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Turin ist unser Haus

Hereinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie! Schauen Sie sich in Ruhe um! Diese Wohnungsbesichtigung wird niemand so schnell vergessen. Die Wohnung hat sogar einen Namen: Turin.

Jahrelang als Industriestadt ohne jeglichen Charme verschrien, lässt es sich nicht verleugnen, dass Turin Mailand, der prachtvollen Metropole gleich um die Ecke, immer wieder das Wasser abgräbt. Turin ist eine Industriemetropole. Das lässt sich nicht leugnen. Doch das kulturelle Erbe muss und darf sich nicht verstecken. Giuseppe Culicchia ist Turiner – mittlerweile der Liebe wegen Immi-Mailänder – und sein Herz wird immer an Turin hängen. Nicht an Juventus, sondern am FC Turin, granatrot nicht schwarz-weiß. Und so ist auch sein Buch, seine Liebeserklärung an die Stadt.

Eine Wohnung betritt man durch eine Tür, eine Pforte. In Turin ist das der Bahnhof. Porte Nuova heißt der. Riesig. Von kommt man überall hin, außer zu m Flughafen. Wenn man auf den Zug wartet, muss man stehen, Bänke sucht man vergebens. Porta Susa, der zweite große Bahnhof ist die Hintertür. Kleiner, gemütlicher, mit Bänken.

Schlendert man durch den Korridor, die Via Roma, bekommt man einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Hier hat sich viel getan in den vergangenen Jahren. Fußgängerzonen haben das allabendliche Geprotze mit getunten Autos verdrängt. Doch auch die typischen Weinbars sind verschwunden. Schuh- und Jeansläden haben das Regiment übernommen. Giuseppe Culicchia sieht seine Stadt nicht durch die rosarote Brille – wenn überhaupt durch die granatrote des FC – er sieht wie sich Turin verändert hat und es noch weiter tun wird.

Aus der Wohnungsbesichtigung wird schnell eine Rundreise durch Geschichte und Alltag in der piemontesischen Stadt, die mehr als nur Fiat zu bieten hat. Alte Pallazzi, weite Plätze und eine kulinarische Tradition, die einen jeden guten Vorsatz vor der Tür ablegen lässt. Naschen erlaubt heißt das Gebot der Stunde. Wenn er von der detailverliebten Haselnussauswahl eines Schokoladenherstellers spricht, läuft einem nicht nur das Wasser im Munde zusammen, man muss – egal in welchem der zwanzig beschriebenen Zimmer – einfach einmal im Leben die Stadt mit allen Sinnen erobert haben.

Einen Reiseband braucht man, um nichts zu übersehen, um zu erfahren wie man ohne Sinnesverlust von A nach B kommt. Mit „Turin ist unser Haus“ hat man die Einheimische in der Tasche. Beziehungsweise immer bei und in der Hand. Allwissend, zuvorkommend, am laufenden Band vor sich hinplappernd ist dieser außergewöhnliche Band eine Offenbarung, derer sich nur wenige Städte rühmen dürfen.

Aktueller Nachsatz (14. März 2020): Derzeit ist Turin wie ganz Italien Sperrzone. Das wird sich ändern – keiner weiß wann. Nur dass es so sein wird, steht fest. Und dann ist man froh, dass es jetzt schon dieses Buch gab. Turin wird für jeden Besucher, der dieses Buch gelesen hat, wieder eine offene Stadt sein.

Spaziergänge durch das musikalische Leipzig

Bach, Schumann, Wagner und Mendelssohn-Bartholdy (immer noch beliebter Versprecher im Radio: “Es werden Werke gespielt von Mendelssohn und Bartholdy“, ein Klassiker – wobei wir auch schon bei einem Teil der Zielgruppe dieses Büchleins sind…) sie alle gehören zu Leipzig wie der Zoo, die Messe und der Sport. Doch selbst Leipziger, die mehr oder weniger regelmäßig ins Gewandhaus pilgern und / oder mit mehr oder weniger offenen Augen durch die Stadt schlendern, werden mit diesem Buch öfter in Erstaunen versetz werden. Auf sechs Spaziergängen erlebt man Leipzig wie man es noch nie erlebt, gar erhört hat.

