Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Ins Schwarze

Zurück zu den Wurzeln, in den Ort der Kindheit und der Jugend. Laurents Ausflug in die Vergangenheit bereitet ihm weniger Bauchschmerzen als man – hat man das Buch beendet – vermuten könnte. Doch ein wenig mulmig ist ihm schon. Sein Onkel Roland wird nicht mehr lange unter den Lebenden weilen. Er lebt mit Laurents Mutter nun zusammen. Irgendwo im französischen Nirgendwo. Bis zur nächsten Apotheke ist es fast ein Tagesausflug. Das Café ist schäbig wie eh und je. Schon Jahre hat Laurent keinen Fuß mehr in den Ort gesetzt.

Es ist der Ort, in dem ihn seine Großeltern großzogen. Der Vater starb früh, die Mutter war mehr als überfordert. Einmal gab sie ihm Chlorreiniger zu trinken. Ein Versehen. Ein Versehen?

Ach ja, Cousine Lucie heiratet auch. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Das sind drei weniger als in dem heruntergekommenen Haus seiner Jugend auf dem Boden seines ehemaligen Zimmers liegen. Tot. Also die fünf Fliegen in seinem Zimmer. Das Treffen mit der Mutter, die ihn einst das Leben schenkte, verläuft kühl. Eine unterschwellieg Aggressivität ist spürbar.

Zumindest für Claire, Laurents Begleiterin. Im dritten Monat schwanger fühlt sie sich nicht besonders gut. Die Hitze, die fremden Gerüche und wohl auch die Tatsache, dass sie während des lauschigen Sommerausfluges (was er nicht mal im Ansatz ist) überall als Constance vorgestellt wird. Denn alle, die Laurent kennen, wissen, dass er mit Constance ein Kind erwartet. Also ist Claire Constance. Keine Fragen, keine Widerworte.

Es ist ein bisschen wie in einem Alexandre-Aja -Film. Man spürt, dass hiergleich etwas passieren wird. Man weiß nur nicht was und wann. Aber, dass das, was passieren wird, nicht von dieser Welt ist, steht fest. Und so streift man mit Laurent durch das Nest Saint-Fourneau. Man beäugt ihn. Jeder scheint über seine Ankunft informiert zu sein. Dass seine Mutter oben am Weiler mit seinem Onkel wohnt, darüber legt man den Schleier des Schweigens.

Cousine Lucie ist die einzige, die Laurent zu einer menschlichen Regung bewegen kann. Allerdings keine Geste der Freundlichkeit. Vielmehr erntet sie eine Warnung. Stopp, bis hierhin und nicht weiter! Warum nur? Die Spannung ist unerträglich.

Vincent Almendros fabuliert auf höchstem erzählerischem Niveau. Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, folgt man ihm in die Niederungen der menschlichen Seele. Was war, ist immer noch präsent. Wie ein luftiger Vorhang, den man einfach nur zur Seite schieben muss, verschleiert er weniger als man sieht. Doch diesen Vorhang gänzlich im Nirvana zu versenken, traut sich niemand so recht. Als Gute-Nacht-Lektüre mindestens genauso geeignet wie als Schauermärchen am Lagerfeuer unterm Sternenzelt in tiefschwarzer Nacht…

Warum wir zusammen sind

Wer ein ruhiges Leben führen will, der soll im Baumarkt arbeiten. Wer in Verwicklungen, die das Leben nun mal zwangsläufig bereithält, eine Herausforderung sieht, der wird im Freundeskreis von Marc und Irma ein wahres El Dorado finden.

Beide stecken mitten in den Vorbereitungen für ihren 20. Hochzeitstag. Porzellanhochzeit. Welch ein prophetischer Jahrestag! Da sollte man aufpassen, dass man nichts zerschlägt. Das gute Geschirr rausholen. Doch die Glasur hat schon Risse. Wann das alles begonnen hat? Who knows?! Vielleicht zur Jahrtausendwende als mit Freunden im ganz großen Stil Y2K gefeiert wurde. Der Millennium-Bug fiel aus, dafür startet eine neue Ära der Freundschaft. Anatol hatte für sich, seine Annette und Urs und Brigitta, Alice und Fred, Bea und Finn, Mila und Moritz, Axel und Ona  sowie für Evelyne (ohne und) ein Haus mit einem entsprechend großen Grundstück gekauft. Jeder sollte sich dort verwirklichen können. Ein Anbau? Ja, gern. Säen, Pflanzen, Ernten? Aber sicher doch! Eine Oase, eine Kommune für die Zukunft? Auf alle Fälle, und nichts anderes!

