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Provokation!

Geil! So ein Wort in den Mund zu nehmen, ja, es gab Zeiten, in denen man dafür mehr als schräg angeschaut wurde. Bruce & Bongo waren die Interpreten des gleichnamigen Titels und sorgten im Frühjahr 1985 wochenlang für heftige Kontroversen. Heute belächelt man eher diejenigen, die „geil“ als vermeintliche Jugendsprache deklarieren. So schnell kann’s gehen, erst der Teufel, dann Lachnummer. Bruce & Bongo brachte es beides, bis sie wieder dahin verschwanden, wo sie herkamen. In den Untiefen der Bedeutungslosigkeit. Ein typisches One-Hit-Wonder.

Doch „Geil“ war bei Weitem nicht das Fanal für Provokationen in der Pop-Musik. Eine Provokation ist per se immer an die herrschenden Verhältnisse gekoppelt. In einer prüden Gesellschaft kann beispielsweise allein schon die bloße Andeutung von sexuellen Handlungen Grund zur Aufregung geben. In einer humanistischen Gesellschaft sind Texte, die gegen Homosexualität, Ausländer und für die Leugnung von historischen Fakten einem hasserfüllten Publikum Futter geben, nicht minder große Aufreger. Bestes Beispiel ist hierfür die Abschaffung des deutschen Musikpreises Echo, nachdem die „Rapper“ Kollegah und Farid Bang (schon allein die Namen sollten eigentlich beim Publikum für Schmunzeln sorgen) mit ihren skandalträchtigen Texten nominiert wurden. Analog zu Bruce & Bongo kann man hier leider nicht davon sprechen, dass Provokation in der Popmusik nun ein Ende hat.

Bei der Provokation muss man zwischen zwei Arten unterscheiden: Der gezielten Provokation (meist kurzfristig, ein Phänomen der Gegenwart, die immer mehr Unbedarfte ins Visier der Öffentlichkeit spült) und dem puren Ausleben der eigenen Leidenschaft, die automatisch provoziert. Kaum einer würde wohl einem Bill Haley unterstellen, dass er die Gesellschaft mit heißen Rhythmen unterwandern wollte. Er liebte den Rock ‘n Roll und das allein war schon Grund zur Besorgnis. Bei Rappern der Gegenwart, egal ob dies- oder jenseits des Atlantiks, überkommt einem nur allzu oft das Gefühl, dass hier eine im Vorfeld genau durchexerzierte Provokation stattfinden soll.

Ob der Playback-Skandal von Milli Vanilli, Alice Coopers Bühnenshows, Westernhagens Anklage gegen Adipöse oder der Aufstieg von Conchita Wurst – Autor Michael Behrendt wühlt im Schmutz der Lautmacher und ihrer Ausdrucksformen. Schon das Cover (Banksys kissing police) führt den Leser auf die richtige Spur. Peter Toshs „Legalize it“, „Antichrist Superstar“ von Marilyn Manson (dessen Name schon für leuchtende Augen bei denen sorgt, die sich bewusst abgrenzen wollen) oder „The queen is dead“ von den Smiths – hier wird jeder fündig, der die Charts als Leitfaden zur Selbstbestimmung versteht.

Nicht jede vokale Provokation ist mit dem Interpreten gleichzusetzen. Denn nicht jeder, der auf einer Bühne nach Beachtung schreit, hat seine Texte selbst verfasst. Das relativiert so manches böse Wort. Und im Laufe der Zeit kehrt der eine oderandere Provokateur seinen Wurzeln des Erfolgs den Rücken. Hier noch ein paar Beispiele aus dem Buch, die dem Leser entweder in Verzückung versetzen, ein „Ach so“ entlocken oder für Verwunderung sorgen: Judas Priest – schwuler Sänger, harte Riffs, explizite Texte. Das führte zur Anhörung vor höchsten Stellen. Tipper Gore, Ehefrau von „Umweltaktivist“ und Ex-US-Vizepräsident Al Gore war die treibende Kraft dahinter. Body Count und „Cop Killer“ – so wird auch die Schusswesten durchschlagende Munition genannt – Erklärung überflüssig. t.A.T.u. – Ihr Liedchen „All the things she said“ – ein Zungenbrecher für die germanischen Sprachhüter brachen mit dem dazugehörigen Video einen Sturm der Entrüstung los. Zwei Mädchen, die sich küssen – wo soll das noch hinführen. Die Antwort wird in Deutschland indirekt immer wieder und immer unverhohlener auch von echten Demokraten versprochen. Die Zukunft sieht deutlich verklemmter aus, als es die jüngere Vergangenheit war.

