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Das Leben des Michelangelo Buonarroti

Über 450 Jahre ist es her, dass diese Biographie erstmals veröffentlicht wurde. Seither hat sich am Bild von Michelangelo, bzw. Michelagnolo, wie er im Buch genannt wird, Buonarrroti nicht viel geändert. Noch immer steht man mit offenem Mund in der Sixtinischen Kapelle und staunt über die Echtheit der abgebildeten Figuren.

Und dabei hätte es fast nicht geklappt. Denn Michelangelo, bleiben wir bei der heute gängigen Bezeichnung des Künstlers, sah sich nicht als Maler. Eher als Bildhauer. Als Papst Julius II. ihm dem Auftrag gab, zweifelte Michelangelo, ob er der Aufgabe gewachsen sei. Doch dem Papst die Arbeit, und somit auch die damit verbundene Zuneigung zu verwehren, hätte Michelangelo geschadet. Das wusste er. Doch zuerst einmal musste das Gerüst entfernt werden. Es war in der Decke verankert. So konnte ein Michelangelo nicht arbeiten! Mit dem Auftraggeber des Gerüstes lag er sowieso im Clinch. Doch kaum hatte Michelangelo begonnen zu malen, wurde er sich seine Unzulänglichkeit bewusst. Das Fresko schimmelte. Kein Moses, kein Noah, keine Adam, keine Eva ohne Pilzgeschwulst. Oh je. Man riet ihm weniger Wasser zu benutzen und siehe da: Bis heute eine Augenweide!

Ascanio Condivi ist der zweite, der sich an einer Biographie über Michelangelo versucht hat. Das liegt vor allem daran, dass der erste Autor, Paolo Giovio es nicht gut mit dem großen Meister meinte. Ascanio Condivi war überjeden Zweifel erhaben. Er war ein Weggefährte Michelangelos und sein Schüler. Minder begabt, was die Malerei betraf, aber auch seinen Schreibstil. Weshalb davon auszugehen ist, dass bei dem einen oder anderen Absatz ein Anderer den Feinschliff besorgte. Wer, das ist nicht bekannt.

Ingeborg Walther ist es, die dem Werk Condivis und Michelangelos den erläuternden Rahmen gibt. Ihre Deutung des Textes, ihre Sicht auf den Text lässt den Leser nicht im Regen stehen. Denn Condivi kann niemals hundertprozentig objektiv gewesen sein. Dennoch sind seine Zeilen eine Offenbarung. Zum ersten Mal wurde das Werk Michelangelos einer Analyse unterworfen. Condivi beschreibt en detail unter anderem die einzelnen Abschnitte der Sixtinischen Kapelle. Die Faszination, die die Bilder auf ihn ausübten, ist spürbar und nachvollziehbar. Doch nicht nur diese Bilder beschreibt er exakt, auch das „restliche Vermächtnis“ hält seiner Deutung stand. Mit jeder Seite steigert sich das Wohlwollen des Lesers für den Autor und dessen Objekt.

Michelangelo war zu seiner Zeit Großverdiener. Nicht einmal ein Prozent seiner Gage für die Ausmalung der Sixtinischen Kapelle musste er für Farben ausgeben. Das rief Neider auf den Plan. Feinde, die ihm die Nähe zum Papst übelnahmen. Herrscher, die ihn verachteten, weil er sich an Verträge hielt und nicht für gigantische Wechselsummen in deren Lager übertrat. Nur einer konnte Michelangelo immer wieder überzeugen: Der Papst, egal welcher. Ascanio Condivi hat eine ähnliche Fähigkeit. Er überzeugt den Leser ein ums andere Mal von der Genialität Michelangelos.

Berliner Schicksalsorte

Wer keinen Koffer in Berlin stehen hat, kommt wohl als Tourist in die deutsche Hauptstadt. Und dann will man schließlich auch was erleben. Und fernab der neuen urbanen Kulturausrichtung inklusive der monetären Nebenwirkungen bietet die Stadt einen breiten Teppich aus historischen Orten.

