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Gespräch in Sizilien

Lange ist es her, dass Silvestro, der nun bald nach Sizilien reisen wird, daheim war. Als Jugendlicher flüchtete er. Vor der Beengtheit der Heimat und der Familie, vor der Hoffnungslosigkeit der Zeit, vor allem, was ihm die Luft nahm. Eines Tages erreicht ihn ein Brief des Vaters. Der hat mittlerweile die Mutter, seine Frau verlassen. Auch ihm war es zu stickig geworden. Spät, sehr spät, aber nicht zu spät ist er sich dessen bewusst geworden. Er bittet nicht um Verzeihung, will einfach nur Abschied nehmen. Sein Sohn solle doch dieses Jahr auf die Karte zum Namenstag der Mutter verzichten und sie stattdessen höchstpersönlich in Sizilien besuchen. Die Zeiten sind hart. Italien ächzt unter den kruden Phantasien des Duce. Sizilien blutet aus. Wer flüchten kann, flüchtet. Wer es nicht kann, redet am besten hinter vorgehaltener Hand.

So muss man auch dieses Buch verstehen und lesen. Es erschien in einer Zeit, in der offene Kritik mit prompter Strafe eine unheilige Allianz einging. Umso verwunderlicher ist es, dass es in zwei Versionen fast zeitgleich erschien.

Silvestro reist dem Wunsch des Vaters entsprechend in die Heimat. Vorbei an den Orten, die er bei seiner Abreise in umgekehrter Reihenfolge durchfuhr. Je näher er der Mutter kommt, desto konkreter werden die Erinnerungen. Die Orte klingen wie ein zartes Lied aus Kindertagen. Dann ist es geschafft! Die Mutter wartet schon auf ihn. So scheint es. Das Essen steht auf dem Tisch. Als ob er nie wirklich weg war, entspinnt sich ein reges Gespräch zwischen Mutter und Sohn. Wer ein wenig zwischen den Zeilen liest, kommt im Handumdrehen der Schönheit dieses Buches auf die Spur.

Elio Vittorini beschreibt ein Sizilien, das so gar nichts von der Postkartenidylle der Touristenzentren in sich trägt. Selbst der ersehnte Regen hämmert gegen die Stirn und macht es fast unmöglich hier Schönes zu erkennen. Wenn es denn nicht die Heimat wäre. Hier ist er zuhause. Hier ist er sicher. Hier fühlt er sich geborgen. Auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist.

Silvestro ist Realist, die Mutter hat den entbehrungsreichen Leben nichts mehr entgegenzusetzen. Selbst die Freude über die Rückkehr des Sohnes weicht der Aktualität der Dinge. „Gespräch in Sizilien“ ist trotz alledem kein trauriges Buch. Weit entfernt von sonnenverbrannter Erde und fassungsloser Freude – was Touristen gern in der Insel sehen möchten – gelingt es ihm trotzdem ein flammendes Plädoyer für die Insel und seine Bewohner zu schreiben. Kein Reisebericht, der einem ruckzuck den Koffer packen lässt, dennoch ein Buch, das man gern noch einmal zwischen Messina, Catania und Siracusa lesen möchte. Und sei es nur, um festzustellen, dass es hier jetzt noch schöner ist.

Die Aspern-Schriften

Wenn kleine Kinder etwas unbedingt wollen, dann quengeln sie so lange bis sie es bekommen. Das klappt in den meisten Fällen ganz gut. Als Erwachsener wie ein Kleinkind mit dem Fuß aufzustampfen, trotzig zu schniefen und immer wieder seinen Unwillen über das verpasste Ziel Ausdruck zu verleihen, hat meist die die erhofften Auswirkungen. Da muss man sich schon etwas geschickter anstellen.

So wie der namenlose Dichter, der in Venedig seinem großen Ziel nachjagt, ein paar texte und Liebesbriefe seines Idols Jeffrey Aspern zu ergattern. Angetrieben von seinem Freund John und mit der Hilfe von Mrs. Prest, will er der einstigen Geliebten des Dichters die Papiere abluchsen. Juliana Bordereau lebt mit ihrer Nichte sehr zurückgezogen in einem ehrwürdigen Palazzo in Venedig. Auch wenn es ihr Name nicht vermuten lässt, ist sie Amerikanerin, wie ihre Nichte Tina und auch der junge Autor, der sie bald besuchen wird. Mrs. Prest hatte den glorreichen Einfall sich als Untermieter ins gemachte Nest zu setzen. Der ungestüme Autor will gleich noch eins draufsetzen und träumt von einer Liaison mit der Nichte.

