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Gran Canaria

Wenn es daheim so richtig ungemütlich, kalt und nass ist, möchte man einfach nur raus. Raus in die Welt. Aber bitte nicht allzu weit weg. Aber sonnig sollte s bitte schön sein. Für viele ist Gran Canaria dann die erste Wahl. Während zuhause alle den Kopf in den Nacken ziehen, weil der Wind sonst durch jede Ritze pfeift, genießt man die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres. Und das sogar schon am Strand.

Doch Gran Canaria ist mehr als die Bettenburg Mitteleuropas tief im Süden. Irene Börjes hat nicht einfach nur einen Reiseband geschrieben, der mittlerweile sich der neunten Auflage erfreuen darf, in dem so allerlei geschrieben steht, was man sich anschauen kann (und muss), sondern einen Reiseband dem Frischlingsgast (aber auch dem erfahrenen Kenner der Insel) ein Reiseprogramm in die Hand gibt, dass nur einen Schluss zulässt: Langweilig wird’s hier bestimmt nicht!

Jedes Kapitel wird zunächst einmal kurz umrissen. Knackige Highlights machen Appetit darauf, das Buch intensiver zu studieren. Wie ein Reiseguide, der ohne den Erkennungs-Regenschirm in den Himmel zu recken und ohne Zeitdruck aufzubauen, weist sie ohne große Gesten auf das nicht zu Verpassende hin. Die farbig unterlegten Kästen sind dabei einmal mehr die Füllhörner der Neugier. Einzigartige Landschaften wie die Projektgemeinschaft Paisaje cultural de Risco Caido y Las Montanas Sagradas. Hier treffen weitreichend zurückliegende Geschichte, frühere Geschichte auf Gegenwart und Zukunft. Auf exzellent erschlossenen Wanderrouten kann man vorbei an Ausgrabungsstätten, in Freilandmuseen das Leben vor vielen Jahrhunderten nachvollziehen.

Sportlich ist Gran Canaria auch. Mit dem Rad querfeldein, ohne dabei Flora und Fauna ins Leben zu pfuschen – kein Problem. Auch hier hat die Autorin (sogar preiswerte) Tipps im Angebot.

Immer wieder kommt man ins Staunen wie viel die Insel zu bieten hat, und dass man tatsächlich alles in diesem Buch finden kann. Hier bekommt das Wort Kompaktheit eine neue Bedeutung.

Dieser Reiseband beweist eindrücklich, dass Gran Canaria nicht das eine Reiseziel ist, das man erwählt, wenn einem überhaupt nichts mehr einfällt, wo man den nächsten Urlaub verbringen kann. Auch wenn die Insel von Touristenmassen überrannt zu werden scheint, so gibt es noch immer unzählige Orte, die noch nie von Tennissocken in Sandalen platt gedrückt wurden. Gran Canaria mit Irene Börjes in der Hand wird so garantiert zu einem Erlebnis, an das man sich noch lange erinnern wird.

Golf von Neapel, Ischia-Sorrent-Capri-Amalfi

Neapel sehen und sterben – mehr als nur eine Floskel. Ja, man muss Neapel erlebt haben, um Italien zu kennen. Während man in anderen Regionen die Grandezza aufsaugen kann, brodelt es hier an jeder Stelle. Das liegt nicht allein am Vesuv, der, wenn er wieder einmal ausbrechen sollte, eine Katastrophe heraufbeschwören kann, die in Europa wohl einzigartig sein dürfte. Nein, es ist das stets vorhandene Vibrieren der Stadt am Golf. Es gibt drei Arten von Lärm: Das Timbre der Marktverkäufer und ihrer Kunden, das permanente Telefonieren und das Knattern der unzähligen Mopeds in der Stadt. Sie alle kreieren einen Klangteppich, auf dem man durch die Stadt schwebt. Der rustikale Charme der teils abgerockten Palazzi, die Fülle an Augenschmaus und Gaumenfreuden lassen den Gast Neapels schnell eintauchen in eine Stadt, die selbst in Italien als einzigartig gilt. Wo andernorts an den touristischen Hotspots die weltweit gängigen Geschäfte das Ursprüngliche verdrängt haben, dominiert hier das urtypische Handwerk. Im quartieri spagnoli – einem Viertel, vor dem noch vor wenigen Jahren vehement gewarnt wurde – kann man durch die geöffneten Türen so manchen Handwerker bei der Arbeit zuschauen. Auch ohne Italienischkenntnisse kommt man hier dennoch schnell ins Gespräch. Die schnelle Pizza auf die Hand, oder die typischen Sfogliatelle, eine schmackhafte Leckerei zwischendurch, gehören hier zum Straßenbild wie das liebevolle Ignorieren der roten Ampeln.

