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Tagebuch für Schlaflose

Alle Lichter gehen aus – Hell-Wach! Wenn die Äuglein zufallen … sollten, es aber nicht tun, ist an gesunden Schlaf nicht mehr zu denken. Und der Rattenschwanz mit Konzentrationsschwierigkeiten, Ermüdungen zur ungünstigen Zeit, unüblicher Essrhythmus und so weiter lässt einem keine Ruhe mehr. Auch ohne Arztbesuch oder medizinisches Grundwissen hört man in der Ferne die Alarmglocken schon schellen. Denn wenn der Kopf arbeitet, kann der Rest des Körpers nicht in den Ruhemodus schalten. Man kann es sich allenfalls einreden.

Das „Tagebuch für Schlaflose“ ist kein Allheilmittel gegen Schlaflosigkeit, das will auch Autor Lee Crutchley. Aber es hilft dem Phänomen Schlaflosigkeit sich entgegenzustellen und eigene Erfahrungen ins rechte Licht zu rücken. Der Kopf soll arbeiten – das treibt jeden von uns an. Mal stärker, auch mal schwächer. Das ist noch lange kein Grund ins Grübeln zu kommen. Nur mittelmäßige Menschen sind stets in Hochform. Was nach einem Spruch für lustige Kaffeebecher klingt, trägt einen Funken Wahrheit in sich. Lee Crutchley fordert am Beginn des Buches den Leser auf sich selbst einzuschätzen. Wer ist man? Wie reagiert man auf sein Umfeld? Ist man ein sozialer Mensch oder kann man sich schlecht öffnen? Sind eingefahrene Bahnen wichtiger als Abenteuer?

Es gibt viele Faktoren, die in der heutigen Zeit unser Leben beeinflussen. Das beginnt beim ewig bimmelnden Telefon und endet noch lange nicht bei der Angst vor Verlusten. Das „Tagebuch für Schlaflose“ bietet nicht nur im übertragenen Sinne viel Platz – das Buch hat viel freien Platz für eigene Gedanken. So wird man vielleicht nicht zum Bestseller-Autor, aber immerhin zum Autobiographen.

Schlaflosigkeit ist ein ernstes Thema (besonders für diejenigen, die es betrifft), zur Auflockerung darf der Leser dann zum Beispiel neue Wörter erfinden. Wozu? Zur Ablenkung, salopp gesagt. Denn die Gedanken, die einen bisher beschäftigten, waren ja offensichtlich nicht dazu gedacht sich mal richtig ausschlafen zu können.

Das Problem mit diesem Buch ist, dass man es nur liest, wenn man schon mitten in der Krise ist. Und dann soll man, wenn die Symptome „zuschlagen“ auch noch ein Buch „schreiben“? Ja! Denn nur, wer sich Gedanken macht, kann etwas verändern. Klingt oberflächlich betrachtet nach einem Teufelskreislauf. Bei genauerer Betrachtung jedoch, ist es ein erster Ausweg.

Das Einzige, was man vermeiden sollte, ist sich zu viele Gedanken über dieses Buch zu machen. Denn dann geht alles wieder von vorn los!

Alte Bande

Es gibt Schöneres, was man bei nieseligem Wetter machen kann als Wasserleichen anzusehen. Grau und aufgedunsen – kein schöner Anblick. Doch Jette Haben hat Dienst und muss nun die Leiche von Frieda, die einmal ein Friedrich war, mehr oder weniger in Empfang nehmen. Ihr Chef und Kollege Hauptkommissar Walle Troller zieht es vor erst später zu erscheinen. Das funktioniert ganz gut zwischen den beiden, hier im süddeutschen Jedastedt. Ihr Erfolg rechtfertigt so manche Eigenheit. Denn Erfolge heimsen sie ein wie andere atmen, Misserfolge überlassen sie anderen Abteilungen. Friedas Ableben sieht ganz nach Selbstmord aus. Sofern Eisfach-Gerda aus der medizinischen Abteilung das jetzt schon sagen kann. Und Friedas Leben ist eines mit sieben Siegeln. Sie übernahm die Rote Laterne als der Puff seine Pforten schloss und seitdem eine stadtbekannte Kneipe ist. Das Umfeld, die Einkünfte, die Herkunft von Frieda / Friedrich sind nebulös. Ihre Polizeiakten sind dick, doch inhaltslos. Das weiß auch Wolfgang Markowitsch von der Sitte. Ein alter Hase, der ausgiebig Geschichten „von damals“ erzählen kann. Troller ist, was Eigenbrödlerei betrifft, sein legitimer Nachfolger, wenn Markowitsch in absehbarer Zeit in Rente gehen wird. Spaziergänge sind seine Leidenschaft, um die Synapsen zum Klingen zu bringen. Doch dieses Mal ist zunächst nur ein dumpfes Grummeln zu vernehmen.

