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Tage mit Felice

Ein kleines Tal im Tessin. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Kaum Touristen, kaum Fremde, die mit ihrer Funktionskleidung ihrem ökologischen Gewissen frönen. Hier lebt der Erzähler. Hier lebt auch Felice. Ein Eigenbrödler, einer, der sich seine eigen Welt geschaffen hat, nachdem er die Welt gesehen hat. Bei Weitem kein Weltenfremdler. Er weiß sehr wohl, was vor sich geht. Er hat ein Auto und eine Melkmaschine. Ernährt sich vegetarisch – ohne das obligatorische, schulmeisterhafte „streng“ davor zu setzen. Doch sein Weg ist nicht der der Anderen. Wenn alle in der Kälte bibbern, läuft er barfuß durch die Wälder. Badet nackt im eiskalten Wasser eines Baches.

Dem Erzähler ist Felice vertraut. Auch die Geschichten, die sich um ihn ranken, sind ihm bekannt. Was wahr ist und was Fiktion, ist erst einmal egal. Er fragt Felice, ob er ihn nicht mal ein paar Tage begleiten dürfe. Ein bisschen mürrisch, nicht abweisend, aber auch nicht einladend, stimmt Felice zu. Und schon sitzen beide im eiskalten Wasser. Felice erzählt nicht viel, doch wenn man ihn fragt, gibt er Auskunft.

Es ist ein karges Leben, es reicht vorn wie hinten allemal. Kein Grund zur Klage. Worüber denn auch?! Dass das WLAN nicht funktioniert? Wozu? Es gibt genug – Wichtigeres – zu tun. Kaki pflücken zum Beispiel. Oder auf Latschenkiefertrieben herumzukauen. Die sind gesund und halten einen am Leben.

Ein prall gefülltes Leben wie man es in der Stadt zu tun pflegt, sucht man in dieser Idylle vergeblich. Wenn man es sucht. Warum soll man nach etwas suchen, das man nicht vermisst oder gar kennt? Alltagstrott kennt man hier nicht. Jeder Arbeitsschritt ist vorgegeben, notwendig, nicht wert darüber nachzudenken. Man tut, was man tun muss. Aufregung gibt es keine. Erst zum Schluss, als der Erzähler noch einmal mit Felice unterwegs sein will…

Fabio Andina versteht es mit zärtlicher Sprache eine Welt in den Fokus zu rücken, sie man so nicht auf den ersten Blick erwartet. Felice mag ein Unikum sein. Aber keines, dem man aus dem Weg geht. Mit ihm ein Stück des Weges, den man Leben nennt, zu gehen, ist ertragreicher als so manche Erde, die dauerhaft gedüngt ihre Kinder in die Regale der Zivilisation entlässt. Schritt für Schritt taucht man in die Bergwelt ein wie sie wirklich ist. Es braucht nicht viele Worte, um zu verstehen, dass Zufriedenheit ein dehnbarer Begriff ist. Wenn man schon mit dem Namen Felice – der Glückliche – bedacht wurde, kann das Leben einfach nur gut zu einem sein. Fast bis zum Schluss, zumindest in Felices Fall.

Ein zauberhaftes Buch über Freundschaft und Zuneigung zum Leben, die einfachen Dinge des Lebens und echte Liebe zur Natur.

Lourdes

Das Besondere an Vorurteilen, an Mythen und denen, die daran glauben, ist die Tatsache, dass man über sie herziehen kann. Gleichfalls ist es aber so, dass jedem Mythos auch ein Funken Wahrheit anhängig ist. Joris-Karl Huysmans geht es sicherlich wie so vielen vor und nach ihm: Um seine Gesundheit steht es nicht besonders gut. Ärzte und Fachleute sind überfordert und können im besten Fall Linderung verschaffen. Heilung – aussichtslos. Zehn Jahre nach seiner Geburt, erschien der vierzehnjährigen Bernadette mehrmals die Heilige Jungfrau – ein Wunder. Und schon war eine regelrechte Wunderindustrie geboren. Fünfzig Jahre später, kurz nachdem Huysmans hier logierte, zählte man schon eine Million Besucher, Pilger, Ratsuchende. Die spendeten ihr hart verdientes, kauften billige Kerzen zu überhöhten Preisen, ließen sich auf Bahren und in Rollstühlen in die berühmte Grotte fahren, badeten im heilenden Wasser, tranken es, rieben sich damit ein. Vereinzelt half es – Lahme konnten wieder gehen etc.

