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Der Zwang

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Maler Ferdinand ist vor dem Krieg in Europa in die Schweiz geflüchtet. Hier ist er frei. Zusammen mit seiner Frau. Hier ist er Mensch. Kann sich entfalten. Doch der Brief, den er erwartet, von dem er hofft, dass er niemals kommen wird, doch er wird kommen, und Ferdinand weiß das, schwebt wie ein Damokles Schwert über ihm und seinem Glück.

In Europa bersten die Kanonen unter der Wucht ihrer Geschosse. In den Schützengräben ätzen Gase den Soldaten die Gedärme aus dem Leib. Aus der Luft fallen erstmals im großen Stil Bomben auf die, die mit den Ränkespielen der Machthaber nichts am Hut haben. Sie sind die Verlierer des Krieges, der keine Gewinner kennen wird. Millionen sind schon geflohen.

Das Warten auf den ominösen Brief treibt Ferdinand in einen goldenen Käfig. Denn eigentlich ist er gesegnet. Eine Frau, die ihn liebt. Ein ruhiges Umfeld, denn in der Schweiz schweigen die Kanonen. Kein Schießpulver in der Nase lässt die Sorgen Europas und der Welt weit weg erscheinen. Ferdinand sehnt diesen Brief herbei. Den Brief, der ihn zum patriotischen Akt mit der Hand an der Waffe verpflichtet. Er will nicht kämpfen, sieht es jedoch als seine Pflicht an es zu tun. Ein innerer Zwang lässt ihn dieses Blatt Papier zu ihm fliegen.

Sogleich macht er sich auf dem Weg zum deutschen Konsulat. Doch oh weh, das Konsulat öffnet er in ein paar Stunden. Und schon setzen sich die Zahnräder des Denkwerkes in Bewegung. Ferdinand ist sich bewusst, dass er nicht kämpfen will, dass er den Zwang besiegen muss. In seinem Oberstübchen setzt er die möglichen Gesprächsfetzen schon zusammen. Alles passt. Dem Mitarbeiter des Konsulats wird nichts anderes übrigbleiben als ihm, dem Künstler den Weg in die alte Heimat – zur Tauglichkeitsüberprüfung – zu ersparen. Dann endlich. Die Tore zum Konsulat öffnen sich. Doch das Konsulat ist nichts mehr als eine Behörde für im Ausland lebende Deutsche. Man dient dem Vaterland, in dem man die aufgestellten Regeln einhält. Kein Blick nach links und rechts. Und Ferdinand? Perplex vom scheinbaren Entgegenkommen macht sich freiwillig (!) auf den Weg nach Deutschland. Sehr zum Leidwesen seiner Frau, die die Freiheitsliebe ihres Gatten vermisst und nur noch Feigheit in ihm sieht. Doch Deutschland hat sich verändert. Das Ende mit Schrecken wird in seinen Augen zum Schrecken ohne Ende…

Stefan Zweig ist dem Maler Ferdinand sehr ähnlich. Auch er floh vor dem Krieg. Ein bisschen Frans Maserell schwebt in der Figur des vom Zwang geleiteten Malers mit. Die Holzschnitte von Masereel wurden eigens für die Novelle des Freundes und Wegbegleiters Zweig angefertigt. Nun sind sie in dieser stilistisch einwandfreien Ausgabe wieder vereint. Scharfkantig wie ein Granatsplitter zeichnen sie die Zeilen des Autors nach, der einen Krieg später seinem Leben ein Ende setzen sollte. Einhundert Jahre ist es her, dass Stefan Zweig eine bislang kaum beachtete Komponente des Krieges zu eindrucksvoll beschrieb. Was bewirken Worte und selbst verordneter Gehorsam mit einem Menschen? Der Grat zwischen Pflicht und Zwang ist oft ein schmaler. Den eigenen Prinzipien zu folgen ist immer verbunden mit dem richtigen Weg. Der allerdings ist mit tonnenschweren Nebenwirkungen gepflastert.

