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Was ist Ihr größter Traum?

Wenn man Daniel R. Gygax nach seinem größten Traum fragt, wird er bestimmt sagen, dass er ihn gerade lebt. Um die Welt reisen, Hinterlassenschaften von Generationen, Epochen, großen Reichen betrachten, begeisterte Menschen treffen. Und ihnen eine Frage stellen: „Was ist Ihr größter Traum?“ Und dann daraus ein Buch machen. Gleich der Erste, Tony, hat es geschafft – er lebt seinen Traum. Und man liest, dass Tony auf den Cook Islands lebt. Da muss mancher erstmal den Globus hervorkramen. Cook Islands? Wo haben die sich denn versteckt? Ostnordöstlich von Australien und nordnordöstlich von Neuseeland, Tonys Heimat. Als Leser, neugieriger Weltenbummler, Kulturhungriger denkt man sich, dass man hier sicher seine Träume leben kann. Tony hat das getan. Er „floh“ von Neuseeland, vor der Zivilisation, um hier ein ungestörtes, doch hartes Leben mit den Einheimischen zu führen.

Lan aus Vietnam formuliert ihre Antwort rationaler. Ihren Kindern soll es einmal gut gehen, damit sie im Alter für sie sorgen können. Thayana aus Brasilien ist neugierig für eine Teenagerin. Sie ist ja auch eine. Die Welt bereisen, Schauspielerin werden, das ist ihr Traum. Ein Haus, noch drei Kinder und ein Leben in einer modernen Gesellschaft, davon träumt Namunyak aus Kenia. Sie hat schon fünf Kinder und lebt somit schon einen Teil ihres Traumes. Ihr Gegenüber steht Karen. Sie lebt schon in einer modernen Gesellschaft, in New York. Auch sie, die alles zu haben scheint wovon zumindest Namunyak träumt, ist bei Weitem noch nicht am Ziel ihrer Träume. Sie will eine große Familie gründen. Und kurzfristig ihr Examen beenden. Bodybuilder Big Bill aus Santa Monica will in Frieden leben.

Doch es sind nicht nur die ewig strahlenden Gesichter, die Daniel R. Gygax in seinem Buch abbildet. Die Welt ist zwar rund, hat jedoch zwei Seiten, wie eine Medaille. Jean aus Kamerun gibt sich keinen Illusionen hin. Träume hat er keine mehr, schon lange nicht. Immer wieder wird er gezwungen seinen angestammten Siedlungsplatz, seine Heimat im Wald zu verlassen. Wut steigt in ihm auf, wenn er das Wort Träume hört.

„Was ist ihr größter Traum?“ zeigt, dass die Menschen der Welt doch nicht so verschieden sind. Solange sie träumen, sind sie am Leben. Und solange sie leben, gehen ihre Träume nicht unter.

Was bedeutet für Sie Freundschaft?

Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller … Freunde. Daniel R. Gygax ist schon mehrmals um die ganze Welt gereist. Ob die Taschen dabei voller Geld waren, ist unerheblich. Denn er war immer voller Neugier, voller Tatendrang, manchmal ein wenig verunsichert, fast immer überrascht. Denn Daniel R. Gygax reiste (und reist immer noch) mit einem Spezialauftrag im Gepäck: Er will wissen, was die Menschen bewegt. Und dabei ist er sehr effizient. Nur eine Frage – mehr nicht. Und die lautet: Was bedeutet für Sie Freundschaft?

Eine nur auf den ersten Blick simple Frage. Vertrauen, Verlässlichkeit und vor allem Glück und Liebe sind nur vier Schlagworte, die dabei oft fallen. Egal, wo auf der Welt. Ob in den Metropolen Lateinamerikas, wo Gygax mehrere Jahre lebte oder in bislang unbekannten Dörfern auf kaum bekannten Pazifikinseln. Nur eine Frage – und so viele Antworten. Wer Freundschaften pflegen kann, tut dies mit besonderer Vehemenz und Hingabe. Wer sie sucht, erklimmt erst dann eine höhere Stufe der Zufriedenheit, wenn er sie gefunden hat.

Globalisierung als Chance – nein so weit geht der Autor nicht, wenn er vom dritten Band seiner Reihe spricht. Von Ägypten und Angola über Frankreich und Griechenland, Nepal und Namibia bis nach Papua-Neuguinea und Vanuatu. Keine Reise, die man mal eben so im Reisebüro bucht. Dem eigenen Drang folgen die Welt zu erkunden und Bleibendes zu hinterlassen.

