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Tirza Atar. Wenn alles berührt

Eine Biografie über eine Frau, die nicht einmal bei Wikipedia erscheint? Da sind die herkömmlichen Medien den digitalen endlich mal einen Schritt voraus. Aber mal ganz ehrlich, wer kennt Tirza Atar? Das wird sich mit diesem Buch schlagartig ändern.

Die israelische Poetin Tirza Atar wurde 1941 in Tel Aviv geboren, wo sie auch sechsunddreißig Jahre später starb. Sie war die Tochter des bekannteren Literaten Nathan Alterman. Der Untertitel „Wenn alles berührt“ weist auf eine verletzliche Seele hin, wie man so schön sagt. In Essays und texten kommt der Leser der unbekannten Tirza Atar auf die Spur.

Der Nachname ist ein Pseudonym. Nach einem abgebrochenem Schauspielstudium in New York kehrt Tirza Atar zurück in ihr Heimatland. Die Texte aus ihrer Feder werden allerdings erst Jahre nach ihrem Tod im Archiv ihres Vaters entdeckt. Zu Lebzeiten war Tirza Atar immer die Tochter von Nathan Alterman. Ein trauriges Schicksal für eine empfindsame Frau, die der Welt so viel zu verraten, im Sinne von preiszugeben hatte.

Einzelne Texte hat die Autorin Gundula Schiffer in diesem Buch zusammengetragen und den entsprechenden Rahmen mit Erläuterungen versehen.

Für den Leser eine neue Erfahrung. Denn wer nicht gerade den Dokumentarfilm „Bird in the room“ über die israelische Autorin gesehen hat, der wird mit den meisten Formulierungen nicht viel anfangen können. Ob Tirza Atar traurig war, heutzutage würde man vorbehaltlos von Depressionen sprechen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Aber ist das wichtig? Nein! Sie lässt ihre Texte für sich sprechen. Eine gewisse Schwermut kann man hier und da schon feststellen. Doch im gleichen Maße aber auch eine unbändige Lebensfaszination, die sie ergriff und nie los ließ. Bis zu jenem 7. September 1977, als sie wahrscheinlich die Bauarbeiter von gegenüber um etwas Ruhe bitten wollte. Sie verlor den Halt und stürzte mehrere Stockwerke tief in den Tod.

Über vierzig Jahre sollte es dauern bis man auch in Europa etwas von Tirza Atar vernehmen soll. Dem Verlag Edition Karo ist es zu verdanken, dass Tirza Atar nicht mehr nur eine Randbemerkung der Literaturgeschichte Israels ist – die Gesamtausgabe ihres Werkes ist auch dort erst seit ein paar Jahren erhältlich – sondern dank ihrer Gedichte und Texte eine kleine Renaissance erleben kann.

Audrey Hepburn

Nein, es gab und gibt keinen Menschen, der nicht ihrem natürlichen Charme erlegen ist. Kaum zu glauben, dass die ewig jugendliche Audrey Hepburn im Mai 2019 ihren 90. Geburtstag feiern könnte. Wir können es! Mit diesem Buch.

Schwer vorzustellen, dass eine Holly Golightly (Breakfast at Tiffany’s) von einer Marilyn Monroe ähnlich nachwirkend gespielt worden wäre. Nichts gegen die Monroe. Ihr reduziertes Spiel hätte ebenso für Furore gesorgt wie ihre Kurven. Truman Capote hatte ihr den Stoff schließlich auf den Leib geschrieben. Doch Audrey Hepburn – figürlich das Gegenteil der ewig lockenden M.M. – konnte sie noch toppen. Capote fluchte über die Besetzung und verfluchte jeden, der nicht seiner Meinung war. Vielleicht war er einer der ganz wenigen, die doch nicht ihrem Charme erlagen? Capote wollte ihr einfach nicht erliegen. So war er halt.

Der Krieg ist noch nicht einmal ein Jahrzehnt vorüber, da erleuchtet ein neuer Star den Himmel über Rom, Hollywood, der Welt: Audrey Hepburn. „Roman Holidays“, auf Deutsch „Ein Herz und eine Krone“ bringt bella italia auf die Leinwände. Unnachahmlich verkörpert durch eine belgisch-stämmige Schauspielerin, die Hollywood und ihren Partner Gregory Peck ins Schwärmen versetzt. Zierlich und stilsicher, mit einer kindlichen Naivität, dass man sie stante pede in den Arm nehmen möchte, um sie vor sämtlichem Unbill dieser Welt zu beschützen. Als Prinzessin incognito will sie diese Welt mit Haut und Haaren auffressen, in sich aufsaugen. Nur ein Reporter erbarmt sich ihrer.