Joris-Karl Huysmans, der Mann aus der Weltstadt Paris, ließ sich von Freunden überreden auch nach Lourdes in die Pyrenäen zu kommen. Doch er wollte vorrangig ein Buch schreiben. So wie einst sein literarisches Vorbild Zola. Doch Spöttereien sind nicht Huysmans Geschäft. Er nähert sich dem Ort, der Grotte, dem Mythos mit Bedacht. Es könnte ja doch was dran sein. Die Frömmigkeit Einzelner jedoch lässt ihn zweifeln. Mit Sprachgewalt  – er spricht vom „Heizraum der Frömmigkeit“ – begegnet er dem treiben vor Ort. Hinweggefegt sind die eventuell zuvor geschmiedeten Pläne sich selbst der Heilung des eigenen Leidens hingeben zu wollen.

Nach Lourdes kommt man seit über anderthalb Jahrhunderten, um entweder Geld zu verdienen oder es auszugeben. Nur wenige kommen aus tiefstem Herzen, um ernsthaft eine Heilung zu erwarten. Auch wenn die Außendarstellung oft anders aussieht. Huysmans lässt sich von der permanenten Präsenz des Wunders anstecken. Fast tappt er in die Fallen der Bauernfänger, lässt jedoch rechtzeitig los, um sachlich und nüchtern dem Ort den Raum zu geben, den er verdient: Ein Ort der Hoffnung. Zweifel ringen ständig mit dem Anschein.

Als außenstehender Leser kommt man je nach Gesinnung und Vorbildung zu keinem endgültigen Schluss. Es gab Heilung hier. Durch das Wasser in der Grotte? Der Beweis fehlt letztendlich, um ernsthaft daran zu glauben. Wenn dem so wäre, dann gäbe es 2020 nur ein Reiseziel: Das Pyrenäendorf Lourdes mit dem Wunderwasser, das Viren verzehrt wie ein Durstiger in der Wüste.

Huysmans Reisebericht ist ein Füllhorn an Anekdoten. Präzise fängt er eine Stimmung ein, die sich seit seinem Besuch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum verändert hat. Nicht nur deshalb immer noch mehr als lesenswert.

Väterland

Kaum vorstellbar, aber es gab tatsächlich eine Zeit, in der es in Argentinien kaum fanatische Fußballfans gab. Doch das war vor diesem Roman, der im Jahr 1933 in der brodelnden Metropole Buenos Aires spielt. Bernabé Ferreyra ist der Star der ganzen Liga. Steht er auf dem Spielfeld, haben Torhüter wenig zu lachen. Ein einziger Torwart hat es geschafft mal keinen Ball von ihm in die Maschen knallen zu lassen. Dafür gab`s eine Prämie und ‘nen Pokal. So war das 1933 in Buenos Aires. Bis … ja bis Bernabé Ferreyra verschwand. Einfach so. Wie schon so manches Mal zuvor. Er weiß, was er wert ist und nutzt sein Talent, um die Kasse aufzufüllen. Doch dieses Mal scheint alles anders zu sein.

Andrés Rivarola hat da so ein Gefühl. Das hat er öfter mal. Zu mehr hat er es mit seinen fast dreißig Jahren noch nicht gebracht. Sein Kumpel Gorrión ist da schon eine Stufe weiter. Als Kokaindealer hat er ein einträgliches Geschäft. Zu seinen Kunden zählen unter anderem echte Stars. Solche wie Bernabé Ferreyra. Der, der gerade die Schlagzeilen der Gazetten mit seiner Nichtpräsenz füllt. Rivarola wittert eine Geschichte, einen Zeitvertreib, vielleicht sogar den einen oder anderen Peso. Er muss nur seinem Freund, dem Dealer aus seiner misslichen Lage befreien helfen. Raquel soll ihm dabei zur Seite stehen.

