Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Schloss Gripsholm

Ab in die Sommerfrische nach Schweden! Peter und Lydia haben es sich verdient. Er Schriftsteller, Sie Sekretärin. Ihr hängt die Arbeit noch ein bisschen nach. Zu sehr spielen die Arbeitsabläufe noch in ihrem hübschen Köpfchen Pingpong. Doch das soll sich rasch ändern, sobald sie in Schweden angekommen sind.

Schloss Gripsholm wird ihr Exil von der Welt werden. Daddy, so nennt Lydia ihren Peter liebevoll, manchmal auch Fritzchen, ist sofort angekommen. Dem Müßiggang kompromisslos nachgeben ist für ihn kein Problem. Prinzessin, auch er hat einen Spitznamen für Lydia, lässt sich leicht anstecken.

Auffällig in dieser Abgeschiedenheit ist nur die tägliche Kolonne an Kindern, die angeführt von einer Matrone namens Frau Adriani, tagein tagaus durch die Felder exerziert. Sommerfrische kann man das nicht gerade nennen. Militärischer Drill trifft es wohl eher. Ein Mädchen reißt sich immer wieder los von dieser In-Reih-Und-Glied-Manieriertheit. Ada. Sie schluchzt so herzzerreißend, dass Lydia sich genötigt fühlt dem kleinen Mädchen auf den Zahn zu fühlen. Frau Adriani sieht sich in ihrer Generalsfigur angegriffen. Wie könne sie nur! Sie allein habe hier das Recht selbiges zu sprechen! Und so weiter. Lydia ist geschockt. Hier in dieser Idylle so drohende dunkle Wolken?

Als Karlchen eintrifft, ist die heile Welt wieder hergestellt. Kurzfristig. Ein Schnorrer vor dem Herrn. Ein liebevoller Schnorrer, dem die Zigaretten von Anderen besser zu schmecken scheinen als die eigenen, wenn er denn welche hätte. Er passt in die kleine Gruppe wie Faust aufs Auge.

Als dann auch noch Billie aufkreuzt, sie hat sich gerade von ihrem Freund, einem Maler, getrennt, ist das fröhliche Ringelreih der ungetrübten Ausgelassenheit komplett. Und Peter und Lydia? Was wird aus ihnen? Was wird aus ihnen, wenn der Urlaub vorüber sein wird?

Kurt Tucholsky wurde von seinem Verleger Ernst Rowohlt um eine kleine unverfängliche Liebesgeschichte regelrecht angebettelt. So was wollten die Leute lesen. Nicht immer nur bierernste politische Diskurse führen. Das Leben sei eh schon hart genug. Rowohlt kam ihm finanziell sogar ein Stück entgegen. Für Tucholsky nicht genug. Dass der Roman heute immer noch ein Renner ist, darf wohl als Zeichen dafür gelten, dass Tucholskys Forderungen nachgegeben wurde. Der Briewechsel am Anfang des Buches lässt diese Vermutung naheliegen.

Hans Traxler, der für die Pardon und die Titanic nicht nur zeichnete, sondern sie auch mitgründete, hat seinen Zeichenstiften eine Dreißigerjahre-Kur verordnet. Keck wie die beiden Hauptakteure, mal mit blankem Busen und spitzer Nase, mal zärtlich verliebt, dann wieder in aufreizender Pose im frech geöffneten Pyjama. Schweden regte schon vor knapp einem Jahrhundert, der Roman erschien erstmals 1931, die Phantasie der Leser an und bis heuet die der Illustratoren. Traxlers Bilder geben Tucholskys Meisterwerk für Verliebte erst den richtigen Schliff.

Brandenburg, landeinwärts

Das Land Brandenburg gilt nur unter Kennern als ausgemachtes Wanderland. Die meisten zieht es doch in die Berge, die nicht hoch genug sein können. Brandenburg hat den Vorteil, dass die Berge hier Hügel genannt werden und deswegen die Strapazen bei der „Ersteigung“ sich in Grenzen halten. Ein Wanderland für die ganze Familie.

