Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Singt, Ihr Lebenden und Ihr Toten, singt

Was für eine illustre Reisegruppe: Leonie mit ihren beiden Kindern Jojo und Kayla und ihrer Freundin Misty. Sie fahren in den Norden von Mississippi, nach Parchment Farm. Dieser Ort beheimatet das Gefängnis und somit jede Menge schräge, gefährliche und verbrecherische Typen. Michael ist einer von ihnen und der Vater von Jojo und Kayla. Letzte kennt er kaum und nennt sie bei ihrem vollen Namen Michaela. Was die Kleine vollkommen verunsichert. Misty ist nur mit dabei, weil sie immer dabei ist, wenn Leonie hier hoch fährt. Auch ihr Freund sitzt in Parchment Farm ein. Für Michael ist die Zeit des Abschieds vom Knast und die Zeit des Neuanfangs mit seiner Familie gekommen.

Jojo ist inzwischen dreizehn Jahre alt. Pop nennt er mittlerweile seinen Opa mütterlicherseits. Seinen Pa nennt er Michael. Und Leonie, seine Mutter ist Leonie. Mam ist seine Oma. Zum Leidwesen aller ist Mam aber an Krebs erkrankt und sieht ihrem drohenden Ende entgegen. Leonie hat in Jojos Augen ihr Ende schon erreicht. Die Kinder sieht sie regelmäßig, aber eine echte Beziehung kann sie einfach nicht aufbauen. Über ihre Lippen kommen zwar liebgemeinte Worte, doch die daraus resultierenden Taten lässt sie schmerzlich vermissen.

Wenn sie wieder mal „drauf ist“, blüht sie auf. Dann hält sie in Gedanken Zweigspräche mit ihrem toten Bruder. Der ihr allerdings auch nicht immer eine echte Hilfe ist.

Jojo und Kayla sind das, was man ein Herz und seine Seele nennt. Die Kleine klammert sich an ihren großen Bruder, der sie behütet wie sein Augenlicht. Es ist für ihn erfülltes Pflichtbewusstsein, wenn sie ihren Kopf an seine Brust schmiegt. So zerbrechlich sie ist, so lebendig ist ihr Geist.

Michael ist also wieder da und das Leben kann endlich beginnen. Selbst wenn Leonie hochtrabende Pläne einmal gehabt haben mag, hat sie diese im Laufe der vergangenen drei Jahre gehörig mit Füßen getreten. Das Sicheinreden, dass nun alles anders wird, kann einfach keine Früchte tragen. Zu sehr zerren die Geister der Vergangenheit an ihr. Pflichtbewusstsein gegenüber denen, die ihr das Leben gaben, eine Zukunft geben können, existiert nur hülsenhaft und sporadisch in ihrem Kopf.

Jesmyn Ward zeichnet ein düsteres Bild vom Leben der Schwarzen im Mississippi-Delta. Rassismus ist allgegenwärtig, selbst innerhalb der Familien. Unbeschwert kann die Kindheit nur sein, wenn man unter sich bleibt. Und selbst dann gibt es nur ein Thema: Wie überleben da draußen in der Welt, wenn man nicht unter sich ist? Ein Roadtrip ins Verderben, gepaart mit einer Brise Mythos, serviert auf dem schwitzigen Tablett der Südstaatenpoesie. Jesmyn Ward gelingt mit einfühlsamen Worten eine traurige Geschichte zu erzählen, deren Schwere im neugierigen Umblättern der Seiten verschwindet.

Slowenien

Klein, kompakt, alles drin! Klingt wie eine Werbung für ein Auto. Ist aber die sehr komprimierte Zusammenfassung dieses Buches und des Landes Slowenien. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie wenig man über das Bescheid weiß, was quasi vor der eigenen Haustür liegt. Gerade mal eine Stunde benötigt man günstigstenfalls, um in Slowenien anzukommen. Doch erst richtig in Slowenien angekommen ist man erst, wenn man Lore Marr-Biegers Reiseband über dieses überraschende Land gelesen hat.

Ja, dieser Reiseband ist ein Lesebuch. Eines, das Lust macht Slowenien auf Herz und Nieren zu prüfen. Kann man hier wirklich mit der ganzen Familie komplette Bedürfnispakete stillen?

Ohne Klischees zu bedienen verführt die Autorin den Leser in eine Welt, die gar nicht mal so weit weg ist. Ein bisschen Sport gefällig? Dann bleiben Sie zuhause. Slowenien bietet nicht einfach nur ein bisschen Sport. Alpines Skiwedeln, Kajakfahren, Radwandern und Mountainbiking, Schwimmen, Wandern … über Berg und Tal bewegt man sich von einer grandiosen Aussicht zur nächsten. Ohne dieses Buch wird’s allerdings schwierig die wirklich beeindruckenden Orte zu finden. Lore Marr-Bieger scheint Slowenien mit dem Auge und dem Herzen vermessen zu haben. Jeder Tipp ein Volltreffer.

