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Du wirst heillos Geduld haben müssen mit mir

Lieber Glauser,

 

ich darf Sie doch so nennen? Ich kenne Ihren Studer, bin fasziniert von dem unnachgiebigen Jäger. Sie Friedrich zu nennen, käme mir nicht in den Sinn. Schon seit sehr langer Zeit habe ich keine Briefe mehr bekommen. Keine richtigen. Keine privaten Zeilen. Immer nur Werbepost mit mehr oder minder moralischen Angeboten. Ihre Briefe, zusammengefasst in diesem kleinen Büchlein sind die ersten in diesem Jahrtausend. Klingt hochtrabend, oder? Aber die nüchternen Zahlen sprechen eine nüchterne Sprache. Und die ist weder Ihrer noch mein Fall.

Sie sind ein echter Schlawiner, lieber Glauser! Die Feder ist schärfer als das Schwert, stimmt’s?! Wie Sie Elisabeth von Ruckteschell umgarnen, Ihre Liso, lässt erahnen was in Ascona passierte. Der Blitz hat mehrmals eingeschlagen. Biswangen und der Enge der Psychiatrie entkommen, war sie der Wind im Segel im Aufbruch zu neuen Ufern. Lange Briefe hatten sie ihr versprochen, hielten es und verwarfen den Gedanken gleichermaßen. Die Masse an Briefen … mochte sie das? Ich glaube schon. Sie wussten, was Sie wollten. Wohlklingende Worte, frei im Geiste und strikt ihren Weg verfolgend. Würden doch mehr Menschen so schreiben (können) wie Sie!

Heute – mehr als achtzig Jahre nach ihrem Tod – zeigt man seine Zuneigung mit kleinen Bildchen, Emojis nennt man das. Doch deren Bedeutung muss man auch erstmal entziffern. Sie hingegen halten nicht hinterm Berg. Sie lieben – als schreiben sie es. Sie darben, also betteln oder flehen Sie. Sie leiden – warum allein leiden? Auch andere sollen daran teilhaben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Ich frage mich, was Sie wohl denken würden, wenn Sie Ihre „gesammelten Werke“ en bloc – wie in diesem Buch – lesen könnten. Oh my god! Oder doch „ach so war das?“, ich glaube die Erkenntnis liegt irgendwo in der Mitte. Und das obwohl Ihnen Mittelmäßigkeit niemals leid war. Wie kann man etwas leid sein, dass man nicht kennt! Ob man Ihre Liebebriefe wohl als Grundlage für eigene Schwüre benutzen dürfte? Irgendwie fühlt man sich verpflichtet dieses wunderbar gestaltete Büchlein – die Prägung mit den zwei Äpfeln auf der Frontseite haben Sie, wo immer Sie jetzt sind, sicher bemerkt – für sich selbst in die Tat umzusetzen. Es wäre doch schade, sie ungenutzt zu lassen. Nichts ist grausamer als unnütz verschossenes Pulver.

Liebe Glauser, es ist kein langer Brief geworden. Ich wollte nur Danke sagen, für den Studer und die Briefe, die ich lesen durfte. Genießen Sie den Ruhestand, und lassen Sie die Finger vom Morphium. Das ging schon einmal nicht gut! Bis gly.

Ich und der Andere

Immer wenn ein Jubiläum eines Künstlers ansteht, überschlagen sich alle mit neuen Enthüllungen aus seinem ach so lebhaften Leben. Meist geht es dabei um runde Geburtstage. Bei Jim Morrison, Leadsänger der Doors, beschränkt sich die Erkenntniswelle immer auf den runden Todestag. Am 3. Juli 2021 ist es vierzig Jahre her, dass er leblos in der Badewanne seiner Pariser Wohnung gefunden wurde. Die Umstände seines Todes sind unbekannt, ein Grund mehr Spekulationen immer wieder freien Lauf zu lassen.

In diesem Jahre – dem Jahr des 40. Todestages – wird die Fangemeinde, werden die Bücherregale allerdings um ein Buch bereichert, dass sich nicht dem skandalumwitterten Exzentriker widmet, sondern mit der Kraft der Phantasie dem Lizard King neues Leben einhaucht.

