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Die ermordete Cousine

Der Begriff Halbwaise erklärt nicht im Geringsten, was es mit dem so Bezeichneten auf sich hat. Eine Art Verwaltungsakt liegt dem Begriff inne. Margaret ist eine Halbwaise, die Mutter verstarb früh. Ihr Vater ist sichtlich überfordert, fördert sein Kind in jeglicher Hinsicht, nur Gefühle sind ihm fremd. Und das sollen sie auch ihr bleiben. Im Teenageralter verliert Margret auch noch den Vater, der testamentarisch verfügt hat, dass sein Bruder, Sir Arthur Tyrrell sich um sie kümmern soll. Natürlich gegen eine entsprechende Abfindung. Denn Sir Tyrrell ist nicht unbedingt mit üppiger Apanage ausgestattet. Vielmehr hatte er einmal riesige Schulden.

Diese Schulden bzw. die Tilgung der selbigen brachten ihm den Ruf des schwarzen Schafes der Familie ein. Denn mit einem Schlag war er schuldenfrei. Ja, er war sogar selbst zum Kreditor geworden. Dumm nur, dass der Debitor – bleiben wir in der Verwaltungssprache – plötzlich tot in seinem Zimmer lag. Sir Arthur Tyrrell ist erst einmal verdächtig: Sein Haus, er war Schuldner, der plötzlich zum Krösus wurde – der Verdacht, dass er etwas mit dem Ableben des nun Schuldners zu tun hat, liegt nah. Doch in diesem locked-room-mystery gibt es keine Gewinner. Außer Sir Arthur. Denn niemand kann ihm etwas nachweisen.

Cousine Emily freut sich wie ein kleines Kind als Margaret eintrifft. Auch Cousin Edward freut sich. Während Emily ihrer kindlichen Freude freien Lauf lässt, hegt Edward eher erotische Phantasien. Er – wenn man es unbedingt wohlwollend ausdrücke will – umgarnt das frisch eingetroffene Familienmitglied.

Doch Margaret weist ihn ab. Ihr Vater hatte bestimmt, dass sie allen amourösen Annäherungen standhalten solle. Und Sir Arthur, der Vater von Edward solle darüber wachen. Doch Sir Arthur sieht in der jungen Lady mehr die finanziellen Vorteile, mit Margaret kann er nichts anfangen. Und das Edward ihr den Hof macht, kann er überhaupt nicht gutheißen. Eigentlich sind das beide auf einer Wellenlänge. Dennoch redet er Margaret die Flausen aus. Und Edward soll abreisen. Nach Frankreich. Genauso abreisen soll die irische Kammerzofe von Margaret. Sie wird ersetzt durch eine abstoßende französische Gouvernante. Mit einem Mal nimmt das Drama seinen Lauf. Margaret hat eine finstere Vorahnung. Ist Edward wieder da? War er je weg? Wieso wird in ihrem Zimmer so geheimnisvoll herumgewerkelt? Und wieso führt sich die Kammerzofe so seltsam auf? Weiß sie nicht wo ihr Platz ist?

Joseph Sheridan Le Fanu zieht im literarischen Sinne die Fäden im Hintergrund und den Strick um Margarets Hals immer enger. Ist sie verrückt? Sind die Schatten der Vergangenheit noch immer präsent? Was ist mit dem Familiensinn? Eine Bettlektüre zum Gruseln für den Leser, für Margaret ist es bittere Realität: Ein neuerlicher Mord steht kurz bevor…

Tausend und ein Geschwätz

Eine namenlose Maquise kann einfach nicht schlafen. Da das Fernsehen noch nicht erfunden wurde (Zeit, Ort und Namen der Handelnden belieb anonym), und man sich damit leise in den Schlaf wiegen könnte, bittet die Baronin, ebenfalls namenlos den Abbé – man ahnt es schon: Auch er ist mit dem Stigma der Namenlosigkeit gezeichnet – eine Geschichte zu erzählen. Ein Märchen. Das soll helfen. Der Abbé hofft inständig, dass er nicht als Langweiler gilt, und beginnt sobald mit der Geschichte von Riante und Gracieux.

