Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Geschichte Belgiens

Wenn die Tage kürzer und die Abende kälter werden, bleibt Zeit schon mal die nächste Reise im Kopf zu planen. Schließlich will man vorbereitet, und in der schönsten Zeit des Jahres nichts verpassen. Und wer weiß, vielleicht kommt dem Einen oder Anderen dabei noch eine Idee für ein Weihnachtsgeschenk.

Die „Geschichte Belgiens“ ist auf den ersten Blick erstmal kein Buch, das unterm Weihnachtsbaum für große Augen sorgt. Sollte man meinen, diese Meinung ist aber falsch und wird durch eben diesen Titel von Christoph Driessen umgehend, umfänglich und vor allem ab der ersten Seite widerlegt. Denn Geschichte kann spannend sein, auch ohne schreckenshafte Bilder vor den Augen. Es dauert nur noch ein reichliches Jahrzehnt bis Belgien seinen 200. Geburtstag feiern kann. Und jeder, der bis Seite einhundertdrei dieses Buches gekommen ist, kennt jetzt schon einen Programmpunkt der Feierlichkeiten. Wenn dann zum Beispiel die Oper „Der Stumme von Portici“ aufgeführt wird, werden Erinnerungen wachgerufen an die erste belgische Flagge und die Bedeutung ihrer Farben.

Das Bemerkenswerte an diesem Buch mit dem unscheinbaren Titel „Geschichte Belgiens“ ist die verständliche Sprache des Autors. Prägnant trifft in jedem Satz den richtigen Ton ohne den Zeigefinger zu heben. Kein wilder Ritt durch ein Wirrwarr an Jahreszahlen, die selbst Belgier kaum im Kopf haben, sondern ein angenehmer Flug durch die wilde Geschichte eines Landes, das seit ein paar Jahren erst wieder beispielsweise im Sport wieder für Furore sorgt und dessen Geschicke jahrelang führungslos geleitet wurden.

Da sitzt man nun und fragt sich insgeheim, was man über Belgien weiß. Da Land liegt nicht tausende Kilometer entfernt in einer anderen Zeitzone. Es liegt gleich nebenan. Und welche Antworten muss man sich selber geben? Tim und Struppi, Pommes frites und Schokolade. Manch einem fällt vielleicht noch der koloniale Wahnsinn im Herzen Afrikas ein. Ein Skandal hier, eine Affäre da – aber ansonsten sieht es so aus wie das linke Drittel der Fahne: Ziemlich düster bis schwarz.

Diese Geschichte liest sich wie ein Krimi. Immer wieder unerwartete Wendungen, die Christoph Driessen mit einer Selbstverständlichkeit erklärt, dass sie dem Leser wie der natürliche Fortgang der Geschichte erscheinen. Kein Wort zu viel, kein Ereignis, das ausgespart wird. Und wer für den nächsten Frage-und-Antwort-Spieleabend noch ein paar Anregungen braucht, bekommt gleich noch eine Portion Promiflüstern beigelegt. Man kann ja schon mal anfangen: Wie viele (fiktionale wie reale) Belgier kennt man selbst? Poirot, Brel, Wilmots …

Kleine luxemburgische Literaturgeschichte

Um es vorweg zu nehmen: Dieses Buch ist ein Roman. Rein fiktiv, bis auf eine Figur. Und er erscheint bereits zum zweiten Mal. Vor dreißig Jahren hatte Georges Hausemer dieses Buch schon einmal veröffentlicht. Die Zeit war reif dieses Buch umzuschreiben und zu ergänzen, um es noch einmal einer breiten Leserschaft vorzulegen.

Es ist keineswegs eine Abhandlung, wann welcher luxemburgische Autor seine Werke vorgelegt hatte. Es ist ein satirischer Einblick ins Verlagswesen Luxemburgs. Der namenlose Ich-Erzähler macht einen Cut, zieht einen Schlussstrich. Beziehungsweise macht seine Freundin mit ihm Schluss und er die Herausforderung an einiges zu ändern, was sie an ihm zu bemängeln hatte. Spötter könnten jetzt meinen, warum nicht gleich so? Dann wäre Hammond, so der Name der Ex, noch bei ihm. Bleibt die Frage, ob er es auch so haben wolle.

