Archiv der Kategorie: aus-erlesen ungewöhnlich

Austria – A Soldier’s Guide

Man spricht ja gern mal salopp vom Einreiten oder Einmarschieren, wenn man in einen Gasthof einkehrt. Im Falle dieses Buches sollte man sprachliche Sorgfalt walten lassen. Denn dieses Büchlein war einmal eines der meistgedruckten Bücher überhaupt. Es wurde an die Soldaten der britischen und amerikanischen Armee ausgegeben, die in Österreich einmarschierten (!) bzw. während und nach dem Zweiten Weltkrieg dort stationiert waren.

Reisen war damals Luxus. Das Internet noch ferne Zukunftsmusik. Der Informationsfluss in Sachen fremder Kultur so gut wie kaum vorhanden. Wie sollte man nun seine Soldaten, die als Befreier das Land einnahmen darauf vorbereiten, dass hier, tausende Kilometer weg von der Heimat der aus einer anderen Richtung bläst?

Solche Art von Büchern gab es für einige Länder, auch Deutschland. Zuerst einmal muss dem Leser klar sein, dass dieses Buch vor über siebzig Jahren gedruckt wurde. Deutschland, inkl. des einverleibten Österreichs gegen den Rest der Welt. Zum Lesen hatten die Soldaten kaum Zeit. Verknappung wohin man nur schaute. Auch bei den Informationen. In Österreich können überall Gefahren lauern. Ein versprengter Nazitrupp oder Einzeltäter – niemals die Waffe unbeaufsichtigt lassen. Nicht fraternisieren! Man könnte die neuen Freunde nicht wieder loswerden.

Krankheitsgefahr. Die Nazis hatten unter der Ärzteschaft, die vorrangig aus Juden bestand, radikal die Anzahl verringert. Ärztemangel war die Folge und in Folge dessen auch Krankheiten. Den Sold sollte man als bewaffneter Staatsdiener besser sparen, es gab eh nichts zu kaufen. Die Bevölkerung wurde von anderer Seite versorgt.

Es ist ein abgeklärter, direkter, nicht interpretierbarer Text, der schon fast schroff anmutet. Die düsteren Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Auch wenn einige Passagen auch heute noch nachvollziehbar bzw. anratbar sind. In politische Diskussionen im Ausland mischt man sich nicht ein. Man kann nur verlieren. Denn die eigene Sichtweise muss nicht immer mit der Sichtweise – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – des Anderen übereinstimmen.

Dieses Buch liest sich trotz der gewaltigen Zeitspanne zwischen Erscheinen und Gegenwart wie aus einer anderen Welt. Ein Knigge für Soldaten, die gerade als Befreier kommen und denen man nicht unbedingt den roten Teppich ausrollt, sollen sich zusammenreißen. Sie sind Vertreter ihres Landes. Machen sie Fehler, fällt das auf Jahre auf eine gesamte Nation zurück. Lange her? Schon bei den Namen Abu Ghraib, Guantanamo, Charleston wird es zahlreiche Menschen und Gruppierungen geben, die sich wünschen solche Leitfäden würden heutzutage noch gedruckt und nach ihnen gehandelt werden…

Joki und die Wölfe

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Joki ist gerade umgezogen. Mit seiner Mutter zu Knut. Weg von der Oma und dem gelben Haus, das roch wie es aussah. Sanja von nebenan war immer für ihn da, wenn es jemanden zum Spielen braucht. Auch wenn sie ab und zu mal ein bisschen rauften, waren sie doch unzertrennlich.

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Schwarzohr hat gerade ein bisschen herumgetollt. Eine Maus, wollte sich aus dem Staub machen. Nicht mit ihm. Sein Jagdinstinkt ist geweckt. Eben hatte er noch mit seinen größeren Geschwistern ein bisschen gerauft … bis eben die Maus ihren Weg kreuzte. Doch nun sind alle weg.

Joki, hat ein Schwesterchen bekommen. Deswegen waren Mama und Knut auch nicht da, als er im neuen Heim aufkreuzte. Zuvor hatte er im Wald gespielt. Schon vor Tagen, noch vor der Zeugnisausgabe, hatte er noch nie gesehene Spuren im märkischen Boden entdeckt. Sanja meinte es sei ein Wolf. Aber das kann doch nicht sein! Die gibt es allenfalls noch im Märchen.

