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Bukuríe

Es ist schon ein besondere Melange, die die Autorin Melamar in ihrem Buch „Bukuríe“ dem Leser anbietet. Rita kam als Kind aus Siebenbürgen nach Wien. München war das eigentliche Ziel, doch die Asylgesetze verhießen ihrer Mutter und ihr keine rosige Zukunft. So blieben sie in Wien bei der Tante der Mutter „hängen“.

Pablo Eltern flohen in den 70ern vor der Junta in Chile. Er selbst wurde in Wien geboren. Mit Chile verbindet er nur die ewigen Diskussionen der Eltern über ihre Flucht, ihre Sehnsüchte und die Angst vor Repressalien. Das Land seiner Eltern hat er nie besucht.

Bukuríe stammt aus dem Kosovo. Sie ist Roma. Sie wurde schon einmal abgeschoben – von Deutschland nach Rumänien. Weil die Behörden ihr Albanisch nicht für Albanisch genug hielten, um sie als Kosovarin feststellen zu können.

Rita hat den Laden ihrer Großtante übernommen. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – es reicht zum Leben und ab und zu macht sie sogar richtig gute Geschäfte. Pablo hat die Musik als Leidenschaft gegen den sicheren Job bei der Bank und endlosen Pessimismus getauscht. Ihn ärgert es, dass Rita nicht mehr aus ihrem Laden, ihrem Leben, machen will. Als sie dann auch noch die Roma Bukuríe in ihrem Laden wohnen lässt, ist Pablo am Ende seines Lateins. Er und Rita, das war mal was Großes. Mit Ideen, Träumen und Plänen einer bunten Zukunft. Jetzt herrschen Grau und Alltagstristesse.

Dass Bukuríe Farbe und Fröhlichkeit in ihr Leben bringt, kann er schon gar nicht mehr realisieren. Zu sehr sitzt er in seinem Sauertopf und sucht nach dem Schlechten in der Zeit.

Bukuríe hat eine harte Zeit hinter sich. Sie verkauft Zeitungen auf der Straße und besitzt die Gabe die Menschen wahrlich lesen zu können ohne das Alphabet zu beherrschen. Ihr umwerfendes Lächeln und die Möglichkeit mit einem Fremden in ihrer Sprache sprechen zu können, lässt eine tiefe Beziehung zwischen ihr und Rita erwachsen. Nur Pablo ist außen vor. Er fühlt sich wie das fünfte Rad am Wagen. Weder Rita noch Bukuríe können ihn in ihren Kreis des Friedens hineinziehen…

Melamar gelingt es mit „Bukuríe“ eine anrührende Integrationsgeschichte dem Leser an die Hand zu geben. Drei Menschen, die mehr oder weniger das Schicksal des Anderen eher verstehen als die meisten in ihrer Umgebung. Doch alle Drei haben unterschiedliche Herangehensweisen mit sich und diesen Schicksalen umzugehen. Unbekümmerte Fröhlichkeit, dankbare Ergebenheit und grundlose Schwarzmalerei müssen noch lernen sich die Hand geben zu können.

Ich beantrage Freispruch!

Er hat ein bisschen was von Hans Albers. Markantes Kinn, stechender Blick und die Schaffenszeit passt auch auf alle Fälle. Doch es ist nicht der blonde Hans von der Reeperbahn, es ist der brillante Erich aus Berlin Moabit. Strafverteidiger seines Zeichens. Dr. jur. und Dr. phil. Was der Ruf von Kommissar Gennat in der Kriminalpolizei war, war Erich Frey für die Anwesenden im Gerichtssaal. Ein Star, begehrter Anwalt der Ganoven, gefürchtete Zunge der Ankläger und Richter. Im Exil in Chile, wie so viele musste auch dieser erstklassige Fachmann während des Naziterrors Deutschland verlassen, schrieb er seine Erinnerungen auf, die nach einem halben Jahrhundert nun endlich wieder als Lesebuch für alle Neugierigen zur Verfügung stehen.

