Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

In Pompeji

„Ganz ruhig bleiben, ich will nichts Böses. Nur reinkommen. Mich ein wenig umschauen. Keine Angst. Es besteht kein Grund auszubrechen!“ Die Stadt Pompeji wird immer mit einem Gefühl der Ehrfurcht betreten, das antike Pompeji natürlich. Der Vesuv hat vor knapp zweitausend Jahren die blühende Stadt in ein Aschegrab immensen Ausmaßes verwandelt. Und so geschah es, dass Pompeji zu Sinnbild der modernen Ausgrabungen in Europa wurde. Heute kann man (fast) ruhigen Gewissens über das holprige Pflaster wandeln – Augen auf, denn auch da verbergen sich mehr oder weniger wichtige, auf alle Fälle zum Schmunzeln einladende Beweise – und sich einen detaillierten Überblick verschaffen, wie Zivilisation vor Jahrtausenden aussah.

Das Image der antiken Schönheit, die der Natur nichts als Durchhaltevermögen entgegensetzen konnte, zog schon immer die Besucher an. Unter ihnen auch große Namen. Charles Dickens und Mark Twain besuchten die Stadt. Letzterer hatte die Schrecken des amerikanischen Bürgerkrieges miterlebt und sah nun wie Italien nach und nach zu sich selber fand.

Pierre-Auguste Renoir holte sich in den Ruinen ernsthafte Inspirationen für seine Werke. Roberto Rossellini verführte Ingrid Bergman mit einem Ausflug hierher zur Zusammenarbeit. Pompeji war und ist immer noch ein Ort, den man mit besonderer Ehrfurcht betritt.

Fernab der Touristengruppen, die sich mehr oder weniger gelangweilt ellenlange mehr oder weniger inspirierende Vorträge anhören (müssen), legt die Stadt dem Wissbegierigen ihr Herz frei.

So beeindruckend die Stadt bis heute ist, so unbeholfen wirkt man heute oftmals, wenn man die Eindrücke beschreiben will. Ingrid Rowland ging es nicht anders, als mit acht Jahren das erste Mal nach Pompeji kam. Erst die Abreise aus New York, dann die Aussicht auf ein halbes Jahr Mainz in Deutschland, wo ihr Vater arbeiten konnte. Der Abstecher nach Italien veränderte ihr Leben. Immer die Kamera in der Hand wurde sie von Pompeji magisch angezogen. Das ging so weit, dass es ihr ein Herzensbedürfnis war dieses Buch zu veröffentlichen. Von Mozart bis Renoir, von Twain bis Dickens lässt sie große Worte in diesem Buch zusammenfließen zu einer appetitanregenden Mixtur aus Historie, Erläuterungen der selbigen und leicht eingängiger Wissensvermittlung. Man muss kein großer Antikenfreund sein, um den Zeilen folgen zu können. Nur Interesse muss man mitbringen, dann wird „In Pompeji“ zu einem Buch, dass die Reiselust weckt und so manche Mußestunde versüßt.

Superbuhei

August 1977, Graceland, Memphis, Tennessee. Ein Mann bricht tot in seinem riesigen Anwesen zusammen. 16. August 1977, Rahlstedt, mitten im norddeutschen nirgendwo. Aaron und Jesse erblicken das Licht der Welt. Der Mann in Memphis hieß Elvis, dann Aaron und mit Familiennamen Presley, der King of Rock ‘n Roll. In Rahlstedt heißt Aaron und Jesse mit Nachnamen Bronske. Und Jesse ist der Erstgeborene, benannt nach dem zweiten Zwilling des King, der tot zur Welt kam. Aarons und Jesses Vater war Elvis-Imitator mit beschränkten Fähigkeiten.

Jesse gehört das „Klaus Meine“, eine runtergekommene Kneipe, die dem norddeutschen Rockidol und Sänger Scorpions huldigt. Den ganzen Tag laufen nur Songs der Hannoveraner Band im Hintergrund, eine Devotionalie – ein signierter Tennisball – ziert die Kaschemme. Und das „Klaus Meine“ ist Teil des Superbuhei, eines Supermarktes, der das einzige Highlight in Langenhagen bildet.

