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Jeder geht für sich allein

Momoko war immer die brave Frau an der Seite ihres Mannes. Der ist mittlerweile nicht mehr bei ihr. Auch die Kinder haben das Haus schon längst verlassen. Momoko ist 74. Einmal im Leben hat sie den Ausbruch gewagt. Damals, vor einem halben Jahrhundert, als sie das elterliche Dorf im Nordosten Japans verließ. Raus aus dem Trott. Die Einöde hinter sich lassen. Der Perspektivlosigkeit die Stirn bieten. Rein in ein neues Leben voller Aufregung und Abenteuer.

Es wurde Tokio. Die Metropole bereitete sich auf die Olympischen Spiele vor. Das war 1964. Doch so aufregend war es dann doch nicht. Die Träume machten dem Alltag Platz. Die Kinder wurden geboren. Ihr Mann brachte das Geld nach Hause. Die Mitte war von nun an ihr Zentrum. Das Haus mitten im Viertel. Nicht zu weit oben auf dem Berg, nicht unten im Tal. Links und rechts Nachbarn mit denen sich kaum trifft.

Heute sind der Postbote und der Zeitungsausträger fast schon die einzigen Kontakte, die sie pflegt. Die Mäuse in ihrem Haus werden immer agiler seit ihr Hund, der sie lange Jahre begleitete, verstorben ist. Sie stören nicht. Die Geräusche, die sie machen, vernimmt Momoko. Mehr aber auch nicht.

Doch seit einiger Zeit scheint ihr die Erinnerung immer öfter ein Schnippchen zu schlagen. Oder vielmehr sich in den Vordergrund zu drängen. Mit ihm einher geht der Dialekt ihrer Kindheit. Ein Zeichen von Rückbesinnung. Bisher hat sie sich in Büchern Wissen angeeignet, das sie in einem Heft niederschrieb. Es war ihre Flucht aus der Einsamkeit.

Momoko ist keineswegs verrückt wie man vermuten möchte als sie Stimmen vernimmt. Sie weiß, dass sie es ist, die zu ihr spricht. Doch immer wieder, immer öfter sprechen diese Stimmen im Dialekt ihrer Heimatregion mit ihr. Sie bringen Momoko dazu sich zu erinnern. Wie es war als sie in die Hauptstadt kam. Wie es war Mutter zu werden. Wie es war an der Seite ihres Mannes zu stehen. Sie zwingen sie aber auch darüber nachzudenken, was fehlt.

Chisako Wakatake geht mit dem Leser und ihrer Momoko einen Stück des Weges gemeinsam. Der Dialekt Momokos ist in der deutschen Übersetzung – und man muss ihn ebenso übersetzen wie das Hochjapanisch ins Hochdeutsch – eher dem Dialekt des Erzgebirges und des Vogtlandes ähnlich. Es dauert ein paar Seiten bis man sich an die raschen Wechsel in der Sprachfarbe gewöhnt hat. Aber dann ergießt sich ein Schwall voller Poesie und Nostalgie über den Leser. Momoko ist keine Rebellin. Sie ist eine ganz normale Frau, die den Regentropfen auf der Fensterscheibe mehr abgewinnen kann als so manch anderer. Sie lebt zurückgezogen allein mit ihren Gedanken. Das Sprachgefühl und die penible Übersetzung machen diesen kleinen Roman zu einem großen Stück Literatur.

Dresden MM-City

Es ist unbestritten, wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die seit Jahren stetig wachsende Besucherzahlen zu vermelden hat, dann ist es Dresden. Die Neueröffnung der Frauenkirche war ein Fanal, das in die Welt hinaus hallte. Das bedeutet für Besucher aber auch, gutes Wartefleisch zu besitzen. Denn einfach mal so die Frauenkirche zu besuchen, ist in der Hauptsaison das Ziel der meisten Gäste. Dann vertreibt man sich die Zeit mit dem überaus üppigen „Nebenprogramm“, dass die Stadt an der Elbe noch zu bieten hat. Zwinger, Brühlsche Terrassen sind so fester Bestandteil eines Dresdenbesuches wie der Eiffelturm und Paris oder Ramblas und Barcelona – es geht nicht ohne.

Autorin Angela Nitsche empfiehlt danach noch ein wenig zu verweilen und Dresden noch intensiver kennenzulernen. Oder man macht es umgekehrt: Als Appetitanreger erst die vermeintlich versteckten Höhepunkte besichtigen und dann die Touri-Tour. So hat man schon ein wenig Dresdenluft geschnuppert und ist bestens gewappnet für die Postkartenerlebnisse des Barock. Doch wo anfangen?

