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Spaziergänge durch mein Tessin

Nicht erst seit der Verleihung des World Cookbook Award zu Beginn des Jahrtausends hängt man an die Region Ticino, deutsch Tessin, gern den Zusatz con amore, mit Liebe. Ein einzigartiges Buchkonzept schlug damals vor rund eineinhalb Jahrzehnten sämtliche Mitbewerber aus dem Rennen. Und es waren sicher nicht wenige, die nun auf diese Region im Süden der Schweiz aufmerksam wurden und sich seitdem zwischen Palmen, Bergen und Seen dem Leben die wirklich guten Seiten abgewinnen lassen.

Auch die Autorin Eveline Hasler liebt das Tessin. Ihre Liebeserklärung sticht aus dem Berg der Ahs und Ohs in vielfacher Hinsicht heraus.

Das Bild vom Tessin ist meist das Bild des paradiesischen Sommers. Kein Wolke am Himmel, unten schimmert der Lago Maggiore im kitschigsten Blau, das man sich vorstellen kann. Doch auch im Tessin gibt es ein normales Leben. Dichte Nebelfetzen in dem einen Tal, strahlender Sonnenschein hinter dem nächsten Berg. Dorfidylle und hartes Einsiedlerleben gehen Hand in Hand mit dem luxuriösen Urlaubsgefühl, das man sich leisten können muss. Die Liebe zum Genuss vereint beide Seiten der Medaille.

Eveline Hasler kennt das Tessin. Sowohl die sonnenüberfluteten Tage als auch die dicke Suppe, die die Hand vor den Augen verschwinden lässt. Sie kann sich immer noch an Aussichten von Oben nach Unten und umgekehrt ergötzen, weiß aber auch, dass harte Arbeit hier täglich Brot bedeuten kann. Da ist Nahrungsaufnahme überlebenswichtig, im Gleichschritt aber auch Ausbruch aus der harten Realität. Jedem ihrer Kapitel dieses exzellenten Reisebandes ist ein Rezept angefügt, mit dem das Tessin auf den Teller gezaubert werden kann, um dem Zauber ticino (con amore) einen Schritt oder einen Happen näher zu kommen.

Eveline Hasler stellt ihr Tessin vor, ohne dabei den Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder/und Vollkommenheit zu äußern. Langsame Schritte, genaue Beobachtungen und emotionale Erinnerungen lassen den Leser eine Weile mit ihr gehen. Jede rast wird zum Exkurs ins Leben im Tessin. Unterwegs trifft man Hermann Hesse samt Sohn, den Krimirevolutionär Friedrich Glauser und Tom-Ripley-Mama Patricia Highsmith, die hier einen Teil ihres Lebens genießen konnten. Ein ums andere Mal fühlt man sich ermutigt selbstständig einige Schritte zu wagen. Nicht nur beim Nachkochen. Nein, so ganz nebenbei wecken einzelne Abschnitte im Buch die Sehnsucht selbst den Fuß vor die Tür zu setzen und nicht eher zu ruhen bis Tessiner Boden die Schuhsohlen berührt. Ein Appetitanreger in vielerlei Hinsicht!

Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt als mittelmäßig zu bezeichnen, weil es die achtgrößte Fläche besitzt (bei 16 Bundesländern also genau in der Mitte liegt) oder weil es geographisch eben in der Mitte Deutschlands liegt, wäre ein nicht zu unterschätzender Fehler. Denn schon bei der bloßen Erwähnung der so genannten Must-Sees, staunt man, was tatsächlich alles in Sachen-Anhalt liegt: Zwei Lutherstädte, Eisleben und Wittenberg, der Harz, die Weinregion rund um Naumburg samt dem bedeutenden Dom mit der berühmten Uta, der Kyffhäuser und die Bauhausstadt Dessau. Von A wie Altmark bis Zeitz (Autokennzeichen ZZ, danach kommt nichts mehr in dieser Liste) ist also alles vertreten.

Das stiefkindliche Image, das das Land lange Zeit mit sich trug, ist endgültig abgeschüttelt. Die Landeshauptstadt Magdeburg wird immer öfter besucht, auch weil das karge Industrieimage einem landschaftlich ansprechenden Gesicht gewichen ist. Der Harz war, ist und wird immer ein Anziehungsort bleiben. Städte wie Wernigerode und Quedlinburg sind fester Bestandteil eines jeden Besuches. Und wer Naumburg besucht ohne den Dom zu besichtigen, dem fällt auch der Eiffelturm in Paris nicht auf.