Oder wie wäre es mit einem kulinarischen Ausflug. Sloweniens Küche ist reichhaltig. Frisch und deftig, gesund und leicht – wer einkehrt, wird übermannt von der Vielfalt des Angebotes. Und auch hier gilt wieder: Gut essen kann man fast überall. Aber wo man wirklich gut essen kann, weiß nur die Autorin.

Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Landkarte wirft, vermisst vielleicht den Badeurlaub in Slowenien. Doch das nördlichste Land des ehemaligen Jugoslawiens besitzt tatsächlich einen Meereszugang. Nur ein paar Kilometer Strand, der gerade mal die klassische Marathonstrecke zulässt (die 42,195 km sind erst in der Neuzeit entstanden, klassisch waren es exakt 40 km), gilt es zu entdecken.

Und gleich dahinter wohl eines der interessantesten Gebirge der Welt. Selbst Jules Verne ließ hier schon einen seiner Helden (Mathias Sandorf) ein einzigartiges Abenteuer beginnen. Denn im Karstgebirge verschwindet schon mal ein Fluss, nur um dann Kilometer später wieder aufzutauchen.

Ein Land, eine Autorin, ein Reiseband – und der Urlaub kann beginnen. Siebzehn Wandertouren deuten nicht nur an, dass Slowenien förmlich auf seine Besucher wartet. Ein kleines Land mitten in Europa, das erkundet werden will. Mit enormen Rechercheaufwand und bildhafter Sprache wird dieser Reiseband zum unverzichtbaren Reisebegleiter, der zu jeder Tageszeit parat gehalten werden muss. Die gelb unterlegten Infokästen machen den Leser zum Experten Sloweniens. Geschichtliche Anekdoten, ausgeklügelte Tipps, detaillierte Karten und Wanderungen und Einkehrtipps sind das Salz in der Suppe, damit ein Slowenien-Urlaub noch lange in Erinnerung bleiben wird.

MMMM

Der Titel erinnert ein wenig an einen 90er-Smash-Hit: MMMM. Die Crash Test Dummies bestimmten über Wochen die Starre in zahlreichen Charts. Dieses Buch hingegen wird viel länger nachhallen. Zum ersten Mal sind die vier Romane „Sich lieben“, „Fliehen“, „Die Wahrheit über Marie“ und  „Nackt“ in einem Band erhältlich, mehr als dreißig Prozent mehr als so manche Leckerei.

Sich lieben

Marie Madeleine Marguerite de Montalte ist eine Künstlerin wie sie im Buche steht. Als Modedesignerin ist sie weltweit begehrt und gebucht. Der anonyme Erzähler und Marie sind ein Paar. Aber eigentlich auch wieder nicht. Es ist kompliziert. Eben noch im Taxi in Paris – Marie in Tränen aufgelöst / er hilflos und sorglich zurückhaltend – wissen beide, dass das Licht am Ende des Tunnels ein Zug ist, der mit brachialer Gewalt ihrer Zweisamkeit den Garaus machen kann. Und wird. So wie schon einmal. Damals in Tokio.

Marie war eingeladen eine Ausstellung mit ihren Werken zu organisieren. Tokio sollte nicht der Anfang einer großen liebe werden, vielmehr sollte er das Ende besiegeln. Da war sich der Erzähler sicher. Denn wenn Marie ihn so nah an sich ranließ, verhieß das nichts Gutes.

Es ist eine verrückte Liebe zwischen dem Erzähler und Marie. Mit Wohlwollen nimmt der Leser zur Kenntnis, dass zwar Marie das Objekt der Begierde ist, aber nur der Erzähler sich und seine Beziehung analysiert. Er vermeidet es Marie unter die Lupe zu nehmen und zu sezieren. Jean-Philippe Toussaint könnte es, schließlich sind Erzähler und Marie seiner Phantasie entsprungen, doch das Kribbeln der beiden soll auf den Leser überspringen. Und das tut es mit vehementer Direktheit.

Die Szenen wechseln zwischen brutalen Phantasien – der Erzähler hat sich eine Flasche mit hochprozentiger Salzsäure zu gelegt – und wildem Deckengwühle, das bei aller Schamlosigkeit niemals ins Ordinäre abgleitet, umrahmt vom Gedankenspiel des Erzählers. Marie, die Unnahbare, die Unfassbare, die Wechselvolle verschwindet immer mehr hinter dem Schleier der Ungewissheit. Man möchte nur noch …

Fliehen

Der Erzähler ohne Namen und Marie haben das UND aus ihrer beider Leben gestrichen und gehen beide nun getrennte Wege. Sie in Paris, er in China. Ein bisschen Ablenkung sollte guttun. Shanghai frisst ihn auf, genauso wie die ständige Überwachung in der Millionenmetropole. Im Zug nach Peking lernt er Li Qi kennen. Im Gegensatz zu Marie ist Li Qi unkompliziert, und prätentiös und … willig. Und eine willkommene Abwechslung zur ständigen Anwesenheit des Überwachungshundes, der seit der Landung in Shanghai nicht von der Seite weicht. Marie hatte den Erzähler gebeten einen Umschlag bei dem Überwachungstier anzugeben. Und nun wird er ihn nicht mehr los.

