Archiv der Kategorie: aus-erlesen ungewöhnlich

Leipzig. Europas Architektur in einer Stadt

„Komm nach Hagen, werde Popstar!“. Das ist mehr als vierzig Jahre her. Komm nach Leipzig, werde Architektur-Kenner, genieß die Feinheiten und vor allem die Vielfalt – das bekommt nun eine ganz neue Dimension. Und die hält viel länger an als die Liedzeile der Band Extrabreit aus Hagen.

Der Untertitel „Europas Architektur in einer Stadt“ gibt einen Vorgeschmack auf das, was auf den folgenden ca. dreihundert Seiten kommt. Die volle Ladung Geschichte, Wissen, Augenschmaus und Herzenswärme. In kaum einer anderen Stadt lässt sich die Architekturentwicklung Europas so umfassend betrachten wie in Leipzig. Gewagte These – Stefan W. Krieg war mehr als eine Vierteljahrhundert Stadtbezirkskonservator in Leipzig und befasst sich seit seiner Zeit als Student der Kunstgeschichte, Geschichte, Germanistik, Archäologie und Komparatistik mit Architektur.

Um e4s vorweg zu nehmen: Selbst eingeborene Leipziger werden in diesem Buch noch Orte finden, die sie eventuell kennen, jedoch so noch nie betrachtet haben. Das ist ein Versprechen! Ebenso die Tatsache, das Leipzig ab sofort mit anderen Augen gesehen wird.

Wer durch die City  von Leipzig läuft, früher sagte man „die Stadt“, womit die Innenstadt gemeint war, downtown sagen die, die ihrer scheinbaren Weltläufigkeit einen Hauch Internationalität geben wollen, wird nur mit erhobenen Haupt die Vielfalt an erstaunenswerten Details entdecken. Da stehen Betonklötzer (die gab es schon ab der Zeit nach dem Weltkrieg) gleich neben oder gegenüber von reich verzierten Fassaden, die man nicht im Vorbeigehen, sondern im Innehalten erfassen kann. Kleine handwerkliche Preziosen, die sich nicht verstecken und doch nicht jedem direkt ins Auge fallen. Selbst Pyramiden sind im Stadtbild nur mit erhobenem Haupt zu erkennen. Straßenführung, Fassadenkunde, Einblicke in die Geschichte der Architektur – ein Stadtbummel mit dem Autor ist eine Erlebnistour, die unbezahlbar ist!

Unbeirrbar fräst sich Stefan W. Krieg durch die Stadt, die dank ihrer Handelstradition und des damit verbundenen Reichtums schon immer ein Spielfeld was für ausgefallene Ideen der Bauherren. Die Vielfalt an Villenvierteln in grüner Umgebung, die Nähe zum Wasser, die Ansiedlung von Industrie trugen immer wieder dazu bei, dass Leipzig sich klamm und heimlich zu einer Perle entwickelte, die seit Jahren wieder die Besucher an Parthe und Pleiße lockt. Hier wurde nach der Wende ein Fluss wieder ans Tageslicht geholt, der zuvor Jahrzehnte eine stinkende Kloake war, die bei ungünstig stehendem Wind mindestens zu Naserümpfen anregte. Heuet sind Sitzplätze an der Pleiße in der Stadt begehrte Oasen, die man nur hergibt, wenn man wirklich Wichtiges zu tun hat.

Schon die Umschlagseite am Anfang und Ende des Buches zeigen welch große Vielzahl an Orten es zu erkunden gibt. Dazwischen liegen prachtvolle Abbildungen, die den Vergleich mit den Vorbildern nicht scheuen müssen. In Leipzig wurde Geschichte angenommen, was schlussendlich dazu führte, dass hier Geschichte geschrieben wurde, damit andere die Geschichte wiederum annehmen können.

Dieses Buch lädt einmal mehr dazu ein die Stadt zu erkunden und sich gleichzeitig einen Überblick zu verschaffen, welche Strömungen in der Architektur in heutigen Kontext immer noch Symbiosen eingehen, ohne dabei ihren Reiz zu verlieren.