Dieses Buch ist keine Provokation! Es ist das aufwendig recherchierte Lexikon dessen, was Provokation war und immer noch ist. Nüchtern wirft Michael Behrendt einen Blick hinter den Vorhang der Aufreger der Populärmusik. Ein Buch, das man spätestens dann wieder (und wieder und wieder) in die Hand nimmt, wenn Paul Hardcastles „19“, Prince‘ „Controversy“ im Radio erklingen oder Die angefahrenen Schulkinder wieder einmal vom Sex mit Steffi Graf fantasieren. Falls es noch Musikredaktionen gibt, die dieses Buch nicht im Schrank haben – schämt Euch! – kauft es! Ist allemal besser als die tausendste Nennung der Radiostation und millionenfacher Hinweise auf sinnentleerte Gewinnspiele, um die Quote während der Medienanalyse künstlich anzuheben.

Der Schmerz

Thérèse Delombre ist verwitwet. Sie lebt mit ihrem Sohn Georges in einem kleinen Dorf in der Provence. Die junge Frau ist einsam. Das ist sie schon lange. Ihr Mann, Hauptmann im Krieg gefallen, kann als Grundübel ihrer Einsamkeit angesehen werden. Sie lernt früh das Paradoxon des Lebens kennen. Seit dem Krieg ist das Gras dichter, die Flüsse bevölkern mehr Fische, in den Bäumen nisten mehr Vögel, die vor dem Kanonendonner des Stellungskrieges im Norden geflohen sind. Thérèse ist die Frau eines Offiziers, man neidet ihr ihre Sonderstellung. Schließlich fallen im Kampf mehr einfache Soldaten als Offiziere. Das ändert sich als auch der Hauptmann nicht mehr nach Hause kommen wird. Die arme Witwe mit dem kleinen Jungen, die so zurückgezogen lebt. Das arme Ding. Doch Thérèse und Georges haben es sich zurechtgemacht in ihrem Exil im Süden Frankreichs. Dorftratsch interessiert sie nicht. Sie haben einander. Dennoch fehlt Thérèse etwas. Etwas Essentielles. Etwas, was ihr Georges nicht geben kann. Sie kann es sich nur nicht eingestehen.

So makaber es klingt, aber je schlechter es Thérèse Delombre geht, desto mehr findet sie Zugang zur Dorfgemeinschaft. Der Krieg schweißt zusammen, auch wenn statt Pulverdampf nur der Mistral durch die Gegend zieht. Der Krieg ist weit weg. Bis die Deutschen kommen. Nicht in Gestalt von uniformiertem Stiefelgleichschritt, sondern als büßende Arbeiter auf den Feldern und in den Weinbergen. Ihre Aufpasser schauen genau hin, ob sie auch korrekt arbeiten. Im Laufe der Zeit dürfen sich die Gefangenen immer öfter und freier im Dorf bewegen. Sie gehören zum alltäglichen Bild so wie all die Alteingesessenen. Unter ihnen ist auch Otto Rülf. Wie alle zugeben müssen der ansehnlichste Mann unter den Boches, wie die Deutschen verächtlich genannt werden.

Doch seine Zeit im Dorf ist endlich. Er wird bald nicht mehr hier sein. Doch er wird nie ganz verschwinden. Georges‘ kindliche Sinne spüren den kalten Hauch, den Otto hinter sich herzieht. Thérèse hingegen sieht in Otto die Erlösung ihrer Sehnsüchte. Und wieder schlägt das Paradoxon des leben erbarmungslos zu. Als Offiziersgattin Witwe mit Kind war sie ausgestoßen. Als Witwe geachtet. Als erfüllte Frau wird sie keinen Frieden finden…

„Der Schmerz“ ist der erste Roman von André de Richaud, der in deutscher Sprache erschien ist. Ein Wiederentdeckung, die für Furore sorgen wird. Denn woran erkennt man ein gutes Buch? An wohlwollender Kritik (Albert Camus verleitete es zum Schreiben)? Am schicken Einband? An fesselnden ersten Seiten? Am verheißungsvollen Nachwort? Wenn ja, wie nennt man dann ein Buch, auf das all das zutrifft? „Der Schmerz“ tut nicht weh, man leidet nur unter der Tatsache, dass auch dieses Buch einmal ein (viel zu frühes) Ende findet.