Bereits die Vorgänger „Was macht Sie glücklich?“ und „Was ist Ihr größter Traum?“ sorgten für Aufsehen. Mit dem Freundschaftsband schließt sich der Kreis der weltumspannenden Fragen und Antworten, was Menschen antreibt: Das Glück mit Freunden Träume zu verwirklichen. Das müssen keine großartigen Dinge sein. Der alltägliche Endorphinausstoß sorgt für mehr Furore im Herzen als so manches große Geschenk. Denn Glücksgefühle entstehen jede Tag aufs Neue, kommen überraschend, sind nur bedingt planbar.

Das Stimmungsbild der Befragten reicht von düster über abgeklärt bis hin zu überbordenden Aussagen. Jung und Alt, arm und reich, nachdenklich oder spontan: Freundschaften sind der Motor, der sie antreibt, die Menschen, die tagein, tagaus ihr Leben meistern. Und Daniel R. Gygax ist ihr Chronist, hält fest, was festzuhalten ist. Mit einigen steht er bis heute in Kontakt, auch nach Jahren. Denn dieses Buch hat eine lange Geschichte. Sieben Jahre Verspätung hat es nüchtern betrachtet. Doch die Zeit wurde exzellent genutzt, um mehr Interviews zu führen, interessante Menschen zu treffen und ein rundes Bild unserer runden Welt abzuliefern. In kurzen Szenen beschreibt der Autor wie er die Interviewpartner traf. Die ausdrucksstarken Portraits  erlauben es dem Leser sich ein Bild von den Menschen zu machen, die sich so offen über ihre intimsten Gedanken äußerten. Ein Buch, das man immer wieder gern zur Hand nimmt – als Motivationshilfe oder einfach nur zum Herumblättern – und das man gern verschenkt. Vielleicht an ganz besondere Freunde…

Das letzte Spiel

Jeder kennt diese Typen: Sie sonnen sich im Glanze der Anderen, hecheln ihnen nach, begrüßen die eigentliche Fremden wie vertraute Freunde, die man ewig nicht mehr gesehen hat und grinsen permanent grenzdebil in jede Kamera. Julien, um den es in diesem Buch geht, meint, dass er der einzig starre Punkt im Universum ist. Und sich alles um ihn zu drehen hätte. Er ist Schriftsteller, und er arbeitet gerade an seinem „großen Roman“. Ein Denkschrift, eine Trauergeschichte … sein Leben. Denn, wenn er einmal nicht mehr ist, wird man merken wie wertvoll sein Leben war.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Julien geht es finanziell gut. Arbeiten im eigentlichen Sinne muss er nicht. Er treibt Sport, um die Glieder geschmeidig zu halten, schreibt im Café ein paar Zeilen, nur um sie dann lautstark wieder zu verteufeln. Es ist ein hartes Leben. Für ihn.

So schnell wie sich an einem Apriltag das Wetter drehen kann, ändert sich Juliens Leben. Er muss die Seiten wechseln, vom Schreiber zum Beschriebenen. Nach einem (durchorganisierten – ja, das kann Julien) Kurzurlaub in der Bretagne zusammen mit Berthe, seiner Freundin, fiebert Julien. Und zwar gewaltig. So sehr, dass er sein eigenes Ende kommen sieht. Er beschließt im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben … zu ordnen. Hektisch kritzelt er sein Testament aufs Papier. Sein unehelicher Sohn, der aus einer kurzen, aber heftigen Liaison einst an der Côte entstand, soll alles erben. Während seine Mutter in der Küche für ihn kocht, soll sein Freund Alfred Juliens Werke zurückkaufen. Ohne den „großen Roman“ vollendet zu haben, ist es nicht anzuraten, dass andere sein Werk lesen. Noch immer dreht sich Juliens Welt nur um einen Punkt.

Julien ist so von sich überzeugt, dass er keinerlei Ratschläge annimmt. Er suhlt sich gern im eigenen Leid. Mögen Freunde, Familie, Ärzte sagen, dass es ihm über Kurz oder Lang wieder gutgehen wird – Julien wird sterben. Er weiß das. Und er will in Ruhe sterben. Doch es kommt anders. Der leidende Literat erholt sich. Und doch ist alles anders. Die Freunde sind passé. Julien hat niemanden mehr, dem vom „großen Roman“ erzählen kann, dem er sein Leid klagen kann. Das unbeschwerte Leben verliert an Reiz. Selbst Maud, in die er sich verguckt, kann ihn nicht aus der Reserve locken. Eine Affäre würde beiden nichts bringen. Der Fieberwahn hat seine Auswirkungen hinterlassen.

