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In Pompeji

„Ganz ruhig bleiben, ich will nichts Böses. Nur reinkommen. Mich ein wenig umschauen. Keine Angst. Es besteht kein Grund auszubrechen!“ Die Stadt Pompeji wird immer mit einem Gefühl der Ehrfurcht betreten, das antike Pompeji natürlich. Der Vesuv hat vor knapp zweitausend Jahren die blühende Stadt in ein Aschegrab immensen Ausmaßes verwandelt. Und so geschah es, dass Pompeji zu Sinnbild der modernen Ausgrabungen in Europa wurde. Heute kann man (fast) ruhigen Gewissens über das holprige Pflaster wandeln – Augen auf, denn auch da verbergen sich mehr oder weniger wichtige, auf alle Fälle zum Schmunzeln einladende Beweise – und sich einen detaillierten Überblick verschaffen, wie Zivilisation vor Jahrtausenden aussah.

Das Image der antiken Schönheit, die der Natur nichts als Durchhaltevermögen entgegensetzen konnte, zog schon immer die Besucher an. Unter ihnen auch große Namen. Charles Dickens und Mark Twain besuchten die Stadt. Letzterer hatte die Schrecken des amerikanischen Bürgerkrieges miterlebt und sah nun wie Italien nach und nach zu sich selber fand.

Pierre-Auguste Renoir holte sich in den Ruinen ernsthafte Inspirationen für seine Werke. Roberto Rossellini verführte Ingrid Bergman mit einem Ausflug hierher zur Zusammenarbeit. Pompeji war und ist immer noch ein Ort, den man mit besonderer Ehrfurcht betritt.

Fernab der Touristengruppen, die sich mehr oder weniger gelangweilt ellenlange mehr oder weniger inspirierende Vorträge anhören (müssen), legt die Stadt dem Wissbegierigen ihr Herz frei.

So beeindruckend die Stadt bis heute ist, so unbeholfen wirkt man heute oftmals, wenn man die Eindrücke beschreiben will. Ingrid Rowland ging es nicht anders, als mit acht Jahren das erste Mal nach Pompeji kam. Erst die Abreise aus New York, dann die Aussicht auf ein halbes Jahr Mainz in Deutschland, wo ihr Vater arbeiten konnte. Der Abstecher nach Italien veränderte ihr Leben. Immer die Kamera in der Hand wurde sie von Pompeji magisch angezogen. Das ging so weit, dass es ihr ein Herzensbedürfnis war dieses Buch zu veröffentlichen. Von Mozart bis Renoir, von Twain bis Dickens lässt sie große Worte in diesem Buch zusammenfließen zu einer appetitanregenden Mixtur aus Historie, Erläuterungen der selbigen und leicht eingängiger Wissensvermittlung. Man muss kein großer Antikenfreund sein, um den Zeilen folgen zu können. Nur Interesse muss man mitbringen, dann wird „In Pompeji“ zu einem Buch, dass die Reiselust weckt und so manche Mußestunde versüßt.

Superbuhei

August 1977, Graceland, Memphis, Tennessee. Ein Mann bricht tot in seinem riesigen Anwesen zusammen. 16. August 1977, Rahlstedt, mitten im norddeutschen nirgendwo. Aaron und Jesse erblicken das Licht der Welt. Der Mann in Memphis hieß Elvis, dann Aaron und mit Familiennamen Presley, der King of Rock ‘n Roll. In Rahlstedt heißt Aaron und Jesse mit Nachnamen Bronske. Und Jesse ist der Erstgeborene, benannt nach dem zweiten Zwilling des King, der tot zur Welt kam. Aarons und Jesses Vater war Elvis-Imitator mit beschränkten Fähigkeiten.

Jesse gehört das „Klaus Meine“, eine runtergekommene Kneipe, die dem norddeutschen Rockidol und Sänger Scorpions huldigt. Den ganzen Tag laufen nur Songs der Hannoveraner Band im Hintergrund, eine Devotionalie – ein signierter Tennisball – ziert die Kaschemme. Und das „Klaus Meine“ ist Teil des Superbuhei, eines Supermarktes, der das einzige Highlight in Langenhagen bildet.