Luksbuks ist der neue Arbeitgeber. Luxuriös ist hier nichts. Aber luxemburgisch. Frisch ans Werk heißt es für den Erzähler. Neuer Job, neues Leben, neue Herausforderung – wie man heutzutage gern (und zu oft sagt), wenn man nicht weiß, was einen erwartet, wie man sich selbst dazu positionieren soll. Der Knackpunkt ist, dass der Erzähler und Bücher bisher keine Beziehung zueinander hatten. Nicht mal als Dekorationsobjekte kamen sie ihm unter die Augen. Hammond war da anders. Obwohl sie so weit weg von ihm ist, blitzen immer wieder Gedanken in ihm auf, die Hammond klar und deutlich und gar nicht weit weg erscheinen lassen.

Doch Bücher lesen und lieben und sie als Vertreter an den Mann, die Frau, die Geschäfte zu bringen sind zweierlei. Glück gehabt! Oder doch nicht? Wie soll man etwas verkaufen, das man selbst kaum bis wenig – wenn überhaupt – kennt?

„Kleine luxemburgische Literaturgeschichte“ ist eine Geschichte zum Schmunzeln. Die Nebensätze zielen genau auf die Lachmuskeln des Lesers. Was soll man schon mit der Information anfangen, dass das Fahrzeug einen Heckscheibenwischer mit Intervallschaltung hat? Es sind diese Untertöne, die dieses Buch so unterhaltsam machen. Man muss als Leser nicht zwingend das Verlagswesen, und schon gar nicht das von Luxemburg kennen. Es genügt vollkommen sich den Zeilen des Autors hinzugeben und ihm Schritt für Schritt in eine fremde Welt zu folgen. Der Erzähler tut auch nichts anderes.

Autoren schreiben immer wieder einzelne Passagen um, fügen etwas hinzu, streichen Stellen. Die Zweitauflage ist ein paar Jahre näher an die Gegenwart gerückt. Die Hitparade von 1989 – da erschien dieses Buch erstmals – ist im Buch ein rückblickender Seufzer. Mit diesem Wissen im Hinterkopf werden die zweihundertdrei Kapitel – ungelogen, das Buch hat tatsächlich so viele Abschnitte – zu einem wilden Ritt auf der Klaviatur des hintersinnigen Humors.

In Liebe, Dein Vaterland I: Die Invasion

Japan in einer gar nicht so sehr zurückliegenden Zukunft: Im Jahr 2007 liegt die Wirtschaft brach. Die Regierung hat jedem Einwohner 40 Prozent der Ersparnisse entzogen. Die Arbeitslosigkeit steigt an. Die Kriminalitätsrate explodiert. Obdachlose bevölkern ganze Stadtteile. Hilfsorganisationen lassen sich ihre Hilfe selbst von denen, die gar nichts mehr haben noch gut bezahlen. Der Regierungsapparat und seine untergeordneten Stellen sind chronisch unterbesetzt. Wer noch Arbeit hat buckelt nach Oben und tritt nach Unten.

Nordkorea in einer gar nicht so sehr zurückliegenden Zukunft: Im Jahr 2007 hat sich das Verhältnis zu den USA verbessert. Die Elite des Landes hat sich weltweit gebildet und ist nun bereit den nächsten Schritt zu wagen. Einige ausgewählte Experten auf ihren jeweiligen gebieten, Emporkömmlinge und Günstlinge bleiben außen vor, wollen einen perfiden Plan in die Tat umsetzen. Japan soll Nordkorea einverleibt werden. Zunächst will man zusammen mit einigen in Japan lebenden Agenten das Land erkunden und die aktuellen Gepflogenheiten erlernen. In Phase Zwei werden schlussendlich über einhunderttausend Soldaten das Land besetzen.