Philippe Soupault gibt seinem Helden die Sporen des Lebens. Und des Leidens. Als betuchter Bohème lebt Julien in den Tag hinein. Alles hat seinen Platz, alles ist durchdacht, straff organisiert. Mit einem Mal ist alles anders. Planungen streifen die Reichweite seiner Arme. Freundschaften befinden sich außerhalb selbiger. Und wenn einem doch einmal eine helfende Hand gereicht wird, kann man sie aus unerfindlichen Gründen nicht greifen. Julien reift in „Das letzte Spiel“ vom lästigen Angeber zum mitleiderregenden Verlierer, der scheinbar doch nicht alles hatte.

Das Gesicht Deutschlands

„Das Gesicht Deutschlands“ – ein Sittengemälde, eine Abrechnung mit den vorherrschenden Meinungen? Nein, dieses Buch ist das, was es vorgibt zu sein. Es zeigt das, was man tagtäglich sehen kann. Nicht alle zugleich, aber jeder für sich. Wen es in die Ferne zieht, der bekommt einen anderen Blick auf das, was vor der eigenen Haustür wächst, gedeiht, blüht, welche Pracht es entfalten kann. Bernd-Jürgen Seitz, promovierter Biologe und Leiter des Referats Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Freiburg i. Br., zeigt die Charakteristika dessen, was sichtbare Heimat ist.

Deutschland ist dicht besiedelt. Echte naturbelassene Landschaften sind spärlich gesät und somit schützenswert, aber – und vor allem – sehenswert. Jeder hat schon mal den Urlaub, egal, ob kurz oder lang, in Deutschland verbracht. Und jeder hat dabei – egal, wo dieser Urlaub nun stattgefunden hat – mindestens einen Ort für sich entdeckt, der etwas Besonderes darstellt. Das kann ein Aussichtspunkt sein, eine Schlucht, ein Berg, dicht bewachsener Wald, aber auch eine grüne Oase im hektischen Großstadtdschungel. Und dieser Ort hat sich tief ins Gedächtnis eingegraben, ihn wird man niemals wieder vergessen können.

Bei Bernd-Jürgen Seitz sind diese Orte gleich mehrfach vorhanden. Doch ihm geht es nicht zu zeigen, wo er sich am wohlsten fühlt, er will darüber hinaus auch noch zeigen, wie diese Landschaften entstanden sind, was sie so charakteristisch macht und vor allem, wie prachtvoll sie sich dem Besucher präsentieren. Und das alles gepaart mit einer ordentlichen Portion Wissen über Entstehungsgeschichte und Entwicklung. Die Bilder sprechen jedes für sich. Eindrucksvoll und oft überraschend. Die Darstellungsdiagramme vermitteln auf eindringliche Art und Weise ein Gesamtbild, das man sich so eigentlich niemals vorstellt. Zum Beispiel ist Sachsen ein fast exaktes Spiegelbild Gesamtdeutschlands. Wenn man nur die Bevölkerungsdichte betrachtet. In Deutschland leben rund 227 Menschen pro Quadratkilometer. In Sachsen sind es 220.

Das Kapitel „Was liegt wo in Deutschland“ sorgt bei allen Geographie-Muffeln für Besorgnis. Doch keine Angst, eine Eignungsprüfung für dieses Buch muss man nicht ablegen. Vielmehr ist es anders herum. Wer eine Prüfung zur Biologie, in Geographie oder Sachkunde vor der Brust hat, kommt mit diesem Buch, bzw. mit der intensiven Lektüre des Buches, ziemlich weit. Wie natürliche Ländergrenzen teilen Flüsse und Gebirge Deutschland. Administrativ sieht es da natürlich anders aus.

Landschaft bedeutet aber auch, und vor allem in Deutschland Nutzfläche. Je weiter man in den Norden vordringt, desto geringer wird der Anteil des Waldes an der Gesamtfläche. Bayern ragt mit rund 37 Prozent aus der Masse hervor. Bremen als kleinstes Bundesland kann nur zwei Prozent vorweisen. Selbst das am dichtesten besiedelte Nordrhein-Westfalen wartet noch mit 26 Prozent auf.

