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Reisen in die Ukraine und nach Russland

Vor knapp einhundert Jahren reiste der Journalist und Schriftsteller Joseph Roth in die Sowjetunion. Unter dem Pseudonym „Roter Joseph“ hatte er schon Artikel veröffentlicht, für die Frankfurter Allgemeine Zeitung sollte er nun eine Reportagereihe über das riesige Land schreiben. Lenin, der Vater Revolution war tot. Stalin herrschte schon mit Nachdruck.

Joseph Roth wurde in Ostgalizien, heute in der Ukraine, geboren. So waren seine Reisen auch eine Reise zu seinen Wurzeln. Die Idee des Sozialismus war ihm nicht fremd, schien ihm schon gar nicht abwegig. Jedoch hatte er genug gehört, gelesen, vernommen, um nicht blind den stets eifrigen Agitatoren auf den Leim zu gehen.

Die in diesem Band zusammengefassten Reportagen zeigen ein Russland – pardon, eine Sowjetunion, auch wenn der Titel etwas anderes sagt – das es so einmal gegeben hat. Das prächtige Leningrad, das mittlerweile wieder seinen ursprünglichen Namen Sankt Petersburg angenommen hat, besticht durch seine Blüte in jeder Jahreszeit. Auch hier von lässt sich Roth nicht einlullen. Die Probleme sind offensichtlich, liegen teilweise auf der Straße.

Das echte Land lernt er erst auf dem Boot auf der Fahrt von Nishni Nowgorod nach Astrachan kennen. Hier ist alles friedlich. Zufrieden ruht man des Nachts. So unschuldig die Stimmung, so unschuldig die ruhenden Körper. Doch schon bei der Ankunft in Astrachan ist das ungute Gefühl wieder da. Die Propaganda schwärmt vom Fischreichtum, dabei sind es die Fliegen, die die Szenerie bestimmen.

Die russische Bourgeoisie hat sich still und heimlich mit der Situation abgefunden, dass es besser ist sich anzupassen. Ihr Fatalismus ärgert Roth am meisten. Die Stillosigkeit erschreckt ihn. Verständnis kann er nur bedingt aufbringen. Nach und nach dämmert es Roth, dass er als Künstler niemals in so einem Staat leben könnte. Das ist keine Frage der Einstellung, sondern des Überlebens.

Es ist nun aber nicht so, dass Joseph Roth die Sowjetunion, also Russland und die Ukraine auf Teufel-Komm-Raus selbigen wünscht. Die stetig steigende Alphabetisierungsrate begrüßt er ebenso wie die unbeugsame Disziplin im Lande. Auch wenn die ihm ein bisschen zu Deutsch erscheint mit einem Hauch Verrücktheit. Schon während des Lesens fragt man sich selbst, wie seine Reportagen heute sich lesen würden.

Joseph Roth zu lesen ist wie eine endlose Autofahrt durch unentdeckte Landstriche. Es geht immer vorwärts, keine Frage. Selbst, wenn man anhält, ist das Fortkommen immer garantiert. Mal muss man schmunzeln, mal schüttelt man den Kopf – je nach Vorkenntnissen des heutigen Russlands und der Ukraine. Auch fast hundert Jahre nach Erscheinen haben diese Reportagen nichts an Strahlkraft verloren.

Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Jede Medaille hat zwei Seiten. Das ist bekannt und wird allgemeinhin auch so hingenommen und akzeptiert. Gilbert Keith Chesterton, der mit Pater Brown eine der bekanntesten und zahlreich verfilmten Hobbyermittler schuf, hat seine eigene Sichtweise auf die Dinge, die so unermüdlich unser Leben beeinflussen. Und die wir oft genug gedankenlos hinnehmen.

Sechzehn Mal plädiert er unter anderem für Schundromane, Gerippe und Patriotismus. Eine gewagte Mischung! Doch es bleibt nicht einfach nur beim Versuch. Es gelingt ihm durch seine gewitzte Art und die Fähigkeit diese auch in Worte zu kleiden den Leser in seine Welt zu ent- und durch sie zu führen.

