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Melange der Poesie

Schwarz-Weiß-Fotografien sind so was von out. Und im Kaffeehaus sitzen, das hat meine Oma gemacht. Kaffee hole ich mir mit Zutatenmonolog im Schnelldurchlauf im Vorbeigehen. Und jetzt stelle man sich Wien in quietschbunten Farben vor. Statt historisch gewachsener Kaffeehaus-Kultur gäbe es nur Warteschlangen mit Menschen, die ihren Zubereitungswunsch für sich herbrabbeln, um am Tresen dann kläglich zu versagen. Das kann man überall erleben, dafür muss man nicht nach Wien reisen. Oft reicht es sogar einfach nur aus der Haustür herauszutreten. Nein, nein, nein! Wien und Kaffeehaus bilden eine Symbiose, die jedem Trend trotzen, aber nicht negieren.

Barbara Rieger und Alain Barbero sind Fans dieses seit 2011 immateriellen UNESCO-Kulturerbes. Denn im Kaffeehaus wird nicht nur geschlürft, hier wird Weltliteratur kreiert. Berühmt die G’schichten vom Qualtinger, den man aus dem „Alt-Wien“ schon mal nach Hause tragen musste. Und der hatte bestimmt nicht einen arabica zu viel intus. Lag vielleicht am Knoblauchschnaps?

Der Charme der Kaffeehäuser hat sich bis gehalten. Auch wenn heuer kein Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka gegenübersitzt, kein Thomas Bernhard oder Elias Canetti vielleicht einen kleinen Einblick in ihr Werk genehmigen, so lebt ihr Geist in den oft kunstvoll gestalteten vier oder mehr Wänden weiter. Und Literaten gibt es ja heute noch, welch ein Glück!

Doch nicht in die Irre führen lassen! Das Jelinek ist nicht der Ort Elfriede Jelinek Ideen für den nächsten Bestseller zuzuflüstern. Das Jelinek heißt Jelinek, weil die die Besitzer so heißen. Elfriede Jelinek ist kein Mitglied dieser Familie.

Autorin und Fotograf schlenderten Jahre durch die Kaffeehäuser der Stadt. Sie taten Geschichtchen auf, trafen Autoren und luden sie ein an diesem Buch mitzuwirken. Viele stellten kurze Texte zur Verfügung, die dem Thema schmeicheln. Sie ließen sich ablichten. Sie erzählen vom Damals und Heute.

So umfangreich eine Karte im Kaffeehaus – Einspänner, Franziskaner (kein Bier!), Melange, kleiner Schwarzer, überstürzter Neumann, Fiaker, Maria Theresia, man könnte noch mehr Zeilen mit den Angeboten füllen), so abwechslungsreich sind die Geschichten in diesem Buch. Und wieder einmal denkt man sich, dass man doch nicht alles über Wien weiß, geschweige denn gesehen und erlebt hat.

„Melange der Poesie“ vereinigt 55 Autoren mit dem erlesenen Geschmack des Kaffees und der hier einhergehenden Kultur. Wenn der Tod a Wiener is, labt er sich am Seelenleid der Intellektuellen bestimmt an einem Tisch in einem der zahlreichen Kaffeehäuser. Und der Leser schaut zu!

Oberitalien

Es ist einsam, da oben an der Spitze – so mancher wünscht sich das auch da oben, in Oberitalien, an so manchem Ort. Überall staunende Touris, die es nicht lassen können, sich dort breitzumachen wohin sie die Reisebände für die Masse(n) hinführen. Eigentlich bräuchte Oberitalien (also die Gegend von … bis … in nord-südlicher Ausrichtung, und von … bis … in west-östlicher Richtung) keine Reisebände. Ist ja eh alles bekannt. Meint man. Dann kann (und es wird so sein!) es natürlich passieren, dass die „Anderen“ das genauso sehen, und einem permanent über den Weg laufen. Erholung kann dann sehr anstrengend sein.