„Das Gesicht Deutschlands“ ist nicht nur ein Bilderbuch, das man sich in Ruhe immer mal wieder auf den Schoß legt, um darin ein wenig zu blättern. Es ist darüber hinaus auch ein Lehrbuch, ohne den obligatorisch erhobenen Zeigefinger, das zeigt, dass Deutschland schon immer bunt war, wie farbenfroh es ist und dass es wert ist genau so bunt zu bleiben…

Der Neger

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Mann bringt eine Prostituierte um, wird aber nicht bestraft. Punkt. Aus. Ende. Das ist dann aber kein Stoff für eine Geschichte. Auch wenn der Titel noch so sehr für Aufregung sorgen sollte.

Der namenlose Ich-Erzähler dieser Geschichte trifft eines Tages Edgar Manning. Er ist der Neger. Ein großer, grober Kerl, der das Leben genießt. Laut und kräftig, rauchend und trinkend. Es war Schicksal ihn zu treffen. Ein Freund, ein Reverend, hat ihn kurz vor seiner Abreise vor diesem Edgar Manning gewarnt. Er, Edgar, hat die Angewohnheit Menschen in seinen Bann und mit in den Abgrund zu ziehen.

Doch es kommt anders. Da steht er: Breitbeinig, breitschultrig, bereit das Leben mit seinen Pranken zu verschlingen. Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Edgar ist Drummer in einer Jazzband. Das sagt er, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt. Doch sein Geld verdient er mit Drogen und Mädchen. Beides verkauft und benutzt er.

Edgar, der Neger, der Afrika nur symbolisiert und mit Nichtem im Herzen trägt trifft Europa. Sie ist Prostituierte und ihm anfangs willig, später ist sie tot.

Alles geht rasend schnell in diesem Kurzroman. Philippe Soupault hetzt in seinem Erstling den Erzähler von ein Ah zum nächsten Oho. London, Paris, Barcelona, Lissabon – egal, wohin der Erzähler auch geht, Edgar Manning ist schon da. Mal Musiker, mal schwer schuftender Malocher. Und immer mit einem Geheimnis gesegnet. Und immer mit offenen Armen für den Freund. Oder doch Fremden? Edgar ist ein Außenseiter, ein Exot, Outlaw, immer jemand, der die Gesetzmäßigkeiten missachtet und eigene Regeln aufstellt. Freunde hat er nicht. Dem Erzähler begegnet er mal distanziert, ein anderes Mal überhäuft er ihn überschwänglich mit Umarmungen. Dem Erzähler schwinden die Kräfte Edgar Manning einordnen zu können. Und so schaut er ihm mit großen Augen beim Leben zu.

Philippe Soupault ist der vergessene Mitbegründer der Surrealisten um André Breton und Louis Aragon. Guillaume Appolinaire gehörte zu seinem Freundeskreis, ihm verdankte er seinen Durchbruch als Literat. „Der Neger“ ist ein Gleichnis. Nicht umsonst heißt die Ermordete Europa und der Mörder ist der Neger. Heinrich Mann lobt im Vorwort die Tiefe dieses Romans im Speziellen und die des Werkes im Allgemeinen. Philippe Soupault zu lesen, bedeutet vor allem eines: Eine Nähe zum Autor und seinen Protagonisten aufzubauen ohne zu viel Vertrautheit aufkommen zu lassen. Der Widerspruch zwischen Nähe und Distanz wird bei Soupault wie durch Zauberkraft aufgehoben. Edgar Manning ist keiner, mit dem man am Tisch sitzen möchte. Aber es bereitet eine diebische Freude ihm zuzusehen. Sympathie? Nicht unbedingt. Neugier? Auf alle Fälle.

Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten

Ganz praktisch gesehen, ist man mindestens einmal im Jahr froh über die Errungenschaften der Medizin. Nämlich dann, wenn der Zahnarztbesuch ansteht. Man stelle sich vor, der Bohrer würde noch handbetrieben sein. Das Wort Sterilität wäre eine Waffe aus „Game of Thrones“. Oder Schmerzmittel wären in erster Linie dazu da selbige zu verursachen…

50 Mal staunen, Kopfnicken und ein kräftiges Durchschnaufen. Der Titel lässt zuerst einmal die Neugier hochkochen. Dann einen Schauer über den Rücken laufen. Doch dann siegt doch der Wissensdurst und man blättert ein wenig im Buch herum. Oh weh, Chamberlens Geburtszange. Ein fieses Instrument. Und damit sollen Kinder auf die Welt gebracht werden? Doch spannender ist die Geschichte dahinter. Fest steht, es war ein Peter Chamberlens, der im 17. Jahrhundert diese Geburtszange erfand. Nur welcher? Es gab nämlich zwei. Zwei Peters. Und die waren auch noch Brüder. Nicht sonderlich einfallsreich, was da die Eltern bei der Namensvergabe abzogen. Umso einfallsreicher Peter, welcher auch immer. Der Ältere saß sogar im Knast, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, oder was man damals in England dafür hielt. Die Erfindung brachte erst einmal die Hebammen auf. Gebären war Frauensache, Geburtshilfe ebenso. Und mit Werkzeug bei diesem fast schon heiligen Moment hantieren, das ging gar nicht. Nichts hat’s geholfen, die Zange ist heute noch in modifizierter Form in Benutzung.