Beispielsweise mit Tour 7. Wilsdruffer Vorstadt und Friedrichstadt. Wer Pech hat, erfährt schon bei der Anreise von Wilsdruff. Eine sehr unbeliebte Strecke bei allen, die auf der Autobahn die Zeit im Stau verbringen müssen. Die Autobahnabfahrt Wilsdruff gehört sicher zu den am meisten genannten Staupunkten des Freistaates. Ist man am Ziel angekommen, eröffnet sich eine Welt, die man vielleicht erwartet hat. Schließlich ist Dresden trotz seines Spitznamens „Tal der Ahnungslosen“ – was mit der geographischen Lage und der damit bis in die 1990er Jahre verbundenen schlechten Fernseh- und Radioprogrammversorgungslage zusammenhing – ein Juwel städtebaulicher Kunst. Diese Tour macht den Besucher zum Kenner der Stadt. Vom Sächsischen Landtag, einer Mischung aus Alt und Neu (mit grandiosem Elbblick), über historische Hinterlassenschaften eines gewissen Herrn Semper (der mit der Oper, ein weiteres Must-See Dresdens) am Eingang zu ehemaligen Orangerie bis hin zu einem Bauwerk, das schon immer im Inneren etwas ganz anderes verbirgt als es von außen vorzugeben scheint: Die Moschee. Was drin ist? Erst Tabakfabrik, dann Bürogebäude.

Dresden hat sich gemausert. Einst barocke Perle, dann zerstörtes Mahnmal gegen Krieg und Willkür, nun wieder blühende Metropole und Ausgangspunkt für einzigartige Ausflüge in die Umgebung.

Auch die lässt die Autorin nicht außen vor: Meißen, die Porzellanstadt sowie  Radebeul, das durch seine Architektur und Karl May die Besucher anzieht. Nicht zu vergessen – ganz im Gegenteil – die Sächsische Schweiz. Mit dem Dampfer der Weißen Flotte stilecht wie ein König die schrillen Felsformationen entdecken und per pedes zu erklimmen bis hinauf zur Festung Königstein. Auch eine Zugfahrt entlang der Elbe sorgt für Ahs und Ohs.

Die sorgfältig ausgewählten Hinweise, wo man sich getrost niederlassen kann, um den Gaumen weitere Erlebnisse zu gönnen, sind mehr als nur nachahmenswert, sie bilden den krönenden Abschluss eines jeden Tages. Ob nun Partygetümmel in der Neustadt oder Museumsbesuch im Hyienemuseum (den gläsernen Menschen muss man gesehen haben!) oder ausgedehnte Bummel entlang alter und neugestalteter Alleen und Bauwerke – neben Neugier, Entdeckerlust und Kamera sollte man unbedingt diesen Reiseband dabei haben.

Almost

Vielleicht hat der Eine oder Andere das schon mal erlebt. Um sich weltoffen und kreativ zu geben, gestalten Hotels hier und da ihre Zimmer mehr oder weniger geschickt nach gängigen Images verschiedener Destinationen. In der Miami-Suite ist alles quietsch-bunt, dass man Angst haben muss in die 80er zurückkatapultiert zu werden und Don Johnson auf der Straße eine Vollbremsung hinlegt. In der Almhütte sind die Wände mit allerlei Geweih verziert. Und im Raum Paris prangen überall Herzchen. Das ist klischeehaft und nicht im Ansatz originell.

Wojciech Czaja nutzte die coronabedingte Kreativenge als Sprungbrett für Neues. Er cruiste mit seiner Vespa durch Wien und fand … die Welt. Wie das? Ganz einfach. Augen auf, Kamera an und fertig. Immer noch nicht klar wie man im Lockdown die Welt erkundet? Als Architektur- und Stadtkulturjournalist hat er einen besonderen Blick für seine Stadt. Wien. Er ist weit gereist, als das noch ging. Und die Erinnerungen sind immer noch präsent – so stark ist dann halt doch kein Virus! Punkt für das Erinnern. Immer wieder spielte ihm die Erinnerung, wenn man so will, einen Streich. Er schaute links, er schaute rechts, nach Oben, nach Unten. Und schon waren sie wieder da, die Erinnerungen. So manches Haus, so manche Aussicht erinnerte ihn an San Francisco (jeder, der die Riesenradkabinen im Prater betrachtet, kann die Gemeinsamkeiten mit der Cable Car durchaus erkennen). Oder Tel Aviv in der Wolfganggasse im Zwölften. Die Bauhausarchitektur verleitete ihn im Handumdrehen sich an die israelische Hauptstadt zu denken.

