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Hans Becker O5

Eine geradlinige Biographie sieht anders aus: Am Ende des 19. Jahrhunderts in eine österreichische Adelsfamilie (allerdings ohne Pomp und Glanz) an der adriatischen Küste geboren. Royalist. Jurist. Künstler. Journalist. Wissenschaftler. Propagandaleiter für die Vaterländische Front. Einer der Ersten, die ins KZ deportiert wurden, nachdem die Nazis Österreich annektierten. Wieder in Freiheit beharrlicher Kampf gegen die Besatzer. Diplomatendienst in Südamerika. Ermordung. In Vergessenheit geraten.

Wer das nächste Mal Wien besucht, schaut am Stephansdom mal ganz genau hin. Neben dem Eingangsportal sieht man noch das O5 in einen der Steine geritzt. Wenn man es nicht sucht, findet man es auch nicht. Die 5 in O5 steht für den fünften Buchstaben im Alphabet, das E. Zusammen OE, ein Symbol für die Befreiung Österreichs vom braunen Terror. Im Gegensatz zum Rest der Welt, der unter dem Hassregime litt, erinnert aber nichts mehr an Hans Becker, der eine Woche vor Heiligabend im Jahr 1948 durch die Waffe in der Hand eines ukrainischstämmigen Querulanten ums Leben kam.

Der Journalist Erhard Stackl macht sich in seinem Buch auf Spurensuche. Diese Suche führte ihn nicht nur in Archive und zur Familie Beckers, sondern bis ans gegenüberliegende Ende der Welt. Seine Recherchen zur Person Hans Beckers sind von einer langen Suche und ausführlichen Ergebnissen geprägt. Sie führen den Leser in eine Zeit über die schon viel geschrieben wurde. Die Leben vieler führender Köpfe sind wie ein offenes Buch. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an Neuentdeckungen.

Die Widerstandgruppe O5 war ein Sammelbecken für den Widerstand gegen Hitler. Hier engagierten sich Konservative, Linke, Künstler, Intellektuelle beseelt vom Kampf für ein freies Österreich. Ihr wichtigster Kopf – Hans Becker – ereilte das Schicksal, das so manch einer teilen musste: Er geriet in Vergessenheit.

Doch das ist nun Vergangenheit. Dank der vierhundert Seiten starken Biographie fällt das Licht der Erinnerung nun auf den Mann, der im Untergrund, teils im Hintergrund, Strippen zog, Aktionen plante, niemals aufgab. Die Jahre im Konzentrationslager konnten ihn nicht brechen. Im Gegenteil: Hier knüpfte er Kontakte und fand die Kraft, die ihm in der Zeit in relativer Freiheit die Hoffnung niemals verlieren ließ.

Immer wieder stößt man in den Kapiteln auf Menschen, denen bis heute ihrer Strahlkraft nicht entrissen wurde. Doch es sind diejenigen, die im Schatten kämpften, die dieses Sachbuch zu einem Abenteuerbuch machen, das man erst beiseite legt, wenn die letzte Seite gelesen ist.

 

Verrisse

Wie kann man sich einem Thema heutzutage allgemeinverständlich nähern, dessen Wurzeln weit zurückliegen, das heute noch Früchte trägt – aber eben nur bei einer bestimmten Klientel? Es geht um die Klassik, die klassische Musik. Einem Großteil der Bevölkerung ein Buch mit sieben Siegeln. Der Rest ist entweder borniert und lässt nichts, was danach kam, gelten oder lässt sich von den Popmelodien von anno dazumal in der Werbung dazu hinreißen sich als gebildet, weil Klassikmusik hörend, zu bezeichnen. Denn damals … ja, damals war alles noch handgemacht, echte Musik eben. Aber bei Weitem nicht von jedermann geliebt oder gar geachtet. Vielmehr wurden Beethoven, Schönberg, Brahms, Bruckner, Verdi, Wagner, Mahler und Strauss, der Richard, geächtet. Und wenn nicht sie persönlich, dann ihre Werke.