Es steht wieder mal ein Zahlenwechsel an. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends haben alle hinter sich gebracht. Matti, Irmas und Marcs Sohn, ist auf dem Weg die Welt zu erkunden. Die Matura vor Augen, die erste richtige Beziehung zu Melanie hinter sich. Das Jubiläum soll in altbewährtem Ambiente in Sanssouci gefeiert werden. Das Anwesen, das Anatol für die Freunde vor Jahren kaufte, wurde ja genau für solche Anlässe erworben. Alle sind da. Außer Evelyne. Sie konnte nicht, meint Marc. Doch Irma beschleicht ein ungutes Gefühl. Gerüchte machten schon die Runde. Evelyne habe wohl einen neuen Freund. Einen Jüngeren. Wo ist eigentlich Matti? Ach ja, der wollte bei seinem Kumpel Nick übernachten…

Die Porzellanhochzeit wird für Marc und Irma, Irma und Marc zu einer weiteren Kehrtwende. Ihr Sohn „hat was mit ihrer Freundin Evelyne“. Ab ins Internat mit dem Bengel – auf dem Papier sieht alles so einfach aus. Aber Papier ist geduldig, das Lebe nicht. Und warum ist Marc so unentschlossen, wenn Irma seine Hilfe am nötigsten braucht? Ist es, weil sein Architekturbüro den Bach runtergeht? Sie seine Hilferufe nicht hört, ihn nicht unterstützt? Das Zukunftslabor Sanssouci, wie alle es nannten, ist zu einer bequemen Diaspora geworden. Ein Hospiz für die Sang- und Klanglosen. Ärmel hochkrempeln und die Problem angehen, haben anscheinend alle verlernt. Was so großartig begann – tat es das tatsächlich? – artet immer mehr zu einem Fiasko aus.

Martin R. Dean nimmt den Leser mit auf eine Reise in die menschlichen Irrungen. Fundamente bröckeln. Brücken stürzen ein. Halt bietet nur noch … ja, was denn? Die Ehe? Die Freundschaft? Anscheinend zerbricht die ach so heile Welt in einem Tempo ein, dass sich jeder fragen muss, wie man sie kitten kann. Doch keiner weiß, wo der Kit versteckt ist.

Faschist werden

Der Titel fällt auf! Und wem das Wort Humanismus genau so locker von der Zunge geht wie die Brötchenbestellung beim Bäcker, der erkennt auch, dass dieses Buch keineswegs eine Anleitung zur Kehrtwende ist, sondern eine im tiefsten Herzen verankerte Satire. Michela Murgia, die mit ihren fantasievollen Geschichten aus ihrer Heimat Sardinien schon so manche Musestunde bescherte, wagt einen – mehr als gelungenen, so viel sei schon mal verraten – Ausflug ins ernste Fach.

Der Faschismus ist die simpelste Form des Zusammenlebens. Dem F in Faschismus liegen zwei weitere Fs zu Grunde: Führer und Feindbild. Ohne die geht es nicht! Für etwas zu sein, ist immer schwieriger, weil es eine Begründung braucht und eine Lösung einfordert. Gegen etwas zu sein, macht es einfach Massen zu mobilisieren. Sobald sich das Gegenüber aber selbst Gedanken machen muss, wird es kompliziert. Und der Faschismus bzw. dessen Agitatoren kommen ins Schwimmen.

Also braucht man eine starke Hand. Einen, der die Trillerpfeife bläst und alle nach seinem Plan marschieren lässt. Dabei darf er allerdings nie das Heft des Handelns aus der Hand geben. Das ist sein Aufgabenbereich, nicht der der Anderen. Es ist bequem zu wissen, dass es jemanden gibt, der diese Aufgaben

Erledigt und nach seinem eigenen Diktat auch lebt. Diktatoren, pardon Führer, die dies tun, haben erfahrungsgemäß eine längere Überlebenszeit als die, die immer nur andere die eigenen Aufgaben erledigen lassen. Handlanger und die, die sich als solche bezeichnen, kommen schnell unter die Räder. Adolf Eichmann konnte davon ein Lied singen.

