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Azzurro

Azzurro oder Azurro oder Azzuro? Schon beim Schreiben qualmt die Rübe ordentlich. Und erst bei der Italienhymne. Zuerst einmal: Doppel-Z UND Doppel-R. Der Rest … da man sich das Lied immer wieder anhören kann, und mit ein bisschen Sprachgefühl (gelato hilft da immer) – kommt man vielleicht nicht auf den genauen Wortlaut, trifft aber gefühlt den Ausdruck. Hat man dieses Gefühl erst einmal intus, kann man sich an die Bedeutung wagen. Die zahlreichen Übersetzungen im Netz sind da nur bedingt eine Hilfe. Wie so oft im Leben, hilft da nur ein Buch! Dieses Buch.

Denn das Wichtigste an diesem Lied ist und bleibt: Adriano Celentano! Es ist sein Lied. Es ist das Lied Italiens. Ein Traum vom Sommer und der Sehnsucht diesen nicht allein zu verbringen. Und das alles mit dem einzig passenden Charakter, um der Stimmung ein einzigartiges Gefühl zu verpassen.

Das ist aber nur eines der einhundert vorgestellten Lieder und der Geschichte(n) drumherum und dahinter. Auch ohne große Anstrengung können mindestens drei Generationen hierzulande mindestens ein Dutzend Sänger aufzählen, inkl. mindestens eines Hits. Eighties-Kids durchzuckt es bei Gianna Nanninis „Bello e impossibile“, ein Jahrzehnt später schwört man auf Jovanotti (warum man von ihm hierzulande spürbar weniger wahrnimmt, ergibt sich ziemlich schnell, liest man schnell aus dem Text über den Italo-Rapper heraus).

Patty Pravo ist seit Jahrzehnten von der Bildfläche verschwunden. Dennoch klettern ihre Alben in den Charts nach Oben wie ein Gibbon in die Bäume. Ihr provokanter Kleidungsstil erleichterte und erschwerte ihren Aufstieg vor einem halben Jahrhundert. Eine Frau in Hosen, und das im ach so eleganten Italien?! No, no, no. Dennoch hält sie sich. An ihr kommt man in Italiens Musikhistorie nicht vorbei.

Ob sanftes Pop-Geplänkel a la Al Bano & Romina Power, deren Rosenkrieg länger dauerte als ihr Tanz auf dem Pop-Olymp, oder echte Ohrwürmer wie „lasciate mi cantare“ von Toto Contugno – auch hier wieder: Wer es mitsingen will, sollte die Worte kennen, ansonsten wird’s hochgradig peinlich – oder doch die große Bühne einer Milva: Italiens Sehnsuchtsmelodien treffen seit Generationen ins Herz. Bunte Vögel wie Vasco Rossi, Statthalter wie Celentano und Mina und Eintagsfliegen wie Baltimora und Scotch stehen gemeinsam auf dieser Bühne mit Sängerinnen, Bands und Sängern, die man nicht sofort auf dem Schirm, wohl aber im Ohr hat.

Nun, wie liest man dieses Buch? Brav, leicht neugierig von Seite Eins bis zum Schluss. Nervös durchblätternd, bis man einen Interpreten, ein Lied entdeckt über das man schon immer was erfahren wollte. Akademisch, Video suchen, Kapitel lesen, aha rufen. Es ist vollkommen egal. Nur lesen sollte man es – das Mitsingen (und schlussendlich ist es doch einerlei, ob man die richtigen Töne und Worte trifft: Die Stimmung muss stimmen!) garantiert dolce vita allerorten. Dieses Buch Fälle muss man für die nächsten Jahre ins Reisegepäck legen. Wann immer ein canzone erklingt, kommt man Italien ein Stückchen näher.