Gerade als so etwas wie Alltag in die Urlaubsreise einkehrt, durchbricht das enervierende Bimmeln des Telefons die Erholungs- und Eingewöhnungsphase. Marie ist dran, ihr Vater ist gestorben. Gedankenlos lauscht er mehr oder weniger konzentriert ihrem Schmerz. Keine Tränen, keine Rührung ist zu vernehmen. Aber die Tatsache, dass Marie ihn, der tausende Kilometer entfernt ist, anruft, um die traurige Nachricht mit jemandem teilen zu können, lässt ihn wachbleiben.

China ist für ihn ein echtes Abenteuer. Verkehrschaos wechselt mit exotischer Küche, geschäftiges Treiben geht mit fremdanmutender, barscher Vehemenz Hand und Hand und überall wird man überwacht. Nur Marie macht der Neugier einen Strich durch die Rechnung. Ihr Anruf schlägt ihm auf den Magen. Selbst Li Qi kann ihn nicht mehr recht aufmuntern, was ihr nicht verborgen bleibt.

Zurück in Frankreich ist die Distanz zwischen Marie und ihm größer denn je. Er war nicht da, als sie ihn brauchte, als die Nachricht vom Tode ihres Vaters sie wie ein Blitz traf, der sie erstarren ließ. Doch beide wissen, dass er ein viel größerer Störfaktor gewesen wäre, wäre er greifbar gewesen. Es ist das alte Spiel: Sie können nicht ohne einander, und miteinander können sie noch viel weniger. Marie wird immer geheimnisvoller. Wird er sie je erfahren, …

Die Wahrheit über Marie

Die Wahrheit in der Liebe ist nie einfach. Nicht einfach zu erklären, nicht einfach zu verstehen. Oder ist es die Logik, die so schwer zu greifen ist? Marie und der Erzähler sind (wieder einmal / immer noch) kein Paar. Räumlich sin sie sich so nah wie selten in der jüngeren Vergangenheit. Sie sind sich treu und auch wieder nicht. Während er mit Marie schläft, also einer Frau, die ebenfalls Marie heißt, vergnügt sich Marie, die die er eigentlich liebt, aber …, mit Jean-Christophe de G. Plötzlich über kommt sie die Müdigkeit. Sie gibt nach, Jean-Christophe de G. auch. Nur anders. Er kippt um, kaum spürbarer Puls. Wie soll es anders sein: Marie bittet ihn, den namenlosen Erzähler, ihren Rettungsanker in allerlei prekären Situationen um Hilfe. Im strömenden Regen eilt er durch die Pariser Nacht. Marie! Endlich wieder Marie. Endlich ist sie wieder bei ihm! Doch Grappa und Blut – eine wunderbare Kausalkette, die Jean-Philippe Toussaint Marie ins Hirn pflanzt – lassen ihn aus seinen Träumereien und Hoffnungen herausplumpsen.

Jean-Christophe ist tot. Seine Familie lässt eine Traueranzeige in den Tageszeitungen schalten und der namenlose Erzähler, der sich so sehr mit Marie verbunden fühlt, weiß nun, dass der Tote ein ganz anderer war. Marie zieht sich in ihrer Trauer nach Elba zurück, auf den Familiensitz. Dort verstarb vor einem Jahr ihr Vater. Ihr zur Seite stand damals wie heute er, der treue Freund, Geliebte und Weggefährte. Doch mehr als „nur ein paar Spielereien“ wird es auch dieses Mal nicht geben. Sie will das so, er weiß es und ergötzt sich an ihrem Anblick. Denn sie ist …

Nackt

Er und sie, also der namenlose Ich-Erzähler und Marie, kennen sich in. Und auswendig. Zusammen waren sie schon, getrennt sind sie immer noch. Die Zwischenspiele haben in ihnen eine Freundschaft erwachsen lassen, die, wenn mehr daraus werden soll, in einer Katastrophe enden wird. So hat es jedenfalls das wahre Leben vorgesehen. Doch Marie und er sind nicht von dieser Welt. Sie ist die erfolgreiche Designerin, die Models in Honigkleidern und in Dornengewächsen über die Laufstege, die eher Museen gleichen, schreiten lässt. Er hingegen sieht sein Lebenselixier darin Marie zu beschreiben und für sie im Falle eines Falles da zu sein. Nicht einfach nur verfügbar, sondern wahrhaft da.

