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Herbsterzählung

Nun könnte man meinen, dass der Spruch „Vom Regen in die Traufe kommen“ eher ins Reich der Floskeln gehört, die man von sich gibt, wenn einem endlose Diskussionen wenig ertragreich erscheinen. Dem Erzähler in diesem Buch wäre das wohl auch lieber.

Er pirscht durch die Höhne des italienischen Apennin. Er ist auf der Flucht vor den Besatzern. Hinter jedem Baum könnte ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet sein. Diskussionen gäbe es keine. Nur Blei. Einmal hätten sie ihn fast erwischt. Fast! Ein wenig Hoffnung schöpft er als er ein scheinbar verlassenes Haus entdeckt. Was heißt Haus?! Ein Anwesen. Mächtig, trutzig, ein wenig runtergekommen. Aber als Versteck fast ideal. Fast! Nach eingängiger Erkundungstour blickt er … in die Augen eines grimmigen Alten – wohl der Hausbesitzer – und in die Augen zweier mehr als willige Wachhunde. Mit Engelszungen redet er auf den Alten ein. Ein Lager für die Nacht erbittet er. Man gewährt ihm die Bitte.

Der nächste Morgen – die Nacht war erquicklich – soll ihm Gewissheit verschaffen, wo er sich befindet. Geographisch ist die Lage unklar. Doch der Geist ist ruhig. Er fühlt sich fast sicher. Fast.

Denn hier im Nirgendwo stimmt was nicht. Das Anwesen ist von jahrhundetealter Pracht. Verkommene Pracht – wenn er wüsste wie nah er an der Wahrheit ist mit seinen Eindrücken… Der Alte ist immer noch mürrisch. Ihn stört es, dass der fremde Eindringling überall herumstöbert. Und nicht aufhört Fragen zu stellen. In den Gesprächen schwant dem Flüchtigen, dass er in einem herrschaftlichen Haus sich eingenistet hat, und dass der Alte eine mehr als grundsolide Ausbildung genossen hat. Nur die hastig eingeworfenen Worte in einem unverständlichen Dialekt lassen die Neugier nicht verschwinden. Vor allem nach den weiteren Mitbewohnern. Die gibt es nach Auskunft des Alten aber nicht. Er lebe hier allein. Aber …  doch … er … habe … der Fremde ist verwirrt. Das war dich was. Ein Geräusch. Bei genauerem Hinsehen sind die Anzeichen für mehr als ein menschliches Leben im Haus nicht zu übersehen. Der Schein trügt nicht, doch die Erklärung haut den Erzähler aus den Schuhen…

Tommaso Landolfi inszeniert ein Horrorszenario, dass gänzlich ohne offensichtlichen Horror auskommt. Keine Monster, die speichelsabbernd und zähnefletschend auf menschliches Fleisch aus sind. Der Horror geschieht im Kopf. Wer einsam lebt, tut Sachen, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Jede Störung der Ruhe führt automatisch zur Katastrophe. Wie sich diese auswirkt … hat im diesen Fall nur der Autor in der Hand. So viel sei verraten: Er hat ein goldenes Händchen!

Mordsgedanken

Wie stolz waren wir doch als wir als Knirpse, dem Windelwechselwahnsinn endlich entronnen nach der Eins in logischer Reihenfolge die Zwei, die Drei etc. folgen lassen konnten. Zählen gehörte ab sofort zum Leben dazu. Das bedeutet aber auch, dass nach dem ersten Schritt zwangsweise ein zweiter zu folgen hat. „Endlich war sie weg.“ – Eins, zwei, drei, vier Worte, die unweigerlich weitere folgen lassen müssen. Jan hat sich getrennt. Endlich. Die Topfpflanze war nur ein Relikt aus alten Tagen. Öde Zeiten ins langweiligen WGs. Jetzt bewohnt er eine Maisonette-Wohnung in München. Allein. Die Kontaktliste im Handy ist nicht sonderlich ergiebig, wenn es darum geht eine ausgelassene sinnstiftende Party zu schmeißen. Doch sich weiterhin im Selbstmitleid zu suhlen, ist auch keine Lösung.