So trostlos die Gegend hier ist, so trostlos ist auch Jesses Leben. Er liebt Mona, die Supermarktkassiererin. Warum weiß er auch nicht (mehr). Ihr Atem stinkt, ihre Figur wächst und wächst, leider in die falsche Richtung. Um wenigstens ein wenig Zeit für sich zu haben, mischt er ihr immer wieder ein bisschen Schlafmittel ins Essen.

Moin Tristesse, und hat eine Kehrseite. Jesse hat Angst. Sieht er Gespenster? Sie jagen ihm eine Höllenangst ein. Er schläft nur noch mit seinem Gewehr an seiner Seite. Auf der anderen Seite schnappt Mona immer nach Luft und verpestet mit ihrem Atem selbige. Jesse vermutet, dass Aaron zurück ist. Und Aaron bedeutet Ungemach, Ärger und vielleicht sogar Schlimmeres… Aaron ist gekommen, um Jesse zu töten und sich anschließend als Jesse auszugeben. Denn die beiden sehen sich zum Verwechseln ähnlich, so sehr, dass selbst ich Vater die beiden Bengel nicht auseinanderhalten kann.

Jesse verändert sich. Mona merkt das auch. Jesse ist auf einmal so ganz anders. Irgendwie aggressiv. Und im „Klaus Meine“ läuft’s auch nicht mehr so. Ist Aaron schon da?

Sven Amtsberg trifft mit jeder Silbe den richtigen Ton. Als Heavy-Metal- oder zumindest Hard-Rock-Fan fallen einem die Kapitelnamen auf, die von Scorpions-Songs stammen. Man muss kein Fan der Band sein, um die Trostlosigkeit mit der Monotonie des Band-Images zu erkennen. In Langenhagen regiert ab einem gewissen Alter die Resignation. Wer Träume hatte, is wech. Wer sie nicht umsetzen konnte, versauert im „Klaus Meine“. Und wenn dann doch mal was passiert, ist es meist nichts Gutes. Doch der Roman macht Hoffnung. So trist die Szenerie, so schwung- und humorvoll der Schreibstil. Jesse Bronske Herz schlägt noch im Takt des Lebens…

… und morgen werde ich Dich vermissen

Anniken Moritzen ist das passiert, was man seinem ärgsten Feind nicht wünscht: Sie muss den Tod eines nahen, jüngeren Angehörigen verschmerzen. Und nun brauchen Arne Villmyr, ihr Ex-Mann und sie ein Grab, um trauern zu können. Rasmus war Leuchtturmwärter, hoch im Norden, im norwegischen Norden. Dort, wo die Sonne vor Arbeitswut den Tag unendlich erscheinen lässt.

Unendlich hoffnungslos ist momentan auch das Leben von Thorkild Aske. Jetzt arbeitet er als Privatermittler. Er soll den Mord an Rasmus aufklären. Offiziell ist Rasmus bei einem Tauchunfall (prr … im Norden in der norwegischen See sind Wassertemperaturen von 20 Grad wohl nur im Lexikon zu finden). So sehen es auch die Behörden. Doch Thorkild ist der richtige Mann dafür. Er passt in die rauhe Landschaft. Gerade aus dem Knast entlassen, fristet er ein Leben zwischen Hoffnungslosigkeit und psychiatrischer Behandlung. Ist er wirklich der richtige Mann für diesen knochenharten Job?

Einst war Thorkild Polizist, Spezialeinheit, interne Ermittlungen, Verhörspezialist. Lücke. Knast. Entlassung. Neuanfang. Was genau geschah, was ihm fast das Genick brach, bleibt noch verborgen.

Den Job im Norden wurde Thorkild von Ulf besorgt, Freund und Psychiater. Und Thorkild kennt den Auftraggeber. Von früher, als er noch bei der Internen war. Als er frei kennengelernt hat, als er sich in sie verliebte. Arne Villmyr. Thorkild beginnt innerlich zu zittern. Ausgerechnet Arne. Er will ihn, den gefallenen Ermittlerengel, bezahlen, er soll nur den wahren Schuldigen am Tode Rasmus‘ ermitteln. Mehr nicht… mehr nicht?

Thorkild macht sich auf den Weg in den Norden. Und er wird fündig. Er findet eine Leiche, doch es ist nicht Rasmus – immer noch kein Grab für die trauernden Auftraggeber. Ein weiterer Rückschlag in der Therapie des verwundeten Ex-Polizisten? Von wegen! Ein Fanal. Die Spürnase nimmt Witterung auf.