Trauer und Licht

Sizilien – Sehnsuchtsort! In jeder Hinsicht. Ein bisschen Italien, ein bisschen Abenteuer, der Süden, rustikale Küche. Doch – und vor allem – ein literarisches Paradies. Neueren Datums sind da vor allem die Werke von Andrea Camilleri zu nennen, dessen Commissario Montalbano mit winkligen Fällen und einem ausgeprägten Hang zu vorzüglichen Speisen den Leser in seinen Bann zieht. Doch die Tradition sizilianischer Autoren reicht weiter zurück. Luigi Priandello, 1934 immerhin Literatur- Nobelpreisträger, Leonardo Sciascia, mit dessen Namen man sich oft schwertut oder auch Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit dem Leoparden wohl erstmalig die Geschichte der Insel in den weltweiten Fokus rückte.

Maike Albath rückt alle Akteure in den Vordergrund ihres Buches über Sizilien. Ihre Biographien und ihre Werke sind eng miteinander verknüpft. Wer von hier kam, kehrte entweder zurück oder siedelte die Handlungsorte hier an. So kommt man Sizilien auf die Spur! Denn Sizilien ist nicht einfach nur eine Insel, auf der man baden geht (wortwörtlich, bitte!) und dann meint Land und Leute verstanden zu haben. Hier ticken die Uhren ein wenig anders.

Selbst für Italiener hat Sizilien sich den Charme des Exotischen bewahrt. Und das ohne touristische Konzepte, um jeden auch noch so Reiseunwilligen hinterm Ofen hervorzulocken. Nein, die Bewohner sind es, die Sizilien so nachhaltig prägen.

Auch wer, „Il Gattopardo“, „Der Leopard“ nicht kennt, hat schon einmal von der einmaligen Verfilmung mit dem eisernen Burt Lancaster, dem blutjungen Alain Delon und der bezaubernden Claudia Cardinale gehört. Die Zeiten des Umbruchs Italiens machen auch vor der eingesessenen Adelsfamilie Salina nicht halt. Bezeichnenderweise sind Autor, der die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erlebte, und Regisseur sich auf einer anderen Ebene sehr nahe. Giuseppe Tomaso di Lampedusa und Luchino Visconti stammen aus alten Adelshäusern. Wer in der Lombardei unterwegs ist, begegnet auf Schritt und Tritt den Viscontis, wer in Sizilien die Augen offenhält, kommt am Namen der die Lampedusas nicht vorbei. Doch das sind nur Nebensächlichkeiten. Mit enormem Detailwissen und einer geduldigen Sprache zieht Maike Albath den Leser auf ihre Seite und teilt mit ihm die Zuneigung für Sizilien.

Da fällt es einem dann und wann schon schwer zu glauben, dass man diese Insel nicht leiden mag. Leonardo Sciascia teilt die Liebe zu seiner Insel zweifelsohne, doch sieht er auch die schienbare Hoffnungslosigkeit, die in Teilen auch dem literarischen Mafiaboss Michele Corleone das Herz schwer machen. Dessen „Erfinder“ Mario Puzo war jedoch kein Sizilianer, er war durch und durch New Yorker. Dennoch prägte er das Ansehen Siziliens in der Welt wie nur wenige zuvor.

Die in diesem Buch versammelten Autoren stammen aus Sizilien. Ihr Herz schlug und schlägt sizilianisch. Ihre Gedanken kreisen in ihren Werken ständig um diese Insel. Und der Leser? Er kennt das eine oder andere Werk, hat sich an ihnen erfreut, wurde vielleicht animiert Vigata zu besuchen (es jedoch nie fand, weil es Andrea Camilleri selbst erfunden hat) oder wollte einfach nur für eine abgesteckte Zeit Teilzeitsizilianer werden. Maike Albath zeigt mit diesem Buch, das Sizilien eben mehr ist als 25000 bewohnte Quadratkilometer – und dies ist der Atlas in diese ferne Welt.

Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit

Häfen, das waren die Tore in die große weite Welt. Da kamen exotische Waren an, gestandene Seemänner aus aller Herren Länder brachten ihre Sprachen und Trachten mit. Hier roch es nach Fremdem. Und heute? Logistische Meisterleistungen der Effizienz, auf dem Papier. Wenn heute ein Frachter in einem Hafen anlegt, sind flinke Füße und flinke Finger gefragt. Flinke Füße, weil die Frachter schnellstmöglich wieder in sichere Gewässer geführt werden müssen. Denn Liegeplätze bedeuten Stillstand – und der kostet. Flinke Finger, die über die Tastaturen schweben und nachweislich den Warenverkehr nachvollziehbar machen. Von Hafenromantik ist in kaum einem der Büros noch etwas zu spüren. Und um den Hafen herum selbst, ist die Romantik – auch die gekaufte – auf so manchem Seelenverkäufer shanghait worden.

Schuldt ist einer derjenigen, die den Hafen nicht nur als Sehnsuchtsort mit romantisch verklärten Augen sehen. Häfen sind für ihn die Schule des Lebens und der Hamburger Hafen phasenweise auch Aufreger. Die Hafencity steht in seinen Augen für die flinken Finger. Shanghai, Liverpool, New York waren für ihn die (harte?) Schule der Arbeit. An der Mole stehen un sich die Gischt ins Gesicht spritzen lassen – das ist nicht sein Ding. Er ist die Gischt. Schuldt ist schuld daran, dass der Leser den Hafen nicht mehr allein als Ein- und Ausfuhrschleuse für Bananen und Kaffee sieht, sondern durch dieses Lexikon der Hafen-Etymologie selbst zum Kuddeldaddeldu der Klabautergeschichten wird.

Die Seefahrt war zu allen Zeiten ein riskantes Geschäft. Niemand konnte vorhersagen wie Neptun gelaunt sein wird. Und erst konnte niemand vorhersagen, ob er je wieder festen Boden unter den Füßen haben wird. So entspann sich eine eigene Welt der Seeleute. Mit eigener Sprache. Überreste, meist nur noch rudimentär, sind in verwinkelten Gassen noch heute im Hamburger Hafen zu entdecken. Dort wo einst die letzten Heller der Heuer unters Volk gebracht wurden (Alkohol und Frauen waren die beliebteste Mischung, wenn es galt die Penunzen kurzweilig anzulegen), stehen heute Kneipen und Bars, die den Touristen die gute alte Zeit vorgaukeln. Nur wer weiß, was hier einmal war, kann die Gegenwart erkennen. Und Schuldt – der Vorname hat sich genauso verabschiedet wie überflüssige Rücksichtnahme vor allzu unangebrachter political correctness – ist ein Begleiter, der so manches halb geschlossene Auge zu öffnen vermag.

Wer ein Hohelied auf die harten Burschen an den Kais erwartet, wird zusätzlich mit einem Wortschwall und tiefgründigen Erläuterungen der Hafenumgebung belohnt. Die Hamburger Schule mag in der Musik wegweisend (gewesen) sein. Die Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit liest sich wie ein das erste Lexikon der Welt, das man von der ersten bis zur letzten Seite durchliest.

Hoffen auf Aufklärung

Wer kann sich jetzt noch an 1982 erinnern? Die Schande von Gijon, der Nichtangriffspakt zwischen deutschen und österreichischen Fußballnationalspielern, kommt Fußballfans weltweit vielleicht in den Sinn. In der 500-Seelen-Gemeinde Oberriet bei St. Gallen ist das Jahr 1982 so präsent wie der gestrige Tag. Auch nach über drei Jahrzehnt ist der Mord an Brigitte und Karin in der Kristallhöhle nicht aufgeklärt. Die Teenager waren mit ihren Fahrrädern unterwegs – ein Ferienausflug zu Verwandten. Doch die Rückkehr wurde für die Eltern der beiden Mädchen zur Qual. Erst mehrere Wochen nachdem die ihre Mädchen als vermisst meldeten, fand man die beiden Leichname in einer Felsspalte. Von Maden verzehrt, unkenntlich. An Verdächtigen mangelt es hier nicht. Ein Höhlenführer, ein Architekt, Touristen – die Ermittler tun eine Spur nach der anderen auf. Doch nichts Endgültiges wird die Gemüter beruhigen. 2012 wird der Fall zu den Akten gelegt. Nicht, weil es keine neuen Erkenntnisse mehr geben wird, sondern weil das Schweizerische Strafrecht es so vorsieht. Dreißig Jahre nach einer Tat, kann niemand mehr belangt werden. Durchsuchungsbeschlüsse sind nichtig. Vernehmungen können nur auf freiwilliger Basis durchgeführt werden. Und im Dorf rücken alle näher zusammen, wenn einer von außen wieder anfängt zu schnüffeln.

