Archiv der Kategorie: Literally Britain

Der lebende Berg

Schon Hannibal Lector wusste, dass wir das am meisten begehren, was wir täglich sehen. So muss es auch Nan Shepherd ergangen sein. Sie sah Zeit ihres Lebens die Cairngorms vor sich. Diese Erhebungen im Nordosten Schottlands faszinierten sie. Sie reiste viel, von Norwegen bis Südafrika. Doch zu rück in der Heimat wusste sie, dass nur diese Berge ihr Glück bedeuten können.

In der Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts begann sie ihre Erlebnisse am, im und rund um die Cairngorms aufzuschreiben. Behielt sie aber drei Jahrzehnte in der Schublade. Nun sind sie in einer wunderbar gestalteten Neuauflage nachzulesen, zu bewundern und machen Lust auf Wandern. Auch diejenigen, denen das Auf und Ab nicht unbedingte Zuneigung abfordern, werden eingestehen, dass Nan Shepherds Worte Spuren hinterlassen.

Ihr Drang sich diesem Berg zu nähern, ihm seine Geheimnisse zu entlocken, ist atemberaubend. Kein Souvenirladen an den Hängen wird, kein Reiseguide wird mehr über diese Landschaft erzählen als die Englisch-Dozentin vom Aberdeen College of Education. Ob wolkenverhangene Gipfel, das glasklare Wasser, das duftende Moos, die gespenstischen Skelette der Bäume, die einzigartigen Aussichten … Nan Shepherd zieht mit ihren klaren Worten den Leser sofort in ihren Bann.

Man muss wirklich kein Wandervogel sein, um beim Blättern und Lesen ins Schwärmen zu geraten. So eindringlich wurde selten zuvor eine Landschaft beschrieben. Man will umgehend sich Wanderschuhe zulegen, die Koffer packen und auf ihren Spuren wandeln. Flora und Fauna kennt man ja bereits aus den zwölf Kapiteln. Und dennoch wird man sicher das eine oder andere entdecken, dass Nan Shepherd vors Auge kam. Denn die Region hat sich verändert.

Als sie zum ersten Mal das Gebirge erkundete, war sie fast allein. Als sie sich entschloss ihre Gedanken zu veröffentlichen, gab es Straßen, Hütten, zarte Anfänge einer Tourismuslogistik. Wie oft Nan Shepherd hier oben war, lässt sich nicht einwandfrei nachvollziehen. Es müssen Hunderte, wenn nicht Tausende Wanderungen gewesen sein. Wo andere ihren Namen ins Gehölz schnitzen, um Nachkommenden ihre Anwesenheit aufzudrängen, schweigt die Autorin. Sie wird das hinterlassen, was wirklich wichtig ist: Den Berg in all seinen Facetten. Sie isst, was ihren Weg kreuzt. Sie trinkt das frische Wasser, dass kaum ein paar Meter zuvor dem Berg entsprungen ist. Sie wandert trittsicher, wo andere ins Stocken kommen. Und sie berichtet so treffsicher wie Robin Hoods Pfeil im Ziel steckt. Ein Klassiker, der niemals seine Kraft verlieren wird!

Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge

Jede Medaille hat zwei Seiten. Das ist bekannt und wird allgemeinhin auch so hingenommen und akzeptiert. Gilbert Keith Chesterton, der mit Pater Brown eine der bekanntesten und zahlreich verfilmten Hobbyermittler schuf, hat seine eigene Sichtweise auf die Dinge, die so unermüdlich unser Leben beeinflussen. Und die wir oft genug gedankenlos hinnehmen.

Sechzehn Mal plädiert er unter anderem für Schundromane, Gerippe und Patriotismus. Eine gewagte Mischung! Doch es bleibt nicht einfach nur beim Versuch. Es gelingt ihm durch seine gewitzte Art und die Fähigkeit diese auch in Worte zu kleiden den Leser in seine Welt zu ent- und durch sie zu führen.