Doch um Himmels Willen darf er seine wahren Absichten niemals laut äußern. Dann kann er sein Ziel gleich ad acta legen.

Hier ist er richtig. Die alte Mrs. Bordereau ist tatsächlich die ehemalige Geliebte von Jeffrey Aspern. Der lebte in Venedig im Exil. Seine Jünger verehren jedes Wort ihres göttlichen Autors. Juliana, in einem Werk Asperns spielt sie eine tragende Rolle, ist schon sehr betagt. Hätte das letzte Hemd doch Taschen, wäre deren Inhalt schon mehrmals aufgefrischt worden. Tina vermutet, dass ihre Tante sich bereit macht die letzte Veränderung ihres Lebens in Angriff zu nehmen. Der neue Untermieter – wider Erwarten wurde sein Ansinnen akzeptiert, allerdings zu einem Preis, der unter „normalen Umständen“ niemals von jemandem mit Verstand angenommen wird – darf sich nun als Teil der Hausgemeinschaft bezeichnen. Die Hausherrin stirbt alsbald. Die Nichte als Erbin ist jedoch nicht gewillt, dem jungen Heißsporn die erhofften Schriften zu übergeben, geschweige denn sie ihm überhaupt vor Augen zu führen…

Henry James ergießt seitenweise Andeutungen und wilde Spekulationen über die Herkunft der Papiere, die Zusammensetzung der auftretenden Personen – ja, man möchte fast meinen, dass hier reale Personen (Lord Byron, Shelley, die Parallelen treten hier da recht offen zutage) als Vorlage dienten. Der Erfolg der Geschichte hinkte hinter seinen sonstigen Erfolgen her. Zu Unrecht! Wie ein spannendes Psychospiel zieht er den Leser in eine „Schnipseljagd“, die anfangs nur der Befriedigung der Neugier des Jägers dient. Nach und nach findet sich der Literat aber im Strudel der vermeintlichen Opfer wieder, die ihr eigenes Spielchen spielen.

Comer See

Einer der am meisten gemachten Fehler ist wohl, den Comer See überkorrekt einzudeutschen: Es ist nicht der Comoer See! Will man nicht gleich als Touri unangenehm auffallen, sondern etwas auf sich halten, verbringt man die Zeit am Lario, römisch für Lacus Larius. So nennen die Einheimischen den Comer See. Wie alle oberitalienischen Seen nimmt auch der Lago di Como eine besondere Stellung unter den eiszeitlichen Hinterlassenschaften ein. Und das nicht nur, weil Hollywood den See für sich entdeckt hat, George Clooney kann man ab und an hier urlauben sehen. Doch wer will schon Georg Clooney hinterherhecheln, wenn er in dieser grandiosen Kulisse die schönste Zeit des Jahr verbringt?!

Beginnend an der Schweizer Grenze im Norden schlängelt sich eine der beeindruckendsten Landschaften durch die Alpen. Ein Blau, das so kitschig ist, dass es schon wieder wahr sein muss. Das ist der Lago di Como. Bei einer Seefahrt (wortwörtlich zu nehmen) sieht sich das Auge nicht satt genug. Alles so hübsch, so ansehnlich, so fein. Reisebuchautor Eberhard Fohrer ist auch dieser Faszination erlegen. Doch rasch aus dem Rausch erwacht, macht er sich ans Werk und beweist auf mehr als zweihundertfünfzig Seiten, dass nicht allein das Wort hübsch ausreicht, um die Sinne mit Eindrücken zu fluten. Fast schient, dass er keinen Steinen auf dem anderen gelassen hat, um seinen Reiseband nachhaltig mit Wissen zu füllen. Ob man nun zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto unterwegs ist, Fohrer war schon da. Und er weiß wirklich alles, was man wissen muss. Jetzt muss man nur noch selbst auswählen, was man sehen, tun, erkunden will.

