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Das kleine Buch der großen Parfums

Wenn man es nicht ganz so ernst nimmt, dann ist es doch so: Immer vor den Feiertagen werden wir überschüttet mit Werbung für den Duft, der uns in eine andere Welt katapultiert. Wir werden agiler, verführerischer, erfolgreicher, fühlen uns frei. Und so ein paar Tage vor dem Fest fällt uns ein, dass wir für den Einen oder Anderen noch ein Geschenk brauchen. Nur gut, dass es die Werbung gibt. Nix wie hin in die Parfümerie. Das erstbeste Angebot wird genommen, in eine hübsche Verpackung gepresst und schon sind die leuchtenden Augen garantiert. So funktioniert Parfümkauf!

Wer jedoch etwas auf sich hält und das auch gern anderen angedeihen lassen möchte, macht sich wirklich Gedanken. Wie ist der zu Beschenkende einzuschätzen? Ein Schätzchen, das für seichte Düfte zu haben ist oder doch der markante Typ, der nicht scheut mit fremden Düften Spuren zu hinterlassen? Wann soll das Parfum getragen werden, im Sommer oder im Winter und zu welchen Anlässen? Was ist eine Kopfnote? Welche Inhaltsstoffe hat der Duft? Und ganz wichtig: Kann er Allergien hervorrufen? Ist gar nicht so einfach.

Die AutorInnen dieses kleinen Büchleins … ach was! dieser Bibel … haben so vorurteilsfrei wie nur irgendmöglich sich die Mühe gemacht und fast zweitausend Düfte probiert – untersucht könnte man auch sagen, aber mal ehrlich: Es ist doch wahrlich mehr Vergnügen als Arbeit! Ihre Top 100 ist ein wahres olfaktorisches El Dorado in gedruckter Form, was die entscheidende Sinneswahrnehmung zum Selbstversuch werden lässt. Sie haben strenge Richtlinien für sich gesetzt. Und eingehalten. Denn so mancher Duft wurde im Laufe der Jahre verändert und ist mit dem Original kaum noch zu vergleichen. Trägt aber immer noch denselben Namen. Das hat unterschiedliche Gründe. Was letztendlich dazu führte, dass einzelne Düfte in ihrer Top 100 nicht mehr auftauchen. Auch ist es zwecklos das eigene Lieblingsparfüm im Buch zu suchen. Denn Geschmack ist die einzig wahre Diversität in unserer modernen Welt.

Hier bekommen Düfte von Popsternchen, die ihren Namen zur Marke aufplustern wollen ihr fett weg, genauso wie unangefochtene Klassiker sich einer ausgiebigen Analyse erfreuen dürfen.

Wenn also das nächste Fest ansteht, wird der Gang in die Parfümerie nicht zur lästigen Pflicht, sondern zu einer Exkursion zur wahren Freude!

Amazonia

Was haben Alexander von Humboldt, Jules Verne und Klaus Kinski gemeinsam? Ihr Ruhm ist eng mit dem Amazonas verbunden. Der Eine durchstreifte den Dschungel, mit diesen Erkenntnissen konnte der Zweite einen faszinierenden Roman schreiben und der Dritte fühlt e sich hier wie der König der Welt, vor und neben der Kamera. Der Amazonas zieht alle in seinen Bann. Und so war es nur eine Frage der Zeit bis (endlich!) Patrick Deville auch dem Amazonas-Fieber verfiel.

Einmal mehr nimmt er den Leser mit ins Dickicht der Unwissenheit, um mit der Machete der Neugier und dem Drang nach Abenteuern das Licht der Erkenntnis zu finden. Es wird eine Entdeckungsreise der persönlichen Art. Denn viele der Pflanzen und Tiere, die – meist nur hier – vorkommen, wurden schon einmal entdeckt. Aber eben noch nicht von Patrick Deville.

Vielmehr liegen ihm aber die Begegnungen am Wegesrand am Herzen. So versinkt er in der Geschichte der Stadt Manaus mitten im Herzen Brasiliens, dort, wo der Amazonas in schier unendlicher Breite Siedler dazu brachte sich niederzulassen. Heute eine schwitzige Metropole, die in Sachen Quirligkeit den Hafenstädten am Atlantik und am Pazifik in Nichts nachsteht. Und das obwohl sie tausende Kilometer von jedwedem Meer entfernt ist. Hier steht das dschungeligste Theater der Welt, hier herrscht eine Lebendigkeit, die weder durch extreme Luftfeuchtigkeit noch exorbitante Kriminalität beeinflusst wird.