Toulouse, Albi, Carcassonne

Allein schon wegen der ungewöhnlichen Auswahl des Reiseziels sticht dieser Reiseband sofort ins Auge. Mitten im Südwesten Frankreichs, vor den Höhen der Pyrenäen, in Sichtweite des Mittelmeeres liegt das magische Dreieck Toulouse, Albi und Carcassonne. Toulouse, viertgrößte Stadt Frankreichs, Industriestandort wuchert mit seiner beeindruckenden Architektur. Rot und Weiß dominieren die Aussicht. Gigantische Bauten laden zum Staunen und Verweilen ein, ebenso wie ihr Ruf als Stadt der Künste.

Carcassonne fristete bis vor wenigen Jahren noch einen Dornröschenschlaf. Scheinbar. Die von Weitem schon sichtbare Festungsanlage prägt die Silhouette der Stadt. Besucher waren immer willkommen, doch seit einiger Zeit strömen die Touristen in Scharen durch die alten Gassen. Die meisten Läden sind nur auf Touristen ausgerichtet. Wenn man sich Zeit nimmt, und hier und da abbiegt, wo der Strom strikt geradeaus läuft, wird man überhäuft mit Eindrücken. Nicht umsonst ist die Altstadt seit einem Vierteljahrhundert UNESCO-Weltkulturerbe. Die Autorin Heike Bentheimer weiß ganz genau, wo man weiterläuft und wo man innehalten sollte.

Albi ist das Kleinod der Region. Regelmäßig gewinnt man höchste Auszeichnungen für die florale Pracht der kleinen Stadt. Auch hier haben die okzitanischen Herrscher ihre Spuren hinterlassen. Nicht so wuchtig wie in Carcassonne. Liebevoller und schmeichelnder möchte man meinen, wenn man schon beim Lesen wie ein gewiefter Besucher auf die Tarn schaut, sich in den Gassen behände fortbewegt und mit traumwandlerischer Sicherheit einen Platz zum Niederlassen aussucht.

Angereichert wird der Reiseband mit Tipp zu Ausflügen auf dem Canal du Midi, in die Schwarzen Berge – Montaigne Noire – und ins Katharerland. Geschichte allenthalben, die heute so eindrucksvoll immer wieder in den Fokus des Reisenden tritt.

Hier kann man gut zu Fuß sich eine Region erobern. Allerdings muss man gut gerüstet sein. Schon vor Ewigkeiten bissen sich hier Eroberer die Zähne aus. Als moderner Forscher/Tourist kann man sich getrost auf jede einzelne Seite dieses Buches verlassen. Selten zuvor wurde eine fast vergessen scheinende Region so sanft und detailreich in den Fokus gerückt, ohne dabei lautmalerisch nur das Offensichtliche anzukündigen.

Die Sommerhäuser der Dichter

Was braucht ein Dichter, um sich frei entfalten zu können? Die Ruhe der Abgeschiedenheit oder den Trubel der weiten Welt? So unterschiedlich die Dichter, so unterschiedlich sind auch ihre Sommerhäuser. Bertolt Brecht zog sich mit Helene Weigel nach Buckow bei Berlin zurück. Idyllisch am See gelegen, bürgerliches Ambiente. Soviel Kapitalismus muss ein Kommunist aushalten … in Brechts Fall war es sogar gewünscht. Um sich in der DDR niederzulassen, erfüllte die Staatsführung ihm fast jeden Wunsch. Dem des abgelegenen Sommerhauses auf alle Fälle.

Weitaus feudaler residierte da schon Jean Cocteau vor den Toren von Paris. Bis heute ist der Garten unverändert, in seinen Mauern sind Gemälde von Weltrang zu besichtigen. Cocteau lebte in Milly-la-Forêt siebzehn Jahre. Den Trubel der Metropole holte er sich gelegentlich ins Haus.

Trubel konnte Heinrich Böll in seinem Versteck in der Eifel nicht gebrauchen. Schon gar nicht als 1974 Alexander Solschenizyn hier Asyl fand. Bis heute ist dieses Haus eine Zufluchtsstätte für verfolgte Dichter.

