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Istanbul – Die Biographie einer Weltstadt

Wow, wie muss man sich fühlen, wenn man eine Stadt wie Istanbul in einer Biographie vorstellen will? Hat man sich zu viel vorgenommen? Wird man den Erwartungen der Leser gerecht? Wo anfangen, wo aufhören? Um es gleich vorwegzunehmen: Bettany Hughes schafft es mit unfassbarer Leichtigkeit der Millionenmetropole Istanbul ein würdiges Denkmal zu setzen!

Fünfzehn Millionen Menschen leben derzeit in der Stadt am Bosporus. Knapp eintausend Seiten zeigen auf unvergleichliche Art ihre Geschichte. Und zwar von Anfang an. Dieser liegt rund sechstausend Jahre zurück. Doch Bettany Hughes beginnt noch früher. Ca. 800.000 bis 5500 vor unserer Zeitrechnung. Schon die Argonauten beschrieben ihre Fahrt durch den Bosporus – das war vor rund 2300 Jahren. Und schon damals siedelten hier Menschen.

So farbenfroh der Einband des Buches, so farbenfroh auch die Geschichte der Stadt. Byzanz, Konstantinopel, Istanbul – drei klangvolle Namen, die zu ihrer Zeit stets mit Sehnsüchten gefüllt wurden. Das ist der rote Faden der Stadt, und das ist auch der Leitfaden dieses Buches. Diese Stadt wird geliebt und gehasst. Es gibt kein Dazwischen!

Am besten beginnt man dieses Buch am Ende. Nicht um das Ende schon vorwegzunehmen, das wird noch lange nicht geschrieben werden. Nein, am Ende befindet eine über dreißig Seiten lange Zeittafel. So kann man sich schon mal an die Hauptakteure des Buches gewöhnen. Wie üblich gründet der Sage nach Byzas Byzantion am Westufer des Bosporus. Der entstand irgendwann zwischen 7.400 und 5.500 vor unserer Zeit als das Schwarze Meer geflutet wurde. Es folgten zahlreiche Reiche. Die Achämeniden, Alexander der Große, die Kreuzzüge – sie alle hinterließen etwas, das bis heute mehr oder weniger offen zu Tage tritt.

Jeder Besuch Istanbuls wird ab sofort in einem neuen Licht gesehen – das ist garantiert! Die keine Widerworte duldende Detailversessenheit der Autorin lässt den Leser mit staunenden Augen und einem brummenden Hirn zurück. Darf man dieses Buch in einem Ritt durchlesen? Die Frage stellt sich nicht. Denn wer einmal angefangen hat, kann es nicht mehr so schnell beiseitelegen. Ob man den Istanbul-Besuch mit Lesen verbringen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Man könnte, nein man wird auf alle Fälle, etwas verpassen! Denn Istanbul lebt, verändert sich stetig. Und so ist es nur eine Frage der Zeit bis weitere Kapitel in dieses Buch Einzug halten werden.

Aktuelle Geschehnisse, Unkenrufe und Horrormeldungen aus und über Istanbul soll man nicht ausblenden, wenn man sich entschließt diese –Eintausend-Seiten-Reise anzutreten. Doch die Störfeuer sollten keine einzelne Zeile trüben. Vielmehr sollte dieses Buch als Grundlage genommen werden eine Stadt genau zu betrachten und sich dann mit dem neu gewonnen enormen Wissen selbst ein Bild zu machen. Am besten in Istanbul!

Mutter und Tochter

Da staunt Homer Wycherly nicht schlecht. Der Ölmagnat hat sich gerade eine zweiwöchige Kreuzfahrt durch die Südsee gegönnt. Mal abschalten. Von alle dem Stress, von der Arbeit. Und vor allem von seiner Ex-Frau Catherine. Die hat ihm noch bei seiner Abreise eine furiose Szene gemacht und den Reisenden ein ordentliches Spektakel geboten. Und nun, endlich wieder daheim, da, wo er sich am wohlsten und sichersten fühlt, fehlt von seinem Schatz, seiner Tochter Phoebe jede Spur.