Zwei laute Knalle verändern das Leben von Joki und Schwarzohr. Schwarzohrs Eltern wurden von einer Kugel getroffen und sind nun auf der Flucht. Schwarzohr, der inzwischen bei Joki untergekommen ist, geht mit Joki auf eine lange Reise…

Grit Poppe zieht gekonnt Parallelen zwischen den beiden Welt der beiden Protagonisten. Doch anders als in der Mathematik kreuzen sich die beiden Lebenswege an einem dramatischen (Wende-)Punkt. Joki, der kleine zehnjährige Junge erfährt in seinen Schulferien das Abenteuer seines Lebens. Während zu Hause Fienchen (Jokis Schwester) mit allen Würden begrüßt und umhegt wird, kümmert sich Joki liebevoll darum, dass Schwarzohr wieder zu seinem Rudel kommt. Ohne die Wölfe zu vermenschlichen, wird eines offensichtlich: In Freud und Leid kommen sich Wölfe und Menschen so nah wie man es nicht für möglich hält. Die Fürsorge schweißt die Familien zusammen. Gefahren besteht man am besten gemeinsam.

Jedes Kapitel wird sowohl aus der Sicht des Kindes als auch aus der Sicht des Wolfsjungen Schwarzohr erzählt. Die Kapitel sind außerdem in verschiedenen Schriftgrößen und –arten gestaltet. Der Wolf kehrt zurück. Fast scheint es wie ein Hohn, dass die allzu oft und allzu heftig geforderte Rückkehr zur Natur auch Schattenseiten haben soll. Der Wolf ist hungrig, wie alle Lebewesen. Dass er dann auch mal zu eingepferchten Tier greift, ist normal. Doch seine Essgewohnheiten dann als schlecht auf das gesamte Wesen zu übertragen, ist eine mehr als fragwürdige Methode. Joki ist ein Kind. Ein gefühlvolles Kind, das den Wolfsjungen in seine Obhut nimmt, um es vor der Flinte des Stiefvaters zu schützen und zu seiner Familie zurückzubringen. Im Anhang des Buches wird der Jugendroman ins rechte, sachliche Licht gerückt. Fragen wie „Darf man ein Wolfsjunges mit nach Hause nehmen? Werden hier leicht verständlich zusammen mit anderen Fakten beantwortet. Immer noch Angst vorm Wolf? Dann ist dieses Buch die ideale Lektüre!

Die Diagnosen des Dr. Zimmertür

Was für ein Name: Zimmertür! Ein Doktor noch dazu. Genauer gesagt Psychoanalytiker. Aus dem Staunen wird verhaltener Respekt. Aus dem anfänglichen Amüsement Neugier. Wer sich mit dem Gedanken trägt ein kriminelle Laufbahn einzuschlagen, oder es im schlimmsten Fall schon getan hat, sollte nun die Beine in die Hand nehmen. Denn Dr. Zimmertür ist der Feind aller Übeltäter. Auch wenn sie noch so gewitzt sind. Oder gerade, wenn sie meinen dem gemeinen Ermittlervolk mit Tricks und Kniffen entkommen zu können.

Dr. Zimmertür, leicht dicklich, fahle Gesichtsfarbe, eingeschlafene Augen betreibt in Amsterdam ein ganz gut funktionierende Praxis. Zu hm kommt, wer es einfach nicht mehr aushält in und mit der Welt. Meist schon vor Betreten des Behandlungsraumes weiß der belesene Arzt, wo der Schuh drückt. Beängstigend, oder?!

Entspannung findet er in der Bodega von Beeldemaker. Er ist ein Genussmensch und wenn Kommissar Groot ihm Gesellschaft leistet, wird es oft spät. Denn Zimmertür ist – ob nun gewollt oder nicht, das lässt sich nicht endgültig klären – ein gewiefter Fallstrickentwirrer, ein Ermittler mit besonderen Methoden. Ovid und Baudelaire sind ihm genauso nah wie die Schriften Freuds.

