee haben sich schon vor Jahrzehnten, ja sogar vor mehr als einem Jahrhundert die Dichter und Denker eingefunden, um Inspiration zu finden und diese dann zu Papier gebracht. Doch nicht nur Gerhart Hauptmann oder Thomas Mann, beide immerhin Literatur-Nobelpreisträger, auch Günter Grass lebte in Lübeck an der Ostsee – da muss was ganz besonderes in der Luft liegen – ließen sich eine Brise Salzwasser um die Nase wehen, während sie Großes schufen.

Vladmir Nabokov wuchs in Sankt Petersburg auf. Und das liegt bekanntlich an der Ostsee. Dort wurden die Grundlagen gelegt für zeitlose Romane wie „Lolita“. Seine Familie musste das östliche Baltikum verlassen, London, Berlin und Frankreich waren seine Exilorte. Leider allesamt meereslos.

Jules Verne hingegen verbindet man nicht sofort mit der Ostsee. Doch Professor Otto Lidenbrock, der Held der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ hatte den Salzwassergeschmack im Munde als er zu seiner abenteuerlichen Reise aufbrach. Und ein weiterer – unbekannterer – Roman Jules Vernes spielt in einem Ostseestaat: „Ein Drama in Livland“.

Einmal kurz durch den Kalender geblättert und schon hat man die ganze Welt des Ostseeeinflusses versammelt. Im weiteren Verlauf des Jahres (ein Tag mehr, 2020 ist ein Schaltjahr) kommen einem immer wieder berühmte Namen unter, die an der Ostsee geboren wurden, ihre Romane dort spielen lassen oder an diesem Meer geschrieben wurden. Namen wie Karen Blixen aus Dänemark, deren Hauptwerk „Jenseits von Afrika“ wärme Wassertemperaturen nicht nur erahnen lässt. Oder Hans Fallada und Asta Nielsen, die auf Usedom im Sommerhaus Müller unter anderem den Ostseejünger Joachim Ringelnatz empfing.

Es ist ein bunter Reigen an prominenten und weniger bekannten Namen der Geschichte. Die Kreidefelsen auf Rügen sind ohne Caspar David Friedrich undenkbar. Siegfried Lenz und die Küste von Schleswig-Holstein bis Pommern bilden eine derart enge Verbindung, das man sich gar nicht getraut beide in zwei verschiedene Sätze zu bringen.

Alles in allem ein sehr bewegender Kalender. Alles in allem? Da war doch noch was? Ach ja, Simone de Beauvoir. Doch was hat die mit der Ostsee zu tun? In den 60er Jahren besucht sie immer wieder die Sowjetunion zusammen mit Jean-Paul Sartre. Der Abstecher nach Estland beeindruckte sie so sehr, dass sie im vierten Teil ihrer Memoiren mehr als überschwänglich davon berichtete. Und der hieß: „Alles in allem“. Joseph Roth, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka – sie genossen die Sommerfrische in schäumender Gischt, ließen den feinen Sand durch die Zehen rinnen und verewigten so manche Stunde und so manchen Ort in ihren Werken. Selbst Albert Einstein (noch ein Nobelpreisträger) konnte hier seien müden Knochen wieder auf Trab bringen. Dieser Kalender hält die kleinen grauen Zellen – nein, Agatha Christie war nie an der Ostsee – ein Jahr lang ordentlich auf Trab und lässt die Seele für wenige Momente ein wenig baumeln.

Berliner Geschichte Kalender 2020

Berlin nicht als historisch bedeutsame Stadt anzuerkennen, zeugt von Unwissenheit. Hier wurden bedeutende Großen ihres Faches geboren, Weltgeschichte geschrieben, rauschende Feste gefeiert. Und jedes Mal war ein Fotograf oder Maler zur Stelle, der diese bedeutenden Ereignisse festhielt. Ihre geschaffenen Zeugnisse sind es, die Geschichte erlebbar machen. Und 2020 wird ein Jahr, in dem man jede Woche diese Geschichte(n) noch einmal fast schon hautnah in Erinnerung rufen wird.

Das Jahr beginnt mit einem nicht ganz so glanzvollen Jubiläum, dass die 70er Jahre einläutete. Der Franz-Klub wurde gegründet. Sagt nicht mehr vielen etwas, hallte aber noch lange nach. Kultur war auf dem Gelände der Schultheiss-Brauerei schon länger zuhause. Jetzt kamen Rock und Jazz hinzu. Regimekritik zwischen den Zeilen lockte die Musikfreunde wie Systemkritiker gleichermaßen an. Die Luftaufnahme aus dem Jahr 1977 zeigt die Schönhauser Allee aus einem Blickwinkel, den nicht viele genießen konnten und können.