Immer wieder kommt Patrick Deville mit Menschen zusammen, die das Schicksal hier her verschlagen hat. Botschafter, Glücksritter, Einheimische, die ihre Nachbarschaft noch nie verlassen haben. Sie alle zeichnen dem Autor und somit auch dem Leser ein Bild einer Landschaft, das so farbenfroh ist, dass man geblendet ist von der Pracht der Eindrücke. Von Hernán Cortés über die ersten Siedler bis zu Werner Herzog, der wie kein anderer (Verrückter) dem Dschungel und dem Fluss ein Denkmal setzte, stapft Patrick Deville durch die Geschichte dieser Region, um Behutsam ihre Geschichten aufzudecken. Schon nach wenigen Seiten ist man ein Fan. Fan von dieser einzigartigen Landschaft, die dem Verfall preisgegeben wird. Fan von Patrick Deville – sofern man es nicht schon lange ist, schließlich führen seine Bücher Leser seit Jahren durch das Kambodscha der Roten Khmer, das Mexiko Leo Trotzkis, das Afrika bedeutsamer Forscher und und und – weil er es versteht Verständnis zu zeigen und zu vermitteln. So eine Forschungsreise macht man am Liebsten mit Patrick Deville!

Der Walder vom Schwarzwald

Es ist ein Leichtes jemandem etwas vorzuwerfen, das gegen einen selbst gerichtet ist. Genauso einfach ist es immer nur das Contra seines Gegenübers in Feld zu führen, will man ihn in Misskredit bringen. Einen Menschen zu würdigen, der mit seinem ganzen (!) Tun aber immer (!) nur das Gute bewirken wollte, dafür muss man schon tief in den Erinnerungen graben. Annette Maria Rieger tut das. Und zwar in ihrem Buch über Walter Trefz. Walter wen? Trefz? Nie gehört.

Im Schwarzwald und bei denen, denen der Naturschutz im Allgemeinen und Waldschutz im Speziellen am und im Herzen liegt, ist Walter Trefz eine Legende. Unerwartet im Juli 2021 verstorben. Er war der Förster im Kniebis, einer Waldgegend zwischen Karlsruhe und Freiburg i. Br. gelegen. Hier wollte er keine Visionen verwirklichen. Nicht Unwirkliches erschaffen. Keine Kommune mit wilden Ideen gründen. Er wollte den Wald schützen. Einfach, weil es ihm möglich erschien. Und vor allem, weil es notwendig war, ist und wahrscheinlich auch immer sein wird.

Er war ein Rebell. Dieses Label ließ er sich anheften. Denn er wusste, dass Label für Öffentlichkeit sorgen. Eine Rampensau war er deswegen nie. Aber wenn man ihm ein Podium bot, sprang er selbstverständlich als Sprachrohr ein. Der Wald wisse schon wie er sich zu verhalten habe. Der Mensch habe gefälligst seine Finger aus ihm herauszuhalten. Als Spaziergänger, Pilzesammler, auch als Jäger ist der Mensch in Maßen willkommen und mancherorts und manchertags sogar von Nöten. Ansonsten ist er Besucher und habe sich wie selbiger zu verhalten.

Der Walder, wie man ihn, wie die Autorin, die ihn mehrmals besuchte und interviewte, war ein streitbarer Kämpfer. Aber auch ein exzellenter Erzähler. Wenn man von ihm behauptet, er wusste alles (über den Wald), dann kommt keiner dieser Wahrheit näher als der Walder.

Vielen war er ein Dorn im Auge. Immer wieder geriet er mit seinen Vorgesetzten aneinander. Umschiffte so manche Klippe. Und doch zerschellte er auch an einigen Brocken, die man ihm vor die Füße warf. Blauäugig – das kann man ihm nicht vorwerfen. Je mehr er mit scheinbar unverwirklichbaren Ideen die Oberen gegen sich aufbrachte, desto öfter tappte er in Fallen, die ihm schlussendlich den Job kosten sollten.