Und so kommt es, dass ihm Kriminalfälle einfach so in den Schoß fallen. Er kann einfach nicht anders als sie zu lösen. Ein einfaches Beisammensein. Alle amüsieren sich, Zimmertür ist mehr eine Zufallsbekanntschaft als eingeladener Gast. Mehr Seltsamkeit als zugehöriges Mitglied der Gruppe. Beim Golfen entdeckt die Gruppe einen kleinen Schatz. Groß das Erstaunen über den Zufallsfund. Doch der seltsame Mann mit der ungesunden Gesichtsfarbe entpuppt sich als Spielverderber. Denn Kommissar Zufall hat mit dem Fund rein gar nichts zu tun.

Nur eine Geschichte der Diagnosen des Dr. Zimmertür. Verunsicherte Antiquitätenhändler, Justizminister in der Bredouille, Verleger in brandgefährlichen Situationen – alle kommen mit dem Gesetz in irgendeiner Art in Berührung. Nicht immer freiwillig.

Frank Hellers Doc ist bei Weitem kein gewöhnlicher Arzt und schon gar nicht ein „normaler“ Ermittler. Er war die erste skandinavische Spürnase, die international übersetzt und verlegt wurde. Eine echte Wiederentdeckung für alle Kriminalfans, denen ewig grübelnde Eigenbrödler die Lust auf neue Seiten verderben. Dr. Zimmertür ist gelassen wegen seines Erfolges. Er tut nur seinen Job. Eine Wohltat für alle Leser, denen die Literatur ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern vermag.

Die Fledermaus

Sie sind ja irgendwie ganz niedlich, oder gar posierlich, diese fliegenden Wesen. Aber wenn sie auf einen zuflattern und erst im allerletzten Moment abrupt die Richtung ändern, wird einem schon ganz anders. Vor allem, weil es so viele Gruselgeschichten über Fledermäuse gibt. Kein Wunder, sind sie doch nur nachts zu sehen bzw. eben nicht. Und sie saugen einem das Blut aus. Klischee! Nicht mal richtige Mäuse sind sie. Weswegen auch vorgeschlagen wurde sie einfach nur Fleder zu nennen. Doch da hatte ein gewisser Trivialmaler österreichischen Ursprungs was dagegen und drohte mit Bautruppeinsatz im Osten Europas… So bleiben uns bis heute die Fleder-Mäuse.

Gunnar Decker war gerade in Venedig. Wollte schreiben und hatte sich wie üblich eine Wohnung gemietet. Doch er war nicht allein. Etwas streichelte ihn sanft des Nachts. Nicht Ungewöhnliches, nichts Unangenehmes. Doch sonderbar und deswegen dann doch unangenehm. Die Stadtverwaltung hatte zur Vermeidung einer Mückenplage Fledermäuse „engagiert“. Und die taten das, worum man sie „gebeten“ hatte. Mückenjagd. Kollateralschäden inklusive.

Doch der Schaden hielt nicht lange an. Gunnar Deckers Neugier und Ehrgeiz war geweckt: Die Boten der Nacht ins Tageslicht zu locken. Und er stieß bei seinen natur- und geisteswissenschaftlichen Erkundungen auf allerlei Wissens- und Lesenwertes.

Klar, dass der gefederte Graf aus den Bergen Rumäniens nicht fehlen darf. Dracula hat mehr zur Vereinigung Europas beigetragen als es Politiker und Wirtschaftsbosse je erreichen werden. Vielleicht sogar die ganze Welt. Die Interpretationen der Werke von vom Bram Stoker und Mary Shelly trugen maßgeblich dazu bei Fledermäuse mit dem Bösen gleichzusetzen.

Ganz neu war dies aber nicht. Schon die alten Römer nagelten Fledermäuse an die Stallungen, um Böses fernzuhalten. Und Schauergeschichten über die Leichtgewichte der nächtlichen Lüfte füllen bis heute die Kuriositätenseiten der Gazetten. Als Überträger von Viren sind sie nachweisbar eine Gefahr. Aber eben nicht generell.