Abwechselungs- und kenntnisreich kann man jedem Tipp des Autors folgen. Como, die namensgebende Stadt, verschlungene Pfade, exzellente Restauranttipps, unvergessliche Aussichten – und immer wieder kleine Geschichten am Rande (in diesem Fall in farbigen Kästen) lassen jeden Ausflug im, am und rund um den Comer See zu einem besonderen Erlebnis werden. Selbst die große Geschichte hat vor dem See nicht Halt gemacht. Ende April 1945 wurde hier der Duce auf der Flucht von Partisanen aufgegriffen. Einen Tag später baumelte sein lebloser Körper in Mailand auf dem Piazzale Loreto.

Noch ein letztes Wort zu Hollywood und Comer See. Der Ort Bellagio am Kamp, wo sich der See in zwei Arme teilt ist nicht nach dem gleichnamigen Casino in Las Vegas benannt. Das war wohl eher anders herum…

Es gibt nur wenige Seen, die es schaffen, dass ein Autor ein Buch über sie so reichhaltig füllen kann. Inklusive Ausflüge gen Milano und Bergamo und umliegende Seen ist es dank dieses Buches ein Leichtes hier viele Tage und Wochen ohne den leisesten Anflug von Routine zu verbringen.

Der Weg des Helden

In großen Fußstapfen wandeln, ist ein gewagtes Unterfangen. So manche ist dabei schon in ein großes Loch gefallen. Man kann auf den Spuren Goethes Italien erkunden, wie in der Nachwendekomödie „Go Trabi Go“. Oder den Weg gen Westen erkunden wie einst Lewis und Clark.

Tim Parks hat vor Jahrzehnten die Liebe entdeckt, zu einer Italienerin und zu Italien. Zuvor schon zur Geschichte des Landes. Speziell zu Giuseppe Garibaldi, dem Einiger des Stiefels. Der beschäftigte ihn schon während des Studiums der Geschichte.

Italien war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Flickenteppich aus größeren, aber vor allem vielen kleinen Reichen. Manche waren so klein, dass man sie mühelos mit einem Blick erfassen konnte. Europas Machthaber tummelten sich hier, stritten sich um Handelswege und somit um die Macht. Dem machten Mazzini, Cavour, König Emanuel II. und ebendieser Garibaldi ein Ende. Jede auf seine Art. Nicht immer geeint, doch schlussendlich siegreich. Um Rom vor der totalen Zerstörung zu bewahren, Frankreich war wild entschlossen, die Besatzer der Ewigen Stadt mit allem, was ihnen zur Verfügung stand den Garaus zu machen, entschloss sich Garibaldi zu kapitulieren. Und den Weg ans Meer anzutreten. Dazwischen lag jedoch der Appennin. So weit der grobe geschichtliche Abriss – Tim Parks kann das viel besser erklären.

Und das tut er auch. In diesem Buch. Aber auf seine eigene Art und Weise. Im Jahr 2019, also mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Garibaldi, schnürte er seinen Tornister und die Wanderschuhe, und er wanderte mit seiner italienischen Liebe auf dem Weg des Helden. Von Rom bis an die Adria.

Jedes Kapitel ist mit zwei Daten versehen. Dem von Garibaldi, und dem von Parks. So entsteht auf beeindruckende Art eine leicht nachvollziehbare Kopie eines einzigartigen Marsches. Durch seine Recherchen ist Tim Parks in der Lage genau die Leiden, die Hoffnungen, die Orte, die Wege nachzuvollziehen, die einst der große Freiheitskämpfer ging.

Oft fragt man sich im Urlaub, wer der Namensgeber der Straße oder des Platzes ist, den man mit großen Augen und offenem Mund bestaunt. In Italien stößt man pausenlos auf eine Via Cavour oder eine Via Garibaldi. Das ist bei den meisten der Anstoß mal nachzuhaken. So konsequent hat aber nur Tim Parks nachgeforscht. Nun ist er auf dem Weg quer durch Italien. Es geht ihm nicht darum als Extremsportler in die Annalen einzugehen. Einmal einen historischen Weg nachzuvollziehen, nicht einfach nur abzuschreiten, um anschließend ein „Bravo!“ einzuheimsen. Als Historiker weiß er um die nachhallende Bedeutung Garibaldis. Da macht ihm kaum noch jemand etwas vor. Er will selbst erfahren, wie man sich fühlt, wenn man Großes vollbringt. Und wie es sich heute anfühlt. Die Zeiten haben sich geändert. Navigationsgeräte erleichtern die Suche enorm. Die Hinterlassenschaften aufzuspüren, Ausblicke von damals mit denen von heute zu vergleichen – darin liegt die Einzigartigkeit des Unterfangens Garibaldi erlebbar zu machen. Es gelingt Tim Parks auf jeder der fast fünfhundert Seiten. Bravo!