Hubert de Givenchy, der Modedesigner, konnte sich nicht wehren als er – wie wenn er es gewusst hätte – den Auftrag bekam Miss Hepburn einzukleiden. Sein minimalistischer Stil passte zu der grazilen Gestalt in seinem Atelier wie die Faust aufs Auge. Sie und er waren auf dem Weg nach ganz oben. Er kleidete sie ein, sie trug seine Kreationen wie selbstverständlich. Hepburn und Givenchy gehören zusammen wie Hepburn und UNICEF.

Denn nach ihrer Karriere als Schauspielerin begann ihre Karriere als Mutter, eine Rolle, der sie alles unterordnete. Schon da begann ihr Interesse den Bedürftigen der Welt ein Licht der Hoffnung zuteilwerden zu lassen. Als die Kinder „aus dem Gröbsten raus waren“, begann ihr unerschütterliches Engagement für die Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen. Sie ließ es sich nicht nehmen vor Ort zu sein, sich persönlich ein Bild der verheerenden Situation in Lateinamerika, Asien und Afrika zu machen. Bloßes Lamentieren und Spendenerbitten war ihr zu wenig. Sie war die erste Kämpferin für diejenigen, die nicht mehr zum Kämpfen in der Lage waren. Heute muten so manche halbherzige Auftritte von Promis wie durchgestylte, aber herzlose PR-Projekte an. Bei Audrey Hepburn kamen sie direkt aus dem Herzen. Denn ihre Kindheit war von Hunger und Krankheit geprägt. Sie konnte genau einschätzen, was es bedeutet Hilfe unaufgefordert empfangen zu dürfen.

Daniela Sannwald nennt ihr Buch eine Hommage. Es ist mehr. Zum Einen die geballte Ladung Erfolg einer verhinderten Primaballerina, die durch ihre Natürlichkeit zum Leinwandstar wurde. Zum Anderen die geballte Ladung Menschlichkeit einer überzeugenden Frau, die sich ihre Freiheit erkaufen konnte. Und diese dann auch uneigennützig weitergab.

Wir sehen uns in Venedig

Wie begegnet man einem Tumor? Mit Humor? Weil es sich so schön reimt? Man begegnet ihm wie einem Menschen, den man nicht mag, von man aber weiß, dass man ihn ein Leben lang nicht wieder loswerden wird. Ist man dazu noch in der Lage sein Leben, seine Gedanken und Gefühle in Worte kleiden zu können, kann man sich glücklich schätzen. Ganz ohne Pathos begegnet Autor Georges Hausemer seinem ungebetenen Gast. Er ist Ende fünfzig als der Tumor bei ihm klingelt. Und schon hat er einen Fuß in der Tür. Gegen ihn ankämpfen? Ja! Aber wie? Mit Worten!

Ein Blog, ein Blog. „Mein Tumor und ich“, später dann „Ich und mein Tumor“. Es wird eine intensive Zeit, in der Georges Hausemer mit dem ihm eigenen Humor seinem Hausgast die Stirn bietet. Die Angst schwimmt im gleichen Fahrwasser wie die Hoffnung. Ein ständiges Auf und Ab. Eine Krebserkrankung ist (zum Glück? – normalerweise? – leider?) keine gerade Linie, würde man sie ihn ein Diagramm pressen wollen.

So ein Tumor nistet sich jedoch nicht nur im Körper des Wirtes ein, sondern befällt folglich auch das Umfeld. Nicht viel um einen herum wissen dann vom neuen Bewohner. Doch diejenigen, die ihm früher oder später begegnen bzw. das Ausmaß der Einmietung zu Gesicht bekommen, sind tiefer betroffen als es auf dem Papier aussehen mag.

Ein Tagebuch ist immer eine Reise zurück. Denn nur das bereits Erlebte kann man niederschreiben. Der Krebs schließt jegliche Art von Planung konsequent aus je länger er sich eingenistet hat. Dennoch finden Georges Hausemer und seine Frau Susanne Jaspers die Zeit neue Bücher ins Auge zu fassen und wollen keineswegs aufs Reisen, wie in ihr geliebtes San Sebastian, verzichten. Immer im Gepäck: Er, der sich so aufdrängend unkomisch auf Humor reimt.

Unumgehbare Untersuchungen, unerschütterliche Diagnosen, unbeirrbarer Kampf – das ganze Leben beginnt auf einmal mit un-. Bis es irgendwann nicht mehr geht. Im Juni 2018 setzt Georges Hausemer unverrückbar (da ist es wieder, dieses un-) den letzten Punkt in seinem Blog. Von nun an ist der Blog ein digitales Erbe in einer Welt, die man nur von außen betrachten kann.

