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Gran Canaria

Wenn es daheim so richtig ungemütlich, kalt und nass ist, möchte man einfach nur raus. Raus in die Welt. Aber bitte nicht allzu weit weg. Aber sonnig sollte s bitte schön sein. Für viele ist Gran Canaria dann die erste Wahl. Während zuhause alle den Kopf in den Nacken ziehen, weil der Wind sonst durch jede Ritze pfeift, genießt man die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres. Und das sogar schon am Strand.

Doch Gran Canaria ist mehr als die Bettenburg Mitteleuropas tief im Süden. Irene Börjes hat nicht einfach nur einen Reiseband geschrieben, der mittlerweile sich der neunten Auflage erfreuen darf, in dem so allerlei geschrieben steht, was man sich anschauen kann (und muss), sondern einen Reiseband dem Frischlingsgast (aber auch dem erfahrenen Kenner der Insel) ein Reiseprogramm in die Hand gibt, dass nur einen Schluss zulässt: Langweilig wird’s hier bestimmt nicht!

Jedes Kapitel wird zunächst einmal kurz umrissen. Knackige Highlights machen Appetit darauf, das Buch intensiver zu studieren. Wie ein Reiseguide, der ohne den Erkennungs-Regenschirm in den Himmel zu recken und ohne Zeitdruck aufzubauen, weist sie ohne große Gesten auf das nicht zu Verpassende hin. Die farbig unterlegten Kästen sind dabei einmal mehr die Füllhörner der Neugier. Einzigartige Landschaften wie die Projektgemeinschaft Paisaje cultural de Risco Caido y Las Montanas Sagradas. Hier treffen weitreichend zurückliegende Geschichte, frühere Geschichte auf Gegenwart und Zukunft. Auf exzellent erschlossenen Wanderrouten kann man vorbei an Ausgrabungsstätten, in Freilandmuseen das Leben vor vielen Jahrhunderten nachvollziehen.

Sportlich ist Gran Canaria auch. Mit dem Rad querfeldein, ohne dabei Flora und Fauna ins Leben zu pfuschen – kein Problem. Auch hier hat die Autorin (sogar preiswerte) Tipps im Angebot.

Immer wieder kommt man ins Staunen wie viel die Insel zu bieten hat, und dass man tatsächlich alles in diesem Buch finden kann. Hier bekommt das Wort Kompaktheit eine neue Bedeutung.

Dieser Reiseband beweist eindrücklich, dass Gran Canaria nicht das eine Reiseziel ist, das man erwählt, wenn einem überhaupt nichts mehr einfällt, wo man den nächsten Urlaub verbringen kann. Auch wenn die Insel von Touristenmassen überrannt zu werden scheint, so gibt es noch immer unzählige Orte, die noch nie von Tennissocken in Sandalen platt gedrückt wurden. Gran Canaria mit Irene Börjes in der Hand wird so garantiert zu einem Erlebnis, an das man sich noch lange erinnern wird.

Golf von Neapel, Ischia-Sorrent-Capri-Amalfi

Neapel sehen und sterben – mehr als nur eine Floskel. Ja, man muss Neapel erlebt haben, um Italien zu kennen. Während man in anderen Regionen die Grandezza aufsaugen kann, brodelt es hier an jeder Stelle. Das liegt nicht allein am Vesuv, der, wenn er wieder einmal ausbrechen sollte, eine Katastrophe heraufbeschwören kann, die in Europa wohl einzigartig sein dürfte. Nein, es ist das stets vorhandene Vibrieren der Stadt am Golf. Es gibt drei Arten von Lärm: Das Timbre der Marktverkäufer und ihrer Kunden, das permanente Telefonieren und das Knattern der unzähligen Mopeds in der Stadt. Sie alle kreieren einen Klangteppich, auf dem man durch die Stadt schwebt. Der rustikale Charme der teils abgerockten Palazzi, die Fülle an Augenschmaus und Gaumenfreuden lassen den Gast Neapels schnell eintauchen in eine Stadt, die selbst in Italien als einzigartig gilt. Wo andernorts an den touristischen Hotspots die weltweit gängigen Geschäfte das Ursprüngliche verdrängt haben, dominiert hier das urtypische Handwerk. Im quartieri spagnoli – einem Viertel, vor dem noch vor wenigen Jahren vehement gewarnt wurde – kann man durch die geöffneten Türen so manchen Handwerker bei der Arbeit zuschauen. Auch ohne Italienischkenntnisse kommt man hier dennoch schnell ins Gespräch. Die schnelle Pizza auf die Hand, oder die typischen Sfogliatelle, eine schmackhafte Leckerei zwischendurch, gehören hier zum Straßenbild wie das liebevolle Ignorieren der roten Ampeln.

