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100 Highlights Jakobswege in Spanien und Portugal

Die Berichte über den Jakobsweg haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. War anfangs „nur“ von dem Jakobsweg die Rede, hat man sich mittlerweile eines Besseren belehrt und spricht – was der Wahrheit entspricht von den Jakobswegen. Wobei keineswegs ein Nachmittagsbummel durch die Gemeinde mit einem Abstecher in den Jakobsweg gemeint ist.

Dieses Buch verdient im Berg der Bücher über den Weg der Wege eine besondere Erwähnung. Zum Einen geht es um den einen Weg nach Santiago de Compostela und wie man über die klassische Route von Frankreich aus kommend in Spanien, die Traumroute am Meer, den ältesten Weg oder die Pfade in Portugal wandert. Zum Anderen besticht dieses Buch durch die eindrücklichen Bilder und verführt durch die appetitanregenden Zeilen von Grit Schwarzenburg und Stefanie Bisping. Stefanie Bisping ist Reiseberichtlesern wohl bekannt. Bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet sie regelmäßig in den Top Ten, 2020 als Gewinnerin, im Jahr darauf auf dem zweiten Platz. Von der Antarktis bis Rio, von den Virgin Islands bis Australien, von Russland bis Bali ist ihr keine Destination fremd. Sie macht ihr Reiseziele und –routen zur ihrer Sache.

Einhundert Mal machen die beiden Halt. Einhundert Mal machen die beiden ihrem Erstaunen mit unvergleichlicher Empathie Luft und dem Leser Lust. Einhundert Mal Rührung, Staunen, (Be-) Wundern, Innehalten, Schwelgen, sich lukullischen Genüssen hingeben. Jedem einzelnen der beschriebenen einhundert Orte entlocken sie seinen eigenen ganz besonderen Reiz. Es wird nicht langweilig beim Durchblättern und Lesen in diesem Prachtband.

Ob nun das einst arg gebeutelte Guernica, eine Flasche asturischer Apfelmost in Sidreria, das niemals alternde Salamanca oder Federvieh wohin man schaut, wenn man sich in Barcelos umschaut (kein Schreibfehler, es ist nicht Barcelona gemeint).

Wer hier wandert, weil es andere vor einem ja auch geschafft haben, und weil es momentan irgendwie trendy ist hier zu wandern, kommt Seite für Seite zu der Erkenntnis, dass man sehr wohl hier wandern kann, weil es andere auch tun. Gleichermaßen muss man sich eingestehen, dass der Antrieb dies zu tun ein Irrweg ist. Hier wandert man, um mit allen Sinnen zu genießen. Und so erlebt man auch dieses Buch. Mit unstillbarer Vorfreude blättert man hoffnungsvoll durch die Seiten und man weiß, dass da schon das nächste Abenteuer wartet.

Erfurt

Es wäre fatal Erfurt nur mit einer Attraktion in Verbindung zu bringen. Paris besteht schließlich auch nicht nur aus dem Eiffelturm und London nur aus der Tower Bridge. Und entgegen der derzeit fast vorherrschenden Meinung, dass Erfurt nur aus Bundesgartenschau und Krämerbrücke besteht, muss man diesen Reiseband lesen.

Ja, die Krämerbrücke, die seit Jahrhunderten mit ihren originellen (einst lebenswichtigen) Geschäften allen Suchen nach der gleichbleibenden Shopping-Experience in global agierenden Filialen eine Absage erteilt, muss man besuchen. Auch das ehemalige IGA-Gelände (Gartenschau, die in der DDR „bewies“, dass es hier sehr wohl alles zu kaufen gibt – was natürlich Nicht stimmte), welches momentan einen Teil der Bundesgartenschau 2021 beheimatet, ist mehr als nur einen Abstecher wert. Erfurt kann man auch als eine Stadt der Wunder umschreiben. Ein Blick auf das Titelbild zeigt … das ist doch … nee … das muss doch eine Fotomontage sein. Zwei Kirchen auf einem Platz? Direkt nebeneinander. In Italien ist das okay, aber Thüringen? Ja, ist aber so. Domplatz mit der beeindruckenden Treppe, die an erhellenden Sommertagen als Theaterkulisse trägt. Domkirche und St. Severi scheinen im Abendlicht miteinander zu schmusen, und die Domtreppe scheint zu verdecken, was im Verborgenen bleiben soll.