Und dennoch gibt es im Land mehr zu entdecken als die Wirkungsstätten von Luther oder Willi Sitte (Maler der Leipziger Schule, ein Leben lang in Halle verwurzelt).

Wer weiß schon, dass auch Sachsen-Anhalt ein Burgenland aufzubieten hat? Ellenlange, gewundene Straßen unterm Blätterdach endloser Alleen machen allein schon die Anfahrt zu einem Erlebnis. Und wer im Wörlitzer park spazieren gegangen ist, wird immer wieder kommen. Zahlreiche kleinere Städte wie Weißenfels, Merseburg oder Tangermünde locken nicht mit der einen großen Attraktion, die man unbedingt gesehen haben muss. Ihr Charme liegt in dem Abenteuer sich Straßen und Gassen und Plätze selbst zu erobern.

Und dabei ist dieser Reiseband unerlässlicher Begleiter, hilfreicher Ratgeber und fortwährender Antreiber bei diesen Erkundungstouren. Die ausgewogene Mischung aus offensichtlichen Orten ,die man gesehen haben muss und dem, was man selbst auf dem zweiten Blick nur mit scharfgestellter Neugierbrille erkennt, lassen diesen Reiseband immer wieder in die Hand nehmen. Egal ob für den Tagesausflug, einen Städtetripp oder ausgeweitete Wanderungen – hier geht’s lang. Ohne Zwischenstopp durch Sachsen-Anhalt.

Köstliches und Kostbares

Wenn man auf drei Kontinenten zu Hause ist, wird die Beantwortung der Frage nach der Heimat zu einem Hindernislauf. Die Wurzeln sind unleugbar. Maryse Condé ist auf Guadeloupe geboren, lebte in Afrika, Frankreich und lehrte in den USA. Schon im Vorwort wird klar. Heimat ist dort, wo der Herd steht. Schon als Kind stromerte sie in der Küche herum und vermengte allerlei Zutaten zu einer leckeren Mahlzeit. Ihre Geschwister und ihre Eltern waren erstaunt. Das Hauspersonal ging der Kleinen zur Hand.

Die Leidenschaft zum Kochen, zum Bewirten und zum Essen war ihr in die Wiege gelegt worden. Früchte und Fleisch, Reis, deftige Soßen waren die ersten Beigaben zum Glücklichsein. Dieses Glücklichsein hat sie auf ihren Reisen und ihren Aufenthalten in der Ferne bewahrt. Immer gab es irgendwo ein afrikanisches Restaurant oder eine karibische Gruppe, die ihr die Heimat für einen Moment, für einen Abend zurückholte. Wenn Liebe durch den Magen geht, ist Maryse Condé eine geliebte Frau. 2018 wurde ihr der alternative Literaturnobelpreis verliehen. Auch eine Art Liebe zu zeigen.

Es gibt viele Romane, deren Helden sich durch ein reichhaltiges Menü der Sorgen des Alltags entledigen. Ob Camilleris Montalbano, Brunetti in Venedig oder Aurelio Zen, der in seiner Karriere in ganz Italien nicht nur Fälle löste, sondern auch die regionalen Küchen kennenlernen durfte, sie alle wurden am Kochtopf der Heimat ein Stück näher gebracht.

Dieses sehr persönliche Buch ist die konsequente Fortsetzung der Lebensgeschichte von Maryse Condé, die den Leser schon in „Victoire“ so facettenreich ihr Leben offenbarte. Sie würzt ihre Gedanken mit einer ordentlichen Portion Wucht an Worten. Man riecht die Zutaten förmlich, wenn sie in Erinnerungen schwelgt. Abgerundet wird jedes Kapitel mit der Zutat, ohne die jedes Gericht nur fad schmeckt: Liebe.

Ob nun Agouti-Ragout mit Bitterspinat, Garnelen, Zackenbarsch, Mafé, Flankoko (ohne Rum!, den wollte sie schon als Kind hinzugeben) – hier schmeckt einfach alles. Das einzige, was hier verwässert ist, ist der kiololo, ein mehr als dünner Kaffee wie man ihn in der kreolischen Küche oft findet. Ansonsten ist jedes Kapitel, jede Seite, jeder Absatz ein köstlicher und kostbarer Gruß aus der Küche der Erinnerungen.

