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Gestapelte Frauen

Diese eine Ohrfeige. Nur dieses eine Mal. Von wegen nur. Nur eine Ohrfeige – das ist es, was die junge Anwältin, die diese Geschichte erzählt zu neuen Ufern aufbrechen lässt. Nur eine Ohrfeige? Ohrfeige ja, aber „nur“? Es ist nicht nur eine Ohrfeige, es ist eine Ohrfeige. Amir hat sie ihr verpasst. Vielleicht nicht die stärkste Gewalttätigkeit, die ihr angetan wurde. Rein physisch. Aber die Auswirkungen sind noch nicht abzusehen. Sie will weg. Weit weg. So weit weg wie nur irgendwie möglich. Cruzeiro do Sul. Das ist der Ort, der am weitesten von São Paulo, ihrem Heimatort entfernt ist. Kein schöner Ort. Schon gar kein ruhiger Ort. Als Frau, in der Gegenwart … die Hölle wäre wahrscheinlich noch ein feuchtwarmes Plätzchen gegen diese Stadt im Nordwesten Brasiliens an der Grenze zu Peru. Ein nicht einmal wenig schmeichelhafter Ruf (vielmehr ein grauenvoller Ruf) eilt ihr voraus. Hier ist der Ort mit den meisten ermordeten Frauen.

Machismo, Hoffnungslosigkeit, Dummheit und Brutalität gehen hier einstimmig Hand in Hand. Und sofern es die Täter – Männer – betrifft, lässt es sich hier ganz gut aushalten. Das klingt hart, ist es auch. Patricía Melo nimmt in „Gestapelte Frauen“ kein Klischee aufs Korn, sie nimmt die steinharte Realität zum Anlass den Opfern der Realität in ihrem Roman eine Stimme zu geben.

Diese Anwältin, die vor der Ohrfeige von Amir geflüchtet ist – sie weiß, dass es wohl nicht bei dieser einen Ohrfeige geblieben wäre – und nimmt als Prozessbeobachterin an den Gerichtsverhandlungen teil. Ihre Kollegin Carla ist auch dabei. Sie recherchiert zur Gewalt an Frauen für ein Forschungsprojekt ihrer Kanzlei. Doch schon bald wird sie zum Objekt ihrer eigenen Forschung…

Die junge Anwältin taucht immer tiefer in die Geschichten der Opfer ein, die ihren Peinigern, ihren Mördern wenig bis gar nichts entgegenzusetzen hatten. Immer weiter zieht es sie in den Sumpf der Hoffnungslosigkeit. Sogar soweit, dass sie den Seelen der Verstorbenen näherkommt als so mancher Ermittler. In diesem Zustand zwischen den Welten geht sie weiter und weiter. Bis sie selbst ins Geschehen eingreift.

Zwischen den fiktiven Kapiteln streut Patricía Melo originale Meldungen über Morde an Frauen ein. In kurzen knappen Sätzen wird die Abscheulichkeit und Stringenz der Morde schnörkellos dargestellt. Starker Tobak für zartbesaitete Leser. Diese Meldungen sind unabdinglich für den Fortgang der Geschichte. Zwar ist jeder Fall ein Einzelfall mit einem Einzelschicksal verbunden. Dennoch scheint hinter diesen Taten ein System dafür verantwortlich zu sein. Diesem System hat die Autorin ihre Wortgewalt entgegenzusetzen. Einige Abschnitte werden viele vor den Kopf stoßen. Viele Gedanken werden in den Köpfen hängenbleiben. Wohl gemerkt nicht das ganze Land Brasilien steht hier am Pranger. Frauen und Männer bestehen zwar aus dem gleichen Gen-Material, aber da hören die Gemeinsamkeiten in den Augen mancher auch schon auf. Die Krone der Schöpfung erhebt mit aller Macht und Ungeduld Ansprüche, die man sich nicht erkämpfen kann. Dennoch werden sie eingefordert. Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Direktheit der Worte erschreckt anfangs und überzeugt dann bis zur letzten Seite.

Jeder geht für sich allein

Momoko war immer die brave Frau an der Seite ihres Mannes. Der ist mittlerweile nicht mehr bei ihr. Auch die Kinder haben das Haus schon längst verlassen. Momoko ist 74. Einmal im Leben hat sie den Ausbruch gewagt. Damals, vor einem halben Jahrhundert, als sie das elterliche Dorf im Nordosten Japans verließ. Raus aus dem Trott. Die Einöde hinter sich lassen. Der Perspektivlosigkeit die Stirn bieten. Rein in ein neues Leben voller Aufregung und Abenteuer.