Verstecken, sich gar verbergen, muss sich Thüringens Hauptstadt nicht. Auch wenn der Liedermacher Rainald Grebe Thüringen als „Land ohne Prominente“ satirisch verarbeitete (von wegen: Max Weber wurde hier geboren, Luther zerbrach sich hier sein Hirn über Gott und die Kirche und Adam Ries verbrachte hier die erkenntnisreichsten vier Jahre seines Lebens), so kann man hier – mit diesem Buch in der Hand – erstaunliche Stunden, sogar Tage verbringen. Da man um die Krämerbrücke eh nicht herumkommt, beginnt man am besten auch hier seine Erkundungstour. Am Ufer der Gera – ja Erfurts Stadtfluss teilt sich den Namen mit der gleichnamigen ehemaligen Bezirksstadt der DDR – steht ein Metallobjekt. Muss man gesehen haben, da es auf Bildern ein wenig deplatziert wirkt. Es handelt sich hierbei um eine Mikwe, ein jüdisches Tauchbad, und es wurde bis Mitte des 15. Jahrhunderts auch als solches genutzt. Allein daran erkennt man schon, dass Erfurt viel Geschichte zu bieten hat. Bei einer Führung zur jüdischen Geschichte erfährt man einiges, was sich hier zugetragen hat. Vom Pogrom im Jahr 1349 bis zum UNESCO-Welterbe.

In der jüngeren Vergangenheit ist auch außerhalb der Stadt- und Landesgrenzen wieder das Erfurter Blau in den Fokus gerückt (worden). Schon zu Beginn des letzten Jahrtausends (!) begann man mit technischen Verfahren Kleidung zu färben. Für den Anbau des Färberwaides opferte man Getreidefelder und machte mit dem komplizierten Verfahren Erfurt weithin sichtbar bekannt. Auch heute noch gibt es kleinere Betriebe, in denen man sich sein eigenes Textil gestalten kann (mit einer Art Batiktechnik). Der Prozess dauert aber einige Tage, so dass man sich sein Einzelstück entweder nach dem Urlaub zuschicken lässt oder die Zwischenzeit nutzt, um alle BUGA-Stellen zu besichtigen.

Die BUGA 2021 gibt dem prall gefüllten Reisebuch den aktuellen Anstrich. Denn die Bundesgartenschau erstreckt sich nicht nur auf dem ursprünglich für eine Gartenschau erschlossenen Gelände, sondern verleiht beispielsweise dem Areal vor der Zitadelle Petersberg ein duftendes Œuvre. Weimar, Jena, Gotha, Sangerhausen, Bad Liebenstein sind Orte, die mit ihrem Einfallsreichtum der BUGA ein umfassendes Bild einer von Menschenhand entworfenen Natur verleihen. Auch dazu bietet das Buch eine reichhaltige Auswahl an Ausflügen.

Erfurt hat noch nicht jeder, der in eingeschränkten Reisezeiten mit Ab- und Anstand reisen möchte, auf dem Plan. Zu Unrecht. Auf 270 Seiten wird einem eine Stadt schmackhaft gemacht, die langsam aus ihrem Dämmerschlaf erwacht.

Venedig

Bei so viel Sehnsuchtsziel könnte man fast auf die Idee kommen, Winston Churchill hätte bei seiner berühmten Victory-Geste Werbung für die Lagunenstadt machen wollen. V für Venedig, das passt! Kaum eine andere Stadt kann auf so viele verträumte Gäste hoffen, wie die schwimmende Stadt, die auf Pfählen gebaut wurde, deren Ende öfter prophezeit wurde als das Ende der Pandemie, die sich allen Unkenrufen zum Trotz lebhafter Besucherströme gleichzeitig erfreut und zur Wehr setzt.