Con gusto – Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht

Was wollen wir heute essen? Spaghetti!, tönt es keine Sekunde abwartend aus Dutzenden von Kindermündern. Das kennt wohl jeder. Steht irgendwie im Widerspruch zum Klappentext dieses Buches, in dem Autor Dieter Richter ein anderes Bild vom Image der italienischen Küche zeichnet. Ungenießbar. Gesundheitsschädlich. Diese Aussagen hat er sich nicht ausgedacht. Und schon gar nicht meint er sie ernst. Es gab tatsächlich mal eine Zeit – und das ist wirklich gar nicht so lange her – in der Pasta und Pizza als Reaktion auf „Was essen wir heute?“ Stirnrunzeln und verzogene Mundwinkel hervorrief. Das war die Zeit, in der man im Goggomobil oder Käfer nach Bella italia fuhr, um in der unerträglichen Hitze ein Eisbein zu bestellen. Zu viel Neues (des Guten) war dann eben doch zu viel.

Die Zeiten haben sich geändert. Pizza ist das Fastfood numero uno, weltweit! Und Pasta … ja, Pasta führt zu schon zu einem Aufschrei, wenn in der Fertigpackung klammheimlich der Parmesan aus der Packung entfernt wird.

Dieter Richter erzählt uns, den Lesern warum wir Italien so lieben. Denn Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Mit den Gastarbeitern kamen die Nudeln und die Teigtaschen über die Alpen. Erste trattorien entstanden. Und im Handumdrehen waren Braten und Klöße als Festschmaus von Spaghetti, Maccaroni und Pizza salame Verkaufsschlager und das Lieblingsessen freudig strahlender Gesichter jeden Alters. Bald schon hatte man seinen Lieblingsitaliener, den man duzte, der einem respektvoll mit dottore anredete.

Die Kolonisierung der Welt basiert auf der einfachen Küche. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete in der neuen Welt die erste Pizzeria. Durch die Lieferdienste wurde die Eroberung der kulinarischen Welt manifestiert.

Mit Anekdoten und belegbaren wissenschaftlichen Thesen rückt Dieter Richter dem Mythos der cuicna italiana auf den Pelz. Tiefgründig erörtert er, warum wir so hoffnungslos Italien verfallen sind. Dabei bleibt er nüchtern, fast schon teilnahmslos, um jede Skepsis an seiner Analyse im Öl der Erkenntnis zu ertränken.

Treten Sie ein, der beste Platz im ristorante der Kulinarik ist bereits reserviert für den kundigen, neugierigen Italienliebhaber. Ein opulentes Wissensmahl wartet bereits. Das verträgt sich gut mit der dieta mediterranea, der bekömmlichsten aller Diäten.

Pasta mia

Spielt der Mann da oben links auf dem Cover etwa mit dem Essen? Das darf man doch nicht! Gennaro Contaldo darf das! Wer ihn noch nicht kennt … er war der Lehrer von Tim Mälzer und Jamie Oliver. Das reicht, um in Kochkreisen als Legende zu gelten. Doch dieser Ruf gründet nicht allein auf dieser Tatsache, sondern darauf, dass dieser sympathische Koch sein Können nicht alle Nase im Fernsehen unter Beweis stellen muss, sondern, dass er dies gar nicht nötig hat. Und in seinem neuen Kochbuch geht es um Pasta, basta!, sein Lieblingsessen. Und mit dieser Einstellung steht er nicht alleine.

So ein einfaches Gericht, mögen einige nun vorschnell behaupten. Wasser kochen, Pasta in den Topf, fertig. Und da liegt schon der erste Fehler. Wo ist die Zeit? Wie lange kocht man welche Pasta? Schließlich gibt es nicht nur Spaghetti und Penne. Die Lösung ist dann doch einfacher als man denkt, meint Gennaro Contaldo. Ein großer Topf mit reichlich Wasser, denn die Pasta zappelt gern im Wasser herum. Das ist die Basis des guten Geschmacks. Und lässt den Genießer schon vor Aufregung wild auf seinem Stuhl herumzappeln. Das Salz gibt man hinzu kurz bevor das Wasser kocht. Anderthalb bis zwei Teelöffel pro Liter Wasser. Und das Geheimnis um al dente lüftet der Meister auch gleich noch mit.

