Archiv der Kategorie: Zwischen Spree und Havel

Berlin Deutschland Hauptstadt

Ihr Tänzer war der Tod

Dass es kein gutes Ende nehmen wird, wissen wir aus der Geschichte. Dass das Ende unrühmlich, für manche unehrenhaft, auf alle Fälle aber feige und widerwärtig sein wird … damit beginnt Sophia Mott ihren biographischen Roman über Walter Rathenau. Den deutschen Außenminister, der im Juni 1922 hinterhältig von nationalistischen Freikorpssoldaten ermordet wurde. Der Weg dahin war beschwerlich.

Der Roman setzt mitten im Krieg ein, den wir heute als Ersten Weltkrieg bezeichnen. Damals war es „nur der große Krieg“. Rathenau nimmt kein Blatt vor den Mund. Für ihn sind zu erwartende Verluste nur kalkulierbare Posten in einem Spiel, das nur für Wenige als gewonnen erachtet werden kann. Die Mehrheit steht auf der Verliererseite. Das wusste man schon damals – und hält sich bis heute nicht an diese Weisheit!

Walter Rathenau musste sich nie um finanzielle Nöte sorgen. Seine Familie gründete AEG und gehörte schon deswegen zu der Minderheit, die an einem Krieg verdienen und sich selten zur Verliererseite zählen lassen mussten. Freunde hat er nur wenige. Bekannte, Gönner, Wohlgesonnene – oh, davon hatte er massig. Und Feinde! So viele, dass es seine knappe Freizeit ihm nie gestattet hätte sie zu zählen.

In seinem wachen Kopf schwirrten unendlich viele Ideen herum. Zollunion in Europa, Schlachtenkonstellationen, politische Manöver – allesamt abgewiesen. Er fand einfach keine Gönner, keine Unterstützer. Hindenburg und Ludendorf steckten lieber die Köpfe zusammen als den entscheidenden Schritt zu wagen, als dass sie Walter Rathenau Gehör geschenkt hätten. Wegen der finanziellen Absicherung hätte er die Hände in den Schoß legen können und wie der sächsische König Friedrich August III. sich einfach umdrehen und sagen können: „Macht doch Euren Dreck alleene!“. Hat er aber nicht. Machtbewusstsein, Sturheit und der unbedingte Wille etwas zu bewirken ließen ihn nicht ruhen. Auch seine Feinde beobachteten das rege Treiben. Und so kam es wie es kommen musste…

Sophia Mott nutzt das Stilmittel des Romans, um Geschichte nachvollziehbar zu machen. Ob wirklich alles genau so geschah, weiß man nicht. Doch die Folgen, die nachvollziehbar sind, lassen nur wenig Interpretationsspielraum. Unnachgiebig beschreibt sie eine Zeit, die wenig Gloria und noch viel mehr Ungemach hervorgebracht hat. Ohne abzuschweifen, lässt sie eine Zeit wieder auferstehen, die die Grundlage für die Goldenen Zwanziger war. Doch bevor sie ausschweifen konnte, war Walter Rathenau schon Geschichte. Jude, Industrieller, Politiker – die Reihenfolge ist beliebig, da er selbst gegen Juden, Industrielle, Politiker schoss, wenn es ihm passte – Rathenau zu fassen ist schwierig. Ein Wendehals war er bestimmt nicht, vielmehr ein Mann bei klarem Verstand, der ein Ziel verfolgte. Dass ihm nur Wenige dabei folgen konnten, sah er nicht als sein Problem an. Vielleicht war das sein größter Fehler…

Berlin außenrum

Dass Berlin immer eine Reise wert ist, dass hier (zwar niemals ungestört, doch) immerfort etwas Neues entdecken kann, was beim letzten Besuch noch nicht da stand, ist mehr als nur eine Annahme und zweckmäßige Werbung für Berlin. Und dass es drumherum, außenrum nur Wasser gibt, man nur Beine und Seele baumeln lassen kann, gehört ins Reich der Fabeln. Denn außenrum, gibt es mindestens genauso viel zu erkunden, wie mittendrin. Gabriele Tröger und Michael Bussmann müssen’s wissen, schreiben darüber und überlassen nun dem Leser die Qual der Wahl.