Erste Erkenntnisse sollen die Hintermänner der Roten Laterne bringen. Friedrich zuerst: Der hat eigentlich gar nicht die Absicht sich zur Frieda zu machen. Ein Immobilienmakler, erfolgreich, niemals allein handelnd. Und Joachim. Auswanderer, ausgefuchster Geschäftsmann mit dem richtigen Näschen für Erfolg und … der sieben Minuten ältere Zwillingsbruder von Walle Troller! Doch damit nicht genug – Jo ist der Hauptverdächtige Nummer Eins in diesem Spiel, das mehrVerdächtige hat als jeder andere Mord auf der Welt. Ein Spiel, das einen erfahrenen Spielführer braucht. Ein Spiel, bei dem der Gewinner viel zu gewinnen, aber noch mehr zu verlieren hat.

Troller wird fürs Erste aus der Schusslinie gebracht. Denn als Bruder eines Verurteilten – Jo muss diese bittere Pille schlucken, da alle Beweise nur einen Schluss zulassen: Er ist der Mörder von Frieda – kann er nicht mehr an alter Wirkungsstätte arbeiten. Schließlich gilt es weitere aufzuklären…

Markus Bundi präsentiert dem Leser ein dichtes Geflecht aus massivem Wortwitz, einem perfiden Mordfall und gewieften Ermittlern. Sie alle sitzen in einem Boot, das je mehr Opfer das Deck betreten, immer mehr ins Schlingern gerät. Vom Kurs lassen sie sich dabei nicht abbringen. Walle Troller ist ein Mann mit Prinzipien, der seine Eigenarten nicht allzu sehr heraushängen lässt, sondern sie geschickt einsetzt.

Imagine Africa 2060

So manch einer kann sich kaum mehr erinnern, was gestern war. Wie es morgen wird, will man sich oft nicht vorstellen. Was soll man erst denken, wenn man sich das Jahr 2060 vor Augen hält? Zehn Autoren aus Afrika, nicht irgendwelche, Preisträger, wahre Stimmen des Kontinents, haben sich Gedanken zu ihrer Zukunft und der Afrikas gemacht.

Chika Unigwe wird diese Zukunft als gesetzte Achtzigjährige erleben. Ihr Traum, ihre Vision ist die einer weiblichen Präsidentschaftskandidatin. Amara heißt sie. Sie hat sich gerade von ihrem Mann getrennt. Auch in 2060 ist das nicht unbedingt eine Grundvoraussetzung für dieses Amt. Manche Dinge haben sich also bis dahin noch nicht geändert. Sie will die Übermacht der Präsidenten aus dem Norden brechen. In der bisherigen Vergangenheit ist es so, dass der Norden seltener Präsidenten stellte. Vierhundert Millionen Nigerianer wird sie einmal regieren. Momentan ist es knapp die Hälfte. Das heißt in ca. vierzig Jahren kommen noch einmal zweihundert Millionen Nigerianer zusätzlich auf die Welt. Eine Aufgabe, die Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen in einem patriarchalischen Land als Grundbedingung voraussetzt. Da Chika Unigwe eine Utopie beschreibt, ist der Ausgang der Kurzgeschichte vorhersehbar, was den Verlauf nicht einmal ansatzweise herabsetzt.

