Archiv der Kategorie: aus-erlesen bella

Die Sommerhäuser der Dichter

Was braucht ein Dichter, um sich frei entfalten zu können? Die Ruhe der Abgeschiedenheit oder den Trubel der weiten Welt? So unterschiedlich die Dichter, so unterschiedlich sind auch ihre Sommerhäuser. Bertolt Brecht zog sich mit Helene Weigel nach Buckow bei Berlin zurück. Idyllisch am See gelegen, bürgerliches Ambiente. Soviel Kapitalismus muss ein Kommunist aushalten … in Brechts Fall war es sogar gewünscht. Um sich in der DDR niederzulassen, erfüllte die Staatsführung ihm fast jeden Wunsch. Dem des abgelegenen Sommerhauses auf alle Fälle.

Weitaus feudaler residierte da schon Jean Cocteau vor den Toren von Paris. Bis heute ist der Garten unverändert, in seinen Mauern sind Gemälde von Weltrang zu besichtigen. Cocteau lebte in Milly-la-Forêt siebzehn Jahre. Den Trubel der Metropole holte er sich gelegentlich ins Haus.

Trubel konnte Heinrich Böll in seinem Versteck in der Eifel nicht gebrauchen. Schon gar nicht als 1974 Alexander Solschenizyn hier Asyl fand. Bis heute ist dieses Haus eine Zufluchtsstätte für verfolgte Dichter.

Versteckt, bis heute nicht ohne eine Portion Forscherdrang zu entdecken, liegen die Rückzugsorte von Virginia Woolf und ihrem Mann Leonard sowie von George Bernard Shaw. Ausflüge ins Ländliche waren für Woolf Alltag. Shaw hingegen ließ sich einen drehbaren Arbeitsplatz einrichten, um stets der Sonne folgen zu können. Noch einsamer mochte es Hermann Hesse, der gleich am Eingang mit einem Schild auf seine unbedingte Bitte Abstand zu halten hinwies.

Die meisten Häuser, die einmal das Zuhause eines berühmten Kopfes waren, sind heute als Museen zu besichtigen. Dank der unermüdlichen Arbeit von Stiftungen und/oder Nachfahren sind ihre Refugien zu einem Hotspot der Wissbegierigen geworden. Im Fall von Arthur Rimbaud liegt der Fall etwas anders. Auch hier wieder Idylle soweit das Auge reicht. Doch der streitbare Dichter fühlte sich hier in keiner Weise wohl. Das Licht, die Piefigkeit trieben ihn wieder gen Paris. Über hundert Jahre später wurde es verkauft, der Preis dafür: So um die 50.000 Euro. Munkelt man. Die neue Besitzerin verehrt Rimbaud. Parallelen zwischen ihrem und seinem Leben sind vage vorhanden. Er war und ist für sie purer Rock ’n Roll. Ihr Name: Patti Smith.

Von Tanger über Weimar bis Nidda, von Thomas und Klaus Mann über Günter Grass und Anton Tschechov bis William Burroughs – dieses Buch befeuert die Neugier des Lesers. Die Texte laden ein dem Forscherdrang nachzugeben und dem Einen oder Anderen über die Schulter zu schauen und das zu sehen, was die Dichter einst aufsaugten. Die Resultate dieses Aufsaugens sind weltbekannt. Ein Besuch bei Dichters hilft deren Schriften zu verstehen. Hier hält man einen der originellsten Reiseappetitmacher überhaupt in den Händen!

Sizilien

Wenn etwas groß, richtig groß, ist, dann sollte man sich etwas mehr Zeit nehmen, um genau hinschauen zu können. Und das immer wieder. Dann wird man auch immer wieder was Neues entdecken.

