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Die Gärten von Bomarzo

Schon nach ca. zweieinhalb Seiten ist man selbst dem Drang verfallen diese Gärten einmal zu besuchen. Die Gärten von Bomarzo – nie gehört? Is nicht schlimm! Wenn man neugierig und offen bleibt, erschließen sich Faszination und Rätselraten rund um dieses Phänomen von ganz allein. Sucht man bei Google diese Gärten, findet man die Gärten der Ungeheuer. Nördlich von Rom, eine reichliche Stunde von der Ewigen Stadt entfernt. Steinskulpturen, die jeden noch so gut durchdachten Halloweenstreich wie ein leichtes Kitzeln von hinten erscheinen lassen. Man kann in Schlunde hineingehen, gigantischen Monstern die Stirn bieten, ihnen direkt ins Auge schauen. Schaurig? Un’po, ein bisschen. Beeindruckend? Si! Certo!

Also, wie begegnet man den Gärten, und wie begegnet man diesem Buch? Ins Regal greifen. Zur Kasse gehen. Und schon bei Rausgehen darin blättern. Stolpern, weil man sofort ins Buch vertieft ist, ist erlaubt, wenn nicht sogar notwendig. Und dann taucht man ein in eine Welt, die sich bis heute niemandem vollständig erschlossen hat.

Gärten sind einfach da. Schon seit … ja, seit wann eigentlich? Und warum? Was soll das alles? Allesamt Fragen, die in den Hintergrund treten, folgt man Hella S. Haasse, der „Grote Dame“ der niederländischen Literatur. In ihrem Schaffen drang Italien zur Zeit der Renaissance in ihr Berufsleben. Sie hörte von den geheimnisvollen Gärten. Wollte mehr wissen. Doch es gab kaum Bücher und Schriften dazu. Als Berufsneugierige machte sie sich selbst auf Spurensuche. Fand und las alles dazu. Und machte sich ihren eigenen Reim auf das, was im Wege steht, ihre Wege kreuzt und nur darauf zu warten schien endlich einen Wegbereiter gefunden zu haben.

Die geheimnisvollen Skulpturen wirken in erster Linie einschüchternd. Doch ihre Starre nimmt ihnen den Schreckensreiz. Hella S. Haasse kann sich einfach nicht satt sehen. Und sie wird auch nicht müde jede noch so kleine historische Begebenheit in ihr Nachforschen einfließen zu lassen. Da kommen mehr oder weniger berühmte Familien wie die Orsini ins Spiel, die sich ihr Refugium errichteten. Schlussendlich kann auch die Autorin nicht jedes Mysterium, das diesen eindrucksvollen Platz umgibt, lösen. Darin liegt sicher auch die Stärke ihrer Ausführungen. Jetzt ist man selbst gefordert. Im dichten Wald einmal selbst dem Schrecken ins Gesicht schauen. Mit dem Hintergrundwissen aus diesem Buch – mehr als nur eine Zusammenfassung von dem, was es schon einmal gab – wird jeder vorsichtige Schritt zwischen Höllenhunden und Höllenschlunden zu einem Abenteuer, bei dem sogar Indiana Jones resigniert das Handtuch werfen würde.

Es gibt Reisebücher zu Ländern, zu Regionen, zu Städten und Landstrichen. Aber ein Kulturreiseband über einen Park in dieser Stärke – buchstäblich wie im übertragenen Sinne – sucht man vergebens. Hella S. Haasse stößt nicht nur eine Nische auf, sie füllt sie bis zum letzten Buchstaben.

Hemingway im Schwarzwald

Hemingway – ein Name wie Donnerhall. Als der kleine Ernie 1899 zur Welt kam, war das sicher nur ein kindliches Schreien. Ein paar Jahrzehnte später jedoch war der als Stilikone nicht mehr vom Thron zu stürzen. Muss ein gutes Jahr gewesen sein, dieses 1899: Ein anderer Künstler, der eine ganze Branche prägte, wurde ebenfalls im Sommer 1899 geboren. Alfred Hitchcock. Der bezog seine Genialität aus den Erfahrungen seiner Kindheit.

Hemingway ebenso.