Venedig ist ein gespaltenes Verhältnis zu seiner eigenen Pracht. Ja, die Architektur und die Einzigartigkeit seiner Lage machen Venedig zu einem Juwel unter den Städten, weltweit. Andererseits möchte man angesichts der Unmengen an Besuchern und der gigantischen schwimmenden Hotels und ihrer alles bedrohenden Bugwellen in der Lagune sich fast schon wieder von dem Gedanken verabschieden die Stadt in Augenschein zu nehmen. Wer sich entscheidet die Stadt „sozialverträglich“ zu erkunden, hat mit den Reisebuchautoren Sabine Becht und Sven Talaron die einzige – beste – Wahl für das getroffen, was man machen muss, was man kann und – in Venedig gaaaanz wichtig – was man tunlichst unterlassen sollte. Wo in Deutschland die „Draußen-Nur-Kännchen“-Mentalität für Schmunzeln sorgt, herrscht in Venedig die „Draußen-Nur-Scheine“-Doktrin. Wer im Café draußen sitzt, kann das Kleingeld da lassen, wo es war, im Portemonnaie. Wer dagegen – wie es Commissario Brunetti immer wieder vorlebt seinen Koffeinschuss an der Bar einnimmt, kommt mit ein paar wenigen Münzen zurecht. Die Stadt erkundet man schließlich nicht im Sitzen, obwohl eine Gondelfahrt fast schon das komplette Venedig-Klischee erfüllt. Man erkundet sie zu Fuß, mit diesem Buch in der Hand.

Es hat bis zum Jahr 2021 gedauert bis es zur ersten Ausgabe des Reisebandes kam. Das liegt sicher auch daran, dass die Stadt willentlich Attraktionen in Superlativen zu bieten hat. Das muss man erst einmal zusammentragen und dann den Reiseband auch noch handlich gestalten. Entweder lässt man etwas weg oder kreiert ein Buch, das eher an eine goldverzierte mittelalterliche Bibel erinnert. Der goldene Mittelweg ist den Machern mit diesem Buch gelungen. Handlich, handhabbar und voller Überraschungen. Zwischen den bereits erwähnten Gondelfahrten (teuer und oft nicht besonders einfallsreich) bis hin zu Fingerzeigen, die man wirklich braucht, wenn man das erste Mal in Venedig ist. Beispiel gefällig? Wer aufmerksam die Stadt auf sich wirken lässt, erkennt oft kleine hölzerne Terrassen auf den Dächern der Stadt. Na klar, hier trocknet der Lagunenbewohner seine Wäsche, ist doch klar. Doch was haben diese mit dem Biondo veneziano zu tun? Nur ein Histörchen, das man den zahlreichen farbig unterlegten Kästen entnehmen kann, die einen Venedig-Aufenthalt nicht nur einzigartig, sondern nachhaltig machen.

Acht Touren haben die reisebucherfahrenen Autoren zusammengestellt. Immer mit Bedacht, ohne dabei die essenziellen Höhepunkte auszusparen. Und wenn es was zu sparen gibt, dann lassen die beiden den Leser gern daran teilhaben. Was genau? Steht alles im Buch, lässt sich auch dank der einleuchtenden Übersichtlichkeit leicht finden.

Kurzum: Venedig besuchen – ja. Venedig auf eigene Faust erkunden – ja. Venedig ohne dieses Buch entdecken – möglich, aber nur der halbe Spaß zum doppelten Preis.

Barnim und Uckermark

Die Entscheidung den Urlaub in Brandenburg zu verbringen, ist eine bewusste Entscheidung. Das Image der Region ist im Allgemeinen … nicht vorhanden. Und wenn man dann noch behauptet im Nordosten des Landes zu urlauben, erntet man erst einmal Fragezeichen. Was ist denn daran so besonders? Prenzlau, Templin, Angermünde – noch nie gehört. Für viele ist das schon ein Grund dorthin zu fahren. Bei Wandlitz spitzen manche dann doch die Ohren. Da war doch … die Genossen … ach, vor dreißig Jahren die Heimstätte der Partei- und Staatsführung. Honecker und seine Riege wohnten hier.

Doch der Nordosten Brandenburgs hat mehr zu bieten als unbekannte Orte und die spießig eingerichteten Wohnungen der Lenker eines untergegangenen Landes. Technikfans kommt das Schiffhebewerk in Eberswalde in den Sinn. Ein kolossales Technikmuseum, das heute noch in Betrieb ist und mit seiner Einfachheit immer noch für Erstaunen sorgt. Sechsunddreißig Meter überwindet das Technikwunder, ohne dass dabei endlose Rußwolken in den Himmel geschossen werden müssen.

Wer hier urlaub macht, sucht nur Eines: Ruhe. Und er findet sie. Endlose Naturparks, die so unberührt sind, dass man sich wie ein Entdecker fühlt. Wer früh am Morgen die ersten Sonnenstrahlen nicht als Weckruf, sondern Begleiter sieht, kann Vögeln und anderen Tieren beim Erwachen unter die Bettdecke schauen. Die Hinterlassenschaften der letzten Eiszeit haben eine wasserreiche Landschaft hinterlassen, die jede Scheu vor dem Wasser vergessen lässt. Kanufahrten durch die urwüchsige Natur lassen das Summen im Kopf, sofern vorhanden, schnell verstummen.