Eine Frontseite eines durchaus präsentablen Hauses in Neubau lässt Washington an der Donau erstehen.

Einhundert solcher Flashbacks hatte Wojciech Dzaja. Er holte sein Telefon raus und fotografierte (man stelle sich vor, dieser Satz wäre schon vor dreißig Jahren geschrieben worden – hätte kein Mensch verstanden. Aber Corona ist ja bis heute auch noch nicht bei jedem angekommen…). Kurz und knapp das Wo geklärt, Bild hinzugefügt und fertig ist das ungewöhnlichste Wienbuch, das während der Corona-Pandemie entstanden ist.

Das Besondere daran ist, dass hier kein Homeofficer vom Schreibtisch aus die Stadt immer wieder neu entdeckt. Der Autor ist rausgefahren, durch die Straßen und Gassen einer der lebenswertesten Städte der Welt. Und er fand Letztere an Orten, die viele Touristen nicht entdecken werden. Wie die ehemalige Tabaksfabrik in der Nusswaldgasse in Döbling. In einer Seitenstraße liegt dieses Kleinod. Reichverziert wie ein Märchenpalast aus Tausendundeiner Nacht. Oder aus Isfahan, der iranischen Metropole, die mit ihrem Naqsch-e-Dschahan-Platz und den ihn umgebenden Gebäuden auf Immer und Ewig faszinieren wird.

Doch es ist eben alles nur fast, almost, Quito, Zürich, Helsinki, Gera. Dennoch, oder gerade deswegen ist dieses Buch mehr als nur ein lesens- und betrachtungswürdiges Druckerzeugnis. Es ist nicht das erste Corona-Buch „der Saison“, aber mit Abstand und für sehr lange Zeit das Beste! Ein sehr persönliches Buch, das jeden sofort anstecken wird, mit Reisefieber! Das tut nicht weh, und braucht auch kein Impfmittel.

Du wirst heillos Geduld haben müssen mit mir

Lieber Glauser,

 

ich darf Sie doch so nennen? Ich kenne Ihren Studer, bin fasziniert von dem unnachgiebigen Jäger. Sie Friedrich zu nennen, käme mir nicht in den Sinn. Schon seit sehr langer Zeit habe ich keine Briefe mehr bekommen. Keine richtigen. Keine privaten Zeilen. Immer nur Werbepost mit mehr oder minder moralischen Angeboten. Ihre Briefe, zusammengefasst in diesem kleinen Büchlein sind die ersten in diesem Jahrtausend. Klingt hochtrabend, oder? Aber die nüchternen Zahlen sprechen eine nüchterne Sprache. Und die ist weder Ihrer noch mein Fall.

Sie sind ein echter Schlawiner, lieber Glauser! Die Feder ist schärfer als das Schwert, stimmt’s?! Wie Sie Elisabeth von Ruckteschell umgarnen, Ihre Liso, lässt erahnen was in Ascona passierte. Der Blitz hat mehrmals eingeschlagen. Biswangen und der Enge der Psychiatrie entkommen, war sie der Wind im Segel im Aufbruch zu neuen Ufern. Lange Briefe hatten sie ihr versprochen, hielten es und verwarfen den Gedanken gleichermaßen. Die Masse an Briefen … mochte sie das? Ich glaube schon. Sie wussten, was Sie wollten. Wohlklingende Worte, frei im Geiste und strikt ihren Weg verfolgend. Würden doch mehr Menschen so schreiben (können) wie Sie!

Heute – mehr als achtzig Jahre nach ihrem Tod – zeigt man seine Zuneigung mit kleinen Bildchen, Emojis nennt man das. Doch deren Bedeutung muss man auch erstmal entziffern. Sie hingegen halten nicht hinterm Berg. Sie lieben – als schreiben sie es. Sie darben, also betteln oder flehen Sie. Sie leiden – warum allein leiden? Auch andere sollen daran teilhaben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Ich frage mich, was Sie wohl denken würden, wenn Sie Ihre „gesammelten Werke“ en bloc – wie in diesem Buch – lesen könnten. Oh my god! Oder doch „ach so war das?“, ich glaube die Erkenntnis liegt irgendwo in der Mitte. Und das obwohl Ihnen Mittelmäßigkeit niemals leid war. Wie kann man etwas leid sein, dass man nicht kennt! Ob man Ihre Liebebriefe wohl als Grundlage für eigene Schwüre benutzen dürfte? Irgendwie fühlt man sich verpflichtet dieses wunderbar gestaltete Büchlein – die Prägung mit den zwei Äpfeln auf der Frontseite haben Sie, wo immer Sie jetzt sind, sicher bemerkt – für sich selbst in die Tat umzusetzen. Es wäre doch schade, sie ungenutzt zu lassen. Nichts ist grausamer als unnütz verschossenes Pulver.

