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Monsieur Orient-Express

Monsieur Orient-Express, Belgier, mit dem gewissen Sinn fürs Wesentliche – das kann doch nur Hercule Poirot sein! Non, ist er nicht. Auch wenn einem sofort die Assoziationen zu dem Mann, der die kleinen grauen Zellen so geschickt einsetzte, in den Kopf schießen. Es handelt sich um Georges Lambert Casimir Nagelmackers. Geboren im Sommer 1845. Vater Bankier, die Mutter stammt aus einer Industriellenfamilie, die sich in Teilen bis in die Regierung hochgearbeitet hatte. Der „goldene Löffel im Mund“ wurde dem Sprössling also in die Wiege gelegt. In der Schule waren Sprachen – Latein und Griechisch – seine erfolgreichsten Fächer. Privat war es in der Familie Nagelmackers eher kühl. Die Eltern wurden gesiezt, die Kinder speisten zusammen mit dem Personal. Damit der junge Georges sich endlich die Liebe zu seiner Cousine aus dem Kopf schlägt, schickte ihn die Familie in die Neue Welt. Und hier kam er einer neuen, großen, nachhaltigen Liebe auf die Spur: Der Eisenbahn.

Die katastrophalen Zustände der amerikanischen Eisenbahn – die Wände dünn wie Zeitungspapier, Toiletten nur von außerhalb zu betreten etc. sollten der Grundstein sein, der Georges Nagelmackers zu dem machte, was er einmal werden sollte: Der Chef des Orient-Express.

Georges sah, dass die Welt zusammenwuchs. Doch überall nur Schranken, in jeder Hinsicht. Sein Traum war es – und schon ein paar Jahre später legte er einen weiteren Grundstein dafür, dass Schranken bald nur noch für „die Anderen“ gelten sollten – die Welt miteinander zu verbinden. Und natürlich das Portemonnaie zu füllen. Sein Portemonnaie.

1883 nahm der Orient-Express das erste Mal Fahrt auf. Von Paris nach Konstantinopel. Luxuriös reiste man. Es ruckelte zwar hier und da ein wenig, dafür war man aber binnen Tagen am anderen Ende des Kontinents.

Dass dabei viel Kohle (auch hier wieder: in jeder Hinsicht!) verbrannt wurde, beunruhigte den Visionär Nagelmackers nur am Rande. Geldgebern kann man ja schließlich aus dem Weg gehen. Das klappt aber nur zeitweise. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris greift er nach einem weiteren Strohhalm, um das finanziell angeschlagene Unternehmen einmal mehr zu retten. Gen Osten soll der Luxuszug nun gleiten. In jedem der größten Pavillons, die in der Weltmetropole Paris ihr Land präsentieren, lässt er Waggons seiner Eisenbahnlinie ankarren. Nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ein Waggon 35 Tonnen wiegt, die Pavillons nicht ans Schienennetz angeschlossen sind und die Pferdewagen eigentlich nur vier Tonnen bewegen können.

Eine rentable Bahn auf die Schiene zu bringen, ist bis heute ein Fass ohne Boden. Das musste auch Georges Nagelmackers erkennen. Doch im Gegensatz zu den Vorständen der Gegenwart, die die Vokabel Subventionierung so inflationär benutzen wie manch anderer Toilettenpapier, ließ er sich nicht von seiner Idee abbringen den westlichsten Westen mit dem östlichsten Osten zu verbinden. Geblieben ist allen Unkenrufen zum Trotz mehr als nur die nostalgische Vorstellung einmal tief im Sessel zu versinken und vom Eiffelturm, am Stephansdom vorbei entlang der Donau, über den Balkan ans Goldene Horn zu reisen. Diese Vorstellung inspirierte Menschen seitdem es die Eisenbahn gibt, nicht nur Agatha Christie.

Gerhard J. Rekel lässt den Mythos Orient-Express einmal mehr aufleben. Dieses Mal jedoch bekommt er ein Gesicht. Georges Nagelmackers schürte  mit seiner Idee Sehnsüchte, die bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Und dieses Buch sorgt dafür, dass nichts davon in Vergessenheit gerät.