Er und Raquel – ein Traum. Auch sie ist momentan nicht bei bester Verfassung. Eine Freundin ist verschwunden. Finanziell kommt María de las Mercedes Olavieta aus einer ganz anderen Liga. Viel weiter oben. Als die Befürchtungen wahr werden – María de las Mercedes Olavieta ist tot – nimmt sie liebend gern das Angebot Rivarolas an, ein bisschen für Ordnung im chaotischen Buenos Aires zu sorgen. Rivarola macht tatsächlich den flüchtigen Fußballstar ausfindig. Der brüstet sich mit seiner Macht, dass er den Clubbossen auf der Nase herumtanzen kann, wie es ihm beliebt. Denn schließlich füllt er Stadien und Kassen der Vereine. Dass er eine Beziehung mit der Tochter des reichlich suspekten Politiker Olavieta – genau der, dessen Tochter verschwunden war, getötet wurde und bald beerdigt wird – sorgt für Erstaunen im Gesicht und im Kopf des verhinderten Tangodichters Rivarola. Das ungleiche Duo – er und Raquel – geht auf Schnüffeltour durch die Szenen der Stadt. Er trifft Journalisten, die dem Fußballer in ihren Artikeln die Meinung geigen. Er sitzt mit dem Arbeitgeber Ferreyras an einem Tisch und ist angewidert von solch perfider Natur. Im Café trifft er Dichter bis Adolfo Bioy Cesares und Jose Luis Borges. Doch des Rätsels Lösung lässt noch auf sich warten. Einzig allein die Einsicht, dass sein kleines Licht viel schnell erlöschen kann als ihm lieb ist, als die vielen strahlenden Scheinwerfer derer „da Oben“, lässt ihn eine gewisse Vorsicht walten.

Martín Caparrós lässt in „Väterland“ eine Zeit wieder auferstehen, die längst vorbei zu sein schien. Fußballer, die ihren Wert als Druckmittel einsetzen, Nichtsnutze, die ihre spärlichen Fähigkeiten endlich einmal formvollendet zur Geltung bringen, eine sexy Verführerin, Straßenkampf und das Lebensgefühl einer Stadt, die allen Widrigkeiten zum Trotz immer ein Sehnsuchtsort bleiben wird. Ein Fußballkrimireisereporttango allererster Klasse!

Kilometer 123

Wahrlich kein romantischer Ort, hier am Kilometer 123. Ein Wrack liegt im Graben. Darin ein Mann. Schwer verletzt. Und doch hat die Szenerie etwas romantisches. Denn der Mann, Giulio, hat gerade eine SMS von seiner geliebten Ester bekommen. Doch er kann sie nicht mehr lesen. Er liegt im Krankenhaus, wo sich Pfleger rührend um ihn kümmern. Besonders Giacomo. Er ist ein Engel. Ein Liebesengel. Ein Liebesengel, der Nachrichten übermittelt. Nachrichten von Ester an Giulio. Nachrichten von Giulio an Ester. Giulio bezahlt ihn aber auch gut dafür. Das hat seine Gründe. Denn Giuditta, Giulios Ehefrau, darf nichts von der Affäre wissen.

Tut sie aber. Denn sie hat inzwischen das Telefonino ihres Gatten in die Hände bekommen. Und sie sinnt auf Rache! Und wie! Wer sie betrügt, muss zahlen. Und wie! Sie zeigt ihn an. Als Bauunternehmer weiß er wie man vertuscht, betrügt und so manche Regel umgeht. Die Finanzpolizei ist hocherfreut über die tatkräftige Unterstützung. Die Beweggründe sind den Ermittlern egal. Noch!

Die Anzeige bringt eine Lawine ins Rollen, die niemand aufzuhalten in der Lage ist. Ester ist verzweifelt. Sie kann ihren Giulio nicht besuchen. Nicht einmal in das gemeinsame Liebesnest kann sie sich flüchten. Denn ihr Gatte Stefano scheint sie in Verdacht zu haben, dass sie ihm nicht immer treu ist.

Einzig Maria scheint in diesen schweren Zeiten ihr beistehen zu können. Die beste Freundin, die vor einiger Zeit mit ihrem Mann Rom verließ, um in Mailand noch einmal neu anzufangen, ist momentan die glücklichste Frau der Welt. Der Neuanfang steht unter einem – oder besser: mehreren – guten Stern. Gern ist sie die gute Zuhörerin und verständnisvolle Freundin. Doch auch ihr spielt das Schicksal einen Streich. Francesco, ihr Gatte kommt bei einem Unfall ums Leben. Nun ist Ester die Freundin in der Not, die ein offenes Ohr hat.