Annette Maria Rieger gelingt ein Portrait eines Idealisten zu zeichnen, dessen Waffe der Verstand war. Mit spitzer Zunge – und nicht immer politisch korrekt, aber als Rebell ist das ja eine Grundvoraussetzung für den Kampf – und mit messerscharfen Argumenten hielt er sich länger über Wasser, was so manchem Bürotäter die Schweißflecken in frisch gebügelte Hemd presste. Dieses Buch ist ein Denkmal – mehr wert als jeder Marmorsockel und jede Gedenktafel.

Wallis

Im Reigen der Schweizer Kantone nimmt das Wallis durchaus eine Sonderstellung ein. Vielleicht nicht, weil jedermann auf Anhieb den Kanton verorten kann. Wohl aber, wenn die bekanntesten Orte aufgezählt werden. Dann gibt’s ein großes Ah und ein noch größeres Oh. Dieses Ah und Oh eignet sich auch, um diesen Reiseband zu beschreiben.

Isa Ducke und Natascha Thoma sind begeisterte Wallis-Fans. Das spürt man schon, wenn man die einleitenden Worte zu Ihrem Reiseband liest. Und schon auf diesen ersten Seiten blubbert das erste Ah heraus. Ah, das Matterhorn. Klar, so einen ungewöhnlichen Berg erkennt man auf den ersten Blick. Diese Silhouette ist einzigartig.

Und so einzigartig geht es weiter. Im Rhonetal sind Wanderer im Paradies. So wie eigentlich im ganzen Wallis – aber hier im Besonderen. Da wandert man unter blauem Himmel, um sich die Berge, die nicht selten die 4000er-Marke mit einem Lächeln erreichen, quer über saftige Wiesen. Der Autolärm ist … verschwunden. Doch Vorsicht, wenn doch mal eines kommt, dann lieber zur Seite springen. Verkehrsregeln sind hier – Vorurteil der Schweizer über die Walliser – mehr Vorschläge als Regeln.

Auch der Genfer See und das noble Lausanne gehören zum Wallis. Und die gehobene Küche. Französisch und Deutsch gehören zur Sprache des Wallis wie erlesene Zutaten in die Walliser Kochtöpfe.

Immer wieder verblüffen die Autorinnen mit Wanderrouten und Haltepunkten, die den Wanderer zur Salzsäule erstarren lassen. Kurzum: Wer im Wallis unterwegs ist, hat zwei Möglichkeiten: Einfach drauf loslaufen. Irgendwas Schönes findet sich schon. Oder aber er blättert in diesem Buch, vertieft sich in die Buchseiten, Abschnitte, Bilder, Infokästen, Karten, ja sogar in einzelne Worte und findet garantiert das, was er nie zu finden gewagt hatte. Beispiel gefällig? Hier das Ergebnis einer willkürlichen Suche im Buch. Doppelseite 108/109: Mineraliensuche in der Grube Lengenbach. Anderthalb Kilometer lang und ein El Minerado für alle, die sich ihre kindliche Neugier bewahrt haben. Und dann der Ausblick (im Buch nur als Foto – in natura um Längen beeindruckender) die Wanderung zum Mässersee. Still liegt der See, trotzig die Berge und darüber – da ist er wieder – der blaue Himmel.

Bei diesem Reiseband wird einem schnell klar, warum die Reisebücher aus dem Trescher-Verlag gelb sind. Denn alle, die sie nicht nutzen, werden gelb vor Neid, wenn sie die Geschichten von Besuchern hören, die mit den gelben Büchern eine Region im Allgemeinen oder das Wallis im Speziellen besucht haben.

Berge

Sie sind einfach da. Nur selten stehen sie im Weg. Erhaben der Blick nach Oben. Ein Augenschmaus, wenn man von ihnen herunterschaut. Berge. So profan der Titel dieses Buches anmuten mag, so intensiv zieht der Inhalt den Leser in seinen Bann.

Gleich von Beginn an merkt man, dass es bei diesem Buch nicht um eine der üblichen Abhandlungen über das Gefühl der Erhabenheit handelt, sondern, dass sich Lucia Jay von Seldeneck von ganz anderer Seite dem Thema nähert. So viel sei verraten: Es geht immer weiter steil bergauf.

