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Die Verunglückten

Wer nur mit dem Kopf arbeitet, muss irgendwann einmal an seinen eigenen Gedanken scheitern. Gewagte These – liest man sich durch dieses Buch, drängt sich dieser Gedanke unweigerlich auf. Der gute Geschmack und / oder auch der humanistische Menschenverstand verbieten die aufkommende – maximal für eine Promi-Quizshow-Ausgabe geeignete – Quizfrage: „Was haben Jean Améry, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson und Ulrike Meinhof gemeinsam?“ Sie starben durch die eigene Hand.

Matthias Bormuth zeichnet das Leben der Verunglückten mit Zitaten und Schriften der Protagonisten und ihrer Wegbegleiter nach. Sie lebten ein intellektuelles Leben, das durch Widersprüche gekennzeichnet war. Jean Améry überlebte die Hölle von Auschwitz, eine Tatsache, die ihn nicht ruhen ließ. Ingeborg Bachmann verbrannte – betäubt durch Medikamente und Alkohol in ihrem eigenen Bett. Eine brennende Zigarette war die Ursache des Brandes. Uwe Johnsons Todesdatum ist schwer nachvollziehbar, man fand ihn erst Tage später tot in seinem Appartement. Auch er ein Opfer des Alkoholismus. Ulrike Meinhof passt nur auf den zweiten Blick in dieses Schema. Im Gegensatz zu den drei bisher Genannten legte sie bewusst Hand an sich. Sie erhängte sich in ihrer Zelle mit einem in Streifen geschnittenen Handtuch.

„Die Verunglückten“ als Nachrufbuch zu sehen, ist nur zu einem Bruchteil berechtigt. Denn Matthias Bormuth richtet weder über die vier Intellektuellen, auch versucht er gar nicht ihr Tun zu verteidigen. Vielmehr sucht er die Ursachen und Hinweise in ihren Texten. Ein bisschen Vorbildung setzt er beim Leser allerdings voraus. Doch auch ohne diese kommt man schnell hinter das Geheimnis ihrer außergewöhnlichen Leben. Präzise ausgewählte Textstellen erleichtern ihr Leben einzuordnen. Weder reißerische Propaganda noch perfides Zerpflücken ihrer scheinbar „verpfuschten Leben“ sind das Salz in der Suppe, sondern die behutsame Analyse ihrer vom zweifel bestimmten Ansichten.

Ulrike Meinhof sticht aus mehreren Gründen aus diesem Quartett hervor. Ihr genügte es nicht Zweifel niederzuschreiben. Da sie keine endgültige Lösung im Schreiben fand. Sie nahm ihr Schicksal in die Hand. Die Bewertung dessen ist jedem selbst überlassen.

Wahrlich keine leichte Kost, die Matthias Bormuth dem Leser vorsetzt. Wer die hauptsächlichen Werke bereits kennt, dem wird mit diesem Buch sicherlich eine neue Sicht darauf gewährt. Wem diese Werke noch fern sind, der bekommt Appetit ein wenig Grundlagenforschung zu betreiben.

Brief an Matilda

Es ist nicht vielen vergönnt die Urenkel beim Erkunden der Welt zusehen zu dürfen. Auch Andrea Camilleri fühlte sein Ende nahen. Doch Matilda, seine Urenkelin, durfte er noch in den Arm nehmen. Im Bewusstsein, dass auch seine Zeit begrenzt ist, er und Matilda sich wahrscheinlich nie ernsthaft miteinander unterhalten können, fasste er den Entschluss und verfasste einen – sehr langen – Brief an sie. Auch wenn sie ihn nicht sofort lesen könne, so soll er ihr, wenn die Zeit reif ist, Uropas Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Brief an Matilda“ ist das Resümee eines der größten Schriftsteller Italiens, Europas und der Welt. Die Schlichtheit der Worte fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Matilda ist die Adressatin, sie soll ihn verstehen. Dass Andrea Camilleri die Welt an seinem Leben noch einmal teilhaben lässt, ist einmal mehr ein Indiz dafür, dass er ein Menschenfreund durch und durch war.

