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Frankenstein oder der moderne Prometheus

Welcher Autor kann schon von sich behaupten über zwei Jahrhunderte Generationen von Lesern mit nur einem Buch begeistert zu haben? Die Aufzählung dürfte reichlich dürftig ausfallen. Mary Shelley könnte dieser Herausforderung gelassen entgegen sehen. Sie und ihr Frankenstein sind derart eng miteinander verwoben, dass kein beschriebenes Blatt zwischen Kreateur und Kreatur passt. Als dann auch noch Hollywood und die Hammer Studios in England dem Stoff ihre besondere Note verliehen, war es in Stein gemeißelt: Dieses Buch wird niemals in Vergessenheit geraten!

Die zahlreichen Verfilmungen und Verfremdungen haben aber auch eine dunkle Seite. Denn viele meinen, dass der Film ausreicht, um den Stoff zu kennen. Falsch! Boris Karloff, Bela Lugosi, Peter Cushing, Christopher Lee und wie sie alle hießen, interpretierten ihren Frankenstein auf ihre eigene Art und Weise – künstlerische Freiheit. Und dass Lord Byron einer der Anstifter zu dieser Geschichte war, ist fast schon in Vergessenheit geraten. Die düsteren Bilder, die dem Zuseher vor den Augen flimmern, lassen einem schon fast vergessen, dass der Geburtsort Frankenstein nicht in einem vom Moor umgebenen verwunschenen englischen Schloss liegt, sondern in einem Labor in der Westschweiz, nahe Genf. Der Student Viktor kann die Finger einfach nicht von der Wissenschaft lassen. Sein Forscherdrang ist derart unnachgiebig, dass er ein Geschöpf kreiert, das bald schon eigene Entscheidungen treffen kann. Es sind die falschen Entscheidungen!

Bei der aktuellen Diskussion um Künstliche Intelligenz, in der erstaunlicherweise mehr Wissenschaftsjournalisten als „echte Wissenschaftler“ die Agitation übernehmen, wirkt dieses Buch wie ein Warnsignal. Künstliche Wesen schaffen nie etwas Gutes! Es gibt immer jemanden, der ihren guten Kern ins Gegenteil umwandelt.

Diese Ausgabe zeichnet sich durch ihre exquisite Aufmachung aus. Jede Abbildung von Martin Stark sitzt wie ein Stich ins Herz des Lesers. Passend zur düsteren Stimmung des Buches, das erstmals im Jahr 1818 veröffentlicht wurde, wirken die Schwarz-Weiß-Illustrationen wie ein Wink des Himmels. Dafür gab es zu Recht bei den European Design Awards die Goldmedaille in der Kategorie „Book & Editorial Illustration“. Und so liest man dieses Buch zweimal. Erst den Text, und ein zweites Mal die Zeichnungen. Man erinnert sich an einzelne Textpassagen, die zu den Bildern gehören, und wird sich ein weiteres Mal der Tragweite dieses Buches bewusst.

Ein Bücherregal ohne Frankenstein ist möglich. Ein Bücherregal mit ähnlicher Literatur ohne dieses Buch ist so nutzlos wie die meisten Verfilmungen des Frankensteins!

Frühstück mit der Drohne

Es ist doch verrückt, geradezu pervers: Im Fernsehen, bei einem Sender, der das Wort „Fun“ im Namen trägt wird „Counter strike live“ übertragen. Krieg spielen, live im Fernsehen. Im Regal der ungelesenen Bücher liegt „Frühstück mit der Drohne“ von Atef Abu Saif. Er berichtet darin vom Krieg (live) in seiner Heimat Gaza, im Lager Jabalia. Hier gibt es keine Stadt, hier gibt es Lager! Man lebt wie in einer Stadt, dennoch ist man in einem Lager. Mehr als hunderttausend Einwohner auf knapp anderthalb Quadratkilometer. Es ist der 6. Juli 2014. Ein Tag, an dem an vielen Orten der Erde ausgelassen Geburtstag gefeiert wird. Menschen werden geboren, Menschen sterben. Und in geselliger Runde riechen Atef Abu Saif und seine Freunde den Krieg. Sie konnten ihn schon immer riechen. Ihre Kinder werden es auch eines Tages können. Zwei Jahre Frieden ist das Höchste, was sie erleben durften. Immer wieder Bomben, Feuer, Rauchsäulen. Einen Tag später wird traurige Gewissheit, was ihre Nasen am Vortag vernahmen.

