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In Liebe, Dein Vaterland II: Der Untergang

Der Wahnsinn geht weiter! Nordkorea hat sich in Fukuoka eingerichtet. Die abgetrennte japanische Provinz (Japans Regierung hat keinen Mumm eigenes Territorium zu verteidigen und überlässt die Halbinsel ihrem Schicksal) ist fest in nordkoreanischer Hand. Im Fernsehen läuft Propaganda. Und für die nachrückenden Einheiten, immerhin 120.000 Soldaten, wird bald schon eine kleine Stadt in der Stadt entstehen. Das kurbelt die Wirtschaft an. Freie Marktwirtschaft unter staatlicher Kontrolle. Volksverräter – und nur die Invasoren bestimmen wer Freund und wer Feind ist – werden ausgemacht und ihr Leben ausgelöscht.

Im Krieg gibt es, laut General von Clausewitz, einfache Regeln. Es gibt nur eine Nummer Eins – sie agiert. Es gibt nur eine Nummer Zwei – sie reagiert auf die Aktion von Nummer Eins. Und es gibt zahlreiche kleine „Nummern Drei“ – sie versetzen mit kleinen Nadelstichen Nummer Eins und Zwei immer wieder kleinere Blessuren. Sobald jedoch die Nummer Eins beginnt auf die Aktionen von Nummer Zwei zu reagieren, schwächt man die eigene Position. Aber ganz ehrlich: Am spannendsten ist die Nummer Drei. Mori und Toyohara gehören dieser Nummer Drei an. Ihr Leben ist nach offizieller Lesart eh nicht viel wert. Toyohara wuchs bei seinem Großvater auf. Ein ehrenwerter Mann mit ruhmreicher Ahnenlinie. Eines Tages beschloss er seine Mutter zu finden, stieg in den Zug und wurde prompt erwischt (Schwarzfahren ist ein gefährliches Unterfangen, wie man gleich sehen wird). Am nächsten Tag versuchte er es noch einmal. Dieses Mal mit einem Samurai-Schwert, eines aus Großvaters Sammlung. Ein Schaffner überlebte die freundliche Aufforderung den Zug zu verlassen nicht… Mori ist nicht minder aggressiv, hat außerdem ein sehr auffälliges Äußeres. Fast wie eine Eule.

Nur zwei Menschen aus einer Gruppe, die in der abgeriegelten Zone den Truppen folgen und ihrem Anführer Bericht erstatten. Sie sind die Nummer Drei. Sie stehen zwischen den Fronten. Auf der einen Seite sind sie japanisch, verachten aber die gegenwärtige Situation, die es ihnen verbietet ein „normales Leben“ führen zu können. Sie sind Anarchisten, Terroristen, teils sogar soziopathisch veranlagte Gangster.

Die Nordkoreaner sehen sich bald schon einer neuen Herausforderung gegenüber. Denn mit einer plumpen Invasion ist die Inbesitznahme Japans (beziehungsweise eines Teils davon) noch lange nicht erfolgreich.

Ryū Murakami lässt dem Leser keine Chance. Lachend und weinend zugleich liest man sich durch ein Szenario, das in der gegenwärtigen Situation gar nicht mehr so unwahrscheinlich erscheinen mag. Ehemalige, unverrückbare Bündnispartner drehen Japan den Rücken zu und lächeln Nordkorea an. Die schwache Regierung eines an sich starken Landes (wohl eher eine starke Wirtschaft, was die Abwendung der Amerikaner mehr als erklärlich macht) ist nach jahrzehntelanger intellektuell progressiver Hirnverfettung ist kopf- und planlos. Die politischen Gegner sehen nun ihre Chance gekommen nicht mehr nur Nadelstiche zu setzen, sondern gezielt höhere Positionen anzustreben.

Die satirischen Übertreibungen sind derart real geschrieben, dass es für diese Dystopie nur eine Devise gibt: Eine Lesemuss für jeden geistig aktiven Menschen!

Provokation!

Geil! So ein Wort in den Mund zu nehmen, ja, es gab Zeiten, in denen man dafür mehr als schräg angeschaut wurde. Bruce & Bongo waren die Interpreten des gleichnamigen Titels und sorgten im Frühjahr 1985 wochenlang für heftige Kontroversen. Heute belächelt man eher diejenigen, die „geil“ als vermeintliche Jugendsprache deklarieren. So schnell kann’s gehen, erst der Teufel, dann Lachnummer. Bruce & Bongo brachte es beides, bis sie wieder dahin verschwanden, wo sie herkamen. In den Untiefen der Bedeutungslosigkeit. Ein typisches One-Hit-Wonder.