Das ist Neapel, das man getrost auch ohne Reisebuch erleben kann. Aber das ist eben nur eine Seite der drittgrößten Stadt Italiens. Als ehemalige Königsstadt bietet sie eine ungeheure Fülle an architektonischen Preziosen. Und fast immer mit dem Charme des benutzten Eigentums. Der Putz blättert von den Wänden, Funkeln und Strahlen findet man meist nur in sakralen Gebäuden. Und selbst da ist die Lichtstimmung düsterer als in den meisten Gotteshäusern. Es ist ein ganz besonderes Flair, das einen sofort einnimmt.

Reisebuchautor Andreas Haller sortiert die Sehenswürdigkeiten ein wenig vor. Das ist auch nötig, da vieles in Neapel schnell übersehen werden kann. Die Enge der Gassen, die Menschenmassen (beispielsweise in der Via San Gregorio Ameno, die Krippengasse, wo sich ein Krippenmacher an den anderen reiht – trotzdem unbedingt anschauen) – da kann es durchaus passieren, dass man mal ein bedeutendes Bauwerk an einem vorüberziehen lässt. Hier hakt das Buch ein. Kein noch so kleiner Ort, den man gesehen haben muss, weil er für Neapel so charakteristisch ist, bleibt unerwähnt. Inkl. Tipps wann man ihn besuchen sollte. Denn wenn die Massen erst einmal in Bewegung sind, kann man schnell auch mal eine zu lange Zeit in Warteschlangen verbringen.

Als Leseablenkung vom Überfluss der Stadt sind die typischen farbig markierten Kästen ein willkommener Ausflug in die Stadtgeschichte. Was steckt hinter dem maskierten Pulcinella? Und warum werden wo man steht und geht rote Paprikaschoten als Schlüssel- oder Kettenanhänger, von winzig klein bis zu gigantischen Ausmaßen angeboten? Curniciello – Glücksbringer, nicht nur für die Verkäufer.

Nun ist das mezzogiorno – auch diese Bezeichnung für den Süden des Stiefels wird ausgiebig erläutert – nicht nur Neapel. Ischia, Capri, Amalfi sind Sehnsuchtsorte, die jedem Klischee trotzen und es zugleich bedienen. Um nicht vollends jeder Tourifalle ins Netz zu gehen, empfiehlt es sich schon vor Reiseantritt in diesem Buch zu schmökern. Das geht, denn die dritte Auflage liest sich wirklich wie ein Roman, den man anschließend selbst nacherleben kann. Anfahrtswege, die schönsten Ausflüge und unerlässliche Tipps für den perfekten Urlaub (ob es nun der erste oder einer der zahllosen folgenden Tripps ist) lassen zuvor das Reisefieber steigen und vor Ort das Temperament den Gepflogenheiten anpassen.

Ein Reisebuch soll Appetit machen, einen sicher durch die Fremde leiten und die Vorfreude aufs Wiederkommen steigern. In diesem Fall gibt es nur ein Fazit: Volle Punktzahl, Ziel erreicht!

Wir, die Anderen

Jeder kennt einen, der irgendwie – liebenswert – aus der Art geschlagen ist. Ein Spinner, den man nicht immer ernst nehmen kann, dennoch aber gern um sich haben will. Träumer, keine Schaumschläger. Denn Träumer haben das recht auf ihrer Seite.

Und solche wundersamen Leute hat Oliver Wunderlich zusammengetrommelt, um sie kompakt dem Leser vorzustellen. „Wir, die Anderen“ sind keine Clique von verschrobenen Typen, die es immer irgendwie schaffen davonzukommen. Nein, hier stehen sie in Reih und Glied, zeigen sich von ihrer besten Seite. Es ist erstaunlich spannend zu sehen wie zwei Männer dem Traum vom großen Geld hinterherjagen, und sich dabei für nichts zu schade sind. Die Currywurstbude soll den Batzen Geld in einen Mount Everest der finanziellen Sorglosigkeit verwandeln. Als quasi um die Ecke ein Schnellrestaurant von Weltformat eröffnet, scheint der Gipfel unerreichbar. Doch Narren haben einen Vorteil gegenüber durchgestylten Apparatschicks: Sie haben Träume, und keine Tabellen. Die Currywurstolympiade soll den Bekanntheitsgrad steigern und Kunden binden. So würde es der Wirtschaftsriese von „um die Ecke“ nennen. Die Würste brutzeln, die Sonne brennt, der Schweiß läuft. Das Ende vom Lied: Eine Gewinnerin, die sich seitdem nie wieder eine Currywurst einverleibt hat. Alles halb so schlimm. Es war die Tochter eines der Veranstalter.

