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Das Mundstück

Bei der Vergabe von sportlichen Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften fragt man sich des Öfteren nach den Gründen, warum gerade dieses Land oder diese Stadt ausgewählt wurden. Dass dabei immer der finanzielle Aspekt mehr als nur das Zünglein an der Waage war, ist nicht von der Hand zu weisen. Wie war das im Juni 2012? Polen und die Ukraine richten die Fußball-EM aus. Zwei Länder, deren Nationalmannschaften zwar nicht zum Fallobst für die vorherrschenden Größen im europäischen Fußball gelten, aber an diese beiden Länder hätte man niemals zuerst gedacht. Es wurde ein Fest für alle Beteiligten, schlussendlich. Und besonders die Ukraine rückte erstmals in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Kiew kannten viele. Auch Donezk war dank dem Verein Schachtjor Donezk bekannt. Aber Charkow (russisch) bzw. Charkiw (ukrainisch) kannte doch kaum jemand. Für ein paar Wochen, ein drei Vorrundenspiele war sie für jeweils neunzig Minuten der Nabel Europas. Die Millionenstadt fristet nun aber wieder ein Mauerblümchendasein.

Eine österreichische Fremdsprachenlektorin soll einen Reiseband verfassen. Dass es sich hierbei um die Autorin Bianca Kos handelt, lässt sich nicht von der Hand weisen. Fiktion und Realität treffen in „Das Mundstück“ auf exzellente Weise aufeinander. Die Suche nach Stoff für den Reiseband darf der Leser miterleben. Und bekommt so einen Einblick in das Leben einer Millionenstadt im Osten Europas, die blühen kann, es aber nicht darf.

Die Lektorin ergibt sich in ihr Schicksal. Arbeiten in einem Land, das ja eigentlich gar nicht so weit weg ist von zu Hause. Aber vor Ort sind die Unterschiede gravierend. Bürokratische Hürden sind da noch die lösbarsten. Sollte man meinen. Doch schlussendlich sind es genau die, die ihren Aufenthalt prompt und endgültig beenden werden. Es sind die Kleinigkeiten, die den Alltag so beschwerlich machen. Schuhe beim Schuster abgegeben, Anzahlung geleistet und … den Laden, die Baracke, die Hütte einfach nicht mehr wiederfinden. Sie ist einfach weg. Einfach so! Oder die Studenten, die ihr anvertraut wurden. Disziplin – mangelhaft! Stoisch wollen sie lieber lauschen als selbst aktiv zu werden. Und wenn sie sich regen, dann alle auf einmal und alle durcheinander.

„Das Mundstück“ ist nicht für einen Werbeprospekt der Stadt Charkiw geeignet. Die Liebenswürdigkeit der Menschen, hat man sich ihnen endlich nähern können, ist eine Erwähnung außerhalb der Stadt auf alle Fälle wert. Hier ist nicht alles perfekt. Im Gegenteil. Ebenso lässt das Engagement etwas zu ändern zu Wünschen übrig. Dennoch ist dieses Buch ein Muntermacher für die ermüdeten Ukraine-Nachrichten-Seher unserer Zeit. Mit Witz und Empathie der Autorin kommt man der ukrainischen Seele auf die Spur.

Liebe ist Nuttengerede

Es sind keine wildromantischen Country roads, die das Leben der Menschen in West-Virginias kleinen Orten durchziehen. Es sind Straßen, die einem von A nach B bringen. Sofern denn überhaupt nach B will. Chicago ist schon verdammt weit weg und nur für Wenige ein Sehnsuchtsort. Hier in den Bergen ist man unter sich. Enoch, Skeevy, Bo und wie sie alle heißen mögen, sitzen an der Bar. Trinken Bier, Whiskey. Wenn mal ein Sonnenstrahl ins Dunkel fällt, wirbelt er gleich Staub auf.