Armin A. Woy unternimmt mit dem Leser einen Rundgang zu zweiundvierzig Schicksalsorten, der einen Bogen von knapp sieben Jahrhunderten schlägt. Und der Rundgang beginnt gleich mit einer deftigen Abreibung. 16. August 1325, Markttag. Berlin wird von den Wittelsbachern regiert und anerkannt. Wegen und vielleicht auch vor allem wegen des Papstbannes, mit dem das Herrschergeschlecht belegt wurde. Die Kirche selbst war damals gespalten, der bannsprechende Papst Johannes XXII. saß im provenzalischen Avignon.  In der Marienkirche sprach Nikolaus Cyriacus von Bernau. Und was er sagte, erzürnte die Berliner. In der Kirche rumorte es, doch es blieb ruhig. Als jedoch der Domprobst aus der Kirche trat, gab es kein Halten mehr. Die Soutane wurde ihm vom Körper gerissen, der Mob macht kurzem Prozess mit ihm. Da die Berliner von jeher ein lockeres Mundwerk haben, hätten sie die Abendstunden wohl sicher mit dem Begriff Barbecue umschrieben, wenn sie ihn schon gekannt hätten. Bis heute steht an dieser Stelle ein Sühnekreuz, das man – wenn die Geschichte darum nicht kennt, sicherlich übersehen bzw. nicht so recht wahrnehmen würde.

Der wilde Ritt durch die Jahrhunderte geht weiter. Wir überspringen die Hinrichtungen von Hans Johlhase1540 am Strausberger Platz und von Lippold Ben Chluchim im Jahr 1573 am Neuen Markt und kommen zum Bülowplatz. „Ich liebe doch alle Menschen“, wer ihm und seinen Worten glaubte, bekommt hier die Quittung für seine Blauäugigkeit. Der doppelte Erich, Erich Ziemer und Erich Mielke, sollten 1931 den Mord an einem ihrer KPD-Genossen rächen. Das Land war in Aufruhr und im Umbruch. Husar und Schweinebacke waren auch da als sich die Massen auf dem Bülowplatz. Husar und Schweinebacke waren allerdings keine Kampfnamen des Parteiselbstschutzes, wie sich der paramilitärische Arm der KPD nannte, sondern Polizisten. Schon lange ein Dorn im Auge jedes rechtschaffenden Bürgers. Ein heilloses Durcheinander folgte den aus nächster Nähe abgegebenen Schüssen. Rund ein halbes Dutzend Tote und über dreißig Verletzte waren das Ergebnis. Was wurde aus den Tätern? Erich Mielke konnte sich über sechzig Jahre in Sicherheit wiegen. Erst 1993 wurde er zu sechs Jahre Gefängnis verurteilt. Knapp zwei Jahre später war wieder frei und starb 2000 unbehelligt in Berlin-Hohenschönhausen.

Nur zwei der schicksalsträchtigen Orte Berlins. Vom Tatort, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde und dem Ausgangsort des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 über die Glienicker Brücke und die Discothek „La Belle“, die durch einen abscheulichen Terrorakt berühmt wurde bis hin zur Mauer und dem Olympiastadion geht die historische Reise vom Armin A. Woy. Unterhaltsam, aber vor allem detailreich gibt dieser Band Auskunft über Orte, die man sicherlich schon mehrmals besucht hat, die man gequert hat, die man aber nicht als solche erkannt hat. Von nun an ist Berlin ein Ort, an dem man aufpasst, wo man hintritt. Dank dieses Buches.

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Teuflische Orte, die man gesehen haben muss

Herrgott nochmal, schon wieder eine Aufzählung von Orten, die man unbedingt gesehen haben muss, wenn man mal ein paar Tage in einer anderen Stadt verbringen will? Zum Teufel nochmal, nein! Heiko Hesse war nicht nur in einem Ort, um dort mehrere Orte aufzuzählen, die man … Der Belzebub, Luzifer, Mephisto, Deiwel, Diabolus, Pferdefuß, kurz der Teufel ist in sein Buch gefahren. Denkwürdige Orte sind es, die er näher vorstellt. Orte, an denen man ihn, den gefallenen Engel nicht erwartet.