Seine Odysseen führten ihn, zusammen mit Marie nach Tokio, allein nach China und zu ihr nach Elba. Zuhause sind beide in Paris. Nur wenige Schritte voneinander entfernt leben sie ihr Leben einsam mit dem Anderen im Kopf. Waren sie bis vor ein paar Jahren nackt, so hieß das Schwitzen bis zur Besinnungslosigkeit. Heute ist ihre Nacktheit eine symbolische Nacktheit. Sie kennen sich wie s nur Freund tun. Marie hat in der Vergangenheit so manchen ihrer vermeintlichen Freunde z Grabe tragen müssen. Auch ihren Vater. An ihrer Seite war stets der namenlose Freund und einstige Liebhaber. Es wird Zeit für ein Happy end…

Jean-Philippe Toussaint lässt seine beiden Helden knapp sechshundert Seiten vier Romane lang leiden, lieben und durch das Fegefeuer der Abwegigkeit waten. Wie die zwei Königskinder ist ihnen das Schicksal der Alleinbewältigung des Lebens vorbestimmt. Mit bisher nie gekannter Wortgewalt schwappt dem Leser die komplette Portion Leben ins Gesicht. Der namenlose Ich-Erzähler verzehrt sich nach der selbstbestimmten Marie, beide spielen ihre Rollen gut. Doch nicht gut genug, um schlussendlich einen – den richtigen – Entschluss zu fassen: Was viermal währt, wird endlich gut!

Die Insel des Dr. Moreau

Urlaub in der Südsee. Die Wellen rauschen, die Sonne scheint ununterbrochen und es riecht nach dem Salz des Meeres und exotischen Früchten. Knapp unterhalb des Äquators, ein paar tausend Kilometer westlich von Südamerika ist Edward Prendick auf ebenso einer Insel. Nicht gestrandet. Das hat er schon hinter sich. Ein Schiff nahm ihn unterwegs auf.

Zu seiner Freude stellt er fest, dass einer der Passagiere, Montgomery ebenfalls wie er ein Mann der Wissenschaften ist. Alles ist gut, das Leben ist schön und kann weitergehen…

Die Insel jedoch wird von ziemlich furchteinflößenden Wesen bewohnt. Da gibt es Leopardenmenschen, Hyänenschweine und Pferderhinozerosse. Eine wilde Mischung, die – und das wird Prendick schnell klar – von Menschenhand erschaffen wurden. Dr. Moreau ist der Herr der Insel und der Wesen. Ein Wissenschaftler, von dem Prendick schon mal gelesen hatte. Moreau verließ die Bühne der Wissenschaften vor Jahren mit wehenden Fahnen und sehr plötzlich, nachdem bekannt wurde, dass sein Streben nach Wissen nicht immer zum Wohle der Menschheit dienen sollten. Er sah sich als eine Art Gott, Übervater, Herrscher und Lenker über die Geschicke des Menschen.

Und hier setzt die weitreichende Moral des Buches ein. Mit jeder Zeile kommen dem Leser Assoziationen in den Sinn, die nichts Gutes verheißen. Experimente am Menschen sind verabscheuungswürdig. H.G. Wells lässt seiner Phantasie freien Lauf und umgibt Moreau mit einer dunklen Aura, die nur einen Schluss zulässt: Genie und Wahnsinn gehen nicht selten Hand in Hand.

Eine abgeschottete Insel als Hort für etwas Großes, wenn nicht sogar etwas Größenwahnsinniges. Biblische Verhaltensregeln, die allein nur dazu dienen das Werk Moreaus zu schützen und auf gar keinen Fall Zuwiderhandlungen erlauben. Die Strafen sind drakonisch. Denn wer nicht hört, wird zum Tier … umgewandelt. Die Mischwesen aus Mensch und Tier mutieren zum Tier. Menschliche soziale Gefüge weichen tierischen Fügungen Gottes, also Moreaus.

„Die Insel des Dr. Moreau“ ist seit über hundert Jahren ein Klassiker unterm Tannenbaum. Es gehört in einer Reihe Jugendliteratur neben die Werke von Mark Twain, Jack London und Friedrich Gerstecker. Abenteuer und Science fiction in brillanter Art und Weise literarisch verwebt. Und dazu die Zeichnungen von Nicole Riegert. Die Holzschnitte in Grün- und Blautönen geben die gespenstische Stimmung auf der Insel am Ende der Welt wider, lassen aber gleichermaßen Raum für eigene Interpretationen. Die grimassenartigen Gestalten, die H.G. Wells so eindrucksvoll beschreibt, deutet Nicole Riegert an. Ihr Tun und Lassen bleiben dem Leser überlassen. So eindrucksvoll die Zeilen, so nachhallend sind ihre Illustrationen.

CityTrip Belgrad und Novi Sad

Es gibt noch die kleinen Juwele in Europa, die sich ihre Eigenständigkeit mit der Pflege der historischen Hinterlassenschaften erhalten haben. Gastfreundlichkeit und ursprüngliche Stadtentwicklung gepaart mit moderner Ausrichtung und dem Ausbau der Infrastruktur – Belgrad gehört zweifelsohne zu diesen Juwelen. Die Hauptstadt Serbiens ist eine Millionenmetropole am Zusammenfluss von Donau und Save, dem wasserreichen Zufluss zum europäischsten aller Flüsse. Man spricht oft und gern von einem Schmelztiegel, wenn Kulturen an einem Ort zusammentreffen und wie selbstverständlich zusammen (nicht nebeneinander) das Bild einer Stadt prägen.

