Archiv der Kategorie: aus-erlesen Bio

Queen Victoria

Der Neunte Neunte Fünfzehn war ein historisches Datum. An diesem Tag brach Queen Elizabeth II. einen Rekord, der nach Ansicht vieler Experten ewig Bestand haben sollte. An diesem Tag überholte sie ihre Ururgroßmutter als die Regentin mit der längsten Regierungszeit. Und der Rekord wird minütlich verbessert. Vierundsechzig Jahre thronte Queen Victoria auf dem Thron des britischen Empires und war – das hat sie allerdings ihrer Ururenkelin voraus – unumstrittene Herrscherin über das größte Reich der Welt.

Die australische Historikerin Julia Baird setzt der epochemachenden Regentin mit diesem nicht in seinen Ausmaßen beträchtlichen Buch ein würdiges Lese- und Denkmal. Auf knapp sechshundert Seiten zeichnet sie ein Leben nach, das wirklich alles zu bieten hatte. Wie beispielsweise die Hochzeit mit Albert. Einem Deutschen. Arrangierte Hochzeiten haben immer einen bitteren Beigeschmack. Bei Victoria und Albert nicht! Sie schienen füreinander geschaffen. Gerade zur Adventszeit erinnert man auf beiden Seiten des Kontinents an die schöne Tradition des Weihnachtsbaumes. Alber brachte diese Tradition mit über den Kanal und dort wird er bis heute genauso gern geschmückt wie hierzulande.

Als Albert jedoch zu früh starb, trauerte Victoria. So sehr, dass sie nie wieder eine andere Farbe als schwarze tragen wollte. Die meisten Portraits zeigen sie demzufolge fast ausschließlich in der Trauerfarbe. Londonbesucher und Musikfans vergnügen sich bis heute in der Royal Albert Hall und lauschen von den Stones bis Eric Clapton in der königlichen Konzerthalle.

Das ist für die meisten auch schon alles, was über Queen Victoria bekannt ist. Doch schon die erste Umschlagseite zeugt von einem reichen Leben: Der Stammbaum der Familie Windsor, angefangen bei George III. bis hin zu Elizabeth II. Fruchtbar waren die Jahre zwischen 1840 und 1857. Fast eine Fußballmannschaft Kinder – die englische Football association vergab 1889 erstmals den Meistertitel an Preston North End FC, den Lilywhites – gebar Queen Victoria. Edward VII. wurde einer ihrer Nachfolger. Er hielt sich allerdings nur neun Jahre auf dem Thron.

Diese Buch ist vollgepackt mit Anekdoten und Fakten zu einer der bekanntesten Herrscherinnen der Welt. Sie steht auf einer Stufe mit Alexander dem Großen oder Dschingis Khan. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt würde nur annähernd die Gemütsverfassung Queen Victorias beschreiben. Ihr Reich war stabil. Die Industrielle Revolution griff immer weiter nach Futter und Europa war in Begriff auseinanderzudriften. Sie hielt das Steuer fest in der Hand, ihre Methoden waren immer siegreich, doch oft zweifelhaft. Wer Englands Auffassung von Geschichte verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Klatsch und Tratsch lockern die politischen Ränkespiele genauso auf wie die zahlreichen Abbildungen und Karten. Nicht nur für Geschichtsfans das ideale Weihnachtsgeschenk!

Goldeneye – Ian Fleming und Jamaika

Dass ein Urlaub das Leben beeinflussen kann, hat man schon gehört. Wenn ein Urlaub das ganze Leben verändert, wird man neugierig. Wenn ein Besuch auf einer Insel dazu führt, ein Leben auf den Kopf zu stellen, dem Arbeitsgeber zwei Monate bezahlten Urlaub jährlich abzuringen, um auf eben dieser Insel leben zu können … und wenn dann auch noch die ganze Welt daran teilhaben kann, ist es wert ein Buch darüber zu schreiben.