Ernie, wie er oft genannt wurde, zog es früh an den Schreibtisch. Und das ist in seinem Fall wortwörtlich gemeint. Als Journalist für den Toronto Star schickte man dem Teenageralter Entwachsenen nach Paris. Das muss man sich mal vorstellen. Gerade mal alt genug, um in einer Bar Alkohol zu bekommen und dann ins Paris, das vor Verlockungen nur so strotzte. Zu einer Zeit, in der Europa einen gewaltigen Umbruch erlebte, und noch erleben sollte. Der Krieg – die Ordnungszahl ließ man glückverheißend oder unglückunwissend beiseite – war nur auf dem Reißbrett und dem Diktatspapier vorbei. Doch die neu gezogenen Grenzen noch lange nicht akzeptiert.

Nun ist der aufstrebende, vor Tatendrang strotzende junge Autor in der Stadt, die für Künstler das Paradies ist (noch nicht finanziell), in einem Land, das einen verheerenden Krieg verkraften muss und auf einem Kontinent, der brachliegt. Doch irgendwann kommt auch für ihn die Zeit sich einmal Ruhe zu gönnen.

Deutschland soll es sein. Freiburg, nicht weit von der Grenze entfernt. Der Schwarzwald erinnert ihn an seine Heimat. Dort, wo er das Fischen erlernt und lieben gelernt hat. Doch viele sind misstrauisch, besonders die Wirtsleute. Zum Glück ist der Wechselkurs im August 1922 sehr günstig. Für einen Dollar gibt’s mehr als sechshundert Mark – als er Deutschland ein paar Wochen später wieder verlässt, ist es mehr als das Doppelte. Ein Jahr später hätte er das Billionenfache bekommen… Da jetzt einen Zusammenhang herzustellen, wäre eine Milchmädchenrechnung. Fakt jedoch ist: Hemingway kehrt zurück nach Paris, seine Ehe geht ihrem Ende entgegen und sein Schreibdrang, das Verlangen nach literarischer Betätigung steigt und steigt. Schon bald erscheint seine erste Erzählung. Später wird sein Aufenthalt im Schwarzwald in „Schnee am Kilimandscharo“ den Raum einnehmen, den man so nicht vermuten konnte.

Thomas Fuchs folgt den Spuren des Literaturnobelpreisträgers durch den Schwarzwald. Mit viel Anlauf – ohne die zeit zuvor zu kennen, fehlen dem Leser die Verknüpfungen zur Besonderheit dieses Urlaubs im Schwarzwald – sammelt er immer mehr Spuren und nimmt Fährten auf, die schlussendlich in einer Geschichte zusammenfinden, die dem Meister alle Ehre machen würden. Es ist nur eine Anekdote im ereignisreichen (selbst veröffentlichten) Leben Hemingways. Aber eine, die großen Einfluss auf den viel zu kurzen Rest des selbigen hatte. Für Fans ein Muss, für Neugierige ein gefundenes Fressen.

Radiozeiten

Zwei immer wieder totgesagte Medien in Einem: Das Radio, dem schon vor zwanzig Jahren (schon damals nicht zum ersten Mal) der baldige Tod vorausgesagt wurde und das Buch, dem seit dem Beginn des digitalen Zeitalters der Nahtod mehr als nur eine Vorahnung angedichtet wird. Hier gehen sie eine Allianz ein, die jedem Unkenrufer einen ganz fetten Strich durch die Rechnung macht.

Radio ist Kino im Kopf. Lässt man den üblichen und zu weit verbreiteten Dudelfunk mal außen vor, so sind es doch die Reportagen von wirklichen Großereignissen, die selbst im Digitalen die Besucherraten in die Höhe schnellen lassen. Kein Fußballfantum ohne Herbert Zimmermanns „Tor, Tor, Tor, Tor!“. Und das erschreckend ergreifende „It’s crashing…“ von Herbert Morrison vom 6. Mai 1937 sorgt heute noch als Klingelton für Furore. 6. Mai 1937? Morrison? Und schon wieder ein Herbert? Lakehurst, New Jersey. In wenigen Augenblicken soll die Neue Welt von der neuesten Errungenschaft der Alten Welt leibhaftig ergriffen werden. Die Hindenburg, genauer gesagt das Luftschiff LZ 129 Hindenburg soll gleich auf amerikanischem Boden landen. Der Zeppelin soll und wird die Welt verändern. Doch das mit Helium gefüllte Flugobjekt geht binnen Sekunden in Flammen auf, um alsbald in selbigem Meer zu versinken. Live on air: Der Reporter Herbert Morrison. Seine Stimme überschlug sich als der Himmelgigant in nie gekannter Geschwindigkeit in einen Feuerball verwandelte. Das konnte niemand ahnen. Und kein Reporter der Welt konnte sich darauf vorbereiten. Authentisch – als Vorführbeispiel in Journalistenseminaren unerlässlich. Heutige „Irgendwas-Mit-Medien-Kameragesichter“ nennen das „Emotion pur“.