Ist die Pasta fertig, stellt sich nur noch die Frage der richtigen Sauce. Wie aus dem Handgelenk schüttelt Contaldo die Antwort(en). Ob Rigatoni, Orecchiette oder Conchiglioni – zu jeder Pastaart passt eine Sauce und/oder eine Zubereitungsart.

Liest man sich schon nur die einführenden Kapitel, läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Doch wie bei jedem leckeren Essen, liegt auch hier das Erfolgsrezept in der Ruhe. Schließlich liegen noch über 150 Seiten feinsten Gustos vor dem schmachtenden Leser. Wie zum Beispiel Pastacini, Pastakroketten. Ja, da muss man zweimal hinschauen, um sicher zu gehen, dass man sich nicht verlesen hat. Meersalz, Tagliatelle, Butter, Parmesan Kochschinken, Mozzarella, Eier, Semmelbrösel und Pflanzenöl. Mehr braucht man nicht. Kein Wort zu viel, aber – und das ist bei der Fülle an Kochbüchern nicht immer gegeben – auch kein Wort zu wenig. Gennaro Contaldos Rezepte sind Anleitungen zum Glücklichsein. Da ist es fast schon egal, ob man sich beim Kosten einmal die Zuckerschnute verbrennt. Es schmeckt, dass man alles um sich herum vergisst. Garantiert.

Es ist doch nicht so leicht Pasta so zuzubereiten, dass aus den einfachen Zutaten ein wirklich außergewöhnliches Mahl entsteht. Doch einmal dem Rezept gefolgt, wird man schnell zum Sprengmeister der Geschmacksexplosion. Schon allein die Namen der Gerichte laden zu vacanza in italia ein ohne die eigenen vier Wände zu verlassen: Pisarei e Faso‘, Nocken aus Pasta ohne Ei mit Bohnen. Linguine con tonno fresco e briciole, Linguine mit frischem Thunfisch und Semmelbröseltopping. Mezzelune con zucca e taleggio, Mezzelune mit Butternusskürbis und Taleggio. Da kann man nicht anders: Nachkochen und sich wie in bella italia fühlen. Wenn es Kochbuch gegen die Folgen des Lockdowns gibt, dann dieses!

Zürich abseits der Pfade

Dieser Reiseband wird für Enttäuschungen sorgen! Und zwar bei denen, die schon in Zürich waren und dieses Buch nicht dabei haben konnten. Denn dieses Buch verzichtet auf die großen Sehenswürdigkeiten wie Frauenkloster und Bahnhofsstraße – ohne sie dabei aus den Augen zu verlieren – und zeigt eine Weltstadt, die gern ihre Türen öffnet und den Blick auf die eigene Geschichte freigibt.

Bettina Spoerri und Miklós Klaus Rózsa sind immer an der Seite des Lesers, wenn es gilt Barrikaden aus dem Weg zu räumen. Jedes noch so unauffällige Haus, an dem man ohne dieses Buch achtlos vorüberlaufen würde, führt im Lebenslauf eine kuriose Geschichte mit sich. Die Stadt an Limmat und gleichnamigen See genießt heute den Ruf die Stadt mit einem der teuersten Pflaster zu sein. Das stimmt größtenteils auch. Selbst für den kleinen Hunger bringen die Münzen schon einiges an Gewicht auf die Waage. Was der Attraktivität Zürichs aber nicht abträglich ist.

Wie Forscher durchläuft man schon beim Lesen Straßen, Gassen und überquert Plätze, die man selbst als Transitstrecke sonst nur wahrnimmt. Dass hinter den Mauern und Fassaden teils Weltgeschichte geschrieben wurde, wird beim Queren nur allzu oft übersehen.

Von der Badekultur der Stadt über alte Kinos, Genossenschaften, lauschige Restaurants bis hin zu Architektursünden, Kapitalismuskritik und idyllischen Ausblicken, die die Zürcher gern den Besuchern überlassen – hier wird der Titel so ernst genommen wie selten in einem Buch. Abseits gucken und staunen, ohne selbst im Abseits zu stehen, das ist der große Vorteil, den man als Buchbesitzer und Zürichbesucher genießen kann.

