Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Solo

Sie haben vieles erreicht in ihrem Leben. Sie sind Ärzte, Architekten, Blogger. Können von ihrem Job sich eine große Wohnung in Wien leisten, gehen auf Parties … stehen mitten im Leben. Doch sind sie auch zufrieden?

David bewohnt mit seinem Freund ein riesiges Loft. Als Erholungsort, sozusagen als Gegenstück zur harten Arbeit als Kinderarzt sind die Clubs seine Spielwiese. Hier trifft er sich mit seinen Freunden, sie lästern, sie scherzen, sie machen Pläne. Als nächstes liegt die Hochzeit von Lena und Rita an, von allen nur Lenarita genannt. Die machen das jetzt einfach! Ein unbeschwertes Leben.

Steph ist so was wie die Schwulenmutti von allen. Immer dabei, doch irgendwie nie so richtig. Als sie eines Tages – ganz old school, ohne Dating App – einen Mann mit nach Hause nimmt, schwört sie sich, dass den erstmal keiner zu sehen bekommt. Denn sonst zerreißen sich alle das Maul oder, noch schlimmer, wollen ihn ihr abspenstig machen. Sie will ihn ganz für sich allein.

Martin ist der beste Freund Davids. Schon 50 und betrachtet seinen Körper als Tempel. Wenn andere sich noch rasieren, analysiert er schon (oder noch) die Anzahl und Tiefe seiner Fältchen. Oberflächlich ist er dabei überhaupt nicht. Doch warum sollte man sich nicht selbst beobachten?

Es ist eine Clique wie aus einer amerikanischen Serie, Seinfeld, Friends, so was in der Art. Die Welt dreht sich nur um einen selbst. Die eigenen Probleme sind für alle da. Und für jedermann hörbar, wenn nicht sogar sichtbar.

Dann kommt endlich der große Tag. Lenaritas Verpartnerung. Die Zeremonie selbst verdient diesen Titel gar nicht. Alles sehr steif und nüchtern. Das Paar wird von der Standesbeamtin als Pärchen bezeichnet, so dass ja kein Zweifel aufkommt, dass es sich bei den beiden auf gar keinen Fall um ein „normales Paar“ handeln könnte. Doch die Anwesenden sind darüber erhaben. Weniger erhaben ist da allerdings schon die Party. Bisher geheime Avancen brechen ebenso auf wie versteckte Zwistigkeiten. Und Steph und viele Andere erleben ihr blaues Wunder…

Christopher Wurmdobler schreibt der Homo-Bobo-Generation eine Hymne auf den Leib. Wo Generationen zuvor noch heiße Kämpfe ausstanden, stehen die Schwulen heute auf der Sonnenseite. Doch so warm wie es ihnen zu oft angedichtet wird, können sie mit der Situation nicht werden. Eifersucht und Leichtlebigkeit haben ihren Preis. Die erkämpfte Freiheit kann nur verteidigt werden, wenn … ja, wenn was? Gemeinsam einsam suhlen sie sich in ihrem Hedonismus und treten ihre eigenen Werte mit Füßen. „Solo“ bietet die Chance auf mindestens eine Fortsetzung, „Duo“, Trio“ oder „Quartett“ treten dann die leichtfüßige Nachfolge eines Romans an, der Klischees außen vor lässt und dem die Szene, in der er spielt nicht permanent betroffenheitskitschig anspringt.

Ein Mensch wird

Ein langes Leben wurde ihr von vorn herein nicht prophezeit. Ein ereignisreiches Leben ebenso wenig. Doch Alma Karlin zeigte allen Kritikern und Spöttern gleichermaßen. Sie war ein spätes Kind, ihre Eltern hatten mit der Familienplanung schon seit längerer Zeit abgeschlossen, als es ihrer Mutter immer schlechter ging. Da war was in ihrem Bauch. Sicher eine Geschwulst, die dringend raus musste. Die Schwester im Krankenhaus meinte, dass die schon von allein rauskommt. So in ein paar Monaten. Almas Mutter war schwanger.