Stephan Krass – ob der Name Programm ist? – lässt die Jubelstunden der Radio Days noch einmal aufleben. In seinen Essays entmystifiziert er das immer noch schnellste Medium der Welt. Ein Medium, dass nur über ein Sinnesorgan wahrgenommen wird, und den gesamten Körper in Wallung versetzen kann. Durch Musik. Durch Geschichten. Hier entsteht Tag für tag, Stunde für Stunde eine Welt, die uns zeitweise in den Bann zieht, das Eine oder Andere vergessen lässt und im Gegenzug Dinge in den Vordergrund rückt, die man im schlimmsten Fall verpasst hätte. Aber auch ein Medium das genau aus diesen Gründen das ideale Spielfeld für Manipulation war, ist und immer sein wird. War es vor knapp hundert Jahren noch die Göbbelsschnauze, die für kleines Geld die Propaganda der braunen Fehlgeleiteten die Massen indoktrinierte, so sind es heute oftmals Podcasts von „Künstlern“, die mangels Auftrittsmöglichkeiten ihre Lebensweisheiten als Dogma ihren Fans anbieten. Der Bogen von anno dazumal – sagen wir einhundert Jahre?, als aus dem Voxhaus in Berlin das erste Unterhaltungsprogramm im Hörfunk durch den Äther knisterte – bis zum heutigen astreinen, rauschbefreiten Singsang ist gewaltig. Stephan Krass reitet diesen Bogen mit Begeisterung, die ansteckt. Lesen Sie – so ist Radio!

Die Frauen von Brewster Place

Brewster Place – vier Blöcke und am Ende der Straße eine Mauer, die mehr ist als nur ein Sichtschutz. Es ist die Grenze. Eine Grenze, die nur diejenigen überschauen können, die ganz oben wohnen und den Hals weit rausstrecken können. Hier leben die, die nicht (mehr) wegkommen. Doch sie leben hier alle zusammen. Mit ihren Träumen, ihren Wehwehchen, ihrem Glauben und der Zuversicht, dass der morgige Tag auch nicht viel anders sein wird als die vergangenen. Für die meisten ist das sogar gut so. Getratsche, Leidklagen, Nachbarschaftshilfe – auch das ist Brewster Place. Die große Stadt ist gleich um die Ecke, geographisch. Die große Stadt ist ganz weit weg, in Echt.

Mattie Michael ist so was wie die gute Seele des Blocks. Zu ihr kommt man oder sie kommt zu einem. Immer einen Rat oder zumindest eine Lebensweisheit auf den Lippen. Zusammen mit Etta Johnson besucht sie regelmäßig die Kirche. Doch die beiden Frauen haben unterschiedliche Beweggründe das Gotteshaus aufzusuchen. Rat und Trost und die Suche nach dem Glück. Eine gewaltige Mischung, die nicht zwingend zur Explosion führen muss. Doch die Unterschiedlichkeit sorgt so manches Mal für eine gereizte Stimmung.

Auch Kiswana Browne wohnt hier. Tief im Inneren ist sie eine militante Black Power Sympathisantin. Doch der Trieb wächst sich einfach nicht aus ihr heraus. Lackierte Zehennägel sind öfter wichtiger als der Kampf gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit. Wohl auch, weil der Kampf in ihren Augen erfolglos erscheinen mag. Die Streitigkeiten mit ihrer Mutter hingegen sind real und allgegenwärtig.