So trostlos die Gegend hier ist, so trostlos ist auch Jesses Leben. Er liebt Mona, die Supermarktkassiererin. Warum weiß er auch nicht (mehr). Ihr Atem stinkt, ihre Figur wächst und wächst, leider in die falsche Richtung. Um wenigstens ein wenig Zeit für sich zu haben, mischt er ihr immer wieder ein bisschen Schlafmittel ins Essen.

Moin Tristesse, und hat eine Kehrseite. Jesse hat Angst. Sieht er Gespenster? Sie jagen ihm eine Höllenangst ein. Er schläft nur noch mit seinem Gewehr an seiner Seite. Auf der anderen Seite schnappt Mona immer nach Luft und verpestet mit ihrem Atem selbige. Jesse vermutet, dass Aaron zurück ist. Und Aaron bedeutet Ungemach, Ärger und vielleicht sogar Schlimmeres… Aaron ist gekommen, um Jesse zu töten und sich anschließend als Jesse auszugeben. Denn die beiden sehen sich zum Verwechseln ähnlich, so sehr, dass selbst ich Vater die beiden Bengel nicht auseinanderhalten kann.

Jesse verändert sich. Mona merkt das auch. Jesse ist auf einmal so ganz anders. Irgendwie aggressiv. Und im „Klaus Meine“ läuft’s auch nicht mehr so. Ist Aaron schon da?

Sven Amtsberg trifft mit jeder Silbe den richtigen Ton. Als Heavy-Metal- oder zumindest Hard-Rock-Fan fallen einem die Kapitelnamen auf, die von Scorpions-Songs stammen. Man muss kein Fan der Band sein, um die Trostlosigkeit mit der Monotonie des Band-Images zu erkennen. In Langenhagen regiert ab einem gewissen Alter die Resignation. Wer Träume hatte, is wech. Wer sie nicht umsetzen konnte, versauert im „Klaus Meine“. Und wenn dann doch mal was passiert, ist es meist nichts Gutes. Doch der Roman macht Hoffnung. So trist die Szenerie, so schwung- und humorvoll der Schreibstil. Jesse Bronske Herz schlägt noch im Takt des Lebens…

Paradies der falschen Vögel

Was, glauben Sie, passiert, wenn Wolfgang Beltracchi in ein Museum geht? Alle, vor allem die elektronischen, Augen sind auf ihn gerichtet. Zuckt sein Auge, wenn er vor einem Turner steht? Lächelt er verschmitzt, wenn er vor einem – sagen wir – van Gogh steht? Zeigt er eine besondere Reaktion bei einem Michelangelo? Denn er weiß, wo seine Fälschungen noch hängen.

Anton Velhagens Lebensweg scheint vorgezeichnet. Sein Onkel ist begnadeter Fälscher. Er erfindet Ayax Mazyrka, einen Barockmaler. Doch dem nicht genug: Er erfindet auch noch dessen Biografen. Und Anton? Schon im Alter von fünf Jahren „fälscht“ er die Überreste des Misthaufens des Prager Fenstersturzes.

Alles Lüge? Alles Lüge! Führen wir uns die Geschichte vor Augen: Ein Autor (wahr) lässt einen Fälscher die Geschichte seines Onkels Robert Guiscard erzählen, der ein Fälscher war. Dieser wiederum hat einen Maler erfunden und einen Biografen gleich dazu. Das nennt man dann wohl Vielschichtigkeit. Und wie ein Maler Schicht für Schicht auf die Leinwand trägt, so lässt Wolfgang Hildesheimer (der Echte) Anton Velhagen die Lebenslüge seines Onkels wieder abtragen. Im Orientexpress trifft er eine Spionin, die unumwunden zugibt, welcher Tätigkeit sie nachgeht. Ein weiterer Mitreisender, ein wasch-echter(!) Procegoviner, deren Nationalheld Ayax Mazyrka war, lässt Robert alle Vorsätze über Bord werfen. Auch den, dass man seinem Gegenüber immer ausführlich und bis ins kleinste Detail antworten sollte. So verliere der die Lust am Nachfragen. Raffinierte Technik! Onkel Robert und seine Zugfahrt – Kauzige Vögel trifft man da. Doch nicht nur da…