Der süffisante Unterton, den Alma Karlin in ihren endlich auf Deutsch erschienenen Biographie lässt die Zeit auf die nächste Seite unerträglich lang werden. Ja, sie war der Nachzügler, den niemand erwartete und so auch nicht richtig haben wollte. Doch ihre Eltern gaben sich die größte Mühe. Mama war streng und unnachgiebig, der Vater etwas milder, doch unfähig seine Liebe komplett zu zeigen. Auch weil Alma nicht zu hundert Prozent gesund zur Welt kam.

Doch aus ihr wurde was, wie man so schön zu sagen pflegt. In Ermangelung gleichaltriger Spielgefährten vertiefte sie sich schon früh in Bücher. Daher wohl auch die abgeklärte, teils bissige, immer aber unterhaltsame Sprache. Sprachen waren ihre Leidenschaft. Im Laufe ihres Lebens erlernte sie Dänisch, Schwedisch und Norwegisch, Englisch, Französisch und Spanisch, Italienisch und Russisch sowie Sanskrit, Chinesisch und Japanisch. Mit Engelsgeduld lehrte sie auch einige dieser Sprachen.

Aufgewachsen als Teil der deutschen Minderheit in Slowenien, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte, ging sie früh hinaus in die Welt. Sie studierte in London und arbeitete schon früh als Sprachlehrerin. Später zog es sie weiter in die Welt hinaus. Ihre Reisebücher waren Verkaufsschlager. Doch sie selbst starb verarmt und vergessen 1950 in ihrer Heimat bei Celje.

Alma Karlins Bücher waren in den 20er Jahren das Lesetor in ferne Welten. Als die Nazis die Herrschaft übernahmen, wurde sie umgehend inhaftiert. Und alsbald wieder freigelassen. Trotz ihres Engagements im Widerstand wurde sie als deutschsprachige Schriftstellerin nach dem Krieg nicht anerkannt.

Biographien haben immer den bitteren Beigeschmack alle Zahlen und Fakten zwischen zwei Buchrücken pressen zu müssen. Alma Karlin hat sie diesem Zwang nicht unterworfen und schreibt ungekünstelt, aber auch ohne Gier nach Anerkennung über ihr wahrhaft ereignisreiches Leben. Immer wieder setzt man ab und staunt, was diese Frau allen Widerständen und widrigen Umständen zum Trotz alles gesehen und erlebt hat. Es ist schon fast skandalös, dass über ein halb Jahrhundert ins Land gehen musste, damit ihr die Ehre zu Teil wird, die sie verdient. „Ein Mensch wird“ liest sich spannend wie ein Abenteuerroman, geschrieben von einer Frau, die Konventionen nicht anerkannte und ohne zusätzliche Plessuren durch die Wand ging.

Die Insel Capri

Wer Capri nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Denn sie ist dort zuhause. Vierzehntausend Bewohner der Insel begrüßen jährlich über zwei Millionen Besucher. Das muss man erstmal verkraften. Capri verkraftet es, doch mit einem leichten Pfeifen in der Lunge. Und das schon seit einem halben Jahrhundert.

Zuvor – also rund zweihundert Jahren – war Capri eine Insel, die man nur sehr schlecht erkunden konnte. Touristen gab es kaum, wozu also Wanderpfade, Wegweiser, Hotels errichten. Dann kamen die Intellektuellen, die Dichter und die Herren in Weiß. Ja, die Ärzte, nicht die Band, waren die ersten, die Capri für sich und ihre „Kunst“ entdeckten. Schon bald kamen auch die Patienten. Und dann der Rest. Hier urlaubten Kaiser Tiberius, Kanonen-Krupp und Berufsrevolutionär Lenin. Autohersteller zierten ihre Karossen mit dem Namen der Insel, eine Orangenlimo trägt ihren Namen in die Welt.

Dieter Richter zieht in seinem Inselbuch eine Bilanz Capris. Und die hat Höhen und Tiefen. Als Tiberius hier vor zweitausend Jahren sein Asyl bezog, war er ein ungebetener Gast. Noch heute findet sich im Taufregister wohl so mancher Cesare oder Augusto, aber kein Tiberio. Denn an den Klippen, wo Tiberius sich seine Villa erbauen ließ, ging es hoch her. Orgien und Sittenverfall bis hin zum ominösen salto di teberio, dem (fast immer unfreiwilligen) Sprung über die Klippen.