Atef Abu Saif führt ab diesem Tag Buch über die Geschehnisse. Bis zum 26. August 2014, dem Tag der Tage, wie er es hoffnungsvoll und erleichtert nennt – aber auch angstvoll, weil er weiß wie brüchig so ein Frieden sein kann.

Schon zwei Tage später haben die F16-Bomber ganze Arbeit geleistet. Familien, die ihre Mahlzeiten zubereiteten, wurden ausgelöscht. Im Fernsehen läuft das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien. Eine Parallele zwischen dem Elend in Gaza und dem Untergang der Seleção verbieten sich an dieser Stelle.

Die Straßen sind übersät mit den Überresten der Häuser. Glassplitter säume Flure, Betonreste zeichnen ein bizarres Muster auf den Asphalt. Das Leben geht weiter, muss weitergehen. Für die Kinder, die schon nach der Schule betteln. Für viele jedoch ist das Leben jäh beendet, wenn die Drohnen und die F16 ihre todbringende Fracht abwerfen. Wie Lottozahlen der perfidesten Lotterie der Welt beenden sie in Klammern das Leben der Menschen. Zehn, vierzig, fünfzehn, drei, siebzig. Das waren Menschenalter!

Ohne den Aggressoren vors Schienbein zu treten, ihnen die Anklagepunkte um die Ohren zu brüllen, ohne Frucht und Scheu beschreibt Atef Abu Saif das Leben in Gaza, das binnen Bruchteilen einer Sekunde zu Ende sein kann. Das Flirren der Drohnenmotoren ist Allerzeiten und allerorts zu vernehmen. Man nimmt es wahr, schiebt die permanente Gefahr gewissenhaft beiseite und weiß doch tief im Inneren, dass am anderen Ende der Leitung einer sitzt, der mit einer Fingerbewegung allem ein Ende setzen kann.

Der fatalistisch anmutende Titel „Frühstück mit der Drohne“ berichtet aus der Hölle eines jahrzehnteandauernden Krieges, der ganzen Generationen das Gefühl von Sicherheit mit Gewehrsalven und Bombardements entriss. Dem Autor gelingt es dem Leser in einfachen Szenen dem unvorstellbaren Leben mit der Angst (und der Drohne) eine ungefähre Vorstellung dessen zu geben. Dagegen sind die eingangs erwähnten Fernsehübertragungen ein Witz. Einer über den man nicht lachen kann.

Die letzte Meldung zum Autor stammt von Mitte März 2019: „Fatah Spokesman in Gaza Attacked by Masked Assailants Amid Protests“ – Atef Abu Saif wurde auf offener Straße von maskierten Angreifern krankenhausreif geschlagen. Das war live!

Le spleen de Paris – Der Spleen von Paris

Der Sommer 2017 brachte der Literaturwelt und ihren Lesern ein besonderes Stück Weltliteratur zurück in die Herzen: Die Neuübersetzung von Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“.  Ein Buch, eine Gedichteflut voller Hingabe, die auch diejenigen überzeugte, die mit Gedichten nicht allzu viel anfangen konnten. Jetzt durften sie sich in die Schar derjenigen einreihen, die dem großen – zu Lebzeiten verkannten, verhassten und gescholtenen – Autor nun für immer folgen würden.

Der Sommer 2019 vervollständigt nun das Bild des Charles Baudelaire und seiner Kunst der wohligen Worte. Man muss kein Prolet sein, um Missstände direkt anzuprangern. Man muss nicht immer hinter vorgehaltener Hand das Offensichtliche, doch Unaussprechliche nach außen tragen. Baudelaire kannte keine falsche Scham. Ekstase und Kontemplation waren für ihn nicht einerlei, sondern zart verwobene Tatsachen, die einträchtig Hand in Hand gingen, sich umschlangen und sich nicht darum kümmerten, wer da pikiert zur Seite schaut.

