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Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten

Ganz praktisch gesehen, ist man mindestens einmal im Jahr froh über die Errungenschaften der Medizin. Nämlich dann, wenn der Zahnarztbesuch ansteht. Man stelle sich vor, der Bohrer würde noch handbetrieben sein. Das Wort Sterilität wäre eine Waffe aus „Game of Thrones“. Oder Schmerzmittel wären in erster Linie dazu da selbige zu verursachen…

50 Mal staunen, Kopfnicken und ein kräftiges Durchschnaufen. Der Titel lässt zuerst einmal die Neugier hochkochen. Dann einen Schauer über den Rücken laufen. Doch dann siegt doch der Wissensdurst und man blättert ein wenig im Buch herum. Oh weh, Chamberlens Geburtszange. Ein fieses Instrument. Und damit sollen Kinder auf die Welt gebracht werden? Doch spannender ist die Geschichte dahinter. Fest steht, es war ein Peter Chamberlens, der im 17. Jahrhundert diese Geburtszange erfand. Nur welcher? Es gab nämlich zwei. Zwei Peters. Und die waren auch noch Brüder. Nicht sonderlich einfallsreich, was da die Eltern bei der Namensvergabe abzogen. Umso einfallsreicher Peter, welcher auch immer. Der Ältere saß sogar im Knast, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, oder was man damals in England dafür hielt. Die Erfindung brachte erst einmal die Hebammen auf. Gebären war Frauensache, Geburtshilfe ebenso. Und mit Werkzeug bei diesem fast schon heiligen Moment hantieren, das ging gar nicht. Nichts hat’s geholfen, die Zange ist heute noch in modifizierter Form in Benutzung.

Gruseliger ist da schon eher der Anfang des Buches. Trepanierte Schädel. Sieht aus als ob jemand versucht hätte aus einem menschlichen Schädel eine Bowlingkugel zu basteln. Medizinisch sind es Bohrlöcher, die man immerhin bei fünf bis zehn Prozent der gefundenen Schädel von vor viertausend bis zehntausend Jahren entdeckt hat. Ob es da schon dieses Buch gegeben haben könnte? 50 Objekte, die die Geschichte der Medizin darlegen? Wohl kaum. Die Bilder erschrecken, dennoch wird das Verfahren noch heute angewandt, nennt sich aber Kraniotomie.

Wer jetzt Angst hat, dass dieses Buch einem sprichwörtlich den Boden unter den Beinen wegzieht, kann beruhigt werden. Es gibt auch weniger blutrünstige Verfahren und Objekte. So wie die Tontafeln aus Mesopotamien. Die enthielten nämlich auch medizinisches Wissen, das eine der ersten niedergeschriebenen Grundlagen bildete. Oder der Chinarindenbaum. Der enthält Chinin, wird bevorzugt in der Malaria-Prophylaxe und –Behandlung eingesetzt. Der Begriff Malaria stammt von den Römern – mala aria, schlechte Luft. Schon im 18. Jahrhundert hörte man von der „Wunderwirkung“, doch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es „salonfähig“. Von der Petrischale über die künstliche Niere bis zur Insulinspritze liest man sich in diesem Buch durch die Jahrtausende der Heilung und der Prävention. Die Illustrationen untermauern die historische Bedeutung der im Buch vorgestellten Errungenschaften, die Texte enthüllen so manches Geheimnis. Nur die Angst vorm Zahnarzt kann auch diese Buch nicht nehmen…

Die Zeit der Mörder

Am Abend des 12. März 1942 kommt Philippe Soupault an sein Haus. Das Tagwerk ist vollbracht – da steht plötzlich ein Mann hinter ihm. Elegant, wie aus einem Gangsterfilm entsprungen. Er lupft sein Revers. Polizei. Zwei weitere Gestalten halten sich ohne ein Wort, stoisch und deswegen bedrohlich im Hintergrund. Sie wollen ein paar Fragen beantwortet haben, sich ein wenig umschauen. An der Wende zum Freitag, dem 13. März 1942 muss er ihnen aufs Revier folgen. Zeugenbefragung. Ganz vorsichtig ist man von nun an auf beiden Seiten. Soupault braucht den geforderten Anwalt nicht, er solle ja nur als Zeuge befragt werden. Mehr nicht. Wäre er abergläubisch, wüsste er, was auf ihn am Folgetag zukommt.

Kurzer Prozess. Er wird inhaftiert. Wegen Landesverrat. Er habe – wir sind im unter französischer (Vichy-Regime, wohlgemerkt!) Protektion stehenden Tunesien – wichtige Papiere an den Feind – England – weitergegeben, wodurch ein Versorgungsschiff für die Truppen Rommels nicht seiner Aufgabenerfüllung gerecht werden konnte.

