Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Im Fluss

Eines gleich vorweg: Diese Reise kann in keinem Reisebüro gebucht werden. Auch das Reisemittel, ein Kanu ist bei keinem Outdoorausrüster so erhältlich.

Dirk Rohrbach umkreist die Vereinigten Staaten mit dem Fahrrad. Er nahm sich den Yukon vor. Da entstand auch der Gedanke den Mississippi samt Missouri von der Quelle bis zur Mündung in die Karibische See zu befahren. Und er stellt auch gleich einmal ein weit verbreitetes Vorurteil richtig. Der Mississippi (ideal auch zum Abzählen von Sekunden: ein Mississippi, zwei Mississippi etc.) ist eigentlich ein Zufluss des Missouri. Da die Eroberer der Neuen Welt aber von Osten kamen, trafen sie zuerst auf den Mississippi. Und der war dann der Namensgeber. Erst später entdeckte man die Quellen des Missouri.

Und dort, in den Höhen und Weiten von Montana beginnt das große Abenteuer. Ein kleines Rinnsal, das aus einem Berg entspringt. Zu flach und zu schmal, um es mit dem Kanu zu bereisen. Das Kanu übrigens hat Dirk Rohrbach selbst gebaut. Mit Hilfe eines Videotutorials, in dem alles irgendwie viel einfacher aussah als es in der Wirklichkeit ist.

Und kaum auf dem Wasser taucht auch schon das erste Problem auf. Und zwar in der Gestalt einer Elchmutter samt zweifachen Nachwuchs. Dirk Rohrbach weiß, dass Bären mit einem Spray relativ einfach zu vertreiben sind. Aber eine Elchmutter mit ihren Zöglingen stellt ein unkontrollierbares Risiko dar. Mutter und Nachwuchs Nummer Eins queren den Fluss, doch der Nachzügler müht und strampelt sich ab wie er nur kann. Dirk Rohrbach möchte gern eingreifen und helfen. Doch das würde seiner Gesundheit nicht zuträglich sein. Auch wenn Rohrbach einmal Arzt war. Der Kleine schafft ans andere Ufer zu Geschwister und Mutter, und Rohrbach kann weiterpaddeln.

Auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unterliegt harten Regeln. Jeder, der den Missouri / Mississippi befährt, muss sein Gefährt untersuchen und abnehmen lassen. Ein Fluss-TÜV. Da sein Boot Marke Eigenbau ist, ist es nicht registriert. Und das sorgt bei den Inspektoren für Verwirrung. Hier ist Rohrbach bedeutend entspannter als bei der Elchkuh.

Eines fällt sofort auf: Dirk Rohrbach kommt schnell mit Leuten ins Gespräch. Das liegt an seiner außergewöhnlichen Route und der Neugier der Menschen am Fluss, an den Flüssen. Für den Leser ein Sammelsurium an Charakteren, die so manch einem nicht in ihrem ganzen Leben begegnen, trifft Rohrbach quasi im Vorbeipaddeln. Tom-Sawyer-Und-Huckleberry-Finn-Romantik trifft Abenteuerdurst auf einer der aufregendsten Routen, die diese Welt noch zu bieten hat. Von der unberührten Natur Montanas, in der es ein Glücksfall ist, wenn man hier mal tatsächlich einen Menschen trifft, über die Badlands, die die ersten Siedler nicht umsonst so tauften bis in die vor Leben überbordende Metropole New Orleans fast am Ende der Reise. Ein echtes Abenteuerbuch von einem überzeugten und überzeugenden Verführer!

Mailand MM-City

Besonders unterhalb des so genannten Weißwurst-Äquators ist es scheinbar eine Art6 Volkssport zu sein „mal eben zum Shoppen“ nach Mailand zu fliegen. Das ideale Ziel für all diejenigen, die der Unterstützung des Einzelhandels noch etwas abgewinnen. Doch allein nur wegen des Auffüllens des Kleiderschrankes die lombardische Perle zu besuchen, wird der Stadt nicht gerecht. Das findet auch Beate Giacovelli. Ihr Reiseband muss zwar auch erst einmal erworben werden – warum also nicht doch den Einzelhandel mit dem Kauf dieses Buches unterstützen?

