Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Paris mon amour

Paris und die Liebe – mehr als nur ein Klischee. Paris und die Liebe – so massenkompatibel wie wahrhaftig. Paris und die Liebe – immer wieder eine Anregung für Autoren ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Es bleibt nicht beim Klischee.

Durch die Jahrhunderte hindurch war Paris ein Sehnsuchtsort. Grenouille – ja, genau der Grenouille aus der Feder von Patrick Süßkind – wird gezwungen auch andere Sinne einzusetzen, um sich im Strudel der Düfte zurechtzufinden. Michael, der Held aus F. Scott Fitzgeralds Geschichte, harrt der Dinge, die ihn auf einer Hochzeitsparty ereilen sollen. Ob Jojo Moyes oder Friedrich Glauser – ihre Helden verlieben sich in Paris, sind bereits verliebt oder entdecken die Liebe immer wieder neu. Und mit ihnen auch der Leser.

Immer wieder blitzen Orte in Paris auf, die nach Verführung und Alles-Um-Sich-Herum-Vergessen-Können klingen, wie der Jardin du Luxembourg. Man streift mit den Protagonisten durch die Stadt der Liebe und entdeckt sie immer wieder neu. Ob beim Flanieren am Kanal du Saint Martin oder am Eiffelturm.

Doch kann die Liebe auch auf den Magen schlagen. Zu viel des Guten ist ungesund. Zu wenig eine Schande.

Die Pariser Liebesgeschichten in diesem Buch – Joey Goebel hat eigens dafür eine Geschichte beigesteuert – lassen mindestens noch einmal Urlaubsgefühle aufkommen. Ein Croissant am Morgen zur Stärkung, eine Geschichte auf den Stufen von Notre Dame am Vormittag, das Ablaufen einer Kurzgeschichte an Originalschauplätzen am Nachmittag, und Abend lässt man in einem der erwähnten Restaurants den Tag ausklingen und Revue passieren. Schon verliebt? Garantiert!

Es ist ein Privileg der freien Zeit, dass man sich und die Welt mit anderen Augen sehen kann. Nun ist Paris sicherlich keine Stadt mehr, die gänzlich unbekannt ist, jedoch immer noch Geheimnisse in sich birgt. Ein Reiseband ist ein unerlässlicher Helfer, um sich in ihr bewegen zu können. In sie eintauchen wird man aber nicht können, wenn man nur die Sehenswürdigkeiten wie ein Schwamm aufsaugt. Hier sind die Literaten als Chronisten der Zeit gefragt. Sie zeigen ein Paris abseits von Arc de Triomphe und Centre Pompidou. Sie finden die kleinen Gassen, in denen sich das Leben tummelt. Und dieses Leben ist es letztendlich, das Paris zum Leben erwachen lässt.

„Paris mon amour“ ist ungeschminkt elegant, das kleine Büchlein, dass man immer dabei hat, um bei Rast auch Ruh zu finden. Egal, ob man verliebt ist oder selbige noch sucht – hier wird jeder Paris-Gast wie ein Freund empfangen.

Vintage

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen für einen Kicker, der, wenn es gut läuft vielleicht zwei Jahrzehnte die Fans in den Stadien begeistern kann. Welchen Preis ist man bereit hinzublättern, wenn es um eine Gitarre geht, die weitaus mehr Jahrzehnte den Fans rund um den Globus und mehr als nur anderthalb Stunden am Stück in andere Sphären entführen kann? Und wer soll diesen Preis bezahlen?

Thomas Dupré soll es bald erfahren. Er spielt in einer Band, die kaum jemand hören will und schreibt Konzertkritiken, die kaum jemand liest. Und er jobbt in einem, Nein, DEM Gitarrenladen von Paris. Im Prestige Guitars. Wer hier kauft, kommt auch wegen der Les Paul Goldtop, Sonderedition All Gold von 1954. Ein Schotte – von wegen Schotten sind geizig – bezahlt Flug und Spesen für den jungen Gelegenheitsverkäufer. Alles ist geregelt.