Charles Baudelaire bezeichnet man als Erfinder der Prosalyrik. Nun, wer immer noch meint, dass Gedichte sich auf Teufel-Komm-Raus reimen müssen, der wird an diesem Werk keine Freude haben. Wer sich auf die kurzen Texte einlässt und sich Wortwucht erfreuen kann, kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Der Titel „Der Spleen von Paris“ ist vielleicht ein wenig irreführend. Denn so spleenig sind die Pariser auch wieder nicht. Jede Stadt, jedes Land hat seine Eigenarten – das nennt man Kultur. Das Bild von Baudelaires Kunst wird durch diesen Band abgerundet und in gewisser Weise abgeschlossen. Wieder entdeckte Gedichte genießen denselben Stellenwert wie Gedichte, die ihm zugeordnet werden sowie seine frühen Werke und die namensstiftenden Gedichte, die unter dem Titel „Le Spleen de Paris“ bekannt wurden. In ihnen eingeschlossen sind das Stück „Idéolus“ und „Die Fanfarlo“, eine Novelle, die persönlicher kaum sein kann.

Wer sich in die Seiten vertieft, kommt unweigerlich in Gedanken in der französischen Hauptstadt an, auch ohne sie je besucht zu haben. Parkanlagen, dunkle Kemenaten und zwielichtige Bars sind das Terrain von Charles Baudelaire. Über fünfhundert Seiten – zweisprachig, was den Reiz des Lesens durchaus verstärkt, auch wenn man des Französischen nicht mächtig ist – ziehen den Leser in eine Welt, die seit mehr als hundert Jahren Geschichte ist. Heute ist Paris laut, überlaufen und Karneval der Eitelkeiten. Letzteres war es übrigens auch schon zu Baudelaires Zeiten. Wer sich die Mühe macht ein ruhiges Plätzchen in Paris zu suchen (schwer, aber nicht unmöglich – ganz früh auf den Stufen von Sacre coeur) und auch nur ein wenig die Augen über diese Zeile fliegen zu lassen, versteht warum beispielsweise Jim Morrison von den Doors einst Paris als letztes Exil sich suchte. Dank der Übersetzung von Simon Wehrle ist Paris, ist Baudelaire um ein Geheimnis ärmer. Aber der Leser um ein Vielfaches reicher geworden.

Entdeckungsreisen – Magische Bilder exotischer Welten

Wer heutzutage vermeintlich exotische Orte besucht, muss sich der Tatsache stellen, dass er nicht der Erste ist, der das Paradies entdeckt hat. Das ist der Wermutstropfen auf so manchem Spektakel. Vor Jahrhunderten noch, konnte man sich sicher sein eine unentdeckte Insel nach sich oder seinem Gönner benennen zu dürfen. Ein flüchtiger Blick in den Atlas beweist dies auf zigfache Weise.

Reisen waren im 17., 18. und 19. Jahrhundert noch echte Abenteuer, für echte Kerle. Die Rückkehrer, also eigentlich nur die Lenker und Denker dieser Reisen, wurden zu Vorträgen eingeladen und selbst von gekrönten Häuptern hofiert. Was sie mitbrachten von ihren Reisen ist heutzutage Alltag. Man denke nur an die Massen von Schokolade, die die Regale der Supermärkte füllen.

Sir Hans Sloane war so ein Entdecker, der sich um die – bleiben wir beim leckersten Beispiel für frühe Globalisierungsnachweise – Schokolade besondere Verdienste erwarb. Von 1687 bis 1689, vor mehr als dreihundert Jahren!, schipperte er gen Westen. Jamaika war nicht das vorrangige Ziel der Reise des Arztes mit irischen Wurzeln. Die Naturwissenschaften an sich hatten es ihm angetan. Die im Jahr seiner Geburt gegründete Royal Society „zur Verbreitung naturwissenschaftlichen Wissens“ förderte undorganisierte Fahrten in eben diese fremden, weil fernen Welten. Neugier und Wissensdurst, gepaart mit aggressiver Expansionspolitik, wovon die Forscher natürlich nichts wissen wollten, waren der Antrieb. Außer den Pflanzen, und oft auch Tieren brachten die Seefahrer und Forscher unendlich viele Zeichnungen mit, die der staunenden Menge wie der abgeschlagene Kopf des Teufels präsentiert wurden. Das Natural History Museum zu London könnte sich noch so sehr vergrößern, es würden immer noch nicht alle Exponate ausgestellt werden können. Die Archive quellen über vor Forschergeist und künstlerischer Ästhetik.