Gruseliger ist da schon eher der Anfang des Buches. Trepanierte Schädel. Sieht aus als ob jemand versucht hätte aus einem menschlichen Schädel eine Bowlingkugel zu basteln. Medizinisch sind es Bohrlöcher, die man immerhin bei fünf bis zehn Prozent der gefundenen Schädel von vor viertausend bis zehntausend Jahren entdeckt hat. Ob es da schon dieses Buch gegeben haben könnte? 50 Objekte, die die Geschichte der Medizin darlegen? Wohl kaum. Die Bilder erschrecken, dennoch wird das Verfahren noch heute angewandt, nennt sich aber Kraniotomie.

Wer jetzt Angst hat, dass dieses Buch einem sprichwörtlich den Boden unter den Beinen wegzieht, kann beruhigt werden. Es gibt auch weniger blutrünstige Verfahren und Objekte. So wie die Tontafeln aus Mesopotamien. Die enthielten nämlich auch medizinisches Wissen, das eine der ersten niedergeschriebenen Grundlagen bildete. Oder der Chinarindenbaum. Der enthält Chinin, wird bevorzugt in der Malaria-Prophylaxe und –Behandlung eingesetzt. Der Begriff Malaria stammt von den Römern – mala aria, schlechte Luft. Schon im 18. Jahrhundert hörte man von der „Wunderwirkung“, doch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es „salonfähig“. Von der Petrischale über die künstliche Niere bis zur Insulinspritze liest man sich in diesem Buch durch die Jahrtausende der Heilung und der Prävention. Die Illustrationen untermauern die historische Bedeutung der im Buch vorgestellten Errungenschaften, die Texte enthüllen so manches Geheimnis. Nur die Angst vorm Zahnarzt kann auch diese Buch nicht nehmen…

Die Zeit der Mörder

Am Abend des 12. März 1942 kommt Philippe Soupault an sein Haus. Das Tagwerk ist vollbracht – da steht plötzlich ein Mann hinter ihm. Elegant, wie aus einem Gangsterfilm entsprungen. Er lupft sein Revers. Polizei. Zwei weitere Gestalten halten sich ohne ein Wort, stoisch und deswegen bedrohlich im Hintergrund. Sie wollen ein paar Fragen beantwortet haben, sich ein wenig umschauen. An der Wende zum Freitag, dem 13. März 1942 muss er ihnen aufs Revier folgen. Zeugenbefragung. Ganz vorsichtig ist man von nun an auf beiden Seiten. Soupault braucht den geforderten Anwalt nicht, er solle ja nur als Zeuge befragt werden. Mehr nicht. Wäre er abergläubisch, wüsste er, was auf ihn am Folgetag zukommt.

Kurzer Prozess. Er wird inhaftiert. Wegen Landesverrat. Er habe – wir sind im unter französischer (Vichy-Regime, wohlgemerkt!) Protektion stehenden Tunesien – wichtige Papiere an den Feind – England – weitergegeben, wodurch ein Versorgungsschiff für die Truppen Rommels nicht seiner Aufgabenerfüllung gerecht werden konnte.

Philippe Soupault hatte Jahre zuvor den Auftrag bekommen in Tunis einen Radiosender zu installieren und zu leiten, der der Mussolini-Propaganda durch Radio Bari entgegenwirken sollte. Léon Blum, der erste sozialistische Ministerpräsident Frankreichs persönlich gab dem Journalisten und Künstler Soupault den Auftrag. Es ist immer die Wahrheit, die das erste Opfer des Krieges bildet. Das weiß Soupault. Er weiß von auch, was ihm blüht, wenn die Geheimpolizei, das Vichy-Regime, die Pétain-Schergen ihn in die Finger bekommen.

Zorn, Verzweiflung, Selbstaufgabe umgeben den Gefangenen im „Fall de R.“ – Soupault – von nun an. Die Aussicht bald die Einzelzelle gegen das Sonnenlicht einzutauschen schwindet mit jedem Tag. Doch er bewahrt sich seien Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Mehr als einen Monat sitzt er zu Beginn in Einzelhaft. Seiner Frau verschweigen die Behörden die Festnahme. Erst Tage danach darf sie ihren Mann im Gefängnis besuchen.