Und dann ist da Uckermark. Jetzt weiß jeder, wo man ist. Kanzlerinnenland. Ja, Angela Merkel ist hier aufgewachsen und ab und zu noch in der Gegend. Doch das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist hier – einmal mehr – die Ruhe, die einen schnell ergreift, lässt man sie gewähren. Kleine Dörfer mit Namen, die an Großstadt erinnern, die Lichter der selbigen jedoch erblassen lassen: Wilmersdorf, Prenzlau, Hindenburg. Det jehört doch nach Berlin! Nee, ist Brandenburg. Angermünde trägt wie ein Sportchampion seine Trophäen vor sich her. Stilvolle restauriertes Fachwerk so weit das Auge reicht. Das Barnimer Land ist weitläufig. Und immer wieder entdeckt man schon beim losen Durchblättern des Reisebandes Kleinode, die das Auge erfreuen. Landhäuser, Schlösser, kleine Kirchen – ein bisschen Abenteuergeist muss man schon mitbringen. Den Rest erledigt die Region.

Es ist erstaunlich, dass diese wenig in Erscheinung tretende Region ein Füllhorn an Ruhe und Forschergeist wie selbstverständlich in sich vereint. Autorin Kristine Jaath macht es einem nicht leicht nicht alles auf einmal sehen zu wollen. Sie füllt tatsächlich über zweihundert Seiten mit Dingen, die man tun kann und auf gar keinen Fall verpassen darf. Ausführliche Wegbeschreibungen sorgen dafür, dass man nichts verpasst und so manches kleine Histörchen nie mehr vergisst. Die farbig unterlegten Seiten sind kleine Wissensraketen, die sofort ins Hirn schießen. Genau so wie ein Urlaub in Barnim und der Uckermark eine bewusste Entscheidung ist, sollte der dauernde Blick in diesen nützlichen Reisebegleiter sein.

Riga Tallinn Vilnius

Drei Länder, drei Hauptstädte – im Fall von Riga (Lettland), Tallinn (Estland), Vilnius (Litauen) für die meisten eine Reise. Und wer clever ist, braucht auch nur einen einzigen Reiseband. Die drei Städte stehen stellvertretend für das Baltikum, ein Reiseziel, das immer noch so viele Geheimnisse in sich birgt. Seit drei Jahrzehnten sind die baltischen Staaten unabhängig und erleben seitdem einen Aufschwung, den man weltweit nur selten findet. Und dennoch sind die Länder mit ihren Hauptstädten fast noch so was wie Geheimtipps. Das ändert sich mit der fünften Auflage des Reisebandes von Volker Hagemann.

In die über vierhundertfünfzig Seiten packt er alles, was man gesehen haben muss. Und er ordnet es ein. Oftmals ist es so, dass man von einem Ort begeistert ist, aber ihn nicht so richtig einordnen kann. Manches kommt einem bekannt vor, manches stellt sich als Premiere dem Betrachter vor.

Die drei Städte sind allesamt keine Riesenmetropolen. Zusammen haben sie ungefähr so viele Einwohner wie Hamburg. Und da sind wir schon bei den offensichtlichen Gemeinsamkeiten. Tallinn und Riga spiegeln in ihren Fassaden den hanseatischen Baustil wider. Trotzdem, und das beweisen die zahlreichen Fotos im Buch, fühlt man sich nicht wie in jeder anderen Hansestadt, sondern empfindet das Flair als einzigartig. Vilnius hingegen protzt dagegen mit ein wenig mehr Barock, wie man ihn beispielsweise aus polnischen Städten kennt.

Was schon beim ersten Durchblättern des Reisebandes auffällt, sind die klaren Strukturen. Hier muss man nicht ewig suchen, bis man den Ausflug wieder findet, den man beim vorherigen Blättern kurz entdeckt hat. Farbig unterlegte Kästen laden zum ausführlichen Lesen ein, weil hier kleine Histörchen und Hintergründe dargestellt werden, die man sonst – wenn überhaupt – nur bei einem gut zu bezahlenden Guide erfährt.