Wenn am Samstagabend die Glotze stundenlang das dillethantische „Bühnentun“ durch ein einziges Talent-Highlight Vergessen gemacht wird, steigen die Zuschauerquoten und jeder Zuseher wird zum Kunstexperten, weil er der Expertenmeinung das „mega“ unreflektiert abnimmt und nachplappert. Doch wie war das denn vor zweihundert oder hundert Jahren? Ein Skandal wurde tatsächlich auf der Bühne dargeboten, von Künstlern erbracht, die wahrhaft Neues wagten. Der Beweggrund stand im Vordergrund. Nichts liegt Thomas Leibnitz, dem Autor dieses Buches, ferner als Skandale und Verrisse an den Bühnenrand zu treiben, um dem Treiben von damals einmal mehr Feuer zu geben. Die, die sich ohnehin für Klassik interessieren, liefert er faktenreich und ausführlich Hintergrundwissen. Diejenigen, die sich noch nie für Klassik interessierten, ködert er mit dem Titel – vielleicht kommt der Eine oder Andere doch noch zu dem Entschluss, dass Klassik doch nicht so „old school“ ist wie vermutet. Wer jedoch irgendwie noch zwischen „Ach nee“ und „irgendwie bin ich schon daran interessiert, aber…“ schwankt, kommt auf alle Fälle auf seine Kosten. Denn Thomas Leibnitz lässt nicht die Fachleute mit all ihrer Eloquenz und ihrem Fachwissen auftreten, sondern verleiht der zuweilen Schwere die gewisse Eleganz und Leichtigkeit, die der Klassik durchaus zu Eigen gemacht werden kann. Es müssen nicht immer blitzende Nippel sein, um Aufmerksamkeit zu erregen…

„Viel Geschrei, wenig Wolle“ – so wurde Verdis „Sizilianische Vesper“ verrissen. Öd und dürr und wahrhaft trostlos urteilte man über Brahms. Und Beethovens Spätwerk war in den Augen bzw. Ohren (was bei Beethoven nicht eines gewissen Witzes entbehrt) von Ernst Woldemar „abschreckend, geschmacklos und entsetzlich“. Ob es damals schon so was wie einen Shitstorm gegeben hat? Heute würden postwendend tausend Beethoven-Follower dem Kritiker die Klinge an den Hals drücken – verbal und anonym, natürlich.

„Verrisse“ lässt keinen Zweifel aufkommen, dass Musik und Geschmack oft eine unheilige Allianz eingehen. Das war so, das ist so und wird es auch immer bleiben. Die Macht des Wortes ist bis heute ungebrochen. Und genau so sollte man auch dieses Buch annehmen. Acht Musiker – die eingangs Erwähnten – waren Geachtete und Geächtete in einer Person. Wer sich von harter Kritik treffen ließ, in dem zerbrach etwas. Wer unbeeindruckt die Kritiker machen ließ, musste sich nicht minder um den Verlust der Zuhörer sorgen. Was das Buch heute noch interessant und lesbar macht, ist die uneitle Sichtweise des Autors zu den teils heftigen Verrissen der damaligen Zeit. Starke Worte verlieren niemals ihre Wirkung.

Monsieur Orient-Express

Monsieur Orient-Express, Belgier, mit dem gewissen Sinn fürs Wesentliche – das kann doch nur Hercule Poirot sein! Non, ist er nicht. Auch wenn einem sofort die Assoziationen zu dem Mann, der die kleinen grauen Zellen so geschickt einsetzte, in den Kopf schießen. Es handelt sich um Georges Lambert Casimir Nagelmackers. Geboren im Sommer 1845. Vater Bankier, die Mutter stammt aus einer Industriellenfamilie, die sich in Teilen bis in die Regierung hochgearbeitet hatte. Der „goldene Löffel im Mund“ wurde dem Sprössling also in die Wiege gelegt. In der Schule waren Sprachen – Latein und Griechisch – seine erfolgreichsten Fächer. Privat war es in der Familie Nagelmackers eher kühl. Die Eltern wurden gesiezt, die Kinder speisten zusammen mit dem Personal. Damit der junge Georges sich endlich die Liebe zu seiner Cousine aus dem Kopf schlägt, schickte ihn die Familie in die Neue Welt. Und hier kam er einer neuen, großen, nachhaltigen Liebe auf die Spur: Der Eisenbahn.