Bleiben wir beim Schundroman. Auf den ersten Blick hat der Begriff Schund keinen netten Hintergrund. Pulp fiction, ja, da springen alle auf, applaudieren für das, was sich auf der Leinwand abspielt. Doch der Schundroman ist pure Unterhaltung. Nichts Hochtrabendes, das einer Elite vorbehalten ist. Erst der Schundroman, das Profane, das ganz normale Leben, machen Literatur dem breiten Publikum zugängig. Und wer sagt denn, dass die breite Masse kein Recht auf Unterhaltung hat?

Ganz anders sieht es mit der Demut aus. Von Oben diktiert, ist sie durchaus diskutabel. Als freie Willensentscheidung und –bekundung ist sie Ausdruck von Individualität. Sie hat wie alles im Leben zwei Seiten. Oder ein Messer. Hat auch oft zwei Seiten, aber darum geht es nicht. Zum Einen kann ein Messer wortwörtlich und sinnbildlich Schaden anrichten. Dient es jedoch einen weitaus größeren Schmerz zu bekämpfen – Chesterton führt hier den Zahnschmerz an, den wirklich JEDER nachvollziehen kann – ist es durchaus ein brauchbares Werkzeug.

In Zeiten, in denen die Freiheit zur Dogmatisierung häufiger genutzt wird als je zuvor, ist ein Buch wie dieses eine echte Fundgrube. Ein hilfreiches Argumentationshelferlein und amüsantes Kompendium in Einem. Der nachgewiesene britische Humor, das umfassende Wissen inklusive der Fähigkeit dieses auch anzuwenden und der unvergleichliche Schreibstil von Gilbert Keith Chesterton erschweren dieses kleine Büchlein und machen es zu einem echten Schwergewicht unter den Mit-Auf-Den-Weg-Geben-Büchern.

Die Illustrationen von Egbert Herfurth adeln das Buch und adeln das ohnehin schon wertvolle Buch. Sechzehn Mal verteidigt der Autor die unterschiedlichsten Vorstellungen vom Dingen und Einstellungen. Dieses Buch muss man nicht verteidigen, man nimmt es auch nicht einfach nur hin. Man nimmt es aus dem Regal, liest, stellt es wieder zurück, nimmt es aus dem Regal, liest und so weiter.

Schwere Körperverletzung

Englands Norden ist nicht der Platz, in dem man sich niederlässt, um den Lebensabend in Saus und Braus zu verbringen. Aber als Versteck eignet sich dieser Platz zweifelsfrei. Besonders im England der 70er Jahre. Die Schornsteine rauchen noch ohne Ende und hüllen die nicht ohne Reiz durchaus ansehnliche Landschaft in dichten Qualm. Eine Metapher, die dem Roman, diesem Prototyp des brit noir, ausgezeichnet zu Gesicht steht.

Hierhin hat sich George Fowler zurückgezogen. Bis zum Lebensabend ist noch ein Stück zu gehen. Und außerdem läuft der Laden doch. Sein Geschäft ist das Filmgeschäft. Keine Screwball-Comedy á la „Carry on“, schon gar nicht ein Horror-Streifen aus den Hammer-Studios oder ein James-Bond-Streifen. Nein, er ist der Chef eines lukrativen Nischengewerbes. Die Filmchen seiner Firma sind, gelinde gesagt, delikat bis hin zu eindeutig anregend. Und das Geschäft ist einträglich. Bückware, Schmuddelgut – wie auch immer man es bezeichnet. Es ist verboten, deswegen ist es begehrt. Und vor allem ist der Erlös netto. Kaum Ausgaben. Dennoch schmerzt jedes Pfund, das man unfreiwillig abgibt. Und hier wird es interessant.