Späte Sechziger Jahre. Der Summer of love ist Schnee von gestern. Überall revoltiert man, es fliegen Pflastersteine, Konventionen werden immer stärker hinterfragt. Die Doors spielen noch nicht vor Massen in riesigen Hallen, die Charts sind noch weit entfernt. Wie immer ist James Douglas Morrison ein Nervenbündel bevor es on stage geht. Das Publikum giert nach der neuen Band, ist euphorisch und unsagbar laut. Und manche Dame im Saal macht dem ikonenhaften Adonis auf der Bühne mehr als nur schöne Augen, eine macht eindeutige Angebote. Und dann ist da dieser Typ. Der passt gar nicht ins Bild der mitgerissenen Zuschauer. Ein stiller Mann. Regungslos lauscht er den Klängen von John, Robby, Ray und Jim. Er macht sich sogar Notizen. Auf einem Rockkonzert! Sehr ungewöhnlich.

Aber was will man erwarten, wenn eine ungewöhnliche Band spielt. Und wenn dann auch noch so eine herausragende Persönlichkeit wie Jim Morrison sich endlich traut mit dem Gesicht zum Publikum zu singen, kann man davon ausgehen, dass ihm, dem fremde Gedanken näher sind als jedweder Mainstream, genau dieser eine Typ auffällt, der so gar nicht ins Bild passen will. Er nennt ihn Hölderlin. Nach dem deutschen Dichter.

Als Jim ein kleiner Junge war, konnte er seinen Vater, einen hochgedienten und dekorierten Offizier nur mit dem Lesen von Büchern beeindrucken. Eines davon war von Hölderlin. Ein Mann, der hundert Jahre vor der Geburt Morrisons starb und dessen Leben vom Tod beeinflusst war wie vom Leben selbst. Die Assoziationen, die Jim Morrison für sich selbst erstellte, sind nur ein Puzzlestück im Leben des brillanten Poeten.

Jim lässt sich auf den Sonderling aus dem Publikum ein. Er spricht mit ihm, lässt sich Ratschläge erteilen, verdankt ihm Songtexte. Zugegeben, nichts davon ist jemals so passiert. Es könnte aber so passiert sein. Jürgen Kaizik taucht tief in die Psyche des wilden Musikers ein. Ihn interessiert nicht (mehr) wann er wo welche Körperpartien bei Konzerten freigelegt hatte. Auch nicht die Exzesse, die Jim Morrison (zusammen mit seinem frühen Ableben im Alter von 27 Jahren – wie zuvor Brian Jones (wird gern in der Aufzählung übersehen), Jimi Hendrix und Janis Joplin) vermeintlich zu einer Legende machten. Jürgen Kaizik gibt Morrison eine Stimme, die der Musiker sicher gern angenommen hätte. „Ich und der Andere“ ist nicht die Kirsche auf dem Kuchen des Jubilars, es ist ein komplett neues Gebäck, das auf einem ganz anderen Tisch serviert wird.

Die kranken Habsburger

Welch wohlklingender Name: Habsburg. Europas Geschichte ohne einen Habsburger zu erzählen, wäre wie über das Jahr 2020 zu berichten, ohne dabei das Wort Corona in den Mund zu nehmen. Einfach unmöglich. Mit einem Trick, genauer gesagt mit einer Fälschung haben sich die Habsburger in den europäischen Hochadel gemogelt. Sie stellten quer über den Kontinent (und sogar darüber hinaus) Fürsten, Prinzen, Könige, Königinnen(!) und Kaiser. Durch geschickte Heiratspolitik hatte man in fast jedem Königshaus Europas seine Nachkommen untergebracht. Das erhielt den Frieden, meistens. So viel zur Geschichte, die jeder nachvollziehen kann.

Hans Bankl reichte das nicht. Der promovierte Pathologe hat – ganz im Sinne seines Fachgebietes – die Habsburger unter die Lupe genommen. Von der offensichtlichen herabhängenden Unterlippe, die berühmte Habsburger-Lippe, nach der oft in Quizshows gefragt wird, bis hin zu Krankheiten, die der Familienlinie nicht immer zu Gute kam, widmet er sich den kleinen Familiengeheimnissen dieser Dynastie.

Siebenhundert Jahre gab es kein Entrinnen vor den Habsburgern. Die waren einfach überall. Am spanischen Königshof, in Frankreich, Ungarn, Österreich (natürlich), Bayern, Lothringen, sogar in Mexiko. Das war aber eher ein Zwischenspiel, denn Kaiser Maximilian wurde nach wenigen Jahren der Regentschaft, die auch nur auf den „Wunsch“ Frankreichs zustande kam, erschossen.