Und dann kann die Reise, die einem garantiert noch lange im Gedächtnis bleiben wird – losgehen. Auch Beate Giacovelli kommt nicht umhin die üblichen Hotspots zu besuchen und zu beschreiben. Warum auch nicht den Dom besichtigen und in der Galeria Vittorio Emanuele ein bisschen Windowshopping betreiben, zu mehr sind die meisten Geldbeutel eh nicht in der Lage. Aber ein Augenschmaus ist die Einkaufsmeile auf alle Fälle. Den Dom darf man einfach nicht links liegen lassen. Am besten gleich zu Beginn des Reisetages, denn sonst beginnt dieser mit Schlangestehen vor dem riesigen Sakralbau. Innen ist er überwältigend. Und wer ganz genau hinschaut, und vor allem vorher im Buch geblättert hat, findet das Eine oder Andere, was die meisten übersehen. Nicht übersehen sollte man das Angebot das Dach des Doms zu besteigen. Bei guter Sicht, kann man bis an die oberitalienischen Seen blicken. Der Ausblick ist der Stadt mehr als würdig!

Das war das, was man machen muss! Die restlichen Seiten des Buches, und das sind immer noch weit über einhundert, sind das eigentliche Highlight der Reise. Man könnte vermuten, dass nun auf jeder Seite eine Sehenswürdigkeit angepriesen wird, doch da irrt der Laie. Nicht ein, nicht zwei, sondern Dutzende Tipps drängeln sich vor dem Auge des Lesers und buhlen um die Gunst besichtigt zu werden. Fast schon kein Geheimtipp mehr ist das Viertel Navigli. Ein kleiner Hafen – und das, obwohl Mailand weder an einem bedeutenden Fluss liegt noch einen direkten Zugang zu einem naheliegenden Meer aufweisen kann – und das umgebende Viertel putzt sich jeden Tag schöner heraus, um Augen, Nasen und Münder der Besucher zu verzücken.

Als alte Industriestadt tat sich Mailand einmal schwer dem Betrachter ein Lächeln zu entlocken. Die alten Boulevards und das Castello Sforzesco hatten da schon bessere Ausgangsbedingungen. In vielen alten Fabrikhallen zieht seit Jahren ein Hauch von Kunst durch die alten Gemäuer. Je nach Gusto kann man sich an alten Meistern in altehrwürdigen Gebäuden oder an moderner Kunst in nicht viel älteren Hallen erfreuen.

Ob zu Fuß oder mit einer der zahlreichen mahagoniverzierten Trams, ob mit der Nase gen Himmel oder dem Auge auf den Horizont gerichtet, für jedwedes Interesse hat Mailand etwas zu bieten. Und Beate Giacovelli kennt jedes auch noch so versteckte Geheimnis der Stadt. Da läuft man ohne groß nachzudenken an einem gigantischen Stinkefinger vorbei, schleckt nur ein paar Meter weiter ein leckeres Eis, flaniert auf Jahrhunderte altem Pflaster und … wundert sich über ein Meer an Leuten, die dafür gar keinen Sinn haben, weil sie mit den Unmengen an Einkaufstüten zu kämpfen haben. Dann doch lieber Mailand mit Reiseband, oder?!

Graveyard love

Mit fünfunddreißig noch bei Mutti wohnen – Kurt hat es echt nicht leicht. Vor den Toren New Yorks muss der erfolglose Schriftsteller die Peitschenhiebe seiner ihn antreibenden Mutter ertragen. Er soll ihre ach so tolle Biografie schreiben. Jeden Tag. Und jeden Tag hat sie an seinem Stil etwas auszusetzen.