Bleiben wir beim Schundroman. Auf den ersten Blick hat der Begriff Schund keinen netten Hintergrund. Pulp fiction, ja, da springen alle auf, applaudieren für das, was sich auf der Leinwand abspielt. Doch der Schundroman ist pure Unterhaltung. Nichts Hochtrabendes, das einer Elite vorbehalten ist. Erst der Schundroman, das Profane, das ganz normale Leben, machen Literatur dem breiten Publikum zugängig. Und wer sagt denn, dass die breite Masse kein Recht auf Unterhaltung hat?

Ganz anders sieht es mit der Demut aus. Von Oben diktiert, ist sie durchaus diskutabel. Als freie Willensentscheidung und –bekundung ist sie Ausdruck von Individualität. Sie hat wie alles im Leben zwei Seiten. Oder ein Messer. Hat auch oft zwei Seiten, aber darum geht es nicht. Zum Einen kann ein Messer wortwörtlich und sinnbildlich Schaden anrichten. Dient es jedoch einen weitaus größeren Schmerz zu bekämpfen – Chesterton führt hier den Zahnschmerz an, den wirklich JEDER nachvollziehen kann – ist es durchaus ein brauchbares Werkzeug.

In Zeiten, in denen die Freiheit zur Dogmatisierung häufiger genutzt wird als je zuvor, ist ein Buch wie dieses eine echte Fundgrube. Ein hilfreiches Argumentationshelferlein und amüsantes Kompendium in Einem. Der nachgewiesene britische Humor, das umfassende Wissen inklusive der Fähigkeit dieses auch anzuwenden und der unvergleichliche Schreibstil von Gilbert Keith Chesterton erschweren dieses kleine Büchlein und machen es zu einem echten Schwergewicht unter den Mit-Auf-Den-Weg-Geben-Büchern.

Die Illustrationen von Egbert Herfurth adeln das Buch und adeln das ohnehin schon wertvolle Buch. Sechzehn Mal verteidigt der Autor die unterschiedlichsten Vorstellungen vom Dingen und Einstellungen. Dieses Buch muss man nicht verteidigen, man nimmt es auch nicht einfach nur hin. Man nimmt es aus dem Regal, liest, stellt es wieder zurück, nimmt es aus dem Regal, liest und so weiter.

Die kranken Habsburger

Welch wohlklingender Name: Habsburg. Europas Geschichte ohne einen Habsburger zu erzählen, wäre wie über das Jahr 2020 zu berichten, ohne dabei das Wort Corona in den Mund zu nehmen. Einfach unmöglich. Mit einem Trick, genauer gesagt mit einer Fälschung haben sich die Habsburger in den europäischen Hochadel gemogelt. Sie stellten quer über den Kontinent (und sogar darüber hinaus) Fürsten, Prinzen, Könige, Königinnen(!) und Kaiser. Durch geschickte Heiratspolitik hatte man in fast jedem Königshaus Europas seine Nachkommen untergebracht. Das erhielt den Frieden, meistens. So viel zur Geschichte, die jeder nachvollziehen kann.

Hans Bankl reichte das nicht. Der promovierte Pathologe hat – ganz im Sinne seines Fachgebietes – die Habsburger unter die Lupe genommen. Von der offensichtlichen herabhängenden Unterlippe, die berühmte Habsburger-Lippe, nach der oft in Quizshows gefragt wird, bis hin zu Krankheiten, die der Familienlinie nicht immer zu Gute kam, widmet er sich den kleinen Familiengeheimnissen dieser Dynastie.

Siebenhundert Jahre gab es kein Entrinnen vor den Habsburgern. Die waren einfach überall. Am spanischen Königshof, in Frankreich, Ungarn, Österreich (natürlich), Bayern, Lothringen, sogar in Mexiko. Das war aber eher ein Zwischenspiel, denn Kaiser Maximilian wurde nach wenigen Jahren der Regentschaft, die auch nur auf den „Wunsch“ Frankreichs zustande kam, erschossen.

Der unbändige Drang die Geschicke Europas zu steuern hatte aber auch einen gravierenden Nachteil. Irgendwann stirbt jede Linie einmal aus. Denn als Prinz wurde man automatisch Erbfolger. Als Mädchen war man Handelsgut, um an die Höfe Europas verschachert zu werden. Und genauso irgendwann hat man den Überblick verloren, wer wann wen heiratete. Ein heilloses Durcheinander war die Folge, so dass es nicht selten vorkam, dass gleiches Blut mit gleichem Blut die Ehe einging. Inzucht war die logische Folge, und mit ihr die bekannten Folgen.