Währenddessen laufen die Ermittlungen gegen den Bauunternehmer Giulio auf Hochtouren. Als er sich in die Schweiz absetzen will, wird er verhaftet. Kontaktaufnahme mit ihm, ist für Ester ein für allemal unmöglich. Es zerreißt ihr das Herz. Nicht zum letzten Mal! Denn Ispettore Bongioanni weiß mehr als den Turteltäubchen lieb ist. Er weiß zum Beispiel, dass Giulio nicht nur seiner Frau Giuditta, sondern auch seiner Geliebten Ester untreu war. Gianna heißt die gute Frau und sieht ihre Affäre erstaunlich nüchtern. Anders als Giuditta… Ein weiterer Unfall macht den Kilometer 123 an der Via Aurelia zu einem traurigen Ort, der seine Romantik, hat er sie je besessen, nun vollends verloren hat…

Andrea Camilleri lässt in Gesprächen, Briefen, Notizen, SMS, Mails, Telefonaten die Quadratur des Kreises auferstehen. Wer mit wem? Das Warum steht außer Frage. Motive hagelt es en masse. Möglichkeiten zum Mord, Mordversuch, gibt es zahlreich. Den Mut so etwas durchzuziehen, hat jedoch nur eine Person! Die fast schon als nüchtern zu bezeichnende Aufzeichnung der Fakten, verbunden mit der ihm eigenen Art die Spielarten der Liebe so nuancenreich darzustellen, machen „Kilometer 123“ zu einem Leseerlebnis für Liebende, Betrogene sowie für außenstehende Leser. Hier – und nur hier! – darf der Gaffer ganz er selbst sein.

Das Jahr der Frauen

Noch ein Buch zu hundert Jahren Frauenwahlrecht? Nein, ganz bestimmt nicht! Obwohl es mit Wahl und Frauen zu tun hat. Aber ganz anders, als so mancher es vermuten mag…

Was macht ein PR-Heini, wenn es ihm zu bunt wird? Er geht zum Psychologen. Der hilft, so wie er jedem hilft, der zu ihm kommt. Man selbst muss nur aktiv werden. Proaktiv, überhaupt aktiv. Nicht reagieren. Bloß nicht das! Doch wenn der Seelenklempner keine Hilfe ist? Was dann? Dann wird es richtig spannend! Im Falle von Frank Stremmer entwickelt sich alles zu einem Spiel, einer Wette. Und Christoph Höhtker ist der Strippenzieher im Hintergrund. Lasset die Spiele beginnen! ADORA QUOD INCENDISTI, INCENDE QUOD ADORASTI! Bete an, was Du verbrannt hast. Verbrenne, was du angebetet hast!

Besagter Frank Stremmer beginnt das Jahr auf der Couch seines Psychologen. Gelangweilt ob der belanglosen Fragestunde wirft Stremmer den Vorsatz in den Raum in diesem Jahr monatlich eine Frau zu verbrauchen. Einfach nur so! Prostitution ist dabei ausgeschlossen. Als Anreiz soll das Vorhaben – endlich hat der Patient mal einen Plan, scheint der Doc sich zu denken – als Wette getarnt sein. Der Doc darf sich was aussuchen, wenn er gewinnt. Stremmer setzt als Einsatz seinen Selbstmord. Sich jetzt schon Gedanken zu machen, wer gewinnt, wäre lächerlich. Denn noch stehen zwölf aufregende Monate – mit, für Stremmer, hoffentlich zwölf aufregenden „Verbrauchs-Frauen“ – ins Haus.

Ohne überhaupt eine Antwort von Yves Niederegger, seinem Psychoklempner, abzuwarten, macht sich Frank Stremmer an die Arbeit. Im Januar soll die Auserwählte über ein Dating-Portal ausfindig gemacht werden. Malin, Künstlerin aus Zürich, klingt ganz ansprechend. Alles ohne Zwang, aufregend, anregend – so soll es sein. So passiert es. Mit dem Zug von Genf nach Zürich, alles hinter sich bringen und wieder zurück in die eigene graue Gruft, die nur durch das Bildschirmflimmern des Laptops ein wenig Farbe erhält. Ein Zwölftel ist geschafft. Das Zweite bringt Frank auch ohne Verluste hinter sich. Es läuft. Sechzehn Komma sechs Periode Sechs Prozent schon geschafft. Doch der sportliche Ehrgeiz ist es nicht, der Frank Stremmer antreibt. Es gibt nichts auf dieser Welt, das ihn antreibt. Außer sein Chef, dessen Ego durch seine Arbeit als PR-Mann gelobt, gehypt, gewürdigt sein soll. Hat dieser Typ wirklich die Macht Frank Stremmer am Leben zu erhalten? Wenn ja, dann sollte das niemals an Frank Stremmers Ohren gelangen! Denn in Frank Stremmers Welt ist er allein für seine Situation verantwortlich. Und ein bisschen gefällt er sich auch in dieser Rolle. So kann er beweisen, dass er doch noch zu was zu gebrauchen ist…

Dieses Buch als Anleitung zu Frauenaufreißen oder als Legitimation zur zügellosen Verantwortungslosigkeit zu betrachten, wäre fatal. Denn die Frauen sind nur Beiwerk. In Wahrheit sucht Frank Stremmer gar nicht nach Frauen, sondern nach sich selbst und seinem Leben einen wahren Sinn zu geben. Dass dabei auch der eine oder andere Lustgewinn für ihn abfällt, nimmt er hin wie ein Mann.