Dieser Prachtband ist nichts anderes als das „Best of the Best“ der zweidimensionalen Errungenschaften menschlicher Eroberungsgier und einmaligen Forscherdrang. Keine noch so moderne Kamera mit noch so vielen und detailgenauen Filtern kann die Einzigartigkeit der abgebildeten Objekte widergeben! Das Großformat ist die einzig sinngebende Maßeinheit für ein Buch dieser Ausdruckskraft. Jede Faser eines jeden Blattes, jedes noch so kleine „Blütenstäubchen“, jede Facette eines prächtigen Federkleides, ist den Gestaltern verborgen geblieben. Da kann keine Buntstiftkasten und keine 256 Millionen Farben anzeigende Bildersoftware mithalten. Mutter Natur ist und bleibt die einzig wahre Künstlerin. Die Schmetterlinge von Surinam sind durch Maria Sibylla Merians Zeichnungen einem vorher nie gekannten Publikum bekannt geworden. Die Fahrt der „Investigator“ von 1801 bis 1805 mit Matthew Flinders und Ferdinand Bauer an Bord hat die wohl schönsten Pflanzenzeichnungen überhaupt hervorgebracht. Die Küste Australiens wurde erstmals, wenn auch nur unzureichend kartographiert. Die Flora und Fauna war noch wenig erkundet und noch weniger dargestellt worden. Flinders und Bauer macht dem Unwissen ein Ende.

Wer unter anderem ihre detailreichen (doppelseitigen) Zeichnungen auf dem Schoß liegen hat, weiß um die Schönheit der Natur. Und um die Ausdruckskraft, die ein Buch entfalten kann, wenn es mit Liebe zum Detail und dem Drang nach Perfektion gestaltet wird. Hier trifft alles auf einmal zusammen!

Die magnetischen Felder

Über diese Felder kann man nicht wandeln. Sie halten einen fest und doch kann man sich frei bewegen. So wie ein Elektron. Der Titel birgt in sich schon ein gewisses Faszinosum. Geheimnisvoll. Die beiden Autoren sind auch einigen bekannt. André Breton, der Mastermind der surrealistischen Bewegung, er schrieb das „Surrealistische Manifest“, das eine ganze Künstlergeneration – allen voran Salvador Dali – zum Sprudeln bracht.

Der „Andere“, Philippe Soupault ist hingegen nur einigen Eingeweihten bekannt. Doch auch ohne ihn wäre der Surrealismus nicht das, was er war und ist.

„Les champs magnetique“, „Die magnetischen Felder“ ist der erste surrealistische Text. Einige Passagen, Kapitel haben die Schriftsteller einzeln verfasst, bei anderen hingegen haben sie zwar einzeln ihre Abschnitte verfasst, zusammengearbeitet. Was surrealistisch an diesem Buch ist, erschließt sich erst so richtig, liest man das Nachwort von Re Soupault, die Frau an Philippe Soupaults Seite, Bauhaus-Jüngerin und nimmer müde Schreiberin.

Breton und ihr Mann haben sich in einen Zustand versetzt, der es ihnen erlaubte alles um sich herum zu vergessen und der Phantasie freien Lauf zu lassen. Wenn überhaupt kannten sie den Weg, das Ziel konnten sie erst nach Überquerung der Ziellinie erkennen. Und das alles ohne Drogen! Nur um Missverständnissen vorzubeugen. Das war eher das Feld (ganz unmagnetisch) von Aldous Huxley…

Mit unvorstellbarer Kraft prasseln Sprachbilder auf den Leser ein, die ihn immer wieder absetzen lassen. Zu viele Einflüsse auf engstem Raum. Wer noch tiefer in dieses automatische Schreiben eintauchen will, der kann den Text auch in französischer Originalsprache nachlesen. Beide Varianten, französisches Original und deutsche Übersetzung, stehen sich gegenüber.

Wem also die weichen Uhren – für viele der Einstieg in die moderne Kunst – näherstehen als Postkartenmaler wie Ilja Repin, der findet in diesem Buch den literarischen Einstieg in diese für viele fremde Welt. Den Surrealismus versteht man dadurch bestimmt nicht auf Anhieb in Gänze. Das Buch nur als Appetithäppchen zu betrachten, würde aber genauso falsch sein.