Doch „Geil“ war bei Weitem nicht das Fanal für Provokationen in der Pop-Musik. Eine Provokation ist per se immer an die herrschenden Verhältnisse gekoppelt. In einer prüden Gesellschaft kann beispielsweise allein schon die bloße Andeutung von sexuellen Handlungen Grund zur Aufregung geben. In einer humanistischen Gesellschaft sind Texte, die gegen Homosexualität, Ausländer und für die Leugnung von historischen Fakten einem hasserfüllten Publikum Futter geben, nicht minder große Aufreger. Bestes Beispiel ist hierfür die Abschaffung des deutschen Musikpreises Echo, nachdem die „Rapper“ Kollegah und Farid Bang (schon allein die Namen sollten eigentlich beim Publikum für Schmunzeln sorgen) mit ihren skandalträchtigen Texten nominiert wurden. Analog zu Bruce & Bongo kann man hier leider nicht davon sprechen, dass Provokation in der Popmusik nun ein Ende hat.

Bei der Provokation muss man zwischen zwei Arten unterscheiden: Der gezielten Provokation (meist kurzfristig, ein Phänomen der Gegenwart, die immer mehr Unbedarfte ins Visier der Öffentlichkeit spült) und dem puren Ausleben der eigenen Leidenschaft, die automatisch provoziert. Kaum einer würde wohl einem Bill Haley unterstellen, dass er die Gesellschaft mit heißen Rhythmen unterwandern wollte. Er liebte den Rock ‘n Roll und das allein war schon Grund zur Besorgnis. Bei Rappern der Gegenwart, egal ob dies- oder jenseits des Atlantiks, überkommt einem nur allzu oft das Gefühl, dass hier eine im Vorfeld genau durchexerzierte Provokation stattfinden soll.

Ob der Playback-Skandal von Milli Vanilli, Alice Coopers Bühnenshows, Westernhagens Anklage gegen Adipöse oder der Aufstieg von Conchita Wurst – Autor Michael Behrendt wühlt im Schmutz der Lautmacher und ihrer Ausdrucksformen. Schon das Cover (Banksys kissing police) führt den Leser auf die richtige Spur. Peter Toshs „Legalize it“, „Antichrist Superstar“ von Marilyn Manson (dessen Name schon für leuchtende Augen bei denen sorgt, die sich bewusst abgrenzen wollen) oder „The queen is dead“ von den Smiths – hier wird jeder fündig, der die Charts als Leitfaden zur Selbstbestimmung versteht.

Nicht jede vokale Provokation ist mit dem Interpreten gleichzusetzen. Denn nicht jeder, der auf einer Bühne nach Beachtung schreit, hat seine Texte selbst verfasst. Das relativiert so manches böse Wort. Und im Laufe der Zeit kehrt der eine oderandere Provokateur seinen Wurzeln des Erfolgs den Rücken. Hier noch ein paar Beispiele aus dem Buch, die dem Leser entweder in Verzückung versetzen, ein „Ach so“ entlocken oder für Verwunderung sorgen: Judas Priest – schwuler Sänger, harte Riffs, explizite Texte. Das führte zur Anhörung vor höchsten Stellen. Tipper Gore, Ehefrau von „Umweltaktivist“ und Ex-US-Vizepräsident Al Gore war die treibende Kraft dahinter. Body Count und „Cop Killer“ – so wird auch die Schusswesten durchschlagende Munition genannt – Erklärung überflüssig. t.A.T.u. – Ihr Liedchen „All the things she said“ – ein Zungenbrecher für die germanischen Sprachhüter brachen mit dem dazugehörigen Video einen Sturm der Entrüstung los. Zwei Mädchen, die sich küssen – wo soll das noch hinführen. Die Antwort wird in Deutschland indirekt immer wieder und immer unverhohlener auch von echten Demokraten versprochen. Die Zukunft sieht deutlich verklemmter aus, als es die jüngere Vergangenheit war.

Dieses Buch ist keine Provokation! Es ist das aufwendig recherchierte Lexikon dessen, was Provokation war und immer noch ist. Nüchtern wirft Michael Behrendt einen Blick hinter den Vorhang der Aufreger der Populärmusik. Ein Buch, das man spätestens dann wieder (und wieder und wieder) in die Hand nimmt, wenn Paul Hardcastles „19“, Prince‘ „Controversy“ im Radio erklingen oder Die angefahrenen Schulkinder wieder einmal vom Sex mit Steffi Graf fantasieren. Falls es noch Musikredaktionen gibt, die dieses Buch nicht im Schrank haben – schämt Euch! – kauft es! Ist allemal besser als die tausendste Nennung der Radiostation und millionenfacher Hinweise auf sinnentleerte Gewinnspiele, um die Quote während der Medienanalyse künstlich anzuheben.