Riantes Geburt wurde – wie üblich in ihren Kreisen von Feen überwacht. Lirette, ein gute Fee, ist die Idealbesetzung für diesen Job. Denn schon während des Geburtsvorganges rumpelt es. Rare, die Mutter von Riante – schon allein die Namen (!) künden von der Erzählkunst des Autors – ist besorgt. Ein Omen? Nach einigem Suchen findet Lirette den Übeltäter bzw. die Übeltäterin. Wie üblich im Märchen gibt es zu jeder guten Fee auch eine böse Fee. Die heißt vielsagend Dreibuckel. Lirette ist auf der Hut, will helfen, aber erst einmal muss Dreibuckel ihren Zauberstab abgeben. Es kommt wie es kommen muss, Bauernschläue siegt über Liebreiz. Doch nur kurz!

Dreibuckel hat einen bösen Plan ausgeheckt. Der sieht vor, dass das behütete Kind, Riante, sich in den zwar schönen, aber reichlich naiven Ritter Gracieux verlieben soll. Als die Zeit reif ist, ebenso wie die bildhübsche und gebildete Riante, spinnt Dreibuckel ihre Fäden. Sie schlüpft in die Rolle Amors und spielt selbigen. Und siehe da, es klappt. Doch soll die Liebe nicht von Dauer sein… Ob die Marquise durch diese intrigante Geschichte von ihrer Schlaflosigkeit geheilt werden konnte, lässt Jacques Cazotte offen.

Dass „Tausend und ein Geschwätz“ als Nachttisch-Und-Einschlaf-Lektüre dient, ist zweifelsfrei bewiesen. Nicht, dass die Geschichte an sich einschläfernd sei – niemals. Doch als literarisches Betthupferl, dass dem Leser süße Träume bereiten kann, ist es eine willkommene Abwechslung zum Fernsehprogramm des Abends.

Feenwesen, die ihr Antlitz verändern können, die Macht der Liebe, der Ausschluss des rationalen Denkens – ein bisschen davon, ein bisschen hiervon und fertig ist ein kleines Büchlein, das große Wirkung entfalten kann. Jacques Cazotte beschäftigte sich mit Okkultismus. Mit ein bisschen Zwischendenzeilenlesen kommt man den Sympathien des Autors auf den Grund. Ob die Hingabe zur schwarzen Magie ihn dazu trieb seinen Freunden den Tod zu prophezeien, ist nicht überliefert. Ihr aufklärerisches war ihm zuwider. Hätte er den Gedanken, die Weissagung weitergesponnen, wäre ihm vielleicht der (vollendete) Gang zum Schafott erspart geblieben… Wer weiß, wer weiß.

Kuchen steht Kopf

Wer backen lernt, weiß, dass erst der Teig in die Form gegeben wird, und dann wird dekoriert. Dieses Buch stellt Jahrhunderte alte Traditionen auf den Kopf. Denn von nun an wird alles auf den Kopf gestellt und zuerst die Deko, Früchte und Verzierungen in die Form gegeben. Der Teig bildet das Schlusslicht beim Backen. Geht das überhaupt? Schmeckt das?

Getreu dem Buchtitel wird zuerst die letzte Frage beantwortet: Ja! Doch nur unter der Bedingung, dass mit Phantasie und Liebe gebacken wird. Das dürfte kein Problem sein, wenn man dieses Buch zur Hand hat und auch nur ein wenig darin herumblättert.

Also zuerst kommen die Früchte in die Form. Diese wurde zuvor mit Karamell oder Zucker ausgestrichen. Kurz schlucken. Alles ein wenig anziehen lassen und dann den Rührkuchenteig darüber geben. Ab in den Ofen. Warten. Warten. Warten. Fertig. Jetzt nur noch umstülpen. Und … wieder warten – warmer Kuchen schmeckt zwar lecker, aber man kann sich das Leckermäulchen verbrennen!