Martin Mosch weiß das. In seinem eingängigen Wanderband durchstreift er das Land, gibt ganz persönliche Eindrücke wider und erleichtert den Einstieg ins Wandern „gleich um die Ecke“. Fünfzehn Touren hat er beschritten und das Sehenswerte in diesem Buch festgehalten.

Wie zum Beispiel die stillen Dörfer der Prignitz. Einer Gegend, in der man sich auf Anhieb wohlig aufgenommen fühlt. Straßenlärm? In der Prignitz-Ausgabe des Dudens dürfte dieses Wort wohl fehlen. Fast schon amerikanische Ausmaße (man schaut und schaut und schaut und sieht nur Horizont) findet man hier vor. Rund zwanzig Kilometer lang und per pedes oder dem Drahtesel hervorragend zu erkunden. Auch mit dem kleinen Anhang durchaus zu bewältigen. Mit dem ÖPNV nach Barenthin, dem Ausgangspunkt zu gelangen, muss der Autor zugeben, ist nicht ganz einfach. Rad in den Regionalsexpress nach Breddin einpacken und von dort zum Ausgangspunkt. Ein mehr als nützlicher Tipp. Backsteinbauten und idyllische Wege zeichnen die 400-Seelen-Gemeinde im Nordwesten Brandenburgs aus.

Auf dem Weg Richtung dem Gutshaus Granzow säumen Eichen und Kastanien auf märkischem Sand. Soweit nur ein kleiner Einblick in einer der fünfzehn Wanderungen.

Martin Mosch meidet die Wanderpfade, auf denen eine Armada wanderstockschwingender, Funktionskleidung tragender Wanderwütiger den Staub aufwirbeln. Ihn zieht es links und rechts der Pfade in die Mark Brandenburg. Dort, wo einst Dichter ihre Inspiration fanden und ruhesuchende Wanderer heute eben dies auch finden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer ausreichend gestalteten Karte sowie Anfahrttipps und einer Kurzeinschätzung der Strecke. Ansonsten macht man es wie der Autor: Sich treiben und die Sinne den Körper leiten lassen. „Brandenburg, landeinwärts“ kommt ohne jegliche Schnickschnack wie Geodaten und Höhenangaben aus. Hier steht das Naturerlebnis Brandenburg im Vordergrund. Wer sich also im Hauptstadt umschlingenden Bundesland vor den Toren des Trubels eine Brise Erholung gönnen will, wird mit diesem Wanderband genau das bekommen.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Mordechai Wolkenbruch, von allen nur Motti genannt, lebt in Zürich, ist Student und ist – sehr zum Leidwesen seiner mame – immer noch Single. Die versucht mit aller ihr zur Verfügung stehenden Macht ihrem Sohn ein mejdl vorzustellen. Mottis jüdische Familie ist für ihn ein Segen, keiner macht so leckere knajdl. Momentan ist sie aber auch Fluch. Denn seine mame lässt einfach keine Ausreden gelten. Der Junge muss unter die Haube! So wie seine Geschwister – die haben’s gut!

Hat Motti endlich mal eine froj gefunden, ist mame nicht weit. Selbst wenn Motti also könnte, wie er wollte – das Damokles Schwert in Gestalt seiner Mutter würde über ihm schweben und darauf achten, dass der Sohn auch keine unkoscheren Gedanken auslebt.

In der Uni erblickt Motti Laura. Ihr blondes Haar, ihre blauen Augen … ja, Motti kommen da schon die einen oder anderen Ideen, dass er und Laura … Problem ist nur, dass Laura eine schickse ist. Eine, die mit der jüdischen Religion und der jüdischen Kultur nicht so viel anfangen kann. So was kommt mame nicht ins Haus! Das weiß Motti. Er muss einen Weg finden mit Laura zusammen sein zu können. Ohne gleich als merder der eigenen Kultur angeprangert zu werden. Mit so einer wie Laura kann man keine chassene machen!