Ein bisschen – anfangs – Abwechslung in seinen tristen Alltag bringt eine geheimnisvolle Rothaarige. Mehrmals die Woche besucht sie den Friedhof, der gegenüber von Kurts goldenem Käfig liegt. Kurts Lebensgeister kehren zurück. Er will ganz genau wissen, was die elegante Fremde dazu treibt so oft diesen bedächtigen Ort zu besuchen. Die Leidenschaft erlischt als sie sich wochenlang nicht mehr blicken lässt. Doch anstatt sich in die Arbeit zu stürzen – sein Mutter meckert immer noch über seinen lausigen Schreibstil – verfängt er sich in den Stricken der Sehnsucht. Bis … ja, bis die geheimnisvolle Fremde wieder auf den Friedhof und damit in sein Leben tritt.

Die Obsession erwacht aufs Neue und wird stärker je öfter Kurt die Frau sieht. Er kauft sich ein Fernrohr, um sie beobachten zu können. Folgt ihr. Bis sie in seien Stammkneipe geht. Er hat sie dort noch nie gesehen. Doch der Wirt kennt sie. Catherine. Endlich ein Name! Wie eine Offenbarung. Doch da ist noch Ralph. Auch er folgt Catherine. Immer wieder, wenn sie in die Gruft von June steigt. Und zuhause wartet Mutter und nörgelt an den ihr zu schwachen Sätzen ihrer Biographie, die Kurt schreiben muss.

Im Laufe des Buches kommt es für den Leser knüppelhart. Nicht einmal eine kurze Pause gönnt einem Autor Scott Adlerberg. Die Mutter verwandelt sich langsam von einer herrischen Matrone in eine fast schon liebevolle Amme. Und Catherine tritt in Kurts leben wie ein helles Licht zur Weihnachtszeit. Und Ralph tritt aus selbigem zurück. Du mittendrin: Kurt. Zuerst ein Stalker wird er nach und nach zum Spielball seiner selbst und von …

Was als harmlose Schwärmerei für eine Frau beginnt wandelt sich Seite für Seite in eine Horrorgeschichte. Nicht allein, dass Kurt selbst ein Horrorfilmfan ist, er merkt gar nicht wie sehr er in einen Strudel hineingezogen wird aus dem er sich nur schwer – und schon gar nicht allein befreien kann. Das vermeintliche Opfer zeigt immer öfter ihren scharfen Krallen. Die Selbstverständlichkeit wie Kurt der Boden unter den Füßen weggezogen wird, verblüfft und kennt kein Erbarmen. „Graveyard love“ ist Scott Adlerbergs dritter Roman, jedoch der Erste, der auf Deutsch erscheint. Mehr davon!

Die Münze von Akragas

Das Aufregende an historischen Romanen – aufregend im Sinne von „sich aufregen“ – ist doch, dass die Autoren in ungehörigem Maße unsauber recherchierten und unbedacht die Gegenwart in der Zeitachse nach vorn verlagern. Bei Andrea Camilleri muss man sich da keine Gedanken machen. Die Legende der Münze von Akragas ist mehr als nur Hörensagen, die Münzen existierten tatsächlich. Die handelnden Personen hat sich der Autor ausgedacht, ohne dabei den Pfad der Realität zu verlassen.

Alles beginnt vor rund zweieinhalb Jahrtausenden. Akragas, das heutige Agrigent, wird von einer riesigen Streitmacht der Kartharger dem Erdboden gleichgemacht. Das konnte nur durch Verrat geschehen. Der Söldner Kalebas kann dem Gemetzel entkommen. Im Gepäck hat er seinen Goldschatz, der heutzutage als Portemonnaie bezeichnet werden würde. Denn jede der Goldmünzen entsprach genau einer Tagesration Weizen. Auf der Flucht beißt ihn eine Viper, was ungewöhnlich ist, da zu diesem Zeitpunkt sozusagen keine „Jagdzeit“ für Vipern ist. Einen Arzt kann er nicht rufen, ihn würde eh keiner hören. Sofern man noch davon sprechen kann, wirft er geistesgegenwärtig die Münzen so weit weg wie er noch kann.