Breece D’J Pancake hat nur diese zwölf Geschichten aus seinem 27 Jahre währenden Leben hinterlassen, das vor vierzig Jahren zu Ende ging. Doch diese Geschichten zeugen von einem Leben, das von Entbehrung gekennzeichnet ist, das im Untertitel Desillusion aufblitzen lässt, das Träume zwar keimen, aber niemals gedeihen lässt. Doch am Ende des Tages dreht sich doch alles nur noch darum, dass es irgendwie weitergehen muss. Träume sind im besten Fall die Kirsche auf dem schmutzigen Eisbecher mit verdreckter Sahne.

Jagen, arbeiten, saufen. Mit den Huren quatschen. Sie alle nehmen sich nicht allzu ernst. Loyalität steht da schon höher im Kurs. Wer einmal die Hügel der Heimat verlassen hat, sollte am besten auch gleich fortbleiben. Wer wiederkehrt und sich als was Besseres sieht, ist unten durch.

Die Schnörkel in den zwölf Geschichten sind lange Geraden, die man niemals bis zum Ende beschreitet. Geographisch ist das nicht möglich, und so sind auch die Sinne maximal bis zur nächsten Biegung geschärft. Was dahinter liegt, ist erst einmal in weiter Ferne. Wenn man dort ist, kann man ja weitersehen. Doch schon vorher einmal den Kopf einschalten, wäre reine Verschwendung.

Roh, brachial, davon beseelt ein besseres Leben führen zu können, davon erzählen die Akteure. Wie sie das bewerkstelligen wollen, geschweige denn wie sie es anpacken wollen, davon ist keine Spur zu lesen. Es ist ein pures Leben. Das Weiß der Hoffnung liegt regungslos unter einem grauen, fettigen Schleier, dem selbst Omas Hausmittelchen nicht anhaben können.

Breece D’J Pancake – das D’J steht für Dexter – konnte dieser Wirklichkeit eine Zeitlang entkommen. Doch „die Welt da draußen“ war nichts für ihn. Wie so viele Große – Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, Amy Winehouse, Kurt Cobain – nahm er sich mit 27 Jahren das Leben. Spötter verweisen nur allzu gern auf die lediglich zwölf veröffentlichten Geschichten, die er hinterließ. Nicht mehr! Doch ist es doch genau dieses dreckige Dutzend, das so nachhaltig weiterleben wird. Schon allein der Titel „Liebe ist Nuttengerede“ lässt den Buchsucher aufblicken. So direkt – da muss doch mehr dahinterstecken. Tut es auch! Da mögen Kritiker ihm fehlende Tiefe vorwerfen – pah! Wenn der Boden gefroren ist, bohrt man einfach keine Löcher, möchte man ihnen ins blasierte Gesicht schreien. Die Oberfläche, die Breece D’J Pancake nicht nur an, sondern zerkratzt, hat mehr zu bieten als so mancher tiefgründige (preisgekrönte) Roman, den nach zwei Monaten kein Mensch mehr lesen kann. Diese Geschichten sind auch nach einem halbe Jahrhundert immer noch lesenswert!

A wie Antarktis

Da hat man nun die ganze Welt gesehen, Pizza in Neapel gegessen, Kokosnüsse am Pazifik genossen, einen Höhenrausch in den Anden erlebt. Und dennoch gibt es ein Land, einen ganzen Kontinent, über den man so gut wie gar nichts weiß: Die Antarktis. Das fängt schon bei der Namensgebung an. Die Griechen – nein, sie waren nicht dort, zumindest nicht die „Alten Griechen“, von denen man so gern spricht – gingen davon aus, dass jeder Punkt auf der Welt einen entsprechenden Gegenpunkt hat. Der Nordstern im Sternbild Bär, griechisch arktos – wie in Arktis – muss also irgendwo im Süden, dem Gegenteil des Nordens, also einen Gegenpunkt haben. Anti, ante, Antarktis – so einfach ist das!