Der unbändige Drang die Geschicke Europas zu steuern hatte aber auch einen gravierenden Nachteil. Irgendwann stirbt jede Linie einmal aus. Denn als Prinz wurde man automatisch Erbfolger. Als Mädchen war man Handelsgut, um an die Höfe Europas verschachert zu werden. Und genauso irgendwann hat man den Überblick verloren, wer wann wen heiratete. Ein heilloses Durcheinander war die Folge, so dass es nicht selten vorkam, dass gleiches Blut mit gleichem Blut die Ehe einging. Inzucht war die logische Folge, und mit ihr die bekannten Folgen.

Hat man sich erst einmal mit den oftmals gleichen Namen und den Jahreszahlen bekanntgemacht – als Nichtösterreicher und Nichthistoriker kann man bei den vielen Doppelungen der Namen schon mal durcheinander kommen – liest sich diese außergewöhnliche Familienchronik wie ein süffisanter Abriss der europäischen Adelsgeschichte. Man merkt Autor Hans Bankl des Öfteren das Schmunzeln an, das er beim Schreiben gehabt haben muss. Die Habsburger jedoch nur als inzestgeplagte Brut mit dem Hang zur Machtgier und oft ungeschickter Handlungsweise zu sehen, wäre fatal. Die Habsburger haben sicher mehr für die Einigung Europas getan, als man ihnen zugestehen möchte. Die Wahl der Mittel ist ohne Zweifel fraglich. Ihre Hinterlassenschaften sind es nicht. Man stelle sich beispielsweise Wien ohne Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum vor. Ganz zu schweigen von der Sissi-Industrie, die seit über einem Jahrhundert vom Glanz der schillerndsten Habsburgerin unzählige Familien ernährt und noch viel mehr Familien in Verzückung versetzt.

Der amüsante Schreibstil, das Detailwissen und das rasante Tempo des Buches begeistern bei jedem Lesen.

Ein Irokese am Genfersee

Schaut sich das Gebiet zwischen Huron-, Erie- und Ontariosee an, und zoomt in der Karte, findet man den Hinweis auf das Six Nations Indians reserve, no. 40. Nicht viel zu sehen, doch die Geschichte dieses Reservates hat viel zu bieten. Sie ist verbunden mit Deskaheh, Chief der Cayugas, einem Stamm der Irokesen, ein echter Indianerhäuptling, der 1923 in die Schweiz reiste und für Furore sorgte. Während heute jeder, der nichts zu sagen hat, jedoch auffallen will, sich „‘nen Iro“ stehen lässt, hatte Levi General – Deskaheh – ein ehrliches und zutiefst menschliches Ansinnen. Er wollte sein Volk vor der endgültigen Vertreibung und Des Raubes seiner Kultur bewahren. Dafür sprach er vor fast einhundert Jahren beim Völkerbund, dem Vorläufer der UNO vor.

Im ersten Weltkrieg soll sein Volk an der Seite der Kanadier gegen die Deutschen kämpfen. Deskaheh lehnt es ab. Wer nicht wählen darf, muss auch nicht an der Seite seiner Peiniger kämpfen. Eine logische Schlussfolgerung. Die Repressalien nehmen nicht ab. So beschließt er sich an den Völkerbund zu wenden. Wozu soll der denn sonst gut sein? Als die Regierung davon Wind bekommt, schlottern denen die Knie. Wie wird sich Dekahehs Ansinnen auf die Reputation des zweitgrößten Landes der Erde auswirken? Doch Deskaheh ist fest entschlossen. Wenn schon der englische König – formal der „Chief“ seines Volkes – wenn auch nur auf dem Papier – ihn nicht empfangen will, dann eben gleich zur höchsten Instanz, wenn es um Völkerrechte geht.

Doch niemand will mit ihm reden, geschweige denn ihn empfangen. Er ist kein Vertreter eines Landes, sondern nur einer Volksgruppe. Das reicht nicht, um gehört zu werden. Er wird jedoch gehört. Er darf reden. Nicht mit Politikern. Es sind die Zeitungen, die über den „roten Mann“ schreiben. Er hat Gönner, doch auch die sind in ihrer Macht eingeschränkt. Er hält Vorträge, die Beachtung finden.

Eine Rückkehr zu den Seinen ist ausgeschlossen. Der Pass ist abgelaufen, einen neuen Pass zu bekommen, ist fast aussichtslos. Und dann tritt das Unerwartete ein. Plötzlich stirbt Levi General, Deskaheh…

Ein Krimi? Eine Biographie? Auf alle Fälle eine mehr als spannende Periode im Leben eines vergessenen Kämpfers, das Willi Wottreng so detailreich der unwissenden Mehrheit preisgibt.