Die Zeit vergeht, Wind, Schnee, Regen lassen Gras und andere Vegetation über die Sache und die Münzen wachsen. Bis im Jahr 1909 ein Bauer etwas Glänzendes bei der Verrichtung seines harten Tagwerkes entdeckt. Es ist eine Goldmünze mit einem Greifvogel, der einen Hasen erlegt und einer Krabbe auf der Rückseite. Die sagenumwobene Münze von Akragas ist durch Pflug und Zeit wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. Der Bauer weiß auch schon wem er die Münze vermachen wird. Einem Arzt. Der hat ihm einmal vor der Schande der Amputation bewahrt.

Dieser Doktor erkennt sofort den Wert der Münze. Und jetzt beginnt ein Spiel um Münze, Mord und Meineid. Mit vielen Opfern, aufgetretenen Türen und dem ewigen Spiel mit der Moral. Und sogar einem echten König!

Andrea Camilleri waren seine historischen Romane die liebsten. Commissario Montalbano brachte ihm Weltruhm ein, doch Geschichten wie diese lagen ihm mehr am Herzen als alles andere. Und das spürt man in jeder Zeile. Hintersinnige Humor gepaart mit harten Fakten packen den Leser am Sinneszentrum. Münzjagd, Familiengeheimnisse, bürokratisches Wirrwarr, Untreue – ein Füllhorn menschlichen Versagens. Doch immer mit einem Schmunzeln auf den Lippen, das Camilleri unweigerlich beim Schreiben getragen haben muss. Anders lässt sich das Ergebnis seiner Gedanken nicht erklären.

Der dritte Mann – Die Neuentdeckung eines Filmklassikers

Ein Weihnachtsfilm ist er gewisse nicht, „Der dritte Mann“ von Carol Reed mit Orson Welles in der Hauptrolle. Ein Massenphänomen auch nicht. Und trotzdem geraten seit siebzig Jahren die Herzen aller Filmfans in Wallung, wenn die Rede von diesem Meisterwerk ist. Expressionistische Kameraeinstellungen, eine düstere Geschichte noir und die außerordentlich charakterstarken Darsteller tragen seitdem zum Ruhm dieses immer wieder zum besten Film aller Zeiten gewählten Kunstwerk bei.

Da kommt das Buch von Bert Rebhandl gerade richtig. Wem die Story schon ein wenig im Nebel des Vergessens untergangen ist, bekommt zur Einstimmung erst einmal eine knappe, aber umfassende Nacherzählung als Gedächtnisauffrischung kredenzt. Ist der Film, das Buch wieder auf der geistigen Leinwand präsent, treten die kleinen verdeckten Dinge des Films auf die Leinwand.

Wien ein paar Jahre nach dem verheerenden Krieg: Die Stadt liegt in Trümmern, die Siegermächte haben Österreich (was in der Form nicht mehr oder noch gar nicht gab) sowie Wien unter sich aufgeteilt. Der innere Ring wird von allen vier Mächten gemeinsam unter Kontrolle gehalten. So war es in Wirklichkeit, so ist es im Buch / Film. Graham Greene und Carol Reed haben das Buch zusammen erarbeitet. Es war also kein Film, der auf einem bereits existierenden Buch basierte. Das Drehbuch wurde eigens für den Film geschrieben. Beide – Film und Buch – sind mittlerweile Klassiker. Der Film läuft seit Jahren in einem Wiener Kino in der Originalfassung – man achte auf den ersten Auftritt Paul Hörbigers, der des Englischen nicht mächtig war und vor laufender Kamera Himmel und Hölle verwechselt.

Obwohl der Hauptdarsteller Orson Welles im Film kaum zu sehen ist und erst nach gut der Hälfte des Films zum ersten Mal auftritt (da hat Steven Spielberg besonders gut aufgepasst, denn sein Hai taucht im gleichnamigen Film erst gegen Ende kurz auf), wird „Der dritte Mann“ auf immer und ewig mit dem massigen Schauspieler verbunden sein. Bemerkenswert: Ein weiterer „Bester Film aller Zeiten“ – „Citizen Kane“ darf sich ebenfalls eines Orson Welles rühmen.