Heine Bakkeid hat mit Thorkild Aske einen Ermittler geschaffen, der seinen Tiefpunkt bereits erreicht zu haben scheint. Doch er gibt ihm immer wieder einen Stoß, um ihn in tiefere Abgründe zu stoßen. Umso überraschender der Wendepunkt. Instinkte verliert man niemals. Eine Liebesgeschichte, eine dunkle Vergangenheit, eine unwirtliche Umgebung – Thorkild Aske muss sich durchbeißen. Arbeit als Therapie, das funktioniert. Doch noch nie wurde so eine Therapie so kraftvoll, so anziehend beschrieben.

„… und morgen werde ich Dich vermissen“ ist der Auftakt zu einer Krimireihe, die – und das steht schon nach dem ersten Fall eindeutig fest – den Leser mit jedem Mall immer wieder und immer fester fesseln wird. Thorkild Aske ist der geborene Romanheld, irgendwo zwischen John McClane und Kurt Wallander.

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Barcelona

Und weiter geht die wilde Hatz! Sagrada familia, schnell ein paar Tapas, playa, ramblas – puh das stresst. Aber man hat in wenigen Stunden alles gesehen, was es Sehenswertes in Barcelona gibt. Könnte man meinen. Doch dann fällt einem der Reiseband „Barcelona“ von Baedeker in die Hände. Dreihundert Seiten stark – da muss es also noch mehr geben als die extravagante Architektur von Antoni Gaudí und Fressmeilen. Aber wer reist schon so. Und Barcelona im Speziellen hat durchaus mehr zu bieten. Da tut es Not sich zumindest ein wenig im Vorfeld zu informieren, was es alles zu erobern gibt. Und dieser Baedeker ist ein auskunftsfreudiger Reisebegleiter!

Zuerst zum Standard. Jeder Reiseband ist mit einer Karte, in diesem Fall mit einem aussagekräftigen Stadtplan versehen. Ebenso zum guten Ton gehört eine informative Einführung in die Stadt mit einem kurzen Abriss zur Geschichte – so manches Aha-Erlebnis wird erst so zu Selbigem. Zum Beispiel, wenn man am 15. oder 30. August, 24. September, am ersten Sonntag im Oktober oder den Sonntag nach dem 22. Oktober oder am 1. November oder am dritten Sonntag im November in der Stadt ist. Dann werden die Castells, die berühmten menschlichen Kathedralen allerorten zu sehen sein. Ein Erlebnis, das im Fernsehen schon beeindruckend ist – live fiebert man mit jeder neuen Etage mit den Casteller mit. Schon auf der Umschlagseite wird auf diese Tradition hingewiesen.

Architektonisch ist Barcelona eine Sensation. Nicht nur die Sagrada familia, das unvollendete Bauwerk Gaudís, sondern ganze Straßenzüge, die im katalonischen Jugendstil, der Modernisme genannt wird, erhellen die Herzen der Besucher. Muss man gesehen haben. Das nötige Hintergrundwissen gibt’s im Buch.

Ein Städtetrip nach Barcelona ohne vernünftigen Reiseband wäre wie Strandurlaub im Hotelbett, wie ein McDonalds-Besuch in Lyon oder Wassertreten in der Sahara – unnötig und sinnlos. Ausflüge ins nur wenige Kilometer entfernte Montserrat mit seinem Kloster, oder in die traditionsreiche Fußballgeschichte der Stadt oder eine (Rad-)Tour zum Museu Marítim oder oder oder – die Stadt bietet so viele Möglichkeiten sich für immer an sie zu erinnern, dass es schon an ein Wunder grenzt, dass so viele in diesem Buch vereinigt werden konnten.

Wer den Reiseband verschenken will, dem sei noch empfohlen, dass zum „Rundum-Sorglos-Paket“ ein Prachtband und ein wenig Belletristik gehören. Der ewige Dank des Beschenkten ist einem hundertprozentig sicher. Und ein Souvenir als Dankeschön aus der Hafenstadt am Mittelmeer kann schon mal eingeplant werden…

Paradies der falschen Vögel

Was, glauben Sie, passiert, wenn Wolfgang Beltracchi in ein Museum geht? Alle, vor allem die elektronischen, Augen sind auf ihn gerichtet. Zuckt sein Auge, wenn er vor einem Turner steht? Lächelt er verschmitzt, wenn er vor einem – sagen wir – van Gogh steht? Zeigt er eine besondere Reaktion bei einem Michelangelo? Denn er weiß, wo seine Fälschungen noch hängen.