Capri ist aber auch eine geteilte Insel. Die Orte Capri und Anacapri verbindet eine Treppe und ein tief empfundener Zwist. Während unten in Capri, das Fremdencapri, wie es auch genannt wird, sich die Hautevolée ein Stelldichein gibt, gibt es für Anacapri nur die Küchenreste. Wer allerdings, ganz ohne falsch verstandene und gelebte Romantik Capri erleben möchte, ist in Anacapri bestens aufgehoben.

Doch im Zuge der Modernisierung und zunehmenden Bebauung der Insel wird dieser Unterschied auch bald ausgeglichen sein. Wenn er es nicht schon ist. Capri sorgt seit über hundert Jahren für Furore. Zahllose Aussichtspunkte, belvedere, luden und laden zum Aufs-Meer-Schauen ein. Architektonische Wunderhäuser, auch solche, die in keinem Architektur-Hochglanz-Prospekt auftauchen werden, sorgen für Aha-Erlebnisse. Und dann natürlich die Blaue Grotte. Sie gab zahlreichen Insulanern Broterwerb für Generationen. Sofern ein Boot zu Verfügung steht. Wer sie nun als erster entdeckt hat, bleibt bis heute ungelöst. Ein Deutscher oder sein Bootsführer aus Capri? Wer sie besucht, darf nicht nach Ruhe suchen.

Wie man es dreht und wendet, Capri ist ein Muss. Allerdings mit Abstrichen. Idyllisch ist es immer noch. Erholung findet man sicher auch noch. Doch wer glaubt, gemütlich auf der Piazza – vielleicht sogar im Fremdencapri – genüsslich eine Pizza essen zu können, wird sein blaues Wunder erleben.

Das blaue Wunder kann man aber auch einfacher haben. Dieses blaue Buch ist wahrhaft ein Wunder. Zweihundert Seiten, inkl. Auflistung der VIP-Besuche aus fast drei Jahrtausenden, geben einen unterhaltsamen wie informativen Überblick über die Sehnsuchtsdestination Nummer Eins der Deutschen vor knapp sechzig Jahren.

Gebrauchsanweisung für Malta

Es ist ein langer Weg bis Malta. Die Kreuzritter brauchten gefühlte Ewigkeiten. Und auch so mancher Tourist besucht erstmal andere Länder, bevor er zu Einsicht und nach Malta kommt. Agnes Imhof war als Teenager hier und hat seitdem eine Dauerkarte für die kleine Insel, die zu gern als Schrittstein zwischen Afrika und Europa gesehen wird.

Wer von Malta spricht, meint auch Gozo und Comino, die kleineren Schwestern der großen Insel Malta. Wie soll man sich nun auf so eine Reise vorbereiten? Sprachlich ist Malta eine Oase in der Sprachenwüste. Englisch – ja. Italienisch – naja. Malti – was’n das? Die erste Sprache des Landes. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, eine semitische Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben. Die Einzige übrigens. Agnes Imhof spricht sie, was ihr nicht nur Sympathien bei den Einheimischen einbringt, sondern einen weiteren riesigen Vorteil beschert. Viele Orte haben zwei Namen. Einen offiziellen und einen, der den Einheimischen, und nur ihnen bekannt ist. Das sorgt sicher immer noch und immer wieder für Verwirrung. Und das kann eine Reisebuchschreiberin nun gar nicht gebrauchen.

Liest man nur die ersten beiden Kapitel, bekommt man leicht den Eindruck auf einer Partyinsel zu sein. Die Luft drückt, ein laues Lüftchen weht und mit einem Mal wird man aus der Flugzeug-Lethargie herausgerissen. Ein Knall wie selten gehört erschüttert die Atmosphäre. Dorffest. Wieder einmal. Nachdem die Nebelschwaden des Feuerwerks vorübergezogen sind, macht sich Agnes Imhof gleich in die Spur dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Malteser feiern gern lautstark. Irgendwo findet sich immer ein Anlass, um mit Schwarzpulver den Himmel einzufärben.

An zweiter Stelle kommen im Buch natürlich die Kreuzritter, die Johanniter, die Malteser. Es gibt so viele Bezeichnungen. Sie erst gaben der Insel ihre Bedeutung, die bis heute anhält. Prunkvolle Gewänder und Bauten zeugen von Ruhm und Reichtum des Ordens. Und auch der feiert gern, so können die „Kostüme“ auch mal wieder öffentlich gezeigt werden.