Versteckt, bis heute nicht ohne eine Portion Forscherdrang zu entdecken, liegen die Rückzugsorte von Virginia Woolf und ihrem Mann Leonard sowie von George Bernard Shaw. Ausflüge ins Ländliche waren für Woolf Alltag. Shaw hingegen ließ sich einen drehbaren Arbeitsplatz einrichten, um stets der Sonne folgen zu können. Noch einsamer mochte es Hermann Hesse, der gleich am Eingang mit einem Schild auf seine unbedingte Bitte Abstand zu halten hinwies.

Die meisten Häuser, die einmal das Zuhause eines berühmten Kopfes waren, sind heute als Museen zu besichtigen. Dank der unermüdlichen Arbeit von Stiftungen und/oder Nachfahren sind ihre Refugien zu einem Hotspot der Wissbegierigen geworden. Im Fall von Arthur Rimbaud liegt der Fall etwas anders. Auch hier wieder Idylle soweit das Auge reicht. Doch der streitbare Dichter fühlte sich hier in keiner Weise wohl. Das Licht, die Piefigkeit trieben ihn wieder gen Paris. Über hundert Jahre später wurde es verkauft, der Preis dafür: So um die 50.000 Euro. Munkelt man. Die neue Besitzerin verehrt Rimbaud. Parallelen zwischen ihrem und seinem Leben sind vage vorhanden. Er war und ist für sie purer Rock ’n Roll. Ihr Name: Patti Smith.

Von Tanger über Weimar bis Nidda, von Thomas und Klaus Mann über Günter Grass und Anton Tschechov bis William Burroughs – dieses Buch befeuert die Neugier des Lesers. Die Texte laden ein dem Forscherdrang nachzugeben und dem Einen oder Anderen über die Schulter zu schauen und das zu sehen, was die Dichter einst aufsaugten. Die Resultate dieses Aufsaugens sind weltbekannt. Ein Besuch bei Dichters hilft deren Schriften zu verstehen. Hier hält man einen der originellsten Reiseappetitmacher überhaupt in den Händen!

Geschichten der übelsten Sorte

Man kennt den Spruch, dass es immer einen Deckel für einen Topf gibt. Man muss vielleicht nur den Staub abdaumen. Heißhändig sich an die Arbeit machen. Und ab und zu mal die Knüllspuren beseitigen. Wer mit diesen Formulierungen nicht überfordert ist, kommt dem Geheimnis von Garielle Lutz – vielleicht nicht schnell, aber immerhin – auf die Spur.

Die Kurzgeschichten sind Spickstücke der Sprache. Den Regeln der Grammatik folgend, Wortschöpfung in selbige einpassend, trifft sie den konzentrierten Leser mitten ins Mark. Die Folge: Verwirrung, Euphorie, Genveränderung. Nie wieder will man Klassisches im klassischen Stil lesen! Ist es Punk? Ist es Revolution? Nö. Es ist nur eine andere Form des Ausdrucks. Schwer einzuordnen, wenn man einen Buchladen zu bestücken hat. Krimi, Reiseliteratur, Selbsthilfe, Kinderliteratur – die Einteilung ist beliebig und nachvollziehbar. Auf eigene Faust sich im Karteikartensystemlabyrinth einen Weg zu Garielle Lutz zu bahnen, endet im Tränenmeer der Verzweiflung.

Nichts scheint zusammenzupassen. Buchstabensalat, Satzteilverstümmelung, Syntaxmäander sind die Gesellen, die erst im Nachgang eine Clique bilden. Immer wieder setzt man ab und sucht nach der Geschichte in der Geschichte. Hat man sie aber erstmal gefunden, ist das Licht der Erkenntnis so grell, dass es einem nicht nur die Sicht versperrt. Es schmerzt erst jetzt die Erleuchtung zu haben.