Liebe Glauser, es ist kein langer Brief geworden. Ich wollte nur Danke sagen, für den Studer und die Briefe, die ich lesen durfte. Genießen Sie den Ruhestand, und lassen Sie die Finger vom Morphium. Das ging schon einmal nicht gut! Bis gly.

Wilderer

So romantisch die Vorstellungen von Alabama sind, so roh und unnachgiebig sind die Leute in diesen zehn Kurzgeschichten von Tom Franklin. Schon die erste Geschichte – in der der Autor von seiner Leidenschaft zum Jagen erzählt, wie ihn sein Vater richtig hart rannahm, um richtig zu jagen, und jedweden Fehltritt mit einem Griff am Schlafittchen bestrafte – führt in eine Welt, die rau ist, kein Erbarmen kennt.

In dieser Welt lebt auch Glen. Er ist Geschäftsführer in einem Steinbruch. Die Schulden bei einem seiner Arbeiter plage ihn erst als er Roy (dem er einen ordentlichen Batzen Geld schuldet) entlassen soll. Roy ist ganz gelassen, er weiß schon, dass er fliegen soll. Und er hat auch schon einen Plan, Baby. Er dreht den Spieß um. Schon bald arbeitet Glen für ihn. Seine „Freundin“ Jalalieh, wird auch schon bald mitmischen. Nicht ganz freiwillig wie sie Glen in einem schwachen Moment mitteilt. Doch Glen ist noch nicht genug am Boden, um sich zu wehren. Das passiert erst, als Snakebite, einer anderer Angestellter und Zahnrad im Gefüge von Roys „Geschäft“ Glen droht seine Fähigkeiten auf dem chirurgischen Sektor angedeihen zu lassen. Ein weidwundes Tier ist schwer zu kontrollieren.

Hier ist man immer auf der Jagd. Katzen, Rotwild, Gürteltiere, Menschen. Egal. Das Messer ist immer griffbereit, im Stiefelschaft, am Gürtel oder an der Wand gleichen neben den Kaffeetassen. Alles Fremde bleibt fremd. Der Staub ist die einzige Konstante im arglosen Leben. Grasbüschel, leere Bierdosen, Billard, Dieselgestank – von Romantik keine Spur. Schon gar nicht die eines Truman Capote oder einer Harper Lee, die beide in Alabama geboren wurden.

Tom Franklins Geschichten sind roh und poetisch zugleich. Die Kompromisslosigkeit, mit der seine Akteure handeln, ringt einem schon einen gewissen Respekt ab. Political correctness ist ebenso verabscheuenswert wie die Regeln des guten Benehmens. Gottes Regeln sind noch akzeptabel, sofern sie das eigene Leben nicht unnötig belasten. Voodoo ist nützlicher als das Hallelujah, und das obwohl die Straßennamen nach christlichen Heiligen benannt sind.

Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Jede Medaille hat zwei Seiten. Das ist bekannt und wird allgemeinhin auch so hingenommen und akzeptiert. Gilbert Keith Chesterton, der mit Pater Brown eine der bekanntesten und zahlreich verfilmten Hobbyermittler schuf, hat seine eigene Sichtweise auf die Dinge, die so unermüdlich unser Leben beeinflussen. Und die wir oft genug gedankenlos hinnehmen.

Sechzehn Mal plädiert er unter anderem für Schundromane, Gerippe und Patriotismus. Eine gewagte Mischung! Doch es bleibt nicht einfach nur beim Versuch. Es gelingt ihm durch seine gewitzte Art und die Fähigkeit diese auch in Worte zu kleiden den Leser in seine Welt zu ent- und durch sie zu führen.

Bleiben wir beim Schundroman. Auf den ersten Blick hat der Begriff Schund keinen netten Hintergrund. Pulp fiction, ja, da springen alle auf, applaudieren für das, was sich auf der Leinwand abspielt. Doch der Schundroman ist pure Unterhaltung. Nichts Hochtrabendes, das einer Elite vorbehalten ist. Erst der Schundroman, das Profane, das ganz normale Leben, machen Literatur dem breiten Publikum zugängig. Und wer sagt denn, dass die breite Masse kein Recht auf Unterhaltung hat?