Cora Lee führt auch einen Kampf. Den gegen ihre eigene Kinderschar. Nicht falsch verstehen. Sie liebt jedes ihrer Kinder. Doch machen die es ihr von Mal zu Mal schwerer. Da der Zahnarzt einem der Sprössling Zucker und Süßigkeiten verboten hat, sucht sich das liebe Kind das ersehnte Glukoseglück eben in der Mülltonne. Das bleibt den Nachbarn nicht verborgen und schon stehen sie bei der Mutter auf der Matte.

Gloria Naylors Schriftstellerinnen-Karriere begann mit „Brewster Place“. Hier ist immer was los. Hier tobt das Leben. Hier langweilt sich der Stillstand zu Tode. Rührende Charakterstudien, treffliche Beschreibungen von Menschen, die nichts mehr aus der Bahn werfen kann, rumorende Konflikte – und dennoch bekommt man nie das Gefühl, dass hier die Welt aus den fugen geraten ist. Man arrangiert sich nicht mit den Problemen, man bietet ihnen die Stirn. Das funktioniert nur, weil in diesen vier Häusern eine Gemeinschaft gewachsen ist, die aus der Not eine Tugend gemacht hat. Und Gloria Naylor gibt ihnen eine Stimme, die weithin und lang anhaltend zu hören sein wird.

Vor aller Augen

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man vor einem Bild steht und nicht mehr nur daran denkt wie hübsch dieses Bild überm Sofa aussehen würde. Das Bild gefällt, aber … warum eigentlich. Fast schon ein bisschen neidisch schielt man dann zu offensichtlichen Kunsthistorikern hinüber lauscht staunend den Ausführungen über Pinselführungen, Strichlänge, dem Besonderen des Bildes. Und das alles sehen die auf den ersten Blick?! Zweifel macht sich breit. Erzählen kann man ja viel.

Martina Clavadetscher gibt den Damen auf berühmten Bildern eine Stimme. Die Damen sind meist unbekannt, ihre Erschaffer dafür umso mehr. Wer kennt schon Cecilia Gallerani? Das ist die, die von Leonardo da Vinci ein ungewöhnliches Haustier auf den Arm gelegt bekam. Und er malte sie. Zu sehen heutzutage in Krakow, auf den Wawel-Burg. Extra Eintritt, nur für Signora Gallerani. Es ist nicht mehr und nicht weniger „Die Dame mit dem Hermelin“. Und die erzählt frei von der Leber weg wie es sich anfühlte vom großen Meister portraitiert zu werden.

Ebenso wie Margherita Luti – noch so eine Dame, deren Namen man nicht kennt. Und dabei lehnt sie lasziv, entspannt, die Brust entblößt an der Wand. Gemalt von Raffael. Er das Malergenie, das schon im Teenageralter als Meister galt – sie wäre in der heutigen Zeit eine Bäckereifachverkäuferin. Sie ist nicht auf den Mund gefallen als sie den spannenden Raffaello entdeckt, während sie im Gras entspannt. Er ist mit einer Anderen liiert, was sie – Margherita – verärgert und zu Spottgesängen anheben lässt. Noch heute munkelt man, dass sie und er mehr als nur Meister und Modell waren. Das alles geschah vor mehr als fünfhundert Jahren. Und noch immer fasziniert das Gemälde und seit Neuestem auch die Geschichte darum, dank dieses Buches.

Und so liest man sich Seite für Seite durch die Kunstgeschichte, lernt Damen und ihre Meister kennen. Mit unbeirrter Leichtigkeit ergreifen Damen das Wort, die teils seit Jahrhunderten stumm von den Wänden der größten Museen der Welt dem Betrachter in ihren Bann ziehen. Lichtwechsel, Schattenspiele, Liebreiz, Zartheit – unerreichbar für jedermann. Manche sogar hinter Glas oder so weit entfernt, dass es nicht einmal ansatzweise so was wie Nähe geben kann. Sie alle sind empfindsam, stolz, schüchtern, verängstigt. Und sie haben eine Geschichte. Nicht immer so skandalös wie die von Olympia als sie Èdouard Manet ganz und gar nicht keusch auf der Ottomane malte. Dennoch erzählenswert.