Naja ganz so einfach ist dann doch nicht alles. Wenn man zum Beispiel die Antarktis auf einer Karte abbilden will, nimmt sie einen enormen Platz ein. Sie reicht vom linken Rand einer Karte bis zum rechten. Und dabei ist sie „nur“ 20 bis 30 Prozent größer als Europa, je nach Jahreszeit. Denn, wenn bei uns sommerliche Temperaturen herrschen, ist es am Südpol bitterkalt. Bis zu minus 89 Grad Celsius. Die höchste jemals gemessene Temperatur in der Wüste – ja, es ist eine Wüste, in der weniger Niederschlag fällt als in der Sahara – betrug plus 17 Grad Celsius.

Kindern einen so extremen Kontinent nahezubringen, ist ein schwieriges Unterfangen. Nur allzu oft tappt man in die Falle, und lässt es beim „Da unten ist es verdammt kalt“ einfach bewenden. Wobei das mit dem „unten“ auch schon wieder so eine Sache ist, weiß Autor David Böhm zu berichten. Es begegnet dem Kontinent, der nun wirklich allen gehört, auf dem mehrere Länder Forschungsstationen unterhalten, dem ewigen Eismeer mit Landmasse, mit dem nötigen Respekt. Zahlreiche Abbildung dienen dazu das geschriebene Wort noch einmal zu verdeutlichen. Die ausklappbaren Schautafeln sind das Highlight des Buches großformatigen Bandes. Von Amundsen bis Tierarten, von Landkarten bis Eisbergen, vom Leben in der Antarktis bis zu den zahlreichen Südpolen (nicht gewusst, dann wird es Zeit einen Blick in dieses Buch zu werfen) – wer als Elternteil dieses Buch nur dem Nachwuchs überlasst, wird früher oder später vom enormen Wissensschatz des Kindes überrascht werden.

Die Aufbereitung des Themas ist in diesem Buch erstklassig gelungen. Alles, was jetzt noch an Wissen fehlt, kann nur vor Ort erfahren werden. Am besten mit diesem Buch im Handgepäck, so wird es in der eisigen Ödnis niemals langweilig!

Stadtabenteuer Rom

Überall nur alte Steine und Gemäuer! Naja, ist halt Rom. Doch die Stadt am Tiber nur als Sammelsurium von rundgelaufenem Granit zu sehen, ist mehr als ein Frevel. Denn hier lauert hinter jeder Ecke Geschichte, Kultur und eine Unmenge an Abenteuern. Ein Stadtabenteuer Rom – das muss man sich gönnen!

Fangen wir bei diesem Stadtabenteuer am Ende an. Das empfiehlt sich in Rom wie in keiner anderen Stadt. „7-5-3 – Rom schlüpft aus dem Ei.“ Würde man wirklich am Beginn anfangen, würde aus dem Stadtabenteuer Rom eine ewige Reise werden. Obwohl das auch schon wieder passen würde … Wie in jedem Stadtabenteuer der neuen Reisebuchreihe des Michael-Müller-Verlages geben auch hier die Autoren, Sabine Becht und Sven Talaron, einen kleinen Ablauf vor, den man einhalten kann, aber nicht muss. Was kann man am Morgen erledigen, was am Mittag, und wie kann man den Abend gehaltreich in jeder Hinsicht gestalten? Das reicht dann von schmutzigen Füßen über Knochenjobs bis hin zu Ochsenschwanzpasta. Die beiden Autoren hatten sichtlich Spaß bei den Recherchen zu ihren Stadtabenteuern in Rom. Und den teilen sie nun mit dem Leser.

Dass Rom nicht gänzlich aus altem Gestein besteht, beweist ein Besuch des Palazzo Valentini. Ein multimediales Spektakel, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Doch es lohnt sich, weiß das Neugier-Duo Becht/Talaron zu berichten. Nobel war die Gegend schon immer, was den Begriff Upper-Class-Immobilie plastisch werden lässt. Nichts für Puristen, die Rom lieber Stein für Stein erkunden wollen. Meint man, doch allein dieses Kapitel im Buch lässt so manchen Experten in Sachen archäologischem Fachwissen verstummen.