Gunar Deckers Ausflug in die Biologie, Literatur und Geschichte ist der Einstieg in ein Gebiet, dass wenig von sich preiszugeben vermag ohne an Mythen vorbeizukommen. Die weit aufgerissenen Mäuler, wenn man sie denn mal zu Gesicht bekommt, sind einzig allein Ausdruck von Atmung. Fledermäuse atmen mehrmals pro Sekunde, wenn sie auf Beutezug sind. Im Ruhezustand kann man sowohl Herzschläge wie auch die Atemzüge an einer Hand abzählen. Das faszinierte Staunen des Lesers hingegen ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen.

Aleppo literarisch

Das Erste, das im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Dann kommt der Wiederaufbau. Den muss man feiern. Und wie? Mit neuen Gebäuden, Einkaufszentren, neu errichteten, durchgestylten Vierteln. In einer Zeit, in der anscheinend Bilder mehr bewirken als Worte, verlieren so genannte immaterielle Werte schnell an Bedeutung. Sie sind halt einfach nicht greifbar, nicht darstellbar. Doch sind es genau diese Werte, die eine kulturelle Identität darstellen, kreieren, interpretieren und für kommende Generationen bewahrt werden müssen.

Der Krieg in Syrien ist mittlerweile zum Tagesgeschäft geworden. An allen Ecken und Enden zerrt man am plattgemachten Land. Millionen Syrer sind verstreut in alle Himmelsrichtungen. Ihre Erinnerungen schwinden mit jedem Tag ein bisschen mehr. Assimilation verlangt man von ihnen. Damit einher geht oft auch die Forderung Vergangenes zu vergessen.

Mamoun Fansa wurde in Aleppo geboren. Er spricht auch nach einem halben Jahrhundert immer noch den Dialekt seiner Heimatstadt, die auf syrisch Halep heißt. Im deutschen Exil ist er immer noch Halbi, Aleppiner. Leider bietet die deutsche Sprache ihm nicht die Möglichkeit zwei Heimaten zu besitzen. In Aleppo ist das egal. Hier gilt er als einer der Einheimischen. Ihn beschäftigt sehr, dass die Kultur seines Landes, seiner Geburtsstadt den Schreckensmeldungen der Nachrichten weichen muss. Mit diesem Buch setzt er diesem menschenverachtenden Treiben einen Gedankenstopp entgegen. Kinderspiele, Musiktraditionen, Gedichte und ein Rückblick in die Geschichte geben der Stadt, in der der Bürgerkrieg so arg wütet (es ist kaum mehr als das, was in den Nachrichten transportiert werden kann), ein Stück Wahrhaftigkeit zurück. Zusammen mit Schriftstellern, Musikern und Historikern setzt er einen Teil der kulturellen Identität der Stadt, die durch Giftgasangriffe, Bombardements und Elend zu einem Synonym des Krieges geworden ist, ein lebendiges Denkmal.

Das Aleppo der Erinnerungen wird niemals wieder so sein wie es mal war. Zumindest nicht auf Bildern. In den Köpfen kann es wieder erblühen. Bis es soweit ist, müssen diese Werte bewahrt werden – da ist es wieder das Wörtchen „wahr“. Es gibt ein paar Bildbände über Syrien und Aleppo. Auch Mamoun Fansa hat beim Nünnerich Asmus Verlag einen beeindruckenden Bildband („Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“) veröffentlicht. Seite an Seite, Seite für Seite zeigt er Aleppo vor und während des unsäglichen, und vor allem unnützen Krieg. „Aleppo literarisch“ ist nicht nur eine Fortsetzung, es ist die logische Konsequenz einer Stadt nicht die Erinnerung zu nehmen und den Kämpfern das Feld zu überlassen.

Noch ein Wort zur „nicht greifbaren Kultur“. So weit entfernt Aleppo von Deutschland zu sein scheint, so ähnlich sind sich doch die gebräuchlichen Sprichworte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „Lange Rede kurzer Sinn“ oder „Platz ist in der kleinsten Hütte“ sind hier wie da seit jeher gebräuchlich. Gehen sie hier im Wust der Abkürzungen und Neuschöpfungen des digitalen Zeitalters langsam, aber sicher verloren, werden sie im Bombenhagel immer noch hochgehalten. Das ist wahre Courage!