Welch Duft sich breitmacht und in welcher Pracht sich der Kuchen präsentiert! Denn weil man die oberste Schicht zuerst eingebracht hat, ist das optische Ergebnis umso überraschender. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ob eine Zahl aus Früchten für Geburtstage oder kreative Muster als Aha-Effekthascherei – Lobeshymnen werden die Folge sein.

Äpfel und Erdnüsse oder Mohn, Birne und Honig, Heidelbeeren, ob ganze Torten oder kleine Törtchen – Christelle Huet-Gomez hatte sichtlich Spaß am Ausprobieren und Backbuchschreiben. Rhabarber zaubert ein tolles Muster in den Teig. Beim Anschneiden läuft einem nicht nur das Wasser im Mund zusammen, es wird zeitgleich auch der Sehsinn stimuliert. Wie große Dominosteine (nicht das Gebäck, sondern das Spiel) kommt der Aprikosen-Karamell daher. Wenn Kirschen hinzukommen, entsteht ein feuriges Rot auf dem Kuchen.

Backen für alle Sinne könnte der Untertitel des Buches lauten, der dann ja eigentlich der Haupttitel wäre, wenn alles auf dem Kopf steht. Wird der Kuchen erstmal serviert, ist die Freude groß. Wenn man dann noch kundtut wie die Kuchentafel um den Hauptdarsteller entstanden ist, stehen alle Kopf. Ziel erreicht – Buchtitel bestätigt – „Kundschaft“ zufrieden. Was will man mehr?!

Popcorn melody

Wie stellt man sich das Ende der Welt vor? Lebloses Gestein, abwechslungsfrei, staubig. Wenn das so ist, dann lebt Tom Elliott am Ende der Welt, Shellawick (population: 1,100), irgendwo zwischen Hilflosigkeit und Sinnfreiheit. Er betreibt den örtlichen „Supermarkt“. Die Toreinfahrt zum Glück ist gerade mal so groß wie ein Mauseloch. Nichts gibt es hier im Überfluss. Was zu essen, was zum Waschen, was gegen Fliegen gibt es ausreichend. Alles andere unterwirft sich Lieferschwierigkeiten.

Die Einwohner leben von und durch Buffalo Rocks, die örtliche Popcorn-Fabrik, in der man besser das Maul hält und tut, was einem befohlen wird. Leben sieht anders aus. Alternative Gesprächsthemen sind nur bei Wetterumschwung zu erwarten.

Bis eines Tages ein echter Supermarkt direkt gegenüber vom Toms Hütte öffnet. Buffalo Rocks macht jetzt auch in Verkaufen. Die jammernden Kunden, die bei Tom nie das erhalten als die „Trilogie des Glücks“ (essen, waschen etc.), werden logischerweise fahnenflüchtig. Und Tom? Die Haikus, oder das, was er dafür hält – schließlich hat er mal Literatur studiert – reichen nicht mehr aus, um seinem Leben die nötige Portion Glück zu beschaffen. Er muss aus der Tristesse der Gewohnheit ausbrechen, um überleben zu können.

Okomi hatte schon vor einiger Zeit mit einem Messer vor seiner Nase herumgefuchtelt. Tom solle ihm was dichten. Okomi würde dann ein Lied daraus machen. Ja, es gibt schon skurrile Typen in Shellawick. Die einen klatschen in die Hände, wenn sie Toms Laden betreten, so dass jeder weiß, dass sie da sind, andere bringen nur drei Worte raus. Tom nimmt sie alle wie sie sind.