In den Dutzend Kapiteln durchleuchtet der Bert Rebhandl so ziemlich jede Querverbindung von Charaktern und Darstellern, ihre Verquickungen mit der Zeit und den Verbindungen ihrer Rollen zur Gegenwart. Qohlwollend nimmt man dann doch zur Kenntnis, dass die kleinen Schweinereien doch lieber der Regenbogenpresse überlassen werden als dieses Buch „aufzuhübschen“. Als Konsequenz des Buches muss man sich eingestehen, dass auch nach mehrmaligem Schauen des Films immer noch Fragen offen blieben, die nun in diesem Buch beantwortet werden. Selbst die Fragen, die man niemals zu stellen wagte.

Brief an Matilda

Es ist nicht vielen vergönnt die Urenkel beim Erkunden der Welt zusehen zu dürfen. Auch Andrea Camilleri fühlte sein Ende nahen. Doch Matilda, seine Urenkelin, durfte er noch in den Arm nehmen. Im Bewusstsein, dass auch seine Zeit begrenzt ist, er und Matilda sich wahrscheinlich nie ernsthaft miteinander unterhalten können, fasste er den Entschluss und verfasste einen – sehr langen – Brief an sie. Auch wenn sie ihn nicht sofort lesen könne, so soll er ihr, wenn die Zeit reif ist, Uropas Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Brief an Matilda“ ist das Resümee eines der größten Schriftsteller Italiens, Europas und der Welt. Die Schlichtheit der Worte fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Matilda ist die Adressatin, sie soll ihn verstehen. Dass Andrea Camilleri die Welt an seinem Leben noch einmal teilhaben lässt, ist einmal mehr ein Indiz dafür, dass er ein Menschenfreund durch und durch war.

Auch er hatte dunkle Zeiten zu durchleben. Den Musolini-Faschismus durchschaute er rasch. Und er wurde Kommunist, was er bis ans Lebensende blieb. Auch das brachte ihm so manche Knüppel ein, der ihm zwischen die Beine geworfen wurde. Im Gegenzug hatte er aber auch Gönner und Freunde, die sein Talent erkannten und vor allem förderten, so dass er eine lebenslange Anstellung bei der RAI, dem staatlichen italienischen Rundfunk innehatte.

Seine Anfänge als Schriftsteller waren steinig und schwer. Bis ihm Montalbano über den Weg lief. Ein, zwei Romane. Mehr sollten es nicht werden. Doch die Fernsehserie und die Buchreihe ließen ihn umstimmen.

Von den Studentenrevolten der 68er über die Entführung des Ministerpräsidenten Aldo Moro bis hin zur Machtergreifung Berlusconis hat Andrea Camilleri die unterschiedlichsten Epochen Italiens miterlebt und teils mitbestimmt. Nur als Politiker wollte er sich nicht instrumentalisieren lassen. Ein Wahlerfolg wäre mehr als vorhersehbar gewesen. Doch wollte Camilleri nicht seine Leidenschaft – das Schreiben – an den Nagel hängen. Über hundert Bücher hat er geschrieben. Den Mund hat er sich allzu oft verbrannt. Mit der Mafia hat er sich angelegt. Mit einer Krimireihe erlangte er Weltruhm. Die historischen Romane waren ihm seine liebsten.

Jede Zeile, jedes Wort in diesem sehr langen Brief an seine Urenkelin Matilda sitzt unverrückbar. Es ist die Liebe, die in den Zeilen und sogar in den Zwischenräumen allgegenwärtig ist. Sie ist es auch, die man stets mit dem im Sommer 2019 verstorbenen Charmeur und Romancier in Verbindung bringen wird.

Der letzte Satz des Buches, in dem er Matilda auffordert ihm zu berichten, treibt einem die Tränen in die Augen. Denn Matilda lernt nun erst Lesen. Wann sie den Brief – dieses Buch – lesen kann, es verstehen kann, wird noch ein wenig dauern. Doch auch sie wird in dem Autor einen Menschen erkennen, den man gekannt, zumindest jedoch gelesen haben muss!