Mit den Folgen des Klimawandels – ja, den gibt es wirklich und ja: Auch in Afrika kann es noch wärmer werden! – haben die Helden in José Eduardo Agualusas Geschichte zu tun. Denn sie mussten fliehen. Aus ihren Dörfern, aus den Städten, aus ihrem Land, von ihrem Kontinent, von ihrem Planeten. Angola wurde überflutet. So wie der Rest der Welt. Jetzt fliegen gigantische Luftschiffe und kleinere „Flöße“ durch den Himmel. Die Größeren heißen Paris oder Tokyo, die Flöße sind unter anderem nach Luanda benannt. Je größer das Schiff, um so luxuriöser das Leben. Und langweiliger. Je kleiner das Schiff, um so unerschwinglicher die Besuchserlaubnis auf einem der Größeren.

Ken Bugul zeigt eine zweigeteilte Welt im Jahr 2060. Die nördliche Welt unterdrückt das südliche Königreich Adjagba. Die Königin nährt ihr Volk, die Pflanzen und die Tiere. Das Königreich des Nordens, besonders die Gehirnmanipulierten lässt keine Gelegenheit aus, um dem Süden ihre Überlegenheit zu präsentieren. Bis eines Tages …

Zehn erstklassige Schriftsteller aus Afrika, zehn Geschichten, die so fern gar nicht erschienen könne, als dass die wahr sind, zehn Stimmen wider eine vorbestimmte Zukunft. Unter dem Dach der “Stimmen Afrikas“ versammeln sie sich seit einem Jahrzehnt in regelmäßigen Abständen, um ihren Stimmen Ausdruck zu verleihen. Am Ende des Buches haben die Herausgeberinnen Christa Morgenrath und Eva Wernecke eine Chronik dieser Stimmen angefügt. Wenn das nächste Mal ein Plakat mit den Stimmen Afrikas den Blick kreuzt, sollte man stehenbleiben, es lesen und die Veranstaltung besuchen. Die Poesie der Sprache, die unerschütterlich Hoffnung in sich trägt, wird niemals versiegen. Auch nicht im Jahr 2060.

Rundreise USA Nationalparks Südwesten

Da soll nochmal jemand behaupten, dass man in der Zivilisation keine echten Abenteuer erleben kann! Mit dem Auto durch naturgewaltige Landschaften cruisen, im Schatten von Natural Bridges rasten, mitten in der Wüste einen Staudamm entdecken. Das geht! Und zwar im Südwesten der USA.

Eines gleich vorweg: Die in diesem Buch beschrieben Routen kann niemand in einem Jahresurlaub nacheinander erleben! Es sind einfach zu viele. Deshalb ist eine sorgfältige Planung vor der Reise unerlässlich. Und mit diesem Buch ein Fingerschnipp!

Schon allein die Routen befeuern das Reisefieber gewaltig: Von Las Vegas bis zum Grand Canyon South Rim, und zurück über die Route 66. Oder einmal um den Salt Lake. Oder vom Zion zum Bryce Canyon National Park. Jede Route ist mit einer anderen kombinierbar und dauert bis zu fünf Tagen.

Die Empfehlungen der Autorin Marion Landwehr erstrecken sich aber nicht nur auf das Links und rechts der Strecke, sondern sind Wegweiser für jedermann. Ob mit Kind und Kegel, allein, Wandergeselle oder Fotoholic – alle kommen auf ihre Kosten. Schon vor Beginn der Reise, gerade wenn man sich von den zahlreichen imposanten Abbildungen verführen lässt.

Zur Einstimmung – die Autorin lässt gar keinen Zweifel aufkommen – wird der Leser mit Land und Leuten auf sympathische Art und Weise in Kontakt gebracht. Denn so sehr wir uns an amerikanische Produkte gewöhnt haben, so unterschiedlich sind doch kulturellen Unterschiede im Allgemeinen. Beherzigt man die Ratschläge der Autorin, steht einem Naturerlebnis erster Güte nichts mehr im Weg.

Dinosaurierspuren, wie mit dem Rechen gezogene Felsoberflächen oder locker geschichtet wirkende Felsformationen sind so einzigartig, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Und jede Seite im Buch ist mindestens einen Stopp wert. Nevada, Utah, Arizona, New Mexico und Colorado geizen nicht mit ihren Schönheiten. Da wäre es doch schade, wenn einem das eine oder andere Highlight, dass so „great“ in der Weltgeschichte „rumsteht“ durch die Lappen geht.