Fangen wir janz eenfach an, mit’m Museum. Museum geht immer. Berlin hat unzählige davon. Und außenrum? Naja, man muss schon wissen, wo man suchen muss. Beeskow. Der Ort südöstlich von Berlin, auf halber Strecke nach Polen, wird vielleicht noch Paddlern was sagen. Aber Kunst in Beeskow? Ja, sogar ganz große Kunst. Aus der DDR. Auftragsarbeiten – Moment mal, das ist kein Grund die Nase zu rümpfen. Renaissance-Künstler haben auch nicht einfach mal so gigantische Statuen aus dem Marmorblock gemeißelt, weil sie gerade nichts zu tun hatten. Die haben auch auf den Kontostand kieken müssen. Von der Burg Beeskow, ’ne Burg hamse och, gelangt man auf die Spreeinsel. In dem zweckmäßigen Bau verbirgt sich ein Schatz mit über tausend Werken von Walter Sitte bis Walter Womacka mit Bildern von Marx bis Thälmann. Wer das alles noch „live erleben durfte“, kann sich sicher ein Schmunzeln nicht verkneifen, alle anderen wird ob der schieren Menge der Mund offen stehen bleiben. In der Mimik kann man gleich verharren, denn wenn man schon mal hier ist (unter dieser Floskel werden in farbigen Schaukästen kleine Tipps zum weiteren Verweilen an den Leser gebracht), kann man gleich noch durchs wildromantische Schlaubetal wandern.

Im Nordosten von Berlin kann man ein Schauspiel beobachten, das manche aus der Schule kennen, viele jedoch nur von Bildern. Das Schiffshebewerk von Niederfinow. Derzeit wir ein neues dort gebaut, weil es benötigt wird. Das alte, traditionelle verrichtet seit fast achtzig Jahren seinen Dienst. Mitfahren erlaubt, erwünscht und einfach ein Muss, wenn man außenrum von Berlin was erleben will.

Viele der vorgestellten Orte kennt man von Autobahn(ab)fahrten. Dass sich hier exzellent Abenteuer erleben lassen, fliegt an den meisten vorbei im Rausch der Geschwindigkeit. Es lohnt sich einmal mehr Rast zu machen auf A 9, A 10 und wie die Asphaltpisten alle heißen. Von Alpaka bis Honecker, von Gaumensex bis Mississippi – was wie eine willkürliche Auswahl von Worten, Namen und Orten klingt, hat Hand und Fuß. Und das Autorenduo Tröger/Bussmann bietet sich freundlich an dem Besucher jeden Zweifel daran zu nehmen.

Spreewald

Man kann in die Wüste fahren und sich dort aus dem trockenen Boden gestampfte Museen anschauen. Inklusive Vergnügungspark und Rennstrecke. Da staunt man nicht schlecht. Doch das ist dann eher die Verbeugung vor dem Mut und der Ingenieurskunst. Hier hat sich der Mensch tatsächlich die Natur zum Untertan gemacht.

Wenn Mutter Natur dagegen dem Menschen nur eine begrenzte Chancenvielfalt gewährt, der Mensch dann aber immer noch mit offenem Mund sich ergeben verneigt, dann ist das eine Leistung, die viele Mütter und Väter hat. Wenn man es so sieht, dann ist ein Ausflug in den Spreewald fast schon mit einer Pilgerfahrt gleichzusetzen.

Wenn sich die Spree von der Weltstadt Berlin trennt und sich gemütlich ihrer Quelle entgegenwindet, passiert sie ein Stück Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes. Sumpfig ist es hier, die Spree teilt sich in unzählige Nebenarme, ein dichter Urwald verdeckt die Weitsicht – kurzum: Wir sind im Spreewald.