Und schon haben wir den Titel des Buches zum Thema gemacht, „Paradies der falschen Vögel“. Falsche Fuffziger könnten es auch sein. Doch dann … ja dann wäre das Buch aber nicht so beeindruckend zu gestalten gewesen. Monika Aichele hat den Titel wortwörtlich genommen und zahlreiche Exemplare der Gattung birdus fakus beigefügt. Also Vögel, die es nie gab, nicht gibt, und aller Voraussicht nach auch niemals geben wird. Genauso wie es birdus fakus nie geben wird. Fake birds, gefälschte Vögel. Das ist mal ‘ne echte Fake news.

Monika Aichele setzt dem ganzen Spiel um Wahrheit und das, was als diese angesehen wird, noch einen drauf. Als Hüterin der „Enzyklopädie der falschen Vögel“ – sie selbst hält es nicht für ein Werk von Robert Guiscard, obwohl es eindeutig aus dessen Familie zu ihr gelangt ist – gibt sie ihren Zeichnungen der Nachtschrecke, des Palmenschwanzes oder des Kanzelschwammbrüters legendäre Biografien. Man merkt ihr den diebischen Spaß an, den sie hatte als die den Kettenhemdkauz, den Moonbird (nicht zu verwechseln mit dem Mohnvogel) oder den Teppichkehrer zeichnete.

Wolfgang Hildesheimer zeichnet ein sarkastisches Bild der Kunstszene, Monika Aichele liefert die nüchternen Tatsachen. Das einzig echte an diesem Buch ist die Faszination, die es auslösen wird. Elegant, handhabbar, witzig, nachdenklich, exzellente Gestaltung – so muss ein Buch sein. Und wer so richtig auf den Geschmack gekommen ist, der kauft sich ein Ticket für den Bernina-Express. An der Haltestelle Poschiavo im Schweizer Kanton Graubünden. Denn anders als das Fürstentum Procegovina, lebte hier eine echter Künstler: Wolfgang Hildesheimer.

Sizilien. Eine Geschichte von der Antike bis in die Moderne

Je nach Größe verfügt jede Stadt, jede Region, jedes Land über eine gewisse Anzahl von Bauwerken oder Naturschönheiten, die unverwechselbar sind. Und jeder Besucher will dort hin. Oft sind es die Stilbrüche, die einen Ort so einzigartig machen. Und je mehr davon zu sehen ist, desto beliebter war dieser Ort, diese Region, diese Insel (wir nähern uns langsam dem Thema). Davon kann man ausgehen. Denn zum Einen war der Ort – okay, sagen wir wie es ist: Die Insel – schon vor Zeiten ein Anziehungspunkt und man blieb auch lang genug, um sich hier ein Denkmal zu setzen, eine Burg zu bauen, auf jeden Fall etwas Bleibendes zu hinterlassen. Eine Frühform von Multikulti.

Und dann steht man in Sizilien. Auf einer Piazza, einer Via in einer Stadt, einem Dorf oder am Strand. Und überall wimmelt es nur von fremder Architektur, exotische Düfte umschwirren die Nase, ein seltsam hartes Italienisch dringt ins Ohr … es ist zwar Italien, aber auch noch vieles Anderes. Je nach Reiseband ist man nun aufgeschmissen oder man erfährt so manches, warum es hier so aussieht wie es ist.

Man kann aber auch die Abkürzung nehmen und den Richtigen fragen. John Julius Norwich ist der Richtige. Er ist der Chronist der Winde und Stürme, die über die größte Insel des Mittelmeeres jemals fegten. Und er kennt sie alle, die Griechen, die Karthager, die Römer und die Barbaren, von Napoleon bis zur Mafia. Es ist faszinierend dem Autor auf seinem Ritt durch die Geschichte zu folgen. Und folgen kann man ihm ganz leicht. Als ob es die einfachste Sache der Welt wäre, macht er Geschichte, die Geschichte Siziliens greifbar, nahbar. Kein stupides Daten herunterrasseln oder gehetztes „dann kam der, dann der und dann die“ etc. Hier ist ein Fachmann am Werk, der nicht nur sein Themengebiet beherrscht, sondern spielerisch Anekdoten und Fakten miteinander zu verknüpfen weiß.