Die Stadtrundgänge, aber auch die Ausflüge in die Umgebung sind durch die Bank weg kleine Erlebnisreisen, die mit dem ersten Satz des Kapitels beginnen. Die sind hier erstaunlich ausführlich beschrieben. Volker Hagemann nimmt sich Zeit, um dem Leser den Mund wässrig zu machen, was für ihn einmal tägliche Recherche war. Sich mit dem Buch in der Hand zu verlaufen, ist so gut wie unmöglich. Den Blick vom Buch lösen, wird ausdrücklich empfohlen.

So unterschiedlich sich die drei Städte präsentieren, eines haben sie gemeinsam: Wer dem Buch folgt, sich ein bisschen treiben lässt, erlebt Riga, Tallinn und Vilnius auf unbeschreiblich einzigartige Weise. Abwechslungsreiche Stadtrundgänge, die in längst vergangene Zeiten führen, die jüngere Geschichte nicht vergessen lassen und der Zukunft jetzt schon feste Konturen verleihen, gehören ebenso zum Erlebnis wie deren ausführliche Erläuterungen.

Die Ausflüge in die Umgebung – Litauen / Vilnius ohne einmal Ostseeluft geschnuppert zu haben, am besten in Nida, wo einst Thomas Mann sich die Brise um die Nase wehen ließ – sind für all diejenigen der dank dieses Buches bekannte Höhepunkt der Reise.

Ob sich das ewige Rätsel welche Stadt denn nun zu welchem baltischen Staat gehört mit diesem Buch lösen lässt, bleibt jedem selbstüberlassen. Und wenn das nicht klappt, so weiß man wenigstens, was einem in dem Land erwartet. Das beginnt beim Tipp für den schmalen Geldbeutel (immer wieder gibt es Hinweise, wo man sparen kann und wo Fallen lauern) und endet noch lange nicht beim Übernachtungstipp.

Der Geist von Turin

Zwischen den prachtvollen bauten, den Fabriken von Fiat und Olivetti, zwischen den mondänen Cafés und dem Calcio hat sich der Geist von Turin prächtig entfalten können. Doch er schwebt nicht wie ein drohendes Gespenst durch die Straßen und Gassen und über Plätze hinweg, er setzt sich fest in den Köpfen und im Gewissen eines ganzen Landes.

Der Geist von Turin wie ihn Autorin Maike Albath beschreibt, ist verbinden mit den Namen Cesare Pavese, Natalia und Leone Ginzburg und ihrem Verleger Giulio Einaudi. Während Italien unter der Fuchtel Mussolinis die Fackel der Freiheit in die falschen Hände legt, gelingt es Einaudi einen Verlag zu etablieren, der als Stimme der Vernunft, vor allem aber als Stimme des Widerstandes einen Funken Hoffnung glimmen lässt. Genau zu der Zeit als Mussolini – der selbst einmal sein politisches Engagement als Sozialist begann – von Rom aus den Stiefel mit selbigen tritt, sind die Bücher bei Einaudi der intellektuelle Gegenpol zur allgegenwärtigen Rohheit und der verkommenen Aufbruchsstimmung.

Dem Philologen Cesare Pavese gelingt es mit seiner pedantischen Art zu übersetzen Werke „Moby Dick“ und die Gedichte von Walt Whitman in Italien zu verbreiten. Seine Romane verkaufen sich gut. Mit den Turiner Romanen – einer Trilogie gleich – gelingt ihm der Durchbruch. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens nimmt er sich das Leben.

Nicht der erste Tiefschlag, den das Haus Einaudi hinnehmen muss. Bereits Leone Ginzburg wurde zu früh aus dem Leben gerissen. Wie auch Pavese war er strikter Gegner der Faschisten. Während Pavese seine Adresse zur Verfügung stellte, dafür in die Verbannung ins tiefste unterentwickelte Kalabrien geschickt wurde, war Ginzburgs Verhaftung ein Zufall. Als die Peiniger erkannten, wen sie da verhaftet hatten, folgten Verhöre, Folter und … unweigerlich der Tod. Seine Frau Natalia sollten dem Verlag mit ihrem Namen Jahre später wieder Erfolg einfahren.

Das Verlagshaus Einaudi überstand Faschismus und die Zeit des Wiederaufbaus, wuchs und wuchs. Die Autoren sammelten Preise wie sie kaum ein anderer Verlag vorweisen konnte. Doch rund ein halbes Jahrhundert später ging es bergab. Inflation und schlechte Entscheidungen führten letztendlich dazu, dass Einaudi, die Stimme der Humanität im Imperium eines gewissen Silvio Berlusconi aufging.