A13

So eine Autobahn hat es nicht leicht. Pausenlos rollt man über sie hinweg – das kann sie ja noch verkraften. Schließlich ist das der Grund ihres Daseins. Aber das permanente an ihr Herumgepicke nervt sie sicherlich. Und keiner würdigt sie. Sie ist das berühmte Mittel zum Zweck. Sie ist der Weg zum Ziel, das niemals direkt an ihr liegt. Nun gut, tauscht man sich darüber mit dem Landschaftskalligraphen Lorenzo Custer darüber aus, bekommt man eine ganz andere, eigene Sichtweise auf Autobahnen zu hören. Er ging schon länger mit der Idee schwanger ein Buch über die A13, die Nord-Süd-Beton-Verbindung der Schweiz zu gestalten.

Linard Bardill sollte die Texte schreiben. Sie fanden sich, sie trafen sich und machten das, was niemand für möglich hielt. Ein Buch, fast schon eine Liebeserklärung an die A13. Dass die Idee ein wenig verrückt ist, wussten beide. Aber das sollte doch kein Grund sein es nicht zu tun. Was ein Glück!

Startschuss war im Norden, den Schlusspunkt soll naturgemäß – irgendwann endet jede autostrada – Bellinzona bilden. Ein Reiseband mit informativen Tipps zur Einkehr und zum Ausruhen sollte es nicht werden. So viel gibt die Autobahn nur auch nicht her. Aber ein Reisebericht mit allerlei Anekdoten, mit Stupsern in die Rippen („Schau mal … da!“) und so manchem „Kennst Du schon?!“ ist dann doch die bessere Wahl.

Und so kommen sie auch zum so genannten Zahnwehkirchlein. Geht einem der Nerv auf die Nerven, kann man hier oben Trost suchen. Und wenn das nicht hilft, … die Klippen für den Sprung in die erlösende Befreiung vom Zahnweh sind nur ein paar Schritte entfernt. Linard Bardill macht es sichtlich Spaß solche Geschichten zu erzählen. Man merkt sofort, dass er ein Schelm ist.

Lorenzo Custer ist der Großmeister der gezogenen Linie. Ein ums andere Mal erstaunt er seinen Mitfahrer wie schnell und geschickt ein einzelner Strich ein ganze Landschaft erzählen kann. Und beim ersten bloßen Durchblättern dieses unzweifelhaft einzigartigen Buches erhellen die Zeichnungen des Architekten und Zeichners und machen Appetit auf die gelungenen Zeilen des Autors.

Isla Bella ist nur eine weitere Station auf dem Weg der beiden gen Süden. Hier ist es schön, sagt ja schon der Name – bella. Es gab Zeiten, da hat es hier fürchterlich gestunken. Warum? Keiner weiß es. Keiner? Einer kennt sie, und er hat sie immer seinen Kindern erzählt. Ein Riese war so wütend, dass man die Quelle seiner Lieblingswasserfrau zerstört hat, dass er in den Tunnel hineinfurzte. Das war seine besondere Fähigkeit, er hieß Trettel, was auf Romanisch Furz bedeutet.

Es sind Geschichten wie diese, die aus einer verrückten Idee ein unterhaltsames Buch machen. Warum unterwegs auf der A13 nicht die üblichen Spielchen spielen – Autokennzeichen raten etc.? Immer wenn man einen Punkt aus dem Buch passiert, wird die Geschichte vorgelesen. Besondere Bücher sind in besonderen Situationen besondere Begleiter.

Schwimmen in der Tinte

So ein poetischer Titel – so traurige Geschichten, teilweise. Rumiana Ebert schreibt in ihren Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen, verlassen mussten, aus den unterschiedlichsten Gründen. Sie suchten ihr Heil in Deutschland und Österreich. Sie fanden Fremde, sehnten sich nach der Heimat. Sie fügten sich, fügten sich ein, nahmen teil – und waren doch nur selten Antriebsfeder. Und wenn doch, dann ist es nur ein kleiner Schritt zum wahren Glück…