Auerbachs Keller in Leipzig, die Wartburg in Eisenach oder den Betzenberg in Kaiserslautern – da ist er allgegenwärtig, in letztem Ort sogar tausendfach, wenn der 1. FCK aufläuft. In Aachen liegt er einfach so am Wegesrand. Krümmt sich fast vor Schmerzen. Ist ja auch klar, ihm fehlt ein Finger. Der Sage nach hat er sich ihn in der Dompforte eingeklemmt, als eine Schuld eintreiben wollte. Den Aachenern ging beim Dombau der Zaster aus. Hilfsbereit wie der Teufel nun mal ist, bot er seine Hilfe an. Er wollte nur die Seele des ersten, der durch die Pforte schritt. Ganz Christenmenschen, wie die Aachener waren, wollten sie aber keinen der Ihren opfern, und schickten einen Wolf in das Gotteshaus. Der Teufel düste wutschnaubend ab, die Tür schlug zu und der Daumen war einmal. Auf dem Rachefeldzug ging dem Teufel die Puste aus. Ein schlaues Bauernweib, das er fragte wie weit es denn noch bis Aachen sei, erkannte ihn und klagte über den (verdammt?) weiten Weg, der ihre Schuhe bereits ruinierte. Und an dieser Stelle steht heute eine Skulptur, und der Teufel liegt neben einem, mitten im Weg.

Einhundertzwölf Mal ließ sich Heiko Hesse von Satan aufhalten. Einhundertzwölf Mal ließ er ihn gewähren und in sein Buch Einzug halten. Einhundertzwölf Mal – noch 554 Mal, bis das Biest aus der Tiefe erwacht? Nein, es ist ein unterhaltsamer Reiseband, der dem Leser nützliche Tipps gibt, wie man im nächsten Urlaub dem Teufel ein Schnippchen schlagen kann, und ihn zwar erkennt, doch nicht herbeiruft.

Die Reise geht quer durch die Republik. Von wahrhaft höllischen Orten der Geschichte wie dem KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen. Über das Höllental bei Hinterzarten im Schwarzwald und Goslar, wo man in Erinnerung an ein bischöfliches Handgemenge in den Überresten des Doms nur bei genauerem Hinsehen den Fürst der Finsternis erkennen kann. Bis in die Domstadt Regensburg, wo die Donau über die Teufelsbrücke überquert wird.

Heiko Hesse ist ein amüsanter und gleichzeitig informativer Reiseband gelungen. Eine höllisch lange Reise wäre es, alles auf einmal abzuklappern. Aber wenn man in der Nähe ist, freut man sich, wenn man dieses Buch im Gepäck hat. Wer die Augen offenhält, begegnet dem Teufel in so mancher Verkleidung. Heiko Hesse reißt ihm so manches Mal die Maskerade von der Fratze und legt ihn frei.

Welcome to borderland

Über dreitausend Kilometer soll er lang sein, zehn Meter hoch – der Grenzbefestigungswall zwischen den USA und Mexiko. Die Mauer! Das hat der neue Präsident der USA versprochen. Und viele jubelten ihm zu … undwählten ihn. Bis jetzt hat er sein Versprechen nicht eingehalten. Und dennoch gibt es sie, die Mauer. Die Mauer, die das arme Mexiko vom den reichen USA trennt. Nur partiell, dennoch ist sie da.

Jeannette Erazo Heufelder hat 2017 eine lange Reise unternommen. Eine über dreitausend Kilometer lange Reise entlang des Rio Grande, der in Mexiko Rio Bravo heißt – so wie der amerikanische (!) Western. Es ist jedoch nicht nur eine Reise von A nach B gewesen, es ist eine Reise in die Vergangenheit, mitten durch die Gegenwart, die Zukunft ist ungewiss.

Die Autorin schlägt einen weiten Bogen. Von damals als Texas noch zu Mexiko gehörte, Kalifornien Arizona und einige andere Bundesstaaten und Gebiete ebenso. Sie berichtet von Kriegen, von vorsichtshalber angesiedelten Menschen, um sich vor den spanischen Kolonialisten zu schützen, von Alamo, Indianern und dem Freiheitskampf eines Emiliano Zapata und vom Drogenkrieg.