Es ist nicht die Frage wird hier wen verführt. Nicht jeder ist verführbar. Erstmals werden in diesem Umfang Damen von Damals nicht vorgeführt, sondern in die Gesellschaft der Besucher eingeführt. Sie stehen neben einem und erzählen, was bisher niemand wusste. Und das vor aller Augen…

Das Lächeln des Diktators

Der Titel schlägt ein wie eine Bombe! Diktatoren lächeln nicht. Zumindest nicht so, dass man ihnen Sympathie entgegenbringen kann. Wer glaubt schon einem Putin, wenn er lächelt? Alles wird gut? Pah. Wenn die Militärs in Myanmar auf einer Pressekonferenz Lockerungen versprechen und dabei anbiedernd lächeln – wer nimmt das noch ernst? Oder wenn das neue iPhone vorgestellt wird, das noch sichererererer ist. Da lobt man sich doch die offene perfide Lüge à la „niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ – hier stimmte alles: Stimmlage, politische Situation, durchschaubare Machenschaften. Ist doch erstaunlich wie schnell man Diktatoren und Diktaturen aufzählen kann. Im ach so fortschrittlichen 21. Jahrhundert.

Bachtyar Ali nimmt sich Saddam Hussein an. Ein lupenreiner Diktator, den nun wirklich nur ganz Wenige nicht als brutalen Alleinherrscher bezeichneten und bezeichnen. Bachtyar Ali entdeckt den Clown hinter der schnauzbärtigen Fassade des Menschenschlächters. Ein Lächeln als Abwehrreaktion, um der Angst die nicht in Lachfalten gelegte Stirn bieten zu können. Und das bis zum wortwörtlichen Schluss!

Gleich der erste Essay in diesem kleinen Band überzeugt mit Argumenten und Schlussfolgerungen über die Größen vergangener Tage. Auch Ali muss zugeben, dass tatsächlich etwas Menschliches in jedem Diktator innewohnt. Doch all die Zurschaustellung von Menschlichkeit dient einzig allein der Blendung. Ein schwacher Trost für diejenigen, die rund um die Uhr unter der Knute der Diktatur leben müssen.

Die Essays von Bachtyar Ali bestechen durch eine klare Sprache. Er lässt keinen Zweifel an seiner Argumentation. Das wiederum als diktatorisch zu bezeichnen, wäre ein Frevel höchsten Grades. Wenn er von Fortschritt schreibt, der nicht aus einer natürlichen Entwicklung hervorgeht, sondern einzig allein einer überfallartigen Vereinnahmung, nickt man unbewusst schon beim Lesen und Blättern in diesem Buch.

Ist die Welt nun verkommen, weil die offensichtlichen Gegensätze gänzlich ohne Gegenwehr hingenommen und nur im satirischen Sinne aufgedeckt werden kann? Nein! Es sind Bücher wie diese, die wachrütteln. Die sich nicht verstecken. Die sieben Essays aus der Feder Bachtyar Alis, der mit seinen Büchern wie kaum ein anderer seiner kurdischen Kultur ein ums andere Mal Denkmäler im wahrsten Sinne des Wortes baut, sind unumstößliche Monumente für das eigenverantwortliche Denken. Aber Obacht: Nicht jeder, der lächelt, hat etwas zu verbergen! Ein Lächeln zaubert nämlich auch dieses Buch ins Gesicht.

1923. Endstation. Alles einsteigen!

Seit einiger Zeit feiert man in den verschiedensten Bereichen das hundertjährige Jubiläum der Goldenen Zwanziger. Zum ersten Mal ist also nicht ein Tag, eine Woche oder ein Ereignis Grund zum Feiern, Erinnern, Gedenken, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Das Jahrzehnt der ausgelassenen Stimmung, dem Beginn der Gleichberechtigung, aber auch dunkler Jahre – ein paar Milliarden Mark für ein Brot? Was soll daran feiernswert sein?

Hier und da werden Revues „von damals“ aus der Klamottenkiste geholt, in Berlin läuft wieder „Cabaret“ – das Berlin-Musical, Romanreihen über diese Zeit erleben einen echten Boom.