Doch nun verhält es sich ein bisschen anders. Die Ersparnisse sind weg, Emily an Toms Seite, und Okomis Scheck ist gedeckt. Ja, der Okomi mit dem Messer und dem übersichtlichen Wortschatz. Von den Tantiemen soll Tom nun auch profitieren. Und dank Emilys Drängen zahlt sich Toms Studium der Literatur nun endlich auch aus…

Émilie de Turckheim gelingt mit „Popcorn melody“ das Kunststück aus einem klassischen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Stoff eine rührende Geschichte zu schreiben, die fern jeglicher Klischees den Leser in ihren Bann zieht. Tom hat sich mit seinem faden Leben nicht abgefunden. Er flieht so oft er kann in eine andere Welt. Nie für immer, doch kurzzeitig ist er Out of Shellawick ohne alle Brücken komplett abzureißen. Der mächtige Riese gegenüber lässt ihn nicht in Panik ausbrechen. Einst war er das Werbegesicht der Firma, heute lacht er ihr frech ins Gesicht. Einen wie Tom Elliott bekommt man nicht klein.

Die Stadt der weißen Musiker

Dieses Land gibt es auf keiner Landkarte. Die Stadt existiert ebenso nur in der Phantasie des Autors und des Lesers. In dieser Stadt lebt ein Wunderkind. Dschaladat. Ein aufgeweckter kleiner Junge, der wie niemand sonst schafft einer Flöte Töne zu entlocken. Die Magie seines virtuosen Spiels verzaubert von nun alle, die ihn hören.

Doch an eine Karriere wie man sie nun vermuten könnte, ist nicht zu denken. Ishaki Lewzerin nimmt sich des Jungen an als der Krieg näher rückt. In den Bergen suchen und finden sie kurzzeitig Ruhe, um durchzuschnaufen. Doch die Stadt hat keine Ohren für die Poesie der sanften Klänge. Harte Einschläge aus der Ferne dringen an die Ohren der Städter, die längst kapituliert zu haben scheinen.

In dieser namenlosen Stadt regiert die Gewalt. Patrouillen schwadronieren durch die Straßen und Gassen. Jedes bewegliche Ziel wird zum Objekt der schießwütigen Einheiten. Wenn Dschaladat nun seine Kunst zeigen würde, wäre er dem Ende seines jungen Lebens näher als im bewusst ist. Das Einzige, was ihm blieb, was ihn auszeichnet, muss er wohl oder übel aufgeben, um überleben zu können.

Bachtyar Ali schreibt mit einer unfassbaren Poesie von dem Grauen eines menschenunwürdigen Lebens. Wenn man all seiner Phantasie und somit der Zukunft beraubt wird, bleibt nicht mehr viel wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Viele würden die Flinte ins Korn werfen und einem aufgezwungenen Lebensrhythmus folgen. So grau die Realität für Dschaladat ist, so bunt ist sein Herz. Und das strahlt in der Stadt der weißen Musiker wie kaum eine anderes.

Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali lebt seit er seine nordirakische Heimat verlassen musste in Köln. Mit „Der letzte Granatapfel“ setzte er den Startpunkt für eine literarische Karriere, die mit „Die Stadt der weißen Musiker“ die logische Fortsetzung erfährt. Die Bildsprache Alis ist mit keinem seiner Kollegen zu vergleichen. Dem Leserfällt es fast schon schwer zu glauben, dass Menschen in verzweifelten Situationen tatsächlich noch so hoffnungsvoll sein können. Wenn alle Auswege verstellt sind, zündet Bachtyar Ali eine Kerze an, um seinen Helden den Weg zu weisen.

Vintage

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen für einen Kicker, der, wenn es gut läuft vielleicht zwei Jahrzehnte die Fans in den Stadien begeistern kann. Welchen Preis ist man bereit hinzublättern, wenn es um eine Gitarre geht, die weitaus mehr Jahrzehnte den Fans rund um den Globus und mehr als nur anderthalb Stunden am Stück in andere Sphären entführen kann? Und wer soll diesen Preis bezahlen?

Thomas Dupré soll es bald erfahren. Er spielt in einer Band, die kaum jemand hören will und schreibt Konzertkritiken, die kaum jemand liest. Und er jobbt in einem, Nein, DEM Gitarrenladen von Paris. Im Prestige Guitars. Wer hier kauft, kommt auch wegen der Les Paul Goldtop, Sonderedition All Gold von 1954. Ein Schotte – von wegen Schotten sind geizig – bezahlt Flug und Spesen für den jungen Gelegenheitsverkäufer. Alles ist geregelt.