Es wurde Tokio. Die Metropole bereitete sich auf die Olympischen Spiele vor. Das war 1964. Doch so aufregend war es dann doch nicht. Die Träume machten dem Alltag Platz. Die Kinder wurden geboren. Ihr Mann brachte das Geld nach Hause. Die Mitte war von nun an ihr Zentrum. Das Haus mitten im Viertel. Nicht zu weit oben auf dem Berg, nicht unten im Tal. Links und rechts Nachbarn mit denen sich kaum trifft.

Heute sind der Postbote und der Zeitungsausträger fast schon die einzigen Kontakte, die sie pflegt. Die Mäuse in ihrem Haus werden immer agiler seit ihr Hund, der sie lange Jahre begleitete, verstorben ist. Sie stören nicht. Die Geräusche, die sie machen, vernimmt Momoko. Mehr aber auch nicht.

Doch seit einiger Zeit scheint ihr die Erinnerung immer öfter ein Schnippchen zu schlagen. Oder vielmehr sich in den Vordergrund zu drängen. Mit ihm einher geht der Dialekt ihrer Kindheit. Ein Zeichen von Rückbesinnung. Bisher hat sie sich in Büchern Wissen angeeignet, das sie in einem Heft niederschrieb. Es war ihre Flucht aus der Einsamkeit.

Momoko ist keineswegs verrückt wie man vermuten möchte als sie Stimmen vernimmt. Sie weiß, dass sie es ist, die zu ihr spricht. Doch immer wieder, immer öfter sprechen diese Stimmen im Dialekt ihrer Heimatregion mit ihr. Sie bringen Momoko dazu sich zu erinnern. Wie es war als sie in die Hauptstadt kam. Wie es war Mutter zu werden. Wie es war an der Seite ihres Mannes zu stehen. Sie zwingen sie aber auch darüber nachzudenken, was fehlt.

Chisako Wakatake geht mit dem Leser und ihrer Momoko einen Stück des Weges gemeinsam. Der Dialekt Momokos ist in der deutschen Übersetzung – und man muss ihn ebenso übersetzen wie das Hochjapanisch ins Hochdeutsch – eher dem Dialekt des Erzgebirges und des Vogtlandes ähnlich. Es dauert ein paar Seiten bis man sich an die raschen Wechsel in der Sprachfarbe gewöhnt hat. Aber dann ergießt sich ein Schwall voller Poesie und Nostalgie über den Leser. Momoko ist keine Rebellin. Sie ist eine ganz normale Frau, die den Regentropfen auf der Fensterscheibe mehr abgewinnen kann als so manch anderer. Sie lebt zurückgezogen allein mit ihren Gedanken. Das Sprachgefühl und die penible Übersetzung machen diesen kleinen Roman zu einem großen Stück Literatur.

Ariane – Liebe am Nachmittag

Ariane Nikolajewna Kuznetzowa kann einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen. Sie ist ein Charmebolzen, eine Intelligenzbestie und Wildfang in einem. Und sie wie das auch! Bei ihrer Abschlussprüfung lässt sie ihre Lehrer nicht zu Wort kommen und brilliert mit einem Vortrag, der alle verstummen lässt. Dass ihr Lehrer mehr als offensichtlich in sie verknallt ist, gerät darüber hinaus zu Nebensache. Die Schule ist vorbei, sie wird studieren. Was ihrem Herrn Papa – wie er ihr in einem Abrief mitteilt – gar nicht gefällt. Ihre Intelligenz und ihre Empathie wären am Herd zu Hause besser angelegt als in einem lotterhaften Leben an der Uni. Ob er weiß, dass er damit bei Ariane auf Granit beißt?

Die Zeit bei Tante Warwara neigt sich dem Ende zu. Schule vorbei, es wartet das Leben. Vorbei auch die Zeiten, in denen Ariane die Männer um den Finger wickeln konnte wie keine Andere. Selbst der aktuelle Freund von Tante Warwara – auch sie ein Freigeist der besonderen Art – schafft es nicht Ariane zu überzeugen, dass sie bei ihm das Paradies auf Erden hätte. Ariane ist viel zu schlau, um die – besser: Den – Hintergedanken zu erfassen. Wer sie will, ist auf ihren Willen angewiesen. Das kann man Emanzipation nennen, oder Frechheit oder Freiheitsdrang. Das Ergebnis bleibt dasselbe.