Es sind kleine Geschichten rund um den einen Berg. Jedes Kapitel, jeder Berg, kann seine eigene Geschichte erzählen. Doch meist sind es die Bezwinger, die Eroberer, die dessen Geschichten erzählen oder schreiben. Sie sind die Helden, die dem Koloss die Jungfräulichkeit stahlen. Und deswegen sind sie Helden. Naja.

Den Auftakt macht ein Berg, der eigentlich gar keiner ist. Kein Achttausender, nicht einmal einen Kilometer hoch, selbst an der Hundertergrenze kratzt dieses aufgeschüttete Denkmal nicht. Und dennoch hat er mehr für den Fortschritt getan als er es jemals für sich in Anspruch nehmen würde. Es geht um den Fliegeberg. Nie gehört? Berlin, Lichterfelde. Hier wurde ein Berg aufgeschüttet, weil ein Tüftler, ein Phantast, ein Unbeirrbarer seinen Traum – dem vom Fliegen – verwirklichen wollte. Otto Lilienthal. Als er den Neunundfünfzig Komma Vier Meter hohen Berg hinunterrannte, hob er kurze Zeit später richtig ab. Die Geburtsstunde der Fliegerei.

Die Reise geht rund um die Welt und immer höher hinauf. Manche kennt man, von vielen liest man das erste Mal. Während bei Otto Lilienthal die Arbeiter das Wort haben, die unzählige Male mit der Schubkarre sich den Berg hinaufquälen, so spricht in diesem Fall ein Baum. Er steht am Hang des Antiatlas in Marokko. Immerhin schon knapp zweieinhalbtausend Meter hoch. Was hier wächst, hat sich angepasst. Und bei einem Alter von mehr als 570 Millionen Jahren kann der Berg einiges erzählen. Erzählen lassen. Berge sprechen nicht.

Die kunstvolle Gestaltung – wie es sich gehört, wenn der herausgebende Verlag Kunstanstifter heißt – ist der Gipfel der Buchkunst. Florian Weiß illustriert eindrucksvoll die Texte der Autorin. Detaillierte Schraffuren, sparsamer Einsatz von Farben – so wie man sich ein Tagebuch eines Abenteurers vorstellt. Handschriftliche Notizen am Ende des Kapitels sind für Faktensammler ein willkommener Abschluss einer jeden Geschichte. Ob man nun selbst die Berge für sich selbst entdeckt und von nun an erst hinaufkraxelt, den Ausblick genießt und beim Abstieg diese Geschichten noch einmal Revue passieren lässt oder es ganz einfach bei der Lektüre belässt, entscheidet ganz allein man selbst. Lust auf Mehr macht dieses Buch auf alle Fälle.

Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt als mittelmäßig zu bezeichnen, weil es die achtgrößte Fläche besitzt (bei 16 Bundesländern also genau in der Mitte liegt) oder weil es geographisch eben in der Mitte Deutschlands liegt, wäre ein nicht zu unterschätzender Fehler. Denn schon bei der bloßen Erwähnung der so genannten Must-Sees, staunt man, was tatsächlich alles in Sachen-Anhalt liegt: Zwei Lutherstädte, Eisleben und Wittenberg, der Harz, die Weinregion rund um Naumburg samt dem bedeutenden Dom mit der berühmten Uta, der Kyffhäuser und die Bauhausstadt Dessau. Von A wie Altmark bis Zeitz (Autokennzeichen ZZ, danach kommt nichts mehr in dieser Liste) ist also alles vertreten.

Das stiefkindliche Image, das das Land lange Zeit mit sich trug, ist endgültig abgeschüttelt. Die Landeshauptstadt Magdeburg wird immer öfter besucht, auch weil das karge Industrieimage einem landschaftlich ansprechenden Gesicht gewichen ist. Der Harz war, ist und wird immer ein Anziehungsort bleiben. Städte wie Wernigerode und Quedlinburg sind fester Bestandteil eines jeden Besuches. Und wer Naumburg besucht ohne den Dom zu besichtigen, dem fällt auch der Eiffelturm in Paris nicht auf.

Und dennoch gibt es im Land mehr zu entdecken als die Wirkungsstätten von Luther oder Willi Sitte (Maler der Leipziger Schule, ein Leben lang in Halle verwurzelt).