Thomas Meyers erster Roman wurde umgehend zu einem Riesenerfolg und vor kurzem erst verfilmt. Ein bisschen Übung bzw. Eingewöhnung braucht das ungeschulte Auge. Denn dieser Roman ist voller jiddischer Begriffe. Die zum Glück im ausführlichen Anhang erläutert werden. Sonst würde man ja ganz meschugge werden…

Diese besondere Ausgabe der Büchergilde besticht durch die pointierten Illustrationen von Samuel Glättli. Anhand der Zeichnungen wird der Weg Mottis in die Eigenständigkeit zusätzlich untermalt. Und das im sinnbildlichen wie wortwörtlichen Sinne. Motti ist kein Modellathlet wie er im Buch steht. Aber auch nicht das viel zitierte Muttersöhnchen, das seine mame ihm unterjubeln will. Ohne viel Trickserei stehen die Abbildungen gleichrangig neben dem eindrücklichen wie witzigen Roman. Eine perfekte Symbiose!

Das Haus am Kongo

Die Sonne brennt unerbittlich auf das geneigte Haupt von Gelegenheitswahrsagerin Dolly. Sie stützt ihren Kopf auf die Reling des Bootes, das sie auf dem Kongo irgendwohin bringen soll, wo sie wahrscheinlich auch nicht glücklicher werden kann. Oder unglücklicher?! Egal, das Wahrsagergeschäft, ihre Show, läuft. Dafür sorgt schon ihr Partner Bill. Dieser Windhund, der ihr schon mehr als einmal an die Wäsche wollte. Doch Dolly hat Prinzipien. Und ein loses Mundwerk, das sie gern einsetzt. Zum Beispiel bei, oder besser gesagt gegen Lady Essex. Die will hier in der Ödnis am Ende der Welt ihren Gatten besuchen.

Es kommt wie es kommen muss, der alte Kahn gibt mit einem Knall seinen Geist auf. Zum Glück ist die ungleiche „Reisegesellschaft“ gerade in der Nähe von Doc Warwicks Anwesen. Das Boot ist hin, Dollys Laune hingegen hebt sich im Angesicht von so viel Zivilisation mitten in der Wildnis. Puderdöschen, ein gemütliches Bett. Und die Hausherrin, Mrs. Warwick, ist ein gute Gastgeberin und Gesprächspartnerin. Ein bisschen gelangweilt vielleicht, einsam auf alle Fälle. Eine Woche muss man hier ausharren, dann kommt das nächte Boot, die Royal,  und kann die Gestrandeten sicherlich aufnehmen.

Dolly findet Gefallen an dem alten Doc, der hier in seinem spärlich eingerichteten Buschkrankenhaus verzweifelt versucht der Schlafkrankheit auf die Schliche zu kommen. Doch es will ihm nicht gelingen. Der jungen Frau imponiert der unbedingte Wille des Doktors Gutes zu tun. So sehr, dass sie ihm bei einer Blinddarmoperation assistiert.

Lady Essex kommt die Abwechslung ganz recht. Obwohl sie sich – nach außen – schrecklich darum sorgt, dass ihr Mann sich schrecklich um sie sorgen könnte, weil sie noch immer nicht bei ihm sei, gibt sie sich dem Müßiggang hin. Mehr als Lesen, Essen, Schlafen steht bei ihr nicht auf der Agenda.

Mrs. Warwick kennt dieses Leben. Sie lebt es seit fast einem Jahr. Zuvor war sie eine lebenslustige junge Frau, die begehrte und begehrt wurde. Hier im Dschungel außer Reichweite von Zerstreuung verblüht sie zusehends in der Gluthitze Afrikas. Dem Doc fällt das nicht auf. Genauso wenig wie das Scharwenzeln von Bill um des Doktors Frau. Dolly warnt ihn. Er solle nichts Unüberlegtes tun. Denn verbrannte Erde hat er schon genug hinterlassen…

Wilson Collison gibt seiner Dolly die Waffen einer Frau an die Hand. Geschickt in allem, was sie anpackt, mit einer Portion Durchsetzungsvermögen und dem unfehlbarem Drang allen Untiefen des Lebens auch noch etwas Positives abzugewinnen. Die kurze Zeit, die das Anwesen von Doktor Warwick von den Gestrandeten in Beschlag genommen wird, reicht aus, um mehrere Leben ein für allemal zu verändern.