Charles Dexter Winsley heißt der geheimnisvolle Käufer der All Gold. Ein mehr als passionierter Sammler, der in einem Anwesen wohnt, das Thomas sofort bekannt vorkommt. Es gehörte einmal Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Anders als viele Rockmusiker, die gern behaupten „sie alle gehabt zu haben“, ist Lord Winsley ein Sammler, der alle hat. Alle bis auf eine. Eine Gibson Moderne. Die fehlt ihm noch in der Sammlung, und Thomas soll ein gefälliger Helfer sein! Nicht für die Beschaffung derselben, sondern nur für den Beweis, dass es dieses Prachtstück, das angeblich Jimi Hendrix und Jimmy Page spielen durften, auch wirklich (noch) gibt. Lord Winsley benötigt nur den Beweis. Ein Wunder? Oder doch zum Scheitern verurteilter Höllentrip? Oder einfach nur die Story seines Lebens?

Die Suche nach der Vintage-Gitarre beginnt ganz zeitgemäß im Internet. Zu viele Spinner, die sich über ihren Schatz auslassen. Denn wer wirklich eine echte 57er Moderne besitzt, behält das für sich. So viel weiß Thomas schon. Denn wenn es eine echte Moderne ist, ist es ein Prototyp. Und der ist mehrere Millionen wert.

Sydney ist der erste Anhaltspunkt. Lord Winsley hat den entscheidenden Tipp gegeben. Ein japanischer Sammler rühmt sich das begehrte Sammlerstück zu besitzen. Doch die Spur führt zu einer wild zusammengewürfelten, nicht mal als Fake zu bezeichnenden Klampfe. Memphis scheint da schon eher eine heiße Spur zu sein. Bruce, ein abgehalfterter Elvis-Psychobilly-Bandleader liefert sich in einem Forum ein heißes Wortgefecht unter der Gürtellinie mit anderen Gitarrenexperten. Dank der Finanzspritzen vom Lord aus den Highlands ist der Trip gesichert. Doch Bruce unterlag beim Kauf einem folgenschweren Irrtum.

Grégoire Hervier schickt Thomas auf einen Rock-‘n-Roll-Roadtrip durch die Musikgeschichte und jagt ihn von Memphis den Mississippi entlang bis ins Delta, dann nach Chicago und New York. Die Zweifel werden größer und jeder Hinweis wischt diese schlagartig hinfort. Rock ‘n Roller wie Abenteurer werden ihre helle Freude am glockenklaren Klang der Worte haben. So sehr, dass das Ergebnis der Suche in den Hintergrund rückt. Die Fakten, die Grégoire Hervier auftischt sind echt. Die Story entspringt der Phantasie des Autors, fast schon wie die Legende von der Gibson Moderne von 1959…

Vorspeisen zum Jüngsten Gericht

Antreten zum Ohrfeigen-Abholen! Alles in Reih‘ und Glied?! Zack, bäm, aua! Das tut weh! Schon das erste Newtonsche Gesetz besagt, dass jede Aktion eine Reaktion hervorruft. Also ist dieses Buch die eigene Rechtfertigung uns Deutschen nicht nru den Spiegel vorzuhalten, sondern sofort nach der Anklageverlesung die Strafe zu verabreichen.

Dietmar Wischmeyer übertreibt gern. Und derb! Beschämt zieht man den Kopf ein, versteckt sich hinter der Lektüre, nur, um bloß nicht noch eine gescheuert zu bekommen. Vergebens. Wischmeyer kriegt sie alle! Und alle bekommen eine auf die Rübe, in die Fr… oder einen Tritt in den Allerwertesten.