Linz abseits der Pfade

Als Donaumetropole steht Linz in direkter Konkurrenz zu Wien. Da verwundert es wenig, dass Linz immer ein wenig belächelt wird. Oft verschmäht. Der große Thomas Bernhard und der nicht minder kolossale Helmut Qualtinger machten ihren Unmut über die Stadt Luft. Vor dreißig, vierzig Jahren musste sich Linz noch unter einer Smogglocke verstecken. Seit 2009 – dem Jahr, in dem Linz sich als Kulturhauptstadt Europas ein Jahr lang präsentieren durfte – hat sich das Bild und auch das Image der Stadt gewaltig verändert. Und trotzdem: Linz bringen die meisten immer noch allein mit der gleichnamigen Torte in Verbindung. Und deren Image, dass sie staubtrocken sei.

Georg Schwarzbach räumt mit so manchem Vorurteil über die Stadt auf. Als pulsierende Metropole kann man Linz sicher immer noch nicht bezeichnen. Etwas mehr als zweihunderttausend Einwohner sehen das vielleicht anders. Auf geradem Wege erkennt man die Helligkeit der Stadt auf den ersten Blick. Doch wer links und rechts des Pfades ein Auge riskiert, wird viel mehr erkennen als das, was eh schon jeder aus dem Internet und der einen oder anderen Reportage kennt. Allerorten laden kleine Cafés zum Verweilen ein. Wer Glück hat, bekommt aufstrebende Bands zu Gesicht. Vor fast dreißig Jahren gastierte hier eine Band, die mit ihren schrammelnden Gitarren einmal die Welt erobern sollte: Nirvana. Auch David Bowie bevorzugte im Sommer 1990 Linz statt Wien.

Ein Kunstmuseum hat man sich vor zehn Jahren als Kulturhauptstadt Europas gegönnt. Besonders des Nachts ein leuchtendes Spektakel, das einen innehalten lässt. Doch dafür benötigt man nicht diesen Reiseband. Es sind die kleinen Läden, Clubs und Restaurants und deren Geschichten, die einen Aufenthalt in Linz so besonders machen. Kennt man sie nicht, weil dieses Buch im Reisegepäck fehlt, beschleicht einen doch schnell das Gefühl etwas verpasst zu haben. Denn dann ist Linz in zwei Tagen ausreichend erkundet.

Georg Schwarzbach beweist, dass man durchaus ein paar Tage mehr hier verbringen kann. Die Donau flussab- oder aufwärts, beiderseitig findet man das, was allgemein als Geheimtipp betitelt wird. Bruckner- und Stifterhaus gehören zum Rundgang dazu wie die Erinnerung an Warmer Hans, wo man Kafka verspreisen konnte. Klingt ziemlich irre. Kennt man die Hintergründe könnte man sich fast schon als Linzer fühlen.

Dieses kleine Büchlein tut mehr für Stadt Linz als so mancher Tourismusmanager. Es zeigt eine Stadt, die viele nicht auf dem Plan haben. Mal ein Abstecher, dafür ist Linz immer gut. Doch in die Stadt eintauchen, zwischen Klischee und Realität den Charakter der Stadt erschnuppern, erlaufen, aufsaugen – da reichen nun mal keine bunten Prospekte und Apps. Da braucht es ein Buch wie dieses.

Kalabrien Basilikata

Wenn man den Ball mit besonders viel Pfiff spielen will, muss man ihn am Spann nehmen. Dort entwickelt er dann die meiste Energie. Alte Fußballerweisheit.

Nimmt man Italien am Spann, trifft einen auch gleich die gesamte Wucht des Stiefels. Und genau dort ist Kalabrien. Dummerweise in der jüngsten Vergangenheit von vielen Medien als Ausgangsort der Kriminalität verteufelt. Sicher spielt die ’Ndrangheta hier eine gewichtige Rolle. Doch deshalb auf einen der schönsten Flecke der Erde verzichten? Keine Angst – als Besucher der Region, der seine Nase nur in den Wind steckt, muss man nichts und niemanden fürchten.

