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Monsieur Orient-Express

Monsieur Orient-Express, Belgier, mit dem gewissen Sinn fürs Wesentliche – das kann doch nur Hercule Poirot sein! Non, ist er nicht. Auch wenn einem sofort die Assoziationen zu dem Mann, der die kleinen grauen Zellen so geschickt einsetzte, in den Kopf schießen. Es handelt sich um Georges Lambert Casimir Nagelmackers. Geboren im Sommer 1845. Vater Bankier, die Mutter stammt aus einer Industriellenfamilie, die sich in Teilen bis in die Regierung hochgearbeitet hatte. Der „goldene Löffel im Mund“ wurde dem Sprössling also in die Wiege gelegt. In der Schule waren Sprachen – Latein und Griechisch – seine erfolgreichsten Fächer. Privat war es in der Familie Nagelmackers eher kühl. Die Eltern wurden gesiezt, die Kinder speisten zusammen mit dem Personal. Damit der junge Georges sich endlich die Liebe zu seiner Cousine aus dem Kopf schlägt, schickte ihn die Familie in die Neue Welt. Und hier kam er einer neuen, großen, nachhaltigen Liebe auf die Spur: Der Eisenbahn.

Die katastrophalen Zustände der amerikanischen Eisenbahn – die Wände dünn wie Zeitungspapier, Toiletten nur von außerhalb zu betreten etc. sollten der Grundstein sein, der Georges Nagelmackers zu dem machte, was er einmal werden sollte: Der Chef des Orient-Express.

Georges sah, dass die Welt zusammenwuchs. Doch überall nur Schranken, in jeder Hinsicht. Sein Traum war es – und schon ein paar Jahre später legte er einen weiteren Grundstein dafür, dass Schranken bald nur noch für „die Anderen“ gelten sollten – die Welt miteinander zu verbinden. Und natürlich das Portemonnaie zu füllen. Sein Portemonnaie.

1883 nahm der Orient-Express das erste Mal Fahrt auf. Von Paris nach Konstantinopel. Luxuriös reiste man. Es ruckelte zwar hier und da ein wenig, dafür war man aber binnen Tagen am anderen Ende des Kontinents.

Dass dabei viel Kohle (auch hier wieder: in jeder Hinsicht!) verbrannt wurde, beunruhigte den Visionär Nagelmackers nur am Rande. Geldgebern kann man ja schließlich aus dem Weg gehen. Das klappt aber nur zeitweise. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris greift er nach einem weiteren Strohhalm, um das finanziell angeschlagene Unternehmen einmal mehr zu retten. Gen Osten soll der Luxuszug nun gleiten. In jedem der größten Pavillons, die in der Weltmetropole Paris ihr Land präsentieren, lässt er Waggons seiner Eisenbahnlinie ankarren. Nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ein Waggon 35 Tonnen wiegt, die Pavillons nicht ans Schienennetz angeschlossen sind und die Pferdewagen eigentlich nur vier Tonnen bewegen können.

Eine rentable Bahn auf die Schiene zu bringen, ist bis heute ein Fass ohne Boden. Das musste auch Georges Nagelmackers erkennen. Doch im Gegensatz zu den Vorständen der Gegenwart, die die Vokabel Subventionierung so inflationär benutzen wie manch anderer Toilettenpapier, ließ er sich nicht von seiner Idee abbringen den westlichsten Westen mit dem östlichsten Osten zu verbinden. Geblieben ist allen Unkenrufen zum Trotz mehr als nur die nostalgische Vorstellung einmal tief im Sessel zu versinken und vom Eiffelturm, am Stephansdom vorbei entlang der Donau, über den Balkan ans Goldene Horn zu reisen. Diese Vorstellung inspirierte Menschen seitdem es die Eisenbahn gibt, nicht nur Agatha Christie.

Gerhard J. Rekel lässt den Mythos Orient-Express einmal mehr aufleben. Dieses Mal jedoch bekommt er ein Gesicht. Georges Nagelmackers schürte  mit seiner Idee Sehnsüchte, die bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Und dieses Buch sorgt dafür, dass nichts davon in Vergessenheit gerät.