Dietmar Wischmeyer befürchtet, dass, wenn es einen Gott gibt, der auch Buch darüber führt wie wir uns aufführen. Und wenn er das tut, hat er sicher auch einen Grund dafür. Und der kann eigentlich nur Auswertung heißen. Oder auf Neudeutsch: Wir haben ein Audit! Schon allein für diese Formulierung gibt es von Wischmeyer einen Doppelschlag ins Sprachzentrum. Nun ja, dann sitzen wir alle auf der Anklagebank. Allein die Verlesung der Anklagepunkte dauert wohl bis zum Jüngsten Gericht, wenn es denn nicht schon da wäre.

Der Rundumschlag beginnt bei denen, die jede Ausdünstung mit der Welt teilen müssen. Angefangen bei den sozialen Netzwerken bis hin zu denen, die sich gern selber quälen müssen, um sich lebendig zu fühlen bzw. einen Grund brauchen endlich mal ein Buch zu veröffentlichen. Er nennt keine Namen, doch das Elend ist jedermann bekannt.

Die brachiale Sprachgewalt – Deutsch ist ein schöne Sprache, eine abwechslungsreiche Sprache, eine vielschichtige Sprache – bringt den Leser oft an den Rand der Verzweiflung. Denn nicht einer ist frei von Schuld, auch Wischmeyer nicht. Er steht aber nun mal vorn am Pult und wedelt mit der Rute der Vergeltung. So mancher Peitschenhieb hinterlässt Spuren. Der Schmiss der Egomanie lässt sich nicht abwaschen. Und so wandern wir gebrandmarkt durch den Alltag der Unzulänglichkeiten. Wischmeyer pfeift uns zurück, lässt uns in den Lehrbüchern des Lebens einzelne Passagen noch einmal lesen. So lange bis wir kapieren.

Die „Vorspeisen zum Jüngsten Gericht“ sind kein Zuckerschlecken. Bittere Medizin für sensible Gemüter, Lachkrampfanfälle auslösende Zeilen für alle, die sich selbst nicht so ernst nehmen.

Wenn alles so kommt, wie von Wischmeyer prognostiziert, dann können wir in unseren letzten Tagen benehmen wie die Axt im Walde. Jede angestrengte Verbesserung würde wie eine Seifenblase zerplatzen. Holt die Knüppel raus, das Ende ist nah. Und dann stehen wir da, mit den Füßen schon in der Sintflut und keine Stimme flüstert zärtlich: „Komm her, is ja gut!“. Das Ende ist nah, das Urteil schon gesprochen. Und als letzte Mahlzeit … dieses Buch! Zufrieden sterben mildert die Schmach, wenn auch nur ein wenig.

Memoiren eines alten Arschlochs

Wer kennt sie nicht?! Die Alleskönner, die jeden kennen, ihren „Beziehungen spielen lassen“, und das Gefühl vermitteln an der Kasse noch etwas rauszubekommen. Aufschneider könnte man sie nennen. Angeber. Auch Arschloch. Das darf man sagen, schließlich hat Roland Topor die Erlaubnis gegeben.

Sein namenloser Held ist so ein Aufschneider, Angeber, Arschloch. Und er ist sich auch dessen bewusst. Zugeben würde er es natürlich niemals. Er lebt schließlich in seiner eigenen Welt, die ihm nicht erlaubt über die selbst abgesteckten Grenzen zu treten.

Er – der Namenlose – ist schon früh von der Kunst beseelt. Dann, als Jugendlicher, junger Mann, bringt er die Kunstwelt zum Kochen. Picasso läuft ihm hinterher wie ein läufiger Hund. Breton wird durch ihn zu seinem surrealistischen Manifeste du Surréalisme animiert. Er zockt Einstein beim Poker ab. Und mit Grock, dem Clown, verbrachte er Nächte hinter den Kulissen eines Tanztheaters auf den Hügeln von Paris. Welches er selbstredend erfunden hatte.

Ja, er ist ein Aufschneider, als größenwahnsinnig kann und muss man ihn beschreiben. Solange er einem nicht auf die Pelle rückt, ist es zu ertragen. Aber wehe, wenn er vor einem steht und man die offensichtlich erfundenen Geschichten über sich ergehen lassen muss. Zum Glück ist alles nur Fiktion. Übertrieben, überbordend vor Lebenslust, überquellender Drang sich in den Vordergrund zu spielen. Und zum Glück (nur) als Buch erhältlich.