Goldeneye nennt sich der Flecken Erde. Moment mal, Goldeneye, James Bond … eine Insel? Von Vorn: Während des Zweiten Weltkrieges, der tatsächlich auch in der Karibik stattfand, sah sich das britische Empire gezwungen Maßnahmen gegen die Übergriffe der deutschen Marine zu ergreifen. Auf einer Konferenz in Jamaika beriet man darüber. An eben dieser Konferenz nahm ein gewisser Ian Fleming teil. Und der verliebte sich prompt in die Insel. Schon kurze Zeit später war er Grundbesitzer im Norden des Eilands, mit einer praktikablen, aber nicht zwingend repräsentativen Ausstattung. Und dieses nannte er Goldeneye. Die Legende will es, dass Goldeneye mit einer ansehnlichen Bibliothek ausgestattet war, in der sich auch ein Vogelkundebuch eines gewissen James Bond befand. Ja, jetzt ist alles klar.

Ian Fleming ist nun Jamaikaner. Zumindest zwei Monate im Jahr, in denen er schreibt. Und zwar an den Romanen, die Weltruhm erreichen und durch Kinofilme ein Synonym für loyale Agenten werden, die verbrannte Erde hinterlassen, damit nicht noch mehr anbrennt.

Von Beginn an macht Fleming Werbung für die Insel. Auch der Schauspieler Errol Flynn und seine Kollegen lassen keine Gelegenheit aus Jamaika in den Himmel zu loben. Und die High Society folgt ihrem Rufen wie die Lemminge. Von Charlie Chaplin bis zu Laurence Olivier und Vivien Leigh lassen sie es sich auf der Insel gutgehen. Autor Matthew Parker beschreibt genüsslich wie sie sich alle nackt am Pool räkelten oder David Niven nur knapp einem Skorpionangriff entging, sich dafür Zecken an delikater Stelle einfing. Niven – da ist wieder die Verbindung zu Bond. Er war die erste Wahl für den ersten Bond-Film.

Doch Matthew Parker zieht es vor die kleinen Anekdoten in ihrer Schmuddelecke zu belassen. Jamaika in den 50er Jahren, das ist ein Land im Umbruch. Ein Land, das das koloniale Dasein abschüttelt und sich emanzipiert. Das Geld wird immer noch von Ausländern (Kolonialisten) verdient. Und der kalte Krieg geht im tropischen Regen auch nicht unter. Fleming und Bond – je tiefer man in dieses Buch eindringt, desto deutlicher wird, dass Erfinder und Figur mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen – stehen mittendrin. Flemings Werke verkaufen sich gut, exzellent sogar. Alles, was er auf Jamaika wahrnimmt, was ihn als britischen Gentleman ausmacht, fließt ungefiltert in seinen Helden.

Matthew Parker seziert jede Textestelle der Romane und Geschichten mit James Bond und zeigt Parallelen zu Jamaika, Fleming und der Zeit auf. Wer James Bond nur aus den Filmen kennt, wird überrascht sein, wie groß die Diskrepanz zwischen originaler Druckvorlage und filmischen Abklatsche sein kann. Und vor allem zeigt wer, wie viel Einfluss eine einzige Insel auf eines der erfolgreichsten Kunstprodukte des vergangenen Jahrhunderts haben kann. „Goldeneye“ ist die spannendste Biographie des Jahres.

Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.

Mutter, Muse und Frau Bauhaus

Walter Gropius ist der Mann des Bauhaus. 2019 ist das Jahr des Bauhaus und somit auch sein Jahr. Dessau, Berlin und Weimar werden das Bauhaus und Walter Gropius feiern wie selten zuvor eine Kunstrichtung. Ursula Muscheler stellt in ihrem Buch die Frauen um den großen Künstler und Architekten. Und davon gab es mehrere.

Schon als Kind verstand es Walty, wie er von seiner Großmutter Luise genannt wurde, die Menschen um ihn herum zu beeindrucken, zu beeinflussen und in seinen Bann zu ziehen. Der sprichwörtliche silberne Löffel im Mund, golden war er dann doch nicht, erlaubte es ihm die Welt kennenzulernen und zu studieren. Allerdings war sein Handgelenk nur allzu locker, sobald diese sich einer  Geldbörse näherten. Nachschub von zuhause musste zwar flehentlich erbeten werden, doch der monetäre Fluss verebbte nicht.