So wie einer Familie aus Plovdiv. Die Mutter ist die treibende Kraft, die schon in den 50ern drängt Bulgarien zu verlassen. In Ungarn sind gerade die Aufstände niedergeschlagen worden. Sie selbst hat in München Germanistik studiert. Sie bringt ihren Kindern Deutsch bei, damit die Umgewöhnung später nicht so schwer fallen wird. Ihr Mann ist bei den neuen Machthabern in Ungnade gefallen. Als ehemaliger Offizier der royalen Armee vor und im Krieg hat man für ihn keine Verwendung mehr. Er ist suspekt! Und muss als Bauarbeiter einer Arbeit nachgehen, für die er sich vor seinen Kindern schämt. Die Mutter impft den Kindern ein niemandem – NIEMANDEM! – etwas davon zu erzählen, was zuhause gesprochen wird. Über Berlin, Ost-Berlin, soll die Flucht gelingen. Die durchlässige Grenze ist das Tor zur Freiheit. Sie freundet sich mit einer Frau an, die ihr auch prompt eine Einladung in die DDR schickt – so war das damals: Ohne Einladung auch ins sozialistische Bruderland brauchte man eine Einladung. Als „Pfand“ muss allerdings ihr Gatte in Bulgarien bleiben. Am 12. August 1961 landen sie in Ost-Berlin. Ein Tag ausruhen und dann ab in den Westen … am 13. August 1961. Die Geschichte mahnt zur Eile…

Wer im Meer badet, sieht eine Welt, die über dem Meeresspiegel sich noch ganz anders präsentiert. Taucht man unter, taucht man in eine andere Welt ein. Doch was ist, wenn unter Wasser die Aussichten trüb sind? Eine gelungenes Sprachbild, das Rumiana Ebert geschickt nutzt, um tiefsitzende Probleme von Flüchtlingen plastisch darzustellen. Das gilt bis heute!

Rührung

Gitte und Simon, das war, das ist, das war, das ist, das war, das war, das war, das ist, es wird nie wieder sein. Nie mehr wie zuvor, nie wie es hätte sein können. Ein Zeitungsartikel erregt Simons Aufmerksamkeit als er mit Dora in einem Restaurant sitzt. Und alles ist wieder da. Damals. Mit Gitte. Damals. Der Artikel setzt in ihm, dem Psychiater etwas in Gang, das lange eingeschlafen zu sein schien. Doch es ruhte nur.

Er und Gitte – kein Traumpaar. Dennoch immer zusammen. Allen Hindernissen zum Trotz – und es gab Berge von Hindernissen in ihrer Beziehung! – gab es stets ein Simon UND Gitte. Oft ging sie. und kehrte zurück. Oft, zu oft waren die beiden nicht mehr Simon UND Gitte. Und dann wieder doch.

Beide suchten sich professionellen Rat. Er begleitete sie zu ihren Sitzungen und sie ihn bei seinen. Wieder Simon UND Gitte. Doch irgendwann war dann doch mal Schluss! Kein Hickhack mehr um die Schuldfrage. Sie ging. Ihrer Wege. Er ging seiner Wege. Es ist lange her, fast schon vergessen. Doch die Intensität ihrer Beziehung lässt die Vergangenheit wohl für immer plastisch erscheinen. Greifbar – zum Greifen nah? Nein, das geht nicht mehr. Das weiß Simon. Denn Gitte ist tot! Vom Dach eines Hauses gestürzt. In Rumänien. Gitte kümmerte sich in Österreich um Flüchtlinge aus Rumänien und Bulgarien. Simon erkannte sofort das Bild in der Zeitung. Erkannte sie wieder. Gitte.

Seitdem ist er ein nachdenklicher Mensch geworden.