Man muss dieses Buch nicht lesen, um Sizilien zu lieben. Aber es ist Basislektüre, um es zu verstehen. John Julius Norwich stellt keine Hinterlassenschaften in den Vordergrund, er stellt die Erbauer vor, führt den Leser in längst vergangene Zeiten und verknüpft die historischen Eckpunkte zu einem edlen Teppich, auf dem sich vorzüglich Sizilien erkunden lässt. Die Liebe zu der Insel ist in jedem Absatz spürbar. Immer weiter zieht der Autor den Leser in die ereignisreiche Historie der Insel, die von den Normannen genauso beeinflusst wurde wie von deutschen Kaisern, sarazenischem Säbelrasseln, griechischer Kulinarik oder anderen „Ehrenmännern“. Sizilien ist der wahrgewordene Urlaubstraum, dieses Buch der ideale Begleiter.

Long John Silver

Long – John – Silver: Ein Name wie Donnerhall auf den Sieben Weltmeeren! Ritsch-ratsch und der Stummel ist ab. Ohne eine Miene zu verziehen. Ohne, dass ihm jemand Händchen hält. Er harter Kerl, der Quartermeister. Und Flint, sein Kapitän, weiß um die Fähigkeiten des treuen Silver. So beginnt eine der außergewöhnlichsten Biographien des Jahres.

Ja, es handelt sich um den berühmten John Silver aus der „Schatzinsel“. Jim Hawkins hat ihn gefürchtet, die Mannschaft an Deck hat ihn gefürchtet. Alle haben ihn gefürchtet. Denn der harte Hund hatte seinen Spitznamen „Barbecue“ nicht zu unrecht. Robert Louis Stevenson hat ihm schon einmal ein Denkmal gesetzt, eines, das ein wenig wackelt. Björn Larsson rückt nun einiges gerade. Und um es vorwegzunehmen, wer nicht mehr alle Details aus der „Schatzinsel“ parat hat, wird in so mancher Passage des Buches staunen, was da alles noch im Hinterstübchen hängengeblieben ist.

Johns Kindheit war nicht besonders glücklich. Im Brighton des ausgehenden 17. Jahrhunderts gab es für die meisten, fast alle, nur einen Weg, den man einschlagen konnte: Zur See fahren. So wie sein Vater, den er nie kannte, von dem er allerdings nur Schlechtes zu hören bekam. Erst später soll er erfahren, dass sein Erzeuger im „maritimen, kreativen Handelsgeschäft“ tätig war.

Der harte Hund, der er einmal werden sollte, ging durch eine harte Schule. Der Rektor seiner Ausbildungsstätte neigte zu ausgiebigen Züchtigungen. Immerhin besuchte John Silver die Schule, was ihm schon bald einen Vorteil einbringen sollte. Gebildetes Personal an Bord war Mangelware. So macht er schnell Karriere.

Er lernt aber auch die Schattenseiten des Geschäftes kennen. Den Rattenfänger der Marine kann er gerade noch entkommen, doch schon sein erster Kapitän will ihm eine Falle stellen. Selbst nicht ganz helle, setzt er sein Schiff auf Grund, bzw. gegen die Klippen. Als Sündenbock muss John Silver herhalten, der sich nun vorsehen muss. Denn auf Meuterei – das wird ihm nämlich vorgeworfen – steht eine harte bis endgültige Strafe.

John Silver tingelt durch die Welt. Das Leben auf See ist hart bis ungerecht, und es ist nichts wert. Wenn man sich nicht zu helfen weiß. John Silver ist oft vor den Kopf gestoßen worden, niemals aber auf selbigen gefallen. Und so reift der junge, vorwitzige Mann zu einem gefürchteten, dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden verpflichteten Rauhbein heran, der sogar einem Romanschriftsteller Hintergrundinformationen liefern wird.