Hemingway im Schwarzwald

Hemingway – ein Name wie Donnerhall. Als der kleine Ernie 1899 zur Welt kam, war das sicher nur ein kindliches Schreien. Ein paar Jahrzehnte später jedoch war der als Stilikone nicht mehr vom Thron zu stürzen. Muss ein gutes Jahr gewesen sein, dieses 1899: Ein anderer Künstler, der eine ganze Branche prägte, wurde ebenfalls im Sommer 1899 geboren. Alfred Hitchcock. Der bezog seine Genialität aus den Erfahrungen seiner Kindheit.

Hemingway ebenso.

Ernie, wie er oft genannt wurde, zog es früh an den Schreibtisch. Und das ist in seinem Fall wortwörtlich gemeint. Als Journalist für den Toronto Star schickte man dem Teenageralter Entwachsenen nach Paris. Das muss man sich mal vorstellen. Gerade mal alt genug, um in einer Bar Alkohol zu bekommen und dann ins Paris, das vor Verlockungen nur so strotzte. Zu einer Zeit, in der Europa einen gewaltigen Umbruch erlebte, und noch erleben sollte. Der Krieg – die Ordnungszahl ließ man glückverheißend oder unglückunwissend beiseite – war nur auf dem Reißbrett und dem Diktatspapier vorbei. Doch die neu gezogenen Grenzen noch lange nicht akzeptiert.

Nun ist der aufstrebende, vor Tatendrang strotzende junge Autor in der Stadt, die für Künstler das Paradies ist (noch nicht finanziell), in einem Land, das einen verheerenden Krieg verkraften muss und auf einem Kontinent, der brachliegt. Doch irgendwann kommt auch für ihn die Zeit sich einmal Ruhe zu gönnen.

Deutschland soll es sein. Freiburg, nicht weit von der Grenze entfernt. Der Schwarzwald erinnert ihn an seine Heimat. Dort, wo er das Fischen erlernt und lieben gelernt hat. Doch viele sind misstrauisch, besonders die Wirtsleute. Zum Glück ist der Wechselkurs im August 1922 sehr günstig. Für einen Dollar gibt’s mehr als sechshundert Mark – als er Deutschland ein paar Wochen später wieder verlässt, ist es mehr als das Doppelte. Ein Jahr später hätte er das Billionenfache bekommen… Da jetzt einen Zusammenhang herzustellen, wäre eine Milchmädchenrechnung. Fakt jedoch ist: Hemingway kehrt zurück nach Paris, seine Ehe geht ihrem Ende entgegen und sein Schreibdrang, das Verlangen nach literarischer Betätigung steigt und steigt. Schon bald erscheint seine erste Erzählung. Später wird sein Aufenthalt im Schwarzwald in „Schnee am Kilimandscharo“ den Raum einnehmen, den man so nicht vermuten konnte.

Thomas Fuchs folgt den Spuren des Literaturnobelpreisträgers durch den Schwarzwald. Mit viel Anlauf – ohne die zeit zuvor zu kennen, fehlen dem Leser die Verknüpfungen zur Besonderheit dieses Urlaubs im Schwarzwald – sammelt er immer mehr Spuren und nimmt Fährten auf, die schlussendlich in einer Geschichte zusammenfinden, die dem Meister alle Ehre machen würden. Es ist nur eine Anekdote im ereignisreichen (selbst veröffentlichten) Leben Hemingways. Aber eine, die großen Einfluss auf den viel zu kurzen Rest des selbigen hatte. Für Fans ein Muss, für Neugierige ein gefundenes Fressen.

Radiozeiten

Zwei immer wieder totgesagte Medien in Einem: Das Radio, dem schon vor zwanzig Jahren (schon damals nicht zum ersten Mal) der baldige Tod vorausgesagt wurde und das Buch, dem seit dem Beginn des digitalen Zeitalters der Nahtod mehr als nur eine Vorahnung angedichtet wird. Hier gehen sie eine Allianz ein, die jedem Unkenrufer einen ganz fetten Strich durch die Rechnung macht.