Vulkan Berlin

Als die Mauer in Berlin fiel, tanzte alles, was Beine hatte auf den Straßen. Die Stadt schien mit einem Mal alles aus sich heraus zu lassen, was jahrelang in Lethargie versunken war. Ein paar Jahrzehnte zuvor muss es ganz ähnlich gewesen sein. Der Krieg war aus. Das gesamte politische Spektrum rangelte um die Vorherrschaft und Deutungshoheit, wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Berlin war damals schon eine Stadt, die man kannte. Doch sie hatte – sinnbildlich wie geographisch – Nebenbuhler. Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und ein paar mehr reihten sich um Berlin herum. 1912 wurde Adolf Wermuth Oberbürgermeister der Stadt Berlin, von Groß-Berlin. Ihm ist das heutige Gesicht Berlins zu verdanken. Seine Gebietsreform ermöglichte den Aufstieg Berlins zu einer Art Welthauptstadt. Nach London und New York lebten in dieser Stadt die meisten Menschen. Flächenmäßig war nur Los Angeles größer. Kurze Zeit später wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Dass auch die Nationalversammlung an die Spree zog, war das Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Denn Weimar beanspruchte dieses Privileg. Eisenach, Würzburg, Frankfurt, Kassel zogen den Kürzeren. Das Los fiel auf Berlin.

Korruption und Verunglimpfung waren hier an der Tagesordnung. Politisch war Berlin der Mittelpunkt Deutschlands. Kulturell musste man noch nachziehen. Das tat man auch. Und wie!

Architektonisch mit der Hufeisensiedlung in Britz. Literarisch schuf Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Denkmal, das bis heute nichts an Strahlkraft verloren hat. Berlin entwickelte sich zu einer Metropole, da durften die Medien in nichts nachstehen. Immer mehr Verlage kamen nach Berlin oder gründeten sich neu. Künstler jeder Couleur tummelten sich in den Cafes und schufen in ihren Ateliers Werke für die Ewigkeit.

Kai-Uwe Merz umgeht die Fallen und setzt nicht auf die Aufmerksamkeit erheischende Partyszene, die es ohne Zweifel gab. Doch die ist nur die schimmernde Spitze des brodelnden Vulkans Berlin der 20er Jahre. „Vulkan Berlin“ ist nicht mehr und nicht weniger als der gelungene Kulturführer durch eine Zeit und eine Stadt, der die Ursachen und deren Auswirkungen detailgenau unter die Lupe nimmt. Erst durch dieses Buch erfährt man warum Berlin so glanzvoll dastand und bis heute von diesem Ruhm zehren kann. Und wenn man das nächste Mal in Berlin ist, erscheint so manches in einem anderen – immer noch strahlenden – Licht.

The Street

42nd street, 5th avenue – davon ist man in der 116th street Upper Westside Manhattan so weit vom guten Leben entfernt wie die Erde von der Sonne. Besonders in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Besonders, wenn man sich seiner Hautfarbe bewusst und deren Bedeutung jeden Tag aufs Neue spüren muss.

Lutie Johnson sucht in dieser Straße ihr Glück. Nein, Illusionen hat sie schon lange keine mehr. Der Gatte untreu, die Arbeitgeber derart verblendet, dass sie meinen Lutie einen Gefallen zu tun, wenn sie ihre Kochkünste in den Himmel loben. Ein bisschen weniger Arbeit, und ein bisschen (oder besser) viel mehr Bezahlung, das wäre Anerkennung genug. Für sich und Bubb, ihren Sohn nimmt Lutie die Strapazen des Fortgehens auf sich und nimmt die Wohnung in der 116. Straße als neue Wohnung an. Bubb soll in Ruhe lernen können. Welchen Wert Bildung für Menschen wie sie hat, wird ihr nicht zuletzt klar, als sie zusehen muss wie der Hausmeister – auch nicht unbedingt eine Ausgeburt an Höflichkeit und Anmut – mühevoll ihr die Quittung für die Anzahlung der ersten Miete ausstellt.