Es steht frei im Raum wie weit die Geschichte von Simon und Gitte Fiktion oder doch wahrgewordener Albtraum ist. Der Erzähler – vielleicht ist es der Autor selbst, denn er ist von Beruf Psychotherapeut – lässt den Leser am Seelenleben des Protagonisten – Simon – lebhaft teilhaben. Nicht immer sind dessen Gedankengänge auf Anhieb nachvollziehbar. Das wäre auch zu einfach. Schließlich braucht Simon, der ja selbst vom Fach ist, Hilfe. „Rührung – Ein Wagnis“ brennt sich ins Gedächtnis. Nicht wegen der ergänzenden Fußnoten, die ab und zu den Lesefluss zu unterbrechen scheinen, im Nachgang aber so dienlich sind, dass sie als unverzichtbar gelten. Man muss sich einlesen. Das Einlassen ist dann nur die logische Konsequenz. Und manch einer wird sich dieses Buch noch einmal zur Hand nehmen und vielleicht ganz andere Aspekte in der Seele von Simon entdecken, die ihm zuvor verborgen blieben…

El Dorado Drive

Ist doch alles in bester Ordnung! Pams Sohn feiert seien Schulabschluss mit einer riesigen Party und einer nicht minder riesigeren Geldtorte. Der Filius ist sichtlich beeindruckt. Wenn er wüsste … wie es wirklich aussieht…

Grosse Point ist eine typische Kleinstadt nahe Detroit. Alle waren zusammen auf dem College, im selben Club, arbeiten gemeinsam in der gleichen Firma (Detroit = Motortown) – man kennt sich, beäugt sich. Der ganz normale Zwang sich mit kleinen Ausbrüchen von der Masse abzusetzen.

Und da sind sie nun Debra Bishop, Pam Bishop und Harper Bishop. Schwestern. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Und ihnen allen ist bei all der Unterschiedlichkeit gemeinsam: Ihre eigene heile Welt ist nicht in Ordnung. Und sie wird weiter bröckeln. Und wie! Das wissen sie aber noch nicht!

Denn Motown ist nur noch als Musiklabel ein Begriff, und selbst da bröckelt der Lack. Die einstige Autostadt Detroit verkommt, zerfällt – und mit ihr die Menschen. Pams Kinder kennen diese Phasen auch. Doch sie sind unbeschadet wieder rausgekommen. So wie ihr Sohn, der jetzt seinen Schulabschluss feiert. Seine kleine Schwester ist traurig. Bald wird er weg sein. Wer kümmert sich dann um sie? Wer hält sie davon ab wieder (!) abzudriften?

Debra und Pam sind tatenkräftiger als Harper, die Jüngste der Drei. Und vielleicht auch am leichtesten zu beeinflussen. Als die beiden Älteren aan Harper herantreten, um ihr eine Geschäftsidee zu unterbreiten, betreten sie fruchtbaren Boden. Endlich raus aus der Einöde. Endlich eine Befreiungsschlag, um dem stets präsenten Abgrund zu entrinnen – vielleicht sogar den american way leben. Und nicht nur träumen.

Für Harper ist es zunächst ein Traum. Denn sie hat die Welt von ganz unten gesehen, auf Augenhöhe. Ihre Verbindlichkeiten, um es mal ganz allgemein und nüchtern zu betrachten, kann sie nicht mehr bedienen. Sie sieht nur einen Ausweg: Flucht. Flucht vor denen, die ihr nicht vorhandenes Geld wollen. Flucht zur Familie – Debra und Pam. Sie staunt nicht schlecht. Während um sie herum alles den Bach runtergeht und einst stampfende Maschinen in rostige Industriedenkmäler diffundieren, stehen bei den beiden großen Schwestern die großen Autos nicht nur einfach so vor der Tür. Sie gehören den beiden! Fast schon hechelnd ist Harper extrem neugierig wie das geht. Zwei Worte: „The wheel“. Debra und Pam sind auf die Idee gekommen dem Ellenbogen-Kapitalismus der Nullerjahre in den USA Gemeinschaft und dollarige Träume entgegenzusetzen. Die traurige Wahrheit ist aber, dass noch nie einem Schneeballsystem dauerhaftes Glück beschieden war. Und so schlittern die drei Schwestern in eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes – die Parallelen zum Spielort Detroit sind offensichtlich.