Nun, es sind noch ein paar Jahre bis zum nächsten denkenswerten Jahrzehnt. Und das Jahr 2023 wird also zum Jahr des Erinnerns an 1923. Vielleicht kennt der eine oder andere noch einen Vorfahren, der in diesem Jahr geboren wurde. Erzählen kann der aber auch nicht viel. Und immer nur bei Wikipedia nachschauen …

Peter Süß nimmt den Leser mit auf eine Reise, deren Ende man schon kennt – es war der 31. Dezember 1929. Aber was in den zehn Jahren zuvor passierte, was den Großen und Berühmten „so ganz nebenbei“ widerfuhr, wie sie sich entwickelten – wer weiß das schon bzw. wer weiß das noch?

Bertolt Brecht hat beispielsweise schon einen Namen in der Szene – je nachdem ob man ihn mag, jubelt man ihn in den Himmel oder zerreißt ihn in der Luft. Ein ausgeprägtes Ego hatte er schon immer. Für ihn ist es daher unerlässlich ein eigenes Theater zu haben. Vorerst nur für ihn…

Die Tänzerin Anita Berber wird ihn Wien ausgebuht und schlussendlich aus der von ihr bis dato so geliebten Stadt verjagt. Das Thema Drogen, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, war vielleicht doch nicht die richtige Wahl ihr Publikum in Verzückung setzen zu können.

Und in München wagt ein Österreicher mit – heute darf man das ja wohl wieder sagen – außergewöhnlichem Bärtchen den großen Aufstand. Zu seiner Entourage gehörte damals schon ein geckenhaft wirkender, dicklicher Speichellecker, der es liebte sich in Phantasieuniformen zu präsentieren. Was das Netz wohl heute (fast hundert Jahre später) kommentieren würde, ist wohl Stoff für ein spannendes soziologisches Projekt. Es ist wohl klar, um wen und um welches Ereignis im Bierkeller es sich handelt?! Nein? Dann ist dieses Buch Pflichtlektüre!

Apropos Projekt. Lotte Lenya, Dreigroschenoper-Star, Muse, Charakterdarstellerin ersten Ranges, unglücklich Verliebte, verdiente sich ihre Penunzen mit ganzem körperlichen Einsatz. Ein Projekt, das selbst heute noch für Naserümpfen sorgt, das bis hin zu Mitleidsbekundungen reicht.

Monat für Monat seziert Peter Süß das Jahr 1923, das heute wohl kaum noch mit einem besonderen Ereignis eng in Verbindung gebracht wird. Was sicher vor allem daran liegt, dass die bis heute existenten Medien damals noch gar nicht bekannt waren. Außer dem niedergeschriebenen Wort. Da ist es eine logische Schlussfolgerung das Jahr 1923 auch in gedruckter Form noch einmal am geistigen Auge paradieren zu lassen. Es ist eine Vielzahl roter Fäden, die sich nicht nur im gebundenen Buchrücken zu einem großen Ganzen zusammenfinden. Anekdoten und Berichte fließen mit der Kraft der präzisen Worte zu einer Geschichte zusammen, die heute noch Geschichte machten.

Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt

Usama Al Shahmani schafft es mit seinen Büchern zum Einen eine Poesie in die deutsche Bücherlandschaft zu tragen, die lange vermisst war. Ohne großartig Pathos an den Tag zu legen, lässt er dem Leser keine Chance sich seinen Worten zu entkommen. Andererseits gibt er Einblicke in Leben, die um einen herum passieren, die man aber (bewusst oder unbewusst) nicht wahrnimmt.

So auch in seinem neuen Buch. Schon der Titel „Der Vogel zweifelt nicht an dem Ort, zu dem er fliegt“ lässt es erahnen: Beständigkeit ist kein Makel. Sein Held Dafer lebt in Deutschland, er spricht die Sprache, geht arbeiten, hat eine eigene Wohnung. Für viele mag das als angepasst gelten, zumindest als starke Grundlage dafür. Und sicherlich ist Dafer ganz gut integriert.

Dafer ist vor Jahren aus einer Diktatur geflohen. Eigentlich ist er Akademiker. Und eigentlich kein Tellerwäscher (den Traum vom Millionär am Ende des Weges träumt er nicht – er ist Realist). Ja, und eigentlich ist er sogar glücklich. Eigentlich, ein scheußliches Wort, wenn man sich selbst vor der Wahrheit schützen muss. Denn eigentlich ist Dafer unglücklich. Und das, weil er sich vor dieser Wahrheit schützen muss.