Nach Moskau zieht es das Mädchen, dem bisher alles und alle (Herzen) zugeflogen sind. Auch in Moskau scheint alles so weiterzugehen wie bisher. Nicht ganz so einfach, aber dennoch zu einer großen Zufriedenheit Arianes. In der Oper lernt sie Konstantin kennen. Wohl erzogen, vorschnell, gewitzt, forsch. So erobert er ihr Herz. Doch an Liebe denken werde er noch sie. Konstantin ist das männliche Gegenstück zu Ariane. Ob das gut geht?

Die selbstauferlegte Liebesabstinenz muss bald schon echten Gefühlen weichen. Ja, Ariane und Konstantin sind ein Paar. Das erstaunt niemand mehr als die beiden selbst. So war das nicht geplant. Das Drehbuch des Lebens sah vielleicht eine Affäre vor, aber doch keine endgültige Beziehung. Und schon bilden sich Risse im harmonischen Geflecht der Irrungen und Wirrungen der Liebe. Und finde sie auch nur am Nachmittag statt…

Ein Skandal war dieser Roman als er 1920 erschien. Die Leser liebten ihn. Die Kritiker auch, weil sie endlich genug Pulver für ihre Moralkanonen bekamen. Eine Frau, die sich die Männer aussucht wie der Züchter das Vieh. Eine Frau, die mit den Männern spielt. Und es auch noch zugibt. Eine Frau, die einfach nur eine Frau sein will. Mit den Rechten wie ein Mann. Doch dazu gehören eben nun auch einmal die Pflichten. Und da gerät der Motor ins Stottern. Wenn kein Mechaniker zur Hand ist, muss man selbst Hand anlegen. Ohne Werkzeug und ohne Lehrmeister kein leichtes Unterfangen. Und Konstantin? Er war begeistert von den Stunden im Hotel. Von der Routine der Treffen, die ihn (und in seinen Augen auch Ariane) glücklich machten. Jetzt wir die Routine von Grenzen und Enge bestimmt. Das freie Leben ist auch für ihn vorbei. Was beide nicht wissen, was auch Claude Anet nicht zu Papier brachte, ist die Zukunft der beiden. Werden sie jemals wieder so glücklich werden wie im Hotel National? Wird die Liebe den Nachmittag überstehen?

Almost

Vielleicht hat der Eine oder Andere das schon mal erlebt. Um sich weltoffen und kreativ zu geben, gestalten Hotels hier und da ihre Zimmer mehr oder weniger geschickt nach gängigen Images verschiedener Destinationen. In der Miami-Suite ist alles quietsch-bunt, dass man Angst haben muss in die 80er zurückkatapultiert zu werden und Don Johnson auf der Straße eine Vollbremsung hinlegt. In der Almhütte sind die Wände mit allerlei Geweih verziert. Und im Raum Paris prangen überall Herzchen. Das ist klischeehaft und nicht im Ansatz originell.

Wojciech Czaja nutzte die coronabedingte Kreativenge als Sprungbrett für Neues. Er cruiste mit seiner Vespa durch Wien und fand … die Welt. Wie das? Ganz einfach. Augen auf, Kamera an und fertig. Immer noch nicht klar wie man im Lockdown die Welt erkundet? Als Architektur- und Stadtkulturjournalist hat er einen besonderen Blick für seine Stadt. Wien. Er ist weit gereist, als das noch ging. Und die Erinnerungen sind immer noch präsent – so stark ist dann halt doch kein Virus! Punkt für das Erinnern. Immer wieder spielte ihm die Erinnerung, wenn man so will, einen Streich. Er schaute links, er schaute rechts, nach Oben, nach Unten. Und schon waren sie wieder da, die Erinnerungen. So manches Haus, so manche Aussicht erinnerte ihn an San Francisco (jeder, der die Riesenradkabinen im Prater betrachtet, kann die Gemeinsamkeiten mit der Cable Car durchaus erkennen). Oder Tel Aviv in der Wolfganggasse im Zwölften. Die Bauhausarchitektur verleitete ihn im Handumdrehen sich an die israelische Hauptstadt zu denken.

Eine Frontseite eines durchaus präsentablen Hauses in Neubau lässt Washington an der Donau erstehen.

Einhundert solcher Flashbacks hatte Wojciech Dzaja. Er holte sein Telefon raus und fotografierte (man stelle sich vor, dieser Satz wäre schon vor dreißig Jahren geschrieben worden – hätte kein Mensch verstanden. Aber Corona ist ja bis heute auch noch nicht bei jedem angekommen…). Kurz und knapp das Wo geklärt, Bild hinzugefügt und fertig ist das ungewöhnlichste Wienbuch, das während der Corona-Pandemie entstanden ist.

