Archiv der Kategorie: aus-erlesen kompakt

Künstlerinnen und ihre Häuser

Hereinspaziert, hier werden Sie was erleben! Hier gibt es viel zu entdecken. Mal einer echten Designer-Ikone über die Schulter schauen? Oder einer Bühnenlegende beim Hüten einer Kinderschar zuschauen? Oder auf einmal so viele Kunstwerke betrachten wie in keinem anderen Museum der Welt? Einhundertvierzig Seiten geballtes Künstlerleben.

Die erste Wohnungsbesichtigung steht bei Gabriele Münter in Murnau an. Im so genannten Russenhaus. Ein nettes Häuschen, das man schon auf dem ersten Blick als gemütlich bezeichnen kann. Russenhaus, weil hier Wassily Kandinsky lebte, zusammen mit Gabriele Münter. Sie richtete alles ein, versteckte nach der Flucht Kandinskys seine Werke – erfolgreich. Selbst die braunen Spürnasen fanden nichts. Glücklich war sie hier nur eine kurze Zeit. Denn der geliebte Kandinsky starb in Exil.

Auch Karen Blixen wurde in ihrem M’bogani bei Nairobi nicht vollends glücklich. Zu oft wurde sie betrogen. Und finanziell war sie ebenso wenig gut aufgestellt. Sie pendelte zwischen ihre Liebe Kenia und ihrer Heimat Kopenhagen.

Vanessa Bell und Virginia Woolf – Schwestern – erging es nicht anders. So schön die eigenen vier Wände waren, so groß die Schar der berühmten Besucher – das Glück klopfte allzu oft an die Türen der Anderen.

Josephine Baker war zu ihrer Zeit der ungekrönte Star der Varieté-Bühnen. Doch privat erlitt sie derart viele Rückschläge, dass es heute noch größte Bewunderung verlangt, wenn man ihr soziales Engagement betrachtet. Ein Schloss sollte es sein. Es wurde ein Schloss. In der Dordogne in grünen Herz Frankreichs. Und es war erfüllt von Kinderlachen, die eingangs erwähnte Kinderschar. Sie hat sie alle adoptiert bzw. bei sich aufgenommen. Doch die Kosten verschlangen Unsummen. Ihre Auftritte, u.a. mit Maurice Chevalier, brachten nicht genug ein. Immer wieder stand sie finanziell am Abgrund. Am Ende ihres Lebens griff sogar Fürstin Gracia Patricia unter die Arme.

Ob ein kleines Häuschen auf Hiddensee wie das von Asta Nielsen, in dem sich auch Joachim Ringelnatz und seine Muschelkalk (so nannte er liebevoll seine Frau) zu gern aufhielten, oder das E.1027, ein Buchstaben-Zahlen-Rätsel, das Eileen Gray mit ganzer Tatkraft einrichtete, oder eben das Schloss von Josephine Baker: Alle in diesem Buch versammelten Künstlerinnen schienen sich einen Traum erfüllt zu haben. Doch oft wurde es ein Gefängnis, das mit zwei Seiten einer Medaille geschmückt war.

Gabriele Katz nimmt den Leser mit auf Wohnungsbesichtigungen der besonderen Art. Diese Wände sprechen noch immer. Doch ihre Geheimnisse geben sie erst in diesem Buch preis.

Odenwald

Wer bei Odenwald die Assoziation mit Ödnis ins Spiel bringt, wird auf diesen über 300 Seiten, eigentlich schon ab den ersten Seiten, eines Besseren belehrt. Denn das Land zwischen Main und Neckar steckt voller Überraschungen. Vor allem für die, die eine verschlafene Enklave hinter hohen Bergen, zwischen tiefen Wäldern erwarten.

Sicher ist der Odenwald nicht die bevorzugte Destination für Adrenalinjunkies. Hier genießt man das Leben und die freie Zeit, die man sich verdient hat. Klar, Ebbelwoi ist eine Spezialität, die man auch über die Grenzen des Odenwaldes hinaus kennt. Doch wer kennt schon die Sarolta-Kapelle in Fränkisch-Crumbach? Kaum jemand. Wohl auch, weil sie nur an bestimmten Tagen zugänglich ist.