Principessa Mafalda – Biografie eines Transatlantikdampfers

Es waren einmal zwei Schwestern. Hübsch anzusehen, präsentabel herausgeputzt und elegant – so wie es sich für Königskinder gehört. Als die erste ihre ersten Schritte ins Leben wagte, kam sie ins Wanken, kippte links zur Seite und versank im Meer. Die zweite folgte ihr Monate später. Ihr glückte, was ihrer älteren Schwester nicht gelang. Unter dem Jubel der Zuschauer glitt sie ins Leben…

Ja, wenn die Geschichte der Schifffahrt ein Märchen wäre, so hätte sie an dieser Stelle ein Happy end. Der Stapellauf der Principessa Mafalda, benannt nach der Tochter des italienischen Königs lief im Oktober 1908 in Genua vom Stapel. Ein Jahr zuvor sank ihr Schwesterschiff Jolanda – auch nach einer Tochter von Vittorio Emmanuele III. benannt – gleich beim Eintauchen ins Mittelmeer. Mit der Principessa Mafalda sollte es möglich sein in reichlich zwei Wochen von Genua nach Buenos Aires fahren zu können. Das wollte sich kaum jemand entgehen lassen.

Während in der ersten Klasse die Überfahrt zu einer Dauerparty verkam, darbten die Massen auf den unteren Decks. Mitgebrachtes Essen wurde sparsam rationiert, während oben an Deck die Prosecco-Korken knallten. Die enorme Recherchearbeit von Stefan Ineichen führt dazu, dass man im Nu sich an Bord dieses Dampfers versetzt fühlt. Die zahlreichen Abbildungen untermalen das von ihm Geschilderte, und machen jede Seite zu einem Reiseerlebnis, das ebenso luxuriös ist wie es damals – vor hundert Jahren – gewesen sein muss.

Eine Reise über den Atlantik endet nicht mit der Ankunft im Zielhafen. Auch hier hält Stefan Ineichen so manche Anekdote parat. Wenn beispielsweise der sizilianische Autor Luigi Pirandello auf den damals unumstrittenen Star des Tangos Carlos Gardel trifft, dann vibriert die Luft im Künstlercafé der argentinischen Metropole.

Oft bleibt von den großen Schiffen der Vergangenheit nur der bittere Nachgeschmack der Katastrophe im Gedächtnis. So ist es leider auch in diesem Fall. Die Mafalda glitt nur zwei Jahrzehnte über die Wellen der Meere. Die letzte Fahrt endete abrupt vor der Küste Brasiliens. Eine Welle hatte sich selbständig gemacht und den Rumpf des Stolzes der italienischen Dampfschifffahrt beschädigt. Nur wenige Stunden nachdem der Schaden bemerkt wurde, sank das Schiff am Abend des 25. Oktober 1927 und riss mehr als tausend Passagiere und Crew in die Tiefen.

Die „Principessa Mafalda“ war als große Hoffnung für alle Beteiligten ins Leben gestartet. Für die meisten versprach das Ziel ihrer Reise ein besseres Leben. Für die Betreiber war es ein Vorzeigeobjekt. Dass dieser Ruhm nur eine kurze Zeit halten würde, war nicht beabsichtigt, vielmehr war der Fortschritt Antriebsmotor für weitere Dampfschiffe. Die Mafalda war kurze Zeit nach ihrem Stapellauf nur eines von mehreren Schiffen, die der Mafalda in Sachen Eleganz und Ruhm allerdings nicht das Wasser reichen konnten. Ob die Mafalda ohne ihr ungeheuerliches Ende noch heute so dermaßen die Gemüter bewegen würde, kann man nicht sagen. Was aber auf alle Fälle stimmt, ist die Tatsache, dass durch Bücher wie dieses die Legende niemals untergehen wird.

Hemingway im Schwarzwald

Hemingway – ein Name wie Donnerhall. Als der kleine Ernie 1899 zur Welt kam, war das sicher nur ein kindliches Schreien. Ein paar Jahrzehnte später jedoch war der als Stilikone nicht mehr vom Thron zu stürzen. Muss ein gutes Jahr gewesen sein, dieses 1899: Ein anderer Künstler, der eine ganze Branche prägte, wurde ebenfalls im Sommer 1899 geboren. Alfred Hitchcock. Der bezog seine Genialität aus den Erfahrungen seiner Kindheit.

Hemingway ebenso.