Radio ist Kino im Kopf. Lässt man den üblichen und zu weit verbreiteten Dudelfunk mal außen vor, so sind es doch die Reportagen von wirklichen Großereignissen, die selbst im Digitalen die Besucherraten in die Höhe schnellen lassen. Kein Fußballfantum ohne Herbert Zimmermanns „Tor, Tor, Tor, Tor!“. Und das erschreckend ergreifende „It’s crashing…“ von Herbert Morrison vom 6. Mai 1937 sorgt heute noch als Klingelton für Furore. 6. Mai 1937? Morrison? Und schon wieder ein Herbert? Lakehurst, New Jersey. In wenigen Augenblicken soll die Neue Welt von der neuesten Errungenschaft der Alten Welt leibhaftig ergriffen werden. Die Hindenburg, genauer gesagt das Luftschiff LZ 129 Hindenburg soll gleich auf amerikanischem Boden landen. Der Zeppelin soll und wird die Welt verändern. Doch das mit Helium gefüllte Flugobjekt geht binnen Sekunden in Flammen auf, um alsbald in selbigem Meer zu versinken. Live on air: Der Reporter Herbert Morrison. Seine Stimme überschlug sich als der Himmelgigant in nie gekannter Geschwindigkeit in einen Feuerball verwandelte. Das konnte niemand ahnen. Und kein Reporter der Welt konnte sich darauf vorbereiten. Authentisch – als Vorführbeispiel in Journalistenseminaren unerlässlich. Heutige „Irgendwas-Mit-Medien-Kameragesichter“ nennen das „Emotion pur“.

Stephan Krass – ob der Name Programm ist? – lässt die Jubelstunden der Radio Days noch einmal aufleben. In seinen Essays entmystifiziert er das immer noch schnellste Medium der Welt. Ein Medium, dass nur über ein Sinnesorgan wahrgenommen wird, und den gesamten Körper in Wallung versetzen kann. Durch Musik. Durch Geschichten. Hier entsteht Tag für tag, Stunde für Stunde eine Welt, die uns zeitweise in den Bann zieht, das Eine oder Andere vergessen lässt und im Gegenzug Dinge in den Vordergrund rückt, die man im schlimmsten Fall verpasst hätte. Aber auch ein Medium das genau aus diesen Gründen das ideale Spielfeld für Manipulation war, ist und immer sein wird. War es vor knapp hundert Jahren noch die Göbbelsschnauze, die für kleines Geld die Propaganda der braunen Fehlgeleiteten die Massen indoktrinierte, so sind es heute oftmals Podcasts von „Künstlern“, die mangels Auftrittsmöglichkeiten ihre Lebensweisheiten als Dogma ihren Fans anbieten. Der Bogen von anno dazumal – sagen wir einhundert Jahre?, als aus dem Voxhaus in Berlin das erste Unterhaltungsprogramm im Hörfunk durch den Äther knisterte – bis zum heutigen astreinen, rauschbefreiten Singsang ist gewaltig. Stephan Krass reitet diesen Bogen mit Begeisterung, die ansteckt. Lesen Sie – so ist Radio!

Die Verfolgten

Es ist zynisch zu behaupten, dass heutzutage eine Flucht viel einfacher ist als noch vor einem halben Jahrhundert. Warum soll das so sein? Weil es mehr Boote und Fahrzeuge gibt? Wie hätte Giordano Bruno an heutige n Maßstäben gemessen fliehen sollen? Sich auf den Rücken eines Pferdes schwingen und innerhalb von einer Woche über die Alpen verschwinden? Und dann? Vom Regen in die Traufe – mehr hätte es nicht bewirkt. Nein, er blieb, er kämpfte, er verlor. Aber er kämpfte.

Albert Einstein, Emmy Noether – brillante Naturwissenschaftler. Doch der braunen Elite und ihrer Speichellecker ein Dorn im Auge. Übrigens aus verschiedenen Gründen (auch Neid spielt bei Diffamierungen immer eine Rolle…). Amerika war ihr großes Ziel. Sehnsucht kann man das nicht nennen. Überlebenstrieb trifft es besser. Dass Einstein auch hier überwacht wurde, traf ihn sehr.

Brillante Wissenschaftler auf der Flucht – bis heute ein Problem. Denn bis heute sind wissenschaftliche Denkweisen bestimmten Machtausübenden ein Dorn im Auge. Denn sie könnten die faden Argumente – sofern vorhanden – mit einem Handstreich ad absurdum führen.

Giordano Bruno starb auf dem Scheiterhaufen, weil er der Welt sagte, dass wir nicht allein im Universum sind. Albert Einstein umschiffte die Klippen der Strafe durch seinen bekanntheitsgrad. Alan Turing traf seine eigene Wahl.