Von Darmstadt bis Heidelberg, von Heppenheim bis zum Limes. So lässt sich das Gebiet umreißen, das Autorin Stephanie Aurelia Staab dem Leser näherbringt. Immer wieder staunt man wie vielfältig die Region ist. Auf der einen Seite (in natura als auch im Buch) schwärmt man von weiten Apfelfeldern. Im nächsten Moment tut sich eine erhabene Burg auf. Oder die Natur gibt den Blick frei für tiefe Einsichten in die vulkanologische Geschichte. Erfüllende Aussichtspunkte, treffsichere Tipps für den knurrenden Magen – wer hier nicht sofort seine Siebensachen packen möchte, … muss einfach weiterlesen. Das Aha-Erlebnis stellt sich auf alle Fälle ein!

Wie zum Beispiel im Mümlingtal. Kennt auch kaum einer, der sich bisher noch nicht mit dem Odenwald und seiner Umgebung beschäftigt hat. Von Breuberg über Höchst, nicht das bei Frankfurt, und dann auf der B 45 immer Richtung Süden, bis zum Marbach-Stausee. Hat es immer noch nicht Klick gemacht? Macht nichts! Entlang der Mümling lässt es sich vorzüglich entspannen. Zauberhafte Fachwerkhäuser, Skulpturen, die den Wanderweg erhellen, ein Ort, indem man sich wie ein König fühlen darf, eine imposante Burganlage und zum Abschluss ein Sprung in ein Waldseebad – das sind nur ein paar wenige Höhepunkte, die man hier teils einsam, teils in geselliger Runde verbringen kann.

Fakt ist, wenn man eine Region als ein bisschen vergessen nennen kann, so ist es der Odenwald. Und noch einmal: Von Ödnis keine Spur! Die Wandermassen marschieren woanders. Bergstraße, Weinstraße, Heidelberg gehören zum Reiseband dazu wie das spannungsgeladene Warten auf den nächsten Urlaub. Nicht nur coronabedingt sollte man in seine Reisepläne den Odenwald unbedingt einbeziehen.

Von B nach B. Begegnungen auf dem Radweg Deutsche Einheit

Alljährliche Herbstroutine im offiziellen Berlin: Anfang Oktober wird staatsragend der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Alle klopfen sich huldvoll auf die Schulter. Das ist im angemessenen Maßstab auch angebracht. Doch die Vereinigung eines Volkes, eines Landes, das vier Jahrzehnte in entgegengesetzte Richtungen marschiert ist bzw. marschiert wurde, passiert nicht von Heute auf Morgen. Und wer vor ’89 keine Beziehungen nach Drüben hatte, der hat auch heute noch sicher seine Schwierigkeiten damit.

Mina Esfandiari lebt in Berlin. Sie interessiert diese Vereinigung im besonderen Maße. Doch sie will nicht einfach nur wissen, wie man innerhalb von dreißig Jahren die Strecke von A nach B zurückgelegt hat, sie will wissen, was passiert ist in dieser Zeit … auf der Strecke von B nach B. Gemeint ist natürlich der politisch vorgeschriebene Weg von Bonn nach Berlin. Von der alten Bundeshauptstadt in die Neue, in die wieder erwachte Weltstadt Berlin. Zunächst muss sie aber die Zugstrecke in umgekehrter Richtung nehmen, die zufällig auch von B nach B führt.

In Bonn angekommen, nimmt sie ihr erstes Quartier in Besitz. Immer bei Menschen, die ihr für eine Nacht gern ein Couch zur Verfügung stellen. Immer am Puls der Zeit. Da kann es schon mal passieren, dass eine Gruppe aus Spanien und ein Weißrusse zur selben Zeit vor dem Bad stehen. Was aber viel faszinierender ist, sind die Begegnungen mit Menschen, die man so niemals bei der Google-Suche nach Deutscher Einheit finden würde. Sie haben ihre ureigene Sicht auf die Dinge und ihre Stadt. Kein glatt gebügeltes Eventprogramm, das findige Tourismus-Experten ausarbeiten ließen. Ein echtes Leben sucht Mina Esfandiari … und sie findet es dreißigfach. Denn ihre Reise hat dreißig Etappen. Mehr als die Tour de France. Und die sind auch „nur“ auf dem Fahrrad unterwegs.