Dass Malta keine Partyinsel á la Malle ist, dürfte kein Geheimnis sein. Doch als Einstieg ins Buch, als Appetizer für Noch-Nicht-Entschiedene sind diese beiden ersten Kapitel geeignet. Valletta ist 2018 Kulturhauptstadt Europas. Das heißt für alle, die dieses Jahr nach Malta reisen werden, dass es allerorten irgendwas zu sehen, zu riechen, zu hören, zu erleben gibt.

Das Grundgerüst eines Urlaubs bildet normalerweise ein Reiseband. Einer, der die besichtigungswürdigen Orte nicht nur nennt, sondern erklärt, Reiserouten vorschlägt, ein bisschen Hintergrundwissen vermittelt. Agnes Imhof setzt am Ende eines solchen Reisebandes an. Sie kennt die Insel von zahlreichen Besuchen. Und sie schreibt historische Romane, ist Islamexpertin und Religionswissenschaftlerin. Malta ist für sie ein wahres El Dorado. Für jeden Tag des Jahres eine Kirche.

Sie muss auch zugeben, dass Kirchen nicht das alleinige ausschlaggebende Argument für einen Inseltrip sind. Malta bietet allein schon durch seine Vielfalt an menschlichen Wurzeln ein Füllhorn an Möglichkeiten sich auszutoben, sich zu entspannen oder auf Entdeckertour zu gehen. Und für die ganz Modernen gibt es die Drehorte der Serie „Game of Thrones“. Was allerdings (felsen-)fest steht: Wer ohne die Gebrauchsanweisung Malta die Insel besucht, verpasst sicher das eine oder andere Fest, Highlight oder vergisst hier und da mal abzubiegen.

Geschichtenjäger

Soll es das wirklich schon gewesen sein? Das letzte Werk von Eduardo Galeano. Ja, leider. Doch trauern wir nicht um ihn, sondern feiern wir seine letzten Kurzgeschichten und freuen uns darauf, dass sie endlich auf Deutsch erschienen sind.

Wer sich auf dieses Buch einlässt – und schon nach wenigen Zeilen und

Seiten ist man ein Gefangener der Sprachlust Eduardo Galeanos – wird so schnell nicht mehr loskommen. Das ist keine Warnung, es ist ein Versprechen! Es sind kurze Geschichten, manche nur wenige Zeilen lang, die so intensiv ihre Moral versprühen, dass man sie als Sinnsprüche ausschneiden und an die Wand kleben möchte.

Kurze Erinnerungen an scheinbar törichte Handlungen geben sich die Klinke in die Hand mit Geschichten über Kriege und Diktatoren. Naturphänomene wie der ersten Flöte Amerikas stehen im Wechselspiel mit Gedanken über die Zahl Null.

Eduardo Galeano war ein Schreibbessener. Die Wucht und Präzision seiner Worte überragen noch lange Zeit den literarischen Himmel Südamerikas. Während der Militärdiktatur in Uruguay fand er Asyl in Spanien. Mitte der 80er Jahre konnte er in sein Heimatland zurückkehren.

Die Erinnerungen an Entwurzelung, aber auch die Kindheit tragen seine Geschichten. Egal in welcher Länge. Man schwimmt in einem Strom aus Buchstaben, Silben, Wörtern und Neuschöpfungen und versucht erst gar nicht dem Ertrinken die Stirn zu bieten. Lieber in den Zeilen Galeanos den Tod finden als niemals auch nur eine Zeile dieses Geschichtenjägers gelesen zu haben.

Monstern zieht er behände den unheilvollen Zahn. Mit Poesie kreiert er Wesen, die im Meer notwendige Abrieten verrichten, ohne zu klagen. Selbst so profane Ereignisse wie Fußballspiele bekommen bei Galeano eine besondere, neue Dimension.

„Geschichtenerzähler“ wird durch die allerletzten Texte Galeanos, die nie veröffentlicht wurden, ergänzt. Kritzeleien sollten sie heißen. Doch die letzten Zeilen sind die Quintessenz eines viel zu kurzen Schriftstellerlebens. Es war die Neugier, die ihn antrieb. Die Neugier nach dem, was noch kommt, und die Neugier auf das, was war. Es niederzuschreiben, für die Nachwelt zu erhalten, war nur die logische Konsequenz.