Eine Woche nach dem Tod Ihres Mannes füllt Susanne Jaspers den Zeitraum von Anfang Juni bis Mitte August. Die Kliniken, die keine sind. Die Pfleger, die ihrem gottgegebenen Recht auf Pause unentwegt frönen. Die Ärzte, die Termine vergeben, die dann doch nicht eingehalten werden. Der Patient ist eine Nummer, hinter verschlossenen Türen.

Unverschlossen (ja, wieder mal ein un-) und aufgeschlagen hingegen liegt das Leben mit dem Tumor vor dem Leser. Ein erfülltes Leben, sagt man im Nachhinein so gern. Mag stimmen. Aber wie will man etwas beurteilen, das man nicht bis zum Schluss auskosten konnte? Georges Hausemer hat die Welt gesehen und sie mit den Lesern geteilt. Er bereiste Orte, die manche erst gar nicht auf dem Globus finden. Er begegnete Menschen, die selbst erfahrene Globetrotter nur aus seinen Büchern kannten. Er berührte Menschen, die als sie vom Tod des Autors erfuhren ins Schwanken gerieten. Verlust, das ist das Wort, das man immer wieder hört und sicher noch lange hören wird. Ein Gewinn ist dieses Buch. Kein Hoffnungsgeber. Ein Tagebuch. Jeder muss für sich selbst entscheiden wie er das Buch auf- und annimmt. Georges Hausemers letzte Reise ist der lange Weg, den man als Ziel anerkennen muss.

Dem Paradies so fern. Martha Liebermann

Max Liebermann erlebte die Machtübernahme der Nationalsozialisten hautnah von seinem Balkon aus. Bis heute ist sein Ausspruch von Völlerei und Erbrechen in aller Munde. Wie in so vielen Künstlerleben – Liebermann war im Gegensatz zu vielen anderen jedoch in der Lage stets seine Rechnungen begleichen zu können – stand hinter diesem großen Mann eine nicht minder starke Frau. Martha war ihr Name. Als ihr Max 1935 starb hatte sie noch acht harte Jahre vor sich. Acht Jahre, in denen ihr Haus am Wannsee, das Paradies, nicht mehr selbiges war. Acht Jahre, in denen sie jeden Tag auf Erlösung hoffte. Acht Jahre Warten auf die Ausreise in die Freiheit. Freiheit hieß in ihrem Sinne Amerika. Dort, wo schon Tochter Käthe und Enkelin Maria auf sie sehnsüchtig warteten. Vergebens.

Martha Liebermann war an Kummer gewöhnt, könnte man lapidar argumentieren. Denn ihr Gatte war selten das, was man als Mustergatten bezeichnet. Die Nazis jedoch trieben diesen Zynismus auf die Spitze. Oft boten sie ihr an ihre Heimat verlassen zu können. Zu einem Preis, wohlgemerkt. Einem hohen Preis. Einen, den sie nie und nimmer hätte bezahlen können. Ihr Haus am Pariser Platz, dort wo am 30. Januar 1933 die braunen Schergen im Fackelglanz und mit Marschmusik ihren Triumph bildgewaltig zelebrierten, und wo ihrem Gatten das Kotzen kommen konnte (eingangs erwähntes Zitat), als auch das Haus am Wannsee gehörten ihr schon lange nicht mehr. Finanzielle Ressourcen waren aufgebraucht.

Die Unterstützung aus dem so genannten Solf-Kreis, einer intellektuellen Widerstandsgruppe verpuffte ebenso wie sämtliche Anstrengungen das geliebte Heimatland still und heimlich zu verlassen. Zur falschen Zeit am falschen Ort – eine gewissenlose Phrase wie sie nur ein menschenverachtendes System benutzen konnte.

Martha Liebermann entkam ihrer persönlichen Endlösung nur durch eigene Vergiftung. Als sie im März 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden sollte, lag sie bereits im Koma. Das war ihre Antwort auf die Perfidität der herrschenden Klasse.

Sophia Mott rückt eine Frau in den Mittelpunkt ihres Romans, die allzu lange im Schatten ihres übermächtigen Mannes stand. Die acht Jahre harten Kampfes um Selbstentwurzelung (ein Wort, das wohl nur LTI-Fetischisten in Erstaunen versetzt) reichert sie mit Rückblenden aus einem Leben an, das materiell reichhaltig, inhaltlich gut bestückt, seelisch jedoch ein Stück weit vom Glück entfernt war. Umso wichtiger ist dieses Buch!