Charles Dexter Winsley heißt der geheimnisvolle Käufer der All Gold. Ein mehr als passionierter Sammler, der in einem Anwesen wohnt, das Thomas sofort bekannt vorkommt. Es gehörte einmal Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Anders als viele Rockmusiker, die gern behaupten „sie alle gehabt zu haben“, ist Lord Winsley ein Sammler, der alle hat. Alle bis auf eine. Eine Gibson Moderne. Die fehlt ihm noch in der Sammlung, und Thomas soll ein gefälliger Helfer sein! Nicht für die Beschaffung derselben, sondern nur für den Beweis, dass es dieses Prachtstück, das angeblich Jimi Hendrix und Jimmy Page spielen durften, auch wirklich (noch) gibt. Lord Winsley benötigt nur den Beweis. Ein Wunder? Oder doch zum Scheitern verurteilter Höllentrip? Oder einfach nur die Story seines Lebens?

Die Suche nach der Vintage-Gitarre beginnt ganz zeitgemäß im Internet. Zu viele Spinner, die sich über ihren Schatz auslassen. Denn wer wirklich eine echte 57er Moderne besitzt, behält das für sich. So viel weiß Thomas schon. Denn wenn es eine echte Moderne ist, ist es ein Prototyp. Und der ist mehrere Millionen wert.

Sydney ist der erste Anhaltspunkt. Lord Winsley hat den entscheidenden Tipp gegeben. Ein japanischer Sammler rühmt sich das begehrte Sammlerstück zu besitzen. Doch die Spur führt zu einer wild zusammengewürfelten, nicht mal als Fake zu bezeichnenden Klampfe. Memphis scheint da schon eher eine heiße Spur zu sein. Bruce, ein abgehalfterter Elvis-Psychobilly-Bandleader liefert sich in einem Forum ein heißes Wortgefecht unter der Gürtellinie mit anderen Gitarrenexperten. Dank der Finanzspritzen vom Lord aus den Highlands ist der Trip gesichert. Doch Bruce unterlag beim Kauf einem folgenschweren Irrtum.

Grégoire Hervier schickt Thomas auf einen Rock-‘n-Roll-Roadtrip durch die Musikgeschichte und jagt ihn von Memphis den Mississippi entlang bis ins Delta, dann nach Chicago und New York. Die Zweifel werden größer und jeder Hinweis wischt diese schlagartig hinfort. Rock ‘n Roller wie Abenteurer werden ihre helle Freude am glockenklaren Klang der Worte haben. So sehr, dass das Ergebnis der Suche in den Hintergrund rückt. Die Fakten, die Grégoire Hervier auftischt sind echt. Die Story entspringt der Phantasie des Autors, fast schon wie die Legende von der Gibson Moderne von 1959…

Die Stille von Chagos

Seesucht. Sehsucht. Sehnsucht! Eine kleine Inselgruppe im Indischen Ozean, das Chagos-Archipel könnte man mit diesen drei Worten umschreiben. Doch man wäre nicht einmal annähernd an der Wahrheit dran. Fünfundfünfzig Inseln, die einmal zu Mauritius gehörten. Nachdem Mauritius unabhängig wurde, 1968, behielten die britischen Kolonialherren die Inselgruppe, um sie für fünfzig Jahre an die USA zu verpachten. Denn von hier aus ist man mit dem B-52-Bombern schneller im Nahen Osten. Keine Fiktion – knallharte Realität. Und was macht man mit den Menschen, den Chagossianern? Umsiedeln. Ins Paradies, nach Mauritius.

Von wegen Paradies. Den Chagossianern ist es verboten die eigene Heimat zu besuchen. Und auf Mauritius die eigene Sprache zu sprechen, die Kultur zu pflegen ist – wie fast überall auf der Welt – sehr schwierig bis unmöglich. Auch das das ist real.