So mancher Rombesucher hat sich schon über Eintrittspreise für so manche Errungenschaft geärgert. Da tun Tipps gut, die das Portemonnaie nicht weiter belasten. Die Giulia 19-21 sollten sich kulturinteressierte Pfennigfuchser notieren. Wohlige Klänge zur Mittagszeit an einem Sonntag. Der Ort: Ein kleines Theater. Live on stage: Schüler des Conservatorio Santa Cecilia.

Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die dann doch nicht auf das „übliche Touriprogramm“ verzichten wollen, was in Rom durchaus nicht mit einem Qualitätsmangel zu tun hat. Den Eintritt in die Vatikanischen Museen kann man sich zwar nicht schenken, dennoch kann man sich ein paar Euro sparen, wenn man online reserviert. Selbst die Onlinegebühr reißt da kein Loch mehr in den Sparstrumpf.

Rom muss man erleben. Die Fülle an Abenteuern lässt den Leser erstmal erstaunen. Die sollen alle in diesem 240-Seiten-Buch sein? Vielleicht nicht alle. Ganz bestimmt nicht! Aber die wichtigsten! Zusammen mit auserlesenen Tipps für Leib und Magen sowie den „Wenn man schon mal hier ist“-Infokästen wird Rom nun mehr kein Buch mit sieben Siegeln sein, sondern die Stadt auf sieben Hügeln, die dank Sabine Becht und Sven Talaron einige ihrer eindrucksvollsten Abenteuer preisgegeben hat.

Stadtabenteuer New York

The Ramones, Wale, Essen wie bei Oma und der wohl langweiligste Sport der Welt, wenn man die Regeln nicht kennt. Na klingt das nach Urlaub? Ein entschiedenes JEIN kann da nur die Antwort sein. Doch das monotone Rock Rock Rockaway Beach von Joey, Tommy und Johnny und Deedee macht noch keinen Urlaub perfekt, es sei denn, dass Rumhängen und Schmähgesänge auf Disco singen das Eilixier sind. Da braucht es schon mehr. So was wie Futtern bei Muttern. Oder noch besser: Nonnas, die ihre Küche der Kindheit für andere öffnen. Wie in der Enoteca Maria in Staten Island. Gar nicht weit vom Rockaway beach. Und überhaupt nicht monoton. Ein Baseballspiel für ein paar Dollar – auch wenn die Regeln nur Amerikanern wirklich sinnvoll erscheinen – kann auch schon eine Abwechslung sein. Monotonie? Nicht bei den Staten Island Yankees. Die haben mit den Yankees eines Babe Ruth oder Joe DiMaggio nur den Namen, aber nicht einmal die Spielklasse gemeinsam. Das Feuerwerk am Ende des Spiels – immerhin sind 14 zwischen Juni und September – hat Autorin Dorothea Martin noch am besten gefallen. Auch Monotonie kann aufregend sein. Was fehlt noch? Ach ja, Wale wurden eingangs erwähnt. Ist hier in Queens – wir sind zurück am Rockaway beach – etwa ein amerikanisch riesiges Aquarium mit den sanften Riesen der Meere? Ney, die tummeln sich hier nur a few miles vor dem beach. Wenn man Glück hat, kann man sie auftauchen und herumtoben sehen. Whalewatching ist immer Glückssache.

Eine Glückssache im herkömmlichen Sinn ist der außergewöhnlichste Titel der ersten Bände der Stadtabenteuer-Reihe. Denn New Yorks Extravaganzen in ein derart handliches Buch zu pressen, scheint auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Ohne groß nachzudenken, fallen jedem sofort ein Dutzend Dinge ein, die man in New York tun muss. Dann wäre das Buch schon voll. Dann hätte man aber auch nur das erlebt wie Millionen andere auch. Und dafür 300 Euro aus- und fast neun Stunden im Flieger in Kauf nehmen?