Robert Siegrist wartet seit seinem 21. Lebensjahr auf die Antwort wer seine Eltern, seine Tante und zwei seiner Cousins ermordet hat. Das war 1976, als man sie mit einem Winchester-Gewehr ermordete. Das Gewehr wurde gefunden, den Schützen müssen alle Beteiligten an der Suche schuldig bleiben. Er verarbeitete seine Fassungslosigkeit in einem Buch. Gerechtigkeit kann er nach so langer Zeit kaum mehr einfordern. Noch weniger die Unterstützung der Behörden.

Politiker, Spione, Milieu-Größen, Kinder – kurz: Opfer und Täter in diesem Buch sind klar zuzuordnen. Ermittler haben immer den Auftrag jedweden Zweifel aus dem Weg zu räumen. Täter beschreiten den gleichen Weg, allerdings mit der Vorgabe Zweifel zu streuen und keine Spuren zu hinterlassen. Autor Walter Hauser war selbst Kantonsrichter und kennt die Zwickmühle der Gerichte. Menschlich (meist sogar logisch) sind viele Fälle eindeutig. Doch vor dem Gesetz ist jeder gleich. Bestehen Zweifel, müssen sie dem Angeklagten angerechnet werden, um Manipulationen auszuschließen. Das kommt jedermann schlussendlich zugute. „Hoffen auf Aufklärung“ ist auch ein Plädoyer für die Aufhebung der Verjährungsfristen bei Mord und Totschlag. Die Wissenschaft schreitet voran und was vor Jahren noch undenkbar zu sein schien, kann heute mit einem Handstreich erledigt werden. Die Opfer werden dadurch nicht wieder lebendig.

So einen Krimi kann man sich nicht ausdenken. Solche Geschichten schreiben nur das Leben und der Tod in unheiliger Allianz. Die Täter sind dreißig Jahre nach ihrer Tat alle Schulden entlastet, den Hinterbliebenen bleibt nur der verzweifelte Blick zurück. Wenn Recht und Gerechtigkeit getrennte Wege gehen, kann nur die Versöhnung den Staat von der Verantwortung befreien.

Lissabon

Es gab Zeiten, in denen eine Reise nach Lissabon einer Reise ans Ende der Welt gleichkam. Und das obwohl von hier Reisen an selbiges begannen. Heute pflegt die Stadt ihr Image als geheimer Hotspot am westlichen Rand Europas. Jetzt kommt man von allen Enden der Welt, um Lissabon zu besuchen. Autor Johannes Beck erlag der Faszination der Stadt auch. Als Zivi und kurze Zeit später lernte er die Stadt kennen und vor allem lieben. Die zehnte Auflage des Reisebandes MM City Lissabon ist nicht nur ein kleines Jubiläum, es ist vor allem ein Reisebuch, das dem Besucher eine Stadt aufzeigt, die sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt hat und sich dennoch ein paar Fleckchen ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat. Und diese gilt es zu entdecken.

Lissabon hat sich wie viele andere Städte auf Touristen eingestellt. Schnelle Wege zu den Hotspots der Stadt erleichtern es dem Spontantouristen vieles ganz schnell zu erreichen. Nachteil: Alle sehen dasselbe. Für einen Ein-Tages-Trip nicht ungewöhnlich und sehr erleichternd, doch Lissabon hat dann eben nur gesehen. Es wirklich erlebt zu haben, kann man so nicht behaupten.

Dieses Buch ist vollgestopft mit Reisetipps, die jedem Touristen in die richtige Richtung lenken. Das beginnt bei Ratschlägen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln – ja, die Straßenbahnen in Lissabon sind nostalgisch, tragen aber bei entsprechender Planung ein gewaltiges Sparpotential in sich, Stichwort rechtzeitig Tickets kaufen – und es endet noch lange nicht mit allen Sinnen beeindruckenden Spaziergängen. Von denen gibt es übrigens ein ganzes Dutzend in diesem Buch, die schon beim Lesen die Stadt erstrahlen lassen.