Phoebe ist so ein liebes Ding. Immer höflich, tut, was man ihr sagt. Der Abgang vom College in Stanford war zwar ein herber Rückschlag für den stolzen Vater, doch das College in Boulder Beach ist auch nicht zu verachten. Doch Phoebe ist weg. Ihre Mitbewohnerin Dolly Lang (toller Name, der passt auch so herrlich zu der leicht als einfältig zu beschreibenden Zimmergenossin) weiß, dass Phoebe zurückkommen wird. Schließlich hat sie ihr das ja gesagt. Kein Grund zum Zweifeln. Phoebes Freund Bobby hat dagegen eine harte Zeit hinter sich. Er vermisst Phoebe schmerzhaft. Eine Erklärung kann er Lew Archer auch nicht geben.

Lew Archer wurde von Homer Wycherly damit beauftragt das flügge gewordene Früchtchen aufzuspüren. Archer würde gern mit der Mutter, der so verhassten Catherine sprechen. Doch Homer Wycherly hält das für keine gute Idee. Vielmehr verbietet er es sogar der Spürnase. Der gute Ruf der Familie stünde auf dem Spiel. Wie soll man da ermitteln, wenn die wohl wichtigste Person – nach der Vermissten, natürlich – nicht involviert werden soll?

Klinken putzen heißt es für den feinsinnigen Schnüffler. Je mehr er fragt, desto verworrener wird der ganze Fall. Ein zwielichtiger Immobilienhai hat offenbar seine gierigen Finger im Spiel. Und so unschuldig wie Phoebe dem Vater vorkommt, ist die Kleine gar nicht. Ein bisschen zu sehr zugeknöpft, dann wieder überbordend tatkräftig. Depressionen? Mmmh, vielleicht. Beim Psychodoc war sie jedenfalls. Aber nur ein paar Mal. So viel weiß Dolly Lang. Doch Lew Archer weiß immer noch nicht mehr. Geschweige denn, wo er den nächsten Hebel ansetzen soll.

Und so reist er von Motel zu Hotel, quer durch Kalifornien, nur um schlussendlich festzustellen, dass es nur einen Ort gibt, an dem die Lösung sich zeigen wird. Doch ihr Aussehen ist erschreckend. Die Lügen sind bis ins Innerste der Familie Wycherly vorgedrungen und haben ihre Unheil bringenden Wurzeln tief ins Fleisch von Homer, Catherine, Phoebe sowie auch Trevor und Helen, Homers Schwager und Schwester, geschlagen.

Jede Aktion zieht eine entsprechende Reaktion nach sich. Das hat bereits vor mehreren Hundert Jahren Isaac Newton formuliert. Doch das, was Ross Macdonald seinen Helden angedeihen lässt, ist finsterste Bigotterie und ein feistes Lügengebilde. Zum Glück alles nur Fiktion. Mit geschmeidiger Sprache und zielstrebiger Eloquenz stolpert Lew Archer nicht einen Moment. Jeder Ansatz von Hindernissen wird als Sprungbrett für weitere Erkenntnisse geschickt ausgenutzt. Die Vergangenheit wird niemals ruhen so lange Männer wie Lew Archer ihre Aufträge ernst nehmen.

Der Gott des Geldes

Wie stellt man sich einen perfekten Tag vor? Am Strand liegen, den Wellen nachschauen. Die Sorgen in letzte Hinterstübchen verfrachten. So ähnlich könnte ein perfekter Tag aussehen. Oder mit einem Flugzeug über einer Stadt kreisen, vielleicht sogar zwischen Hochhäusern kreuzen. Saskia Rokovic könnte so einen perfekten Tag durchaus erlebt haben. Könnte. Denn es wäre mehr als zynisch der Restauratorin ein Hochgefühl zu unterstellen als sie im Flugzeug über Frankfurt schwebt. Denn ihre Handgelenke sind fixiert. Und das Reiseziel ist nicht von ihr gewählt. Die Polizei hat sie im Gewahrsam. Terrorverdacht. Schlimmer geht’s nimmer.

Und dabei hatte alles so schön begonnen. Finanziell ziemlich klamm, wirft ihr der Geldautomat ihrer Bank statt der geforderten einhundert Euro dreimal einhundert Euro entgegen. Was einmal klappt, klappt vielleicht auch ein zweites Mal? Jackpot! Ein drittes Mal?