Shenaz Patel wurde auf Mauritius geboren und bettet diese belegbaren Fakten in eine gefühlvolle, leise Geschichte. Da ist Charlesia. Tag für Tag steht sie am Ufer ihrer aufgezwungenen Fremde, schaut süchtig auch die See und ist süchtig danach zu sehen, ob ihre Sehnsucht nach Chagos eines Tages doch gestillt werden kann. Das Paradies ist für sie nur eine leere Worthülse. Kein Kalous, der Saft der Kokosnuss, den sie so gern trank, um Abkühlung herbeizutrinken. Die Männer mochten ihn lieber gegoren, dann war er deren Rauschmittel. Diego Garcia, so der Name ihrer Heimatinsel ist unendlich weit weg und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben. Doch träumen und ein bisschen kämpfen kann man ihr nicht verbieten. Ihr Mann war krank und nur auf Mauritius konnte ihm geholfen werden. Der Rückweg war ab diesem Zeitpunkt für sie tabu. Antworten auf ihr Warum bekam sie nie.

Raymonde wurde nach Mauritius vertrieben. Unterwegs kam ihr Sohn Désiré zur Welt. Auch er hat Sehnsucht nach der Heimat, die er nie kennengelernt hat. Nun lebt er auf Mauritius und ist immer noch der Fremde.

Tony, der Hafenarbeiter, kennt die Hintergründe der Fremden, die Tag für Tag am Ufer steht, nicht. Jeden Tag kommt sie hier her und starrt auf die weite See.

Drei Geschichten, die exemplarisch für das Desaster von Okkupation und Willkür im Indischen Ozean stehen. „Die Stille von Chagos“ rührt an und auf. Die Hingabe, mit der die Autorin vom Schicksal dreier Menschen erzählt, die sich fremd und doch so eng verbunden sind, berührt. Die Gründe für ihr Schicksal sind perfide, widerwärtig und durch nichts zu entschuldigen. Großbritannien hat mittlerweile den „Pachtvertrag“ um weitere zwanzig Jahre verlängert. Dann sind es siebzig Jahre, die vergangen sein werden, bis Chagos vielleicht doch wieder einmal von Chagossianern bewohnt werden kann. Bis dahin wird aber eine ganze Generation die eigene Wurzeln nie kennengelernt haben…

Vorspeisen zum Jüngsten Gericht

Antreten zum Ohrfeigen-Abholen! Alles in Reih‘ und Glied?! Zack, bäm, aua! Das tut weh! Schon das erste Newtonsche Gesetz besagt, dass jede Aktion eine Reaktion hervorruft. Also ist dieses Buch die eigene Rechtfertigung uns Deutschen nicht nru den Spiegel vorzuhalten, sondern sofort nach der Anklageverlesung die Strafe zu verabreichen.

Dietmar Wischmeyer übertreibt gern. Und derb! Beschämt zieht man den Kopf ein, versteckt sich hinter der Lektüre, nur, um bloß nicht noch eine gescheuert zu bekommen. Vergebens. Wischmeyer kriegt sie alle! Und alle bekommen eine auf die Rübe, in die Fr… oder einen Tritt in den Allerwertesten.

Dietmar Wischmeyer befürchtet, dass, wenn es einen Gott gibt, der auch Buch darüber führt wie wir uns aufführen. Und wenn er das tut, hat er sicher auch einen Grund dafür. Und der kann eigentlich nur Auswertung heißen. Oder auf Neudeutsch: Wir haben ein Audit! Schon allein für diese Formulierung gibt es von Wischmeyer einen Doppelschlag ins Sprachzentrum. Nun ja, dann sitzen wir alle auf der Anklagebank. Allein die Verlesung der Anklagepunkte dauert wohl bis zum Jüngsten Gericht, wenn es denn nicht schon da wäre.

Der Rundumschlag beginnt bei denen, die jede Ausdünstung mit der Welt teilen müssen. Angefangen bei den sozialen Netzwerken bis hin zu denen, die sich gern selber quälen müssen, um sich lebendig zu fühlen bzw. einen Grund brauchen endlich mal ein Buch zu veröffentlichen. Er nennt keine Namen, doch das Elend ist jedermann bekannt.