Immer wieder vertiefen sich die beiden in ein Zwiegespräch, dass vom Leser aktiv belauscht werden darf. Mit den Augen an den Fassaden klebend oder im Buch blätternd, schlendert man durch eine Stadt, die sich im Zwiespalt eingerichtet hat. Auf der einen Seite Mietpreise, die viele ins Umland treibt, auf der anderen Seite wiederum eine entspannte Atmosphäre, die jeden Tag wie einen Erlebnistrip erscheinen lässt.

„Zürich abseits der Pfade“ ist kein klassischer Reiseband mit Grafiken und allerlei Buntmalerei. Hier sprechen die Worte zum Leser. Immer wieder muss man wegen der Fülle der Informationen kurz innehalten. Vielleicht dabei ein Eis schlecken – mal sehen, wem neben den Autoren das besondere an den Eiswagen auffällt? – oder einfach nur auf der Bank sitzen. Was man allerdings nicht machen sollte, ist diesen Band außer Acht lassen. Er ist begehrt! Weil umfassend informativ und unterhaltsam geschrieben. Das merkt man aber der ersten Seite.

Brunos Gartenkochbuch

Das Buch wirbelt ganz schön Staub auf, wenn man es in die frisch gepflügte Erde fallen lässt. Das liegt zum Einen an der Größe, mehr als doppelt so groß wie der „normale“ Bruno-chef-de-police-Krimi, zum Anderen liegt es vor allem am Inhalt.

Klar, Bruno ist ein Ermittler wie man ihn sich wünscht, wenn man nicht gerade ein Krimineller ist. Denn hat man ganz schlechte Karten! Brunos Netzwerk ist Saint-Denis. Hier lebt er, hier kennt ihn jeder, hier schätzt man seine ruhige besonnene Art die Dinge anzugehen. Und man schätzt seine Erfolge. Was man aber am allermeisten an ihm mag, sind seine Kochkünste. Kein Falle ohne Küchenzwischenspiel, bei dem auch Balzac, sein Basset niemals zu kurz kommt.

Die Krimireihe wu4rde in der Vergangenheit durch Kalender und ein Kochbuch ergänzt. Nun begibt sich Martin Walker, der geistige Vater von Bruno, in seinen eigenen Garten. Was da aus der Erde lugt, landet früher oder später in Töpfen und Pfannen und auf den Tellern. Zusammen mit seiner Frau Julia Watson hat er es sich im Périgord gemütlich gemacht. Hier in der Wiege der französischen Küche, anders kann man dieses Idyll nicht bezeichnen, findet er die Inspiration für Brunos Fälle, die immer (!) mit einem lukullischen Menü verfeinert werden.

Kleine Kostprobe gefällig? Salat aus Frühlingsgemüse mit weichem Ziegenkäse. Pamelas gekühlte Tomatensuppe mit Kräutermousse, ideal für den sonnendurchfluteten Sommer im Périgord. Kleine Walnuss-Birnen-Blauschimmel-Käse-Törtchen, schon beim zweiten Bindestrich läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Und im Winter? Enten-Schwein-Pflaumen-Walnuss-Terrine. Ohne Worte. Buch, Augen und Mund auf – fertig ist das Paradies!

Martin Walkers Gartenkochbuch ist ein Ratgeber durch Gartenjahr, von denen es in den Bücherregalen wimmelt. Was diese Ausgabe so besonders macht, ist die Hingabe des Autors und seiner Frau zu jeder einzelnen Zutat. Das spürt man beim Betrachten der ganzseitigen Bilder, bei den Rezepten mit den sorgfältig ausgewählten Ingredienzien, bei jeder Zeile, die die Zubereitung beschreibt. Hin und wieder ist der Einkauf der Zutaten mit ein bisschen Recherche verbunden, da sie nicht sofort greifbar sind. Aber wie bei einem guten Krimi, ist jeder Schritt in die richtige Richtung ein Fortschritt, der zu einem Ergebnis führt, das alle am Tisch in ein wohliges Schmatzen einstimmen lässt.

Wer Bruno mag, wird sich in dieses Gartenkochbuch verlieben. Als Zuckerli für die gespannte Krimileserseele gibt es zwei neue Geschichten um Bruno, das Essen, und das Périgord.