Ernie, wie er oft genannt wurde, zog es früh an den Schreibtisch. Und das ist in seinem Fall wortwörtlich gemeint. Als Journalist für den Toronto Star schickte man dem Teenageralter Entwachsenen nach Paris. Das muss man sich mal vorstellen. Gerade mal alt genug, um in einer Bar Alkohol zu bekommen und dann ins Paris, das vor Verlockungen nur so strotzte. Zu einer Zeit, in der Europa einen gewaltigen Umbruch erlebte, und noch erleben sollte. Der Krieg – die Ordnungszahl ließ man glückverheißend oder unglückunwissend beiseite – war nur auf dem Reißbrett und dem Diktatspapier vorbei. Doch die neu gezogenen Grenzen noch lange nicht akzeptiert.

Nun ist der aufstrebende, vor Tatendrang strotzende junge Autor in der Stadt, die für Künstler das Paradies ist (noch nicht finanziell), in einem Land, das einen verheerenden Krieg verkraften muss und auf einem Kontinent, der brachliegt. Doch irgendwann kommt auch für ihn die Zeit sich einmal Ruhe zu gönnen.

Deutschland soll es sein. Freiburg, nicht weit von der Grenze entfernt. Der Schwarzwald erinnert ihn an seine Heimat. Dort, wo er das Fischen erlernt und lieben gelernt hat. Doch viele sind misstrauisch, besonders die Wirtsleute. Zum Glück ist der Wechselkurs im August 1922 sehr günstig. Für einen Dollar gibt’s mehr als sechshundert Mark – als er Deutschland ein paar Wochen später wieder verlässt, ist es mehr als das Doppelte. Ein Jahr später hätte er das Billionenfache bekommen… Da jetzt einen Zusammenhang herzustellen, wäre eine Milchmädchenrechnung. Fakt jedoch ist: Hemingway kehrt zurück nach Paris, seine Ehe geht ihrem Ende entgegen und sein Schreibdrang, das Verlangen nach literarischer Betätigung steigt und steigt. Schon bald erscheint seine erste Erzählung. Später wird sein Aufenthalt im Schwarzwald in „Schnee am Kilimandscharo“ den Raum einnehmen, den man so nicht vermuten konnte.

Thomas Fuchs folgt den Spuren des Literaturnobelpreisträgers durch den Schwarzwald. Mit viel Anlauf – ohne die zeit zuvor zu kennen, fehlen dem Leser die Verknüpfungen zur Besonderheit dieses Urlaubs im Schwarzwald – sammelt er immer mehr Spuren und nimmt Fährten auf, die schlussendlich in einer Geschichte zusammenfinden, die dem Meister alle Ehre machen würden. Es ist nur eine Anekdote im ereignisreichen (selbst veröffentlichten) Leben Hemingways. Aber eine, die großen Einfluss auf den viel zu kurzen Rest des selbigen hatte. Für Fans ein Muss, für Neugierige ein gefundenes Fressen.

Radiozeiten

Zwei immer wieder totgesagte Medien in Einem: Das Radio, dem schon vor zwanzig Jahren (schon damals nicht zum ersten Mal) der baldige Tod vorausgesagt wurde und das Buch, dem seit dem Beginn des digitalen Zeitalters der Nahtod mehr als nur eine Vorahnung angedichtet wird. Hier gehen sie eine Allianz ein, die jedem Unkenrufer einen ganz fetten Strich durch die Rechnung macht.

Radio ist Kino im Kopf. Lässt man den üblichen und zu weit verbreiteten Dudelfunk mal außen vor, so sind es doch die Reportagen von wirklichen Großereignissen, die selbst im Digitalen die Besucherraten in die Höhe schnellen lassen. Kein Fußballfantum ohne Herbert Zimmermanns „Tor, Tor, Tor, Tor!“. Und das erschreckend ergreifende „It’s crashing…“ von Herbert Morrison vom 6. Mai 1937 sorgt heute noch als Klingelton für Furore. 6. Mai 1937? Morrison? Und schon wieder ein Herbert? Lakehurst, New Jersey. In wenigen Augenblicken soll die Neue Welt von der neuesten Errungenschaft der Alten Welt leibhaftig ergriffen werden. Die Hindenburg, genauer gesagt das Luftschiff LZ 129 Hindenburg soll gleich auf amerikanischem Boden landen. Der Zeppelin soll und wird die Welt verändern. Doch das mit Helium gefüllte Flugobjekt geht binnen Sekunden in Flammen auf, um alsbald in selbigem Meer zu versinken. Live on air: Der Reporter Herbert Morrison. Seine Stimme überschlug sich als der Himmelgigant in nie gekannter Geschwindigkeit in einen Feuerball verwandelte. Das konnte niemand ahnen. Und kein Reporter der Welt konnte sich darauf vorbereiten. Authentisch – als Vorführbeispiel in Journalistenseminaren unerlässlich. Heutige „Irgendwas-Mit-Medien-Kameragesichter“ nennen das „Emotion pur“.