Sie tut alles, dass Bubb so aufwachsen kann, um es einmal besser zu haben. Beseelt von dieser Vision, tritt ihr das Leben immer wieder ins Kreuz. Duldsam erträgt sie die Rückschläge. Die Straße, die 116., ist ein hartes Pflaster. Besonders für all diejenigen, die diesem Pflaster das Pflaster des Schmerzlinderns aufsetzen wollen. Lutie will Bubb vom Dreck, vom Rassenhass, von alle dem fernhalten, was ihn davon abhalten wird, ein guter Mensch zu werden. Die Schlaglöcher des Schicksals beschädigen hier nicht nur Karossen, ihre Schäden reichen tiefer.

„The Street“ ist vor über einem halben Jahrhundert erschienen. Ein Riesenerfolg, auch oder gerade wegen seiner schonungslosen Sprache. Viele hätten schon längst die Flinte ins dreckige Korn der Straße geworfen. Doch Lutie weiß aus eigener Erfahrung, dass es sich lohnt aufzustehen und sich diesen Dreck immer wieder abzuschütteln. Solidarität unter den Geschundenen zu suchen, ist so gut wie zwecklos. Jeder denkt nur so weit wie er schauen kann. Wenn es jemals Visionen gab, sind sie im Dunst der Straße für immer verloren gegangen. Lutie als leuchtende Fackel, die diesen Dunst durchdringt – dafür taugt sie nur bedingt. Sie ist auch nur ein Mensch, der ein gewisses Maß an Ausgrenzung verkraftet. Ja, sie ist stärker als so mancher Preisboxer aus dem Big Apple. Doch ihre Kraft ist nicht unendlich verfügbar.

Immer noch bzw. endlich wieder verfügbar ist die Strahlkraft dieses Romans von Ann Petry. Ihr Helden – so wie Lutie Johnson und ihr Sohn Bubb –stehen nicht am Rand der Gesellschaft. Sie stehen mittendrin, weil ihr Schicksal exemplarisch für diese Gesellschaft steht.

Japanbilder

Es ist noch gar nicht so lange her, dass das ferne Japan ein weiteres Mal in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Nicht zum ersten Mal: Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt schlichen sich auch stilistische Einflüsse in die Kunst. In den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts schwappte – unter anderem auch durch Alphavilles „Big in Japan“ – eine regelrechte Japanomania nach Europa, die bis heute anhält. 2020 wird diese Welle einen neuen Höhepunkt erreichen, wenn die Olympischen Sommerspiele in Tokio stattfinden werden. Je nach Qualitätsanspruch wird man dann wieder mit Kuriositäten aus dem Land des Lächelns bombardiert werden oder tatsächlich etwas Substantielles über das Land erfahren.

Den Anfang macht zweifellos dieses Buch. Der unscheinbare Titel „Japanbilder“ verspricht nicht mehr und nicht weniger als persönliche Eindrücke von Michaela Weber, die ans andere Ende der Welt reiste und eine Kultur vorfand, die es vielen schwer macht sie zu verstehen. Und so wird das Lesen dieses Buches zu einer Reise vom Sofa aus in ein Land, das für die meisten ein ewiger Traum bleiben wird.

Besonders auffällig ist das ineinandergreifende Zusammenspiel von kurzen knackigen Einleitungstexten und den imposanten Abbildungen. Michaela Weber vermischt geschickt persönliche Erfahrung und Faktenwissen, die im Anschluss durch unzählige – mal größere, mal kleinere – Bilder untermalt werden.