Das letzte Gericht

„Niemals geht man so ganz“, besangen so rührselig BAP und Trude Herr. Was bleibt von uns, wenn wir gegangen sind? Die Antworten muss jeder für sich selbst finden. Denn wie einer – sei er auch noch so prominent – in Erinnerung bleibt, hängt ganz von seinem Lebensstil ab.

Bei John Belushi – Jake Blues aus dem ersten Blues-Brothers-Film – kann es gar kein anderes Gericht gegeben haben als verbotene Substanzen in noch verboteneren Mengen. Hätten seine Gäste – unter ihnen Robin Williams und Robert De Niro, die die Party jedoch sehr früh verließen – bei seiner letzten Party doch besser hingeschaut. Die Linsensuppe, die er vor dem tödlichen Cocktail, zu sich nahm, hatte wohl kaum noch Auswirkungen auf sein (Ab-) Leben.

Das Bild von Che Guevara ist ein ganz anderes. Entschlossener, fast schon finsterer Blick – so prangt er mittlerweile auf T-Shirts. Das letzte Bild von ihm zeigt ein eingefallenes Gesicht, das so gar nichts von einem willensstarken Kämpfer mehr aufweist. Die Erdnusssuppe von Irma Canizares soll er als „Henkersmahlzeit“ geordert haben. Dabei wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Bedeutung diese Suppe für ihn haben wird. Denn die Verhaftung und der prozesslose Tod kamen so schnell und überraschend, dass Che maximal ahnen konnte, dass die Erdnusssuppe das Letzte sein wird, was er zu sich nehmen wird.

Hätte John F. Kennedy vielleicht mehr als nur Toast, Marmelade, Butter, Schinken und weich gekochte Eier zum Frühstück gehabt, wenn er gewusst hätte, was im Laufe des 22. November 1963 in Dallas passieren wird? Oder John Lennon mehr als nur Corned beef auf Toast? Oder Prince Fischcremesuppe?

Sie alle werden es nicht mehr preisgeben können. Denn sie alle sind im Olymp der Schönen und Reichen und Machtvollen. Richard Fasten – der Name allein verpflichtet schon zu einem Buch wie diesen – hat sich den Toten auf leisen Sohlen genähert. Nicht, um Ihnen letzte Geheimnisse und die eine oder andere kleine Anekdote zu entlocken, sondern um ihrem Tod eine Brise Nachhaltigkeit hinzuzufügen. Vom Glas Wasser über Haferschleim bis hin zum Brathendl liest man sich durch die Leidensgeschichte von Jesse James über Frank Sinatra bis hin zu Jimi Hendrix. So bunte war die Regenbogenpresse noch nie. Und schon gar nicht so unterhaltsam! Guten Appetit beim letzten Gastmahl der Promis von anno dazumal bis heute.

Australia – Living & Eating

Na, heute schon ans Auswandern gedacht? Nach Spanien, Brasilien oder Australien. Australien – das wär’s! Endloser Horizont. Am Strand liegen. Das Leben genießen. Nun hat sich aber vor das Leben die australische Regierung gestellt. Einfach so einreisen und nur schauen, essen, trinken, leben – is nich! Sonst wäre das Land mittlerweile mehrstöckig bewohnt. Und dann wäre auch die Faszination Australien dahin.

Sich einfach Australien nach Hause holen und zwischen Dienst und Pflicht immer mal wieder kleine Auszeiten gönnen, ist mehr als nur ein Anfang, wenn man dieses Buch zur Hand hat. Harriet Birrell ist Australierin. Und ihre Rezepte sind nicht nur Kult (und das nicht nur in ihrer Heimat), sie sind vor Allem leicht nachzukochen ohne dabei gleich die gesamte Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

Was als Erstes auffällt, ist der offensichtliche Zusammenhang zwischen Land und Buch. Großes Land – großes Buch. Kein Buch, das man aus Versehen verlegen könnte. So soll es sein! Der Inhalt besticht auf den ersten Blick durch die ganzseitigen Abbildungen, die spätestens ab Seite Fünf den Appetit ins Unermessliche steigern. Die Rezepte verstärken diesen Eindruck und lassen nur eine Konsequenz zu: Entweder verreisen oder am Herd die Reise „nachspielen“, sprich kochen, kosten, genießen. Lasagne mit Süßkartoffeln und Aubergine. Da kommen selbst eingefleischte Mittelmeerbewohner ins Schwärmen.

Australien ist ein Land, das durch Einwanderer geprägt wurde. Da verwundert es nicht, dass ein Mezze-Teller genauso Einzug ins Buch hält wie Tostaditas, kleine Mais-Tortillas mit allerlei frischen Kräutern und Avocados. Was auf den ersten Blick wie ein politisch korrekter Nachtisch ausschaut, entpuppt sich im Handumdrehen zu einem leckeren Dessert: Probiotischer Eiscreme-Kuchen mit Schoko und Minze. Selbst wer mit vegetarischer Küche nichts am Hut hat, dem läuft bei Regenbogen-Bowl mit knusprigem Tofu und Miso-Sauce das Wasser im Munde zusammen. Oder?!

Es muss nicht immer gleich der ganztägige Flug ans Ende der Welt sein, um fremde Kulturen zu erleben. Manchmal reicht es auch schon sich mit kulinarischen Verführungen wie diesem Buch die Sehnsucht in die heimische Stube bzw. an den heimischen Herd zu holen. „Australia – Living & Eating“ ist nicht einfach nur ein Kochbuch für Sehnsüchte, es lässt Australien mit am Tisch sitzen, wenn man in geselliger Runde von seinen Träumen schwärmt und konkrete Pläne schmiedet.

Summer Queen & Maiden Blush

Der Mensch neigt im Allgemeinen zum Schubladendenken. In diesen Schubladen ist alles aufgelistet und katalogisiert, was im Leben wichtig erscheint. Nachteil: Eine Art Standardisierung setzt ein. Dieses Buch ist der gelungene Beweis, dass Katalogisieren auch von Vorteil sein kann. Ende des 19. Jahrhunderts beauftragte das USDA, der Vorläufer des heutigen Landwirtschaftministeriums, Frauen und Männer heimische Früchte zu malen. Fast die Hälfte der Künstler und Amateur-Künstler waren Frauen. Von 1886 bis 1942 wurden insgesamt 7584 Bilder geschaffen. Und das von 21 Künstlern, neun von ihnen Frauen. Noch mehr Zahlen gefällig? Zwanzig Prozent dieser Bilder, 1525, um genau zu sein, malte allein Deborah Griscom Passmore.

Dieses umfangreiche Werk an präzise gemalten Abbildungen – die Fotografie war anfangs noch nicht exakt genug, um die Wirklichkeit abbilden zu können – ist ein wahrer Schatz, der bislang in den Archiven schlummerte. Nun sind ein Teil der Abbildungen erstmals in einem Buch auf Deutsch erhältlich. Viele Obstsorten sind amerikanisch, hier also noch seltener vorhanden als in ihrer angestammten Heimat. Da aber auch hierzulande ein weiterer Trend – nach regionalem Angebot – aufkommt, passt dieses Buch wie kaum ein anderes in die Zeit. Die Farbtafeln waren oft nicht viel größer als ein Portemonnaie, das Obst konnte somit meist in der Größe gemalt werden wie es in der Natur vorkam bzw. noch vorkommt. Der größte Teil der Zeichnungen wird von Äpfeln beherrscht. Die Unterschiede zwischen hier und da scheinen beim Obst wie unsichtbar.

Stephanie Hauschild gebührt der Dank, dass die vergessenen Künstlerinnen und ihre Werke wieder in ein – vorerst kleines – Rampenlicht gerückt werden. Zum Einen tauchen Künstlernamen auf, die trotz ihres Talentes kaum bis gar nicht gewürdigt wurden. Zum Anderen erscheinen nicht nur vor dem geistigen Auge, sondern ganz real und detailreich Obstsorten, von denen man noch nie gehört hat. Maiden Blush und Summer Queen wie sie im Titel angekündigt werden, könnten auch eine Singer/Songwriterpaar sein,  das auf Festivals auftritt. Und mal ganz ehrlich: Wer weiß schon wie eine Cashewnuss aussieht, bevor sie geschält und gesalzen in einer Dose oder Tüte landet? Und Wampi? Santa Barbara, Kalifornien ist voll davon.

Man hält ein wirklich außergewöhnliches Buch in den Händen. Kraftvolle Bilder, zarte Pinselstriche, exakte Einordnung inklusive, da in diesem Fall für eine Bibliothek gemalt wurde, und dazu ein neugierig machender Eingangstext.