Dorothea Martin zeigt Big Apple wie er nur ansatzweise in ausgewählten Bänden am Rande vorgestellt wird. In ihren Stadtabenteuern kommt niemand auf die Idee völlig überdrehte Shoppingtouren auf der Fifth Avenue zu unternehmen oder stundenlang für die Besteigung von Lady Liberty auf sich zu nehmen. Das sind nur Nebenschauplätze, die für Erstbesucher interessant sind. Doch das New York in diesem Buch wird dem Besucher auf ewig verfolgen, in Gesprächsrunden (After-Vacation-Talks, gibt es sowas? Wenn nicht, dann jetzt) für Furore sorgen, und ein anderes New York sein als man es sich jemals vorstellen konnte. Dafür nimmt man doch gern Fluggebühren und Flugzeit in Kauf, oder?!

Stadtabenteuer Wien

Würde es Wien nicht schon geben, man müsste es glattweg noch einmal erfinden! Judith Weibrecht hat zwar Wien nicht neu erfunden. Aber ihre Stadtabenteuer Wien geben – wie alle Bücher der neuen Reisebuchreihe aus dem Michael-Müller-Verlag – der reichlich angestaubten Reisebuchbranche eine neue Note. Wer nun erwartet, dass Treppensteigen im Stephansdom als extraordinär einzuschätzen ist, liegt nicht ganz falsch, dennoch kann die Autorin immer noch einen draufsetzen.

Man fühlt sich in einer Metropole schnell allein gelassen. Auch wenn sie quasi vor er eigenen Haustür liegt. Das kann an der Andersartigkeit der Stadt liegen, an ihrem undurchsichtigen Verkehrssystem oder auch an der Sprache. Ja, Wien ist anders, der öffentliche Personennahverkehr ist exzellent organisiert. Doch ein Wiener mal richtig loslegt, ist man schnell mit seinen Deutschkenntnissen am Oarsch! Herr hilf mir, möchte man ausrufen. Besser sollte es heißen: Maria hilf! Denn im Stadtteil Mariahilf, wird einem wirklich geholfen. Eineinhalb Stunden Weanerisch im Dialektworkshop. Danach ist man nicht deppert, weiß, dass es sich gehört ein Servas in die Runde zu werfen, wenn man andere begrüßt und ist nicht länger irritiert, wenn man ein Sackerl angeboten bekommt.

So gewappnet kann der Streifzug durch die Donaumetropole losgehen. Nur ein Katzensprung entfernt liegt der Bauch von Wien, der Naschmarkt. Ein Paradies für alle Leckermäuler. Allerdings auch eine No-Go-Area für alle, die es gern mal etwas ruhiger angehen lassen. In den engen Gassen zwischen den Ständen fällt es zunehmend schwer die lukullischen Extravaganzen in den Auslagen auch wirklich genießen zu können. Doch es gibt einen Trick, den Naschmarkt auch wirklich und gänzlich zu einem Erlebnis zu machen. Während die Sonne sich langsam aus ihrem Nachtquartier schält, stiehlt man sich leise aus seiner Unterkunft. Das ist echte Weanerische Marktkultur! Und im Freihausviertel gleich nebenan kann man sich stärken und in so manchem Designerlokal ein neues Leiberl erstehen. Was das ist, weiß man ja noch aus dem Sprachkurs. Ob da allerdings schon am frühen Morgen die Türen mit einem Lächeln geöffnet sind?

Wer noch mehr Wien und noch mehr Mariahilf verträgt, der trinkt sich genussvoll durch die Kaffeekarte des Cafe Jelinek, kraxelt an einem ehemaligen Flakturm die Wände hoch und taucht im selben Gebäude in die Tiefen der Ozeane hinab. So ist Wien, so sind die Stadtabenteuer, so muss es sein!