John Silver sitzt am Ende eines ereignisreichen Lebens und schreibt seien Memoiren, teils im Dialog mit Daniel Defoe – ja, es ist wahr: Eine Romanfigur  gibt einem Schriftsteller Tipps! – und man nimmt es ihm ab. Björn Larsson gelingt es, dass alles im Buch wie wirklich geschehen wirkt, obwohl er der Fiktion eine weitere Ebene hinzufügt. Ein Erlebnis für alle Abenteurer!

Der Kuss

Jetzt wird auch noch dieser sinnliche Moment wissenschaftlich zerrupft?! Jein! Ja, es stimmt, Alain Montandon nimmt den Kuss unter die Lupe. Nein, er wird nicht zerrupft, sondern stilvoll unter die Lupe genommen. Kein erbsenzählender Kinsey-Report, der bei der Fortsetzung des Kusses seine Nase in alles reinstecken musste, sondern die literarische und kulturelle Erkundung kurz unter Augenhöhe. Versprochen! Es wird ein Fest für die Sinne!

Oscula, basia und suavia bezeichnen alle dasselbe, den Kuss. Und zwar den ritualisierten, den freundschaftlichen und den erotischen Kuss. Die Römer verstanden zu küssen. Beziehungsweise ihn einzuordnen (im wahrsten Sinne des Wortes) und zu benennen. Und dann liest man weiter. Der Kuss als Friedensbekundung (unter Staatsoberhäuptern) – man stelle sich vor in welche Orgie es ausartet, wenn wieder einmal ein G-20-Treffen stattfindet, wie in Hamburg. Die Synapsen spielen verrückt, wenn man sich das Begleitprogramm dann ausmalt, Rundgang auf Sankt Pauli etc…

Es gibt Orte auf dieser Welt, an denen das Küssen verboten ist. In Frankreich zum Beispiel. Ja, Frankreich! Dem Land, in dem das Küssen erfunden zu sein scheint. Gilt aber nur auf Bahnübergängen. Alles halb so wild. Wilder, fast schon ernst – das Gesetz wird aber wohl kaum noch angewendet –  ist es in einigen Staaten der USA, in denen ein Kuss nur eine Sekunde dauern darf (Maryland), oder drei (Rhode Island) oder fünf Minuten (Iowa). In Wisconsin muss die Zunge im eigenen Mund bleiben. Also Vorsicht bei der Wahl des Urlaubsziels! Im Pazifik wird noch richtig gebissen, bei den Papua. Die Aborigines teilen sogar den eigenen Schweiß mit den Fremden. Die Eskimo stupsen sich mit der Nase.

Die Untersuchung des Kusses kann also auch lehrreich und manchmal kurios sein bis hin zum Schmunzeln. Es besteht jedoch nicht die Gefahr, dass man nach der Lektüre des Buches zum Fachidioten wird. So wie manche Fachleute ihr Fachgebiet nicht mehr mit Abstand betrachten können, wird es sicher nicht bei jedem Kuss, den man bekommt oder gibt vorkommen, dass man ihn nun analysiert. Vielmehr wird man bewusster dem Gegenüber seine Ehrerbietung bekunden. Nicht jeder, der den Kopf des Anderen in die Hand nimmt und ihm einen innigen Kuss gibt, wird kurze Zeit später („wenn Mama nicht mehr unter uns weilt“) zum Mörder. Das Buch wird einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei denen, die viel küssen sowieso. Bei denen, die sich nach mehr Küssen sehnen ganz bestimmt. Und bei denen, die endlich mal geküsst werden wollen, regt es die Sehnsucht zusätzlich an.

Von Mundhygiene über Mundpropaganda bis hin zum Austausch von Flüssigkeiten leitet Alain Montandon den Leser durch die Kulturgeschichte des Kusses. Keine Angst vor dem großen Wort Kulturgeschichte, es war, ist und bleibt immer nur ein Kuss!