Mit wachen Augen reist Michaela Weber durch Japan und schon bald wundert sie sich über fast gar nichts mehr. Ein Polizeimuseum in Tokio weist nicht martialisch mit Waffe oder einer staatlichen Symbolik auf sich hin, sondern mit einer niedlichen Comicfigur. Bahnhöfe und Züge sind so sauber, dass es ihr nicht nur auffällt, sondern besonders berichtenswert erscheint. Auch die Schaffner sind von außerordentlicher Freundlichkeit. Und mit den deutschen Fahrkartenkontrolleuren haben sie so gar nichts zu tun.

Michaela Weber reist durch Tokio, Osaka, Hiroshima, Kioto und die eher unbekannteren Städte Inuyama und Nara. Oft unterliegt man dem Vorurteil, dass innerhalb eines fernen Landes alles gleich sei. Dem ist natürlich nicht so. In Deutschland würde ja auch niemand auf die Idee kommen Ostfriesen und Allgäuer in einen Topf zu werfen! Mit dem Finger am Auslöser der Kamera gelingen Michaela Weber einfühlsame Schnappschüsse, die das Bild Japans im Jahr der Olympischen Spiele nachhaltig prägen werden. Alltagsszenen wie spielende Kinder, aber auch für unsere Augen fast schon verspielte Hinweisschilder stehen eng neben Preistafeln für (käufliche!) Gebete und Wünsche für ein besseres Leben. Diese Japanbilder wird man so schnell nicht vergessen, weil man sie wie ein privates Fotoalbum immer wieder ansehen will.

Im Fluss

Eines gleich vorweg: Diese Reise kann in keinem Reisebüro gebucht werden. Auch das Reisemittel, ein Kanu ist bei keinem Outdoorausrüster so erhältlich.

Dirk Rohrbach umkreist die Vereinigten Staaten mit dem Fahrrad. Er nahm sich den Yukon vor. Da entstand auch der Gedanke den Mississippi samt Missouri von der Quelle bis zur Mündung in die Karibische See zu befahren. Und er stellt auch gleich einmal ein weit verbreitetes Vorurteil richtig. Der Mississippi (ideal auch zum Abzählen von Sekunden: ein Mississippi, zwei Mississippi etc.) ist eigentlich ein Zufluss des Missouri. Da die Eroberer der Neuen Welt aber von Osten kamen, trafen sie zuerst auf den Mississippi. Und der war dann der Namensgeber. Erst später entdeckte man die Quellen des Missouri.

Und dort, in den Höhen und Weiten von Montana beginnt das große Abenteuer. Ein kleines Rinnsal, das aus einem Berg entspringt. Zu flach und zu schmal, um es mit dem Kanu zu bereisen. Das Kanu übrigens hat Dirk Rohrbach selbst gebaut. Mit Hilfe eines Videotutorials, in dem alles irgendwie viel einfacher aussah als es in der Wirklichkeit ist.

Und kaum auf dem Wasser taucht auch schon das erste Problem auf. Und zwar in der Gestalt einer Elchmutter samt zweifachen Nachwuchs. Dirk Rohrbach weiß, dass Bären mit einem Spray relativ einfach zu vertreiben sind. Aber eine Elchmutter mit ihren Zöglingen stellt ein unkontrollierbares Risiko dar. Mutter und Nachwuchs Nummer Eins queren den Fluss, doch der Nachzügler müht und strampelt sich ab wie er nur kann. Dirk Rohrbach möchte gern eingreifen und helfen. Doch das würde seiner Gesundheit nicht zuträglich sein. Auch wenn Rohrbach einmal Arzt war. Der Kleine schafft ans andere Ufer zu Geschwister und Mutter, und Rohrbach kann weiterpaddeln.

Auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unterliegt harten Regeln. Jeder, der den Missouri / Mississippi befährt, muss sein Gefährt untersuchen und abnehmen lassen. Ein Fluss-TÜV. Da sein Boot Marke Eigenbau ist, ist es nicht registriert. Und das sorgt bei den Inspektoren für Verwirrung. Hier ist Rohrbach bedeutend entspannter als bei der Elchkuh.