Auch er hatte dunkle Zeiten zu durchleben. Den Musolini-Faschismus durchschaute er rasch. Und er wurde Kommunist, was er bis ans Lebensende blieb. Auch das brachte ihm so manche Knüppel ein, der ihm zwischen die Beine geworfen wurde. Im Gegenzug hatte er aber auch Gönner und Freunde, die sein Talent erkannten und vor allem förderten, so dass er eine lebenslange Anstellung bei der RAI, dem staatlichen italienischen Rundfunk innehatte.

Seine Anfänge als Schriftsteller waren steinig und schwer. Bis ihm Montalbano über den Weg lief. Ein, zwei Romane. Mehr sollten es nicht werden. Doch die Fernsehserie und die Buchreihe ließen ihn umstimmen.

Von den Studentenrevolten der 68er über die Entführung des Ministerpräsidenten Aldo Moro bis hin zur Machtergreifung Berlusconis hat Andrea Camilleri die unterschiedlichsten Epochen Italiens miterlebt und teils mitbestimmt. Nur als Politiker wollte er sich nicht instrumentalisieren lassen. Ein Wahlerfolg wäre mehr als vorhersehbar gewesen. Doch wollte Camilleri nicht seine Leidenschaft – das Schreiben – an den Nagel hängen. Über hundert Bücher hat er geschrieben. Den Mund hat er sich allzu oft verbrannt. Mit der Mafia hat er sich angelegt. Mit einer Krimireihe erlangte er Weltruhm. Die historischen Romane waren ihm seine liebsten.

Jede Zeile, jedes Wort in diesem sehr langen Brief an seine Urenkelin Matilda sitzt unverrückbar. Es ist die Liebe, die in den Zeilen und sogar in den Zwischenräumen allgegenwärtig ist. Sie ist es auch, die man stets mit dem im Sommer 2019 verstorbenen Charmeur und Romancier in Verbindung bringen wird.

Der letzte Satz des Buches, in dem er Matilda auffordert ihm zu berichten, treibt einem die Tränen in die Augen. Denn Matilda lernt nun erst Lesen. Wann sie den Brief – dieses Buch – lesen kann, es verstehen kann, wird noch ein wenig dauern. Doch auch sie wird in dem Autor einen Menschen erkennen, den man gekannt, zumindest jedoch gelesen haben muss!

Der van Gogh Coup

Wenn große Ausstellungen ihre Schatten vorauswerfen, kommt ordentlich Bewegung in den Büchermarkt. So wie bei den großen van-Gogh-Ausstellungen im Städel in Frankfurt und im Museum Barberini in Potsdam. Sie bilden den würdigen Abschluss des Museumsjahres in Deutschland. Van Gogh geht immer, möchte man meinen. Doch es gab eine Zeit, da sträubten sich Kunstsammler sich einen van Gogh „ans Bein zu binden“. Warum? Es waren einfach zu viele Fälschungen im Umlauf! Das ist rund neunzig Jahre her und ist Gegenstand dieses vor Spannung zu platzen drohenden Buches.

Otto Wacker wurde 1898 als Sohn eines Malers geboren. Schon früh wurde seine künstlerische Ader erkannt, und er wurde Tänzer. Unter dem Namen Olinto Lovaël war er eine Größe in Tänzerkreisen. Doch schon in jungen Jahren verdiente er sich etwas zur kargen Gage hinzu: Als Vermittler / Verkäufer von Kunstfälschungen. Polizeilich bekannt war er also schon.

Im Berlin der 20er Jahre sah er seine Chance. Hier brummte jegliches Geschäftsgebaren. Ausgelassene Parties, die schier endlose Kunstszene und der freie Geist der Zeit boten den Nährboden für allerlei Kunst und Business. Das Geschäft von Paul Cassirer, dem Kunsthändler seiner Zeit imponierte Otto Wacker. Als er ihm auch noch Bilder verkaufen konnte, gab es für kein Halten mehr. Auf der Karriereleiter nahm er Sprosse für Sprosse.