Philippe Soupault hatte Jahre zuvor den Auftrag bekommen in Tunis einen Radiosender zu installieren und zu leiten, der der Mussolini-Propaganda durch Radio Bari entgegenwirken sollte. Léon Blum, der erste sozialistische Ministerpräsident Frankreichs persönlich gab dem Journalisten und Künstler Soupault den Auftrag. Es ist immer die Wahrheit, die das erste Opfer des Krieges bildet. Das weiß Soupault. Er weiß von auch, was ihm blüht, wenn die Geheimpolizei, das Vichy-Regime, die Pétain-Schergen ihn in die Finger bekommen.

Zorn, Verzweiflung, Selbstaufgabe umgeben den Gefangenen im „Fall de R.“ – Soupault – von nun an. Die Aussicht bald die Einzelzelle gegen das Sonnenlicht einzutauschen schwindet mit jedem Tag. Doch er bewahrt sich seien Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Mehr als einen Monat sitzt er zu Beginn in Einzelhaft. Seiner Frau verschweigen die Behörden die Festnahme. Erst Tage danach darf sie ihren Mann im Gefängnis besuchen.

Soupault findet Freunde – Vertraute – begegnet aber solchen, denen man lieber aus dem Weg geht. Denunzianten gibt es überall. Im Gefängnis ist ihre Macht jedoch stärker, wie einige Mitgefangene leidvoll erfahren müssen.

Die Zeit verrinnt. Die Hoffnung einmal wieder seine Familie zu sehen, ist für ihn kein Thema. Er hätte zu sehr unter enttäuschten Hoffnungen zu leiden. Doch eines Tages geschieht das Unerwartete: Philippe Soupault kommt frei! Als freier Häftling darf wieder hinaus in die Welt. Ja, ein Häftling wird er immer bleiben, da ist er sich ganz sicher. Aus alter Verbundenheit besucht er regelmäßig seine ehemaligen Leidensgenossen. Was für Unruhe sorgt. Genauso wie die bevorstehende Invasion der Alliierten. Soupault schafft es rechtzeitig die Stadt zu verlassen. Doch zu welchem Preis?

Philippe Soupaults Erinnerungen an die Gefängniszeit sind düster und erhellend zugleich. Die Zustände beklemmen in erster Linie ihn, den Schreiber, den Gefangenen, aber auch den Leser. Der zaghafte Optimismus, der nie offen zur Schau getragen werden darf, lässt Hoffnung aufkeimen. Dennoch bleibt „Die Zeit der Mörder“ ein bedrückendes Zeitdokument, das für den Autor Fluch und Segen zugleich war. Das Buch erschien1945 in den USA. Es dauerte siebzig Jahre (!) bis es auch in Frankreich, seiner Heimat erschien, obwohl er wieder dort lebte und maßgeblich im Widerstand arbeitete. Nur zwei Jahre dauerte es bis das Buch auf Deutsch erschien…

München und das Auto

Das Oktoberfest ist vorüber, die Wunden sind geleckt und der Verkehr in der bayrischen Landeshauptstadt läuft wieder „normal“. Was man halt so als „normal“ bezeichnet. Denn Großstädte haben keinen „normalen“ Straßenverkehr, bestenfalls „normalen“ stockenden Verkehr.

Für Verkehrsplaner ist es eine Mischung aus Methusalem- und Sisyphosaufgabe diesen Fluss zu leiten, Historisches an Ort und Stelle zu belassen sowie diesen Fluss nicht der eigentlichen Bedeutung zu berauben. Seit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 1972 an München hat sich die Stadt gravierend geändert. Ein Dorf mit einer Million Einwohnern bekommen sie Spiele, lästerten die Spötter damals. Heute ist aus dem Dorf von einst eine Stadt mit weit über eine Million Einwohner geworden, die den Standard in puncto Lebensqualität für den Rest Deutschlands vorgibt. Die nördlichste Stadt Italiens nennen es die Tourismuslenker. Doch wer Touristen beherbergen will, muss sie ziehen lassen (können). München hat viel zu bieten, was lohnt besucht zu werden. Flexible Mobilität in Zeiten erhöhter PKW-Zahlen ist essentiell für eine Stadt wie München.