Ganz anders sieht es mit der Demut aus. Von Oben diktiert, ist sie durchaus diskutabel. Als freie Willensentscheidung und –bekundung ist sie Ausdruck von Individualität. Sie hat wie alles im Leben zwei Seiten. Oder ein Messer. Hat auch oft zwei Seiten, aber darum geht es nicht. Zum Einen kann ein Messer wortwörtlich und sinnbildlich Schaden anrichten. Dient es jedoch einen weitaus größeren Schmerz zu bekämpfen – Chesterton führt hier den Zahnschmerz an, den wirklich JEDER nachvollziehen kann – ist es durchaus ein brauchbares Werkzeug.

In Zeiten, in denen die Freiheit zur Dogmatisierung häufiger genutzt wird als je zuvor, ist ein Buch wie dieses eine echte Fundgrube. Ein hilfreiches Argumentationshelferlein und amüsantes Kompendium in Einem. Der nachgewiesene britische Humor, das umfassende Wissen inklusive der Fähigkeit dieses auch anzuwenden und der unvergleichliche Schreibstil von Gilbert Keith Chesterton erschweren dieses kleine Büchlein und machen es zu einem echten Schwergewicht unter den Mit-Auf-Den-Weg-Geben-Büchern.

Die Illustrationen von Egbert Herfurth adeln das Buch und adeln das ohnehin schon wertvolle Buch. Sechzehn Mal verteidigt der Autor die unterschiedlichsten Vorstellungen vom Dingen und Einstellungen. Dieses Buch muss man nicht verteidigen, man nimmt es auch nicht einfach nur hin. Man nimmt es aus dem Regal, liest, stellt es wieder zurück, nimmt es aus dem Regal, liest und so weiter.

Die kranken Habsburger

Welch wohlklingender Name: Habsburg. Europas Geschichte ohne einen Habsburger zu erzählen, wäre wie über das Jahr 2020 zu berichten, ohne dabei das Wort Corona in den Mund zu nehmen. Einfach unmöglich. Mit einem Trick, genauer gesagt mit einer Fälschung haben sich die Habsburger in den europäischen Hochadel gemogelt. Sie stellten quer über den Kontinent (und sogar darüber hinaus) Fürsten, Prinzen, Könige, Königinnen(!) und Kaiser. Durch geschickte Heiratspolitik hatte man in fast jedem Königshaus Europas seine Nachkommen untergebracht. Das erhielt den Frieden, meistens. So viel zur Geschichte, die jeder nachvollziehen kann.

Hans Bankl reichte das nicht. Der promovierte Pathologe hat – ganz im Sinne seines Fachgebietes – die Habsburger unter die Lupe genommen. Von der offensichtlichen herabhängenden Unterlippe, die berühmte Habsburger-Lippe, nach der oft in Quizshows gefragt wird, bis hin zu Krankheiten, die der Familienlinie nicht immer zu Gute kam, widmet er sich den kleinen Familiengeheimnissen dieser Dynastie.

Siebenhundert Jahre gab es kein Entrinnen vor den Habsburgern. Die waren einfach überall. Am spanischen Königshof, in Frankreich, Ungarn, Österreich (natürlich), Bayern, Lothringen, sogar in Mexiko. Das war aber eher ein Zwischenspiel, denn Kaiser Maximilian wurde nach wenigen Jahren der Regentschaft, die auch nur auf den „Wunsch“ Frankreichs zustande kam, erschossen.

Der unbändige Drang die Geschicke Europas zu steuern hatte aber auch einen gravierenden Nachteil. Irgendwann stirbt jede Linie einmal aus. Denn als Prinz wurde man automatisch Erbfolger. Als Mädchen war man Handelsgut, um an die Höfe Europas verschachert zu werden. Und genauso irgendwann hat man den Überblick verloren, wer wann wen heiratete. Ein heilloses Durcheinander war die Folge, so dass es nicht selten vorkam, dass gleiches Blut mit gleichem Blut die Ehe einging. Inzucht war die logische Folge, und mit ihr die bekannten Folgen.