Marion Landwehr streicht auch die letzten Ausreden („Da war keine Zeit für“ oder „Davon habe ich noch nie gehört“) aus dem traurigen Repertoire der Enttäuschten. Umfassend, informativ, abenteuerlustig und immer wieder brauchbar ist ihre „Rundreise USA Nationalparks Südwesten“.

Jules Verne

Es wird immer noch gern das Klischee gepflegt, dass Künstler arm sein müssen, um kreativ sein zu können. Bei Jules Verne kann, ja, muss man dieses Vorurteil mit einem Handstreich beiseite wischen. Den goldenen Löffel hatte er zwar nicht im Mund bei seiner Geburt 1828, jedoch erlaubten es die Einkünfte des Anwalts Pierre Verne, seines Vaters, der Familie finanziell sorgenfrei leben zu können.

Die Nähe zum Atlantik, Jules Verne wurde in Nantes geboren, war es dann wohl auch, die dem späteren Autor seinen Hang zu den Weltmeeren schriftstellerisch Ausdruck verleihen konnte. Als zehnjähriger war er einmal auf einer kleinen vorgelagerten Insel ein kleiner Robinson. Die Ebbe erlaubte es dem kleinen Jules jedoch klammen Fußes wieder nach Hause zu gelangen.

Paris sollte für Jules Verne die zweite Station seines erfolgreichen Lebens werden. Als Jurastudent genoss er das Leben in der französischen Hauptstadt, die für die meisten das Sprungbrett zu einer großen Karriere war. Doch es zog ihn zum Schreiben. Kunstkritiken – Gustave Courbet war einer seiner bevorzugten Maler, die er mit Genuss verriss – waren die ersten Gehversuche auf dem literarischen Feld. Er begegnete dem Verleger Pierre-Jules Hetzel, der als einer der ersten dem Beruf des Verlegers eine neue Dimension verlieh. In Zeitschriften fütterte er das Publikum an, um seine Bücher besser verlegen bzw. an den Leser zu bekommen. In Jules Verne erkannte er den idealen Partner. Wissenschaftliche Neugier und ebenso tiefgreifendes Verständnis, gepaart mit einem exzellenten Talent diese auch transportieren zu können – danach musst der Verleger von nun an nicht mehr suchen. Der Mythos Jules Verne schlug Wurzeln.

Die lagen von nun an aber in Amiens. Von hier aus – Jules Verne hatte sich auf einer Hochzeit unsterblich in eine junge Dame verliebt – hielt Verne Kontakt nach Nantes zu seiner Familie und nach Paris zu seinem Verleger. Es folgen die fetten Jahre. Schon der Erstling „Fünf Wochen im Ballon“ (der Titel wurde von Verleger Hetzel angepasst) ist ein Erfolg. „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (beträchtlich inspiriert von einem riesigen Aquarium auf der Weltausstellung und durch die Schriftstellerin George Sand befeuert) und „Die Reise um die Erde in 80 Tagen“ (als Theaterstück binnen kurzer Zeit hunderte Male aufgeführt)  besiegeln den Ruhm Jules Vernes, der bis heute anhält. Privat hingegen lief es weniger gut. Jules Vernes Sohn Michel bereitete mit seiner renitenten Art dem Vater immer mehr und anhaltend Kopfzerbrechen, wie er seinem Verleger mitteilte.

Ralf Junkerjürgen gelingt es mit der Akribie seines Helden Jules Verne dem Leser eine Biographie vorzulegen, die es an Spannung und neuen Elementen mit dem Werk des Schriftstellers aufnehmen kann. Jules Verne wird bis heute als Vater der Science-fiction-Literatur bezeichnet. Dabei hat er „nur“ das verwendet, was sowieso schon vorhanden war. Er nutzte die technischen Errungenschaften der und wob sie in seine Abenteuergeschichten ein. Schreckensszenarien waren der Zeit geschuldet und waren keineswegs rein Utopien. So wie diese Biographie. Ralf Junkerjürgen hat unzählige Fakten zusammengetragen und sie mit dem Werk Vernes verknüpft. So manche Episode aus Robur, geheimnisvollen Inseln und mutigen Kapitänen sind der damaligen Realität entlehnt. Sie zu erkennen ist von nun an ein Kinderspiel.