Axel Winterstein wirft einen Blick zurück auf die Veränderungen in der Stadt mit besonderem Augenmerk auf die verkehrstechnische Entwicklung. Wer vom Hirschgarten  zum Stachus fährt auf die Fahrbahn hinausschaut, sieht nur wenige Vehikel rollen. 1900, als in München die erste Fahrprüfung weltweit absolviert wurde (20 Prozent der Prüfling fielen durch, weil ihr Gefährt den Anforderungen der Prüfer nicht standhielt), waren weniger Fahrzeuge zugelassen als heute in einer Spur an einer roten Ampel stehen.

Kriege verändern überall auf der Welt das Antlitz einer Stadt. Der Wiederaufbau bot den Stadtplanern die Chance nicht Zerstörtes, Bewahrenswertes, Wiederaufzubauendes in die neue Zeit zu integrieren. Immer mehr Fahrzeuge „bevölkerten“ die Wege, wo nur ein paar Jahrzehnte zuvor dampfende Pferdehäuferl die Luft verpesteten. Bereits 1905 sollte Pläne erstellt werden eine U-Bahn in München zu installieren. Der Plan wurde verworfen, da sich eine Bahn wie in Paris und Berlin erst ab einer Einwohnerzahl von einer Million rechnet. Könnten Verkehrsplaner alles so genau voraussehen, würde das Wort Stau auf der Liste der bedrohten Wörter stehen.

„München und das Auto“ ist sicher kein Reiseratgeber im herkömmlichen Sinn. Die „Kleinen Münchner Geschichten“, die durch dieses Buch zweifelsohne bereichert wird (unter anderem handeln sie vom Fußball oder dem Tod, also den Friedhöfen, in München), sind ideale Zusatzlektüre für einen Besuch – egal wie lang – in Weltstadt mit Herz. Kleien Anekdoten lockern die faktenbeladenen Kapitel auf, so dass sich dieses Buch in einem Ritt durchlesen lässt. Ohne ins Stocken zu geraten, zeigt sich München so wie es sich gern nach außen präsentiert: Offen, modern, zugängig. Eine Rundfahrt ohne die Umwelt zu belasten, die dem Leser mehr als nur einen Blick hinter die Kulissen des Fortschritts erlaubt.

Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Lesbos, ägäisches Eiland vor den Toren des Orients. Irgendwann am Nachmittag, am Strand, an einer Lagune sitzt ein Mann und schreibt. Er scheint zu grübeln. Ach ja, wir sind in einer Zeit, die knapp zweieinhalb Jahrtausende zurückliegt. Und der Mann, der da im Strand sitzt, erholt sich keineswegs im Sabatical, wie es heutzutage gern mal gemacht wird, sondern grübelt tatsächlich. Psst, ganz unter uns, er erfindet gerade die Naturwissenschaften. Sein Name: Aristoteles.

Naja, ganz so locker sollte man die Geschichte dieses Buches nicht nehmen. Armand Marie Leroi, Professor für Evolutionäre Entwicklungsbiologie in London, nimmt den großen Denker und seine – bis heute anhaltende – Vorreiterrolle auch nicht auf die leichte Schulter. Wohl auch deswegen ist dieses Buch in vielfacher Hinsicht ein Schwergewicht.

Natürlich hat Aristoteles die Naturwissenschaften nicht erfunden. Die waren schon immer da, nur hat man sie eben nicht erkannt bzw. sie formuliert bzw. nicht mit ihnen hantiert. Wie auch immer, Lesbos war ein Zufluchtsort für Aristoteles. Seine Lehrtätigkeit an der Akademie in Athen ruhte, weil er sich nach Platons Tod dort nicht mehr wohlfühlte. Er folgte dem Ruf Hermias‘, der auf dem Lesbos gegenüberliegenden Festland regierte. Hier konnte er sich voll und ganz seinen Studien widmen. Klingt nicht gerade spannend, doch Aristoteles war kein Erbsenzähler, er war derjenige, der die Regeln unseres Universums auf den Weg brachte und entscheidende Vorformulierungen niederschrieb. Insofern ist er für den Physik- Chemie- und auch den Biologieunterricht unserer Zeit mitverantwortlich. Bitte jetzt kein Aufstöhnen!