Turing kann getrost als Vater der Künstlichen Intelligenz bezeichnet werden. Im Krieg gegen die Nazis kann sein Anteil beim Dechiffrieren feindlicher Nachrichten nicht hoch genug eingeschätzt werden. Was ihn sogar einen OBE (Orden of the British Empire, ein Adelstitel) einbrachte. Nach dem Krieg gab es für ihn, seine Person, kaum noch Verwendung. Fachlich hätte man ihn unbedingt gebraucht. Aber. Alan Turing war … schwul. Und gab sich auch nicht sonderlich Mühe dies zu verbergen. Als er einen Einbruch bei der Polizei zu Protokoll gab, kam alles heraus. Schlussendlich wurde er einen „medizinischen Kur“ unterzogen, die das Anderssein heilen sollte. Von wegen „andere Zeiten, andere Sitten“ – es war menschenverachtend. Und es wurde erst vor paar Jahren durch Queen Elisabeth II. verurteilt und revidiert. Das Spießrutenlaufen beendete der Querkopf selbst. Mit Mandeln und einem Apfel. Zurückblieb das Erinnern an einen sensiblen, manchmal normbefreiten genialen Kopf. Hier und da erinnern Gedenktafeln, Straßennamen und mittlerweile eine Pfundnote an Alan Turing.

Thomas Bührke nimmt die Fährten vergessener Lebensphasen großer Denker wieder auf. Sie alle wurden verfolgt, aus unterschiedlichen Gründen. Nachvollziehbar sind diese allesamt nicht, nach heutigen aufgeklärten Maßstäben. Waren sie damals eigentlich auch nicht. Aber so ist das eben mit dem Einschub „eigentlich“. Eines sollte man nicht machen: Eich eigentlich für diese Personen interessieren, und dieses Buch nicht lesen.

Alle Wege führen nach Rom

„In vierhundert Metern eine der zwei linken Spuren benutzen. Jetzt links abbiegen“. Ach, wenn es doch so einfach wäre in die Ewige Stadt zu gelangen. Das alte Rom, das antike Rom, das Rom, das wir als Wiege unserer Gesellschaft verstehen, zu erreichen – ist nicht ganz so einfach. Oder doch?!

Michael Sommer versucht es nicht nur, es gelingt ihm scheinbar spielerisch den vor Jahren erlebten drögen Geschichtsunterrichtsstoff im Umblättern greifbar zu machen. Denn um zu verstehen wie wir heute ticken, wie es morgen weitergehen kann und soll, ist der Blick zurück nicht nur förderlich, sondern unumgänglich. Doch zuerst der Blick voraus.

Eine Zeittafel am Ende des Buches gibt einen umfangreichen Überblick wovon in diesem Buch überhaupt die Rede ist. Von den ersten Städten über zahllose Kriege, Umstürze, dem Aufkeimen von Reichen und deren Niedergang, von Morden und Mördern bis hin zum endgültigen Zerfall des Römischen Reiches vor mehr als anderthalb Jahrtausenden.

Der Spruch „7-5-3 Rom schlüpft aus dem Ei“ ist für viele sicherlich die erste Berührung mit dem Fach Geschichte. Ja, die Stadt hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und wenn man postwendend jetzt schon den Begriff „Ewige Stadt“ in den Mund nimmt, ist die erste Qualifikationshürde für diesen Geschichtsunterricht genommen.

Roms Aufstieg und natürlich auch sein Fall ist nicht komplett hausgemacht. Es waren auch anderen daran beteiligt. Denn Rom war nicht die einzige Macht auf der damals schon bekannten Erde. Griechen, Perser, Mazedonier – die Liste ließe sich fast unendlich fortsetzen – umrahmten Rom. Mal hatten die Einen die Nase vorn, mal die Anderen. Ist heute nicht anders, oder?!

Mit Elan und Eifer werden Schlachten und gesellschaftliche Umschwünge, die man bis heute nur ungefähr abbilden kann, von Michael Sommer klar und deutlich dargestellt. Und wenn dann doch mal der rauchende Kopf auf das Katheterpult zu knallen droht (Katheter – noch so ein Wort, das den Geschichtskenner vom –verweigerer unterscheidet), prallen die Anekdoten auf den Leser ein. Langeweile wie anno dazumal – Fehlanzeige!

