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Pasta mia

Spielt der Mann da oben links auf dem Cover etwa mit dem Essen? Das darf man doch nicht! Gennaro Contaldo darf das! Wer ihn noch nicht kennt … er war der Lehrer von Tim Mälzer und Jamie Oliver. Das reicht, um in Kochkreisen als Legende zu gelten. Doch dieser Ruf gründet nicht allein auf dieser Tatsache, sondern darauf, dass dieser sympathische Koch sein Können nicht alle Nase im Fernsehen unter Beweis stellen muss, sondern, dass er dies gar nicht nötig hat. Und in seinem neuen Kochbuch geht es um Pasta, basta!, sein Lieblingsessen. Und mit dieser Einstellung steht er nicht alleine.

So ein einfaches Gericht, mögen einige nun vorschnell behaupten. Wasser kochen, Pasta in den Topf, fertig. Und da liegt schon der erste Fehler. Wo ist die Zeit? Wie lange kocht man welche Pasta? Schließlich gibt es nicht nur Spaghetti und Penne. Die Lösung ist dann doch einfacher als man denkt, meint Gennaro Contaldo. Ein großer Topf mit reichlich Wasser, denn die Pasta zappelt gern im Wasser herum. Das ist die Basis des guten Geschmacks. Und lässt den Genießer schon vor Aufregung wild auf seinem Stuhl herumzappeln. Das Salz gibt man hinzu kurz bevor das Wasser kocht. Anderthalb bis zwei Teelöffel pro Liter Wasser. Und das Geheimnis um al dente lüftet der Meister auch gleich noch mit.

Ist die Pasta fertig, stellt sich nur noch die Frage der richtigen Sauce. Wie aus dem Handgelenk schüttelt Contaldo die Antwort(en). Ob Rigatoni, Orecchiette oder Conchiglioni – zu jeder Pastaart passt eine Sauce und/oder eine Zubereitungsart.

Liest man sich schon nur die einführenden Kapitel, läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Doch wie bei jedem leckeren Essen, liegt auch hier das Erfolgsrezept in der Ruhe. Schließlich liegen noch über 150 Seiten feinsten Gustos vor dem schmachtenden Leser. Wie zum Beispiel Pastacini, Pastakroketten. Ja, da muss man zweimal hinschauen, um sicher zu gehen, dass man sich nicht verlesen hat. Meersalz, Tagliatelle, Butter, Parmesan Kochschinken, Mozzarella, Eier, Semmelbrösel und Pflanzenöl. Mehr braucht man nicht. Kein Wort zu viel, aber – und das ist bei der Fülle an Kochbüchern nicht immer gegeben – auch kein Wort zu wenig. Gennaro Contaldos Rezepte sind Anleitungen zum Glücklichsein. Da ist es fast schon egal, ob man sich beim Kosten einmal die Zuckerschnute verbrennt. Es schmeckt, dass man alles um sich herum vergisst. Garantiert.

Es ist doch nicht so leicht Pasta so zuzubereiten, dass aus den einfachen Zutaten ein wirklich außergewöhnliches Mahl entsteht. Doch einmal dem Rezept gefolgt, wird man schnell zum Sprengmeister der Geschmacksexplosion. Schon allein die Namen der Gerichte laden zu vacanza in italia ein ohne die eigenen vier Wände zu verlassen: Pisarei e Faso‘, Nocken aus Pasta ohne Ei mit Bohnen. Linguine con tonno fresco e briciole, Linguine mit frischem Thunfisch und Semmelbröseltopping. Mezzelune con zucca e taleggio, Mezzelune mit Butternusskürbis und Taleggio. Da kann man nicht anders: Nachkochen und sich wie in bella italia fühlen. Wenn es Kochbuch gegen die Folgen des Lockdowns gibt, dann dieses!