Anton Velhagens Lebensweg scheint vorgezeichnet. Sein Onkel ist begnadeter Fälscher. Er erfindet Ayax Mazyrka, einen Barockmaler. Doch dem nicht genug: Er erfindet auch noch dessen Biografen. Und Anton? Schon im Alter von fünf Jahren „fälscht“ er die Überreste des Misthaufens des Prager Fenstersturzes.

Alles Lüge? Alles Lüge! Führen wir uns die Geschichte vor Augen: Ein Autor (wahr) lässt einen Fälscher die Geschichte seines Onkels Robert Guiscard erzählen, der ein Fälscher war. Dieser wiederum hat einen Maler erfunden und einen Biografen gleich dazu. Das nennt man dann wohl Vielschichtigkeit. Und wie ein Maler Schicht für Schicht auf die Leinwand trägt, so lässt Wolfgang Hildesheimer (der Echte) Anton Velhagen die Lebenslüge seines Onkels wieder abtragen. Im Orientexpress trifft er eine Spionin, die unumwunden zugibt, welcher Tätigkeit sie nachgeht. Ein weiterer Mitreisender, ein wasch-echter(!) Procegoviner, deren Nationalheld Ayax Mazyrka war, lässt Robert alle Vorsätze über Bord werfen. Auch den, dass man seinem Gegenüber immer ausführlich und bis ins kleinste Detail antworten sollte. So verliere der die Lust am Nachfragen. Raffinierte Technik! Onkel Robert und seine Zugfahrt – Kauzige Vögel trifft man da. Doch nicht nur da…

Und schon haben wir den Titel des Buches zum Thema gemacht, „Paradies der falschen Vögel“. Falsche Fuffziger könnten es auch sein. Doch dann … ja dann wäre das Buch aber nicht so beeindruckend zu gestalten gewesen. Monika Aichele hat den Titel wortwörtlich genommen und zahlreiche Exemplare der Gattung birdus fakus beigefügt. Also Vögel, die es nie gab, nicht gibt, und aller Voraussicht nach auch niemals geben wird. Genauso wie es birdus fakus nie geben wird. Fake birds, gefälschte Vögel. Das ist mal ‘ne echte Fake news.

Monika Aichele setzt dem ganzen Spiel um Wahrheit und das, was als diese angesehen wird, noch einen drauf. Als Hüterin der „Enzyklopädie der falschen Vögel“ – sie selbst hält es nicht für ein Werk von Robert Guiscard, obwohl es eindeutig aus dessen Familie zu ihr gelangt ist – gibt sie ihren Zeichnungen der Nachtschrecke, des Palmenschwanzes oder des Kanzelschwammbrüters legendäre Biografien. Man merkt ihr den diebischen Spaß an, den sie hatte als die den Kettenhemdkauz, den Moonbird (nicht zu verwechseln mit dem Mohnvogel) oder den Teppichkehrer zeichnete.

Wolfgang Hildesheimer zeichnet ein sarkastisches Bild der Kunstszene, Monika Aichele liefert die nüchternen Tatsachen. Das einzig echte an diesem Buch ist die Faszination, die es auslösen wird. Elegant, handhabbar, witzig, nachdenklich, exzellente Gestaltung – so muss ein Buch sein. Und wer so richtig auf den Geschmack gekommen ist, der kauft sich ein Ticket für den Bernina-Express. An der Haltestelle Poschiavo im Schweizer Kanton Graubünden. Denn anders als das Fürstentum Procegovina, lebte hier eine echter Künstler: Wolfgang Hildesheimer.

Long John Silver

Long – John – Silver: Ein Name wie Donnerhall auf den Sieben Weltmeeren! Ritsch-ratsch und der Stummel ist ab. Ohne eine Miene zu verziehen. Ohne, dass ihm jemand Händchen hält. Er harter Kerl, der Quartermeister. Und Flint, sein Kapitän, weiß um die Fähigkeiten des treuen Silver. So beginnt eine der außergewöhnlichsten Biographien des Jahres.