Megan Abbott nimmt sich Zeit. Hektische Bewegungen lässt sie in dieser angespannten Situation aus dem Spiel. Alles passiert „wie ganz natürlich“ – es musste ja so kommen. Könnte man spotten. Doch Spott ist nicht angebracht. Hier sind drei Frauen, die allesamt auf die Nase gefallen sind. Die Wunden wollen einfach nicht heilen. Und um sie herum eine Welt, die das Leid mit Lug und Trug immer weiter – wenn auch nicht dauerhaft – nach hinten verschieben kann. Ein großes Stück von diesem Kuchen, das wollen sie. Leider ist der Tortenheber zu klein und ihre Kuchengabel nicht spitz genug.

Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

Dreharbeiten können auch richtig langweilig sein. Wenn nicht gerade gedreht wird, zupft man an den Hauptdarstellern herum, rückt alles wieder so her wie es vorher war, kontrolliert noch mal das Licht etc. Im Grunde genommen grottenlangweilig! Was macht man dann?! Herumsitzen, Text lernen, sich irgendwie ablenken. Oder man geht zum Seelenklempner. Ah, jetzt wird’s interessant! Schauspieler haben ja alle einen … Wunderbare Welt der Klischees.

Doch zu den Fakten. Es ist Juli 1956. Sir Laurence Oliver dreht einen Film in London. In manchen Filmdatenbanken wird er als Politdrama geführt. Für die Rolle der Tänzerin in „Der Prinz und die Tänzerin“ ist mit einer der berühmtesten – nein!, der berühmtesten – Schauspielerin dieser Zeit besetzt: Marilyn Monroe. MM mit mittlerweile drei M, denn sie ist seit Kurzem mit Arthur Miller verheiratet.

Während der drehfreien Zeit liegt sie auf der Couch. Und zwar bei keiner Geringeren als Anna Freud, der Tochter und mehr als Nachfolgerin ihres Vaters Sigmund. London ist seit knapp zwei Jahrzehnten ihre neue Heimat. Sie hat inzwischen die Praxis ihres berühmten Vaters in 20 Maresfield Gardens in Hampstead übernommen.

Da dachte man, dass man aus zahlreichen Büchern und unzähligen Reportagen und Dokumentationen die Monroe in- und auswendig kennt … und dann das! So ähnlich erging es Hektor Haarkötter (HH) als er in einer Radioreportage so ganz nebenbei erfuhr, dass MM bei der Freud auf der Couch lag. Und wahrscheinlich über Sex redete. Denn über die Gespräche liegt nicht nur der Mantel des vertraulichen Arzt-Patienten-Geheimnisses, sondern auch die Tatsache, dass es keinerlei Aufzeichnungen gibt. Was es jedoch gibt, sind Briefe und (Tage-)bücher. Und die sind – wenn man tiefgreifend sucht, voll mit Hinweisen zu den Sitzungen.

Wir haben es also mit einem halbbiographischen und halbfiktionalen Buch zu tun. Allen Unkenrufen zum Trotz, die nun meinen, dass das doch nicht werden kann, sei gesagt: Es ist geworden. Großartig geworden! Das Wort Gamechanger ist vielleicht zu hoch gegriffen, da die Fakten allesamt bekannt sind. Aber jetzt endlich zusammengeführt wurden.

Ja, Marilyn Monroe hatte Probleme. Und damit ist nicht ihr permanenter Drang zu spät zu kommen gemeint. Sie fühlte sich ihr Leben lang miss- zumindest falsch verstanden. Ihr Talent wurde nicht entsprechend gewürdigt. Fortlaufend wurde sie allein auf ihr Äußeres reduziert, was ja auch dank exzellenter chirurgischer Eingriffe sehr auffallend war. Konnte sie sich alles von der Seele reden? Wohl kaum! Denn es sind nur sieben Tage, die MM bei AF auf der Couch lag wie HH recherchiert hat. Auch über diesen Fakt – gab es Streit? – kann man nur spekulieren oder Schriften studieren.

Wer die Monroe für immer im Herzen trägt, für den ist dieses Buch eine Zwangsanschaffung. Wer sich als Cinematographen sieht, kommt einfach nicht an diesem Titel vorbei. Wer in der Psychoanalyse (Freudscher Prägung) mehr als nur den Drang zum Sex sieht und ein kleines Faible für Klatsch hat, wird hier ebenso vorzüglich bedient wie alles, die einfach nur ihren Horizont erweitern wollen. Ein aufsehenerregender Titel, der zwischen den Buchdeckeln hält, was außen versprochen wird.