Vögel der Nacht

Ein lieblos am Straßenrand abgestelltes Moped ist noch lange keine Bordsteinschwalbe. Ein Vogel, der mit der Bahn fährt erst recht kein Zugvogel. Und wenn alle Scheinwerfer auf einen Gefiederträger gerichtet sind, ist immer noch kein Star.

Es sind schon besondere Menschen, die sich in diesem Buch versammeln und sich eine besondere Vogelbezeichnung einfangen. Die Rabenmutter gibt den Dingen in ihrer Wohnung, die sie umgeben extra Namen, um für sie sorgen zu können: Balthasar Baldachin, Deborah Deckchen, Melchior Matratze. Katharina Günther-Keßler gibt ihren nicht immer so flatterhaften Figuren Flügel damit sie abheben, ausbrechen und erkunden können. Mehrdad Zaeri steuert die Illustrationen bei. Verschiedene Stilarten, dicke Striche, dünne Linien, satte Farben, expressive Gestalten – sie geben den eigenwilligen Texten ein Gesicht.

Lesen soll die Phantasie anregen. Und dieses Buch braucht dazu nicht einmal mehrere Seiten Anlauf – es klappt auf Anhieb ab den ersten Zeilen. Acht besondere Vögel, acht besondere Geschichten, die darauf abzielen dem Leser den passenden Stromstoß im Gehirn zu verpassen. Füttern ausdrücklich erlaubt!

Der Name des Verlages – Kunstanstifter – darf, ja, muss hier wortwörtlich genommen werden. Die „Vögel der Nacht“ stiften Unruhe, wirbeln Staub auf, wechseln ihr Gefieder, fliehen in die Dunkelheit. Als Leser folgt man ihnen auf Schritt und Flügelschlag, um zu sehen, was die Nacht zu bieten hat. Eine ganze Menge, so viel sei schon mal verraten. Dieses Buch ist kein Buch, das man Seite für Seite liest und dann zufrieden ins Regal stellt. Gute-Nacht-Lektüre auf hohem Niveau, die man immer wieder zur Hand nimmt, wenn die Nacht am tiefsten ist. Dann erhellt das Federvieh das Firmament und lässt tausend Sterne funkeln.

Über das Marionettentheater

Wie an Fäden gezogen schweben die Figuren dahin. Die Gesetze der Physik scheinen sie zu ignorieren. Dabei sind sie die perfekten Anschauungsobjekte für eben diese Gesetze. Jeder Aktion folgt eine entsprechen Reaktion.

Ein junger Mann ist vom Spiel der Puppen derart fasziniert, dass sie ihn zu einem kleinen Ausflug in die Kunst der Puppenspieler inspirieren. Dieser junge Mann ist Heinrich von Kleist, der mit dem Krug und dem Richter. Die Geschichte ist nicht lang und liest sich wie ein funkelnder Reisebericht. Das Besondere an diesem Buch sind die vielsagenden Illustrationen von Hanna Jung.

Marionetten sind für die meisten der erste Kontakt mit der darstellenden Kunst. Kinder sehen beispielsweise wie Bewegungen von Menschenhand entstehen und sind baff erstaunt wie ein kleiner Wink eine so große Auswirkung haben kann. Als Erwachsener wird man beim Marionettenspiel vielleicht an die Kindheit erinnert oder sieht wie einfach doch so manche Faszination aufgebaut sein kann.

Und erst die prachtvollen Kostüme, bei denen sich jeder Designer mal so richtig austoben kann. Ein Fuchs mit eleganter Rüschenbluse, Jagdrock, Zylinder. Ein Reiher, dessen Gefieder durch die Farbkombination seiner Garderobe noch mehr zu glänzen scheint. Sie alle hängen nicht am sprichwörtlichen seidenen Faden, sondern am wortwörtlichen. Grazile Bewegungen sind ihnen anheimgefallen und sind ein Augenschmaus für jeden Betrachter. Denn der Leser verlässt mit dem Aufschlagen des Buches seine angestammte passive Position des stillen Lesers, um mit wachem Auge die Szenerie zu verfolgen.