Ja, es handelt sich um den berühmten John Silver aus der „Schatzinsel“. Jim Hawkins hat ihn gefürchtet, die Mannschaft an Deck hat ihn gefürchtet. Alle haben ihn gefürchtet. Denn der harte Hund hatte seinen Spitznamen „Barbecue“ nicht zu unrecht. Robert Louis Stevenson hat ihm schon einmal ein Denkmal gesetzt, eines, das ein wenig wackelt. Björn Larsson rückt nun einiges gerade. Und um es vorwegzunehmen, wer nicht mehr alle Details aus der „Schatzinsel“ parat hat, wird in so mancher Passage des Buches staunen, was da alles noch im Hinterstübchen hängengeblieben ist.

Johns Kindheit war nicht besonders glücklich. Im Brighton des ausgehenden 17. Jahrhunderts gab es für die meisten, fast alle, nur einen Weg, den man einschlagen konnte: Zur See fahren. So wie sein Vater, den er nie kannte, von dem er allerdings nur Schlechtes zu hören bekam. Erst später soll er erfahren, dass sein Erzeuger im „maritimen, kreativen Handelsgeschäft“ tätig war.

Der harte Hund, der er einmal werden sollte, ging durch eine harte Schule. Der Rektor seiner Ausbildungsstätte neigte zu ausgiebigen Züchtigungen. Immerhin besuchte John Silver die Schule, was ihm schon bald einen Vorteil einbringen sollte. Gebildetes Personal an Bord war Mangelware. So macht er schnell Karriere.

Er lernt aber auch die Schattenseiten des Geschäftes kennen. Den Rattenfänger der Marine kann er gerade noch entkommen, doch schon sein erster Kapitän will ihm eine Falle stellen. Selbst nicht ganz helle, setzt er sein Schiff auf Grund, bzw. gegen die Klippen. Als Sündenbock muss John Silver herhalten, der sich nun vorsehen muss. Denn auf Meuterei – das wird ihm nämlich vorgeworfen – steht eine harte bis endgültige Strafe.

John Silver tingelt durch die Welt. Das Leben auf See ist hart bis ungerecht, und es ist nichts wert. Wenn man sich nicht zu helfen weiß. John Silver ist oft vor den Kopf gestoßen worden, niemals aber auf selbigen gefallen. Und so reift der junge, vorwitzige Mann zu einem gefürchteten, dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden verpflichteten Rauhbein heran, der sogar einem Romanschriftsteller Hintergrundinformationen liefern wird.

John Silver sitzt am Ende eines ereignisreichen Lebens und schreibt seien Memoiren, teils im Dialog mit Daniel Defoe – ja, es ist wahr: Eine Romanfigur  gibt einem Schriftsteller Tipps! – und man nimmt es ihm ab. Björn Larsson gelingt es, dass alles im Buch wie wirklich geschehen wirkt, obwohl er der Fiktion eine weitere Ebene hinzufügt. Ein Erlebnis für alle Abenteurer!

Italien – Der Norden

Das reicht fürs Erste! Meint man schelmisch, wenn man das über sechshundert Seiten starke Werk in den Händen hält. Unhandlich? Ja, ganz so leicht wie so manch anderer Reiseband ist dieser hier nicht. Aber die Macher haben eine verdammt gute Ausrede. Denn Italiens Norden ist reicher an Kulturschätzen als die meisten Länder dieser Erde überhaupt vorweisen können. Und hätten wir alle doppelt so große Hände, könnte das dann viermal so große Werk immer noch nicht alles in Wort UND Bild erfassen. Nehmen wir die Größe des Buches hin und schauen nach den inneren Werten. Fast wie im richtigen Leben…

Als erstes muss man die beiliegende Karte herausholen. Das Schmatzen der Folie, wenn man die Karte zum ersten Mal herausfingert, fördert die Neugier, Beim Auffalten wird klar: Von Turin bis Triest, von Como bis Rom, von Parma über Florenz und Genua bis nach Bologna wird der Reiselust ordentlich Zucker gegeben.