Stadtabenteuer Berlin

Ich hab noch einen Koffer in Berlin – na hoffentlich ist da nicht dieses Buch drin! Dann fehlt nämlich was! Oder vielleicht es auch besser, wenn dieses Buch in diesem Koffer wäre. Dann hätte man wieder einen Grund nach Berlin zu reisen. Das Buch aus dem Koffer zu holen und für Stunden, Tage, Wochen unzählige Erlebnisse zu sammeln. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was besser wär. Fest steht jedoch, dass man Berlin ohne dieses Buch kaum als Abenteuertrip bezeichnen könnte.

Ein echtes Abenteuer, das für viele einmal überlebensnotwendig war, ist eine Tour durch die Unterwelt Berlins. Das hat nichts mit Luden Dealern und Ganoven zu tun, sondern mit Fluchttunneln. Eng und stickig war es hier, jetzt ist es ein Erlebnis für Besucher, die Berlin mal aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Eine ganz andere Sicht auf die Stadt (und das ist wortwörtlich zu nehmen) hat man am Alex. Und zwar nicht nur vom Fernsehturm, sondern auch vom Park Inn nur ein paar Minuten vom Vorzeigeturm der Hauptstadt entfernt. Wer hier oben steht, kommt aber nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels. Rasantes Abseilen an der Mauer aus ca. 125 Meter Höhe. Ein kurzer Kick, das ist es, was man, wenn man noch unten steht, sucht. Eine Überlegung, was man hier eigentlich tut, wenn man oben auf der zierlichen Plattform langsam emporgehoben wird, um anschließend gen Boden zu sausen. Und wieder am Boden? Schlotternde Knie und das befreiende Gefühl etwas getan zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird.

In diesem Tempo geht es weiter im Buch. Auf David Bowies Spuren, Kunst im Nazibunker – Obstlager – Technotempel, Streetart oder Verkehrsregeln missachtender Bikermob – hier ist der Titele des Buches Programm: Stadtabenteuer. Zeit und ein bisschen Kleingeld sollte man auf alle Fälle mitbringen. Wir sind in Berlin! Die Zeiten, in denen es was geschenkt gab, sind vorbei. Doch jedes Stadtabenteuer ist erschwinglich und nachahmenswert. So soll ein Urlaub sein!

Die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und langanhaltend im Kopf. Besonders zu empfehlen sind die Sidekicks „Wenn man schon mal hier ist“. Wie in jedem Buch der neuen Stadtabenteuer-Reihe, vervollständigen sie die Eindrücke und Erlebnisse der Autoren. Sie sind wichtig, um das vorgestellte Abenteuer – und es sind auch wirklich welche, nicht nur leere Worthülsen – voll umfänglich genießen zu können. Wer will schon Kreuzberg sehen, ohne den Kreuzberg zu sehen und den Viktoriapark? Zur Belohnung gibt’s Bockwurst mit Ausblick.

Mädchen brennen heller

Es beginnt so zärtlich. Purnima wurde nach dem Mond benannt. Ein zärtlicher Name für ein zartes Geschöpf. Doch schon die Antwort des Vaters, warum die Erstgeborene denn diesen Namen bekam, lässt das Unheil in weiter Ferne erahnen: Einer Prophezeiung nach würde dann ein Sohn geboren. Und der ist in der indischen Gesellschaft mehr wert! Da muss man erstmal schlucken. Nicht zum letzten Mal in diesem Buch von Shobha Rao.

Purnima ist die Älteste, muss im Haushalt und bei der Arbeit helfen – Purnimas Familie gehört zur Weberkaste. Und irgendwann, bald, wird sie heiraten. Sie wird verheiratet werden. Denn Heirat bedeutet einen Esser weniger in der Familie. Besonders, wenn der Esser eine Frau, ein Mädchen ist.