König der Hobos

Über dreißig Jahre ist es her, dass in Whitesnakes „Here I go again“ das Wort Hobo vorkam. Sie mussten es allerdings im Zuge einer Hetzkampagne gegen Rockmusik, angeführt von Pippa Gore, der Frau von Al Gore, das Wort Hobo durch Drifter ersetzen. Hobo klang zu sehr nach Homo. Und das ging natürlich gar nicht!

Hobos sind die letzten wahren Helden Amerikas. Sie streifen durch ihr Land auf der Suche nach einem bisschen Glück. Ach klingt das romantisch! Ihr Glück ist nicht das Glück der Anderen. Sie schürfen nicht nach Gold, um mit Mitte vierzig im Schaukelstuhl körperlich und nervlich am Boden dem eigenen Sonnenuntergang entgegen zu sehen. Sie drehten sich einmal in ihrem Leben um, und dann nie wieder. Wer sie sieht, (er)kennt meist nur ihre Rückansicht.

Der amerikanische Traum – was ist das überhaupt? Schnell viel Geld scheffeln? Dann sind Hobos keine Amerikaner! Endlos die Freiheit genießen? Dann sind Hobos die Archetypen des Amerikaners.

Fredy Gareis hat sich unters Volk gemischt und ist dem Mythos Hobo auf den Grund gegangen. Denn es gibt sie noch, die Männer und Frauen, die auf Zügen mehrere tausend Kilometer quer durchs Land fahren, ohne dabei auch nur einem einzigen Fahrkartenkontrolleur Rechenschaft ablegen zu müssen. In einem Land, in dem die Angst vor allem Fremden so ausgiebig zelebriert wird, kein einfaches Unterfangen. Die Strecke von Küste zu Küste, von Berg zu Berg, von Strand zu Strand hat einen entscheidenden Vorteil: Keine Grenzen. Keine Sprachbarriere stört das Vorankommen.

Hobos haben natürlich Namen. Und genauso natürlich haben sie diesen abgelegt. Ihre Herkunft und ein kurzer, schmissiger Name müssen als ID reichen.

Fredy Gareis hat es nicht einfach aufgenommen zu werden. Die Hobos bleiben lieber unter sich. Sie haben ihre eigenen Rituale, die sie ungern nach außen transportiert sehen möchten. Wer weiß schon von der Hobo-Queen-Wahl? Fredy Gareis trifft bei seiner Erkundungstour sogar eine Frau, die diese Wahl schon fünf Mal gewonnen hat.

Es ist wohl eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. So zu leben und das Leben zu lieben, dass es keiner Norm mehr entsprechen kann. Vagabunden, Ausgesetzte, Widerwillige – es gibt viele Bezeichnungen, die man für das „fahrende Volk“ finden kann. Doch nur ein echter Hobo kann dem Leben „da drinnen“ die kalte Schulter zeigen und seinem Leben „da draußen“ etwas Wärmendes abgewinnen. „König der Hobos“ ist ein Reisebericht wie es nur noch wenige gibt. Ein bisschen Mark Twain, eine Brise Ernsthaftigkeit und Bitternis, aber vor allem ein breites Lächeln sind die Mischung, die dieses Buch einen echten Schatz werden lassen.

Polizeigeschichten

Staubige Akten mit staubtrockenen Fakten – von wegen! Ernst Dronke wurde vor knapp zweihundert Jahren geboren. Als Journalist, der offen über die sozialen Ungerechtigkeiten in der Sozialreportage „Berlin“ schrieb, brummte man ihm zwei Jahre Festungshaft auf. Er floh nach Brüssel, wo er Friedrich Engels kennenlernte.