Was das Leben will

Elli ist Anfang Dreißig, und ihr wurden gerade beide Brüste abgenommen. Brustkrebs, so wie schon ihre Mutter, die sie mit vierzehn verlor. Für viele ein Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Ihr Zimmer- und Leidensgenosse Gustav gibt ihr einen Zettel. Darauf eine Adresse, zu der Elli gehen kann oder auch nicht. Aus Neugier und der Tatsache, dass ihr eh nicht Schlimmeres mehr passieren kann, betritt sie das Haus. Solara kommt ihr freudig strahlend entgegen. Sie sei das Leben. In einer Ecke hocken noch die Vergangenheit, Karl, und die Zukunft, Trudi. Der Tod lässt ein wenig auf sich warten, Martin ist schon wieder auf dem Sprung. Hat noch ein Date. Er ist der Einzige, der nicht autonom handeln darf. Er muss auf Jolas Anweisung warten. Sie ist das Schicksal. Ein makabrer Haufen, wie Elli meint.

Klingt ziemlich verrückt für so ein ernstes Thema. Mag sein. Aber wer, wenn Elli kann in einer aussichtslosen Situation lachen? Und wer will ihr verbieten dieses Lachen mit anderen zu teilen?

Auf alle Fälle kann sie mit dem Erlebten im Café Himmel nicht viel anfangen. Wem soll sie davon erzählen? Vom Café, in dem die Vergangenheit in Depressionen verfällt, weil sie von niemandem mehr erkannt wird. In dem die Zukunft auf den Marschbefehl des Schicksals wartet. In dem das Leben so schön, so einzigartig, so demütig ist. In dem der Tod unausstehlich ist.

Ellis Weg führt direkt dahin, wo man mit „solchen Leuten“ umzugehen weiß. Ins Irrenhaus. Doch auch hier sind alle ein bisschen anders als man es vermutet…

Bina Kratsch lässt ihrer Elli freien Lauf, wenn es darum geht Solara in sich aufzusaugen. Es gibt nicht nur Tod oder Leben, Solara oder Martin. Elli wird sich nach und nach bewusst, dass Karl und Trudi wie Solara und Martin, und vor allem Jola, Bestandteil ihrer selbst sind. Allein ist jeder nicht auszuhalten. In der Gruppe erst funktionieren sie wie ein geöltes Räderwerk.

Mit einer Träne in den Augen kommt man bei diesem herzhaften Roman nicht aus. Es müssen schon mehrere Tränen der Freude sein, um bis zum Schluss durchhalten zu können. Mit Wärme und Witz verführt Bina Kratsch den Leser ihr zu folgen in eine Welt, die rational nicht erklärbar ist. Und das ist gut so!

Spiel des Lebens

Der Mensch als Krone der Schöpfung. Dieses geflügelte Wort kennt jeder. Doch wie jeder (okay, fast jeder), der eine Führungsposition inne hat, braucht er Helfer. Deren fleißige Hände dienten ihm zum Aufstieg und dienen ihm diese Position halten zu können.

War der Mensch anfangs (also vor Tausenden von Jahren) von der Natur derart abhängig, dass sie den Ton angab, so haben sich die Machtverhältnisse im Laufe der Zeit gedreht. Der Mensch beherrscht die Natur. Dass ihr das ab und zu nicht passt und deswegen ein wenig trotzt, muss der Mensch aushalten. Was ist schon ein Tsunami im Vergleich zu überdimensionalen Reisfeldern, die Millionen Menschen weltweit den Magen füllen? Zynisch? Jawohl, aber …

Alice Roberts, Paläopathologin, Medizinerin in Birmingham hat sich den Menschen in seiner heutigen Form genauer betrachtet. Interaktion, dieses scheinbar so ferne Wort ist der Schlüssel zu unserer Welt. Das Spiel zwischen Mensch und Apfel, Reis oder Kartoffeln, zwischen Mensch und Hund. Rind oder Huhn ist uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen (vielleicht schon zu sehr und zu wortwörtlich), dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen.