Hat man sich erst einmal mit den oftmals gleichen Namen und den Jahreszahlen bekanntgemacht – als Nichtösterreicher und Nichthistoriker kann man bei den vielen Doppelungen der Namen schon mal durcheinander kommen – liest sich diese außergewöhnliche Familienchronik wie ein süffisanter Abriss der europäischen Adelsgeschichte. Man merkt Autor Hans Bankl des Öfteren das Schmunzeln an, das er beim Schreiben gehabt haben muss. Die Habsburger jedoch nur als inzestgeplagte Brut mit dem Hang zur Machtgier und oft ungeschickter Handlungsweise zu sehen, wäre fatal. Die Habsburger haben sicher mehr für die Einigung Europas getan, als man ihnen zugestehen möchte. Die Wahl der Mittel ist ohne Zweifel fraglich. Ihre Hinterlassenschaften sind es nicht. Man stelle sich beispielsweise Wien ohne Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum vor. Ganz zu schweigen von der Sissi-Industrie, die seit über einem Jahrhundert vom Glanz der schillerndsten Habsburgerin unzählige Familien ernährt und noch viel mehr Familien in Verzückung versetzt.

Der amüsante Schreibstil, das Detailwissen und das rasante Tempo des Buches begeistern bei jedem Lesen.

Potsdam MM-City

Das hatte man sich anders vorgestellt. Im Oktober sollten die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit in Potsdam stattfinden. Straßenzüge wurden schon umgestaltet, alles war präpariert und dann dieses Virus. Potsdam zog das kurze Streichholz und durfte sich nicht als sicherer exzellenter Gastgeber zeigen. Das Virus wird – hoffentlich bald – Vergangenheit sein. Die Vorbereitungen sind für die Katz gewesen. Doch Potsdam deswegen nun abzuschreiben, wäre ein unverzeihlicher Fehler. Die hatte, hat und wird immer etwas zu bieten haben, das es lohnt besichtigt zu werden. Und das ist eben nicht nur Sanssouci, auf dessen Gelände der momentan geforderte Mindestabstand niemals eingehalten werden könnte.

Nähert man sich Potsdam auf der B1 von Berlin kommend, wird einem schon um den Ortseingang die Geschichtswürdigkeit der Stadt bewusst. Die Glienicker Brücke ist auf den ersten Blick hübsch anzusehen. Doch ihre Geschichte ist mehr als nur eine Geschichte. Einst war er es der Ort, an dem Ost und West – wie es im Nachhinein so lapidar immer heißt – ihre Schnüffler, sprich Spione austauschten. Dass man von hier eine Aussicht über mittlerweile wieder viel befahrene Seen hat, entgeht denen, die ihr Fahrzeug nicht am Straßenrand parken und einen Bummel über diese historische Brücke wagen. Besonders zu empfehlen in den sommerlichen Abendstunden, wenn die Sonne ihr Antlitz in warme Rottöne taucht.

Und schon ein paar Fahrminuten weiter gen Potsdam City, links abbiegen, erreicht man einen Ort, der noch vor einem Vierteljahrhundert ganz woanders stand. Das Hans-Otto-Theater. Ein futuristisch anmutender Musentempel, der in einem kulturellen Schmelztiegel ein neues Zuhause gefunden hat. Die Uferpromenade am Nachmittag lädt zum Spazierengehen und Erholen ein, am Abend ein Hochgenuss der Extraklasse.

Potsdam versteckt sich nicht hinter der großen Schwester gleich nebenan, Berlin. In ihrem Schatten, besser in ihrem Fahrwasser entwickelte sich die Hauptstadt Brandenburgs zu einem Juwel, das es schon einmal war. Mittendrin der Alte Markt. Die Autoren Michael Bussmann und Gabriele Tröger weiten ihren Spaziergang in diesem Viertel auf knapp zwei Stunden aus. Zwei Stunden, in denen man von Minute zu Minute tiefer in die Geschichte eintaucht, ohne jemals in Versuchung innezuhalten, weil es nicht spannend genug sein könnte. Die Straße am Kanal lässt es schon vermuten, dass hier irgendwo ein Kanal ist. Naja, es war mal einer da. Bis Ende des 19. Jahrhundert war hier tatsächlich mal ein Kanal. Doch der trocknete nach und nach aus und so schüttete man ihn nach anderthalb Jahrhunderten wieder zu. Zu Beginn dieses Jahrtausends wurde ein Teil wieder ans Licht gehoben, und zu besonderen Anlässen sprudelt es hier das kühle Nasse. Wie eingangs erwähnt, 2020 war es nicht der Fall, obwohl der Anlass es mehr als wert gewesen wäre.