So verhält es sich auch mit Sizilien. Es ist die größte Insel des Mittelmeeres. Hinschauen lohnt sich. Nicht nur, wenn der Ätna des Nachts ein Rot in den tiefschwarzen Himmel speit – was ohnehin wohl zu den größten Naturschauspielen weltweit gehört – sondern auch wenn die sengende Sonne das Land zu lähmen scheint. Auf einer Terrasse in Noto die rosa Stadt auf sich wirken lassen oder zwischen Überresten und Hinterlassenschaften von dutzenden Jahrhunderten spazieren im Valle die Templi bei Agrigent. Literaturaffine Besucher werden hier auch die Handlungsorte der Bücher von Andrea Camilleri suchen und zahlreich finden. Oder man schlendert über den Markt von Palermo, den Mercato Ballaro. Wenn man sich damit abgefunden, dass das, was da so verführerisch die Nase umweht, in unseren Breiten ohne nachzudenken in der Tonne landet, weil man es verlernt hat es zu genießen, wird dieser kulinarische Trip zu einem Ereignis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Thomas Schröder zieht schon zum elften Mal den Leser in den Bann der abwechslungsreichen Insel in der Mitte des Mittelmeeres, vom Mittelmaß so weit entfernt wie es nur vorstellbar sein kann. Hier liegt ein Reiseband vor, den man wie einen Roman liest. Das vielbeschworene Gesetz des Schweigens ist außer Kraft gesetzt. Denn der Faszination Siziliens kann man sich einfach nicht entziehen. Auch in Corleone nicht. Dem Ort, mit dem Film- und Buchfreunde das typischste aller Sizilien-Klischees in Verbindung bringt. Hier wurde der Pate geboren, die Hauptfigur aus dem Mafiaroman von Mario Puzo. Der Ort selbst hadert nicht mehr mit seiner Vergangenheit. Das Thema wurde nicht zum Alleinstellungsmerkmal erkoren, es ist ein Teil der Stadt. Mehr aber auch nicht. Denn als der letzte Pate des Corleone-Clans, Bernardo Provenzano verhaftet wurde, ging ein weltweit spürbares Aufatmen durch die Bevölkerung. Das Vorurteil der ehrenwerten Herren geriet zum Mythos, den die, die ihn erlebten mussten, schon viel früher ins Reich der Mythen gewünscht hätten.

Sizilien ist keine Insel, die man bei einem Besuch komplett erfassen kann. Man muss schon öfter vorbeischauen und tiefere Einblicke zu erhalten. Die einzige Konstante dieser Reisen wird dieses Reisebuch sein. Kleine Anekdoten in farbigen Kästen, zahlreiche Abbildungen, detaillierte Kartenausschnitte, unzählige Tipps für alle, alle!, Sinne, und die anschaulichen, leicht nachvollziehbaren Routenvorschläge lassen die Vorfreude ins Unermessliche steigen, vor Ort ein Dauergrinsen im Gesicht der Besucher manifestieren und im Nachgang eine unvergessliche Zeit wiederauferstehen. Und nicht zu vergessen: Ohne dieses Buch wird die Planung für den garantierten nächsten Besuch fast schon unmöglich.

Simplissime Sizilien

Es gibt zwei Arten von Reisebüchern, die man im Urlaub dabei haben muss. Die Einen sind die extra starken, bei denen man das Gefühl hat, dass der Autor jeden Stein extra umgedreht hat und jeder Grashalm die Richtung zum nächsten Hotspot weist. Die Anderen sind die kleinen Reisebände. Kurz und knackig geben sei dem Unwissenden vor Ort die nötige Hilfestellung, um bloß nichts zu verpassen. Und trotzdem muss man ständig Hin- und Herblättern, um nicht in der Fülle der Informationen unterzugehen. Dann wird aus der schönsten Zeit des Jahres die schlimmste Zeit fernab der Heimat. Wer will das schon?!

Hier haben sich die Macher größte Mühe gegeben jeden größeren sehenswerten Ort auf der größten Insel des Mittelmeeres so informativ wie möglich auf einer Doppelseite dem Besucher näherzubringen. Und es klappt! Zwei Touren durch das zauberhafte Sizilien warten nur darauf, dass dem Reisenden das Wasser nicht nur aus den Poren rinnt, sondern im Munde zusammenläuft. Einmal der Osten samt Ätna, und zum Anderen der Westen mit Palermo als Ausgangspunkt. Knappe anderthalb Wochen sollte man pro Reise einplanen. Wer also in dieser Zeit so viel wie möglich sehen und erleben will, Sizilien als Eroberungssehnsuchtsort erkoren hat, sich die Hosentaschen aber nicht mit dicken Reisetipps voll stopfen möchte, braucht einen praktischen Reiseführer. Am besten den Besten der Welt. Nur unwesentlich dicker als ein Stück Butter, und auch geringfügig leichter als eben dieses. Die besten Grundvoraussetzungen für Tage und Wochen voller Ereignisse, gepaart mit dem guten Gefühl nichts verpasst zu haben.

Jeder Ort, Palermo, Cefalu, Taormina, Agrigent, Ragusa, Noto, Catania wird auf mehreren Seiten grundsätzlich dargestellt. Pro Doppelseite gibt es das volle Infoprogramm, das keine Wünsche offen lässt. Mal eine kleine Bäckerei, mal eine ortsübliche Gepflogenheit, mal der Aussichtspunkt, den man sich (leider) mit vielen Anderen teilen muss, weil er einfach zu eindruckvoll ist. „Einfach los!“ heißt es im Untertitel des Bandes. Und genauso kann man es auch tun. Zahlreiche Abbildung und kurze Infotexte liest man sich im Flieger gen Süden durch, macht sich Notizen – auch dafür ist im Buch ausreichend Platz – und schon kurz nach dem Auschecken kann das Abenteuer Sizilien starten.

Es gibt kleinere und leichtere Reisebücher, die verschweigen aber schon am zweiten Tag wichtige Informationen. Das ist der Fluch der Kompaktheit. Die neue Reihe Simplissime schafft tatsächlich den Spagat zwischen umfassender Information und Reisetauglichkeit unter einen Hut zu bringen. Wer schnell viel erleben will, ohne ewig im Netz nach dem Weg zu surfen oder permanent in Büchern nach der nächstgelegenen Attraktion suchen will, tut sich selbst etwas Gutes, indem mit diesem Buch reist.

Gespräch in Sizilien

Lange ist es her, dass Silvestro, der nun bald nach Sizilien reisen wird, daheim war. Als Jugendlicher flüchtete er. Vor der Beengtheit der Heimat und der Familie, vor der Hoffnungslosigkeit der Zeit, vor allem, was ihm die Luft nahm. Eines Tages erreicht ihn ein Brief des Vaters. Der hat mittlerweile die Mutter, seine Frau verlassen. Auch ihm war es zu stickig geworden. Spät, sehr spät, aber nicht zu spät ist er sich dessen bewusst geworden. Er bittet nicht um Verzeihung, will einfach nur Abschied nehmen. Sein Sohn solle doch dieses Jahr auf die Karte zum Namenstag der Mutter verzichten und sie stattdessen höchstpersönlich in Sizilien besuchen. Die Zeiten sind hart. Italien ächzt unter den kruden Phantasien des Duce. Sizilien blutet aus. Wer flüchten kann, flüchtet. Wer es nicht kann, redet am besten hinter vorgehaltener Hand.

So muss man auch dieses Buch verstehen und lesen. Es erschien in einer Zeit, in der offene Kritik mit prompter Strafe eine unheilige Allianz einging. Umso verwunderlicher ist es, dass es in zwei Versionen fast zeitgleich erschien.

Silvestro reist dem Wunsch des Vaters entsprechend in die Heimat. Vorbei an den Orten, die er bei seiner Abreise in umgekehrter Reihenfolge durchfuhr. Je näher er der Mutter kommt, desto konkreter werden die Erinnerungen. Die Orte klingen wie ein zartes Lied aus Kindertagen. Dann ist es geschafft! Die Mutter wartet schon auf ihn. So scheint es. Das Essen steht auf dem Tisch. Als ob er nie wirklich weg war, entspinnt sich ein reges Gespräch zwischen Mutter und Sohn. Wer ein wenig zwischen den Zeilen liest, kommt im Handumdrehen der Schönheit dieses Buches auf die Spur.

Elio Vittorini beschreibt ein Sizilien, das so gar nichts von der Postkartenidylle der Touristenzentren in sich trägt. Selbst der ersehnte Regen hämmert gegen die Stirn und macht es fast unmöglich hier Schönes zu erkennen. Wenn es denn nicht die Heimat wäre. Hier ist er zuhause. Hier ist er sicher. Hier fühlt er sich geborgen. Auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist.

Silvestro ist Realist, die Mutter hat den entbehrungsreichen Leben nichts mehr entgegenzusetzen. Selbst die Freude über die Rückkehr des Sohnes weicht der Aktualität der Dinge. „Gespräch in Sizilien“ ist trotz alledem kein trauriges Buch. Weit entfernt von sonnenverbrannter Erde und fassungsloser Freude – was Touristen gern in der Insel sehen möchten – gelingt es ihm trotzdem ein flammendes Plädoyer für die Insel und seine Bewohner zu schreiben. Kein Reisebericht, der einem ruckzuck den Koffer packen lässt, dennoch ein Buch, das man gern noch einmal zwischen Messina, Catania und Siracusa lesen möchte. Und sei es nur, um festzustellen, dass es hier jetzt noch schöner ist.

Die Aspern-Schriften

Wenn kleine Kinder etwas unbedingt wollen, dann quengeln sie so lange bis sie es bekommen. Das klappt in den meisten Fällen ganz gut. Als Erwachsener wie ein Kleinkind mit dem Fuß aufzustampfen, trotzig zu schniefen und immer wieder seinen Unwillen über das verpasste Ziel Ausdruck zu verleihen, hat meist die die erhofften Auswirkungen. Da muss man sich schon etwas geschickter anstellen.

So wie der namenlose Dichter, der in Venedig seinem großen Ziel nachjagt, ein paar texte und Liebesbriefe seines Idols Jeffrey Aspern zu ergattern. Angetrieben von seinem Freund John und mit der Hilfe von Mrs. Prest, will er der einstigen Geliebten des Dichters die Papiere abluchsen. Juliana Bordereau lebt mit ihrer Nichte sehr zurückgezogen in einem ehrwürdigen Palazzo in Venedig. Auch wenn es ihr Name nicht vermuten lässt, ist sie Amerikanerin, wie ihre Nichte Tina und auch der junge Autor, der sie bald besuchen wird. Mrs. Prest hatte den glorreichen Einfall sich als Untermieter ins gemachte Nest zu setzen. Der ungestüme Autor will gleich noch eins draufsetzen und träumt von einer Liaison mit der Nichte.

Doch um Himmels Willen darf er seine wahren Absichten niemals laut äußern. Dann kann er sein Ziel gleich ad acta legen.

Hier ist er richtig. Die alte Mrs. Bordereau ist tatsächlich die ehemalige Geliebte von Jeffrey Aspern. Der lebte in Venedig im Exil. Seine Jünger verehren jedes Wort ihres göttlichen Autors. Juliana, in einem Werk Asperns spielt sie eine tragende Rolle, ist schon sehr betagt. Hätte das letzte Hemd doch Taschen, wäre deren Inhalt schon mehrmals aufgefrischt worden. Tina vermutet, dass ihre Tante sich bereit macht die letzte Veränderung ihres Lebens in Angriff zu nehmen. Der neue Untermieter – wider Erwarten wurde sein Ansinnen akzeptiert, allerdings zu einem Preis, der unter „normalen Umständen“ niemals von jemandem mit Verstand angenommen wird – darf sich nun als Teil der Hausgemeinschaft bezeichnen. Die Hausherrin stirbt alsbald. Die Nichte als Erbin ist jedoch nicht gewillt, dem jungen Heißsporn die erhofften Schriften zu übergeben, geschweige denn sie ihm überhaupt vor Augen zu führen…

Henry James ergießt seitenweise Andeutungen und wilde Spekulationen über die Herkunft der Papiere, die Zusammensetzung der auftretenden Personen – ja, man möchte fast meinen, dass hier reale Personen (Lord Byron, Shelley, die Parallelen treten hier da recht offen zutage) als Vorlage dienten. Der Erfolg der Geschichte hinkte hinter seinen sonstigen Erfolgen her. Zu Unrecht! Wie ein spannendes Psychospiel zieht er den Leser in eine „Schnipseljagd“, die anfangs nur der Befriedigung der Neugier des Jägers dient. Nach und nach findet sich der Literat aber im Strudel der vermeintlichen Opfer wieder, die ihr eigenes Spielchen spielen.

Comer See

Einer der am meisten gemachten Fehler ist wohl, den Comer See überkorrekt einzudeutschen: Es ist nicht der Comoer See! Will man nicht gleich als Touri unangenehm auffallen, sondern etwas auf sich halten, verbringt man die Zeit am Lario, römisch für Lacus Larius. So nennen die Einheimischen den Comer See. Wie alle oberitalienischen Seen nimmt auch der Lago di Como eine besondere Stellung unter den eiszeitlichen Hinterlassenschaften ein. Und das nicht nur, weil Hollywood den See für sich entdeckt hat, George Clooney kann man ab und an hier urlauben sehen. Doch wer will schon Georg Clooney hinterherhecheln, wenn er in dieser grandiosen Kulisse die schönste Zeit des Jahr verbringt?!

Beginnend an der Schweizer Grenze im Norden schlängelt sich eine der beeindruckendsten Landschaften durch die Alpen. Ein Blau, das so kitschig ist, dass es schon wieder wahr sein muss. Das ist der Lago di Como. Bei einer Seefahrt (wortwörtlich zu nehmen) sieht sich das Auge nicht satt genug. Alles so hübsch, so ansehnlich, so fein. Reisebuchautor Eberhard Fohrer ist auch dieser Faszination erlegen. Doch rasch aus dem Rausch erwacht, macht er sich ans Werk und beweist auf mehr als zweihundertfünfzig Seiten, dass nicht allein das Wort hübsch ausreicht, um die Sinne mit Eindrücken zu fluten. Fast schient, dass er keinen Steinen auf dem anderen gelassen hat, um seinen Reiseband nachhaltig mit Wissen zu füllen. Ob man nun zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto unterwegs ist, Fohrer war schon da. Und er weiß wirklich alles, was man wissen muss. Jetzt muss man nur noch selbst auswählen, was man sehen, tun, erkunden will.

Abwechselungs- und kenntnisreich kann man jedem Tipp des Autors folgen. Como, die namensgebende Stadt, verschlungene Pfade, exzellente Restauranttipps, unvergessliche Aussichten – und immer wieder kleine Geschichten am Rande (in diesem Fall in farbigen Kästen) lassen jeden Ausflug im, am und rund um den Comer See zu einem besonderen Erlebnis werden. Selbst die große Geschichte hat vor dem See nicht Halt gemacht. Ende April 1945 wurde hier der Duce auf der Flucht von Partisanen aufgegriffen. Einen Tag später baumelte sein lebloser Körper in Mailand auf dem Piazzale Loreto.

Noch ein letztes Wort zu Hollywood und Comer See. Der Ort Bellagio am Kamp, wo sich der See in zwei Arme teilt ist nicht nach dem gleichnamigen Casino in Las Vegas benannt. Das war wohl eher anders herum…

Es gibt nur wenige Seen, die es schaffen, dass ein Autor ein Buch über sie so reichhaltig füllen kann. Inklusive Ausflüge gen Milano und Bergamo und umliegende Seen ist es dank dieses Buches ein Leichtes hier viele Tage und Wochen ohne den leisesten Anflug von Routine zu verbringen.

Der Weg des Helden

In großen Fußstapfen wandeln, ist ein gewagtes Unterfangen. So manche ist dabei schon in ein großes Loch gefallen. Man kann auf den Spuren Goethes Italien erkunden, wie in der Nachwendekomödie „Go Trabi Go“. Oder den Weg gen Westen erkunden wie einst Lewis und Clark.

Tim Parks hat vor Jahrzehnten die Liebe entdeckt, zu einer Italienerin und zu Italien. Zuvor schon zur Geschichte des Landes. Speziell zu Giuseppe Garibaldi, dem Einiger des Stiefels. Der beschäftigte ihn schon während des Studiums der Geschichte.

Italien war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Flickenteppich aus größeren, aber vor allem vielen kleinen Reichen. Manche waren so klein, dass man sie mühelos mit einem Blick erfassen konnte. Europas Machthaber tummelten sich hier, stritten sich um Handelswege und somit um die Macht. Dem machten Mazzini, Cavour, König Emanuel II. und ebendieser Garibaldi ein Ende. Jede auf seine Art. Nicht immer geeint, doch schlussendlich siegreich. Um Rom vor der totalen Zerstörung zu bewahren, Frankreich war wild entschlossen, die Besatzer der Ewigen Stadt mit allem, was ihnen zur Verfügung stand den Garaus zu machen, entschloss sich Garibaldi zu kapitulieren. Und den Weg ans Meer anzutreten. Dazwischen lag jedoch der Appennin. So weit der grobe geschichtliche Abriss – Tim Parks kann das viel besser erklären.

Und das tut er auch. In diesem Buch. Aber auf seine eigene Art und Weise. Im Jahr 2019, also mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Garibaldi, schnürte er seinen Tornister und die Wanderschuhe, und er wanderte mit seiner italienischen Liebe auf dem Weg des Helden. Von Rom bis an die Adria.

Jedes Kapitel ist mit zwei Daten versehen. Dem von Garibaldi, und dem von Parks. So entsteht auf beeindruckende Art eine leicht nachvollziehbare Kopie eines einzigartigen Marsches. Durch seine Recherchen ist Tim Parks in der Lage genau die Leiden, die Hoffnungen, die Orte, die Wege nachzuvollziehen, die einst der große Freiheitskämpfer ging.

Oft fragt man sich im Urlaub, wer der Namensgeber der Straße oder des Platzes ist, den man mit großen Augen und offenem Mund bestaunt. In Italien stößt man pausenlos auf eine Via Cavour oder eine Via Garibaldi. Das ist bei den meisten der Anstoß mal nachzuhaken. So konsequent hat aber nur Tim Parks nachgeforscht. Nun ist er auf dem Weg quer durch Italien. Es geht ihm nicht darum als Extremsportler in die Annalen einzugehen. Einmal einen historischen Weg nachzuvollziehen, nicht einfach nur abzuschreiten, um anschließend ein „Bravo!“ einzuheimsen. Als Historiker weiß er um die nachhallende Bedeutung Garibaldis. Da macht ihm kaum noch jemand etwas vor. Er will selbst erfahren, wie man sich fühlt, wenn man Großes vollbringt. Und wie es sich heute anfühlt. Die Zeiten haben sich geändert. Navigationsgeräte erleichtern die Suche enorm. Die Hinterlassenschaften aufzuspüren, Ausblicke von damals mit denen von heute zu vergleichen – darin liegt die Einzigartigkeit des Unterfangens Garibaldi erlebbar zu machen. Es gelingt Tim Parks auf jeder der fast fünfhundert Seiten. Bravo!

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Rendezvous mit Tieren

Andrea Camilleri war ein Lebewesenfreund. Die Liebe zu den Menschen hat er in jedem seiner Bücher, auf jeder Seite, in jeder Zeile zum Ausdruck gebracht. Die Liebe zu Tieren hat er in diesem Erzählband manifestiert. Um ihn herum waren von frühster Kindheit an Tiere. Hunde, Katzen, Vögel – keine Scheu, keine Angst, nur tief empfundene Liebe. Ein echter Camilleri!

Es ist wenig erstaunlich wie persönlich Camilleri in diesem Buch wird. In all seinen Büchern fließt das Erlebte nicht nur brauchbar ein, es ist essentieller Bestandteil seiner Kunst. Immer wieder liest man aus und in seinem Leben. Warum sollte er also an diesem Erfolgsrezept etwas ändern?

Es beginnt mit einem Hasen. Die Hasenjagd war in seiner Familie schon immer sehr beliebt. Doch Meister Lampe schlägt jedem noch so gewieften Jäger ein Schnippchen. Fast scheint als ob er seine Verfolger verspottet, wenn sie wieder einmal gesenkten Hauptes den beschwerlichen, weil erfolglosen Heimweg antreten müssen. In der Nachbetrachtung kann Andrea Camilleri, der die Geschichte mit dem Hasen als Junge erlebte, herzhaft darüber schmunzeln.

Selbst einem so gewöhnlichen Haustier wie einem Hund kann der Autor eine ausgefeilte Geschichte angedeihen lassen. Aghi hieß sein treuer Begleiter. Ein echter Freund. Doch er hat ein dunkles Geheimnis, das letztendlich dazu führt, dass Aghi von der Familie getrennt werden muss.

Einem Distelfink und einem Papagei mit Namen Pimpigallo verhilft er zu einer dauerhaften Freundschaft. Dass dabei die Stimmgewalt der gefiederten Gefährten eine gewichtige Rolle spielt, ist mehrere Lacher während des Lesens wert.

Andrea Camilleri beim Beobachten, Beschnuppern und Erforschen der Fauna zuzuschauen, ist ein Genuss allerersten Ranges. Die Hingabe, die er seinen zweibeinigen Freunden der Spezies homo sapiens widmet, lässt er auch den Tieren zugute kommen. Das reicht bis hin zum echten Tierretter, der ein kleines Kätzchen vor den ortsüblichen Rowdies rettet.

Als Zugabe zu den eindringlichen Texten spendiert Paolo Canevari seine außergewöhnlichen Zeichnungen, die die Stimmung des Buches so einfangen, dass sich Phantasie und Realität vermengen. Zu diesem Rendezvous erscheint man nicht mit schwitzigen Händen und hochrotem Kopf. Es wird alles gut werden. Das verspricht der Name Andreas Camilleri. Und er hält seine Versprechen…

Agata und das zauberhafte Geschenk

Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Agata, die tabbacchera und mittlerweile Bürgermeisterin in ihrem kleinen sizilianischen Refugium, ist so gar nicht in Weihnachtsstimmung. Genau jetzt, wenn Tür und Herz geöffnet werden, verschließt sie sich der sie umarmenden Gemeinschaft.

Agata ist traurig, nein, melancholisch. Costanzo, ihr geliebter Ehemann ist tot. Andrea Locatelli, der Maresciallo, den sie ebenso innig zuerst ablehnte, um ihn anschließend nicht minder zu lieben, ist wieder zurück. Aufs Festland. Und Agata ist wieder allein. Mit ihrer Trauer, mit ihren Zweifeln, mit sich selbst. Da hämmert es im Dunkel der Adventszeit an ihre Tür. Flehend bitte Don Bruno um Einlass. Bald schon stürmt er wie der Wind da draußen ins Haus Richtung Bad. Was trägt er da im Arm? Ein Bündel … mit einem bambino. Einem echten Kind, einem Baby, noch teilweise von der Pelle der Geburt verhüllt. Im Nu ist das ganze Dorf, dem Agata rein rechtlich nun vorsteht, auf den Beinen. Wenn das Klischee von sizilianischem Familiensinn zutrifft, dann ja wohl in dieser Situation.

Alsbald sind Mann und Maus auf den Beinen. Mit einer Mischung aus Neugier und Hilfsbereitschaft kümmert sich jeder mit guten Ratschlägen und helfender Hand um das Neugeborene. So ganz anders als damals Agata in den Witwenstand treten musste. Alle waren hinter ihr her. Die Männer, weil der unfassbaren Schönheit nicht widerstehen konnten. Die Frauen, um sich das Maul über ihre Schönheit zu zerreißen … weil ihre Männer … naja, hinter ihr her waren. Das ist Vergangenheit. Seit Agata den korrupten Bürgermeister aus dem Amt gejagt hat und nun selbst von dessen Sitz aus die Geschicke des Dorfes leitet, wird sie respektiert.

Doch was soll man als Bürgermeisterin im aktuellen Fall tun? Da ist ein Kind ausgesetzt worden. Kurz nach der Geburt. Als Erstes muss ein Name her. Man einigt sich schnell: Luce – Licht. Wenn das mal kein Zeichen ist?! Eine fieberhafte Suche nach der Mutter beginnt. Und damit eine abenteuerliche Reise für eine zufriedene Zukunft der kleinen Luce.

Tea Ranno nimmt den Leser ein weiteres Mal in Haft, zuerst mit ihrem fabelhaften Dorf, nun mit diesem zauberhaften Geschenk. Es sind ganz besondere sizilianische Weihnachten. In jedem Absatz, jedem Wort schwingt die bedingungslose Liebe mit, die alle dem Kind angedeihen lassen. Mit überbordender Fürsorge wickeln alle das Kind in Liebe, und den Leser in eine alles Unheil abwendende Watte. Tea Ranno schafft einmal mehr dem vermuteten Heimat-Alles-Wird-Gut-Vorurteil die bedingungslose Liebe zum Leben mit einer ordentlichen Portion Witz entgegenzusetzen. Ja, das Dorf ist Fiktion, ihre Bewohner sind komplett erfunden. Dennoch nimmt man jedes Wort, jede Tat für bare Münze. Das ist die große Kunst, die Tea Ranno so freizügig dem Leser anbietet. Und das kann doch nicht schlecht sein?!