Um es kurz zu machen: Jan, Leopold, Hella und Sebastian treffen sich. Sie würden es nicht Party nennen. Dafür sind sie zu lebenserfahren, und Party ist was für Millennials oder gar die Gen Z (für die ist das ganze Laben eine andauernde Party). Man hat sich teils jahrelang nicht gesehen, geschweige denn mal miteinander telefoniert. Doch das Vertraute der Vergangenheit wischt über die Enttäuschung des jahrelangen Schweigens hinweg. Beginnende Altersmilde? Der Tisch ist gedeckt. Die Getränke sind kühl gestellt. Die Gäste kommen gleich. Ein perfektes Dinner wird es … vielleicht? … niemals? … oder doch?!

Es wird hitzig, modern, redselig, in Teilen philosophisch. Aber auch gehemmt. So wie bei einem Klassentreffen, bei dem die Beteiligten lieber unter sich in ihren angestammten Cliquen bleiben als dass sie jahrelang gepflegte Nichtbeachtung in warmherzige Neugier verwandeln. Man monologisiert – was immer nur denen auffällt, die selbst endlos immer wieder dasselbe schwafeln, nur eben mit anderen Worten (oder sind es nur Worthülsen ohne Inhalt?). Ja, die selbstgewählte Einsamkeit hatte schon was für sich. Jan ist hin- und hergerissen. Er weiß nicht, ob er sich mit den Essenseinladungen einen Gefallen getan hat. Denn hinter den Fassaden der erzählten Leben, unter den Oberflächen des Scheins brodelt das Feuer der Emotionen. Es sind nicht die guten Gedanken, die da wie Pickel an die Oberfläche treten. Es sind Eiterbeulen des Hasses. Doch erinnern wir uns: Das Buch heißt „Mordgedanken“…

Schöne Melancholie

Sie sind die Feuerwehr, wenn’s brennt, aber der Rauch sich erst noch entwickeln wird: Arnaud Delagrave und Jean-Claude Bonneau. Sie sind Spezialisten für Fälle, für die es keine Spezialisten gibt. Kurzum: Wenn beispielsweise in einer Mine zwölf Menschen ums Leben kommen, darunter zehn Inuit, die Firma aber unbedingt expandieren will, die Umweltschützer und die autochthone Gemeinde wegen des Minenunglücks (und der Toten) aber schon mit den Hufen scharren, dann ist man gut beraten die beiden zu rufen. Troubleshooter, Werbefachleute – es gibt unzählige Titel für Männer wie sie.

Arnauds Ausstrahlung trifft auch Amélie wie ein Blitz. Fast halb so jung wie er haben die beiden eine leidenschaftliche Affäre. Er versucht sich immer wieder einzureden, dass es keine gute Idee ist sich auf die junge Anwältin einzulassen. Aber was will man – was will er – machen?! Anziehungskräfte unterliegen in seinem Fall anderen Gesetzen als denen der Vernunft.

Das Unglück ist nun mal passiert. Nicht das mit Amélie, das ist kein Unglück, sieht man von den Frotzeleien seines Kollegen ab. Nein, die Rede ist vom Mineneinsturz der Drago Polar Mine. Und ja, es sind auch Inuit darunter. Ein ganz heißes Eisen für jeden, der darin verwickelt ist. Für die Drago Polar Mine kann es der Dolchstoß sein. Denn Unterdrückung von Minderheiten war und ist in Kanada immer noch ein Thema – wer Michel Jean liest, wird so manches Mal mit staunenden Augen ein neues Licht auf das ach so erstrebenswerte Kanada fallen sehen. Die Medien stürzen sich erwartungsgemäß auf das Thema. Die kann man nur partiell steuern. Das wissen Arnaud und Jean-Claude. Unerwartete Hilfe bekommen sie von Ben. Einem altgedienten Polizisten, Inuk und somit selbst Teil der Ausgrenzung. Er gibt den beiden den Tipp Nancy zu suchen. Nancy ist irgendwo untergetaucht. In einem Milieu, in dem man in Klamotten wie sie Arnaud trägt unweigerlich und sofort auffällt. In der riesigen Metropole Montreal ist die Suche nicht einfach. Doch Arnaud ist schlau und gewieft. Er findet Nancy. Sie kann ihm tatsächlich helfen. Und das wirft Arnauds komplettes Weltbild um. Das, was sie zu erzählen hat, ist Sprengstoff für Wirtschaft und Politik. Für Arnaud ist es der Wendepunkt…

„Schöne Melancholie“ – der Titel führt den Leser erstmal auf eine falsche Fährte. Schön ist hier kaum etwas. Und melancholisch sind diejenigen, die längst aufgegeben haben und im Alkohol ihre letzte Zuflucht gefunden zu haben scheinen. Während des Lesens muss man sich warm anziehen und so manches Unglück ertragen. Das gehört zum Lesen dazu.