Denn so kann man, wenn es zu viel wird, die Seiten schließen und sich selbst ein wenig Ruhe gönnen. Doch die Sucht hat schon vom Leser Besitz ergriffen. Nun will – man muss – einfach mehr erfahren. Will wissen, was er sich als nächstes ausgedacht hat, wen er zum Handeln angetrieben hat. Das wie und warum ist nebensächlich. Ihm geht es einzig allein nur um eine Sache: So schnell wie möglich das Natürlichste von der Welt selbiger kundzutun. Er ist die Triebfeder des Fortschritts. Ohne ihn wäre die Kunst nur Beiwerk des Teufels. Er allein hat die Moderne angeregt, ins Rollen gebracht. Ihren Fortgang kann er nicht mehr beeinflussen- er hat Besseres zu tun.

Der Titel macht auf sich aufmerksam wie selten ein Buch zu vor. Darf man das A-Wort sagen, es sogar auf den Titel drucken? Ja, natürlich. Die Selbstverständlichkeit des fiktiven Ichs fordert die Nennung geradezu heraus. Die Zeilen lassen kein Auge trocken sein. Wer auch nur ansatzweise ein wenig (Kunst-)Verstand besitzt, kommt dem Lügengemäuer schnell auf die Spur. Na und?! Ist doch alles nur ein Spaß.

Für Roland Topor muss es ein Vergnügen gewesen sein. Er selbst war ein Tausendsassa. Bühnenbilder und Prosa, Filmrollen und Bücherillustrationen bestimmten sein Lebenswerk. Regisseure wie Fellini waren von ihm beeindruckt. Polanski gab seinem „Mieter“ das darstellende Pendant zur Schrift. Ob Er nun wirklich ein Arschloch war, muss der Leser entscheiden. Die Stories sind teils so hanebüchen, dass man ihn eher bedauert – auf alle Fälle sich aber köstlich amüsiert.

Goethes Faust und Einsteins Haken

Wenn Schach das Spiel der Könige ist, ist dann Boxen das Spiel der Straßenköter? Dieses Buch hetzt Wissenschaftler aufeinander (bzw. in den Ring), die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben können: Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler. An den Unis gehen sich beide Fachrichtungen oft aus dem Weg. Klischee! Doch schon in der Antike gab es große Schnittmengen. Wer wissenschaftlich arbeitete (egal, ob nun experimentell oder theoretisch – was machen eigentlich theoretische und experimentelle Physiker?), trieb sich auch im anderen Fach herum. Was wohl auch der Tatsache geschuldet war, dass, wenn man schon lesen (und denken) es auch anwenden wollte (und konnte). Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert? Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert!

Doch ganz so bierernst sollte man die Intention nicht nehmen. Annika Brockschmidt – als Historikerin und Germanistin Handtuchhalterin in der Ecke der Geisteswissenschaftler – und Dennis Schulz – als Zahlendreher mit Diplom zuständig für Blessurenverarztung und Nackenkühlung in den Ringpausen – benehmen sich nicht wie Don King und legen es auf blutige Scharmützel im gepolsterten Science-Ring der Eitelkeiten an. Vielmehr sind sie die Vorberichterstatter der Kämpfe, die unblutig und amüsant nur ein Ergebnis kennen: Einmütiges Unentschieden.

Man stelle sich vor wie die im Titel angekündigten Einstein und Goethe in den Ring schreiten. Welche Einlaufmusik läuft? Ein Geigensolo bei Einstein und ein Walzer bei Goethe? Einstein wäre begeistert von Goethes Eloquenz und angestachelt durch dessen Hochmut. Goethe hingegen würde an Einstein Lippen hängen, weil er sich gern selbst auch als Naturwissenschaftler sah und wäre mit der kecken Art des Gegenübers nicht übereingekommen. Voller Witz hätte Einstein schmerzende Haken verpasst. Voller Verkopftheit wäre so manche Gerade im Gefühlsgedärm des Wuschelkopfes gelandet. Zäh waren beide, aufgegeben hätte niemand.