Dass Gegensätze sich anziehen, stellt beispielsweise Tour 7 unter Beweis. Campo de Ourique ist ein Viertel, das von der Kuppel der Basílica da Estrella überragt wird. Das Lissabon des Herzens ist hier zu Hause. Die Tour ist aber nicht allein ein Spaziergang auf totem Pflaster, es ist mehr ein Boulevard der weichenden Dämmerung. Denn der zweite Teil führt in nach Amoreiras, das von einem futuristischen Einkaufszentrum nicht minder bestimmt wird. Und der Spaziergang führt in die Unterwelt. Physisch, nicht sinnbildlich! Mãe d’Agua lautet das Zauberwort, von hier wurde Lissabon mit kostbarem Nass versorgt. Eine Führung lohnt sich und Gummistiefel braucht man auch nicht.

Johannes Beck zeigt dem Leser / Gast ein Lissabon, das er vielleicht schon aus Reportagen zu kennen glaubt, garniert es ausreichend mit versteckten Ohos und Ahas, dass man das Gefühl bekommt die Stadt schon ewig zu kennen. Besonders die farbig unterlegten Kästen („Lissabon im Kasten“) enthalten genug Stoff, um hinterher mit seinem Fachwissen angeben zu können. Ein unverzichtbarer Begleiter durch eine Stadt, die man nach dieser Lektüre doch nicht so gut kannte wie man dachte.

Imagine Africa 2060

So manch einer kann sich kaum mehr erinnern, was gestern war. Wie es morgen wird, will man sich oft nicht vorstellen. Was soll man erst denken, wenn man sich das Jahr 2060 vor Augen hält? Zehn Autoren aus Afrika, nicht irgendwelche, Preisträger, wahre Stimmen des Kontinents, haben sich Gedanken zu ihrer Zukunft und der Afrikas gemacht.

Chika Unigwe wird diese Zukunft als gesetzte Achtzigjährige erleben. Ihr Traum, ihre Vision ist die einer weiblichen Präsidentschaftskandidatin. Amara heißt sie. Sie hat sich gerade von ihrem Mann getrennt. Auch in 2060 ist das nicht unbedingt eine Grundvoraussetzung für dieses Amt. Manche Dinge haben sich also bis dahin noch nicht geändert. Sie will die Übermacht der Präsidenten aus dem Norden brechen. In der bisherigen Vergangenheit ist es so, dass der Norden seltener Präsidenten stellte. Vierhundert Millionen Nigerianer wird sie einmal regieren. Momentan ist es knapp die Hälfte. Das heißt in ca. vierzig Jahren kommen noch einmal zweihundert Millionen Nigerianer zusätzlich auf die Welt. Eine Aufgabe, die Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen in einem patriarchalischen Land als Grundbedingung voraussetzt. Da Chika Unigwe eine Utopie beschreibt, ist der Ausgang der Kurzgeschichte vorhersehbar, was den Verlauf nicht einmal ansatzweise herabsetzt.

Mit den Folgen des Klimawandels – ja, den gibt es wirklich und ja: Auch in Afrika kann es noch wärmer werden! – haben die Helden in José Eduardo Agualusas Geschichte zu tun. Denn sie mussten fliehen. Aus ihren Dörfern, aus den Städten, aus ihrem Land, von ihrem Kontinent, von ihrem Planeten. Angola wurde überflutet. So wie der Rest der Welt. Jetzt fliegen gigantische Luftschiffe und kleinere „Flöße“ durch den Himmel. Die Größeren heißen Paris oder Tokyo, die Flöße sind unter anderem nach Luanda benannt. Je größer das Schiff, um so luxuriöser das Leben. Und langweiliger. Je kleiner das Schiff, um so unerschwinglicher die Besuchserlaubnis auf einem der Größeren.

Ken Bugul zeigt eine zweigeteilte Welt im Jahr 2060. Die nördliche Welt unterdrückt das südliche Königreich Adjagba. Die Königin nährt ihr Volk, die Pflanzen und die Tiere. Das Königreich des Nordens, besonders die Gehirnmanipulierten lässt keine Gelegenheit aus, um dem Süden ihre Überlegenheit zu präsentieren. Bis eines Tages …

Zehn erstklassige Schriftsteller aus Afrika, zehn Geschichten, die so fern gar nicht erschienen könne, als dass die wahr sind, zehn Stimmen wider eine vorbestimmte Zukunft. Unter dem Dach der “Stimmen Afrikas“ versammeln sie sich seit einem Jahrzehnt in regelmäßigen Abständen, um ihren Stimmen Ausdruck zu verleihen. Am Ende des Buches haben die Herausgeberinnen Christa Morgenrath und Eva Wernecke eine Chronik dieser Stimmen angefügt. Wenn das nächste Mal ein Plakat mit den Stimmen Afrikas den Blick kreuzt, sollte man stehenbleiben, es lesen und die Veranstaltung besuchen. Die Poesie der Sprache, die unerschütterlich Hoffnung in sich trägt, wird niemals versiegen. Auch nicht im Jahr 2060.