Der Paketzusteller

Nur mal so ganz theoretisch: Kennen Sie Trolle? Diese kleinen fiesen Mistzwerge, die im Netz so allem und jeden eine Meinung haben. Vorrangig aber belehren und sich in den Vordergrund zwängen wollen. Viele von ihnen wissen um ihre assoziale Umgangsform in den sozialen Medien. Und das stärkt sie in ihrem Drang anderen eine aufs digitale Maul zu geben. Sie haben ja schließlich die Diagnose assozial und somit die Legitimation diese auch auszuleben.

Gerhild Pfister – eine Name wie ein Kanonenschusssssss – ist so eine. Facebook ist ihr Revier. Ziemlich schlau. Und manipulierend. Rigoros. Abstoßend. Sie meint es nicht gut mit dem Leben der Anderen. Doch nun schlägt Karma zurück. Ab jetzt meint es das Leben mit ihr nicht mehr gut: Sie hat Krebs. Wie schon man doch in Bildern das Wort „hope“ in Szene setzen kann, mit Steinchen, sinnüberfrachteten Sprüchen, endlosen Horizonten – boah, schon bei der Vorstellung hofft man auf ein schnelles Ende, um nicht noch mehr von diesem bedeutungsschwangeren Unsinn ansehen muss!

Abermals schaltet sich Karma ein. Haydar ist Paketzusteller. Und irgendwie sind Gerhild und Haydar – tja, was sind sie? Ein Paar? Verrückt aufeinander? Einander zugeneigt? Das wissen sie selbst nicht. Erst als Haydar nicht mehr da ist, beginnt für Gerhild ein neues Leben. Nicht im Netz, sondern ganz analog! Ihn im Netz zu suchen, ist für Gerhild eine Fingerübung. Im echten Leben, da draußen, ist es eine fast unlösbare Aufgabe. Was hat eigentlich Haydars Chef mit der Sache zu tun? Er hat definitiv was damit zu tun! Hat er? Nee, das kann nicht sein?! Oder hat er doch … Haydar ums Leben gebracht. Wenn das so ist, dann – Gerhild wächst zum ersten Mal seit Jahren über sich hinaus. Wie ein Transformer wird aus dem followerstarken Miesepeter eine gigantische Rachemaschine, die … letztendlich …

Der Showdown in diesem Buch ist eine Granate! Eine, die sofort explodiert und ein riesiges Trümmerfeld hinterlässt. Hat man am Anfang des Buches kaum Sympathien für den gallespritzenden Troll Gerhild, so gönnt man ihr nicht nur ob der Diagnose doch ein kleines Stückchen Glück. Als dies vom Tisch kullert, und der böse Hund auch noch die letzten Reste zu verschlingen droht – Achtung Sprachbild! – muss man sich selbst an die Leine legen, um sich nicht selbst in den Rachefeldzug einzureihen.

Richard Schuberth verwebt auf angenehme Weise moderne Unarten mit einem Schicksal, das ganz klassisch immer noch jeden treffen kann zu einem Rachekrimi, der nicht viele seiner Art neben sich dulden muss.

Fremder Champagner

Wir sind misstrauisch, wenn wir beim Surfen im Netz aufgefordert werden etwas zu bestätigen oder gar persönliche Daten anzugeben. Da will jemand was von uns ohne, dass wir Einfluss darauf haben. Außer wir verweigern die Angaben. Dann können wir aber nicht mehr in die schöne heile Welt der schönen Bilder eintauchen. Ein beklemmendes Gefühl bleibt aber irgendwie zurück.

Wenn wir unseren Kassenzettel im Einkaufswagen achtlos zurücklassen, sind wir weniger zimperlich. Was soll schon passieren? Da weiß jemand, dass wir Butter und Wurst gekauft haben. Und ’ne Tiefkühlpizza und ein überteuertes Eis. Na und!