Die Fülle an historischen Plätzen und die schier unendliche Menge an Kulturgütern lassen eine Planung oft schon im Keim ersticken. Mit diesem Buch in der Hand lässt es sich erquicklich planen. Das erste Viertel – immerhin einhundertfünfzig Seiten – gibt einen Einblick in die lange Geschichte des Stiefels. Es wird mit Klischees aufgeräumt, Tipps zum Verhalten gegeben und mögliche Ausflugstouren vorgeschlagen. Diese sollte man als Italien-Neuling ernstnehmen. Denn, auch wenn Verlaufen in Italien niemals zum Desaster gerät, wer planlos Italien erkunden will, kommt nur schwer von der Stelle. In Spuckweite lauert garantiert schon das nächste Highlight.

Auf den folgenden Seiten wird der Norden Italiens alphabetisch unter die Lupe genommen. Geographische Kenntnisse sind also nicht von Nöten – das erleichtert so manchem die Suche, welcher Ort denn nun als nächstes erobert werden kann und endloses Blättern. Herausklappbare Seiten sparen Platz und vermitteln trotzdem die Pracht und Herrlichkeit von so beeindruckenden Bauwerken wie dem Mailänder Dom oder der Piazza della Signora in Florenz oder dem Palazzo Ducale in Mantua oder … ach, es gibt so vieles zu entdecken im Norden Italiens.

Angereichert wird jeder Ort – und es sind nicht nur die großen Städte und Gemeinden, die im Buch Erwähnung finden – mit kurzen Tipps zu den Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss. Auch Restauranttipps, Übernachtungsmöglichkeiten und nützliche Hinweise zum Geld verprassen runden das Bild ab.

Sicher, es gibt handlichere Reisebände. Aber da steht dann eben nur das drin, was eh offensichtlich ist. Wer auf dem Markus-Platz in Venedig den Markusturm sucht, muss sich nur umdrehen und braucht keinen Reiseband. Wer aber allumfassend informiert sein will, die eine oder andere Touristenfalle umgehen und versteckte Ecken erkunden möchte, braucht Rat. Und den findet jeder in diesem Buch. Ein Begleiter, der äußerlich auf den ersten Blick etwas zu viel auf den Rippen zu haben scheint, doch innerlich ein Füllhorn an Informationen und eingängigen Tipps parat hält.

Der Kuss

Jetzt wird auch noch dieser sinnliche Moment wissenschaftlich zerrupft?! Jein! Ja, es stimmt, Alain Montandon nimmt den Kuss unter die Lupe. Nein, er wird nicht zerrupft, sondern stilvoll unter die Lupe genommen. Kein erbsenzählender Kinsey-Report, der bei der Fortsetzung des Kusses seine Nase in alles reinstecken musste, sondern die literarische und kulturelle Erkundung kurz unter Augenhöhe. Versprochen! Es wird ein Fest für die Sinne!

Oscula, basia und suavia bezeichnen alle dasselbe, den Kuss. Und zwar den ritualisierten, den freundschaftlichen und den erotischen Kuss. Die Römer verstanden zu küssen. Beziehungsweise ihn einzuordnen (im wahrsten Sinne des Wortes) und zu benennen. Und dann liest man weiter. Der Kuss als Friedensbekundung (unter Staatsoberhäuptern) – man stelle sich vor in welche Orgie es ausartet, wenn wieder einmal ein G-20-Treffen stattfindet, wie in Hamburg. Die Synapsen spielen verrückt, wenn man sich das Begleitprogramm dann ausmalt, Rundgang auf Sankt Pauli etc…

Es gibt Orte auf dieser Welt, an denen das Küssen verboten ist. In Frankreich zum Beispiel. Ja, Frankreich! Dem Land, in dem das Küssen erfunden zu sein scheint. Gilt aber nur auf Bahnübergängen. Alles halb so wild. Wilder, fast schon ernst – das Gesetz wird aber wohl kaum noch angewendet –  ist es in einigen Staaten der USA, in denen ein Kuss nur eine Sekunde dauern darf (Maryland), oder drei (Rhode Island) oder fünf Minuten (Iowa). In Wisconsin muss die Zunge im eigenen Mund bleiben. Also Vorsicht bei der Wahl des Urlaubsziels! Im Pazifik wird noch richtig gebissen, bei den Papua. Die Aborigines teilen sogar den eigenen Schweiß mit den Fremden. Die Eskimo stupsen sich mit der Nase.