Freys Erinnerungen beginnen gleich mit einem echten Paukenschlag. Wer nun erwartet, dass es gewiefter Winkeladvokat zum Besten gibt wie er die Judikative zum Narren hielt, wird staunenden Auges verblüfft werden. Friedrich Schumann steht Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vor Gericht. Im Falkenhagener Forst soll er mehrere Menschen ermordet haben. Elf Morde werden ihm angelastet. Einen Tag vor Prozessbeginn springt sein Verteidiger ab. Dr. Frey kommt gerade des Weges als man ihn bittet das Mandat zu übernehmen. Viel Arbeit, wenig Zeit … und erst Recht keine Chance auf Freispruch. Doch das Todesurteil kann und will Dr. Frey verhindern. Nichts davon wird sich erfüllen. Der Schlosser Friedrich Schumann wird zum Tode verurteilt. Sechs Morde konnten ihm nachgewiesen werden. In der noch jungen Weimarer Republik tut man sich schwer Todesurteile rasch zu vollstrecken. Das kommt Dr. Frey zu pass. Er legt Revision ein. Doch sein Mandant ermutigt ihn diese zurückzunehmen. In den darauffolgenden Monaten besucht Dr. Frey Schumann so oft es seine Zeit zulässt. Schumann entlockt ihm das Versprechen ihn postwendende zu informieren, wenn er Vollstreckungstermin feststeht. Im Mai 1921 muss Dr. Frey Schumann mitteilen, dass er noch ein Vierteljahr zu leben hätte. Ab diesem Moment – so erfährt der Verteidiger von den Wächtern – schläft Schumann wie ein kleines Kind. Er ist erleichtert. Kurz vor der Hinrichtung fasst sich Schumann ein Herz und gesteht. Nicht nur die sechs Morde, die sind ihm zweifelsohne anzuheften. Auch nicht die fünf weiteren Morde, deren er angeklagt war. Nein, in Summe fünfundzwanzig Morde gesteht Schumann dem baff erstaunten Anwalt. Der sieht darin die Tat eines nicht Zurechnungsfähigen. Was die Aussetzung der Todesstrafe zur Folge hätte. Doch Schumann will sterben…

Würde Dr. Dr. Erich Frey heute praktizieren, wäre er bestimmt keiner dieser betroffenheitskitschigen „Anwälte“, die im TV sinnfreie Sprüche wie „Wenn der Täter der Täter ist, dann ist er der Täter und muss bestraft werden. Dafür werde ich kämpfen. Wenn es sein muss bis zum bitteren Ende.“ Er wäre auch keiner, der vor einer Bücherwand als „Experte“ Paragraphen in „normales Deutsch“ übersetzen würde. Er wäre Anwalt. Nicht mehr nicht weniger. Seine Memoiren aus den Gerichtsälen sind heute, fast ein Jahrhundert später, nicht minder spannend als zu der Zeit als sie wie eine Erzählung vom gestrigen Abend klangen. Mitglieder der so genannten Ringvereine – Clan-Kriminelle ohne familiären Hintergrund – nahmen sich Dr. Frey zum Anwalt. Für ihn war das Gesetz nicht dehnbar.

Das Nachwort dieser Biographie gehört Dr. Regina Stürickow, die mit ihren Büchern über die dunklen Seiten der Hauptstadt Berlin schon so manchem Leser Schauer über den Buchrücken jagte. Zum ungefährlichen Eintauchen in die Unterwelt Berlins in Goldenen Zeiten kommt man an diesen engagierten Memoiren einfach nicht vorbei.

Lissabon

Es gab Zeiten, in denen eine Reise nach Lissabon einer Reise ans Ende der Welt gleichkam. Und das obwohl von hier Reisen an selbiges begannen. Heute pflegt die Stadt ihr Image als geheimer Hotspot am westlichen Rand Europas. Jetzt kommt man von allen Enden der Welt, um Lissabon zu besuchen. Autor Johannes Beck erlag der Faszination der Stadt auch. Als Zivi und kurze Zeit später lernte er die Stadt kennen und vor allem lieben. Die zehnte Auflage des Reisebandes MM City Lissabon ist nicht nur ein kleines Jubiläum, es ist vor allem ein Reisebuch, das dem Besucher eine Stadt aufzeigt, die sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt hat und sich dennoch ein paar Fleckchen ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat. Und diese gilt es zu entdecken.