Wie begegnet man also so einem Buch? Kurzgeschichten, modern geschrieben, … mal was anderes. Am besten ist es wohl ganz unvoreingenommen sich Seite für Seite zu erarbeiten. Ohne abzusetzen. Nach fünf, sechs Geschichten sollte man innehalten. Was war das denn? Wirklich nicht überlesen, alles richtig verstanden? Nochmal zurückblättern und sich vergewissern, dass es genau so verstanden werden soll wie man es aufgenommen hat. Ah, darin liegt also die Besonderheit der Avantgarde von Garielle Lutz’ Schreiben.

Ja, es dauert bis man den richtigen Grove gefunden und sich selbst aller Selbstzweifel entledigt hat. Und den Lesefluss, den man kennt, kann man getrost ad acta legen. Jede Geschichte ist ein in sich geschlossener Kosmos. Nichts ähnelt einer der Geschichten zuvor. Alle paar Seiten öffnet sich eine Tür in eine neue Welt. Die Rasanz des Wechsels verstört anfangs. Das Ego im Zentrum, die Welt außen vorlassen. Dennoch sucht Garielle Lutz permanent Anschluss an eben diese Welt. Ihre Wege sind definitiv einsam, vielleicht verschroben, ungewöhnlich allemal. Die „Geschichten der übelsten Sorte“ warten nicht auf Leserschaft. Sie überrumpeln den Leser, nehmen ihn in Isolationshaft und foltern ihn bis er sich regungsvoll ergibt. Das „Exit“ auf dem Buchcover schreit wie Hohn dem teilnahmslosen Betrachter ins ungläubige Gesicht. Denn es gibt ihn nicht, den einen Ausweg. Man muss schon durchhalten, bis zum letzten Letter lesen und sich dann selbst fragen …

Verfallene Orte in Wien

Wien ein einzigartiges Attribut zu verleihen, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Die Schöne, die Elegante, die Historische. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Doch die Verfallene, darauf kommt keiner, der jemals zwischen Hietzing und Donaustadt unterwegs war. Und dennoch gibt es sie, die verlassenen Orte, die scheinbar dem Verfall preisgegeben werden. Lost places, verfallene Orte, Abenteuerspielplätze für eine neue Art von Geschichtsjägern.

Und manchmal sind diese Orte einfach nur leerstehende Gebäude, die nur darauf warten wieder entdeckt zu werden. Wie das Theater am Mittersteig im Vierten. Es fällt spärliches Licht auf den Saal, wo einst das gespannte Publikum den Filmaufführungen entgegenfieberte. Eine Staubschicht bedeckt den Boden. Restmüll hat der Wind hineingeweht. Vor etwas mehr als einhundert Jahren erbaut, strahlt die Größe immer noch einen gewissen Glanz aus. Nach dem Kriege vergnügten sich hier nur kurz fesche Madeln mit den GIs. Der Kinoboom der Folgejahre hielt nur reichlich zwei Jahrzehnte. Die Logen wurden entfernt. Die Stuckarbeiten mit grässlich-hässlichen Platten verkleidet. Eine Boxhalle wurde aus dem Theater der Träume – so groß ist der Wandel dann auch nicht gewesen…

Heute haben einige der Figuren, die einst die Wände und Decken zierten zerschlagene Nasen. Ironie der Geschichte? Das Theater wieder so herzurichten, dass ein lohnenswerter Kulturbetrieb (der nüchterne Sachton ist in diesem Fall mehr als angebracht) vonstatten gehen könnte, ist fast illusorisch. ABER: Für Stadtabenteurer, die dem Charme des Verlassenen, des Verfallenden anheimgefallen sind, gehören solche Orte zum Standardrepertoire. Denn hier gibt es auf engstem Raum mehr zu sehen als in so manchem Museum.

Ein abgebranntes Restaurant, aus Sicherheitsgründen bald nach der Katastrophe abgerissen, Tiefbunker, und selbst so (thematisch) naheliegende Orte wie der St. Marxer Friedhof sind wahre Fundgruben, um jüngere Geschichte erlebbar zu machen.