Während man in der Stadt (jeder echte Leipziger bezeichnet die City oder auch downtown immer noch als Stadt) gar nicht umhin kommt an Größen wie Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Wagner ungemerkt vorbeizukommen, so ist der Spaziergang Nummer Sechs für viele eine echte Offenbarung. Im Stadtteil Schönefeld steht eine Kirche. Sie überragt alles in dieser Gegend. Dass sich hier Clara Wieck und Robert Schumann am 12. September 1840 das Jawort gaben, ist vielen der umliegenden Bewohner unbekannt. Übrigens lohnt es sich das Areal außerhalb der Kirche zu erkunden. Ein Geheimnis, das von außen nicht sichtbar ist, wartet auf jeden Neugierigen. Nur ein paar Gehminuten entfernt gelangt man in die Clara-Wieck-Straße, in der sie allerdings nie wohnte. Verbürgt ist allerdings, dass sie und ihr Gatte im nicht allzu weit entfernten Abtnaundorfer Park oft spazieren gingen. Ein Park, vor allem der Parkteich, der schon seit Ewigkeiten, sofern es das Wetter zulässt, Kinderscharen das Eislaufenlernen ermöglicht. Heute ist es ein Ort der Ruhe mit teils wild wuchernden Sträuchern, der Flora und Fauna Platz zur Entfaltung gibt.

Ob nun Mendelssohn oder Schumann-Haus, ob Büsten, oder Konzertbesuche: Leipzig ohne Musik und Musiker ist einfach undenkbar. Vom Weltruf des Gewandhauses profitieren unter anderem auch die Nachwuchskünstler des Akademischen Orchesters, das mit seinen sechs Konzerten pro Jahr im Gewandhaus (fast immer komplett ausverkauft) für musikalische Abwechslung im Kulturprogramm Leipzigs sorgt. Leipzig lässt sich gern erobern. Die Wege sind kurz, meist fußläufig zu erreichende Hingucker und eine rege Kulturszene machen es jedem Besucher leicht sich in die Stadt trotz aller sichtbaren Bausünden der Vergangenheit und Gegenwart zu verlieben. Dieses kleine Büchlein passt in jede Tasche. Obwohl man es eh nicht verstauen wird, da es ein Füllhorn an Geschichte und Geschichten in sich birgt. Obwohl viel Gebäude wie das alte Gewandhaus nicht mehr mit eigenen Augen zu bestaunen sind, so leben sie mit diesem Buch wieder auf.

Eine Prise Funkgeschichte

Erinnern Sie sich noch wo der Marathon seinen Ursprung hat? Der Legende nach lief nach dem Sieg der Athener gegen Sparta ein Läufer die 40 Kilometer in seiner Heimatstadt, um vom Sieg zu künden. Danach brach er tot zusammen. Wenn heute eine Nachricht übermittelt werden soll, geschieht das in Echtzeit. Und das seit rund einhundert Jahren.

Am 23. Oktober 1923 ging der reguläre Rundfunk in Deutschland los. Die ersten Klänge aus dem Voxhaus am Potsdamer Platz. Doch schon lange vorher, mehr als drei Jahre zuvor, rauschten die ersten Worte aus dem Äther. Die Sendestelle Königs Wusterhausen war ihr Ursprung, der Vorsitzende des Fördervereins „Sender Königs Wustershausen“ ist Rainer Suckow, und der ist der Autor dieses Buches. Eines Buches, das Radiofans begeistern wird.

Funk – das heißt nicht nur Hörfunk, also Radio, sondern auch Fernsehen und Funk auf hoher See, zwischen Truckern, oder einfach nur eine Kommunikationsart, um mit Menschen in Kontakt zu treten, die meilenweit voneinander entfernt sind. In diesem Buch geht es aber vorwiegend ums Kino im Kopf, ums Radio.

Viele technische Details bereichern dieses Buch, die Anekdoten das I-Tüpfelchen darin. Wie die Geschichte von Radio Caroline. Mittlerweile ein Streamingradio, begann die Karriere des Senders in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre. Als Piratensender. In England war das Programm derart tröge, dass es das einzige Schlafmittel war, für das man kein Rezept brauchte. An die Zielgruppe, die am meisten auch heute noch das Radio nutzt, die Jugend, dachte kein Mensch. Vor Außerhalb der Drei-Meilen-Zone postierten die Macher ein Schiff mit einem ausreichend starken Sender. Gespielt wurde das, was auch verkauft, sprich gewollt wurde. Jahrelang wurde man der Situation nicht habhaft. Der Sender verschwand, wenn es nötig war und kam wieder, wenn man es am wenigsten erwartete. Die britische Regierung erweiterte daraufhin ihre Befugnisse und schon bald war Radio Caroline den Häschern ins Netz gegangen. Es dauerte eine Zeit bis Radio Caroline eine offizielle Lizenz bekam.