Lissabon hat sich wie viele andere Städte auf Touristen eingestellt. Schnelle Wege zu den Hotspots der Stadt erleichtern es dem Spontantouristen vieles ganz schnell zu erreichen. Nachteil: Alle sehen dasselbe. Für einen Ein-Tages-Trip nicht ungewöhnlich und sehr erleichternd, doch Lissabon hat dann eben nur gesehen. Es wirklich erlebt zu haben, kann man so nicht behaupten.

Dieses Buch ist vollgestopft mit Reisetipps, die jedem Touristen in die richtige Richtung lenken. Das beginnt bei Ratschlägen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln – ja, die Straßenbahnen in Lissabon sind nostalgisch, tragen aber bei entsprechender Planung ein gewaltiges Sparpotential in sich, Stichwort rechtzeitig Tickets kaufen – und es endet noch lange nicht mit allen Sinnen beeindruckenden Spaziergängen. Von denen gibt es übrigens ein ganzes Dutzend in diesem Buch, die schon beim Lesen die Stadt erstrahlen lassen.

Dass Gegensätze sich anziehen, stellt beispielsweise Tour 7 unter Beweis. Campo de Ourique ist ein Viertel, das von der Kuppel der Basílica da Estrella überragt wird. Das Lissabon des Herzens ist hier zu Hause. Die Tour ist aber nicht allein ein Spaziergang auf totem Pflaster, es ist mehr ein Boulevard der weichenden Dämmerung. Denn der zweite Teil führt in nach Amoreiras, das von einem futuristischen Einkaufszentrum nicht minder bestimmt wird. Und der Spaziergang führt in die Unterwelt. Physisch, nicht sinnbildlich! Mãe d’Agua lautet das Zauberwort, von hier wurde Lissabon mit kostbarem Nass versorgt. Eine Führung lohnt sich und Gummistiefel braucht man auch nicht.

Johannes Beck zeigt dem Leser / Gast ein Lissabon, das er vielleicht schon aus Reportagen zu kennen glaubt, garniert es ausreichend mit versteckten Ohos und Ahas, dass man das Gefühl bekommt die Stadt schon ewig zu kennen. Besonders die farbig unterlegten Kästen („Lissabon im Kasten“) enthalten genug Stoff, um hinterher mit seinem Fachwissen angeben zu können. Ein unverzichtbarer Begleiter durch eine Stadt, die man nach dieser Lektüre doch nicht so gut kannte wie man dachte.

Heimliches Berlin

Heimelig oder heimlich? Franz Hessel entschied sich für heimlich. Wobei sich für ihn nicht die Frage stellte, ob er sich in Berlin jemals heimelig fühlte. Es war seine Heimatstadt. Die Stadt, die so viel Einfluss auf ihn hatte wie nur auf wenige Autoren zuvor.

Wendelin von Domrau gehört zu einer Clique von Leuten, die dem Glück nachjagen. Aber ohne dabei ins Stolpern zu kommen. Man lässt das Leben auf sich zukommen. Generation X Null Punkt Null. Die Personen einzufangen, ist schwer. Sind sie Schwerenöter ohne Gewissen? Depressive Gestalten der Nacht? Hedonisten mit Hang zur Morbidität? Ein entschiedenes Jein kann hier nur die Antwort sein.

Wendelin will weg. Aber auch wieder nicht. Der Antriebsmotor stottert. Karola macht ihm ein Angebot nach Italien durchzubrennen. Doch eigentlich gehört Karola zu Clemens, einem Freund. Dann ist da noch ein Fabrikant. Reich, ja, und wie. Auch er könnte für Karola der Startpunkt in ein neues Leben sein.