Costa Rica

Was ist ein besonderer Urlaub? Der allererste mit den Eltern. Der allererste ohne die Eltern. Der allererste als Paar. Eine Reise, auf die man lange gespart hat. Eine Reise, deren Anreise so lang dauert, dass man einen kompletten Reiseband einmal von Vorn nach Hinten und dann wieder von Hinten nach Vorn lesen kann. Gerade dann ist es wichtig, dass die Reiselektüre spannend, informativ und bis ins kleinste Detail hilfreich ist. Und wenn man Letztes zusammenwürfelt, erhält man eine Reise nach Costa Rica, die mit diesem Reiseband ein Stückchen näher rückt.

Costa Rica sticht nicht nur in Lateinamerika, sondern generell aus der Masse an Ländern und Reisezielen heraus. Es gibt keine Armee im Land, Massentourismus ist verpönt und deswegen nur marginal vorhanden, Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Ein Füllhorn an Naturattraktionen, zwei Meere, Bergtouren, action and fun (so viel Anglizismus muss sein), eine lokale Küche, die jedem Leckermäulchen ein permanentes Lächeln ins Gesicht zaubert, endlose Strände – klingt irgendwie nach Paradies. Ist es auch!

Hat man bzw. kann man sich dazu entschließen Costa Rica zu besuchen, wird es Zeit die Reise genau zu planen. Wer dem durchorganisierten Wahnsinn mit hinter einem Regenschirm gruppenweise durchs Dickicht der Hotspots folgenden Herde entgehen will, muss selber seine Reise zusammenstellen. Dieser Urlaub soll etwas ganz Besonderes werden. Autor Jochen Fuchs hat mit seinem Reiseband, der besonders auf Individualreisende zugeschnitten ist, die Bibel aller Costa-Rica- Reisebände zusammengestellt.

Das besondere Highlight sind die Touren, die es dem Neuling im Land zwischen Nicaragua und Panama vereinfachen auf der Suche nach dem Paradies fündig zu werden. Egal ob man knapp zwei Wochen, reichlich zwei oder drei Wochen bleiben will. Immer wieder streut er Anekdoten, wichtige reisepraktische Tipps ein, die farbig unterlegt nicht nur zum Lesen, sondern zum Nachmachen und Erleben einladen.

Die Masse an Naturparks überfordert den Reisenden an der einen oder anderen Stelle. In Ruhe kann man im Buch nachlesen, welche Attraktionen die einzelnen Parks bieten. Ob nun am Seil durch den Dschungel gleiten und über die Wipfel des Regenwaldes Naturschauspiele aus einer besonderen Perspektive hautnah erleben oder lieber im glasklaren Wasser der Karibik furchteinflößenden Geschöpfen über die Flosse streichen, oder beim Bummel durch Liberia, der kleinsten Provinzhauptstadt mit den Einheimischen die Siesta verdösen, dieses Buch ist ein Ratgeber zu jeder costaricanischen Tageszeit. Die nützlichen und detaillierten Karten stehen als Download für elektronische Geräte zur Verfügung. Das Buch selbst wird man immer dabei haben – so viel steht schon lange vor der Abreise fest.

So wie man Obst isst, um einer drohenden Erkältung entgegenzuwirken, so dringend empfiehlt es sich in dieses Buch als Reisegrundlage für Costa Rica zu vertiefen. Jochen Fuchs ist das, was man einen Landeskenner nennt. Und er beweist das auf jeder der knapp 600 Seiten.

Von Inseln, die keiner je fand

„Lügenatlas! Lügenatlas!“, das hat wohl noch niemand skandiert. Doch es gibt Anhaltspunkte und Fakten … und dieses Buch. Wer immer in ein Reisebüro geht und nach außergewöhnlichen Reisezielen fragt, kann mit ein paar Tricks den Verkäufer um den Verstand bringen.