Es war wie bei Shakespeares Zähmung der Widerspenstigen. Mutter Natur gibt gern und viel, aber irgendwann ist auch mal Schluss. Seit Jahrzehnten unkt man immer wieder, dass dieser Punkt erreicht sei. Und immer wieder gibt es neuere Forschungen, die uns fortschrittsgemäß vom Aufschub dieser Thesen unterrichten und überzeugen wollen. Ein gefundenes Fressen(!) für Verschwörungstheoretiker.

Wer sich selbst ein Bild machen will, ohne Einflüsse von außen, kommt an den Grundlagen nicht vorbei. Und die liefert – eindrücklich, besonnen, großartig ausformuliert – Alice Roberts. Ihren Erkenntnissen folgt man ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es liegt alles auf der Hand.

Mit zahlreichen Anekdoten – zum Beispiel, dass der Neandertaler eigentlich homo var. calpicus heißen müsste – wird dieses Sachbuch zu einem spannungsgeladenen Thriller, dessen Ende der Leser zwar nicht allein, aber in der Gesamtheit in den Händen hält. Das Leben ist mehr als ein Spiel. Und dieses Buch mehr als „nur“ ein Buch!

24 Ein-Schaf-Geschichten für Erwachsene

Das Tagwerk ist geschafft, nun winkt endlich der ersehnte Schlaf. Doch das Erlebte lässt einen nicht mehr los. Es arbeitet im Hirn auf Hochtouren. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken. Als alt bewährtes Mittel hilft da Schäfchenzählen. Ein Schaf, zwei Schafe, hilft nichts. Diese wolligen Biester lassen einen auch nicht einschlafen. Das ist gemein.

Klar, denn, was man da zählt sind GemeinSchafe. Die blöken nicht nur, sie falten Papier und schnipsen es im hohen Bogen gegen alles, was nicht schnell genug ausweichen kann. Und dann lachen sie einen auch noch aus. Moment. Hier läuft doch was schief! Nein, hier läuft gar nichts schief!

Anna Derndörfer haben es die Schafe angetan. Vierundzwanzig Geschichten bringt sie in diesem (durchaus auch als Einschlaflektüre geeignet, obwohl die Geschichten überhaupt nicht einschläfernd sind) Buch an den Sch(l)afenden.

Noch gemeiner als das GemeinSchaf ist das LebensgemeinSchaf. Mutter- und VaterSchaf hingegen sind liebevoller.

Wer beim Titel auf erfolgversprechende Einschlafgeschichten hofft, wird schon bald eines Besseren belehrt werden. Denn es sind wirklich Geschichten von Schafen. Schafe, die einem das Leben erschweren, aber auch erleichtern können. Man kann sie zählen, aber wenn man sich dann an die gelesenen Geschichten erinnert, muss man automatisch loslachen. Also wieder kein Schlaf!

Doch, doch. Jede einzelne Geschichte – man steigt doch ziemlich schnell dahinter, dass die Schafe nur allzu menschliche Züge haben – eignet sich ebenfalls als Gute-Nacht-Geschichte. Das liegt in erster Linie an der Länge bzw. Kürze der Geschichten, zum Anderen aber vor allem an der Leichtigkeit der Worte. Die Schwere des Tages verliert sich in den Zeilen wie die Schafe im Frühjahr sich ihrer Haarpracht entledigen. Mal muss man innehalten, mal sich den Bauch vor Lachen.

George Grosz, Rudolf Omansen und ein Huhn

Hat einer verrückte Ansichten, ist man der Meinung, dass derjenige eine Meise hat. Oder ein schräger Vogel ist, dann zeigt man ihm gern selbigen. Ist einer jedoch so richtig dada (oder gaga), dann hat er ein Huhn! Ziemlich schräg?!

Ganz so schräg ist dieses Buch – und vor allem die Geschichte dahinter – nicht. George Grosz war einer der führenden Köpfe der Dada-Bewegung in Deutschland. Schon in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zog es ihn in die Ferne. Südfrankreich und Marseille waren seine Zufluchtsorte, als dieses Wort für einen deutschen Künstler noch keine Rettung darstellen musste. Als die Nazis an die Macht kamen, war er einer der ersten, die entrechtet wurden, denen man die Staatsbürgerschaft entzog, die Konten plünderte. Da war er schon in den USA. Dennoch nagte es an und in ihm. Auch nach der dunkelsten Zeit weigerte er sich mit Deutschland zu identifizieren. 1959 zog es ihn wieder nach Berlin. Wo er allerdings nur kurze Zeit später starb.