Ein Glücksfall für die Protagonistin der titelgebenden Geschichte. Sie ist Profi. Profi in dem Sinn, dass sie Kassenbons sammelt. Ja, sie sammelt (und sie ist keine Datenkrake!) Kassenbons. Und was macht sie damit? Sie taucht in eine Welt wein, die nicht die ihre ist. Heuet hat sie besonderes Glück. Da hat jemand Champagner gekauft. Nicht den billigen Fusel, der am nächsten Morgen die Synapsen malträtiert. Den Guten. Den richtig Guten. Auch sie war einkaufen. Das Nötige. Was man so braucht, um nicht mit knurrendem Magen das haus verlassen zu müssen oder am Abend nicht weniger mürrisch sich ins Federbett zu verkriechen. Sie kehrt noch einmal um. Kauft Champagner. Den gleichen wie der auf dem Kassenbon. Den Teuren. Den Guten. Zuhause wird dann gefeiert. Was wird gefeiert? Nichts Besonderes. Nur eben den Moment. Und sie taucht ein in ihre – ihrer Meinung nach – eigene Welt. Leicht dekadent. Mit der teuren Blubberbrause. Alles so bunt um sie herum. Nicht weil die Prozente ihr die Sinne vernebeln. Nein, sie stellt sich tief im Inneren vor wie der Kassenbonverlierer mit seinem teuren Champagner einen mindestens ebenso schönen Abend verbringt wie sie den ihren. Dank ihm! Ohne ihn, ohne den verlorenen Kassenbon wären es bloß wieder Schnittchen gewesen.

Dies ist nur eine von fünfzehn Geschichten von Martina Berscheid. Sie alle sind getragen von Sehnsüchten. Wenn das Familienfest wieder mal in Langeweile erstickt wird, sucht man sich eben einen Fluchtpunkt. Der verhindert vielleicht nicht die stickige Atmosphäre, macht sie aber für einen Moment erträglicher.

Die fünfzehn Geschichten regen die Phantasie an. Denn jeder kommt einmal in ähnliche Situationen, die unangenehm oder lähmend sind. Dann ergeht man sich in mehr oder weniger laut geäußerte Tiraden … und ändert nichts an der Wahrnehmung. Hier kommen Helden zu Wort, die ganz ohne Superkräfte an den Säulen der Wahrnehmung rütteln. Mal witzig, mal sonderlich, doch immer wahrhaft.

Das andere Leben meiner Mutter

Der Anruf, der jeden Sonntag pünktlich kommt, kommt dieses Mal nicht. Besorgniserregend. Anhaltende Zweifel. Doch dann der „erlösende“ Anruf. Mutter ist im Krankenhaus. So kurz und trocken, so nüchtern, so beklemmend fremd.

Der Erzählerin rutscht das Herz in die Hose. Und hüpft im gleichen Augenblick auch wieder hinauf. Denn zum Einen weiß sie endlich, was mit ihrer Mutter ist. Zum Anderen ist so ein Anruf niemals schön. Und es kommt noch … überraschender.

Denn Mutter hatte ein geheimes Doppelleben. Deswegen immer sonntags die Anrufe, zur gleichen Zeit. Da hat sich die Frau Mama Zeit freigeschaufelt, um ungestört mit ihrer Tochter telefonieren zu können. Auch diese Medaille hat zwei Seiten. Alles begann kurz nach dem Krieg. Die Mutter stammt aus gutem Haus, wie man so schöne sagt. Vertreibung, die Männer im Krieg bzw. in Gefangenschaft – die Familie musste sich durchschlagen. Oft egal wie. Onkelehen waren für einige die erste Wahl.

Wie in einem Rausch verfolgt die Erzählerin das andere Leben ihrer Mutter. Voller Neugier trifft sie die andere Familie. Die sind … na ja, die Anderen. Einige sind abstoßend, einige richtig nett und fürsorglich. So wie es nun mal ist, im richtigen Leben. Sie wieder sehen? Niemals! Mit ihnen vertraut sein? Im Leben nicht! Und trotzdem.

Karin Klemm braucht nur wenige Zeilen die Beklommenheit dieser überraschenden Erkenntnis darzustellen. Ausbrechen, Wut, Empathie oder doch bedingungsloses Verständnis? Der emotionale Vulkanausbruch und der damit verbundene Ascheregen aus Fremde und Vertrautheit vernebeln der Erzählerin nicht die Sicht. Ganz im Gegenteil: Der Kampf gegen die dichten Wolken öffnet so manche Schleuse.