Ein anderer Anderer ist Tom Quinn. Bobby, Polizist, Parkknöllchenverteiler in der Bridge Street in Manchester. In den 80ern nicht der Place to be, wenn man sich die Musik von Joy Division und The Smiths anhört. Margret Thatchers Politik scheint die Stadt weiter in en Abgrund zu treiben. Da schlendert der niemals schlecht gelaunte Tom Quinn durch die Straße und verteilt Tickets an die Parksünder. Immer, wenn Not am Mann ist, ist er zu Stelle. Ja, auch das ist Tom Quinn. Ein Fahrrad ist zu reparieren – Tom ist da. Falschparker auf dem Gehweg – Tom ist da. Jemandem über die Straße zu helfen, den Weg zu erklären – Tom, Tom, Tom. Einem Journalisten fällt dieser Mann schon länger auf. Niemals hat er Streitigkeiten mit Tom gesehen, erlebt oder irgendwie wahrgenommen. Da muss was dahinter stecken, das wert ist herausgefunden zu werden. Doch nix, nada, niente. Tom ist einfach nur Tom. Als er eines Tages nicht zur Arbeit erscheint – das erste Mal – schauen die Kollegen bei ihm zu Hause vorbei. Tot. Tom Quinn, der Mann der Knöllchen, Heiliger der Parksünder, unscheinbarer Nachbar ist nicht mehr. Seitdem regnet es unaufhörlich. Die Straßen sind voller Traubendrecke, Fahrräder rosten vor sich hin. Und sein Geheimnis? Nicht mehr und nichts weniger als das – eben ein Geheimnis.

Alltagsgeschichten haben oft den Beigeschmack des Banalen. Fad und nach der zweiten Wiederholung rauschen die Worte wie ein Zug durch den Kopf. Oliver Wunderlich lässt die Anderen in einem Licht erstrahlen, das durch die stechende Präzision nicht so schnell erlischt.

Einstein sagt

Wenn der Keks spricht, haben die Krümel Sendepause! Und wenn Einstein spricht, ist es auch muchsmäuschenstill. Und nicht nur, wenn man einmal im Leben die Relativitätstheorie verstehen will…

Einstein gehört auch fast siebzig Jahre nach seinem Tod zu denjenigen, denen man nur schwer Verfehlungen nachsagen kann. Das liegt zum Einen daran, dass er immer auch einen kleinen Schalk im Nacken hatte, den er nur allzu gern auch freien Lauf ließ. Bei Diskussionen mit Berlinern verglich er sich mit einem prämierten Huhn. Nur die Frage, ob er noch Eier legen könne, konnte selbst er nicht beantworten. Auch heute noch ein Brüller auf jedem langweiligen Get-Together.

Nachdenklich stimmen Einsteins Gedanken über seine deutsche Heimat. Die musste er verlassen, um drohender Gewalt durch die Nazis zu entkommen. Die Befürwortung eines atomaren Erstschlags gegen Deutschland bezeichnete er bis zu seinem Ende als seinen größten Fehler. Auch die Erkenntnis nicht unfehlbar zu sein und zu seinen Fehler zu stehen, diese auch immer wieder anzuprangern, ist wohl der zweite Grund Albert Einstein immer an den Lippen zu hängen.

Nun ist es so, dass man dieses Buch nicht Seite für Seite durchliest und dann zufrieden beiseite legt. Es dauert ein bisschen bis man es ausgelesen hat. Die Dosis macht das Gift und eben auch die Erkenntnis. Hier sind gleich mehrere Füllhörner an Weisheiten in kompakter Form für den Leser zusammengefasst. So fällt es einem doch schwer die einzelnen Zitate noch einmal wiederzugeben, wenn man sich zu vielen Seiten widmet. Jeden Tag eine Seite oder pro Woche ein Kapitel sind vollkommen ausreichend, um dem Genie ansatzweise auf die Spur zu kommen.

Lauernd auf das nächste Bonmot blättert man sich vorsichtig weiter. Berauscht sich an seinen Einsichten über sich selbst. Erschrickt über Gedanken über die Menschheit. Und nickt zustimmend mit dem Kopf, wenn er sich zur Atombombe äußert.