Depeche Mode – Monument – Limited Extended Version

Jetzt gibt’s was auf die Augen! Normalerweise wartet eine Band bis zu einem runden Jubiläum, um die Fans mit einem besonderen Geschenk zu beglücken. Depeche Mode – Achtung Phrase! – waren schon immer anders als die anderen Band. Hier war es nur eine Question Of Time bis so ein monumentales Werk den Markt eroberte. Der Titel „Monument“ ist Programm: Fast so groß wie der Stapel an LPs, den die Band irgendwann mal hinterlassen wird, voller Bilder, Interviews, Magazin- , LP/CD-Covern und doppelseitigen Nahaufnahmen der Bandmitglieder. Keine Condemnation, vielmehr Enjoy The Umblättern!

Der Leser ist Museumsbesucher. Große Sonderausstellung zum 37jährigen Bandjubiläum von Depeche Mode! Erleben Sie die Band, in privaten Momenten, lesen Sie, was Wegbereiter und andere Fans zu berichten wissen! Mittendrin im Geschehen und nicht Behind The Wheel. Ein lebendiges Museum von vier Jahrzehnten Popgeschichte. Über vierhundert Seiten Bilder For The Masses, eine bunte Celebration, die jeden Fans schreien lässt I Want You Now.

Für Fans der ersten Stunde ist es streckenweise erstaunlich, was man alles schon mit der Band erlebt und eventuell schon wieder vergessen hat. Die ersten Bühnenoutfits, schon allein über Martin Gores Garderobe könnte man ein nicht minder monumentales Werk gestalten, Schwarz-Weiß-Bilder der Gegend, aus denen Dave Gahan, Andy Fletcher und Vince Clarke stammen, markieren nicht nur den Ausgangspunkt für eine der weltweit erfolgreichsten Bands, sondern weisen schon den Weg, den das Buch einschlagen wird. Mit jeder Seite mehr taucht man tiefer ein ins Universum der Synthi-Pop-Helden. Schonungslos offen auch der Umgang mit dem traurigen Kapitel als die Band vor ein paar Jahren fast vor dem Aus stand. Dave Gahan war erkrankt, dem Tode nah, ein überlebter Drogenexzess öffnet ihm die Augen. Seitdem kennt die Band nur einen Weg: Den nach oben. Immer weiter.

Es gibt vielleicht nur ein paar noch praktizierende Bands, denen ein Buch von diesen Ausmaßen zusteht: Klar, die Rolling Stones, U2 sicher, Metallica gehören auch fest in diesen erlauchten Kreis. Dann wird’s schon schwierig eine Band zu benennen, die so lange einen so großen weltweiten Erfolg aufweisen kann. Und diesen Erfolg mit einem Buch zu bildgewaltig präsentieren darf. Preiswerter als jede Konzertkarte, langlebiger als das komplette Musikwerk ist „Monument“ das, was es vorgibt zu sein. Nämlich die kiloschwere Historie einer Band, die den Modestil nicht nur einer Generation beeinflusst hat, deren Musik schon nach wenigen Takten eindeutig als Depeche-Mode-Sound zu erkennen ist, und die es immer wieder schafft Fans und Kritiker zu überzeugen und neue Fans zu erobern. Dieses Buch will nicht erobert werden. Das passiert einfach so! Als Meister der Maxiversionen – ja, das gab es einmal – lautet der Untertitel natürlich auch „Limited extended version“. Die Maxi von „Shake The Disease“ war eine Viertelstunde lang. Das ist man in diesem Buch vielleicht gerademal auf Seite Dreißig. Bis man mit dem Buch „durch ist“, kann man also noch die gesammelten musikalischen Werke der Band von 1980 bis zur Jahrtausendwende hören. Und blättern und blättern und schwelgen und träumen und …

Der Mann mit dem Saxofon

Hannahs Leben war bis eben ein Desaster. Da kam der Auslandsjob – sie ist Schauspielerin – wie gerufen. Einfach bloß weg, sich ablenken, sich mit anderen Dingen beschäftigen … eine neue Liebe. Doch auch das ist nun vorbei. Sie liest in ihrem Tagebuch, das sie eigentlich gar nicht schreiben wollte. Und sie liest, obwohl ihr alles noch so präsent ist, dass auch die neue Liebe passé ist. Tot, der Geliebte, die Klappe auf der Bühne war schuld. Peng!, sie fiel zu – der Geliebte im Jenseits. Nicht nur auf der Bühne. Ihre Schuld? Ihre Schuld! Hannah findet keine andere Lösung, so sehr sie auch sucht. Sie ist schuld am Tod ihres Geliebten.