Große Fürstinnen und ihre Gärten

So mancher Kleingärtner hat sich mit seinem Garten ein kleines Reich geschaffen, in dem er schalten und walten kann. Innerhalb der Regeln der Kleingartenordnung, selbstverständlich. Fürsten haben den ersten Schritt zum kleinen reich schon getan. Ihnen fehlt nur noch der Garten. Zugegeben, eine Rechnung, die auf ziemlich wackeligen Füßen steht. Dennoch gab es in der Geschichte nicht wenige, die einen Garten als Ort der Ruhe durchaus zu schätzen wussten. Und dass man damit auch ordentlich Staat machen kann, wussten die gekrönten Häupter. Ein Glück für uns, die wir diese Parkanlagen bis heute – kostenlos! – genießen dürfen!

Und manchmal passiert es, dass man historischem Ort seine Fußstapfen hinterlässt. So wie im Tierfurter Park. Weimar, das in diesem Jahr das hundertste Jubiläum der ersten deutschen demokratischen Verfassung begeht, hat mehr als nur ein historisch bedeutsames Bauwerk zu verzeichnen. Goethe und Schiller sind seit ihrer Zeit in der Weimarer Stadt in aller Munde. Auch wenn gerade Goethes Ruf in letzter Zeit ein wenig an Glanz verliert. Herzogin Anna Amalia war zu ihrer Zeit eine Gönnerin der beiden Dichter. Ihr Schlossgarten lud schon vor zweihundert Jahren nicht nur ihre Günstlinge ein hier zu flanieren, nein, wie ein Bild aus dem Jahre 1860 (da waren Schiller und Goethe schon tot) von Theobald von Oer zeigt, Schiller deklamierte hier. Was er vortrug, ist nicht überliefert. Ein Gedicht? Eine flammend Rede? Ein Liedchen? Unter den Zuhörern waren unter anderem auch Goethe und Herder. Die Szene ist mindestens übertrieben dargestellt. Aber es könnte so gewesen sein. Und was macht einen Spaziergang an solche einem Ort noch schöner als das Gedankenspiel, was hier einmal passiert sein könnte? Der Musenhof im Grünen wie Autorin Editha Weber dieses Kapitel im Buch überschreibt, wurde im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Doch die Ausstrahlung, die damals wie heute von hier ausgeht, hat die Zeit überdauert.

Nur ein paar Autostunden nördlich liegt der nächste Park blauen Blutes. In der Nähe eine weitere Bauhausstadt, Dessau. Der Wörlitzer Park ist einer der größten überhaupt. Das Schloss und die weitläufige Anlage keine Saure-Gurken-Zeit. Schon immer hüpften, lustwandelten, spazierten hier die Massen und der Adel unter dem Laubdach der Bäume und erholten sich. Fürstin Louise von Anhalt-Dessau füllte hier nicht nur ihre Lungen mit frischer Luft. Für sie war der Park Zufluchtsort vor ihrer komplizierten Ehe. Romantisch verklärt, einen Hauch Zeitfraß, Spielwiese – die Attribute, die man diesem Park geben kann, gehen einem nie aus.

Auch Editha Weber gehen die Argumente nicht aus ihrer Leidenschaft für die grünen Oasen die Werbetrommel zu rühren. Mit Stilsicherheit und Eleganz führt sie den lesenden Spaziergänger (oder ist es der spazierende Leser?) durch eine Welt, die man durch dieses Buch erst richtig wahrnehmen kann. Historische Fakten führen wie ein roter Faden von Hecke zu Hecke, von Baum zu Baum, von saftigem Grün zu herrschaftlichen Häusern. Ob nun Herrenhausen in Hannover, das Charlottenburger Schloss, Bayreuth mit seiner Eremitage oder der Felsengarten Sanspareil – sie alle sind adeligen Geblüts. So nah wie in den Gärten der Fürstinnen kann man den großen Namen der Geschichte kaum kommen.

Tochter des Geldes

Der Name Mentona Moser wird nur von wenigen Experten mit Ehrfurcht in den Mund genommen. Diejenigen, die sie noch nicht kennen, lernen in diesem Buch eine Frau kennen, die mit eben solcher Ehrfurcht vor dem Leben ein wahrhaft revolutionäres Gedankengut verbreitete.

Ihr Vorname geht auf die Stadt Menton zurück. Dort hatten ihre Eltern die wohl glücklichste Zeit ihres Lebens. Doch die Zweisamkeit währte nur kurz. Der Vater – Uhrenfabrikant mit dem besonderen Händchen für gute Geschäfte – starb kurz nach Mentonas Geburt. Was die Mutter den beiden Töchtern – Fanny war ein paar Jahre älter als Mentona – verschwieg, waren die Halbgeschwister. Eine Handvoll weiterer Mosers gab es in der Schweiz.