Die brachiale Sprachgewalt – Deutsch ist ein schöne Sprache, eine abwechslungsreiche Sprache, eine vielschichtige Sprache – bringt den Leser oft an den Rand der Verzweiflung. Denn nicht einer ist frei von Schuld, auch Wischmeyer nicht. Er steht aber nun mal vorn am Pult und wedelt mit der Rute der Vergeltung. So mancher Peitschenhieb hinterlässt Spuren. Der Schmiss der Egomanie lässt sich nicht abwaschen. Und so wandern wir gebrandmarkt durch den Alltag der Unzulänglichkeiten. Wischmeyer pfeift uns zurück, lässt uns in den Lehrbüchern des Lebens einzelne Passagen noch einmal lesen. So lange bis wir kapieren.

Die „Vorspeisen zum Jüngsten Gericht“ sind kein Zuckerschlecken. Bittere Medizin für sensible Gemüter, Lachkrampfanfälle auslösende Zeilen für alle, die sich selbst nicht so ernst nehmen.

Wenn alles so kommt, wie von Wischmeyer prognostiziert, dann können wir in unseren letzten Tagen benehmen wie die Axt im Walde. Jede angestrengte Verbesserung würde wie eine Seifenblase zerplatzen. Holt die Knüppel raus, das Ende ist nah. Und dann stehen wir da, mit den Füßen schon in der Sintflut und keine Stimme flüstert zärtlich: „Komm her, is ja gut!“. Das Ende ist nah, das Urteil schon gesprochen. Und als letzte Mahlzeit … dieses Buch! Zufrieden sterben mildert die Schmach, wenn auch nur ein wenig.

Weihnachtlich glänzet der Wald

Der Tod muss a Wiener sein. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Weihnachtskrimis aus dem Hause Edition Karo in der Wohlfühloase des Jenseits Einzug halten. Nirgendwo sonst wird mit so viel Grandezza und Schmäh gemordet. Zum vierten Mal wurde der KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis ausgelobt und dieser blutrünstige Adventskalender mit vierzehn Türchen gestaltet.

Die Mariahilferstraße ist eine verkehrsberuhigte Zone wie der Amtsschimmel es so freudlos nennt. Trotzdem wuselt es hier an allen Ecken und Enden. Vom Ring kommend erklimmt man die leichte Steigung und ist verzaubert vom Lichterglanz der Weihnachtszeit. Doch in den Ecken brodelt die Wut, sie brodelt. Das Blut kocht, es kocht. Und zappzarapp ist ein Lichtlein schon ausgepustet.

Wien steckt voller Prachtbauten. Herrschaftliche Paläste zeugen vom Glanz des Habsburger Reiches. Auf ihren Treppen und Stufen tummeln sich die Pärchen. Und zwischendrin liegt auch ab und zu mal a scheene Leich. Kümmert’s wen? Naa, warum denn. A Leich is a Leich. Helfen kannst eh net.

Die Anthologie steckt voller Mordsideen.

Die Autoren verstricken ihre Opfer und Täter in Situationen, die nur einen Ausweg kennen. Einen absoluten, einen endgültigen. Und es gibt kein Zurück. So manches Weihnachtsgebäck bleibt einem da schon mal im Halse stecken. Oder soll es das gar nicht? Alles doch nur eine nette Geste?

„Weihnachtlich glänzet der Wald“ ist die ideale Einstimmung auf die grauen Tage. An diesen Kurzkrimis – der Champions League unter den Krimis – spürt man das Lokalkolorit und die Verbindung der Wiener zum Tod. Alles hat das besondere Etwas. Die Fluchtwege, die Spaziergänge durch die Donaumetropole, die ausgeklügelten Taten können nur hier angesiedelt sein. Die Verbindung der Wiener zum Tod ist legendär – erklären lässt sie sich nur schwer. Vielleicht liegt es am Schmäh, am fast schon britischen schwarzen Humor, am Umgang mit dem Unausweichlichen.

Denn unausweichlich sind auch die Verbrechen. Als Leser wird man zum Komplizen, zum verständnisvollen Mitwisser. Ja, Schuld lädt auf sich, wer dem Täter die Hand reicht. Aber alles nur Fiktion. Kein Grund zur Sorge und zu Selbstzweifeln.