Jeder hat sicher schon mal den launigen Spruch von der starken Hand gehört oder selbst schon einmal ausgesprochen. Immer dann, wenn man an die eigenen Grenzen stößt, erhallt der Ruf nach Härte und Strenge. Dass „die da oben“ zuerst eigene Interessen vertreten, wird schnell beiseite gewischt. Demokratie ist Verhandlungssache. Und nicht immer will man alles ausdiskutieren. Zu oft schon kam schlussendlich nichts „Zählbares“ dabei raus. Wenn man die Argumente jedoch bis zum Schluss einmal durch exerziert, ist dem nicht so, was jedoch einen riesigen Aufwand bedeuten würde. Also doch lieber draufhauen und nach Regeln verlangen. Schon bei der abendlichen Freizeitgestaltung setzt bei vielen der Demokratiegedanke aus. Wer die Fernbedienung in den Händen hält, ist König, oder Führer. Wie schwer ist es erst eine Millionenbevölkerung unter einen Hut zu bekommen? Links und rechts eine Ohrfeige und alles läuft nach (dem eigenen) Plan?! Wie viel Faschist steckt in jedem von uns. Michela Murgia treibt es in ihrem Büchlein auf die Spitze. Sie ist weit von einer Faschistin entfernt, gibt jedoch zu, dass auch sie schon schwache Momente hatte, in denen ihr der Gedanke kam, dass doch nicht alles schlecht sei an dem Bund-Tum. Faschismus leitet sich vom italienischen fascio – Bund ab. Für dieses Buch spann sie diese Gedanken weiter. Am Ende des Buches – und dieses Mal sollte man nicht schon vorher „in den Lösungsteil“ schauen – hat sie einen Fragebogen, das so genannte Faschistometer, erfunden. Fünfundsechzig Fragen und Behauptungen, die man entweder gut oder schlecht findet. Es gibt nur diese zwei Antwortmöglichkeiten, kein naja, jein oder ähnliches Herumgestammele. Je nachdem wie viele Behauptungen daraus man für sich selbst einfordert (oder gut findet), wird man im Nachgang lesen können, wie weit der innere Faschismus schon gediehen ist. Erschreckend und ernüchternd für den Einen oder Anderen. „Faschist werden. Eine Anleitung“ ist sachlich unterhaltsam, ohne zu diffamieren oder anzuklagen. Nach LTI von Victor Klemperer eines der wichtigsten Bücher zu diesem Thema. Für Aufsehen sorgt das Buch allemal: Pink und Faschismus. Als Lektüre in Bus und Bahn. Oder wenn man seine Bestellung aus der Buchhandlung seines Vertrauens abholt mit den Worten: „Ich möchte gern Faschist werden … abholen“. Ausprobieren!

Nachts unterm Jasmin

Es sind Momente wie die, wenn man ein Buch wie „Nachts unterm Jasmin“ in den Händen hält. Dann weiß man, dass man bei Weitem noch lange nicht alles erlebt bzw. gelesen hat, was unter dem Himmel existiert. Die Geschichten in diesem Band von Maïssa Bey aus Algerien zeichnen ein Bild des größten Landes Afrikas, was so vielleicht von einigen erwartet, aber niemals in so klarer Sprache, mit so vielen Nuancen gezeichnet wurde.

Da ist eine Frau, die sich schlafend stellt, weil ihr Mann permanent sein Recht als gatte einfordert. Das Kind in ihrem Arm bietet ihr Schutz und ist ihr größter Schatz. Doch sie weiß, dass sie diesen Schatz eines Tages verlieren wird. Er wird die demütigen, sie verlassen. Ihr eigenes Kind.