Club der Romantiker

Peter Becker hatte Glück. Vor fast einem Vierteljahrhundert bekam er die Chance in Oxford zu studieren. Mit Stipendium. Weg von zu Hause, dem Mief und der Aufbruchsstimmung der Wendejahre in Deutschland. England, Oxford. Es war wie im Traum. Nun ist die Zeit gekommen sich der Vergangenheit zu stellen. Die Ehemaligen treffen sich noch einmal. Um zu sehen, was aus den Langhaarigen von damals so geworden ist. Eine Ansammlung von Doktoren wird es nur auf dem Papier sein.

Dass die Gruppe sich fast vollständig versammeln wird, steht so gut wie fest. Denn es gibt einen weiteren Grund für ein Treffen. Die Beerdigung von

Laureen Mills, der Bibliothekarin. Ihre Leiche wurde nun endlich, zwei Jahrzehnte nach ihrer Ermordung, gefunden. Ein mulmiges Gefühl beschleicht Peter, der mittlerweile in Wales lebt und wieder verheiratet ist, zwei Kinder hat. Denn er war es. Er war es, der abgedrückt hat. Er war es, der abgedrückt hat und Laureen Mills erschoss! Peter ist ein Mörder! Und die anderen sahen zu. Taten nichts. Sind mitschuldig. Wie wird es sein, nach so langer Zeit? Hält sich jeder an das, was damals verabredet wurde?

Dass auch die Polizei auf der Beerdigung erscheint, überrascht niemanden. Detective Chief Inspector Osmer soll den Fall endlich zu den Akten legen, doch dafür hätte er gern einen Namen, den er in das Protokollfeld „Täter“ eintragen kann. Der Fall ist über zwanzig Jahre her. Zeit ihn abzuschließen.

Peter denkt zurück an die Zeit als er in Oxfrod ankam. Sein Zimmergenosse, ein Russe und seine Wodkaflaschenarmada, die Mädchen-WG im oberen Stockwerk und den Club der Romantiker. Dem trat er bei, weil die sportlichen Angebote ihm allesamt nicht zusagten. Was Peter nicht weiß, ja nicht einmal ahnen kann, ist die Tatsache, dass er auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Und das nicht erst seit er in Oxford angekommen ist. Die unsichtbaren Augen sehen ihn, alles um ihn herum und die Eigentümer dieser Augen stehen miteinander in Kontakt.

Frank P. Meyer entführt den Leser hinter die dicken Mauern des Schweigens und des Universitätsbetriebes von Oxford. Wie ein Tourenguide weist er mit wehenden Talarärmeln auf die Eigenheiten dieses Mikrokosmos und deckt so manches Verborgenes auf. Schon nach ein paar Seiten ist man selbst ein Oxforder Student, allerdings ohne schicksalshafte Vergangenheit wie Peter Becker. Ein Grummeln im Magen hat dieser sehr wohl. Das schlechte Gewissen plagt ihn mehr als er sich gern eingestehen würde. Das Misstrauen von Ed, Louise, Brandy und den anderen tritt erst nach und nach zu Tage. Als Peter die gestellte Falle entdeckt, ist es fast schon zu spät…