Hat man sich erst einmal mit den oftmals gleichen Namen und den Jahreszahlen bekanntgemacht – als Nichtösterreicher und Nichthistoriker kann man bei den vielen Doppelungen der Namen schon mal durcheinander kommen – liest sich diese außergewöhnliche Familienchronik wie ein süffisanter Abriss der europäischen Adelsgeschichte. Man merkt Autor Hans Bankl des Öfteren das Schmunzeln an, das er beim Schreiben gehabt haben muss. Die Habsburger jedoch nur als inzestgeplagte Brut mit dem Hang zur Machtgier und oft ungeschickter Handlungsweise zu sehen, wäre fatal. Die Habsburger haben sicher mehr für die Einigung Europas getan, als man ihnen zugestehen möchte. Die Wahl der Mittel ist ohne Zweifel fraglich. Ihre Hinterlassenschaften sind es nicht. Man stelle sich beispielsweise Wien ohne Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum vor. Ganz zu schweigen von der Sissi-Industrie, die seit über einem Jahrhundert vom Glanz der schillerndsten Habsburgerin unzählige Familien ernährt und noch viel mehr Familien in Verzückung versetzt.

Der amüsante Schreibstil, das Detailwissen und das rasante Tempo des Buches begeistern bei jedem Lesen.

Schwere Körperverletzung

Englands Norden ist nicht der Platz, in dem man sich niederlässt, um den Lebensabend in Saus und Braus zu verbringen. Aber als Versteck eignet sich dieser Platz zweifelsfrei. Besonders im England der 70er Jahre. Die Schornsteine rauchen noch ohne Ende und hüllen die nicht ohne Reiz durchaus ansehnliche Landschaft in dichten Qualm. Eine Metapher, die dem Roman, diesem Prototyp des brit noir, ausgezeichnet zu Gesicht steht.

Hierhin hat sich George Fowler zurückgezogen. Bis zum Lebensabend ist noch ein Stück zu gehen. Und außerdem läuft der Laden doch. Sein Geschäft ist das Filmgeschäft. Keine Screwball-Comedy á la „Carry on“, schon gar nicht ein Horror-Streifen aus den Hammer-Studios oder ein James-Bond-Streifen. Nein, er ist der Chef eines lukrativen Nischengewerbes. Die Filmchen seiner Firma sind, gelinde gesagt, delikat bis hin zu eindeutig anregend. Und das Geschäft ist einträglich. Bückware, Schmuddelgut – wie auch immer man es bezeichnet. Es ist verboten, deswegen ist es begehrt. Und vor allem ist der Erlös netto. Kaum Ausgaben. Dennoch schmerzt jedes Pfund, das man unfreiwillig abgibt. Und hier wird es interessant.

George Fowler weiß, dass seine Kassierer die eine oder andere Pfundnote ins eigene Wallet stecken. Das kann er nicht zulassen! Es ist sein business. Er trägt das Risiko. Wo kommen wir denn hin, wenn sich jeder einfach so bedient! Wenn er wüsste, dass bald schon die Eiserne Lady genau das legitimieren wird…

Die Daumenschrauben anzusetzen, ist kein Problem. Und der Chef selbst, also Fowler himself, dreht gern mal an der Stellschraube. Nicht bis kurz bevor Blut fließt. Nein, selbst, wenn der Lebenssaft aus dem Delinquenten herausschießt, sieht er immer noch eine Möglichkeit noch eine Runde zu drehen. Eine Runde an der Stellschraube, versteht sich. Momentan ist er also in der misslichen Lage sich entspannen zu dürfen. Besser ist es, denn die Schlinge ist schon um seinen Hals gelegt. Und bevor jemand ihm dem Hocker unter den Füßen wegtritt, macht er sich aus dem Staub. Bis die Wogen sich geglättet haben.

Doch die Ruhe dauert nur kurz. Selbst so ein gewissenloser Typ wie George Fowler hat ein Hirn, das in ihm arbeitet. Und so lichtet sich der Rauch der Vergangenheit vor der Kulisse der See. Er erinnert sich, wie es einmal war. Mit Jean, seiner Frau. Und dem treuen Mickey. Und er findet im winterlichen Seebad einen neuen Freund: Den Alkohol. Der hilft ihm so manches Mal auf die Sprünge, wirft ihn aus der Bahn und rettet ihn doch immer wieder. So sieht es zumindest George Fowler.