Das ist Neapel, das man getrost auch ohne Reisebuch erleben kann. Aber das ist eben nur eine Seite der drittgrößten Stadt Italiens. Als ehemalige Königsstadt bietet sie eine ungeheure Fülle an architektonischen Preziosen. Und fast immer mit dem Charme des benutzten Eigentums. Der Putz blättert von den Wänden, Funkeln und Strahlen findet man meist nur in sakralen Gebäuden. Und selbst da ist die Lichtstimmung düsterer als in den meisten Gotteshäusern. Es ist ein ganz besonderes Flair, das einen sofort einnimmt.

Reisebuchautor Andreas Haller sortiert die Sehenswürdigkeiten ein wenig vor. Das ist auch nötig, da vieles in Neapel schnell übersehen werden kann. Die Enge der Gassen, die Menschenmassen (beispielsweise in der Via San Gregorio Ameno, die Krippengasse, wo sich ein Krippenmacher an den anderen reiht – trotzdem unbedingt anschauen) – da kann es durchaus passieren, dass man mal ein bedeutendes Bauwerk an einem vorüberziehen lässt. Hier hakt das Buch ein. Kein noch so kleiner Ort, den man gesehen haben muss, weil er für Neapel so charakteristisch ist, bleibt unerwähnt. Inkl. Tipps wann man ihn besuchen sollte. Denn wenn die Massen erst einmal in Bewegung sind, kann man schnell auch mal eine zu lange Zeit in Warteschlangen verbringen.

Als Leseablenkung vom Überfluss der Stadt sind die typischen farbig markierten Kästen ein willkommener Ausflug in die Stadtgeschichte. Was steckt hinter dem maskierten Pulcinella? Und warum werden wo man steht und geht rote Paprikaschoten als Schlüssel- oder Kettenanhänger, von winzig klein bis zu gigantischen Ausmaßen angeboten? Curniciello – Glücksbringer, nicht nur für die Verkäufer.

Nun ist das mezzogiorno – auch diese Bezeichnung für den Süden des Stiefels wird ausgiebig erläutert – nicht nur Neapel. Ischia, Capri, Amalfi sind Sehnsuchtsorte, die jedem Klischee trotzen und es zugleich bedienen. Um nicht vollends jeder Tourifalle ins Netz zu gehen, empfiehlt es sich schon vor Reiseantritt in diesem Buch zu schmökern. Das geht, denn die dritte Auflage liest sich wirklich wie ein Roman, den man anschließend selbst nacherleben kann. Anfahrtswege, die schönsten Ausflüge und unerlässliche Tipps für den perfekten Urlaub (ob es nun der erste oder einer der zahllosen folgenden Tripps ist) lassen zuvor das Reisefieber steigen und vor Ort das Temperament den Gepflogenheiten anpassen.

Ein Reisebuch soll Appetit machen, einen sicher durch die Fremde leiten und die Vorfreude aufs Wiederkommen steigern. In diesem Fall gibt es nur ein Fazit: Volle Punktzahl, Ziel erreicht!

Cinema speculation

Listen – die Ausflüchte des kleinen Mannes (oder der kleinen Frau) in die Phantasie. Jeder hat mindestens eine Liste, zumindest im Kopf, andere vielleicht sogar ausgedruckt und in Folie verschweißt stets bei sich tragend. Die Rede ist nicht von Einkaufslisten. Sondern Listen wie „Der beste Film aller Zeiten“ oder das „beste Musikalbum ever“. Alles bullshit … wenn man nicht ein „für mich“ vor den Superlativ setzt. Filmakademien bringen sich ins kollektive Gedächtnis mit Listen der besten Filme. Und jeder kennt die Filme, mindestens beim Namen. An „Der Pate“, „Citizen Kane“ oder „Der dritte Mann“ kommt man da nur schwerlich vorbei. Und während man die Liste erstellt, kommen immer mehr Titel und Namen von Regisseuren und Schauspielern einen in die Quere, um die Liste komplett zu machen.

Es hielt sich jahrelang das Gerücht, dass Quentin Tarantino – als er in einer Videothek jobbte – sich unentwegt Film reinzog. Und daraus entstand der Drang selbst Filme zu machen. Kritiker bemängelt seine fehlende Kreativität und unterstellten ihm bloßes Kopieren eben dieser Filme, die der junge Quentin sich da einverleibte. Uma Thurman in gelbem Dress von unten gefilmt – das hat er doch von Hitch (The lodger) geklaut. Ist nun jeder Film schlecht, der eine Szene hat, die von unten gefilmt wird? Wohl kaum. Bei „True Romance“ ist das musikalische Leitmotiv aus „Badlands“, ein hierzulande eher unbekannter Film mit dem jungen Martin Sheen entlehnt. Klingt für die meisten nachhallender als das Original.