Vögel der Nacht

Ein lieblos am Straßenrand abgestelltes Moped ist noch lange keine Bordsteinschwalbe. Ein Vogel, der mit der Bahn fährt erst recht kein Zugvogel. Und wenn alle Scheinwerfer auf einen Gefiederträger gerichtet sind, ist immer noch kein Star.

Es sind schon besondere Menschen, die sich in diesem Buch versammeln und sich eine besondere Vogelbezeichnung einfangen. Die Rabenmutter gibt den Dingen in ihrer Wohnung, die sie umgeben extra Namen, um für sie sorgen zu können: Balthasar Baldachin, Deborah Deckchen, Melchior Matratze. Katharina Günther-Keßler gibt ihren nicht immer so flatterhaften Figuren Flügel damit sie abheben, ausbrechen und erkunden können. Mehrdad Zaeri steuert die Illustrationen bei. Verschiedene Stilarten, dicke Striche, dünne Linien, satte Farben, expressive Gestalten – sie geben den eigenwilligen Texten ein Gesicht.

Lesen soll die Phantasie anregen. Und dieses Buch braucht dazu nicht einmal mehrere Seiten Anlauf – es klappt auf Anhieb ab den ersten Zeilen. Acht besondere Vögel, acht besondere Geschichten, die darauf abzielen dem Leser den passenden Stromstoß im Gehirn zu verpassen. Füttern ausdrücklich erlaubt!

Der Name des Verlages – Kunstanstifter – darf, ja, muss hier wortwörtlich genommen werden. Die „Vögel der Nacht“ stiften Unruhe, wirbeln Staub auf, wechseln ihr Gefieder, fliehen in die Dunkelheit. Als Leser folgt man ihnen auf Schritt und Flügelschlag, um zu sehen, was die Nacht zu bieten hat. Eine ganze Menge, so viel sei schon mal verraten. Dieses Buch ist kein Buch, das man Seite für Seite liest und dann zufrieden ins Regal stellt. Gute-Nacht-Lektüre auf hohem Niveau, die man immer wieder zur Hand nimmt, wenn die Nacht am tiefsten ist. Dann erhellt das Federvieh das Firmament und lässt tausend Sterne funkeln.

Über das Marionettentheater

Wie an Fäden gezogen schweben die Figuren dahin. Die Gesetze der Physik scheinen sie zu ignorieren. Dabei sind sie die perfekten Anschauungsobjekte für eben diese Gesetze. Jeder Aktion folgt eine entsprechen Reaktion.

Ein junger Mann ist vom Spiel der Puppen derart fasziniert, dass sie ihn zu einem kleinen Ausflug in die Kunst der Puppenspieler inspirieren. Dieser junge Mann ist Heinrich von Kleist, der mit dem Krug und dem Richter. Die Geschichte ist nicht lang und liest sich wie ein funkelnder Reisebericht. Das Besondere an diesem Buch sind die vielsagenden Illustrationen von Hanna Jung.

Marionetten sind für die meisten der erste Kontakt mit der darstellenden Kunst. Kinder sehen beispielsweise wie Bewegungen von Menschenhand entstehen und sind baff erstaunt wie ein kleiner Wink eine so große Auswirkung haben kann. Als Erwachsener wird man beim Marionettenspiel vielleicht an die Kindheit erinnert oder sieht wie einfach doch so manche Faszination aufgebaut sein kann.

Und erst die prachtvollen Kostüme, bei denen sich jeder Designer mal so richtig austoben kann. Ein Fuchs mit eleganter Rüschenbluse, Jagdrock, Zylinder. Ein Reiher, dessen Gefieder durch die Farbkombination seiner Garderobe noch mehr zu glänzen scheint. Sie alle hängen nicht am sprichwörtlichen seidenen Faden, sondern am wortwörtlichen. Grazile Bewegungen sind ihnen anheimgefallen und sind ein Augenschmaus für jeden Betrachter. Denn der Leser verlässt mit dem Aufschlagen des Buches seine angestammte passive Position des stillen Lesers, um mit wachem Auge die Szenerie zu verfolgen.