Auch bei den Frauen hatte er bemerkenswertes Glück. Alma Mahler war die erste, die ihm verfiel. Noch als Frau Mahler, Gattin des berühmten und gefeierten Komponisten, wurde ihre Affäre schlussendlich doch aufgedeckt. Als Gustav Mahler schwer erkrankte – zwischenzeitlich hatte er Wind von der Affäre bekommen, ließ sich allerdings von Alma beschwichtigen – beendete Alma die Liaison. Walter Gropius wurde eingezogen und zog „bester Stimmung“ in den Krieg. 1915 wiederum flammte die Liebe wieder auf. Wieder Alma. Hochzeit und Nachwuchs waren die Folge, doch die Beziehung hielt nicht lang. Er im Krieg, sie im sich wandelnden Wien. Er mit Kameraden im Schützengraben, sie mit Oskar Kokoschka im Austausch. Als Gropius mitbekommt, dass sein Kind nicht von ihm ist, reicht er die Scheidung ein. Und kurze Zeit später steht er dem Bauhaus in Weimar vor. Das nennt man wohl Bilderbuchkarriere.

Walter Gropius war den Frauen immer zugetan, sie ihm nicht minder. Lily Hildebrandt, Maria Benemann und Ilse, die dann doch noch seinen Namen tragen durfte, waren für ihn die wichtigsten Begleiterinnen. Zugegeben hat er das nie. Doch die Briefe an ihn, von ihm, zeichnen ein eindeutiges Bild.

Ursula Muscheler rückt Frauen in den Vordergrund, die es gewohnt waren im Hintergrund zu agieren. Einzig Alma Mahler, Alma Werfel war es vergönnt schon zu Lebzeiten das Korsett des Schweigens durchzuschneiden. Walter Gropius und die Frauen, oder sollte es heißen Walter Gropius im Leben der Frauen? Die Frage könnte nur einer abschließend beantworten. Doch der wird den Mantel des Schweigens über sein Leben legen und ihn liegen lassen. Ursula Muscheler erhascht den einen oder anderen Blick darunter und zieht mit Eloquenz und Eleganz so manches Geheimnis darunter hervor.

Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von Mighty Mouse bis zur Gegenwart

Endlich eine Fortsetzung, vor der man keine Angst haben muss! Bereits der erste Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ nahm den Fan mit auf eine Reise, die niemals enden soll. Doch sie tat es! Sie endete 1974 als Deutschland mit dem Kaiser und dem Terrier Weltmeister wurde. Jetzt geht die Namensforschung weiter! Wer den ersten Teil noch nicht kennt, dem sei die Furcht vor zu viel Titeln an dieser Stelle genommen: Hier geht es nicht nur um Personen, Spieler, Stürmer und harte Hunde in den Abwehrreihen. Es geht auch um Mannschaften, die von Fans ihre eigenen Namen bekommen haben. Oder legendäre Spiel, die jedem Fan das Blut in den Adern vor Ehrfurcht gefrieren lassen. Keine Namensfindungskommission hatte da ihre Finger im Spiel! Außer vielleicht bei der Mannschaft, die #zsammn so großartig bei der WM in Russland versagte.

Nur ein Jahr länger bei den Roten Teufeln und die Walz aus der Pfalz hätte mit Tarzan zusammenspielen können. Doch die Kassen waren leer, und der 1. FC Kaiserlsautern musste Hans-Peter Briegel an Hellas Verona verkaufen und Gerald (Gerry) Ehrmann stand zwischen den Pfosten ohne den prominenten Abwehrrecken.

Es gibt sicher noch viele Fußballfans, die genau wissen, was sie am 20. Juni 1976 gemacht haben. Fast ganz Europa saß damals auch ohne blau-gelbes Sternenbanner vereint vor den Fernsehgeräten. Und sie schauten nach Belgrad, damals von Hauptstadt von Jugoslawien. Die Nacht war lau, das Stadion hell erleuchtet. Und nach neunzig Minuten stand es 2:2 zwischen der ČSSR und Deutschland. Der amtierende Weltmeister schaffte es einen 2:0-Rückstand in ein Unentschieden zu verwandeln. Auch nach zwei Stunden Spielzeit gab es immer noch keinen Sieger. So kam es zum ersten Elfmeterschießen der EM-Geschichte. Bis dann Uli Hoeneß zum Elfmeter antrat und mit voller Wucht den Ball in die Wolken drosch. Die Maschen bewegten sich kaum, die Massen auf den Tribünen dafür umso mehr. Das war die Nacht von Belgrad, die eigentlich im benachbarten Novi Sad stattfand.