Einsame Weltreise

Und wieder so ein Jubiläum, das in diesem Jahr garantiert keine einzige Zeile in den Gazetten oder in Funk und Fernsehen (und im Web, muss man ja neuerdings dazusagen) wert sein wird. Am 24. November 1919 begann eine der spannendsten Reisen überhaupt. Eine Reise um die Welt. Zugegeben, das war zu damaliger Zeit schon kaum mehr eine Meldung wert. Aber es war eine Frau! Just in dem Jahr, in das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Alma Karlin war die mutige Frau, die es zuhause nicht mehr aushielt, die Sprachen in sich aufsog (u.a. Schwedisch, Norwegisch, Englisch, Chinesisch, Japanisch) wie kaum eine Andere. Sie studierte in London, arbeitete um sich den Aufenthalt leisten zu können als Sprachlehrerin und Dolmetscherin. Von frühester Kindheit an war sie mit einer Lähmung geschlagen. Doch hielt sie das davon ab ihre Träume umzusetzen? Nein!

Ihr Reisetagebuch, das immerhin einen Zeitraum von acht Jahren umfasst, ist nun endlich wieder erles- und ihre Reise erlebbar. Das geliebte London musste Alma Karlin verlassen, weil sie als Deutschsprachige nicht in Feindesland verweilen durfte. Sie sparte begierig ihr Einkommen und begann im November 1919 ihre Reise. Währungen unterlagen damals noch ungeheuerlichen Schwankungen. Lediglich der Dollar konnte als Konstante angesehen werden. Fahrpläne waren meist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Und so kam es, dass sie schon mal eine Nacht auf dem Bahnhof verbrachte, weil der Zug noch meilenweit entfernt war. Cilli, das heutige Celje in Slowenien war ihr Ausgangspunkt. Japan das Ziel. Indien verweigerte ihr das Visum, Ägypten war ein abgeschottetes Land. Nur das Land der aufgehenden Sonne war frei von bürokratischen Übeln. Heute bucht man in Sekundenschnelle im Netz und binnen Tagesfrist schlürft man Cocktails unter Gleichgesinnten, die am anderen Ende der Welt ihr Basislager haben. Wie die Zeiten sich doch ändern.

Auf ihrer Reise ist Alma Karlin ganz auf sich gestellt. Lediglich ihre Erika, ihre Schreibmaschine bietet ihr Halt. Ihr vertraut sie alles an. Mehr Luxus erlaubt sie sich nicht, mehr Luxus wird ihr nicht erlaubt. Die großen Hotels interessieren sie genauso wenig wie die mondänen Clubs. Sie lebt unter den Einheimischen. Air B ’n B in seiner ursprünglichen Form. Wer heutzutage davon spricht Land und Leute kennenlernen zu wollen, endet oft beim vielzitierten Ritt auf einem Esel. Alma Karlin war wirklich mittendrin. Ihre Sprachkenntnisse waren der Schlüssel zu einem (wenn auch zeitlich begrenzt) Erlebnis, das allein schon in Buchform zum Schwelgen einlädt.

Der geheimnisvolle Fremde

Eine Reisegesellschaft, die auf einer Reise ist, die sie nie anzutreten vermutete und die für alle Beteiligten ein echtes Abenteuer darstellt. Hoch zu Ross die Adeligen, die ein Schloss in Beschlag nehmen werden, das Teil der Erbmasse ist. Der verstorbene Bruder hat sie vermacht, obwohl sich die Brüder spinnefeind waren. In der Kutsche die unglückliche Franziska. Sie wird einmal heiraten, doch der Erwählte ist nicht ihre Wahl, schon gar nicht die Erste. Sie stellt sich schlafend, um einem weiteren Diskurs um die Vermählung aus dem Weg zu gehen.

Draußen weht unerbitterlich der Bora, ein Fallwind, der das Karstgebirge vor den Ufern der Adria in Bewegung versetzt. In der Ferne jaulen die Wölfe. Noch bevor die Reisegesellschaft den Zielort erreicht, fallen Schüsse. Nicht auf, sondern von der Kutsche. Da jedem Beteiligten eh schon ganz mulmig ist, beschließt man die Reise ohne viel Palaver fortzusetzen.