George Fowler weiß, dass seine Kassierer die eine oder andere Pfundnote ins eigene Wallet stecken. Das kann er nicht zulassen! Es ist sein business. Er trägt das Risiko. Wo kommen wir denn hin, wenn sich jeder einfach so bedient! Wenn er wüsste, dass bald schon die Eiserne Lady genau das legitimieren wird…

Die Daumenschrauben anzusetzen, ist kein Problem. Und der Chef selbst, also Fowler himself, dreht gern mal an der Stellschraube. Nicht bis kurz bevor Blut fließt. Nein, selbst, wenn der Lebenssaft aus dem Delinquenten herausschießt, sieht er immer noch eine Möglichkeit noch eine Runde zu drehen. Eine Runde an der Stellschraube, versteht sich. Momentan ist er also in der misslichen Lage sich entspannen zu dürfen. Besser ist es, denn die Schlinge ist schon um seinen Hals gelegt. Und bevor jemand ihm dem Hocker unter den Füßen wegtritt, macht er sich aus dem Staub. Bis die Wogen sich geglättet haben.

Doch die Ruhe dauert nur kurz. Selbst so ein gewissenloser Typ wie George Fowler hat ein Hirn, das in ihm arbeitet. Und so lichtet sich der Rauch der Vergangenheit vor der Kulisse der See. Er erinnert sich, wie es einmal war. Mit Jean, seiner Frau. Und dem treuen Mickey. Und er findet im winterlichen Seebad einen neuen Freund: Den Alkohol. Der hilft ihm so manches Mal auf die Sprünge, wirft ihn aus der Bahn und rettet ihn doch immer wieder. So sieht es zumindest George Fowler.

Ted Lewis treibt den Leser in die graue Halbwelt England in den 70ern. Die Lunte am Fass des Punk glimmt schon ein wenig, Maggie Thatcher wartet nur noch auf das Go, um der Gier den Weg zu pflastern. Seite um Seite steigt man hinab, trifft zwielichtige Gestalten, die Schweigen nicht als Image ansehen, sondern als Lebenseinstellung begreifen. Sein Held ist kein Held. Er ist roh und brutal, und doch will man ihm nicht beim Scheitern zusehen müssen. Doch als Gewinner will man ihn auch nicht sehen. Bleibt nur eine Lösung: Der Gewinner ist der Leser! Ja, gibt’s denn was Besseres?!

Highlights Schottland

Da, wo man sich wohlfühlt, lass Dich nieder. Böse Menschen haben keine schönen Bilder. Und wer diesen Bildband auch nur oberflächlich betrachtet – was man eh nicht tut, weil er zum Eintauchen einlädt – wird niemals mehr kariert aus der Wäsche schauen!

Schottland und Sehnsucht – diese Mixtur treibt viele an dieses Land einmal zu besuchen. Ein schier endloser Horizont, der auf dem Weg die gesamte Farbpalette präsentiert. Historische Bauten, die vor lauter Geschichte zu beben scheinen. Und ein einzigartiges Licht, das nur hier seine Wirkung entfalten kann.

Fünfzig Ziele sollen es sein, die in diesem Buch dem Leser ein inneres Beben der Sehnsucht hervorrufen werden. Die Ortsnamen sind gewöhnungsbedürftig. Glen Shiel – wo die Spanier untergingen (wenn man der Überschrift des Kapitels glaubt) – klingt da noch verhältnismäßig eingängig. Auch mit Mull of Kintyre kann man sich anfreunden, besonders wenn man ein Beatles-Fan ist und bei Paul McCartney immer noch ins Verzücken gerät. Und Whisky, ohne e vor dem Ypsilon – das wird den Amerikanern überlassen – gehört zu Schottland wie die Frage, was die Männer unterm Rock, pardon, Kilt, tragen. Um es vorweg zu nehmen, sie tragen … nein, auch in diesem Buch wird diese Frage nicht abschließend beantwortet. Es ist schließlich ein Bildband!