Die drei Gewinner des KaroKrimiPreises eröffnen den Reigen der weihnachtlich rot (tot?) geschmückten Stadt. Ein Stadtrundgang durch körperwarme Lebenssäfte in vierzehn Etappen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wie es an Weihnachten nun einmal ist, tritt dabei so manche Überraschung zutage…

African Queen

Da kommt man schon mal ins Straucheln: Allein in einer fremden Stadt, einem fremden Land, auf einem fremden Kontinent. Mutterseelenallein. Rose Sayer ist in dieser Situation. Ihr Bruder, der als Missionar in Afrika tätig war, ist von ihr gegangen. Nur das Rauhbein Charlie Allnutt ist an ihrer Seite, bzw. steht ihr gegenüber (und manchmal auf im Weg). Auf der Flucht vor dem Weltkrieg, der nun auch Afrika erreicht hat. Auf einem teils gefährlichen Fluss. Auf der African Queen, einem klapprigen schwimmenden Untersatz, der raucht, zischt, um sich schlägt. Zwischen den beiden raucht es auch. Sie zischt ihn an. Er schlägt zurück.

Der Weltkrieg kam in Gestalt der deutschen Truppen in die Mission von Rose und ihrem Bruder, dem Reverend. Sie schlugen alles kurz und klein. Der Reverend ist nicht mehr.

Charlie ist ein Gauner par excellence. Charmant und zupackend zugleich- Verschwiegenheit ist sein zweiter Name. Sicher ist sicher. Anpacken kann er. Reden und Manieren sind nicht gerade seine Stärken. Und so kommt es, dass die Reisegesellschaft auf der African Queen sich spinnefeind ist, aber als Schicksalsgemeinschaft einen Weg finden muss, das rettende Ufer (im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn) erreichen muss.

Die resolute gottesfürchtige, aber bei Weitem nicht naive Rose Sayer und der ungeschliffene Charlie Allnutt und eine Ladung Sprengstoffgelatine auf einer klapprigen Barkasse – das ist eine Mischung! Eine Mischung, die einfach hochgehen muss. Denn das Abenteuer hat erst begonnen…

In „African Queen“ prallen zwei Welten aufeinander, die nur schwerlich ohne Getöse auskommen. Charlie Allnutt gefällt sich in der Rolle des Helfers, der Sachen von A nach B bringt und ansonsten in Ruhe gelassen werden will. Rose Sayer ist erfüllt vom Leben an der Seite ihres Bruders. Nächstenliebe gibt sie mit besonderer Hingabe ohne eine Gegenleistung einzufordern. Sie als weltfremd zu bezeichnen wäre fatal. Denn sie kann anpacken. Die Stromschnellen des Ulanga-Flusses meistern beide mit Bravour – sie haben ein Ziel vor Augen, für das sich die Strapazen der Reise lohnen. Sich zusammenzuraufen ist da schon eine weitaus größere Herausforderung.

Der Roman erschien 1935, 1951 wurde er verfilmt. Katherine Hepburn war von der ersten Zeile des Buches an begeistert. Kein Wunder, denn die Rose Sayer kann durchaus als alter ego der Leinwandgöttin gesehen werden. Für Bogey in der Rolle des Charlie Allnutt gab es einen Oscar. Im Film werden die Charaktere überspitzt dargestellt. Autor C.S. Forester schuf mit den beiden Protagonisten die Prototypen der Afrika-Abenteurer und einen echten Schmöker, den man erst beiseitelegt, wenn die letzte Zeile gelesen ist.

Les fleurs du mal – Die Blumen des Bösen

Was haben die „Bolivianischen Tagebücher“, „Siddharta“ und „Die Blumen des Bösen“ gemeinsam? In unzähligen Haushalten fristen abgegriffene, vergilbte, abgerockte Ausgaben davon ihr Dasein. Es sind Erinnerungen an eine Zeit des Suchens und des Findens. Sie waren (und sind) Wegweiser, Denkanstifter und inhaltsschwere Zeitvertreibe.