„Die Lagune“ ist kein Buch, das man mal so nebenbei beschreibt. Man muss es lesen. Natürlich gibt es keine vollends wahrhaftigen Quellen aus dieser Zeit. Kein digitales Erbe steht heutigen Wissenschaftlern zur Verfügung. Die Texte über Aristoteles sind tendenziös und meist von Bewunderung oder Missgunst verfasst. Der etwas aufmüpfige Titel macht neugierig, die Dicke und Schwere des Buches lassen nicht minder schwergewichtigen Inhalt erahnen, die Aufmachung lässt die nötige Ernsthaftigkeit des Projektes in den Vordergrund rücken. Anders als so mancher Wissenschaftler, der mit altbackenem Humor und seinem Oberflächenwissen Quote machen will, überzeugt Leroi mit Wissen bis in die untersten Schichten. Dabei vergisst er niemals den Leser mitzunehmen auf eine Reise, die ihn gleichermaßen in die Vergangenheit als auch in die Zukunft entführt. Man kann dieses Buch an den  Stränden von Lesbos lesen, muss man aber nicht. Man kann im Physikunterricht den Lehrer mit Fleiß und Wissen beglückt haben, muss man aber nicht. Wer sich die Mühe macht und „Die Lagune“ mit Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit liest, wird es mit mehr als einem Lächeln und Erhellung auf ganzer Linie wieder zuklappen und ab und an wieder hervorkramen. Dafür sorgt allein schon die stilsichere Schreibweise des Autors.

1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, Ein historischer Stadtführer

Das Jahr 1968 steht symbolisch wie kaum ein anderes Jahr für das Nachkriegseuropa. Alt-68er, die 68er-Generation, die 68-Revolten – alles Begriffe, mit denen man einen Umbruch, ein Umdenken gleichsetzt. Alles begann jedoch schon einige Zeit früher.

Vietnam ächzte seit über einem Jahrzehnt unter dem Krieg der USA. Das brachte humanistische Denker und Täter auf die Straßen und Barrikaden. In Berlin wurden Demos gegen das totalitäre Regime des Schahs brutal niedergeknüppelt. Der bekennende Nazi Kurras erschoss den Studenten Benno Ohnesorg. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit Rudi Dutschke an der Spitze protestierte lautstark und an der Grenze des damals Legalen gegen den Krieg, das Vergessen und verkrustete Strukturen in der Gesellschaft. Berlin war damals eine losgelöste Stadt mit Sonderstatus. Und es war die Hauptstadt der Proteste in Deutschland.

Eintausendneunhundertachtundsechzig Jahre nach Christi Geburt wurden wieder oder immer noch die neuen Götter ans Kreuz genagelt. Doch anders als das gelobte Land und Jerusalem ist das brandenburgische Golgatha noch nicht zur Pilgerstätte der 68er-Jünger geworden. Wohl auch, weil die Orte der Revolte kaum noch im Bewusstsein verankert sind bzw. in Berichten über diese Zeit nur am Rande erwähnt werden, um Pilgerströme zu verhindern.

Das gediegene Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße, eine mittlere 50er Zahl. Wer‘s googelt, bekommt als Treffer einen Gastronomiebetrieb, dessen Geschäftsgegenstand der Betrieb einer Bar ist. Von freier Liebe ist man hier meilenweit entfernt – 1968 war hier die Kommune 1. Die erste von vielen Kommunen, doch mit Abstand die berühmteste mit den berühmtesten Bewohnern und Gästen: Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Andreas Baader.

An die blutigen Knüppeleien der Beschützer des Schahs, die am 2. Juni am heutigen John-F.-Kennedy-Platzes geschahen, erinnert heute wenig bis gar nichts mehr. Trotzdem ein historischer Platz – schon wegen des Namens und der vorangegangenen Kundgebung, knapp vier Jahre zuvor, als Kennedy sein berühmtes Bekenntnis zur Stadt hinausplärrte. Hier machten die Massen auf das menschenverachtende und verschwenderische Regime des Schahs aufmerksam. Nach dem Besuch der Oper, Bismarckstraße, hieß es „Knüppel frei!“ auf der einen, und „Beine in die Hand nehmen!“ auf der anderen Seite. Für Benno Ohnesorg war in der  Krummen Straße Schluss. Ebenso für die Zeit der Unschuld.

Es sind nicht nur die Plätze der Gewalt, die in diesem Buch Zeugnis ablegen, vom Berlin vor einem halben Jahrhundert, einer Zeit, die bis heute nachwirkt und die Gesellschaft wahrhaftig und nachhaltig verändert hat (was allerdings erst heute so richtig bewusst ist). Und es sind nicht nur Orte in West-Berlin, die über diese Zeit berichten. Chausseestraße 131, heute 10115 Berlin. Dort wohnte Wolf Biermann, der hier die Zeilen zu „Drei Schüsse auf Rudi Dutschke“ schrieb. Und wieder Gewalt! Die Schüsse fielen am Ku’damm, Hausnummer 71, dem SDS-Zentrum in Berlin. Dutschke wohnte ein paar Häuser weiter, damals in 1000 Berlin 31.