Herbsterzählung

Nun könnte man meinen, dass der Spruch „Vom Regen in die Traufe kommen“ eher ins Reich der Floskeln gehört, die man von sich gibt, wenn einem endlose Diskussionen wenig ertragreich erscheinen. Dem Erzähler in diesem Buch wäre das wohl auch lieber.

Er pirscht durch die Höhne des italienischen Apennin. Er ist auf der Flucht vor den Besatzern. Hinter jedem Baum könnte ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet sein. Diskussionen gäbe es keine. Nur Blei. Einmal hätten sie ihn fast erwischt. Fast! Ein wenig Hoffnung schöpft er als er ein scheinbar verlassenes Haus entdeckt. Was heißt Haus?! Ein Anwesen. Mächtig, trutzig, ein wenig runtergekommen. Aber als Versteck fast ideal. Fast! Nach eingängiger Erkundungstour blickt er … in die Augen eines grimmigen Alten – wohl der Hausbesitzer – und in die Augen zweier mehr als willige Wachhunde. Mit Engelszungen redet er auf den Alten ein. Ein Lager für die Nacht erbittet er. Man gewährt ihm die Bitte.

Der nächste Morgen – die Nacht war erquicklich – soll ihm Gewissheit verschaffen, wo er sich befindet. Geographisch ist die Lage unklar. Doch der Geist ist ruhig. Er fühlt sich fast sicher. Fast.

Denn hier im Nirgendwo stimmt was nicht. Das Anwesen ist von jahrhundetealter Pracht. Verkommene Pracht – wenn er wüsste wie nah er an der Wahrheit ist mit seinen Eindrücken… Der Alte ist immer noch mürrisch. Ihn stört es, dass der fremde Eindringling überall herumstöbert. Und nicht aufhört Fragen zu stellen. In den Gesprächen schwant dem Flüchtigen, dass er in einem herrschaftlichen Haus sich eingenistet hat, und dass der Alte eine mehr als grundsolide Ausbildung genossen hat. Nur die hastig eingeworfenen Worte in einem unverständlichen Dialekt lassen die Neugier nicht verschwinden. Vor allem nach den weiteren Mitbewohnern. Die gibt es nach Auskunft des Alten aber nicht. Er lebe hier allein. Aber …  doch … er … habe … der Fremde ist verwirrt. Das war dich was. Ein Geräusch. Bei genauerem Hinsehen sind die Anzeichen für mehr als ein menschliches Leben im Haus nicht zu übersehen. Der Schein trügt nicht, doch die Erklärung haut den Erzähler aus den Schuhen…

Tommaso Landolfi inszeniert ein Horrorszenario, dass gänzlich ohne offensichtlichen Horror auskommt. Keine Monster, die speichelsabbernd und zähnefletschend auf menschliches Fleisch aus sind. Der Horror geschieht im Kopf. Wer einsam lebt, tut Sachen, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Jede Störung der Ruhe führt automatisch zur Katastrophe. Wie sich diese auswirkt … hat im diesen Fall nur der Autor in der Hand. So viel sei verraten: Er hat ein goldenes Händchen!

Mordsgedanken

Wie stolz waren wir doch als wir als Knirpse, dem Windelwechselwahnsinn endlich entronnen nach der Eins in logischer Reihenfolge die Zwei, die Drei etc. folgen lassen konnten. Zählen gehörte ab sofort zum Leben dazu. Das bedeutet aber auch, dass nach dem ersten Schritt zwangsweise ein zweiter zu folgen hat. „Endlich war sie weg.“ – Eins, zwei, drei, vier Worte, die unweigerlich weitere folgen lassen müssen. Jan hat sich getrennt. Endlich. Die Topfpflanze war nur ein Relikt aus alten Tagen. Öde Zeiten ins langweiligen WGs. Jetzt bewohnt er eine Maisonette-Wohnung in München. Allein. Die Kontaktliste im Handy ist nicht sonderlich ergiebig, wenn es darum geht eine ausgelassene sinnstiftende Party zu schmeißen. Doch sich weiterhin im Selbstmitleid zu suhlen, ist auch keine Lösung.