Eberhard Fohrer stellt sich der Mammutaufgabe Oberitalien auch abseits der offensichtlichen Schönheiten zu erkunden und dem Leser ein (Ober-) Italien zu zeigen, dass er ohne dieses Buch wohl nicht so einfach entdecken könnte. Oberitalien ist der Bereich oberhalb des Stiefelschafts plus eine gedachte Linie von der Kniescheibe bis ins obere Drittel der Wade. Sofern der italienische Stiefel unter dem Knie endet! In anderen Worten: Von Südtirol bis San Marino und von Turin bis Triest. Auch wer im Geschichtsunterricht mehr aus dem Fenster statt an die Tafel geschaut hat, weiß, dass hier Geschichte geschrieben wurde und – aus touristischer Sicht – immer noch geschrieben wird.

Wer in der Lombardei seine Erholung sucht, kommt am Namen Visconti nicht vorbei. Ja, die Viscontis, deren berühmtester Vertreter der Regisseur Luchino Visconti. Seine Vorfahren machten sich gern und häufig in dieser Region breit. Ihre Hinterlassenschaften sind bis heute Markenzeichen von so manchem Ort. Borghetto, ein Ortsteil von Vallegio sul Mincio zu Füßen des Gardassees wartet ebenso mit einer Ponte Visconti auf – unbedingt den Parco Giardino Sigurtà besuchen, eine riesige Gartenanlage, die jeglichen Anflug von Sorgen im Handumdrehen vertreibt – wie Pavia mit seinem Castello Visconteo. Piacenza, gerade so in die Region Emilia Romagna eingebettet, kann sich ebenfalls mit einer Visconti-Behausung schmücken. Wirklich: Schmücken! Nur drei Orte, die innerhalb von einer reichlichen Stunde per Bahn zu erreichen sind. Bahnfahren in Italien – ein Muss, ein Schongang für den Geldbeutel und ein einwandfrei funktionierendes Beförderungssystem, das nur mit wenigen Verspätungen auskommt.

Oft ist es so, dass prall gefüllte Reisebände, die einen großen Teil eines Landes beschreiben sollen, bei der Aufzählung von Kirchen und anderen heiligen Stätten ihr Potential ausgeschöpft sehen. Man hetzt dann von Kirche zu Kirche – in Brescia liegen Alter und Neuer Dom schmerzfrei nebeneinander – und verpasst dabei den Rest. Wer also nicht nur siebenhundert Seiten gefühltes Kirchensponsoring sucht, sondern paradiesische Aussichten (zu empfehlen hier der Lago d’Iseo, der kleinste der vier großen Seen im Norden, wo echte Pyramiden in den Himmel wachsen), erlebnisreiche Touren (mit dem Rad am Po entlang – ein Genuss und dank der kaum vorhandenen Hügel für jedermann erlebbar) und genussvoll die Gaben italienischen Küche (nodo d’amore – bekannt, aber unter einem anderen Namen…mit eigenem Festival) als Normalität in sich aufsaugen will, tut Not daran die eingeschlagenen Wege eines Eberhard Fohrer zu nutzen. Jeder noch so kleiner Restauranttipp sitzt, jeder Aussichtspunkt hält das, was der Autor verspricht und mit jeder Seite, die man nach dem Urlaub noch einmal grob überschaut, wächst die Sehnsucht noch einmal Pavia, Bologna, Brescello (dort, wo Don Camillo und Peppone mit ihren Nickligkeiten dem Anderen das Leben erschwerten) zu besuchen. Noch ein Grund gefällig? Viele Tourismusbüros sind genau dann geschlossen, wenn man sie am nötigsten hat. Und dann? Warten? Nein, zum Fohrer greifen!

Die ermordete Cousine

Der Begriff Halbwaise erklärt nicht im Geringsten, was es mit dem so Bezeichneten auf sich hat. Eine Art Verwaltungsakt liegt dem Begriff inne. Margaret ist eine Halbwaise, die Mutter verstarb früh. Ihr Vater ist sichtlich überfordert, fördert sein Kind in jeglicher Hinsicht, nur Gefühle sind ihm fremd. Und das sollen sie auch ihr bleiben. Im Teenageralter verliert Margret auch noch den Vater, der testamentarisch verfügt hat, dass sein Bruder, Sir Arthur Tyrrell sich um sie kümmern soll. Natürlich gegen eine entsprechende Abfindung. Denn Sir Tyrrell ist nicht unbedingt mit üppiger Apanage ausgestattet. Vielmehr hatte er einmal riesige Schulden.