Maike Albath gelingt es in ihrem Buch eine Geschichte spannend zu erzählen, die vielen Lesern unbekannt ist. Die Autoren sind den meisten bekannt. Ihre Leserschaft ist treu, die das Schicksal hinter dem Erfolg ist nicht minder spannend als so mancher Titel im Programm.

Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika

Da ist man doch in Tallulah, Louisian, am 20. Juli des Jahres 1899 tatsächlich der Meinung, dass man so „mir nichts, Dir nichts“ mal fünf Menschen einfach so hängen kann. In den Südstaaten der USA war es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein üblich Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, sämtlicher Menschenrechte zu berauben. Und man hatte sogar meist das Gesetz auf seiner Seite. Was war passiert?

Die Ziege des Nachbarn stört Doc John Ford Hodge schon länger. Das hat er seinem Nachbarn, einem Einwanderer aus Sizilien, dessen Brüdern und Cousins, auch schon mehrfach mitgeteilt. Nun reicht es dem angesehenen Mitglied der Gemeinde (solche Menschen sind immer ein „angesehenes Mitglied der Gemeinde“), er zückt sein Gewehr, lädt durch und drückt ab. Das können sich die Dagos, wie die Einwanderer abfällig bezeichnet werden nicht bieten lassen und gehen ebenfalls mit einer Waffe in Stellung. Ein Handgemenge, ein Schuss, und schon klafft im Körper des Angreifers eine Wunde. Wer mit dem Feuer spielt …

Die Fünf werden ins Gefängnis gesperrt. Und nun kommt Justizia des Staates Louisiana ins Spiel. Es ist keine Straftat, wenn eine Menschenmenge Gefangene aus dem Gefängnis holt und Selbstjustiz übt. Das ist doch absurd! Nicht in den Augen des wütenden Mobs, der ein Seil besorgt, es über die Pappel schwingt, und die Brüder Giuseppe Defatta, Francesco Defatta, Pasquale Defatta sowie die Cousins Rosario Fiduccia, Giovanni Cirami, alle zwischen 23 und 54 Jahre alt, aufknüpft. Am Tag danach sind die Gehängten der Neugier der Einwohner schamlos ausgesetzt.

Autor Enrico Deaglio hat selbst familiäre Verbindungen in diesen Flecken der USA. Ihn interessiert, was damals in diesen dramatischen Tagen die Stimmung so dermaßen aufheizte, dass Italiens Regierung sogar eine Entschädigung bekam und heute eine Erinnerungstafel in Cefalù an die einstigen Auswanderer erinnert. Vielleicht war alles doch ganz anders. War es ein Hund, der den Doc so an den Nerven zerrte? Oder ging es gar um eine Frau? Beides immer noch kein Grund, um fünf Menschen einfach so umzubringen. Der Grund liegt wahrscheinlich – es gibt mehr als nur Verdachtsmomente – in tief liegendem Rassismus. Wenige Jahrzehnte zuvor waren Italiener in Louisians willkommen. Aber nur die aus dem Norden. Direkte Nachkommen der Kelten. Nun war Italien aber endlich geeint. Und so kamen auch Italiener aus dem Süden, die der Gouverneur als Nachfahren von Banditen bezeichnete. Die wollte man nicht haben, bekam sie trotzdem, und machte ihnen das Leben schwer. Die fünf Gehängten stehen symbolisch für den scharfen Gegenwind, der den Ankömmlingen nach drei Wochen auf See entgegenblies.

Dieser Essay ist spannend wie ein Krimi, die Taten jagen noch heute dem Leser einen Schauer über den Rücken und sorgen für andauerndes Kopfschütteln. Als Gegenpol fungiert hier wohl die einfühlsame, geradlinige Wortwahl des Autors und der Übersetzung von Klaudia Ruschkowski. Das Buch trägt den Titel nicht zu Unrecht und richtet den Suchscheinwerfer der Geschichte auf ein Kapitel sizilianischer wie amerikanischer Vergangenheit, das bisher nur sporadisch aufflackerte. Dem Verlag Edition Converso, Deutscher Verlagspreis 2021 und Spezialist für Literatur aus dem kompletten Mittelmeerraum, kann man zur Entscheidung dieses Buch zu verlegen nur gratulieren.