In Japan gibt es immer mehr Proteste gegen die Übersprunghandlungen der Legislative. Terrorgruppen sprießen aus dem Boden wo sonst zwischen Kirschblüten flaniert wurde. Die Enttäuschten und Geprellten der Zeit formieren sich, um mit Nadelstichen das Land zu befreien. Und so merkt man gar nicht wie nach und nach die kleinen Nadelstiche immer größere blutende Wunden verursachen…

Das vollbesetzte Baseballstadion in Fukuoka soll das erste Ziel sein. Sobald die Stadt erreicht ist, wird die Kunde verbreitet, dass sich nordkoreanische Truppen auf Tokio zubewegen. Fukuoka würde dann abgeriegelt werden und die Aggressoren hätten freies Feld. Ein perfekter Plan … allerdings mit gravierenden Fehlern.

Autor Ryū Murakami bereitet es einen Riesenspaß in diesem ernsten Umfeld die Akteure mit Spott und Satire zu übergießen. Zum Beispiel, wenn der Leiter der Aktion sich beschwert, dass seine durchtrainierten nordkoreanischen Agenten niemals ans wissbegierige südkoreanische Touristen im Land der aufgehenden Sonne durchgehen könnten. Sie lachen einfach nicht. Weil sie es nicht kennen und können. Und ihr starrer Blick es nicht zuließe. Und so kommt es dann auch zu einigen – wenn auch nicht witzigen – Begebenheiten, die alles auffliegen lassen könnten. Aber auch auf japanischer Seite ist man nicht besonders effektiv, eher unbeholfen. Etwa als der Krisenstab ernsthaft darüber nachdenkt gegen die schwerbewaffneten Terroristen die stadioneigenen Wasserwerfer einzusetzen.

Ein düsteres Szenario, das Ryū Murakami entwirft. Er siedelt die Geschichte nicht in einer fernen Zukunft an, die keiner seiner aktuellen Leser jemals erreichen wird, sondern in die noch allzu präsente Vergangenheit. Ein Kunstgriff, der mit keiner Silbe unglaubwürdig erscheint. Wenn der Staat nur noch um sich selbst kreiselt und das Volk aufbegehrt, können ganze Systeme umknicken wie Grashalme. Das geflügelte Wort von demjenigen, der zu spät kommt … ist heute aktueller denn je.

Teil Zwei der Dystopie – ein gutes Ende ist somit wohl ausgeschlossen – erscheint im März 2019.

Pariser Romanze

Stahlgrollen und Erdfetzen im Gleichklang mit dem sanften Wiegen der Baumkronen im Wind und der Ruhe vor dem Sturm. Arnold Wächter ist im Krieg. Und wenn der Wind leise durch die Natur schwebt, nutzt er die Zeit seinem Freund Claude Briefe zu schreiben. Er beklagt sich nicht über Kommissbrot, dreckige Uniformen und die Angst vor den Bomben. Er erinnert sich lieber an Paris. Denn diese Stadt hat ihn an- und er sie ausgesogen.

Paris ist für Arnold Wächter zweite Heimat geworden. Der Name lässt es vermuten, er ist Deutscher und hat sein Heimatland verlassen. In Paris lernt er Lotte kennen. Sie will malen, und er wird ihr seine Stadt zeigen. Das fast schon verklärte Paris der Künstler, in dem Drogen und zwanglose Beziehungen zum guten Ton gehören wie der Dame die Tür aufzuhalten.

Diese Erinnerungen an Paris, die er Claude  schreibt, sind eine Liebeserklärung. Paris als Stadt der Fremden, die Paris formen und die diese Fremden, besonders die Deutschen, anspuckt. Dieses Paris spuckt aber auch einen künstlerischen Ausdruck aus, der nach dem Krieg nie wieder so stark zu hören sein wird wie vor 1914. Das ist dem Ich-Erzähler Wächter klar. Wehmut? Keineswegs! Wenn dieser widerwärtige Krieg zu Ende ist, wird Paris für ihn wieder Paris werden. Allerdings ohne Lotte. So viel steht fest.