„1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, ein historischer Stadtführer“ ist sicher kein Wegweiser in die Revolution. Die Orte der Aufstände aber der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, wäre fatal. Der Höhepunkt der teilweise gesellschaftlichen Umwälzungen gehört zum Sprachgebrauch, genauso wie die Häuser, Straßen, Plätze, die Geschichte machen sollten. Keiner will mehr Wasserwerfer, egal, ob auf dem Ku’damm oder sonst wo, sehen. Niemand will mehr anlässlich eines Staatsbesuches mit Zaunlatten traktiert werden. Und Straßenlöcher sollen nicht ihre Ursache im Weitwerfen haben. Doch die Erinnerungen an bewegte Zeiten zu löschen, ist kein Kavaliersdelikt. Auch und gerade als gelungenes Gegenstück zu den unzähligen Shopping-Ratgebern für die neue alte Hauptstadt ist dieses Buch mehr als ein Mitbringsel für jeden Berlin-Besucher.

City Lights

Die Tage werden kürzer, das Grau des Alltags spiegelt sich nun auch am Himmel wieder. Da holt man gern noch einmal die Fotos vom erst kürzlich vergangenen Urlaub heraus, obwohl der auch schon wieder Monate her ist. Man erinnert sich, ist stolz auf die Schnappschüsse, erfreut sich an einzigartigen Perspektiven, bei denen sogar der schiefe Turm von Pisa kerzengerade in den wolkenfreien Himmel wächst. Noch einmal durchschnaufen – bald ist Weihnachten. Und dann gilt es einmal mehr der Kreativität freien Lauf zu lassen, um zu beeindrucken. Dieses Jahr wird es ein Leichtes sein dem Beschenkten ein „Ah“ und ein „Oh“, vor allem aber ein „Bist Du verrückt?!“ zu entlocken.

Vincent Laforet machte am 29. September 2001 ein Foto von einem afghanischen Flüchtlingskind, das vielleicht nicht um die Welt ging, dafür aber die Jury der Pulitzer Prize beeindruckte. Zusammen mit dem Team der New York Times gewann er den begehrten Preis für die beste Fotoreportage (Best Feature Photography). Schon kurze Zeit später galt er als einer der einflussreichsten Fotografen. Mit „City Lights“ zeigt er sein ganzes Können bei der Darstellung von Städten bei Nacht. Klingt erst einmal nach „Ja, das kann ich auch“, ist aber gar nicht so einfach, um es kurz und verständlich auszudrücken.

Und dann schlägt man dieses Buch, nein … diesen Prachtband auf! Eine Offenbarung! Noch nie waren nächstens erleuchtete Städte so blau. Noch nie so verwundbar. Noch nie so offensichtlich anonym. Sydney ist für sich genommen schon eine Augenweide. Auch und gerade bei Nacht. Aber: Bei Nacht, von Oben fotografiert … das Leuchten der Lebensadern … Details zu funkelnden Pixeln degradiert, um in der Gänze eine nie zu erwartende Wirkung zu erzielen, ohne Blitzlicht – da lassen die Synapsen kräftig die Sektkorken knallen!

Barcelona als buntes Potpourri, London als Regenbogen in Hochglanz, Chicago Reißbrettentwurf in Sonnenblumengelb oder Las Vegas in gar nicht mehr so bunt wie es die Prospekte einem vorgaukeln wollen – City Lights haben ihre eigene Magie. Sie einzufangen, ist Aufgabe von Dokumenteuren wie Vincent Laforet. Und wenn das Auge des Fotografen einmal Blut geleckt hat, dann kann sich der Betrachter auf eine riesige Portion Emotionen gefasst machen. Als Leser ist man von Natur aus in der richtigen Position auf dieses Buch und auf die Städte herabzublicken. Von oben auf Gebäude, Stadtteile, ganze Städte zu schauen, hat etwas Erhabenes. Mit dem kiloschweren Buch auf dem Schoß nehmen die Aufnahmen die Angst vor der großen unbekannten Stadt undverwandeln sie in ein Objekt der Begierde. Einmal nicht mit dem Finger auf ein Gebäude zeigen, sondern es einmal „in Echt“ zu bestaunen und vielleicht zu berühren, wenn das das Ziel des Buches war, dann ist die Aufgabe auf jeder Seite übererfüllt worden.