Sohn Emil sieht nun endlich die Zeit gekommen ein moderner junger Mann zu werden. Er insistiert noch einmal und drängt ob des erfreulichen und unerwarteten Reichtums auf sein erstes Smartphone. Seine Sorgen möchte Saskia gern haben. Denn was so aussah wie ein perfekter Tag, wird bald zur Höllenwoche.

Ihr Gatte Harry wird angeschossen. Der Computerprogrammierer ist ein verschlossener Typ. Wenn er nicht mit der Sprache rausrücken will, kann auch Saskia nichts dagegen tun. Doch der Schuss am Güterbahnhof ist mehr als nur ein Warnschuss. Und schon steht die Polizei auf der Matte. Denn Harry ist spurlos verschwunden. Und jemand hat ihn entführt. Sein Handy nimmt ein unfreiwilliges Bad in einem Bach bei Frankfurt. Und die Polizei ist auch keine große Hilfe. Karrieregeile Cops, geldgierige Banker ohne Gewissen, die Bundesbank, die Russen und zwischendrin die kleine Restauratorin Saskia Rokovic, die einfach nur ihren Harry wieder haben und wissen will, was das Computergenie mit dem Hackerangriff auf mehrere Bankenserver zu tun hat.

Autor Gerhard J. Rekel hat seiner Heldin Saskia einen vollgepackten Rucksack mit auf den Weg gegeben. In ihm befindet sich aber nicht viel, nur jede Menge Mut. Und den wird sie brauchen. Denn Saskia will auf eigene Faust ermitteln, wo Harry ist und warum er nicht wie üblich vor dem Laptop hockt und statt sich zu bewerben irgendwelche Algorithmen zusammenschustert. So groß die Probleme in den vergangenen Wochen und Monaten auch gewesen seien, Familie Rokovic war zumindest glücklich. Auch wenn es sich nicht immer so anfühlte. Immer tiefer stürzt Saskia bei ihren Nachforschungen in ein Geflecht aus Falschheit, Gier und Besessenheit, inklusive Verfolgungsjagden, Schüssen und widersprüchlichen Aussagen. Spannend bis zur letzten Seite!

Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein

Man kann und darf nicht müde werden die Menschenverachtung des Naziregimes immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Denn diese Zeit ist immer noch allzu präsent in ihrer Wirkung. Evelyn Steinthaler richtet den Blick der Leserschaft auf diejenigen, die vor den Nazis, während der Nazizeit und auch danach in aller Munde waren. Manche mehr, manche weniger, einzelne wurden fast vergessen.

Als deutscher Künstler sogenannter arischer Abstammung hatte man auf dem Papier erst einmal nicht zu befürchten. Stellenknappheit an Theatern oder beim Film gab es nicht. Zu viele hatten ihre Stühle und Stellungen freiwillig verordnet räumen müssen. Die, die blieben konnten sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Oder besser gesagt: Entweder Haken schlagen oder Hacken zusammenschlagen!

Heinz Rühmann war bis in dieses Jahrhundert der unangefochtene Star des deutschen Films. Jeder Auftritt ein Lacher, und wenn das nicht, dann zumindest ein Kracher. Dann kamen erste Gerüchte auf, dass sich der UFA-Star mit dem Regime eins gemacht hätte. Der Ruhm der Vergangenheit schlug tiefe Schatten auf sein Grab. Gänzlich abschließen kann man das Kapitel der Verquickung von Rühmann mit den Nazis wohl niemals. Zu viel blieb damals schon im Verborgenen. Fakt jedoch ist, dass sich Rühmann von seiner Frau Maria Bernheim, einer Volljüdin wie es geschmacklos im damaligen Sprachgebrauch hieß, scheiden ließ. Der Tipp, dass Maria Bernheim mit einem Ausländer aus einem neutralen Land in Sicherheit wäre, da sie mit dem Ja-Wort auch dessen Staatsbürgerschaft annehmen würde, kam von Herrmann Göring persönlich. Sie heiratete einen Schweden. Rühmann selbst begann alsbald eine Affäre mit seiner Kollegin Hertha Feiler, die er bei Dreharbeiten zu „Lauter Lügen“ (!) kennengelernt hatte. Mit ihr blieb er bis ans Ende ihrer Tage zusammen.

Viele Künstler wurden gerettet unter der Fuchtel der Staatsregierung. Wer ihnen hold war, durfte fast ungestraft tun lassen, was er wollte. Bestes Beispiel: Gustav Gründgens. Hans Albers verkörperte nur allzu oft und allzu gern den Idealtypus dessen, was der Führung in den Kram passte. Groß, blond, blau… naja. Sein Ruf nach der dunklen Zeit litt nur bruchstückhaft. Klaus Mann sah in ihm den Archetypen des Nazis. Er irrte dieses Mal. Denn Albers ließ keine Möglichkeit aus „denen da oben“ verbal einen mitzugeben. Riskant, denn auch er war mit einer Jüdin verbandelt. Nicht verheiratet. Was ihnen beiden wohl zugutekam. Öffentliche Auftritte mit ausgestrecktem rechten Arm oder den Regierenden der Zeit mied er wie der Teufel das Weihwasser. Anders als Rühmann. Doch auch er musste einsehen, dass aufrechte Haltung und Geldverdienen unter der Diktatur unmöglich war. Die Liaison wurde unter der Decke gehalten. Doch die Schergen Göbbels‘ spürten das Liebespaar immer wieder auf. Es gab nur einen Ausweg. Mit Geschick schickte Hansi (Berg), seiner Frau, Freundin, Geliebte sich selbst ins Exil. Hans (Albers) blieb zurück. Alkoholexzesse, aber auch rege Dreharbeiten halfen ihm über den Verlust hinweg. Nach dem Krieg trat Hansi ein zweites Mal in Hans‘ Leben. Der war inzwischen anderweitig gebunden. Ganz resolute Frau nahm Hansi einmal mehr das Heft in die Hand. … Auf dem Grabstein von Hansi Berg, steht neben ihren Geburts- und Sterbejahr der Name „Hansi Berg-Albers“.

Ende gut, alles gut? „Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein“ ist ein bewegender Portraitband aus immer noch nicht aufgearbeiteter Zeit. Kurt Weill und Lotte Lenya oder auch Meta Wolff und Joachim Gottschalk dienen neben den bereits erwähnten Paaren für die Perfidität des Naziregimes. Was tun, wenn der schwarze Tod nicht nur an der Tür klopft, sondern seine Krallen schon tief ins eigene Fleisch geschlagen hat? Ein Neuanfang ist schwer. Besonders, wenn man nicht weiß, ob man als Deutscher überhaupt willkommen ist, wenn man die Sprache des Exils nicht spricht, wenn der Lebensabend einem näher ist als dessen Anfang. Mit Gefühl und Faktenreichtum seziert Evelyn Steinthaler die Leben von vier paaren und ihren Leidensgenossen ohne dabei polemisch zu werden oder sich in Vermutungen zu ergehen.

Houston, wir haben ein Problem

Wissenschaft und Humor – eine schwierige Mischung. Denn schließlich geht es bei Erstem um Fakten. Und im Falle der Raumfahrt sollten diese so präzise wie möglich sein. Denn, wenn nicht … Big Bang Theory ist was anderes!

Wenn man an die Raumfahrt denkt, fallen einem Katastrophen ein wie die der Challenger im Jahr 1986. Oder Juri Gagarin, der erste Mensch um All. Oder der erste Deutsche, der Mutter Erde mal aus einem anderen Blickwinkel sehen durfte, Sigmund Jähn. Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Aber Moment mal, der erste Mensch im All? War das wirklich Oberst Juri Gagarin? Kramt man ein wenig im Hinterstübchen kommt man schnell auf einen anderen Namen – Autorin Ulrike Schmitzer auch: Ikarus. Er bastelte sich aus Vogelfedern und Wachs Flügel. Leider kam er der Sonne zu nah, das Wachs schmolz und er stürzte jämmerlich hinab ins Meer. Alles nur Legende? Alles nur Legende! Aber eine, die zeigt, dass der Mensch schon immer nach Höherem strebte.

Und schon ist dieses Buch entlarvt! Kein stupides Abhandeln, wer, wann, was genau im All getan hat und die eine oder andere Sache als Erster getan hat. Nein, es ist ein unterhaltsamer Ausritt in die Galaxien auf der Rakete der Erkenntnis. Wie ein Komet fliegt sie mit ihrem Co-Autor Martin Thomas Pesl, einem Experten für außergewöhnliche Lexika, durchs All und sammelt dabei allerlei Wissenswertes auf. Unterwegs durch die Galaxis nehmen die beiden auch einige Anhalter mit: Von Commander Cliff Allister McLane über Laika bis hin zu Lisa Nowak. McLane kennen alle Raumpatrouille-Orion-Fans auch als Dietmer Schönherr. Und Laika war der erste Hund im Weltall, ein trauriges Schicksal, das sie erleiden musste, was aber in der Presse der Sowjetunion niemals erwähnt wurde. Laika war nur fünf Stunden im All, ihr Gefährt (oder nennt man das nun Geflug?) um einiges länger. Laikas Körper war derartigen Stress nicht gewöhnt und versagte nach kurzer Zeit den Dienst. Und Lisa Nowak ist hierzulande kaum noch ein Begriff. Es sei denn, man verfolgt die Regenbogenpresse mit noch schärferen Augen als das Hubble-Teleskop. Den Hochsommer 2006 verbrachte Lisa Nowak im Orbit. Ob es nun die Sommerfrische war oder der unglaubliche Anblick der Erde, kann man nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls verliebte sie sich in William Oeferlein, den Shuttle-Piloten. Auch Colleen Shipman fand Gefallen an dem Überflieger. Mrs. Nowak hatte drei Kinder, war verheiratet und rasend eifersüchtig als sie hinter den Mailverkehr der beiden kam. Orlando, wir haben ein Problem! Unter anderem bekleidet mit einer Windel der NASA konnte sie die eintausendfünfhundert Kilometer von Houston nach Orlando ohne auszusteigen (Weltraumspaziergang on earth?) bewältigen. Sie lauerte ihrer Kontrahentin auf und … der Rest ist Geschichte, um nicht zu sagen Weltraummüll.

Es ist das wohl amüsanteste Buch über die Weltraumfahrt dieses Jahres. Nicht so bierernst und schon gar nicht mit dem Anspruch jedes noch so kleine Detail einem wissbegierigen Publikum verständlich zu machen. Es sind die kleinen Paralleluniversen, die dem Leser so viel Vergnügen bereiten. Von ewigen Nummern Zwei, Dramen und weitgehend unbekannten Histörchen berichten zwei Autoren, denen es eine unbändige Freude macht die Wissenschaft auf hohem sprachlichen Niveau ein wenig aus der Spur zu bringen. Köstlich!

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

50 Maschinen, die unsere Welt veränderten

Man stelle sich eine Welt vor, in der man sich unterhält statt nur auf eine bunte Glasscheibe zu schauen. Eine Welt ohne Gebimmel und Gedudel. Eine Welt, in der man bloßer Handkraft den Staub des Tages von der Naturklamotte wäscht. Eine Welt ohne maschinellen Antrieb.

Die Welt ohne Gebimmel wäre paradiesisch. Aber mal ehrlich: Ein Haushalt ohne Glotze, ohne Waschmaschine, ohne Musik aus der Konserve – da muss man langenachdenken, was man dann den lieben langen Tag macht.

Es waren Männer wie Zénobe Gramme, Ludwig Dürr oder Frank Brownell, die unserer Phantasie den einen oder anderen Schubs gaben.

Zénobe Gramme entwickelte den ersten Gleichstrommotor. Edison bediente sich bei ihm und entdeckte seinerseits den Wechselstrom bzw. machte ihn nutz- und vor allem kostbar. Ludwig Dürr ist es zu verdanken, dass man mal von oben sich die Welt anschauen konnte. Er entwickelt den Zeppelin. Und Urlaubserinnerungen wären ohne Frank Brownell undenkbar. Seine Boxkamera ist die Mutter aller Selfies.

Eric Chaline rattert wie eine Dampflok durch die Labore der Welt. Physik und Chemie, Astronomie und Biologie brauchten und brauchen immer wieder Innovationen, um ihren Wissensdurst stillen zu können. Die Ergebnisse stehen mittlerweile oft in jedem Haushalt, siehe Waschmaschine oder eben die Kamera von Frank Brownell. Wenn man sich so durch die spannend geschriebenen Kapitel liest, stellt man sich immer wieder die Frage wie das eigene Leben aussehen würde, könnte man nicht auf die eine oder andere Errungenschaft zurückgreifen. Das beginnt bei so banalen Dingen wie Staubsaugen und hört beim Straßenbau noch lange nicht auf.

Was haben Sie gestern Abend gemacht? Ferngeschaut. Vielleicht eine Sendung mit Rückblicken? Bei einem guten Glas Wein? Und jetzt mal der Abend ohne technische Errungenschaft. Der Wein aus der hohlen Hand. Und die Glotze wäre vielleicht der Eimer, mit dem man am nächsten Tag Beeren sammelt. Und ein vergnügliches Lachen über die Zeit, in der die Großeltern lebten und mit welch simplen Gerätschaften sie ihren Alltag meisterten, wäre nicht zu hören.

Ein kurzweiliges Buch, das man sich immer wieder aus dem Regal holt, um den Gedankenblitzen der schlauen Köpfe zu danken. Und um das eine oder andere Vorurteil zu verdrängen. Denn der Zeppelin wurde nicht von einem Grafen erfunden…

50 Schiffe, die unsere Welt veränderten

So ein Schiff kann die Sicht auf die Welt ordentlich verändern. Auf einmal sieht man nur noch Horizont und Wasser. Und bei hohem Wellengang manchmal auch sein Innerstes. Wortwörtlich und sinnbildlich gesprochen.

Wenn man nur ein paar Minuten nachdenkt, fallen einem garantiert ein paar Schiffsnamen ein, die man aus Filmen, Reportagen, Büchern kennt. Allen voran natürlich die Titanic. Die Mayflower, die die ersten Pilger nach Amerika brachte. Der Panzerkreuzer Potëmkin. Doch auch die Fram, die RMS Lusitania, Kon-Tiki die USS Enterprise hat man dem Namen nach schon mal vernommen. In Kriegen, durch überstandene Unwetter oder waghalsige Abenteuer haben sie sich ihren Ruf bis heute erhalten. Doch was ist mit der Mora? Die Eroberung der britischen Inseln wäre ohne sie undenkbar. Das britische Kolonialreich hätte es ohne sie nicht gegeben. Oder zumindest nicht in dieser Art. Man schreibt das Jahr 1066. In Barfleur, Frankreich wird ein Schiff zu Wasser gelassen, das die Normannen in eine goldene Zukunft führen sollte. Der englische Thron war verwaist. Doch die Thronanwärter scharrten schon mit den Füßen. Der Earl of Wessex krallte sich ihn zu erst. Doch er wusste, dass es nicht lange dauern würde bis das Inselreich angegriffen wird. Und schon zog man (prophylaktisch) in den Krieg. Siebentausend Mann standen ihnen gegenüber, angeführt von Wilhelm dem Eroberer. Er kam per Schiff über den Ärmelkanal. Wahrscheinlich mit einer Flotte von mehreren Hundert Schiffen. Und die Mora war die Pracht dieser Flotte: Eine 30 Meter lange Drakkar. Matilda von Flandern, Wilhelms Frau ließ es für ihn bauen. Es war schnell und leicht zu handhaben. Der Rest ist Geschichte.

Die Beagle ist ein weiteres Schiff, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind. Charles Darwin bereiste damit den Pazifik und stellte seine Evolutionstheorie unter Beweis. Die HMS Challenger hingegen ist weitgehend unbekannt. Das Segelschiff mit Dampfmaschine konnte nicht nur mächtig Dampf machen (wortwörtlich) und Staub aufwirbeln (sinngemäß), es war Bestandteil der Challenger Expedition, auf der es darum ging Leben am Meeresgrund aufzuspüren. Mit riesigen Netzen war das gelungen. An Bord fanden Wissenschaftler das, was die benötigten. Zwei bestens ausgestattete Labore, vor die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sensation.

Ian Graham schafft es spielerisch ein Leuchten in die Augen des Lesers zu zaubern. Wenn die Gischt gegen die Planken knallt, wenn der Bug sich über Wellen aufbäumt, wenn der Mast knarrt – dann liegt Salzwasser in der Luft. Die Entdeckung neuer Welten war ohne Schiffe nicht möglich. Mal schnell im Internet schauen, wie weit es noch bis zum Festland ist, fiel nicht mal den verwegensten Phantasten ein. Es waren harte Zeiten, in denen man Mutter Natur fast schutzlos ausgeliefert war. Aber es waren eben auch echte Abenteuer mit echten Abenteurern.

In extremis

Thomas Sanders ist siebenundfünfzig Jahre alt, Physiotherapeut, und in drei Jahren erreicht er das Alter, in dem sein Vater starb. In absehbarer Zeit wird auch seine Mutter nicht mehr da sein. Und in ein paar Minuten muss er einen Vortrag halten. Die Blase drückt, er kann nicht Wasser lassen, seine Schwester simst ihm, dass es mit Mutter rapide bergab geht – es gab schon besser Zeiten im Leben von Thomas Sanders. Und dass ihm ein Physiotherapeut auch noch mit dem Finger am bzw. im verlängerten Rücken rumstochert, um die Schmerzen zu lösen (was allerdings das Gegenteil bewirkt), macht die ganze Situation nicht besser.

Den Vortrag hat er gut über die Bühne gebracht, an die Schmerzen hat er sich gewöhnt. Der Flug in die alte Heimat ist das nächste große Ziel. Freundin Elsa im mittlerweile heimischen Madrid fehlt ihm, und er fehlt ihr. Die Reise, um sich von seiner Mutter verabschieden zu können, wird eine Reise in sein Innerstes. Kaum in England gelandet, melden sich alle, die seine englische Telefonnummer noch haben. Deborah. Ihr Sohn hat Dave, ihren baldigen Mann ordentlich verprügelt. Ob Thomas nicht mal mit ihm reden könne? Die beiden hatten doch immer einen so guten Draht zueinander. Seine Schwester. Thomas solle sich beeilen. Mutter spuckt Blut. Als er schon unterwegs zum Hospiz ist, fällt seiner Schwester ein, dass Mutter verlegt wurde. Während eines Arzttermins wurde einfach ihr Zimmer weitervermietet. Ob Thomas noch rechtzeitig kommt? Es ist nicht der Abschied an sich, der ihn ins Schwitzen bringt. Auch nicht die Hetzerei, schließlich ist er nicht mehr der Jüngste. Es ist eine Sache, die ihm schon länger auf der Seele brennt. Er muss vor dem letzten Good bye noch einmal mit Mutter reden. Sich ihre Absolution holen.

Als er vor seiner Mutter steht, fällt ihm die Entscheidung plötzlich ganz einfach. Er wird schweigen. Die Absolution ist im Angesicht des verfallenden Körpers seiner Mutter obsolet. Nur er allein muss und kann mit den ihm umtreibenden Zweifeln umgehen. Etwas Entspannung wurde jetzt gut tun. Im Kopf als auch in der Blase. Doch es kommt anders. Charlie, Deborahs Sohn ist verschwunden. Und Dave, ihr Mann, der gern mal „auswärts isst“, liegt mittlerweile im Krankenhaus. Tablettenvergiftung.

Thomas und Dave verbindet ein Geheimnis. Eines, das Charlie vielleicht sogar kennt, zumindest hat er eine Ahnung seitdem er den Email-Account von Dave gehackt hat. Thomas, frisch getrennt und noch frischer verliebt, gerade Vollwaise geworden mit einem schmerzhaften Problem in der Mitte seines Körpers sitzt gleich zwischen mehreren Stühlen. Unbequemer kann ein Leben nicht sein.