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Rendezvous mit Tieren

Andrea Camilleri war ein Lebewesenfreund. Die Liebe zu den Menschen hat er in jedem seiner Bücher, auf jeder Seite, in jeder Zeile zum Ausdruck gebracht. Die Liebe zu Tieren hat er in diesem Erzählband manifestiert. Um ihn herum waren von frühster Kindheit an Tiere. Hunde, Katzen, Vögel – keine Scheu, keine Angst, nur tief empfundene Liebe. Ein echter Camilleri!

Es ist wenig erstaunlich wie persönlich Camilleri in diesem Buch wird. In all seinen Büchern fließt das Erlebte nicht nur brauchbar ein, es ist essentieller Bestandteil seiner Kunst. Immer wieder liest man aus und in seinem Leben. Warum sollte er also an diesem Erfolgsrezept etwas ändern?

Es beginnt mit einem Hasen. Die Hasenjagd war in seiner Familie schon immer sehr beliebt. Doch Meister Lampe schlägt jedem noch so gewieften Jäger ein Schnippchen. Fast scheint als ob er seine Verfolger verspottet, wenn sie wieder einmal gesenkten Hauptes den beschwerlichen, weil erfolglosen Heimweg antreten müssen. In der Nachbetrachtung kann Andrea Camilleri, der die Geschichte mit dem Hasen als Junge erlebte, herzhaft darüber schmunzeln.

Selbst einem so gewöhnlichen Haustier wie einem Hund kann der Autor eine ausgefeilte Geschichte angedeihen lassen. Aghi hieß sein treuer Begleiter. Ein echter Freund. Doch er hat ein dunkles Geheimnis, das letztendlich dazu führt, dass Aghi von der Familie getrennt werden muss.

Einem Distelfink und einem Papagei mit Namen Pimpigallo verhilft er zu einer dauerhaften Freundschaft. Dass dabei die Stimmgewalt der gefiederten Gefährten eine gewichtige Rolle spielt, ist mehrere Lacher während des Lesens wert.

Andrea Camilleri beim Beobachten, Beschnuppern und Erforschen der Fauna zuzuschauen, ist ein Genuss allerersten Ranges. Die Hingabe, die er seinen zweibeinigen Freunden der Spezies homo sapiens widmet, lässt er auch den Tieren zugute kommen. Das reicht bis hin zum echten Tierretter, der ein kleines Kätzchen vor den ortsüblichen Rowdies rettet.

Als Zugabe zu den eindringlichen Texten spendiert Paolo Canevari seine außergewöhnlichen Zeichnungen, die die Stimmung des Buches so einfangen, dass sich Phantasie und Realität vermengen. Zu diesem Rendezvous erscheint man nicht mit schwitzigen Händen und hochrotem Kopf. Es wird alles gut werden. Das verspricht der Name Andreas Camilleri. Und er hält seine Versprechen…

Agata und das zauberhafte Geschenk

Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Agata, die tabbacchera und mittlerweile Bürgermeisterin in ihrem kleinen sizilianischen Refugium, ist so gar nicht in Weihnachtsstimmung. Genau jetzt, wenn Tür und Herz geöffnet werden, verschließt sie sich der sie umarmenden Gemeinschaft.

Agata ist traurig, nein, melancholisch. Costanzo, ihr geliebter Ehemann ist tot. Andrea Locatelli, der Maresciallo, den sie ebenso innig zuerst ablehnte, um ihn anschließend nicht minder zu lieben, ist wieder zurück. Aufs Festland. Und Agata ist wieder allein. Mit ihrer Trauer, mit ihren Zweifeln, mit sich selbst. Da hämmert es im Dunkel der Adventszeit an ihre Tür. Flehend bitte Don Bruno um Einlass. Bald schon stürmt er wie der Wind da draußen ins Haus Richtung Bad. Was trägt er da im Arm? Ein Bündel … mit einem bambino. Einem echten Kind, einem Baby, noch teilweise von der Pelle der Geburt verhüllt. Im Nu ist das ganze Dorf, dem Agata rein rechtlich nun vorsteht, auf den Beinen. Wenn das Klischee von sizilianischem Familiensinn zutrifft, dann ja wohl in dieser Situation.