Eine Aufforderung zum Kampf

Als Diktator lebt es sich relativ gemütlich, wenn man die Untergebenen im Griff hat. Das geschieht ausschließlich durch Gewalt. Die muss man sich teuer erkaufen. Denn die willfährigen Helfer fordern auch ihren Tribut.

Saintil ist so ein Diktator. In Haïti. Er hält das Dorf Bois-Neuf im Würgegriff. Eine Armee von Zombies verrichtet stoisch die Arbeit, die sonst keiner macht. Sie füllen die Wampen derer, die keinen Finger krümmen wollen. Selbst vor der Familie macht Saintil keinen Halt. Seine Tochter wird einmal alles erben. Doch nur, wenn sie sich nicht an einen Anderen bindet. Keusch und rein soll sie irgendwann einmal da Ruder in die Hand nehmen. Bis dahin ist sie die gute Fee im bösen Haus. Andernorts sind Diktatoren noch grausamer, zu ihrer Familie…

Doch auch die Zombies haben Gefühle. Gefühle, die sie wortreich und bildhaft nur untereinander teilen. Sie sind willenlose Geschöpfe, die nach Außen wie Maschinen funktionieren. Doch keine Macht der Welt kann ihre Gedanken komplett kontrollieren oder gar ausschalten. Das alles funktioniert nur so lange sie kein Salz in ihrem Essen haben. Das Salz in der Suppe – hier bekommt es einen habhaften Beweis seiner Existenz.

Die Jahre verfliegen, das Leben ist karg, hart, kaum lebenswert. Sultana ist die Tochter von Saintil. Mittlerweile ist sie zu einer jungen Frau herangewachsen. Einer Frau, die Gefühle hat, die Bedürfnisse in sich spürt. In Clodinis findet sie den Mann, ihr Gegenstück, ihre Liebe, die langsam erwacht. Clodinis ist allerdings ein Zombie. Ein Wesen, das zu funktionieren hat. Und es auch tut. Solange … ja, solange ihm das Salz entzogen bleibt. Es kommt wie es kommen muss…

Frankétienne lebte sein Leben lang auf Haïti. Auch während der Duvalier-Diktaturen, zuerst Papa Doc, dann Baby Doc – beide nahmen sich in Sachen Gewalt nicht viel. Sie brachen das Land und die Rückgrate der Menschen. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar und werden auch so schnell nicht verschwinden. Trotz seiner Schriften, die den Herrschern nicht gefallen konnten, lebte Frankétienne immer auf Haïti ohne sich groß verbiegen zu müssen. Seine Bücher sind Kulturgut und Hinterlassenschaften einer reichhaltigen Literaturszene. Er starb 2025 im hohen Alter von 88 Jahren.

„Aufforderung zum Kampf“ ist ein Gleichnis für den Aufstand gegen die Unterdrücker. Das Salz ist der Brocken Hoffnung, dem man den Geknechteten hingeworfen hat. Ihr Aufstand ist dank ihrer Masse Gutes beschieden. Doch die Macht der Wenigen, der Auserwählten, die geschickt ihr Tun verschleiern, ist nicht zu unterschätzen. Die poetische Sprache dieses an sich knallharten Buches ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Schnell liest man sich in eine Welt hinein, die so weit weg scheint und erstaunlich viele Parallelen zur doch so nahen Zukunft aufweist.

Durch Jugoslawien im roten Peugeot Band 1+2

In Artikeln und in Online-Lexika liest sich das alles so einfach. Anfang der 1990er Jahre lösten sich mehrere Länder von Jugoslawien und machten sich selbstständig, was zu kriegerischen Handlungen führte. Jugoslawien gibt es nicht mehr. Jetzt / von nun an gibt es Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Serbien. Allesamt willkommene Länder im Westen – außer Serbien. Die Serben hatten in Jugoslawien die Hoheit, die Oberhand, unterdrückten alles, was nicht serbisch war. Es ist alles so einfach, wenn man im Netz in wenigen Zeilen den brutalen Zerfall Jugoslawiens betrachtet. Dass das natürlich nicht so schwarz-weiß zu sehen ist, dürfte jedem klar sein, der auch nur einen Hauch Geschichtsinteresse in sich trägt.