Und so schreitet man durch das alte Berlin, betrinkt sich und gibt sich mühseligen Diskussionen auf mittelmäßigem Niveau hin. Langeweile? Nicht im Geringsten! Franz Hessel verdichtet einen Tag im Jahr 1924 auf reichlich einhundert Seiten, so dass das von Autoren so gefürchtete L-Wort nicht keimen oder gar Wurzeln schlagen kann.

Die Sprache des Buches ist nicht modern. Und modern zugleich. Resedafarben – das kommt dem Leser schon mächtig altbacken vor. Und den Personen im Buch nicht minder – es ist ein gelbgrüner zarter Farbton. Wendelin sticht aus der Gruppe heraus. Nicht durch besondere Kleidung oder übertriebenes Getue, nein, vielmehr durch seine Gesamterscheinung. Offenbar ist er – zumindest sprachlich – seinen Leidensgenossen um Einiges voraus. Warum also nicht das Erlernte anwenden? Nur um dem Spott zu entgehen? Nein, Wendelin, der in Wahrheit zum größten Teil aus Franz Hessel besteht, geht unbeirrt seinen Weg. Sein Dilemma ist, dass er die Karte verloren hat.

Und so ergötzt sich der Leser an einer Sinfonie der deutschen Sprache, schlicht und präzise, gewählt und rund. Eine echte Wohltat im Dschungel der Moderne.

Pistolen-Franz und Muskel-Adolf

Nostalgie und organisiertes Verbrechen passt nur in Filmen wie „Der Pate“ so richtig zusammen. Da steht jeder für den Anderen ein. Doch wehe, wenn einer mal querschießt! Dann gibt’s was auf die Mütze!

Regina Stürickow kennt sich mit der Berliner Unterwelt vergangener Zeiten bestens aus. Ihre Bücher über Täter und Jäger sind ein Füllhorn an Anekdoten und Fakten. Was bisher in ihren Büchern nur anklang, wird in „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“ genauer unter die Lupe genommen: Die Ringvereine. Ursprünglich und vor allem nach außen waren sie gemeinnützige Vereine, die es entlassenen Strafgefangenen erlaubten die erste Zeit nach dem Knast zu überstehen. Doch im Inneren waren sie straff organisierte Verbrecherorganisationen. Sogar mit Satzung, Strafenkatalog und eigener Gerichtsbarkeit. Sie sorgten in ihrem Kiez für Ordnung. Wer also meinte sich illegal in deren Umgebung eine goldene Nase verdienen zu können, endete oft mit einer blutigen Nase auf dem harten Pflaster der Hauptstadt. Zehn Ringvereine bildeten den Großen Berliner Ring. Zu ihnen gehörten so klangvolle Namen wie „Immertreu“, „Vergnügungsverein Glaube, Liebe, Hoffnung“ oder der „Spar- und Geselligkeitsverein Libelle“. Letzterer trat besonders durch Einbrüche hervor. Die Beute wurde dann gewinnbringend zum Schleuderpreis weiterverkauft. Wodurch die Kasse des Vereins prall gefüllt wurde.

Und wenn die Kasse mal leer war, wurden Sammelrunden veranstaltet. Wie 1930. Der Geselligkeitsverein Friedrichstraße wollte nach Tirol in die Ferien fahren. Schatzmeister Goldzahn-Bruno (das waren noch Spitznamen!) besorgte die Tickets und … verschwand mit der restlichen Kohle. Dreizehntausend Mark. Mehr als nur eine Stange Geld. Er war sich seiner Sache so sicher, dass er damit durchkommen würde, dass er es nicht für nötig hielt die Stadt zu verlassen. Und es kam wie s kommen musste. Man fand ihn, verfolgte ihn, schnappte ihn und führte ihn seiner „gerechten Strafe“ zu.

Die Nazis schoben den Ringvereinen einen Riegel vor. Viele Ringvereinsmitglieder, Ringer war kaum einer von ihnen, wurden in Konzentrationslager gesteckt. Erst nach dem Krieg sollten ihre Geschäfte kurzzeitig wieder aufblühen.