Und trotzdem ist Belgrad immer noch ein Geheimtipp. Die weiße Stadt, die sich in Altstadt und Neustadt untergliedert, bietet schon auf dem ersten Blick ein Füllhorn an Sehenswürdigkeiten. Die Stadt wurde bereits vor über tausend Jahren erstmals erwähnt. Die Neustadt hingegen ist ein Produkt aus Titos Zeiten, um der Welt zu zeigen, dass der Sozialismus der einzige Weg in die Moderne ist. Die jüngere Geschichte hat gezeigt, dass dies nur ohne Machtmissbrauch möglich ist, und auch hier zum Scheitern verurteilt war.

Man ist also nach einer wahren Odyssee in Belgrad gelandet (die Anreise aus Deutschland von oberhalb des Weißwurstäquators ist mit stundenlangen Aufenthalten verknüpft, so dass man schon ca. einen kompletten Tag für die Anreise einrechnen muss). Und schon ist man überwältigt vom Charme der Stadt: Weitläufige Boulevards, beeindruckende Architektur, wildes Markttreiben und eine reichhaltige Küche verführen den Gast sofort. Doch wohin als Erstes? Dieses kleine Büchlein gibt den Ein- und Überblick, den man jetzt dringend braucht. Auch schon wegen der (für die meisten) ungewohnten Schriftzeichen. Wer noch Russisch als Pflichtfremdsprache in der Schule zu erdulden hatte, kommt leichter vorwärts. Für alle anderen werden alle Hotspots im Buch auch auf Serbisch abgedruckt. Ein Stadtplan und Spaziergänge, die keinen Wunsch offen- und keine Sehenswürdigkeit auslassen, machen den CityTrip Belgrad/Novi Sad zum unerlässlichen Begleiter.

Dieser CityTrip ist eigentlich ein CitiesTrip. Denn auch das knapp einhundert Kilometer entfernte Novi Sad, neuer Garten, ist mehr als nur einen Tagesausflug wert. Viel kleiner ist die zweitgrößte Stadt Serbiens. Doch nicht minder reich an Entdeckenswertem. Das Verhältnis der beiden Städte an der Donau ist vielleicht zu vergleichen mit Seattle und Portland oder Berlin und Potsdam. Hier der administrative große Bruder und da die hübsche kleine Schwester. Beide sind eigenständig und bedürfen einander kaum bis gar nicht, doch zusammen bilden sie ein unschlagbares Paar. Beide Städte weisen als hervorstechendes Merkmal eine Burg, eine Festung auf. Beide Städte laden zum Bummeln, wobei Novi Sad die Grünere ist.

Die beiden Autoren Ralf Hälg und Milana Momčilović-Hälg bereitet es eine Freude ihre Stadt dem Leser nahezubringen. Unzählige Tipps – vom Restaurant über Märkte bis hin zu Unterkünften, Museen und anderem Sehenswerten – lassen die Zeit in Belgrad und Novi Sad wie im Fluge vergehen. Und hinterher ist man immer noch angetan vom Reichtum einer Region, die nicht viele auf dem Schirm zu haben scheinen. Ein Fehler, wie man schon während des Lesens feststellen muss.

Der Centaur

Paul Heyse – Italienische Novellen. Klingt auf den ersten Blick gar nicht italienisch. Und Paul Heyse – schon mal gehört, aber wer war das doch gleich? Immerhin der erste deutsche Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis für sein belletristisches Werk bekam. Das war 1910. Thomas Mann verschlang seine Bücher. Heute ist er vielen nur noch als Namensgeber von der Parallelstraße bekannt.

Fünf zauberhafte Novellen schmücken die Seiten dieses 240 Seiten starken Büchleins. Und in jeder schlummert die Wortgewalt der deutschen Sprache. Man liest vom Murren im Inneren des Vesuvs, drohendem Klirren der „Geräthe“ und vom Widerhall der Frühlingsstimmen. Wer da nicht sofort die Koffer packen und gen Sorrent fliehen will, ist immun gegen jedwede Art von Poesie.

Fünf Novellen, denen man den Charme und die Vorfreude auf sie nehmen würde, müsste man sie einer genaueren Analyse unterziehen. So viel sei gesagt: Paul Heyse verbrachte tatsächlich eine angemessene Zeit im Land wo die Zitronen blühen. Im Laufe seines Lebens schaffte er es tatsächlich fast zweihundert Novellen zu schreiben. Nicht alle aus und über Italien. Diese fünf Novellen sind so vielschichtig in sich und so abwechslungsreich in ihrer Vielfalt, dass man aus dem Verzücken nicht mehr herauskommt. Das Buch beiseitelegen scheint fast unmöglich.

Immer tiefer reißt der Autor den Leser in seine Welt voller Phantasien, scheinbar trostloser Lebenswege, überraschender Geheimnisse und melancholischer Welten. Ein Fest für die Augen und die Gehirnzellen, die mit jeder Seite aufs Neue stimuliert werden.