Eines fällt sofort auf: Dirk Rohrbach kommt schnell mit Leuten ins Gespräch. Das liegt an seiner außergewöhnlichen Route und der Neugier der Menschen am Fluss, an den Flüssen. Für den Leser ein Sammelsurium an Charakteren, die so manch einem nicht in ihrem ganzen Leben begegnen, trifft Rohrbach quasi im Vorbeipaddeln. Tom-Sawyer-Und-Huckleberry-Finn-Romantik trifft Abenteuerdurst auf einer der aufregendsten Routen, die diese Welt noch zu bieten hat. Von der unberührten Natur Montanas, in der es ein Glücksfall ist, wenn man hier mal tatsächlich einen Menschen trifft, über die Badlands, die die ersten Siedler nicht umsonst so tauften bis in die vor Leben überbordende Metropole New Orleans fast am Ende der Reise. Ein echtes Abenteuerbuch von einem überzeugten und überzeugenden Verführer!

Die Sekte der Engel

Palizzolo, Sizilien, 1901. Siebentausend Einwohner werden von einer Handvoll Barone und Grundbesitzer regiert. Und einem Mafioso, dessen Namen aber keiner aussprechen will. Ach, was soll’s, is ja nur Fiktion: Sein Name ist zù Carmineddru. Man lebt so vor sich hin, regelt in erlauchtem Kreis, was zu regeln ist. Nur Matteo Teresi, der Anwalt, passt nicht so recht ins Stadtbild. Seine aufwieglerischen Schriften in seiner von ihm verlegten Zeitschrift stören das Gleichgewicht in den Gemeinden. Allen Pfarrern, allen ehrenwerten Leuten ist er ein Dorn im Auge. Dem kleinen Mann hingegen ist er ein Segen. Ein Segen, den sie von höherer Stelle niemals zu erhoffen wagten, gingen sie auch alle noch so fromm und regelmäßig in die Kirche.

Nun begab es sich zu dieser Zeit – ach ja, so ganz erfunden ist die Geschichte gar nicht, Andrea Camilleri bedient sich ein weiteres Mal in der Geschichte seiner sizilianischen Heimat – dass ein wenig Aufruhr Palizzolo ergriff. Die Cholera verbreitet sich schlagartig. Viele verlassen ihre eigenen vier Wände. Bis sich herausstellt, dass eigentlich gar nichts passiert ist, um eine derartige Stadtflucht auszulösen. Aus Respekt und aus Berufsethik hat der Doktor, der plötzlich mehrere gleichlautende Diagnosen stellen musste, den Mund gehalten über die wahren Gründe seiner Hausbesuche. Auch gegenüber den Familien, die wiederum aus Unwissenheit das Gerücht eines Choleraausbruchs in die kleine Welt Palizzolos setzten. Der wahre Grund ist eigentlich ein erfreulicher. Gleich mehrere junge Damen sind schwanger. Und das seit zwei Monaten. Alle zur gleichen Zeit schwanger geworden. Alle jungen Damen schweigen sich über die Vaterschaft aus. Da stimmt was nicht! Doch was?

Montagnet, eine Ermittler aus dem Norden, einer nicht minder verlassenen Gegend wie Palizzolo, trifft auf eine Horde Verdächtiger und schweigsamer Wissender. Auf Mörder und Ermordete. Auf Vergewaltiger und Vergewaltigte. Alle schweigen und versuchen nur die Ordnung im Ort wieder herzustellen. Und dann noch der Aufwiegler Teresi, der seine politischen Ambitionen verfolgt und dabei in ein Wespennest sticht, das weder der Leser noch der Ermittler sich vorzustellen wagen. Denn die wahren Schuldigen dienen …

Andrea Camilleri lässt kein gutes Haar an den Beteiligten. Sie handeln alle unter einem anderen Vorwand. Eigene Interessen weisen alle weit von sich. Doch tief im Inneren – allerdings nicht tief genug, dass man es nicht doch noch erkennen kann – tut sich ein Höllenschlund auf. Bei aller Abscheu schafft es Camilleri dennoch, dass dem Leser nicht schlecht wird. Das liegt zum Einen an der exakten Faktenlage, zum Anderen an der ihm eigenen Art zu schreiben.