Es war ein deutsches Phänomen, dass sich Gangster und Ganoven so strukturiert organisierten. Berlin, Dresden, Hamburg – überall gab es diese Vereine. Doch Berlin war die Hochburg. Wurde ein Verein verboten oder verschwand aus welchen Gründen auch immer von der Bildfläche, war schon für Nachrücker gesorgt. „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“ erzählt nicht von der guten, alten Zeit. Es ist ein Archiv dessen, was unter der Oberfläche gärte und gedieh. Regina Stürickow gebührt das Lob sich unbeirrbar Archive zu durchforsten und diesen Wirrwarr an Verflechtungen ans Tageslicht zu holen. Angereichert mit allerlei Geschichtchen ist so ein Buch entstanden, das als Reiseband in eine vergangene Zeit in eine immer noch (oder wieder) spannende Stadt angesehen werden kann. Denn die angegebenen Adressen wurden von der Autorin aktualisiert (nicht jede Straße Berlins hat die Wandlungen ohne Namensänderung überstanden). Die zahlreichen abgebildeten Belege und die heutzutage fast schon zum Schmunzeln anregenden Vereinsbilder runden das Bild des kompletten Kriminalbandes ab.

Leb wohl, Berlin

Der Herbst 2018 stand ganz im Zeichen Berlins. Das babylonische Treiben zog Fernsehzuschauer in Scharen vor die Glotze. Und alle fanden es chic und schnieke diesem Berlin bei einem Kurzbesuch auf die Spur zu kommen. Doch es war halt alles nur Fiktion.

Christopher Isherwood, der Weltreisende mit dem eingebauten Radar fürs Besondere im Alltäglichen, war auch in Berlin. Doch er hat dieses Berlin, das den Herbst noch bunter machte, selbst erlebt. 1929 setzte er zum ersten Mal einen Fuß auf märkischen Boden. Vier Jahre sollte seine Spürnase in Berlin schnüffeln, aufsaugen und seine Hände dieses Berlin in Buchform verewigen.

Auch seine Figuren sind fiktional, orientieren sich aber stark an echten Typen, die Berlin zu jener Zeit den echten Glanz verliehen. Die berühmteste ist zweifelsohne Sally Bowles. „Cabaret“ soll ihr Denkmal werden. Als Isherwood sie trifft – Realität und Fiktion verschwimme in diesem Band auf wundersame undwunderbare Art und Weise – erwacht Berlin im Scheinwerferstrahl des Hedonismus. Mr. Issiwu wie ihn seine Vermieterin nennt, ist ständiger Begleiter und Beobachter dieses Berlins, das sich noch einmal für die große Party rausputzt. Denn schon bald regiert der braune Terror. Die ersten Ausuferungen sind schon da. Prügeleien und Pöbeleien auf offener Straße werfen ihren angsterfüllenden Schatten voraus, während in den Sälen unter den Kronleuchtern Champagner in Strömen fließt, die Bühnen zum letzten Mal ein Beben verkünden, das bald schon Donnergrollen weichen soll.

Es sind aber nicht nur die Zeilen, die dem Leser hier in eine Zeit entführen, die die Phantasie beflügeln. Christine Nippoldt ist die kongeniale Begleiterin an Isherwoods Seite. Ihre Illustrationen helfen dem Leser nicht nur auf die Sprünge das Gelesene vor Augen zu haben, sondern springen den Leser an, dass er eintauchen kann in eine Welt, die so weit weg zu sein schien.

Dieses Berlin hat nichts mit der so genannten Hipsterkultur der Berliner Gegenwart zu tun. Man trank richtigen Alkohol ohne exotische Zutaten, rauchte puren Tabak, kein flüssiges Gemisch, dessen Namen mehr an Pornodarsteller als Markennamen erinnern, und man feierte aus ganzem Herzen, weil man es wollte und nicht nur, damit das Social-Media-Profil einen hübschen Zuwachs verzeichnen kann. Jede Zeile in diesem Buch, jede Abbildung lässt den Wunsch im Leser erwachen, sich frisch frisiert und im besten Zwirn der Lebenslust hinzugeben.