Am Ende des Buches steht die Erkenntnis, dass Geschichte auch ohne viel digitales Tamtam anschaulich vermittelt werden kann. Man braucht nur jemanden, der sein Fachgebiet liebt und beherrscht. Michael Sommer gehört zweifelsohne in diese Kategorie.

LTI – Die Sprache des Dritten Reiches

In Bayern fliegt „Faust“ aus dem Lehrplan – Generationen von Schülern fragen sich warum das nicht schon früher geschah. Aber letztendlich überwiegt das Kopfschütteln. Und wenn wir schon mal beim Kopfschütteln sind, warum ist dieses Buch nicht essentieller Bestandteil des Lehrplans? „Die Sprache des Dritten Reiches“ – lingua tertii imperii – für die meisten die erste Berührung mit Latein. Doch sollte das Buch ein Warnsignal sein. Denn die Auswirkungen der dunkelsten Zeit Deutschlands, Europas und der Welt sind bis heute spürbar.

Victor Klemperer war Sprachwissenschaftler. Mit Akribie untersuchte er wie die brauen Ideologie sich in unseren Alltag, in die Kultur einschlich. Der Spuk war nicht einfach so vorbei als die Waffen schwiegen. Das beweisen rechte Verlage, rechte Parteien (ob nun mit oder ohne Deckmantel ist doch nun wirklich einerlei). Das beweisen Schandtaten in Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Cottbus, Solingen und und und. Die Sprache ist das vereinigende Element eines Kulturkreises. Wenn die vergiftet ist, sind die Folgen absehbar. Da muss man d as Oberstübchen mal entrümpeln. Und schon sind wir mitten im Dilemma Lingua tertii imperii. Denn die Vorsilbe ent- wurde nur allzu gern von den Nazis verwendet, um einem abscheulichen Vorgang eine technische, nicht emotionale Komponente anzudichten. Kann man eine Regel anwenden, muss man sich anstrengen Gegenargumente zu finden. Es ist immer einfacher ihr einfach zu folgen. Im Nu ist man da, wo man nie hin wollte.

Doch Vorsicht, nicht jedes „ent-“ ist ein böses „ent-“.

LTI – das Buch – gehört einfach in jeden Bücherschrank, es gehört sich es mindestens einmal im Leben gelesen und im Unterricht als Pflichtlektüre durchgearbeitet. Die Realität sieht anders aus. Ist es die Angst, dass eingefahrene Wege neu beschritten werden müssen, weil die Wurzeln verseucht sind? Und selbst, wenn es so wäre, die Veränderung ist der erste Schritt zum Fortschritt. Kann also per se nichts Schlechtes sein. Also, warum ist dieses Buch nicht längst und für alle Zeit im Lehrplan verankert?

Diese handliche Ausgabe mit passt in jede Schultasche. Der Inhalt bringt Ordnung und Weitsicht ins germanistische Wirrwarr.

Klemperers Sprache ist eindeutig und nachvollziehbar. Überflüssigem lässt er weg, Essentielles gibt er den notwendigen Platz. Immer wieder stolpert man über die Fallstricke der Sprache. Denn oft unbewusst, sitzt der Stachel der perfiden Sprache tiefer als man es sich selbst eingestehen möchte. Den erhobenen Zeigefinger benutzt Victor Klemperer nicht. Er weiß, dass Lernen nur durch eigenen Antrieb vom Erfolg gekrönt ist. Er selbst weißt auf die Stolpersteine hin, die im sprachlichen Alltag uns im Weg sind. Das trifft auf die Optik zu, aber mehr noch auf Inhalt und Ausdruck der deutschen Sprache. Die ist reich an Bildern und so abwechslungsreich, dass es eine Schande wäre, das Teuflische über das Göttliche siegen zu lassen.

Wie man lebt, so stirbt man

Émile Zola – und daran gibt es keinen Zweifel – würde heutzutage mit Pomp und Glamour beigesetzt werden. Sein Leben und Werk hingegen waren wenig glamourös, und schon gar nicht pompös. Ist der Titel des Buches also schon deswegen eine Irreführung? Nein! Er sorgt jedoch bis heute für Furore. Als politischer Journalist war er redegewandter Ankläger und Verfechter der Ideale der französischen Revolution, die nicht nur seiner Meinung nach mit immer öfter mit Füßen getreten wurden. In seinen Romanen bildete er das harte Leben derer ab, die die Maschinerie einer Gesellschaft am Laufen hielten. In der DDR wurde sein Werk als Initial des Arbeiterromans gepriesen.