Das Besondere daran ist, dass hier kein Homeofficer vom Schreibtisch aus die Stadt immer wieder neu entdeckt. Der Autor ist rausgefahren, durch die Straßen und Gassen einer der lebenswertesten Städte der Welt. Und er fand Letztere an Orten, die viele Touristen nicht entdecken werden. Wie die ehemalige Tabaksfabrik in der Nusswaldgasse in Döbling. In einer Seitenstraße liegt dieses Kleinod. Reichverziert wie ein Märchenpalast aus Tausendundeiner Nacht. Oder aus Isfahan, der iranischen Metropole, die mit ihrem Naqsch-e-Dschahan-Platz und den ihn umgebenden Gebäuden auf Immer und Ewig faszinieren wird.

Doch es ist eben alles nur fast, almost, Quito, Zürich, Helsinki, Gera. Dennoch, oder gerade deswegen ist dieses Buch mehr als nur ein lesens- und betrachtungswürdiges Druckerzeugnis. Es ist nicht das erste Corona-Buch „der Saison“, aber mit Abstand und für sehr lange Zeit das Beste! Ein sehr persönliches Buch, das jeden sofort anstecken wird, mit Reisefieber! Das tut nicht weh, und braucht auch kein Impfmittel.

Ich und der Andere

Immer wenn ein Jubiläum eines Künstlers ansteht, überschlagen sich alle mit neuen Enthüllungen aus seinem ach so lebhaften Leben. Meist geht es dabei um runde Geburtstage. Bei Jim Morrison, Leadsänger der Doors, beschränkt sich die Erkenntniswelle immer auf den runden Todestag. Am 3. Juli 2021 ist es vierzig Jahre her, dass er leblos in der Badewanne seiner Pariser Wohnung gefunden wurde. Die Umstände seines Todes sind unbekannt, ein Grund mehr Spekulationen immer wieder freien Lauf zu lassen.

In diesem Jahre – dem Jahr des 40. Todestages – wird die Fangemeinde, werden die Bücherregale allerdings um ein Buch bereichert, dass sich nicht dem skandalumwitterten Exzentriker widmet, sondern mit der Kraft der Phantasie dem Lizard King neues Leben einhaucht.

Späte Sechziger Jahre. Der Summer of love ist Schnee von gestern. Überall revoltiert man, es fliegen Pflastersteine, Konventionen werden immer stärker hinterfragt. Die Doors spielen noch nicht vor Massen in riesigen Hallen, die Charts sind noch weit entfernt. Wie immer ist James Douglas Morrison ein Nervenbündel bevor es on stage geht. Das Publikum giert nach der neuen Band, ist euphorisch und unsagbar laut. Und manche Dame im Saal macht dem ikonenhaften Adonis auf der Bühne mehr als nur schöne Augen, eine macht eindeutige Angebote. Und dann ist da dieser Typ. Der passt gar nicht ins Bild der mitgerissenen Zuschauer. Ein stiller Mann. Regungslos lauscht er den Klängen von John, Robby, Ray und Jim. Er macht sich sogar Notizen. Auf einem Rockkonzert! Sehr ungewöhnlich.

Aber was will man erwarten, wenn eine ungewöhnliche Band spielt. Und wenn dann auch noch so eine herausragende Persönlichkeit wie Jim Morrison sich endlich traut mit dem Gesicht zum Publikum zu singen, kann man davon ausgehen, dass ihm, dem fremde Gedanken näher sind als jedweder Mainstream, genau dieser eine Typ auffällt, der so gar nicht ins Bild passen will. Er nennt ihn Hölderlin. Nach dem deutschen Dichter.

Als Jim ein kleiner Junge war, konnte er seinen Vater, einen hochgedienten und dekorierten Offizier nur mit dem Lesen von Büchern beeindrucken. Eines davon war von Hölderlin. Ein Mann, der hundert Jahre vor der Geburt Morrisons starb und dessen Leben vom Tod beeinflusst war wie vom Leben selbst. Die Assoziationen, die Jim Morrison für sich selbst erstellte, sind nur ein Puzzlestück im Leben des brillanten Poeten.