Die Kunst, seine Schulden zu zahlen

Das ist die Ungerechtigkeit der Welt: Die Einen haben Geld, die Anderen haben keines. Und dann gibt es noch die, die kein Geld haben und trotzdem leben wie die, die Geld haben. Sie wurschteln sich durch, betrügen, lächeln und leben in den Tag hinein, auf das das Morgen nicht so grau werde wie die Wolken, die sich über ihrem Himmel zusammenraufen.

Der Herr Onkel des Verfasser, also Honoré de Balzac, einem Lebemann, dem man schon zu Lebzeiten seinen ungesunden Lebensstil ansah – er trank nicht den Kaffee, der schüttet ihn in sich hinein wie eine Baugrube, die fortwährend mit Beton gefüllt wird, ist so ein Typ, dem man gern etwas gibt. Auch wenn das bedeutet, dass man nie mehr etwas davon sehen wird. Der aber dennoch seine Schulden zurückbezahlt. Klingt widersprüchlich? Ist es auch. Aber dieser verworrene Weg, der so lebensnah und fast schon komödiantisch beschrieben wird, lässt keinen anderen Schluss zu: Wer das System und seine Schwachstellen kennt, darf sie auch benutzen. Als Außenstehender – als Leser mit dem Abstand von fast zwei Jahrhunderten – darf, ja muss man, immer wieder schmunzeln.

„Die Kunst, seine Schulden zu zahlen“ hat schon einige Jahre auf dem Buckel, ist aber aktuell wie eh und je. Grundsätzlich gilt: Geduld, Chuzpe mit einem Spritzer Psychologie und Charme helfen doch sehr bei der Zahlung der Schulden. Beziehungsweise bei deren Vermeidung. Also nicht der Vermeidung der Schulden, sondern der Zahlung selbiger.

Balzac lässt die Puppen tanzen! Sechsundzwanzig Arten von Schulden zählt er (auf). Und acht Arten diese zu tilgen. Diese Differenz lässt das ganze System vom Geben und Nehmen in einem andern Licht erscheinen. Wer Schulden hat, hat meist mehr davon als Auswege daraus. Kleine Zahlenspielerei. Den Stress hätte demnach derjenige, der einem Anderen etwas schuldet. Hätte. Wenn der Schuldner nun aber diesen Ratgeber gelesen hat, sich mit dem Inhalt identifizieren kann, hält sich der Stress jedoch in Grenzen. Das ist wie mit so manchen Kollegen, die immer nur so viel tun, dass man ihnen nicht an den Karren fahren kann. Diejenigen, die mehr tun, weil sie die Notwendigkeit einsehen, kommen innerlich eher ins Schwitzen, da sie für das gleiche Geld mehr tun (müssen).

Dieses kleine Büchlein ist nicht das Buch zur Krise in Zeiten von Corona. Keine Anleitung sich etwas zu erschwindeln, das einem nicht gehört. Und damit auch noch durchzukommen! Nein, es ist ein durchaus amüsantes Stück Geschichte, das verdeutlicht, dass all das, was heute um uns herum geschieht, nicht neu ist. Wer hat, der hat und bekommt immer mehr. Wenn er sich geschickt anstellt. Kreditwürdigkeit ist nicht immer eine Frage des Habens, sondern des Scheins. Honoré de Balzac ist ein Klassiker, den man im Bücherregal stehen haben muss. Und warum nicht mit diesem Büchlein diese Sammlung beginnen? Stets aktuell, beißend, hingebungsvoll, offen – mehr kann man von einem Autor und seinem Werk nicht verlangen. Den Brückenschlag von altem Wissen und Gegenwart gelingt in dieser qualitativ hochwertigen Ausgabe dem Illustrator Volker Pfüller durch seine Abbildungen aufs Vortrefflichste. Das Gesicht der Schuld erkennt jeder, egal in welcher Epoche er sich gerade befindet. Kleine Hinweise in den Zeichnungen verraten jedoch, dass diese nicht aus der Entstehungszeit des Buches stammen können. Wer besaß 1821 schon einen Businessanzug, mit Cross body bag und Smartphone?