So wie die Autorin und Fotografin. Marburg, Bad Hersfeld (hier musste man immer den Pass vorzeigen), Kassel, Einbeck, Quedlinburg, Dessau, Beelitz sind nur ein paar der Orte ihrer 1.280 Kilometer langen Tour von West nach Ost, von Damals ins Heute, oder einfach nur von B nach B.

Wer ihr auf Instagram folgt, hat schon so manches miterleben dürfen. Kleine Grüße aus der Proviantküche. Das Hauptmenü folgt nun in diesem exzellent gestalteten Buch, das – oh Wunder – nicht in Deutschland verlegt wurde, sondern im benachbarten Luxemburg! Die grafische Gestaltung und die mehr als aussagekräftigen Fotografien, die fast ausschließlich von Mina Esfandiari stammen, ergeben ein Zeitdokument, das noch lange Bestand haben wird. Keine rührseligen Geschichten von Trennung und Schmerz, sondern echtes Erstaunen darüber, was tatsächlich geschafft wurde. Offen gesagte Meinungen über das, was noch zu schaffen sein muss. Und vor allem echte Erlebnisse, die so nur einmal erlebt werden können. Den Radweg Deutsche Einheit wurde zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit ins Leben gerufen. Er verbindet bereits vorhandene Radwege und ermöglicht auf seinem Weg sieben Bundesländer zu entdecken. Und – Mina Esfandiari kann ein Buch darüber schreiben – man hat die Möglichkeit unendliche viele unterschiedliche Menschen kennenzulernen.

An Liebe stirbst Du nicht

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“… oh, du süßliche, profane, Schlagerwelt! Man zerbricht an ihr, wächst an und mit ihr. Man verteufelt sie im gleichen Maße wie man sie zu umklammern versucht. Die Suche ist verzweifelnd. Wenn man sie findet, ist sie allgegenwärtig. Sie erhöht, und zieht einen in die tiefsten Abgründe. Doch an ihr streben? Non, das geht nun wirklich nicht!

Das werden alsbald auch schon Sie und Er merken. Beide sind im gleichen Alter. Wohnen in Paris. Sie sind erfolgreich, in ihren Berufen. Er ist sogar verheiratet. Hat eine kleine Tochter. Nur zu selten hält er sie im Arm. Ebenso seine Frau. Denn die Liebe ist von einem Ort zu anderen gezogen. Soll heißen: Von einer, seiner, Frau zu einer anderen Frau.

Die ist voller Glück endlich das gefunden zu haben, was sie vielleicht nicht zu suchen wagte, aber nun doch gefunden hat. Und da beginnt das Drama! Wie können sie zusammenkommen? Er ist verheiratet, sie nicht. Dennoch stürzen sich beide in eine amour fou. Denn das Leben hat eigentlich andere Pläne für sie vorgesehen. Er soll erfolgreich im Beruf sein und treu für seine Familie sorgen. Sie ist noch ein bisschen freier. Voller Sehnsüchte kann sie das Leben genießen. Doch die Bande zwischen Ihr und Ihm sind bereits geknüpft. Zarte Bande, die bald schon in einen Gordischen Knoten fest miteinander verwoben sein werden. Große Pläne werden gemacht.

Wenn man sich sieht, treffen sich die Blicke, das Herz rast. Das Begehren ist unermesslich. Die Lösung ist umso befriedigender, wenn sie unentdeckt bleibt. Was nicht immer gelingt. Was bisher im Verborgenen lag, drückt mit Vehemenz an die Oberfläche. Die Zeitachse ist die einzige Konstante in ihrem Verliebtsein.