Franz Hessel und Arnold Wächter haben viel gemeinsam. Sie zog es weg aus der grauen Enge ihrer deutschen Heimat in die Weite der Weltstadt Paris. Apollinaire und Picasso gehören hier zum Inventar wie Champagner und Baguette im Café um die Ecke. Es ist die Leichtigkeit der Zeilen, die den Leser nach der letzten Zeile fasziniert zurücklässt. Doch der Leser ist nicht allein. Er weiß, dass Franz Hessel die gleich Sehnsucht nach Sein, Montmartre, Montparnasse und niemals ruhen lassen wird. Dieses Paris – und da hatte Hessel leider vollkommen recht – ist heute ein anderes Paris. Es sind andere Schätze, die den Besucher anziehen. Umso verlockender diese Erinnerungen an Paris vor den großen Kriegen, die so viel veränderten.

Und bevor jetzt Zyniker die Bühne betreten, sei allen Lesern versichert, dass nicht der Krieg diese wunderbaren Erinnerungen hervorruft, sondern nur ein Könner seines Fachs wie Franz Hessel solche Schätze entwerfen konnte.

Wer die Nachtigall stört – Graphic Novel

Es gibt (hoffentlich!) keinen besseren Zeitpunkt dieses Buch noch einmal zu veröffentlichen! In einer Zeit, in der Mächtige dem Kleingeist selbst in humanistischen Gesellschaften Brot wie süßen Kuchen vorwerfen, und in denen die Kleingeister ihre Angst legitimiert mit Hass freien Lauf lassen. „Wer die Nachtigall stört…“ als Graphic novel – ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass man nur mit Bildern kleingeistigem Hassgeschwafel entgegentreten kann. Nein, diese graphic novel ist ein weiterer Baustein im Gebilde der antirassistischen Literatur.

Scout und ihr Bruder Jem verbringen zusammen mit Dill, der den Sommer über bei seiner Tante verbringt (unverkennbar der blässliche Truman Capote), einen unbeschwerten Sommer. Bis Atticus Finch, der Vater von Scout und Jem einen Schwarzen vor Gericht verteidigt, der ein (weißes!) Mädchen vergewaltigt haben soll. Die Stimmung hier im Süden der USA ist eindeutig: Der Nigger war’s! Das Schimpfwort wird von Harper Lee bewusst verwendet, da es elementar die Stimmung der Zeit und des Ortes wiedergibt. So sehr sich der Gerechtigkeitsfanatiker Atticus auch bemüht, die Stimmung will und will nicht kippen.

Atticus‘ neugierige Kinder, Scout ganz besonders, werden auf unliebsame Weise in den Prozess hineingezogen. Die Unbeschwertheit eines Sommers wird ihr ganzes Leben verändern. So wie dieses Buch Generationen von Lesern beeinflusst hat und es in Zukunft hoffentlich noch tun wird.

Der Roman erschien vor über fünfzig Jahren zum ersten Mal, kurze Zeit später auch schon auf Deutsch. 2018 ist das Jahr, in dem der Geschichte eine weitere hinzugefügt werden kann.

Diesen unbestrittenen Klassiker als graphic novel zu veröffentlichen, birgt die Gefahr der Vereinfachung und der Seichtheit in sich. Denn dem Leser könnte die Phantasie verengt werden. Fred Fordham gelingt es meisterhaft dieser Verschlichtung mit jedem Strich entgegenzuwirken. Die stimmungsvolle Unschuld kindlichen Daseins in kräftigen Farben, die schreckliche Vorverurteilung aufgrund der Hautfarbe in düsteren Farben vermitteln von Anfang an die Stimmung, die Harper Lee in ihrem preisgekrönten Werk (Pulitzerpreis 1961) vermitteln wollte. Wer meint, dass er das Werk verinnerlicht hat, weil der die Verfilmung (u.a. Oscar für Gregory Peck als Atticus Finch) als ultimative Inszenierung ansieht, kommt beim Lesen dieser Ausgabe ins Grübeln. Der eigenen Phantasie, die beim Lesen einsetzt, wird hier lediglich ein wenig auf die Sprünge geholfen. Keine Spur von Verfremdung oder gar Verfälschung. „Wer die Nachtigall stört…“ bekommt Familienzuwachs auf höchstem künstlerischem Niveau.