Quentin Tarantino hat auch eine Liste mit Filmen, die für ihn – jeder auf eine andere Weise – bedeutsam sind. Ohne Nummerierung. Zum Glück. „Bullitt“ – damit fängt der Reigen des Staunens und Ah-Rufens an. Klar, Steve McQueen gehört einfach in einer Aufreihung bedeutender Filme. Keiner war so cool wie er, gepaart mit Talent und ausgestattet mit dem Ehrgeiz einer Kobra, die das nächste Opfer im Visier hat. Da klar ist, dass man „Bullitt“ niemandem mehr erklären muss, verzichtet Tarantino darauf den Film noch einmal bis ins Kleinste zu erzählen. Er kommt der Faszination des Films und seines Stars auf die Spur, in dem er sich mit Neile Adams, McQueens Ehefrau unterhält. Sie war es schließlich, die die Rollen für ihren Gatten aussuchte.

Auch der zweite Film im Buch passt ins Klischee von erratbaren Filmen, die Tarantino prägten (nach Bambi und einigen ausgewählten Blaxploitation-Movies): Dirty Harry“. Wieder ein knallharter Kerl – Clint Eastwood, wieder Rasanz so dass das Blut brodelt. Ein bisschen hinter den Vorhang schauen, ein bisschen Fantum, und jede Menge Hintergrundwissen und cineastische Betrachtung. Tarantino schaut nicht einfach nur Filme. Er atmet sie ein und spuckt im Gegenzug eine gewaltige Version dessen wieder heraus.

Ab hier kommt der Autor Tarantino so richtig in Fahrt. Er zieht Vergleiche mit Filmen, die man nicht zwingend gesehen haben muss, um zu verstehen wie sie den Regisseur Tarantino beeindruckten. Doch ein gewisses Maß an Filmverständnis und einem breiten Spektrum an Interesse sollte man als Leser mitbringen. Ansonsten erliegt man der Versuchung die genannten Titel einfach zu überlesen. Dann fehlt einem doch ein gehöriges Stück vom Kino-Wissens-Kuchen, den QT einem da serviert. „The Getaway“ – wieder Steve McQueen, dieses Mal mit Ali MacGraw, geohrfeigt vor laufender Kamera, dass es jedem Zuschauer den Atem verschlägt – da tat vor und hinter der Kamera weh, ist nur der Anfang für QT, um den für Hollywood wichtigen Jahrzehnt der 70er nahezukommen. Hier ist Tarantino zuhause.

Was nun folgt ist eine wilder Ritt durch die Filmlandschaft Amerikas. Ohne dabei cineastischen Highway zu verlassen, prügelt QT den Leser durch Filmplots, trifft Stars und ihre Hinterleute, lässt andere daran teilhaben Geheimnissen der Leinwand auf die Schliche zu kommen. Ein Festessen für Filmliebhaber, die James Monaco in- und auswendig kennen, die Truffauts Analysen nicht minder aussagekräftig finden. Wohlgemerkt, es sind fast ausschließlich amerikanische Produktionen, die Tarantino erwähnt.

Wer Kino mag, liebt Tarantino nicht zwangsläufig. Wer ihn liebt, wird mit diesem Buch unterm Kopfkissen zahllose unruhige Nächte voller Ungeduld verbringen. Oft ertappt man sich dabei, dass man den einen oder andere Film bzw. Sequenzen schon ad acta gelegt hat. Hier liegt die Stärke des Buches: Das Vergessene immer ans Licht zu holen und zu honorieren.

Glaube, Hoffnung und Gemetzel

Was ein Titel! „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ – wer da an Roman Polanskis Film „Der Gott des Gemetzels“ denkt, ist schon fast auf dem richtigen Weg. Denn auch der ist sicherlich keine Massenware, die Fans von seichten Stories mit prall gefüllter Action hinter dem Ofen lockt. Auch Nick Cave liegt es fern mit einem Buch neue Fangemeinden zu generieren. Seine Anhänger sind ihm treu. Und sie wissen, was sie an ihm haben.

Mehrere Male hat der Journalist Seán O’Hagan Nick Cave interviewt. Es handelt sich dabei mehr um Gespräche zwischen zwei Menschen, die es geschafft haben ohne viel Tamtam eine gemeinsame Ebene zu finden. Denn Interviews gibt Nick Cave nur sehr ungern. Quatschen, reden, ein echtes Gespräch führen – ja, das mag er. Und das kann er auch! Und wie!