Die katastrophalen Zustände der amerikanischen Eisenbahn – die Wände dünn wie Zeitungspapier, Toiletten nur von außerhalb zu betreten etc. sollten der Grundstein sein, der Georges Nagelmackers zu dem machte, was er einmal werden sollte: Der Chef des Orient-Express.

Georges sah, dass die Welt zusammenwuchs. Doch überall nur Schranken, in jeder Hinsicht. Sein Traum war es – und schon ein paar Jahre später legte er einen weiteren Grundstein dafür, dass Schranken bald nur noch für „die Anderen“ gelten sollten – die Welt miteinander zu verbinden. Und natürlich das Portemonnaie zu füllen. Sein Portemonnaie.

1883 nahm der Orient-Express das erste Mal Fahrt auf. Von Paris nach Konstantinopel. Luxuriös reiste man. Es ruckelte zwar hier und da ein wenig, dafür war man aber binnen Tagen am anderen Ende des Kontinents.

Dass dabei viel Kohle (auch hier wieder: in jeder Hinsicht!) verbrannt wurde, beunruhigte den Visionär Nagelmackers nur am Rande. Geldgebern kann man ja schließlich aus dem Weg gehen. Das klappt aber nur zeitweise. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris greift er nach einem weiteren Strohhalm, um das finanziell angeschlagene Unternehmen einmal mehr zu retten. Gen Osten soll der Luxuszug nun gleiten. In jedem der größten Pavillons, die in der Weltmetropole Paris ihr Land präsentieren, lässt er Waggons seiner Eisenbahnlinie ankarren. Nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ein Waggon 35 Tonnen wiegt, die Pavillons nicht ans Schienennetz angeschlossen sind und die Pferdewagen eigentlich nur vier Tonnen bewegen können.

Eine rentable Bahn auf die Schiene zu bringen, ist bis heute ein Fass ohne Boden. Das musste auch Georges Nagelmackers erkennen. Doch im Gegensatz zu den Vorständen der Gegenwart, die die Vokabel Subventionierung so inflationär benutzen wie manch anderer Toilettenpapier, ließ er sich nicht von seiner Idee abbringen den westlichsten Westen mit dem östlichsten Osten zu verbinden. Geblieben ist allen Unkenrufen zum Trotz mehr als nur die nostalgische Vorstellung einmal tief im Sessel zu versinken und vom Eiffelturm, am Stephansdom vorbei entlang der Donau, über den Balkan ans Goldene Horn zu reisen. Diese Vorstellung inspirierte Menschen seitdem es die Eisenbahn gibt, nicht nur Agatha Christie.

Gerhard J. Rekel lässt den Mythos Orient-Express einmal mehr aufleben. Dieses Mal jedoch bekommt er ein Gesicht. Georges Nagelmackers schürte  mit seiner Idee Sehnsüchte, die bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Und dieses Buch sorgt dafür, dass nichts davon in Vergessenheit gerät.

Alle Wege führen nach Rom

„In vierhundert Metern eine der zwei linken Spuren benutzen. Jetzt links abbiegen“. Ach, wenn es doch so einfach wäre in die Ewige Stadt zu gelangen. Das alte Rom, das antike Rom, das Rom, das wir als Wiege unserer Gesellschaft verstehen, zu erreichen – ist nicht ganz so einfach. Oder doch?!

Michael Sommer versucht es nicht nur, es gelingt ihm scheinbar spielerisch den vor Jahren erlebten drögen Geschichtsunterrichtsstoff im Umblättern greifbar zu machen. Denn um zu verstehen wie wir heute ticken, wie es morgen weitergehen kann und soll, ist der Blick zurück nicht nur förderlich, sondern unumgänglich. Doch zuerst der Blick voraus.

Eine Zeittafel am Ende des Buches gibt einen umfangreichen Überblick wovon in diesem Buch überhaupt die Rede ist. Von den ersten Städten über zahllose Kriege, Umstürze, dem Aufkeimen von Reichen und deren Niedergang, von Morden und Mördern bis hin zum endgültigen Zerfall des Römischen Reiches vor mehr als anderthalb Jahrtausenden.