Gebrauchsanweisung für Iran

Taarof – wie schmeckt das? Ist nichts zu essen. Ist auch kein Ort. Es ist die iranische Antwort auf gutes Benehmen, Höflichkeit, Gastfreundschaft. Was fast nie in Reportagen und Nachrichtenmeldungen gezeigt wird, ist gelebte Gastlichkeit. Niemals einen Taxifahrer nach dem Weg fragen, wenn man noch nie etwas von Taarof gehört hat! Denn sonst hat man schnell mal die Polizei im Nacken. Denn die Antwort ist meist ausweichend. Und dann beginnt eine Art Feilschen. Bei dem übrigens keiner den Platz als Verlierer verlassen wird.

Auch ist es durchaus üblich die Gastgeberin mit überbordenden Komplimenten, die hierzulande schon längst in die Klamottenkiste gepackt wurden, zu loben. Man wünscht ihr zum Beispiel, dass ihre Hände niemals schmerzen sollen. So viel Enthusiasmus wird in Europa eher misstrauisch beäugt.

Einen ganz speziellen Tipp hat Bita Schafi-Neya, Halbiranerin mit deutschem und iranischem Pass, für ganz Neugierige. Nowruz heißt das Neujahrsfest, bei dem mindestens sieben Sachen, die mit einem „S“ beginnen, auf dem Tisch stehen müssen. Sib, der Apfel, für die Gesundheit – Somagh, Gewürz, für den Geschmack des Lebens – Senjed, Maulbeeren, für die Saat des Lebens – Serkeh, Essig, für die Fröhlichkeit (so weit sind unsere Kulturen doch nicht auseinander) – Sir, Knoblauch, für den Schutz – Sonbol, Hyazinthe, für die Freundschaft  und Samanu, der Weizen für Wohltat und Segen. Ein riesiges Fest, das mehrere Tage dauert und entsprechend zelebriert wird.

Keine Scheu, generell gilt in Iran: Wenn man eingeladen wird, zusagen. Alle Horrormärchen sind nicht wahr. Vielleicht ein paar. Aber mit gesundem Menschenverstand kann man den sofort erkennen – wie überall auf der Welt.

Diese Gebrauchsanweisung verdient ihren Titel von Anfang bis Ende. Ob nun Tipps, was man besichtigen soll, kann, muss, wie man die iranische Währung versteht (Rial und Tomen sind ein und dasselbe nur sind Tomen um eine Null am Ende gekürzt), warum die Traditionen gepflegt und schienbar fast überall und jederzeit missachtet werden können – die Rettung im Dickicht der kulturellen Eigenheiten naht in Form dieses Buches.

Das letzte Kapitel des Buches heißt: „Quo vadis, Iran?“. Wohin steuert das Land der unermesslichen Ölvorkommen und endlosen Reichtümer? Diese Frage kann auch die Autorin nicht beantworten. Doch sie kann die Frage eines jedes Lesers mit einem „Sofort!“ parieren. Nämlich die Frage, wann man in diesem nun nicht mehr so fremden Land die schönste Zeit des Jahres verbringen wird.

Der Vesuv

Bewohner von Pompeji und Herculaneum konnten dem Berg ihres Schicksals nichts entgegensetzen. Sie versanken am 24. August 79 in einem Aschregen ungekannten Ausmaßes. Es ist gleichzeitig auch die Geburtsstunde eines Mythos. Der Vesuv. Zwei Städte verschwanden für immer von der Landkarte. Zumindest in ihrer ursprünglichen Form, denn Pompeji ist heute neben dem größten Naturhistorischen Museum der Welt wieder bewohnt.