Nach der verheerenden Umweltkatastrophe im November 2001 – weil die Bouteflika-Regierung in einigen Stadtteilen der Hauptstadt Algier Kanäle zumauern ließ, brachen sich Wassermassen fast ungehindert ihren Weg durch die Stadt und rissen hunderte von Menschen in den Tod – brach der Volkszorn über die Regierenden herein. Die Unfähigkeit und die Teilnahmslosigkeit der Behörden entzündeten eine Protestwelle bisher ungekannten Ausmaßes. In den Nachrichtensendungen Europas war die Katastrophe nur eine Meldung unter vielen. Doch die Schicksale der Menschen, die direkt davon betroffen waren, sind bis heute unbekannt. Dank dieses Buches, das zum ersten Mal in deutscher Sprache erschien, bekommen die Opfer und Beteiligten eine Stimme.

So anklagend die Texte auf den ersten Blick sind, so poetisch ist ihre Wirkung auf den Leser. Klare Aussagen gehen hier Hand in Hand mit dem Respekt vor den Akteuren und ihrer Sprache. Ob als Bettlektüre oder Auszeit vom Alltag lesen sich die Geschichten wie moderne Ausschnitte aus dem realen Leben.

„Nachts unterm Jasmin“ besticht durch die Vielfalt der Themen und die Zwischentöne, die man laut vernimmt beim Lesen.

Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

Es ist eine verrückte Welt, in der Alba aufwächst. Das Tal in ihrer Umgebung wird von einer Brücke überspannt. Eine Sprungschanze für all diejenigen, die es nicht mehr aushalten. Zwei Sekunden Flug und alles ist vorbei. Alba hat es auch schon probiert. Wie ihm Hohn muss sie sich eingestehen versagt zu haben.

Ihr Freundeskreis scheint der Realität entrückt zu sein. Jack heißt eigentlich René und in Eulalias Pass ist Anna als Name eingetragen. Das ist nur die Basis dessen, was dem Autor Demian Lienhard als Grundstock für eine außergewöhnliche Geschichte dient. Im den Titel vor Augen „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ liest man sich durch die Leichtigkeit der Worte, mit denen Alba ihr Leben im Griff zu haben scheint. Doch die Sanduhr des Lebens zieht sie in einen tiefen Strudel aus Verzweiflung, Hass, Zuneigung, Neubeginn und Absturz hinein.

Da wird dann schon mal probiert die Gesetze der Metaphysik auf den Kopf zu  stellen. Wie verhält es sich beispielsweise, wenn ein Marmeladenbrot auf einer Katze befestigt wird? Murphys Gesetz sagt, dass das Brot immer auf der beschmierten Seite landet. Und der Volksmund weiß, dass Katzen immer auf den Pfoten landen. Alles klar?!

So lustig diese kleine Anekdote anmutet, so ahnt der Leser schon, dass die Geschichte (und jede gute Geschichte kommt nur so voran) bzw. das Leben Albas auf keinem guten Weg ist. Sie driftet ab. Rutscht in einen Sog aus falscher Loyalität, Angepasstheit und Drogen. Happy end inklusive? Man zermartert sich das Hirn wie Albas Weg weiter geht. Ob der Weg überhaupt in eine einzige Richtung verlaufen kann oder ob es noch einmal zu einem (weiteren) dramatischen Wendepunkt kommen kann, ja überhaupt darf.

Demian Lienhard lässt Alba am seidenen Faden zappeln. Er lässt die Zügel schleifen, und reißt sie abrupt mit Vehemenz zurück in ihr eigenes Leben. Sie definiert sich über ihre Taten. Ihr geistiger Vater schlägt mit Worten wild um sich ohne dabei wirklich zu verletzen. Sanft und mit dem unstillbaren Willen zur großartigen Unterhaltung sperrt er den Leser in einen Käfig, aus dem es kein Entrinnen gibt. Fasziniert hetzt man von Seite zu Seite und saugt jeden Satz, jedes Wort, jede Silbe in sich auf. Ein wahrhaft außergewöhnliches Debüt, das Lust macht auf mehr Lienhardsche Phantasien. Das einzig Durchschnittliche an diesem Buch ist die Tatsache, dass jedes Kapitel im Durchschnitt zehn Seiten lang ist.

Ruth. Moabit

Was ist das Schönste an einer Geschichte? Das happy end! Da können noch so viele Unebenheiten den Weg säumen, wenn schlussendlich alles gut wird, hat sich der Aufwand gelohnt. Ein biblischer Ansatz. Man denke an Hiob. Oder sein weibliches Pendant Rut. Auch sie wurde hart geprüft. Doch es lohnte sich.