Künstlerinnen und ihre Häuser

Hereinspaziert, hier werden Sie was erleben! Hier gibt es viel zu entdecken. Mal einer echten Designer-Ikone über die Schulter schauen? Oder einer Bühnenlegende beim Hüten einer Kinderschar zuschauen? Oder auf einmal so viele Kunstwerke betrachten wie in keinem anderen Museum der Welt? Einhundertvierzig Seiten geballtes Künstlerleben.

Die erste Wohnungsbesichtigung steht bei Gabriele Münter in Murnau an. Im so genannten Russenhaus. Ein nettes Häuschen, das man schon auf dem ersten Blick als gemütlich bezeichnen kann. Russenhaus, weil hier Wassily Kandinsky lebte, zusammen mit Gabriele Münter. Sie richtete alles ein, versteckte nach der Flucht Kandinskys seine Werke – erfolgreich. Selbst die braunen Spürnasen fanden nichts. Glücklich war sie hier nur eine kurze Zeit. Denn der geliebte Kandinsky starb in Exil.

Auch Karen Blixen wurde in ihrem M’bogani bei Nairobi nicht vollends glücklich. Zu oft wurde sie betrogen. Und finanziell war sie ebenso wenig gut aufgestellt. Sie pendelte zwischen ihre Liebe Kenia und ihrer Heimat Kopenhagen.

Vanessa Bell und Virginia Woolf – Schwestern – erging es nicht anders. So schön die eigenen vier Wände waren, so groß die Schar der berühmten Besucher – das Glück klopfte allzu oft an die Türen der Anderen.

Josephine Baker war zu ihrer Zeit der ungekrönte Star der Varieté-Bühnen. Doch privat erlitt sie derart viele Rückschläge, dass es heute noch größte Bewunderung verlangt, wenn man ihr soziales Engagement betrachtet. Ein Schloss sollte es sein. Es wurde ein Schloss. In der Dordogne in grünen Herz Frankreichs. Und es war erfüllt von Kinderlachen, die eingangs erwähnte Kinderschar. Sie hat sie alle adoptiert bzw. bei sich aufgenommen. Doch die Kosten verschlangen Unsummen. Ihre Auftritte, u.a. mit Maurice Chevalier, brachten nicht genug ein. Immer wieder stand sie finanziell am Abgrund. Am Ende ihres Lebens griff sogar Fürstin Gracia Patricia unter die Arme.

Ob ein kleines Häuschen auf Hiddensee wie das von Asta Nielsen, in dem sich auch Joachim Ringelnatz und seine Muschelkalk (so nannte er liebevoll seine Frau) zu gern aufhielten, oder das E.1027, ein Buchstaben-Zahlen-Rätsel, das Eileen Gray mit ganzer Tatkraft einrichtete, oder eben das Schloss von Josephine Baker: Alle in diesem Buch versammelten Künstlerinnen schienen sich einen Traum erfüllt zu haben. Doch oft wurde es ein Gefängnis, das mit zwei Seiten einer Medaille geschmückt war.

Gabriele Katz nimmt den Leser mit auf Wohnungsbesichtigungen der besonderen Art. Diese Wände sprechen noch immer. Doch ihre Geheimnisse geben sie erst in diesem Buch preis.

The Five

Die Geschichte ist eigentlich klar: Jack the Ripper ermordet 1888 binnen weniger Wochen fünf Frauen. Niemand weiß wer er war. Mythen ranken sich seitdem um den Mann, der fünf Prostituierte mit dem Messer aufschlitze. Eigentlich alles klar. Nein, nichts ist klar! Weder die Identität des Täters, noch sein Motiv. Und von den Frauen nimmt auch kein Mensch Notiz – sind nur Prostituierte. Und hier setzt Hallie Rubenhold an. Und wie!

Denn die Frauen waren keineswegs ruchlose Frauen, die ihre körperlichen Reize einsetzten, um willenlosen, triebgesteuerten Männern Momente des Glücks zu bescheren. Sie waren – und so ehrlich muss man sein – Gelegenheitsprostituierte und dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt.