Graveyard love

Mit fünfunddreißig noch bei Mutti wohnen – Kurt hat es echt nicht leicht. Vor den Toren New Yorks muss der erfolglose Schriftsteller die Peitschenhiebe seiner ihn antreibenden Mutter ertragen. Er soll ihre ach so tolle Biografie schreiben. Jeden Tag. Und jeden Tag hat sie an seinem Stil etwas auszusetzen.

Ein bisschen – anfangs – Abwechslung in seinen tristen Alltag bringt eine geheimnisvolle Rothaarige. Mehrmals die Woche besucht sie den Friedhof, der gegenüber von Kurts goldenem Käfig liegt. Kurts Lebensgeister kehren zurück. Er will ganz genau wissen, was die elegante Fremde dazu treibt so oft diesen bedächtigen Ort zu besuchen. Die Leidenschaft erlischt als sie sich wochenlang nicht mehr blicken lässt. Doch anstatt sich in die Arbeit zu stürzen – sein Mutter meckert immer noch über seinen lausigen Schreibstil – verfängt er sich in den Stricken der Sehnsucht. Bis … ja, bis die geheimnisvolle Fremde wieder auf den Friedhof und damit in sein Leben tritt.

Die Obsession erwacht aufs Neue und wird stärker je öfter Kurt die Frau sieht. Er kauft sich ein Fernrohr, um sie beobachten zu können. Folgt ihr. Bis sie in seien Stammkneipe geht. Er hat sie dort noch nie gesehen. Doch der Wirt kennt sie. Catherine. Endlich ein Name! Wie eine Offenbarung. Doch da ist noch Ralph. Auch er folgt Catherine. Immer wieder, wenn sie in die Gruft von June steigt. Und zuhause wartet Mutter und nörgelt an den ihr zu schwachen Sätzen ihrer Biographie, die Kurt schreiben muss.

Im Laufe des Buches kommt es für den Leser knüppelhart. Nicht einmal eine kurze Pause gönnt einem Autor Scott Adlerberg. Die Mutter verwandelt sich langsam von einer herrischen Matrone in eine fast schon liebevolle Amme. Und Catherine tritt in Kurts leben wie ein helles Licht zur Weihnachtszeit. Und Ralph tritt aus selbigem zurück. Du mittendrin: Kurt. Zuerst ein Stalker wird er nach und nach zum Spielball seiner selbst und von …

Was als harmlose Schwärmerei für eine Frau beginnt wandelt sich Seite für Seite in eine Horrorgeschichte. Nicht allein, dass Kurt selbst ein Horrorfilmfan ist, er merkt gar nicht wie sehr er in einen Strudel hineingezogen wird aus dem er sich nur schwer – und schon gar nicht allein befreien kann. Das vermeintliche Opfer zeigt immer öfter ihren scharfen Krallen. Die Selbstverständlichkeit wie Kurt der Boden unter den Füßen weggezogen wird, verblüfft und kennt kein Erbarmen. „Graveyard love“ ist Scott Adlerbergs dritter Roman, jedoch der Erste, der auf Deutsch erscheint. Mehr davon!

Der dritte Mann – Die Neuentdeckung eines Filmklassikers

Ein Weihnachtsfilm ist er gewisse nicht, „Der dritte Mann“ von Carol Reed mit Orson Welles in der Hauptrolle. Ein Massenphänomen auch nicht. Und trotzdem geraten seit siebzig Jahren die Herzen aller Filmfans in Wallung, wenn die Rede von diesem Meisterwerk ist. Expressionistische Kameraeinstellungen, eine düstere Geschichte noir und die außerordentlich charakterstarken Darsteller tragen seitdem zum Ruhm dieses immer wieder zum besten Film aller Zeiten gewählten Kunstwerk bei.