Wer dabei nur an ausgelassene Kahnfahrten mit strahlenden Gesichtern denkt, liegt niemals falsch. Aber der Spreewald ist mehr als sich durch diesen Urwald schippern zu lassen. Dass es hier mehr zu erleben gibt, beweist Peggy Leiverkus mit ihrem Reiseband über den Spreewald. Schon allein das Ankommen will sorgsam geplant sein. Hier fährt man nicht einfach mal ran und hüpft vergnügt in den Wald wie man es vielleicht sonst in der Pilzsaison macht. Nach Lübbenau mit dem Zug ist der sicherste Weg, das macht die Autorin auch gern so. Und da man Michael-Müller-Autoren fast schon blind vertrauen kann, ist dieser Rat Gold wert. Und schon ist man mittendrin im Geschehen. Als Erstes fällt auf: Alle Orts- und Hinweisschilder sind zweisprachig. Deutsch und Sorbisch, genauer gesagt Niedersorbisch. Und dass die erste Suche einer Kahntour gilt, ist selbstredend. Mit dem Auto komm man schließlich nicht weit! Wer den Spreewald auf eigene Faust, im eigenen Boot erleben will, kann dies auch tun. Die Verkehrsregeln sollte man aber tunlichst einhalten. Zu erleben gibt es in dieser gut besuchten, und dennoch wenig in den Medien stattfindenden Region massenhaft. Wie zum Beispiel die Byttna-Eichen. Die Wiesenlandschaft Byttna südöstlich von Staupitz lässt keine andere Möglichkeit zu als sich Erholung zu gönnen. Immer wieder säumen Eichen den Wanderweg, die seit ihrer Geburt so ziemlich alles erlebt haben, was möglich ist. Doch vom eigentlichen Weltgeschehen verschont blieben. Und das seit Jahrhunderten!

Immer mal wieder den Kahn verlassen und links und rechts Schauen, Staunen, Stirnrunzeln. Der Spreewald ist trotz zahlreicher Besucher immer noch ein kleiner Geheimtipp. Seine umliegenden Landschaften wie Fläming, der mit Tropical Island, einer umgebauten Zeppelinhalle und der Stadt Cottbus, die immer noch stiefmütterlich behandelt wird, bietet sich dem Besucher eine Region an, deren Vielfalt verblüffen wird. Um nichts zu verpassen, ist es ratsam sich diesen Reiseband schon vorher als Appetitanreger und unerlässliches Hilfsmittel eingehend einzuverleiben. Nicht zuletzt wegen der unzähligen und überaus nützlichen Tipps (Anfahrt, Ticketreservierung – besonders im Sommer zu empfehlen) und der in den farbigen Kästen unterhaltsamen Informationen abseits der gängigen Klischees erweist sich dieses Buch ein ums andere Mal als unerlässlich.

Wüste Berlin

Nach furiosem Start folgte der jähe Absturz. Ein Ende kann ein Anfang sein. Berlin formierte sich vor einhundert neu. Erfand sich anschließend neu. Und versumpfte braun und dahinsiechend. Als diese Zeit vorbei war, sah man das Ausmaß dieses Kapitel. Landschaftliche Erhebungen bestanden aus Trümmern. Straßenzüge unerkennbar. An ein funktionierendes System konnte man sich nur vage erinnern. Und hier sollte nun etwas entstehen, das heutzutage als „In Berlin ist immer was los“ bekannt ist? Wie soll aus einer Wüste fruchtbares Land gewonnen werden?

Den Kopf in den märkischen Sand stecken, sich unter den Trümmern in Selbstmitleid ergehen – det is nich Berlin. Wie nach einem Vulkanausbruch gedeiht aus dieser Erde Neues. Es wird dauern, aber das Ziel ist klar definiert. „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, Bürgermeister Ernst Reuter hat es so in die Welt hinausgeschrien. Und bald schon schaute man nicht nur, man kam.

Bis das jedoch geschah, standen Verwaltung und Einwohner, Kultur und Politik vor der größten Herausforderung, die es jemals in der Stadt gab. Und davon berichtet Kai-Uwe Merz in seinem dritten Band über die Kulturgeschichte der deutschen Hauptstadt. Die Literaten gaben der Stadt wieder ein Gesicht. Sie verarbeiteten als Erste die dunkle Zeit und durchleuchteten die Gegenwart, manche warfen einen vagen Blick in die Zukunft. In der DDR wurde Johannes R. Becher Kulturminister. Bertolt Brecht gestaltete im Osten der Stadt mit dem Berliner Ensemble einen Leuchtstern, der über Grenzen hinweg strahlen sollte. Der entnazifizierte Wilhelm Furtwängler gab den Philharmonikern ihren Ruf zurück. Günter Neumann stand auf der Bühne, um kritisch und augenzwinkernd die neue Zeit satirisch unter die Lupe zu nehmen. Architektonisch war die Stadt sichtbar gespalten. Nicht nur wegen der Mauer – die kam erst später. Beton gab es (und gibt es immer noch weithin sichtbar) hüben wie drüben. Während die Stalinallee erst heute ihren durchaus vorhandenen Charme versprüht, war sie anfangs auch und vor allem ein Vorzeigeprojekt, bei dem Namen…

Eine Stadt lebt nicht allein nur durch Literatur oder nur durch Architektur oder nur durch Politik. Das Räderwerk aus allen Bereichen der Kultur verleiht ihr ihren einzigartigen Charakter. Berlin hatte und hat den Vorteil einen Namen in der Welt zu haben. Den galt es nach 1945 wieder herzustellen und nachhaltig zu gestalten. Aus der (Trümmer-) Wüste Berlin keimten zarte Pflanzen, die bis heute ihre Wurzeln in der Stadt haben. Und dieses Buch trägt maßgeblich dazu bei, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

Spionage in Berlin

Die Stadt in Trümmern, die Menschen verzweifelt auf der Suche nach Nahrung, Soldaten stehen mit gepeinigten Mienen nebeneinander und sich gegenüber: Berlin 1945 ist wahrlich kein Ort, an dem man das Paradies vermutet. Doch hinter den Kulissen werden Allianzen geschmiedet. Wo Leid ist, ist auch Neid. Wo Neid ist, herrscht misstrauen. Und Misstrauen ist die Grundlage für Spionage. Wo einst gemeinsam gegen die braune Brut gekämpft wurde, kocht jeder am nächsten Tag schon sein eigenes Süppchen. Und dabei stehen sich hier nicht nur Briten, Franzosen, Amerikaner und Sowjets gegenüber. Selbst untereinander ist sich jeder selbst der Nächste. Die Geheimdienste sind die ersten, die funktionierend Strukturen im zerstörten Berlin aufzubauen in der Lage sind. Hüben wie drüben versucht man das Maximale für sich selbst rauszuholen und dem Anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aktion statt Reaktion.

Davon bekommt der Großteil der Bevölkerung natürlich nichts mit. Schließlich sind hier Geheimdienste am Werk. Und die arbeiten nun mal im Geheimen. Und das in der Stadt, die vor anderthalb Jahrzehnten die Kapitale der Welt war. Sonderstatus genießt. Berlin gehört nur auf dem Papier zu Westdeutschland. Vier Sektoren stellen 24/7 klar, dass Berlin sowohl zur einen als auch zur anderen Seite gehört. MI6 und CIA öfter mal gemeinsam und SDECE im Westen und das  blitzschnell ins Leben gerufene MfS, die Stasi, auf der anderen Seite. Das Sägen an den Stühlen der Oberen gehört schon immer zum Handwerk. Erich „ich lieb doch alle Menschen“ Mielke war anfangs nicht als Chef der Stasi vorgesehen. Ein Mörder mit Zwangsrekrutierung in eine NS-Organisation, der mehr aktiv als Passiv am Sturz von Walter Ulbricht beteiligt war, das war selbst den Sowjets zu viel. Der war schlecht zu kontrollieren. Schlussendlich leitete er den Spitzeldienst über vierzig Jahre, ohne je ernsthaft zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das bisschen Knast am Ende seines Lebens, hat ihn sicher weniger gejuckt als das Misstrauen der Sowjets zu Beginn seiner Karriere.

Berlin als Hort der fiesen Tricks, gemeinen Fallen, tief liegender Gräben und Stollen, Abhörmekka, Testgebiet für neue Technologien, Areal der Effizienz war in Planquadrate eingeteilt, auf denen mit Menschen ein Spiel getrieben wurde, das sie selbst nie als solche erachteten. Dietmar Peitsch war ebenfalls Teil dieses Systems, was heute so allgemein als Spionage und Spionageabwehr abgetan wird. Geduld musste man schon mitbringen, um in diesem gnadenlosen Geschäft erfolgreich sein zu können. Cleverness, Chuzpe, Charisma mit einer gehörigen Portion Eigensinn sind Grundeigenschaften eines erfolgreichen Spions oder Agenten.

Sachlichkeit und Detailverliebtheit sind Eigenschaften des Autors, die dem Leser durch dieses Buch einen tiefen Einblick in die Arbeit der Geheimdienste und ihrer Agenten geben. Angereichert mit Anekdoten wie der der versuchten Anwerbung des Autors durch die Stasi.

Berliner Razzien

Das Trampeln schwerer Stiefel, Blaulicht, Sirenen – da kann man nur hoffen, dass man auf der richtigen Seite der Tür (des Gesetzes) steht. Und wenn man was ausgefressen hat, nimmt man besser beide Beine in die Hand und rennt, was die tabakverseuchte Lunge noch herzugeben vermag. Am besten ist es natürlich, wenn der Tross der Verdächtigen und ihrer Jäger an einem vorbeizieht und man unbescholtener Beobachter ist.

So wie Leo Heller. Er brachte schon vor fast einhundert Jahren Licht ins Dunkel der Unterwelt, bei den Namen – Heller – mehr als verständlich. Als Autor und Reporter war er bei mehr Razzien in Berlin zugegen als die schwärzesten Gestalten der Nacht und als mehr Polizisten in der Hauptstadt.

Sogar mit dem großen Ernst Gennat war er auf der Jagd bzw. Suche. Und zwar nach der Leiche von Rosa Luxemburg. Doch weder er noch der damals noch nicht so bekannte spätere Erneuerer der Ermittlungsmethoden wurden fündig. Doch allein schon die Reportage zu lesen, genügt, um sich die bedrückende Stimmung und die Hilflosigkeit der Beamten vorstellen zu können.

Manchmal kam es sogar vor, dass sich kriminelle Vereinigungen, die so genannten Ringvereine, der Dienste des angesagten Schreiber bedienten. Sie luden ihn einfach ein, um ihm ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Meistens jedoch war er mit Kommissaren unterwegs, was schon mal dazu führte, dass bei einer Razzia er selbst neben den vermeintlichen Verbechern Aufstellung nehmen musste.

Es ist erstaunlich wie modern sich diese Reportagen heute noch lesen lassen. Die lebendige Sprache hat nichts an Originalität und Einfühlungsvermögen verloren. Auch wenn es bei den Razzien nicht immer wild und pulverlastig zur Sache ging. Denn eine Razzia war zwar gut vorbereitet, musste jedoch im Vorfeld geheim gehalten werden. Der Überrumpelungseffekt war oft das Wichtigste an der Unternehmung. Mit Sprachwitz, beispielsweise, wenn ein Ganove einen anderen per Drahtverbindung (Telefonat) vor der Razzia der Polente warnte, und hinter ihm bereits die Staatsmacht stand, zogen Hellers Reportagen die zahlreichen Leser in eine Welt, die sie jeden Tag wahrnahmen, aber um nichts in der Welt ihr eigen nennen wollten.

Berlin und die Unterwelt der Goldenen Zwanziger – so traurig es ist – das gehört nun mal zusammen. Keine rauschende Nacht ohne Rausch. Und wo Rausch, da auch leichte Mädchen. Unter ihnen durchaus auch manchmal Damen der besseren Gesellschaft, die sich ihre Zeit mit ruchlosen Genossen vertrieben. Und wo Ruch und Rausch sich die Klinke in die Hand gaben, war Leo Heller nicht weit. Er kannte alle, die im Dunkel der Großstadt eine Mark extra machten, jede Mulle, jeden Gauner, jede Spelunke – und er schrieb über sie. Zum Jubiläum der Goldenen Zwanziger mehr als ein ehrenvoller Beitrag.

Lost & Dark Places Berlin

Eine Brotfabrik, ein Funkhaus und ein legendärer Flughafen – komm, lass uns Urlaub machen! Die in diesem Buch vorgestellten Ausflugsziele stehen nicht auf allzu vielen Wunschzetteln für einen erholsamen Urlaub. Was aber auf alle Fälle feststeht, ist, dass diese Expeditionen jedem Hobbyforscher einen Denkzettel verpassen. Corinna Urbach und Christine Volpert haben dreiunddreißig Orte in und um Berlin gefunden, die ihr Leben gelebt haben, die mittlerweile nicht nur sprichwörtlich ihr Dasein im Schatten fristen. Lost places, dark places nennt man solche verlassenen Orte, die ihre Pracht, ihren Sinn im Laufe der Jahre verloren haben. Hier gilt es Vorsicht walten zu lassen. Hier benimmt man sich wie es sich gehört: Achtsamkeit und Ehrfurcht vor der Geschichte stehen an oberster Stelle. Dafür wird man aber auch außergewöhnlich belohnt.

Der Zahn der Zeit, das Vergessen, der Unwillen zur Erhaltung oder ungeklärte Besitzverhältnisse haben so manchem Ort ein Schicksal in den eigenen Mauern beschieden. Oft sind diese Orte abgesperrt, weil die Holzböden morsch sind, die Statik nicht mehr überprüft wird und somit akute Einsturzgefahr besteht.

Auf der anderen Seite gibt es Orte, die eine dunkle Vergangenheit haben und nun als Mahnmal, niemals zu vergessender Ort der Nachwelt ihre Geschichte erzählen. So wie das Geheimobjekt 05/206. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Doch der nichtssagende Name in Märkisch Oderland ist nicht mehr und nicht weniger als der Atombunker, der im Ernstfall einmal als Organisations- und Rechenzentrum für die Nationale Volksarmee hätte dienen sollen. Von außen eher unscheinbar, so sollte es ja auch sein, von innen immer noch in erstaunlich gutem Zustand. So dass heutzutage eineinhalbstündige Führungen stattfinden.

Die NS-Zeit ist zum Glück vorüber, die Folgen sind bis heute sichtbar. Aber nicht alles ist noch zu besichtigen. Dank dieses Buches und den darin enthaltenen Abbildungen kann man allerdings einen Blick darauf werfen. So wie in die Siedlung der SS-Leitung des KZ Ravensbrück. Nach dem Krieg eroberten die Sowjets das Gebiet und machten sich bis zu ihrem Abzug Anfang der 90er Jahre sich hier breit. Seit rund einem Jahrzehnt kann man in einzelnen Gebäuden wieder Ausstellungen zur besonderen Geschichte besichtigen.

Auf eigene Faust in abbruchreife Häuser einsteigen, ist ein wahrlich gruseliges Abenteuer. Sollte man unterlassen, da man sich mindestens des Landfriedensbruchs strafbar machen kann. Wer sich dabei die Taschen füllt, ist ein Dieb. Ganz davon abgesehen, dass man sich selbst in Gefahr bringt. Die beiden Autorinnen stellen Orte vor, die Geschichte machten, die man besichtigen darf, aber auch Orte, die der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Nichts desto trotz machen diese Orte Lust auf erlebbare Geschichte. Und dort, wo man nicht rein darf, ist dieses Buch mehr als ein Trostpflaster. Was immer noch besser ist als ein echtes Pflaster auf blutigem Körper…

Barnim und Uckermark

Die Entscheidung den Urlaub in Brandenburg zu verbringen, ist eine bewusste Entscheidung. Das Image der Region ist im Allgemeinen … nicht vorhanden. Und wenn man dann noch behauptet im Nordosten des Landes zu urlauben, erntet man erst einmal Fragezeichen. Was ist denn daran so besonders? Prenzlau, Templin, Angermünde – noch nie gehört. Für viele ist das schon ein Grund dorthin zu fahren. Bei Wandlitz spitzen manche dann doch die Ohren. Da war doch … die Genossen … ach, vor dreißig Jahren die Heimstätte der Partei- und Staatsführung. Honecker und seine Riege wohnten hier.

Doch der Nordosten Brandenburgs hat mehr zu bieten als unbekannte Orte und die spießig eingerichteten Wohnungen der Lenker eines untergegangenen Landes. Technikfans kommt das Schiffhebewerk in Eberswalde in den Sinn. Ein kolossales Technikmuseum, das heute noch in Betrieb ist und mit seiner Einfachheit immer noch für Erstaunen sorgt. Sechsunddreißig Meter überwindet das Technikwunder, ohne dass dabei endlose Rußwolken in den Himmel geschossen werden müssen.

Wer hier urlaub macht, sucht nur Eines: Ruhe. Und er findet sie. Endlose Naturparks, die so unberührt sind, dass man sich wie ein Entdecker fühlt. Wer früh am Morgen die ersten Sonnenstrahlen nicht als Weckruf, sondern Begleiter sieht, kann Vögeln und anderen Tieren beim Erwachen unter die Bettdecke schauen. Die Hinterlassenschaften der letzten Eiszeit haben eine wasserreiche Landschaft hinterlassen, die jede Scheu vor dem Wasser vergessen lässt. Kanufahrten durch die urwüchsige Natur lassen das Summen im Kopf, sofern vorhanden, schnell verstummen.

Und dann ist da Uckermark. Jetzt weiß jeder, wo man ist. Kanzlerinnenland. Ja, Angela Merkel ist hier aufgewachsen und ab und zu noch in der Gegend. Doch das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist hier – einmal mehr – die Ruhe, die einen schnell ergreift, lässt man sie gewähren. Kleine Dörfer mit Namen, die an Großstadt erinnern, die Lichter der selbigen jedoch erblassen lassen: Wilmersdorf, Prenzlau, Hindenburg. Det jehört doch nach Berlin! Nee, ist Brandenburg. Angermünde trägt wie ein Sportchampion seine Trophäen vor sich her. Stilvolle restauriertes Fachwerk so weit das Auge reicht. Das Barnimer Land ist weitläufig. Und immer wieder entdeckt man schon beim losen Durchblättern des Reisebandes Kleinode, die das Auge erfreuen. Landhäuser, Schlösser, kleine Kirchen – ein bisschen Abenteuergeist muss man schon mitbringen. Den Rest erledigt die Region.

Es ist erstaunlich, dass diese wenig in Erscheinung tretende Region ein Füllhorn an Ruhe und Forschergeist wie selbstverständlich in sich vereint. Autorin Kristine Jaath macht es einem nicht leicht nicht alles auf einmal sehen zu wollen. Sie füllt tatsächlich über zweihundert Seiten mit Dingen, die man tun kann und auf gar keinen Fall verpassen darf. Ausführliche Wegbeschreibungen sorgen dafür, dass man nichts verpasst und so manches kleine Histörchen nie mehr vergisst. Die farbig unterlegten Seiten sind kleine Wissensraketen, die sofort ins Hirn schießen. Genau so wie ein Urlaub in Barnim und der Uckermark eine bewusste Entscheidung ist, sollte der dauernde Blick in diesen nützlichen Reisebegleiter sein.

Monster Berlin

Es ist nicht einfach die NS-Zeit mit Kultur in Verbindung zu bringen. Staat und Partei sind verschmolzen – ein sicheres Zeichen für Diktaturen. Die Kulturszene muss sich dem Diktat der Partei, und somit des Staates beugen. In Deutschland der Jahre 1933 bis 1945 kein leichtes Unterfangen. Entartete Kunst, Bücherverbrennung, Hetze, Vertreibung, Folter – Künstler hatten es schwer ihrer Kunst Ausdruck zu verleihen. Die Verlustmasse der Geflohenen ist bis heute nicht aufgearbeitet. Während Filmschaffende Hollywood zu heutigen Ruhm verhalfen – ohne sie wäre der Flecken Erde in den Hügeln bei Los Angeles nicht weiter als ein Gewerbegebiet mittleren Ausmaßes für Filmschaffende – arrangierten sich manche mit dem Regime, manche biederten sich an, manche lavierten sich geschickt durch die Zeit.

Die Zeiten, in denen aufm Ku’damm in den Cafés heiter diskutiert wurde, Weltliteratur geschrieben wurde, die Kunstszene zu explodieren drohte, waren endgültig vorbei als der Fackelzug der SA durchs Brandenburger Tor zog. Und Max Liebermann bei diesem Anblick die packende Zusammenfassung zum Besten gab: „Ick kann jar nich soville fressen wie ick kotzen möchte.“

Im Süden Frankreichs, in Sanary sur Mer bildete sich zwischenzeitlich eine deutsche Literatenkolonie, die jedem Bücherliebhaber ein Schauern über den Rück laufen lässt. Und in Berlin? Monströse Pläne für eine Welthauptstadt. Die Welt zu Gast bei Mördern. Gleichschritt nicht nur als Tagesparole, sondern bildhafter Alltag. Die Filmbranche blühte auf unter der Fuchtel von Joseph Goebbels, der nebenbei auch oberster Herr der Stadt Berlin war.

Berlins Künstler waren zu dieser Zeit nicht minder kreativ als in den Jahren zu vor. Sie waren vor allem politischer, einige politiksicher. Wer Geld verdienen wollte, weil er es musste (der schnöde Mammon nimmt keine Rücksicht auf Diktaturen), passte sich an, wenn er keine Möglichkeit hatte zu fließen. Oder er versank für alle Zeiten in der Bedeutungslosigkeit.

Als der „Vulkan Berlin“ ausbrach, stieg aus ihm das „Monster Berlin“ – so beschreibt es Autor Kai-Uwe Merz. Was nichts anderes besagt als dass der erste Satz dieses Buches geschrieben wurde als der Vorgängerband („Vulkan Berlin“) erschien. Beide Bücher rücken die Metropole Berlin ins Rampenlicht und leuchten sie detailreich aus, so dass selbst in den dunkelsten Ecken sich keiner mehr verstecken kann. Zweieinhalb Jahrzehnte, die Zwanziger, die Dreißiger und die erste Hälfte der Vierziger reichten aus, um den Olymp zu erklimmen und in die Tiefen der Hölle zu stürzen. So wie George Grosz es zeichnete. Hitler vor dem Leichnam seines Bruders auf dem Knochenhaufen der Opfer. Ein Sinnbild, das bei seiner Entstehung eine dunkle Zukunft darstellte und nur wenige Jahre später bittere Realität war. Um die Pauken und Trompeten dieser Zeit richtig zu verstehen, braucht man Bücher wie diese!

Christian Voß und die Sterne

Es ist noch lange nicht alles geschrieben worden über die dunkelste Zeit in Deutschland, Europa und der Welt. Vieles wurde schon veröffentlicht, geriet aber im Laufe der Jahre wieder in Vergessenheit. Und manches wird durch unermüdliche Recherche und Beharrlichkeit wieder ins rampenlicht gezogen. So wie „Christian Voß und die Sterne“. Gut so!

Europas Himmel ist vom Pulverrauch in ein tiefes Grau getaucht. In Deutschland gibt es zwar noch so etwas wie ein „normales Leben“, doch das hat so gar nichts mit dem zu tun, was heutzutage als „normal“ angesehen wird. Juden dürfen nicht mehr arbeiten, nicht mit der Straßenbahn und Bussen fahren. Es gibt reglementierte Einkaufszeiten. Sie müssen einen Stern tragen. Sie werden schikaniert, verprügelt, in die Vernichtungslager geschickt. Nein, ein Alltag ist das nicht. Die permanente Angst gibt vielen Anlass sich das Leben zu nehmen oder es vorzugaukeln.

Das Landei Dr. Christian Voß aus dem Mecklenburgischen lebt seit ein paar Jahren in Berlin. Er hat seinen Frontdienst geleistet und steht nun nach frischen Erdbeeren an. Schon in der Warteschlange erfährt er, was es heißt um diese Uhrzeit einkaufen zu gehen bzw. einkaufen gehen zu müssen. Er als Mann. Um diese Zeit! Hier? Jetzt, wenn die Juden einkaufen. Eine Frau mustert den eingeschüchterten jungen Mann und gibt ihren Senf dazu. Sie hat gut reden. Sie ist keine Jüdin, muss nicht mit der Waffe in der Hand auf Andere schießen. Sicher hat sie Privilegien, die es ihr erlauben derartige Hasstiraden vom Stapel zu lassen.

Christian Voß – völlig unerfahren wie man sich benimmt, wenn man in der Warteschlange steht – fragt eine junge Frau, ob er denn hier richtig stehe. Und schon geht das Gezeter los. Augenblicke merkt er, dass er eine junge Jüdin angesprochen hat. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob er mit Juden oder Ariern spricht – solange die Politik außen vor bleibt, was in dieser Zeit so gut wie unmöglich ist. Irene, so heißt die Frau, gibt ihm zu verstehen, dass er vermeintlich in größerer Gefahr ist als sie selbst. Ob er denn nicht ihren Stern sehe. Ihm ist es egal. Es sind die ersten zarten Bande, die in dieser hässlichen Situation beim Einkaufen geknüpft werden. Die Bande werden bald schon zu einem harten Knoten werden.

Hart in jeder Hinsicht. Denn in der Wohnung von Irene stapeln sich die Menschen, und damit auch die Probleme. Bloß nicht auffallen. Leise sein. Nicht anecken. Das gilt auch untereinander! Die Arzttochter Irene musste schon ihren Eltern Lebwohl sagen. Sie hat Angst vor einer Beziehung mit Christian. Was, wenn sie sich wirklich verliebt? Und er sich in sie? Das muss scheitern! Unmöglich in diesen Zeiten. Und dennoch geraten beide in den Strudel der Gefühle.

Hertha von Gebhardt beschreibt sehr detailreich den Alltag von Menschen, deren Überleben mehr von der Hoffnung geprägt ist als vom Willen. Das Buch erschien zum ersten Mal 1947 und wurde mit gemischten Kommentaren wahrgenommen. Jetzt, nach mehr als sieben Jahrzehnten, ist es umso wichtiger, dass es noch einmal erscheint. Denn: Es wurde schon wieder so viel vergessen!