Die Texte basieren auf den Originaltexten Paul Heyses. Immer wieder setzt er gekonnt Akzente, indem er den Leser in die Irre führt oder der Realität romantische Vorstellungen entgegensetzt. Vom spannenden Agententhriller bis zum fast schon Märchenhaften zeigt dieses Buch die Kunst des Schreibens als Kunst für jedermann auf. Es ist schade (und ein bisschen auch bedenklich), dass ein Schriftsteller wie Paul Heyse ein Mauerblümchendasein in den Bücherregalen der durchstrukturierten Bücherläden führen muss. Im Wust der Schwarz-Weiß-Malerei sind seine Texte der Regenbogen, der auch über hundert Jahre nach seinem Tod noch so strahlt wie am Erstveröffentlichungstag.

Wilde Zeiten

Ein viel zu milder Titel für das, was beschrieben wird. Wilde Zeiten, das war die Zeit des Aufruhrs, der Rebellion gegen bestehende Mechanismen. Doch Nirvah erlebt, durchlebt harte Zeiten. Eine Zeit der Trauer. Eine Zeit der Wut. Eine Zeit der Ohnmacht.

Haïti zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Papa Doc, der ehemalige Landarzt, der sich mit gnadenloser Brutalität zum unbestrittenen Machthaber ohne Ablaufdatum gemetzelt hat, nennt ein Heer von willfährigen Vasallen aufgebaut. Jedem Widersacher droht er nicht nur mit dem Tode, er lässt seinen Worten rasch auch Taten folgen. Nirvahs Ehemann Daniel steht ganz oben auf der der Liste der zu Inhaftierenden. Als Journalist und Aktivist ist er der Dorn im Fleisch der Diktatur, der umgehend entfernt werden muss. Zwei Monate und einen Tag ist er nun schon im Fort dimanche, dem Foltergefängnis von Port au Prince, der Hauptstadt Haïtis.

Nirvah versucht verzweifelt eine Nachricht, ein Lebenszeichen von Daniel zu bekommen. So sitzt sie nun schon seit vier Stunden im Warteraum vor dem Büro von Raoul, einem Staatssekretär. Er kann ihr bestimmt sagen, ob Daniel noch lebt. Und ob er je wieder seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn in die Arme schließen kann. Doch Raoul ist nicht im Geringsten daran interessiert Nirvah auch nur den Hauch einer Hoffnung zu schenken.

Vielmehr ist er erpicht darauf diese Frau zu besitzen. Nirvah ringt mit sich. Doch für Daniel nimmt sie die Tortur auf sich und lässt sich mit dem Staatssekretär ein.

Die Liaison bleibt im Viertel nicht unentdeckt. Die Straße ist frisch geteert, ein neuer Wagen ziert die Einfahrt der Leroys, die ihren Vater und Ehemann verloren haben. Die Nachbarschaft zerreißt sich das Maul. Nirvah findet ein wenig Ruhe, aber zu einem hohen Preis. Und der steigt. Unmerklich hat sich Raoul nämlich auch noch an Marie, Nirvahs und Daniels Tochter rangemacht. Der Teenager schämt sich anfangs, doch findet sie im Laufe ihres Erwachsenwerdens allmählich so etwas wie Gefallen an dem, was da in unregelmäßigen Abständen mit ihr passiert. Als Nirvah hinter die Affäre kommt, sie also nicht mehr allein die Mätresse des mächtigen Raouls ist, wendet sich das Blatt abermals. Sie setzt ihm die Pistole auf die Brust und findet endlich wieder zu alter Stärke zurück. Entweder sie bekommt sofort Auskunft über das Schicksal Daniels, oder … Die Alternativen sind spärlich gesät. Sie schwinden als auch an Raouls Stuhl heftig gesägt wird.

Kettly Mars zeigt ein Land, dass von Hass und Missgunst zerfressen wurde. Zwischen Voodoo und Maschinenpistolen ist ein Leben möglich, aber zu welchem Preis? Ist dieser Preis verhandelbar? Und wie lange gilt das Angebot? Die Annehmlichkeiten der Beziehung zu Raoul, dem Mann der Macht muss sie den eigenen Vorstellungen vom Glück gegenüberstellen. Die Zerrissenheit einer Frau ohne Ausweg abzubilden, ist eine Gratwanderung ohnegleichen. Kettly Mars schafft es, dass man sich in jeder Sekunde mit Nirvah verbünden möchte. Ihr Mut zuzusprechen, kann nur ein gutes Ende nehmen. Doch Kettly Mars hat anderes mit Nirvah vor.

Römische Augen Blicke

Rom kann man nur offenen Auges erfassen. So wie jede andere Stadt auch. Doch in Rom lohnt es sich besonders. Das weiß Birgit Ohlsen auch. Und sie liebt Rom. Das merkt man nicht nur daran, dass ihre Prosaskizzen den poetischen Titel „Augen Blicke“ wie eine Krone tragen, sondern vor allem an den kurzen, teils nachdenklichen Texten zwischen den kunstvoll gestalteten Buchdeckeln.