Ted Lewis treibt den Leser in die graue Halbwelt England in den 70ern. Die Lunte am Fass des Punk glimmt schon ein wenig, Maggie Thatcher wartet nur noch auf das Go, um der Gier den Weg zu pflastern. Seite um Seite steigt man hinab, trifft zwielichtige Gestalten, die Schweigen nicht als Image ansehen, sondern als Lebenseinstellung begreifen. Sein Held ist kein Held. Er ist roh und brutal, und doch will man ihm nicht beim Scheitern zusehen müssen. Doch als Gewinner will man ihn auch nicht sehen. Bleibt nur eine Lösung: Der Gewinner ist der Leser! Ja, gibt’s denn was Besseres?!

Du hast das Leben vor Dir

Dieses ehrenwerte Haus! Madame Rosa ist die gute Seele für ihre Kinderschar. Es sind nicht ihre Kinder, und doch sind es ihre Kinder. Eigene Kinder hat sie nicht, doch sie schon so manchen Sprössling bei sich aufgenommen. Als Tagesmutter oder „in Vollzeit“, so wie Momo. Keiner weiß so recht wie alt er jetzt ist. So um die zehn Jahre müsste er alt sein. Und Madame Rosa – die er zwar nicht Mama nennt, die aber mehr als eine Mutterersatz ist – hat alle Hände voll mit ihm und den anderen zu tun. Quengelt einer, quengeln alle. Und meist ist es Momo, der anfängt und die Anderen mit sich zieht. Sie alle – fünf, sechs, sieben sind es – haben im Madame Rosa die Richtschnur, an der sie sich langziehen, um später einmal das Leben zu meistern.

Momo ist die Ausnahme unter der Rasselbande. Er ist zum Einen der Älteste. Zum Anderen ist er der einzige, für den Madame Rosa Geld vom Jugendamt bekommt. Das reicht hinten und vorn nicht. Ihrer Liebe zu den Bengeln tut das keinen Abbruch. Auch für Momo ist es egal, ob Madame Rosa Geld für ihn erhält oder nicht. Ebenso unerheblich ist es für den Araberjungen, dass Madame Rosa Jüdin ist. Dass sie Auschwitz überlebt hat, kann er in so jungen Jahren noch nicht verarbeiten. Er weiß aber darum.

Wenn es ihn reizt, geht er zu Monsieur Hamil, den Teppichhändler. Mit ihm kann er sich über die Liebe unterhalten. Ob man ohne Liebe leben kann? Hamil und Rosa sind schon im fortgeschrittenen Alter. Da Rosa im sechsten Stock wohnt und es nicht allzu gut um Hamils Kräfte steht, müssen die Kinder immer kräftig mit anpacken, wenn es heißt, Rosa und / oder Hamil in der Wohnung zusammenzubringen. Momo weiß ganz genau, wenn jemand einen Aufzug verdient hätte, dann Madame Rosa. Ein bisschen Eigennutz spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Momos Leben beginnt sich schneller zu drehen als es mit Madame Rosas Gesundheit rapide bergab geht. Sie hat ihm jahrelang so viel beigebracht, dass er nicht in Panik geraten muss. Und er ist erwachsen genug, um ihr einen letzten Wunsch erfüllen zu können…

Die Poesie dieser außergewöhnlichen Beziehung blüht in den Worten von Romain Gary aber der ersten Seite wie eine Blumenwiese im Hochsommer. Die kindliche Naivität des Jungen Momo, dessen Mutter ermordet wurde, dessen Vater keine Rolle spielt, und die zärtliche Strenge der ehemaligen Prostituierten Madame Rosa verströmt den Duft des ungebremsten Liebreizes. Liest man dieses Buch in einer ruhigen Ecke und hört jemanden herzhaft schmunzeln, ist es höchstwahrscheinlich jemand, der ebenfalls dieses Buch liest. Momos Schlitzohrigkeit, Rosas Chuzpe, das Pariser Viertel Belleville und seine skurrilen Bewohner laden jeden herzlich ein mit ihnen zu lachen und zu leben.