Die beiden Autoren / Fotografen machen sich gern die Finger schmutzig, um in aussagekräftigen Bildern die Vergangenheit zu konservieren. Den nur, weil etwas nicht mehr da ist, muss es ja nicht verschwunden sein. Ohne Geschichte kein Jetzt, und erst recht kein Morgen. Nicht viele Orte sind – nicht ganz ohne Aufwand – besuchbar. Die meisten jedoch verstecken sich hinter Riegeln und Schlössern, dicken Mauern, Absperrungen. Zum Glück gibt es Bücher wie dieses, um die versteckten Juwele der Zeit doch noch ans Licht zu bringen.

Schlaflos

Es fängt alles so harmlos an: Auf einer schottischen Insel, so verlassen, dass man gerade noch so etwas wie Zivilisation darauf „betreiben“ kann, aber fernab von dem, was die Zivilisation so angespannt wirken lässt, hat sich eine junge Familie eingenistet. Sie, Anna, schreibt an einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Kinder fordern ihre volle Konzentration. Und er? Naja, er ist einfach nur da. Bei Weitem nicht so präsent wie er sollte, dennoch da.

Zwischen Stromausfällen zur Unzeit (wann kommen die schon mal wie gerufen?), endlosem Kinderliedersingen und dem sehnlichen Wunsch nach Schlaf und die Arbeit endlich beenden zu können, ist Anna öfter der Verzweiflung nah als sie es sich selbst eingestehen will. Jede Abwechslung für die Kids und sie ist eine willkommene Abwechslung. Doch dass dabei ein Schädel im Garten der jungen Familie gefunden wird, war so nicht geplant. Der Große wittert sofort ein großes Abenteuer. Die Polizei, inzwischen herbeigerufen, nimmt erstmal die Mutter unter die Lupe. Das ist es, was Anna noch braucht…!

Jetzt beginnt das wahre Abenteuer für die studierte Historikerin. Die Auszeit auf der abgelegenen Insel in der Abgeschiedenheit Schottlands entwickelt sich zu wahren Thriller. Denn in ihrem Garten hat sich ein Verbrechen zugetragen. Lange her. Doch das weiß bis hierhin nur der Leser. Der wird zwischen den bitterböse anmutenden Dialogen zwischen Anna und Giles, ihrem Gatten, zwischen Anna und ihren Kindern, mit Briefen konfrontiert, die vor mehr als hundert Jahren vom Kampf der Frauen um gesellschaftliche Anerkennung geprägt sind. Eine junge Frau will unbedingt Ärztin werden. Zur damaligen Zeit mehr als nur der Kampf mit unendlich dicken Büchern und der begrenzten Aufnahmefähigkeit des Gehirns. An allen Seiten stößt die junge Frau auf unüberwindbare Mauern.

Sarah Moss lässt sich nicht beirren in ihrem Ansinnen dem Leser auf fast fünfhundert Seiten keine Sekunde Ruhe zu gönnen und ihn immer tiefer in die Geschichte hineinzuziehen. So schlaflos Anna die Stunden, Tage, Wochen, Monate mit all dem verbringt, was Alltag für eine berufstätige Mutter scheinbar zu sein hat, so rastlos peitscht sie den Leser von Seite zu Seite, treibt ihn an erst dann Ruhe zu geben, wenn das letzte Puzzleteil sich erhaben ins Bild fügt. Das Kapitelende als Ruhepol kann man in „Schlaflos“ getrost vergessen. Immer weiter zeiht einen die Neugier in die Story hinein. Und an Schlaf ist erst recht nicht zu denken, wenn die letzte Seite gelesen, die letzte Zeile aufgesogen wurde.

Die Luft zum Atmen

Während auf der einen Seite des Atlantiks die Donnerwolken alles in Schutt und Asche legen, liegen am Tamarack Lake die Genesenden auf Liegestühlen und sollen sich jedweder Anstrengung durch Wegducken entziehen. Leo Marburg ist gerade angekommen. Mitte zwanzig, voller Energie. Dennoch macht ihm die Schwester bestimmt klar wie der Hase hier läuft. Ruhe. Und das in jeder Hinsicht. Keine Bewegung, keine Aufregung, keine Regung. Wenn sich der Patient an die Regeln hält, sie verinnerlicht hat, dann werden die Regeln ein wenig gelockert. Aber nur, wenn der Krankheitsverlauf es auch zulässt. Mit Tuberkulose ist nicht zu spaßen. Schon gar nicht in der Mitte des zweiten Jahrzehnts des vergangenen Jahrhunderts.