Unbuchbar ist beispielsweise eine Reise auf die Inseln Los Jardines. Der Name klingt doch real, zumindest vertrauenserweckend. Irgendwo, wo die Sonne niemals aufhört zu scheinen. Die Qualität des Reisebüros erkennt man dann daran, dass der Verkäufer mit einem Spruch kontert, der einen darauf hinweist, dass man ein knappes halbes Jahrhundert zu spät kommt. Denn 1973 wurde dieses Insel/ Inselgruppe endgültig  von den Landkarten gelöscht. Was war passiert? Ein Vulkanausbruch oder eine andere Naturka(r)tastrophe? Mit nichten. Die Inseln haben einfach nie existiert. Eroberer hatten sie erwähnt, aber ihre Existenz konnte nie bewiesen werden.

Ein Art Atlantis. Auch dieser Mythos wird in diesem Buch nicht minder amüsant und faktenreich beschrieben. Als ein Eiland, auf dem die Zivilisation geboren wurde. Ein Eiland, von dem aus Eroberungsfeldzüge gestartet wurden. Ein Eiland, das wohl nicht mehr oder minder niemals mehr als ein Mythos.

Malachy Tallack war wie viele andere schon länger von den verschwundenen, sagenumwobenen Inseln begeistert. Überall in Niederschriften, auf Karten, in Büchern findet man Hinweise auf Inseln, die letztendlich „keiner je fand“. Und immer wieder gab es Forscher, die den Mythen Glauben schenkten – aus unterschiedlichsten Gründen – und teils auf Teufel komm raus Beweise und Fakten für deren Existenz liefern wollten. So vermutete man Thule bei Island. Dort tranken die Menschen literweise Honigbier. Blöd nur, dass zum Zeitpunkt der vermeintlichen Entdeckung niemand dort war, der Honig produzieren konnte…

Dieses Buch ist ein wahrer Krimi durch die Literatur- und Kartengeschichte. Malachy Tallack nimmt so manchem Entdecker gekonnt den Wind aus den Segeln und Katie Scott illustriert die Seiten des Buches so echt, so farbenfroh, dass die Grenzen von Wahrheit und Dichtung erneut zu verschwimmen drohen. Aber keine Angst, die Texte sind nachvollziehbar, die Thesen der Vergangenheit leider nur Thesen, das Buch jedoch ist real.

Vor dem Sturm

Es ist nicht viel, was Esch, Skeetah, Randall, Junior und ihr Dad ihr eigen nennen können. Eine heruntergekommene Hütte an einer Lichtung im Mississippi-Delta. Randall, der Älteste will Basketball-Profi werden. Die Anlagen dazu scheint er zu haben. Skeet, der Zweitgeborene, ist völlig vernarrt in seine Pitbullhündin China. Die hat gerade geworfen. Der eine oderandere Dollar dürfte dabei wohl herausspringen. Junior ist der Sonnenschein, sieben Jahre, das Nesthäkchen. Er hat viel Blödsinn im Kopf und von einer umwerfenden Ehrlichkeit.

Esch ist die einzige Tochter. Ihre Mutter überlebte die Geburt Juniors nicht. Dad ist keine große Hilfe mehr. Ihm geht’s nicht gut und der Alkohol setzt ihm immer mehr zu. Gerade jetzt könnte Esch, die diese Geschichte erzählt, jemanden brauchen, dem sie sich anvertrauen kann. Denn sie ist mit ihren fünfzehn Jahren eigentlich zu jung für eine Schwangerschaft. Eigentlich. Denn Mannys Anziehungskraft ist stärker als jede Vernunft.

Die Tage plätschern so dahin. Die Geburt von Chinas Welpen bringt ein bisschen Abwechslung in den Alltag in der sengenden Hitze des Südens. Skeetah träumt schon vom großen Wurf mit dem großen Wurf Chinas, doch es soll anders kommen. Auch Randalls Karriere als Ballartist in den großen Arenen ist vorbei, bevor sie richtig anfangen konnte.

Im Radio vernehmen die Fünf die unheilvolle Nachricht, dass ein Sturm im Anzug ist. Ein Hurricane, der sich bis zur Stufe Fünf hochschrauben wird. Höher geht es nicht, 250 Kilometer pro Stunde lassen dann auch keinen Stein mehr auf dem anderen liegen. Die Vorbereitungen, sofern man sich überhaupt auf so eine Katastrophe vorbereiten kann, sind übersichtlich. Fliehen ist keine Option. Wohin denn? Die Mittel sind nicht nur begrenzt, sie sind erschöpft. Katrina, mit diesem Namen wird der Sturm in die Geschichtsbücher eingehen, trifft mit voller Wucht aufs Festland. Der kleine Bach, der unweit der Hütte einst ruhig vor sich hin dümpelte peitscht mit allem, was er in sich hat erst gegen die Wände, dann breitet er sich im Haus aus.

Jesmyn Ward gelingt es mit zarten Worten das harte Leben derer, die von der Armutsgrenze nur träumen können, in ein farbenfrohes Feld der Hoffnung zu verwandeln. „Vor dem Sturm“ ist ihr erster ins Deutsche übersetzter Roman, der ihr in den USA den National Book Award einbrachte und zum Bestseller wurde. Sie schockiert nicht mit brachialen Armutsszenarien, sie ringt dem kargen Leben ein großes Stück Poesie ab. Ihre Charaktere sind echt, nicht überzogen und der Handlung angepasst – sie sind die Handlungstragenden im wahrsten Wortsinne.

Das Herz-Kochbuch

Mal wieder oder öfter was Gutes essen. Ein Vorsatz, den man sich gern an Silvester vornimmt. Doch schon beim ersten Einkauf im neuen Jahr, liegen die Chips wieder im Einkaufswagen. Dahin die rosige Zukunft…

Naja, so schlimm wird’s schon nicht werden. Generationen von Menschen haben lange gelebt und sich dabei nicht gerade gesund ernährt…

Nur zwei Meinungen, die immer wieder ans Ohr dringen, wenn es um gesundes Essen geht. Der menschliche Körper ist ein Zirkulationsmechanismus. Wie Newton schon erkannte, hat jede Aktion eine entsprechende Reaktion zur Folge. Yin und Yang. Gute und Böse. Wie auch immer man es nun bezeichnen möchte. Unser Körper hat dabei eine zentrale Steuerungseinheit: Das Herz. Zu reinigendes Blut kommt rein, gereinigtes Blut wird wieder ausgestoßen. Und das tausendfach am Tag.

Und dieses Herz muss – nicht erst ab einem bestimmten Alter – geschmiert werden. Geschmiert nicht nur im wortwörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne. Gibt man ihm zu viel zu tun (Stichwort Chips oder Stress), läuft es zu lange auch Hochtouren. Und das kennen wir unter anderem vom Auto, das geht nicht lange gut.

Gun-Marie Nachtnebel und Annika Tidehorn ist es eine Herzensangelegenheit dem Leser Tipps und Anregungen, vor allem aber auch Denkanstöße mit auf den Weg zum gesünderen Leben zu geben. So beginnt das Buch nicht mit lukullischen Leckereien, sondern mit einer Unterrichtsstunde, warum das Herz durchaus mit Leckerlis gefüttert werden darf, kann und soll. Denn – wie erwähnt – wenn die Pumpe schlapp macht, hilft kein so flacher Bauch und auch kein so durchtrainierter Bizeps. Dann ist Schluss!

Deswegen ist dieses Buch auch kein Diätplan-Drill-Seargant, sondern der wohlwollende Herzensfreund. Die Einführungskapitel dienen dazu die Notwendigkeit des bewussten Genießens darzustellen. Kennt man den Unterschied zwischen guten und schlechtem Fett, vor allem wie man es erkennt und vermeiden kann, geht es im zweiten Teil um den Genuss. Marokkanischer Suppentopf mit Kichererbsen. Mit Vitamin C und Kalium – gut fürs Herz, wärmend für den Körper und sättigend. Oder wie wäre es mit Erdbeersalat mit Basilikumdressing. Gelbildende Ballaststoffe, die sind gut fürs Herz. Aubergine und Zucchini mit Pesto. Wenn man es mit Mineralsalz zubereitet, wird zusätzlich noch der Natriumkonsum verringert.

Es ist sicherlich nicht einfach seine Mahlzeiten auf den Körper ausgerichtet auszuwählen und die Zutaten mit Bedacht einzukaufen. Aber mit ein wenig Ehrgeiz – schließlich tut man es für sich selbst, also dem Menschen, dem man am nächsten steht – und diesem Buch fällt einem so manche Entscheidung einfacher als bisher vermutet. Und das es schmeckt, steht außer Frage.

Einfach gehen

Wenn man als Kind in der Schule seinen Berufswunsch nennen soll, waren es einst Lokomotivführer oder Feuerwehrmann. Heute ist es Influencer oder Superstar. Aber Sterbebegleiter … selbst Evan hätte nie diesen Wunsch geäußert. Doch seit Kurzem ist er es, der den Schierlingsbecher reichen  darf. Eine private Organisation bietet diesen ungewöhnlichen Weg des Aus-Dem-Leben-Scheidens an. Keine Sterbehilfe! Sterbebegleitung – das ist ein riesiger Unterschied. Die Angehörigen und der Klient haben in dem entscheidenden Moment die gleichen Rechte. Wird der Wunsch negiert, muss die „Aktion“ abgebrochen werden.

Evan hatte sich vor einiger Zeit auf eine Annonce hin beworben. Unter ständiger Beobachtung seiner Chefin hat er sich bewährt. Eigenmächtiges Handeln ist während der Arbeitszeit nicht erlaubt. Es sei denn, Evan muss abbrechen. Der einmal geäußerte Wunsch zu sterben, kann bis kurz vor Ende wiederrufen werden. Evan hat dies zu akzeptieren.

Und Privates und Geschäftliches miteinander zu vermischen, ist ganz und gar unmöglich. Im Falle von Evan auch nicht gerade wünschenswert. Ohne es zu ahnen, befindet er sich am Scheideweg seines Lebens. Ein bisschen hier mal reinriechen, dann ein bisschen dort herum suchen, nur um kurze Zeit später wieder etwas völlig anderes auszuprobieren. Lon und Simon sind seine Freunde, eigentlich mehr. Das will auch Evan. Doch Evan gibt ihnen keinerlei Signale, dass er sich fest im Dreiecksgeflecht der Gefühle fesseln lassen will.

Rat kann er sich auch auf keinen Fall bei seiner Mutter holen. Die hält ihn ordentlich auf Trab … trotz ihrer schweren Krankheit. Und so sprintet Evan wie eine Flipperkugel von Marker zu Marker, ohne zu merken, dass schlussendlich kaum was Zählbares heraus kommt.

Zuhause wartet dann Viv, seine Mutter auf ihn. Oft aufgekratzt und voller Tatendrang vergisst, dass auch sie einer schweren Krankheit anheimgefallen ist. Selbst Evan vergisst die Tücken der Natur. Meist jedoch ist er nur genervt vom den Energiebündel, das ihn zur Welt brachte und nun auf seine Hilfe angewiesen ist. Immer wieder treibt sie in zur Weißglut, aber es ist halt seine Mutter. Der man alles verzeiht. Man weiß ja nie …

Dem Krankenpfleger Steven Amsterdam gelingt das, womit gestandene Autoren zu kämpfen haben: Dem Tod, dem Ringen um ihn, dem Kampf mit dem und ums Leben ein Gesicht zu geben. Wortwitz und ein im besten Sinne des Wortes lockerer Umgang mit dem Unausweichlichen lassen die Seiten und die Geschichte um Evan, seine Mutter und seine zu wenig beachtete Berufswahl wie im Fluge vergehen. Sterbehilfe heißt es salopp, wenn darüber berichtet wird. Sterbebegleitung ist es im wahren Leben. Jemanden an seiner Seite zu haben, der in keiner Sekunde auch nur den Zweifel am Tun heraufbeschwört, ist für Betroffene der Anker, der so manchen Schmerz – seelisch wie körperlich – und sei es auch nur für Sekundenbruchteile, vergessen lässt. Dass auch dieser Anker ein Leben hat, das Qualen ausgesetzt werden kann, muss in den Hintergrund rücken. Selbstaufgabe jedoch ist der falsche Weg. Die Lockerheit, mit der Steven Amsterdam seine Berufung annimmt, ist nicht oberflächlich. Sein jahrelang gesammeltes Wissen und seine Erlebnisse verarbeitet er mit brillanter Distanz und Nähe zugleich in „Einfach gehen“. Im Gegensatz zum Leben kann man dieses Buch immer wieder lesen. Und wird es.