Es sind Bücher wie dieses, die die Lust am Lesen, am Entdecken, am Forschen wieder entfachen. Dazu genügt nur eine Portion Lust und der Wille in eine Welt einzutauchen, die die Realität widerspiegelt und dennoch völlig losgelöst von ihr ist. Die zarten Farbenspiele, die Detailverliebtheit der einzelnen Figuren und der tiefergehende Text lassen beide Welten, diese und jene, miteinander verschmelzen.

Tod in Monte Carlo

Die Region Banat teilen sich heute Serbien, Ungarn und Rumänien. Aus dieser Region stammt auch er Autor dieser anrührenden, aufwühlenden, verschwenderischen Geschichte. Und auch die Hauptfigur, Moritz Karpaty hat enge Verbindungen zu Ivan Ivanji.

Es ist Spätsommer 1939, Europa bebt, es brennt noch nicht lichterloh, doch die Glutnester sind gelegt. Der jüdische (das muss aufgrund der Zeit, in der die Geschichte spielt leider erwähnt werden) Arzt Moritz Karpaty macht zum ersten Mal Urlaub. Weit über siebzig Lenze zählt er. Sein Freund, der Zuckerfabrikant Viktor Elek (auch keine fiktive Figur, sondern real) überredet ihn nach Monte Carlo zu fahren. Das mondäne Monte Carlo klang in dieser Zeit schon wie das Elysium aller, die Träume wahr werden lassen wollten. Die Zeit mit Viktor – die Familie bleibt zuhause – genießt der Arzt. Ebenso das Klima, die festlichen Tafeln und das Casino. Und siehe da: Der bisher nur im winzigen Rahmen spielende Doktor hat Glück im Spiel. Und wie! Ein Millionengewinn darf er sein eigen nennen.

Viktor rät ihm gleich zu einer sicheren Anlage, zuhause im Banat. Auch wenn die politische Situation in Europa auf mehr als wackligen Füßen steht, so ist er felsenfest davon überzeugt, dass das Geld in der Heimat am sichersten angelegt ist.

Die Nachrichten künden hingegen von den ersten Bomben des Krieges. Polen wurde zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgerieben und aufgeteilt. Deutsche, Schweizer, Franzosen – Europa trifft sich in Monte Carlo und diskutiert aus sicherer Entfernung die Lage des Heimatkontinentes. Das Übel, das allen Gegnern widerfährt, ist vielerorts noch ein Gerücht. Selbst, wer genau Bescheid weiß, sträubt sich sein Wissen zu teilen.

Neben dem Glück im Spiel – Viktor ist inzwischen abgereist und lässt den Doktor allein an der azurblauen Küste zurück – bahnt sich auch das Glück in der Liebe an. Maurice, wie er sich nun nennt, hat beschlossen nicht auf den Rat seines Freundes zu hören und will stattdessen die Millionen lieber in Monte Carlo verjubeln. Die russische Tänzerin Ira hat es ihm angetan. Und sie erwidert seine Avancen. Gen Heimat schickt er Briefe voller Urlaubsschwärmereien, im Gegenzug bekommt er Post voller Sehnsucht nach dem Gatten. Er und Ira sind unzertrennlich, während Europa sich immer weiter aufspaltet und Keile zwischen die Völker getrieben werden. Kann so eine Geschichte gut enden? Darf so eine Geschichte Gewinner haben?

Ivan Ivanji plaudert nicht einfach nur aus dem familiären Nähkästchen. Er zeichnet ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte anhand seiner eigenen Familie nach. Blauäugigkeit und abgrundtiefer Hass treffen an einem Ort aufeinander, der auf den ersten Blick kaum unpassender zu sein scheint. Doch die Idylle des kleinen Landes trügt. Auch die Landesherren wussten geschickt die bald neuen Herren Europas zu umgarnen. Diplomatie hin oder her. Die Grimaldis kämpften an allen Fronten während dieser Zeit. Monte Carlo als sicherer Hafen, diese Illusion wurde mitten Krieg aufs Perfideste zerstört, als Juden ausgeliefert wurden, um in deutschen Konzentrationslagern ihr Ende zu finden. Der Tod in Monte Carlo ist ein symbolischer. Für Moritz Karpaty kam er in Gestalt des Alters…