Agata und ihr fabelhaftes Dorf

Wo gestern noch das Feuer des Kampfes loderte, liegt heute der kalte Körper von Costanzo Di Dio, dem Tabacchere in dem kleinen sizilianischen Ort. Gestern noch, oder besser: Bis gestern noch scharwenzelten der Bürgermeister Don Pallante und seine Kumpane um ihn herum. Sie wollten sich unbedingt Saracina, ein idyllisches, vor allem aber unfassbar wertvolles Stück Land unter den Nagel reißen. Doch der Kommunist Costanzo blieb stur. Keine Unsumme der Welt würde er akzeptieren und das Land, auf dem einmal seine Kinder und Kindeskinder spielen sollen hergeben. Und schon gar nicht dem Faschisten Pallante.

Jetzt ist der letzte Funken Lebensgeist aus Costanzos Körper gewichen. Die Trauerfeier ist pompöser als es ihm liegewesen sein könnte. Doch die Leichenfledderer stehen schon Schlange. Siekreisen um die schöne Agata. Jung, in der Blüte ihres Lebens. Die Frauen des Dorfes neiden ihr das Aussehen und den Status der jungen Witwe, die es über Kurz oder Lang mit der Moral sicher nicht mehr so ernst nehmen wird. Auch der Bürgermeister streckt seine klebrigen Finger nach ihr aus. Was bisher nur im Verborgenen blieb, tritt nun allzu deutlich zutage. Er will Agata endlich erobern. Wegen ihr. Und wegen des Anwesens. Die geplante Mülldeponie ist profitabel.

Pallante, den alle wegen seiner auffälligen Augen nur occhi janchi, weiße Augen, nennen, bietet willfährigen Helfern sogar hochbezahlte Jobs in der Umgebung an. Qualifikation wird ja eh überbewertet. Dieses Helfer haben es aber bis jetzt nicht geschafft, das begehrte Land in den Besitz von occhi janchi überzuleiten. Jetzt scheint die Gelegenheit gekommen, Saracina endgültig vereinnahmen zu können. Die junge Witwe hat momentan sicher andere Sorgen als den Kampf um ein Stück Land…

Dass die Aasgeier sich irren, steht schon während der Prozession fest. Vor der Parteizentrale der Bürgermeisters Pallante bleibt Agata kurz stehen und … spuckt aus. Sie wird für ihren Laden kämpfen (müssen). Sie wird für Saracina kämpfen (müssen). Sie wird jedem Widersacher mehr als nur die Stirn bieten (müssen). Mit Toni Scianna, dem Lehrer – auch schwer verliebt in die bezaubernde Agata – und Lucia, ihrer besten Freundin hat sie Verbündete an ihrer Seite, auf die sie bauen kann.

Verehrer und Feinde sind von nun an im Leben von Agata die Konstanten im Alltag. Ihre Feinde sind zu allem bereit. Das emotionale Band zu ihren Freunden wird immer wieder gespannt, doch es hält.

Tea Ranno gelingt es spielerisch den schmalen Grat zwischen kitschiger Idylle am Meer und akurat gezeichneter Verhältnisse in dem fiktiven sizilianischen Dorf nicht zu verlassen. Mit dem Maresciallo Andrea Locatelli kommt Hilfe von ungeahnter Seite. Ihm sind die Machenschaften des Bürgermeisters und seiner Bande ebenso ein Dorn im Auge, den man besser heute als morgen herauszieht. Das fabelhafte Dorf von Agata strotzt vor Liebe. Aber eben auch vor Hass und Gier. Agata wird ungewollt zu einer zentralen Figur in einem Spiel, das durchschaubar ist, dessen Regeln aber immer wieder gebrochen werden. Und genauso oft gebrochen werden müssen.

Einmal in Sizilien

Einhundert Jahre wäre Leonardo Sciascia 2021 geworden. Vor fünfundsechzig Jahren sind diese Geschichten erstmals erschienen. Grund genug Werk und Autor in diesem kleinen roten Büchlein gebührend zu feiern. In fünf Geschichten erzählt er vom harten Leben in den Schwefel- und Salzminen, von gewissenlosen Landbesitzern und dem Kampf gegen die Korruption und fängt dabei Siziliens Geschichte ein.