Purnimas Mutter ist krank. Krebs. Sie wird bald sterben. Die Hochzeit wird aus allen Gründen, außer menschlichen, notwendiger denn je. Ebenso wird eine Haushaltshilfe benötigt. Diese steht eines Tages in der Gestalt von Savita auf der Schwelle. Nur ein oder zwei Jahre älter als Purnima. Ihr Name bedeutet Sonne. Sonne und Mond- so unzertrennlich miteinander verwoben wie die beiden Mädchen, jungen Frauen. Savita ist die Rettung für Purnima. Sie zeigt ihr wie man sich aufdringlichen jungen Männern – die ja mehr wert sind – erwehren kann. Savita ist der Rettungsanker, den sich Purnima nicht einmal im Schlaf hätte vorstellen, hätte wünschen können.

Doch das Schicksal schlägt einmal mehr erbarmungslos zu. Savita von einem Tag auf den anderen nicht mehr da. Purnimas Leben scheint nun vorgezeichnet zu sein. Nach und nach findet Purnima heraus, was passiert ist. Eine abscheuliche Tat ist Savita widerfahren. So unwirklich, dass es kaum fassbar ist, was Shabha Rao da beschreibt.

Wer immer noch in der romantischen Vorstellung der indischen Gesellschaft lebt, dass hier alles in Harmonie verharrt, wird einen Denkzettel fürs Leben bekommen. Das Kastensystem erlaubt kaum Ausbrüche, geschweige denn Aufstiege. Mädchen stehen im Ehrenranking so weit hinten an, dass sie kaum existent erscheinen. Männer sind, egal welcher Kaste sie angehören, in jedem Belang überlegen. Dass Shabha Rao ihre Heldin Purnima den Ausbruch wagen lässt – Purnima sucht besessen nach Savita, reist durch Indien bis ans andere Ende der Welt – ist eine Revolution in der indischen Literatur. Armut und Missbrauch gehören in Purnimas Kreisen zum Alltag. Die allgegenwärtige Gewalt, das bedrückende Leben in unmenschlichen Verhältnissen sind das Salz in der Suppe dieses erstklassigen Romans. Der Kampf Purnimas gegen diese Regeln machen daraus ein schmerz- und schmackhaftes Mahl.

Amsterdam Stadtabenteuer

Entgegen des Vorurteils vieler gibt es mehr als nur einen Grund Amsterdam zu besuchen. Auch wenn Coffeeshops immer noch an erster Stelle der zu besuchenden Orte in der Grachtenstadt sind. Aber wie wäre es denn mit einem echten Vermeer, auf dem man selbst die Hauptattraktion ist? Unbezahlbar und vor allem unmöglich, weil der Künstler selbst seit über 350 Jahren tot ist! Nicht in Amsterdam. Hier ist alles möglich! Hält man sich an diese Prämisse, wird Amsterdam zu einem Erlebnis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Apropos vergessen. So mancher Amsterdam-Besucher bereut es im Nachhinein so einiges am Wegesrand übersehen zu haben. Tja, so ist das eben, wenn man nur eines im Sinn hat und die Reisehandbücher außer Acht lässt! Die Stadtabenteuer-Reihe macht es unmöglich sich herauszureden. Ein „Woher sollte ich das denn wissen?“ ist kein Argument mehr etwas vergessen zu haben. Diana Stănescu ist die Spielverderberin für alle, die bisher nur schnurstracks durch eine der meistbesuchten Städte der Welt geschlendert sind und schlussendlich doch nichts gesehen haben. Das beginnt beim eben schon erwähnten Porträt, das man von sich in historischer Kulisse anfertigen lassen kann. Und endet noch lange nicht beim kostenlosen Ticket für ein Konzert im Koninklijk Concertgebouw. Ja, kostenlos. Da es nur ein Ticket pro Person gibt, muss man sich allerdings die Mühe machen und selber anstehen. Wann und wo? Steht alles im Buch!

Da darf ein Restauranttipp á la Futtern wie bei Muttern nicht fehlen. Doch obacht – Amsterdam ist einzigartig. Im Moeders stehen die Mütter nicht zuhauf am Herd, sondern schauen von den Wänden den Gästen zu, ob sie sich denn auch benehmen, gerade sitzen und nicht mit dem Essen spielen. Derart viele Blicke auf sich gerichtet, wird man zum Musterkind.