Alsbald sind Mann und Maus auf den Beinen. Mit einer Mischung aus Neugier und Hilfsbereitschaft kümmert sich jeder mit guten Ratschlägen und helfender Hand um das Neugeborene. So ganz anders als damals Agata in den Witwenstand treten musste. Alle waren hinter ihr her. Die Männer, weil der unfassbaren Schönheit nicht widerstehen konnten. Die Frauen, um sich das Maul über ihre Schönheit zu zerreißen … weil ihre Männer … naja, hinter ihr her waren. Das ist Vergangenheit. Seit Agata den korrupten Bürgermeister aus dem Amt gejagt hat und nun selbst von dessen Sitz aus die Geschicke des Dorfes leitet, wird sie respektiert.

Doch was soll man als Bürgermeisterin im aktuellen Fall tun? Da ist ein Kind ausgesetzt worden. Kurz nach der Geburt. Als Erstes muss ein Name her. Man einigt sich schnell: Luce – Licht. Wenn das mal kein Zeichen ist?! Eine fieberhafte Suche nach der Mutter beginnt. Und damit eine abenteuerliche Reise für eine zufriedene Zukunft der kleinen Luce.

Tea Ranno nimmt den Leser ein weiteres Mal in Haft, zuerst mit ihrem fabelhaften Dorf, nun mit diesem zauberhaften Geschenk. Es sind ganz besondere sizilianische Weihnachten. In jedem Absatz, jedem Wort schwingt die bedingungslose Liebe mit, die alle dem Kind angedeihen lassen. Mit überbordender Fürsorge wickeln alle das Kind in Liebe, und den Leser in eine alles Unheil abwendende Watte. Tea Ranno schafft einmal mehr dem vermuteten Heimat-Alles-Wird-Gut-Vorurteil die bedingungslose Liebe zum Leben mit einer ordentlichen Portion Witz entgegenzusetzen. Ja, das Dorf ist Fiktion, ihre Bewohner sind komplett erfunden. Dennoch nimmt man jedes Wort, jede Tat für bare Münze. Das ist die große Kunst, die Tea Ranno so freizügig dem Leser anbietet. Und das kann doch nicht schlecht sein?!

Eine seltsame Zeit des Wartens

Bevor man über dieses Buch spricht, muss man die Autorin kennen. Iris Origo stammte aus gutem Haus wie man so schön sagt. Geldnöte kannte man nicht. Ihre Familie zog es in die Toskana, wo Iris Origo in geschichtsträchtigen Mauern, denen der Medici, aufwuchs. Sie heiratete in den 20er Jahren einen Unternehmer. Den aufkommenden Faschismus begegnete sie abwartend, doch genau beobachtend.

Die landwirtschaftlichen Aufbauprogramme begrüßte sie, wünschte sich insgeheim jedoch, dass sie auf andere Landesteile ausgeweitet werden sollen. Im März 1939 zittert Europa bereits. Der drohende Krieg könnte alsbald wahr werden. Oder doch nicht. Täglich überschlagen sich die Gedanken, was nun wird. In Italien vertraut man auf den Duce. Mit ausladender Gestik, inbrünstiger Stimme versucht er sein Volk zu besänftigen. Meist klappt das auch. Die Zweifler legen fast schon schicksalsergeben ein Schweigegelübde ab. Dennoch verstummen sie nicht.

So auch Iris Origo. Sie trifft viele Menschen, die der Situation im Stundentakt Neues abgewinnen können. Doch eine echte Meinung kann sich einfach nicht herauskristallisieren. Diese Ungewissheit ist lähmend und fordernd zugleich.

Im Spätsommer verstummt der Duce fast gänzlich, die Zeitungen berichten nur noch einseitig über die fälligen Krieg. Die Sympathie für die Deutschen nimmt zu. Etwas, was bisher so nicht bekannt war. Des Duces Worte waren die einzige Informationsquelle, der man permanent begegnete, und die man als Leitmeinung vernahm. Iris Origo, ihre Familie, ihr Freundeskreis traute ihm nicht vollends. Dass etwas passiert, schien unausweichlich. Nur was, und wann – da war man sich uneins. Und diese Ungewissheit lähmt den Geist.

Und dann doch! Der Krieg ist da. Zuvor war der Duce – krankheitsbedingt, wie es offiziell heißt – verstummt. Manche unterstellten ihm, dass er sich nach England abgesetzt habe. Nun doch. Die Reservisten werden eingezogen und kämpfen und sterben nicht immer für eine Sache, die nicht die ihre ist. Die Propagandamaschine läuft jetzt noch schneller als zuvor. Das Warten ist zwar zu Ende – aber das wollte nun wirklich niemand.

Normalität in außergewöhnlichen Zeiten zu erlangen, ist unmöglich. Der verzweifelte Versuch ausländische Radiosender zu empfangen, ausländische Zeitungen zu lesen, um sich ein umfassenderes Bild machen zu können, Gespräche mit Freunden, Vertrauten, ja sogar aus dem Umfeld Mussolinis – Iris Origo hat bedeutend mehr Zugang zu Informationen als der grossteil der Bevölkerung. Dennoch ist diese „seltsame Zeit des Wartens“ nervenaufreibend.

In ihrem Tagebuch erfasst sie mit spielerischer Leichtigkeit eine Zeit, ein Land und seine Bewohner, dass man das Gefühl bekommt mittendrin zu sein. Voller Neugier, angepasster Distanz, mit Vorsicht, mit Zuversicht erklärt sie unweigerlich die Situation der Jahre 1939/40 in Italien. Die Faschisten rudern wie wild am Steuerrad der Macht, doch das Volk können sie nicht komplett auf Kurs bringen. Unsicherheit ist oft schwerer zu ertragen als ein feststehendes Ergebnis. Das lehrt uns dieses eindrückliche Tagebuch.

Die Legende von Montecassino

Zu den spannendsten Geschichten in den Gazetten gehören die um geraubte Kunst. Wer hat wann wem was geklaut? Die Gerichte, private Schnüffler und Museen streiten sich um die Rückgabe dieser erbeuteten Kunst. Mit Sicherheit nicht die dunkelste Geschichte eines Krieges, wohl aber leider immer noch nicht komplett aufgearbeitet. So richtig spannende wird es aber, wenn man zwar weiß, wann was, und eventuell auch von wem entwendet wurde. Es aber nicht wieder auftaucht. Der rechtmäßige Eigentümer kann dann zwar gegen die möglichen Verursacher wettern, doch helfen wird es ihm nichts.

Pater Remo erzählt einem Journalisten von den Vorgängen der Jahre 1943/44 im Kloster Montecassino, südlich von Rom. Hier wurde das Kloster gegründet als die Jahreszahlen noch dreistellig waren. In der Benediktinerabtei ging es ruhig zu. Bis die Schwarzhemden und später die Wehrmacht sich hier breit machten. Unschätzbare Kostbarkeiten nannten die Mönche ihr Eigen. Über ihnen schwebte nicht nur das Damokles Schwert, sondern bald auch die alliierten Bomber. Die Kunstwerke, deren Wert bis heute nicht exakt beziffert werden kann, mussten irgendwie in Sicherheit gebracht werden. Die Wehrmacht, die gerade eine knallharte Verteidigungslinie errichtete, war ein williger Helfer. Denn Hermann Göring war als Kunstsammler (ohne Verstand und echtes Wissen, also eher ein raffgieriger Einsammler) konnte sich diesen Schatz nicht entgehen lassen. Und ein Tizian, Handschriften von unter anderem Tacitus, dem Verfasser von „Germania“ haben sicher seine Aufmerksamkeit erregt.

Der fromme Mann stellt allerdings eine Bedingung. Wenn er seine Geschichte erzählt, herrscht Ruhe im Raum. Keine Unterbrechungen, keine Nachfragen. Wenn das der Deal sein soll, dann soll es daran nicht scheitern. Immer noch besser als gar keine Geschichte.

Es entspinnt sich eine wilde Reise durch eine noch wildere Zeit. Denn der betagte Pater mischt seiner Erinnerung etwas bei. Phantasie, Blumigkeit, Spannung. So wie es jeder macht, der sich erinnert. Manchmal trügt diese immens, manchmal ergibt sich aus dem Nachempfinden eine neue Sichtweise.

Als Autor eines Romans erlaubt sich Gerhard Köpf den Kunstgriff historische Fakten mit der Macht der freien Gedanken zu vermischen. Ohne dabei den Pfad der Wahrhaftigkeit zu verlassen. Viele der Personen im Buch sind historisch verbürgt, manchen verlieh er mehr Ausdruckskraft und nur wenige sind ausschließlich seine Phantasie entsprungen. Pater Remo erzählt sich in einen wahren Rausch. Roosevelt, der das Kloster als Waffenarsenal angesehen hat. Deutsche Offiziere, die linientreu und akribisch alles, was abzutransportieren war, erfassten. Das Leid und die Not der Klosterbewohner sowie der willigen Helfer aus dem Ort, die später teils dem Bombardement zum Opfer fielen. Geschichte erzählen kann nur, wer sie erlebt hat. Gerhard Köpf beweist, dass auch ausgedehnte Recherchen, Sprachgewalt und Ideenreichtum in Nichts hinten anstehen müssen.

Einziger Wermutstropfen: Die Frage, ob es sich um Rettung oder Raub handelt, kann auch dieses Mal nicht vollständig geklärt werden. und besteht die Legende von Montecassino weiter.

Stark wie nur eine Frau

Gegen den Strom zu schwimmen, muss nicht immer zum Erfolg führen. Meistens ist es doch so, dass man aneckt, ins Abseits gedrängt wird und das Alleinstellungsmerkmal, das man suchte wie ein Boomerang einem den Schädel zermartert. Wie auch immer man in eine solche (Abseits-) Position gekommen ist, bleibt man dort bis zum Ende seines Lebens. Und danach? Die Sieger schreiben die Geschichte. Man selbst gerät in Vergessenheit.

Maria Attanasio holt zwei Menschen wieder ans Tageslicht, denen das Schicksal einen Platz in der dunkelsten Enke der Geschichte zugewiesen hatte. Als das 17. Jahrhundert sich dem 18. annäherte, war Sizilien ein Landstrich, in dem wieder einmal die Herrscher wechselten. Die Bevölkerung konnte sich nicht loyal zeigen. Warum auch, wenn ihre Heimat mehr oder weniger regelmäßig einen neuen Regenten bekam. Der Staat war verpönt, die Kirche den meisten näher. Inklusive der Inquisition. Giacomo Polizzi ist der Stadtschreiber von Calacte, das dem heutigen Caltagirone entspricht. Er kann Lesen und Schreiben, was ihn zu einer privilegierten Person macht. Und er erzählt die Geschichte von Messer-Francisco, dem Mann-Weib, die Maria Attanasio wieder einem breiten Publikum näherbringt. Francisca, so der eigentliche Name des Mann-Weibes wird zu früh der Mann entrissen. Sie muss zusehen wie sie ihr Leben meistert und überlebt. Sie ist geschickt. Geschickter als die Männer im Ort. Und arbeitsam, arbeitsamer als … man ahnt es … als die meisten. Mehr und mehr schlüpft sie in die Rolle eines Mannes. Nur, um zu überleben. Das ruft die Zweifler, Mahner, vor allem aber die Ängstlichen auf den Plan. Und die Inquisition. Der steht zu ihrem Glück aber ein aufgeklärter Geist vor. Das vorgezeichnete Schicksal – bevor es zur Verhandlung kommt, findet sie sich schon mit dem üblen Ende ab, lässt so manche Erniedrigung über sich ergehen – kann noch abgewendet werden.

Doch auch der Adel wird von den Folgen des Andersseins stark gebeutelt. Ignazia ist die lang ersehnte Tochter im Familienreigen des Barons Federico Perremuto. Ein aufgewecktes Kind, das störrisch wie eine Esel scheint, und vom Gedanken an die Oper beseelt ist. Operbühne sonst gar nichts. Auch hier meint es das Schicksal nicht gut mit der Querdenkerin.

Nach dem Happy end sucht man in den beiden Kurzbiographien vergebens. Zumindest, wenn man nach dem „und sie lebten glücklich bis ans Lebensende sucht“. Es sind zwei Frauen, die nicht offen dem männlich dominierten Machtapparat die Stirn bieten konnten. Ihre Waffe war die Ausdauer. Und die ist manchmal schärfer als schon manches Beil…