Ein Zwangsurlaub zwingt ihn mit sich selbst ins Reine kommen zu müssen. Doch er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht – so poetisch das klingen mag, so real ist das für Dafer. Seine Familie weiß nicht, welch scheinbaren sozialen Abstieg er hinter sich hat. Der gebildete Sohn als „normaler Arbeiter“ – was würden sie sagen, wenn sie das wüssten? Für Dafer beginnt eine Zeit, die sein ganzes Wesen in Anspruch nehmen wird.

Wie oft fragt man sich, was der Mensch an der Kasse vor einem, der Kollege, ein Nachbar im Tiefsten eigentlich (ha, da ist es wieder: Eigentlich!) ist. Es gibt keine einfache Formel, um dem Anderen, dem Gegenüber, dem Nebenstehenden in die Seele oder gar ins Herz schauen zu können. Selbst Big Brother sieht nur das ohnehin Sichtbare.

Eindringende Worte ziehen den Leser nicht hinab in die Tiefen eines Lebens in der Fremde, sie saugen den Leser in eine Welt, die räumlich nah ist, im Inneren aber ungefähr so weit entfernt ist wie die Sonne. Mit jeder Seit, die einen erobert, staunt man über sich selbst wie wenig Gedanken überhaupt ausreichen, um abzustumpfen.

Immer wieder wirft Usama Al Shahmani Fragen auf, die jedem Menschen irgendwann einmal in Wallung bringen. Die Intensität des Nachdenkens lässt einen nicht mehr los. Verpackt ist dieses oberflächlich emotional schwere Buch in zarten Worten, die auf einem Blumenteppich der Poesie ausgebreitet werden. Ein starker Stoff, der sofort ins Hirn geht und dort seine Spuren hinterlassen wird. Und dieses Mal (nicht eigentlich!) für immer haften bleibt.

Berge

Sie sind einfach da. Nur selten stehen sie im Weg. Erhaben der Blick nach Oben. Ein Augenschmaus, wenn man von ihnen herunterschaut. Berge. So profan der Titel dieses Buches anmuten mag, so intensiv zieht der Inhalt den Leser in seinen Bann.

Gleich von Beginn an merkt man, dass es bei diesem Buch nicht um eine der üblichen Abhandlungen über das Gefühl der Erhabenheit handelt, sondern, dass sich Lucia Jay von Seldeneck von ganz anderer Seite dem Thema nähert. So viel sei verraten: Es geht immer weiter steil bergauf.

Es sind kleine Geschichten rund um den einen Berg. Jedes Kapitel, jeder Berg, kann seine eigene Geschichte erzählen. Doch meist sind es die Bezwinger, die Eroberer, die dessen Geschichten erzählen oder schreiben. Sie sind die Helden, die dem Koloss die Jungfräulichkeit stahlen. Und deswegen sind sie Helden. Naja.

Den Auftakt macht ein Berg, der eigentlich gar keiner ist. Kein Achttausender, nicht einmal einen Kilometer hoch, selbst an der Hundertergrenze kratzt dieses aufgeschüttete Denkmal nicht. Und dennoch hat er mehr für den Fortschritt getan als er es jemals für sich in Anspruch nehmen würde. Es geht um den Fliegeberg. Nie gehört? Berlin, Lichterfelde. Hier wurde ein Berg aufgeschüttet, weil ein Tüftler, ein Phantast, ein Unbeirrbarer seinen Traum – dem vom Fliegen – verwirklichen wollte. Otto Lilienthal. Als er den Neunundfünfzig Komma Vier Meter hohen Berg hinunterrannte, hob er kurze Zeit später richtig ab. Die Geburtsstunde der Fliegerei.

Die Reise geht rund um die Welt und immer höher hinauf. Manche kennt man, von vielen liest man das erste Mal. Während bei Otto Lilienthal die Arbeiter das Wort haben, die unzählige Male mit der Schubkarre sich den Berg hinaufquälen, so spricht in diesem Fall ein Baum. Er steht am Hang des Antiatlas in Marokko. Immerhin schon knapp zweieinhalbtausend Meter hoch. Was hier wächst, hat sich angepasst. Und bei einem Alter von mehr als 570 Millionen Jahren kann der Berg einiges erzählen. Erzählen lassen. Berge sprechen nicht.