Fanny und Mentona wuchsen wohlbehütet – zu sehr unter der Fuchtel der eigensinnigen Mutter – in einem Schloss im Zürichsee auf. Die Halbinsel Au mit ihrer Flora und Fauna war besonders für Mentona ein Ort des Glücks. Wer die Strecke einmal mit dem Zug entlang des Sees zurückgelegt hat, weiß wovon die Rede ist. Doch die strenge Mutter sah es nicht gern, dass ihre Töchter, besonders Mentona, sich „eigenen Studien hingaben“. So suchte Mentona früh die Flucht. London war ihr erstes Exil, als Studienort. Hier lernte sie auch die Schattenseiten des Lebens kennen. Allerdings nur als Beobachterin. Sie selbst war von unermesslichem Reichtum. Die Fabriken des Vaters, Pfandbriefe und so mancher Franken auf der Bank machten sie zu einer der reichsten Nicht-Adeligen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Doch goldene Löffel im Mund hinderte sie jedoch nie daran einen ungetrübten Blick auf die Welt zu haben.

Auf dem Berg Geld gluckte immer noch die kaltherzige Mutter. Ihrer Erstgeborenen Fanny enthielt sie ebenso Geld vor (Ihre Ehe mit einem Musiker war nicht gerade von Erfolg gekrönt) wie Mentona. Die verliebte sich nach ihrer Rückkehr nach Zürich ziemlich schnell in Hermann Balsiger, einen Sozialdemokraten, der wie sie für die Rechte der Rechtlosen eintrat. Mentona plante Spielplätze, machte sich für Ausbildungen im sozialen Bereich stark. Sie und Hermann waren ein unschlagbares Team, privat wie beruflich.

Doch dem Hoch der Gefühle folgt das Tief der Realität. Ihr Sohn Eduard erkrankt schwer. Nur durch das – späte – Eingreifen eines als Kurpfuscher bezeichneten Arztes kann das Schlimmste verhindert werden. Privat hat Mentona Moser weniger Glück. Die Ehe mit Hermann zerbricht. Ihr Kinderheim steht vor dem finanziellen Aus. Ihrer Schwester Fanny steht das Wasser bis zum Hals. Erst als Mentona Moser die Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz miterlebt, bekommt ihr Leben wieder einen Sinn. Die zwanziger Jahre – Mentona ist da schon in den 50ern und hat das Vermögen ihrer Familie geerbt – sind von Reisen in die neu gegründete Sowjetunion geprägt. Nach dem Tod Lenins wird ihr jedoch gewahr, dass nicht alles Gold ist, was den roten Stern trägt.

Eveline Hasler gibt der reichsten Revolutionärin der Welt ihren Namen zurück. Nur engagierte Geschichtslehrer haben die Feministin und Kommunistin in ihren Lehrstoff aufgenommen. Ihr Wirken ist bis heute nachvollziehbar – der St. Annahof in der Zürcher Bahnhofstraße war die Idee der Eheleute Moser-Balsiger. Mentona Mosers Leben ist ein glühendes Beispiel für den unbedingten Willen Veränderungen auch unter schwierigsten Umständen als unerfüllbar nicht abzustempeln. Mit Detailwissen und empathischen Stil gelingt Eveline Hasler ein besonderes Portrait einer besonderen Frau zu entwerfen.

Das endlose Leben

Theo Mannlicher wurde 1899 geboren und starb … ja, wann eigentlich? Da geht es schon los! Andreas Kollender will einen biographischen Roman über den Schriftsteller Theo Mannlicher schreiben und kennt nicht mal seinen Todestag. Den kennt aber niemand, außer dem Betroffenen selbst. Dieser Fakt – das fehlende „lebte bis zum …“ – ist die einzige Lücke in dieser mehr als spannenden Biographie. Doch zurück zum Anfang.

1899 ist das Geburtsjahr von Alfred Hitchcock, dem Master of suspense und Theo Mannlicher. Beide wissen nichts weder von einander, noch von ihrem Lebensweg. Doch Theo wird schon bald merken, dass Worte und Taten einig Hand in Hand gehen. Beim Eintritt ins Teenageralter, ein Begriff, den Theo sicherlich noch nicht kennt, sitzen seine Mutter und sein Onkel bei ihm zuhause. Onkel Paul hat schon einen sitzen und Theo neben sich hocken. Theos Großvater hat sich umgebracht, nun auch sein Vater. Ein Ass als Arzt, meint der Onkel. Theo solle nun ein Ass als Mensch werden. Das sitzt! Die Frage was nun mit der dritten Generation Mannlichers wird – eine zynische Anspielung auf das Ableben der Ahnen männlichen Geschlechts – wird durch die Adelung als Ass weggewischt. Sie Sonne scheint über den Köpfen der Trauergemeinde in Hamburg, in den Köpfen jedoch herrscht echtes Schietwetter.