Peter Amann hat die südlichsten Zipfel Italiens – Kalabrien und Basilikata – genau erkundet und auf fast sechshundert Seiten das zusammengefasst, was sehenswert ist, was man unbedingt sehen muss und an welchen Stellen man besonders die Augen offenhalten sollte. Sechshundert Seiten, das liest man nicht mal eben schnell durch, reist und kehrt zufrieden zurück. Solch einen Reiseband liest man mit Bedacht. Oder man nutzt ihn als Wegweiser, um die Reiseroute so genau wie möglich zu erstellen. Hat man diese erste Hürde genommen, hält man einen spannenden Reiseband in den Händen, der einem in ruhigem Fahrwasser die schönste Zeit des Jahres genießen lässt. Selbst wenn man einfach nur so die Seiten durch die Finger rinnen lässt und zufällig auf einer Seite stoppt, gerät man in Erklärungszwang, warum man so geistesabwesend vor sich hingrinst. Beispiel gefällig? Cosenza. Keine Stadt, die man auf dem Plan hat, wenn man nicht schon einmal intensiver eine Karte von Süditalien inspiziert hat. Gotenkönig Alarich soll hier seinen sagenumwobenen Schatz verloren haben. Wir reden hier von Tonnen von Gold! Bisher wurde der Schatz noch nicht gefunden. Aber so ein bisschen Legende schürt die Abenteuerlust enorm. Ein Dutzend Seiten widmet der Autor der scheinbar unbekannten Stadt, und schon bekommt man das Gefühl, dass man mehrere Tage hier verbringen kann, ohne auch nur eine Sekunde der Langeweile anheim zu fallen. Allein die Kirchengemäuer können stundenlang aus ihrem ereignisreichen Leben berichten. Die Stadt ist immerhin fast zweieinhalb Jahrtausende alt.

Karten, Skizzen, unendlich viele Abbildungen und eine Unmenge an Informationen dazwischen machen es einem leicht Kalabrien und Basilikata in vollen Zügen – ohne selbst in selbigen zu sitzen – genießen zu können. Immer wieder wird der Informationsaustausch zwischen Autor und Leser durch kleine Infokästen mit Anekdoten und Hintergrundwissen unterbrochen. Die Lese-Aha-Balance ist immer in der Waage.

Am anderen Ende der Stadt

Pures Lebensgefühl, keine Einschränkungen am Horizont – so wuchs Pascal auf. So beschrieb Gérard Scappini es in den Kindheitserinnerungen „Ungeteerte Straßen“ – so eindrucksvoll, so kindlich naiv, so lyrisch. Das Leben geht weiter. Die ungeteerten Straßen sind passé. Das Wohnsilo am anderen Ende der Stadt ist klinisch rein. Und hier ist das neue Zuhause. Und es ist durchorganisiert. Findet sein Vater. Er und seine Mutter, und auch seine Schwester, sehen nur die grauen Betonblöcke einer anonymen Trabantenstadt. Fernab von den Freunden, die immer noch auf ungeteerten Straßen ihren Weg suchen.

Der Nachfolgeband, der die Jugend im Beton-Quartier beschreibt, muss sich Pascal anstrengen, um Schönes zu finden. Seine Mutter lenkt sich ab, indem sie einkauft, damit es im Betonklotz halbwegs gemütlich wirken kann – mit ordentlich Wut im Bauch, denn auch sie vermisst die Unregelmäßigkeiten des Lebens im alten Zuhause. Pascal durchlebt binnen kürzester Zeit eine Achterbahn der Gefühle. Der Englischlehrer ist ein Sadist. Die Züge auf dem Bahnhof sind viel interessanter. Missbrauch und erste Liebe liegen bei Pascal so eng beieinander, dass er kaum noch unterscheiden kann. Er weiß nur eines: Den Mund halten hilft. Trauer und jugendlicher Übermut wechseln sich derart schnell ab, dass man – ob man nun will oder nicht – das Buch doch das eine oder andere Mal beiseitelegen muss. Die von Vater verordnete Frischzellenkur bringt der Familie erstmal nur Sorgen. Sorgen, wie sie nur ein Teenager haben kann. Sorgen, die der Familie nicht gut tun.