Tim Parks komprimiert die Geschehnisse eines überschaubaren Zeitraums (es sind nur ein paar Tage) in einen über vierhundert Seiten langen Roman. Man braucht Geduld, um sich über die Ziele des Autors klar zu werden. Ist man aber einmal in der Geschichte drin, lässt sie einen nicht mehr los. Intelligent, voll bissigem Humor, der besonders in hintersinnigen und derben Vergleichen zum Vorschein kommt, wird man auf eine Reise geschickt, die gar nicht so abwegig erscheint. Alle Personen sind zwar Fiktion, doch aus dem Leben gegriffen. Eine Anleitung zum Handeln in besonderen Situationen. Die Familie ist der Ort, an dem Lösungen gefunden werden. So unterschiedlich alle sind, so stark ist ihr Gemeinsinn füreinander ausgeprägt. Jedes reden darüber stärkt dieses Gemeinschaftsgefühl. Komme, was da wolle. Mag die Situation auch noch so extrem, oder gar in extremis sein.

Teuflische Orte, die man gesehen haben muss

Herrgott nochmal, schon wieder eine Aufzählung von Orten, die man unbedingt gesehen haben muss, wenn man mal ein paar Tage in einer anderen Stadt verbringen will? Zum Teufel nochmal, nein! Heiko Hesse war nicht nur in einem Ort, um dort mehrere Orte aufzuzählen, die man … Der Belzebub, Luzifer, Mephisto, Deiwel, Diabolus, Pferdefuß, kurz der Teufel ist in sein Buch gefahren. Denkwürdige Orte sind es, die er näher vorstellt. Orte, an denen man ihn, den gefallenen Engel nicht erwartet.

Auerbachs Keller in Leipzig, die Wartburg in Eisenach oder den Betzenberg in Kaiserslautern – da ist er allgegenwärtig, in letztem Ort sogar tausendfach, wenn der 1. FCK aufläuft. In Aachen liegt er einfach so am Wegesrand. Krümmt sich fast vor Schmerzen. Ist ja auch klar, ihm fehlt ein Finger. Der Sage nach hat er sich ihn in der Dompforte eingeklemmt, als eine Schuld eintreiben wollte. Den Aachenern ging beim Dombau der Zaster aus. Hilfsbereit wie der Teufel nun mal ist, bot er seine Hilfe an. Er wollte nur die Seele des ersten, der durch die Pforte schritt. Ganz Christenmenschen, wie die Aachener waren, wollten sie aber keinen der Ihren opfern, und schickten einen Wolf in das Gotteshaus. Der Teufel düste wutschnaubend ab, die Tür schlug zu und der Daumen war einmal. Auf dem Rachefeldzug ging dem Teufel die Puste aus. Ein schlaues Bauernweib, das er fragte wie weit es denn noch bis Aachen sei, erkannte ihn und klagte über den (verdammt?) weiten Weg, der ihre Schuhe bereits ruinierte. Und an dieser Stelle steht heute eine Skulptur, und der Teufel liegt neben einem, mitten im Weg.

Einhundertzwölf Mal ließ sich Heiko Hesse von Satan aufhalten. Einhundertzwölf Mal ließ er ihn gewähren und in sein Buch Einzug halten. Einhundertzwölf Mal – noch 554 Mal, bis das Biest aus der Tiefe erwacht? Nein, es ist ein unterhaltsamer Reiseband, der dem Leser nützliche Tipps gibt, wie man im nächsten Urlaub dem Teufel ein Schnippchen schlagen kann, und ihn zwar erkennt, doch nicht herbeiruft.

Die Reise geht quer durch die Republik. Von wahrhaft höllischen Orten der Geschichte wie dem KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen. Über das Höllental bei Hinterzarten im Schwarzwald und Goslar, wo man in Erinnerung an ein bischöfliches Handgemenge in den Überresten des Doms nur bei genauerem Hinsehen den Fürst der Finsternis erkennen kann. Bis in die Domstadt Regensburg, wo die Donau über die Teufelsbrücke überquert wird.

Heiko Hesse ist ein amüsanter und gleichzeitig informativer Reiseband gelungen. Eine höllisch lange Reise wäre es, alles auf einmal abzuklappern. Aber wenn man in der Nähe ist, freut man sich, wenn man dieses Buch im Gepäck hat. Wer die Augen offenhält, begegnet dem Teufel in so mancher Verkleidung. Heiko Hesse reißt ihm so manches Mal die Maskerade von der Fratze und legt ihn frei.