Romain Gary veröffentlichte dieses Buch bereits 1975. Und er bekam den renommierten Prix Goncourt dafür. Schon zum zweiten Mal, was nicht den Regularien entsprach. Das Pseudonym Émile Ajar ermöglichte ihm dieses Kunststück. Die Parallelen seines eigenen Lebens mit denen seiner beiden Hauptfiguren bis zum Ende des Romans sind sichtbar.

Highlights Oman mit Dubai und Abu Dhabi

Reiseberichte bergen in sich immer einen Hauch Abenteuer und Sehnsucht. Man liest von exotischen Tieren, von prachtvollen Bauten und außergewöhnlichen Menschen. Die Bilder im Kopf sind bei jedem andere. So manches Mal wünscht man sich ein wenig an die Hand genommen zu werden, um der Phantasie einen Schubs zu geben. In diesem Bildband / Reisebericht passiert einem das garantiert nicht.

Die unzähligen Abbildungen sind aber nicht nur farbenprächtige Untermalungen der Reiseberichte. Sie sind vor allem optische Appetithäppchen, die man sich vor den Augen zergehen lässt. Das liegt vor allem an den ausgewählten Reisezielen. Oman, das einzige Land der Erde, das mit einem O beginnt. So richtig wahr nimmt man es erst seit rund einem halben Jahrhundert. Als überall, wo bereits Öl gefördert wurde, aus Dollarscheinen eine bis heute wachsende Tourismusindustrie erwuchs, verfügte Oman nur über eine einzige asphaltierte Straße. Heute nimmt das Land für sich in Anspruch sehr wohl auf der Ölwelle mit zu schwimmen, doch dem überbordenden Boom in Sachen Party und Baugigantismus die kalte Schulter zu zeigen.

Hier reist man gediegener. Oman stellt seine Geschichte mehr in den Vordergrund als seine ihn umgebenden Nachbarn, die man sowohl luxuriös bereisen kann als auch an der Discounterkasse buchen und bezahlen kann. Das Land des Weihrauches zeigt sich stets von seiner freundlichen Seite, wie die Autoren zu berichten wissen. Man ist gern eingeladen und wird derart fürstlich bedient, dass ungeübte Reisende aus Unwissenheit vor dem Neuen Scheuklappen aufsetzen. Was ein großer Fehler ist!

Dieses Buch ist nicht nur ein Augenschmaus für jeden Neugierigen, es ist ein Leitfaden, den man nicht aus der Hand legen darf. Fünfzig Ziele, Aussichtspunkte, Sehenswürdigkeiten warten nur darauf entdeckt zu werden. Sie sind allesamt mehr als nur präsentabel, sie strahlen im Sonnenlicht um die Wette, dass man gar nicht weiß wo man anfangen soll. Prunkvolle Moscheen, die in ihrer Vielfalt jeden in den Bann ziehen. Eine Oper in der Wüste, besser in einer Oase, die seit knapp zehn Jahren das Publikum in eine andere Welt hineinzaubert. Oder einfach nur Markttreiben, bei dem das Weitergehen durch das reichhaltige, oft noch fremde Angebot erschwert wird.

Oman bietet aber nicht nur unzählige Möglichkeiten den Geldbeutel im Handumdrehen von seiner Last zu befreien. Landschaftlich bietet es mehr Abwechslung auf relativ kleinem Raum als so manch vergleichbares Land. Die Höhlen von Al Hoota sind erst seit 2006 für Besucher geöffnet. Im Inneren warten Tropfsteinhöhlen und einen See, der fast einen Kilometer lang ist.

Dubai hingegen ist schon seit einigen Jahren länger kein weißer Fleck mehr auf der Tourismuskarte. Action und Shopping sind sofortige Assoziationen, die einem in den Sinn kommen. Wem das Herz nicht schnell genug schlagen kann, der ist hier bestens aufgehoben. Den Gigantismus muss man etwas abgewinnen können, streift man durch die Stadt. Ebenso der Hitze. Man gewöhnt sich schnell an klimatisierte Räume, Malls und Restaurants.

In Abu Dhabi bekommt man schnell den Eindruck, dass Tradition und modernes Luxusgefühl eine Symbiose eingehen. Man kann den Louvre besuchen – die Wartezeiten in der Wüste sind wesentlich kürzer als an der Seine – oder die Sheikh Zayed Grand Mosque besuchen. Die Augen werden übergehen und man selbst will nicht aufhören hinzuschauen.