Es stehen Entscheidungen an. Und da wendet sich das Blatt. So sehr er beruflich diese Entscheidungen trifft, so gehemmt ist er im Privaten. Die Geradlinigkeit im Büro weicht bei ihr einem Zickzacklauf eines Geländeläufers. Immer öfter weicht er aus. Ihr und der unvermeidlichen Zukunft. Bis, ja bis er eine Entscheidung treffen muss…

Géraldine Dalban-Moreynas lässt in ihrem Debüt zwei Menschen aufeinandertreffen wie zwei Feuersteine. Es funkt bei der kleinsten Berührung. Zu Beginn sind es Funken der Liebe. Sie erleuchten das kleine Universum Zweier, die sich unverhofft getroffen haben. Doch je mehr Funken sprühen, desto mehr brennt ein unheilvolles Feuer um sie herum. Diesen Feuerkreis zu durchbrechen, ist die größte Herausforderung ihres Lebens. Alles, was sie bisher erlebten und was sie zu dem machte, was sie sind, ist auf einmal null und nichtig. Noch einmal von der Startlinie in ein neues Leben starten oder versuchen den Staffelstab zu greifen und weiterzulaufen? Diese Entscheidung nimmt ihnen keiner ab.

Grusel in Berlin

Bei „Grusel in Berlin“ denkt so mancher sicher an den Flughafen, dessen Eröffnung immer wieder und wieder verschoben wurde. Autor Armin A. Woy hingegen lässt den Leser bei seinen Geschichten aus der Hauptstadt so manches Mal erschauern. Mit Witz und Detailverliebtheit führt er ihn dorthin, wo kein Licht mehr scheint, wo Zeter und Mordio geschrien werden, wo Recht gesprochen wird im Namen des Augenblicks.

Wie zum Beispiel am Molkenmarkt. Heute eine riesige Straßenkreuzung. Das kommt nicht von ungefähr. Denn hier lebte einst Riesen. Beziehungsweise gingen sie hier auf „Brautschau“. Einer der Riesen konnte aber partout keine Riesin finden. So schnappte er sich kurzerhand ein Mädchen von normaler Größe. Glücklich wurde er mit ihr nicht. Denn die holde Maid war schon einem anderen versprochen. Dem Schmiedegesellen. Sie umschmeichelte trotzdem den Riesen. Gewann sein Vertrauen. Und eines Nachts, als der Riese schlief, kam ihr Verlobter vorbei. Zusammen mit dem ganzen Dorf schlug man auf den schlafenden Riesen ein. Und wie zum Beweis für diese Legende hängt am Mühlendamm Ecke Poststraße eine Rippe des Riesen. Gruselig? Phantastisch? Auf alle Fälle eine Geschichte, derer man sich erinnert, schlendert man gemütlich an eben diesem Haus vorüber.

Ein Hauch von Ägypten weht ganz in der Nähe der Oranienburger Straße. In einer Gruft sind die Gräber des Stadthauptmanns Christian Koppe. Der starb vor rund dreihundert Jahren. Und seine Überreste sehen – dank des ungewöhnlichen Klimas an diesem ungewöhnlichen Ort – heute noch besser aus als so mancher Lebende auf den Straßen Berlins.

Dieses kleine Büchlein jagt Angsthasen einen gehörigen Schrecken ein. Denn ob nun in alten Zeiten oder den Goldenen Zwanzigern – Gänsehautmomente waren und sind schon immer eng mit der Stadt verbunden. Fünf Touren hat Armin A. Woy zusammengetragen. Zwischen Alex und Rotem Rathaus, vom Neptunbrunnen zur Domkirche, zwischen Schlossplatz und Spittelmarkt, durch Spandau und rund um Kreuzberg kommt das ans Tageslicht, was eigentlich davor verschont bleiben sollte. Es lohnt sich dieses Büchlein im Gepäck zu haben. Ganz im Gegenteil zu den Verbrechen, wie dieses Büchlein beweist.

Der Traum von einer schönen Stadt

Es muss nicht immer ein Traum bleiben, schön zu sein. Das beweist Leipzig. Und das wiederum beweisen Wolfgang Hocquel und Richard Hüttel, die mit ihrem Buch der Stadt Leipzig wirklich etwas Schönes geschenkt haben. Ein Buch über eine schöne Stadt und mit im Gepäck der Beweis, dass ihre Titelthese auch wirklich stimmt.