Die fünf kurzen Geschichten in diesem Buch handeln nicht vorrangig vom Tod. Vielmehr sind es teils amüsante Betrachtungen derer, die einen Verlust zu betrauern haben. Dass sie nicht immer trauern, sondern mit „ganz alltäglichen Sorgen“ kämpfen, ist verständlich, aber manchmal eben auch ein Blick durchs Schlüsselloch der Anderen.

Wenn also eine Witwe ihre sorglosen drei Söhne ein letztes Mal mehr oder weniger auf die Probe stellt, treibt es dem Leser schon mal ein Lächeln ins Gesicht. Denn die Drei taten und tun sich nicht durch heroisches Handeln hervor. Das Erbe des Vaters haben sie im Handumdrehen durchgebracht, leben wieder bei der Mutter. Doch auch deren Tage sind gezählt. Ein neuerliches – zu verprassendes Erbe wie einst bei Papa – ist nicht zu erwarten. Vor der Ernte steht die Saat. Und die wird nicht einfach.

Es liegt Émile Zola fern nur über die zu berichten, denen es nicht nur auf dem Papier gut geht. Finanziell gesehen. Wie in der Geschichte über ein Paar, das bei fast Null begann. Durch harte Arbeit und Zielstrebigkeit, Entbehrungen und Verzicht füllte sich das Portemonnaie. Doch wir alle wissen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Und so bleibt dann doch nur die Erkenntnis: „Wie man lebt, so stirbt man“.

Zum Einen ist Band Vier der Reihe Edition de Bagatelle, in der Kleinode der Großen von Damals eine neue Heimat finden, ein gefundenes Fressen für die, die im Kleinen das Große erkennen. Zum Anderen ist es eine Möglichkeit Altes im neuen Gewand zu präsentieren. Die kurzweiligen Geschichten bekommen durch die Handschrift von Vera Gereke, Studentin an der HAW Hamburg ein künstlerisches Gewand, das auch dem Autor sicherlich gefallen hätte. Die sparsame Verwendung von Schwarz, Weiß und orange spielen mit den Emotionen des Leser. Mal fast schon bedrohlich, mal liebevollen Frieden verheißend, sind die Abbildungen das kunstvolle Abziehbild der Texte Émile Zolas.

Vor aller Augen

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man vor einem Bild steht und nicht mehr nur daran denkt wie hübsch dieses Bild überm Sofa aussehen würde. Das Bild gefällt, aber … warum eigentlich. Fast schon ein bisschen neidisch schielt man dann zu offensichtlichen Kunsthistorikern hinüber lauscht staunend den Ausführungen über Pinselführungen, Strichlänge, dem Besonderen des Bildes. Und das alles sehen die auf den ersten Blick?! Zweifel macht sich breit. Erzählen kann man ja viel.

Martina Clavadetscher gibt den Damen auf berühmten Bildern eine Stimme. Die Damen sind meist unbekannt, ihre Erschaffer dafür umso mehr. Wer kennt schon Cecilia Gallerani? Das ist die, die von Leonardo da Vinci ein ungewöhnliches Haustier auf den Arm gelegt bekam. Und er malte sie. Zu sehen heutzutage in Krakow, auf den Wawel-Burg. Extra Eintritt, nur für Signora Gallerani. Es ist nicht mehr und nicht weniger „Die Dame mit dem Hermelin“. Und die erzählt frei von der Leber weg wie es sich anfühlte vom großen Meister portraitiert zu werden.

Ebenso wie Margherita Luti – noch so eine Dame, deren Namen man nicht kennt. Und dabei lehnt sie lasziv, entspannt, die Brust entblößt an der Wand. Gemalt von Raffael. Er das Malergenie, das schon im Teenageralter als Meister galt – sie wäre in der heutigen Zeit eine Bäckereifachverkäuferin. Sie ist nicht auf den Mund gefallen als sie den spannenden Raffaello entdeckt, während sie im Gras entspannt. Er ist mit einer Anderen liiert, was sie – Margherita – verärgert und zu Spottgesängen anheben lässt. Noch heute munkelt man, dass sie und er mehr als nur Meister und Modell waren. Das alles geschah vor mehr als fünfhundert Jahren. Und noch immer fasziniert das Gemälde und seit Neuestem auch die Geschichte darum, dank dieses Buches.