Und der hat es in sich. Schon auf den ersten Seiten, genauer gesagt auf Seite Elf schlägt die Stunde der Wahrheit. Denn Schottland ist nicht nur Glasgow, Edinburgh und ein paar Seen mit Bergen. Die ganze Karte ist übersät mit Highlights, die man gesehen haben muss. Und die natürlich in diesem Band vorgestellt werden.

Jedes einzelne Kapitel schottisiert den Leser mit jeder Zeile. Doch das Highlight sind die erstklassigen Abbildungen! Exakt gegärtnerte Landschaftsoasen, feierliche Zeremonien mit blankgeputzten Uniformen, perfekt ins rechte Licht gesetzte Burgen und Schlösser, aussagekräftige Detailaufnahmen … ach, man müsste jetzt in Schottland sein. Denkt man sich bei jedem Umblättern. In der Umgebung von Edinburgh, der Hauptstadt Schottlands, liegt Lothian. Hier beginnt für die meisten der Kampf mit der Sprache. Setzt man sich – fast schon typisch schottisch – darüber hinweg, wird man mit rauer Natur belohnt.

Weiter im Westen, in den westlichen Highlands und auf den Hybriden, kann das sogar noch getoppt werden. Alles ein bisschen noch rauer, wilder, ungestümer, sehnsuchtsvoller.

Petra Woebke und Peter Sahla wecken nicht nur die Reiselust auf Schottland, sie haben auch gleich das fiebersenkende Mittelchen parat. Jetzt liegt es an einem selbst. Den Kopf voller Bilder, Ideen en masse für den nächsten Urlaub. Fehlt nur noch die Reise…

Der Altar der Toten

Es gibt viele Möglichkeiten den Partner fürs Leben zu finden. Bei der Arbeit, in Bars und Clubs, ja sogar im Netz ist es gar nicht mehr so unmöglich das passende Gegenstück in sein Leben zu ziehen. Doch das, was Henry James beschreibt, ist selbst heute noch etwas Außergewöhnliches.

George Stransom kann man getrost als treue Seele bezeichnen. Noch immer huldigt er seiner großen Liebe Mary Antrim. Sie wurde ihm entrissen, bevor er sie festhalten konnte. Er hängt ihr nicht nach. Doch die Zuneigung ist im Laufe der (vielen, vielen) Jahre nicht geringer geworden. Sie war – wenn man es einmal nüchtern betrachten will – der Startschuss für eine als ungewöhnlich zu bezeichnende Leidenschaft. Er zählt die Toten seines Lebens. Nicht falsch verstehen: George Stransom ist kein Mörder! Nur hat sich im Laufe der Zeit eine beträchtliche Zahl von Dahingeschiedenen in seinem Herzen breitgemacht. Er verehrt sie alle. Keiner wird bevorzugt, keiner benachteiligt. Als er aus der Zeitung vom Tod seines langjährigen Freundes Acton Hague erfährt, gerät seine Welt wieder ins Wanken. Doch dieses Mal ist er nicht allein.

Denn auch eine Unbekannte scheint den Erinnerungen an Acton Hague nachzuhängen. Wer sie ist? Diese Frage drängt sich dem Trauernden Stransom gar nicht auf. Er ist fasziniert einen Seelenverwandten zu treffen. Jemanden, der sich genauso tief in Freundschaften versteifen kann wie er. Unversehens haben sich da zwei getroffen, die man auf den ersten Blick in ihrer Trauer lieber allein lassen möchte. Fast schon einem Kult gleich werden ihre Treffen zu einem Leichenschmaus, der nicht den Magen füllt, vielmehr ein delikates Mahl für die Sinne ist.

Das Festhalten an Altem, ohne der Zukunft im Weg zu stehen, verwebt Henry James zu einem zarten Vorhang aus durchlässiger Seide. Durchlässig für wahre Gefühle, schützend vor Wunden. Hier klagen zwei Menschen sich gegenseitig ihr Leid ohne dabei sich selbst aufzugeben. Vielmehr ist ihr Totenkult, den sie hegen und pflegen die Kraftquelle die sie weiterleben lässt. Todessehnsucht verspüren sie nicht. Schon gar nicht nachdem sie sich getroffen haben. Ihr Zusammensein bestärkt sie in dem, was sie tun, was sie ausmacht.