Etwas als schön zu bezeichnen, ist eine schwierige Angelegenheit, wenn man es auch noch beweisen muss. Das fällt einem in Florenz, Siena oder Rom leichter als im dazu unbekannteren Leipzig. Doch die heimliche Hauptstadt Sachsens muss sich architektonisch nicht hinter der Ewigen Stadt oder den Toskanajuwelen verstecken.

Ein derart kompaktes und zugleich flächenmäßig großes Ensemble des Historismus muss man lange suchen. Schlussendlich landet man doch wieder in der Pleißestadt. Ob nun die im alten Glanz wiedererstrahlenden Messepassagen, die reichlich (und doch nicht überladen) verzierten Fassaden der imposanten Bauten vor allem innerhalb des Stadtringes und die weitläufig angelegten Parkanlagen machen Leipzig nicht nur lebenswert, sondern zu einer schönen Stadt.

Bei ihren Streifzügen durch Leipzig entdecken die Autoren nicht nur so manches Detail, sondern forschen ausgiebig auch nach deren Herkunft. So wird so mancher alteingesessener Leipziger aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Seit etwas mehr als anderthalb Jahrhunderten ist die Stadt im steigen Wandel. Die Jahre der Stagnation, in denen die historische Substanz der Natur überlassen wurde – es gab in den Achtzigerjahren Häuser, die mehr Wurzelwerk als Fundament aufwiesen – sind vorbei und noch immer werkelt man an allen Ecken und Enden der Stadt, um die Pracht der Gründerzeit wieder im Sonnenlicht strahlen zu lassen.

Nur wer sorgfältig durch die Stadt stromert, was in Leipzig mehr als nur ratsam ist, wird die Kunstfertigkeit der Architekten und Handwerker erkennen. Die Geschichte dahinter ist nur selten für jedermann einsehbar. Deshalb dieses Buch! Von der größten Errungenschaft der Stadt, dem Kanal, der den Namen seines Erdenkers Karl Heine trägt, und in absehbarer Zeit Leipzig auf dem Wasserweg mit den Weltmeeren verbinden wird, über fast vergessene Idealisten wie Hugo Licht, sowie immer noch präsente Verlegerlegenden wie Hans Meyer, die Meyerschen Höfe gelten heute als begehrte Wohnanlagen, reist der Strom des Staunens beim Lesen nicht ab. Die unzähligen und aussagekräftigen Abbildungen machen es einem leicht die beschriebenen Orte wieder zu erkennen, sofern sie vom Bombenhagel und der Abrisswut der Genossen von einst verschont blieben. Historische Abbildungen zeigen wie sehr sich das Antlitz der Stadt verändert hat. Die Texte der Autoren sind ein wahres Füllhorn für jeden Neugierigen, egal, ob er in Leipzig ansässig ist oder die Stadt für ein paar Tage besucht.

Wer nicht?

Claudia Piñeiros Werk ist wie ein Sinfonieorchester und ihre Bücher sind wahre Sinfonien der Emotionen. Ein im Bauch grummelnder Bass wie in „Elena weiß Bescheid“. Eine keck trällernde Flöte wie „Betty Boop“ so zauberhaft nahbar macht. Dramatische Hörner, die das Tun und Lassen der „Donnerstagswitwen“ untermalt. Oder verspielte Violinen, die dem Liebeswirrwarr in „Ganz die Deine“ das musikalische Bett bereitet. Jeder Satz ein Paukenschlag! Nun erweitert Claudia Piñeiro ihr Register um den Tango des echten Lebens.

Julián ist seit einiger Zeit von Silvia geschieden. Die Kinder Tomás und Anita sind bei ihrer Mutter geblieben. Ein einschneidendes Ereignis, das Julián bis heute nicht verarbeitet hat. In seiner Lethargie hat der Makler sogar vergessen, dass er sich eine neue Wohnung besorgen muss. Die Zeit drängt, denn sein Sohn hat Geburtstag und Sonia hat Julián erlaubt, dass die Kinder bei ihm übernachten dürfen. Es gibt keine Straße, die „bei ihm“ bedeutet. Aber es gibt den Schlüsselkasten im Maklerbüro.