Pablito, Schizzo und Vieux Lion sind nur drei weitere Spieler in diesem Buch, deren Spitznamen mit chirurgischer Präzision von den Autoren Mariano Beraldi und Wolf-Rüdiger Osburg herausgearbeitet wurden. Wer sich dahinter verbirgt? Zum Einen Paolo Rossi, Marco Schizzo Tardelli ist jedem noch ein Begriff, der das WM-Finale 1982 gesehen hat. Sein beherzter Torjubel zum 2:0 für die Azzuri (woher der Name stammt, dürfte wohl jedem bekannt sein) gehört zu den bekanntesten WM-Bildern aller Zeiten. Und wer ließ sich als vieux lion, als alter Löwe betiteln? Roger Mila, der aus dem Ruhestand geholte Star der Kameruner bei der WM 1990 in Italien, der seiner Freude an der Eckstange so nachgiebig Ausdruck verlieh, dass noch Generationen später immer noch dort gefeiert wird, wenn man trifft.

Der zweite Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ wird eher jüngere Fußballfans begeistern, weil ihnen die Namen eher geläufig sind. Im ersten Band sitzt man noch staunend über so viele auch nach fast hundertfünfzig Jahren immer noch verfügbaren Informationen, im zweiten Band rutscht einem öfter mal ein „Ach ja, kenn ich, hab ich aber schon wieder vergessen“ über die Lippen. Ein Almanach, das nicht im Bücherschrank verstauben wird, sondern in regelmäßigen Abständen konsultiert werden wird. Und das nicht nur weil ein echter Goldjunge auf dem Cover ist.

Königinnen – Macht und Mythos

Auch wenn man nicht ständig die Regenbogenpresse verfolgt, kommt man an den gekrönten Häuptern unserer Zeit nicht vorbei. Jeder noch so kleine Fauxpas – auch wenn es nach menschlichem Ermessen manchmal keine sind – wird genüsslich ausgeschlachtet und die öffentliche Meinung nachhaltig geprägt.

Was muss das erst für ein Vergnügen gewesen sein als Marie Antoinette geköpft wurde? Permanent hat das It-Girl, den Begriff gab es damals garantiert noch nicht, das Geld ihres Gatten, Ludwig XV. mit übervollen Händen ausgegeben. Und als das Volk nach Brot verlangte, sollte es nach ihrem Dafürhalten doch Kuchen essen.

Daniela Sannwald und Christina (ein wahrhaft königinnenhafter Name) Tilmann geben den Regentinnen von einst einmal mehr eine Stimme. Sie durchforsteten Biographien und legte sogleich die Filmrolle darüber. Denn das Leben von Katharina der Großen, Sisi, Queen Victoria, den beiden Elisabeths oder Christina von Schweden haben auch und vor allem Filmkünstler schon immer beschäftigt. Nicht immer mit der gleichen Akribie und schon gar nicht mit gleichbleibendem Erfolg. So wie es eben auch die echten Leben waren.

Christina von Schweden verzichtete mehr oder weniger freiwillig auf ihren angestammten Thron. Das Gezerre im Hintergrund war ihr, salopp gesagt, too much. Doch sie hinterließ bleibenden Eindruck. Sie forcierte das Ende des dreißigjährigen Krieges. Sie ließ unermessliche Reichtümer sprich Kunstschätze nach Stockholm bringen, wo sie noch heute vom einstigen Ruhm der Wasas künden.

Sophia Coppola gelang es wohl als Letzte einen royalen Stoff in ein modernes Gewand zu kleiden. Ihre Umsetzung des Stoffes um die Halsbandaffäre der Marie Antoinette setzt nicht so sehr auf detailgetreue Darstellung der historischen Fakten, was sie nicht davon abhielt trotzdem ganz nah an selbigen zu bleiben, sondern mit modernen Rhythmen und Statussymbolen der Gegenwart eine historische Anekdote gekonnt ins Bild zu setzen.

Beginn und Ende des Buches bilden Elisabeths. Die Erste der beiden bestimmt das 16. Jahrhundert und brachte ihren Beraterstab regelmäßig an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Die Zweite, keineswegs ihre Nachfolgerin, ist bis heute das ungebrochene Sinnbild für strikte Pflichterfüllung gegenüber der Nation. Beide wurden klangvoll und bildgewaltig immer wieder fürs Kinopublikum aufbereitet.