Und so liest man sich Seite für Seite durch die Kunstgeschichte, lernt Damen und ihre Meister kennen. Mit unbeirrter Leichtigkeit ergreifen Damen das Wort, die teils seit Jahrhunderten stumm von den Wänden der größten Museen der Welt dem Betrachter in ihren Bann ziehen. Lichtwechsel, Schattenspiele, Liebreiz, Zartheit – unerreichbar für jedermann. Manche sogar hinter Glas oder so weit entfernt, dass es nicht einmal ansatzweise so was wie Nähe geben kann. Sie alle sind empfindsam, stolz, schüchtern, verängstigt. Und sie haben eine Geschichte. Nicht immer so skandalös wie die von Olympia als sie Èdouard Manet ganz und gar nicht keusch auf der Ottomane malte. Dennoch erzählenswert.

Es ist nicht die Frage wird hier wen verführt. Nicht jeder ist verführbar. Erstmals werden in diesem Umfang Damen von Damals nicht vorgeführt, sondern in die Gesellschaft der Besucher eingeführt. Sie stehen neben einem und erzählen, was bisher niemand wusste. Und das vor aller Augen…

1923. Endstation. Alles einsteigen!

Seit einiger Zeit feiert man in den verschiedensten Bereichen das hundertjährige Jubiläum der Goldenen Zwanziger. Zum ersten Mal ist also nicht ein Tag, eine Woche oder ein Ereignis Grund zum Feiern, Erinnern, Gedenken, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Das Jahrzehnt der ausgelassenen Stimmung, dem Beginn der Gleichberechtigung, aber auch dunkler Jahre – ein paar Milliarden Mark für ein Brot? Was soll daran feiernswert sein?

Hier und da werden Revues „von damals“ aus der Klamottenkiste geholt, in Berlin läuft wieder „Cabaret“ – das Berlin-Musical, Romanreihen über diese Zeit erleben einen echten Boom.

Nun, es sind noch ein paar Jahre bis zum nächsten denkenswerten Jahrzehnt. Und das Jahr 2023 wird also zum Jahr des Erinnerns an 1923. Vielleicht kennt der eine oder andere noch einen Vorfahren, der in diesem Jahr geboren wurde. Erzählen kann der aber auch nicht viel. Und immer nur bei Wikipedia nachschauen …

Peter Süß nimmt den Leser mit auf eine Reise, deren Ende man schon kennt – es war der 31. Dezember 1929. Aber was in den zehn Jahren zuvor passierte, was den Großen und Berühmten „so ganz nebenbei“ widerfuhr, wie sie sich entwickelten – wer weiß das schon bzw. wer weiß das noch?

Bertolt Brecht hat beispielsweise schon einen Namen in der Szene – je nachdem ob man ihn mag, jubelt man ihn in den Himmel oder zerreißt ihn in der Luft. Ein ausgeprägtes Ego hatte er schon immer. Für ihn ist es daher unerlässlich ein eigenes Theater zu haben. Vorerst nur für ihn…

Die Tänzerin Anita Berber wird ihn Wien ausgebuht und schlussendlich aus der von ihr bis dato so geliebten Stadt verjagt. Das Thema Drogen, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, war vielleicht doch nicht die richtige Wahl ihr Publikum in Verzückung setzen zu können.

Und in München wagt ein Österreicher mit – heute darf man das ja wohl wieder sagen – außergewöhnlichem Bärtchen den großen Aufstand. Zu seiner Entourage gehörte damals schon ein geckenhaft wirkender, dicklicher Speichellecker, der es liebte sich in Phantasieuniformen zu präsentieren. Was das Netz wohl heute (fast hundert Jahre später) kommentieren würde, ist wohl Stoff für ein spannendes soziologisches Projekt. Es ist wohl klar, um wen und um welches Ereignis im Bierkeller es sich handelt?! Nein? Dann ist dieses Buch Pflichtlektüre!