Auch George Mac Laughlin ist größtenteils Single in Buenos Aires. Als Generaldirektor eines Getreidekonzerns ist die meiste Zeit des Jahres hier, einen immer geringeren Teil im heimatlichen London. Als ihn die Nachricht von der Hochzeit seines Sohnes ereilt, wirbelt das allerlei Staub aus der Vergangenheit auf. Denn Carlos, den George immer noch Charlie nennt, was Carlos maßlos ärgert, ist nicht gut auf seinen Vater zu sprechen. Das Ja-Wort in der Kirche, der Familienersatz im Zuschauerraum geben ihm den Rest. Zum Glück hat er noch eine Wohnung in der Stadt. Die wird ihm Ruhe geben. Doch „bei ihm“ findet gerade eine Geburtstagsparty statt…

Wie ordentlich ihr Fabián doch war. Der Koffer so akkurat gepackt wie eh und je. Alles an seinem Platz, faltenfreie Eleganz. Doch in die Freude an das Vertraute mischt sich ein beklemmendes Gefühl. Denn Fabián ist tot. Im Flugzeug gestorben. Alle Wiederbelebungsversuche waren zwecklos. Und nun stehen vor der Witwe die zwei Koffer ihres Mannes. Abgereist ist er allerdings nur mit einem. Das Zahlenschloss des ersten Koffers lässt sich mühelos öffnen. Der Code ist die Hausnummer, in der sie lange zusammen glücklich lebten. Der Andere hat einen anderen Code. Der Adressanhänger gibt Aufschluss. Genauso penibel gepackt wie der Erste. Es ist Fabiáns Koffer. Doch der gehört zu einer Anderen.

Die hohe Kunst Zeilen epische Geschichten zu erzählen gelingt Claudia Piñeiro mit Bravour. Sie schaut durchs Schlüsselloch ihrer Nachbarn, vernimmt Geräusche und lässt die Phantasie durch ihre Finger strömen. Die Figuren erscheinen nicht wie starre Marionetten, die man an Fäden durchs Leben straucheln lässt. Sie sind echt. Haben ihre eigenen Willen und ein eben solchen starken Charakter. Dass man ab und zu mal auf die Nase fällt, gehört dazu. Sich aufzurappeln, den Staub des Versagens abzuschütteln – dazu gehört Mut und Durchsetzungskraft. Starke Geschichten einer starken Autorin. Wer nicht „Wer nicht“ liest, kommt nicht in den Genuss Besonderes erlebt zu haben.

Tel Aviv – Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt

Liest man nur die Kapitelüberschriften, könnte man meinen, dass es sich hierbei um einen ganz normalen Urlaubsbericht handelt, den jeder, der gern reist und der eigenen Sprache mächtig für sich und Freunde (zum Vorzeigen) verfasst hat. Doch schon nach wenigen Zeilen merkt man, dass man hier keinen vorzeigbaren Reisebericht in den Händen hält, sondern eine Reiseberichtoffenbarung!

Marko Martin bereist Tel Aviv nicht als partysüchtiger badeschlappiger Hipster im coolen Look. Er will die Seele der Stadt einfangen. Will sie nicht einsperren und am Nasenring in der Arena herumführen. Nein, er will (und er schafft es auch!) den Leser die Stadt spüren lassen.

Tel Aviv stand lange im Schatten Jerusalems. Israel war Jerusalem, und Jerusalem war Israel. Zumindest touristisch gesehen. Ein bisschen Bethlehem zur Weihnachtszeit. Aber das war‘s auch schon. Seit einigen Jahren sind Tel Aviv und Jerusalem gemeinsam auf Besucherjagd im Dschungel des Tourismusmarketings. Twin Cities, so wie St. Paul und Minneapolis in Minnesota. Doch, was einen dort genau erwartet schafft kein noch so hochglanzgestalteter Werbeprospekt. Marko Martin schafft es scheinbar spielend leicht.