Es sind Bücher wie dieses, die die Lust am Lesen, am Entdecken, am Forschen wieder entfachen. Dazu genügt nur eine Portion Lust und der Wille in eine Welt einzutauchen, die die Realität widerspiegelt und dennoch völlig losgelöst von ihr ist. Die zarten Farbenspiele, die Detailverliebtheit der einzelnen Figuren und der tiefergehende Text lassen beide Welten, diese und jene, miteinander verschmelzen.

Der gute Sohn

Wann hat das eigentlich angefangen? Wann wurde Yu-jins Mutter so fürsorglich? Und warum? Yu-jins Bruder machte nie Probleme, und doch ist Yu-jin ein guter Sohn. Erfolgreicher Schwimmer, exzellenter Schüler und angehender Anwalt. Wohnt immer noch bei Mutter zu Hause. Der Vater verstarb vor ein paar Jahren. Wie sein Bruder. Doch die Mutterliebe ist erdrückend. Denn Mutter lebt streng nach Regeln. Um 21 Uhr muss Yu-jin wieder in seinem Zimmer sein. Erst dann kann die Mutter selbst zu Bett gehen. Wird es später, bricht sie die Regeln. Alles für das Kind! Alkohol ist tabu. Wegen oder besser: Nur wegen der Medikamente, die Yu-jin nehmen muss. Seine Tante ist zum Glück Ärztin. Sie weiß immer Rat und kontrolliert offiziersmäßig und gründlich die Medikamenteneinnahme.

Yu-jin wird eines Morgens von einer unbestimmbaren Unruhe erfasst. Ja, wer hat getrunken – das hat er schon öfter getan. Obwohl er weiß, dass er es nicht tun sollte. Ein komischer Geschmack im Mund – naja, kann ja mal vorkommen. Und dann das ewig klingelnde Telefon. Wer stört denn so früh? Sein Halbbruder Hae-jin. Er will ihn besuchen. Geht es Mutter gut? Was soll die Fragerei? Yu-jin hat nämlich ein weitaus schwerwiegenderes Problem: Sein ganzer Körper ist blutverschmiert! Hände, Gesicht, Klamotten. Alles in quälend rotes Blut getaucht. Und Mutter? Sie atmet nicht mehr. Der Schnitt durch die Kehle war endgültig. Doch was ist passiert? Yu-jin kann sich an nichts mehr erinnern. Dass er die Medikamente abgesetzt hat, kam schon mal vor. Doch derart gravierende Auswirkungen …. Nein, das kann nicht sein! Er, ein Mörder? Muttermörder? Die Fragen schießen durch seinen Kopf. Ihm wird heiß. Von kühlem Kopf bewahren ist er jedoch gar nicht so weit entfernt. Fast schon kalkulierend studiert er das Tagebuch seiner Mutter. Er hat es zufällig entdeckt als er sie vor möglichen Besuchern – und die werden kommen! – „versteckt“.

Es ist ein Wehklagen einer vom Schicksal gebeutelten Frau, die nicht verstehen kann, dass ausgerechnet sie mit so einer Plage gestraft wird. Sie war doch immer fromm und ehrlich! Sie schafft es nicht einmal ihren Sohn beim Namen zu nennen, der Junge tat dies, der Junge tat das. Yu-jin ist erschüttert. Erst recht als er lesen muss, dass er das Ergebnis einer Studie ist. Er zu dem gemacht wurde, was er jetzt ist…