Was gehört heute zu einem Radioprogramm? Eine Hitparade. Doch wann wurde eigentlich die erste Hitparade überhaupt gesendet? Kaum zu glauben, aber in diesem Jahr, genauer am 20. April, feiert diese Form der Unterhaltung ihren 85. Geburtstag. Mal sehen, welcher Radiosender diesem Jubiläum zumindest einen Beitrag widmet.

„Eine Prise Funkgeschichte“ ist wie ein gutes Radioprogramm: Unterhaltung allenthalben, gewürzt mit einer Prise Wissen, abgeschmeckt mit würzigen Notizen aus der „guten alten Zeit“. Radio ist nicht tot, es wird nicht sterben! Die Verbreitungswege mögen sich ändern. Doch der Empfänger, der Hörer, wird es stets goutieren, wenn Macher sich um ihn kümmern. Dieses Buch kümmert sich um seine Leser, die sicher auch Hörer sind.

Klagenfurt – Was der Tourist sehen sollte

Wer Österreich besuchen will, schreit sicher nicht als Erstes, dass er in Klagenfurt sein Haupt betten wird. Wien und Salzburg haben in den meisten Fällen den Vorzug. Wer sich – nicht trotzdem oder dennoch – entschließt der Hauptstadt Kärntens eine Visite abzustatten, darf sich auf ein Fest einstellen. Voraussetzung ist allerdings, dass er oder sie dieses Buch zumindest einmal schon gelesen hat. Mit Zahlen kommt man Klagenfurt nicht auf die Spur. Hunderttausend Einwohner – mal mehr mal weniger, hier ist schon das erste Fest im Gange, wenn man den launigen Ausführungen Egyd Gstättners zur Einwohnerzahl Klagenfurts folgt – aber was sagt das schon aus. Vierhunderttausend Übernachutngen bei einhunderttausend Einwohnern, das Vierfache. Immerhin. Belgrad hat fünfzehnmal mehr Einwohner, verzeichnet aber nur nicht einmal eine Übernachtung pro Einwohner. Zahlen sind Schall und Rauch.

Egyd Gstättner ist Kärtner, gebürtiger Klagenfurter. Und er ist für zweihundert Seiten der Reiseführer, den man nirgendwo anders buchen kann. Der Friedhof könnte mit Berühmtheiten der Stadt belegt sein. Doch die zogen es vor außerhalb ihrer Geburtsstadt das Zeitliche zu segnen: Udo Jürgen und Maria Lassnig liegen (sich gegenüber) auf dem Zentralfriedhof in Wien. Nur Ingeborg Bachmann hat hier ein Grab. Und die wollte bestimmt nicht zurück – sie starb im römischen Feuer.

Vom Eishockeyclub bis zur Bäckerei, vom Verleger bis zu verschwundenen Friseurladen kennt Gstättner hier jedes Staubkorn und seine Geschichte. Wie ein Papa seinen Flilius an die Hand nimmt, leitet er den Besucher durch seine Stadt. Bald ist man vertraut – man duzt sich – und erkennt, dass das, was vermeintlich fehlt durch Anekdoten wieder den Platz einnehmen darf, der bisher leer geblieben war.

Ohne Unterlass wird man in und durch eine Stadt gezogen, die man ohne Egyd Gstättner sicherlich der Vergessenheit anheimfallen ließe. Sie steckt voller Histörchen, die einen ab und an schmunzeln lassen, öfter ein „oho“ entlocken, aber ganz sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Welt wird nicht besser, wenn man dieses Buch gelesen hat. Sie wird aber auch nicht schlechter. Die eigene Welt wird durch das Buch und den unweigerlich folgenden Besuch der Stadt um einiges reicher. Zum Glück hegt Egyd Gstättner keine Ambitionen den Posten des Tourismusmanagers der Stadt zu ergattern. Wäre eh vergebens, da es so scheint als sitze hier ein Buch auf diesem Posten.