Die Untersuchung des Kusses kann also auch lehrreich und manchmal kurios sein bis hin zum Schmunzeln. Es besteht jedoch nicht die Gefahr, dass man nach der Lektüre des Buches zum Fachidioten wird. So wie manche Fachleute ihr Fachgebiet nicht mehr mit Abstand betrachten können, wird es sicher nicht bei jedem Kuss, den man bekommt oder gibt vorkommen, dass man ihn nun analysiert. Vielmehr wird man bewusster dem Gegenüber seine Ehrerbietung bekunden. Nicht jeder, der den Kopf des Anderen in die Hand nimmt und ihm einen innigen Kuss gibt, wird kurze Zeit später („wenn Mama nicht mehr unter uns weilt“) zum Mörder. Das Buch wird einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei denen, die viel küssen sowieso. Bei denen, die sich nach mehr Küssen sehnen ganz bestimmt. Und bei denen, die endlich mal geküsst werden wollen, regt es die Sehnsucht zusätzlich an.

Von Mundhygiene über Mundpropaganda bis hin zum Austausch von Flüssigkeiten leitet Alain Montandon den Leser durch die Kulturgeschichte des Kusses. Keine Angst vor dem großen Wort Kulturgeschichte, es war, ist und bleibt immer nur ein Kuss!

Gute Nachrichten auf Papierfliegern

Fünfzehn, das Leben noch vor sich, Ferien … und Bruno soll der alten Irren von obendrüber ein wenig zur Hand gehen. So will es die Mama. Frau Pauli, so heißt die Dame lässt gern Papierflieger  durch die Lüfte segeln. Viele, sehr viele. Und die müssen eingesammelt werden bzw. Bruno soll Zeitungen als Nachschub besorgen. Feriengestaltung im Spanien der 80er/90er Jahre. Bruno könnte sich auch was anderes vorstellen…

Doch die alte Irre ist gar nicht so übel stellt Bruno schnell fest. Sie floh aus ihrer polnischen Heimat als die Faschisten begannen mit dem stumpfen Messer alles niederzumähen, was ihrer Meinung nach niedergemäht werden musste. In Spanien fand sie eine neue Heimat, war eine geachtete Varietétänzerin.

Brunos Zuhause ist auch nicht unbedingt das Paradies auf Barcelonas Boden. Die Eltern haben sich nichts mehr zu sagen, und er sitzt zwischen den Stühlen. Der Papagei und der Kanarienvogel und die alte Frau sollen ihm jedoch den Sommer seines Lebens bescheren.

Die alte Frau bastelt scheinbar als einzigen Lebensinhalt am Ende eines ereignisreichen Lebens Papierflieger aus Zeitungen. Doch nur die guten Nachrichten schaffen es in die kleine Welt ihres Viertels hinausgetragen zu werden. Sie bedecken den Boden der Straßen und Plätze. Und jeder, der sich die Mühe macht, diese Papierflieger aufzuheben und die Nachrichten zu lesen, wird vielleicht ein wenig optimistischer in die Zukunft schauen können. Gute Nachrichten sind nun einmal gute Nachrichten. Doch sie werden weniger …

Juan Marsé schafft es auf den wenigen Seiten dieses Romans ein ganzes, nein, zwei ganze Leben aufs Papier zu bannen. Sie herauszureißen und im Viertel herumfliegen zu lassen, wäre schändlich. Doch das Buch immer wieder zur Hand zu nehmen und ein wenig darin zu blättern, gehört wohl zu den schönsten Zeitvertreiben, die Literatur bieten kann. Bruno, bislang schüchtern und in sich gekehrt, blüht inmitten der Fotowand in Frau Paulis Wohnung auf. Die Fotos sind anfangs für ihn nur Erinnerungen eines nicht immer einfachen Lebens. Doch sie geben dem Jungen nach und nach einen Einblick in ein Leben, das er sich so nicht vorstellen kann. Dafür ist er zu jung. Das Ende … ja, das Ende wird den Leser, der sich so nachhaltig ins Leben der beiden eingelesen hat, mit einem Paukenschlag aus der Leseschlummerei ins wahre Leben verschlagen!