Apropos Projekt. Lotte Lenya, Dreigroschenoper-Star, Muse, Charakterdarstellerin ersten Ranges, unglücklich Verliebte, verdiente sich ihre Penunzen mit ganzem körperlichen Einsatz. Ein Projekt, das selbst heute noch für Naserümpfen sorgt, das bis hin zu Mitleidsbekundungen reicht.

Monat für Monat seziert Peter Süß das Jahr 1923, das heute wohl kaum noch mit einem besonderen Ereignis eng in Verbindung gebracht wird. Was sicher vor allem daran liegt, dass die bis heute existenten Medien damals noch gar nicht bekannt waren. Außer dem niedergeschriebenen Wort. Da ist es eine logische Schlussfolgerung das Jahr 1923 auch in gedruckter Form noch einmal am geistigen Auge paradieren zu lassen. Es ist eine Vielzahl roter Fäden, die sich nicht nur im gebundenen Buchrücken zu einem großen Ganzen zusammenfinden. Anekdoten und Berichte fließen mit der Kraft der präzisen Worte zu einer Geschichte zusammen, die heute noch Geschichte machten.

Berge

Sie sind einfach da. Nur selten stehen sie im Weg. Erhaben der Blick nach Oben. Ein Augenschmaus, wenn man von ihnen herunterschaut. Berge. So profan der Titel dieses Buches anmuten mag, so intensiv zieht der Inhalt den Leser in seinen Bann.

Gleich von Beginn an merkt man, dass es bei diesem Buch nicht um eine der üblichen Abhandlungen über das Gefühl der Erhabenheit handelt, sondern, dass sich Lucia Jay von Seldeneck von ganz anderer Seite dem Thema nähert. So viel sei verraten: Es geht immer weiter steil bergauf.

Es sind kleine Geschichten rund um den einen Berg. Jedes Kapitel, jeder Berg, kann seine eigene Geschichte erzählen. Doch meist sind es die Bezwinger, die Eroberer, die dessen Geschichten erzählen oder schreiben. Sie sind die Helden, die dem Koloss die Jungfräulichkeit stahlen. Und deswegen sind sie Helden. Naja.

Den Auftakt macht ein Berg, der eigentlich gar keiner ist. Kein Achttausender, nicht einmal einen Kilometer hoch, selbst an der Hundertergrenze kratzt dieses aufgeschüttete Denkmal nicht. Und dennoch hat er mehr für den Fortschritt getan als er es jemals für sich in Anspruch nehmen würde. Es geht um den Fliegeberg. Nie gehört? Berlin, Lichterfelde. Hier wurde ein Berg aufgeschüttet, weil ein Tüftler, ein Phantast, ein Unbeirrbarer seinen Traum – dem vom Fliegen – verwirklichen wollte. Otto Lilienthal. Als er den Neunundfünfzig Komma Vier Meter hohen Berg hinunterrannte, hob er kurze Zeit später richtig ab. Die Geburtsstunde der Fliegerei.

Die Reise geht rund um die Welt und immer höher hinauf. Manche kennt man, von vielen liest man das erste Mal. Während bei Otto Lilienthal die Arbeiter das Wort haben, die unzählige Male mit der Schubkarre sich den Berg hinaufquälen, so spricht in diesem Fall ein Baum. Er steht am Hang des Antiatlas in Marokko. Immerhin schon knapp zweieinhalbtausend Meter hoch. Was hier wächst, hat sich angepasst. Und bei einem Alter von mehr als 570 Millionen Jahren kann der Berg einiges erzählen. Erzählen lassen. Berge sprechen nicht.

Die kunstvolle Gestaltung – wie es sich gehört, wenn der herausgebende Verlag Kunstanstifter heißt – ist der Gipfel der Buchkunst. Florian Weiß illustriert eindrucksvoll die Texte der Autorin. Detaillierte Schraffuren, sparsamer Einsatz von Farben – so wie man sich ein Tagebuch eines Abenteurers vorstellt. Handschriftliche Notizen am Ende des Kapitels sind für Faktensammler ein willkommener Abschluss einer jeden Geschichte. Ob man nun selbst die Berge für sich selbst entdeckt und von nun an erst hinaufkraxelt, den Ausblick genießt und beim Abstieg diese Geschichten noch einmal Revue passieren lässt oder es ganz einfach bei der Lektüre belässt, entscheidet ganz allein man selbst. Lust auf Mehr macht dieses Buch auf alle Fälle.