Stephan Krass – ob der Name Programm ist? – lässt die Jubelstunden der Radio Days noch einmal aufleben. In seinen Essays entmystifiziert er das immer noch schnellste Medium der Welt. Ein Medium, dass nur über ein Sinnesorgan wahrgenommen wird, und den gesamten Körper in Wallung versetzen kann. Durch Musik. Durch Geschichten. Hier entsteht Tag für tag, Stunde für Stunde eine Welt, die uns zeitweise in den Bann zieht, das Eine oder Andere vergessen lässt und im Gegenzug Dinge in den Vordergrund rückt, die man im schlimmsten Fall verpasst hätte. Aber auch ein Medium das genau aus diesen Gründen das ideale Spielfeld für Manipulation war, ist und immer sein wird. War es vor knapp hundert Jahren noch die Göbbelsschnauze, die für kleines Geld die Propaganda der braunen Fehlgeleiteten die Massen indoktrinierte, so sind es heute oftmals Podcasts von „Künstlern“, die mangels Auftrittsmöglichkeiten ihre Lebensweisheiten als Dogma ihren Fans anbieten. Der Bogen von anno dazumal – sagen wir einhundert Jahre?, als aus dem Voxhaus in Berlin das erste Unterhaltungsprogramm im Hörfunk durch den Äther knisterte – bis zum heutigen astreinen, rauschbefreiten Singsang ist gewaltig. Stephan Krass reitet diesen Bogen mit Begeisterung, die ansteckt. Lesen Sie – so ist Radio!

Emmy Noether. Ihr steiniger Weg an die Weltspitze der Mathematik

Die Mathematik – unendliche Weiten. Unendliches Leid für viele. Doch stimmt das überhaupt? Ist wirklich alles unendlich? Und wenn ja … beweis es doch! Wer nach dem Vorwort und dem einführenden Kapitel – unerlässlich, um zumindest ansatzweise verstehen zu können wer Emmy Noether war, was sie bewirkte – immer weiter liest, taucht in eine Welt ein, die er unter „normalen“ Umständen niemals betreten hätte.

Wer also in der Schule in der Mathematik in Nöten war, wird diese Biographie über Emmy Noether als wahre Befreiung empfinden und nicht als grammatikalische Steigerung seiner Not. Emmy Noether war achtzehn Jahre alt als das neue Jahrhundert, das zwanzigste, begann. Eine mathematische Begabung war da schon zu erkennen bzw. eine überaus stark ausgeprägte Neigung zur Lösung komplexer Vorgänge. Es gab nur eine Problem: Emmy Noether war eine Frau! Frauen in der Wissenschaft gab es schon – allein diese Formulierung zeigt, dass das Selbstverständnis darüber noch nicht einmal vorhanden war. Marie Curie wurde wegen ihrer Entdeckungen gelobt, gerühmt, geehrt.

In Göttingen forschte sie auf dem Gebiet der Mathematik. Selbst David Hilbert – eine, vielleicht die Koryphäe der Mathematik – vermochte es nicht seine Schülerin als Lehrkraft einstellen zu können. Doch auch ohne – nicht einmal gerechte – Entlohnung forschte Emmy Noether weiter. Während allerdings Hilbert mit Einstein Formel für Formel durchrechnete, blieb Emmy Noethers Wirken fast unbemerkt.

Als die Nazis an die Macht kamen, musste auch Emmy Noether ihre Hüte nehmen. Wie Hilbert zog es sie gen Westen, in die immer noch Neue Welt. Hier wurde sie erstmals oder wenigstens für ihre Arbeit bezahlt. Doch die Freude war nur kurz. Eine Krebsoperation erbringt nicht das gewünschte Ergebnis. Zwei Jahre nach ihrer Flucht stirbt Emmy Noether.

Die Mathematik-Professorin konnte ihren Ruhm nur kurze Zeit genießen. Um den ging es ihr aber zeitlebens niemals. Schnell geriet ihr Name in Vergessenheit. Ihre Entdeckungen jedoch veränderten das Gesicht der Mathematik. Komplexe physikalische Berechungen wären ohne ihr Zutun nicht denkbar bzw. erst später möglich gewesen. Es dauerte ein halbes Jahrhundert bis ihre Entdeckungen anerkannt wurden.