Jim lässt sich auf den Sonderling aus dem Publikum ein. Er spricht mit ihm, lässt sich Ratschläge erteilen, verdankt ihm Songtexte. Zugegeben, nichts davon ist jemals so passiert. Es könnte aber so passiert sein. Jürgen Kaizik taucht tief in die Psyche des wilden Musikers ein. Ihn interessiert nicht (mehr) wann er wo welche Körperpartien bei Konzerten freigelegt hatte. Auch nicht die Exzesse, die Jim Morrison (zusammen mit seinem frühen Ableben im Alter von 27 Jahren – wie zuvor Brian Jones (wird gern in der Aufzählung übersehen), Jimi Hendrix und Janis Joplin) vermeintlich zu einer Legende machten. Jürgen Kaizik gibt Morrison eine Stimme, die der Musiker sicher gern angenommen hätte. „Ich und der Andere“ ist nicht die Kirsche auf dem Kuchen des Jubilars, es ist ein komplett neues Gebäck, das auf einem ganz anderen Tisch serviert wird.

Reisen in die Ukraine und nach Russland

Vor knapp einhundert Jahren reiste der Journalist und Schriftsteller Joseph Roth in die Sowjetunion. Unter dem Pseudonym „Roter Joseph“ hatte er schon Artikel veröffentlicht, für die Frankfurter Allgemeine Zeitung sollte er nun eine Reportagereihe über das riesige Land schreiben. Lenin, der Vater Revolution war tot. Stalin herrschte schon mit Nachdruck.

Joseph Roth wurde in Ostgalizien, heute in der Ukraine, geboren. So waren seine Reisen auch eine Reise zu seinen Wurzeln. Die Idee des Sozialismus war ihm nicht fremd, schien ihm schon gar nicht abwegig. Jedoch hatte er genug gehört, gelesen, vernommen, um nicht blind den stets eifrigen Agitatoren auf den Leim zu gehen.

Die in diesem Band zusammengefassten Reportagen zeigen ein Russland – pardon, eine Sowjetunion, auch wenn der Titel etwas anderes sagt – das es so einmal gegeben hat. Das prächtige Leningrad, das mittlerweile wieder seinen ursprünglichen Namen Sankt Petersburg angenommen hat, besticht durch seine Blüte in jeder Jahreszeit. Auch hier von lässt sich Roth nicht einlullen. Die Probleme sind offensichtlich, liegen teilweise auf der Straße.

Das echte Land lernt er erst auf dem Boot auf der Fahrt von Nishni Nowgorod nach Astrachan kennen. Hier ist alles friedlich. Zufrieden ruht man des Nachts. So unschuldig die Stimmung, so unschuldig die ruhenden Körper. Doch schon bei der Ankunft in Astrachan ist das ungute Gefühl wieder da. Die Propaganda schwärmt vom Fischreichtum, dabei sind es die Fliegen, die die Szenerie bestimmen.

Die russische Bourgeoisie hat sich still und heimlich mit der Situation abgefunden, dass es besser ist sich anzupassen. Ihr Fatalismus ärgert Roth am meisten. Die Stillosigkeit erschreckt ihn. Verständnis kann er nur bedingt aufbringen. Nach und nach dämmert es Roth, dass er als Künstler niemals in so einem Staat leben könnte. Das ist keine Frage der Einstellung, sondern des Überlebens.

Es ist nun aber nicht so, dass Joseph Roth die Sowjetunion, also Russland und die Ukraine auf Teufel-Komm-Raus selbigen wünscht. Die stetig steigende Alphabetisierungsrate begrüßt er ebenso wie die unbeugsame Disziplin im Lande. Auch wenn die ihm ein bisschen zu Deutsch erscheint mit einem Hauch Verrücktheit. Schon während des Lesens fragt man sich selbst, wie seine Reportagen heute sich lesen würden.

Joseph Roth zu lesen ist wie eine endlose Autofahrt durch unentdeckte Landstriche. Es geht immer vorwärts, keine Frage. Selbst, wenn man anhält, ist das Fortkommen immer garantiert. Mal muss man schmunzeln, mal schüttelt man den Kopf – je nach Vorkenntnissen des heutigen Russlands und der Ukraine. Auch fast hundert Jahre nach Erscheinen haben diese Reportagen nichts an Strahlkraft verloren.

Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Jede Medaille hat zwei Seiten. Das ist bekannt und wird allgemeinhin auch so hingenommen und akzeptiert. Gilbert Keith Chesterton, der mit Pater Brown eine der bekanntesten und zahlreich verfilmten Hobbyermittler schuf, hat seine eigene Sichtweise auf die Dinge, die so unermüdlich unser Leben beeinflussen. Und die wir oft genug gedankenlos hinnehmen.