Zwischen Bassin- und Luisenplatz führt die zweite von sechs vorgestellten Touren. Auch hier wieder der Bezug zu Berlin, das Brandenburger Tor. Kleiner, dafür älter als das um die Ecke. Die prunkvolle französische Kirche und die Stasi-Gedenkstätte Lindenhotel, wie es einmal genannt wurde, zeugen bis heute von der Bedeutung Potsdams.

Potsdam gehört nicht zu den größten Städten in Deutschland. Die Geschichte der Stadt und ihre Hinterlassenschaften laden immer noch zum Bummeln ein, und ein Wiederkommen ist für die meisten schon fest eingeplant.

Den Autoren gelingt es 200 Seiten die Stadt mit all ihren Facetten stilvoll einzufangen. Ob nur Stadtbummel oder mit anschließendem Ausflug beispielsweise auf die imposante Pfaueninsel (Achtung: Farbiger Kasten. Hier lebten auch mal Löwen!), ob Kulturgenuss oder einfach nur mal die Seele und Füße im Wasser baumeln zu lassen – wer Potsdam bisher nicht wahrnahm, bekommt hier die dickste Quittung für seine Ignoranz.

Highlights Oman mit Dubai und Abu Dhabi

Reiseberichte bergen in sich immer einen Hauch Abenteuer und Sehnsucht. Man liest von exotischen Tieren, von prachtvollen Bauten und außergewöhnlichen Menschen. Die Bilder im Kopf sind bei jedem andere. So manches Mal wünscht man sich ein wenig an die Hand genommen zu werden, um der Phantasie einen Schubs zu geben. In diesem Bildband / Reisebericht passiert einem das garantiert nicht.

Die unzähligen Abbildungen sind aber nicht nur farbenprächtige Untermalungen der Reiseberichte. Sie sind vor allem optische Appetithäppchen, die man sich vor den Augen zergehen lässt. Das liegt vor allem an den ausgewählten Reisezielen. Oman, das einzige Land der Erde, das mit einem O beginnt. So richtig wahr nimmt man es erst seit rund einem halben Jahrhundert. Als überall, wo bereits Öl gefördert wurde, aus Dollarscheinen eine bis heute wachsende Tourismusindustrie erwuchs, verfügte Oman nur über eine einzige asphaltierte Straße. Heute nimmt das Land für sich in Anspruch sehr wohl auf der Ölwelle mit zu schwimmen, doch dem überbordenden Boom in Sachen Party und Baugigantismus die kalte Schulter zu zeigen.

Hier reist man gediegener. Oman stellt seine Geschichte mehr in den Vordergrund als seine ihn umgebenden Nachbarn, die man sowohl luxuriös bereisen kann als auch an der Discounterkasse buchen und bezahlen kann. Das Land des Weihrauches zeigt sich stets von seiner freundlichen Seite, wie die Autoren zu berichten wissen. Man ist gern eingeladen und wird derart fürstlich bedient, dass ungeübte Reisende aus Unwissenheit vor dem Neuen Scheuklappen aufsetzen. Was ein großer Fehler ist!

Dieses Buch ist nicht nur ein Augenschmaus für jeden Neugierigen, es ist ein Leitfaden, den man nicht aus der Hand legen darf. Fünfzig Ziele, Aussichtspunkte, Sehenswürdigkeiten warten nur darauf entdeckt zu werden. Sie sind allesamt mehr als nur präsentabel, sie strahlen im Sonnenlicht um die Wette, dass man gar nicht weiß wo man anfangen soll. Prunkvolle Moscheen, die in ihrer Vielfalt jeden in den Bann ziehen. Eine Oper in der Wüste, besser in einer Oase, die seit knapp zehn Jahren das Publikum in eine andere Welt hineinzaubert. Oder einfach nur Markttreiben, bei dem das Weitergehen durch das reichhaltige, oft noch fremde Angebot erschwert wird.

Oman bietet aber nicht nur unzählige Möglichkeiten den Geldbeutel im Handumdrehen von seiner Last zu befreien. Landschaftlich bietet es mehr Abwechslung auf relativ kleinem Raum als so manch vergleichbares Land. Die Höhlen von Al Hoota sind erst seit 2006 für Besucher geöffnet. Im Inneren warten Tropfsteinhöhlen und einen See, der fast einen Kilometer lang ist.