Und ja, das einzigartige Thema der Gegenwart – Corona – spielt natürlich eine gewichtige Rolle in den Gesprächen. Die Zeit des Lockdowns war für jeden eine ungewöhnliche Periode. Es ist zu einfach gedacht, dass Künstler, die andauernd on tour sind, diese Zeit paradiesisch hätte sein müssen. Endlich hat man mal Zeit sich intensiv um neue Texte und Melodien zu kümmern. Wenn das mal so einfach wäre. Denn Erstens entstehen Melodien, Texte und somit Stücke und Alben nicht auf Knopfdruck (und wenn doch, dann sind sie von vornherein mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen) und Zweitens ist Zwang Gift für jeden Freigeist. Wie aus dem Nichts (die Erklärung, dass es dann doch nicht „wie aus dem Nichts“ geschah schiebt Nick Cave gleich nach) schickt Nick Cave Seán O’Hagan sogar einen Songtext zu. Aus einem Guss geschrieben, also ganz anders als er sonst textet, und durch den Interviewer O’Hagan inspiriert. Auch hier wieder: Kein Anbiedern seitens des Fragenstellers, sondern sofortiger Einstieg in den Diskurs.

Nick Cave ist nicht derjenige, der sich hinsetzt und dem Fragensteller seine Arbeit tun lässt und sich dann in endlosen Phrasen über Teamgeist oder was gerade angesagt ist, ergeht. Er ist der Boss seiner Band, ohne dabei die Anderen in den Hintergrund zu stellen. Klar ist Teamwork in einer Band unerlässlich. Doch den Ton gibt nur einer an.

Je mehr man in dieses Buch eintaucht, je mehr man Seite für Seite verschlingt, desto klarer scheint das künstlerische Tun sich herauszuschälen. Komplette Wahrheiten gibt es nicht, schon gar nicht in der Kunst. Und Nick Cave ist Künstler. Durch und durch.

Um es noch einmal klarzustellen. Hier liegt keine Selbstentblößung vor, um Fans zu gewinnen. Der Maestro entblättert sich auch nicht vollends vor dem geneigten Leser. Vielmehr ist „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ eine geschickte gesetzte Nadel, die dem Spender keine Schmerzen zufügt. Dennoch quillt das Eine oder Andere aus ihm heraus, so dass es jeder sehen kann. Was der Leser aus diesem Buch für sich selber mitnimmt, entscheidet nur er selbst. Und genau deswegen muss man dieses Buch lesen. Denn jeder nimmt etwas mit, was auf diesen Seiten geschrieben steht.

Leni Riefenstahl – Karriere einer Täterin

Es gibt einfacheres als eine Biographie über Leni Riefenstahl zu schreiben und ihr vollkommen gerecht zu werden. Überhaupt ist das Wort gerecht im Zusammenhang mit der Regisseurin und Schauspielerin ein schwieriges Unterfangen.

Kurz die Fakten: 1902 geborgen und reichlich zwei Wochen nach ihrem 101. (!) Geburtstag gestorben. Schauspielerin und Regisseurin von Filmen, die bis heute wegen ihrer monumentalen Einstellungen bekannt sind. Die bekanntesten Filme sind allerdings berüchtigt – nicht wegen ihrer Opulenz und Monumentalität, sondern wegen ihres politischen Zusammenhanges.

Und damit sind wir auch schon beim eigentlichen Problem: Brillante Künstlerin, aber auch politischer Trottel. So nannte man sie, um die Schmach ihrer Rolle in Deutschlands dunkelster Zeit zu umschreiben. Oberflächlich liegt man da sicherlich gar nicht so falsch. Aber unter der Oberfläche brodelte es fortwährend. Und das tut es bis heute.

Als die Karriere von Leni Riefenstahl begann waren Frauen nicht unbedingt mit allumfassenden Rechten ausgestattet. Das Wahlrecht für sie war noch recht frisch. Karriere machen war nur wenigen Auserwählten vorbehalten. Und Leni Riefenstahl war mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein versehen worden.

Zeitsprung: Als sie mit den Dreharbeiten für die beiden Olympiafilme „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ begann, konnte sie auf ein Budget zugreifen, dass alle Dimensionen sprengte. Dieser beruhte auf der Dankbarkeit von ganz oben, weil der Reichsparteitagfilm „Triumph des Willens“ so gut bei den Auftraggebern ankam. Später, als sie „Tiefland“ drehte, war es für sie ein Leichtes entsprechende Komparsen für den Film zu bekommen. Sie sollten dem gängigen Klischee entsprechen. Denn der Film gilt neben „Der ewige Jude“ und Jud Süß“ als perfides Beispiel für Judenhasse und Propaganda übelster Sorte. Bis zu ihrem Ende bestritt Riefenstahl den Film nachträglich bearbeitet zu haben, um einer sicheren Bestrafung zu entgehen. Sie hat nachweislich den Film umgeschnitten – unter anderem wurden Naheinstellungen entfernt, die Darsteller identifizierbar zu machen.