Seine „Polizeigeschichten“ sind keineswegs nur sensationslüsterne Anekdoten aus den staubigen Archiven der Polizeireviere. Sie sind vor allem Anklagen gegen eine Gesellschaft, die die Verrohung hinnimmt und deren Opfer dann zusätzlich auch noch mit Strafen belegt, ja, sogar verhöhnt. Wie die des Tischlers Fritz Schenk. Ein echter Handwerker, geschickt wie kaum ein anderer seiner Kollegen. Eines Tages wird von einem Mann verletzt. Die Kosten der Behandlung trägt der Unfallverursacher. So weit so gut. Doch der Arm will nicht recht wieder in Ordnung kommen. Sein Chef degradiert ihn, mault über seine Arbeit. Schenk will sich selbständig machen. Er sucht den Mann auf, der für seine momentane Situation verantwortlich ist. Dieses Mal wird es nur halb gut. Denn die angebotene Summe reicht nicht, um eine eigene Werkstatt eröffnen zu können.

Zwischenzeitlich ist Schenk Ehemann und Vater geworden. Die finanziellen Sorgen treiben ihn zu Taten, die er sich nie vorstellen konnte. Eines Tages bietet sich bei einem Kunden die vermeintliche Chance auf den großen Fang. Schenk greift zu. Die Brieftasche nah am Herzen, plagt ihn sein Gewissen. Er hat gestohlen. Ein zu geringer Betrag, um sorglos die Zukunft planen zu können. Zu dilettantisch, um damit davonzukommen. Und schon stehen die Polizei auf der Matte und die Gefängniszelle weit offen. Das Wort Zukunft ist erst einmal aus dem Wortschatz gestrichen. Eine Zeit später trifft Schenk einen ehemaligen Kumpan aus der Knastzeit wieder. Schenk steht kurz vor dem Rauswurf aus seiner Wohnung. Das Angebot des einstigen Schicksalsteilers klingt verlockend. Schnelles Geld für wenig Arbeit. Dass das Risiko zu hoch ist, wird ausgeblendet. Denn der Kumpan spielt ein doppeltes Spiel…

„Das Böse ist immer und überall“, sang die Erste Allgemeiner Verunsicherung. Was als lustiger Chartbreaker bis heute nachhallt, hat in diesem Buch mehr als nur einen derben Hintergrund. Dronke vertritt die Ansicht, dass der Mensch nicht von Natur aus böse ist. Die Umstände zwingen den einen oder anderen durchaus das eine oder andere Mal Maßnahmen zu ergreifen, die die Grenze des Legalen überschreiten. Die Polizei ist dann nicht mehr der Freund und Helfer, sondern willfähriges ausführendes Organ des Staates. Da gibt es auch kein links oder rechts mehr. Es geht schnurstracks geradeaus. Mitten ins Verderben. Lesenswert ist dieses Buch auch wegen der originalen Übernahme des Textes von vor über 150 Jahren. Da ist von Ingrimm die Rede, von Gensd’armen oder Provinzialstädten. So hat man damals geredet – wer deutsche Kultur erlesen underleben will, kommt an diesem Buch nicht so schnell vorbei.

Die Amerikafalle

Mehrere Wochen Amerika – und dann wird es „nur“ Bowling Green, Ohio. Könnte man meinen, aber Martin Amanshauser nutzt die Lehrtätigkeit an der örtlichen Uni zu einem Selbstfindungstrip.

Bowling Green im so genannten Swing State Ohio – hier können die politischen Mehrheitsverhältnisse von Wahl zu Wahl wechseln – mag auf den ersten Blick nicht unbedingt die Nummer-Eins-Wahl sein, wenn man Amerika besucht. Ein Land, das San Francisco, Chicago, New York und New Orleans im Angebot hat. Doch Martin Amanshauser findet dieses Städtchen durchaus repräsentativ, wenn man herausfinden möchte, wie man Amerika denn nun – für sich selbst – beurteilen möchte.

Als Erstes fällt ihm die unverblümte Freundlichkeit auf. Ein Smalltalk ist leicht begonnen. Das mag daran liegen, dass das Fremde erst einmal neugierig macht. Schließlich ist das heutige Amerika aus dem Fremden entstanden. Selbst der Präsident ist erst die dritte Generation im Lande…

Es sind die kleinen Dinge, die man im Kopf behält, wenn man das große Ganze betrachten möchte. Ein Autokauf. Sein Saturn hatte bestimmt schon bessere Zeiten erlebt. Autopflege steht in Bowling Green eh nicht an erster Stelle der Bürgerpflicht, das Auto wird schon halten. Nur bedingt, wie er recht bald feststellen muss. Doch mit ein wenig Geschick wird der Fehlerteufel vertrieben.