Der Spruch „7-5-3 Rom schlüpft aus dem Ei“ ist für viele sicherlich die erste Berührung mit dem Fach Geschichte. Ja, die Stadt hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und wenn man postwendend jetzt schon den Begriff „Ewige Stadt“ in den Mund nimmt, ist die erste Qualifikationshürde für diesen Geschichtsunterricht genommen.

Roms Aufstieg und natürlich auch sein Fall ist nicht komplett hausgemacht. Es waren auch anderen daran beteiligt. Denn Rom war nicht die einzige Macht auf der damals schon bekannten Erde. Griechen, Perser, Mazedonier – die Liste ließe sich fast unendlich fortsetzen – umrahmten Rom. Mal hatten die Einen die Nase vorn, mal die Anderen. Ist heute nicht anders, oder?!

Mit Elan und Eifer werden Schlachten und gesellschaftliche Umschwünge, die man bis heute nur ungefähr abbilden kann, von Michael Sommer klar und deutlich dargestellt. Und wenn dann doch mal der rauchende Kopf auf das Katheterpult zu knallen droht (Katheter – noch so ein Wort, das den Geschichtskenner vom –verweigerer unterscheidet), prallen die Anekdoten auf den Leser ein. Langeweile wie anno dazumal – Fehlanzeige!

Am Ende des Buches steht die Erkenntnis, dass Geschichte auch ohne viel digitales Tamtam anschaulich vermittelt werden kann. Man braucht nur jemanden, der sein Fachgebiet liebt und beherrscht. Michael Sommer gehört zweifelsohne in diese Kategorie.

1923. Endstation. Alles einsteigen!

Seit einiger Zeit feiert man in den verschiedensten Bereichen das hundertjährige Jubiläum der Goldenen Zwanziger. Zum ersten Mal ist also nicht ein Tag, eine Woche oder ein Ereignis Grund zum Feiern, Erinnern, Gedenken, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Das Jahrzehnt der ausgelassenen Stimmung, dem Beginn der Gleichberechtigung, aber auch dunkler Jahre – ein paar Milliarden Mark für ein Brot? Was soll daran feiernswert sein?

Hier und da werden Revues „von damals“ aus der Klamottenkiste geholt, in Berlin läuft wieder „Cabaret“ – das Berlin-Musical, Romanreihen über diese Zeit erleben einen echten Boom.

Nun, es sind noch ein paar Jahre bis zum nächsten denkenswerten Jahrzehnt. Und das Jahr 2023 wird also zum Jahr des Erinnerns an 1923. Vielleicht kennt der eine oder andere noch einen Vorfahren, der in diesem Jahr geboren wurde. Erzählen kann der aber auch nicht viel. Und immer nur bei Wikipedia nachschauen …

Peter Süß nimmt den Leser mit auf eine Reise, deren Ende man schon kennt – es war der 31. Dezember 1929. Aber was in den zehn Jahren zuvor passierte, was den Großen und Berühmten „so ganz nebenbei“ widerfuhr, wie sie sich entwickelten – wer weiß das schon bzw. wer weiß das noch?

Bertolt Brecht hat beispielsweise schon einen Namen in der Szene – je nachdem ob man ihn mag, jubelt man ihn in den Himmel oder zerreißt ihn in der Luft. Ein ausgeprägtes Ego hatte er schon immer. Für ihn ist es daher unerlässlich ein eigenes Theater zu haben. Vorerst nur für ihn…

Die Tänzerin Anita Berber wird ihn Wien ausgebuht und schlussendlich aus der von ihr bis dato so geliebten Stadt verjagt. Das Thema Drogen, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, war vielleicht doch nicht die richtige Wahl ihr Publikum in Verzückung setzen zu können.

Und in München wagt ein Österreicher mit – heute darf man das ja wohl wieder sagen – außergewöhnlichem Bärtchen den großen Aufstand. Zu seiner Entourage gehörte damals schon ein geckenhaft wirkender, dicklicher Speichellecker, der es liebte sich in Phantasieuniformen zu präsentieren. Was das Netz wohl heute (fast hundert Jahre später) kommentieren würde, ist wohl Stoff für ein spannendes soziologisches Projekt. Es ist wohl klar, um wen und um welches Ereignis im Bierkeller es sich handelt?! Nein? Dann ist dieses Buch Pflichtlektüre!