Nina Gladitz, selbst preisgekrönte Dokumentarfilmerin, kann aufgrund ihrer Kenntnisse des Genres Film Lügen der Riefenstahl aufdecken und das wohl im Rahmen aller Möglichkeiten exakte Abbild der Regisseurin entwerfen. Die Ästhetik ihrer Arbeiten ist unbestritten und anzuerkennen. Wenn der Weg das Ziel ist, so muss man Riefenstahl in einem Atemzug mit den widerwärtigsten Verbrechern der Nazi-Ära gleichsetzen. Je mehr man sich von dieser Zeit entfernt, je weniger Zeitzeugen diese Zeit aus eigenem Erleben darstellen können, desto schwieriger wird es von der damaligen Realität, gepaart mit den Erfahrungen, die man bis heute gemacht hat, ein heute verständliches Bild zeichnen zu können. Den politischen Aspekt darf man bei Riefenstahls Werken nicht außer Acht lassen. Niemals! Und dennoch faszinieren uns die Farbgestaltung, die Kameraperspektiven, die Geschwindigkeit, die Totaleinstellung (hach, das ist es wieder das „total“, hätte man auch früher schon drauf kommen können…). Auch und gerade durch dieses Buch wird es unmöglich sein Leni Riefenstahl ein kraftvolles „Aber“ hinten anzustellen, wenn man von ihr spricht. Und so verkehrt ist das gar nicht…

Einstein sagt

Wenn der Keks spricht, haben die Krümel Sendepause! Und wenn Einstein spricht, ist es auch muchsmäuschenstill. Und nicht nur, wenn man einmal im Leben die Relativitätstheorie verstehen will…

Einstein gehört auch fast siebzig Jahre nach seinem Tod zu denjenigen, denen man nur schwer Verfehlungen nachsagen kann. Das liegt zum Einen daran, dass er immer auch einen kleinen Schalk im Nacken hatte, den er nur allzu gern auch freien Lauf ließ. Bei Diskussionen mit Berlinern verglich er sich mit einem prämierten Huhn. Nur die Frage, ob er noch Eier legen könne, konnte selbst er nicht beantworten. Auch heute noch ein Brüller auf jedem langweiligen Get-Together.

Nachdenklich stimmen Einsteins Gedanken über seine deutsche Heimat. Die musste er verlassen, um drohender Gewalt durch die Nazis zu entkommen. Die Befürwortung eines atomaren Erstschlags gegen Deutschland bezeichnete er bis zu seinem Ende als seinen größten Fehler. Auch die Erkenntnis nicht unfehlbar zu sein und zu seinen Fehler zu stehen, diese auch immer wieder anzuprangern, ist wohl der zweite Grund Albert Einstein immer an den Lippen zu hängen.

Nun ist es so, dass man dieses Buch nicht Seite für Seite durchliest und dann zufrieden beiseite legt. Es dauert ein bisschen bis man es ausgelesen hat. Die Dosis macht das Gift und eben auch die Erkenntnis. Hier sind gleich mehrere Füllhörner an Weisheiten in kompakter Form für den Leser zusammengefasst. So fällt es einem doch schwer die einzelnen Zitate noch einmal wiederzugeben, wenn man sich zu vielen Seiten widmet. Jeden Tag eine Seite oder pro Woche ein Kapitel sind vollkommen ausreichend, um dem Genie ansatzweise auf die Spur zu kommen.

Lauernd auf das nächste Bonmot blättert man sich vorsichtig weiter. Berauscht sich an seinen Einsichten über sich selbst. Erschrickt über Gedanken über die Menschheit. Und nickt zustimmend mit dem Kopf, wenn er sich zur Atombombe äußert.

Es sind die zahlreichen Einschläge, die seine Worte hinterlassne, die dem Leser teils die Augen öffnen oder gar neue Gedankengänge offenbaren. Viel wurde über Einstein geschrieben. In Bern, wo er einen stupiden Job annahm, um den Kopf für seine Forschungen freizubekommen (und das nötige Kleingeld für die notwendigen Ausgaben zu erwirtschaften), kann man durch sein Appartement schlendern, im Museum seine Nobelpreismedaille und seinen Kinderwagen bestaunen. Doch in seinen Kopf kann niemand hineinschauen. In diesem Buch kann man es doch – ein bisschen. Ihn besser verstehen ebenso. Klein, kompakt, inhaltsschwer.