Amerika ist nicht das Ende der Welt. Vieles im Land der unbeschränkten Möglichkeiten ähnelt dem im heimischen Österreich. Martin Amanshauser ist außerdem seit Jahren gut beschäftigter Reisejournalist, dem so schnell nichts umhaut. Aha-Effekte erkennt er aber trotzdem noch und freut sich jedes Mal, wenn sie ihm begegnen. Als Leser hat man in ihm einen fachkundigen und neugierigen Kundschafter, der vieles anzeigt, doch nichts vorwegnimmt.

Wer will kann Amerika auf den Leim gehen. Wer will kann aber auch dieses Buch lesen und Amerika eben nicht auf den Leim gehen. Denn es geht nicht darum Werbung für ein Land zu machen, das gar nicht beworben werden dürfte. Der Autor hatte so seine Bedenken gegenüber Amerika. Doch was ist das: Amerika? Es sind doch die Menschen, die einen beeindrucken oder eben nicht. Keine Bauwerke oder Monumente von Mutter Natur und von Menschenhand erschaffen. Und wer sich von Politik und ihren Führern die Lust auf ein Land verleiden lässt, ist eh schwer um zu stimmen.

Wer offen ist, wird sich mit diesem Buch mehr als nur gut unterhalten fühlen. Martin Amanshausers Anmerkungen, Geschichten und Anekdoten zu folgen, ist eine wahre Lust. Er ist weit davon entfernt alles durch die rosarote Brille zu sehen. Sein Blick bleibt scharf. Wenn ihm was nicht passt, schreibt er es auf. Aber – und dieses Aber kann man gar nicht groß genug schreiben – er versucht dem Grund dafür herauszufinden. Eine Fähigkeit, die in der Gegenwart wo auch immer langsam aber sicher zu vergessen droht.

Modigliani, mon amour

Es gab keinen besseren Zeitpunkt sich über den Weg zu laufen. Dicke, graue Wolken hingen unbeweglich über Paris. Europa erstickte im Pulverdampf, der aus den Schützengräben quoll. Jeanne Hébuterne ist Kunststudentin an der Academie Colarossi. Und da begegnet ihr Amadeo Modigliani. Das Grau ist auf einmal, und nur für kurze Zeit wie weggeblasen.

Obwohl vierzehn Jahre Altersunterscheid, sie gerade mal 18, er 32, sind sie im Geiste vereint. Ihre Welt ist zu klein. Sie stammt aus einer Familie, deren Sittenstrenge mehr bedeutet als alles andere. Er stammt aus gutbürgerlichem jüdischem Hause. Beide haben keine Beziehung zu Geld, sie haben keines. Eine Skizze für einen Wermut, so machen Wirt des „La Rotonde“ und der Maler jeweils ihren Schnitt. Und Jeanne? Ihr über alles geliebter Bruder André ist im Krieg. Er brachte sie zur Malerei, unterstützte sie in dieser Flucht vor der Langeweile.

Amadeos und Jeannes Beziehung steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Er ist zornig, meist betrunken. Sie ist vorsichtig, doch kann sich dem Charme des Künstlers nicht entziehen. Nur André zieht Jeanne wie an einem unsichtbaren Gummiband immer wieder zurück zur Vernunft. Denn tief im Inneren weiß sie, dass sie Modigliani nicht gerecht werden kann. Er behandelt sie nicht so wie man eine Lady behandeln soll. Seine Liebesschwüre erschauern wie Befehle. Selbst eine Einladung zu einem Ball kann sie nicht ablehnen, weil sie seiner Vehemenz nichts entgegen zu setzen hat. Zwischen Picasso, Soutine, Cendrars, Jacob und Cocteau wirkt sie verloren. Nur Modigliani kann sie in seiner unverkennbaren Art befreien. Sie werden ein Paar.

Seine Anfälle, seine Affären, die Ablehnung Modiglianis von ihrer Familie gehen nicht spurlos an ihr vorüber, doch sie steht zu dem Mann, dessen Erscheinung sie damals in der Academie wie der Blitz traf. Das Leben ist hart. Modigliani wird einmal berühmt sein, und reich. Das behaupten alle in seiner Umgebung. Seine Zeit ist aber noch nicht gekommen.