Dieses Buch ist ein Juwel, wenn man sich vom Glanze jeder Art verführen lassen kann. Ein Buch, drei Länder, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede selten so detailreich dargestellt wurden. Als Appetitanreger, als Geschenk oder als Erinnerungsbuch immer die beste Wahl!

Die Frau am Dienstag

Die Zeiten, in denen Bonamente Fanzago immer seinem Mann stehen konnte sind vorbei. Als Darsteller in einschlägigen Filmchen sinkt sein Stern unaufhörlich am Firmament des Ruhms.
Die Zeiten von Nanà Malacrida sind auch vorbei. Die Zeiten, in denen sie Männer glücklich machte, die Zeiten, in denen ihr Körper ihr einziges Kapital war.
Auch die Zeiten, in denen der Transvestit Signor Alfredo mehr war als nur der Besitzer der Pension Lisbona, sind vorüber. Von allen begafft, von einigen begehrt, doch immer am Rande der Gesellschaft.
Auch Tommaso Fontana hat schon bessere Zeiten erlebt. Als Anwalt hat er so manchen Ganoven rausgehauen. Einmal jedoch konnte er seiner Mandantin nicht helfen. Reuig nahm er sie bei sich auf. Doch bald schon wird er tot sein. Überfahren. Von einem übereifrigen Angsthasen, der seine Felle davonschwimmen sieht.
Vier Menschen, die mitten im Leben stehen und dennoch das Geschehen auf dem Spielplatz des Lebens von außen betrachten müssen. Wer am Rande steht, kann nicht weiter nach Außen gedrängt werden. Mut und Verzweiflung liegen bei den Vieren eng beieinander. Sie alle haben einmal im Leben Entscheidungen getroffen, die ihr gesamtes Leben beeinflussten. Nun stehen sie da. Zusammen und trotzdem einsam. Das Band, das sie verbindet, ist unsichtbar. Es soll jedoch bald schon zu einem starken Tau werden, das kaum noch zu übersehen sein wird.
Massimo Carlotto lässt in seinem Buch Menschen aufeinandertreffen, einschlagen, davonrennen, kämpfen, weinen und lachen zugleich. Da mordet der Eine. Ein anderer trifft sich jeden Dienstag zwischen Drei und Vier mit einer Frau. Neun Jahre geht das schon so. Zwischenzeitlich gestand er ihr seine Liebe, was sie mit einer mehrmonatigen Abstinenz würdigte. Es fließen viele Tränen im Leben dieser vier Menschen.
Die Polizei sucht einen Mörder. Ein terrierartiger Journalist mit gnadenloser Spürnase und unnachgiebigem Biss wittert wieder einmal einen Scoop. Und ein Typ in Cowboystiefeln wandelt sich vor dem Auge des Lesers vom unheilverkündenden Engel mit Hörnern zu einem echten Freund.
Hier ist lange nicht klar, wer welche Rolle spielt. Nur dass es Rollen sind, die hier gespielt werden, ist von Anfang an klar. Ein spettacolo furioso, das mit so viel Liebe dargeboten wird, dass man niemandem einen Vorwurf machen kann. Jeder der Vier ist ein Mensch, den man ins Herz schließen muss. Alle wurden vom Leben gefeiert und fallengelassen. Wenn sie einander vertrauen würden, wären sie ein unschlagbares Team. Doch das Misstrauen wird sie trennen.

Die fliegenden Menschen

Peter Wilkins und das Glück gingen sein ganzes Leben lang getrennte Wege. Bis er Patty kennenlernte. Doch auch dieses Glück stand unter keinem guten Stern. Ihre Schwangerschaft musste er geheim halten. Als seine Mutter stirbt er vollends am Boden zerstört. Denn sein Stiefvater hat sich den gesamten Besitz der Mutter bereits unter den Nagel gerissen. Peter Wilkins beschließt die Welt zu bereisen. Ohne Patty, ohne die Tochter. Das ist unmöglich. Als Schreiber an Bord, verbringt er die ersten Wochen in seiner Kajüte – die Seekrankheit macht ihm zu schaffen. Doch das ist bei Weitem noch die das Übelste, das ihm passieren wird.