„Königinnen – Macht und Mythos“ verbindet die wahre (dreidimensionale) Geschichte mit der fiktionalen Wahrheit auf der Leinwand. Filme beflügeln unsere Phantasie, können aber das Abbild der Wahrheit verfälschen. Wer Geschichte nur aus der Glotze kennt, weiß nicht viel über Geschichte. Wer dieses Buch liest, spürt den unbedingten Drang mehr über die Frauen an der Macht zu erfahren.

Wissen wir wohin wir gehen?

Prominente Umgebung hier in Vincennes, im Jahr 1749. Der Marquis de Sade wird hier auch so manchen Tag, manche Woche, Monate, Jahre verbringen. Gemeint ist natürlich nicht der Ort Vincennes, sondern das dort ansässige Gefängnis. Denis Diderot hat es sich redlich verdient hier einzusitzen. Mitte Dreißig ist er und hat noch immer nichts von seinem Jungencharme und seiner unbändigen Leidenschaft verloren.

Schon als Kind konnte man den kleinen Denis nicht bändigen. Wissbegierig war er von Anfang an, und er legte es auch nie gänzlich ab. Messerschmied wie sein Vater wollte er nicht werden. Priester, wie der Vater es wollte, schon gar nicht. Aber nach Paris wollte er. Und er dufte es. Nach zwei Wochen Versichern, dass der Filius in guten Händen ist, reist der Vater aus Paris wieder ins heimische Langres im Nordosten ab. Jetzt beginnt für Denis das eigentliche Abenteuer. Bohème-Leben und Studien – das Leben hat Denis Diderot angenommen. Und er verliebt sich. In Nanette. Ein bildhübsches Ding, doch leider nicht mit der gleichen Neugier, Eloquenz und Exaltiertheit wie Diderot ausgestattet. Sie ist Näherin, was den Vater dazu bringt der Hochzeit keine Erlaubnis zu geben. Diderot war noch keine dreißig Jahre alt, nicht volljährig und musste – um das Erbe zu erhalten – die Erlaubnis einfordern. So lebten Nanette und Denis in wilder Ehe und in Sorge, dass jemand hinter ihr Geheimnis kommt. Als Nanette schwanger wird, sind „Bruder und Schwester Diderot“ weiteren Anfeindungen ausgesetzt. Ein uneheliches Kind – so was gehört sich nicht.

Beruflich geht es mit Diderot bergauf. Er übersetzt Lexika und verdient ganz gut. Privat jedoch geht es bergab. Die Unterschiede zwischen Nanette und Denis sind zu groß, zu offensichtlich. Ganz der moderne Mann der Zeit, nimmt sich Diderot eine Mätresse, Marie-Madeleine de Puisieux. Sie ist das ganze Gegenteil von Nanette. Eine Schönheit im Geiste, doch ihre Hülle hält in keiner Weise einem Vergleich mit Nanette stand. Als Schreiberin ist sie auch nicht gerade eine Koryphäe, die besseren Passagen ihrer Bücher werden Diderot zugeschrieben.

Und nun sitzt Denis Diderot im Gefängnis. Die gekonnt formulierten Hetzen gegen die Kirche und die Monarchie waren wohl doch zu viel. Seine Gleichnisse trieben den Betroffenen die Zornesröte ins Gesicht. Sie saßen aber auch am längeren Hebel. Einhundertdrei Tage sitzt Denis Diderot ein. Diese Tage nutzt er sich zu profilieren. Rousseau war schon immer einer, dem er folgte. Voltaire schwebte wie segensreicher Geist über ihm. Auf der anderen Seite standen Doppelmoral und höfisches Kleingeistertum. Willkommene Gegner, die nun es erst recht verdient hatten einen mitzubekommen.

Denis Diderot war für viele Philosophen und Schriftsteller ein Wegbereiter. Ein Wegbereiter für die Aufklärung. Goethe konnte sich an seinen Schriften nicht sattlesen. Der aufgeweckte Geist, der ewig frische Hauch des Fortschritts, der ihn umwehte, lassen den Namen Diderot noch heute wohlklingen.

Christiane Landgrebe ist eine Spezialistin für Biografien außergewöhnlicher, in den Hintergrund gerückter Freigeister. Bereits in ihrer Biographie über Schwedens Königin Christina bewies, dass scheinbar Vergessene sehr wohl ihre Spuren bis heute erstrahlen lassen. Nun also Denis Diderot. Autor, Übersetzer, Philosoph – Querdenker, Freigeist, Atheist. Der beeindruckende Detailreichtum und die treibende Schreibweise lassen den Leser nicht eher ruhen bis die letzte Seite erlesen wurde. Die exakte Benennung der „Tatort Diderots Wirken“ lassen darüber hinaus jeden Parisaufenthalt in einem neuen Licht erstrahlen.

Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein

Man kann und darf nicht müde werden die Menschenverachtung des Naziregimes immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Denn diese Zeit ist immer noch allzu präsent in ihrer Wirkung. Evelyn Steinthaler richtet den Blick der Leserschaft auf diejenigen, die vor den Nazis, während der Nazizeit und auch danach in aller Munde waren. Manche mehr, manche weniger, einzelne wurden fast vergessen.

Als deutscher Künstler sogenannter arischer Abstammung hatte man auf dem Papier erst einmal nicht zu befürchten. Stellenknappheit an Theatern oder beim Film gab es nicht. Zu viele hatten ihre Stühle und Stellungen freiwillig verordnet räumen müssen. Die, die blieben konnten sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Oder besser gesagt: Entweder Haken schlagen oder Hacken zusammenschlagen!

Heinz Rühmann war bis in dieses Jahrhundert der unangefochtene Star des deutschen Films. Jeder Auftritt ein Lacher, und wenn das nicht, dann zumindest ein Kracher. Dann kamen erste Gerüchte auf, dass sich der UFA-Star mit dem Regime eins gemacht hätte. Der Ruhm der Vergangenheit schlug tiefe Schatten auf sein Grab. Gänzlich abschließen kann man das Kapitel der Verquickung von Rühmann mit den Nazis wohl niemals. Zu viel blieb damals schon im Verborgenen. Fakt jedoch ist, dass sich Rühmann von seiner Frau Maria Bernheim, einer Volljüdin wie es geschmacklos im damaligen Sprachgebrauch hieß, scheiden ließ. Der Tipp, dass Maria Bernheim mit einem Ausländer aus einem neutralen Land in Sicherheit wäre, da sie mit dem Ja-Wort auch dessen Staatsbürgerschaft annehmen würde, kam von Herrmann Göring persönlich. Sie heiratete einen Schweden. Rühmann selbst begann alsbald eine Affäre mit seiner Kollegin Hertha Feiler, die er bei Dreharbeiten zu „Lauter Lügen“ (!) kennengelernt hatte. Mit ihr blieb er bis ans Ende ihrer Tage zusammen.

Viele Künstler wurden gerettet unter der Fuchtel der Staatsregierung. Wer ihnen hold war, durfte fast ungestraft tun lassen, was er wollte. Bestes Beispiel: Gustav Gründgens. Hans Albers verkörperte nur allzu oft und allzu gern den Idealtypus dessen, was der Führung in den Kram passte. Groß, blond, blau… naja. Sein Ruf nach der dunklen Zeit litt nur bruchstückhaft. Klaus Mann sah in ihm den Archetypen des Nazis. Er irrte dieses Mal. Denn Albers ließ keine Möglichkeit aus „denen da oben“ verbal einen mitzugeben. Riskant, denn auch er war mit einer Jüdin verbandelt. Nicht verheiratet. Was ihnen beiden wohl zugutekam. Öffentliche Auftritte mit ausgestrecktem rechten Arm oder den Regierenden der Zeit mied er wie der Teufel das Weihwasser. Anders als Rühmann. Doch auch er musste einsehen, dass aufrechte Haltung und Geldverdienen unter der Diktatur unmöglich war. Die Liaison wurde unter der Decke gehalten. Doch die Schergen Göbbels‘ spürten das Liebespaar immer wieder auf. Es gab nur einen Ausweg. Mit Geschick schickte Hansi (Berg), seiner Frau, Freundin, Geliebte sich selbst ins Exil. Hans (Albers) blieb zurück. Alkoholexzesse, aber auch rege Dreharbeiten halfen ihm über den Verlust hinweg. Nach dem Krieg trat Hansi ein zweites Mal in Hans‘ Leben. Der war inzwischen anderweitig gebunden. Ganz resolute Frau nahm Hansi einmal mehr das Heft in die Hand. … Auf dem Grabstein von Hansi Berg, steht neben ihren Geburts- und Sterbejahr der Name „Hansi Berg-Albers“.