Olivia Elkaim gibt der letzten Muse Amadeo Modiglianis ihr Leben zurück. Als er zu Beginn des Jahres 1920 auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise begraben wird, steht die Künstlerelite Spalier. Kurz darauf wird sie begraben. Sie sie Mutter seines Kindes. Nicht verheiratet. Angefeindet. Kein Pomp, kein Prunk, nicht einmal derselbe Friedhof. Allein gelassen wie eh und je.

„Modigliani, mon amour“ ist der Inbegriff der traurigen Liebe. Eine Frau, die alle Unwägbarkeiten beiseite wischt, um ihn zur Seite stehen zu dürfen. Er verachtet sich und die Welt, ist unfähig wahre Zuneigung zu zeigen. Das Leben der Bohème war nicht romantisch, es war hart. Aber vor allem eine emotionale Qual.

Dux

Bei dem Namen Casanova hört man bis heute auf. Dieser Lustmolch, der die Frauen scharenweise umlegte, als Spion von Hof zu Hof wanderte, und in Venedig zur persona non grata erklärt wurde. Mythos und Wahrheit liegen bei ihm so nah beieinander wie bei kaum einen anderen. Er freute sich in der Gesellschaft der wirklich (oder scheinbar) Großen sonnen zu dürfen. Ein Phänomen, das man bis heute noch (bzw. immer häufiger) beobachten kann.

Doch – und das ist die Warnung an all die sich heranwanzenden Sport-„Reporter“, Influencer und Castingshow-Zweitrundenteilnehmer – er starb einsam, krank und ungeliebt im Exil. In Duchcov, dem ehemaligen Dux, auf dem gleichnamigen Schloss. Sein Sterbesessel wird im Juni 2018 (am vierten des Monats jährt sich sein 220. Todestag) sicherlich Scharen auf das idyllisch gelegene Schloss locken. Sofern man ihn nicht wieder mit Nichtachtung strafen wird.

Casanova ist mittlerweile im Rentenalter. Graf Joseph Karl Emanuel von Waldstein hat vor einiger Zeit den Glücksritter an seinen Hof geholt. Es ist das Jahre 1785. Hier soll Casanova als Bibliothekar tätig sein. Er liest viel, schreibt noch viel mehr. Veröffentlichungen – kaum. Der Graf selbst ist damit beschäftigt Politik zu betreiben, weshalb er einige Jahre später für einen langen Zeitraum verreisen wird. Von Frankreich ausgehend droht Europa eine neue Gestalt anzunehmen. Ach, was wäre Casanova glücklich gewesen hier mitwirken zu dürfen, Seilschaften zu knüpfen, Verbrüderungen zu entzweien. Doch er fristet ein karges Leben in Nordböhmen.

Zu seinem Verdruss sehen der Verwalter und ein Leutnant, der als eine Art Aufpasser sich hier einen kleinen Zuverdienst sichert, in dem Italiener eine Laus, die zerquetscht werden muss. Casanova einen einzuschenken, ist ihr liebster Zeitvertreib. Sie sind geschickt, so dass selbst der Bürgermeister und Richter der Stadt nichts unternehmen können. Casanova ist hoffnungslos festgesetzt. Er, der einst Europas Adelshäuser im Gespräch und Atem hielt, ist nun der gebeugte Prügelknabe zweier Günstlinge. Späte Rache des Schicksals? Ein Happy end kann er nicht erwarten. Und er ist sich dessen sicher auch bewusst.

Die Historiker streiten bis heute über die Bedeutung des Monsieur de Seintgalt. Wohl auch, weil er sich winden konnte wie ein Aal. Schlecht festzunageln, dieser Windhund! Sebastiano Vassalli gelingt das Kunststück, Casanova für die Dauer dieses Büchleins einzufangen. Ein kränkelnder, nie komplett resignierender Greis, dessen Perücke schlecht sitz und dessen Strümpfe am laufenden Band verrutschen. Eine kurze Episode im Leben des Hans Dampf in allen Gassen, seine letzte. Doch sie beweist nur eines: Den Atem konnte man ihm nur einer auslöschen, Gott. Der Kampfgeist jedoch entwich ihm erst nach dem letzten Atemzug. Chapeau!