USA Südwesten und Kalifornien

Sich den Wind um die Nase wehen lassen, Grenzen im flirrenden Licht des Horizonts verschwimmen lassen, das Auge einen wahren Sinnesrausch erfahren lassen – auf eigene Faust durch den Südwesten der USA zu reisen nimmt man gern als Synonym für echte Freiheit. Individuelles Reisen auf dem höchsten Niveau und Entspannung mit dem allerhöchsten Lerngehalt. Das mag stimmen, wenn man nicht gerade Reisebuchautor ist. Autor Volker Feser lag die Planung und die Umsetzung dieses Buches sehr am Herzen. Jahrelang (!) ist von San Francisco nach Phoenix, von San Jose nach Las Vegas, von El Paso ach Fresno, von … immer wieder kreuz und quer durch Nevada, die Sierra Nevada, Südutah, New Mexico, Arizona und Südkalifornien gereist, um die Plätze zu finden, die den amerikanischen Südwesten zum Abenteuerspielplatz für alle Altersklassen machen.

Neunhundertzwölf Seiten sind das Extrakt von zahllosen Reisen. Und die stehen nun endlich den Pionieren der Neuzeit zur Verfügung.

Steht also fest, dass der Südwesten das Ziel der Sehnsucht nach Erholung und Sinnesrausch (im positiven Sinne) ist, gibt es nur noch eine Suche: Die nach dem richtigen Reiseband. Die Suche hat ein Ende, hat man diesen hier gefunden. Nun muss man sich nur noch durch neunhundert Seiten durcharbeiten und schon kann’s losgehen! Ja, neunhundert Seiten liest man nicht eben mal schnell durch, um den Werbeblock des Abendkrimis zu überbrücken. Für dieses Buch muss man sich Zeit nehmen. Nicht allein wegen des Umfanges. Sondern wegen der jederzeit brauchbaren Tipps, die Volker Feser übersichtlich und nachvollziehbar dem Reisenden präsentiert. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie dem Yosemite-Nationalspark (kennt jemand ein Impressum, in dem mehr als ein Schlagwort mit einem Y steht?, hier sind es gleich sechs) stehen Aktivitäten wie Radfahren im Sand Flats Recreation Area, einem der ungewöhnlichsten und abwechslungsreichsten Kurse weltweit auf dem Plan. Oder doch lieber Hollywood? Oder die Route 66 entlang? Oder im Hualapai Indian Reservation der Diamond Creek Road folgen die Augen funkeln lassen? Oder dann doch lieber Walter White (der „Koch“ aus der Serie „Breaking Bad“) noch einmal auferstehen lassen?

Zur Einstimmung sollte man das Buch am Ende beginnen. Auf rund einhundertfünfzig Seiten wird diese sonnenverwöhnte Gegend umfassend von Volker Feser vorgestellt. Da er nachweislich nicht nur Internetdatenbanken durchforstet hat, sondern tatsächlich vor Ort recherchierte, um die Routen zusammenzustellen und – als Entspannung beim Lesen unerlässlich – die farbigen Kästen mit Hintergrundinformationen, die in keinem anderen Buch stehen, zu füllen.

Das komplette Buch „zu bereisen“, bedarf eines wirklichen langen Urlaubs. Wer sich abseits der Massenströme unter dem blauen Himmel des Südens die schönste Zeit des Jahres bescheren will, hat nur eine Wahl: Dieses Buch als gefährlich gutes Reisegepäck im Handgepäck mitzuführen und schon auf dem Hinflug erste Reisefieberattacken über sich ergehen zu lassen.

Das endlose Leben

Theo Mannlicher wurde 1899 geboren und starb … ja, wann eigentlich? Da geht es schon los! Andreas Kollender will einen biographischen Roman über den Schriftsteller Theo Mannlicher schreiben und kennt nicht mal seinen Todestag. Den kennt aber niemand, außer dem Betroffenen selbst. Dieser Fakt – das fehlende „lebte bis zum …“ – ist die einzige Lücke in dieser mehr als spannenden Biographie. Doch zurück zum Anfang.