Die kunstvolle Gestaltung – wie es sich gehört, wenn der herausgebende Verlag Kunstanstifter heißt – ist der Gipfel der Buchkunst. Florian Weiß illustriert eindrucksvoll die Texte der Autorin. Detaillierte Schraffuren, sparsamer Einsatz von Farben – so wie man sich ein Tagebuch eines Abenteurers vorstellt. Handschriftliche Notizen am Ende des Kapitels sind für Faktensammler ein willkommener Abschluss einer jeden Geschichte. Ob man nun selbst die Berge für sich selbst entdeckt und von nun an erst hinaufkraxelt, den Ausblick genießt und beim Abstieg diese Geschichten noch einmal Revue passieren lässt oder es ganz einfach bei der Lektüre belässt, entscheidet ganz allein man selbst. Lust auf Mehr macht dieses Buch auf alle Fälle.

Benzin

Rationalität in der Kunst? Das gibt es nur bei Malen-Nach-Zahlen. Heribert scheint da wohl die Ausnahme zu sein. Oder auch wieder nicht! Eines Tages, es ist der 1. Januar, das neue Jahr lächelt noch jungfräulich durch die Gardinen, ist es aus mit dem Leben als Künstler. Das, was ihn täglich ins Atelier trieb, ist mit einem Mal verschwunden. Sinnkrise? Schaffenskrise? Darüber denkt Heribert gar nicht erst nach. Ihm ist aller dermaßen egal, dass es ihm unnötig erscheint auch nur einen Gedanken darüber zu verschwenden. Helena, seine Galeristin und vor allem seine Frau ist ihm gleichgültig. Dass er sie mit Hildegarda schon länger betrügt, ist ihm einerlei. Denn auch sie ist ihm herzlich egal. Herudina – die Liebe zum Buchstaben H ist mehr als auffällig – ist auch nur ein weiterer Zeitvertreib, der ihm aber auch nicht weiteren Antrieb verleihen kann. Stattdessen gibt er sich Zahlenspielereien hin. Er rechnet willkürlich Sekunden, Menschen, Ereignisse zusammen ohne dabei wirklich ein Ziel vor Augen oder gar im Sinn zu haben. Heribert ist ausgebrannt!

Und ist das schlimm? Nö! Heribert lebt in den Tag hinein. Niemals dasselbe Restaurant. Shopping bis die Kreditkarte aufgeweicht ist. So sieht sein Leben jetzt aus. Bis etwas passiert, das niemand vorhersehen kann.

Auch Helena ist die Gleichgültigkeit ihres Gatten aufgefallen. Auch sie hegt eine Schwäche für den Buchstaben H. Humbert ist ihr neues Objekt der Begierde. Ihn kann sie als Künstler aufbauen, protegieren und sich selbst profilieren. Die beste Möglichkeit dafür bietet sich schneller als sie gewagt hat zu hoffen. Denn Heribert stößt etwas zu. Der Zeitpunkt ist allerdings denkbar ungünstig. Ihr Plan: Das eine H gegen das andere H auszutauschen. Und so wird aus Humbert Heribert.

Eine köstliche Sichtweise auf den Kunstbetrieb, die Quim Monzò dem Leser mit auf den Weg in die Phantasiewelt gibt. Man schaut auf dieses reiche Leben und befürchtet, dass es bald zerbrechen könnte. Heribert tut aber auch gar nichts gegen diesen Trend. Von außen nach drinnen zu schauen ist immer schwerer als umgekehrt. Zu viele Fallstricke, die einem die Sicht vernebeln. Und genau das darf man bei diesem Roman nicht tun. Denken während des Lesens. Einfach sich treiben lassen. Die Zeilen aufsaugen, die Silben Auf und Ab hüpfen lassen. Nachdem man das Buch zum ersten Mal geschlossen hat (und man wird es mehrmals schließen, weil man es mehrmals öffnet), ergießt sich eine Welt über den Leser, in der man einfach nicht untergehen kann.