Da kommt das Buch von Bert Rebhandl gerade richtig. Wem die Story schon ein wenig im Nebel des Vergessens untergangen ist, bekommt zur Einstimmung erst einmal eine knappe, aber umfassende Nacherzählung als Gedächtnisauffrischung kredenzt. Ist der Film, das Buch wieder auf der geistigen Leinwand präsent, treten die kleinen verdeckten Dinge des Films auf die Leinwand.

Wien ein paar Jahre nach dem verheerenden Krieg: Die Stadt liegt in Trümmern, die Siegermächte haben Österreich (was in der Form nicht mehr oder noch gar nicht gab) sowie Wien unter sich aufgeteilt. Der innere Ring wird von allen vier Mächten gemeinsam unter Kontrolle gehalten. So war es in Wirklichkeit, so ist es im Buch / Film. Graham Greene und Carol Reed haben das Buch zusammen erarbeitet. Es war also kein Film, der auf einem bereits existierenden Buch basierte. Das Drehbuch wurde eigens für den Film geschrieben. Beide – Film und Buch – sind mittlerweile Klassiker. Der Film läuft seit Jahren in einem Wiener Kino in der Originalfassung – man achte auf den ersten Auftritt Paul Hörbigers, der des Englischen nicht mächtig war und vor laufender Kamera Himmel und Hölle verwechselt.

Obwohl der Hauptdarsteller Orson Welles im Film kaum zu sehen ist und erst nach gut der Hälfte des Films zum ersten Mal auftritt (da hat Steven Spielberg besonders gut aufgepasst, denn sein Hai taucht im gleichnamigen Film erst gegen Ende kurz auf), wird „Der dritte Mann“ auf immer und ewig mit dem massigen Schauspieler verbunden sein. Bemerkenswert: Ein weiterer „Bester Film aller Zeiten“ – „Citizen Kane“ darf sich ebenfalls eines Orson Welles rühmen.

In den Dutzend Kapiteln durchleuchtet der Bert Rebhandl so ziemlich jede Querverbindung von Charaktern und Darstellern, ihre Verquickungen mit der Zeit und den Verbindungen ihrer Rollen zur Gegenwart. Qohlwollend nimmt man dann doch zur Kenntnis, dass die kleinen Schweinereien doch lieber der Regenbogenpresse überlassen werden als dieses Buch „aufzuhübschen“. Als Konsequenz des Buches muss man sich eingestehen, dass auch nach mehrmaligem Schauen des Films immer noch Fragen offen blieben, die nun in diesem Buch beantwortet werden. Selbst die Fragen, die man niemals zu stellen wagte.

Am anderen Ende der Stadt

Pures Lebensgefühl, keine Einschränkungen am Horizont – so wuchs Pascal auf. So beschrieb Gérard Scappini es in den Kindheitserinnerungen „Ungeteerte Straßen“ – so eindrucksvoll, so kindlich naiv, so lyrisch. Das Leben geht weiter. Die ungeteerten Straßen sind passé. Das Wohnsilo am anderen Ende der Stadt ist klinisch rein. Und hier ist das neue Zuhause. Und es ist durchorganisiert. Findet sein Vater. Er und seine Mutter, und auch seine Schwester, sehen nur die grauen Betonblöcke einer anonymen Trabantenstadt. Fernab von den Freunden, die immer noch auf ungeteerten Straßen ihren Weg suchen.