Über eineinhalb Jahrtausende war es ruhig um den Vulkan. Bis 1631. Da bebte die Erde wieder gewaltig. Und wieder flohen die Menschen. Manche rechtzeitig, manche zu spät. In einer endlosen Prozession bat man um göttlichen Beistand. Der dann auch prompt eintrat. Seitdem ist Gennaro der Schutzheilige der Stadt Neapel. Alles Mythen, alles Legenden. Doch genau die sind es doch, die den Vesuv so begehrenswert machen…

Dieter Richter lässt sich von keinerlei Hokuspokus beeindrucken. Er schreibt dem Vesuv die überfällige Biographie auf den grummelnden Leib. Auch er kann sich den Legenden nicht ganz verschließen und zieht damit den Leser postwendend auf seine Seite. Er ist in guter Gesellschaft: Gräfin Ida von Hahn-Hahn zog es zum Vesuv, weil sie eine Eruption erwartete. Goethe war hier, sogar Andy Warhol malte den historischen Ausbruch.

Eine Biographie über einen Berg zu schreiben, dafür muss man tief in den Archiven graben. Das tut Dieter Richter auch. Und er fördert Erstaunliches zu Tage. Seit jeher haben sich große Köpfe selbigen zerbrochen, wie die Erde dazu kommt ab und zu mal zu spucken. Eine wissenschaftliche Erklärung konnte nie so recht gefunden werden. Erst mit der industriellen Revolution kam man dem Phänomen auf die Schliche. Heute sind Vorhersagen so genau wie nie zuvor.

Der Vesuv ist nicht erloschen. Er schläft nur. Manchmal brummt er, manchmal zischt er. Doch das macht ja schließlich jeder von uns einmal. Nicht weiter schlimm. Und wenn doch, dann gibt es Evakuierungspläne, die allerdings umstritten sind. Dieses Buch ist mehr als nur ein willkommener Zeitvertreib, wenn man am Golf von Neapel seinen Aperitif genießt. Launig, lustvoll, informativ und vor allem spannend wie ein nervenzerfetzender Krimi. In der ganzen Bandbreite der sprachlichen Vielfalt unternimmt Dieter Richter mit dem Leser eine Reise, die so in keinem Reisebüro der Welt zu buchen ist. Schnäppchenjäger aufgepasst: In so kurzer Zeit hat man noch nie so viel Wissen bekommen, ohne dabei auch nur einmal die Augen zu schließen!

Der Kramladen des Glücks

Gustav ist ein echter Glückspilz! Er strahlt die Welt an und sie strahlt zurück. Doch das Glück bekommt schon früh Risse. Denn Gustav ist sensibel. Nicht im Sinne, dass er bei jeder Kleinigkeit anfängt zu heulen, sondern, dass er ein aufmerksamer Beobachter ist. Sein älterer Bruder Rudolf nimmt sich gezwungenermaßen seiner des Öfteren an. Das machen große Brüder so. Widerwillig und pflichtbewusst.

Die Zeit vergeht und Gustav wächst heran. In München will / soll er Jura studieren. Doch das Studium reizt ihn kaum. Und so verbringt er mal Zeit in Vorlesungen in Ägyptologie oder anderen Studienfächern. Und er verbringt Zeit mit Frauen.

Die sehen in ihm allerdings nicht den Mann fürs Leben. Geliebtes Anhängsel, gesprächiger Begleiter, romantischer Zeitvertreib – für Gustav gibt es viele Bezeichnungen. Doch Liebhaber, potentieller Gatte – das wird er niemals sein. Irgendwo zwischen Hansguckindieluft und Bohème ist er anzusiedeln. Ihn stört es kaum. Bis auf die Sache mit den Frauen. Das würde schon ganz gern in den Griff bekommen.