Apropos Projekt. Lotte Lenya, Dreigroschenoper-Star, Muse, Charakterdarstellerin ersten Ranges, unglücklich Verliebte, verdiente sich ihre Penunzen mit ganzem körperlichen Einsatz. Ein Projekt, das selbst heute noch für Naserümpfen sorgt, das bis hin zu Mitleidsbekundungen reicht.

Monat für Monat seziert Peter Süß das Jahr 1923, das heute wohl kaum noch mit einem besonderen Ereignis eng in Verbindung gebracht wird. Was sicher vor allem daran liegt, dass die bis heute existenten Medien damals noch gar nicht bekannt waren. Außer dem niedergeschriebenen Wort. Da ist es eine logische Schlussfolgerung das Jahr 1923 auch in gedruckter Form noch einmal am geistigen Auge paradieren zu lassen. Es ist eine Vielzahl roter Fäden, die sich nicht nur im gebundenen Buchrücken zu einem großen Ganzen zusammenfinden. Anekdoten und Berichte fließen mit der Kraft der präzisen Worte zu einer Geschichte zusammen, die heute noch Geschichte machten.

Ein Leben in Geschichten

Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt eine Biographie zu schreiben? Manch einer schreibt sein Leben lang daran. Die Tagebücher werden dann posthum als Sensation angepriesen – Nachfragen sind in diesem Fall nicht mehr möglich. Donna Leons Leserschaft, die seit Jahrzehnten davon träumt beim romantischen Spaziergang durch das romantische Venedig einmal doch Commissario Guido Brunetti zu treffen, stellt sich sicherlich schon länger die eine oder andere Frage. Und sicherlich nicht die, warum der Commissario in den Büchern Dauergast in den Straßen und Gassen der Lagunenstadt ist und im „wahren Leben“ ihn niemand zu Gesicht bekommt. Nein, Donna Leon ist vielen ein willkommenes Familienmitglied, dessen Besuch (Veröffentlichungstermin des neuen Romans) immer entgegengefiebert wird. Und über die Familie weiß man alles. Und wenn nicht fragt man einfach nach. Doch wie fragt man eine Schriftstellerin, die zwar nicht zurückgezogen, dennoch nicht permanent öffentlich lebt?

Es ist so einfach! Man blättert in „Ein Leben in Geschichten“ – ein Titel, der so unscheinbar und unnahbar daherkommt, dass man bei genauerer Betrachtung darin die Autorin wiedererkennt.  Die Idee einmal von Brunetti abzulassen und sich selbst in den Fokus zu stellen, ohne dabei Schatten auf die Umstehenden zu werfen, kam ihr bei einem Treffen mit einem langjährigen Freund, den sie auch ihrer Zeit im Iran kannte. Alte Zeiten aufleben lassen, Freundschaften in Erinnerung rufen, herumalbern – und als Resultat daraus ein Buch. Typisch Donna Leon? Typisch Donna Leon!

Und im Nu reihte sich Geschichte an Geschichte. Von der beim Bridge schummelnden Tante Gert über die geheimnisvolle Herkunft ihres Großvaters bis hin zu dem Tag als Venedig nicht mehr nur eine Stadt mit Existenzproblemen war, sondern der Ort, der ihr ganzes Leben verändern würde. Mit derselben Hingabe wie zu ihrem Commissario und seiner Stadt gibt Donna Leon Auskunft über ihr Leben. Auch ohne groß zwischen den Zeilen lesen zu müssen, offenbart sie „so ganz nebenbei“ wie sie wurde, wer sie ist. Auch wenn viele Ereignisse schon lange zurückliegen – wer erinnert sich mit Achtzig schon noch so detailliert an den ersten Schultag? – sind sie immer noch so präsent, dass man den Dung auf den Feldern, die Angst vor Entdeckung und die Leidenschaft fürs Lesen (und Schreiben) greifen kann.