Sachsen

Einen Reiseband über ein Bundesland zu schreiben, ist eine heikle Sache. Denn es gibt nicht das EINE, das TYPISCHE, das ein Bundesland attraktiv macht. Jedes Bundesland hat eine Vielzahl von Attraktionen, die es wert sind besucht zu werden. Und Sachsen kann sich rühmen die komplette Palette von Interessen bedienen zu können. Das klingt auf den ersten Blick sehr allgemein. Doch schon beim ersten Aufschlagen des Bandes treffen die zahlreichen Abbildungen ins Herz des Lesers.

Von der barocken Pracht der Landeshauptstadt Dresden, über landschaftliche Reizpunkte zwischen den drei großen Städten Leipzig, Dresden und Chemnitz bis hin zu idyllisch verankerten Aussichtspunkten in den Höhen der Gebirgszüge im Süden – alles da, alles erreichbar.

Das Bundesland Sachsen ist das Bundesland, das in den vergangenen drei Jahrzehnten die größte Veränderung zu verzeichnen hat. Wo einst gigantische Schaufelradbagger die Erde aufwühlten, um selbiger wichtige Energieträger zu entreißen, tummeln sich in den warmen Monaten heute Sonnenanbeter und Erholungssüchtige. Rund um Leipzig ist eine Seenlandschaft entstanden, die ihresgleichen sucht. Auch im Westen der heimlichen Hauptstadt Sachsens, wo noch in den Achtzigern die Schornsteine unentwegt dicke Rauchsäulen in den Himmel stießen, ist eine Wohnlandschaft gewachsen, mit der nur wenige Städte weltweit konkurrieren können. Und in ein paar Jahren kann man sogar mit dem Paddelboot bis ans Meer gelangen.

Burgen und Schlösser hatten schon immer eine besondere Anziehungskraft auf Menschen. Heutzutage sind sie ein beliebtes Ausflugsziel. Wer zwischen Leipzig und Dresden (oder von Leipzig aus gen Süden unterwegs ist) die Autobahn verlässt, kommt um die zahlreichen Hinweisschilder auf die historischen und weithin sichtbaren Hinterlassenschaften nicht herum. Massive Gemäuer, die jedem Ansturm standhielten – außer dem der Besucher – verspielte Erbauerträume bis hin zu Wehranlagen, die im Laufe der Jahre immer wieder einem neuen Zweck dienten.

Traditionelles Handwerk im Erzgebirge, Braukunst, Montanarchäologie, weltberühmte, einzigartige Museen (Grassimuseum in Leipzig, um dessen Völkerkundemuseum viele Ausstellungsmacher die Stadt beneiden und das Grüne Gewölbe im Dresdner Zwinger, um nur zwei besonders herauszuheben), die Geburtsstätte des Porzellans in Europa in Meißen, Sportstätten, die Geburtshelfer und Erinnerungsplätze in einem sind … die Liste der Sehenswürdigkeiten in Sachsen scheint endlos zu sein.

Kerstin Sucher und Bernd Wurlitzer gelingt mit diesem Buch der ganz große Wurf: Ein Land, ein Buch, eine Sehnsucht. Umfassend, detailreich und immer wieder überraschend. Selbst Sachsen werden „große Oochen machen“ (die Ausflüge ins nicht immer und überall beliebte Säggssch inklusive), wenn sie ihre Heimat noch einmal und immer wieder neu entdecken.

Hans Becker O5

Eine geradlinige Biographie sieht anders aus: Am Ende des 19. Jahrhunderts in eine österreichische Adelsfamilie (allerdings ohne Pomp und Glanz) an der adriatischen Küste geboren. Royalist. Jurist. Künstler. Journalist. Wissenschaftler. Propagandaleiter für die Vaterländische Front. Einer der Ersten, die ins KZ deportiert wurden, nachdem die Nazis Österreich annektierten. Wieder in Freiheit beharrlicher Kampf gegen die Besatzer. Diplomatendienst in Südamerika. Ermordung. In Vergessenheit geraten.

Wer das nächste Mal Wien besucht, schaut am Stephansdom mal ganz genau hin. Neben dem Eingangsportal sieht man noch das O5 in einen der Steine geritzt. Wenn man es nicht sucht, findet man es auch nicht. Die 5 in O5 steht für den fünften Buchstaben im Alphabet, das E. Zusammen OE, ein Symbol für die Befreiung Österreichs vom braunen Terror. Im Gegensatz zum Rest der Welt, der unter dem Hassregime litt, erinnert aber nichts mehr an Hans Becker, der eine Woche vor Heiligabend im Jahr 1948 durch die Waffe in der Hand eines ukrainischstämmigen Querulanten ums Leben kam.