Die Biographie von Lars Jaeger verleiht einem einflussreichen Leben den späten Ruhm. Geradlinig war das Leben Emmy Noethers niemals. Viele Schnittpunkte verbanden sie mit den Größen der Wissenschaft. Ihre Reputation ging lang, zu lange gegen Null. Ihre Rationalität war reell. Noch mehr Mathematik gefällig? In diesem Buch verschmelzen Neugier auf einen außergewöhnlichen Menschen und wissenschaftliche Erklärungen auf wunderbare Weise.

Die Verfolgten

Es ist zynisch zu behaupten, dass heutzutage eine Flucht viel einfacher ist als noch vor einem halben Jahrhundert. Warum soll das so sein? Weil es mehr Boote und Fahrzeuge gibt? Wie hätte Giordano Bruno an heutige n Maßstäben gemessen fliehen sollen? Sich auf den Rücken eines Pferdes schwingen und innerhalb von einer Woche über die Alpen verschwinden? Und dann? Vom Regen in die Traufe – mehr hätte es nicht bewirkt. Nein, er blieb, er kämpfte, er verlor. Aber er kämpfte.

Albert Einstein, Emmy Noether – brillante Naturwissenschaftler. Doch der braunen Elite und ihrer Speichellecker ein Dorn im Auge. Übrigens aus verschiedenen Gründen (auch Neid spielt bei Diffamierungen immer eine Rolle…). Amerika war ihr großes Ziel. Sehnsucht kann man das nicht nennen. Überlebenstrieb trifft es besser. Dass Einstein auch hier überwacht wurde, traf ihn sehr.

Brillante Wissenschaftler auf der Flucht – bis heute ein Problem. Denn bis heute sind wissenschaftliche Denkweisen bestimmten Machtausübenden ein Dorn im Auge. Denn sie könnten die faden Argumente – sofern vorhanden – mit einem Handstreich ad absurdum führen.

Giordano Bruno starb auf dem Scheiterhaufen, weil er der Welt sagte, dass wir nicht allein im Universum sind. Albert Einstein umschiffte die Klippen der Strafe durch seinen bekanntheitsgrad. Alan Turing traf seine eigene Wahl.

Turing kann getrost als Vater der Künstlichen Intelligenz bezeichnet werden. Im Krieg gegen die Nazis kann sein Anteil beim Dechiffrieren feindlicher Nachrichten nicht hoch genug eingeschätzt werden. Was ihn sogar einen OBE (Orden of the British Empire, ein Adelstitel) einbrachte. Nach dem Krieg gab es für ihn, seine Person, kaum noch Verwendung. Fachlich hätte man ihn unbedingt gebraucht. Aber. Alan Turing war … schwul. Und gab sich auch nicht sonderlich Mühe dies zu verbergen. Als er einen Einbruch bei der Polizei zu Protokoll gab, kam alles heraus. Schlussendlich wurde er einen „medizinischen Kur“ unterzogen, die das Anderssein heilen sollte. Von wegen „andere Zeiten, andere Sitten“ – es war menschenverachtend. Und es wurde erst vor paar Jahren durch Queen Elisabeth II. verurteilt und revidiert. Das Spießrutenlaufen beendete der Querkopf selbst. Mit Mandeln und einem Apfel. Zurückblieb das Erinnern an einen sensiblen, manchmal normbefreiten genialen Kopf. Hier und da erinnern Gedenktafeln, Straßennamen und mittlerweile eine Pfundnote an Alan Turing.

Thomas Bührke nimmt die Fährten vergessener Lebensphasen großer Denker wieder auf. Sie alle wurden verfolgt, aus unterschiedlichen Gründen. Nachvollziehbar sind diese allesamt nicht, nach heutigen aufgeklärten Maßstäben. Waren sie damals eigentlich auch nicht. Aber so ist das eben mit dem Einschub „eigentlich“. Eines sollte man nicht machen: Eich eigentlich für diese Personen interessieren, und dieses Buch nicht lesen.

Alle Wege führen nach Rom

„In vierhundert Metern eine der zwei linken Spuren benutzen. Jetzt links abbiegen“. Ach, wenn es doch so einfach wäre in die Ewige Stadt zu gelangen. Das alte Rom, das antike Rom, das Rom, das wir als Wiege unserer Gesellschaft verstehen, zu erreichen – ist nicht ganz so einfach. Oder doch?!