Das Schiff wird gekapert. Die Crew wird verschleppt. Irgendwo in Südwest-Afrika hält ihn nur noch die Hoffnung aufrecht. Sie wird ihn nicht enttäuschen. Ihm gelingt mit anderen die Flucht. Eine Flucht in eine ungewisse Zukunft. Wohin es ihn verschlagen wird? Das kann ihm keiner sagen. Und wieder schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Auf Wache mit einem Matrosen reißt sich im Sturm das Schiff los als der Rest der Besatzung Wasser fasst. Orientierungslos irren die beiden auf dem Meer herum. Und sie treiben auf eine Insel zu. Genauer gesagt, auf die Felsen einer scheinbar einsamen Insel. Das Schiff zerschellt an den Klippen. Peter ist mit einem Mal auf sich allein gestellt.

Wie Robinson Crusoe nimmt er die Insel in Besitz. Bis ihm eines Tages eine Frau, ein Wesen erscheint. Mit Youwarky stellt sie sich im vor. Ein bisschen seltsam ist diese Frau schon. Sehr liebenswert, wie Peter schnell feststellt. Auch sie ist Peter nicht abgeneigt. Doch das ist etwas an Youwarky, das ihn neugierig macht. Es ist ihr Gewand. Dass sie schon seit ihrer Geburt trägt, wie sie ihm versichert. Es sind Flügel. Ja, diese Frau kann fliegen!

Youwarky und Peter finden das Glück, das sie selbst nie zu suchen wagten. Er lehrt ihr seine Sprache, sie unterrichtet ihn in ihrer Kultur. Sie bekommen Kinder. Im Märchen würde man nun vom „… und wenn sie nicht gestorben sind“ sprechen. Doch Autor Robert Paltock hat anderes mit ihnen vor…

Eine phantastische Geschichte, die die Schlaflosreihe des Verlages Ripperger & Kremers mehr als nur um ein paar bedruckte Seiten verstärkt. Fliegende Menschen in einem Buch, das ganz ohne technische Phantastereien auskommt. Keine Beschreibung von hydraulischen Vorrichtungen, wie man sie bei Jules Verne verortet. Dessen „Zwei Jahre Ferien“ kommen jedem Leser sofort in den Sinn. Ebenso wie Daniel Defoes Robinson Crusoe oder Jonathan Swifts Gulliver. Das Leben auf dem heimischen Eiland wird bald beendet, als Youwarky den Wunsch äußert ihren Vater zu besuchen. Sie fliegt zusammen mit zwei ihrer Kinder. Drei Tage wird die Reise dauern. Und Peter? Er sehnt sich nach Youwarky. Wird bald schon von ihren Verwandten besucht und eingeladen die Familie kennenzulernen. Die Abwechslung wandelt sich vom freudigen Ereignis zu einer Art déjà vu…

Der Altar der Toten

Es gibt viele Möglichkeiten den Partner fürs Leben zu finden. Bei der Arbeit, in Bars und Clubs, ja sogar im Netz ist es gar nicht mehr so unmöglich das passende Gegenstück in sein Leben zu ziehen. Doch das, was Henry James beschreibt, ist selbst heute noch etwas Außergewöhnliches.

George Stransom kann man getrost als treue Seele bezeichnen. Noch immer huldigt er seiner großen Liebe Mary Antrim. Sie wurde ihm entrissen, bevor er sie festhalten konnte. Er hängt ihr nicht nach. Doch die Zuneigung ist im Laufe der (vielen, vielen) Jahre nicht geringer geworden. Sie war – wenn man es einmal nüchtern betrachten will – der Startschuss für eine als ungewöhnlich zu bezeichnende Leidenschaft. Er zählt die Toten seines Lebens. Nicht falsch verstehen: George Stransom ist kein Mörder! Nur hat sich im Laufe der Zeit eine beträchtliche Zahl von Dahingeschiedenen in seinem Herzen breitgemacht. Er verehrt sie alle. Keiner wird bevorzugt, keiner benachteiligt. Als er aus der Zeitung vom Tod seines langjährigen Freundes Acton Hague erfährt, gerät seine Welt wieder ins Wanken. Doch dieses Mal ist er nicht allein.