Mary Ann Nichols, genannt Polly, erlangt eine gewisse Berühmtheit, weil sie Opfer Nummer Eins ist. Am 31. August 1888 wird ihr Leichnam in Whitechapel, einem der düstersten Stadtteile Londons gefunden. Identifiziert durch ihren Mann, der mittlerweile mit der Nachbarin zusammenlebt. Ihre Gesichtszüge lassen nur einen Hauch ihrer einstigen Erscheinung erahnen. Sie lebte eine Zeitlang in ganz ordentlichen Verhältnissen. Finanziell gesehen. Doch die Kinderschar wuchs, das Einkommen jedoch nicht. Fehlgeburten, Typhus, Tuberkulose waren die häufigsten Todesursachen. Auch Polly wurde vom Schicksal schwer gebeutelt. Eine Trennung, gar eine Scheidung war kaum vorstellbar. Dazu hätte ihr Mann sie grausam verprügeln müssen, mit seiner Schwester schlafen und / oder weitaus Schlimmeres tun müssen. Doch ohne Mann an der Seite, waren Frauen Freiwild. Ohne Einkommen konnten sie stehlen oder ihren Körper verkaufen. Die Ohnmacht wurde mit Alkohol betäubt. Polly war ein Opfer ihrer Zeit.

Nur ein paar Tage später fand man Annie Chapman. Die Presse stürzte sich wie weidwundes Vieh auf den neuerlichen Mord. Mitten in der Hatz aus Pollys Mörder traf rechtzeitig vor der einschlafenden Jagd ein neues Opfer ein. Wieder Alkohol, wieder verlassene Frau.

Ende September schlug Jack the Ripper in einer Nacht gleich zweimal zu. Elizabeth Stride, eingewanderte Schwedin, die nur wenige Jahre zuvor das große Los gezogen zu haben schien und Catherine Eddowes. Auch die war schon einmal auf der scheinbaren Zielgeraden zum Glück.

Ganz im Gegenteil zu Mary Jane Kelly. Die war lebensfroh, leidlich zufrieden mit ihrem Leben „auf der Straße“. Sie war attraktiv, was wohl auch erklärt, warum ihr Leben oft und ausführlich erforscht wurde.

Fünf Frauen innerhalb weniger Wochen hat Jack the Ripper zur Strecke gebracht. Alle waren Frauen, die in ihrer Verzweiflung nur einen Weg einschlugen (mussten) – die Prostitution. Ob nun als Vollzeit- oder Teilzeitjob – wie es gern in den Geschichtsbüchern steht – ist für ihr Schicksal erst einmal irrelevant. Sie wurden Opfer eines Mannes, der Frauen nicht so zugeneigt war, wie man es annehmen sollte. Er hasste Frauen. Seine Opfer waren zufällig ausgewählt. Die Tatsache, dass alle Fünf dem Alkohol zugesprochen haben, ist auch keine Entschuldigung für ihr abrupt endendes Schicksal. Hallie Rubenhold gibt ihnen erstmals eine Stimme, ein Gesicht. Die Taten treten in den Hintergrund. Die Autorin rückt die damaligen Verhältnisse in den Fokus ihrer Berichte. Als Frau war man Mensch zweiter Klasse. Frauen hielten Haus und Hof in Schuss, kümmerten sich um den reichlichen Nachwuchs. Je mehr Köpfe im Haushalt, desto geringer das „Pro-Kopf-Einkommen“. Auf- und Abstieg waren abhängig vom Einkommen und der Anzahl der Haushaltsangehörigen. Betrug diese Zahl weniger als Fünf, konnte man „ganz gut auskommen“. Stieg die Zahl der Kinder, musste man sich etwas einfallen lassen. Verstarb ein Kind, was sehr oft vorkam, wurde die Trauer hinweg gewischt. Das Leben musste weitergehen! Dieses Buch zeigt eindringlich wie gefährlich der soziale Stand sein konnte. Die Opfer sind heute vergessen. Der Täter ist unbekannt. Und dennoch ist er immer noch präsenter als die Frauen, die er meuchelte. Dieses Buch wird das ändern!

Ich war eine Ärztin in Auschwitz

Dieses wunderbare Wort Hoffnung, dass durch den ersten Vokal einen so hübschen rund geformten Mund macht. Der jedoch postwendend durch die folgenden Doppelkonsonanten wieder nur zackige Töne hervorbringt. Diese Hoffnung darf Gisella perl nicht verlieren. Sie ist Ärztin, Gynäkologin. In Siebenbürgen. Während der dunkelsten Zeit überhaupt. Alsbald überrennen Wehrmacht und Gestapo das Land und vernichten jeglichen Farbklecks, jegliche Hoffnung. Als Jüdin ist sie nun doppeltes Freiwild. Nur ihre Ausbildung, ihre berufliche Erfahrung und ihre Fähigkeiten bewahren sie vor dem schnellen Tod. Sie spricht nicht darüber, aber so manches Mal wäre ihr dieser wohl willkommener Gewesen als das Gewesene an sich.