Es sind die zahlreichen Einschläge, die seine Worte hinterlassne, die dem Leser teils die Augen öffnen oder gar neue Gedankengänge offenbaren. Viel wurde über Einstein geschrieben. In Bern, wo er einen stupiden Job annahm, um den Kopf für seine Forschungen freizubekommen (und das nötige Kleingeld für die notwendigen Ausgaben zu erwirtschaften), kann man durch sein Appartement schlendern, im Museum seine Nobelpreismedaille und seinen Kinderwagen bestaunen. Doch in seinen Kopf kann niemand hineinschauen. In diesem Buch kann man es doch – ein bisschen. Ihn besser verstehen ebenso. Klein, kompakt, inhaltsschwer.

Buch der Tage

Patti Smith schreibt seitdem sie schreiben kann. Den meisten ist sie als Sängerin bekannt. Vielen sind ihre Bilder – bis vor wenigen Jahren waren Polaroids ihr bevorzugtes Stilmittel – ein Begriff. Auch als Schriftstellerin hat sie sich einen Namen gemacht. Eine Künstlerin durch und durch, 24/7.

Vor ein paar Jahren hat sie sich dazu entschlossen einen Instagram-Account zu eröffnen. Wie sie selbst sagt, um denen, die in ihrem Namen Spenden einheimsen wollen, die echte Patti Smith entgegenzustellen. Das harte Los einer berühmten Persönlichkeit. Aber was wäre eine Künstlerin, wenn sie nicht auch diese Plattform als Ausdrucksmittel einzusetzen verstünde?!

Und nun das „Buch der Tage“. Ein Buch, das so schon existiert. Da gibt es doch tatsächlich Bücher, die die Posts von Instagram einfach noch mal in Buchform auf den Markt schmeißen. Manchmal sogar nicht einmal von echten Menschen, sondern ihren Haustieren. Das geht oft bis immer schief, weil es wirklich niemanden interessiert, wann die Miezi etwas schräg in die Kamera glotzt und man sich – als Mensch – darüber vor Lachen krümmt. Irgendwann ist jeder Gag einmal ein gelutschter Drops.

Diese Gefahr besteht bei Patti Smith nicht. Ihr Bilderarchiv muss wie das Weltall unendliche Weiten umfassen. Nicht nur, was die Quantität betrifft, nein, auch die Qualität – sprich Themenvielfalt – ist fast unüberschaubar. Und so taucht man in eine Welt ein, die man sich – egal, ob Fan oder nicht – kaum zu erträumen gehofft hat. Pattis Smith behält sich natürlich das Recht vor nur das zu zeigen, was sie möchte. Sie muss nicht jeden Tag ihr Frühstück mit der Welt teilen. Auch nicht ihr neues It-Piece. Und schon gar nicht irgendwelchen anderen belanglosen Trash, den nur seelenlose Follower als Einblick ins Seelenleben der Stars erkennen wollen.

Hier ist eine Zeitreise in Buchform für einen Kreis von Menschen, die sich nicht nur oberflächlich verführen lassen. Von Rom und Paris über New York reist man in Bildern und Gedanken (den eigenen und denen von Patti Smith) um die Welt, die immer kleiner zu werden scheint. Was sie natürlich nicht tut, aber das Bilder, das vermittelt wird, hat auch seine Vorteile. Da man scheinbar ungezwungen binnen Bruchteilen von Sekunden in eine andere Welt eintauchen kann.

Von Ballettschuhen und dem Portrait von Greta Thunberg, vom dichten Wald bis zu Glenn Gold, von Bobby Fischer Grab bis zu einem Hufeisen, das sie auf dem Anwesen von Arthur Rimbaud gefunden hat – Patti Smiths Auge entgeht nichts. Wer schon einmal das stakkatoartige „Horses, horses, horses, horses“ auf einem verlassenen Industriegelände gehört hat, an dem ein endloser Güterzug vorbeirattert, kennt die Kraft, die Patti Smith verströmen kann. Immer tiefer ziehen ihre Bilder und kurzen Texte denn Leser in ihre Welt, ohne jemals ernsthaft in Gefahr zu geraten. Es ist eine Kunst sich selbst zu inszenieren ohne dabei selbst zum Objekt der Begierde zu werden. Patti Smith for real and forever.