Berlin hatte wie ganz Deutschland und Europa auch dunkle Zeit zu durchleben. Am 22. Februar 1935 kam das Aus für eines der bekanntesten Musikensembles seiner Zeit, den Comedian Harmonists. Das der Nachweis der arischen Herkunft nicht für alle Mitglieder zu erbringen war, wurde ihnen die Aufnahme in die Reichsmusikkammer verwehrt. Auf Deutsch: Auftrittsverbot! Das abgebildete Plakat sorgt heute noch (nach 85 Jahren) für große, leuchtende Augen.

Einen Massenauflauf gab es im Osten der Stadt am 19. April 1970, dem Jahr, in dem der Rock in die Kulturbrauerei einzog, an heutigen Platz der Vereinten Nationen, damals Leninplatz. Ein gigantischer Granitbrocken wurde aufgestellt. Der abgebildete hatte drei Tage später seinen hundertsten Geburtstag. Die Rede ist von Lenin. Sein „Mietvertrag“ dauerte allerdings nur reichlich zwei Jahrzehnte. 1991 wurde er geköpft, abgebaut und im Köpenicker Forst vergraben.

Von der ersten Litfasssäule (drei S!) über die Reichstagsverhüllung bis zur Geburt von Prinzessin Luise Ulrike von Preussen (muss mit zwei S auskommen, die Ärmste) ist man im Jahr 2020 bestens informiert und unterhalten über das, was Berlin bewegte. Erschütternd, propagandistisch, nachvollziehbar, so muss Geschichte gezeigt werden!

Kalender 2020 Art culinaire

Dieser Kalender macht jetzt schon (und bis zum 31. Dezember 2020) Appetit auf mehr! Hier kommen die größten Oliven, die prächtigsten Heidelbeeren und die saftigsten Birnen der Welt nicht auf den Tisch, sondern an die Wand. Ein lukullisches Museum, das dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr geöffnet hat. Und zwar im Großformat, dass jeden Raum in einen Genussarium verwandelt.

Es gehört zu einer guten Tischsitte, dass neben einem guten Mahl gelungene Gespräche dazugehören, um einen perfekten Abend verbringen zu können. Als amuse gueule, an Appetitmacher, als geistvolle Beilage zum Augenschmaus, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, sind die Monatsblätter mit sinnfüllenden Sprüchen großer Köpfe garniert. Denn „gute Küche ist häufig, eigentlich fast immer, einfache Küche.“ Dieser Satz aus dem Munde von Anthony Bourdain, einem Genussmenschen par excellence schmückt zwar „nur“ den Monat September in diesem Kalender, ist jedoch auch und vor allem der rote Faden, der sich beim Betrachter um die Gedanken wickelt.

So manchem wird dieser Kalender eine Anregung sein, die eigene Kochstelle in einen Hort höchster Genüsse zu verwandeln. Wenn schon so vollendete Kunst einen umgibt, kann man sich am Herd auch verwirklichen. „Art Culinaire“ mit schnöder Küchenkunst gleichzusetzen, wäre fatal. Man kann sich die Macher dieses Kalenders vorstellen, wie sie mit knurrendem Magen die zwölf Bilder arrangiert haben und sich vorstellten wie nach der Fotosession dieses kleinen Kunstwerke im Anschluss ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt werden.

Kalender 2020 Wasserfälle

Die Ruhe an einem rauschenden Wasserfall finden, klingt nicht unbedingt nach einem durchdachten Plan. Wenn gigantische Wassermassen über Klippen im freien Fall der Schwerkraft nachgeben, tun sie dies mit ohrenbetäubendem Lärm. Wie kann es also sein, dass Wasserfälle so eine Ruhe ausstrahlen? Es ist wohl die Gleichmäßigkeit der Geräuschkulisse. Und die Erhabenheit des Moments. Ihn festzuhalten, gelingt nicht immer.

Ganze zwölf Mal ist es wohl doch gelungen. Und zwar für diesen Kalender! Der Januar eröffnet das Jahr mit einer wuchtigen Gegensätzlichkeit. Schroffe Felsen, deren scharfen Kanten die Wassermassen noch nichts anhaben konnten. Und hindurch ein feiner Nebel aus reinstem Wasser. Gefunden in Oppland, Norwegen. Im Hintergrund verbirgt sich die Quelle dieses Naturschauspiels: Gletscher.