Doch das Leben hat die Angewohnheit fortzuschreiten. Beim Casting für ein neues Projekt fällt sie auf. Lviv, Lwow, Lemberg ist der temporäre Lebensmittelpunkt. Und auch hier in der Fremde gibt es Vertrautes. Vertraut die Fremdheit des Hotelzimmers. Alles so clean, so stringent, alles an seinem Platz, aber ohne Liebe, ohne persönliche Note. Fremd ist die Stadt, fremd das Gefühl wie ein Star behandelt zu werden. Hannah bemerkt beide Seiten der Medaille, doch ist wenig beeindruckt.

Sie schlendert durch den Park und trifft ihr Schicksal in Person von Aaron, dem Saxofonspieler. Seine wachen Augen, seine behändes Spiel, seine Fähigkeit im richtigen Moment das richtige Zitat zu bringen, verblüfft sie.

So lebensbejahend Aaron auch ist, so betrübt ist sein Herz. Und Hannah versteht ihn besser als je ein Mensch zuvor. Wenn das Wort Seelenverwandtschaft je zutraf, dann auf Aaron und Hannah…

Sibylle Schleicher schickt den Leser auf eine Reise durch das unbekannte Lviv/Lemberg. Das Schicksal der beiden endet in einem Labyrinth der Gefühle, aus dem sie nur schwer wieder herauskommen. Gewolltes Exil oder Schicksalsergebenheit? Jedes Umblättern ist Nervenkitzel par excellence. Wie in einem düsteren Krimi noir schreitet man mit den Hannah und Aaron auf den Abgrund zu, der unausweichlich scheinen mag. Die Suche nach dem Grabe des Vaters und die Suche nach Befreiung führen auf ein und denselben Weg.

Zwischendrin, kaum merklich, verwandelt sich der Roman in einen Reiseführer. Das einstige Lemberg erwacht in den Worten von Sibylle Schleicher zum Leben. Die Spaziergänge, die Hannah unternimmt, sind kleine Ausflüge durch eine Stadt, die ihrer Blüte hinterherhinkt und der Pracht nachweint. Doch die Spuren der Vergangenheit sind weder bei Hannah noch bei Aaron noch bei der Stadt komplett verschwunden. Wer ein wenig an ihnen kratz, wird belohnt werden.

Der Tote, der nicht sterben konnte

Es heißt, dass den Tod vor Augen das Leben noch einmal an einem vorüberzieht. Martin Heinz hat den Tod vor Augen, eine Leitschiene wird sich jeden Moment in seinem Körper bohren und Magen, Darm und Nieren zu Brei zermalmen. Nur eines im Leben ist sicher, der Tod. Außer bei Martin Heinz.

Blau-weiß-rot sind nicht nur Trikolore und Union Jack, sondern auch sein Körper. Blau der Penis – das Blut schoss ihm kurz vor der Durchbohrung ins Gemächt und gerann sofort. Weiß sein Körper wie eine frisch gedeckte Kaffeetafel. Rot das Loch, wo die Mitte des Körpers liegt. Den Ärzten ist er ein Rätsel. Den Menschen in dem kleinen Ort in Österreich ist er ein Wunder. Noch hält sich die Meute der Journalisten fern von ihm. Seine Familie weiß auch nicht wie sie jetzt damit, mit ihm, dem Zombie umgehen soll. Ein echter Zombie ist Martin Heinz aber gar nicht, denn dazu müsste er erst einmal richtig tot gewesen sein…

Martin Heinz will sterben, er kann es aber nicht. Sein Lebenswille ist nicht mehr existent. Und schlafen kann er auch nicht mehr. Seine Körpertemperatur stagniert bei fünf Grad Celsius. Sex – die besten Voraussetzungen bringt er ja immer noch mit – ist auch keine Lösung.