Persönlicher geht nicht! Donna Leon teilt das Kostbarste, was sie besitzt: Ihre Erinnerungen. Kurzweilig, humorvoll, ehrlich. Und immer mit dem besonderen Kick, der Donna Leon so erfolgreich werden ließ.

Sempre italia

Ach, würde der Urlaub doch ewig dauern! Würde für immer die Sonne scheinen. Würde für immer der Wein wie beim ersten Mal schmecken. Das ließe sich beliebig fortsetzen, denkt man an Italien. Einmal von hoch oben auf einen Lago schauen, leckere Pasta mit richtig viel parmigiano dort genießen, wo er produziert wird oder unter sengender Sonne sich Pizza in den Mund stopfen – dazu ein vino … und das Paradies kann einem gestohlen bleiben.

Jede Liebeserklärung an den Stiefel ist eine emotionale Reise, reich gespickt mit Erinnerungen und Ideen fürs nächste Mal. Denn ein nächstes Mal gibt es immer! Frances Mayes und Ondine Cohane sind verliebt. Verliebt in Italien – das allein reicht aber noch nicht. Sie halten ihre Liebe zu Land und Leuten in diesem Buch fest. Vierhundert Seiten amore – das kann „im normalen Leben“ die Eine/den Einen schon mal überfordern. Den Leser, den Liebeshungrigen, den Italienliebhaber überfordert es nicht. Denn vieles kennt man vielleicht schon. Manches wollte man schon immer mal besuchen. Und einiges gehört beim nächsten Mal in italia auf alle Fälle zum Reiseprogramm.

Kreuz und quer durch das Land, das immer noch und immer wieder überraschen kann. Immer mit der Kamera im Anschlag und mit dem gezückten Stift in der Hand tauchen die beiden ab in eine Kultur, die mit Sehnsucht nur annähernd beschrieben werden kann.

Jede Region wird so lange bereist bis die Autorinnen das Besondere gefunden haben, das ihre Liebe am besten beschreibt. Die seitenfüllenden Abbildungen locken den Leser in die Geschichten hinein, die so wortgewandt jeder Kritik widerstehen. Für ganz Eilige gibt’s am Kapitelende eine kleine Zusammenfassung und Tipps, was man nicht verpassen darf. Für eifrige Leser sind diese Zeilen Erinnerungslückenfüller. Denn jede Region steckt voller Abenteuer, die man erleben muss.

Und für jeden ist etwas dabei: Radfahren, Weindegustationen, Wandern, Erkundungstouren, Schlemmen …

Im Meer der Italienbücher geht man schnell unter, wenn man nur nach dem Einband seine Wahl trifft. Zu groß die Menge an Reisebüchern, Bildbänden, Ratgebern. „Sempre italia“ ist ein leidenschaftliches Kraftpaket, das man immer wieder hervorholt und sich inspirieren, Träume fliegen lässt und in eine Welt eintaucht, die gar nicht soweit entfernt von der eigenen Haustür das dolce vita mit einem einzigen Umblättern real werden lässt.

Das Cottage in Wien

Ja, so ein Cottage in Wien – da lässt’s sich gut leben. Das dachte man sich auch vor mehr als einhundertfünfzig Jahren. Und vor genau einhundertfünfzig Jahren gründete sich der Wiener Cottage Verein. Die Stadt wuchs, wurde aber nicht attraktiver. Als Kaiserstadt natürlich nicht hinzunehmen! Stadtplanerisch orientierte man sich an Paris, Baron Haussmann krempelte die Stadt gerade gehörig um. Stilistisch war man eher in London und England fündig geworden.

Ein ganzes Viertel – damals noch – vor den Toren der Stadt. In Währing, heute der 18. Bezirk von Wien, gleich hinter Alsergrund, wenn man sich von der Donau entfernt. Die Türkenschanze war ein Quartier, von der aus die Belagerer von einst, die Türken, die Stadt ganz gut im Blick hatten. Und hier sollte nun der Wohnungsnot, dem Staub und Gestank der Stadt (immerhin schon eine halbe Million Einwohner) Einhalt geboten werden.

Einzeln stehende Häuser sollten es sein. Viereckiger Grundriss. Zwei Etagen. Und niemand durfte den Blick des Anderen versperren. Oder hier ein die Sinne beeinträchtigendes Gewerbe betreiben. Es sollte also nicht stinken, so wie in der Großen Stadt „da unten“.