Sachsen

Einen Reiseband über ein Bundesland zu schreiben, ist eine heikle Sache. Denn es gibt nicht das EINE, das TYPISCHE, das ein Bundesland attraktiv macht. Jedes Bundesland hat eine Vielzahl von Attraktionen, die es wert sind besucht zu werden. Und Sachsen kann sich rühmen die komplette Palette von Interessen bedienen zu können. Das klingt auf den ersten Blick sehr allgemein. Doch schon beim ersten Aufschlagen des Bandes treffen die zahlreichen Abbildungen ins Herz des Lesers.

Von der barocken Pracht der Landeshauptstadt Dresden, über landschaftliche Reizpunkte zwischen den drei großen Städten Leipzig, Dresden und Chemnitz bis hin zu idyllisch verankerten Aussichtspunkten in den Höhen der Gebirgszüge im Süden – alles da, alles erreichbar.

Das Bundesland Sachsen ist das Bundesland, das in den vergangenen drei Jahrzehnten die größte Veränderung zu verzeichnen hat. Wo einst gigantische Schaufelradbagger die Erde aufwühlten, um selbiger wichtige Energieträger zu entreißen, tummeln sich in den warmen Monaten heute Sonnenanbeter und Erholungssüchtige. Rund um Leipzig ist eine Seenlandschaft entstanden, die ihresgleichen sucht. Auch im Westen der heimlichen Hauptstadt Sachsens, wo noch in den Achtzigern die Schornsteine unentwegt dicke Rauchsäulen in den Himmel stießen, ist eine Wohnlandschaft gewachsen, mit der nur wenige Städte weltweit konkurrieren können. Und in ein paar Jahren kann man sogar mit dem Paddelboot bis ans Meer gelangen.

Burgen und Schlösser hatten schon immer eine besondere Anziehungskraft auf Menschen. Heutzutage sind sie ein beliebtes Ausflugsziel. Wer zwischen Leipzig und Dresden (oder von Leipzig aus gen Süden unterwegs ist) die Autobahn verlässt, kommt um die zahlreichen Hinweisschilder auf die historischen und weithin sichtbaren Hinterlassenschaften nicht herum. Massive Gemäuer, die jedem Ansturm standhielten – außer dem der Besucher – verspielte Erbauerträume bis hin zu Wehranlagen, die im Laufe der Jahre immer wieder einem neuen Zweck dienten.

Traditionelles Handwerk im Erzgebirge, Braukunst, Montanarchäologie, weltberühmte, einzigartige Museen (Grassimuseum in Leipzig, um dessen Völkerkundemuseum viele Ausstellungsmacher die Stadt beneiden und das Grüne Gewölbe im Dresdner Zwinger, um nur zwei besonders herauszuheben), die Geburtsstätte des Porzellans in Europa in Meißen, Sportstätten, die Geburtshelfer und Erinnerungsplätze in einem sind … die Liste der Sehenswürdigkeiten in Sachsen scheint endlos zu sein.

Kerstin Sucher und Bernd Wurlitzer gelingt mit diesem Buch der ganz große Wurf: Ein Land, ein Buch, eine Sehnsucht. Umfassend, detailreich und immer wieder überraschend. Selbst Sachsen werden „große Oochen machen“ (die Ausflüge ins nicht immer und überall beliebte Säggssch inklusive), wenn sie ihre Heimat noch einmal und immer wieder neu entdecken.

Monsieur Orient-Express

Monsieur Orient-Express, Belgier, mit dem gewissen Sinn fürs Wesentliche – das kann doch nur Hercule Poirot sein! Non, ist er nicht. Auch wenn einem sofort die Assoziationen zu dem Mann, der die kleinen grauen Zellen so geschickt einsetzte, in den Kopf schießen. Es handelt sich um Georges Lambert Casimir Nagelmackers. Geboren im Sommer 1845. Vater Bankier, die Mutter stammt aus einer Industriellenfamilie, die sich in Teilen bis in die Regierung hochgearbeitet hatte. Der „goldene Löffel im Mund“ wurde dem Sprössling also in die Wiege gelegt. In der Schule waren Sprachen – Latein und Griechisch – seine erfolgreichsten Fächer. Privat war es in der Familie Nagelmackers eher kühl. Die Eltern wurden gesiezt, die Kinder speisten zusammen mit dem Personal. Damit der junge Georges sich endlich die Liebe zu seiner Cousine aus dem Kopf schlägt, schickte ihn die Familie in die Neue Welt. Und hier kam er einer neuen, großen, nachhaltigen Liebe auf die Spur: Der Eisenbahn.