Er kommt wie ein ganz normaler Tourist in Tel Aviv an. Er übernachtet im Hotel, in Absteigen. Genießt die Küche in Restaurants, spricht mit Kollegen und erholt sich am Strand. Wie im Prospekt. Doch die Menschen, die er trifft, sind keine Fotomodels, deren sehnlichster Wunsch Weltfrieden und Tierschutz ist. Es sind Menschen, die wie in keinem anderen Land der Welt die Geschichte ihres Landes kennen. Ihnen ist die Geschichte ihres Landes, ihres Volkes in Fleisch und Blut übergegangen. Die aktuelle Situation mit der allgegenwärtigen Gefahr ist nicht wegzudenken. Juden und Araber gemeinsam sind immer noch ein seltenes Bild. Politik ist so präsent wie andernorts Billigkaufhausketten.

Die Stadt pulsiert wie New York. Dennoch hat jeder ein Auge auf den Anderen geworfen. Was isst er, was kauft er? Die Schlussfolgerungen sind meist schon zum Volkssport verkommen. In Tel Aviv trifft sich die Welt. Sie lebt hier zusammen. Friedlich. Ausbremser dieses Friedens gibt es wie anderorts auch. Nur, dass eben hier die Kameras 24 Stunden auf die Stadt gerichtet sind.

Marko Martins Buch ist kein Reisebericht, der die unbekannten Hotspots ins Spotlight führt. Keine Handhabe für verlorene Seelen in der viel zu großen Stadt. Er reißt den Brustkorb der israelischen Hauptstadt auf und zeigt das Herz einer Stadt, die das staubige Gewand der Gewalt ablegt und zu einer blühenden Oase heranwächst.

Das Haus am Waldsängerpfad

Es klingelt ordentlich in den Ohren, wenn man von historischen Orten und Häusern spricht. Aktuelle könnte das Reichstagsgebäude in Berlin so manche markerschütternde Geschichte erzählen. Aber auch so manches idyllisch gelegene Häuschen ist durchaus in der Lage frisch-fromm-fröhlich drauf loszuplappern, wenn man sich in seine Geschichte vertieft. Berliner Südwesten. Heute, im mit dem wenig aussagekräftigen Namen Waldsängerpfad ausgezeichneten Stück Berlin, nicht einmal einen halben Kilometer lang, steht dort ein Haus, dass immer noch den Namen seines einstigen Besitzers stolz zeigt. Einst war hier die Dianastraße, Betazeile. Die Göttin der Jagd und der Name eines der schlimmsten Antisemiten, den es jemals gab. Hier wohnte einmal Fritz Wisten. Nur eingefleischte Theaterleute erinnern sich noch an den Schauspieler und Kulturschaffenden, der 1962 starb.

Der Name ist ein Künstlername, der alsbald schon im Pass eingetragen war. Moritz Weinstein, mit diesem Namen kam er im März 1890 in Wien zur Welt. Ein paar Jahrzehnte später verschlug es ihn in die deutsche Hauptstadt. Kind und Kegel sowie sein Vater brauchten nun eine Unterkunft. Das Haus mit der modernen Architektur – Bauhaus ohne Kompromisse innen und außen – wurde gerade entwohnt, wie es im damaligen LTI-Jargon hieß. Die Besitzer und Auftraggeber für dieses Anwesen mussten Deutschland verlassen. Ihr Name, ihre Religion und vor allem die vorherrschenden Verhältnisse ließen ihnen keine Wahl. Etwas mehr als 50.000 Reichsmark blätterten die Wistens hin. Besitzerin war Gertrud Wisten. Was aber nichts moderner Gleichberechtigung zu tun hatte, sondern mit der Tatsache, dass Wisten, Fritz, geborener Weinstein, Jude war. Und die durften nichts besitzen, geschwiege denn Eigentum in diesem Maße erwerben. Das Haus war kein Ort der Freude im eigentlichen Sinne. Anfangs konnte man zwar noch Feste feiern. Doch schon bald war es für viele ein Ort der Zuflucht, der brüchigen Sicherheit. Wie für Alfred Balthoff. Auch einer von Wistens Kollegen, die heute in Vergessenheit geraten sind. Die Tatsache, dass seine Stimme vielen ausländischen Schauspielern als Charakteristikum dem deutschen Publikum vertraut ist, weist darauf hin, dass das Haus am Waldsängerpfad sicherer war als so manch anderes Versteck in dieser Zeit. Der agile Freddy Balthoff überstand die braune Zeit. Auch die Wistens. Und das obwohl es in der Nähe von Nazi- und Armeegrößen nur so wimmelte. Zum Beispiel Canaris, der sich im Laufe der Zeit gegen Hitler wandte, wohnte unweit. Das Haus selbst wurde von Peter Behrens errichtet. Bauhausikone und Erschaffer der Inschrift am Reichstagsgebäude. Fritz Wisten wurde ebenso drangsaliert wie Millionen anderer, die dem Regime nicht in den Kram passten. Auftrittsverbot, Gehaltskürzung – doch Wisten blieb. Deutsch war seine Sprache. Er konnte und wollte nicht in eine andere Welt eintauchen, die ihm das wichtigste Instrument, die Sprache, nimmt.