Noemi würde sich nie im Leben als eine Art Rut oder Ruth sehen. Tagein, tagaus sieht sie die Wartenden in der Warteschlange vor dem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in Berlin-Moabit. Sie sieht auch wie den Hoffenden und Hoffnungslosen geholfen wird. Decken, Essen, Trinken – Helfer wird es immer geben. Doch ein Dauerzustand kann das nicht sein. Noemis Leben hat einen Knacks bekommen als Tom, der Mann ihrer Seite, diese verließ, um sich ein Abenteuer zu gönnen. Dieses heißt Monica und wird ihn aber nicht glücklich machen. Ob Noemi das hoffen will, weiß sie noch nicht.

Denn momentan ist die Eritreerin Rahua wichtiger in ihrem Leben. Die hat eine Reise hinter sich, die man nicht buchen kann. Sie floh vor allem, was sich der Mensch an Schlechtem ausdenken kann. Sie hat es geschafft. Sie ist raus aus dem Elend und drin in Berlin. Eine gute Seele. Nicht einmal halb so alt wie Noemi. Doch ein stetig präsenter Trauerschleier umspült ihr hübsches Gesicht.

Auch Noemi trägt in ihrem Herzen einen Schleier der Trauer. Ihrer Mutter geht es nicht gut und die Prognosen der Ärzte lassen nur das nahende Ende als Lösung zu. Als Noemi zurückkehrt in ihre Moabiter Wohnung ist von Rahua nichts mehr zu sehen. Gerade eben hat sich noch Flur und Pflanzen gehütet, jetzt ist sie weg. London ist das neue Sehnsuchtsziel. Ein weiterer Tiefschlag für Noemi. Hat sie zu sehr die Beschützerin gegeben? War ihr Engagement zu einengend? Sie hat keine Zeit darüber nachzudenken, denn der nächste Nackenschlag lässt nicht lange auf sich warten. Auch Jule, ihre fast schon erwachsene Tochter, im Alter von Rahua, verschwindet auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben. Noemi ist nun ganz allein.

Rahuas Sehnsuchtsziel erweist sich alsbald auch nicht als das Paradies auf Erden. Doch sie fasst zumindest wieder den Entschluss mit ihrer Familie in Eritrea in Kontakt zu treten. Wird ja auch Zeit. Denn es gibt einen neuen Mann in ihrem Leben. Den kennt zufällig auch Noemi, die gerade auf dem Weg in die britische Hauptstadt ist…

Anna Opel fasst den oberflächlich biblischen Rahmen nicht so eng und schon gar nicht dogmatisch. Zwei Frauen, die arg vom Schicksal gebeutelt wurden und in ihren neuen Situationen zueinander finden. Auf unterschiedlichen Wegen lassen sie sich treiben, mit dem Steuer in der Hand. Moabit als Handlungsort ist nicht minder bibelvorbelastet. Denn der Name des Stadtteils hat religiöse Wurzeln. Mit zunehmender Seitenzahl wird man immer tief in den Strudel aus Verzweiflung, falschem Schweigen und hoffnungsvoller Poesie gezogen. Wellen von Abscheu und Zuversicht umspülen den Leser bei der Lektüre von Anna Opels erstem Roman.

Malanotte

Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten. Sinnstiftend und hoffnungsgebend zugleich. Doch für viele, für Millionen, ein schwacher Trost im Angesicht ihres Lebens. Still und leise sind sie untergetaucht in den Straßen und Gassen, eingetaucht in ihr neues Leben, das sie fernab ihrer Kultur führen müssen. Sie sind unter uns. Wir sehen sie. Hören sie. Riechen sie … so wie jeden anderen auch. Und dennoch sind sie unsichtbar.

Für die Behörden – allen voran die Polizei Siziliens – sind sie nur allzu sichtbar. Auch für Marilina Giaquinta, Oberst in Catania. Sie gibt in „Malanotte“ diesen Seelen eine Stimme. Stimmen, die in der Nacht krakelen, leise wimmern, klagen, zufrieden schnaufen. Ihre Stimmgewalt verhallt nur allzu oft im Dunkel der Nacht.