Miles Fairchild wird diese sedierte Runde in Unruhe versetzen. Sein Vorschlag man könne sich geistig gegenseitig herausfordern, sich unterhalten, sich sogar bilden, stößt auf ein geteiltes Echo. Die Schwesternschaft samt Arztpersonal sieht dem Vorhaben mit gemischten Gefühlen entgegen. Solange die Tuberkulose-Bakterien brav eingepackt im Körper keinen Schaden anrichten – wie aber will man das vorbeugend überprüfen? – ist alles in Ordnung. Wenn aber die Bakterien sich freisetzen und weitervermehren, dann beginnt die ganze Prozedur wieder von vorn. Wer will das schon? Vor allem, wenn man bedenkt, dass eine solche Kur nicht in ein paar Wochen zum gewünschten Resultat führt.

Auf der Patientenseite wird jede Abwechslung mit Beifallsstürmen begrüßt. Allerdings fallen die Vorträge sehr unterschiedlich aus. Gähnende Langeweile bei einem nicht enden wollenden Vortrag über Beton, lässt die Zuhörer am Gelingen des Vorhaben zweifeln. Doch nach und nach kommt Schwung in die Runde. Jeder der Anwesenden, geistreich, wohlsituiert, teils wohlhabend – in reichlich einem Jahrzehnt würden sie sich sicher bei eine Gatsby’schen Amüsement ein Stelldichein geben – hält Rückschau. So entsteht eine Spielwiese, die für jeden etwas parat hält: Naturwissenschaftler erfreuen sich an den Anekdoten über Marie Curie und Albert Einstein. Historiker staunen über die detaillierten Schilderungen der Zeit des Ersten Weltkrieges in einem Land, das von Erschütterungen weitgehend verschont blieb. Andrea Barrett raubt dem Leser die Luft und gibt sie ihren Protagonisten, damit sie atmen können.

Gute Nacht, Tokio

Wenn man nachts durch die Straße kurvt, kann man einiges erleben. Doch meist bleibt es bei ein paar aufgemotzten Luxuskarossen, deren übermütige Fahrer übermotiviert Reifen durchdrehen lassen und einen nervösen Hupdaumen haben. Das Nachtleben der Einfallslosen!

Tokio, nachts um ein Uhr. Shinjuku ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Die Neonröhren erhellen die Gassen und Gassen, die auch schon mal voller waren. Einzelne Taxis befördern Menschen von A nach B. Manche sind auf dem Weg in die Federn. Andere sind auf der Suche nach dem Glück. Ganz andere arbeiten. Nicht nur die Taxifahrer. Mitsuki zum Beispiel sucht eine Biwa, das Obst. Braucht man unbedingt, jetzt um diese Uhrzeit, ein Uhr nachts. Ja, braucht man. Wenn man beim Film arbeitet und der Fundus einfach keine Biwa parat hat. Sie kennt den Fundus in- und auswendig. Doch ein Biwa, das Obst, hat sie da noch nie gesehen. Wie sehen die überhaupt aus?, fragt sie sich. Pflichtbesessen, setzt sie sich ins Taxi. Ihr Freund gibt ihr einen Tipp, wo sie welche finden kann. Eigentlich wollte sie ihn schon längst in die Wüste schicken. Sie braucht keinen Freund, der ihr am Rockzipfel hängt. Doch nun ist er ihr Retter in der Not. Kaum an der Allee mit den ersehnten Früchten angekommen, steht da schon jemand. Sie klaut Biwas wie selbstverständlich. So was passiert nur in Tokio, nachts um ein Uhr.