Als fast schon alleiniger Verbrecher der Greueltaten – die es unbestritten unter serbischer Fahne gab – wurde die gesamte politische und militärische Riege Serbiens ausgemacht. Milosevic – ein Name wie Donnerhall, der sich vor dem Haager Tribunal verantworten musste und stumm den Anklagen lauschte – war die Symbolfigur der Anfeindungen.

Als der Literaturnobelpreisträger Peter Handke sich gegen die in seinen Augen einseitige negative Berichterstattung gegen Serbien stellte, sogar bei der Beerdigung Milosevics anwesend war, brach eine Hasswelle über ihn herein, die ihresgleichen sucht. Massen an Intellektuellen traten aus ihren Elfenbeintürmen heraus und sonnten sich im Angesicht der anfeindenden Sonne. Natürlich ist Peter Handke streitbar. Ob das alles Kalkül war oder ob er einfach nur ein zutiefst anarchistischer, nonkonformitischer Quertreiber ist, dieses Urteil obliegt ganz allein ihm selbst. Seine Wirkung nach Außen hat er nicht verfehlt.

Journalist und Herausgeber einer Jugoslawien-Peter-Handke-Reihe bei Suhrkamp Thomas Deichmann hat Peter Handke auf vielen Reisen nach Jugoslawien und den Nachfolgestaaten begleitet. Im ersten Band von „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“ sind seine Erinnerungen sowie veröffentlichte Texte Handkes zusammengefasst, der zweite Band ist der reich bebilderte Zusatzband.

Für die meisten ist der Krieg auf dem Balkan inzwischen weit weg. Die, die in Uniform daran teilnahmen – nicht vergessen: Die Bundeswehr war damals noch ein zahnloser Tiger im Vergleich zu anderen Armeen – erinnern sich vielmals fast schon nostalgisch an das Drama. Traumata auf deutscher Seite gab es kam bis gar nicht.

Man muss ich in Geduld üben, liest man die Erinnerungen und die Texte Handkes. Auch muss man sich so manches in Erinnerung rufen – und eigentlich gleich wider vergessen. Peter Handke ist streitbar. In Nebensätzen relativiert er viel schroffe Aussagen, um seinen wahren Gedanken Gehör zu verschaffen. Kriege sind nie einfach zu verstehen. Man muss sie nicht verstehen, man muss sie verurteilen. Doch leider sind die Rädelsführer verschlossene Gesellen, die ihre eigentlichen wahren Beweggründe nur selten offenlegen – Ausnahme sind vereinzelte Hetzer und Treiber der Gegenwart der Jahre 2025/26, die offen und verabscheuungswürdig ihre Gründe offenbaren. Der Jugoslawienkrieg war für viele ein Wirrwarr aus Splittergruppen verschiedener Ethnien. Das ließ sich leicht(er) in den Medien transportieren. Die richtige Einordnung des Ganzen gelingt niemandem. Auch nicht Peter Handke. Doch ein derartiges Kompendium seines Werkes während dieser Zeit in den Händen zu halten, ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung all das, was damals passierte ein wenig besser einordnen zu können. Ohne dabei das Zwischen-Den-Zeilen-Lesen zu vergessen.

Europa erlesen Genua

Die ligurische Küste besticht durch ihre elegante Küstenführung und die sofort daran anschließenden schroffen Bergformationen, die einen Ausstieg aus dem Meer nicht den sofortigen Aufstieg an Land zulassen. Hier muss man sich bewegen, Hakenschlagen, um ans Ziel zu gelangen.

Auch muss man sich nicht lange mühen, um die Stadt aufsaugen zu können, sofern man sich dieses kleinen Büchleins herzlichst annimmt. Genua kann nicht wie beispielsweise Florenz auf eine Galerie großer Namen, die die Geschicke der Stadt leiteten und bis heute zum Strahlen bringen, verlassen. Die Stadt will erobert werden. Und sie wurde erobert. Christoph Kolumbus verließ sie, um die Welt zu erkunden. Heinrich Heine und Charles Dickens – zum Beispiel – kamen zu ihr, um ihre Reize zu entdecken. Wortreich, gewandt wie ein eleganter Luchs, schlichen sie durch die Häuserschluchten, erklommen Hügel und waren ergriffen von der Weitsichtigkeit der Stadt. Das alles ist anderthalb Jahrhundert bis zweihundert Jahre her. Und noch immer kann man der Faszination der Dichter etwas abgewinnen und zustimmend nicken, wenn ergriffen und charmant von Genua schwärmen. Selbst Karl May war hier – oder doch nicht. Bei ihm weiß man ja nie so genau…