1899 ist das Geburtsjahr von Alfred Hitchcock, dem Master of suspense und Theo Mannlicher. Beide wissen nichts weder von einander, noch von ihrem Lebensweg. Doch Theo wird schon bald merken, dass Worte und Taten einig Hand in Hand gehen. Beim Eintritt ins Teenageralter, ein Begriff, den Theo sicherlich noch nicht kennt, sitzen seine Mutter und sein Onkel bei ihm zuhause. Onkel Paul hat schon einen sitzen und Theo neben sich hocken. Theos Großvater hat sich umgebracht, nun auch sein Vater. Ein Ass als Arzt, meint der Onkel. Theo solle nun ein Ass als Mensch werden. Das sitzt! Die Frage was nun mit der dritten Generation Mannlichers wird – eine zynische Anspielung auf das Ableben der Ahnen männlichen Geschlechts – wird durch die Adelung als Ass weggewischt. Sie Sonne scheint über den Köpfen der Trauergemeinde in Hamburg, in den Köpfen jedoch herrscht echtes Schietwetter.

Noch zu Lebzeiten hatte der Vater alles für eine Auswanderung in die Wege geleitet. Amerika sollte der Familie neues Glück bringen. Doch nun ist es eine Flucht vor der Erinnerung. Mutter, Onkel, Tante und der kleine Theo im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Theo wächst heran, will (und wird) Schriftsteller werden. Doch der Krieg zieht ihn zurück in die alte Welt. In Mailand wird er in einem Krankenhaus gepflegt. Er, Theo Mannlicher, dessen Großvater und Vater eigenhändig aus dem Leben schieden, dreht Gevatter Tod eine lange Nase. Glückskind? Schicksalswink?

Beides, denn er lernt Mary kennen. Sie heiraten, bekommen einen Sohn. Doch die Freude währt nicht lang. Die Ehe zerbricht, der Sohn fällt im nächsten Krieg, der die Welt noch nachhaltiger berührt als dessen Vorgänger. Charlotte ist Frau Nummer Zwei. Im spanischen Bürgerkrieg kämpft Theo Mannlicher an der Seite von Hemingway. Ein erfülltes Leben liegt hinter beiden. Für einen ist der Tod näher als dem Anderen.

Den letzten Abschnitt – sofern Mannlichers Leben wirklich schon zu Ende sein sollte – verbringt Mannlicher auf Bali. Am Strand. Umsorgt von einem Chinesen, der von Weisheit umflutet ist und dennoch nicht verhindern kann, dass das Werk Mannlichers, das maßgeblich vom Tod bestimmt ist, sich immer weiter in das Leben des Autors drängt.

Andreas Kollender gelingt es mit Leichtigkeit dem auf dem Papier so düsteren Leben eines vergessenen Autors Licht und Glanz einzuhauchen. Theo Mannlicher hatte dem Tod abgeschworen, gab ihm immer wieder jedoch Futter und verschwand vor den Augen der Lebenden in ein Reich, auf das der Sensenmann keinen Zugriff zu haben scheint. Alles richtig gemacht! Sowohl der Held des Buches, sein Autor und nicht zuletzt der Leser, der sich diesem Buch nicht entziehen kann.

Trauer und Licht

Sizilien – Sehnsuchtsort! In jeder Hinsicht. Ein bisschen Italien, ein bisschen Abenteuer, der Süden, rustikale Küche. Doch – und vor allem – ein literarisches Paradies. Neueren Datums sind da vor allem die Werke von Andrea Camilleri zu nennen, dessen Commissario Montalbano mit winkligen Fällen und einem ausgeprägten Hang zu vorzüglichen Speisen den Leser in seinen Bann zieht. Doch die Tradition sizilianischer Autoren reicht weiter zurück. Luigi Priandello, 1934 immerhin Literatur- Nobelpreisträger, Leonardo Sciascia, mit dessen Namen man sich oft schwertut oder auch Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit dem Leoparden wohl erstmalig die Geschichte der Insel in den weltweiten Fokus rückte.

Maike Albath rückt alle Akteure in den Vordergrund ihres Buches über Sizilien. Ihre Biographien und ihre Werke sind eng miteinander verknüpft. Wer von hier kam, kehrte entweder zurück oder siedelte die Handlungsorte hier an. So kommt man Sizilien auf die Spur! Denn Sizilien ist nicht einfach nur eine Insel, auf der man baden geht (wortwörtlich, bitte!) und dann meint Land und Leute verstanden zu haben. Hier ticken die Uhren ein wenig anders.

Selbst für Italiener hat Sizilien sich den Charme des Exotischen bewahrt. Und das ohne touristische Konzepte, um jeden auch noch so Reiseunwilligen hinterm Ofen hervorzulocken. Nein, die Bewohner sind es, die Sizilien so nachhaltig prägen.