Wer heute durch Wien schlendert, tut sich beim ersten Besuch schwer den Ersten überhaupt zu verlassen. Die Pracht der Gebäude im Inneren und am Ring ist einfach zu überwältigend. Doch sind es nur Minuten Fußweg bis in den Achtzehnten. Und schon ist man im „Koteesch“, im Cottage-Viertel. Arthur Schnitzler hat es hier hin verschlagen, „Bambi“ wurde hier auf die Welt gebracht. Historischer Boden.

Norbert Philipp beschreibt sehr anschaulich in seinem Buch wie das Viertel entstanden ist und wie es sich stetig veränderte. Hier trifft man mit Sicherheit weniger Touristen in einem Jahr als am Stephansdom an einem Nachmittag. Und mit genau so großer Sicherheit kann man sich hier ebenso wenig satt sehen. Jedes Häuschen ein Unikat. Nur auf den ersten Blick ähneln sich die Zweigeschosser. Wer innehält, erkennt auch ohne fachmännischen Blick die Unterschiede. Es ist grün hier. Ruhig. Gediegen. Nicht ganz so wie in Hietzing in Nähe des Schlosses Schönbrunn, dennoch nicht minder sehenswert. Im Gegenteil, vielleicht sogar etwas abwechslungsreicher. Und hier stehen nicht alle paar Meter Gedenktafeln. Eine Architekturflaniermeile, die man an vielen Tagen ganz für sich allein haben kann. Wenn man weiß, wo man schauen und innehalten muss. Mit diesem Buch ist das kein Problem.

Paris und das Kino

Wer will schon schwer röchelnd mit der Kippe im Mundwinkel auf den Straßen der Stadt der Liebe dahinsiechen? Oder beim Aufstieg auf dem Eiffelturm von einer exotischen Schönheit mit einer exotischen Waffe „geangelt“ werden? Oder mit Handschellen um die Fußfesseln (anatomisch würde es ja passen) humpelnd über Kopfsteinpflaster laufen? Niemand. Aber mal zu schauen, ob Belmondos ikonischer Abgang immer noch vor gleicher Kulisse ablaufen könnte … ist schon einen Abstecher vom Trubel der Großstadt wert. Es muss ja nicht immer gleich das romantischste Wiedersehen an der Seine im Schneefall sein.

Das Bild von Paris ist – wie sollte es anders sein – stark durch das Kino geprägt. Auch wer noch nie da war, weiß, dass es in Montmartre Auf und Ab geht, dass der Eiffelturm so wunderschön erstrahlen kann, dass man direkt neben der Seine rasant Autofahren kann – was auf der Leinwand meist im Desater, im echten Leben im Wasser oder auf der Wache endet – und dass es an jeder Ecke Baguette zu kaufen gibt. Das Paris-Klischee gehört zu den angenehmsten überhaupt.

Einmal mit einem Boot auf dem Canal Saint-Martin am berühmten Hôtel du Nord vorbeischippern und die Atmosphäre der hart arbeitenden Menschen und deren Schicksale noch einmal spüren. Alles Illusion – is ja schließlich Film! Denn die Gegend um das Hôtel du Nord ist heute Flaniermeile, ein Ort zum Niedersitzen und die Seele baumeln lassen. Und die Kulisse – ja Kulisse – ist im Film nur nachgebaut. Denn Regisseur Marcel Carné ließ den Straßenzug komplett nachbauen und dreht in den Studios in Billancourt vor den Toren Paris’. Ein Spaziergang lohnt sich heute im besonderen Maß.

Christine Siebert stellt in ihrem außergewöhnlichen Reiseband Paris immer wieder neu vor. Man kennt alle Orte bereits, aus zahlreichen Filmen. Zählt man alle Film zusammen, kann durchaus die Milchmädchenrechnung aufstellen, dass jeder Erdenbewohner Paris mindestens einmal schon gesehen hat. Und die Orte klingen wie eine süße Verführung: Moulin Rouge, Pigalle, Sacrè-Cœur, Jardin du Luxembourg, Arc de Triomphe … ach man kann sich einfach nicht sattsehen an den Drehorten.