So wie die namenlose Reinigungskraft. Marilina Giaquinta verzichtet darauf die Herkunft ihrer Erzähler zu nennen. Denn die ist so unnötig wie das Leid, das sie ertragen mussten. Sie sind da, das zählt, nicht mehr und nicht weniger! Diese Reinigungskraft tut ihren Dienst. Die Auftraggeber mögen sie. Lassen sie gewähren, ihre Arbeit tun. Der Staubsauger bzw. die Geräusche, die er unaufhörlich von sich gibt, sind das einzig störende in ihrem Leben. Leider übertönt die Maschine auch so manchen Hilferuf…

Andere haben einen Namen. Doch der ist auch nicht gerade von Vorteil. Yassine sucht Arbeit. Sie ist. Sie verdient Asyl. Tief in ihrem Herzen zerreißt es sie jedes Mal, wenn sie aufgrund ihrer Herkunft angehalten oder einfach nur beäugt wird. Sie will ein Stück vom Kuchen haben. Kein großes, nur so viel, dass es reicht sich satt zu fühlen. Als Mensch gelten zu dürfen.

Catania im Osten Siziliens ist einer der Orte, den Flüchtlinge aus vielen Länder der Welt als Tor in eine neue Welt, als Startschuss für ein menschenwürdiges Leben ansehen. Doch die Realität sieht anders aus. Wohin mit den Massen an Menschen, die bisher nur Not und Elend kannten? Jede der über zwanzig Kurzgeschichten ist von einer unbeirrbaren Intensität, dass man nur eines tun kann. Weiterlesen! Immer wieder stößt man an die eigenen Grenzen des Verstehens. Man selbst sieht sie ja. Die, die monatelang auf ihren Füßen unzählige Kilometer zurückgelegt haben, um sich dem Machtbereich irgendwelcher Schergen zu entziehen. Die körperliche Bedrohung ist scheinbar überwunden. Doch die seelischen Schmerzen kann man nicht mit einem Lächeln hinfortwischen.

Wer als Polizist diesen Menschen begegnet, legt sich zum Selbstschutz einen harten Panzer zu. Marilina Giaquintas Panzer ist durchlässig. Nach beiden Seiten. Sie lässt die Schicksale an ihrem Leben teilhaben. Keine Mutter Theresa, die ihr Leben aufopfert. Sie tut etwas viel Wichtigeres, Nachhaltiges: Sie lehrt den Lesern ihres Buches – erstmals auf Deutsch – hinzuschauen und den Erzählern ein Ohr zu leihen. Das wirkt oft mehr als tausend so genannte gute Taten!

Audrey Hepburn

Nein, es gab und gibt keinen Menschen, der nicht ihrem natürlichen Charme erlegen ist. Kaum zu glauben, dass die ewig jugendliche Audrey Hepburn im Mai 2019 ihren 90. Geburtstag feiern könnte. Wir können es! Mit diesem Buch.

Schwer vorzustellen, dass eine Holly Golightly (Breakfast at Tiffany’s) von einer Marilyn Monroe ähnlich nachwirkend gespielt worden wäre. Nichts gegen die Monroe. Ihr reduziertes Spiel hätte ebenso für Furore gesorgt wie ihre Kurven. Truman Capote hatte ihr den Stoff schließlich auf den Leib geschrieben. Doch Audrey Hepburn – figürlich das Gegenteil der ewig lockenden M.M. – konnte sie noch toppen. Capote fluchte über die Besetzung und verfluchte jeden, der nicht seiner Meinung war. Vielleicht war er einer der ganz wenigen, die doch nicht ihrem Charme erlagen? Capote wollte ihr einfach nicht erliegen. So war er halt.

Der Krieg ist noch nicht einmal ein Jahrzehnt vorüber, da erleuchtet ein neuer Star den Himmel über Rom, Hollywood, der Welt: Audrey Hepburn. „Roman Holidays“, auf Deutsch „Ein Herz und eine Krone“ bringt bella italia auf die Leinwände. Unnachahmlich verkörpert durch eine belgisch-stämmige Schauspielerin, die Hollywood und ihren Partner Gregory Peck ins Schwärmen versetzt. Zierlich und stilsicher, mit einer kindlichen Naivität, dass man sie stante pede in den Arm nehmen möchte, um sie vor sämtlichem Unbill dieser Welt zu beschützen. Als Prinzessin incognito will sie diese Welt mit Haut und Haaren auffressen, in sich aufsaugen. Nur ein Reporter erbarmt sich ihrer.