Weitaus beruhigender wirken da hingegen die Cascade Falls im Zion-Nationalpark in Utah. Vor der beeindruckenden Kulisse unendlicher Berge plätschert schon fast lautlos der Fluss dahin. 2020 kann dieses Naturschauspiel einen Tag länger beobachtet werden. Es ziert den Februar, der im Vierjahresrhythmus einen Extratag geschenkt bekommt.

Es folgen grüne Wochen und Monate, in denen mal mehr, mal weniger kraftvoll das kühlende Nasse über die Klippen springt, träufelt oder herabsinkt.

Wie ein Höllenschlund mit galliger Brisanz treibt der Hochsommer ein gefährliches Spiel mit dem Betrachter. Sanfte grüne Hügel, ein kleiner Wasserfall – alles im Hintergrund. Doch im vorderen Teil reißt die Erde ihr Maul auf und verschlingt jedes Molekül Wasserstoff und Sauerstoff. Den Grund dieser Hölle sieht man nicht. Aufgenommen in der Groppensteinschlucht im österreichischen Kärnten. Hier ist jeder Schritt näher an das Spektakel eine Mutprobe.

Das Jahr beschließt der Gullfoss auf Island. Fast scheint die Zeit stillzustehen. Stürzen die Wasserfälle sich noch in den Abgrund oder hat der Frost alles zum Stillstand gebracht? Man muss schon zwei Mal hinschauen, um den Fortgang zu erkennen.

Mutter Natur kann aufwühlen, aber ich gleichen Atemzug auch beruhigend wirken. Wer vor einem Wasserfall steht, kann sich zurücklehnen und dem Schauspiel aus sicherer Entfernung zuschauen. So wie bei diesem Kalender. Tag für Tag erscheinen im Großformat unendliche Wassermassen und rauschen in die Tiefe. Man selbst bekommt nicht einen Tropfen ab, ist jedoch nicht minder erstaunt über dieses naturgetreue Abbild.

Legenden

Wie stellt man sich einen Roman über die Provence vor? Sonne, lavendelduftende Felder … das einzige, das die Idylle annähernd stören könnte, ist der fiese Mistralwind. Aber ansonsten eine Landschaft zum Verlieben. Sylvain Prudhomme sieht diese Landschaft auch. Doch er siedelt seine Geschichte in der Crau an, einem Landstrich der Provence, die mehr einer futuristischen Gesteinswüste mit Endzeitstimmung ähnelt. Aber keine Angst, diese Legenden werden ab der ersten Seite den Leser zum gefräßigen Lesetier machen. Absetzen unmöglich!

So zufällig wie in der Crau Leben anzutreffen ist, so zufällig treffen Nel und Matt aufeinander. Ihre Kinder sind befreundet und ihre Väter verbindet schon bald eine tiefe Freundschaft. Durch ein Filmprojekt über die Gegend von Arles, da, wo sonst nur Steine von der Vergangenheit zeugen, wird dieses Band noch enger geschmiedet. Denn allerorten und dann auch wieder nirgends fallen die Namen Christian und Fabien. Brüder. Dem Blute nach. Der Eine elegant, der Andere ein Raufbold. Nur kurze Zeit lebten sie hier in der Kargheit der Steine, doch ihr Leben ließen sie sich niemals von ihrer Umgebung beeinflussen. Echte Lebensfreude, die nur eine kurze Zeit dauerte. Doch Nel und Matt – Sylvain Prudhomme baut eine kleine Beziehung der beiden Freundespaare ein – sind von nun an auf den Spuren von Christian und Fabien.

Mit unbeirrbarer Sicherheit schickt Prudhomme seine Protagonisten und den Leser auf eine Odyssee in die Achtziger. Ein Pilot und ein Schmetterlingssammler / -forscher, die paarweise bekannt sind wie die sprichwörtlichen bunten Hunde. Angst muss man vor dem dynamischen Duo nicht haben. Doch ihre unbändige Lebenskraft verstört so manchen. Nel und Matt sehen in ihnen fast schon ein Pendant zu sich selbst. Haarscharf an der Klischeegrenze forciert Prudhomme das Tempo seines Romans, den man schwer einordnen kann. Hofft man zuerst, dass es zu einem großen Knall kommen wird, so ist man doch erleichtert, dass Fabien und Christian einfach nur zwei Menschen sind, denen das Leben nur mit offenen Händen zugetragen wurde. Sie nutzen sämtliche Chancen, sehen sich schlussendlich aber doch einem Ende gegenüber, das viel zu früh und viel zu hart den Weg in die Zukunft versperrt.