Soupault findet Freunde – Vertraute – begegnet aber solchen, denen man lieber aus dem Weg geht. Denunzianten gibt es überall. Im Gefängnis ist ihre Macht jedoch stärker, wie einige Mitgefangene leidvoll erfahren müssen.

Die Zeit verrinnt. Die Hoffnung einmal wieder seine Familie zu sehen, ist für ihn kein Thema. Er hätte zu sehr unter enttäuschten Hoffnungen zu leiden. Doch eines Tages geschieht das Unerwartete: Philippe Soupault kommt frei! Als freier Häftling darf wieder hinaus in die Welt. Ja, ein Häftling wird er immer bleiben, da ist er sich ganz sicher. Aus alter Verbundenheit besucht er regelmäßig seine ehemaligen Leidensgenossen. Was für Unruhe sorgt. Genauso wie die bevorstehende Invasion der Alliierten. Soupault schafft es rechtzeitig die Stadt zu verlassen. Doch zu welchem Preis?

Philippe Soupaults Erinnerungen an die Gefängniszeit sind düster und erhellend zugleich. Die Zustände beklemmen in erster Linie ihn, den Schreiber, den Gefangenen, aber auch den Leser. Der zaghafte Optimismus, der nie offen zur Schau getragen werden darf, lässt Hoffnung aufkeimen. Dennoch bleibt „Die Zeit der Mörder“ ein bedrückendes Zeitdokument, das für den Autor Fluch und Segen zugleich war. Das Buch erschien1945 in den USA. Es dauerte siebzig Jahre (!) bis es auch in Frankreich, seiner Heimat erschien, obwohl er wieder dort lebte und maßgeblich im Widerstand arbeitete. Nur zwei Jahre dauerte es bis das Buch auf Deutsch erschien…

München und das Auto

Das Oktoberfest ist vorüber, die Wunden sind geleckt und der Verkehr in der bayrischen Landeshauptstadt läuft wieder „normal“. Was man halt so als „normal“ bezeichnet. Denn Großstädte haben keinen „normalen“ Straßenverkehr, bestenfalls „normalen“ stockenden Verkehr.

Für Verkehrsplaner ist es eine Mischung aus Methusalem- und Sisyphosaufgabe diesen Fluss zu leiten, Historisches an Ort und Stelle zu belassen sowie diesen Fluss nicht der eigentlichen Bedeutung zu berauben. Seit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 1972 an München hat sich die Stadt gravierend geändert. Ein Dorf mit einer Million Einwohnern bekommen sie Spiele, lästerten die Spötter damals. Heute ist aus dem Dorf von einst eine Stadt mit weit über eine Million Einwohner geworden, die den Standard in puncto Lebensqualität für den Rest Deutschlands vorgibt. Die nördlichste Stadt Italiens nennen es die Tourismuslenker. Doch wer Touristen beherbergen will, muss sie ziehen lassen (können). München hat viel zu bieten, was lohnt besucht zu werden. Flexible Mobilität in Zeiten erhöhter PKW-Zahlen ist essentiell für eine Stadt wie München.

Axel Winterstein wirft einen Blick zurück auf die Veränderungen in der Stadt mit besonderem Augenmerk auf die verkehrstechnische Entwicklung. Wer vom Hirschgarten  zum Stachus fährt auf die Fahrbahn hinausschaut, sieht nur wenige Vehikel rollen. 1900, als in München die erste Fahrprüfung weltweit absolviert wurde (20 Prozent der Prüfling fielen durch, weil ihr Gefährt den Anforderungen der Prüfer nicht standhielt), waren weniger Fahrzeuge zugelassen als heute in einer Spur an einer roten Ampel stehen.

Kriege verändern überall auf der Welt das Antlitz einer Stadt. Der Wiederaufbau bot den Stadtplanern die Chance nicht Zerstörtes, Bewahrenswertes, Wiederaufzubauendes in die neue Zeit zu integrieren. Immer mehr Fahrzeuge „bevölkerten“ die Wege, wo nur ein paar Jahrzehnte zuvor dampfende Pferdehäuferl die Luft verpesteten. Bereits 1905 sollte Pläne erstellt werden eine U-Bahn in München zu installieren. Der Plan wurde verworfen, da sich eine Bahn wie in Paris und Berlin erst ab einer Einwohnerzahl von einer Million rechnet. Könnten Verkehrsplaner alles so genau voraussehen, würde das Wort Stau auf der Liste der bedrohten Wörter stehen.