Der Weltreisenden Alma Karlin sieht die große Stadt schon etwas nüchterner. Sie hat die Welt gesehen, wird sie noch bereisen als sie Genua besucht. Ein bisschen mehr Farbe hätte ihr Urteil üppiger ausfallen lassen. Die Suche nach einer passenden Unterkunft hat auch nicht dazu beigetragen Genua als Sehnsuchtsort einzuordnen.

Dieses kleine Büchlein ist unverzichtbar beim nächsten Genua-Besuch. Die gesamte Bandbreite von Ui bis Pfui wird in den Texten über die Stadt abgebildet. Wahrlich hat sich Genua verändert. Als Stadt am Meer unterliegt sie zwangsläufig Veränderungen. Und wie damals – zu Zeiten von Heine, aber auch Alma Karlin – gibt es Ecken, die nicht zwingend vorzeigbar sind. Ebenso die Plätze und Orte, die einem den Atem stocken lassen.

Fakt ist, dass „Europa erlesen – Genua“ ein fester Reisegepäckbestandteil sein sollte, will man Genua auf den Grund und nicht auf den Leim gehen.

Kinder der Bucht

Das Paradies kann man sehen, kann es vielleicht sogar hören. Es zu erleben wird schon schwieriger. Die Bucht von Longo Maï ist das Paradies. Zumindest für die wenigen Bewohner. Im Sommer tummeln sich hier noch Besucher und genießen erholsame Stunden und Tage am Meer. Für Ordnung sorgt die Zollstation. Klingt komisch, ist aber so…

Nine und Coco sind echte Paradiesianer – Paradeiser sind sie nicht! Sie sind hier aufgewachsen. Und entdecken jeden Tag aufs Neue das Paradies. Hoch oben auf den Felsen hat man den besten Überblick. Doch Nine ist das nicht mehr genug. Zuviel des Guten ist ihr einfach zu wenig. Da draußen muss es noch mehr geben. Die Enge der Freiheit erstickt sie und ihren Tatendrang. Ausgerechnet jetzt! Nine bricht auf und aus. Ohne Au revoir. Einfach so!

Und dann passiert das, womit niemand im Paradies rechnen kann. Eine Katastrophe – keine Angst: Der Himmel bricht nicht über der Kommune zusammen. Nur vielleicht sinnbildlich. Bei all der Freiheit, die alle hier ungehindert genießen können, herrschen nun auf einmal nicht gekannte Regeln. Der lose Haufen muss wie ein Räderwerk funktionieren. Und allen wird schlagartig klar, dass sie mit dem Schrecken davonkommen können, wenn die Gemeinschaft auch wirklich als solche agiert.

Rémi Baille legt mit „Kinder der Bucht“ einen Debütroman vor, der auch die Jury vom Prix Mare Nostrum überzeugte. Zu Recht!

Hier wird keine neue Form des Zusammenlebens erprobt. Kein neuer Herrscher regiert mit blinder Wut. Hier ist die Kommune selbstverständliches Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Unter freiem Himmel die Wahl der Mittel zu haben, um das Leben leben zu können. Risse sind da. Man springt wie selbstverständlich über sie hinweg. Erst als sich Krater bilden, zwingt man sich Maßnahmen zu ergreifen. Es sind nur reichlich einhundertfünfzig Seiten. Die jedoch reichen allemal aus, um das Paradies zu erlesen, manchmal sogar selbst zu erleben. Wie leichte Wellen, die auf den flachen Strand zurollen, schlagen hier nicht die Wogen hoch. Die ruhige, besänftigende Sprache erlaubt keine Aufregung. Selbst als Nine den Ort verlässt, und ihr Verschwinden erst später bemerkt wird, droht das Paradies nicht auseinanderzubrechen.

Es sind solche kleinen, feinen Bücher, die einen Lesesommer erst zum echten Lesesommer machen. Wäre das Paradies ein Wochentag, dann ist „Kinder der Bucht“ ein Sonntagsbuch.