Blackbird. Hier trifft sich die Nacht. Hier sammeln sich die, die um ein Uhr nachts in Tokio dem Schlaf die kalte Schulter zeigen. Hier fahren sie Taxis, um den Träume(r)n Zeit zu verschaffen. Eine Telefonseelsorgerin kann immer noch verblüfft werden, wenn des Nachts die Telefonbox entsorgt werden sollt. Schauspieler, die ihre Karriere noch vor sich haben hängen Träumen hinterher, die sie besser leben sollten. Und mittendrin Matsui, Taxifahrer, Seelsorger, neugieriger Chauffeur, ortskundiger Navibenutzer – kur: Der Knotenpunkt all derjenigen, die nachts um ein Uhr in Tokio das Bett nicht finden.

Atsuhiro Yoshida entwirft Schicksale, die sich perfekt in die Kulisse der Millionenmetropole Tokio einfügen. Sie sind anonyme Gestalten, die unerkannt an einem vorbeihuschen, wenn die Spots der Scheinwerfer schon wieder das nächste Opfer jagen. Doch sind sie es, die Tokio zur pulsierenden Stadt machen. Ohne sie würde etwas fehlen. Der erwartete Perfektionismus weicht um ein Uhr nachts der Verzweiflung im Dunkeln. Der Autor hat auch das Cover gestaltet. Des Nachts vielleicht als er nicht schlafen konnte???

Meier

Tief einatmen, und wieder ausatmen. Ein paar Schritte gehen, dann noch ein paar, und immer weiter. Meier kann ab diesem Zeitpunkt so weit laufen wie er will. Bis vor wenigen Augenblicken war das nicht so, zehn Jahre lang. Da saß er im Knast. Mord. Frauenmord. Es war’s nich. Sagt er, und das ist die Wahrheit. Trotzdem: Knast. Zwölf Jahre sollten es sein, zehn sind’s schlussendlich geworden. Drinnen hat er aufgepasst. Auf sich, die Anderen. Nun ist er draußen. Ein neuer Mensch. Mit Erfahrungen wie sie wenige machen. Gregory hat ihm gesagt, er könne zu Wassily fahren. Er könne ihm helfen, wenn er ihm einen mehr als zwanzigstelligen Code nennt. Was der öffnet oder nicht, interessiert Meier nicht die Spur. Doch es öffnet ihm Türen. Zuerst die zu Wassily. Wenn er was brauche, könne er jederzeit zu Wassily kommen…

Ja. Meier saß im Knast für etwas, das er nicht getan hat. Er hat sich arrangiert. Fast schon seinen Frieden mit der Ungerechtigkeit gemacht. Und momentan kann ihn eh nichts mehr schocken. Er ist draußen, kann mehr als sechs Schritte gehen ohne an Mauern zu stoßen. Beinahe könnte man mit Meier Mitleid haben. Nur etwas mehr als dreihundert Euro in der Tasche, die mittlerweile auf nicht mal dreißig zusammengeschrumpft sind. unschuldig im Knast. Doch dann lässt Tommie Goerz Meier einen Plan haben. Und die Geldknappheit in einen zeitlich begrenzten monetären Höhenflug verwandeln. Kurz gesagt: Meier klaut ein Auto, samt Geldkarte, hebt ein paar Tausender ab, mietet sich in einer Pension ein. Ein Kind von Traurigkeit sieht anders aus.