Als weitere Fälle des Ambrosia-Virus auftauchen – inzwischen weiß man, dass ein Virus die Ursache für die seltsame lebensverlängernde Erscheinung ist – wird Martin Heinz wieder aktiv. Er sucht den Tod. Im Hades. In Nevada. Als er ihn endlich trifft, ist die Zusammenkunft mehr als ernüchternd. Denn der Gevatter beliebt zu spotten. Oder hat er auch bloß keine Ahnung?

Die Lager, in denen die Ambrosianer, wie die vom Supervirus Betroffenen genannt werden, wachsen an. Fluktuation kann es nicht geben, da ja niemand sterben kann. Positiver Nebeneffekt: Krieg werden völlig sinnlos. Das sind sie auch schon vorher gewesen, nur haben das nie alle bemerkt. Eine perfekte Welt? Ja! Allerdings keine ganz perfekte Welt…

Hermann Knapp beginnt „Der Tot, der nicht sterben konnte“ als ironisches Stück, das den Leser schmunzeln lässt. Im Laufe der Seiten wandelt sich das Blatt und immer klarere werden die unausweichlichen Konsequenzen der Unsterblichkeit. Immer noch schmunzelnd muss der Leser miterleben, dass auch in einer perfekten Welt jede Medaille zwei Seiten hat. Nur leider hat dieses Buch ein Ende.

Sonntag der beleuchteten Fenster

Saucismus – diese Erfindung will und wird Diana Anfimiadi für sich beanspruchen. Malen mit Saucen. Zu kindisch, zu flapsig? Dann verabschieden wir uns an dieser Stelle von allen, denen das Essen auf den Magen schlägt und nicht zu Herzen geht.

Diana Anfimiadi ist Georgerin. Sie ist Autorin. Sie isst gern. Sie schreibt gern übers Essen und ihre Erfahrungen beim Essen und natürlich über ihre Erinnerungen an Freunde und Familie beim Essen. So weit so gut. Aber. Sie schreibt nicht einfach nur darüber, sie verführt. Wer Diana Anfimiadi zu sich einlädt, ob als Autorin oder persönlich, wird den geselligsten Abend überhaupt erleben. Überschwang der Gefühle kommt einem als Erstes in den Sinn, liest man die ersten Zeilen dieses Buches. Und es geht weiter. Kurze Erholungsphasen vom Studium mit Essenfassen, die Düfte in Omas Küche bis hin zu eben den eingangs erwähnten Malen mit Saucen.

Vorblättern bis auf Seite 86. Wieder eine Erinnerung an einen „sehr wundersamen, sehr begabten Kollegen“. Ein Maler. Doch dieses Mal sind es nicht Gerüche und Geschmacksnoten, die sie beeindrucken, sondern Farben. Rote Rüben, gelbe Sauce aus Eiern und Senf, orange Sauce aus Karotte etc. Das alles bringt sie zu der Erkenntnis, dass Malen mit Saucen noch gar keinen Markt hat. Sie meldet schon mal Ansprüche auf das Copyright an.

Während man sich durch das Buch liest, wird der Lesefluss immer wieder von den Rezepten unterbrochen. Und vom Magenknurren. Ohne viel Tamtam werden in Windeseile die Rezepte dargeboten. Bilder? Fehlanzeige. Sind auch nicht nötig, da die Kraft der Worte jede Abbildung überflüssig macht.

Liebe geht durch den Magen – nach diesem Buch kommt der Liebeskummer. Buch schon zu Ende, kein Essen mehr, keine georgische Tischkultur? Man kann es ja noch einmal lesen, und noch einmal. Und vor allem kann man alles nachkochen.

„Sonntag der beleuchteten Fenster“ ist eine Einladung mal in die Kochtöpfe Georgiens zu schauen. Deftig, würzig, scharf, bitter, süß – abwechslungsreich und (nicht aber!) immer geschmackvoll. Ein Appetizer, den man nicht ablehnen kann!