Auch wer, „Il Gattopardo“, „Der Leopard“ nicht kennt, hat schon einmal von der einmaligen Verfilmung mit dem eisernen Burt Lancaster, dem blutjungen Alain Delon und der bezaubernden Claudia Cardinale gehört. Die Zeiten des Umbruchs Italiens machen auch vor der eingesessenen Adelsfamilie Salina nicht halt. Bezeichnenderweise sind Autor, der die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erlebte, und Regisseur sich auf einer anderen Ebene sehr nahe. Giuseppe Tomaso di Lampedusa und Luchino Visconti stammen aus alten Adelshäusern. Wer in der Lombardei unterwegs ist, begegnet auf Schritt und Tritt den Viscontis, wer in Sizilien die Augen offenhält, kommt am Namen der die Lampedusas nicht vorbei. Doch das sind nur Nebensächlichkeiten. Mit enormem Detailwissen und einer geduldigen Sprache zieht Maike Albath den Leser auf ihre Seite und teilt mit ihm die Zuneigung für Sizilien.

Da fällt es einem dann und wann schon schwer zu glauben, dass man diese Insel nicht leiden mag. Leonardo Sciascia teilt die Liebe zu seiner Insel zweifelsohne, doch sieht er auch die schienbare Hoffnungslosigkeit, die in Teilen auch dem literarischen Mafiaboss Michele Corleone das Herz schwer machen. Dessen „Erfinder“ Mario Puzo war jedoch kein Sizilianer, er war durch und durch New Yorker. Dennoch prägte er das Ansehen Siziliens in der Welt wie nur wenige zuvor.

Die in diesem Buch versammelten Autoren stammen aus Sizilien. Ihr Herz schlug und schlägt sizilianisch. Ihre Gedanken kreisen in ihren Werken ständig um diese Insel. Und der Leser? Er kennt das eine oder andere Werk, hat sich an ihnen erfreut, wurde vielleicht animiert Vigata zu besuchen (es jedoch nie fand, weil es Andrea Camilleri selbst erfunden hat) oder wollte einfach nur für eine abgesteckte Zeit Teilzeitsizilianer werden. Maike Albath zeigt mit diesem Buch, das Sizilien eben mehr ist als 25000 bewohnte Quadratkilometer – und dies ist der Atlas in diese ferne Welt.

Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit

Häfen, das waren die Tore in die große weite Welt. Da kamen exotische Waren an, gestandene Seemänner aus aller Herren Länder brachten ihre Sprachen und Trachten mit. Hier roch es nach Fremdem. Und heute? Logistische Meisterleistungen der Effizienz, auf dem Papier. Wenn heute ein Frachter in einem Hafen anlegt, sind flinke Füße und flinke Finger gefragt. Flinke Füße, weil die Frachter schnellstmöglich wieder in sichere Gewässer geführt werden müssen. Denn Liegeplätze bedeuten Stillstand – und der kostet. Flinke Finger, die über die Tastaturen schweben und nachweislich den Warenverkehr nachvollziehbar machen. Von Hafenromantik ist in kaum einem der Büros noch etwas zu spüren. Und um den Hafen herum selbst, ist die Romantik – auch die gekaufte – auf so manchem Seelenverkäufer shanghait worden.

Schuldt ist einer derjenigen, die den Hafen nicht nur als Sehnsuchtsort mit romantisch verklärten Augen sehen. Häfen sind für ihn die Schule des Lebens und der Hamburger Hafen phasenweise auch Aufreger. Die Hafencity steht in seinen Augen für die flinken Finger. Shanghai, Liverpool, New York waren für ihn die (harte?) Schule der Arbeit. An der Mole stehen un sich die Gischt ins Gesicht spritzen lassen – das ist nicht sein Ding. Er ist die Gischt. Schuldt ist schuld daran, dass der Leser den Hafen nicht mehr allein als Ein- und Ausfuhrschleuse für Bananen und Kaffee sieht, sondern durch dieses Lexikon der Hafen-Etymologie selbst zum Kuddeldaddeldu der Klabautergeschichten wird.

Die Seefahrt war zu allen Zeiten ein riskantes Geschäft. Niemand konnte vorhersagen wie Neptun gelaunt sein wird. Und erst konnte niemand vorhersagen, ob er je wieder festen Boden unter den Füßen haben wird. So entspann sich eine eigene Welt der Seeleute. Mit eigener Sprache. Überreste, meist nur noch rudimentär, sind in verwinkelten Gassen noch heute im Hamburger Hafen zu entdecken. Dort wo einst die letzten Heller der Heuer unters Volk gebracht wurden (Alkohol und Frauen waren die beliebteste Mischung, wenn es galt die Penunzen kurzweilig anzulegen), stehen heute Kneipen und Bars, die den Touristen die gute alte Zeit vorgaukeln. Nur wer weiß, was hier einmal war, kann die Gegenwart erkennen. Und Schuldt – der Vorname hat sich genauso verabschiedet wie überflüssige Rücksichtnahme vor allzu unangebrachter political correctness – ist ein Begleiter, der so manches halb geschlossene Auge zu öffnen vermag.