„München und das Auto“ ist sicher kein Reiseratgeber im herkömmlichen Sinn. Die „Kleinen Münchner Geschichten“, die durch dieses Buch zweifelsohne bereichert wird (unter anderem handeln sie vom Fußball oder dem Tod, also den Friedhöfen, in München), sind ideale Zusatzlektüre für einen Besuch – egal wie lang – in Weltstadt mit Herz. Kleien Anekdoten lockern die faktenbeladenen Kapitel auf, so dass sich dieses Buch in einem Ritt durchlesen lässt. Ohne ins Stocken zu geraten, zeigt sich München so wie es sich gern nach außen präsentiert: Offen, modern, zugängig. Eine Rundfahrt ohne die Umwelt zu belasten, die dem Leser mehr als nur einen Blick hinter die Kulissen des Fortschritts erlaubt.

Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Lesbos, ägäisches Eiland vor den Toren des Orients. Irgendwann am Nachmittag, am Strand, an einer Lagune sitzt ein Mann und schreibt. Er scheint zu grübeln. Ach ja, wir sind in einer Zeit, die knapp zweieinhalb Jahrtausende zurückliegt. Und der Mann, der da im Strand sitzt, erholt sich keineswegs im Sabatical, wie es heutzutage gern mal gemacht wird, sondern grübelt tatsächlich. Psst, ganz unter uns, er erfindet gerade die Naturwissenschaften. Sein Name: Aristoteles.

Naja, ganz so locker sollte man die Geschichte dieses Buches nicht nehmen. Armand Marie Leroi, Professor für Evolutionäre Entwicklungsbiologie in London, nimmt den großen Denker und seine – bis heute anhaltende – Vorreiterrolle auch nicht auf die leichte Schulter. Wohl auch deswegen ist dieses Buch in vielfacher Hinsicht ein Schwergewicht.

Natürlich hat Aristoteles die Naturwissenschaften nicht erfunden. Die waren schon immer da, nur hat man sie eben nicht erkannt bzw. sie formuliert bzw. nicht mit ihnen hantiert. Wie auch immer, Lesbos war ein Zufluchtsort für Aristoteles. Seine Lehrtätigkeit an der Akademie in Athen ruhte, weil er sich nach Platons Tod dort nicht mehr wohlfühlte. Er folgte dem Ruf Hermias‘, der auf dem Lesbos gegenüberliegenden Festland regierte. Hier konnte er sich voll und ganz seinen Studien widmen. Klingt nicht gerade spannend, doch Aristoteles war kein Erbsenzähler, er war derjenige, der die Regeln unseres Universums auf den Weg brachte und entscheidende Vorformulierungen niederschrieb. Insofern ist er für den Physik- Chemie- und auch den Biologieunterricht unserer Zeit mitverantwortlich. Bitte jetzt kein Aufstöhnen!

„Die Lagune“ ist kein Buch, das man mal so nebenbei beschreibt. Man muss es lesen. Natürlich gibt es keine vollends wahrhaftigen Quellen aus dieser Zeit. Kein digitales Erbe steht heutigen Wissenschaftlern zur Verfügung. Die Texte über Aristoteles sind tendenziös und meist von Bewunderung oder Missgunst verfasst. Der etwas aufmüpfige Titel macht neugierig, die Dicke und Schwere des Buches lassen nicht minder schwergewichtigen Inhalt erahnen, die Aufmachung lässt die nötige Ernsthaftigkeit des Projektes in den Vordergrund rücken. Anders als so mancher Wissenschaftler, der mit altbackenem Humor und seinem Oberflächenwissen Quote machen will, überzeugt Leroi mit Wissen bis in die untersten Schichten. Dabei vergisst er niemals den Leser mitzunehmen auf eine Reise, die ihn gleichermaßen in die Vergangenheit als auch in die Zukunft entführt. Man kann dieses Buch an den  Stränden von Lesbos lesen, muss man aber nicht. Man kann im Physikunterricht den Lehrer mit Fleiß und Wissen beglückt haben, muss man aber nicht. Wer sich die Mühe macht und „Die Lagune“ mit Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit liest, wird es mit mehr als einem Lächeln und Erhellung auf ganzer Linie wieder zuklappen und ab und an wieder hervorkramen. Dafür sorgt allein schon die stilsichere Schreibweise des Autors.