Alan Bennett geht ins Museum

Verwirrung gleich auf der ersten Seite: Geht man nun mit Alan Bennett ins Museum oder fordert Alan Bennett den Leser auf ins Museum zu gehen? Die Verwirrung löst sich sofort nach Aufschlagen des Buches: Alan Bennett streift durch die Museen der Welt und lässt seine Gedanken von der Leine. Für alle, denen Museen suspekt sind, weil sie nie den richtigen Zugang den zweidimensionalen Kunstwerken erhalten haben, der ideale Begleiter durch eine faszinierende Welt.

Oft ist es wie in der Schule. Man fühlt sich im Museum genötigt der Frage „Was hat der Künstler damit gemeint?“ zu beantworten. Und schon ist die beruhigende Wirkung eines Museums dahin. Man muss doch nicht zu jedem Werk eine Meinung haben. Es gefällt oder es gefällt nicht. Das ist die Basis eines jeden Museumsbesuches. In einer Zeit, in der sich besonders Krakeeler erdfarbener Couleur um die eigene Kultur verdient machen wollen, ist „Alan Bennett geht ins Museum“ nicht nur ein wichtiges, sondern das richtige Buch.

Alan Bennett wurde in Leeds geboren, also in einem Land, in dem der Besuch eines öffentlichen Museums keinen Eintritt kostet. Kostenloser Zugang zu den Kultur- und Kunstschätzen verschiedener Epochen – welch ein Glückspilz er doch ist! Wer sich die Mühe macht und auf den Homepages der Museen in Deutschland sucht, findet auch hier den einen oder anderen Tag, an dem der Eintritt kostenlos ist. Das Argument, kein Geld für Kultur zu verschwenden (was zwar Quatsch ist, jedoch allzu oft ins Feld geführt wird), ist somit hinfällig.

Ist der erste Schritt getan, kann man nun getrost dem Reiseleiter Bennett folgen. Immer wieder trifft man auf Bilder, die man eindeutig erklären kann. Da steht einer in Rüstung vor einem Anderen, der nicht minder prunkvoll gekleidet ist. Der Titel verrät, dass es sich wohl um wichtige Persönlichkeiten handelt. Vielleicht hat man den einen oder anderen Namen schon mal gehört. Doch so richtig einordnen kann man die Szenerie nicht. Hier kommt der studierte Historiker Bennett ins Spiel. Der weiß zum Beispiel – nur eine Annahme wie er gern zugibt, doch die Geschichte an sich ist es schon wert erzählt zu werden – warum sich der Eine abwendet und der Andere nicht in der ersten Reihe steht. Letzterer müffelt, so sagte man ihm nach. Und schon wird dieses Bild in ein anderes Licht gesetzt. Ein stinkender Feldherr, der sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war und dem Unterworfenen nicht noch mehr Schmach zufügen wollte. Um welches Bild, um welches Museum, um welche Akteure es sich dabei handelt, muss man schon selber nachlesen.

„Alan Bennett geht ins Museum“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages ragt aus der Jubiläumsedition – mit der roten Fadenbindung, passend zum Outfit – besonders heraus. Ein Leselehrbuch der besonderen Art, das Ängste nimmt, animiert und Museumsprofis neue Sichtweisen eröffnet.

Dear Germany

Deutschland muss eine führende Rolle in Europa übernehmen. Gerade wegen seiner Geschichte, und besonders wegen der Verarbeitung dieser Geschichte. Der erste Teil dieser These ruft sicherlich die falschen Krakeeler auf den Plan. Die Erweiterung der These regt durchaus zum Nachdenken an. Und jetzt kommt’s: Die These kommt nicht etwa aus einem Hinterzimmer reaktionärer Sturköpfe, sondern von Lord Stephen Green. Er war von 2011 bis 2013 Handelsminister unter James Cameron und heute Politikberater, Zuvor war er Vorstandsvorsitzender bei HSBC, der größten Privatbank der Welt.

Lord Green liebt Deutschland, seine Sprache und seine Musik. Ein wenig gebauchpinselt kommt man sich vor, wenn man die ersten Seiten liest. Er führt dem Leser die Vorzüge der eigenen Kultur vor Augen – was man selbst als selbstverständlich hinnimmt, ist in seinen Augen das Besondere. In einem Land, das weniger demokratisch gefestigt ist, würden seine Thesen verbannt oder gar verbrannt werden. Der Autor wäre Anfeindungen ausgesetzt sein.

Margret Thatcher war es, die in den (deutschen) Wendejahren vor einem wiedererstarkten Deutschland warnte. Ihr war es suspekt und fremd, dass Deutschland wieder als eine Nation auftritt. Das Gleichgewicht, dass knapp ein halbes Jahrhundert die Geschicke in den Händen hielt (das Dreigestirn aus London, Paris und Bonn) hatte seine Aufgaben noch nicht vollends erledigt und nun sollte Deutschland nicht mehr nur eine Eckpunkt sein, sondern Eckpfeiler, um den sich Vieles drehen sollte und wird.