Hineni

Die Geschichte ist bekannt: Abraham, der damals noch Avram hieß, verließ sein Land, um frei zu sein. Er suchte nach dem einen Gott und der erhörte ihn. Hireni – ich höre Dich! Das, was Ivan Ivanji aus dieser Geschichte macht, wie er sie interpretiert, ist es wert sich noch einmal mit Abrahams Weg – belassen wir es bei diesem Namen, unter dem ist er schließlich bekannt geworden – zu beschäftigen.

Wer bibelfest ist, dem kommen beim Lesen vielleicht einige Zweifel, ob der Autor da nicht was verwechselt hat. Keine Angst, Ivan Ivanji weiß worüber er schreibt. Im letzten Kapitel, das den vielsagenden Titel „Spurensuche“ trägt, erlöst er den Zweifler von seiner Skepsis. Da die Forscher den Fortgang Abrahams nicht exakt bestimmen können, es lediglich Ansätze für seine Existenz und seine Auswandererpläne gibt, hat sich Ivanji selbst als Forscher hervorgetan und ihn in die Amtszeit des Pharaos Amenemhet I. transformiert. Das war ca. 1980 bis 1970 vor unserer Zeitrechnung. Auch hat er ein bisschen die Reihenfolge der alttestamentarischen Überlieferung verändert. „Hireni“ sollte ja auch kein Sachbuch werden, sondern ein Roman.

Mission erfüllt! Wer sich bisher kaum bis gar nicht mit den Grundlagen der westlichen Zivilisation und ihren christlichen Ursprüngen beschäftigt hat, trifft in diesem Buch auf viele bekannte Namen. Namen, die, wenn man in einer Quizshow auftritt, für Verwirrung sorgen. Wie war das doch gleich? Wer mit wem wann? Ob es wirklich so gewesen ist, diese Frage stellt sich nicht. Aber es könnte so gewesen sein.

Die einzigartige Leistung Ivanjis besteht darin dem starren Text, der nur allzu viel Spielraum für Interpretationen lässt, ein relativ stabiles Grundgerüst zu geben. Die Sprache ist modern, und lässt keinen Zweifel daran, dass es sich hier um wahre Begebenheiten handeln könnte. Mord, Intrigen, aber auch Liebe sind die Zutaten dieser leicht zu lesenden Variante des ältesten Buches der Welt.

Perla

Perla – kein Kosename für die Angebetete. Sondern ein Name für eine Frau, deren Schicksal gar nicht glänzend war. Sie ist die Mutter des Autors Frédéric Brun. Erst nach dem Tod der Mutter traut sich Brun sich ihr und ihrem Schicksal zu nähern. Perla war in Auschwitz! Und sie überlebte! Was sie nie vollends überwinden konnte!

Für Frédéric Brun ist es immer noch schwer zu verstehen, dass in einem Land, aus dem so viele von ihm verehrte Dichter kamen so viele Henker hervorbringen kann. Er schafft Parallelen und bringt sie im gleichen Moment zum Einsturz. Er lässt Caspar David Friedrich auferstehen und schüttelt den Kopf, wenn er schreibt, dass Hölderlin von Auschwitz-Insassen wie Erbauern gleichermaßen geliebt wurde.

Ein besonders nachhallender Vergleich ist der von Josef Mengele, dem KZ-Arzt in Auschwitz, der im Exil im Meer ertrank und seinem noch ungeborenen Sohn Julien, den er in einem wohligen Meer im Bauch der Mutter heranwachsen lässt. Ein Vergleich, der nur Phantasievollen naheliegt, und den Leser ins Herz trifft. Und den Leser im Mark erschüttert. Perversion und Unschuld in einem Kapitel – das prägt das Bild dieses Buches. Denn dieser Josef Mengele war es, der mit einer Handbewegung Perla das Leben rettete. Eine perfide Vorstellung, denn ein Leben in Auschwitz war nicht mit menschlichen Maßstäben messbar.

Frédéric Brun kleidet Gedankenblitze und Erinnerungen an seiner Mutter unaufgeregt mit wohl platzierten Worten aus. Die Wucht der Bedeutung der Worte fegt jeden um, die Poesie der Sprache hebt jeden sanft an. Nun kann man sich wie in einem spannenden Krimi durch dieses Buch lesen. Man kann aber auch Zeile für Zeile aufsaugen. Letzteres ist auf alle Fälle empfehlenswert. Es lohnt sich dem Wohlklang der Worte hinzugeben. Ein weiteres Leben wird diesen Worten durch Christine Cavalli, die Übersetzerin, eingehaucht. Mit Sicherheit keine leichte Aufgabe, da jedes Wort sehr persönlich ist und von Erinnerungen geformt wurde. „Perla“ ist eine echte Perle. Und der Auftakt einer Trilogie.