Kaum auf dem Schloss angekommen, steht auch schon Besuch vor der Tür. Bertha, die so vehement der verschüchterten Franziska die Ehe mit Franz ans Herz legt, weil sie selbst beseelt von der Idee ist so bald als möglich ihren Ritter Woislaw zu ehelichen, der bald eintreffen soll, frohlockt schon. Doch der nächtliche Besucher erzählt den neuen Schlossherren schauerliche Märchen. Spuk und Geister. Die Herren der Runde bedenkt er mit Nichtbeachtung und Spott. Nur zu Franziska ist er süßholzraspelnd freundlich. Die ist hellauf begeister von dem Fremden, der sich später als Azzo von Klatka vorstellt. Klatka, so heißt auch das Schloss. Während der Zeit, als Schloss Klatka im Dornröschenschlaf lag, war er oft in den Gemäuern, weswegen ihm erlaubt wird sich den Namenszusatz zuzulegen.

Ritter Woislaw kehrt ruhmreich und um seine rechte Hand erleichtert aus der fernen Schlacht zurück. Des Nachts – Azzo ist nur nachts aktiv, tagsüber vermeidet er es dem Tageslicht zu begegnen – treffen sich Azzo und Woislaw. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Fast wie alte Kumpel, die nach Jahren der Trennung alte Geschichten ausgraben. Woislaw hat in Azzo etwas entdeckt, dass ihn aufhorchen lässt. Woislaw kennt solche wie Azzo. Und er weiß mit ihnen umzugehen…

Bram Stoker lässt grüßen. Ja, Ritter Azzo von Klatka, das lichtscheue Wesen, mit der Appetitlosigkeit für alles Feste, dem Alkohol nicht bekommt, hat ein Geheimnis. Eines, das Franziska fasziniert. Wenn sie es kennen würde, wäre sie vorsichtiger. Die Geschichte kursierte schon vor fast zwei Jahrhunderten in Europa und jagte den Zuhörern einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Bram Stoker diente es als Vorlage für seinen Dracula. Dieses kleine Büchlein, allein im Bett, bei schummriger Beleuchtung … erhöhtes Lesevergnügen und Albträume für alle, deren Nervenkostüm aus leichtem Stoff gewebt ist.

Ein bisschen Sonne im kalten Wasser

Jeder, der schon mal eine Phase der Lethargie durchlebt hat, kommt es wie Hohn vor, wenn einem zum Trost die berühmte Medaille mit den zwei Seiten um die Ohren gehauen wird.

Gilles ist gerade in so einer Phase. Im Jahr 1967 ist er Journalist bei einer linken Tageszeitung in Paris. Doch alles in seinem Leben macht ihm keinen Spaß mehr. Die Arbeit ödet ihn an, die Kollegen lassen in ob ihres Zynismus verzweifeln. Und Eloïse, die ihn anscheinend mehr liebt als er sie … naja, ein Hilfe ist die auch nicht. Gilles muss raus. Das weiß er, das tut er. Limoges wird sein Fluchtpunkt, dort, wo seine Schwester ihr führt. Zwei Wochen lange gibt er sich dem Müßiggang hin, so wie zuvor schon in Paris. Bis es eines Tages seiner Schwester zu viel wird. Sie schleift ihn zu einer Party. Oh ja, das ist es, was Gilles nun braucht. Ein depressiver junger Mann, in der Provinz, auf einer Party. Wird bestimmt der Knaller!

Allen Unkenrufen zum Trotz kann genau dieses Ereignis ihn aus seinem Wachkoma befreien. Die passende Medizin kommt in Gestalt der anmutigen Nathalie daher. Umwerfend schön, eloquent und den Kopf mit Wissbegier und Schläue gefüllt. Soll er wirklich den Schritt wagen und mit Nathalie den weiteren Weg gemeinsam beschreiten? Was wird aus Eloïse? Und die neue Aufgabe als Ressortleiter Außenpolitik in Paris?