Damals in Alexandria

Was soll man zu dieser Familie sagen?! Sie küssten und sie schlugen sich? Liebe, Verachtung, Zusammenhalt, Prahlerei – hier kommt alles auf den Punkt, auf den Tisch, zur Sprache. Und alles in Alexandria. Die Stadt, die dieser jüdischen Familie eine Heimat geworden ist. Italien, England, Türkei – da kommen sie her, da werden sie einmal leben. Sie werden ihre neue Kultur lieben, im gleichen Atemzug nicht minder verachten. Sie werden sich anpassen. In Japan hat es schon mal nicht geklappt. Der Autohandel war mehr ein Experiment, als ein von Erfolg gekrönter Masterplan. Und so hockt man im Exil, während in Europa der Krieg wütet und sie als Juden mehr als nur laufende Zielscheiben sind.

Es ist keine einfache Familienbande. Frotzeleien gehören zur Tagesordnung. Aber eben auch der gemeinsame Einkauf auf dem Markt. Im Trubel der Zeit, des selbstgewählten Exils huschen Lichtblitze der Hoffnung an ihnen vorbei. An Gigi, Vili, Adele und alle den Anderen, die gar nicht so recht wissen wohin mit all ihrer Energie. Das ist vielleicht auch der Kitt, der sie zusammenhält. Lebenslust vs. Überlebenswillen. Und in der Ferne tönen die Kanonen von Rommels Armee. Bald schon wird auch Alexandria nicht mehr das Paradies sein, das man liebt, über das man sich so köstlich aufregen kann.

Die Sippe bekommt noch einmal Zuwachs, aus Deutschland. Wieder eine, die es geschafft hat, rauszukommen aus dem Elend und der schändlichen Umgebung. Wird Alexandria die Heimat bleiben, oder wird es einmal mehr der Ausgangspunkt einer weiteren Reise, einer Flucht werden?

André Aciman lädt den Leser ein an der Tafel dieser großen Familie Platz zu nehmen. Es wird reichlich aufgetischt. Seitenhiebe gehören zum Hauptgang. Kleine Sticheleien sind als Aperitif ein willkommener Gaumenschmeichler. Und zum Dessert die ganz große Tragödie. Wie ein Getriebener liest man sich durch die Kapitel und ist fasziniert wie Familie in dunklen Zeiten funktioniert. Dass nicht jeder jeden mag gehört zum Spiel des Lebens. Doch der unbedingte Wille dieses Konstrukt – aus unterschiedlichen Gründen – am Leben zu erhalten, überwältigt dank der Sprachgewalt des Autors. Immer wieder schlägt er Haken und lässt den Leser mit einem erstaunten Ausdruck von „is alles gar nicht so schlimm“ zurück. Fängt ihn aber postwendend wieder auf, wenn Alexandria als Synonym für Weltoffenheit und Chancenteppich dargelegt wird.

„Damals in Alexandria“ verzichtet auf klischeehafte Andeutungen und Handlungen. Zimperlich darf man nicht sein, wenn man dieses Buch liest. Der Autor ist es auch nicht. Betroffenheitskitsch ist ihm ebenso fremd wie übertriebene Darstellung jüdischen Lebens. Ganz normale Menschen, die in diesem ungewöhnlichen Buch die besondere Zeit hochleben lassen.

Der USB-Stick

Jeder große Herrscher der Geschichte hatte seine Handlanger, die ihm zu seinem Ruhm verhalfen. Die kleinen Helferlein stehen immer im Schatten. Man sieht sie nicht. Jean Detrez ist auch so ein kleines Helferlein. Doch er steht nicht so unerkannt im Schatten wie man es vermutet. Als Experte der Europäischen Kommission für Machbarkeitsstudien für Blockchain-Technologien – es wie immer ums Geld, Stichwort Bitcoin – wird immer mal wieder von Lobbyisten angesprochen. Meist lässt es ihn kalt. Seine Arbeit hat Vorrang, alles andere interessiert ihn kaum. Dass er geschieden ist, beweist diesen Wesenszug nicht unbedingt, verstärkt aber das Bild des Lesers von Jean Detrez.