Hat man sich an dieses atemlose Schreiben gewöhnt, kann man den Zeilen wieder genussvoll folgen. Vor Jahren spielte Pascal noch auf unebenen Straßen, jetzt ist das Leben selbst uneben wie ein pickeliges Teenagergesicht. Der glatte Asphalt hat so gar nichts, was nach Leben aussieht! Die Schule lässt Pascal bald hinter sich. Unfreiwillig. Die Arbeit im Arsenal – naja. Bringt Geld. Dass jedoch bringt Pascal auch schnell durch.

Eine Jugend in Frankreich lautet der Untertitel des Buches. Die Fröhlichkeit der Kindheit ist der Schroffheit der Jugend gewichen. Altes ist vergessen, das Neue zeigt noch nicht sein wahres Gesicht. Und so schließt „Am anderen Ende der Stadt“ mit dem schlussfolglichen Cliffhanger: Einberufung zur Armee!

Ilona kam mit dem Regen

Was tun, wenn man in Panama gestrandet ist? Essen, trinken, essen, trinken, trinken, schlafen. Der Gaviero Maqroll hat es nicht einfach. Fern vom heimatlichen Kolumbien steckt er nun fest in Panama. Die Taschen leer, den Kopf voller Ideen. Da läuft ihm eine Freundin über den Weg. Gerade im Philosophieren (ach ja, sein Leben besteht nicht nur aus essen, trinken und schlafen, sondern auch Welten erklären) ist Ilona der Blitz in dunkler Nacht. Welch eine Freude! Doch die Freude währt nur kurz, auch mit Ilona ist das Leben in Panama nicht entscheidend erträglicher geworden. Aber es wird um die Komponente Liebemachen bereichert… Der Gaviero Maqroll ist leidlich zufrieden. War das eigentlich ein Zeichen, dass der Himmel sich auf- und Ilona einmal mehr in sein Leben trat?

Gerade als die beiden wieder einmal dem Leben auf der Straße nachschauen und Stewardessen beim Einchecken im Hotel beobachten, platzt Ilona mit einer donnernden Idee heraus. Er solle still sein und sich ihre Idee erst bis zum Ende anhören. Ein Stundenhotel für Stewardessen! Kein echten Stewardessen, natürlich. Sondern eben Mädchen, die in den echten Uniformen ähnelnder Arbeitskleidung den „Fluggästen“ die Wartezeit ein wenig versüßen könnten. Passagier und Bordpersonal würden einen geringen Obolus entrichten, den Ilona und er einstreichen könnten. Wenig Einsatz, viel Ertrag – Maximalprinzip nennt das der Marketingfachmann.

Famose Idee! Finden beide. Bis schon nach kurzer Zeit ein echter KLM-Pilot nach der KLM-Stewardess fragt. Famos ist die Idee immer noch, aber an den Feinheiten muss noch gefeilt werden. Schließlich geht es um ein Ticket raus aus der Langeweile und zurück ins Leben.

Das hat sich Larissa schon gezogen. Sie kam mit der Lepanto hierher, hatte von der Villa Rosa gehört, dem Bordell, das man gründet, wenn man sich in Panama langweilt. Ihre Reise ist nicht minder abenteuerlich als das des Gaviero Maqroll. Ab und zu mietet sich in der Villa Rosa ein. Stundenweise. Doch schon bald ist sie die Alleinunterhalterin der beiden gelangweilten Hotelbesitzer. Doch ihre Aura versprüht keinen Liebreiz. Es ist die Gefahr, die den Gavier in der Nase kitzelt. Wie recht er doch behalten soll…

Álvaro Mutis lässt zum zweiten Mal seinen Gaviero Maqroll das Leben die ganze Geschmackspalette des Lebens kosten. Ein bisschen zu bitter für den ausgemachten Abenteurer, der wie ein Tom Sawyer wirkt, der niemals erwachsen werden will. Gedankenverloren und weltentrunken ist er das Paradebeispiel eines niemals desillusionierten Lebemannes, der dem Leben immer eine Zitronenlimonade ab(w)ringen kann.