Lord Stephen Green macht dem – typisch deutschen – Zögerern Mut aus der Deckung zu kommen. Seit reichlich zehn Jahren, seit der Fußball-WM in Deutschland, ist es wieder en vogue stolz auf Deutschland zu sein. Das Stigma des falsch gelebten Nationalismus war auf einmal wie weggeblasen. Man schwenkte voller Freude wieder Schwarz-Rot-Gold, malte sich das freudestrahlende Gesicht in diesen Farben dicht und rief zaghaft, aber unüberhörbar den Namen des eigenen Landes. In Großbritannien ist der Union Jack mittlerweile zur Modemarke, zum unerlässlichen Accessoire geworden. Kaum eine Marke kommt ohne die Mixtur aus Georgs- und Andreaskreuz aus. Nun auch die deutsche Nation – Lord Green fasst den Begriff Nation weiter als die bloße geografische Ausdehnung Deutschlands. Doch blieb immer noch ein bitterer Beigeschmack bei dem Begriff Stolz. Zu viel Porzellan wurde in der Vergangenheit in Bezug auf den Stolz zerschlagen.

Und nun kommt ein Brite daher und sagt den Deutschen, dass Stolz nicht unbedingt mit Ablehnung und Hass gleichzusetzen ist, sondern wie jede Medaille zwei Seiten hat. Fahne hissen ist das Eine. Verantwortung zu übernehmen das Andere. Zu oft hören die falschen Leute auf die falschen Propheten – im Wahlkampf tönen die Fanfaren des Angriffs oft lauter als die der Veränderer. „Dear Germany“ ist ein Buch, das ernst genommen werden muss. Es einfach zu überfliegen und nur die die Parolen fehlzuinterpretieren, wäre Öl ins Feuer der alternativlosen Kritiker zu gießen. Und es wäre ein Affront gegen Lord Green und seine Ideen. Hat sich das Staunen über diese Gedanken eines Engländers über die Rolle Deutschlands in Europa erst einmal gelegt, ist der Weg frei diese Gedanken zu überdenken. Manches muss man mehrmals lesen, um den wahren Beweggrund zu erkennen. Doch wie so oft im Leben, lohnt sich die Wiederholung, denn nicht alles ist beim ersten Mal offensichtlich. Nur eines darf man nicht: Dieses Buch ins Gegenteil verkehren. „Dear Germany“ ist keine Nationalismusfibel, die gegen etwas ist. Dieses Buch regt zum Nachdenken an.

Ein Blick auf die andere Seite

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Erzählen Sie das mal einem gläubigen Hindu. Ein Ende? Was, nur eines? Oh Vishna! Er unterliegt dem ständigen Kreislauf von Leben und Tod. War er ein guter Mensch, wird er im nächsten Leben „aufsteigen“, war er ein schlechter Mensch, darf er nur auf einer niederen Eben zurückkehren.

Apropos zurückkehren. Auf Haïti, dort, wo der Voodoo zuhause ist – was er nicht ist, das weiß man spätestens, wenn man dieses Buch wieder zuschlagen muss – hat man eine höllische Angst vor dem Wiederkehren der Toten. Man näht ihnen sogar den Mund zu, damit sie nicht mit Bokor kommunizieren können. Dieser hat nämlich die Fähigkeit Tote „wiederzuerwecken“. Und dann wünscht man sich ein (eines, nicht mehrere!) schnelles Ende.

In Afrika, bei den Bantu-Völkern Zentral- und Südafrikas, ist diese Angst auch verbreitet. Deshalb wird nach dem Tod alles zerschlagen, was dem Dahingegangenen teuer und lieb war. Nicht, dass er noch zurückkommt und sich etwas mitnehmen will… Das gilt auch die Viehherde, ein Tier muss garantiert dranglauben.

Indien, Haïti, Ecuador, Afrika – keine gewöhnliche Reise, die Theresa Schwietzer da unternimmt. Die Oma ist schuld an diesem Buch. Als sie starb, waren die Beerdigung und die „Feierlichkeiten“ danach eher unpersönlich und kalt. So gar kein Gefühl, ohne Bezug zur geliebten Oma. So fing sie an sich mit Ritualen andere Kulturen und deren Bezug zum Tod auseinander zu setzen. So sind einzigartige Portraits entstanden, die so manches Vorurteil, das man aus Filmen – von Horror bis James Bond – zu kennen scheint.