Noch zu Lebzeiten hatte der Vater alles für eine Auswanderung in die Wege geleitet. Amerika sollte der Familie neues Glück bringen. Doch nun ist es eine Flucht vor der Erinnerung. Mutter, Onkel, Tante und der kleine Theo im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Theo wächst heran, will (und wird) Schriftsteller werden. Doch der Krieg zieht ihn zurück in die alte Welt. In Mailand wird er in einem Krankenhaus gepflegt. Er, Theo Mannlicher, dessen Großvater und Vater eigenhändig aus dem Leben schieden, dreht Gevatter Tod eine lange Nase. Glückskind? Schicksalswink?

Beides, denn er lernt Mary kennen. Sie heiraten, bekommen einen Sohn. Doch die Freude währt nicht lang. Die Ehe zerbricht, der Sohn fällt im nächsten Krieg, der die Welt noch nachhaltiger berührt als dessen Vorgänger. Charlotte ist Frau Nummer Zwei. Im spanischen Bürgerkrieg kämpft Theo Mannlicher an der Seite von Hemingway. Ein erfülltes Leben liegt hinter beiden. Für einen ist der Tod näher als dem Anderen.

Den letzten Abschnitt – sofern Mannlichers Leben wirklich schon zu Ende sein sollte – verbringt Mannlicher auf Bali. Am Strand. Umsorgt von einem Chinesen, der von Weisheit umflutet ist und dennoch nicht verhindern kann, dass das Werk Mannlichers, das maßgeblich vom Tod bestimmt ist, sich immer weiter in das Leben des Autors drängt.

Andreas Kollender gelingt es mit Leichtigkeit dem auf dem Papier so düsteren Leben eines vergessenen Autors Licht und Glanz einzuhauchen. Theo Mannlicher hatte dem Tod abgeschworen, gab ihm immer wieder jedoch Futter und verschwand vor den Augen der Lebenden in ein Reich, auf das der Sensenmann keinen Zugriff zu haben scheint. Alles richtig gemacht! Sowohl der Held des Buches, sein Autor und nicht zuletzt der Leser, der sich diesem Buch nicht entziehen kann.

Ich beantrage Freispruch!

Er hat ein bisschen was von Hans Albers. Markantes Kinn, stechender Blick und die Schaffenszeit passt auch auf alle Fälle. Doch es ist nicht der blonde Hans von der Reeperbahn, es ist der brillante Erich aus Berlin Moabit. Strafverteidiger seines Zeichens. Dr. jur. und Dr. phil. Was der Ruf von Kommissar Gennat in der Kriminalpolizei war, war Erich Frey für die Anwesenden im Gerichtssaal. Ein Star, begehrter Anwalt der Ganoven, gefürchtete Zunge der Ankläger und Richter. Im Exil in Chile, wie so viele musste auch dieser erstklassige Fachmann während des Naziterrors Deutschland verlassen, schrieb er seine Erinnerungen auf, die nach einem halben Jahrhundert nun endlich wieder als Lesebuch für alle Neugierigen zur Verfügung stehen.

Freys Erinnerungen beginnen gleich mit einem echten Paukenschlag. Wer nun erwartet, dass es gewiefter Winkeladvokat zum Besten gibt wie er die Judikative zum Narren hielt, wird staunenden Auges verblüfft werden. Friedrich Schumann steht Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vor Gericht. Im Falkenhagener Forst soll er mehrere Menschen ermordet haben. Elf Morde werden ihm angelastet. Einen Tag vor Prozessbeginn springt sein Verteidiger ab. Dr. Frey kommt gerade des Weges als man ihn bittet das Mandat zu übernehmen. Viel Arbeit, wenig Zeit … und erst Recht keine Chance auf Freispruch. Doch das Todesurteil kann und will Dr. Frey verhindern. Nichts davon wird sich erfüllen. Der Schlosser Friedrich Schumann wird zum Tode verurteilt. Sechs Morde konnten ihm nachgewiesen werden. In der noch jungen Weimarer Republik tut man sich schwer Todesurteile rasch zu vollstrecken. Das kommt Dr. Frey zu pass. Er legt Revision ein. Doch sein Mandant ermutigt ihn diese zurückzunehmen. In den darauffolgenden Monaten besucht Dr. Frey Schumann so oft es seine Zeit zulässt. Schumann entlockt ihm das Versprechen ihn postwendende zu informieren, wenn er Vollstreckungstermin feststeht. Im Mai 1921 muss Dr. Frey Schumann mitteilen, dass er noch ein Vierteljahr zu leben hätte. Ab diesem Moment – so erfährt der Verteidiger von den Wächtern – schläft Schumann wie ein kleines Kind. Er ist erleichtert. Kurz vor der Hinrichtung fasst sich Schumann ein Herz und gesteht. Nicht nur die sechs Morde, die sind ihm zweifelsohne anzuheften. Auch nicht die fünf weiteren Morde, deren er angeklagt war. Nein, in Summe fünfundzwanzig Morde gesteht Schumann dem baff erstaunten Anwalt. Der sieht darin die Tat eines nicht Zurechnungsfähigen. Was die Aussetzung der Todesstrafe zur Folge hätte. Doch Schumann will sterben…