Noch einmal zurück zu Jean-Paul Belmondo. Die Rue Campagne Première ist nicht abgesperrt. Ein Kollege grüßt den Star der Nouvelle Vague. Belmondo schickt ihn weg mit den Worten „ich sterbe gerade“. Nur eine ganz normale Straße. Einer der außergewöhnlichsten Abschlüsse eines Films. Eine Szene, die kultisch verehrt wird. Und dennoch ist hier nur eine Straße. Die man aber gesehen haben muss, wenn man der Anziehungskraft des Mediums Film erlegen ist.

Einmal durch Paris wandeln, und die (Film-)Welt noch einmal bereisen. Gespickt mit Anekdoten und detailreich führen einundzwanzig Spaziergänge durch die Stadt der Liebe, des Lichts und des Films. Vieles kennt und erkennt man auf Anhieb, wie Pont Neuf. Manch anderes muss man suchen. Und findet es auf Anhieb dank dieses einzigartigen Kulturreisebandes.

Ostseestädte

Mal wieder na die Ostsee fahren. Die Seeluft schnuppern. Die Gezeiten nur ganz sanft wahrnehmen. Klingt nach einem leicht greifbaren Urlaubstraum. Und schon beginnt das Dilemma. Wohin an die Ostsee? In eines der vornehmen Kaiserbäder mit der einzigartigen Architektur. Oder doch lieber in die historischen Ecken, die Geschichtsfans zwischen Betroffenheit und waghalsiger Heimatliebe schwanken lassen? Oder auf eine der zahllosen Inselchen vor der skandinavischen Küste? Ziemlich schnell wird klar, dass die Ostsee eben nicht nur All-inclusive-Sonne-Strand-Destination ist, sondern ein Füllhorn an Attraktionen zu bieten hat. Allein schon die Vielfalt an Städten lässt den mäßig gelaunten Urlaubsplaner schier verzweifeln. Man kann sich nun durch einen beträchtlichen Bücherberg durcharbeiten, um das Passende für sich auszusuchen oder … man greift zu einem Reisebuch, das sogar ein Rundreise durchaus nachvollziehbar erscheinen lässt.

Von Kiel ausgehend einmal gegen den Uhrzeigersinn bis nach Oslo. Auch wenn Oslo nicht direkt an der Ostsee liegt, was sie als einzige Stadt dieses Buches von den anderen unterscheidet, reist man immer am Meer entlang. Man muss aber nicht, man darf dieses Buch nicht als Reiseanleitung für eine Ostseeumrundung ansehen. Es ist ein gewaltiger Appetitmacher für die baltischen Städte. Lübeck, Rostock, Gdansk, Kaliningrad, Klaipéda, Riga, Tallinn, Sankt Petersburg, Helsinki, Stockholm, Visby auf Gotland, Rønne auf Bornholm, Kopenhagen – na, wenn das mal kein Reiseangebot ist?!

Fast jeder hat zu mindestens einer dieser Städte eine Verbindung. Und mitten im Lesen – diesen Reiseband kann man wirklich von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen, und nicht nur stichprobenartig – wird der Erfahrungsschatz immer größer. Ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Und ehe man sich versieht ist die Sehnsucht zu einem handfesten Plan verwandelt worden.

Die Autoren nehmen sich Zeit, um die Städte nicht einfach nur vorzustellen, so dass man nach der dritten Stadt das Gefühl hat „kennt man eine, kennt man alle Städte“. Sie zeigen unaufdringlich, was man unbedingt sehen muss, um die Einzigartigkeit der Städte am (Binnen-) Meer erlebbar zu machen. Geschichte, Einkaufstipps, Aussichtspunkte, Orte zum Verweilen in Hülle und Fülle, ohne dabei Wichtiges aus Platzgründen wegzulassen, fordern den Leser heraus es ihnen gleich zu tun. Da ergibt man sich gern, und lässt sich (an-)treiben, um ja nicht etwas zu verpassen, das die Autoren so sorgsam zusammengesammelt haben. Eine Inspirationsquelle, die lange anhält und viele Reisen im Handumdrehen planbar macht.