Doch etwas war seltsam am Aufstieg des Otto Wacker. Er kam wie der Graf von Montecristo in die Berliner Kunstwelt. Auf einmal war er da. Und das mit großem Reisegepäck, sprich einem Arsenal an Bildern, das für einen Emporkömmling schon sehr umfangreich erschien. Und dann auch noch Bilder von van Gogh! Alle jedoch echt, die Echtheit von angesehenen Experten bestätigt. Solang jeder etwas vom Kuchen abbekam, hielt man sich mit Kritik und Zweifeln zurück. Erst als Wacker einige Bilder aus Ausstellungen zurückzog, und die Antworten auf die Herkunft der Bilder immer weniger glaubhaft klangen, regte sich Unmut. Das war Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Vier Jahr später das Urteil: Dreißig Fälschungen hatte Wacker verhökert, und dafür musste er ein Jahr und sieben Monate in der Strafanstalt Tegel sitzen. Und dreißigtausend Mark Strafe zahlen. Es wurden drei Jahre, die er saß. Danach war alles fast wie zuvor. Tänzer und Restaurator – seinen beiden Leidenschaften konnte er weiter ungehindert nachgehen. Auch weil er – und sein Lebensgefährte (inoffiziell, natürlich) schon früh Mitglied der NSDAP wurden. Nach dem Schreckensregime lebte und wirkte Wacker in der DDR.

Die schwammige Herkunft der van Goghs – ein russischer Exilant soll sie Stück für Stück aus Russland herausgeschafft haben – konnte nie belegt werden. Ebenso wurde die Identität des Fälschers – wahrscheinlich Otto Wackers Bruder Leonhard – nie aufgedeckt.

Nora und Stefan Koldehoff haben ihre Spürnasen ganz tief in die Archive der Kunstszene gesteckt. Die Prozessakten sind fast gänzlich verschwunden. So mussten sie sich auf Berichte zum Prozess berufen. Nachlässe, wie dem van Goghs, Briefwechsel, Expertisen dienten ihnen als kaum versiegende Fundgrube für ihre Recherchen. „Der van Gogh Coup“ ist spannender als jeder Thriller und die umfassende Gestaltung des Buches ist einladender als jeder Museumsbesuch. Und Otto Wacker? Ist er nun Opfer von Experten, die ihre eigene Haut retten wollten, weil auch sie als Kenner reichlich vom Kunstbetrieb profitierten? Oder ist er ein gewiefter Geschäftsmann gewesen, der skrupellos das System Kunst ausnutzte? Wohl Letzteres! Er hat sich geschickt durchlaviert, hat als Homosexueller jegliche Klippen umschifft und ist sich immer selbst treugeblieben, ist als Kunsthändler mittlerweile nur Insidern noch ein Begriff. Es ist wie bei Dopingsündern. Die pumpen sich jahrelang voll, verdienen sich eine goldene Nase. Wenn alle Verträge ausgelaufen sind, bereuen sie großmütig und stehen als reuige Sünder vor der Öffentlichkeit. Ohne jedoch wirklich büßen zu müssen. Otto Wacker starb am 13. Oktober 1970 in der DDR. Einer Bestrafung entkam er, vergessen sind seine Taten nicht. Auch dank dieses Buches.

Sunwise Turn

Wer nix wird, wird Wirt. Und eine Frau im beginnenden 20. Jahrhundert, mit einer Freundin, deren Gatte ein hinreichend bekannter Künstler ist, die in New York sich durchsetzen will, macht einen Buchladen auf. So einfach ist das!

So einfach ist es eben nicht! Madge Jenison ist von Büchern beseelt. Und von der Vorstellung diese in einem angemessenen Ambiente zu verkaufen. An Menschen, die Bücher genauso lieben und verehren wie sie selbst. Eine Kalkulation ist schnell gemacht. Zahlen und Papier sind geduldig. Und die Phantasie schönt so manches Risiko. „The Sunwise Turn“ (Mit dem Lauf der Sonne) wird 1916 von Madge Jenison und Mary Mowbray-Clarke in Manhattan eröffnet. Orange an den Wänden – das fördert den Verkauf, eine heimelige Atmosphäre – wer heutzutage einen Buchladen eröffnen will, findet bei den beiden Damen die Anregungen, die es braucht, um sich eine gesunde Basis für geschäftlichen Erfolg zulegen zu können.