Sechzehn Mal plädiert er unter anderem für Schundromane, Gerippe und Patriotismus. Eine gewagte Mischung! Doch es bleibt nicht einfach nur beim Versuch. Es gelingt ihm durch seine gewitzte Art und die Fähigkeit diese auch in Worte zu kleiden den Leser in seine Welt zu ent- und durch sie zu führen.

Bleiben wir beim Schundroman. Auf den ersten Blick hat der Begriff Schund keinen netten Hintergrund. Pulp fiction, ja, da springen alle auf, applaudieren für das, was sich auf der Leinwand abspielt. Doch der Schundroman ist pure Unterhaltung. Nichts Hochtrabendes, das einer Elite vorbehalten ist. Erst der Schundroman, das Profane, das ganz normale Leben, machen Literatur dem breiten Publikum zugängig. Und wer sagt denn, dass die breite Masse kein Recht auf Unterhaltung hat?

Ganz anders sieht es mit der Demut aus. Von Oben diktiert, ist sie durchaus diskutabel. Als freie Willensentscheidung und –bekundung ist sie Ausdruck von Individualität. Sie hat wie alles im Leben zwei Seiten. Oder ein Messer. Hat auch oft zwei Seiten, aber darum geht es nicht. Zum Einen kann ein Messer wortwörtlich und sinnbildlich Schaden anrichten. Dient es jedoch einen weitaus größeren Schmerz zu bekämpfen – Chesterton führt hier den Zahnschmerz an, den wirklich JEDER nachvollziehen kann – ist es durchaus ein brauchbares Werkzeug.

In Zeiten, in denen die Freiheit zur Dogmatisierung häufiger genutzt wird als je zuvor, ist ein Buch wie dieses eine echte Fundgrube. Ein hilfreiches Argumentationshelferlein und amüsantes Kompendium in Einem. Der nachgewiesene britische Humor, das umfassende Wissen inklusive der Fähigkeit dieses auch anzuwenden und der unvergleichliche Schreibstil von Gilbert Keith Chesterton erschweren dieses kleine Büchlein und machen es zu einem echten Schwergewicht unter den Mit-Auf-Den-Weg-Geben-Büchern.

Die Illustrationen von Egbert Herfurth adeln das Buch und adeln das ohnehin schon wertvolle Buch. Sechzehn Mal verteidigt der Autor die unterschiedlichsten Vorstellungen vom Dingen und Einstellungen. Dieses Buch muss man nicht verteidigen, man nimmt es auch nicht einfach nur hin. Man nimmt es aus dem Regal, liest, stellt es wieder zurück, nimmt es aus dem Regal, liest und so weiter.

Die kranken Habsburger

Welch wohlklingender Name: Habsburg. Europas Geschichte ohne einen Habsburger zu erzählen, wäre wie über das Jahr 2020 zu berichten, ohne dabei das Wort Corona in den Mund zu nehmen. Einfach unmöglich. Mit einem Trick, genauer gesagt mit einer Fälschung haben sich die Habsburger in den europäischen Hochadel gemogelt. Sie stellten quer über den Kontinent (und sogar darüber hinaus) Fürsten, Prinzen, Könige, Königinnen(!) und Kaiser. Durch geschickte Heiratspolitik hatte man in fast jedem Königshaus Europas seine Nachkommen untergebracht. Das erhielt den Frieden, meistens. So viel zur Geschichte, die jeder nachvollziehen kann.

Hans Bankl reichte das nicht. Der promovierte Pathologe hat – ganz im Sinne seines Fachgebietes – die Habsburger unter die Lupe genommen. Von der offensichtlichen herabhängenden Unterlippe, die berühmte Habsburger-Lippe, nach der oft in Quizshows gefragt wird, bis hin zu Krankheiten, die der Familienlinie nicht immer zu Gute kam, widmet er sich den kleinen Familiengeheimnissen dieser Dynastie.

Siebenhundert Jahre gab es kein Entrinnen vor den Habsburgern. Die waren einfach überall. Am spanischen Königshof, in Frankreich, Ungarn, Österreich (natürlich), Bayern, Lothringen, sogar in Mexiko. Das war aber eher ein Zwischenspiel, denn Kaiser Maximilian wurde nach wenigen Jahren der Regentschaft, die auch nur auf den „Wunsch“ Frankreichs zustande kam, erschossen.

Der unbändige Drang die Geschicke Europas zu steuern hatte aber auch einen gravierenden Nachteil. Irgendwann stirbt jede Linie einmal aus. Denn als Prinz wurde man automatisch Erbfolger. Als Mädchen war man Handelsgut, um an die Höfe Europas verschachert zu werden. Und genauso irgendwann hat man den Überblick verloren, wer wann wen heiratete. Ein heilloses Durcheinander war die Folge, so dass es nicht selten vorkam, dass gleiches Blut mit gleichem Blut die Ehe einging. Inzucht war die logische Folge, und mit ihr die bekannten Folgen.