Ein Füllhorn an Anekdoten und Deutungen ist „Goethes Faust und Einsteins Haken“ allemal. Von Alexander dem Großen und Schrödinger, über Roosevelt und die Medici bis hin zu Galilei und Röntgen reichen die möglichen Kontrahenten, die nicht immer gleich als Wissenschaftler, jedoch als große Köpfe zu erkennen sind. Ein bisschen wie bei den so genannten Promiduellen im Fernsehen oder den Celebrity Deathmatches auf MTV in den 90ern. Ernstnehmen nur bedingt, sich unterhalten lassen unbedingt. Nur wer partout einen klaren Gewinner erwartet, muss enttäuscht das Buch beiseitelegen. Alle Anderen hatten eine vergnügliche Lesezeit.

Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands

Heimatland des Fußballs und Welthauptstadt des Finanzwesens – wenn man sich die Schlagzeilen der vergangenen Jahre anschaut, bekommt man schnell ein leicht schräges Bild von England. London ist immer noch eine der am häufigsten besuchten Städte der Welt. Doch hat man dann England wirklich kennengelernt? Nein, niemals, auf gar keinen Fall!

Denn England blüht, immer noch und immer wieder. Wer es sich leisten kann, macht aus seinem privaten Fleckchen Boden einen natürlichen Altar, eine optische Reizüberflutung, ein Paradies. Die Autoren Sabine Deh und Bent Szameitat kennen sich gut aus in England, Sabine Deh hat hier gearbeitet und ihre Leidenschaft für die Insel nie abgelegt. Warum auch, wo es doch so schön ist? Klingt wie eine abgedroschene Floskel. Doch wer auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert, kann gar nicht anders als zustimmen.

So einen Reiseband darf man nicht außeracht lassen, wenn England, speziell der Süden auf dem Routenplan liegt. Von Cornwall und Devon über Dorset und Hampshire bis in die Grafschaften Kent und Sussex führt diese natürlich geplante Reise durch wahre Schätze des menschlichen Gestaltungswesens. Doch so nüchtern es klingen mag, so emotional wird diese Reise. Denn es sind nicht irgendwelche Gärten. Hier wohnten und leben teilweise immer noch Persönlichkeiten, die man kennt.

Die beiden Autoren besuchen zum Beispiel Petworth House und den dazugehörigen Park. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Das Anwesen gehörte einst dem Dritten Earl of Egremont. Und der war ein Fan von William Turner, dem Maler. Er richtete dem Künstler hier ein Atelier ein. Durch die Landschaft flanieren und vielleicht die Original-Motive eines der größten Künstlergenies des 19. Jahrhunderts genießen – das ist doch was, oder?! Oder wie wäre es mit dem Garten von Agatha Christie, Greenway House? Keine Angst, Blut fließt nur in ihren Büchern!

Keine Angst sollte man auch vor Monk’s House haben. Vor rund einhundert Jahren wechselte das Haus für siebenhundert Pfund den Besitzer. Für die Dame, die es ersteigerte, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie verkaufte ihr bisheriges Refugium, und ist seitdem unveränderlich mit dieser Adresse verbunden: Virginia Woolf.

Die beiden Autoren schlendern durch den Süden Englands und überhäufen den Leser mit einer Bilderpracht und einem Füllhorn an Informationen (jedes Kapitel wird mit entsprechenden Links, Adressen, Öffnungszeiten und Anfahrtstipps sowie Anregungen für weitere Spaziergänge geschlossen), die nur einen Schluss zulassen: Englands Süden und im Besonderen die Gärten müssen in absehbarer Zeit besucht werden. Das erste Gepäckstück hat man bereits. „Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands“ ist unverzichtbar, nicht nur für Naturliebhaber.