Wer weiß schon, dass auch Sachsen-Anhalt ein Burgenland aufzubieten hat? Ellenlange, gewundene Straßen unterm Blätterdach endloser Alleen machen allein schon die Anfahrt zu einem Erlebnis. Und wer im Wörlitzer park spazieren gegangen ist, wird immer wieder kommen. Zahlreiche kleinere Städte wie Weißenfels, Merseburg oder Tangermünde locken nicht mit der einen großen Attraktion, die man unbedingt gesehen haben muss. Ihr Charme liegt in dem Abenteuer sich Straßen und Gassen und Plätze selbst zu erobern.

Und dabei ist dieser Reiseband unerlässlicher Begleiter, hilfreicher Ratgeber und fortwährender Antreiber bei diesen Erkundungstouren. Die ausgewogene Mischung aus offensichtlichen Orten ,die man gesehen haben muss und dem, was man selbst auf dem zweiten Blick nur mit scharfgestellter Neugierbrille erkennt, lassen diesen Reiseband immer wieder in die Hand nehmen. Egal ob für den Tagesausflug, einen Städtetripp oder ausgeweitete Wanderungen – hier geht’s lang. Ohne Zwischenstopp durch Sachsen-Anhalt.

Kukum

Veränderungen sind immer mit Schwierigkeiten verbunden. Nun sind diese Schwierigkeiten nicht immer gleich als solche erkennbar. Oft siegen die Abenteuerlust und der Forscherdrang über die Unebenheiten der Situation. Almanda geht – ganz nüchtern betrachtet – ein Risiko ein als sie Thomas folgt. Nicht einfach so! Vielmehr ist es ein tiefe Liebe, die ihr das Vertrauen schenkt, das sie benötigt, um immer weiter zu gehen.

In einem Kanu zog er einmal an ihr vorbei. Immer öfter kreuzten sich ihre Blicke. Und ganz automatisch – manches kann, darf, man nicht erklären – sind Thomas und Almanda ein Paar. Sie spricht nur wenig die Sprache der Innu, zu denen Thomas gehört. Er spricht kaum französisch. Doch die Sprachbarriere ist nicht das, was sie zu sein scheint. Denn sie ist überwindbar.

Immer weiter taucht Almanda in eine ihr fremde Welt ein. Das Kanada, das sie bisher kannte, ist hier draußen ein anderes Land. Die Innu leben mit der Natur. Die Jahreszeiten sind die einzigen Gradmesser. Wenn man Hunger hat, geht man jagen. Aber nur so viel wie man gerade benötigt. Und wenn der Hunger wiederkommt, geht man wieder auf die Jagd. Mit Thomas’ Schwestern gärbt sie Karibufelle. Redet mit ihnen, saugt das Fremde in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser der endlosen Seen, an deren Ufern die Innu leben.

Doch die Idylle bekommt Risse als der natürliche Lebensraum der Innu vom technischen Fortschritt, sprich Maschinen, Fabriken und dem dazugehörigen Lärm inklusive eines neuen Rhythmus empfindlich gestört wird. Die Siedlungen der Innu müssen diesem „Fortschritt“ weichen. Es beginnt eine neue Zeit. Wieder einmal. Doch dieses Mal müssen Almanda und Thomas das Neue gemeinsam bewältigen.

Lange bevor der Fortschritt den amerikanischen Kontinent eroberte, lebten hier Menschen. Unter anderem auch die Innu. Hier verwandelte sich die Asche ihrer Ahnen in nährstoffreichen Boden lange bevor auch nur ein einziger Fremdling jemals amerikanischen (kanadischen) Boden betrat. Michel Jean gibt den so genannten Ersten Völkern mit „Kukum“ eine Stimme, die weithin zu vernehmen ist. So bedächtig Thomas durch den Wald schreitet, so gefühlvoll beschreibt Michel Jean die Lebensgewohnheiten seines Volkes. Es ist die Geschichte seiner Urgroßmutter, die diesem Buch zugrunde liegt. Manchmal wie im Märchen, manchmal so echt die Schlange an der Supermarktkasse treibt die Geschichte den Leser an nicht stehen zu bleiben. Immer weiter zieht es ihn, um zu erfahren, ob es nicht ausreichend ist eine Veränderung im Leben zu erfahren.