Mit umwerfender Empathie steigert sich Henry James in seine Charaktere hinein. Stransom und die Unbekannte kommen zusammen ohne sich wirklich näher zu kommen. Die Distanziertheit ist ihr Kitt, der sie zusammenhält.

The Five

Die Geschichte ist eigentlich klar: Jack the Ripper ermordet 1888 binnen weniger Wochen fünf Frauen. Niemand weiß wer er war. Mythen ranken sich seitdem um den Mann, der fünf Prostituierte mit dem Messer aufschlitze. Eigentlich alles klar. Nein, nichts ist klar! Weder die Identität des Täters, noch sein Motiv. Und von den Frauen nimmt auch kein Mensch Notiz – sind nur Prostituierte. Und hier setzt Hallie Rubenhold an. Und wie!

Denn die Frauen waren keineswegs ruchlose Frauen, die ihre körperlichen Reize einsetzten, um willenlosen, triebgesteuerten Männern Momente des Glücks zu bescheren. Sie waren – und so ehrlich muss man sein – Gelegenheitsprostituierte und dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt.

Mary Ann Nichols, genannt Polly, erlangt eine gewisse Berühmtheit, weil sie Opfer Nummer Eins ist. Am 31. August 1888 wird ihr Leichnam in Whitechapel, einem der düstersten Stadtteile Londons gefunden. Identifiziert durch ihren Mann, der mittlerweile mit der Nachbarin zusammenlebt. Ihre Gesichtszüge lassen nur einen Hauch ihrer einstigen Erscheinung erahnen. Sie lebte eine Zeitlang in ganz ordentlichen Verhältnissen. Finanziell gesehen. Doch die Kinderschar wuchs, das Einkommen jedoch nicht. Fehlgeburten, Typhus, Tuberkulose waren die häufigsten Todesursachen. Auch Polly wurde vom Schicksal schwer gebeutelt. Eine Trennung, gar eine Scheidung war kaum vorstellbar. Dazu hätte ihr Mann sie grausam verprügeln müssen, mit seiner Schwester schlafen und / oder weitaus Schlimmeres tun müssen. Doch ohne Mann an der Seite, waren Frauen Freiwild. Ohne Einkommen konnten sie stehlen oder ihren Körper verkaufen. Die Ohnmacht wurde mit Alkohol betäubt. Polly war ein Opfer ihrer Zeit.

Nur ein paar Tage später fand man Annie Chapman. Die Presse stürzte sich wie weidwundes Vieh auf den neuerlichen Mord. Mitten in der Hatz aus Pollys Mörder traf rechtzeitig vor der einschlafenden Jagd ein neues Opfer ein. Wieder Alkohol, wieder verlassene Frau.

Ende September schlug Jack the Ripper in einer Nacht gleich zweimal zu. Elizabeth Stride, eingewanderte Schwedin, die nur wenige Jahre zuvor das große Los gezogen zu haben schien und Catherine Eddowes. Auch die war schon einmal auf der scheinbaren Zielgeraden zum Glück.

Ganz im Gegenteil zu Mary Jane Kelly. Die war lebensfroh, leidlich zufrieden mit ihrem Leben „auf der Straße“. Sie war attraktiv, was wohl auch erklärt, warum ihr Leben oft und ausführlich erforscht wurde.