Hat man sich erst einmal mit den oftmals gleichen Namen und den Jahreszahlen bekanntgemacht – als Nichtösterreicher und Nichthistoriker kann man bei den vielen Doppelungen der Namen schon mal durcheinander kommen – liest sich diese außergewöhnliche Familienchronik wie ein süffisanter Abriss der europäischen Adelsgeschichte. Man merkt Autor Hans Bankl des Öfteren das Schmunzeln an, das er beim Schreiben gehabt haben muss. Die Habsburger jedoch nur als inzestgeplagte Brut mit dem Hang zur Machtgier und oft ungeschickter Handlungsweise zu sehen, wäre fatal. Die Habsburger haben sicher mehr für die Einigung Europas getan, als man ihnen zugestehen möchte. Die Wahl der Mittel ist ohne Zweifel fraglich. Ihre Hinterlassenschaften sind es nicht. Man stelle sich beispielsweise Wien ohne Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum vor. Ganz zu schweigen von der Sissi-Industrie, die seit über einem Jahrhundert vom Glanz der schillerndsten Habsburgerin unzählige Familien ernährt und noch viel mehr Familien in Verzückung versetzt.

Der amüsante Schreibstil, das Detailwissen und das rasante Tempo des Buches begeistern bei jedem Lesen.

Schwere Körperverletzung

Englands Norden ist nicht der Platz, in dem man sich niederlässt, um den Lebensabend in Saus und Braus zu verbringen. Aber als Versteck eignet sich dieser Platz zweifelsfrei. Besonders im England der 70er Jahre. Die Schornsteine rauchen noch ohne Ende und hüllen die nicht ohne Reiz durchaus ansehnliche Landschaft in dichten Qualm. Eine Metapher, die dem Roman, diesem Prototyp des brit noir, ausgezeichnet zu Gesicht steht.

Hierhin hat sich George Fowler zurückgezogen. Bis zum Lebensabend ist noch ein Stück zu gehen. Und außerdem läuft der Laden doch. Sein Geschäft ist das Filmgeschäft. Keine Screwball-Comedy á la „Carry on“, schon gar nicht ein Horror-Streifen aus den Hammer-Studios oder ein James-Bond-Streifen. Nein, er ist der Chef eines lukrativen Nischengewerbes. Die Filmchen seiner Firma sind, gelinde gesagt, delikat bis hin zu eindeutig anregend. Und das Geschäft ist einträglich. Bückware, Schmuddelgut – wie auch immer man es bezeichnet. Es ist verboten, deswegen ist es begehrt. Und vor allem ist der Erlös netto. Kaum Ausgaben. Dennoch schmerzt jedes Pfund, das man unfreiwillig abgibt. Und hier wird es interessant.

George Fowler weiß, dass seine Kassierer die eine oder andere Pfundnote ins eigene Wallet stecken. Das kann er nicht zulassen! Es ist sein business. Er trägt das Risiko. Wo kommen wir denn hin, wenn sich jeder einfach so bedient! Wenn er wüsste, dass bald schon die Eiserne Lady genau das legitimieren wird…

Die Daumenschrauben anzusetzen, ist kein Problem. Und der Chef selbst, also Fowler himself, dreht gern mal an der Stellschraube. Nicht bis kurz bevor Blut fließt. Nein, selbst, wenn der Lebenssaft aus dem Delinquenten herausschießt, sieht er immer noch eine Möglichkeit noch eine Runde zu drehen. Eine Runde an der Stellschraube, versteht sich. Momentan ist er also in der misslichen Lage sich entspannen zu dürfen. Besser ist es, denn die Schlinge ist schon um seinen Hals gelegt. Und bevor jemand ihm dem Hocker unter den Füßen wegtritt, macht er sich aus dem Staub. Bis die Wogen sich geglättet haben.

Doch die Ruhe dauert nur kurz. Selbst so ein gewissenloser Typ wie George Fowler hat ein Hirn, das in ihm arbeitet. Und so lichtet sich der Rauch der Vergangenheit vor der Kulisse der See. Er erinnert sich, wie es einmal war. Mit Jean, seiner Frau. Und dem treuen Mickey. Und er findet im winterlichen Seebad einen neuen Freund: Den Alkohol. Der hilft ihm so manches Mal auf die Sprünge, wirft ihn aus der Bahn und rettet ihn doch immer wieder. So sieht es zumindest George Fowler.