Rendezvous mit Tieren

Andrea Camilleri war ein Lebewesenfreund. Die Liebe zu den Menschen hat er in jedem seiner Bücher, auf jeder Seite, in jeder Zeile zum Ausdruck gebracht. Die Liebe zu Tieren hat er in diesem Erzählband manifestiert. Um ihn herum waren von frühster Kindheit an Tiere. Hunde, Katzen, Vögel – keine Scheu, keine Angst, nur tief empfundene Liebe. Ein echter Camilleri!

Es ist wenig erstaunlich wie persönlich Camilleri in diesem Buch wird. In all seinen Büchern fließt das Erlebte nicht nur brauchbar ein, es ist essentieller Bestandteil seiner Kunst. Immer wieder liest man aus und in seinem Leben. Warum sollte er also an diesem Erfolgsrezept etwas ändern?

Es beginnt mit einem Hasen. Die Hasenjagd war in seiner Familie schon immer sehr beliebt. Doch Meister Lampe schlägt jedem noch so gewieften Jäger ein Schnippchen. Fast scheint als ob er seine Verfolger verspottet, wenn sie wieder einmal gesenkten Hauptes den beschwerlichen, weil erfolglosen Heimweg antreten müssen. In der Nachbetrachtung kann Andrea Camilleri, der die Geschichte mit dem Hasen als Junge erlebte, herzhaft darüber schmunzeln.

Selbst einem so gewöhnlichen Haustier wie einem Hund kann der Autor eine ausgefeilte Geschichte angedeihen lassen. Aghi hieß sein treuer Begleiter. Ein echter Freund. Doch er hat ein dunkles Geheimnis, das letztendlich dazu führt, dass Aghi von der Familie getrennt werden muss.

Einem Distelfink und einem Papagei mit Namen Pimpigallo verhilft er zu einer dauerhaften Freundschaft. Dass dabei die Stimmgewalt der gefiederten Gefährten eine gewichtige Rolle spielt, ist mehrere Lacher während des Lesens wert.

Andrea Camilleri beim Beobachten, Beschnuppern und Erforschen der Fauna zuzuschauen, ist ein Genuss allerersten Ranges. Die Hingabe, die er seinen zweibeinigen Freunden der Spezies homo sapiens widmet, lässt er auch den Tieren zugute kommen. Das reicht bis hin zum echten Tierretter, der ein kleines Kätzchen vor den ortsüblichen Rowdies rettet.

Als Zugabe zu den eindringlichen Texten spendiert Paolo Canevari seine außergewöhnlichen Zeichnungen, die die Stimmung des Buches so einfangen, dass sich Phantasie und Realität vermengen. Zu diesem Rendezvous erscheint man nicht mit schwitzigen Händen und hochrotem Kopf. Es wird alles gut werden. Das verspricht der Name Andreas Camilleri. Und er hält seine Versprechen…

100 Highlights Jakobswege in Spanien und Portugal

Die Berichte über den Jakobsweg haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. War anfangs „nur“ von dem Jakobsweg die Rede, hat man sich mittlerweile eines Besseren belehrt und spricht – was der Wahrheit entspricht von den Jakobswegen. Wobei keineswegs ein Nachmittagsbummel durch die Gemeinde mit einem Abstecher in den Jakobsweg gemeint ist.

Dieses Buch verdient im Berg der Bücher über den Weg der Wege eine besondere Erwähnung. Zum Einen geht es um den einen Weg nach Santiago de Compostela und wie man über die klassische Route von Frankreich aus kommend in Spanien, die Traumroute am Meer, den ältesten Weg oder die Pfade in Portugal wandert. Zum Anderen besticht dieses Buch durch die eindrücklichen Bilder und verführt durch die appetitanregenden Zeilen von Grit Schwarzenburg und Stefanie Bisping. Stefanie Bisping ist Reiseberichtlesern wohl bekannt. Bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet sie regelmäßig in den Top Ten, 2020 als Gewinnerin, im Jahr darauf auf dem zweiten Platz. Von der Antarktis bis Rio, von den Virgin Islands bis Australien, von Russland bis Bali ist ihr keine Destination fremd. Sie macht ihr Reiseziele und –routen zur ihrer Sache.