Die Autorin vermeidet es dem Leser eine Route vorzugeben, dafür gibt es Reisebücher. Sie schlendert durch die Ewige Stadt mit der Neugier im Kopf. Immer wieder hält sie inne, hält den Moment mit Kamera und Stift fest. Wer noch nie in Rom war, kommt jetzt erst recht auf den Geschmack. Und so nimmt man dieses Buch schlussendlich doch als Wegweiser für einen Ausflug an den Tiber.

Auf der Piazza S. Maria sopra Minerva steht eine erstaunliche Statue. Ein Elefant, der einen Obelisken trägt. Es ist an sich nicht der Elefant selbst, der die Gemüter erregt. Sondern seine Position. Denn sein Hinterteil zeigt symbolträchtig in Richtung des Dominikanerklosters.  Zwei große Köpfe der Geschichte würden diese Statue als Teil später Gerechtigkeit empfinden. Galileo Galilei und Giordano Bruno wurden hier gefoltert, gedemütigt und zum Widerruf ihrer Schriften und Ideen gezwungen. Wer einfach daran vorbeiläuft, dem ist ein wichtiger Teil Roms an selbigem vorbeigelaufen.

Nachdenklich wird die Germanistin Birgit Ohlsen, wenn sie im wahrsten Sinne des Wortes über so manchen Stein stolpert. Stolpersteine nennt man die Gedenksteine, die in den Boden eingelassen wurden, um die Greueltaten der Faschisten ewig erinnerlich zu halten. Man liest die Lebensdaten, deren Ende bis heute manchmal unbekannt ist. Man rechnet nach wie alt die Menschen waren als es brachial an der Tür klopfte oder die Pforte mit Gewalt zerbarst, weil hochmotivierte Karrieristen und menschenverachtende Querdenker es so für nützlich hielten. Als Deutsche, die sich intensiv mit deutscher Sprache, also dem originärem Kulturgut beschäftigt ein äußerst saurer Drops, den sie aber bereit ist zu lutschen.

Die Römischen Augenblicke versetzen mehr als den Sehsinn in Bewegung. Immer wieder erkennt man vielleicht Bekanntes, das man selbst anders oder nur im Vorbeigehen wahrgenommen hat. Birgit Ohlsen versetzte den Leser wieder zurück an den Ort und die Zeit, wo Rom nicht einfach nur Rom war. Rom war Sehnsuchtsort, den man unbedingt sehen wollte. Doch nachdem er Alltag wieder eingekehrt war, verblasste so manches Erlebnis im Grau der Monotonie. Hier werden Erlebnisse wieder lebendig, werden neue Sehnsüchte geboren. Denn wenn eine Stadt schon ewig existieren wird, lohnt es sich immer wieder dorthin zu fahren. Und dann sicherlich mit diesem Buch im Gepäck.

Der Blutchor

Dieuswalwe Azémar hat Urlaub. Es lebe die Kurzgeschichte! Und Gary Victor ist ihr König! „Der Blutchor“ ist mehr als eine Fingerübung, um Großes folgen zu lassen. Die neun Kurzgeschichten in diesem Band – man kommt ausnahmsweise nicht umhin auf den Preis zu verweisen: Weniger als ein Euro pro story, die eindeutig mehr wert sind – fesseln alle Sinne des Lesers. Naja, vielleicht bis auf den Geruchssinn.

Mitten im Haïti Duvalliers, wobei es fast schon egal ist, welcher nun gerade an der Macht ist, ob nun Papa oder Baby Doc (oder ist es doch ein anderer Präsident, der das Volk unter seiner Knute quält?), wächst einem Günstling des Präsidenten ein Schwanz. Und zwar dort, wo man ihn nicht vermutet oder eben gerade da. E nachdem wie ernsthaft man gerade drauf ist. Ein Skandal? Nein! Eine Schmach? Zumindest für Corneille Soisson. Der Name an sich ist schon einen Literaturpreis wert: Die Krähe sei sein. Und dieser besagte Soisson macht sich berechtigte Hoffnungen auf einen Ministerposten. Der Präsident ist dem eifrigen Wahlzettelfälscher zum Dank verpflichtet. Wäre da nicht diese Sache mit dem verflixten Schwanz! In Bohio, einer volkstümlichen Bezeichnung Haïtis, ist ein Schwanz nicht nur ein Schwanz, sondern ein Fluch, den nur ein bòkò, ein schwarzer Voodoopriester wieder lösen kann. Doch Corneille ist zu feige und springt in den sicher geglaubten Tod. Blöd nur, dass unter dem Fenster ein Müllwagen wartet und seine geheime Fracht auf der Deponie ablädt. Die Geschichte vom schwanzangehängten Günstling macht die Runde. Als das Ungetüm – so muss Corneille mittlerweile aussehen – eines Tages von Arbeitern entdeckt wird, scheint die Lage zu eskalieren…

In einer anderen Geschichte dringt Gary Victor ganz tief in die Seele eines Menschen ein. Frau und Kind sind weg. Bald auch sein Leben. Doch sein Tagebuch offeriert ein dunkles Geheimnis. Ameisen treiben den Junkie in den Wahnsinn. Nicht sein Schöpfer, sondern sein Programmierer scheint etwas Besonderes mit ihm vorzuhaben.