Die Autorin hat sich zudem um die künstlerische Gestaltung des Buches ein Extralob verdient. Symbole treffen auf kraftvolle manchmal minimalistische Darstellungen, Farben werden sparsam und effektvoll eingesetzt, genauso wie der teils fruchteinflößende Schwarz-Weiß-Effekt.

Wer schon immer wissen wollte, wie es sich so stirbt auf unserer Erde, wer dem Geheimnis des Ganges auf den Grund gehen wollte, wer Voodoo nicht nur als angsteinflößende Religion ansah, Schamanen, Tiere und Götter nicht nur als Aufdrucke auf T-Shirts sah, wird in diesem Buch in eine Welt entführt, aus der es doch ein Entkommen gibt. Wie so oft im Leben, ist das Wissen um etwas der Eingang in eine neue bald schon vertraute Welt. Die Angst vor dem Tod kann dieses Buch nur mildern. Theresa Schwietzer will die Angst nicht hinwegnehmen. Sie war neugierig und traf auf umfangreiches Recherchematerial, das sie gekonnt in Wort und Bild in Szene setzte. Schon allein das Inhaltsverzeichnis ist der Eingang in eine neue Welt: Keine Liste, sondern eine Weltkarte, auf der man sich zurechtfinden muss. Künstlerischer Ausdruck und Inhaltsreichtum sind selten so gekonnt verwoben worden.

Melange der Poesie

Schwarz-Weiß-Fotografien sind so was von out. Und im Kaffeehaus sitzen, das hat meine Oma gemacht. Kaffee hole ich mir mit Zutatenmonolog im Schnelldurchlauf im Vorbeigehen. Und jetzt stelle man sich Wien in quietschbunten Farben vor. Statt historisch gewachsener Kaffeehaus-Kultur gäbe es nur Warteschlangen mit Menschen, die ihren Zubereitungswunsch für sich herbrabbeln, um am Tresen dann kläglich zu versagen. Das kann man überall erleben, dafür muss man nicht nach Wien reisen. Oft reicht es sogar einfach nur aus der Haustür herauszutreten. Nein, nein, nein! Wien und Kaffeehaus bilden eine Symbiose, die jedem Trend trotzen, aber nicht negieren.

Barbara Rieger und Alain Barbero sind Fans dieses seit 2011 immateriellen UNESCO-Kulturerbes. Denn im Kaffeehaus wird nicht nur geschlürft, hier wird Weltliteratur kreiert. Berühmt die G’schichten vom Qualtinger, den man aus dem „Alt-Wien“ schon mal nach Hause tragen musste. Und der hatte bestimmt nicht einen arabica zu viel intus. Lag vielleicht am Knoblauchschnaps?

Der Charme der Kaffeehäuser hat sich bis gehalten. Auch wenn heuer kein Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka gegenübersitzt, kein Thomas Bernhard oder Elias Canetti vielleicht einen kleinen Einblick in ihr Werk genehmigen, so lebt ihr Geist in den oft kunstvoll gestalteten vier oder mehr Wänden weiter. Und Literaten gibt es ja heute noch, welch ein Glück!

Doch nicht in die Irre führen lassen! Das Jelinek ist nicht der Ort Elfriede Jelinek Ideen für den nächsten Bestseller zuzuflüstern. Das Jelinek heißt Jelinek, weil die die Besitzer so heißen. Elfriede Jelinek ist kein Mitglied dieser Familie.

Autorin und Fotograf schlenderten Jahre durch die Kaffeehäuser der Stadt. Sie taten Geschichtchen auf, trafen Autoren und luden sie ein an diesem Buch mitzuwirken. Viele stellten kurze Texte zur Verfügung, die dem Thema schmeicheln. Sie ließen sich ablichten. Sie erzählen vom Damals und Heute.

So umfangreich eine Karte im Kaffeehaus – Einspänner, Franziskaner (kein Bier!), Melange, kleiner Schwarzer, überstürzter Neumann, Fiaker, Maria Theresia, man könnte noch mehr Zeilen mit den Angeboten füllen), so abwechslungsreich sind die Geschichten in diesem Buch. Und wieder einmal denkt man sich, dass man doch nicht alles über Wien weiß, geschweige denn gesehen und erlebt hat.

„Melange der Poesie“ vereinigt 55 Autoren mit dem erlesenen Geschmack des Kaffees und der hier einhergehenden Kultur. Wenn der Tod a Wiener is, labt er sich am Seelenleid der Intellektuellen bestimmt an einem Tisch in einem der zahlreichen Kaffeehäuser. Und der Leser schaut zu!