1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, Ein historischer Stadtführer

Das Jahr 1968 steht symbolisch wie kaum ein anderes Jahr für das Nachkriegseuropa. Alt-68er, die 68er-Generation, die 68-Revolten – alles Begriffe, mit denen man einen Umbruch, ein Umdenken gleichsetzt. Alles begann jedoch schon einige Zeit früher.

Vietnam ächzte seit über einem Jahrzehnt unter dem Krieg der USA. Das brachte humanistische Denker und Täter auf die Straßen und Barrikaden. In Berlin wurden Demos gegen das totalitäre Regime des Schahs brutal niedergeknüppelt. Der bekennende Nazi Kurras erschoss den Studenten Benno Ohnesorg. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit Rudi Dutschke an der Spitze protestierte lautstark und an der Grenze des damals Legalen gegen den Krieg, das Vergessen und verkrustete Strukturen in der Gesellschaft. Berlin war damals eine losgelöste Stadt mit Sonderstatus. Und es war die Hauptstadt der Proteste in Deutschland.

Eintausendneunhundertachtundsechzig Jahre nach Christi Geburt wurden wieder oder immer noch die neuen Götter ans Kreuz genagelt. Doch anders als das gelobte Land und Jerusalem ist das brandenburgische Golgatha noch nicht zur Pilgerstätte der 68er-Jünger geworden. Wohl auch, weil die Orte der Revolte kaum noch im Bewusstsein verankert sind bzw. in Berichten über diese Zeit nur am Rande erwähnt werden, um Pilgerströme zu verhindern.

Das gediegene Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße, eine mittlere 50er Zahl. Wer‘s googelt, bekommt als Treffer einen Gastronomiebetrieb, dessen Geschäftsgegenstand der Betrieb einer Bar ist. Von freier Liebe ist man hier meilenweit entfernt – 1968 war hier die Kommune 1. Die erste von vielen Kommunen, doch mit Abstand die berühmteste mit den berühmtesten Bewohnern und Gästen: Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Andreas Baader.

An die blutigen Knüppeleien der Beschützer des Schahs, die am 2. Juni am heutigen John-F.-Kennedy-Platzes geschahen, erinnert heute wenig bis gar nichts mehr. Trotzdem ein historischer Platz – schon wegen des Namens und der vorangegangenen Kundgebung, knapp vier Jahre zuvor, als Kennedy sein berühmtes Bekenntnis zur Stadt hinausplärrte. Hier machten die Massen auf das menschenverachtende und verschwenderische Regime des Schahs aufmerksam. Nach dem Besuch der Oper, Bismarckstraße, hieß es „Knüppel frei!“ auf der einen, und „Beine in die Hand nehmen!“ auf der anderen Seite. Für Benno Ohnesorg war in der  Krummen Straße Schluss. Ebenso für die Zeit der Unschuld.

Es sind nicht nur die Plätze der Gewalt, die in diesem Buch Zeugnis ablegen, vom Berlin vor einem halben Jahrhundert, einer Zeit, die bis heute nachwirkt und die Gesellschaft wahrhaftig und nachhaltig verändert hat (was allerdings erst heute so richtig bewusst ist). Und es sind nicht nur Orte in West-Berlin, die über diese Zeit berichten. Chausseestraße 131, heute 10115 Berlin. Dort wohnte Wolf Biermann, der hier die Zeilen zu „Drei Schüsse auf Rudi Dutschke“ schrieb. Und wieder Gewalt! Die Schüsse fielen am Ku’damm, Hausnummer 71, dem SDS-Zentrum in Berlin. Dutschke wohnte ein paar Häuser weiter, damals in 1000 Berlin 31.

„1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, ein historischer Stadtführer“ ist sicher kein Wegweiser in die Revolution. Die Orte der Aufstände aber der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, wäre fatal. Der Höhepunkt der teilweise gesellschaftlichen Umwälzungen gehört zum Sprachgebrauch, genauso wie die Häuser, Straßen, Plätze, die Geschichte machen sollten. Keiner will mehr Wasserwerfer, egal, ob auf dem Ku’damm oder sonst wo, sehen. Niemand will mehr anlässlich eines Staatsbesuches mit Zaunlatten traktiert werden. Und Straßenlöcher sollen nicht ihre Ursache im Weitwerfen haben. Doch die Erinnerungen an bewegte Zeiten zu löschen, ist kein Kavaliersdelikt. Auch und gerade als gelungenes Gegenstück zu den unzähligen Shopping-Ratgebern für die neue alte Hauptstadt ist dieses Buch mehr als ein Mitbringsel für jeden Berlin-Besucher.