Die Suche nach der richtigen Location erweist sich als besonders schwierig. Frauen und Geschäft, das passt nicht zusammen. Eine schief hängende Werbung, und schon steht die Polizei vor der Tür. Mit hohler Hand! Doch Madge Jenison ist keine, die schnell und / oder klein beigibt. Der Begriff Frauenrechtlerin ist noch nicht einmal in aller Munde, da ist sie bereits schon eine. Bei den Vorbereitungsarbeiten helfen alle mit, die an die beiden Damen glauben: Sogar ein Verlagsmitarbeiter legt Hand an. Damen der Gesellschaft arbeiteten unermüdlich, unbezahlt – und nicht immer zur vollsten Zufriedenheit ihrer Chefinnen – mit im Laden. Sie sortierten Rechnungen, erledigten Botengänge. Sie kamen aus allen Schichten. Sogar eine Peggy Guggenheim, die Peggy Guggenheim, war als Laufmädchen engagiert. Im Maulwurffellmantel, natürlich, wie es sich gehört. In einer Zeit, in der Amerika kurz vor dem Eintritt in den Weltkrieg stand, ein Geschäft zu eröffnen, in dem der Service an erster Stelle steht, beweist Mut. Wenn Kunden das Geschäft betraten und nicht wussten wonach sie suchen, konnte ihnen geholfen werden. Kundendateien mit Vorlieben wurden angelegt, Bücherlisten erstellt, Werbebriefe gestaltet – alles in Handarbeit.

Erfolg ist immer ein zweischneidiges Schwert. Ein voller Laden garantiert noch lange keine volle Kasse. Das müssen Magde Jenison und Mary Mowbray-Clarke bald merken. Doch Durchhaltevermögen und der unbedingte Glaube an den Erfolg lasse sie durchhalten.

Es klingt alles wie aus einem Coming-of-age-Roman, ist aber alles wahr und hat sich genauso zugetragen. Denn Madge Jenison hat in diesem Buch (eines von vielen, das sie geschrieben hat) ihren steinigen Weg zur erfolgreichen Buchhändlerin beschrieben. Immer noch lesenswert für alle, denen Bücher wichtig sind.

Goyas Geister

Eine Katze soll sieben Leben haben. Francisco de Goya schien auch mehrere Leben gehabt zu haben. Julia Blackburn hat das zweite Leben des spanischen Hofmalers genauer unter die Lupe genommen.

Goya hat gerade mal die Hälfte seines Lebens gelebt – was er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wissen konnte – als ihm quasi über Nacht das Schicksal einen gewaltigen Knüppel zwischen die Beine, genauer gesagt in die Ohren jagt. Sein Hörsinn lässt nach, er wird taub. Nie mehr wird er hören können wie der König für ihn Violine spielt. Nie mehr Kinderlachen. Nicht mehr das menschliche Geschrei auf den Straßen wahrnehmen. Für einen Lebemann wie ihn eine echte Horrorvorstellung.

Der Lebemann in ihm, und das ist kein Synonym für einen Hallodri, sondern einen Mann, der das Leben konventionslos genießt, stirbt aber nicht wie ein Ast an einem kranken Baum. Goya ist zu sehr verliebt ins Leben. Und seine Arbeit. Bis heute zieren die Bilder, Zeichnungen und Drucke Museen rund um den Globus.

„Goyas Geister“ ist der Beweis, dass immer noch Biographien geschrieben werden können, die den Leser erstaunen lassen. Goya ist fast zweihundert Jahre tot. Als Hofmaler musste er nie finanzielle Not erleiden. Er lebte sparsam, so dass seine – zahlreichen – Nachkommen auch entsprechend leben konnten. Dass die Realität teils anders aussah, war nicht seine Schuld. Es ist selbstverständlich, dass auch Biographen sich um das Leben des Malers rissen.