Siziliens Geschichte ist voller Trauer, Blut und Gewalt. Das wissen wir nicht erst seitdem Michael Corleone in „Der Pate“ seiner Kate seine Heimat (und so ganz nebenbei sein Leben) erklären will. Leonardo Sciascia gebührt der Ruhm diese Erkenntnis in die Welt hinaus getragen zu haben. So berichtet er vom grausamen Tod des Don Girolamo del Carretto. Der wurde im Mai 1622 von seinem Knecht gemeuchelt. Nicht ganz zu unrecht. Wenn man das Prinzip  „Auge um Auge“ zugrundelegt. Denn der Graf war ein raffgieriger Herrscher. Die Steuern wurden nach Belieben erhoben und mit Brutalität eingetrieben. Einen Vertrag mit den Bewohnern von Regalpetra – dem fiktiven Ort, in dem diese fünf Geschichten angesiedelt sind – beugte er auf schändliche Weise. Gegen eine Einmalzahlung sollten seine Untertanen für alle Zeit von allen finanziellen Belastungen befreit werden. Man zahlte, doch der Graf erhob fleißig weiter Steuern bzw. Abgaben. So ist das eben in Sizilien, wenn Verträge nicht eingehalten werden. Andernorts regt man sich nur darüber auf, resigniert und ergibt sich in fatalistischer Phrasendrescherei…

Jahrhunderte später kamen die Faschisten vielen Sizilianern, vorrangig den Einwohnern von Regalpetra wie Heilsbringer vor. Man arrangierte sich. Die Mahner wurden mundtot gemacht. Doch auch hier wurde man sich schnell bewusst, dass die endgültige Erlösung einem perfiden Blendwerk Platz machen musste.

Später als Lehrer .. man kann es sich denken. Wer sich geschickt durchs Leben mogelt, kommt auch ans Ziel. Nicht selten gewissenlos, aber zumindest mittelfristig einigermaßen glücklich. Was kann man tun? Nichts Offensichtliches. Die Hoffnung, dass der Missetäter einer höheren Macht Antwort geben muss, lindert den Schmerz.

Sciascia beschreibt nicht die glanzvollen Fassaden der Paläste, ihm ist das einfache Volk mit seinen Sorgen und Nöten näher. Der Poesie, die seinen Geschichten innewohnt, tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die Hoffnungslosigkeit und die oft vergebene Mühe eine Wendung herbeizurufen, ist mindestens genauso spannend wie ein Spaziergang durch die aufgeräumten Gärten Siziliens.

Secret Citys Italien

Es ist über sechzig Jahre her, dass Caterina Valente den Wirtschaftswunderkindern ihre Heimat Italien schmackhaft machte. Und noch immer folgt man ihrer Aufforderung mit ihr nach Italien zu kommen. Immer gern, immer wieder, immer wieder gern. Ein Reiseziel zu finden, ist nicht schwer. Die richtige Wahl zu treffen ist hingegen ein echtes Abenteuer. Will man dem Trubel der Großstädte aus dem Weg gehen und das wahre Italien kennenlernen, ist allein schon die Recherche eine kleine Reise.

Blättert man aber in diesem Buch, wird die Anzahl der zur Verfügung stehenden Urlaubstage das einzige Hindernis, das zu überwinden ist. So viele Orte, die man vielleicht schon mal gehört hat, aber deren geheime Ecken eben nun mal das sind, was sie sind, nämlich geheim. Auch wenn man meint, dass Städte wie Turin, Bologna oder Palermo kaum noch Geheimnisse in sich bergen. Autor Thomas Migge beweist auf knappe zweihundert Seiten, dass diese Annahmen nicht mehr sind als Vorurteile, die man allzu gern vor Augen führt.

Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, springt einem das Fernweh ins Gesicht! Eine prächtige Treppe im sizilianischen Caltanissetta. Stimmungsvoll erstrahlt im spätabendlichen Licht die viel besuchten (das muss man dann auch mal mit anderen teilen können) Stufen der einzigen Treppe Italiens, die komplett aus handgefertigten Kacheln sind. Wo man sich bisher nur zum Entspannen oder auf ein gelato niedergelassen hätte, lässt man nun das Auge schweifen und bewundert die Kunstfertigkeit der Künstler.