Nach dem Ende der dunklen Zeit konnte Fritz Wisten schnell wieder Fuß fassen. Schon Wochen nach Kriegsende inszenierte er wieder. Wurde Kulturfunktionär – im Osten. Doch auch diese Zeit ging vorüber.

Thomas Blubacher reiht in seinem Stolperstein-Buch historische Daten aneinander, dass einem schwindlig wird. Die Fülle an Fakten, Namen, Daten berührt und macht deutlich, dass Geschichte immer und überall sichtbar ist und es auch weiterhin sein muss. Der Kampf darf nicht vergessen werden. Eigentlich unvorstellbar, dass es solche Schicksale gab, und dass sie trotz der Besessenheit der Täter zu einem fast schon guten Ende führen konnten.

Das Glück auf Erden

Von wegen „Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“! Wenn schon Rücken, dann zwischen zwei Buchrücken. Auch wer sich augenverdrehenden Pferdeschwärmerein bisher verschlossen hat, bekommt nun beim Lesen dieser Reportage-Kollektion feuchte Augen. Denn keine Wendy-Phantasien werden hier befriedigt, sondern die Sehnsucht nach dem Neuen, dem weit Entfernten, der Freiheit die Welt auf traditionelle Weise erkunden zu können.

Stefan Schomann reist durch die Welt. Nicht hoch zu Ross. Doch reist er da hin, wo man es noch tut. Pferde haben seit Menschengedenken eine bedeutende Rolle gespielt. Die Reiterarmeen der Perser, als Nutztiere, um in unwegsamem Gelände ihren Herren die Arbeit abzunehmen odereinfach nur als Fortbewegungsmittel. In manchen Regionen der Erde besitzen Pferde einen höheren Wert als die kostbarsten Juwelen. Von Marokko über Südtirol, Südafrika bis Portugal. Vom Balkan bis in die mongolische Steppe. Von Dülmen bis ins Limousin. So abwechslungsreich die Welt, so vielschichtig die Liebe zu den zahmen, mal wilden, doch immer eleganten Vierbeinern.

„Das Glück auf Erden“ ist mehr als nur ein bloßer Buchtitel, um Assoziationen bei Lese zu wecken. Es handelt tatsächlich vom Glück auf Erden, das für viele nunmal auf den Rücken der Pferde zu finden ist. Keine Jubelarien wie erhaben man sich fühlt über die Köpfe hinweg die Welt erkunden zu können. Es sind journalistische Glanztaten, weil der Autor sämtliche Klischees außen vor lässt und das beschreibt, was er sieht, was ihm erzählt wird. Es kommt ein bisschen Lagerfeuerstimmung auf, wenn von der Eleganz geschwärmt wird, wenn der wahre Pferdeflüsterer aus dem Nähkästchen plaudert, wenn die Weite der Landschaft so greifbar vor einem erscheint, dass man das Pferdegetrappel unterm Gesäß spürt, ohne dabei im Sattel zu sitzen.

Das Buch ist kein Ponyhof, genauso wie das Leben. Aber es könnte so einfach sein, sich die Welt im Trab, im Galopp oder einer anderen Gangart eigen zu machen. Es muss was Wunderbares sein einen Meter über den Anderen zu sich selbst zu finden. Westernromantik auf einem erhöhten Niveau!