„Der Kramladen des Glücks“ ist der erste Roman von Franz Hessel. Er erschien 1913. Schon allein der Titel macht neugierig. Was ist denn gerade im Angebot in diesem Laden? Irgendeine Empfehlung? Ja! Lesen! Wie ein unschlüssiger Kunde streift man durch diesen Laden und ist fasziniert von der Vielfalt der deutschen Sprache. Hessel verleiht seinem Helden Flügel. Die benutzt der jedoch nicht, um großartige Expeditionen zu unternehmen, sondern vogelfrei herumzuflattern. Nie ganz dem Kindesalter entflohen, darf er sich auch so benehmen. Gustav kann man nichts übel nehmen.

Er ist ein ewig Suchender, von dem man weiß, dass er niemals ankommen wird. Und man möchte es auch nicht. Wie ein Voyeur betrachtet man aus sicherer Entfernung wie sich Gustav in Liaisons verrennt und kläglich scheitern muss. Die Risse im Herzen kittet er schnell und nachhaltig. Was ihn nicht davon abhält weitere Verletzungen in Kauf zu nehmen. Ihn sachlich nüchtern als fünftes Rad am Wagen zu bezeichnen, käme seinem Naturell in keiner Weise nahe.

In diesem Kramladen findet jeder etwas. Ein Sammelsurium des Glücks und der Verzweiflung, aber niemals die Rumpelkammer eines Sünders. Es ist ein aufgeräumter Laden, den man gern betritt, weil man immer fündig wird. Der Preis ist ein lang anhaltendes Lächeln. Was will man mehr?

Goldeneye – Ian Fleming und Jamaika

Dass ein Urlaub das Leben beeinflussen kann, hat man schon gehört. Wenn ein Urlaub das ganze Leben verändert, wird man neugierig. Wenn ein Besuch auf einer Insel dazu führt, ein Leben auf den Kopf zu stellen, dem Arbeitsgeber zwei Monate bezahlten Urlaub jährlich abzuringen, um auf eben dieser Insel leben zu können … und wenn dann auch noch die ganze Welt daran teilhaben kann, ist es wert ein Buch darüber zu schreiben.

Goldeneye nennt sich der Flecken Erde. Moment mal, Goldeneye, James Bond … eine Insel? Von Vorn: Während des Zweiten Weltkrieges, der tatsächlich auch in der Karibik stattfand, sah sich das britische Empire gezwungen Maßnahmen gegen die Übergriffe der deutschen Marine zu ergreifen. Auf einer Konferenz in Jamaika beriet man darüber. An eben dieser Konferenz nahm ein gewisser Ian Fleming teil. Und der verliebte sich prompt in die Insel. Schon kurze Zeit später war er Grundbesitzer im Norden des Eilands, mit einer praktikablen, aber nicht zwingend repräsentativen Ausstattung. Und dieses nannte er Goldeneye. Die Legende will es, dass Goldeneye mit einer ansehnlichen Bibliothek ausgestattet war, in der sich auch ein Vogelkundebuch eines gewissen James Bond befand. Ja, jetzt ist alles klar.

Ian Fleming ist nun Jamaikaner. Zumindest zwei Monate im Jahr, in denen er schreibt. Und zwar an den Romanen, die Weltruhm erreichen und durch Kinofilme ein Synonym für loyale Agenten werden, die verbrannte Erde hinterlassen, damit nicht noch mehr anbrennt.

Von Beginn an macht Fleming Werbung für die Insel. Auch der Schauspieler Errol Flynn und seine Kollegen lassen keine Gelegenheit aus Jamaika in den Himmel zu loben. Und die High Society folgt ihrem Rufen wie die Lemminge. Von Charlie Chaplin bis zu Laurence Olivier und Vivien Leigh lassen sie es sich auf der Insel gutgehen. Autor Matthew Parker beschreibt genüsslich wie sie sich alle nackt am Pool räkelten oder David Niven nur knapp einem Skorpionangriff entging, sich dafür Zecken an delikater Stelle einfing. Niven – da ist wieder die Verbindung zu Bond. Er war die erste Wahl für den ersten Bond-Film.