In einem Zugwaggon mit unzähligen Anderen zusammengepfercht fährt sie in eine ungewisse Zukunft, an einen unbekannten Ort. Die Türen sind vernagelt. Vernagelt! Nicht einfach nur zugeschlossen, was allein schon für Unmut sorgt. Mit einem wenige Gramm schweren Stück der Freiheit beraubt. Mit einem Werkzeug, das so viel wiegt wie zwei Stück Butter, eingesperrt.

Acht Tage später ist das Ziel klar: Auschwitz! Der sichere Tod, mit dem perfidesten Todeswärter, den es je gab: „Dr.“ Josef Mengele. Ihm wird sie zuarbeiten müssen. Ihm ist sie unterstellt. Er allein bestimmt über ihr Schicksal. Als Ärztin, die in dieser Vernichtungsmaschinerie dringend gebraucht werden, hat sie die Chance zu überleben. Und sie kann diese Chance nutzen, um Hoffnung zu geben. Leid zu lindern. Als Gefangene für den gehassten Feind zur geliebten Arbeit gezwungen

Sie verliert Mann und Kind. Sie wird sie nie wieder sehen. Sie trifft auf Menschen aus ihrer rumänischen Heimat. Oft jedoch findet sie nur noch Überreste. Mal ein Mantel einer ihr bekannten Person, der als Kopfstütze für einen geschundenen Körper dient. Unfassbar, aber wahr. Sie hilft einer sadistischen Aufseherin abzutreiben. Für beide Frauen ein Risiko, das beide mit ihrem Leben bezahlen würden, wenn sie erwischt werden.

Schwangere haben in Auschwitz mit dem Kind unterm Herzen gleichzeitig ihr Todesurteil in der Hand. Perl bringt Dutzende von Kindern zur Welt, um ihnen kurze Zeit später ein unheilvolles Leben zu ersparen. Die Mütter dürfen weiterleben. Dank der Tatkraft dieser mutigen Frau.

Gisella Perl hat Auschwitz, Neuengamme und Bergen-Belsen überlebt. Sie hat gekämpft, für sich und für sehr viel Andere. Kurz nach den schlimmsten Jahren ihres Lebens hat sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Dass ihr Hier und Da diese Erinnerungen einen Streich spielen, tut dem Gesamteindruck des Buches keinen Abbruch. Die Historikerin Andres Rudorff setzt alles wieder ins richtige Licht. Ihre Einführung allein lässt dem Leser schon das Blut in den Adern gefrieren. Gisella Perls Erinnerungen lassen Aufhorchen, Staunen (im negativen Sinne), sind erschütternd und lassen es nicht zu dieses Buch ohne Abzusetzen durchzulesen. Oft schluckt man ob der erbarmungslosen Bestialität und Menschenverachtung, die bei zu Vielen schon wieder in Vergessenheit geraten ist.

Das Haus am Waldsängerpfad

Es klingelt ordentlich in den Ohren, wenn man von historischen Orten und Häusern spricht. Aktuelle könnte das Reichstagsgebäude in Berlin so manche markerschütternde Geschichte erzählen. Aber auch so manches idyllisch gelegene Häuschen ist durchaus in der Lage frisch-fromm-fröhlich drauf loszuplappern, wenn man sich in seine Geschichte vertieft. Berliner Südwesten. Heute, im mit dem wenig aussagekräftigen Namen Waldsängerpfad ausgezeichneten Stück Berlin, nicht einmal einen halben Kilometer lang, steht dort ein Haus, dass immer noch den Namen seines einstigen Besitzers stolz zeigt. Einst war hier die Dianastraße, Betazeile. Die Göttin der Jagd und der Name eines der schlimmsten Antisemiten, den es jemals gab. Hier wohnte einmal Fritz Wisten. Nur eingefleischte Theaterleute erinnern sich noch an den Schauspieler und Kulturschaffenden, der 1962 starb.