Pariser Romanze

Stahlgrollen und Erdfetzen im Gleichklang mit dem sanften Wiegen der Baumkronen im Wind und der Ruhe vor dem Sturm. Arnold Wächter ist im Krieg. Und wenn der Wind leise durch die Natur schwebt, nutzt er die Zeit seinem Freund Claude Briefe zu schreiben. Er beklagt sich nicht über Kommissbrot, dreckige Uniformen und die Angst vor den Bomben. Er erinnert sich lieber an Paris. Denn diese Stadt hat ihn an- und er sie ausgesogen.

Paris ist für Arnold Wächter zweite Heimat geworden. Der Name lässt es vermuten, er ist Deutscher und hat sein Heimatland verlassen. In Paris lernt er Lotte kennen. Sie will malen, und er wird ihr seine Stadt zeigen. Das fast schon verklärte Paris der Künstler, in dem Drogen und zwanglose Beziehungen zum guten Ton gehören wie der Dame die Tür aufzuhalten.

Diese Erinnerungen an Paris, die er Claude  schreibt, sind eine Liebeserklärung. Paris als Stadt der Fremden, die Paris formen und die diese Fremden, besonders die Deutschen, anspuckt. Dieses Paris spuckt aber auch einen künstlerischen Ausdruck aus, der nach dem Krieg nie wieder so stark zu hören sein wird wie vor 1914. Das ist dem Ich-Erzähler Wächter klar. Wehmut? Keineswegs! Wenn dieser widerwärtige Krieg zu Ende ist, wird Paris für ihn wieder Paris werden. Allerdings ohne Lotte. So viel steht fest.

Franz Hessel und Arnold Wächter haben viel gemeinsam. Sie zog es weg aus der grauen Enge ihrer deutschen Heimat in die Weite der Weltstadt Paris. Apollinaire und Picasso gehören hier zum Inventar wie Champagner und Baguette im Café um die Ecke. Es ist die Leichtigkeit der Zeilen, die den Leser nach der letzten Zeile fasziniert zurücklässt. Doch der Leser ist nicht allein. Er weiß, dass Franz Hessel die gleich Sehnsucht nach Sein, Montmartre, Montparnasse und niemals ruhen lassen wird. Dieses Paris – und da hatte Hessel leider vollkommen recht – ist heute ein anderes Paris. Es sind andere Schätze, die den Besucher anziehen. Umso verlockender diese Erinnerungen an Paris vor den großen Kriegen, die so viel veränderten.

Und bevor jetzt Zyniker die Bühne betreten, sei allen Lesern versichert, dass nicht der Krieg diese wunderbaren Erinnerungen hervorruft, sondern nur ein Könner seines Fachs wie Franz Hessel solche Schätze entwerfen konnte.

Der Kramladen des Glücks

Gustav ist ein echter Glückspilz! Er strahlt die Welt an und sie strahlt zurück. Doch das Glück bekommt schon früh Risse. Denn Gustav ist sensibel. Nicht im Sinne, dass er bei jeder Kleinigkeit anfängt zu heulen, sondern, dass er ein aufmerksamer Beobachter ist. Sein älterer Bruder Rudolf nimmt sich gezwungenermaßen seiner des Öfteren an. Das machen große Brüder so. Widerwillig und pflichtbewusst.

Die Zeit vergeht und Gustav wächst heran. In München will / soll er Jura studieren. Doch das Studium reizt ihn kaum. Und so verbringt er mal Zeit in Vorlesungen in Ägyptologie oder anderen Studienfächern. Und er verbringt Zeit mit Frauen.

Die sehen in ihm allerdings nicht den Mann fürs Leben. Geliebtes Anhängsel, gesprächiger Begleiter, romantischer Zeitvertreib – für Gustav gibt es viele Bezeichnungen. Doch Liebhaber, potentieller Gatte – das wird er niemals sein. Irgendwo zwischen Hansguckindieluft und Bohème ist er anzusiedeln. Ihn stört es kaum. Bis auf die Sache mit den Frauen. Das würde schon ganz gern in den Griff bekommen.