Diese Schulden bzw. die Tilgung der selbigen brachten ihm den Ruf des schwarzen Schafes der Familie ein. Denn mit einem Schlag war er schuldenfrei. Ja, er war sogar selbst zum Kreditor geworden. Dumm nur, dass der Debitor – bleiben wir in der Verwaltungssprache – plötzlich tot in seinem Zimmer lag. Sir Arthur Tyrrell ist erst einmal verdächtig: Sein Haus, er war Schuldner, der plötzlich zum Krösus wurde – der Verdacht, dass er etwas mit dem Ableben des nun Schuldners zu tun hat, liegt nah. Doch in diesem locked-room-mystery gibt es keine Gewinner. Außer Sir Arthur. Denn niemand kann ihm etwas nachweisen.

Cousine Emily freut sich wie ein kleines Kind als Margaret eintrifft. Auch Cousin Edward freut sich. Während Emily ihrer kindlichen Freude freien Lauf lässt, hegt Edward eher erotische Phantasien. Er – wenn man es unbedingt wohlwollend ausdrücke will – umgarnt das frisch eingetroffene Familienmitglied.

Doch Margaret weist ihn ab. Ihr Vater hatte bestimmt, dass sie allen amourösen Annäherungen standhalten solle. Und Sir Arthur, der Vater von Edward solle darüber wachen. Doch Sir Arthur sieht in der jungen Lady mehr die finanziellen Vorteile, mit Margaret kann er nichts anfangen. Und das Edward ihr den Hof macht, kann er überhaupt nicht gutheißen. Eigentlich sind das beide auf einer Wellenlänge. Dennoch redet er Margaret die Flausen aus. Und Edward soll abreisen. Nach Frankreich. Genauso abreisen soll die irische Kammerzofe von Margaret. Sie wird ersetzt durch eine abstoßende französische Gouvernante. Mit einem Mal nimmt das Drama seinen Lauf. Margaret hat eine finstere Vorahnung. Ist Edward wieder da? War er je weg? Wieso wird in ihrem Zimmer so geheimnisvoll herumgewerkelt? Und wieso führt sich die Kammerzofe so seltsam auf? Weiß sie nicht wo ihr Platz ist?

Joseph Sheridan Le Fanu zieht im literarischen Sinne die Fäden im Hintergrund und den Strick um Margarets Hals immer enger. Ist sie verrückt? Sind die Schatten der Vergangenheit noch immer präsent? Was ist mit dem Familiensinn? Eine Bettlektüre zum Gruseln für den Leser, für Margaret ist es bittere Realität: Ein neuerlicher Mord steht kurz bevor…

Tausend und ein Geschwätz

Eine namenlose Maquise kann einfach nicht schlafen. Da das Fernsehen noch nicht erfunden wurde (Zeit, Ort und Namen der Handelnden belieb anonym), und man sich damit leise in den Schlaf wiegen könnte, bittet die Baronin, ebenfalls namenlos den Abbé – man ahnt es schon: Auch er ist mit dem Stigma der Namenlosigkeit gezeichnet – eine Geschichte zu erzählen. Ein Märchen. Das soll helfen. Der Abbé hofft inständig, dass er nicht als Langweiler gilt, und beginnt sobald mit der Geschichte von Riante und Gracieux.

Riantes Geburt wurde – wie üblich in ihren Kreisen von Feen überwacht. Lirette, ein gute Fee, ist die Idealbesetzung für diesen Job. Denn schon während des Geburtsvorganges rumpelt es. Rare, die Mutter von Riante – schon allein die Namen (!) künden von der Erzählkunst des Autors – ist besorgt. Ein Omen? Nach einigem Suchen findet Lirette den Übeltäter bzw. die Übeltäterin. Wie üblich im Märchen gibt es zu jeder guten Fee auch eine böse Fee. Die heißt vielsagend Dreibuckel. Lirette ist auf der Hut, will helfen, aber erst einmal muss Dreibuckel ihren Zauberstab abgeben. Es kommt wie es kommen muss, Bauernschläue siegt über Liebreiz. Doch nur kurz!