Ende gut, alles gut? „Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein“ ist ein bewegender Portraitband aus immer noch nicht aufgearbeiteter Zeit. Kurt Weill und Lotte Lenya oder auch Meta Wolff und Joachim Gottschalk dienen neben den bereits erwähnten Paaren für die Perfidität des Naziregimes. Was tun, wenn der schwarze Tod nicht nur an der Tür klopft, sondern seine Krallen schon tief ins eigene Fleisch geschlagen hat? Ein Neuanfang ist schwer. Besonders, wenn man nicht weiß, ob man als Deutscher überhaupt willkommen ist, wenn man die Sprache des Exils nicht spricht, wenn der Lebensabend einem näher ist als dessen Anfang. Mit Gefühl und Faktenreichtum seziert Evelyn Steinthaler die Leben von vier paaren und ihren Leidensgenossen ohne dabei polemisch zu werden oder sich in Vermutungen zu ergehen.

Rebellinnen

Parteigehorsam, sich aufopfern für die Partei – wer sich heutzutage mit dieser Einstellung den Kameras stellt, wird nicht mehr ernstgenommen. Die Phrasen von Partei- und Staatsführung wurden schon mehr als einmal entlarvt. Damit holt man keinen mehr hinterm Ofen hervor. Vor reichlich einhundert Jahren machte eine Frau aber mit genau dieser Einstellung Furore. Rosa Luxemburg. Ihr unermüdlicher Kampf für die Sache der Partei, der SPD, in der sie sich bezeichnenderweise nie wohlfühlte, begleitete sie bis in den Tod. Mehrere Jahre verbrachte sie in Gefängnissen. Ihre Assistentin Mathilde Jacob war ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie tauschten Schriften und Neuigkeiten wie andere Insassen Zigaretten. Als die Haftbedingungen immer schlimmer wurden, wurde ihr Kampf auch gegen Krankheiten und Mangelerscheinungen immer heftiger.

Heftige Gegenwehr hatte auch Hannah Arendt auszuhalten. Auch sie – wie Rosa Luxemburg – musste von frühester Kindheit wegen ihrer jüdischen Wurzeln verteidigen. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie den Sprung aus dem faschistischen Deutschland. Ihr als Verständnis angesehenes Werk über Adolf Eichmann, einem, wenn nicht dem Bürokraten der Massenvernichtung, brachte ihr Hasse und Häme entgegen. Nur wenige konnten ihrer Argumentation folgen. Doch Hannah Arendt blieb im Inneren eine Rebellin. Je stärker der Gegenwind desto überzeugender ihre Argumente.

Die Dritte im Bunde dieses spannenden Buches ist Simone Weil. Vielleicht die Unbekannte unter den Dreien. Ihr Kampf für Humanität ging soweit, dass sie sich selbst ihrem Ich verweigerte und das Aushängeschild ihrer eigenen Philosophie wurde. Das begann beim für ihre Figur unvorteilhaften Kleidungsstil und endete noch lange nicht bei der Essensverweigerung.

Es wäre zu simpel zu behaupten, dass Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil drei Frauen waren, die ihre Überzeugung über das eigene Vorankommen stellten. Vielmehr gingen sie in ihrer Lebenseinstellung auf. Nicht im Sinne eines erkauften Selbstdarstellungsprozesses, sondern in der Verweigerung sich anzupassen und dem Fortschritt – mag er noch so abstrus und utopisch klingen – den Vortritt zu lassen.

Im Februar 2019 würde Simone Weil ihren 110. Geburtstag feiern können. Rosa Luxemburgs feige Ermordung jährt sich im Januar zum einhundertsten Mal. Simone Frieling erteilt diesen drei ausnahmslos beeindruckenden Frauen das Wort. Voller Wucht, jedem Widerspruch das passende Argument entgegenstemmend ist Band 76 der blue-notes-Reihe spannend wie ein Krimi, rasant wie eine Bergabfahrt und mahnend wie eine Kampfschrift, das den Leser nicht kalt lässt.