Ein Wiedergutmachungsverfahren des Entschädigungsamtes brachte George Grosz mit Rudolf Omansen zusammen, der den ärztlichen Dienst des Entschädigungsamtes leitete und den „Fall Grosz“ begleitete. Die beiden freundeten sich an.

Rudolf Omansen war auch Schriftseller. Bei einer Soiree gab er gern seine Texte zum Besten. Grosz, nur allzu gern Gast in Omansens Haus in Berlin- Nikolasee, war derart beeindruckt von der seelischen Qual, die ein Huhn den Protagonisten bereitete, dass er umgehend die Zeichnungen zu den Geschichten beisteuerte. Sechzig Jahre nach dem Tod George Grosz ist nun endlich dieses Buch mit den Geschichten von Rudolf Omansen und den Tuschezeichnungen von George Grosz erschienen. Gut Ding will Weile haben. Es sind die letzten Illustrationen von Grosz. Die Texte von Omansen wurden im Original übernommen, so dass die Einzigartigkeit des Buches so originalgetreu wie möglich erhalten blieb.

Grünmantel

Irgendwo im erweiterten Speckgürtel von Berlin, in Grünmantel, sollte für die Bewohner das Paradies Wirklichkeit werden. Die alte Dorfgemeinschaft gibt es schon lange nicht mehr. Wenn es sie jemals gegeben hat. Vielleicht war auch sie nur eine Illusion, ein Klischee. Nun hat der Wandel auch diesen Flecken Erde erreicht. Nur das schnelle Internet weigert sich hier Einzug zu halten…

Da ist ein pensionierter Schuldirektor aus Düsseldorf. Typischer Lebensweg, wenn es auf die Zielgerade geht: Das fette Pensionskonto reicht zwar nicht für die Kanaren, aber für die brandenburgische Ebene ist es gut genug. Als Lebensziel hat sich Benzler den Naturschutzpark ausgesucht. Den will er zu einer Pracht verhelfen, die man noch nie gesehen hat. Opfer, sind diejenigen, die Land dafür aufgeben mussten. Dass er eine „Schwäche“ für jüngere Frauen, fast noch Mädchen hat, hilft ihm keineswegs bei der Verwirklichung seiner Träume.

Dass auch seien Ex-Frau Lena hier wohnt, macht es auch nicht besser. Sie und Dagmar, ihre jüngere Schwester hecken einen Plan aus, um nicht weiterhin von der dürftigen Abfindung Lenas leben zu müssen. Die ist eh schon aufgebraucht.

Rolle könnte dabei eine entscheidende, ja was schon? Rolle spielen. Er ist 15. Und bei der geplanten Entführung des „Pädos“ fällt bestimmt auch was für ihn ab. Seine „Mutter“, der so genannten Kameradschaft, Dorffaschos, die jedem Klischee entsprechen, hätte bestimmt nichts dagegen, wenn es mal ein bisschen rauer zugeht in der Uckermark.

Auch Karl Krassow wünscht sich Veränderungen. Sein Stottern behindert ihn schon sein ganzes Leben lang. Genauso wie seine unrühmliche Vergangenheit – jeder trägt halt sein Scherflein mit sich herum. Dass er der einzige Handwerker im Umkreis von gefühlten Tagesmärschen ist, lässt ihn allerdings so manchen Spott ertragen.

Manfred Maurenbrecher lässt in dem fiktiven Ort die Puppen tanzen. Woller Wortwitz und mit gerechtfertigter Zuneigung wird Grünmantel zum Schmelztiegel der Kulturen. Von wegen eingefleischte Dorfgemeinschaft. Hier kocht jeder sein eigenes Süppchen. Allianzen sind Zweckgemeinschaften, die alsbald wieder gelöst werden. Man muss sich arrangieren. Wer also meint der Großstadt Berlin den Rücken kehren zu müssen, weil Gentrifizierung und Stress zu viel werden, der wird in Grünmantel auf veränderte Bedingungen treffen. Ob die allerdings besser gehandhabt werden können als in Neukölln, Charlottenburg oder Köpenick?

Kein Atlas kennt Grünmantel. Das ist alles nur erfunden. Doch so real und nah wurde Fiktion selten beschrieben.