„Les fleurs du mal – die Blumen des Bösen“ sind nun in einer Neuauflage erschienen, die niemals vergilbt, abgegriffen oder abgerockt aussehen wird. Wirft man einen Blick hinter die Fassade, den Schutzumschlag, wird dies schnell klar: Dunkelgrauer Einband mit futuristischer Symbolik. Enger könnte die Verbindung zum Inhalt nicht sein. Denn Charles Baudelaire hat mit seinem Hauptwerk, das vor 150 Jahren erstmals erschien, viele Nerven getroffen. Skandal! So was darf man doch nicht schreiben, schon gar nicht veröffentlichen! Das gehört sich nicht! Die Konsequenzen waren weitreichend. Für ihn, und für die Zeit. Er prägte den Stil der Lyrik nachhaltig, so dass sein Erbe, dessen Großteil dieses Buch ist, bis heute immer wieder aufgelegt wird.

Das Besondere an diesem Buch ist nicht allein die Tatsache, dass die sechs in der zweiten Originalfassung gestrichenen Gedichte in diesem Buch veröffentlicht werden, sondern die zweisprachige Ausgabe. Links das französische Original, rechts immer die Neuübersetzung von Simon Werle. Dieser hat ohne Sinnverlust die „alten“ Zeilen in eine zeitgemäße Deutschversion übertragen. Und wenn man den deutschen Text liest, Zeile für Zeile mit dem Original vergleicht – auch wenn man des Französischen nicht unbedingt so mächtig ist – kommt man dem Geheimnis von Baudelaires Sprachgewalt allmählich auf die Spur.

Das Schwierige an Lyrik ist die Verschlossenheit gegenüber exakter Analyse. Aufbau und Struktur kann man untersuchen und sich an der Schönheit und Reinheit erfreuen. Doch Lyrik kommt vom Herzen, und Gefühle können schlecht sortiert bzw. allumfassend analysiert werden. Es sind immer nur Fragmente, die entschlüsselt werden und dann auf das Große und Ganze umgerechnet werden. Auch lässt sich Lyrik im Allgemeinen, und „Les fleurs du mal“ im Speziellen nicht auf einmal komplett lesen. Die Emotionen springen sonst im Viereck, doch ist es eine Wohltat zu wissen, dass ein Standardwerk immer griffbereit im Regal steht und zu jeder Tages- und Nachtzeit wohlige Worte den Raum erfüllen können.

Man muss sich auf die Zeilen einlassen, vielleicht am Canal Saint-Martin in Paris, wo wie man Tom Sawyer am Mississippi liest, oder eben Siddharta in einem indischen Ashram, oder die bolivianischen Tagebücher in den Anden. Denn dann treffen „echte Welt“ und deren Interpretation dort aufeinander, wo ihre Wurzeln liegen. So wie man van Goghs Sonnenblumen nur in der Provence erst richtig auf den Grund gehen kann.

Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands

Heimatland des Fußballs und Welthauptstadt des Finanzwesens – wenn man sich die Schlagzeilen der vergangenen Jahre anschaut, bekommt man schnell ein leicht schräges Bild von England. London ist immer noch eine der am häufigsten besuchten Städte der Welt. Doch hat man dann England wirklich kennengelernt? Nein, niemals, auf gar keinen Fall!

Denn England blüht, immer noch und immer wieder. Wer es sich leisten kann, macht aus seinem privaten Fleckchen Boden einen natürlichen Altar, eine optische Reizüberflutung, ein Paradies. Die Autoren Sabine Deh und Bent Szameitat kennen sich gut aus in England, Sabine Deh hat hier gearbeitet und ihre Leidenschaft für die Insel nie abgelegt. Warum auch, wo es doch so schön ist? Klingt wie eine abgedroschene Floskel. Doch wer auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert, kann gar nicht anders als zustimmen.