Hubert de Givenchy, der Modedesigner, konnte sich nicht wehren als er – wie wenn er es gewusst hätte – den Auftrag bekam Miss Hepburn einzukleiden. Sein minimalistischer Stil passte zu der grazilen Gestalt in seinem Atelier wie die Faust aufs Auge. Sie und er waren auf dem Weg nach ganz oben. Er kleidete sie ein, sie trug seine Kreationen wie selbstverständlich. Hepburn und Givenchy gehören zusammen wie Hepburn und UNICEF.

Denn nach ihrer Karriere als Schauspielerin begann ihre Karriere als Mutter, eine Rolle, der sie alles unterordnete. Schon da begann ihr Interesse den Bedürftigen der Welt ein Licht der Hoffnung zuteilwerden zu lassen. Als die Kinder „aus dem Gröbsten raus waren“, begann ihr unerschütterliches Engagement für die Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen. Sie ließ es sich nicht nehmen vor Ort zu sein, sich persönlich ein Bild der verheerenden Situation in Lateinamerika, Asien und Afrika zu machen. Bloßes Lamentieren und Spendenerbitten war ihr zu wenig. Sie war die erste Kämpferin für diejenigen, die nicht mehr zum Kämpfen in der Lage waren. Heute muten so manche halbherzige Auftritte von Promis wie durchgestylte, aber herzlose PR-Projekte an. Bei Audrey Hepburn kamen sie direkt aus dem Herzen. Denn ihre Kindheit war von Hunger und Krankheit geprägt. Sie konnte genau einschätzen, was es bedeutet Hilfe unaufgefordert empfangen zu dürfen.

Daniela Sannwald nennt ihr Buch eine Hommage. Es ist mehr. Zum Einen die geballte Ladung Erfolg einer verhinderten Primaballerina, die durch ihre Natürlichkeit zum Leinwandstar wurde. Zum Anderen die geballte Ladung Menschlichkeit einer überzeugenden Frau, die sich ihre Freiheit erkaufen konnte. Und diese dann auch uneigennützig weitergab.

Berühre mich nicht!

Lästerzungen schreien sofort auf: „Das musste ja so kommen!“. Sie, Laura, heiratet Mattia. Sie, hübsch und schlau. Er, erfahren und erfolgreich. Sie ist jung, und er ist alt. Willkommen im Klischee der Eitelkeiten. Denn Laura ist von einem Tag auf den Anderen verschwunden. Das Telefonino ist ausgeschaltet. Der Wagen Schrott, von einer Brücke gestürzt. Mattia Todini ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der es versteht geschickt seinen Ruf bei der Polizei einzusetzen.

Commissario Luca Maurizi lässt sich allerdings von dem großen Namen nicht ins Bockshorn jagen. Vielleicht ein bisschen Aufmerksamkeit mehr als nötig, doch nicht mehr oder weniger enervierend, wenn er erst einmal Witterung aufgenommen hat. Fakt ist, dass Laura Garaudo schon vor ihrer Heirat ein aktives Sexleben hatte. Nicht ganz so faktenreich belegt ist die Tatsache, dass einige dieser Beziehungen auch durch den Ehering nicht unbedingt als beendet einzustufen waren. Doch sie und ihr Gatte hatten da eine stillschweigende Vereinbarung.

Ihre Wohnung, ihre eigene, hat sie verkauft. Finanziell ist sich also unabhängig. Sechsstellig lässt es sich durchaus bequem fliehen. Maurizi setzt geduldig einen Schritt vor den nächsten. Und immer wieder taucht der Name Beato Angelico, der berühmte Maler, dessen Interpretation des Auferstehungsmythos‘ auch Thema ihrer Doktorarbeit war.

Je mehr Puzzleteile Maurizi ineinanderfügt, desto klarer wird das Bild der Laura Garaudo. Wer meint dieser Frau Vorschiften machen zu könne, wird rasch ins Reich der Irrungen und Wirrungen geschickt. Diese Frau ist ein Vulkan, die ihrem eigenen Rhythmus folgt.