Jeong Yu-jeong schickt den Leser in „Der gute Sohn“ in die Abgründe einer durch und durch organisierten Gesellschaft, die jedwedes Abweichen von der Norm auf Biegen und Brechen zu verhindern sucht und sich vom Ergebnis nicht die Richtigkeit ihres Tuns abschwätzig machen lässt. Yu-jin ist mit einer Anomalie geboren worden. Aber eine, die nur im allerschlimmsten Fall weitreichende Folgen haben kann. Kann! Nicht muss! Er wird zum Spielball zweier Frauen, die in ihrem Ehrgeiz und ihrer Sucht nach Anerkennung für ihre Verdienste um das Angepasste sinnbildlich über Leichen gehen. Als Leser ist man geneigt den Fall der getöteten Mutter sofort zu verurteilen und dem Täter die größtmögliche Strafe angedeihen zu lassen. Die Gründe Yu-jins sind vielleicht nicht nachvollziehbar, bergen aber in sich eine gehörige Portion Mitgefühl. Jeong Yu-jeong schleicht sich mit ihrer fortwährenden, im Krebsgang fortschreitenden Geschichte ins Hirn des Lesers. Sie krallt ihren Helden im Gedächtnis fest. Von dort beflügelt er die Phantasie, frisst sie auf und spuckt sie im weiten Bogen wieder aus. Nur für ausgefuchste Horrorfans, denen der Thrill wichtiger ist als unendliche Lachen von Eingeweiden.

Der Schlüssel

Wenn’s nicht passt, dann kann man sich noch so viel Mühe geben … es wird nicht passen. Ein Professor, in etwas so alt wie das 20. Jahrhundert, wird sich zu Beginn des neuen Jahres klar, dass sein Sexleben – das mit seiner Frau, ein anderes kennt er nicht – nicht so erfüllt ist wie es sein könnte, ja, sollte. Sie, Ikuko, 45 Jahre alt, von betörender Schönheit, will und will und will. Er will auch, kann aber nicht. Nicht die Intensität, mehr die Dauer macht ihm zu schaffen. Er beschließt Tagebuch zu führen. Nicht, um sich aller Sorgen zu entledigen. Sondern in der Hoffnung, dass Ikuko dieses Tagebuch findet und dementsprechend handeln wird. Den Schlüssel für die Schublade, wo er das Tagebuch versteckt, platziert er so, dass sie ihn unbedingt finden muss. Der Professor bildet sich ein, dass sie seine geheimsten Wünsche entdeckt und dann ihrem Mann selbige erfüllen wird. Zum Beispiel den sie endlich mal komplett nackt zu sehen. Denn seit ihrer Hochzeit hat sie ihm die für den Akt wichtigen Stellen zwar präsentiert, die – wie er denkt – ihrer Meinung nach nicht so wichtigen Stellen jedoch geschickt im Dunkeln gelassen.

Was der Professor sich wünscht, trifft auch tatsächlich ein. Nur werden es beide tunlich unterlassen ihre geheimsten Wünsche (und Entdeckungen) mit dem Anderen zu teilen. Auch Ikuko führt Tagebuch. Auch sie weiß, dass ihr Gatte dieses Tagebuch finden und lesen wird. Sie hofft es zumindest.

Kimura ist der Dritte im Bunde dieses nur auf den ersten Blick kindischen Spiels. Er ist der Freund der Tochter Toshiko. Herr Kimura wird immer dann zu Kimura, wenn er dem Professor und seiner Frau zu Diensten sein kann. Kimura bemüht fast schon zu offensichtlich um die Gunst der Dame des Hauses. Er weiß, dass der Weg zum Herzen der Tochter über die Mutter führt. Die jedoch hat etwas ganz anderes im Sinn. So vertraut sie es ihrem Tagebuch an.

Die Kommunikation per Tagebuch funktioniert. An den Abenden wird gegessen und getrunken. Ikuko verträgt eine Menge. Mehr als ihre Tochter und der zukünftige Schwiegersohn allemal. Doch die Feste zehren an den Lebensgeistern. Immer öfter kippt sie um. Eine willkommene Gelegenheit ein bisschen Schwung ins Schlafzimmer zu holen…

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auch ohne Manipulation oft und weit genug auseinander. Junchiro Tanizaki treibt das Spiel auf die Spitze. Woher auch immer die Unfähigkeit rührt offen miteinander über Intimes zu reden, kommen mag, die Tagebücher sind eine Idee. Mehr nicht. Denn die Folgen können weder der Professor noch seine Frau abschätzen. Wenn sie im Schlafe, oder ist der nur vorgetäuscht?, Kimura flüstert, spornt das ihren Gatten an. Aber er verzweifelt auch an der Tatsache, dass sie ihm nur dann das geben kann, was er will, wenn sie an den Freund ihrer gemeinsamen Tochter denkt.