Dreibuckel hat einen bösen Plan ausgeheckt. Der sieht vor, dass das behütete Kind, Riante, sich in den zwar schönen, aber reichlich naiven Ritter Gracieux verlieben soll. Als die Zeit reif ist, ebenso wie die bildhübsche und gebildete Riante, spinnt Dreibuckel ihre Fäden. Sie schlüpft in die Rolle Amors und spielt selbigen. Und siehe da, es klappt. Doch soll die Liebe nicht von Dauer sein… Ob die Marquise durch diese intrigante Geschichte von ihrer Schlaflosigkeit geheilt werden konnte, lässt Jacques Cazotte offen.

Dass „Tausend und ein Geschwätz“ als Nachttisch-Und-Einschlaf-Lektüre dient, ist zweifelsfrei bewiesen. Nicht, dass die Geschichte an sich einschläfernd sei – niemals. Doch als literarisches Betthupferl, dass dem Leser süße Träume bereiten kann, ist es eine willkommene Abwechslung zum Fernsehprogramm des Abends.

Feenwesen, die ihr Antlitz verändern können, die Macht der Liebe, der Ausschluss des rationalen Denkens – ein bisschen davon, ein bisschen hiervon und fertig ist ein kleines Büchlein, das große Wirkung entfalten kann. Jacques Cazotte beschäftigte sich mit Okkultismus. Mit ein bisschen Zwischendenzeilenlesen kommt man den Sympathien des Autors auf den Grund. Ob die Hingabe zur schwarzen Magie ihn dazu trieb seinen Freunden den Tod zu prophezeien, ist nicht überliefert. Ihr aufklärerisches war ihm zuwider. Hätte er den Gedanken, die Weissagung weitergesponnen, wäre ihm vielleicht der (vollendete) Gang zum Schafott erspart geblieben… Wer weiß, wer weiß.

Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt

Es ist schon fast ein Markenzeichen von Genies oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Oft wurden ihre Ideen und Theorien verlacht, hinweg gewischt oder gar verteufelt. Die Inquisition und die 30er, 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stechen dabei besonders hervor. Und je fortschrittlicher die Gelehrten desto früher erkannten sie die Dringlichkeit der Abwanderung. Der Exodus an genialen Köpfen während der Nazizeit wirkt bis heute nach. Eine Stadt wie Princeton hätte sicherlich immer noch eine Universität, aber der Ausstoß an Uni-Devotionalien wäre heutzutage niemals so groß ohne beispielsweise Albert Einsteins Wirken vor Ort.

Apropos Albert Einstein. Er gehört unbestritten zu denen, die man als Erstes nennt, wenn man eine Liste mit Wissenschaftlern erstellen sollte. Max Planck gehört noch dazu. Werner Heisenberg, Marie Curie und vielleicht noch Stephen Hawking. Aber wer kennt schon David Hilbert? Der lehrte in Göttingen Mathematik. Mathe – oh je! Das meist gehasste Fach im Schulunterricht. Und doch ist die Mathematik die Grundlage für Physik und Chemie. Er war sozusagen das Rückgrat von Einstein. Beide rechneten. Dabei ging es nicht um Summen, vielmehr um Differenzen. Ohne Hilbert wäre Einstein nur einer von vielen gewesen.

Georg von Wallwitz setzt der Unkenntnis von David Hilbert ein Ende. Und was für eines. Voller Wortwitz, Detailverliebtheit, Tiefgang und Verständnis für Hilbert (aber auch für den Leser, denn Hilberts Wissen ist bis heute für die meisten eine Tür, die ewig verschlossen bleibt) setzt er ihn auf eine Stufe mit Größen, die auf anderen Gebieten zur ersten Garde gehörten. David Hilbert war – um den heute gängigen Sprachgefühl ein wenig Tribut zu zollen – der Mathematiker der Stars.

Einstein hatte schon seine Gravitationstheorie formuliert, musste sie aber noch beweisen. Hilbert bemängelte schon Jahre zuvor, dass die Mathematik schon seit Jahrhunderten ohne echte Beweise auskomme. Jedoch mussten Einstein wie Hilbert erst einmal eine gemeinsame Sprache finden. Jeder war ein Genie auf seinem Gebiet, das eigene Wissen mit anderen zu Teilen scheiterte – wie bei so vielen in dieser Zeit – an der Basis.

Wie kommt man aber nun dazu ein Buch über einen der hellsten Köpfe der Wissenschaft mit einem so scheinbar banalen Titel zu krönen? Der Titel weckt Interesse, so viel steht fest. Der Inhalt ist sicherlich keine leichte Kost, die FfF – Fußnoten für Fortgeschrittene – sind Knobeleien auf hohem Niveau. Doch Hilbert sah sich nie als abgehobenen Star, der über allen schwebt, er war ein bodenständiger Mann, und wohl auch deswegen auch so angesehen. Der Titel ist ein Zitat Hilberts. Nur einmal fuhr Hilbert aus seiner Haut. Gegenüber den Philologen in Göttingen, die unbedingt verhindern wollten (und es auch schafften), dass Emmy Noether, eine brillante Theoretikerin, von Hilbert gestützt, eine Professorenstelle erhalte. Denn eine Badeanstalt, wie es damals noch hieß, war streng nach Geschlechtern geordnet. Die einzige Ordnung, die Hilbert anprangerte…

Es ist auch für Mathe-Verweigerer ein Genuss dieses Buch zu lesen. Das liegt zum einen am untersuchten Objekt, genauso aber auch am Untersuchenden selbst. Die vermeintlich „zweite Reihe“ steht viel zu oft eben da. Georg von Wallwitz holt mit Eleganz und einem umwerfende Verständnis für Vorurteile gegenüber der Mathematik einen dieser Hinterbänkler an die Tafel. Ein spannender Vortrag, der an so manchem Vorurteil zweifeln lässt.

Pest & Cholera

Eine Biographie über Alexandre Yersin ist ein Selbstmordkommando. Der Mann war ja ständig unterwegs! Für ihn gab es seit frühester Kindheit kein Halten. Bei Louis Pasteur war er angestellt. Zu dieser Zeit finanziell eine Gelddruckmaschine, aus wissenschaftlicher Sicht ein Sechser im Lotto. Und was macht Yersin? Er will weg. Reisen. Forschen. China, und Vietnam waren seine Ziele. Hier erforschte er den Pestvirus. Und fand ein Gegenmittel. Immer mit besonderer Beachtung seines großen Gönners Louis Pasteur.

Die Art und Weise wie Patrick Deville dem verkannten Genie ein Denkmal setzt, versetzt den Leser in schiere Sprachlosigkeit. Wie ein Getriebener hetzt er dem nicht minder getriebenen Yersin hinterher. Ein knappes Mal umsteigen, um endlich in Asien anzukommen? Kein Problem! Yersin hat überall Spuren hinterlassen. Mal eben Hitler und Göring als Kunstsammler zu bezeichnen – Sarkasmus lag sicher auch dem Erfinder eines köstlichen Limonadengetränkes, das er besser mal zum Patent angemeldet hätte. Dann wäre Yersin heute noch buchstäblich in aller Munde.

Wissenschaftler zu portraitieren ist kein leichtes Unterfangen. Ihre Ausführungen ist mit Schulwissen kaum zu folgen. Und von Spannung sind die Forscher meilenweit entfernt. Patrick Deville kommt nicht einmal annähernd in den Verdacht Langeweile zu produzieren. Wie in einem Fortsetzungsroman reiht er das ereignisreiche Leben des Schweizer Forscher Alexandre Yersin an einer Perlenschnur auf. Man muss das Buch nicht an den Zähnen reiben, um festzustellen, ob die Perle echt ist. Sie ist es!

Paris, der Kanton Waadt in der Westschweiz oder fernes Asien – die Schauplätze sind echte Sehnsuchtsorte für Reisende. Für Yersin waren sie Mittel zum Zweck. Er steckte seine Nase in alles, was nach Forschung roch. Die Pest zu besiegen war eher Zufall für ihn. Die Ehrungen nahm er nicht entgegen. Denn ein Tag ohne Arbeit war ein verschenkter Tag. Selbst im hohen Alter war er nicht zu müde noch Neue zu entdecken. Altgriechisch und Latein wurden seine letzten Leidenschaften.

Heute findet man überall auf der Welt Hinweise auf sein Leben und Wirken. Eine Büste in Hongkong, eine Vogelart in Vietnam trägt seinen Namen, um nur zwei zu nennen. Nach der Lektüre fragt man sich, was wäre geschehen, wenn Alexandre Yersin die Pest in Europa in den Griff bekommen hätte? Oder wenn er die Limo zum Patent angemeldet hätte? Man würde ihn besser kennen. Hätte Yersin das gefallen? Nur, wenn man ihn weiter in Ruhe hätte arbeiten lassen. Er starb zufrieden fast achtzigjährig in Vietnam.

Feuerspuren

Spuren, die das Feuer hinterlässt, sind hartnäckig. Meist sind nur die oberflächlichen Hinterlassenschaften zu beseitigen, die tieferen Schäden werden nur kaschiert. So viel zur Physik und Chemie, dem Sichtbaren.

Doch Feuer reinigt auch. Es vertilgt das Unkraut der Vergangenheit, macht Platz für Neues. Man kann sich verbrennen. Kann sich wärmen und nähren. Oder den züngelnden Flammen beim nach dem Leben haschen zusehen. Feuer ist der Antrieb der Menschheit. Wichtigstes Überlebensorgan.

Neunzehn Sichtweisen auf die Verbindung von Sauerstoff, einer Zündquelle und brennbarem Material – die Gesellschaft für neue Literatur Berlin hat sich des Themas Feuer angenommen und in diesem Buch zusammengefasst.

Weder Pyromanen noch Feuerwehrleute sind die Zielgruppe des Buches. Vielmehr sind es Leser, die nicht einfach nur lesen, weil sie es können, angesprochen, sondern diejenigen, deren Phantasie noch rege sprießt. Von Paranoikern bis zu Träumern reicht die Bandbreite der Hauptakteure. Sie sind dem Feuer verfallen, scheuen es oder lassen es immer wieder hochleben.

Die Gesellschaft für neue Literatur e.V. Berlin (GNL) wurde 2004 von und für Autoren gegründet. Ihre Aufgabe besteht darin sich gegenseitig Hilfestellung zu geben. Sie leisten Kritik in trauter Runde zum Einen, Ansporn zu neuen Texten auf der Anderen.

Das Thema Feuer ist so vielfältig wie das Leben an sich. Und so sind die Geschichten in „Feuerspuren“ nicht minder abwechslungsreich, spannend und motiviert wie ihre Autoren. Feuer hinterlässt nun einmal Spuren. Sie zu deuten, ins rechte Licht zu rücken, sie zu interpretieren, ist eine willkommene Aufgabe für Denksportler. Als Leser kommt man in den Genuss die eigenen Gedanken, die in einem schlummern, sich aber bisher ganz gut versteckt hielten, an die Oberfläche kommen zu lassen.

Immer wieder entdeckt man beim Lesen persönliche Ideen, die man längst aufgegeben zu sein schienen. Die Sichtweisen der neunzehn Autoren wecken das Interesse nach Eigeninterpretation wie ein brennendes Schwert, das auch die letzte Schicht Vergessen offenlegen will.

„Feuerspuren“ liest man nicht wie einen Krimi Seite für Seite auf der Suche nach dem Täter. Man genießt es Geschichte für Geschichte in kurzen Abständen. Und wenn es einmal brennen sollte, kann man nur hoffen, dass dieses Buch kein Opfer der Flammen wird.

Die Humboldts in Berlin

Man mag es kaum glauben, aber Berlin war einmal zu klein für große Geister. Für Willi und Alex, besser bekannt als Wilhelm und Alexander von Humboldt, waren Berlin und Schoss Tegel, wo sie aufwuchsen, die erklärte Langeweile. Vielleicht nicht mit sprichwörtlichen „goldenen Löffel im Mund“, aber zumindest aus Edelmetall, genossen sie Privatlehrer und die Freiheiten eines finanziell sorglosen Lebens. Der Umzug nach Berlin in die Jägerstraße 22, wo heute eine Plakette auf den Geburtsort Alexanders hinweist (was nicht zu beweisen ist), war für beide nach dem Tod des Vaters in jungen Jahren der Abstieg in die gedankenbefreite Hölle.

Schon früh interessierte sich Alexander für Pflanzen, Stillsitzen und dem Lehrer gebannt lauschen, war ihm fremd. Wilhelm war der strebsame, aufmerksame Schüler. Die beiden wuchsen heran und in ihnen der Drang auszubrechen. Dank des Erbes war der monetäre Aspekt ihrer Ausbrüche vernachlässigbar. Die Ergebnisse sind bekannt: Wilhelm wurde zur Triebfeder in Berlin eine Universität zu gründen und Alexanders Reisen nach Amerika sind bis heute Grundlagen vieler Studiengänge.

Paris, Rom, Wien, London, Mexiko waren die Stationen, in denen das Bruderpaar individuell seine Spuren hinterließ. Die Neuordnung Europas durch den Tilsiter Frieden und Napoleons Expansions-„Politik“ sowie der preußische Machtapparat, der durch Behäbigkeit so lang durchhielt durchkreuzten öfter als gewünscht ihre Pläne. Alexanders Abneigung gegen Berlin ging soweit, dass er in zwei Jahrzehnten summa summarum nicht einmal ein komplettes Jahr in Berlin verbrachte. Welch Glücksgefühl muss es in ihm ausgelöst haben, als er vom kargen sandigen Boden Berlins in die Blütenpracht am Orinoco eintauchen durfte?

Mit diesem Bild vor Augen liest sich „Die Humboldts in Berlin“ ganz anders. So sehr die beiden mit Berlin verwoben zu sein scheinen, so konträr war die Realität. Peter Korneffel begleicht an mancher Stelle die Rechnungen der beiden mit ihrer Heimatstadt. Aber auf alle Fälle zeigt der Autor ein Berlin, das man als „Kurzzeit-Gast“ nur im Vorübergehen wahrnimmt. Viele Gebäude tragen den Namen Humboldt. Die Brüder wirkten an so vielen Stellen, die man gar nicht alle aufzählen bzw. in kurzer Zeit besuchen kann. Und ist dieses Buch auch die längste Geburtstagsparty der Geschichte. Wilhelm von Humboldt feierte am 22. Juni 2017 seinen 250. Geburtstag und Alexander wird 14. September 2019 (!) sein Vierteljahrtausend vollenden. Der Leser ist eingeladen zwei herausragende Persönlichkeiten der Stadt, Preußens und Deutschlands, Europas kennenzulernen und mit ihnen eine Zeitreise zu unternehmen, die man in keinem Reisebüro buchen kann.

Weihnachtlich glänzet der Wald

Der Tod muss a Wiener sein. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Weihnachtskrimis aus dem Hause Edition Karo in der Wohlfühloase des Jenseits Einzug halten. Nirgendwo sonst wird mit so viel Grandezza und Schmäh gemordet. Zum vierten Mal wurde der KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis ausgelobt und dieser blutrünstige Adventskalender mit vierzehn Türchen gestaltet.

Die Mariahilferstraße ist eine verkehrsberuhigte Zone wie der Amtsschimmel es so freudlos nennt. Trotzdem wuselt es hier an allen Ecken und Enden. Vom Ring kommend erklimmt man die leichte Steigung und ist verzaubert vom Lichterglanz der Weihnachtszeit. Doch in den Ecken brodelt die Wut, sie brodelt. Das Blut kocht, es kocht. Und zappzarapp ist ein Lichtlein schon ausgepustet.

Wien steckt voller Prachtbauten. Herrschaftliche Paläste zeugen vom Glanz des Habsburger Reiches. Auf ihren Treppen und Stufen tummeln sich die Pärchen. Und zwischendrin liegt auch ab und zu mal a scheene Leich. Kümmert’s wen? Naa, warum denn. A Leich is a Leich. Helfen kannst eh net.

Die Anthologie steckt voller Mordsideen.

Die Autoren verstricken ihre Opfer und Täter in Situationen, die nur einen Ausweg kennen. Einen absoluten, einen endgültigen. Und es gibt kein Zurück. So manches Weihnachtsgebäck bleibt einem da schon mal im Halse stecken. Oder soll es das gar nicht? Alles doch nur eine nette Geste?

„Weihnachtlich glänzet der Wald“ ist die ideale Einstimmung auf die grauen Tage. An diesen Kurzkrimis – der Champions League unter den Krimis – spürt man das Lokalkolorit und die Verbindung der Wiener zum Tod. Alles hat das besondere Etwas. Die Fluchtwege, die Spaziergänge durch die Donaumetropole, die ausgeklügelten Taten können nur hier angesiedelt sein. Die Verbindung der Wiener zum Tod ist legendär – erklären lässt sie sich nur schwer. Vielleicht liegt es am Schmäh, am fast schon britischen schwarzen Humor, am Umgang mit dem Unausweichlichen.

Denn unausweichlich sind auch die Verbrechen. Als Leser wird man zum Komplizen, zum verständnisvollen Mitwisser. Ja, Schuld lädt auf sich, wer dem Täter die Hand reicht. Aber alles nur Fiktion. Kein Grund zur Sorge und zu Selbstzweifeln.

Die drei Gewinner des KaroKrimiPreises eröffnen den Reigen der weihnachtlich rot (tot?) geschmückten Stadt. Ein Stadtrundgang durch körperwarme Lebenssäfte in vierzehn Etappen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wie es an Weihnachten nun einmal ist, tritt dabei so manche Überraschung zutage…

Goethes Faust und Einsteins Haken

Wenn Schach das Spiel der Könige ist, ist dann Boxen das Spiel der Straßenköter? Dieses Buch hetzt Wissenschaftler aufeinander (bzw. in den Ring), die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben können: Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler. An den Unis gehen sich beide Fachrichtungen oft aus dem Weg. Klischee! Doch schon in der Antike gab es große Schnittmengen. Wer wissenschaftlich arbeitete (egal, ob nun experimentell oder theoretisch – was machen eigentlich theoretische und experimentelle Physiker?), trieb sich auch im anderen Fach herum. Was wohl auch der Tatsache geschuldet war, dass, wenn man schon lesen (und denken) es auch anwenden wollte (und konnte). Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert? Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert!

Doch ganz so bierernst sollte man die Intention nicht nehmen. Annika Brockschmidt – als Historikerin und Germanistin Handtuchhalterin in der Ecke der Geisteswissenschaftler – und Dennis Schulz – als Zahlendreher mit Diplom zuständig für Blessurenverarztung und Nackenkühlung in den Ringpausen – benehmen sich nicht wie Don King und legen es auf blutige Scharmützel im gepolsterten Science-Ring der Eitelkeiten an. Vielmehr sind sie die Vorberichterstatter der Kämpfe, die unblutig und amüsant nur ein Ergebnis kennen: Einmütiges Unentschieden.

Man stelle sich vor wie die im Titel angekündigten Einstein und Goethe in den Ring schreiten. Welche Einlaufmusik läuft? Ein Geigensolo bei Einstein und ein Walzer bei Goethe? Einstein wäre begeistert von Goethes Eloquenz und angestachelt durch dessen Hochmut. Goethe hingegen würde an Einstein Lippen hängen, weil er sich gern selbst auch als Naturwissenschaftler sah und wäre mit der kecken Art des Gegenübers nicht übereingekommen. Voller Witz hätte Einstein schmerzende Haken verpasst. Voller Verkopftheit wäre so manche Gerade im Gefühlsgedärm des Wuschelkopfes gelandet. Zäh waren beide, aufgegeben hätte niemand.

Ein Füllhorn an Anekdoten und Deutungen ist „Goethes Faust und Einsteins Haken“ allemal. Von Alexander dem Großen und Schrödinger, über Roosevelt und die Medici bis hin zu Galilei und Röntgen reichen die möglichen Kontrahenten, die nicht immer gleich als Wissenschaftler, jedoch als große Köpfe zu erkennen sind. Ein bisschen wie bei den so genannten Promiduellen im Fernsehen oder den Celebrity Deathmatches auf MTV in den 90ern. Ernstnehmen nur bedingt, sich unterhalten lassen unbedingt. Nur wer partout einen klaren Gewinner erwartet, muss enttäuscht das Buch beiseitelegen. Alle Anderen hatten eine vergnügliche Lesezeit.