Julia Blackburn hat eine ganz persönliche Art an den Maler heranzutreten. In einem Museum, vor einem Bild Goyas reift in ihr der Wunsch tiefer in das reiche Leben Francisco de Goyas einzutauchen. Mit viel Hingabe und unermüdlicher Neugier folgt sie ihm auf Schritt und Tritt. Jeder Weg wird exakt nachgezeichnet, ohne dabei einen Kalender zu entwerfen, der stupide das Leben nachskizziert. Vielmehr sind es die persönlichen Gedanken der Autorin, die Goya noch einmal ins Leben zurückführen.

Ein Leben für die Liebe

Sie wurde von Männern umschwirrt, nicht von Motten, die ums Licht kreisen: Louise de Vilmorin. Und es waren echte Männer, keine Motten: André Malraux, Orson Welles, Antoine Saint Exupery, Jean Cocteau, Graf Esterhazy. Ihr „Madame De“, das Buch ihres Lebens, wurde von Max Ophüls mit Vittorio de Sica und Danielle Darrieux verfilmt, und für den Oscar nominiert. Und trotzdem ist der Name de Vilmorin heute nur noch einigen Wenigen ein Begriff.

1902 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, kannte ihr Leben zunächst nur eine Richtung, bergab. Eine unbesorgte Kindheit vor den Toren der Weltmetropole Paris wurde gegen ein verhältnismäßig „normales“ Leben an der Seine eingetauscht. Schon früh machte man ihr den Hof. Einer der ersten, ganz sicher jedoch der zu dieser Zeit berühmteste war der Pilot Antoine Saint Exupery. Viel später erst würde er mit dem Kleinen Prinzen einen nachhaltigen Erfolg schreiben. Die Figur der Laternenanzünderin, der allumeuse. Ein Feuer entfachen, das konnte sie. Es am Lodern halten, da haperte es fast ihr gesamtes Leben lang. Sie wurde geliebt. Ob sie lieben konnte – zumindest dauerhaft – kann man in Frage stellen.

Ihre Eleganz und Eloquenz, aber vor allem ihr Wille nachhaltig zu wirken, bescherten ihr zeitlebens Erfolg. Als Schriftstellerin mit Orthographie-Schwäche – Cocteau und Malraux korrigierten unermüdlich ihre Texte – konnte Sie Erfolge feiern. Ob unverstanden oder unvollkommen – Louise de Vilmorin sagte jedem Künstler von den 30er Jahren bis zu Ihrem Tod 1969 etwas. Für viele war sie Wegbereiter, ihre Salonabende waren vielleicht nicht so legendär wie die von Berta Zuckerkandl im Wiener Cafè Landtmann, aber an Avantgardistenpotential nicht zu überbieten.

Es fällt schwer sich eine exakte Meinung über Louise zu bilden. Zu umfangreich war ihr Leben, und ist immer noch in gewissen Kreisen in aller Munde. Ursula Voß holt die für die meisten verschollen Louise de Vilmorin wieder ans Tageslicht. Wie in einem Zug reist man durch ein ereignisreiches Leben, dass von der Liebe geprägt war. Zwischenhalte bei Autoren, Abenteurern und Schauspielern inklusive.

Ich schreibe, also bin ich

Was macht eine Schriftstellerin zu einer guten Schriftstellerin? Ihre Werke, ihre Preise, die Diskussion des Werkes? Für den Leser mögen dies alles Parameter für Erfolg bzw. Misserfolg sein. Für den Autor selbst zählt in erster Linie nur die Tatsache, dass er überhaupt schreiben kann. Als Autorin ist es nicht selbstverständlich (gewesen), neben Kindererziehung, Haus-In-Schuss-Halten, Küche und Garten auch noch die Zeit zum Schreiben zu finden. Erst wenn sie wirklich schreiben konnten, waren sie das, was sie selbst sein wollten: Autorinnen, Schriftstellerinnen, Geschichtenerzählerinnen, Mahnerinnen, Beobachterinnen.