Michael Sommer versucht es nicht nur, es gelingt ihm scheinbar spielerisch den vor Jahren erlebten drögen Geschichtsunterrichtsstoff im Umblättern greifbar zu machen. Denn um zu verstehen wie wir heute ticken, wie es morgen weitergehen kann und soll, ist der Blick zurück nicht nur förderlich, sondern unumgänglich. Doch zuerst der Blick voraus.

Eine Zeittafel am Ende des Buches gibt einen umfangreichen Überblick wovon in diesem Buch überhaupt die Rede ist. Von den ersten Städten über zahllose Kriege, Umstürze, dem Aufkeimen von Reichen und deren Niedergang, von Morden und Mördern bis hin zum endgültigen Zerfall des Römischen Reiches vor mehr als anderthalb Jahrtausenden.

Der Spruch „7-5-3 Rom schlüpft aus dem Ei“ ist für viele sicherlich die erste Berührung mit dem Fach Geschichte. Ja, die Stadt hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und wenn man postwendend jetzt schon den Begriff „Ewige Stadt“ in den Mund nimmt, ist die erste Qualifikationshürde für diesen Geschichtsunterricht genommen.

Roms Aufstieg und natürlich auch sein Fall ist nicht komplett hausgemacht. Es waren auch anderen daran beteiligt. Denn Rom war nicht die einzige Macht auf der damals schon bekannten Erde. Griechen, Perser, Mazedonier – die Liste ließe sich fast unendlich fortsetzen – umrahmten Rom. Mal hatten die Einen die Nase vorn, mal die Anderen. Ist heute nicht anders, oder?!

Mit Elan und Eifer werden Schlachten und gesellschaftliche Umschwünge, die man bis heute nur ungefähr abbilden kann, von Michael Sommer klar und deutlich dargestellt. Und wenn dann doch mal der rauchende Kopf auf das Katheterpult zu knallen droht (Katheter – noch so ein Wort, das den Geschichtskenner vom –verweigerer unterscheidet), prallen die Anekdoten auf den Leser ein. Langeweile wie anno dazumal – Fehlanzeige!

Am Ende des Buches steht die Erkenntnis, dass Geschichte auch ohne viel digitales Tamtam anschaulich vermittelt werden kann. Man braucht nur jemanden, der sein Fachgebiet liebt und beherrscht. Michael Sommer gehört zweifelsohne in diese Kategorie.

LTI – Die Sprache des Dritten Reiches

In Bayern fliegt „Faust“ aus dem Lehrplan – Generationen von Schülern fragen sich warum das nicht schon früher geschah. Aber letztendlich überwiegt das Kopfschütteln. Und wenn wir schon mal beim Kopfschütteln sind, warum ist dieses Buch nicht essentieller Bestandteil des Lehrplans? „Die Sprache des Dritten Reiches“ – lingua tertii imperii – für die meisten die erste Berührung mit Latein. Doch sollte das Buch ein Warnsignal sein. Denn die Auswirkungen der dunkelsten Zeit Deutschlands, Europas und der Welt sind bis heute spürbar.

Victor Klemperer war Sprachwissenschaftler. Mit Akribie untersuchte er wie die brauen Ideologie sich in unseren Alltag, in die Kultur einschlich. Der Spuk war nicht einfach so vorbei als die Waffen schwiegen. Das beweisen rechte Verlage, rechte Parteien (ob nun mit oder ohne Deckmantel ist doch nun wirklich einerlei). Das beweisen Schandtaten in Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Cottbus, Solingen und und und. Die Sprache ist das vereinigende Element eines Kulturkreises. Wenn die vergiftet ist, sind die Folgen absehbar. Da muss man d as Oberstübchen mal entrümpeln. Und schon sind wir mitten im Dilemma Lingua tertii imperii. Denn die Vorsilbe ent- wurde nur allzu gern von den Nazis verwendet, um einem abscheulichen Vorgang eine technische, nicht emotionale Komponente anzudichten. Kann man eine Regel anwenden, muss man sich anstrengen Gegenargumente zu finden. Es ist immer einfacher ihr einfach zu folgen. Im Nu ist man da, wo man nie hin wollte.

Doch Vorsicht, nicht jedes „ent-“ ist ein böses „ent-“.