Hintergrund für Liebe

Ein Mann – nicht irgendein Mann – eine Frau – nicht irgendeine Frau – eine Reise – nicht irgendeine Reise. Eine Reise, zu einer Zeit, in der nicht viele sich die Mühe machen konnten und gut vorbereitet in die Sommerfrische zu fliehen. Viele flohen vor dem braunen Terror!

Der Mann ist Kurt Wolff, die Frau Helen – noch nicht Wolff – zumindest sind Er und Sie dem späteren Verlegerpaar mehr als nur ähnlich. Das Ziel der Reise ist Südfrankreich. Er ist der erfahrene Lebemann, wissend, charmant, abenteuerlustig. Sie hängt an seinen Lippen, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Das muss bald auch er feststellen.

Denn sie ist bald verschwunden. Das Weltmännische an ihm wird allzu schnell in Langeweile gehüllt. Der Mann, der sie aus Deutschland entführte, ist nicht mehr der Mann, der im Süden das kleine unschuldige Ding verzaubern kann. Sie ist selbständig genug, um das Leben in der Fremde genießen und es sich leisten zu können. Sie braucht keinen Luxus, um Freude zu empfinden. Ein kleines Haus genügt ihr. Langusten sind schmackhaft, doch die einfache Küche liegt ihr mehr. Genauso die einfachen Menschen, die das Leben um seiner selbst mögen.

Die getrennten Wege, die Sie und Er im Urlaub gehen, tun beiden gut. Und wie es der Zufall will, finden beide das auch bald schneller heraus als sie jemals zu träumen wagten. Unter der Sonne Südfrankreichs gibt ihnen das Schicksal eine zweite Chance. Doch nun treffen sich nicht mehr die Kleine, die nur allzu gern große Augen macht und der Große, der sich nicht gern kleinmachen wollte. Es treffen sich Mann und Frau, die sich erstaunlich schnell aufeinander treffen, um miteinander die Welt aushebeln werden…

Manchmal muss man getrennte Wege gehen, um sich zu finden. Im Leben wie im Roman. Kurt Wolff musste Deutschland verlassen, um den Schergen der Nazis zu entgehen. An seiner Seite Helen Wolff. Auch sie hat geschrieben, allerdings – als Frau eines Verlegers, selbst Verlegerin – ohne jemals etwas zu veröffentlichen. Günter Grass, Uwe Johnson und Max Frisch konnten durch ihre Arbeit dem amerikanischen Publikum zugängig gemacht werden.

„Hintergrund für Liebe“ wurde zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben. Doch erst jetzt – durch das fortwährende Engagement des Verlegers Stefan Weidle – wurde dieser nachhaltige Roman einem Publikum präsentiert, das den Namen Kurt Wolff vielleicht kennt, aber den seiner Frau bisher nur beiläufig wahrnahm. Helen Wolff trat nach dem Tod ihres Mannes dessen Erbe an. Die Reiseerinnerungen sind so anschaulich, dass jeder Eindruck der Autorin bis heute nachvollziehbar ist. Ihrer Beziehung zu Kurt Wolff, die im Roman noch zarte Knospen trägt, beim Wachsen zusehen zu dürfen, ist ein Riesenglück für alle Leser, denen die Geschichten hinter der Geschichte am Herzen liegen.

Lesereise Toskana

Wenn man schon ein Reisebuch schreiben will, warum dann nicht gleich über eine der schönsten und eindrucksvollsten Regionen der Welt? Julia Lorenzer ist nicht die typische Reiseführerin, die durch die wundervolle Architektur der toskanischen Städte wandert und links und rechts des Weges auf das eine oder andere Schmuckstück hinweist.

Ihr Anliegen ist es Geschichte und Gegenwart zusammenzuführen. Zu wissen wie etwas entstand – und warum – ermöglicht es erst die Gegenwart einzuordnen. Von überzeugenden Filmkulissen, die schon und noch lange von der Einzigartigkeit dieses Landstriches zeugen über mehr oder weniger erfolgreich herrschende Bewohner der prächtigsten Palazzi, die man jemals sah bis hin zu lukullischen Genüssen, die den Geschmack Toskana so nachhaltig prägen, findet die Autorin immer einen Weg den Leser für diese Region einzufangen.