Um es kurz zu machen: Jan, Leopold, Hella und Sebastian treffen sich. Sie würden es nicht Party nennen. Dafür sind sie zu lebenserfahren, und Party ist was für Millennials oder gar die Gen Z (für die ist das ganze Laben eine andauernde Party). Man hat sich teils jahrelang nicht gesehen, geschweige denn mal miteinander telefoniert. Doch das Vertraute der Vergangenheit wischt über die Enttäuschung des jahrelangen Schweigens hinweg. Beginnende Altersmilde? Der Tisch ist gedeckt. Die Getränke sind kühl gestellt. Die Gäste kommen gleich. Ein perfektes Dinner wird es … vielleicht? … niemals? … oder doch?!

Es wird hitzig, modern, redselig, in Teilen philosophisch. Aber auch gehemmt. So wie bei einem Klassentreffen, bei dem die Beteiligten lieber unter sich in ihren angestammten Cliquen bleiben als dass sie jahrelang gepflegte Nichtbeachtung in warmherzige Neugier verwandeln. Man monologisiert – was immer nur denen auffällt, die selbst endlos immer wieder dasselbe schwafeln, nur eben mit anderen Worten (oder sind es nur Worthülsen ohne Inhalt?). Ja, die selbstgewählte Einsamkeit hatte schon was für sich. Jan ist hin- und hergerissen. Er weiß nicht, ob er sich mit den Essenseinladungen einen Gefallen getan hat. Denn hinter den Fassaden der erzählten Leben, unter den Oberflächen des Scheins brodelt das Feuer der Emotionen. Es sind nicht die guten Gedanken, die da wie Pickel an die Oberfläche treten. Es sind Eiterbeulen des Hasses. Doch erinnern wir uns: Das Buch heißt „Mordgedanken“…

Schöne Melancholie

Sie sind die Feuerwehr, wenn’s brennt, aber der Rauch sich erst noch entwickeln wird: Arnaud Delagrave und Jean-Claude Bonneau. Sie sind Spezialisten für Fälle, für die es keine Spezialisten gibt. Kurzum: Wenn beispielsweise in einer Mine zwölf Menschen ums Leben kommen, darunter zehn Inuit, die Firma aber unbedingt expandieren will, die Umweltschützer und die autochthone Gemeinde wegen des Minenunglücks (und der Toten) aber schon mit den Hufen scharren, dann ist man gut beraten die beiden zu rufen. Troubleshooter, Werbefachleute – es gibt unzählige Titel für Männer wie sie.

Arnauds Ausstrahlung trifft auch Amélie wie ein Blitz. Fast halb so jung wie er haben die beiden eine leidenschaftliche Affäre. Er versucht sich immer wieder einzureden, dass es keine gute Idee ist sich auf die junge Anwältin einzulassen. Aber was will man – was will er – machen?! Anziehungskräfte unterliegen in seinem Fall anderen Gesetzen als denen der Vernunft.

Das Unglück ist nun mal passiert. Nicht das mit Amélie, das ist kein Unglück, sieht man von den Frotzeleien seines Kollegen ab. Nein, die Rede ist vom Mineneinsturz der Drago Polar Mine. Und ja, es sind auch Inuit darunter. Ein ganz heißes Eisen für jeden, der darin verwickelt ist. Für die Drago Polar Mine kann es der Dolchstoß sein. Denn Unterdrückung von Minderheiten war und ist in Kanada immer noch ein Thema – wer Michel Jean liest, wird so manches Mal mit staunenden Augen ein neues Licht auf das ach so erstrebenswerte Kanada fallen sehen. Die Medien stürzen sich erwartungsgemäß auf das Thema. Die kann man nur partiell steuern. Das wissen Arnaud und Jean-Claude. Unerwartete Hilfe bekommen sie von Ben. Einem altgedienten Polizisten, Inuk und somit selbst Teil der Ausgrenzung. Er gibt den beiden den Tipp Nancy zu suchen. Nancy ist irgendwo untergetaucht. In einem Milieu, in dem man in Klamotten wie sie Arnaud trägt unweigerlich und sofort auffällt. In der riesigen Metropole Montreal ist die Suche nicht einfach. Doch Arnaud ist schlau und gewieft. Er findet Nancy. Sie kann ihm tatsächlich helfen. Und das wirft Arnauds komplettes Weltbild um. Das, was sie zu erzählen hat, ist Sprengstoff für Wirtschaft und Politik. Für Arnaud ist es der Wendepunkt…