„Der Kramladen des Glücks“ ist der erste Roman von Franz Hessel. Er erschien 1913. Schon allein der Titel macht neugierig. Was ist denn gerade im Angebot in diesem Laden? Irgendeine Empfehlung? Ja! Lesen! Wie ein unschlüssiger Kunde streift man durch diesen Laden und ist fasziniert von der Vielfalt der deutschen Sprache. Hessel verleiht seinem Helden Flügel. Die benutzt der jedoch nicht, um großartige Expeditionen zu unternehmen, sondern vogelfrei herumzuflattern. Nie ganz dem Kindesalter entflohen, darf er sich auch so benehmen. Gustav kann man nichts übel nehmen.

Er ist ein ewig Suchender, von dem man weiß, dass er niemals ankommen wird. Und man möchte es auch nicht. Wie ein Voyeur betrachtet man aus sicherer Entfernung wie sich Gustav in Liaisons verrennt und kläglich scheitern muss. Die Risse im Herzen kittet er schnell und nachhaltig. Was ihn nicht davon abhält weitere Verletzungen in Kauf zu nehmen. Ihn sachlich nüchtern als fünftes Rad am Wagen zu bezeichnen, käme seinem Naturell in keiner Weise nahe.

In diesem Kramladen findet jeder etwas. Ein Sammelsurium des Glücks und der Verzweiflung, aber niemals die Rumpelkammer eines Sünders. Es ist ein aufgeräumter Laden, den man gern betritt, weil man immer fündig wird. Der Preis ist ein lang anhaltendes Lächeln. Was will man mehr?

Sugar Dead

Da sitzen sie nun im Beisl und diskutieren über die Sachen, die sie umtreiben. Oberst Karl Tannhacker vom LKA Wien, Abteilung Gewaltverbrechen und der Grafiker Jonny Graberth. Eine dieser Sachen ist der Mord an Edwin Kohut-Bäumler. Der hatte im Sechsten Bezirk, Mariahilf, für seine, tja, wie soll man sie nun bezeichnen? Gespielin? Seine Affäre?, eine Wohnung freigehalten. Nun ist er tot. Erschossen. Mitten ins Herz.

Auch Alfons Wyskidensky schied relativ schmerzlos aus dem Leben. Der Bauunternehmer war wie Kohut-Bäumler gern im „Sugar Dad“ anzutreffen. Hier war das schummrige Begegnungszentrum von jungen Damen und älteren Herren. Alles kann, nichts muss! So verkaufte es der Besitzer.

Der Tod von Hans-Werner Strohmer bringt allerdings noch mehr diffuses Licht in diesen undurchsichtigen Fall. Denn er konnte sich das „Sugar Dad“ bzw. das Personal gar nicht leisten. Ihm gehörten keine Immobilien, er baute auch keine. Er war pensionierter Bahnbeamter. Drei Morde. Dreimal das Wort „Kinderficker“ mit Lippenstift an den Badezimmerspiegel geschrieben. Man müsste irgendwie an die Person rankommen, die diese drei Herren miteinander verbindet. Aber wie?

Neunzehn Jahre zuvor: Dem Ehepaar Scherwath wird eine Tochter geboren, Auxiliadora, die Helferin der Christen, soll sie nach dem Willen ihres Vaters heißen. Das Kind wächst heran. Sie ist höflich, zuvorkommend, fleißig, eloquent. Schon im Teenageralter ist sie jedoch zu höflich und zu zuvorkommend… Eigenschaften, die ihr immer wieder Probleme einbringen werden. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht! Bis zu dem Moment, in dem ihr das Blaulicht das Gesicht erhellt. Tannhackers Vorgesetzten bleibt nur eine Wahl, das junge Ding mit dem vielsagenden Namen festzusetzen und anzuklagen. Doch Tannhacker und vor allem Graberth kommen gehörige Zweifel auf…

Alexander Kautz spielt keine Spielchen mit seinen Ermittlern. Sie wittern heiße Spuren, wischen falsche Fährten mit einem Handstreich vom Tisch und verlassen sich auf ihren gesunden Menschenverstand. Klischees haben in diesem dichten Krimi keinen Platz. Der Amateur Graberth ist keine lästige Fliege, die vom Profi Tannhacker immer wieder genervt von der Backe verjagt werden muss. Er ist Ideengeber und darf sogar auf eigene Faust ermitteln. Dabei hat er selbst genug zu tun. Labradormischling Foster fordert liebevoll Zuneigung ein. Seine Freundin Jessy fordert mehr gemeinsame Zeit ein. Und der Job erledigt sich auch nicht von allein.