Mit allerlei Tricks und noch mehr Gaunereien muss sich Meier um seine finanzielle Basis nicht sorgen. Er hat immer Geld. Es gibt immer einen, der unvorsichtig ist. Dass das auch anderen auffällt, ist nur eine Begleiterscheinung. Man versucht ihn, Meier, zu bestehlen, die Polizei versucht ihn mit sehr durchschaubaren einmal mehr zu überführen – Meier besitzt genug Chuzpe, um allen möglichen Fallstricken zu entziehen. Doch dann fällt der Name Fürsattl. Es wird Zeit für Meier sich seiner Vergangenheit zu stellen…

Glauser-Preis 2021 für Meier! Zurecht! Tommie Goerz wirft einen Helden in die Krimi-Arena, der eigentlich gar nicht dazu taugt. Ein unreuiger Sünder, der für etwas büßen muss, was andere zu verantworten haben. Rache ist nicht sein Ding, bis ihm doch noch rechtzeitig klar wird, dass er durchaus dieser Berufung folgen kann. Was als stilles Gedankenspiel im hinteren Oberstübchen begann, betritt spät, doch nicht zu spät den Salon der Perfiditäten. Was Meier einst genommen wurde, kann ihm niemals jemand zurückgeben. Aber wer sagt denn, dass Geben seliger als nehmen ist?

Geiseln

Irgendwann einmal hat man genug. Irgendwann einmal ist es einfach zu viel. Irgendwann einmal fügt man sich nicht mehr. Begehrt auf. Ergreift Partei. Wehrt sich. Übt Rache. Nimmt das Heft des Handelns in die Hand.

Bisher war Sylvie Meyer immer diejenige, die sich brav fügte. Alle Arbeiten wurden erledigt. Sie stieg in ihrer Firma auf. Sich beschweren oder gar aufbegehren entsprach nicht ihrem Naturell. Auch als sie ihr Chef bat die Kollegen zu bewerten, sie zu katalogisieren und in ein Rankingmuster zu zwänge, war es für Sylvie nur eine Arbeit, die sie machte. Das war einmal, Vergangenheit, Präteritum. Die Fünfzig hinter sich gelassen, vom Mann verlassen – die neue Sylvie ist eine gefährliche Frau. Nicht für jedermann, doch für die, die sie ausnutzen wollen, sich ihrer habhaft machen wollen, sieht’s nicht rosig aus, wenn sie eine rosige Zukunft haben wollen. Ein geschlagener Hund, beißt irgendwann einmal zurück. Und der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht. Nein, Sylvie lässt sich nicht mehr brechen. Ihr wird klar, dass all die Mühen, die Arbeit, die Eigeninitiative ihr niemals zu einem Dank verhelfen wird.

Sylvie wird lernen, dass lang anhaltender Schmerz selten Konsequenzen hat. Aber ein kurzer Impuls der Gewalt – da ist das Wort, das sie scheinbar nicht kennt, oder hat sie es nur verdrängt? – hat eine lang anhaltende Wirkung. Sie kann sich wieder einmal fügen. Sie kann auch in die Offensive gehen. Sie weiß, dass Frauen den Schmerz besser aushalten als Männer. Sylvie ist eine Frau. Eine starke Frau. Sie erträgt vieles, aber nicht alles.

Nina Bouraoui spielt gekonnt mit dem Begriff Gewalt. Mit den ersten Zeilen lässt sie Sylvie mit dem Begriff Gewalt fremdeln. Sie ist präsent, doch niemals nah. Sylvie will nicht verletzen, sie will ja schließlich auch nicht verletzt werden. Dennoch ist die Gewalt immer da. Auch wenn Sylvie es (bisher) immer verdrängt hat. Deswegen ist sie noch lange nicht schwach. Als sie ihren Chef in ihrer Gewalt hat, spürt sie die ihr verliehene Macht. Verliehen, das ist es! Die Macht, die mit der Gewalt einhergeht, ist nur geliehen. Irgendwann ist sie passé.

Es sind nicht die Gewaltfantasien, die „Geiseln“ zu einem außerordentlichen Buch machen. Es sind vielmehr die Lücken, die der Leser selbst füllen darf, die dem Buch die Größe angedeihen lassen. Ihre Hauptfigur ist größer als sie es sich vorstellen kann. Sylvie sonnt sich nicht im Gefühl des Triumphes über den Mann, der sie jahrelang unterdrückt hat, indem er ihr anscheinend Macht verlieh. Ihre Selbsterkenntnis ist ihr Lohn genug.