In Amsterdam passt vieles zusammen, was anderswo auf der Welt nicht nebeneinander existieren kann. Die Moderne, die Wandelbarkeit der Stadt und die ältesten Lebewesen der Stadt in einem Viertel, das sich vom Lustgarten zur eher gehobenen Wohngegend entwickelt hat. Weesperbuurt heißt der Stadtteil und der Mikrobenzoo ist das Highlight unter den zahlreichen Museen der Stadt.

Wer bisher meinte, dass Amsterdam wo viel zu bieten hat, dass er auf einen Reiseband verzichten könne, kommt schon nach einigen Seiten zu der Erkenntnis, dass er bisher rundum falsch lag. Viele Reisebücher rühmen sich unentdeckte Hotspots aufgetan zu haben, die keiner kennt. Die man unbedingt gesehen haben muss. Ein Einfaches in einer Stadt, die seit geraumer Zeit darauf verzichtet Geld für Werbung nach außen auszugeben, da eh schon zu viele Touristen die Stadt (über-)bevölkern. Hier wird nicht marktschreierisch das Unbekannte herausgegrölt, hier wird es sanft und nachhaltig angeboten. Die Angebote sollte man aber annehmen!

Neapel oder Das Schweigen der Sirene

Der Titel des Buches nimmt die Reaktion des Lesers vorweg: Man hält inne und suhlt sich im Gelesenen. Nicht weil Autor Marc Buhl die geheimsten Geheimtipps offenlegt oder lauschigsten Hotspots ans Tageslicht befördert. Sondern weil er es schafft auf knapp zweihundert Seiten die Seele einer Stadt greifbar zu machen.

Ein hundert Jahre alter Baedeker ist der Startschuss für eine Reise, die er niemals vergessen wird und die dem Leser eine Stadt zeigt, die immer noch mit einem unheimlichen Image behaftet ist: Neapel. Nirgends auf der Welt ist man so sehr darauf bedacht seine Habseligkeiten immer im Auge oder in der Hand zu halten. Denn Langfinger gehören zu Neapel wie die Pizza Margherita. Was sicherlich zum Teil stimmen mag. Auch hier ist es auch nicht gefährlicher als in den dunkelsten Ecken von Moskau bis Rio.

Neapel ist für Marc Buhl wie ein Magnet. So wie Odysseus der Sirene Parthenope widerstehen musste, um mit seinen Gefährten den heimischen Hafen erreichen zu könne, so sehr erliegt Marc Buhl dieser Stadt. Die Sirene mag schweigen, doch der Ruf der Stadt ist stärker.

Die Außenansicht der Dinge verwandelt sich rasch in eine tiefgehende Innenansicht. Und das nicht nur in den Abschnitten über die Unterwelt der Stadt am Golf. Der malträtierte Begriff von den Streifzügen bekommt in Marc Buhls eine neue Bedeutung. Er läuft durch die Straßen und Gassen, streift hier und da umher und ist stets mittendrin. Einmal so sehr, dass er sich wünscht nicht so tief eingetaucht zu sein. Am Ende dieses Erlebnisses blutet die Nase, ist da Portemonnaie leer, aber dafür sitzt er anschließend an einem reich gedeckten Tisch.

Realität und Fiktion laufen in diesem Buch nicht nebeneinander her, sie bedingen sich und verschmelzen im Reigen der Worte zu einem Gesamtwerk, das man als potentieller Neapelbesucher unbedingt gelesen haben muss. Die Bilder, die Christian Seeling zu diesem Buch beigesteuert hat, sind mehr als Beigabe zu den einzigartigen Texten. Sie unterstreichen das Geschriebene und bereiten ein fruchtbares Beet für Neugierige. Faszinierende Nahaufnahmen und doppelseitige, an Suchbilder erinnernde, Aufnahmen rotzen den Klischees der dahinsiechenden Stadt und vermitteln ein wahres Bild einer großartigen Stadt.