Fünf Frauen innerhalb weniger Wochen hat Jack the Ripper zur Strecke gebracht. Alle waren Frauen, die in ihrer Verzweiflung nur einen Weg einschlugen (mussten) – die Prostitution. Ob nun als Vollzeit- oder Teilzeitjob – wie es gern in den Geschichtsbüchern steht – ist für ihr Schicksal erst einmal irrelevant. Sie wurden Opfer eines Mannes, der Frauen nicht so zugeneigt war, wie man es annehmen sollte. Er hasste Frauen. Seine Opfer waren zufällig ausgewählt. Die Tatsache, dass alle Fünf dem Alkohol zugesprochen haben, ist auch keine Entschuldigung für ihr abrupt endendes Schicksal. Hallie Rubenhold gibt ihnen erstmals eine Stimme, ein Gesicht. Die Taten treten in den Hintergrund. Die Autorin rückt die damaligen Verhältnisse in den Fokus ihrer Berichte. Als Frau war man Mensch zweiter Klasse. Frauen hielten Haus und Hof in Schuss, kümmerten sich um den reichlichen Nachwuchs. Je mehr Köpfe im Haushalt, desto geringer das „Pro-Kopf-Einkommen“. Auf- und Abstieg waren abhängig vom Einkommen und der Anzahl der Haushaltsangehörigen. Betrug diese Zahl weniger als Fünf, konnte man „ganz gut auskommen“. Stieg die Zahl der Kinder, musste man sich etwas einfallen lassen. Verstarb ein Kind, was sehr oft vorkam, wurde die Trauer hinweg gewischt. Das Leben musste weitergehen! Dieses Buch zeigt eindringlich wie gefährlich der soziale Stand sein konnte. Die Opfer sind heute vergessen. Der Täter ist unbekannt. Und dennoch ist er immer noch präsenter als die Frauen, die er meuchelte. Dieses Buch wird das ändern!

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Die feine englische Art von A – Z

Nichts ist schlimmer als in angenehmer Runde zusammenzusitzen und einer fällt wie auch immer geartet aus der Reihe. Das kann der Dazugekommene sein, der nur einigen ihm Gewogenen die Hand zum Gruß reicht und die Anderen mit einem Kopfnicken bedenkt oder jemand, der das Mahl in sich hineinschaufelt als gäbe es kein Morgen. Fremdschämen kann man das oftmals nennen. Oder Pikiert sein. Wie auch immer man es nennt, Auffälligkeiten sollten immer einen positiven Aspekt haben. Wer durch negatives Verhalten auffällt, trägt bald schon Fettnäpfchen statt Schuhen.

Italienern und Franzosen sagt man ein untrügliches Gespür für Mode nach. Engländern bzw. Briten verpasst man manchmal etwas angestaubte, jedoch feine Manieren. Die so genannte feine englische Art ist zu einem geflügelten Wort geworden. Doch was genau besagt diese feine englische Art denn nun genau? Seit über zweihundertfünfzig Jahren (es würde so gar nicht der Etikette entsprechen übertrieben von einem Vierteljahrtausend zu sprechen) ist Debrett’s das Maß aller Dinge, wenn es um das soziale Verhalten in bestimmten Situationen geht. Dieses kleine Lexikon kann man durchaus mal komplett durchlesen. Denn so mancher Fauxpas (ein Wort, das mittlerweile aus der Mode gekommen scheint) ließe sich durch nur ein paar Minuten Leseaufmerksamkeit vermeiden.

Da sitzt man in einer Pause, versucht sich ein wenig zu erholen und der Gegenüber lässt seinem Unmut über sein Leben mit einem Gähnen nach dem Anderen freien Lauf. Man kann aus dieser Situation einen Witz machen. Doch wenn das Gähnen durch Körperzucken und andauerndes Gähnen einfach kein Ende nehmen will, muss man sich selbst ordentlich zusammenreißen, um nicht selbst ins Konzert des Gähnens einzustimmen. Jeder ist mal müde. Dann zeigt man aber nicht jedem die handwerklichen Fähigkeiten seines Dentalspezialisten des Vertrauens. Eine Entschuldigung wäre auch ganz hilfreich, wenn man sich nicht postwendend zum Gespött machen möchte. Das sollte normal sein, doch erst wenn man diesen kurzen Abschnitt gelesen hat, kommt einem vielleicht die eigen Unzulänglichkeit ziemlich albern vor. Oder man selbst ist peinlich berührt…