Anfangs sollte es „nur“ ein Filmprojekt sein. Bei den Recherchen erfahren Nel und Matt viel mehr über die Gegend, Fabien und Christian und sich selbst. Alle Hauptdarsteller treten in Paarformation auf. Jeder für sich bietet schon genug Stoff für eine Geschichte, wenn nicht sogar für einen Roman. Entgegen aller mathematischen Gesetze verdoppelt sich der Reiz der Geschichte nicht nur durch die Verdoppelung der Handlenden, sondern potenziert sich ins Unermessliche. Die Provence, die Camargue, die Crau zu bereisen ohne diesen einzigartigen Roman gelesen zu haben, wäre so gar nicht legendär. Die exakten Beschreibungen der Landschaft, der Menschen, die hier leben, sind so berührend und nachvollziehbar, dass „Legenden“ einfach ins Handgepäck gehört.

Nomen est omen

Das Jahr beginnt mit dem Wolf. Nein, kein neuer Kalender oder eine neue Kalenderrechnung – seit einem halben Jahrtausend lebt der Großteil der Erdbevölkerung nach dem gregorianischen Kalender. Wolfsmonat ist eine alte Bezeichnung für den Januar. Und der wiederum bezieht sich auf Janus, was dem Wort „ianua“, Tür, bedeutet. Man kann von zwei Seiten hindurch gehen, hat also zwei Blickwinkel. Daher wird der Januskopf gern auch als Sinnbild für Zweispalt gesehen.

Das Jahr hat kaum angefangen und schon wird alles, was bisher war in einem anderen Licht dargestellt. Denn schon einen Monat später beginnt Hornung. Auch DIE Hornung, wenn zum Beispiel die Hirsche ihr Geweih abwerfen. Das ist zwar nur eine Theorie, aber eine, die Sinn macht. Wer will schon gern als Narr bezeichnet werden, nur weil er im Narrenmond geboren wurde?!

Beim Juli ist die Namensgebung etwas einfacher. Sie stammt vom Julius Cäsar. Der, der den julianischen Kalender ins Leben rief, bzw. der Namensgeber war. Doch der ist seit Ende des 16. Jahrhunderts wegen Ungenauigkeit in Reich der Antiquitäten verbannt worden. Bärenmonat, Heuert oder Honigmond wird der Juli auch genannt. Honeymoon, die Flitterwochen haben der ihren Namen und ihre Bedeutung. Es wurde also im Juni vermehrt geheiratet. Kennt man sonst nur aus amerikanischen Soaps („Oh mein Gott, es wird eine Junihochzeit“ – kaum eine Serie kommt ohne dieses Zitat aus, warum auch immer). Und im Juli wird dann geflittert.

Nicht zu verwechseln mit dem Julmond. Der kommt erst zum Ende des Jahres. Er war ja mal der zehnte Monat des Jahres, decem=zehn, und geht auf das germanische Julfest zurück.

2019 wird das Jahr der Zahlen und der Monate. Wie achtlos man doch mit dem Kalendermonaten umgeht. April, Mai, September – die Namen sprudeln nur so aus einem heraus. Doch ihre Bedeutung kennen nur die wenigsten. Am dem ersten Hartung wird das nun alles anders. Über Bleuet, Brachet bis zum letzten Tag des Dustermond kann man sich mit den kurzen Texten als wissender Neuerer der Semantik hervortun. Ach ja, die Wochentage kann man an diesem Kalender auch ablesen. Da muss man sich allerdings konzentrieren. Denn die Zeichnungen, die Anna Gusella den jeweiligen Monaten als farbenfrohe Untermalung im Hochformat zur Seite stellt, lecken schnell vom eigentlichen Sinn des Kalenders ab. Blau, rot, gelb strahlen heroische Gestalten, genießen wohlgeformte Körper die freie Zeit, geben Jagdszenen einstimmungsvolle Denkstöße. Nur drei Farben, die vollkommen ausreichend sind, um diesem anspruchsvollen Kalender den passenden künstlerischen Rahmen zu geben.