In der Grenzregion zu wohnen ist ein gefährliches Unterfangen. Nur diejenigen, die (oft mehrmalige) tägliche Kontrollen gutheißen, fühlen sich hier sicher. Auf mexikanischer Seite befindet sich die Stadt Mexicali, auf amerikanischer Seite Calexico. Die Nähe zueinander ist nicht zufällig und spiegelt sich nicht nur in der Namensähnlichkeit wider. Vieles, was hier nördlich und südlich der Grenze, die einmal nur durch einen Fußstrich im Sand besiegelt wurde, geschieht, beruht auf historischen Missverständnissen und Kriegen. Der erste Schuss im amerikanisch-mexikanischen Krieg fiel bei den Mexikanern. Dass die Amerikaner bei ihrer Reaktion schon auf mexikanischem Boden standen, wies der Präsident als „fake news“ zurück, wenn er den Begriff zur Hand gehabt hätte.

„Welcome to Borderland“ lässt uns eine Blick hinter über den Zaun und hinter die Mauer werfen. Trostlos und hoffnungsvoll zugleich ist das Leben beiderseits von Borderland. Trostlos, weil es kaum jemals eine Chance geben wird, dass sich an diesem Ort etwas zum Besseren wenden wird. Hoffnungsvoll, weil es trotz all der Repressalien einen nicht enden wollenden Strom von Menschen gibt, die die Grenze tagein, tagaus überqueren. Die Grenzregion auf amerikanischer Seite in und um San Diego erwirtschaftet einen Milliardenumsatz, der sich auch im Staatshaushalt niederschlägt. Würde die Grenze dichtgemacht werden, wäre dieses Loch nur schwer zu stopfen. Und damit wäre wohl auch die Frage geklärt, warum die Mauer immer noch nicht steht…

Hietzing

Hietzing bei Hitze genießen – da muss man einen kühlen Kopf bewahren. Denn der Stadtteil der Donaumetropole Wien bietet eine Menge an historischen Schmeckerchen, die man auch auf den zweiten Blick nicht erkennen wird. Eine U-Bahn-Haltestelle nach dem Tourismusmassenphänomen Schönbrunn öffnet sich dem neugierigen Besucher eine fast schon als geheimnisvoll zu bezeichnende Welt. Prächtige Villen reihen sich neben unscheinbare Wohnhäuser, deren einstige Bewohner die Welt eroberten. Für Filmfans ein wahres El Dorado.

Gleich schräg gegenüber der U-Bahnstation trifft man schon auf die erste Leinwandikone. Ein Platz ist nach diesem Filmschauspieler benannt. Im deutschsprachigen Raum eine Legende: Hans Moser. Das Haus, in dem er wohnte, befindet sich fußläufig ein paar Minuten entfernt. Dichte Hecken umgarnen die Stadtvilla. Kameras verraten, dass hier etwas zu beschützen ist. Auf den beliebten Volksschauspieler weist erst einmal nichts hin. Um die Ecke jedoch: Botschaft der Republik Aserbaidschan. Die hat die Villa des nuschelnden Schauspielers als ihre neue Heimat in der Fremde angenommen und eine Erinnerungstafel angebracht.

Leopoldine Konstantin ist sicher den wenigsten Filmfans ein Begriff. Doch ihre Rolle als Mutter eines glühenden Nazis in Hitchcocks „Notorious“ machte sie nach Jahren in der Bedeutungslosigkeit wieder bekannt. Sie lebte einst in der Trauttmansdorffgasse 29. An sie erinnert keine Tafel.

Anders sieht es da in der Maxingstraße 18 aus. Hier komponierte Johann Strauss die „Fledermaus“, im selben Haus starb auch Franz Schubert, dem der Bauchtyphus das Leben kostete.

Bleibt man in der Maxingstraße hat sich das Soll an sehenswerten Promi-Ex-Behausungen noch nicht erschöpft. Maria Lassnig, die Avantgardistin der österreichischen Malerei lebte auf der gleichen Straßenseite nur ein paar Häuser weiter stadteinwärts.

Nun ist sicher nicht jeder darauf erpicht, in seinem Urlaub Plätze zu besuchen, die mehr oder weniger berühmte Menschen mit ihrer Anwesenheit beglückten. Doch das Wissen darum, lässt so manche Fassade in anderem Licht erscheinen. Das Klimt-Haus, das erst nach dem Tod von Gustav Klimt erbaut und an der Stelle seines einstigen Ateliers um seine Wirkungsstätte herum gebaut wurde, ist dagegen ein Anziehungspunkt für alle Wien-Kultur-Reisenden. Hietzing hat gleich zwei Klimt-Orte vorzuweisen. Und einmal Schiele. Alles gut erkennen, wenn man weiß, wo man schauen soll.

Werner Rosenberger setzt dem ehemaligen Wiener-Alltagsfluchtziel Hietzing die Krone auf. Je länger man durch diesen beschaulichen Stadtteil flaniert, und je mehr man in diesem Buch blättert, desto häufiger betritt man historischen Boden. Burgschauspieler, Musiker, Stadtplaner fanden hier den Ort, der sie gewähren ließ.

Als Besucher und Leser findet man hier das Paradies. Die Promis von annodazumal sind nicht mehr. Ihre Häuser, das Dach überm Kopf von damals sind noch da. Man muss sie nur suchen. Nur einen Steinwurf von Sisi und Franz kann man das Wien von Johann, Rudolf, Alban und vielen anderen bedeutend gelassener erkunden als ein, zwei U-Bahn-Haltestellen zuvor. Und mit diesem Buch im Handgepäck entdeckt man Wien immer wieder neu.

Australien – Der Osten

Das andere Ende der Welt übte schon vor Jahrhunderten eine besondere Faszination auf Abenteurer aus. Wer den Traum Australien zu erkunden noch in sich lodern fühlt, weiß, dass er / sie eine Welt betritt, die nicht nur weit weg von zuhause, sondern wahrhaft selbige auf den Kopf stellen kann. Blöd, wenn man dann auf dem neuen Kontinent nicht weiß wo man anfangen soll. Achthundertvierzig Seiten sollten mehr als ausreichend sein wochenlang dreieinhalb Millionen Quadratkilometer einer tiefgreifenden Untersuchung mit stetig steigendem Reisefieber erforschen zu können. Queensland, New South Wales und Victoria – nur drei Staaten? Und die sollen reichen Australiens Osten kennenzulernen? Ja, denn es gibt nur diese drei Staaten. Dementsprechend groß müssen sie sein, und sind sie auch. Allein Queensland ist fünfmal so groß wie Deutschland. Die schiere Größe ist jedoch nicht der Grund, um Australien zu besuchen. Allenfalls ein weiterer. Fakt ist: Wer Australien besucht, will viel sehen und muss sich vorher genau informieren. Denn mal schnell von Melbourne nach Brisbane ist nur mit dem Flieger möglich.

Das herausragende Merkmal dieses Reisebandes sind die kleine Orte, die scheinbar unbekannten Hotspots, die niemand sucht, die den Reisenden jedoch finden. Mornington Peninsula in der Nähe von Melbourne, dort wo Inspector Hal Challis aus den Romanen von Garry Disher das Verbrechen vor sich hertreibt, steht für maximal für Leseratten auf den ersten Plätzen der To-Do-List. Wer an den Stränden (endlos, schließlich ist man in Australien!) sich in der Sonne brät oder das mehr oder weniger kühle Nass genießt, kommt unweigerlich bald an den bunt bemalten bathing boxes vorbei. Es sind solche kleinen Dinge, die einen Australienurlaub so besonders machen. Und für jede Menge „likes“ bei Instagram und ähnlichen Plattformen sorgen. Oder Orte wie Ulladulla. Schon allein wegen des Namens muss man da hin. Nicht nur, wenn man Ursula, Ursel oder Ulla heißt. Zusammen mit Milton bilden diese beiden Orte, die nun wirklich nicht weit voneinander entfernt sind, ein breites Spektrum an Urlaubserlebnissen. Milton, die Stadt mit Geschichte und Bummelparadies und Ulladulla, das Fischerstädtchen, das übersetzt sicherer Hafen bedeutet. Wasser, Strand, Dünen und Boote um es in wenige Worte zu kleiden.

Armin Tima weiß so genau wie kaum jemand anders wie abwechslungsreich, farbenfroh und ereignisgeladen der Osten Australiens ist und auf den Reisenden wirkt. Wohl dosiert gibt er Tipps ohne den Leser zu überfordern und ohne dabei etwas Entscheidendes auszulassen. Ihm kann man vertrauen, bevor der Flieger gen Ende der Welt abhebt. Ist man da, sollte man immer eine Hand freihaben, um nachzublättern, damit auch nichts vergessen wird. Wer weiß, wann man wieder hierher kommen kann. Exzellente Detailkarten sowie die gelb eingefärbten Infokästen mit den Infos, die in illustrer Runde für Erstaunen sorgen, lassen wirklich keine Fragen offen. Und er schaut natürlich über den Tellerrand hinaus. Soll heißen, Ayers Rock. Wer in Australien urlaubt, will, ja muss den berühmten Berg sehen. Der liegt weit im Landesinneren und nicht mehr im buchthematischen Osten des Landes. Doch auch der Autor kommt nicht umhin ein wenig abzuschweifen. Genauso wie Armin Tima dem Leser Platz lässt links und rechts der Routen auf eigene Faust dem Abenteuertrieb freien Lauf zu lassen.

Mrs. Calibans Geheimnis

Das Radio ist die einzige Abwechslung in Dorothy Calibans monotonem Alltag. Fred, ihr Gatte ist bei der Arbeit. Sie kümmert sich darum, dass die Teppiche staubfrei sind, der Boden glänzt und das Essen auf dem Tisch steht, wenn es auf dem Tisch stehen soll. Beschwert sie sich? Nicht die Spur. Nur wenn Estelle ihre Freundin mal vorbeischaut, schüttelt sie ab und zu den Kopf über ihr tristes Leben. Das Radio ist da schon aufregender. Da erfährt man so allerlei aus aller Welt. Von ausgebrochenen Monstern zum Beispiel, die gleich um die Ecke die Füße in die Hand genommen haben.

In letzter Zeit jedoch hört Dorothy Nachrichten, die wohl nur für sie bestimmt zu sein scheinen. Sie werde noch ein Kind bekommen. Alles werde gut. Nichts Beunruhigendes, schließlich muss das Essen pünktlich auf dem Tisch stehen. Ach, da ist er schon. Fred kommt nach Hause. Ach nee, doch nicht. Sieht irgendwie komisch aus, das da. Das, was da plötzlich – ohne Schrecken zu erregen – im Haus steht. Wie ein Frosch. Ein überdimensionaler Frosch. Und das Ding kann sprechen. Sogar ganz gewählt. Höflich. Wirkt ein bisschen traurig, das Ding da, was da durch die Hintertür ins Haus kam. Fred kommt auch gleich, aber der kommt durch die Vordertür. Mies gelaunt und abweisend wie eh und je.

Larry, so heißt das Monster, ist da von ganz anderem Kaliber. Er hilft im Haushalt, ist aufmerksam, genießt die Anwesenheit von Dorothy. Gemeinsam schauen sie Talkshows, die Muppets-Show ist für ihn der Höhepunkt des Tages. Nachts hingegen ist er allein. Dann kann er aber raus auf die Straßen. Im Auto herumfahren, wie man eines kurzschließt, hat er im Fernsehen gesehen. Und er ist Dorothy ein guter Liebhaber. Anfangs ein wenig ungeschickt – er will ihr das Nachthemd nach unten wegziehen, merkt aber ziemlich schnell, dass der andere Weg funktioniert – ist er für Dorothy fast schon der verwunschene Prinz, den sie nie zu suchen glaubte.

Jedes Glück hat einmal ein Ende. Im Märchen verwandelt sich der Frosch in einen Prinzen und alle leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Bei Rachel Ingalls kommt das Ende mit der Erkenntnis, dass Fred doch nicht so gefühlskalt ist, wie er Dorothy immer erscheint. Allerdings zeigt er sein anderes Gesicht einer anderen, der Tochter von Estelle. Das Drama nimmt seinen Lauf…

„Mrs. Calibans Geheimnis“ ist die gelungene Fortsetzung des Märchens vom Froschkönig. Denn mit der Heirat – Dorothy Caliban kann davon mehr als ein Lied singen – ist das perfekte Leben im besten Fall eingeläutet. Mehr auch nicht. Man muss sich schon festhalten, um beim Lesen nicht vom Sessel zu rutschen. Larry, Schwiegersohntyp und Pefect-Lover in einem gewöhnungsbedürftigen Körper, sucht in der Welt, in die er ausgebrochen ist, Halt zu finden. Dorothy kann allen Unkenrufen zum Trotz ihm diesen Halt geben. Doch sie selbst ist es, die Halt sucht. Zwei Suchende auf ihrem Weg ins Glück. Geheimnisvoll und poetisch von der ersten bis zur letzten Zeile.

Die gelbe Tapete

Wie man es dreht und wendet: Sie hat den Blues. Den Baby-Blues. Kurz nach der Entbindung geht es einer jungen Frau nicht so wie man es allgemein erwartet. Sie fühlt sich schlapp. Selbst geringe Aufgaben zehren an ihren Kräften. Ihr Mann John ist Arzt und verordnet ihr, sich selbst und dem kleinen Wurm einen ausgedehnten Erholungsurlaub. Ein kleines Häuschen weit weg von allem, was an Alltag erinnern könnte, ist schnell gefunden.

Ein hübsches kleines Idyll in nicht minder idyllischer Umgebung. Doch es will sich keine Erholung einstellen. An Besucher ist gar nicht zu denken. Als dann doch eine Party steigt – irgendwann muss das Einsamkeitsidyll ja auch mal ein Ende haben – darf sich die junge Frau an keinerlei Vorbereitung beteiligen.

Denn das Idyll hat Risse. Und damit sind keineswegs selbige in der Wandverkleidung gemeint. Schön wär’s, wenn es doch so wäre. Die Tapete, die gelbe Tapete, macht der Rekonvaleszenten gehörig zu schaffen. Die Farbe allein reicht schon, um sich aufzuregen. Durch die Sonne teils verblasst. Angesiedelt irgendwo zwischen Durchfall und Auswurf. Das alles ist mit ein bisschen gutem Willen verschmerzbar. Doch das Muster! Oh je! Ein Muster zum Verrücktwerden. Immer mehr steigert sich die junge Mutter in wilde Geschichten, was das Muster ihr erzählen kann, erzählen will, hinein. Erholung ade! Drehbuchschreiber könnten aus ihren Psychosen mörderische Geschichten erfinden. Von Monstern, die des Nachts aus ihrer Zweidimensionalität kriechen und dreidimensional für Schrecken und Horror sorgen. John bemerkt die Veränderungen an seiner Frau nicht. Vielmehr sorgt er sich, dass seine Behandlungsmethoden nicht anschlagen. Erst kurz vor dem Ende des Erholungsurlaubes, der diese Bezeichnung noch nie verdient hatte, sind die Anzeichen für Schlimmeres nicht mehr von der Hand zu weisen…

Charlotte Perkins Gilman – drei Jahr vor ihrem Tod wurde ein anderer, durch seine Rolle in einem Psycho-Streifen weltbekannter Schauspieler geboren: Anthony Perkins, der Norman Bates aus Hitchcocks „Psycho“ – macht die Beklemmung einer jungen Frau greifbar, die gefangen ist zwischen Pflicht- und Traumerfüllung. Sie will eine gute Mutter sein, kann es aber nicht, weil ihr die Kraft fehlt. Ebenso wie das Eingeständnis, dass sie sehr wohl das Recht hat ihrem Mann alles zu gestehen. Der wird unfreiwillig zum Handlanger des Bösen. Er sieht nicht, vielleicht will er aus falsch verstandenem Standesbewusstsein es auch nicht sehen, wie sehr seine Frau sich ängstigt in dem Zimmer mit der gelben Tapete.

Ein kleines Buch, das man gleich zweimal, oder sogar doppelt lesen kann. Denn zum Einen ist der englische Originaltext abgedruckt, zum Anderen die Neuübersetzung von Christian Detoux. Und zwar wortwörtlich Seite für Seite. Die Spannung des Originaltextes, der in seiner Intensität an Edgar Allan Poe erinnert, der Charlotte Perkins Gilman rund ein halbes Jahrhundert voraus war, verliert mit keiner Silbe durch die Übertragung ins Deutsche. Ideal für Parkspaziergänge, Erkundungen in unheimlichen Burgruinen oder als tiefgreifende Bettlektüre.

Nico

Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Zumindest, wenn man ein Boulevard-Magazin zu verantworten hat. Ein Leben mit Drogen, Tod, Abweisung, Verlust, Verrat – im schrillen Schein der Prominenz.

Nico, der Name sagt vielen nichts mehr. Doch wer auch nur ein bisschen in diesem Buch herumblättert (das intensive Lesen folgt dann ganz automatisch), wird sich der Bedeutung von Christa Päffgen, die sich Nico nannte, schnell bewusst. Sie war zeitweise die drohende Stimme von Velvet Underground. Sie war die Mutter eines der Kinder von Alain Delon. Sie war. 2018 hätte sie ihren 80. Geburtstag feiern können, stattdessen jährt sich ihr Tod bereits zum 30. Mal.