„Schöne Melancholie“ – der Titel führt den Leser erstmal auf eine falsche Fährte. Schön ist hier kaum etwas. Und melancholisch sind diejenigen, die längst aufgegeben haben und im Alkohol ihre letzte Zuflucht gefunden zu haben scheinen. Während des Lesens muss man sich warm anziehen und so manches Unglück ertragen. Das gehört zum Lesen dazu.

Der Paketzusteller

Nur mal so ganz theoretisch: Kennen Sie Trolle? Diese kleinen fiesen Mistzwerge, die im Netz so allem und jeden eine Meinung haben. Vorrangig aber belehren und sich in den Vordergrund zwängen wollen. Viele von ihnen wissen um ihre assoziale Umgangsform in den sozialen Medien. Und das stärkt sie in ihrem Drang anderen eine aufs digitale Maul zu geben. Sie haben ja schließlich die Diagnose assozial und somit die Legitimation diese auch auszuleben.

Gerhild Pfister – eine Name wie ein Kanonenschusssssss – ist so eine. Facebook ist ihr Revier. Ziemlich schlau. Und manipulierend. Rigoros. Abstoßend. Sie meint es nicht gut mit dem Leben der Anderen. Doch nun schlägt Karma zurück. Ab jetzt meint es das Leben mit ihr nicht mehr gut: Sie hat Krebs. Wie schon man doch in Bildern das Wort „hope“ in Szene setzen kann, mit Steinchen, sinnüberfrachteten Sprüchen, endlosen Horizonten – boah, schon bei der Vorstellung hofft man auf ein schnelles Ende, um nicht noch mehr von diesem bedeutungsschwangeren Unsinn ansehen muss!

Abermals schaltet sich Karma ein. Haydar ist Paketzusteller. Und irgendwie sind Gerhild und Haydar – tja, was sind sie? Ein Paar? Verrückt aufeinander? Einander zugeneigt? Das wissen sie selbst nicht. Erst als Haydar nicht mehr da ist, beginnt für Gerhild ein neues Leben. Nicht im Netz, sondern ganz analog! Ihn im Netz zu suchen, ist für Gerhild eine Fingerübung. Im echten Leben, da draußen, ist es eine fast unlösbare Aufgabe. Was hat eigentlich Haydars Chef mit der Sache zu tun? Er hat definitiv was damit zu tun! Hat er? Nee, das kann nicht sein?! Oder hat er doch … Haydar ums Leben gebracht. Wenn das so ist, dann – Gerhild wächst zum ersten Mal seit Jahren über sich hinaus. Wie ein Transformer wird aus dem followerstarken Miesepeter eine gigantische Rachemaschine, die … letztendlich …

Der Showdown in diesem Buch ist eine Granate! Eine, die sofort explodiert und ein riesiges Trümmerfeld hinterlässt. Hat man am Anfang des Buches kaum Sympathien für den gallespritzenden Troll Gerhild, so gönnt man ihr nicht nur ob der Diagnose doch ein kleines Stückchen Glück. Als dies vom Tisch kullert, und der böse Hund auch noch die letzten Reste zu verschlingen droht – Achtung Sprachbild! – muss man sich selbst an die Leine legen, um sich nicht selbst in den Rachefeldzug einzureihen.

Richard Schuberth verwebt auf angenehme Weise moderne Unarten mit einem Schicksal, das ganz klassisch immer noch jeden treffen kann zu einem Rachekrimi, der nicht viele seiner Art neben sich dulden muss.