LTI – das Buch – gehört einfach in jeden Bücherschrank, es gehört sich es mindestens einmal im Leben gelesen und im Unterricht als Pflichtlektüre durchgearbeitet. Die Realität sieht anders aus. Ist es die Angst, dass eingefahrene Wege neu beschritten werden müssen, weil die Wurzeln verseucht sind? Und selbst, wenn es so wäre, die Veränderung ist der erste Schritt zum Fortschritt. Kann also per se nichts Schlechtes sein. Also, warum ist dieses Buch nicht längst und für alle Zeit im Lehrplan verankert?

Diese handliche Ausgabe mit passt in jede Schultasche. Der Inhalt bringt Ordnung und Weitsicht ins germanistische Wirrwarr.

Klemperers Sprache ist eindeutig und nachvollziehbar. Überflüssigem lässt er weg, Essentielles gibt er den notwendigen Platz. Immer wieder stolpert man über die Fallstricke der Sprache. Denn oft unbewusst, sitzt der Stachel der perfiden Sprache tiefer als man es sich selbst eingestehen möchte. Den erhobenen Zeigefinger benutzt Victor Klemperer nicht. Er weiß, dass Lernen nur durch eigenen Antrieb vom Erfolg gekrönt ist. Er selbst weißt auf die Stolpersteine hin, die im sprachlichen Alltag uns im Weg sind. Das trifft auf die Optik zu, aber mehr noch auf Inhalt und Ausdruck der deutschen Sprache. Die ist reich an Bildern und so abwechslungsreich, dass es eine Schande wäre, das Teuflische über das Göttliche siegen zu lassen.

Das Lächeln der Imperia

Wenn man heute im beschaulichen Konstanz entlang der Seepromenade flaniert, kommt einen der Ausspruch von Jan Hus Konstanz sei ein einziger Sündenpfuhl wie ein Hohn vor. Jetzt versetzen wir uns reichlich sechshundert Jahre in der Zeit zurück.

In Venedig wird eine gewisse Gabriella Cognati vors Inquisitionsgericht zitiert. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war das keine Sache von Gerechtigkeit, sondern der sichere Tod. Zumindest hätte die junge Dirne mit einer Strafe rechnen müssen, die ihr Leben entscheidend beeinflusst hätte. Und das nicht zum Gutem!

Zur gleichen Zeit tagte im fernen Konstanz das Konzil. Ein neuer Papst sollte gewählt werden. Und zwar nur einer, der dann auch als der eine Papst seine Schäfchen hüten sollte. In diesem Jahr regierten drei Päpste: Gregor XII. in Rom, Benedikt XIII. in Avignon und Johannes XXIII. Von Pisa aus. Letzter war der einzige Papst, der auch in Konstanz weilte. Die überschaubare Stadt am Bodensee platzte aus allen Nähten während des fast vierjährigen Konzils. In diesem Zeitraum besuchten fast zwölf Mal so viel Menschen die Stadt wie sei Einwohner hatte. Für gewiefte Geschäftemacher ein mehr als fruchtbarer Boden.

Mit List und Rafinesse trieb es auch Gabriella Cognati nach Konstanz. Die Angst vor der drohenden Verurteilung – sie ging frevelhafterweise an einem Sonntag ihrer Arbeit nach, weil der Magen knurrte – ließ ihr keine Wahl. Gabriella, die bald schon als Imperia in die Geschichte eingehen sollte – übrigens eine historisch verbürgte Person – errang schon bald einen gewissen Ruf. Unfassbar schön, betörend und … mächtig. Balzac gab ihr in seinen „tolldreisten Geschichten“ die Fähigkeit mit einem Augenaufschlag ganze Existenzen zu ruinieren.

König Sigismund von Luxemburg hatte das Konzil in Konstanz zusammengebracht. Und das Schicksal hatte ihn mit Imperia zusammengebracht. Sogar mit seiner Gattin, Königin Barbara von Cilli, traf Imperia zusammen. Die Einigung der katholischen Kirche fand nicht statt. Wohl aber die Vereinigung von Sigismund und Imperia. Doch der royale Kunde war nicht der Einzige, der seine Zeche bei der belesenen, intelligenten und kalkulierenden Hübschlerin entrichtete. Auch Oddo di Colonna verfiel ihrem Charme und Liebeskünsten.