Der Nachfolgeband, der die Jugend im Beton-Quartier beschreibt, muss sich Pascal anstrengen, um Schönes zu finden. Seine Mutter lenkt sich ab, indem sie einkauft, damit es im Betonklotz halbwegs gemütlich wirken kann – mit ordentlich Wut im Bauch, denn auch sie vermisst die Unregelmäßigkeiten des Lebens im alten Zuhause. Pascal durchlebt binnen kürzester Zeit eine Achterbahn der Gefühle. Der Englischlehrer ist ein Sadist. Die Züge auf dem Bahnhof sind viel interessanter. Missbrauch und erste Liebe liegen bei Pascal so eng beieinander, dass er kaum noch unterscheiden kann. Er weiß nur eines: Den Mund halten hilft. Trauer und jugendlicher Übermut wechseln sich derart schnell ab, dass man – ob man nun will oder nicht – das Buch doch das eine oder andere Mal beiseitelegen muss. Die von Vater verordnete Frischzellenkur bringt der Familie erstmal nur Sorgen. Sorgen, wie sie nur ein Teenager haben kann. Sorgen, die der Familie nicht gut tun.

Hat man sich an dieses atemlose Schreiben gewöhnt, kann man den Zeilen wieder genussvoll folgen. Vor Jahren spielte Pascal noch auf unebenen Straßen, jetzt ist das Leben selbst uneben wie ein pickeliges Teenagergesicht. Der glatte Asphalt hat so gar nichts, was nach Leben aussieht! Die Schule lässt Pascal bald hinter sich. Unfreiwillig. Die Arbeit im Arsenal – naja. Bringt Geld. Dass jedoch bringt Pascal auch schnell durch.

Eine Jugend in Frankreich lautet der Untertitel des Buches. Die Fröhlichkeit der Kindheit ist der Schroffheit der Jugend gewichen. Altes ist vergessen, das Neue zeigt noch nicht sein wahres Gesicht. Und so schließt „Am anderen Ende der Stadt“ mit dem schlussfolglichen Cliffhanger: Einberufung zur Armee!

Kartenwelten

Landkarten haben trotz digitaler Revolution nichts von ihren Mysterien verloren. Kein Piratenfilm, der ohne Schatzkarte auskommt. Keine Reiseband ohne graphische Wegbeschreibung. Keine Wanderroute ohne Kurven und Ecken.

Die Farbenpracht vergangener Karten ist im Laufe der Zeit einer nüchternen Praktikabilität gewichen. Jedoch einfach mal so beispielsweise den Grand Canyon zu kartographieren, das geht auch nicht. Acht Jahre benötigte Bradford Washburn vor rund vierzig Jahren, um dieses Naturschaupiel zu erfassen. Schweres Gerät musste auf Gipfel geschaffte werden. Für Berechnungen standen zwar schon präzise Computer zur Seite. Die Karte selbst zu erstellen, war ein Abenteuer, dessen Ergebnis all die Mühen vergessen ließ.

Eine Karte ist aber nicht immer nur der schnöde Wegweiser, um sicher von A nach B zu kommen. Karten dienen Ökonomen zum Beispiel den Weg von Waren nachvollziehen zu können. Und auch das ist keine Erfindung der globalisierten Gegenwart.

Dieser Prachtband hält sein Versprechen ganze Welten von Karten zu präsentieren. Betsy Mason und Greg Miller lassen phantastische Welten erstehen, die bisher kaum jemand in dieser Hülle und Fülle jemals betrachten durfte. Ist man anfangs noch von der Farbenvielfalt und Detailverliebtheit historischer Karten geblendet, vertieft man sich zugleich in die Texte. Deren Informationsgehalt lenkt nicht von den Bildern ab, sondern schafft ein einzigartiges Kartenuniversum. Museumsreife Karten, Karikaturen (auch dafür eignen sich Karten!) und Abbildungen, die erst auf den zweiten Blick ihr kartographisches Wissen darlegen, geben sich ein Stelldichein, die den Leser immer wieder ins Bücherregal greifen lassen, um die Sinne zu stimulieren. Boston, Hongkong, der Pazifik sind nur drei Beispiele für Karten, die den Leser, der sich wie ein Besucher in einer fremden farbenfrohen Welt fühlen darf, immer wieder Neues entdecken lassen.

Vergessen Sie Schatzkarten! Hier sind die wahren Schätze!