Keine Angst, dieser Etikette-Band ist weder verstaubt noch antiquiert. Er wurde den Anforderungen der Gegenwart angepasst. Denn wie sollte man vor zweihundertfünfzig Jahren wissen, dass es nicht schicklich ist alle um einen herum mit privaten Telefonaten zu belästigen? Oder, dass man durchaus dem Gastgeber einen Hinweis geben darf (oft sogar muss), wenn man verschiedene Speisen nicht verträgt.

Kurzum: Die Fettnäpfchen gehören der Vergangenheit an. Gutes Benehmen ist eine Zier und darf niemals aus der Mode kommen. Ob man dieses Buch nun einmal komplett durchliest oder Abschnitt für Abschnitt in wohltuenden Dosen genießt, eines steht fest. Dümmer wird man nicht, und schon gar nicht unliebenswerter.

Laaanges Wochenende

Die Zeit zwischen zwei Urlauben ist die härteste für alle, die nicht zwischen den eigenen vier Wänden festwachsen wollen. Ein Kurztrip übers Wochenende – oder noch besser das Wochenende ein wenig verlängern – ist der immer mehr in den Fokus der Tourismusmanager rückende Kurzurlaub. Mal ein, zwei, drei Tage raus aus dem Trott und schauen, wo auf der Welt es was zu entdecken gibt. Ob nun einfach mal die Seele baumeln lassen oder auf eine knackige Entdeckertour gehen – in der Kürze liegt die Würze. Nur ein paar Stunden entfernt von Zuhause sieht die Welt oft schon ganz anders aus. Die Auswahl ist riesengroß. Vom irischen Galway bis in die alte polnische Königsstadt Krakow, vom idyllischen Oslo bis ins quirlige Palma de Mallorca, auch mal ohne Komasaufen: Dieser Band wird ein redseliger Ratgeber sein für alle, die dem Grau des Alltags das Bunte der Welt entgegensetzen wollen.

Hält man das Buch erstmalig in den Händen, ist man auf Anhieb fasziniert von der Auswahl der vorgestellten Destinationen. Von Strasbourg über Portofino, von Porto bis Brno sind die Ziele wohlbekannt, doch oft dem Schnellzugriff bei der Urlaubsortfindung entzogen. Weniger bekannte Orte wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, ist von nun an ein Sehnsuchtsort, den man gesehen haben muss. Wenn man vorsichtig an den Klippen wandert und den Blick nach unten schweifen lässt, wird man Zeuge der Urgewalt des Meeres. Wer nur ein wenig nordöstlich reist, landet unweigerlich auf einer der Kanalinseln wie Jersey, die seit ein paar Jahren wieder verstärkt um die Gunst der Besucher buhlt.

In Luzern über die Kapellbrücke schlendern, in Dubrovnik auf der Stadtmauer auf Meer und Altstadt schauen oder originelles Windowshopping im Stockholmer Stadtteil Södermalm – hier wird jeder fündig. Bei jedem Umblättern steigt der Puls und die Zeit bis zu den nächsten freien Tagen wird unerträglich lang. Jetzt hat man aber zumindest ein Ziel vor Augen, beziehungsweise sind es gleich zweiundvierzig in fünfzehn europäischen Ländern.

A Taste of Honey

Der Titel des Buches kommt einem irgendwie so seltsam vertraut vor. Vielleicht schwirrt einem aber auch der Film „Bitterer Honig“ aus dem Jahr 1961 im Kopf herum. Das Schwirren trügt nicht. Die Autorin Shelagh Delaney ist als der Film erscheint gerademal etwas über Zwanzig. Und schon ein Star. Dass ihr erstes Stück gleich so einschlagen wird, konnte sie nicht im Geringsten vorhersehen. Und dann auch noch eine Verfilmung… In Deutschland brachte Peter Zadek das Stück – wenig erfolgreich – auf die Bühne.