Dubai hingegen ist schon seit einigen Jahren länger kein weißer Fleck mehr auf der Tourismuskarte. Action und Shopping sind sofortige Assoziationen, die einem in den Sinn kommen. Wem das Herz nicht schnell genug schlagen kann, der ist hier bestens aufgehoben. Den Gigantismus muss man etwas abgewinnen können, streift man durch die Stadt. Ebenso der Hitze. Man gewöhnt sich schnell an klimatisierte Räume, Malls und Restaurants.

In Abu Dhabi bekommt man schnell den Eindruck, dass Tradition und modernes Luxusgefühl eine Symbiose eingehen. Man kann den Louvre besuchen – die Wartezeiten in der Wüste sind wesentlich kürzer als an der Seine – oder die Sheikh Zayed Grand Mosque besuchen. Die Augen werden übergehen und man selbst will nicht aufhören hinzuschauen.

Dieses Buch ist ein Juwel, wenn man sich vom Glanze jeder Art verführen lassen kann. Ein Buch, drei Länder, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede selten so detailreich dargestellt wurden. Als Appetitanreger, als Geschenk oder als Erinnerungsbuch immer die beste Wahl!

Mecklenburgische Seenplatte

Man mag es kaum glauben, aber auch Mecklenburg (mit lang gezogenem e und nicht dem knackigen ck, gaaanz wichtig!) hat seine eigene Schweiz. Das hat weder was mit Steuersünder-CDs noch mit Schneesicherheit zu tun, sondern mit der Tatsache, dass jede Region mit ein paar Hügeln eben diesen Landstrich postwendend mit der Alpenrepublik in Verbindung setzen will. Aber hier oben, hoch im Norden ist das schon eine kleine Sensation. Während allerdings im Süden die Gipfelspitzen rund 3000 Meter an die Sonne heranreichen, sind es hier – man getraut es sich fast kaum zu sagen – einhundertundzehn Meter. So hoch wie ein Hürdenlauf der Männer in der Leichtathletik. Die brauchen nur knapp elf Sekunden, um die Ziellinie zu erreichen. In Mecklenburg kann das schon mal einen ganzen Tag dauern. Das liegt vor allem an der Ablenkung links und rechts der Strecke, die vor einem und hinter einem liegt.

Und wer sich ein bisschen mit den Reisebüchern aus dem Michael-Müller-Verlag auskennt, brennt nach dem Kauf, oft schon vorher beim Durchblättern, was alles in den farbig abgesetzten Kästen an Anekdoten auf den Urlauber wartet. Wie der Teterower Hecht – wir bleiben vorerst in der Mecklenburgischen Schweiz. Schilda ist bekannt für seine Schildbürgerstreiche. Teterow ist das mecklenburgische Gegenstück. Die Legende besagt, dass ein kapitaler Hecht als Festschmaus für die Bürgermeisterin gedacht war. Doch der war viel zu groß für eine einzelne Person. Ein paar Tage später sollte der Fisch beim Schützenfest für alle zum Verzehr angeboten werden. Selbst, wenn es damals schon so etwas wie Kühlschränke gegeben hätte, so war der Hecht doch zu kapital, um darin verstaut zu werden. Wieder in den Teich? Ja, aber mit Glöckchen, damit man ihn wiederfindet. Naja, man sucht ihn wohl noch heute…

Wer sich die Landkarte der Seenplatte anschaut, wird wenig überrascht sein, dass neben so viel Grün auch jede Menge Blau vorhanden ist. Der Name Seenplatte lässt es vermuten. Tatsächlich ist Mecklenburgs Festland löchrig wie ein Schweizer Käse. Was ein Zufall! Alle Seen in einem Urlaub abzupaddeln, abzuschwimmen, abzuwandern – unmöglich. Die Schönsten Seen erleben und in Ruhe zu genießen? Möglich, ABER: Nur mit diesem Reisebuch! Sabine Becht und Sven Talaron haben ihr Bestes gegeben, um die so genannten Highlights herauszupicken. Es sind trotzdem fast 350 Seiten geworden. Zum Glück! Denn nur so werden Güstrow, Krakauer See, Nossenthin, Bollewick und Müritz zu Orten, an denen man sich heimisch fühlt ohne je da gewesen zu sein. Die Hingabe der beiden Autoren zu diesem Reisgebiet, das voller Naturschätze ist, spürt man mit jeder Silbe. Fast möchte man meinen, dass man niemanden hier hinschicken möchte, weil es dann mit der Ruhe vorbeisein könnte. Wer sich also für die mecklenburgische Seenplatte entscheidet, muss sich auch für diesen Reiseband entscheiden. Und die Ruhe und Gelassenheit mit der man dem Paradies begegnet.