So einen Reiseband darf man nicht außeracht lassen, wenn England, speziell der Süden auf dem Routenplan liegt. Von Cornwall und Devon über Dorset und Hampshire bis in die Grafschaften Kent und Sussex führt diese natürlich geplante Reise durch wahre Schätze des menschlichen Gestaltungswesens. Doch so nüchtern es klingen mag, so emotional wird diese Reise. Denn es sind nicht irgendwelche Gärten. Hier wohnten und leben teilweise immer noch Persönlichkeiten, die man kennt.

Die beiden Autoren besuchen zum Beispiel Petworth House und den dazugehörigen Park. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Das Anwesen gehörte einst dem Dritten Earl of Egremont. Und der war ein Fan von William Turner, dem Maler. Er richtete dem Künstler hier ein Atelier ein. Durch die Landschaft flanieren und vielleicht die Original-Motive eines der größten Künstlergenies des 19. Jahrhunderts genießen – das ist doch was, oder?! Oder wie wäre es mit dem Garten von Agatha Christie, Greenway House? Keine Angst, Blut fließt nur in ihren Büchern!

Keine Angst sollte man auch vor Monk’s House haben. Vor rund einhundert Jahren wechselte das Haus für siebenhundert Pfund den Besitzer. Für die Dame, die es ersteigerte, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie verkaufte ihr bisheriges Refugium, und ist seitdem unveränderlich mit dieser Adresse verbunden: Virginia Woolf.

Die beiden Autoren schlendern durch den Süden Englands und überhäufen den Leser mit einer Bilderpracht und einem Füllhorn an Informationen (jedes Kapitel wird mit entsprechenden Links, Adressen, Öffnungszeiten und Anfahrtstipps sowie Anregungen für weitere Spaziergänge geschlossen), die nur einen Schluss zulassen: Englands Süden und im Besonderen die Gärten müssen in absehbarer Zeit besucht werden. Das erste Gepäckstück hat man bereits. „Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands“ ist unverzichtbar, nicht nur für Naturliebhaber.

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Überraschung! Es geht in die Karibik. Auf ‘nem Schiff. Und Sie müssen nix dazubezahlen! Der Freude weicht augenblicklich die Skepsis. Da ist doch was faul! Wenn einem so was passiert, ist man verdutzt, erstaunt und überlegt wie man den Fehler (denn nur um so etwas kann es sich handeln) in einen Vorteil für sich ummünzen kann.

Situation Zwei: Ein Kreuzfahrtveranstalter sucht dringend noch einen kulturellen Höhepunkt seiner Rundreise durch die karibische Inselwelt. Vermutlich sind ein Bauchredner und eine Schlagershow schon längst eingetütet. Besonders dialektbehaftete Schlagersänger nehmen so was ja gern mit, um ihre Weltläufigkeit hinterher „kundzutuan“.

Situation Drei: Man selbst ist ein renommierter Schriftsteller, preisbehangen und von der Kritik geliebt. Da flattert per Mail – Briefe sind ja so was von out – zur Mittagszeit eine Einladung zur Kreuzfahrt in den Posteingang. Kurz und knapp, klingt verlockend. Doch mehr als ein Dutzend Seiten Anhang liest man erst einmal nicht. Man freut sich, ist vielleicht ein wenig genbauchpinselt. Doch dann beginnt das Räderwerk, mit dem man so viele Erfolge schon feiern durfte, sich in Bewegung zu setzen. Warum ich? Bin ich nur der Pausenclown, der der ersten, zweiten, dritten … Wahl folgen soll, weil die keine Zeit oder Lust hatten? Warum hatten die denn keine Zeit oder Lust? Zu viele schlechte Erfahrungen?

Da man gut erzogen ist (eine umgehende Antwort freundlich eingefordert wurde, man hätte ja auch einen vom Stapel oder die Einladende auflaufen lassen) antwortet man natürlich. Natürlich auf seine eigene Art und Weise. Sie ist unverwechselbar, und da mit der eigenen Person auch diese Art und Weise angefragt wurde, eingekauft werden sollte, will man den Absender nicht enttäuschen.