Wenn jemand ausschweifend seine Erkundungstouren durch Italien zum Besten gibt, kann es dann doch mal passieren, dass ein wenig Seemannsgarn gesponnen wird. Auch und gerade, wenn es um das Bergdorf Civita di Bagnoregio geht. Glauben Sie niemandem, der ausführt, wie er den letzten freien (und womöglich kostenlosen) Parkplatz des Örtchens ergattert hat. Über eine Brücke erreicht man dieses idyllische Plätzchen, das sich auf einem Tuffsteinfelsen einen ewigen Platz in der Liste der fotogensten Plätze der Welt sichert. Und über diese Brücke kommt man nur … zu Fuß. Was man dann aber erlebt, ist atemberaubend. Seit über zweieinhalb Jahrtausenden leben hier Menschen, seit den Etruskern. Und deren Priester haben hier über das Schicksal der Menschen entschieden, wahrscheinlich. Auch dieses Buch kann das Rätsel über das Fanum Voltumnae nicht endgültig lösen.

Ob das allerorten bekannte Parma, die geheimnisvollen Gärten der Bomarzo, Tarqunia oder Ostia vor den Toren der Ewigen Stadt – dieser Bildband mit seinen eindrucksvollen Bildern hält das Versprechen dem Charme von sechzig Städten auf den Grund zu gehen. Das Tal der Tempel bei Agrigent, selbst das pulsierende Palermo, aber auch das im Schatten Mailands stehende Pavia hübschen sich auf, um sich von ihrer besten, aber auch ihrer geheimnisvollen Seit zu zeigen.

Die Frau am Dienstag

Die Zeiten, in denen Bonamente Fanzago immer seinem Mann stehen konnte sind vorbei. Als Darsteller in einschlägigen Filmchen sinkt sein Stern unaufhörlich am Firmament des Ruhms.
Die Zeiten von Nanà Malacrida sind auch vorbei. Die Zeiten, in denen sie Männer glücklich machte, die Zeiten, in denen ihr Körper ihr einziges Kapital war.
Auch die Zeiten, in denen der Transvestit Signor Alfredo mehr war als nur der Besitzer der Pension Lisbona, sind vorüber. Von allen begafft, von einigen begehrt, doch immer am Rande der Gesellschaft.
Auch Tommaso Fontana hat schon bessere Zeiten erlebt. Als Anwalt hat er so manchen Ganoven rausgehauen. Einmal jedoch konnte er seiner Mandantin nicht helfen. Reuig nahm er sie bei sich auf. Doch bald schon wird er tot sein. Überfahren. Von einem übereifrigen Angsthasen, der seine Felle davonschwimmen sieht.
Vier Menschen, die mitten im Leben stehen und dennoch das Geschehen auf dem Spielplatz des Lebens von außen betrachten müssen. Wer am Rande steht, kann nicht weiter nach Außen gedrängt werden. Mut und Verzweiflung liegen bei den Vieren eng beieinander. Sie alle haben einmal im Leben Entscheidungen getroffen, die ihr gesamtes Leben beeinflussten. Nun stehen sie da. Zusammen und trotzdem einsam. Das Band, das sie verbindet, ist unsichtbar. Es soll jedoch bald schon zu einem starken Tau werden, das kaum noch zu übersehen sein wird.
Massimo Carlotto lässt in seinem Buch Menschen aufeinandertreffen, einschlagen, davonrennen, kämpfen, weinen und lachen zugleich. Da mordet der Eine. Ein anderer trifft sich jeden Dienstag zwischen Drei und Vier mit einer Frau. Neun Jahre geht das schon so. Zwischenzeitlich gestand er ihr seine Liebe, was sie mit einer mehrmonatigen Abstinenz würdigte. Es fließen viele Tränen im Leben dieser vier Menschen.
Die Polizei sucht einen Mörder. Ein terrierartiger Journalist mit gnadenloser Spürnase und unnachgiebigem Biss wittert wieder einmal einen Scoop. Und ein Typ in Cowboystiefeln wandelt sich vor dem Auge des Lesers vom unheilverkündenden Engel mit Hörnern zu einem echten Freund.
Hier ist lange nicht klar, wer welche Rolle spielt. Nur dass es Rollen sind, die hier gespielt werden, ist von Anfang an klar. Ein spettacolo furioso, das mit so viel Liebe dargeboten wird, dass man niemandem einen Vorwurf machen kann. Jeder der Vier ist ein Mensch, den man ins Herz schließen muss. Alle wurden vom Leben gefeiert und fallengelassen. Wenn sie einander vertrauen würden, wären sie ein unschlagbares Team. Doch das Misstrauen wird sie trennen.