Der Journalist Erhard Stackl macht sich in seinem Buch auf Spurensuche. Diese Suche führte ihn nicht nur in Archive und zur Familie Beckers, sondern bis ans gegenüberliegende Ende der Welt. Seine Recherchen zur Person Hans Beckers sind von einer langen Suche und ausführlichen Ergebnissen geprägt. Sie führen den Leser in eine Zeit über die schon viel geschrieben wurde. Die Leben vieler führender Köpfe sind wie ein offenes Buch. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an Neuentdeckungen.

Die Widerstandgruppe O5 war ein Sammelbecken für den Widerstand gegen Hitler. Hier engagierten sich Konservative, Linke, Künstler, Intellektuelle beseelt vom Kampf für ein freies Österreich. Ihr wichtigster Kopf – Hans Becker – ereilte das Schicksal, das so manch einer teilen musste: Er geriet in Vergessenheit.

Doch das ist nun Vergangenheit. Dank der vierhundert Seiten starken Biographie fällt das Licht der Erinnerung nun auf den Mann, der im Untergrund, teils im Hintergrund, Strippen zog, Aktionen plante, niemals aufgab. Die Jahre im Konzentrationslager konnten ihn nicht brechen. Im Gegenteil: Hier knüpfte er Kontakte und fand die Kraft, die ihm in der Zeit in relativer Freiheit die Hoffnung niemals verlieren ließ.

Immer wieder stößt man in den Kapiteln auf Menschen, denen bis heute ihrer Strahlkraft nicht entrissen wurde. Doch es sind diejenigen, die im Schatten kämpften, die dieses Sachbuch zu einem Abenteuerbuch machen, das man erst beiseite legt, wenn die letzte Seite gelesen ist.

 

Kennst Du den Berg

Fassen wir kurz zusammen: Galsan Tschinag wurde 1943 in der Mongolei in die Familie der Stammeshäupter der Tuwa geboren. Als junger Mann ging zum Studium in die DDR, nach Leipzig. Aus dem Jungen der Steppe wurde der aufgeweckte, aufgeschlossene junge Mann, der nun – darum geht es nach „Kennst Du das Land“ im zweiten Teil seiner Biographie – wieder in sein Geburtsland zurückkehrt. Ende der Sechziger Jahre. Im Westen fliegen Steine, im Osten verfestigt sich der Sozialismus, wenn auch teils mit Gewalt. Und um es offen auszusprechen: Die Mongolei war damals wie heute für die meisten ein Land, das man eigentlich gar nicht kennt.

Aus dem unerfahrenen jungen Mann ist ein gereifter junger Mann geworden. Er ist glücklich behaupten zu können, dass er in beiden Ländern eine Heimat gefunden hat. Doch beide sind ihm nah und fremd zugleich. Ein Zweispalt, der nur schwer nachzuvollziehen ist, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Oder: Die Biographie von Galsan Tschinag gelesen hat.

Mit einer selten dagewesenen Klarheit und Reinheit der Sprache – Tschinag schreibt auf Deutsch, niemand muss also seine Gedanken interpretieren und möglichst gefühlsnah übersetzen, was allein schon eine Meisterleistung ist. Wenn aber Worte wie Bangigkeit auf das störrische Parteiphlegma (Dogma trifft es nicht minder exakt) treffen, erholt sich der Leser im Nu vom etwaigen Kulturschock. Wie im Vorübergehen schafft es der Autor beide Länder nicht nur zu vergleichen, sondern sogar Brücken zu bauen.

Eben noch in einer Unterkunft der Karl-Marx-Universität in einer bis heute sehr lebenswerten Umgebung, und schon eine Seite weiter findet man sich in einer Landschaft wieder, die dem Begriff Unendlichkeit eine weitere Dimension hinzufügt. Eben noch das unendliche Wissen der Bibliothek genossen, und schon stehen die Genossen neben einem und fordern zur Agitation auf.

Galsan Tschinag half damals, hilft bis heute die ihm eigene innere Ruhe. Er analysiert im Stillen und schreibt sich anschließend seine Erkenntnisse von der Seele. Als Leser bleibt einem nichts anderes übrig als um Gleichschritt umzublättern. Seite für Seite wird der Autor eine treuer Begleiter, den man immer besser kennenlernt. Renitenz ist ihm fremd. Doch dem unvermeidlichen Schicksal mit einem geschickten Schritt zur Seite aus dem Weg zu gehen, hat mehr Reiz als man vermuten mag. Immer wieder lässt Tschinag seine Brillanz aufblitzen, wenn es darum geht sich selbst treu zu bleiben. Und ein ums andere Mal ertappt man sich beim Lesen dabei, dass man innerlich eine Siegerfaust ballt. Unerlässlich für alle, die schon den ersten Teile gelesen haben, eine Appetitmacher für alle, denen der erste Teil entgangen sein sollte. Und man darf sich jetzt schon auf die Fortsetzung freuen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass ausgerechnet die nicht in einer Reihe mit den ersten beiden Bänden stehen soll.