Und das kann an ganz unterschiedlichen Orten geschehen. Es muss nicht immer das erhabene Anwesen sein wie es Virginia Woolf bewohnen durfte. Auch gehört nicht zwingend der Verzicht auf sämtliche Annehmlichkeiten – wie bei Marina Zwetajewa – zur Legendenbildung dazu. Und schon gar nicht die Enge einer Gefängniszelle, wie sie Rosa Luxemburg so „ihr eigen nennen durfte“.

Simone Frieling stellt in ihrem Buch Autorinnen vor, die an den unterschiedlichsten Orten ihr Wirken ausleben konnten bzw. der Not trotzten und schrieben, was sie umtrieb. Luxus um einen herum ist kein Garant für Erfolg. Genauso wenig wie Kargheit einen nicht davor schützt erfolglos zu wirken. Es sind allesamt starke Frauen, die aufs Podest gehoben werden. Ja, aufs Podest! Denn nicht eine dieser Frauen ist bis heute vergessen. Sie lebten ihr Leben mal spärlich, mal öffentlichkeitswirksam. Ihre Werke wurden verkannt, bejubelt und sind immer noch verfügbar.

Hannah Arendt genoss von ihrem Schreibtisch den Blick über den Hudson-River in New York. Gertrude Stein war als Autorin weniger erfolgreich denn als Kunstsammlerin, so dass eine Stippvisite (angekündigt, bitteschön!) mehr einem Museumsbesuch glich. So viel Picasso in einem Raum, da werden selbst Prado, Albertina und Louvre neidisch. Elisabeth Langgässers Werk konnten selbst Vertreibung aus dem (Gruneweald-) Paradies nichts anhaben. Ihr sehr wohl.

Die in diesem Buch zusammengeführten Biographien zeigen eines ganz deutlich: Als Frau hatte man es noch nie leicht. Als Autorin noch einmal um ein Vielfaches schwerer. Doch wer an sich und seine Sache glaubt, dem gelingt auch auf engstem Raum Weitreichendes.

Das letzte Gericht

„Niemals geht man so ganz“, besangen so rührselig BAP und Trude Herr. Was bleibt von uns, wenn wir gegangen sind? Die Antworten muss jeder für sich selbst finden. Denn wie einer – sei er auch noch so prominent – in Erinnerung bleibt, hängt ganz von seinem Lebensstil ab.

Bei John Belushi – Jake Blues aus dem ersten Blues-Brothers-Film – kann es gar kein anderes Gericht gegeben haben als verbotene Substanzen in noch verboteneren Mengen. Hätten seine Gäste – unter ihnen Robin Williams und Robert De Niro, die die Party jedoch sehr früh verließen – bei seiner letzten Party doch besser hingeschaut. Die Linsensuppe, die er vor dem tödlichen Cocktail, zu sich nahm, hatte wohl kaum noch Auswirkungen auf sein (Ab-) Leben.

Das Bild von Che Guevara ist ein ganz anderes. Entschlossener, fast schon finsterer Blick – so prangt er mittlerweile auf T-Shirts. Das letzte Bild von ihm zeigt ein eingefallenes Gesicht, das so gar nichts von einem willensstarken Kämpfer mehr aufweist. Die Erdnusssuppe von Irma Canizares soll er als „Henkersmahlzeit“ geordert haben. Dabei wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Bedeutung diese Suppe für ihn haben wird. Denn die Verhaftung und der prozesslose Tod kamen so schnell und überraschend, dass Che maximal ahnen konnte, dass die Erdnusssuppe das Letzte sein wird, was er zu sich nehmen wird.

Hätte John F. Kennedy vielleicht mehr als nur Toast, Marmelade, Butter, Schinken und weich gekochte Eier zum Frühstück gehabt, wenn er gewusst hätte, was im Laufe des 22. November 1963 in Dallas passieren wird? Oder John Lennon mehr als nur Corned beef auf Toast? Oder Prince Fischcremesuppe?