Voci di sicilia

Ein Land bereist man, weil man die Architektur sich ansehen will. Oder wegen der erholsamen Strände. Oder der abwechslungsreichen Geschichte. Weil man einen außergewöhnlichen Berg besteigen oder generell gern neue Landschaften erkunden will. Oder man will Orte besuchen, die man aus Filmen kennt und die einen sofort in den Bann ziehen. So wie es Sizilien macht. Ob man nun auf den Spuren des Paten wandelt, die wundervoll eingefangenen Drehorte von Wim Wenders‘ „Palermo shooting“ noch einmal abgeht, sofern man sie findet, die größte Insel des Mittelmeeres geizt nun wirklich nicht mit ihren zahlreichen Reizen. Und Sizilien bietet noch einen Grund mehr es zu bereisen: Die Stimmen des Landes, die Stimmen Siziliens.

Es sind bestimmt keine Stimmen, die sich hinter Zypressen verstecken. Sie treten ins Rampenlicht und künden vom Reichtum der Insel. Allen voran Etta Scollo.

Schon im ersten Kapitel über ihre Geburtsstadt Catania begreift man im Handumdrehen die Verbundenheit der Sizilianer zu ihrer Heimat. Ihre Umarmungen der nonna, der Oma, verwandeln sich im Nu in greifbare Erinnerungen. Einen weitaus nüchterneren Blick auf die Stadt hat dagegen Ambra Monterosso. Sie war jahrelang bei der Staatspolizei in Catania. Das Klischee der familienbewussten wischt sie mit wenigen Zeilen vom Tisch. Auch wenn sich die Mafia mittlerweile weniger offen darstellt, ist sie immer noch vorhanden. Was aber nichts am Reiz der Stadt ändert. Doch was wäre, wenn es keine Mafia gäbe? Dann wäre das Bild Catanias noch eindrucksvoller. Das macht sie nicht nur zwischen den Zeilen klar.

Etta Scollo gibt ihrer Heimat Sizilien, die sie einst verließ, um wiederzukehren mehr als nur eine Stimme. Von Palermo über Messina bis nach Caltanissetta eilt der Sängerin und Komponistin der Ruf als führende Stimme der Insel voraus. Bereitwillig breiten Schriftsteller, Philosophen und Politiker. Wie zum Beispiel Leoluca Orlando, der immer wieder gewählte Bürgermeister Palermos.

Noch ein Tipp: Das Buch gibt es in zwei Ausführungen. Unbedingt die Ausgabe verwenden, der eine CD mit Liedern von Etta Scollo beigelegt ist. Ihr glockenklare Stimme, ihr Timbre, ihre unvergleichliche Ausstrahlung gibt dem Buch den richtigen klangvollen Rahmen. Von ganz leisen Klängen bis hin zum stimmungsvollen canzone, das einen einfach nicht stillsitzen lässt, erklingt Sizilien in der ganzen Vielfalt seiner Bewohner. Ein Buch, das die angeordnete Quarantäne versüßen kann. Ein Buch, das Appetit macht sicilia umgehend zu bereisen und den Stimmen zu lauschen. Ein Buch, das niemanden unberührt lässt!

Atlas der verlorenen Sprachen

Im Urlaub steht man oft auf verlorenem Posten, wenn man mit einer Sprache konfrontiert wird, die rein gar nichts mit der eigenen Muttersprache zu tun hat. Wenn dann auch die Schriftzeichen an Kinderkritzeleien erinnern als an das in der Schule erlernte ABC, ist der Ofen aus. Nun gibt es aber auch Sprachen, die selbst den Einheimischen ein Fragezeichen über den Kopf malen. Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind, weil sie nur noch von ein paar hundert Auserwählten verstanden und gesprochen wird. Archäologen und Historiker sehen darin eine Herausforderung. Für den Normalsterblichen sind das dann im besten Fall Bücher mit sieben Siegeln.