Verrisse

Wie kann man sich einem Thema heutzutage allgemeinverständlich nähern, dessen Wurzeln weit zurückliegen, das heute noch Früchte trägt – aber eben nur bei einer bestimmten Klientel? Es geht um die Klassik, die klassische Musik. Einem Großteil der Bevölkerung ein Buch mit sieben Siegeln. Der Rest ist entweder borniert und lässt nichts, was danach kam, gelten oder lässt sich von den Popmelodien von anno dazumal in der Werbung dazu hinreißen sich als gebildet, weil Klassikmusik hörend, zu bezeichnen. Denn damals … ja, damals war alles noch handgemacht, echte Musik eben. Aber bei Weitem nicht von jedermann geliebt oder gar geachtet. Vielmehr wurden Beethoven, Schönberg, Brahms, Bruckner, Verdi, Wagner, Mahler und Strauss, der Richard, geächtet. Und wenn nicht sie persönlich, dann ihre Werke.

Wenn am Samstagabend die Glotze stundenlang das dillethantische „Bühnentun“ durch ein einziges Talent-Highlight Vergessen gemacht wird, steigen die Zuschauerquoten und jeder Zuseher wird zum Kunstexperten, weil er der Expertenmeinung das „mega“ unreflektiert abnimmt und nachplappert. Doch wie war das denn vor zweihundert oder hundert Jahren? Ein Skandal wurde tatsächlich auf der Bühne dargeboten, von Künstlern erbracht, die wahrhaft Neues wagten. Der Beweggrund stand im Vordergrund. Nichts liegt Thomas Leibnitz, dem Autor dieses Buches, ferner als Skandale und Verrisse an den Bühnenrand zu treiben, um dem Treiben von damals einmal mehr Feuer zu geben. Die, die sich ohnehin für Klassik interessieren, liefert er faktenreich und ausführlich Hintergrundwissen. Diejenigen, die sich noch nie für Klassik interessierten, ködert er mit dem Titel – vielleicht kommt der Eine oder Andere doch noch zu dem Entschluss, dass Klassik doch nicht so „old school“ ist wie vermutet. Wer jedoch irgendwie noch zwischen „Ach nee“ und „irgendwie bin ich schon daran interessiert, aber…“ schwankt, kommt auf alle Fälle auf seine Kosten. Denn Thomas Leibnitz lässt nicht die Fachleute mit all ihrer Eloquenz und ihrem Fachwissen auftreten, sondern verleiht der zuweilen Schwere die gewisse Eleganz und Leichtigkeit, die der Klassik durchaus zu Eigen gemacht werden kann. Es müssen nicht immer blitzende Nippel sein, um Aufmerksamkeit zu erregen…

„Viel Geschrei, wenig Wolle“ – so wurde Verdis „Sizilianische Vesper“ verrissen. Öd und dürr und wahrhaft trostlos urteilte man über Brahms. Und Beethovens Spätwerk war in den Augen bzw. Ohren (was bei Beethoven nicht eines gewissen Witzes entbehrt) von Ernst Woldemar „abschreckend, geschmacklos und entsetzlich“. Ob es damals schon so was wie einen Shitstorm gegeben hat? Heute würden postwendend tausend Beethoven-Follower dem Kritiker die Klinge an den Hals drücken – verbal und anonym, natürlich.

„Verrisse“ lässt keinen Zweifel aufkommen, dass Musik und Geschmack oft eine unheilige Allianz eingehen. Das war so, das ist so und wird es auch immer bleiben. Die Macht des Wortes ist bis heute ungebrochen. Und genau so sollte man auch dieses Buch annehmen. Acht Musiker – die eingangs Erwähnten – waren Geachtete und Geächtete in einer Person. Wer sich von harter Kritik treffen ließ, in dem zerbrach etwas. Wer unbeeindruckt die Kritiker machen ließ, musste sich nicht minder um den Verlust der Zuhörer sorgen. Was das Buch heute noch interessant und lesbar macht, ist die uneitle Sichtweise des Autors zu den teils heftigen Verrissen der damaligen Zeit. Starke Worte verlieren niemals ihre Wirkung.