Sie alle werden es nicht mehr preisgeben können. Denn sie alle sind im Olymp der Schönen und Reichen und Machtvollen. Richard Fasten – der Name allein verpflichtet schon zu einem Buch wie diesen – hat sich den Toten auf leisen Sohlen genähert. Nicht, um Ihnen letzte Geheimnisse und die eine oder andere kleine Anekdote zu entlocken, sondern um ihrem Tod eine Brise Nachhaltigkeit hinzuzufügen. Vom Glas Wasser über Haferschleim bis hin zum Brathendl liest man sich durch die Leidensgeschichte von Jesse James über Frank Sinatra bis hin zu Jimi Hendrix. So bunte war die Regenbogenpresse noch nie. Und schon gar nicht so unterhaltsam! Guten Appetit beim letzten Gastmahl der Promis von anno dazumal bis heute.

Am Horizont der Meere

Die starke Frau an der Seite, vor oder doch hinter dem übergroßen Dali? Oder doch hübsches Anhängsel? Oder gewiefte Geschäftsfrau? Helena Diakonova kam nicht mit dem goldenen Löffel im Kindermund zur Welt. Der Familie ging es gut, im zaristischen Russland als sie 1894 in Kasan zur Welt kam. Kaum vor dem Gesetz erwachsen, muss sie ins schweizerische Davos reisen. Zur Kur. Doch sie stirbt fast, vor Langeweile. Wären da nicht ihre Bücher – u.a. Anna Karenina – die blühende Schönheit würde bei klarer Bergluft eingehen wie Zimmerpflanzen, die man nicht gießt.

Als Wasserspender – bleiben wir bei dem Sprachbild –  erweist sich alsbald der junge Paul. Er liest ihr vor, umgarnt sie, beide sind sich sicher, dass sie ohne den Anderen nicht sein können. Doch der Kanonendonner dröhnt schon aus der Ferne und als die Kur der beiden vorbei ist, rasseln die Säbel und Panzerketten im Gleichklang. Mit Energie und Enerviertheit gelingt es Helena, die sich nur allzu gern Gala nennen lässt, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass Paul im fernen Paris der Eine für ihre Zukunft ist. Helsinki, Schweden, England sind ihre Zwischenhalte auf dem Weg in ihre persönliche Freiheit. Paul, Paul Éluard, der Dichter, stammt ebenfalls aus nicht gerade ärmlichen Verhältnissen. Auch seine Eltern haben Vorbehalte gegenüber der Auserwählten. Schließlich ist Krieg!

Aus Helena und Paul wird das Ehepaar Gala und Paul Éluard. Sein mühsam erdichtetes Geld steckt der ruhelose Künstler in Kunst. Picasso (echt) hängt an der Wand wie anderenorts heutzutage Billard spielende Hunde. Gala ist willkommen im Kreis der Bohème von Paris. Und sie strahlt über beide Ohren ob dieses Umstandes. Als Dada die Kunstszene Europas durcheinanderwirbelt, sind Breton und Paul engste Vertraute, Freunde, Tippgeber, Anstupser … und Paul auch der Vater ihrer Tochter. Mit der kann Gala allerdings wenig anfangen. Sie wächst den größten Teil ihrer Kindheit bei Pauls Eltern auf.

Paul stellt Gala Max Ernst vor. Ein begnadeter Künstler wie Paul meint. Gala findet das auch, wird seine Muse und ein bisschen mehr. Paul ist gekränkt, aber im gleichen Maße weiterhin in Gal verliebt. Als ihm die Luft zum Atmen dennoch geraubt wird, flieht er. Gen Westen, bis in die Südsee. Gala wagt einen letzten Versuch ihre Ehe zu retten. Von Liebe keine Spur, Zusammengehörigkeits- und Pflichtgefühl sind der Kitt, der beide zusammenhält. Paul begeht ein weiteres Mal den Fehler Gala einem begnadeten Künstler vorzustellen. Doch dieses Mal wird Gal nicht mehr zu Paul zurückkehren. Denn der Mann, den sie am Strand in Spanien trifft, der so penetrant nach Ziege stinkt, ist Salvador Dali. Aufstrebender Star der Surrealisten. Er wird den Surrealismus an sich reißen, dass neben ihm nur noch Platz für Trittbrettfahrer sein wird. Gala sieht die Chance sich zu verwirklichen und Dali zu einer Marke zu machen.