Denn auch eine Unbekannte scheint den Erinnerungen an Acton Hague nachzuhängen. Wer sie ist? Diese Frage drängt sich dem Trauernden Stransom gar nicht auf. Er ist fasziniert einen Seelenverwandten zu treffen. Jemanden, der sich genauso tief in Freundschaften versteifen kann wie er. Unversehens haben sich da zwei getroffen, die man auf den ersten Blick in ihrer Trauer lieber allein lassen möchte. Fast schon einem Kult gleich werden ihre Treffen zu einem Leichenschmaus, der nicht den Magen füllt, vielmehr ein delikates Mahl für die Sinne ist.

Das Festhalten an Altem, ohne der Zukunft im Weg zu stehen, verwebt Henry James zu einem zarten Vorhang aus durchlässiger Seide. Durchlässig für wahre Gefühle, schützend vor Wunden. Hier klagen zwei Menschen sich gegenseitig ihr Leid ohne dabei sich selbst aufzugeben. Vielmehr ist ihr Totenkult, den sie hegen und pflegen die Kraftquelle die sie weiterleben lässt. Todessehnsucht verspüren sie nicht. Schon gar nicht nachdem sie sich getroffen haben. Ihr Zusammensein bestärkt sie in dem, was sie tun, was sie ausmacht.

Mit umwerfender Empathie steigert sich Henry James in seine Charaktere hinein. Stransom und die Unbekannte kommen zusammen ohne sich wirklich näher zu kommen. Die Distanziertheit ist ihr Kitt, der sie zusammenhält.

Reisen

Bisher verlief alles eigentlich mehr oder weniger normal im Leben des nigerianischen Mannes, dessen Reisen in diesem Buch so wie „das Normalste auf der Welt“ beschrieben werden. Er lebt in den USA, seine Frau ist Künstlerin. Ihn plagen auch keine Sorgen.

Das wird sich ändern als Gina, seine Frau ein begehrtes Stipendium für einen Aufenthalt in Berlin erhält. Das war im Herbst 2012. Das Jahr, in dem die Welt untergehen sollte … laut den Berechnungen der Mayas. Naja, wenn man es pessimistisch betrachtet…

Schon bald lernt er Mark kennen. Ein Typ, den man sich nicht besser malen kann. Student, keiner Protestaktion abgeneigt, stur, immer mit dem Kopf durch die Wand. Mit einem Augenzwinkern könnte man ihn als Hallodri bezeichnen. Nun sitzt er im Gefängnis. Wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dabei kommt heraus, dass seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Zum Glück hat er Freunde wie Ginas Ehemann. Sie, Gina, ist weniger erfreut über die Hilfsbereitschaft ihres Gatten. Denn Mark ist nun gar nicht der, der er vorgibt zu sein…

Eine verrückte Geschichte, die unserem Helden da passiert ist. So etwas schärft die Sinne. So was wird ihm nie wieder passieren! Da mag er recht haben. Doch ihm werden noch ganz andere Dinge passieren. Er verliebt sich neu, reist in die Schweiz, um einen Tod aufzuklären und landet unversehens in einem Flüchtlingstreck. Das „Schokolade, Schokolade“, das ihm Kinder in Berlin kindlich-naiv hinterherrufen, erscheint ihm bald schon als Randnotiz in seinem Leben…

Helon Habila greift ganz tief in die Ironiekiste. Unbeirrt lässt er seinen akademisch ausgebildeten Helden die soziale Leiter hinabsteigen. Doch nicht der Verlust irgendwelcher materiellen Werte lässt ihn verzweifeln, sondern die Hoffnungslosigkeit die ihm, dem Mann, dem bisher alle Türen geöffnet wurden, ohne passenden Schlüssel vor den Toren der Zukunft leiden lassen. Helon Habila hat mit „Öl auf Wasser“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass ihm gesellschaftliche Themen am Herzen liegen. Und dass er sie schwungvoll einem breiten Publikum vermitteln kann. Mit „Reisen“ verfolgt er ganz stringent einen Mann, dem das Leben ins Gesicht spuckt. Zuerst mit kleinen Nickligkeiten. Die nimmt man unüberlegt als gegeben hin. Doch wie unser Held stolpert man als Leser gleichsam in einen Strudel aus Korruption, Vorurteilen und Hoffnungslosigkeit, dem man sich nicht entziehen kann. Wäre es nicht so traurig – wie unsere Welt ist – man könnte stundenlang darüber lachen. Es liegt an einem selbst, wie sehr man dem nachgibt.