Und wenn Kokosnüsse wirklich den Weg vorzeichnen, sollte man Frauen mit Macheten aus dem Weg gehen. Dieser Ansicht ist der Autor der ersten Geschichte in diesem Buch.

Es bedarf einer ungeheuren Phantasie solche Geschichten zu erfinden und wunderbar vertraute Worte kleiden zu können. Wie ein Magier webt Gary Victor seltsame Begebenheiten in ein Netz aus feinster Gefühlsseide. Die Akteure halten die Webfäden teils mit zittrigen Händen fest, so dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt als offenen Mundes Seite für Seite zu verschlingen. Angst sich zu verschlucken muss keiner haben. Den Heimlichgriff beherrscht der Autor wie kein Zweiter. Blutüberströmt ohne vulgär zu sein, erregt ohne die Grenzen des guten Geschmacks auch nur anzukratzen und mystisch und schonungslos geradlinig zugleich sind die Geschichten in „Blutchor“.

Was sich auf dem ersten Blick wie die Biographie der Background-Sänger von Madonnas „Like A  Prayer“ anhört (schwarzer Jesus, der Blut weinnt – einer der inszenierten Skandale der 90er Jahre) , entpuppt sich schnell kurzweilige Meisterstücke der Stimme Haïtis, der von Gary Victor. Man hört die Stimmen, geht auf die Knie, schließt die Augen und seufzt wie ein Engel:  Fluchen sei an dieser Stelle bitte erlaubt: Verdammt, schon wieder ein Buch, das zu schnell ein Ende findet!

Jette, Jakob und die andern

Bilderbuch, paradiesisch, sorgenlos – stellt man diese Worte vor das Wort Kindheit, ist alles in Ordnung. Jette und Jakob können davon ein Lied singen. Ihre Kindheit ist paradiesisch, frei von Sorgen, wie im Bilderbuch. Doch die Idylle bröckelt. Sie sind in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Norddeutschland geboren.

Im Radio tönt der „Braune“ wie Mama ihn immer nennt. Das Leben geht weiter. Dann schickt der „Braune“ auch noch seine Männer auf den Hof. Das Leben geht weiter. Auf dem Hof wird’s eng. Immer mehr Familien suchen Unterschlupf, der ihnen bereitwillig geboten wird. Das bedeutet für Jette und Jakob mehr Spielkameraden. Gerade und besonders, wenn Papa wieder mal im Krieg unterwegs ist – Margret Steckel versteht es brillant und bisher kaum gekannt die vordergründigen Auswirkungen des Krieges auf ein Kind zu beschreiben.

Schule war bisher nur der Ort, vor dem man Angst hatte, weil dort so viel Neues war. Zum Glück hat Jette in Uschi eine Klassenkameradin, die auch außerhalb ihre Freundin ist. Das mildert den Eintritt in den neuen Lebensabschnitt. Denn Papa ist ja wieder mal im Krieg unterwegs. Doch die Zeit, in der der Krieg dann auch wirklich nicht da war, genauso wie Papa, ist vorbei. Stalinorgeln ist nicht nur ein neues Wort für die Kinder in der Schule und auf dem Hof. Es sind die dezibelüberschlagenden Boten einer grauen Zukunft.

Die kommt schneller als erwartet. Der Krieg ist aus. Die Briten stehen vor der Tür. Nette Typen, die Jette die ersten Fremdwörter beibringen. Dann kommen die Russen. Und mit ihnen ein weitreichende Veränderung.

Margret Steckel wurde in den 30er Jahren in Mecklenburg geboren. So wie Jette, Jakob und die andern. Somit steckt sicher auch eine ordentliche Portion Eigenerleben in diesem kleinen Büchlein. Sie erzählt die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Außenstehende aus der Sicht der Kinder. Die sollten „so was“ nie erleben! Ohne zu verniedlichen oder gar zu verharmlosen umschreibt sie eine Zeit, die eh schon düster genug war. Da muss sie nicht auch noch in die gleiche Kerbe hauen, möchte man meinen.

„Jette, Jakob und die andern“ ist ein mahnendes Buch. Auch wenn Kinder nicht alles und sofort einordnen können, nehmen sie Veränderungen wahr. Das „Wie sie damit umgehen“, ist die große Herausforderung für alle, die Verantwortung tragen. Margret Steckel nimmt diese Herausforderung an. Ihre Novelle macht Mut, lädt zum Schmunzeln, im gleichen Maße regt sie auch zum Nachdenken an.