Der Name ist ein Künstlername, der alsbald schon im Pass eingetragen war. Moritz Weinstein, mit diesem Namen kam er im März 1890 in Wien zur Welt. Ein paar Jahrzehnte später verschlug es ihn in die deutsche Hauptstadt. Kind und Kegel sowie sein Vater brauchten nun eine Unterkunft. Das Haus mit der modernen Architektur – Bauhaus ohne Kompromisse innen und außen – wurde gerade entwohnt, wie es im damaligen LTI-Jargon hieß. Die Besitzer und Auftraggeber für dieses Anwesen mussten Deutschland verlassen. Ihr Name, ihre Religion und vor allem die vorherrschenden Verhältnisse ließen ihnen keine Wahl. Etwas mehr als 50.000 Reichsmark blätterten die Wistens hin. Besitzerin war Gertrud Wisten. Was aber nichts moderner Gleichberechtigung zu tun hatte, sondern mit der Tatsache, dass Wisten, Fritz, geborener Weinstein, Jude war. Und die durften nichts besitzen, geschwiege denn Eigentum in diesem Maße erwerben. Das Haus war kein Ort der Freude im eigentlichen Sinne. Anfangs konnte man zwar noch Feste feiern. Doch schon bald war es für viele ein Ort der Zuflucht, der brüchigen Sicherheit. Wie für Alfred Balthoff. Auch einer von Wistens Kollegen, die heute in Vergessenheit geraten sind. Die Tatsache, dass seine Stimme vielen ausländischen Schauspielern als Charakteristikum dem deutschen Publikum vertraut ist, weist darauf hin, dass das Haus am Waldsängerpfad sicherer war als so manch anderes Versteck in dieser Zeit. Der agile Freddy Balthoff überstand die braune Zeit. Auch die Wistens. Und das obwohl es in der Nähe von Nazi- und Armeegrößen nur so wimmelte. Zum Beispiel Canaris, der sich im Laufe der Zeit gegen Hitler wandte, wohnte unweit. Das Haus selbst wurde von Peter Behrens errichtet. Bauhausikone und Erschaffer der Inschrift am Reichstagsgebäude. Fritz Wisten wurde ebenso drangsaliert wie Millionen anderer, die dem Regime nicht in den Kram passten. Auftrittsverbot, Gehaltskürzung – doch Wisten blieb. Deutsch war seine Sprache. Er konnte und wollte nicht in eine andere Welt eintauchen, die ihm das wichtigste Instrument, die Sprache, nimmt.

Nach dem Ende der dunklen Zeit konnte Fritz Wisten schnell wieder Fuß fassen. Schon Wochen nach Kriegsende inszenierte er wieder. Wurde Kulturfunktionär – im Osten. Doch auch diese Zeit ging vorüber.

Thomas Blubacher reiht in seinem Stolperstein-Buch historische Daten aneinander, dass einem schwindlig wird. Die Fülle an Fakten, Namen, Daten berührt und macht deutlich, dass Geschichte immer und überall sichtbar ist und es auch weiterhin sein muss. Der Kampf darf nicht vergessen werden. Eigentlich unvorstellbar, dass es solche Schicksale gab, und dass sie trotz der Besessenheit der Täter zu einem fast schon guten Ende führen konnten.

Rätsel

Oft spricht man bei einer Biographie über ein außergewöhnliches Leben. Feldherren, die mit List und Tücke Tausende in die Schlacht – und den sicheren Tod – schickten. Gewiefte Wissenschaftler, die mit Beharrlichkeit ihrer Idee folgten. Oder Schauspieler, die mit ihrem Wirken die Massen begeisterten. Und dann gibt es Biographien, die wirklich außergewöhnlich sind. Wie die von James Humphrey Morris. Er begleitete Sir Edmond Hilary auf den Mount Everest, zumindest einen großen Teil seines Weges. Doch das ist nicht das Außergewöhnliche. Nein, es ist die Wandlung, die dieser Mann durchmachte, der heute als Jan Morris mit ihrer Frau Elizabeth in Wales lebt. Ja, mit IHRER Frau. Denn aus James Humphrey wurde Jan. Aus dem Mann James Humphrey wurde die Frau Jan.

Es ist ihr bis heute ein Rätsel woher die Neigung kam. Ein Rätsel, das sie gern lösen möchte. Aber dessen Nichtlösung ihr um nichts in der Welt den Weg, den sie einschlug, verhageln könnte. Schon in frühester Kindheit, unter dem Klavier sitzend, wurde James klar, dass es ihm besser tun würde als Mädchen durch die Welt streifen zu können. Im Militärdienst strengte er sich wohl deshalb mehr an als andere, um seinem Geschlecht gerechter zu werden als man es verlangte. Kein übertriebender Ehrgeiz, aber immer eine Portion mehr Engagement in der Hand.

Als Journalist bei Guardian und später bei der Times konnte er sich frei entfalten, beruflich. Er sah die Welt, traf Menschen, nahm an ihren Schicksalen teil. Und er fand die Liebe seines Lebens: Elizabeth. Sie wusste von Anfang an, was in James vor ging. Ein Problem? Kaum, und wenn, nur anfangs.

Im seinen Vierzigern reifte der endgültige Entschluss, dass der Zwiespalt zwischen administrativen und gefühltem Geschlecht nicht mehr hinnehmbar sei. Die Geschlechtsangleichung musste vorgenommen werden, nicht als physischer Akt, sondern als Glücksbringer im weitesten Sinne. Doch dazu musste die Ehe geschieden werden. Schließlich war es in den 70ern in Großbritannien – wie überall auf der Welt – nicht möglich als Frau eine Frau oder als Mann einen Mann zu heiraten. Casablanca war der Ort, der alles verändern sollte. Hier wurde der chirurgische Eingriff vorgenommen. Auch beim Leser stellt sich nach vielen Seiten emotionaler, doch oft auch pragmatischer Gedankengänge, eine emotionale Erlösung ein. Der Schreibstil wird frischer, lebendiger – das Glück der Autorin ist greifbar wie zuvor der ständige Zweifel.

Jan Morris gebührt ein Riesendank dem Publikum eine ehrliche und wirkliche Biographie vorzusetzen. Man taucht ein in eine Welt, die man immer nur von außen betrachten kann, wenn man sich denn überhaupt darauf einlassen will. Einfühlsam, einprägsam, einzigartig.

Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

Im Laufe eines Lebens sammelt sich in einer Wohnung so allerlei an, dass man einst zusammengetragen hat, um sich einmal deren Herkunft zu noch einmal herbeiführen zu können. Urlaubserinnerungen nennen das die meisten. Das reicht vom Kühlschrankmagneten über kitschige Figuren bis hin zu kleinen Malereien, die nun zeitlebens die Wände schmücken. Achtlos geht man an ihnen vorbei. Doch wären sie nicht da, würde man sie schmerzlich vermissen.

Xavier de Maistre musste Ende des 18. Jahrhunderts nach einem illegalen Duell einmal 42 Tage in Hausarrest verbringen. Für ihn keine Strafe, vielmehr endlich die Möglichkeit sein Habitat zu sichten und im Kopf zu ordnen. Karl-Markus Gauß tut es ihm mehr als zweihundert Jahre später gleich. Er muss nicht das Haus hüten, weder aus gesundheitlichen Gründen noch aus der aus der Mode gekommenen Duell-Bagatelle. Sein Salzburger Domizil ist das, was ihn ausmacht. Oder ist das Domizil ein Spiegelbild seiner selbst? Wie auch immer: Die Reise über die Quadratmeter, durch die Bücherregale, an den Wänden vorbei ist eine Reise durch sein Leben, durch Europa und seine Geschichte.

Karl-Markus Gauß ist Schriftsteller und seine Bibliothek ist enorm. Tausende Bände zieren die Wände und sein Können. Er hat sie nicht alle gelesen, musste sogar aussortieren, weil er sich eingestehen musste, dass es ihm unmöglich sein werde jedes Werk lesen zu können. Verzweiflung? Nicht im Geringsten! Denn die Erinnerungen wie er in ihren Besitz gelangte, reichen vollkommen aus, um selbst Seiten in einem Buch zu füllen.

Dieses Buch ist der Rückblick auf ein Leben, das sich immer noch in einer Aufwärtsbewegung befindet. Den Höhepunkt zwar vor Augen, doch die Entspannung in weiter Ferne. Er berichtet vom familiären Hotel in Meran, von Freunden, die ihm zur Seite standen, von Dingen, die ihm um nichts in  der Welt abzukaufen seien. Und der Leser? Er muss nicht mal anklopfen oder die Klingel betätigen, um im Gauß’schen Wissensschatz kramen zu dürfen. Wie in einem lebendigen Museum schreitet er durch die heiligen Hallen des Wissens und der Vergangenheit, steckt hier und da seine Nase, die ihn eigentlich nichts angehen (der Zimmerherr passt schon auf, dass nichts nach außen dringt, was besser indoor bleibt), blättert in Erinnerungen, die nie so ganz verblassen werden.

So eine Biographie sucht man vergebens auf dem Büchermarkt. Ein einzigartiges Lesevergnügen, dass die Neugier weckt und im Seitentakt befriedigt.