Meer, Berge, endlose Aussichten, gespickt mit kulturellen Hinterlassenschaften, die jeden Hobbyfotografen zum Profi reifen lassen – die Toskana bietet für jeden Geschmack das passende Ambiente. Mit gleichbleibender Empathie berichtet Julia Lorenzer von der berühmte Mille Miglia, von die Übernahme der Toskana durch die Habsburger und stellt einen Koch vor, der der Liebe folgte, um einer weiteren Liebe zu begegnen.

Diese Lesereise macht Appetit auf Toskana, auf noch mehr Toskana. Wenn Julia Lorenzer beschwingt von Thermalbädern berichtet, läuft einem ein wohliger Schauer über den Rücken. So als ob man mitten im gesunden Wasser liegen würde. Beim Waten durch einen eiskalten Bach hingegen schüttelt es wohl die meisten. Auch das ist eben die Toskana.

Auf einer Reise durch die Toskana begegnen einem auf Schritt und Tritt historische Persönlichkeiten – allen voran die Medici – deren Namen einem geläufig sind. Doch ihr Wirken ist im Laufe der Zeit hinter einen mehr oder weniger dichten Schleier getreten. Dieses Buch weht diesen Schleier immer wieder an und lässt so Geschichte wieder aufleben.  Auf einer Bank in den Hainen um Piesola oder in einem der zahlreichen Täler auf dem Weg von Pisa nach Livorno oder einfach nur an den Ufern des Arno kommt man damit dem Geheimnis der Toskana auf die Spur.

Golf von Neapel: Ischia, Sorrent, Capri, Amalfi

Es ist noch gar nicht so lange her, dass – wenn man es zuspitzt – Neapel für viele Touristen als so genannte „No-Go-Area“ galt. Also ein Gebiet, das man lieber nicht betritt. Straßenraub am Tage, Müllberge, die zum Himmel stanken – so sah Neapel in den Köpfen vieler aus. Doch mittlerweile mausert sich die Perle am Vesuv zu dem, was sie wirklich ist: Eine Stadt voller vollgestopft mit Geschichte und Kultur. Hier wurde die Pizza Margherita erfunden, hier herrschten Könige aus aller Welt, hier kickte der Goldjunge Maradona. Dessen Verehrung übertrifft mancherorts sogar die echter Heiliger.

Heute ist Neapel aber auch der Ausgangspunkt für viele, die der Quelle von bella italia näherkommen wollen. Es ist nur ein Katzensprung bzw. eine kurze Bootsfahrt bis Capri, Ischia liegt in Spuckweite, und die Küste amalfitanische Küste mit den märchenhaften Orten Positano und der Landspitze bei Sorrent sind ebenso schnell wie leicht zu erreichen. Limoncello schlürfen, den Vesuv beim Schlafen zuschauen und im quirligen Neapel durch pittoreske Gassen schlendern – hier lässt man es sich gutgehen.

Das und noch vieles mehr weiß auch Autor Andreas Haller. Vom Ein-Tages-Trip durch die Stadt am Vesuv bis zu ausgedehnten Wanderungen zu und in den Phlegräischen Feldern präsentiert er die ganze Vielfalt dieser Region. Wie in einem nervenaufreibenden Krimi liest man von einem Furore-Fjord, bestaunt moderne Kunst, die in die antike Umgebung passt wie ein Kleinkind zu seiner Mutter und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, wenn man auf den über vierhundert Seiten unzählige Möglichkeiten findet wandernd, genießend und unterhaltend die schönste Zeit des Jahres zu verbringen. Wetter, Menschen und Landschaft meinen es gut mit Einwohnern und Besuchern.