Bodo Kirchhoff – Achtung, jetzt kommt noch eine Überraschung, für einige sicherlich sogar eine Enttäuschung – gibt sich nicht dem allgemeinen Trend hin und gibt die viertausendneunhundertneunundneunzig zahlenden Gäste (fünftausend passen aufs Schiff und er zahlt ja nicht) der Lächerlichkeit preis. Vielmehr beginnt das Buch mit dem Empfang der Mail und endet mit dem Ende der Antwort darauf. Es ist immer noch März, es sind immer noch neun Monate Zeit bis zum Abflug, nicht mehr und nicht weniger. Wer genug hat vom „Kuck mal die da drüben schaufelt sich schon wieder den Teller voll als ob wir gleich sinken werden“, wird mit „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ auf keiner der einhundertdreißig Seiten enttäuscht werden. Ellenlange Sätze voller Poesie, hintergründiger Ironie und geschliffener Sprache bilden das wortgewaltige Gegenstück zum durchgestylten und straff durchorganisierten Schifffahrtsvergnügen auf Zeit. Leider viel zu kurz, dafür aber verbunden mit der Hoffnung auf einen Nachfolger. Bitte!

Lesereise Florenz

Wenn der Freiheit sechs Kugeln entgegengestellt werden, wenn große Meister ihren Auftraggebern trotzen, wenn Selbstgeschaffenes dem Massenluxus den Rang ablaufen soll, ist man in Florenz … goldrichtig.

Barbara de Mars schreitet zusammen mit dem Leser in ihrer „Lesereise Florenz“ durch das Florenz, das in Prospekten nicht angeboten wird. Die Uffizien, die David-Skulptur, der Ponte Vecchio sind Beiwerk oder vielmehr Ausgangspunkt für ihre Erkundungen der Stadt am Arno. Wenn sich jährlich scheinbar die halbe Welt durch die Wiege der Renaissance frisst, ist man als kundiger Leser dieses Buches auf der sicheren – ruhigeren – Seite des Gabentisches.

Die Autorin macht einen Abstecher ins Hinterland der Stadt, die als handliche Stadt bezeichnet wird (Warum? Lesen!). Biobauern betrachten ihre Arbeit nicht als Trend, sondern als Notwendigkeit und Passion.

Modeschöpfer, die das große Geld schon verdient haben, ohne dabei der Globalisierung anheimfallen zu müssen. Ihre Produktionsstätten waren, sind und bleiben in Florenz. Ihr Siegel „Made in Italy“ verdient diesen Namen noch. Andere verdienen vielleicht mehr, sind aber nicht mehr als Spekulationsobjekte von Fonds geworden, die sich mit dem Namen der Ahnen schmücken.

Rauhbeinige Fußballer, die dem Calcio Storico fröhnen, und tagsüber mit elegantem Schwung Pizza backen, kreieren und servieren.

Und immer wieder der Blick zurück. Zurück in die Zeit der Medici, Galileis, Machiavellis – Namen, die die Stadt prägten und deren Ruf bis heute nachhallt.

Die „Lesereise Florenz“ gehört ins Reisegepäck, wenn die Toskana und somit unweigerlich auch Florenz auf dem Plan stehen. Mit Wohlwollen nimmt man zur Kenntnis, dass Barbara de Mars darauf verzichtet jede Wegbiegung und jedes Histörchen mit einem Haltepunkt zu verbinden. Sie vermittelt ganz unvermittelt das Lebensgefühl der Stadt. Man wird sicher nicht zum Florentiner – das ist ein Gebäck – doch man spart sich das oftmals oberflächliche Werben um die Stadt aus den Mündern mehr oder weniger qualifizierter Guides, die mit Regenschirm ihrer Wandergruppe voranschreiten. Denn einen persönlichen Reiseguide hat man mit diesem Buch, in Person von Barbara de Mars bereits gefunden! Sie lebt seit zwei Jahrzehnten in der Toskana und kann mit Fug und Recht von sich behaupten eine echte Kennerin der Region zu sein. Ihr zu folgen, ist ein Vergnügen und Pflicht zugleich.