Die katastrophalen Zustände der amerikanischen Eisenbahn – die Wände dünn wie Zeitungspapier, Toiletten nur von außerhalb zu betreten etc. sollten der Grundstein sein, der Georges Nagelmackers zu dem machte, was er einmal werden sollte: Der Chef des Orient-Express.

Georges sah, dass die Welt zusammenwuchs. Doch überall nur Schranken, in jeder Hinsicht. Sein Traum war es – und schon ein paar Jahre später legte er einen weiteren Grundstein dafür, dass Schranken bald nur noch für „die Anderen“ gelten sollten – die Welt miteinander zu verbinden. Und natürlich das Portemonnaie zu füllen. Sein Portemonnaie.

1883 nahm der Orient-Express das erste Mal Fahrt auf. Von Paris nach Konstantinopel. Luxuriös reiste man. Es ruckelte zwar hier und da ein wenig, dafür war man aber binnen Tagen am anderen Ende des Kontinents.

Dass dabei viel Kohle (auch hier wieder: in jeder Hinsicht!) verbrannt wurde, beunruhigte den Visionär Nagelmackers nur am Rande. Geldgebern kann man ja schließlich aus dem Weg gehen. Das klappt aber nur zeitweise. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris greift er nach einem weiteren Strohhalm, um das finanziell angeschlagene Unternehmen einmal mehr zu retten. Gen Osten soll der Luxuszug nun gleiten. In jedem der größten Pavillons, die in der Weltmetropole Paris ihr Land präsentieren, lässt er Waggons seiner Eisenbahnlinie ankarren. Nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ein Waggon 35 Tonnen wiegt, die Pavillons nicht ans Schienennetz angeschlossen sind und die Pferdewagen eigentlich nur vier Tonnen bewegen können.

Eine rentable Bahn auf die Schiene zu bringen, ist bis heute ein Fass ohne Boden. Das musste auch Georges Nagelmackers erkennen. Doch im Gegensatz zu den Vorständen der Gegenwart, die die Vokabel Subventionierung so inflationär benutzen wie manch anderer Toilettenpapier, ließ er sich nicht von seiner Idee abbringen den westlichsten Westen mit dem östlichsten Osten zu verbinden. Geblieben ist allen Unkenrufen zum Trotz mehr als nur die nostalgische Vorstellung einmal tief im Sessel zu versinken und vom Eiffelturm, am Stephansdom vorbei entlang der Donau, über den Balkan ans Goldene Horn zu reisen. Diese Vorstellung inspirierte Menschen seitdem es die Eisenbahn gibt, nicht nur Agatha Christie.

Gerhard J. Rekel lässt den Mythos Orient-Express einmal mehr aufleben. Dieses Mal jedoch bekommt er ein Gesicht. Georges Nagelmackers schürte  mit seiner Idee Sehnsüchte, die bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Und dieses Buch sorgt dafür, dass nichts davon in Vergessenheit gerät.

Hemingway im Schwarzwald

Hemingway – ein Name wie Donnerhall. Als der kleine Ernie 1899 zur Welt kam, war das sicher nur ein kindliches Schreien. Ein paar Jahrzehnte später jedoch war der als Stilikone nicht mehr vom Thron zu stürzen. Muss ein gutes Jahr gewesen sein, dieses 1899: Ein anderer Künstler, der eine ganze Branche prägte, wurde ebenfalls im Sommer 1899 geboren. Alfred Hitchcock. Der bezog seine Genialität aus den Erfahrungen seiner Kindheit.

Hemingway ebenso.

Ernie, wie er oft genannt wurde, zog es früh an den Schreibtisch. Und das ist in seinem Fall wortwörtlich gemeint. Als Journalist für den Toronto Star schickte man dem Teenageralter Entwachsenen nach Paris. Das muss man sich mal vorstellen. Gerade mal alt genug, um in einer Bar Alkohol zu bekommen und dann ins Paris, das vor Verlockungen nur so strotzte. Zu einer Zeit, in der Europa einen gewaltigen Umbruch erlebte, und noch erleben sollte. Der Krieg – die Ordnungszahl ließ man glückverheißend oder unglückunwissend beiseite – war nur auf dem Reißbrett und dem Diktatspapier vorbei. Doch die neu gezogenen Grenzen noch lange nicht akzeptiert.

Nun ist der aufstrebende, vor Tatendrang strotzende junge Autor in der Stadt, die für Künstler das Paradies ist (noch nicht finanziell), in einem Land, das einen verheerenden Krieg verkraften muss und auf einem Kontinent, der brachliegt. Doch irgendwann kommt auch für ihn die Zeit sich einmal Ruhe zu gönnen.