Auf die Dame kommt es an

Schachspielen – ach wie öde. Zweiunddreißig Figuren laufen wir irre durcheinander bis irgendwann der Chef zu Fall gebracht wird. Ach wie öde. Für Unkundige mag das zutreffen. Für Fans, Spieler, Taktikfans eine Offenbarung. Schach ist die älteste Sportart, in der heute noch Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Wenn auch fernab jeglichen Publikumsinteresses. Schach faszinierte seit jeher – Alexander der Große soll es schon gespielt haben, mit Bravour.

Für ein breiteres Publikum sind wohl eher die Geschichten rund um das Spiel der Könige interessant. Und so mancher ließ sich von Friedrich Dürrenmatt, Vladimir Nabokov oder Agatha Christie zum Spielen verleiten. Wenn nicht, dann wird es Zeit. Denn dieses Büchlein bietet Schachuninteressierten die Möglichkeit in die verzwickten Strukturen dieses traditionsreichen Spieles hineinzuschauen.

Die Herausgeber Ulla Steffan und Richard Forster sind nicht die Autoren, sie sind Sammler. Sammler von guten Geschichten. Richard Forster ist außerdem Schachmeister und Schach-Kolumnist (ja, so was gibt es wirklich) der Neuen Züricher Zeitung.

Gleich in der ersten Geschichte geht es richtig zur Sache. Mord und Machtspiel sind die Zutaten, die Friedrich Dürrenmatt mit Schach gleichsetzt. Ein Richter und ein Staatsanwalt kommen beim Schach ins Plaudern. Der Richter gesteht dabei einen Mord. Denn er, der Richter, und der Vorgänger des Staatsanwaltes spielten eine perfide Art des Schachs. Krimifans werden diese Seiten lieben.

Schach muss für viele Analogien in den Geschichten herhalten. Und auch für Anekdoten. Wie diese als Richard Nixon Bobby Fischer nach seinem fulminanten Sieg über Boris Spasski – damals mehr als „nur eine Schach-Weltmeisterschaft“ – ins Weiße Haus einladen wollte. Der amerikanische Held, der sich nie als solcher fühlte, stellte derart viele und teils unverschämte Forderungen, dass Nixon (scherzhaft) die Losung ausgab den Flieger, der Fischer nach Washington bringen sollte, nach Kuba entführen zu lassen.

Beim Schach gibt es nur Schwarz und Weiß, kein Grau. Es gibt nur Gewinnen oder Verlieren. Selbst ein Unentschieden ist eine Niederlage, weil es keinen Sieger gibt. Dieses Buch hat mehrere Sieger: Den Leser. Und das Schach. Noch nie wurde Schach in seinem ganzen Facettenreichtum dargestellt. Den beiden Herausgebern gebührt der Verdienst Schach auf eine neue Ebene gehoben zu haben. Schach der Langeweile, Schach der Öde.

Porto

Es gibt keine zweite Stadt in Europa, die in den vergangenen Jahren einen derartigen Aufschwung erlebt hat wie Porto. War es vor rund zwanzig Jahren noch eine Stadt, die man dank ihres Namens recht gut verorten konnte (Porto – Portugal, wo sonst sollte die Stadt liegen, wenn nicht dort), so zaubert sie heute ein Leuchten in die Augen einer ganzen reise- und leider vor allem auch partyfreudigen Generation. Mittlerweile rollte die zweite Welle von Besuchern auf die Stadt zu, so dass die Mietpreise im idyllischen Stadtkern den meisten nun die Tränen in die Augen schießen lassen.

Der Attraktivität der Stadt hat das allerdings kaum einen Abbruch getan. Autor und Verleger Michael Müller hat sich hier niedergelassen, um der Stadt näherzukommen und (endlich, wie auch er zugeben muss) einen echten Michael-Müller-Stadtreiseband zu schenken.

Porto kann süchtig machen. Die bunten Häuschen, der unvergleichliche Blick über den Douro, den Fluss, der die Stadt teilt und sie durch kolossale Brücken wiedervereint, sind hier offensichtlichen Höhepunkte, die jedem in den Sinn kommen, wenn die Rede auf Porto kommt. Dass es dabei nicht bleibt, wird jedem schon vor der Abreise klar, wenn er auch nur ein bisschen in diesem handlichen Reiseband blättert.