Doch Matthew Parker zieht es vor die kleinen Anekdoten in ihrer Schmuddelecke zu belassen. Jamaika in den 50er Jahren, das ist ein Land im Umbruch. Ein Land, das das koloniale Dasein abschüttelt und sich emanzipiert. Das Geld wird immer noch von Ausländern (Kolonialisten) verdient. Und der kalte Krieg geht im tropischen Regen auch nicht unter. Fleming und Bond – je tiefer man in dieses Buch eindringt, desto deutlicher wird, dass Erfinder und Figur mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen – stehen mittendrin. Flemings Werke verkaufen sich gut, exzellent sogar. Alles, was er auf Jamaika wahrnimmt, was ihn als britischen Gentleman ausmacht, fließt ungefiltert in seinen Helden.

Matthew Parker seziert jede Textestelle der Romane und Geschichten mit James Bond und zeigt Parallelen zu Jamaika, Fleming und der Zeit auf. Wer James Bond nur aus den Filmen kennt, wird überrascht sein, wie groß die Diskrepanz zwischen originaler Druckvorlage und filmischen Abklatsche sein kann. Und vor allem zeigt wer, wie viel Einfluss eine einzige Insel auf eines der erfolgreichsten Kunstprodukte des vergangenen Jahrhunderts haben kann. „Goldeneye“ ist die spannendste Biographie des Jahres.

Atlas der verlorenen Paradiese

Wie schnell spricht man doch vom Paradies?! Die Sonne scheint, das Eis schmilzt im Mund und nicht der Hand, die Augen … ach was, alle Sinne werden verwöhnt. Und schon ist man im Paradies. Dieser Begriff funktioniert fast überall auf der Welt. Im Persischen, im Griechischen, im Deutschen, Englischen – der Begriff ist überall verständlich. Ein Ort, Flora und Fauna inklusive, mit einer Mauer drumherum. Es summt, es brummt, es lebt sich wunderbar. Es sei denn, man mag kein Summen und kein Brummen. Und schon tauchen die ersten dunklen Wolken am ach so paradiesischen Himmel auf.

Es ist doch immer das Gleiche. Kaum ist man aller Sinne entrückt zufrieden, melden sich aus der Ferne die Störfeuer. Ist das Paradies wirklich so weit entfernt, dass es schon gar nicht mehr wahrnehmbar ist? Oder hat es ein Mindesthaltbarkeitsdatum bzw. ein Verfallsdatum? Letzteres kommt der vermeintlichen Realität am nächsten. Seit der Mensch denken kann, sucht er das Paradies. Den Garten Eden. Das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und was wären wir Suchenden ohne die gefühlvollen Worte der Dichter, die es so salbungsvoll beschreiben.

Gilles Lapouge hat sich ebenfalls auf die Suche nach dem Glück gemacht. Nicht mit dem Finger auf der Landkarte. Nicht mit der Gier nach dem Paradies. Sondern mit der Neugier eines Autors. Eines Autors, der der Vorstellung eines perfekten Buches über das Paradies so nahe kommt, wie kaum jemand zuvor. Ob Fletcher Christian, der Anführer der Meuterei auf der Bounty oder die Gärten der Semiramis in Babylon, Gilles Lapouge holt sie alle aus der mittelbaren Vergessenheit und gibt ihnen den zustehenden Raum.

Ja, das Paradies ist kein Ort, den man mit dem Billigflieger und maximal einmal Umsteigen erreicht. Er existiert nur in unseren Köpfen. Und deshalb ist er auch so vielfältig. Es kann ein persischer Garten sein, ein indisches Grabmal, eine der Phantasie entsprungene Utopie oder ein Text aus einem religiösen Buch. Allen Vorstellungen geht der Wunsch voraus fernab aller Pflichten und Sorgen einen Platz zu finden, den man nur findet, wenn man ihn sucht.

Ein paradiesisches Lesevergnügen – und das ist ganz real – ist hingegen dieses Buch. Es vergeht keine Seite, in der man nicht kurz innehält und über das Gelesene nachsinnt. Ein bisschen verträumt, vielleicht ein bisschen resigniert, schließt man das Buch, um sich postwendend daran zu erinnern wo man in Gedanken gerade war…