Deutschland soll es sein. Freiburg, nicht weit von der Grenze entfernt. Der Schwarzwald erinnert ihn an seine Heimat. Dort, wo er das Fischen erlernt und lieben gelernt hat. Doch viele sind misstrauisch, besonders die Wirtsleute. Zum Glück ist der Wechselkurs im August 1922 sehr günstig. Für einen Dollar gibt’s mehr als sechshundert Mark – als er Deutschland ein paar Wochen später wieder verlässt, ist es mehr als das Doppelte. Ein Jahr später hätte er das Billionenfache bekommen… Da jetzt einen Zusammenhang herzustellen, wäre eine Milchmädchenrechnung. Fakt jedoch ist: Hemingway kehrt zurück nach Paris, seine Ehe geht ihrem Ende entgegen und sein Schreibdrang, das Verlangen nach literarischer Betätigung steigt und steigt. Schon bald erscheint seine erste Erzählung. Später wird sein Aufenthalt im Schwarzwald in „Schnee am Kilimandscharo“ den Raum einnehmen, den man so nicht vermuten konnte.

Thomas Fuchs folgt den Spuren des Literaturnobelpreisträgers durch den Schwarzwald. Mit viel Anlauf – ohne die zeit zuvor zu kennen, fehlen dem Leser die Verknüpfungen zur Besonderheit dieses Urlaubs im Schwarzwald – sammelt er immer mehr Spuren und nimmt Fährten auf, die schlussendlich in einer Geschichte zusammenfinden, die dem Meister alle Ehre machen würden. Es ist nur eine Anekdote im ereignisreichen (selbst veröffentlichten) Leben Hemingways. Aber eine, die großen Einfluss auf den viel zu kurzen Rest des selbigen hatte. Für Fans ein Muss, für Neugierige ein gefundenes Fressen.

Radiozeiten

Zwei immer wieder totgesagte Medien in Einem: Das Radio, dem schon vor zwanzig Jahren (schon damals nicht zum ersten Mal) der baldige Tod vorausgesagt wurde und das Buch, dem seit dem Beginn des digitalen Zeitalters der Nahtod mehr als nur eine Vorahnung angedichtet wird. Hier gehen sie eine Allianz ein, die jedem Unkenrufer einen ganz fetten Strich durch die Rechnung macht.

Radio ist Kino im Kopf. Lässt man den üblichen und zu weit verbreiteten Dudelfunk mal außen vor, so sind es doch die Reportagen von wirklichen Großereignissen, die selbst im Digitalen die Besucherraten in die Höhe schnellen lassen. Kein Fußballfantum ohne Herbert Zimmermanns „Tor, Tor, Tor, Tor!“. Und das erschreckend ergreifende „It’s crashing…“ von Herbert Morrison vom 6. Mai 1937 sorgt heute noch als Klingelton für Furore. 6. Mai 1937? Morrison? Und schon wieder ein Herbert? Lakehurst, New Jersey. In wenigen Augenblicken soll die Neue Welt von der neuesten Errungenschaft der Alten Welt leibhaftig ergriffen werden. Die Hindenburg, genauer gesagt das Luftschiff LZ 129 Hindenburg soll gleich auf amerikanischem Boden landen. Der Zeppelin soll und wird die Welt verändern. Doch das mit Helium gefüllte Flugobjekt geht binnen Sekunden in Flammen auf, um alsbald in selbigem Meer zu versinken. Live on air: Der Reporter Herbert Morrison. Seine Stimme überschlug sich als der Himmelgigant in nie gekannter Geschwindigkeit in einen Feuerball verwandelte. Das konnte niemand ahnen. Und kein Reporter der Welt konnte sich darauf vorbereiten. Authentisch – als Vorführbeispiel in Journalistenseminaren unerlässlich. Heutige „Irgendwas-Mit-Medien-Kameragesichter“ nennen das „Emotion pur“.