Wer ein Hohelied auf die harten Burschen an den Kais erwartet, wird zusätzlich mit einem Wortschwall und tiefgründigen Erläuterungen der Hafenumgebung belohnt. Die Hamburger Schule mag in der Musik wegweisend (gewesen) sein. Die Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit liest sich wie ein das erste Lexikon der Welt, das man von der ersten bis zur letzten Seite durchliest.

Bukuríe

Es ist schon ein besondere Melange, die die Autorin Melamar in ihrem Buch „Bukuríe“ dem Leser anbietet. Rita kam als Kind aus Siebenbürgen nach Wien. München war das eigentliche Ziel, doch die Asylgesetze verhießen ihrer Mutter und ihr keine rosige Zukunft. So blieben sie in Wien bei der Tante der Mutter „hängen“.

Pablo Eltern flohen in den 70ern vor der Junta in Chile. Er selbst wurde in Wien geboren. Mit Chile verbindet er nur die ewigen Diskussionen der Eltern über ihre Flucht, ihre Sehnsüchte und die Angst vor Repressalien. Das Land seiner Eltern hat er nie besucht.

Bukuríe stammt aus dem Kosovo. Sie ist Roma. Sie wurde schon einmal abgeschoben – von Deutschland nach Rumänien. Weil die Behörden ihr Albanisch nicht für Albanisch genug hielten, um sie als Kosovarin feststellen zu können.

Rita hat den Laden ihrer Großtante übernommen. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – es reicht zum Leben und ab und zu macht sie sogar richtig gute Geschäfte. Pablo hat die Musik als Leidenschaft gegen den sicheren Job bei der Bank und endlosen Pessimismus getauscht. Ihn ärgert es, dass Rita nicht mehr aus ihrem Laden, ihrem Leben, machen will. Als sie dann auch noch die Roma Bukuríe in ihrem Laden wohnen lässt, ist Pablo am Ende seines Lateins. Er und Rita, das war mal was Großes. Mit Ideen, Träumen und Plänen einer bunten Zukunft. Jetzt herrschen Grau und Alltagstristesse.

Dass Bukuríe Farbe und Fröhlichkeit in ihr Leben bringt, kann er schon gar nicht mehr realisieren. Zu sehr sitzt er in seinem Sauertopf und sucht nach dem Schlechten in der Zeit.

Bukuríe hat eine harte Zeit hinter sich. Sie verkauft Zeitungen auf der Straße und besitzt die Gabe die Menschen wahrlich lesen zu können ohne das Alphabet zu beherrschen. Ihr umwerfendes Lächeln und die Möglichkeit mit einem Fremden in ihrer Sprache sprechen zu können, lässt eine tiefe Beziehung zwischen ihr und Rita erwachsen. Nur Pablo ist außen vor. Er fühlt sich wie das fünfte Rad am Wagen. Weder Rita noch Bukuríe können ihn in ihren Kreis des Friedens hineinziehen…

Melamar gelingt es mit „Bukuríe“ eine anrührende Integrationsgeschichte dem Leser an die Hand zu geben. Drei Menschen, die mehr oder weniger das Schicksal des Anderen eher verstehen als die meisten in ihrer Umgebung. Doch alle Drei haben unterschiedliche Herangehensweisen mit sich und diesen Schicksalen umzugehen. Unbekümmerte Fröhlichkeit, dankbare Ergebenheit und grundlose Schwarzmalerei müssen noch lernen sich die Hand geben zu können.

Unit 8200

„Lassen Sie sich nicht hinters Licht führen!“ Zahlreiche Flyer zieren die Aushänge in Häuserfluren, um vor Betrügern zu warnen, die sich als Mitarbeiter einer Telekommunikationsfirma oder eines Kabelanbieters ausgeben, um ihr Treiben zu legitimieren. In der Welt der Geheimdienste ruft dieser Warnhinweis sicher nur ein müdes Lächeln hervor, doch Vorsicht ist auch hier geboten.