Das Buch wäre in Japan fast verboten worden. Heute ist es ein Klassiker, der nur in einer überarbeiteten und frei von europäischer Dekadenz und Voreingenommenheit die wahre Pracht und Kraft der Worte entfalten kann.

Tod in Connecticut

Nolya Noyes sitzt auf einer Bank und schaut dem Schneetreiben zu. Doch es ist nicht still um sie herum. Sie steht im Mittelpunkt. Das gefiel ihr bisher immer ganz gut. Doch dieses Mal ist alles anders. Denn die Bank, auf der sie sitzt, ist eine Anklagebank. Sie wird verdächtigt einen Mord begangen zu haben. Robert Brandon wurde ermordet. Oder hat er sich doch selbst gerichtet?

Nolya ist mit ihren 25 Jahren das enfant terrible der New Yorker High Society. Konventionen sind für die anderen da. Sie ist unglücklich verliebt. In Arthur Raymond. Der auch in sie. Die Sache hat nur einen Haken. Arthur ist immer noch mit Betty verheiratet. Und Arthurs Vater Melville, ein schlitzohriger Anwalt sieht die Liaison zwischen seinem Sohn und der lotterhaften Nolya überhaupt nicht gern. Ja, er verabscheut die reiche Göre, die noch nie in ihrem jungen Leben einen Finger krümmen musste.

Robert Brandon, Sohn eines engen Freundes von Melville Raymond ist bis über beide Ohren verknallt in Nolya. Er unterliegt ihrer rebellischen Art und fühlt sich derart stark zu ihr hingezogen, dass er pausenlos versucht sie zu beeindrucken. Doch mit seinen kindischen Aktionen erntet er mehr müdes Lächeln als Bewunderung.

Am Silvesterabend will Nolya die Gelegenheit nutzen, um mit Arthur reinen Tisch zu machen. Sie ist es sich und vor allem ihm schuldig. Ein harter Schnitt mit leichten Blessuren ist ihr allemal lieber als eine ewig klaffende Wunde. Doch der Versuch scheitert kläglich. Im Zimmer befinden sich Arthur, Nolya und der ungestüme Bobby Brandon. Bobby beleidigt Arthur aufs Heftigste. Dann fällt ein Schuss und Bobby liegt in seinem Blut. Was ist passiert? Wer hat geschossen? Wieso hält der Linkshänder Bobby die Tatwaffe in seiner rechten Hand? Nolya nimmt die Schuld auf sich. Für sie ist es der Ausweg aus einer ausweglosen Situation. Doch der Weg in die innere Befreiung ist ihr versperrt worden. Zu viele Ohren, zu viel Zeugen. Einzig das Tribunal kann, so grotesk es erscheinen mag, ihr diesen Weg ebnen.

Wilson Collison portraitiert einmal mehr –wie schon in „Die Nacht mit Nancy“ eine Frau, die die Gesellschaft liebt, die von der Gesellschaft geliebt wird, ihre Regeln jedoch mit ihren zarten Füßchen in den glitzernden Pumps tritt. Sie weiß nicht wie man sich einfügt, ist jedoch elementarer Bestandteil dessen, was sie im Tiefsten ihres Herzen verabscheut. Ein Ende mit Schrecken ist in ihren Augen der beste Ausweg als der sprichwörtliche Schrecken ohne Ende. Sie versucht – schließlich ist sie eine Rebellin, das wird ihr immer wieder gesagt, bis sie es selbst glaubt – sich selbst ihrer Rebellion in den Weg zu stellen, in dem sie anfängt die Regeln der Gesellschaft zu beachten. Sie will einen vernünftigen Weg wählen, um der Misere ihrer chancenlosen Liebe zu entkommen. Doch auch dieser Weg ist steinig und führt mitten in die Katastrophe. Aber wer weiß, vielleicht hält das Schicksal doch ein happy end für die rastlose Nolya parat?