Das historische Zentrum lädt nicht ab und zu, sondern Auf und Ab zum Bummeln, Staunen und Verweilen ein. Am besten die Stadt erkunden mit einer der historischen eléctricos, die nicht umsonst ein bisschen San-Francisco-Flair verbreiten, die Linien 1, 18 und 22 sind jede für sich es wert benutzt zu werden. Den Sonntagvormittag sollte man sich für den Vogelmarkt Feira dos Passarinhos freihalten. Lecker Fisch und Stranderholung gibt’s in Matosinhos im Norden der Stadt.

Porto ist eine kompakte Stadt, in der man sich gern treiben lässt. Um nichts zu verpassen, sollte man jedoch ein wenig vorplanen. Nicht, dass man dann doch die besten Fischgerichte der Stadt oder einzigartige Aussichtspunkte oder Shoppingverstecke verpasst oder oder oder … Abhilfe schafft hier nur einer: Der Autor dieses Buches.

Die mehr als bedienerfreundliche Aufmachung erlaubt es mit einem Fingerschnippen bzw. Umblättern sich sofort zurechtzufinden. Was, wann, wo? Nur kurze Fragen, die in ausreichender Länge prägnant beantwortet werden. Auch mit der dazugehörigen App ist man in Porto nicht mehr so leicht als verlorener Touri zu erkennen. Man könnte fast schon als Guide die eine oder andere Frage umfassend beantworten. Porto, eine Stadt im Aufschwung brauchte bisher nicht viel, um sich zu präsentieren. Jetzt ist sie mit diesem Buch um eine Attraktion reicher.

Lüneburg & Lüneburger Heide

Auf den ersten Blick wohl eher ein Landstrich, der eigens für das Familienidyll in der schönsten Zeit des Jahres ersonnen wurde. Autor Sven Bremer ging es eine Zeitlang genau so. Lüneburger Heide hat nicht viel für individuelles Erforschen zu bieten. Doch er wurde eines Besseren belehrt. Von Kunst rund um die Uhr bis zu hochintelligenter Technik, von Radwandern bis Architektur von Ikonen ihr Zunft erschaffen, von Geschichten aus der Vergangenheit und ihren namhaften Protagonisten findet man alles hier, in der Lüneburger Heide.

Da ist zum Beispiel Celle. Der Knast erlangte Ende der Siebziger Jahre Berühmtheit als ein Loch in die Außenwand gesprengt wurde. Vermeintlich um einen RAF-Insassen die Freiheit zu schenken. Doch der verpennte (vermeintlich) seinen „Freigang“. Jahre später kam heraus, dass alles inszeniert wurde. Die beteiligten Politiker kamen mit einem blauen Auge davon.

Lüneburg glänzt nicht nur im Sonnenlicht durch das Hauptgebäude der Uni, das von Daniel Libeskind entworfen wurde und seit der Eröffnung 2017 als Vorzeigeobjekt für Nachhaltigkeit und Futurismus bekannt ist, sondern auch durch die Zähigkeit der Macher, denen anfangs ein scharfer Wind entgegen blies. Wie immer wurde der Bau teurer als anfangs berechnet, doch in diesem Fall, hat sich der Mehraufwand gelohnt. Für Studenten, die fleißig mitplanten und für Besucher, die aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Denn so was gibt es sonst nur in Metropolen.

Wendland, Dannenberg sind Namen, die vielen aus den Nachrichten bekannt sein dürften. Atommüllendlager und Auffanglager für DDR-Flüchtige – hier wurde Geschichte geschrieben und wird sie noch bis heute.

Der Lüneburger Heide also eine gewisse Trägheit und Abenteuerferne zu bescheinigen, ist mit diesen wenigen Beispielen schon der Zahn gezogen. Klar, die Landschaft ist hier eindeutig der Star! Mit dem Rad cowboygleich endlose Weiten zu erkunden gehört eindeutig zu den Erholungsmöglichkeiten, die man allenfalls einmal lächelnd hinnimmt. Die ausgesuchten Touren jedoch lassen dem Belächeln ein breites Grinsen folgen.

Sven Bremer lässt es sich nicht nehmen der Lüneburger Heide die wie er es nennt „Draußen-Nur-Kännchen“-Mentalität wegzunehmen. Zwischen Buchholz in der Nordheide und Wolfsburg, zwischen Lüneburg und Walsrode muss man nur genau wissen wo man suchen muss. Sven Bremer erleichtert diese Suche mit seinem fast dreihundert Seiten starken Reiseband, so dass die Suche von Vorfreude geprägt ist.