Die Antworten lauten ja, kein Problem und nein. Den Job will er nicht annehmen, weil er damit einen Kollegen vor den Kopf stoßen würde, den man übel mitgespielt hat. Eloïse zeigt erstaunlich viel Verständnis für Gilles‘ Wahl. Was den gemeinsamen Weg betrifft, ist sich Gilles nicht ganz so sicher. Doch die Lust auf Neues, die wieder erwachte Schaffenskraft lassen ihn alle Sorgen beiseite wischen.

Tja, was soll man sagen? Die Medizin hat geholfen. Gilles ist wieder der Alte. Raus in die Nacht, Saufen mit den Freunden und zuhause wartet Nathalie. Sie schaut Paris mit den Augen einer Touristin an. Denn mehr ist sie auch nicht. Gilles Freundeskreis ist sein Freundeskreis, nicht ihrer. Sie hat keine Freunde. Sie tut Gilles gut. Die Zeit zeigt Gilles jedoch auch, dass Nathalies gute Eigenschaften sich langsam aber sicher gegen ihn richten. Was natürlich nicht stimmt, ihm aber so vorkommt. So vorkommen muss. Denn zu wahrer Liebe – ob er will oder nicht – ist er nicht bereit. Das Ende jedoch konnte sich keiner, weder er noch seine Freunde, weder Nathalie noch ihre von ihr verlassene Familie so vorstellen…

Françoise Sagan macht in „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ keine Kompromisse. Alles taten haben unumstößliche Folgen, ohne Wenn und Aber. Da helfen kein Bitten und kein Flehen – so schonungslos war sie nur in ihrem eigenen Leben, ihren Romanfiguren ließ sie immer eine Hintertür offen. Gilles und Nathalie sind die Verdammten des Krieges, den sie selbst angezettelt haben ohne ausreichend bewaffnet zu sein. Und so gibt es am Ende im Roman nur Verlierer.

 

Ungeteerte Straßen

Ein bisschen holprig ist es schon auf der Straße des Lebens. Und wenn der glatte Asphalt erdigem Boden weicht, wird die Fahrt auch nicht angenehmer. Pascal wuchs nicht gerade mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund auf. Geld war Luxus, Liebe auch, aber diesen Luxus gönnte sich seine Eltern selbst und ihren beiden Kindern Pascal und Marie-Louise.

Da musste auch schon mal das letzte Geschenk der Oma herhalten, damit die karge Wohnung mit einer behaglichen Temperatur gesegnet werden konnte. Apropos Segen. Die Kirche war in Mamas Augen Pflicht. Papa kam sie ihm nur entgegen, wenn die Kosten überschaubar blieben. Was in seinen Augen kostenlos hieß. Für Pascal war es der verheißungsvolle Moment Claudine zu sehen.

Das Glück kann man nicht in Zahlen ausmachen. Boden unter den Füßen, ein Dach über dem Kopf und im Herzen rein. So war die Kindheit in Frankreich als Pascal aufwuchs.

Gérard Scappinis Gedichte sind von besonderer Leichtigkeit, auch die Worte nach Schicksal schreien. Mit besonderer Freude blickt man in kecke Kinderaugen, und der dazugehörige vorurteilsfreie Kindermund tut sein Übriges, um jedem Leser ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Teer würde so vieles unter sich begraben, dass man es schon bald wieder vergessen hätte. Die Straßen, die Pascal beschreitet sind nicht nur hart und uneben, sondern auch echte und wahrhafte Teppiche des Glücks. Beispielsweise, wenn Papa ein Marionettentheater improvisiert oder Mama Apfeltorte bäckt.

Wer sich bisher sträubte Gedichte zu lesen, wird in diesem Buch einen wahren Schatz finden. Klar und direkt wird Pascals Kindheit in liebevollen, fast schon kindlichen Zeilen dargeboten. Man muss nur zugreifen und sich der Zeilen annehmen. So als ob Tom Sawyer nicht in epischer Breite einen Lausbubenstreich nach dem anderen spielt, sondern wie eine gelungene Sinfonie der Sinne auf zartem Papier, das nicht beschädigt werden darf.

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.