„Sugar Dead“ führt den Leser durch ein Wien, das von Gewaltverbrechen durchdrungen ist, dessen Leben aber nicht dadurch allein bestimmt wird. Empathie und Wortwitz – abgeschmeckt mit einer ordentlichen Portion Schmäh – bauen sich vor dem Leser auf und lassen ihn herzhaft miträtseln, wer denn da im Hintergrund die Fäden und am Abzug zieht.

Tallinn

All in, Royal flush – zum Pokern fährt man vielleicht nicht nach Tallinn. Aber einen Volltreffer landet man ganz sicher. Maja Hoock hat ihn schon, und zwar mit diesem Buch.

Tallinn gehört noch zu den Hauptstädten Europas, bei denen erstmal überlegt werden muss, zu welchem Land sie gehört. Ostsee ist klar. Aber ist es nun Lettland, Litauen oder doch Estland? Bei all den ganzen Umbrüchen vor einem Vierteljahrhundert wurde versäumt die hervorstechenden Merkmale der einzelnen Länder zu vermitteln. Um es kurz zu machen: Tallin ist die Hauptstadt von Estland, der nördlichsten der drei Baltischen Republiken.

Und Tallinn ist eine der modernsten Städte Europas. In vielerlei Hinsicht fortschriftlicher als „das alte Europa“. Kostenloser öffentlicher Personennahverkehr. Leider nur für die Bewohner der Stadt, aber für Touristen gibt es besondere Angebote, die den Geldbeutel auch nicht groß belasten.

Nur weil die Stadt nicht besonders bekannt und flächenmäßig auch nicht gerade eine Größe darstellt, heißt das noch lange nicht, dass es hier nichts zu entdecken gibt. Immerhin hat Maja Hoock über zweihundert Seiten randvoll mit Tipps, Informationen und Sehenswertem gefüllt. Sechs Touren sowie Tagesausflüge in die Umgebung runden das Bild ab, das man bisher noch nicht hatte.

Die historische Altstadt zum Beispiel gibt es gleich zweimal. Klingt komisch, is aber so! Denn Tallinn verfügt eine Unter- und eine Oberstadt. Gleich zu Beginn der jeweiligen Kapitel wird im farblich passenden Rahmen ein kurzer Abriss über das zu Erlaufende, zu Bestaunende, Sehenswerte gegeben. Übersichtlicher geht es kaum noch! Schritt für Schritt nimmt Maja Hoock den Leser / den Besucher an die Hand und führt ihn an Plätze, die er ohne dieses Buch vielleicht übersehen, die er zumindest so niemals wahrgenommen hätte. Immer wieder wird der Spaziergang durch farbige Infokästen unterbrochen. Das sind die Highlights des Buches. Denn nur fachkundige Stadtführer kennen die kleinen Geheimnisse und Hintergründe der Stadt. Und natürlich Maja Hoock. Und nun auch der Leser.

Tallinn ist mehr als nur ein Sprungbrett für eine Weiterreise oder nur eine Station von vielen auf einer Rundreise durch das östliche Baltikum. Hier kann man durchaus mehr als eine Woche verbringen. Die Sommermonate bieten sich natürlich an Tallinn von seiner schönsten Seite kennenzulernen. Doch auch die verbleibenden Jahreszeiten haben ihre Reize. Wenn doch einmal das Wetter nicht mitspielt, hat die Autorin nicht weniger Ideen die Zeit sinn- und reizvoll zu gestalten. Von Museen bis zu kulinarischen Entdeckungstouren bietet Tallinn das komplette Programm für einen erholsamen und abenteuerlustigen Urlaub. Man muss nur den richtigen Reiseband dabei haben…