Ted Lewis treibt den Leser in die graue Halbwelt England in den 70ern. Die Lunte am Fass des Punk glimmt schon ein wenig, Maggie Thatcher wartet nur noch auf das Go, um der Gier den Weg zu pflastern. Seite um Seite steigt man hinab, trifft zwielichtige Gestalten, die Schweigen nicht als Image ansehen, sondern als Lebenseinstellung begreifen. Sein Held ist kein Held. Er ist roh und brutal, und doch will man ihm nicht beim Scheitern zusehen müssen. Doch als Gewinner will man ihn auch nicht sehen. Bleibt nur eine Lösung: Der Gewinner ist der Leser! Ja, gibt’s denn was Besseres?!

Du hast das Leben vor Dir

Dieses ehrenwerte Haus! Madame Rosa ist die gute Seele für ihre Kinderschar. Es sind nicht ihre Kinder, und doch sind es ihre Kinder. Eigene Kinder hat sie nicht, doch sie schon so manchen Sprössling bei sich aufgenommen. Als Tagesmutter oder „in Vollzeit“, so wie Momo. Keiner weiß so recht wie alt er jetzt ist. So um die zehn Jahre müsste er alt sein. Und Madame Rosa – die er zwar nicht Mama nennt, die aber mehr als eine Mutterersatz ist – hat alle Hände voll mit ihm und den anderen zu tun. Quengelt einer, quengeln alle. Und meist ist es Momo, der anfängt und die Anderen mit sich zieht. Sie alle – fünf, sechs, sieben sind es – haben im Madame Rosa die Richtschnur, an der sie sich langziehen, um später einmal das Leben zu meistern.

Momo ist die Ausnahme unter der Rasselbande. Er ist zum Einen der Älteste. Zum Anderen ist er der einzige, für den Madame Rosa Geld vom Jugendamt bekommt. Das reicht hinten und vorn nicht. Ihrer Liebe zu den Bengeln tut das keinen Abbruch. Auch für Momo ist es egal, ob Madame Rosa Geld für ihn erhält oder nicht. Ebenso unerheblich ist es für den Araberjungen, dass Madame Rosa Jüdin ist. Dass sie Auschwitz überlebt hat, kann er in so jungen Jahren noch nicht verarbeiten. Er weiß aber darum.

Wenn es ihn reizt, geht er zu Monsieur Hamil, den Teppichhändler. Mit ihm kann er sich über die Liebe unterhalten. Ob man ohne Liebe leben kann? Hamil und Rosa sind schon im fortgeschrittenen Alter. Da Rosa im sechsten Stock wohnt und es nicht allzu gut um Hamils Kräfte steht, müssen die Kinder immer kräftig mit anpacken, wenn es heißt, Rosa und / oder Hamil in der Wohnung zusammenzubringen. Momo weiß ganz genau, wenn jemand einen Aufzug verdient hätte, dann Madame Rosa. Ein bisschen Eigennutz spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Momos Leben beginnt sich schneller zu drehen als es mit Madame Rosas Gesundheit rapide bergab geht. Sie hat ihm jahrelang so viel beigebracht, dass er nicht in Panik geraten muss. Und er ist erwachsen genug, um ihr einen letzten Wunsch erfüllen zu können…

Die Poesie dieser außergewöhnlichen Beziehung blüht in den Worten von Romain Gary aber der ersten Seite wie eine Blumenwiese im Hochsommer. Die kindliche Naivität des Jungen Momo, dessen Mutter ermordet wurde, dessen Vater keine Rolle spielt, und die zärtliche Strenge der ehemaligen Prostituierten Madame Rosa verströmt den Duft des ungebremsten Liebreizes. Liest man dieses Buch in einer ruhigen Ecke und hört jemanden herzhaft schmunzeln, ist es höchstwahrscheinlich jemand, der ebenfalls dieses Buch liest. Momos Schlitzohrigkeit, Rosas Chuzpe, das Pariser Viertel Belleville und seine skurrilen Bewohner laden jeden herzlich ein mit ihnen zu lachen und zu leben.

Romain Gary veröffentlichte dieses Buch bereits 1975. Und er bekam den renommierten Prix Goncourt dafür. Schon zum zweiten Mal, was nicht den Regularien entsprach. Das Pseudonym Émile Ajar ermöglichte ihm dieses Kunststück. Die Parallelen seines eigenen Lebens mit denen seiner beiden Hauptfiguren bis zum Ende des Romans sind sichtbar.