Zwei Lobbyisten kommen wieder mal auf ihn zu. Sehr interessant, was er soeben in seinem Vortrag erzählt hätte. Jean kennt das schon. Man will ihn abwerben, seine Arbeit nutzen, sein Wissen für sich selbst nutzen. Alles wie immer. Nein, nicht ganz. Aus unerfindlichen Gründen spitzt Jean Detrez dieses Mal die Ohren. Die beiden Typen legen eine Hartnäckigkeit an den Tag, die es ihm fast unmöglich machen sie zu ignorieren. John Stavropoulos und Dragan Kucka, manchmal in Zusammenarbeit mit Yolanda Paul – mehr Weltläufigkeit kann man kaum in die Namensfindung investieren – laden ihn mal allein, mal im Zweier-, einmal auf im Dreierteam ein, in China sich mit ihrem Boss zu unterhalten. Ganz zwanglos! Na klar, wer‘s glaubt! Ein letztes Treffen zwischen Jean und John soll letzte Zweifel aus dem Weg räumen. Ganz wohl ist Jean bei der ganzen Sache nicht. Ein schleichender Prozess, der mit leichtem Verfolgungswahn beginnt, und mit dem Diebstahl seines Laptops noch nicht ganz beendet sein wird. Dazwischen liegen wenige Tage, die sein Leben komplett aus den Angeln heben.

Jean entschließt sich das Angebot nach China zu reisen anzunehmen. Er ist eh auf dem Weg nach Tokio. Zwei Tage Zwischenstation in China – was soll da schon passieren? Es werden zwei Tage, die offiziell niemals stattgefunden haben. Während dieser 48 Stunden existiert Jean Detrez nicht. Keiner weiß, wo er ist, nicht seine Ex-Frau, seine Kinder, seine Eltern (was am schlimmsten ist, denn sein Vater liegt im Sterben), ganz zu schweigen von seinem Arbeitgeber.

Als Jean endlich wieder zurückkehrt nach Brüssel, ist die Welt eine Andere. Der Terror hat Deutschland erreicht, sein Vater ist tot, seine Aufzeichnungen sind geklaut worden, sein Vortrag in Tokio abgesagt. Und er hat niemanden, mit dem er über das sprechen kann, was ihn die vergangene Zeit beschäftigt hat. Der USB-Stick, den John Stavropoulos verloren hat, den Jean gefunden hat, der ihn in die Welt der Cyberkriminalität auf so subtile Weise geschleudert hat – wurde er letztendlich „absichtlich verloren“? Was ist, wenn alles auf diesem Stick alles Dagewesene in den Schatten stellt?

Jean-Philippe Toussaint ist kein Autor, der die Welt in einen Feuerball aufgehen lässt. Ihn interessiert mehr was Veränderungen mit dem Einzelnen machen. Sein Held ist kein harter Kerl, der im Unterhemd die Welt rettet. Er ist einer, dem das Hirn näher ist als der Bauch. Ob er sich in dieser Rolle wohlfühlt oder sich insgeheim wünscht ein Anderer zu sein, das überlässt Toussaint dem Leser.

Wo Dein sanfter Flügel weilt

Philip Mason ist ein Glückspilz. Der Musikstudent bekommt ein Stipendium für seine Arbeit über die „Verbindungen der zwischen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Wiener Klassik“, um seine Forschungen an der Donau voranzutreiben. Im heimatlichen Amerika kann er schon erhebliche Erfolge vorweisen, doch in der Geburtsstadt seiner Mutter, wo Beethoven, Schubert, Mahler, Mozart zuhause waren, sind die Archive praller gefüllt als anderswo.

Um sich an die Stadt zu gewöhnen und sich einzuleben, eignet sich ein Konzert in dieser von Musikgeschichte durchtränkten Stadt vorzüglich. Doch das Klangerlebnis wird bald schon zu einer Obsession. Schuberts letzte Sinfonie, die in C-Dur, weist erstaunlich viele Parallelen zu Beethovens Neunter auf. Auch bei „Don Giovanni“ von Mozart scheint sich Franz Schubert bedient zu haben. Auf den ersten Blick – für den ungeübten Leser – ein klarer Fall von Plagiat. Aber wen soll man denn heute noch belangen? Schubert selbst? Der ist 1828 im Wiener Stadtteil Hietzing gestorben.

Als Musiktheoretiker wird in Phil Mason dem Forscherdrang Nahrung gegeben. Ihn wundert’s, dass es so wenig Literatur über das Offensichtliche (zumindest für Wissenschaftler wie ihn) gibt. Eine Arbeit allerdings gibt es schon. Verschlossen. Nur mit Erlaubnis der Autorin zu lesen. Die muss er erstmal finden? Gar nicht so einfach. Zumal auch dieses Dame inzwischen verstorben ist. Hat sich erhangen, wie ihre Mitbewohnerin und Jugendfreundin voller Bedauern auf Phils Drängen hin ihm mitteilt. Wem bis hierhin nicht klar sein sollte, worum es in diesem Buch geht, wird von nun auf der Klaviatur des Bösen eine harte Wendung nach der Anderen entgegen geschmettert.

