Tessin

Tessin

Es gilt ein Vorurteil abzubauen. Das, das man auch ohne Vorbereitung ins Tessin reisen kann. Is ja eh alles toll dort! Stimmt! Aber, … Moment … ABER: Ganz ohne Vorkenntnisse ins Tessin reisen und erwarten, dass man wirklich alles oder zumindest die wichtigsten dieser Schönheiten sieht, funktioniert auch nicht. Also doch vorbereiten. Doch mit Stil und Kenntnis, bitte.

Marcus X. Schmid ist ein Verfechter dieser Argumentation und wer seinen Reiseband über das Tessin liest, auch wenn er nur ein wenig darin rumblättert, muss ihm zwangsläufig beipflichten. Wobei auch die Lese- und Vorbereitungsfaulen in ihrer Meinung bestätigt werden – sie sehen dann halt weniger. Viel weniger! Das Tessin, der italienische Name Ticino klingt zwar weltläufiger, aber der Einfachheit halber belassen wir es bei Tessin, ist keine Region, die nur Bergenthusiasten anspricht. Wer noch keiner ist, der wird es spätestens hier. Und das obwohl hier gespart wurde. Zum Beispiel braucht man – das ist ein Klischee, aber wenn man sich die Bilder im Buch anschaut, bekommt dieses Klischee permanent Futter – um den Himmel zu malen nur eine Farbe: Blau. Kein hellblau, oder babyblau. Nein, ein kräftiges, vor Kraft strotzendes Blau reicht vollkommen aus. Egal, ob im Norden, am Lago Maggiore, den Tälern des Locarnese, im Luganese oder im Mendrisiotto. Womit auch gleich die einzelnen Kapitel vorgestellt wären.

Nachdem man sich im Buch durch die standardmäßigen und wegweisenden Basisinformationen gelesen  und sich dabei die ersten Sehnsuchtsfäden aus dem Gesicht gewischt hat, beginnt die Verzauberung des Lesers. Von der Sonnenstube der Schweiz ist da die Rede. Schon wenige Seiten später warten die ersten der 10 Wanderungen auf Entdecker.  Zumindest die Hinweise. Denn alle Wanderungen und Touren werden am Ende des Buches detailliert beschrieben, mit allen Hinweisen, die man braucht. Allen!

Jeder Ort wird entsprechend seines Erholungs- und Besuchswertes vorgestellt. Ja, hier ist alles sehenswert. Aber warum? Das steht nur im Buch. Spätestens bei den gelben Infokästen macht sich das Buch schon bezahlt. Man stelle sich vor, man besucht das Tessin. Irgendeinen Ort. Jetzt teilt sich der Besucherstrom. Die Einen gehen mit der Masse, sehen das, was jeder sieht und jeder kennt. Der kleinere Teil, oft gut ausgerüstet mit einem Buch, das im Buchrücken einen Regenbogen hat, wuselt neugierig herum. Findet da etwas, kann etwas dazu erklären, weiß sofort Bescheid. Wer dieses Buch nicht zur Hand hat, sollte sich nicht grämen, sondern der kleineren gruppe folgen. Denn die haben dieses Buch gelesen, vielleicht sogar studiert. Die wissen wo’s lang geht!

Es ist erstaunlich, wie viele Informationen auf 264 Seiten untergebracht werden können, ohne dabei an Gehalt zu verlieren. Einzelne so genannte hot spots aufzuzählen, wäre mühselig, und außerdem hat das ja schon Marcus X. Schmid getan. Das ausgewogene Verhältnis zwischen ansprechenden texten und vielversprechenden Bilder, die aussagekräftigen und brauchbaren Karten, die nützlichen Infos für Magen und Haupt (Essen und Schlafen), die klare Gliederung machen dieses Buch fast noch wichtiger als festes Schuhwerk auf Wanderungen. Nur eines ist noch wichtiger: Die Neugier!