Als Kardinal leitete er die Ermittlungen gegen Jan Hus. Gabriella entkam der Inquisition, Jan Hus nicht. Er brannte am 6. Juli 1415 lichterloh auf dem Scheiterhaufen in Konstanz. Als Imperia focht sie das nicht an, als Gabriella musste ihr Hus’ Schicksal nahe gehen. Als das Konzil vorbei ist, zieht Imperia weiter. Auch dieses Mal ist sie nicht allein. Waren es auf dem Weg nach Konstanz zwei Kolleginnen, so ist es dieses Mal das Kind unter ihrem Herzen. Doch wer ist der Vater? Der König aus dem fernen Luxemburg oder doch der brave heilige Mann, der nun als Martin V. die Geschicke der Christenheit zu lenken gedenkt?

Antje Windgassen fügt der Legende Imperia die spannende Geschichte ihres Lebens hinzu. Nicht jede Begebenheit ist urkundlich verbürgt. Klar, wenn Kirche und Adel ihre Finger im Spiel haben. Aber die konsequente Erzählweise lässt einfach keinen anderen Schluss zu als den Worten der Autoren Folge zu leisten. Lesenswert ist dieser historische Roman allemal. Vor allem und auch, weil ein Ereignis in den Fokus gerückt wird, dass im Laufe der Jahrhunderte von Experten in ein allzu sehr sachbezogenes Exil gezogen wurde: Das Konzil von Konstanz. Heute unvorstellbar – drei Päpste. Allesamt in beeindruckenden Städten zuhause. Historische Persönlichkeiten, die heute bei Instagram mehr Follower hätten als Cristiano Ronaldo. Und dazu eine Dame, deren Beruf (ebenso bis heute) eher mit verzerrten Mund in selbigen genommen wird.

Das Lächeln des Diktators

Der Titel schlägt ein wie eine Bombe! Diktatoren lächeln nicht. Zumindest nicht so, dass man ihnen Sympathie entgegenbringen kann. Wer glaubt schon einem Putin, wenn er lächelt? Alles wird gut? Pah. Wenn die Militärs in Myanmar auf einer Pressekonferenz Lockerungen versprechen und dabei anbiedernd lächeln – wer nimmt das noch ernst? Oder wenn das neue iPhone vorgestellt wird, das noch sichererererer ist. Da lobt man sich doch die offene perfide Lüge à la „niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ – hier stimmte alles: Stimmlage, politische Situation, durchschaubare Machenschaften. Ist doch erstaunlich wie schnell man Diktatoren und Diktaturen aufzählen kann. Im ach so fortschrittlichen 21. Jahrhundert.

Bachtyar Ali nimmt sich Saddam Hussein an. Ein lupenreiner Diktator, den nun wirklich nur ganz Wenige nicht als brutalen Alleinherrscher bezeichneten und bezeichnen. Bachtyar Ali entdeckt den Clown hinter der schnauzbärtigen Fassade des Menschenschlächters. Ein Lächeln als Abwehrreaktion, um der Angst die nicht in Lachfalten gelegte Stirn bieten zu können. Und das bis zum wortwörtlichen Schluss!

Gleich der erste Essay in diesem kleinen Band überzeugt mit Argumenten und Schlussfolgerungen über die Größen vergangener Tage. Auch Ali muss zugeben, dass tatsächlich etwas Menschliches in jedem Diktator innewohnt. Doch all die Zurschaustellung von Menschlichkeit dient einzig allein der Blendung. Ein schwacher Trost für diejenigen, die rund um die Uhr unter der Knute der Diktatur leben müssen.

Die Essays von Bachtyar Ali bestechen durch eine klare Sprache. Er lässt keinen Zweifel an seiner Argumentation. Das wiederum als diktatorisch zu bezeichnen, wäre ein Frevel höchsten Grades. Wenn er von Fortschritt schreibt, der nicht aus einer natürlichen Entwicklung hervorgeht, sondern einzig allein einer überfallartigen Vereinnahmung, nickt man unbewusst schon beim Lesen und Blättern in diesem Buch.

Ist die Welt nun verkommen, weil die offensichtlichen Gegensätze gänzlich ohne Gegenwehr hingenommen und nur im satirischen Sinne aufgedeckt werden kann? Nein! Es sind Bücher wie diese, die wachrütteln. Die sich nicht verstecken. Die sieben Essays aus der Feder Bachtyar Alis, der mit seinen Büchern wie kaum ein anderer seiner kurdischen Kultur ein ums andere Mal Denkmäler im wahrsten Sinne des Wortes baut, sind unumstößliche Monumente für das eigenverantwortliche Denken. Aber Obacht: Nicht jeder, der lächelt, hat etwas zu verbergen! Ein Lächeln zaubert nämlich auch dieses Buch ins Gesicht.