„A Taste of Honey“ ist nur eine Geschichte in diesem Buch. Denn dieses Buch ist das komplette Werk einer Autorin, die im England der 50er und 60er Jahre eine Ikone war, und der es vergönnt war ihren Ruhm auch genießen zu dürfen. Morrissey und seine The Smiths huldigten ihr, indem er ihre Texte in seine Songtexte einbaute und sogar weiterführte. Das Plattencover zu „Louder than Bombs“ wird durch ihr Konterfei geadelt. Und doch ist Shelagh Delaney in Deutschland gänzlich unbekannt. Wie bei Asterix und Obelix gibt es einen kleinen Kreis von Menschen, denen Shelagh Delaney etwas sagt. Tobias Schwartz und André Schwarck gehören zu diesem erlauchten Kreis. Sie setzen der Autorin mit diesem Buch ein Denkmal, das hoffentlich dazu beitragen wird sie nicht noch einmal mit dem Staub des Vergessens zu bedecken.

„A Taste of Honey“ erzählt die Geschichte von Jo. Gerade einmal muss sie mit ihrer Mutter, einer Alkoholikerin und Prostituierten, wieder einmal umziehen. Ein schäbiges Loch, in dem es kalt und feucht ist. So wie in den dreckigsten Ecken von Salford bei Manchester, wo Shelagh Delaney 1938 geboren wurde. Trist wäre schon eine Euphemismus, um diesen Ort zu beschreiben. Jo und Hellen, ihre Mutter, liefern sich einen dauernden, wenig herzlichen Schlagabtausch, aus dem keine der beiden als Sieger hervorgeht. Jo hat zumindest noch ihr Leben vor sich, Helen hat ihres schon längst abgeschrieben. Peter, macht Helen einen Heiratsantrag. Nicht aus Liebe, sondern aus dem einfachen Grund sie ins Bett zu bekommen. Alle durchschauen die Szenerie auf Anhieb. Jo hält aber eine brennende Lunte, die sie aus diesem Elend herausführen kann, in der Hand. Sie hat einen Freund an der Hand, und bald schon die Frucht ihrer Liebe unter ihrem Herzen. So poetisch würden weder Jo noch Helen es niemals bezeichnen. Der Freund ist bald schon weg, das Kind da, und die Lunte erloschen. Geof ist dafür im Leben von Jo aufgetaucht. Er wird sich rührend um Jo und das Kind kümmern wollen. Ehrbare Absichten, doch Geof ist homosexuell. Zusammengefasst: Die Industriemetropole Manchester in den 50er Jahren, ein Teenager mit Kind – ohne Vater, eine alkoholkranke Prostituierte und ein schwuler Freund: Skandal! Die lebensnahe Sprache der Akteure macht „A Taste of Honey“ so nachvollziehbar. Kein britisches upperclass-understatement, sondern er Rotz der Straße lassen dieses Meisterstück erblühen. Als Leser muss man nicht viel Interpretationsarbeit leisten. Die fehlenden Schnörkel erledigen das auf beeindruckende Weise.

Das Vorwort von Tobias Schwartz führt den Leser auf das erwartende Gesamtwerk von Shelagh Delaney umfassend ein. Die folgenden acht Erzählungen bereiten den Weg für den Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens. Die beiden Theaterstücke – es folgt noch „Der verliebte Löwe“, nicht weniger beeindruckend, jedoch weitaus erfolgloser als „A Taste of Honey“ – vollenden ein Buch, das es so im deutschen Sprachraum kaum gegeben haben dürfte. Vierhundert Seiten ungeschöntes, pralles Leben im Industriequalm erstickenden England. Und obendrauf ein Fürsprecher – Morrissey – dessen Texte auf einmal um einen weiteren Aspekt erweitert werden.