Stephan Krass – ob der Name Programm ist? – lässt die Jubelstunden der Radio Days noch einmal aufleben. In seinen Essays entmystifiziert er das immer noch schnellste Medium der Welt. Ein Medium, dass nur über ein Sinnesorgan wahrgenommen wird, und den gesamten Körper in Wallung versetzen kann. Durch Musik. Durch Geschichten. Hier entsteht Tag für tag, Stunde für Stunde eine Welt, die uns zeitweise in den Bann zieht, das Eine oder Andere vergessen lässt und im Gegenzug Dinge in den Vordergrund rückt, die man im schlimmsten Fall verpasst hätte. Aber auch ein Medium das genau aus diesen Gründen das ideale Spielfeld für Manipulation war, ist und immer sein wird. War es vor knapp hundert Jahren noch die Göbbelsschnauze, die für kleines Geld die Propaganda der braunen Fehlgeleiteten die Massen indoktrinierte, so sind es heute oftmals Podcasts von „Künstlern“, die mangels Auftrittsmöglichkeiten ihre Lebensweisheiten als Dogma ihren Fans anbieten. Der Bogen von anno dazumal – sagen wir einhundert Jahre?, als aus dem Voxhaus in Berlin das erste Unterhaltungsprogramm im Hörfunk durch den Äther knisterte – bis zum heutigen astreinen, rauschbefreiten Singsang ist gewaltig. Stephan Krass reitet diesen Bogen mit Begeisterung, die ansteckt. Lesen Sie – so ist Radio!

Die Verfolgten

Es ist zynisch zu behaupten, dass heutzutage eine Flucht viel einfacher ist als noch vor einem halben Jahrhundert. Warum soll das so sein? Weil es mehr Boote und Fahrzeuge gibt? Wie hätte Giordano Bruno an heutige n Maßstäben gemessen fliehen sollen? Sich auf den Rücken eines Pferdes schwingen und innerhalb von einer Woche über die Alpen verschwinden? Und dann? Vom Regen in die Traufe – mehr hätte es nicht bewirkt. Nein, er blieb, er kämpfte, er verlor. Aber er kämpfte.

Albert Einstein, Emmy Noether – brillante Naturwissenschaftler. Doch der braunen Elite und ihrer Speichellecker ein Dorn im Auge. Übrigens aus verschiedenen Gründen (auch Neid spielt bei Diffamierungen immer eine Rolle…). Amerika war ihr großes Ziel. Sehnsucht kann man das nicht nennen. Überlebenstrieb trifft es besser. Dass Einstein auch hier überwacht wurde, traf ihn sehr.

Brillante Wissenschaftler auf der Flucht – bis heute ein Problem. Denn bis heute sind wissenschaftliche Denkweisen bestimmten Machtausübenden ein Dorn im Auge. Denn sie könnten die faden Argumente – sofern vorhanden – mit einem Handstreich ad absurdum führen.

Giordano Bruno starb auf dem Scheiterhaufen, weil er der Welt sagte, dass wir nicht allein im Universum sind. Albert Einstein umschiffte die Klippen der Strafe durch seinen bekanntheitsgrad. Alan Turing traf seine eigene Wahl.

Turing kann getrost als Vater der Künstlichen Intelligenz bezeichnet werden. Im Krieg gegen die Nazis kann sein Anteil beim Dechiffrieren feindlicher Nachrichten nicht hoch genug eingeschätzt werden. Was ihn sogar einen OBE (Orden of the British Empire, ein Adelstitel) einbrachte. Nach dem Krieg gab es für ihn, seine Person, kaum noch Verwendung. Fachlich hätte man ihn unbedingt gebraucht. Aber. Alan Turing war … schwul. Und gab sich auch nicht sonderlich Mühe dies zu verbergen. Als er einen Einbruch bei der Polizei zu Protokoll gab, kam alles heraus. Schlussendlich wurde er einen „medizinischen Kur“ unterzogen, die das Anderssein heilen sollte. Von wegen „andere Zeiten, andere Sitten“ – es war menschenverachtend. Und es wurde erst vor paar Jahren durch Queen Elisabeth II. verurteilt und revidiert. Das Spießrutenlaufen beendete der Querkopf selbst. Mit Mandeln und einem Apfel. Zurückblieb das Erinnern an einen sensiblen, manchmal normbefreiten genialen Kopf. Hier und da erinnern Gedenktafeln, Straßennamen und mittlerweile eine Pfundnote an Alan Turing.

Thomas Bührke nimmt die Fährten vergessener Lebensphasen großer Denker wieder auf. Sie alle wurden verfolgt, aus unterschiedlichen Gründen. Nachvollziehbar sind diese allesamt nicht, nach heutigen aufgeklärten Maßstäben. Waren sie damals eigentlich auch nicht. Aber so ist das eben mit dem Einschub „eigentlich“. Eines sollte man nicht machen: Eich eigentlich für diese Personen interessieren, und dieses Buch nicht lesen.