Einhundert Mal machen die beiden Halt. Einhundert Mal machen die beiden ihrem Erstaunen mit unvergleichlicher Empathie Luft und dem Leser Lust. Einhundert Mal Rührung, Staunen, (Be-) Wundern, Innehalten, Schwelgen, sich lukullischen Genüssen hingeben. Jedem einzelnen der beschriebenen einhundert Orte entlocken sie seinen eigenen ganz besonderen Reiz. Es wird nicht langweilig beim Durchblättern und Lesen in diesem Prachtband.

Ob nun das einst arg gebeutelte Guernica, eine Flasche asturischer Apfelmost in Sidreria, das niemals alternde Salamanca oder Federvieh wohin man schaut, wenn man sich in Barcelos umschaut (kein Schreibfehler, es ist nicht Barcelona gemeint).

Wer hier wandert, weil es andere vor einem ja auch geschafft haben, und weil es momentan irgendwie trendy ist hier zu wandern, kommt Seite für Seite zu der Erkenntnis, dass man sehr wohl hier wandern kann, weil es andere auch tun. Gleichermaßen muss man sich eingestehen, dass der Antrieb dies zu tun ein Irrweg ist. Hier wandert man, um mit allen Sinnen zu genießen. Und so erlebt man auch dieses Buch. Mit unstillbarer Vorfreude blättert man hoffnungsvoll durch die Seiten und man weiß, dass da schon das nächste Abenteuer wartet.

Waldtagebuch

Wie heißt es doch in einem Lied? „Im Wald, da sind die Räuber“. Und  Eichhörnchen und Eichen und Spechte und Pilze und und und. Hier ist es ruhig, und soll es auch bleiben. Hier ist es sauber, und soll es auch bleiben. Hier ist die Luft frisch, und soll es auch bleiben.

Dieses Waldtagebuch ist nicht allein – wie man es auf den ersten Blick vermutet – nur für Kinder gemacht. Auch für alle, die zum ersten Mal in den Wald gehen, oder selbigen vor lauter Bäumen nicht sehen können. In Deutschland ist eine Fläche von mehr als elf Millionen Hektar mit dem saftigen Grün bedeckt. Doch was ist eigentlich Wald? Laut den Vereinten Nationen und der hauseigenen Organisation FAO, die für den Wald zuständig ist, ist ein Flecken Natur, der mindestens einen halbe Hektar groß und zu zehn Prozent von Baumkronen überschirmt ist. Deutschlands Herren über Regeln und Zahlen da noch ein paar Schritte weiter. Holzlagerplätze, Wildwiesen und Lichtungen und einiges andere mehr gehören ebenfalls dazu. Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. So viel zu den Zahlen.

Das Erlebnis Wald gehört sicher zu den ersten Erfahrungen, die man manchen kann, wenn man echte Abenteuer erleben will. Pilze sammeln – einige ausgewählte Arten werden in diesem Waldtagebuch vorgestellt – gehört da sicher zu den aufregendsten Dingen. Die Suche in Verbindung mit dem Auffinden und der Bestimmung lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Spuren lesen und zuordnen – auch hier wieder: Die wichtigsten werden vorgestellt – kann süchtig machen. Bäume bestimmen, Blätter erkennen, Vögel in den Baumkronen entdecken … die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Das Waldtagebuch bietet viel Platz, um das Entdeckte aufzuschreiben und je nach Phantasie aufs Papier zu kritzeln. Und wenn man nach einiger Zeit (Tage, Wochen Monate, Jahre) noch einmal die Exkursionen ins Grüne nachliest, werden Erinnerungen wach, die so lebendig sind als wäre man erst gestern durch dichtes Gestrüpp gestromert, hätte man auf der Lauer gelegen oder hätte mit Feuereifer den ersten Wanderstock mit eigenem Design veredelt. Jede Erinnerung ist es wert festgehalten zu werden. Das Format und die Dicke des Waldtagebuches fordern dazu auf nicht nur den ersten, sondern viele darauf folgende Waldwanderungen für sich niederzuschreiben. Die liebevolle Gestaltung mit den zahlreichen Zeichnungen aus Flora und Fauna machen Lust selbst den Entdecker in sich herauszulassen.