Andrea Camilleri wirbelt verdammt viel Staub auf, wenn er Commissario Maurizi auf die Suche nach Laura Garaudo schickt. Doch die Nebelschwaden lösen sich alsbald in Wohlgefallen auf. Ist sie eine Frau auf dem Weg zur Selbstverwirklichung, die keine Spuren hinterlässt? Einem wie Camilleri traut man das zu. Oder ist sie von einem Fluch besessen, der sie forttreiben lässt? Auch das ist Camilleri zuzutrauen. Das Ende mag auf den ersten Blick profan wirken. Lässt man sich auf die Gedankenspiele des größten lebenden italienischen Autors ein, findet man die glücklich machende Nadel im Heuhaufen.

Legenden

Wie stellt man sich einen Roman über die Provence vor? Sonne, lavendelduftende Felder … das einzige, das die Idylle annähernd stören könnte, ist der fiese Mistralwind. Aber ansonsten eine Landschaft zum Verlieben. Sylvain Prudhomme sieht diese Landschaft auch. Doch er siedelt seine Geschichte in der Crau an, einem Landstrich der Provence, die mehr einer futuristischen Gesteinswüste mit Endzeitstimmung ähnelt. Aber keine Angst, diese Legenden werden ab der ersten Seite den Leser zum gefräßigen Lesetier machen. Absetzen unmöglich!

So zufällig wie in der Crau Leben anzutreffen ist, so zufällig treffen Nel und Matt aufeinander. Ihre Kinder sind befreundet und ihre Väter verbindet schon bald eine tiefe Freundschaft. Durch ein Filmprojekt über die Gegend von Arles, da, wo sonst nur Steine von der Vergangenheit zeugen, wird dieses Band noch enger geschmiedet. Denn allerorten und dann auch wieder nirgends fallen die Namen Christian und Fabien. Brüder. Dem Blute nach. Der Eine elegant, der Andere ein Raufbold. Nur kurze Zeit lebten sie hier in der Kargheit der Steine, doch ihr Leben ließen sie sich niemals von ihrer Umgebung beeinflussen. Echte Lebensfreude, die nur eine kurze Zeit dauerte. Doch Nel und Matt – Sylvain Prudhomme baut eine kleine Beziehung der beiden Freundespaare ein – sind von nun an auf den Spuren von Christian und Fabien.

Mit unbeirrbarer Sicherheit schickt Prudhomme seine Protagonisten und den Leser auf eine Odyssee in die Achtziger. Ein Pilot und ein Schmetterlingssammler / -forscher, die paarweise bekannt sind wie die sprichwörtlichen bunten Hunde. Angst muss man vor dem dynamischen Duo nicht haben. Doch ihre unbändige Lebenskraft verstört so manchen. Nel und Matt sehen in ihnen fast schon ein Pendant zu sich selbst. Haarscharf an der Klischeegrenze forciert Prudhomme das Tempo seines Romans, den man schwer einordnen kann. Hofft man zuerst, dass es zu einem großen Knall kommen wird, so ist man doch erleichtert, dass Fabien und Christian einfach nur zwei Menschen sind, denen das Leben nur mit offenen Händen zugetragen wurde. Sie nutzen sämtliche Chancen, sehen sich schlussendlich aber doch einem Ende gegenüber, das viel zu früh und viel zu hart den Weg in die Zukunft versperrt.

Anfangs sollte es „nur“ ein Filmprojekt sein. Bei den Recherchen erfahren Nel und Matt viel mehr über die Gegend, Fabien und Christian und sich selbst. Alle Hauptdarsteller treten in Paarformation auf. Jeder für sich bietet schon genug Stoff für eine Geschichte, wenn nicht sogar für einen Roman. Entgegen aller mathematischen Gesetze verdoppelt sich der Reiz der Geschichte nicht nur durch die Verdoppelung der Handlenden, sondern potenziert sich ins Unermessliche. Die Provence, die Camargue, die Crau zu bereisen ohne diesen einzigartigen Roman gelesen zu haben, wäre so gar nicht legendär. Die exakten Beschreibungen der Landschaft, der Menschen, die hier leben, sind so berührend und nachvollziehbar, dass „Legenden“ einfach ins Handgepäck gehört.