Würde Dr. Dr. Erich Frey heute praktizieren, wäre er bestimmt keiner dieser betroffenheitskitschigen „Anwälte“, die im TV sinnfreie Sprüche wie „Wenn der Täter der Täter ist, dann ist er der Täter und muss bestraft werden. Dafür werde ich kämpfen. Wenn es sein muss bis zum bitteren Ende.“ Er wäre auch keiner, der vor einer Bücherwand als „Experte“ Paragraphen in „normales Deutsch“ übersetzen würde. Er wäre Anwalt. Nicht mehr nicht weniger. Seine Memoiren aus den Gerichtsälen sind heute, fast ein Jahrhundert später, nicht minder spannend als zu der Zeit als sie wie eine Erzählung vom gestrigen Abend klangen. Mitglieder der so genannten Ringvereine – Clan-Kriminelle ohne familiären Hintergrund – nahmen sich Dr. Frey zum Anwalt. Für ihn war das Gesetz nicht dehnbar.

Das Nachwort dieser Biographie gehört Dr. Regina Stürickow, die mit ihren Büchern über die dunklen Seiten der Hauptstadt Berlin schon so manchem Leser Schauer über den Buchrücken jagte. Zum ungefährlichen Eintauchen in die Unterwelt Berlins in Goldenen Zeiten kommt man an diesen engagierten Memoiren einfach nicht vorbei.

Jules Verne

Es wird immer noch gern das Klischee gepflegt, dass Künstler arm sein müssen, um kreativ sein zu können. Bei Jules Verne kann, ja, muss man dieses Vorurteil mit einem Handstreich beiseite wischen. Den goldenen Löffel hatte er zwar nicht im Mund bei seiner Geburt 1828, jedoch erlaubten es die Einkünfte des Anwalts Pierre Verne, seines Vaters, der Familie finanziell sorgenfrei leben zu können.

Die Nähe zum Atlantik, Jules Verne wurde in Nantes geboren, war es dann wohl auch, die dem späteren Autor seinen Hang zu den Weltmeeren schriftstellerisch Ausdruck verleihen konnte. Als zehnjähriger war er einmal auf einer kleinen vorgelagerten Insel ein kleiner Robinson. Die Ebbe erlaubte es dem kleinen Jules jedoch klammen Fußes wieder nach Hause zu gelangen.

Paris sollte für Jules Verne die zweite Station seines erfolgreichen Lebens werden. Als Jurastudent genoss er das Leben in der französischen Hauptstadt, die für die meisten das Sprungbrett zu einer großen Karriere war. Doch es zog ihn zum Schreiben. Kunstkritiken – Gustave Courbet war einer seiner bevorzugten Maler, die er mit Genuss verriss – waren die ersten Gehversuche auf dem literarischen Feld. Er begegnete dem Verleger Pierre-Jules Hetzel, der als einer der ersten dem Beruf des Verlegers eine neue Dimension verlieh. In Zeitschriften fütterte er das Publikum an, um seine Bücher besser verlegen bzw. an den Leser zu bekommen. In Jules Verne erkannte er den idealen Partner. Wissenschaftliche Neugier und ebenso tiefgreifendes Verständnis, gepaart mit einem exzellenten Talent diese auch transportieren zu können – danach musst der Verleger von nun an nicht mehr suchen. Der Mythos Jules Verne schlug Wurzeln.

Die lagen von nun an aber in Amiens. Von hier aus – Jules Verne hatte sich auf einer Hochzeit unsterblich in eine junge Dame verliebt – hielt Verne Kontakt nach Nantes zu seiner Familie und nach Paris zu seinem Verleger. Es folgen die fetten Jahre. Schon der Erstling „Fünf Wochen im Ballon“ (der Titel wurde von Verleger Hetzel angepasst) ist ein Erfolg. „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (beträchtlich inspiriert von einem riesigen Aquarium auf der Weltausstellung und durch die Schriftstellerin George Sand befeuert) und „Die Reise um die Erde in 80 Tagen“ (als Theaterstück binnen kurzer Zeit hunderte Male aufgeführt)  besiegeln den Ruhm Jules Vernes, der bis heute anhält. Privat hingegen lief es weniger gut. Jules Vernes Sohn Michel bereitete mit seiner renitenten Art dem Vater immer mehr und anhaltend Kopfzerbrechen, wie er seinem Verleger mitteilte.

Ralf Junkerjürgen gelingt es mit der Akribie seines Helden Jules Verne dem Leser eine Biographie vorzulegen, die es an Spannung und neuen Elementen mit dem Werk des Schriftstellers aufnehmen kann. Jules Verne wird bis heute als Vater der Science-fiction-Literatur bezeichnet. Dabei hat er „nur“ das verwendet, was sowieso schon vorhanden war. Er nutzte die technischen Errungenschaften der und wob sie in seine Abenteuergeschichten ein. Schreckensszenarien waren der Zeit geschuldet und waren keineswegs rein Utopien. So wie diese Biographie. Ralf Junkerjürgen hat unzählige Fakten zusammengetragen und sie mit dem Werk Vernes verknüpft. So manche Episode aus Robur, geheimnisvollen Inseln und mutigen Kapitänen sind der damaligen Realität entlehnt. Sie zu erkennen ist von nun an ein Kinderspiel.

Gewisse Momente

Die Vierzigerjahre waren für Andrea Camilleri schmerzvolle Jahre. Nicht nur wegen des Krieges, auch wegen der Tritte in den Unterleib. Erst der Minister für Volkskultur, Allessandro Pavolini und später als die Alliierten das Heft in der Hand hielten, ein amerikanischer Offizier.

Mit Pier Paolo Pasolini konnte Camilleri nicht so recht warm werden. Pasolinis und Camilleris Vorstellungen über die Besetzung eines Stückes von Pasolini passten Camilleris nicht ins Konzept. Pasolini wollte Laien von der Straße, Camilleris ausgebildete Sprecher, die man auch in der letzten Reihe noch hört. Man einigte sich auf ein letztes – klärendes – Gespräch. Was nie stattfand. Pasolini wurde ermordet.

Dem Patriarch von Venedig allerdings bot Camilleri eine anders Vorstellung. Eine Gruppe von Geistlichen wohnte einer Probe bei, die Camilleri leitete. Es lief nicht alles wie geplant und so wurde der Autor zuerst ungeduldig und dann laut. Am nächsten Tag wollte er sich bei dem Patriarchen entschuldigen. Mit zitternden Knien schritt er zu Kreuze, doch der Patriarch zeigte Verständnis. Wenige Tage später wurde aus dem Patriarchen von Venedig Papst Johannes XXIII.

Und doch eine Begegnung ist Camilleri in Erinnerung geblieben, und sie wird dem Leser nicht minder eindrucksvoll zurücklassen. Die Federala war ein faschistische Institution, eine Person, die Königsgleich die Geschicke einer Region in der Hand hielt und leitete. Sie war es, die Camilleri, der damals schon gegen die Faschisten schrieb, ein Buch in die Hand gab, das es gar nicht geben durfte…

Es sind diese gewissen Momente, die einen Menschen formen. Kleine Geschichten, plötzliche Begegnungen, unverhofft, selten geplant – doch sie brennen sich ins Gedächtnis ein ohne Narben zu hinterlassen. Die Taubheit der Narben weicht tief sitzenden Erinnerungen. Sie sind das Salz in der Biographie eines jeden. Andrea Camilleri hat das Glück all diese Erinnerungen noch präsent zu haben. Und der Leser strahlt, dass er sie niedergeschrieben hat.

„Gewisse Momente“ ist keine Biographie im eigentlichen Sinne. Es sind Bruchstücke im Leben eines Mannes, der dem Leben verpflichtet ist ohne dies als Verpflichtung anzusehen. In jeder dieser kurzen Kapitel gibt er ein bisschen von sich preis. Wer wissen will, wie manche Geschichten aus der Feder Camilleris entstanden sind, warum er immer noch Scharen von Lesern mit einem Handstreich verzaubern kann, wird in diesem Buch eine Ahnung erhaschen können warum dem so ist.