Der „Atlas der verlorenen Sprachen“ vom Duden-Verlag – von wem sonst – gibt diesen Sprachen eine Stimme. Rund um den Globus gibt es tatsächlich noch Sprachen, für die es bei der UNO keinen einzigen Übersetzer gibt. Die Völker stehen nicht nur im Abseits, sie sind gezwungen eine allgemeinverständliche Sprache zu sprechen, die jedermann versteht, und die eigene Sprache als Relikt von anno dazumal als folkloristisches Schmankerl hinter dem Ofen zu verstecken.

Der Atlas zählt nicht nur Sprachen auf, die nur noch von ganz wenigen gesprochen werden oder gänzlich verschwunden sind. Es ist erstaunlich wie viel trotz aller Widrigkeiten noch über diese Sprachen bekannt ist. Welche Besonderheiten besaßen diese Sprachen? Welche Struktur wiesen sie auf? Und es gibt Wortbeispiele, die man im Bedarfsfall sogar anwenden kann. Beispielsweise, wenn man in Litauen unterwegs ist, und man einen der noch rund achtzig SprecherInnen antrifft, die Karaimisch sprechen. Die sprechen natürlich auch litauisch, doch wer spricht schon litauisch? Ein paar Brocken zieht man sich aus dem Reiseband. Aber ein richtiges Gespräch kann man damit immer noch nicht führen. Karaimisch ist eine so genannte Turksprache, eine Sprachgruppe, die man gemeinhin südlicher erwartet. Der Atlas gibt nicht nur ein paar Wörter preis, die auf alle Fälle als Start in ein Gespräch nutzbar sind, sondern gibt nachvollziehbar preis, wie die Sprache aufgebaut ist.

Von Alaska bis in die Anden, vom südlichen Afrika über die Savannen bis in den hohen Norden Europas und die entlegensten Insel der Südsee spricht oder sprach man Sprachen, die schon in Vergessenheit geraten sind, bevor die Worte Gentrifizierung und Globalisierung aufs Tapet gelangten. Sprache als Kulturmerkmal Nummer Eins einmal anders. Das Faszinosum des Verschwundenen und des Verschwindens beflügelt unsere Phantasie (wobei auch hier sicher bald das Ph verschwindet, um dem F Platz machen muss – so viel zum Verschwinden von Sprache und wie es geschieht).

Der unschickliche Antrag

„Ich hätte gern einen Telefonanschluss, aber ein bisschen pronto, wenn es geht.“ Den Spruch hat man vor Jahren des Öfteren gehört. In Italien hat das Wörtchen „pronto“ eine weitere Bedeutung. Wenn man sich am Telefon meldet, verwendet man es. Doch wenn man der Erste ist, der ein Telefon samt Anschluss beantragt, in Sizilien, im Jahre 1891, also vierunddreißig Jahre bevor der Autor des Buches ebenda geboren wurde, dann ist das schon eine Geschichte wert. Und die kann von keinem anderen geschrieben werden als vom Großmeister des hintersinnigen Humors selbst: Andrea Camilleri.

Im Fußball nennt man es Rudelbildung, und es wird unnachgiebig mit einer gelben, im Ernstfall auch mit einer roten, Karte geahndet. Im hier vorliegenden Fall müssen sich alle Parteien – dieser Vergleich ist nicht unwillkürlich – irgendwie einigen. Und wenn das nicht klappt, schmiedet man Allianzen, ob die nun als heilig oder unheilig zu bezeichnen sind, obliegt dem Leser höchstselbst.

Der Holzhändler Filippo Genuardi, von allen nur Pippo genannt, will einen Telefonanschluss für den privaten Gebrauch. Die monatlichen Schreiben an den Präfekten von Vigáta sind an Unterwürfigkeit kaum zu überbieten. Man stell sich vor, dass man heute solche Anträge schreiben würde – der Großteil der empfangenden Sachbearbeiter wäre überfordert, zumindest würden sie sich auf den Arm genommen fühlen. Wozu braucht Pippo einen Telefonanschluss? Dazu noch für den privaten Gebrauch. Nicht einmal die Stadtoberen besitzen solch eine Errungenschaft. Pippo kämpft auf verlorenem Posten. Doch er lässt sich nicht unterkriegen. Er wird proaktiv, wie man es heutzutage huldvoll nennen würde. Denn er kennt so manches schmutzige Geheimnis von Leuten, die ihm helfen könnten sein Ziel zu erreichen. Weil die jemanden kennen, der jemanden kennt, … etc. etc. Man kennt das vielleicht aus eigenen Erfahrungen?

Pippo ist schon eine echte Marke. Er ist weit und breit der Einzige, der einen Phonographen besitzt. Vor Kurzem hat er sich sogar einen Vierräder besorgt. Extra für ihn importiert aus dem feinen Paris. Auf Deutsch: Er hat sich ‘ne Karre besorgt. Französisches Fabrikat. Und das mitten in Sizilien. Dort, wo weit und breit nichts als Natur und Landschaft ist. Hier wird gearbeitet, gedarbt, geflucht, und ein bisschen gelebt. Luxus ist für andere da. In Sizilien sieht man zu, dass man mit dem Hinterteil die Wand berührt. Was passiert aber, wenn die eine Hand die Andere wäscht? Werden Träume wahr?

Andrea Camilleri zieht mit der Wortwitzpeitsche über das karge Land. In und zwischen den Zeilen blitzt es an jedem Wortende auf: Das raffinierte Spiel um Macht mit den Werkzeugen der Mittellosen. Was man weiß, muss man nicht preisgeben. Die Andeutung allein reicht, um dem Gegenüber ein mulmiges Gefühl zu geben. Der darf sich nun darum kümmern der Misere den eigenen Stempel aufzudrücken. Als Außenstehender erlebt man ein Schauspiel erster Güte.

Spaghetti al pomodoro

Sie sind die Universalwaffe, wenn der Nachwuchs bei Tische wieder einmal den Aufstand probt: Spaghetti. Mit Tomatensauce hat man die Schlacht automatisch schon gewonnen. Rund um den Erdball sind die dünnen Fäden – ob nun aus Eiern oder Hartweizen hergestellt – der Renner auf den Tellern. Sie waren immer da, sind es bis heute und werden es auch immer bleiben. Den Ruf als globales Mahl wird ihnen keiner streitig machen können. Auch wenn so genannte Fernsehköche (ist das überhaupt ein Ausbildungsberuf? Und wenn ja wie hat er sich im „Spiegel der Zeit“ mit der Erfindung der Flachbildschirme entwickelt?) in so genannten „Kochsendungen für Männer“ den Burger als Synonym für Fleisch als Allheilmittel des lukullischen Aha-Erlebnisses propagieren.

Massimo Montanari taucht hinab in die Tiefen der Geschichte dieses Gerichtes. Woher kommen denn nun eigentlich die Nudeln, die die Welt beherrschen? China? Weil Marco Polo, ein Italiener, eigentlich Venezianer, was zu seiner Zeit noch einen bedeutenden Unterschied ausmachte, im Osten herumschipperte und sie angeblich einschleppte? No. Nudeln wurden schon immer irgendwo auf der Welt hergestellt, wo Weizen angebaut wurde. Die Methode des Trocknens, um sie haltbar zu machen, war ebenso verbreitet, die das Wissen darum, dass, wenn sie in Wasser gekocht werden, sie nicht nur schmackhaft, sondern vor allem auch nahrhaft sind. Auch dem Mythos al dente rückt Montanari auf den Pelz. Stundenlang sollen sie vor Jahrhunderten gekocht worden sein. Nix mit cinque minuti und ab an die Wand klatschen.

Doch zu Pasta gehört – der Titel des Buches verrät es ja bereits – auch eine Sauce. Aus Tomaten. Bringt Farbe ins Spiel. Und Geschmack. Zucker und Zimt waren eine Zeitlang die bevorzugten Zugaben – wenn man das heute Kindern erzählt, ist das Thema gesunde Ernährung auch durch.

Die Tomate kam mit den rückkehrenden Eroberern Amerikas über Spanien auf den Apennin. Selbst die Medici ließen sich mit den roten Früchten, immer noch als Zierde eines jeden Gartens oder generell als Schmuckstück gehandelt, beschenken. Nach und nach wurden dem weißen Teig und der roten Sauce Zutat um Zutat beigefügt. Pfeffer und Käse haben sich bis heute gehalten.

Nun ist es nicht so, dass mit dem Genuss des Buches der Genuss der Pasta im Allgemeinen und der Spaghetti al pomodoro im Speziellen beeinträchtigt wird. So viel Einfluss hat auch der belesene Autor nicht. Doch wenn es bei Tisch darum geht ein bisschen über das Essen zu philosophieren, hat man ein Pfund in der Hand, im Mund, aber garantiert im Kopf, mit dem man wuchern kann. Einfach mal die Worte „lakhsha“ und „risnatu“ in die Runde werfen. Wenn man Glück hat, kann sich unter dem Eindruck des Erstaunens die eine oder andere Nudel mehr vom Teller des Gegenübers klauen. Na, das ist es doch wert, oder?!

Das kleine Licht

Wenn einem ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf geht, muss man was dagegen tun. So denkt auch der einsame Mann, in den einsamen Bergen, in seiner einsamen Berghütte. Und zwar als er auf der gegenüberliegenden Seite des einsamen Tales ein Licht sieht. Jeden Tag. Jeden Tag zur gleichen Zeit erscheint es. Und es lässt ihm keine Ruhe. Was ist das? Was ist dort? Ist es hier vielleicht doch nicht so einsam wie vermutet? Er entschließt sich dorthin zu fahren, von wo das kleine Licht ihm die Nerven zerbrechen lässt. Auf dem Weg trifft er Menschen, die noch nie was von dem Licht gehört haben, geschweige denn es selbst je gesehen haben. Nur einer hat es ebenfalls schon mal gesehen. Für ihn sind es Außerirdische. Naja, eine befriedigende Antwort hört sich anders an.

Der einsame Mann findet die Stelle und ist überrascht, was er da sieht – was er erhofft hat zu finden, kann er eh nicht in Worte fassen. Ein kleiner Junge lebt dort. Er wäscht ab, bügelt seine Sachen, macht Hausaufgaben. Mama und Papa sind nicht da, sind weg. Einfach nicht existent. Und jeden Tag geht der kleine Junge durch den dunklen Wald zur Schule. Er lernt fleißig, doch die Lehrer verzweifeln an ihm. Die Mitschüler hänseln ihn. Er scheint keine Leuchte zu sein.

Doch die Szenerie ist irgendwie geladen. Das spürt der Mann sofort. Der Junge will sich nicht helfen lassen. Sein Fatalismus ist erschreckend, aber auch mutmachend. Der Kleine braucht keine Hilfe, so sehr sie ihm von dem Mann auch angeboten wird. Das ist verstörend … für den Mann. Doch es soll noch unerklärlicher werden als er es sich jemals ausmalen könnte.

Die Idylle der abgeschiedenen Berge ist für Antonio Moresco der ideale Nährboden für seinen Kurzroman. Die einfache Sprache passt ins Bild der Einöde in den einsamen Bergen. Hier ist nicht viel los. Arbeit und nochmal Arbeit bestimmen den Tagesrhythmus. Keine Zeit zur Klage, keine Zeit, um über Dinge grübeln, die eh nicht zu verändern sind. Doch hier oben ist die Welt nicht so in Ordnung (im wahrsten Sinne des Wortes) wie es sich so mancher Teilzeitaussteiger gern vorzustellen wünscht. Und schlussendlich ist die Begegnung mit dem Jungen, der den Kitt aus den Fenstern der Schule aß, ein Treffen mit einem sehr vertrauten Menschen…