Katharina von Medici

Ein Bilderbuchstart ins Leben sieht anders aus. Zwei Wochen nach der Geburt stirbt die Mutter, Prinzessin Madeleine de la Tour d’Auvergne. Etwas später ihr Vater Lorenzo di Piero de‘ Medici. Katharina wird zu ihrem Großonkel geschickt. Der soll sich um das Mündel kümmern. Zufällig ist er Papst Leo X. Katharina ist da gerade mal im Grundschulalter. Und wissbegierig. Ringsum Florenz brodelt es. So wie in ganz Europa. Die Reformation macht den Katholiken ordentlich Dampf unter den Sutanen. In der Toskana – Medici-Land – erheben sich immer mehr gegen die Herrscher. Der Papst stirbt, Katharina wird als Geisel genommen. In einem Dominikanerkloster muss sie lernen, dass der goldene Löffel der Medici hier aus Blech oder gar Holz ist. Denn die Dominikaner mögen die Medici nicht. In Rom regiert derweil der vorerst letzte nichtitalienische Papst. Doch nur zwei Jahre. Dann kommt Clemens VII. Wieder ein Medici. Das Blatt wendet sich abermals. Ach ja, Frankreich meldet auch Ansprüche an die kleine Medici an, ihre Mutter ist schließlich französischen Adelsblutes. Katharina ist Teenager, und die Welt der Medici, die Welt in und um Florenz, das sich unter Lorenzo dem Prächtigen zum Schmuckstück der Welt aufschwang, ist wieder in Ordnung? Katharina wurde von erlesenen Lehrern unterrichtet, sie interessiert sich für Mathematik. Und ihre große Zeit soll noch kommen. Doch es herrscht immer noch Krieg. Florenz wollen sich viele Herrscher unter den Nagel reißen. Clemens VII. findet, dass es an der Zeit ist Katharina zu verheiraten. Viele Herzogtümer, Königreiche und andere Staatengebilde kommen für eine Vermählung in Frage, bzw. ihre Denker und Lenker. Frankreich soll das Rennen machen. 1533 verlässt Katharina Florenz und Italien, sie wird nie mehr zurückkehren. Heinrich ist der Auserwählte. Zwei vierzehnjährige Grünschnäbel, die Geschicke eines Großteils Europas einmal beherrschen sollen. Die Hochzeitsnacht, der Vollzug der Ehe soll von Heinrichs Vater mit den Worten „Allons mon fils!“ begutachtet und befeuert worden sein.

Sabine Appel beschert ab dem ersten Kapitel dem Leser eine erfrischende Reise in die Vergangenheit. Katharina de Medici, die einmal den Thron Frankreichs besteigen soll, liebt ihren Gatten. Trotz des Arrangements. Der ist ein zurückhaltender Jüngling, der seine Augen nicht von seiner Ziehmutter, Diane de Poitiers, immerhin neunzehn Jahre älter, lassen kann. Seine Mutter ist quasi dauerschwanger, sein Vater hält sich mehrere Mätressen und Katharina wird und wird einfach nicht schwanger. Erst nach zehn Jahren und mit Hilfe einer Gehilfin, ebenfalls Diane de Poitiers, gebärt sie endlich einen Thronfolger. Ihre Macht ist somit erhalten. In zwölf Jahren bringt Katharina zehn Kinder zur Welt. Sieben überleben. Sie selbst ist robust und die ständigen Kränkeleien und Kränkungen steckt sie weg. Und sie erwächst zu einer selbst- und machtbewussten Frau heran. Sie wird Europa einmal lenken. Sie wird dem Kontinent ihren Stempel aufdrücken. Machtspielchen der Herren in Rom, London, Madrid oder Paris bietet sie Paroli. Und irgendwann wird sie das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Wer in Geschichte ein bisschen aufgepasst hat, dem ist die Bartholomäusnacht ein Begriff. Ein Pogrom gegen die Hugenotten, die reformistischen Anhängers von Luthers Thesen, sorgte im katholischen Hochadel Europas für Beifallsstürme. Auch hier hatte Katharina de Medici ihre Finger im Spiel.

War sie nun die Giftspritze mit Hang zur Machtversessenheit? Oder nur ein Produkt ihrer Zeit? Glückskind? Auf alle Fälle war sie eine intelligente Frau, die das, was um sie herum geschah sehr wohl wahrnahm.

Sabine Appel zeichnet ein abwechslungsreiches Bild einer Frau, die Zeit ihres Lebens kämpfen musste. Schon als Kind als Goldesel in Geiselhaft konnte sie über Jahre hinweg und über immense Entfernungen Ränkespiele und Machtpoker aus der ersten Reihe beobachten. Sie war ja nur ein Mädchen, eine Frau. Eine Frau, die man nicht unterschätzen hätte dürfen. So manches Opfer würde zu gern das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen.