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Memoiren eines alten Arschlochs

Wer kennt sie nicht?! Die Alleskönner, die jeden kennen, ihren „Beziehungen spielen lassen“, und das Gefühl vermitteln an der Kasse noch etwas rauszubekommen. Aufschneider könnte man sie nennen. Angeber. Auch Arschloch. Das darf man sagen, schließlich hat Roland Topor die Erlaubnis gegeben.

Sein namenloser Held ist so ein Aufschneider, Angeber, Arschloch. Und er ist sich auch dessen bewusst. Zugeben würde er es natürlich niemals. Er lebt schließlich in seiner eigenen Welt, die ihm nicht erlaubt über die selbst abgesteckten Grenzen zu treten.

Er – der Namenlose – ist schon früh von der Kunst beseelt. Dann, als Jugendlicher, junger Mann, bringt er die Kunstwelt zum Kochen. Picasso läuft ihm hinterher wie ein läufiger Hund. Breton wird durch ihn zu seinem surrealistischen Manifeste du Surréalisme animiert. Er zockt Einstein beim Poker ab. Und mit Grock, dem Clown, verbrachte er Nächte hinter den Kulissen eines Tanztheaters auf den Hügeln von Paris. Welches er selbstredend erfunden hatte.

Ja, er ist ein Aufschneider, als größenwahnsinnig kann und muss man ihn beschreiben. Solange er einem nicht auf die Pelle rückt, ist es zu ertragen. Aber wehe, wenn er vor einem steht und man die offensichtlich erfundenen Geschichten über sich ergehen lassen muss. Zum Glück ist alles nur Fiktion. Übertrieben, überbordend vor Lebenslust, überquellender Drang sich in den Vordergrund zu spielen. Und zum Glück (nur) als Buch erhältlich.

Denn so kann man, wenn es zu viel wird, die Seiten schließen und sich selbst ein wenig Ruhe gönnen. Doch die Sucht hat schon vom Leser Besitz ergriffen. Nun will – man muss – einfach mehr erfahren. Will wissen, was er sich als nächstes ausgedacht hat, wen er zum Handeln angetrieben hat. Das wie und warum ist nebensächlich. Ihm geht es einzig allein nur um eine Sache: So schnell wie möglich das Natürlichste von der Welt selbiger kundzutun. Er ist die Triebfeder des Fortschritts. Ohne ihn wäre die Kunst nur Beiwerk des Teufels. Er allein hat die Moderne angeregt, ins Rollen gebracht. Ihren Fortgang kann er nicht mehr beeinflussen- er hat Besseres zu tun.

Der Titel macht auf sich aufmerksam wie selten ein Buch zu vor. Darf man das A-Wort sagen, es sogar auf den Titel drucken? Ja, natürlich. Die Selbstverständlichkeit des fiktiven Ichs fordert die Nennung geradezu heraus. Die Zeilen lassen kein Auge trocken sein. Wer auch nur ansatzweise ein wenig (Kunst-)Verstand besitzt, kommt dem Lügengemäuer schnell auf die Spur. Na und?! Ist doch alles nur ein Spaß.

Für Roland Topor muss es ein Vergnügen gewesen sein. Er selbst war ein Tausendsassa. Bühnenbilder und Prosa, Filmrollen und Bücherillustrationen bestimmten sein Lebenswerk. Regisseure wie Fellini waren von ihm beeindruckt. Polanski gab seinem „Mieter“ das darstellende Pendant zur Schrift. Ob Er nun wirklich ein Arschloch war, muss der Leser entscheiden. Die Stories sind teils so hanebüchen, dass man ihn eher bedauert – auf alle Fälle sich aber köstlich amüsiert.

Goethes Faust und Einsteins Haken

Wenn Schach das Spiel der Könige ist, ist dann Boxen das Spiel der Straßenköter? Dieses Buch hetzt Wissenschaftler aufeinander (bzw. in den Ring), die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben können: Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler. An den Unis gehen sich beide Fachrichtungen oft aus dem Weg. Klischee! Doch schon in der Antike gab es große Schnittmengen. Wer wissenschaftlich arbeitete (egal, ob nun experimentell oder theoretisch – was machen eigentlich theoretische und experimentelle Physiker?), trieb sich auch im anderen Fach herum. Was wohl auch der Tatsache geschuldet war, dass, wenn man schon lesen (und denken) es auch anwenden wollte (und konnte). Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert? Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert!

Doch ganz so bierernst sollte man die Intention nicht nehmen. Annika Brockschmidt – als Historikerin und Germanistin Handtuchhalterin in der Ecke der Geisteswissenschaftler – und Dennis Schulz – als Zahlendreher mit Diplom zuständig für Blessurenverarztung und Nackenkühlung in den Ringpausen – benehmen sich nicht wie Don King und legen es auf blutige Scharmützel im gepolsterten Science-Ring der Eitelkeiten an. Vielmehr sind sie die Vorberichterstatter der Kämpfe, die unblutig und amüsant nur ein Ergebnis kennen: Einmütiges Unentschieden.

Man stelle sich vor wie die im Titel angekündigten Einstein und Goethe in den Ring schreiten. Welche Einlaufmusik läuft? Ein Geigensolo bei Einstein und ein Walzer bei Goethe? Einstein wäre begeistert von Goethes Eloquenz und angestachelt durch dessen Hochmut. Goethe hingegen würde an Einstein Lippen hängen, weil er sich gern selbst auch als Naturwissenschaftler sah und wäre mit der kecken Art des Gegenübers nicht übereingekommen. Voller Witz hätte Einstein schmerzende Haken verpasst. Voller Verkopftheit wäre so manche Gerade im Gefühlsgedärm des Wuschelkopfes gelandet. Zäh waren beide, aufgegeben hätte niemand.

Ein Füllhorn an Anekdoten und Deutungen ist „Goethes Faust und Einsteins Haken“ allemal. Von Alexander dem Großen und Schrödinger, über Roosevelt und die Medici bis hin zu Galilei und Röntgen reichen die möglichen Kontrahenten, die nicht immer gleich als Wissenschaftler, jedoch als große Köpfe zu erkennen sind. Ein bisschen wie bei den so genannten Promiduellen im Fernsehen oder den Celebrity Deathmatches auf MTV in den 90ern. Ernstnehmen nur bedingt, sich unterhalten lassen unbedingt. Nur wer partout einen klaren Gewinner erwartet, muss enttäuscht das Buch beiseitelegen. Alle Anderen hatten eine vergnügliche Lesezeit.

Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen

Da fehlt doch was! Ein Fragezeichen, oder ein Ausrufezeichen. Oder doch nicht. Victor Klemperer, der große sprachgewaltige Humanist, Idealist und Philologe lässt das Ende des Satzes offen. Das schelmige Lächeln trägt er nicht nur auf dem Buchcover – auf jedem Bild, das man von ihm kennt, kann er seiner zeitweisen Hoffnungslosigkeit immer noch einen Funken Positivität abgewinnen.

Ja, warum soll man denn unbedingt aufhören auf bessere Zeiten zu hoffen.?! Schlimmer kann es nicht werden. Das dachte er, als der erste Weltkrieg begann. Auch als er – studiert, voller Tatendrang, arbeitsbesessen – keine Anstellung fand. Als die Nazis immer breitere Bevölkerungsschichten erreichten. Und schließlich die Macht errangen. Als ganz Europa in Schutt und Asche lag. Schlimmer konnte es nicht kommen. Als man ihm Arbeitsverbot, Publizierungsverbot auferlegte. Es kam schlimmer. Und doch schwebte ein Funken Hoffnung im täglichen Leben mit.

In den Briefen, die er schrieb – an Mitstreiter, Familie, Freunde – wird sein Leben so greifbar wie kaum zuvor. Kurze Einblicke in einen kurzen Lebensabschnitt sind es, die den Leser in eine Zeit versetzen, in der man nicht an seiner Stelle gewesen sein möchte. Und trotz alledem stechen die wohl gewählten Worte wie glühende Eisen ins Augenlicht des Lesers. Höflichkeit ist Trumpf. Keine abgehackten auf wenige Zeichen limitierten Tiraden gegen etwas oder wen, sondern exakt formulierte Bitten, Klagen und dabei so voller Zuversicht und Ehrerbietung dem Empfänger und voller Respekt der deutschen Sprache gegenüber. Eine echte Wohltat dem Künstler, der aus tiefster Überzeugung gar nicht anders konnte als dem am breitesten Kulturgut eines Volkes, der Sprache, zu folgen.

Sein Hauptwerk „LTI – Lingua Tertii Imperii“, in dem er die Sprache des so genannten Dritten Reiches unter die Lupe nahm, ist erschreckend, wenn man die Verformungen heutzutage wahrnehmen muss. Ein Buch, das heute mehr denn je gelesen – und vor allem – gelehrt werden sollte. Denn Sprache ist Leben und Tod zugleich. Twitternachrichten als Regierungserklärung, die für jedermann sofort und ungefiltert erreichbar sind, bergen mehr als nur ein Risiko. Denn die Reaktionen folgen postwendend. Und meist im gleichen Stil. Ohne nachzudenken reagiert man auf das, was einfach mal so rausgeblasen wird. Oder man reagiert nicht minder langsam, auf Provokationen, statt selbst zu agieren, und dem Stumpfsinn eigene Ideen und Argumentationen entgegenzusetzen.

Es ist eine Freude den Gedankengängen Victor Klemperers zu folgen. Man erschrickt vor so viel Courage und Zuversicht in der dunkelsten Zeit, man staunt über die Vielfalt der Worte der eigenen Sprache und hofft wie in einem spannenden Thriller auf ein gutes Ende. So wie der Autor, der sich letztendlich doch bestätigt fühlen konnte: Irgendwann ist dann doch Schluss mit dem „Schlimmer geht’s immer“.

Long John Silver

Long – John – Silver: Ein Name wie Donnerhall auf den Sieben Weltmeeren! Ritsch-ratsch und der Stummel ist ab. Ohne eine Miene zu verziehen. Ohne, dass ihm jemand Händchen hält. Er harter Kerl, der Quartermeister. Und Flint, sein Kapitän, weiß um die Fähigkeiten des treuen Silver. So beginnt eine der außergewöhnlichsten Biographien des Jahres.

Ja, es handelt sich um den berühmten John Silver aus der „Schatzinsel“. Jim Hawkins hat ihn gefürchtet, die Mannschaft an Deck hat ihn gefürchtet. Alle haben ihn gefürchtet. Denn der harte Hund hatte seinen Spitznamen „Barbecue“ nicht zu unrecht. Robert Louis Stevenson hat ihm schon einmal ein Denkmal gesetzt, eines, das ein wenig wackelt. Björn Larsson rückt nun einiges gerade. Und um es vorwegzunehmen, wer nicht mehr alle Details aus der „Schatzinsel“ parat hat, wird in so mancher Passage des Buches staunen, was da alles noch im Hinterstübchen hängengeblieben ist.

Johns Kindheit war nicht besonders glücklich. Im Brighton des ausgehenden 17. Jahrhunderts gab es für die meisten, fast alle, nur einen Weg, den man einschlagen konnte: Zur See fahren. So wie sein Vater, den er nie kannte, von dem er allerdings nur Schlechtes zu hören bekam. Erst später soll er erfahren, dass sein Erzeuger im „maritimen, kreativen Handelsgeschäft“ tätig war.

Der harte Hund, der er einmal werden sollte, ging durch eine harte Schule. Der Rektor seiner Ausbildungsstätte neigte zu ausgiebigen Züchtigungen. Immerhin besuchte John Silver die Schule, was ihm schon bald einen Vorteil einbringen sollte. Gebildetes Personal an Bord war Mangelware. So macht er schnell Karriere.

Er lernt aber auch die Schattenseiten des Geschäftes kennen. Den Rattenfänger der Marine kann er gerade noch entkommen, doch schon sein erster Kapitän will ihm eine Falle stellen. Selbst nicht ganz helle, setzt er sein Schiff auf Grund, bzw. gegen die Klippen. Als Sündenbock muss John Silver herhalten, der sich nun vorsehen muss. Denn auf Meuterei – das wird ihm nämlich vorgeworfen – steht eine harte bis endgültige Strafe.

John Silver tingelt durch die Welt. Das Leben auf See ist hart bis ungerecht, und es ist nichts wert. Wenn man sich nicht zu helfen weiß. John Silver ist oft vor den Kopf gestoßen worden, niemals aber auf selbigen gefallen. Und so reift der junge, vorwitzige Mann zu einem gefürchteten, dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden verpflichteten Rauhbein heran, der sogar einem Romanschriftsteller Hintergrundinformationen liefern wird.

John Silver sitzt am Ende eines ereignisreichen Lebens und schreibt seien Memoiren, teils im Dialog mit Daniel Defoe – ja, es ist wahr: Eine Romanfigur  gibt einem Schriftsteller Tipps! – und man nimmt es ihm ab. Björn Larsson gelingt es, dass alles im Buch wie wirklich geschehen wirkt, obwohl er der Fiktion eine weitere Ebene hinzufügt. Ein Erlebnis für alle Abenteurer!

Allein gegen die Schwerkraft

Würde Albert Einstein noch leben – immerhin wäre er 2017 erhabene 138 Jahre alt – hätte er sich wohl schon daran gewöhnt regelmäßig selbst zum Objekt von Forschungen gemacht zu werden. Der Strom an Biographien über den so gelehrten, geselligen, umtriebigen, unterhaltsamen, kämpferischen Einstein ebbt nicht ab. Denn Einstein ist es wert, dass so viel wie möglich über ihn erfahren wird. Bis heute sind seine Reden als Manifeste der Menschlichkeit aktueller denn je. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden die Grundlagen von Forschungen und unseres Verständnisses der Welt.

Thomas de Padova zeigt in „Allein gegen die Schwerkraft“ ein sehr breites Spektrum der Persönlichkeit Albert Einsteins. In den Anfangsjahren seiner Arbeit tat sich der junge Einstein schwer eine Anstellung zu bekommen. Förderer wie Max Planck traten ihm zur Seite und sorgten dafür, dass er seinen Forschungen nachgehen konnte.

Wegbereiter wie zum Beispiel die zu oft verschmähte Marie Curie – immerhin zweimalige Nobelpreisträgerin, für Physik UND Chemie – kommen ebenso zu Wort wie seine Frau Mileva und seine Geliebte Elsa. Letztere war sicherlich mit ausschlaggebend, dass die Bemühungen Max Plancks Einstein nach Berlin zu holen Früchte trugen.

Ein bisschen Vorbildung ist von Nöten, um „Allein gegen die Schwerkraft“ vollends zu verstehen. Wer im Physikunterricht der Schwerkraft nur insofern nachgab, als dass der Kopf vor selbiger kapitulierte, kommt an manchen Stellen zum Stillstand. Wer sich hingegen auf Einsteins Theorien einlässt, entdeckt in de Padovas Buch viel Vertrautes und Neues aus dem Leben eines Genies.

Der Autor lässt den Leser nicht allein. Großzügig gibt er einen umfassenden Überblick über die Zeit und Umstände, in denen Einstein forschen konnte und musste. Unter dem Brennglas der Geschichte referiert de Padova zu Einstein und seiner Zeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte Einstein die spezielle Relativitätstheorie, elf Jahre später – also mitten im Kriege – die allgemeine. Kollegen verteufelten den Mann mit dem Wuschelkopf, oder sie überschlugen sich vor Begeisterung. Einstein selbst genoss den Ruhm, ließ die Kritiker alsbald verstummen.

Wer auch nur ein wenig in diesem Buch blättert, um sich die Zeit zu vertreiben, wird schnell süchtig nach Einstein. Mit einfachen Worten schafft es der Autor die komplexe Theorie darzustellen, bzw. es deren Entdecker selbst zu überlassen. Dort, wo Erläuterungen angebracht sind, springt der Autor ein. Ansonsten spricht in diesem Buch nur einer: Albert Einstein.

Mein Bruder Che

Seit der Verabschiedung Fidel Castros aus dem aktiven Politikalltag kommt wieder Bewegung ins Interesse für Kuba. Die Revolucion ist noch nicht zu, und erst recht nicht am Ende. Doch die Ikonen werden nach und nach demontiert. Für viele Politiker, Anführer, Bosse war Ernesto Che Guevara Ikone und Staatsfeind Nummer Eins in Einem. Verklärter Held mit enormem Herz für die Unterdrückten auf der einen Seite, rücksichtsloser Egozentriker für die auf der anderen Seite. Pop-Art-Ikone mit dem Potential als T-Shirt ewigen Ruhm zu erlangen und gewissenloser Mörder. Ein echtes Bild von Che zu generieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Jahrelang hat Juan Martín Guevara den Mund gehalten. Als kleiner Bruder des großen Che saß er jahrelang im Gefängnis unter der Militärjunta Videlas in Argentinien. Der Name Guevara war keine Einnahmequelle, eher Grund sich ruhig zu verhalten. Nun bricht er sein Schweigen und gibt (s)einen Blick auf Ihn, den großen Freiheitskämpfer, Abenteurer und Bruder frei. Im fünfzigsten Herbst der feigen Ermordung Ches.

Als Che seine Familie, auch den kleinen Bruder Juan Martín nach Havanna zu den Revolutionsfeierlichkeiten einlädt, ist er doppelt so alt wie Juan Martín. Als Juan Martín zum ersten Mal den Todesort seines Bruders in Bolivien besucht und den Plan fasst ein Buch zu schreiben, ist dieser fast doppelt so alt wie sein großer Bruder geworden war. Dazwischen liegen Jahre des Schweigens, des Bangens, auch der Freude, vielmehr jedoch der Trauer. Juan Martín Guevara zieht nicht eine der Jubelarien ab, die immer wieder an Jahrestagen auf den Markt geworfen werden. Er war ja nicht dabei als in der Sierra Maestra die Kugeln den Kolonnen und dem Comandante um die Ohren flogen. Er war ja nicht dabei als im bolivianischen Dickicht die unterbesetzte, unterernährte, unmotivierte Truppe den Schergen des Militärs in die Hände fiel. Er war ja nicht dabei als aus dem Arzt mit Asthmaleiden und der wilden Mähne Ernesto Guevara der strenge, getriebene Revolutionär Che wurde. Aber er war immer sein Bruder und konnte ihn jahrelang beobachten und seinen Interpretationen lauschen und sie aufsaugen.

Und nun berichtet Juan Martín Guevara von seinem großen Bruder. Es ist ein stilles, liebevolles Portrait eines Mannes, der Menschen auf Anhieb begeistern konnte, der von seiner abgöttisch geliebt wurde, der das Wort revolutionär im wahrsten Sinne verkörperte und über den mit diesem Buch das wohl größte Mosaikstück im Puzzle Ernesto Che Guevara hinzugefügt wird.

Veit Stoß – Künstler mit verlorener Ehre

Beim ersten Hören, sagt einem der Name Veit Stoß gar nichts. Es sei denn, dass man sich intensiv mit Kunst des 15./16. Jahrhunderts beschäftigt. Doch dann blättert man ein wenig im Buch und bekommt nach und nach ein Bild von dem bislang unbekannten Künstler. Tilman Riemenschneider ist da eher ein Begriff. Veit Stoß gehört in die gleiche Liga. Der Altar der Marienkirche in Krakau wurde beispielsweise von ihm gestaltet. Und genau dafür, für eine Reise nach Krakau mit Besuch der faszinierenden Kirch am Rynek, am Marktplatz, ist dieses Buch ein idealer Zusatz zum Reisebuch.

Im Mai 1477 kam Veit Stoß nach Krakau. Seine Einbürgerung ging relativ schnell und unkompliziert vonstatten. Er hatte Gönner, die wohl mehr als ein gutes Wort für ihn einlegten. Wenn man die Kirche betritt strahlt einem gleich der gigantische Flügelaltar entgegen. Es ist voll in der Kirche. Vereinzelt sieht man Aufsichtspersonal, die peinlich und umsichtig darauf achten, dass die Andacht nicht gestört wird. Der Touristeneingang befindet sich an der Seite, Eintritt muss entrichtet werden. Wer fotografieren will, darf das, aber nur gegen eine Gebühr von umgerechnet etwas mehr als einem Euro.

Besuchergruppen bzw. deren Reiseleiter sind die einzigen, die die Ruhe stören (dürfen).

Hat man den ersten überwältigenden Eindruck überwunden, sucht man sich am besten einen Sitzplatz und blättert ein wenig im Buch. Viel weiß auch die Autorin nicht über die ersten Jahre von Veit Stoß. Aufzeichnungen waren in der Mitte des 15.Jahrhunderts eben noch nicht an der Tagesordnung. Nach und nach liest man sich zum Krakau-Kapitel des Künstlers vor. Den Altar vor Augen, die Seiten aufgeschlagen in der Hand. Eine Reisegruppe lauscht andächtig ihrer Reiseleitung. Ein „besonderer Spaß“ ist es, wenn man sieht, wie der Reisegruppe mit einem läppischen A4-Blatt ein so prachtvolles Kunstwerk erklärt wird. Man selbst kann viel tiefer in die Materie eintauchen und sieht viel mehr in und am Altar als es eine kopierte Seite vermögen kann. Stolz und kenntnisreich gerät man automatisch ins Schmunzeln. Die Reisegruppe muss nach zehn Minuten wieder weiter. Man selbst kann noch ein wenig schmökern…

Und man liest, dass Veit Stoß unter mehreren Namen wirkte – je nach Landstrich und Akribie der Stadtschreiber – und dass er in seine fränkische Heimat wieder zurückkehrte mit einem Berg Schulden (die er noch zu bekommen hatte) und mitten in eine Intrige geriet. Fast wie im Krimi.

Inés Pelzl hat sich der Mammutaufgabe gestellt und zum Leben des bisher kaum bekannten Veit Stoß recherchiert. Das war nicht immer leicht, doch was bestätigt werden konnte, verarbeitete sie in diesem Buch. Einmalig und detailreich berichtet sie in diesem Buch aus einem spannenden Leben, das wie bei so vielen von Höhen und Tiefen geprägt war. Veit Stoß hatte das Glück fast alle Tiefen zu meistern und die Höhen zu genießen. Als Leser kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus.

Im dreißigsten Jahr

Muss es in einem Buch über die Liebe immer um Titten, pralle Ärsche und brennende Lenden gehen? Nein! Es geht auch anders. Zumal, wenn es sich um die Liebe zum Beruf, der Leidenschaft mit Zahlungseingang geht. ,

Lojze Wieser ist so ein Glückspilz, der aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht hat und diesen mit nicht enden wollender Hingabe ausfüllt. Lojze Wieser ist Verleger. Als er anfing wurde ihm ein Vierteljahrhundert voller Entbehrungen vorausgesagt, im Zweifelsfall können daraus auch dreißig Jahre werden. Und die sind nun um. Zeit Rückschau zu halten.

Vielleicht ist Verleger aber auch ein undankbarer Beruf. Undankbar, weil man – der Zahn der Zeit – immer nur Rückantwort von Lesern bekommt, wenn denen etwas nicht passt. Das kann zuweilen auch hässlich werden. Lob bekommt man aus der Branche, wenn man etwas gut gemacht hat. Aber, wenn man es zu gut gemacht hat, kommt der Neid. Den hat man sich dann wiederum verdient. Also doch nicht undankbar, sondern anstrengend. Genug des Negativismus!

Denn der Verlegerberuf ist einer der schönsten der Erde. Ma bringt Freude und Licht ins Dunkel des Alltags. So hofft man, Lojze Wieser kann sich sicher sein, dass es so ist. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die Branche, an die Autoren, die Übersetzer (die werden fast immer vergessen, doch ohne deren Sprachgewalt und –wissen wäre Literatur nur eine bloße Ansammlung von Worten), an Veranstalter, Messebekanntschaften, und auch an die Leserschaft. Eine vierhundert Seiten starke Danksagung an alle, die lesen, sich für fremde Kulturen interessieren und mit dem Wieser-Verlag ihrer Leidenschaft fröhnen.

An den Verleger denkt niemand, wenn er in der Buchhandlung in einem Buch herumblättert. Es gefällt oder eben nicht. Die Entschlusskraft hängt von vielen Faktoren ab. Bei Lojze Wieser hat man immer das Gefühl, dass er seine Bücher und Autoren mag. Die liebevollen Worte, die er auf eben diesen  vierhundert Seiten findet, lassen keinen anderen Schluss zu. Die Schriften des Ostens haben zum Erfolg des Geschäftsmannes Wieser beigetragen. Als der Eiserne Vorhang fiel, tat sich für den Verleger ein Paradies auf. Und die Leser betraten mit ihm blühende Landschaften, die voller süßer Poesie waren, deren Stammbäume vor Kraft strotzten und die bis heute trotz alledem um Aufmerksamkeit kämpfen müssen. Literatur ist eigentlich kein Geschäft, mit dem man Profite erwirtschaftet. Aber auch kein Verlustgeschäft. Je nachdem, ob man nur an die Penunzen denkt oder dem Verfasser gerecht entlohnen möchte.

Diese Erinnerungen sind auch an die Leser gerichtet. Sie sollen, sofern sie es wünschen, dem Verleger über die Schulter schauen dürfen. Mit ihm reisen. Aha-Erlebnisse garantiert! Stunden- ja manchmal tagelange Autofahrten. Gloriose Empfänge, weise Worte … die Aufzählung könnte seitenlang so weitergehen. Beispiel gefällig? Nein, so wunderbar wie Lojze Weiser in sein Lebenswerk verliebt ist, kann man es als Außenstehender nicht wiedergeben. Jede Seite ein Hochgenuss!

Agatha Christie – Die Autobiographie

Da sitzt sie nun zwischen all ihren Leichen, die sie in so vielen Jahren um die Ecke und unters Volk gebracht hat. Ein leicht erstaunter und zufriedener Blick. Und vor ihr schon die nächsten Mordpläne, die sie in die Mordmaschine einhämmern wird. Wenn man dem geflügelten Wort folgen darf, schreib worüber Du Bescheid weißt, wird einem angst und bange vor den folgenden über selbstverfassten sechshundert Seiten über das Leben von Agatha Christie.

Denn Leben und Werk der Queen of crime sind an Spannung kaum auseinander zu halten. Zwei Tage vor dem Nikolausfest des Jahrs 1926 verließ sie ihr Haus und kam erst eine reichliche Woche vor Weihnachten wieder. Elf Tage war sie weg. Eine Lücke im Leben der Agatha Christie, deren Rätsle bis heute nicht geklärt ist, die weder eine schrullige Meisterdetektivin und ein blasierter Meisterdetektiv lösen konnten. Und was macht Madame? Sie hüllt sich in Schweigen. Selbst diese Autobiographie lässt es nur zu, dass man spekuliert. Die Zeitungen von damals überschlugen sich. Ehekrach – Mord – Flucht im Affekt – Publicity-Gag? Naja, Mord war es auf jeden Fall schon mal nicht! Fakt ist, dass ihr Bekanntheitsgrad danach unerkannte Höhen erreichte.

Beim ersten Durchblättern – wenn man den Bildteil in der Buchmitte für sich erkundet – fällt auf, dass Verzicht, materieller Verzicht, nicht zum Heranwachsen der Agatha Mary Clarissa Miller gehörte. Haus, Garten, Haustiere, gebildete Eltern: Die Grundlagen waren schon mal gesät. Ihr erster Mann Archibald gab ihr seinen Namen, der schon bald eine Weltkarriere machen sollte: Christie.

Doch die Ehe hielt nicht. Erst mit Max Mallowman wurde Agatha Christies Leben perfekt. Vierzehn Jahre jünger war der Archäologe. Doch er zeigte ihr nicht nur sprichwörtlich, sondern wortwörtlich die Welt. „Unser Haus in Bagdad“ lautet die Bildunterschrift unter einem der Bilder im Buch. Nur eine Station des reiselustigen Ehepaares.

Ganz so viele Wendungen wie in ihren Romanen kann sie in ihrem eigenen Leben nicht vorweisen – das wäre aber auch zu viel des Guten. Aber wer 85 Jahre lebt, hat einiges zu erzählen. Und jedes einzelne Jahr ist wirklich erzählenswert. Wer diese Autobiographie zum Anlass nimmt Agatha Christies Bücher noch einmal zu lesen, katapultiert sich in ein neues Universum. Denn nun wird klar, woher ihr Ideenreichtum stammt. Wenn Hercule Poirot den Mordverdächtigen so leidenschaftlich und detailreich sein Wissen über alte Kulturen mitteilt, muss man schmunzeln, wenn man an die Zeit der Autorin an den Ufern des Tigris liest. Aha, auch der grandiose Ermittler bekam sein Graue-Zellen-Futter von einer Frau. Die Autobiographie ist kein Krimi, es ist das wahre Leben. Allerdings einer mehr als ungewöhnlichen Frau.

Magnus Carlsen – Das unerwartete Schachgenie

Elfterelftersechzehn. Nullkommafünf zu Nullkommafünf. Einskommaeinsmillionen. Zahlenkauderwelsch, das nur Kennern etwas sagt. Es war der 11. November 2016. Schach-WM zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und dem Herausforderer Sergeij Karjakin. Unentschieden nach Partie Eins. Punkteteilung. Patt im Spiel um 1,1 Millionen Dollar.

Bereits im Jahr zuvor überschlugen sich die Fachjournalisten beim Spiel des jungen Norwegers Magnus Carlsen. Nun hatte er die Möglichkeit sein außergewöhnliches Können noch einmal und schlussendlich unter Beweis zu stellen. Karjakin hatte zuvor mit allerlei Getöse auf sich aufmerksam gemacht. Carlsen ließ das scheinbar, zumindest äußerlich kalt. Es ging um Schach. Immer wieder wurde er gefilmt, wie er Schach spielte. Wenn andere aßen, Mails lasen, einkauften, telefonierten, Auto fuhren etc. spielte er Schach. Immer wieder. An den ungewöhnlichsten Orten, zu unmöglichsten Zeiten. Schach, Schach, Schach.

Zu Beginn des Turniers war er 25 Jahre alt. Als alter und neuer Weltmeister war er um ein Jahr gealtert. Was aber nur daran lag, dass er am Tag der Tie-Break-Partien Geburtstag hatte. Cleveres Marketing oder Zufall? Egal, selbst Schachablehner bekamen einen ungefähren Einblick ins Leben dieses Ausnahme-Könners. Die Fangemeinde wuchs. Die Zuschauerzahlen ebenso. Und Carlsens Bekanntheitsgrad übertraf im November 2016 fast schon den der Präsidentschaftskandidaten in den USA. Doch kennt man den jungen Kerl nur weil man ab und zu im Fernsehen das Ballett von Springer und Läufer gesehen hat? Nein.

Aage G. Sivertsen kennt Magnus Carlsen. Und dank ihm kennt Magnus Carlsen nur die ganze Welt ein bisschen besser. Ein Vierteljahrhundert alt und schon eine Biographie. Das gibt’s doch sonst nur bei enervierenden Melodievergewaltigern aus Castingshows, die meinen, weil sie ihr Pickelgesicht vor Millionen Followern im Netz zeigen, dass sie was zu sagen hätten.

Großartige Erkenntnisse über den Lauf der Welt kann man auch von Magnus Carlsen nicht erwarten. Aber das sollte man auch nicht. Es ist doch viel interessanter wie dieser junge Kerl dazu kam den wohl langweiligsten Sport der Welt auszuüben. Skifahren und Norwegen bilden sonst eine Einheit. Und bei der Ruhe, die er ausstrahlt, wäre doch eine neuer Ole Einar Björndalen (Biathlon) fast schon die logische Konsequenz gewesen. Doch Magnus Carlsen war schon als Kind vom Spiel der Könige fasziniert. Er wollte Schach spielen. Spielend Schach in sich aufsaugen. Druck gab es nicht. Mit dreizehn Jahren war er Großmeister, was vielleicht vergleichbar mit dem schwarzen Gürtel im Judo ist. Auf reisen zu Turnieren hatte er keinen Sinn für Sehenswürdigkeiten. Die einzigen Türme, die ihn interessierten, waren sie auf vier von 64 Feldern auf dem Schachbrett. Und royalen Häuptern die Hand schütteln bzw. sie umzustoßen (als Zeichen der Aufgabe), überließ er großzügig anderen.

Aage G. Sivertsen schafft es den stillen Mann der Figuren ins rechte Licht zu rücken, ohne an seinem ihm angedichteten Heiligenschein zu kratzen. Fernab von Lobhudelei lässt er Vorgänger Carlsens zu Wort kommen, die dem neuen Superstar ihren Respekt erweisen. Auch wer bisher noch nie mit Schach in Berührung gekommen ist, wird diese Biographie erst beiseitelegen, wenn nichts mehr zu lesen ist.