Einen Tag vor seiner Ernennung zum neuen Chef der Unit 8200 (acht zweihundert) wird Oberst Zeev Abadi in die Ermittlungen am Flughafen Paris-Charles-De-Gaulle hineingezogen. Seine Stellvertreterin Lieutenant Orianna Talmor nimmt derweil in Tel Aviv an einer Sitzung teil, an der sie zum ersten Mal mit den Hierarchien der einzelnen Abteilungen des israelischen Geheimdienstes in Berührung kommt. Abadi und Talmor sind keine ausgemachten Profis, doch sie werden noch viel Zeit haben, um ihre Erfahrungen machen zu können…

Ein junger Israeli, Marketingleiter einer IT-Firma ist also in Paris entführt worden. Auf den Überwachungsaufnahmen sieht man ihn heftig mit einer Blondine flirten. Sie besteigen einen Fahrstuhl und … verlassen ihn nicht wieder. Dass hier was nicht stimmt, ist offensichtlich. Doch die wahren Hintergründe und die Tragweite dieses Vorfalls, vom dem beschlossen wird, dass er nicht an die große Glocke gehangen werden soll, sind lange Zeit hinter einen dichten Nebelwand verschwunden.

Die Schwierigkeiten beginnen schon bevor sich die beiden, die zunächst gezwungenermaßen miteinander im Geheimen arbeiten müssen, kennenlernen. Denn die Ernennung Zeev Abadis zum Chef der geheimsten Geheimorganisation der Geheimdienste der Welt stößt nicht auf uneingeschränkten Beifall. Der Nachrichtendienst schlägt Talmor vor diesen Job anzunehmen und eine Neuwahl zu befürworten. Die Argumente sind unschlagbar. Doch Orianna ist reinen Herzens und mit selbigen beider Sache. Sie lässt die Drahtzieher abblitzen.

Die Entführung kann nicht lange unter Verschluss gehalten werden. Sie eignet sich schließlich vorzüglich um eine andere Katastrophenmeldung zu vertuschen. Und auch andere Geheimdienste aus aller Herren Länder die ihren Dienstherren loyal zur Seite stehen, lassen die Unit 8200, die nicht zum ersten Mal unter Beschuss steht an ihre Grenzen kommen.

Wer bisher Agententhriller mied, wird mit „Unit 8200“ zu einem Fan dieses Genres. Allerdings gibt ist die Auswahl derartiger Thriller nicht besonders groß. Das liegt zum Einen an der gefälligen Schreibweis, zum Anderen am enormen Fachwissen des Autors. Dov Alfon weiß wovon er schreibt, denn er gehörte selbst einmal zu dieser Unit 8200. In Israel hielt sich dieser komplexe Thriller wochenlang in den Bestsellerlisten.

Hoffen auf Aufklärung

Wer kann sich jetzt noch an 1982 erinnern? Die Schande von Gijon, der Nichtangriffspakt zwischen deutschen und österreichischen Fußballnationalspielern, kommt Fußballfans weltweit vielleicht in den Sinn. In der 500-Seelen-Gemeinde Oberriet bei St. Gallen ist das Jahr 1982 so präsent wie der gestrige Tag. Auch nach über drei Jahrzehnt ist der Mord an Brigitte und Karin in der Kristallhöhle nicht aufgeklärt. Die Teenager waren mit ihren Fahrrädern unterwegs – ein Ferienausflug zu Verwandten. Doch die Rückkehr wurde für die Eltern der beiden Mädchen zur Qual. Erst mehrere Wochen nachdem die ihre Mädchen als vermisst meldeten, fand man die beiden Leichname in einer Felsspalte. Von Maden verzehrt, unkenntlich. An Verdächtigen mangelt es hier nicht. Ein Höhlenführer, ein Architekt, Touristen – die Ermittler tun eine Spur nach der anderen auf. Doch nichts Endgültiges wird die Gemüter beruhigen. 2012 wird der Fall zu den Akten gelegt. Nicht, weil es keine neuen Erkenntnisse mehr geben wird, sondern weil das Schweizerische Strafrecht es so vorsieht. Dreißig Jahre nach einer Tat, kann niemand mehr belangt werden. Durchsuchungsbeschlüsse sind nichtig. Vernehmungen können nur auf freiwilliger Basis durchgeführt werden. Und im Dorf rücken alle näher zusammen, wenn einer von außen wieder anfängt zu schnüffeln.

Robert Siegrist wartet seit seinem 21. Lebensjahr auf die Antwort wer seine Eltern, seine Tante und zwei seiner Cousins ermordet hat. Das war 1976, als man sie mit einem Winchester-Gewehr ermordete. Das Gewehr wurde gefunden, den Schützen müssen alle Beteiligten an der Suche schuldig bleiben. Er verarbeitete seine Fassungslosigkeit in einem Buch. Gerechtigkeit kann er nach so langer Zeit kaum mehr einfordern. Noch weniger die Unterstützung der Behörden.