Das Freshup der Reisebände aus dem Michael-Müller-Verlag macht es noch schwerer den Reiseband im Rucksack zu lassen. Immer wieder holt man ihn raus und braucht nicht einmal mehrere Finger einer Hand, um die zahlreichen Tipps im Auge zu behalten. Hier verheißen schon die Ortsnamen wohliges Erschauern. Salerno ist nicht erst seit gestern so ein Ort. Nicht selten wurde man aber enttäuscht. Eine einfallslose Architektur und die Umgebung waren nicht unbedingt das, was man Touristen als Erstes vor die Nase setzen will. Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt. Ein schmuckes Städtchen putzt sich mittlerweile 365 Tage (2020 sogar 366 Tage) im Jahr heraus, um mit ihren Reizen nicht zu geizen. Andreas Haller will da in nichts nachstehen und gibt einer ganzen Region den verdienten Reisebuchrespekt, den sie verdient. Er weiß ganz genau, was, wann und wie bereist werden kann und sollte. Die eindrucksvollen Bilder – übrigens allesamt mit azurblauem Himmel, da muss ja was dran sein – sind nicht nur Beiwerk, sondern Botschafter der Region und Aushängeschild eines der beeindruckendsten Reisebücher des in Tourismusfragen versierten Italiens. Dieser Reiseband eignet sich auch ideal als Bettlektüre – süße Träume garantiert.

Die feine englische Art von A – Z

Nichts ist schlimmer als in angenehmer Runde zusammenzusitzen und einer fällt wie auch immer geartet aus der Reihe. Das kann der Dazugekommene sein, der nur einigen ihm Gewogenen die Hand zum Gruß reicht und die Anderen mit einem Kopfnicken bedenkt oder jemand, der das Mahl in sich hineinschaufelt als gäbe es kein Morgen. Fremdschämen kann man das oftmals nennen. Oder Pikiert sein. Wie auch immer man es nennt, Auffälligkeiten sollten immer einen positiven Aspekt haben. Wer durch negatives Verhalten auffällt, trägt bald schon Fettnäpfchen statt Schuhen.

Italienern und Franzosen sagt man ein untrügliches Gespür für Mode nach. Engländern bzw. Briten verpasst man manchmal etwas angestaubte, jedoch feine Manieren. Die so genannte feine englische Art ist zu einem geflügelten Wort geworden. Doch was genau besagt diese feine englische Art denn nun genau? Seit über zweihundertfünfzig Jahren (es würde so gar nicht der Etikette entsprechen übertrieben von einem Vierteljahrtausend zu sprechen) ist Debrett’s das Maß aller Dinge, wenn es um das soziale Verhalten in bestimmten Situationen geht. Dieses kleine Lexikon kann man durchaus mal komplett durchlesen. Denn so mancher Fauxpas (ein Wort, das mittlerweile aus der Mode gekommen scheint) ließe sich durch nur ein paar Minuten Leseaufmerksamkeit vermeiden.

Da sitzt man in einer Pause, versucht sich ein wenig zu erholen und der Gegenüber lässt seinem Unmut über sein Leben mit einem Gähnen nach dem Anderen freien Lauf. Man kann aus dieser Situation einen Witz machen. Doch wenn das Gähnen durch Körperzucken und andauerndes Gähnen einfach kein Ende nehmen will, muss man sich selbst ordentlich zusammenreißen, um nicht selbst ins Konzert des Gähnens einzustimmen. Jeder ist mal müde. Dann zeigt man aber nicht jedem die handwerklichen Fähigkeiten seines Dentalspezialisten des Vertrauens. Eine Entschuldigung wäre auch ganz hilfreich, wenn man sich nicht postwendend zum Gespött machen möchte. Das sollte normal sein, doch erst wenn man diesen kurzen Abschnitt gelesen hat, kommt einem vielleicht die eigen Unzulänglichkeit ziemlich albern vor. Oder man selbst ist peinlich berührt…

Keine Angst, dieser Etikette-Band ist weder verstaubt noch antiquiert. Er wurde den Anforderungen der Gegenwart angepasst. Denn wie sollte man vor zweihundertfünfzig Jahren wissen, dass es nicht schicklich ist alle um einen herum mit privaten Telefonaten zu belästigen? Oder, dass man durchaus dem Gastgeber einen Hinweis geben darf (oft sogar muss), wenn man verschiedene Speisen nicht verträgt.

Kurzum: Die Fettnäpfchen gehören der Vergangenheit an. Gutes Benehmen ist eine Zier und darf niemals aus der Mode kommen. Ob man dieses Buch nun einmal komplett durchliest oder Abschnitt für Abschnitt in wohltuenden Dosen genießt, eines steht fest. Dümmer wird man nicht, und schon gar nicht unliebenswerter.