Das legendäre Moskauer Sonderarchiv – Phil ist mittlerweile derart von der Idee besessen, dass in Schuberts Sinfonie ein Geheimnis lauert, das nur darauf wartet ans Tageslicht gezerrt zu werden – dringt Phil in Dimensionen vor, die er niemals zu erforschen wagte. Bis nach Südamerika treibt es ihn. Ihm wird schlussendlich klar, dass er nicht nur in ein Wespennest gestochen hat, sondern dass die Wespen schon einige Male zu gestochen und ebenso Larven hinterlassen haben…

Wie ein Doctor Jones der Musiktheorie wird aus dem wissbegierigen Musiktheoretiker Phil der sich jeder Gefahr stellende Abenteurer Mason. Man muss kein Schubertianer, Beethoven-Fanatiker oder Mozartienser sein, um sich in den Stoff hineinzudenken. Ein gesundes Maß an Krimispaß und das natürliche Gespür für Klassik reichen aus, um Sebastian Themessls Roman folgen zu können. Die möglichen Wissenslücken füllt er mit Präzision und Detailreichtum auf.

Ich bin ein Laster

Zwanzig Jahre sind Agathe und Réjean schon ein Paar. Sie die sensible Frau an seiner Seite, die Rockmusik mag – er der Anpacker, der bei französischem Folk ins Schwärmen gerät. Sie haben sie arrangiert. Was auf den ersten Blick wie pure Langeweile aussieht, entpuppt sich alsbald als Eheerhaltungsmaßnahme auf höchstem Niveau.

Agathe weiß, dass Réjean niemals zum Angeln fährt, wenn er sagt zum Angeln zu fahren. Sie nimmt es hin. Immerhin klappt es im Bett vorzüglich, besser denn je. Und sein Spleen immer das neueste Chevy Modell fahren zu müssen, naja, daran hat sie sich gewöhnt. Kurz vor ihrem 20. Hochzeitstag jedoch kehrt Réjean nicht mehr vom Angeln zurück. Sein heiß geliebter Wagen (zumindest solange bis das Update draußen ist) steht mutterseelenallein am Straßenrand. Der Picknickkorb ist unberührt. Die heile Welt, so wie sie sie kennt, beginnt zu bröckeln.

Das Leben muss weitergehen. Agathe sucht sich einen Job bei Stereoblast. Wer alte Elektronik in achtbare Münze verwandeln will, ist hier richtig. Umsatzqueen ist hier Debbie. Sie bringt Lahme zum gehen, verwandelt Elektroschrott in wohlklingende Töne und ist für Agathe der Rettungsreifen, den sie sich nicht mal im Traum erwünschte. Starthilfe ins neue Leben. Auch ein Mann steht schon fast auf der Matte von Agathe. Martin heißt er. Zunächst zögernd, ist er ihr bald näher als ihm lieb sein kann. Was Agathe nicht weiß, er und sie teilen ein und denselben Schmerz.

Auch Réjean beginnt ein neues Leben. Er ist nicht tot! Das vermuten nur alle. Leider weiß er das nicht. Denn seit dem seltsamen Unfall ist sein Gedächtnis so neblig wie die Gebirgszüge der Anden, so löchrig wie ein Schweizer Käse und er ein völlig anderer Mensch. Körperlich war schon immer eine imposante Erscheinung. Das mochte Agathe an ihm. Auch das weiß er nicht mehr. Er würde sie nicht mal mehr erkennen, wenn sie vor ihm stünde. Nicht einmal, wenn sie ihm seinen Namen ins Gesicht schreien, ihn abgöttisch küssen würde. Er würde es nicht verarbeiten können. Was heißt hier „könnte“? Er kann es nicht als es ihm passiert…

„Gegensätze ziehen sich an“, „Was sich liebt, das neckt sich“ oder ähnliche Weisheiten schießen dem Leser beim während des Lesens durch den Kopf. Doch Michelle Winters unternimmt nichts, um diese Klischees auch nur ansatzweise zu bedienen. Und schlittert man unversehens in einen Abgrund hinein, den man nicht kommen sah, den man gern in Kauf nimmt, der ein abruptes Ende nimmt. Die kolossale Kunst einer ungewöhnlichen Beziehung Würze zu geben und dabei die Schärfe zu nehmen, gelingt der Autorin mit Bravour, so dass einem nur eines übrig bleibt: Das Buch noch einmal zu lesen! Und noch einmal und noch einmal und noch …