Politiker, Spione, Milieu-Größen, Kinder – kurz: Opfer und Täter in diesem Buch sind klar zuzuordnen. Ermittler haben immer den Auftrag jedweden Zweifel aus dem Weg zu räumen. Täter beschreiten den gleichen Weg, allerdings mit der Vorgabe Zweifel zu streuen und keine Spuren zu hinterlassen. Autor Walter Hauser war selbst Kantonsrichter und kennt die Zwickmühle der Gerichte. Menschlich (meist sogar logisch) sind viele Fälle eindeutig. Doch vor dem Gesetz ist jeder gleich. Bestehen Zweifel, müssen sie dem Angeklagten angerechnet werden, um Manipulationen auszuschließen. Das kommt jedermann schlussendlich zugute. „Hoffen auf Aufklärung“ ist auch ein Plädoyer für die Aufhebung der Verjährungsfristen bei Mord und Totschlag. Die Wissenschaft schreitet voran und was vor Jahren noch undenkbar zu sein schien, kann heute mit einem Handstreich erledigt werden. Die Opfer werden dadurch nicht wieder lebendig.

So einen Krimi kann man sich nicht ausdenken. Solche Geschichten schreiben nur das Leben und der Tod in unheiliger Allianz. Die Täter sind dreißig Jahre nach ihrer Tat alle Schulden entlastet, den Hinterbliebenen bleibt nur der verzweifelte Blick zurück. Wenn Recht und Gerechtigkeit getrennte Wege gehen, kann nur die Versöhnung den Staat von der Verantwortung befreien.

Tagebuch für Schlaflose

Alle Lichter gehen aus – Hell-Wach! Wenn die Äuglein zufallen … sollten, es aber nicht tun, ist an gesunden Schlaf nicht mehr zu denken. Und der Rattenschwanz mit Konzentrationsschwierigkeiten, Ermüdungen zur ungünstigen Zeit, unüblicher Essrhythmus und so weiter lässt einem keine Ruhe mehr. Auch ohne Arztbesuch oder medizinisches Grundwissen hört man in der Ferne die Alarmglocken schon schellen. Denn wenn der Kopf arbeitet, kann der Rest des Körpers nicht in den Ruhemodus schalten. Man kann es sich allenfalls einreden.

Das „Tagebuch für Schlaflose“ ist kein Allheilmittel gegen Schlaflosigkeit, das will auch Autor Lee Crutchley. Aber es hilft dem Phänomen Schlaflosigkeit sich entgegenzustellen und eigene Erfahrungen ins rechte Licht zu rücken. Der Kopf soll arbeiten – das treibt jeden von uns an. Mal stärker, auch mal schwächer. Das ist noch lange kein Grund ins Grübeln zu kommen. Nur mittelmäßige Menschen sind stets in Hochform. Was nach einem Spruch für lustige Kaffeebecher klingt, trägt einen Funken Wahrheit in sich. Lee Crutchley fordert am Beginn des Buches den Leser auf sich selbst einzuschätzen. Wer ist man? Wie reagiert man auf sein Umfeld? Ist man ein sozialer Mensch oder kann man sich schlecht öffnen? Sind eingefahrene Bahnen wichtiger als Abenteuer?

Es gibt viele Faktoren, die in der heutigen Zeit unser Leben beeinflussen. Das beginnt beim ewig bimmelnden Telefon und endet noch lange nicht bei der Angst vor Verlusten. Das „Tagebuch für Schlaflose“ bietet nicht nur im übertragenen Sinne viel Platz – das Buch hat viel freien Platz für eigene Gedanken. So wird man vielleicht nicht zum Bestseller-Autor, aber immerhin zum Autobiographen.

Schlaflosigkeit ist ein ernstes Thema (besonders für diejenigen, die es betrifft), zur Auflockerung darf der Leser dann zum Beispiel neue Wörter erfinden. Wozu? Zur Ablenkung, salopp gesagt. Denn die Gedanken, die einen bisher beschäftigten, waren ja offensichtlich nicht dazu gedacht sich mal richtig ausschlafen zu können.

Das Problem mit diesem Buch ist, dass man es nur liest, wenn man schon mitten in der Krise ist. Und dann soll man, wenn die Symptome „zuschlagen“ auch noch ein Buch „schreiben“? Ja! Denn nur, wer sich Gedanken macht, kann etwas verändern. Klingt oberflächlich betrachtet nach einem Teufelskreislauf. Bei genauerer Betrachtung jedoch, ist es ein erster Ausweg.

Das Einzige, was man vermeiden sollte, ist sich zu viele Gedanken über dieses Buch zu machen. Denn dann geht alles wieder von vorn los!