Unda Hörner strickt den durchaus nachvollziehbaren Fakten des Lebens von Gala Dali ein feines Gewand das so luftig-leicht daher kommt wie selten eine Romanbiographie zuvor. Dabei verzichtet sie auf die Klischees, die unweigerlich mit dem Namen Dali einhergehen. Die Biographie endet an dem Zeitpunkt als Gala und Salvador aufeinandertreffen. Alles, was sie bis zu diesem Treffen ausmachte, nennt man Leben. Und genau um dieses Leben geht es der Autorin. An ihrem 125. Geburtstag am 7. September 2019 gedenkt man vielerorts Gala Dali. Diese Biographie wird dem Einfluss Galas auf die Kunstwelt mehr als gerecht.

Trinker, Cowboys, Sonderlinge

Jede Zeit hat ihre Helden, und jede Epoche hat ihren eigenen Titel. Da war das Zeitalter der Industrialisierung, das Zeitalter der Entdecker. Was wird man wohl in Zukunft über die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts sagen? Das Jahrzehnt der Clowns?! Denn das, was so manches Staatsoberhaupt absondert, war vor Jahren noch undenkbar. Wenn Donald Trump die Finger über die Tastatur fliegen lässt und einen Tweet nach dem anderen absetzt, spüren viele einen Würgereiz, andere bekommen es mit der Angst, manche müssen einfach nur lachen. Doch wer denkt, dass Trump ein Erzeugnis der Gegenwart ist, täuscht sich. Politiker der USA, und vor allem die Präsidenten hatten schon immer einen Hang zum Skurrilen. Ronald D. Gerste kennt sie und ihre Eigenarten.

Acht Jahre – zwei Amtszeiten – führte Andrew Jackson die Geschicke der Vereinigten Staaten. Er begründete die Demokratische Partei so wie sie heute noch weitgehend existiert. Auf dem Papier, und nach üblicher europäischer Lesart, also ein durchaus würdiger Präsident, der bestimmt viel Gutes bewirkt hat. Der siebte Präsident der USA war aber darüber hinaus auch ein Mörder. In einem Duell, bei dem er zunächst verwundet wurde, erschoss er seinen Kontrahenten. Der Grund war ein – für heutige Maßstäbe – belangloser Streit. Auch der Weg ins Weiße Haus war nicht durch einen fairen Wahlkampf geprägt. Bereits 1824 wollte Jackson das oberste Amt im Staatenverbund haben. Doch eine bis dato und bis heute beispiellose Schlammschlacht verhinderte seine Bestrebungen. Erst vier Jahre war sein Ego beschwichtigt worden. Auch dieser Wahlkampf kann getrost als schmutzig bezeichnet werden. Kriegsheld und Meuchelmörder – unter seinem Befehl ließen hunderte von Indianern auf den nicht selbst erwählten Schlachtfeldern ihr Leben, anschließende Abscheulichkeiten wurden nicht oder kaum geahndet – auch das war Andrew Jackson.

Die schillerndste Figur in diesem mehr als lesenswerten Buch ist sicherlich John F. Kennedy. Dessen Affären sind hinlänglich bekannt. Doch Ronald D. Gerste findet auch im politischen Leben, insbesondere in seinem Aufstieg, den einen oder anderen Schattenfleck, der je nach Vorbildung des Lesers mehr oder weniger bekannt sein dürfte.

Je mehr man sich in dieses Buch vertieft, was bei der Detailfülle und eingängigen Sprache sehr einfach ist, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Angsthasen (Nixon), Bürokraten (Truman) und Waffennarren (Roosevelt) sind bloß die Spitze eines Eisbergs an Präsidenten, die nach heutigen Maßstäben nur noch in populistischen Parteien Gehör finden könnten. Trump als Typus einen neuen Politikers? Da waren andere vor ihm da und haben weitaus mehr auf dem Kerbholz als der aktuelle Präsident, für den sich die meisten Amerikaner, die in Europa urlauben, entschuldigen.