In ihrem Geburtsjahr 1938 dreht sich die Welt etwas schneller, etwas heftiger und in eine gefährliche Richtung. Pogrome sind kurz nach ihrer Geburt in Köln an der Tagesordnung. Kurz vor Ende des Weltkrieges flieht die Familie aus dem bombardierten Köln ins brandenburgische Lübbenau. Und schon kurz Zeit später flieht Christa ins nahe Berlin. Die Trümmer sind ihre Spielwiese, und das KaDeWe, das schon bald wieder eröffnet wird, ist ihre Bühne. Hier entdeckt sie ein Fotograf. Herbert Tobias. Sie wird einmal ein Star. Das weiß er, daran arbeitet er. Doch als „dat Christa“ wird das wohl nichts. Eine unerfüllte Liebe Tobias‘ ist Namenspate für die schlanke Blondine mit den hohen Wangenknochen und der unverwechselbaren Stimme. Nico is born. Die Magazine reißen sich um sie. Paris wird ihr neues Zuhause. Sie reist wie ein Star, obwohl sie da noch kein echter Star ist. Als Schauspielerin will sie sich probieren, doch ihr eigener Kopf steht ihr immer wieder im Weg.

Die Melancholie, die harsche Ablehnung jeglicher Konventionen vernagelt ihr so manche Tür. In Fellinis „La dolce vita“ spielt sie mit, sich selbst. An der Seite von Alain Delon soll sie in „Nur die Sonne war Zeuge“ die weibliche Hauptrolle übernehmen. Sie kommt zu spät und Marie Laforêt bekommt die prestigeträchtige Rolle. Nicht zum letzten Mal wird ihre eigensinnige Haltung zur Pünktlichkeit einer anderen die Bühne bereiten. Zu allem Überfluss wird sie schwanger, von Delon, der den Titel des Vaters seither aber kategorisch ablehnen wird. Das Kind wird ein Omakind, wird sogar von Nicos Mutter adoptiert.

New York ist die nächste Station in Nicos viel zu kurzem Leben. Erst hat sie Andy Warhol in Europa getroffen, nun steht sie schon im Studio mit Warhols neuestem Projekt: Velvet Underground. Die Band, die am häufigsten als Vorbild genannt wird, jedoch nie einen echten Hit hatte. All ihre Songs wurden erst später zu Ohrwürmern. Affären mit Jim Morrison von den Doors, Bob Dylan, Iggy Pop, um nur ein paar auserwählte Namen zu nennen, folgen. Doch bringen sie der stets betrübten Nico kaum etwas Zählbares ein. So umgeht sie aber das Stigma durch Beziehungen Ruhm zu erlangen.

Punk, New Wave, neue Deutsche Welle – Trends interessieren Nico nicht im Geringsten. Der nächste Schuss ist ihr näher als so manche Liebe. Sie versetzt ihr Harmonium, das Instrument, das sie beherrscht, das ihr den Lebensunterhalt sichern könnte. Patti Smith springt ein und kauft ihr ein neues. Ende der Siebziger geht es wieder bergauf mit Nico. Das Heroin wird durch Methadon ersetzt, Sohn Ari ist wieder an ihrer Seite. Er vergöttert seine Mutter, mit fatalen Folgen…

Tobias Lehmkuhl konnte für seine Biographie Nico nicht interviewen. Als sie starb, war er gerade mal Zwölf und hatte sicher noch nie was von Christa Päffgen oder Nico gehört. Mit vehementer Detailverliebtheit zeichnet er ein Bild einer Frau, die so undurchsichtig war, so verschlossen, so geheimnisvoll. Jedes einzelne Gerücht zu entkräften, Geheimnisse zu lüften kann also gar nicht gelingen. Muss es auch gar nicht. Denn sie selbst hat schon in jungen Jahren derart viele und vor allem verworrene falsche Fährten gelegt, dass hier der Begriff Legende seinen Ursprung zu haben scheint. Was jedoch stimmt und sich niemals ändern wird: Nico wird für immer das fleischgewordene Geheimnis bleiben.