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Rebellinnen

Parteigehorsam, sich aufopfern für die Partei – wer sich heutzutage mit dieser Einstellung den Kameras stellt, wird nicht mehr ernstgenommen. Die Phrasen von Partei- und Staatsführung wurden schon mehr als einmal entlarvt. Damit holt man keinen mehr hinterm Ofen hervor. Vor reichlich einhundert Jahren machte eine Frau aber mit genau dieser Einstellung Furore. Rosa Luxemburg. Ihr unermüdlicher Kampf für die Sache der Partei, der SPD, in der sie sich bezeichnenderweise nie wohlfühlte, begleitete sie bis in den Tod. Mehrere Jahre verbrachte sie in Gefängnissen. Ihre Assistentin Mathilde Jacob war ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie tauschten Schriften und Neuigkeiten wie andere Insassen Zigaretten. Als die Haftbedingungen immer schlimmer wurden, wurde ihr Kampf auch gegen Krankheiten und Mangelerscheinungen immer heftiger.

Heftige Gegenwehr hatte auch Hannah Arendt auszuhalten. Auch sie – wie Rosa Luxemburg – musste von frühester Kindheit wegen ihrer jüdischen Wurzeln verteidigen. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie den Sprung aus dem faschistischen Deutschland. Ihr als Verständnis angesehenes Werk über Adolf Eichmann, einem, wenn nicht dem Bürokraten der Massenvernichtung, brachte ihr Hasse und Häme entgegen. Nur wenige konnten ihrer Argumentation folgen. Doch Hannah Arendt blieb im Inneren eine Rebellin. Je stärker der Gegenwind desto überzeugender ihre Argumente.

Die Dritte im Bunde dieses spannenden Buches ist Simone Weil. Vielleicht die Unbekannte unter den Dreien. Ihr Kampf für Humanität ging soweit, dass sie sich selbst ihrem Ich verweigerte und das Aushängeschild ihrer eigenen Philosophie wurde. Das begann beim für ihre Figur unvorteilhaften Kleidungsstil und endete noch lange nicht bei der Essensverweigerung.

Es wäre zu simpel zu behaupten, dass Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil drei Frauen waren, die ihre Überzeugung über das eigene Vorankommen stellten. Vielmehr gingen sie in ihrer Lebenseinstellung auf. Nicht im Sinne eines erkauften Selbstdarstellungsprozesses, sondern in der Verweigerung sich anzupassen und dem Fortschritt – mag er noch so abstrus und utopisch klingen – den Vortritt zu lassen.

Im Februar 2019 würde Simone Weil ihren 110. Geburtstag feiern können. Rosa Luxemburgs feige Ermordung jährt sich im Januar zum einhundertsten Mal. Simone Frieling erteilt diesen drei ausnahmslos beeindruckenden Frauen das Wort. Voller Wucht, jedem Widerspruch das passende Argument entgegenstemmend ist Band 76 der blue-notes-Reihe spannend wie ein Krimi, rasant wie eine Bergabfahrt und mahnend wie eine Kampfschrift, das den Leser nicht kalt lässt.

Katharina von Medici

Ein Bilderbuchstart ins Leben sieht anders aus. Zwei Wochen nach der Geburt stirbt die Mutter, Prinzessin Madeleine de la Tour d’Auvergne. Etwas später ihr Vater Lorenzo di Piero de‘ Medici. Katharina wird zu ihrem Großonkel geschickt. Der soll sich um das Mündel kümmern. Zufällig ist er Papst Leo X. Katharina ist da gerade mal im Grundschulalter. Und wissbegierig. Ringsum Florenz brodelt es. So wie in ganz Europa. Die Reformation macht den Katholiken ordentlich Dampf unter den Sutanen. In der Toskana – Medici-Land – erheben sich immer mehr gegen die Herrscher. Der Papst stirbt, Katharina wird als Geisel genommen. In einem Dominikanerkloster muss sie lernen, dass der goldene Löffel der Medici hier aus Blech oder gar Holz ist. Denn die Dominikaner mögen die Medici nicht. In Rom regiert derweil der vorerst letzte nichtitalienische Papst. Doch nur zwei Jahre. Dann kommt Clemens VII. Wieder ein Medici. Das Blatt wendet sich abermals. Ach ja, Frankreich meldet auch Ansprüche an die kleine Medici an, ihre Mutter ist schließlich französischen Adelsblutes. Katharina ist Teenager, und die Welt der Medici, die Welt in und um Florenz, das sich unter Lorenzo dem Prächtigen zum Schmuckstück der Welt aufschwang, ist wieder in Ordnung? Katharina wurde von erlesenen Lehrern unterrichtet, sie interessiert sich für Mathematik. Und ihre große Zeit soll noch kommen. Doch es herrscht immer noch Krieg. Florenz wollen sich viele Herrscher unter den Nagel reißen. Clemens VII. findet, dass es an der Zeit ist Katharina zu verheiraten. Viele Herzogtümer, Königreiche und andere Staatengebilde kommen für eine Vermählung in Frage, bzw. ihre Denker und Lenker. Frankreich soll das Rennen machen. 1533 verlässt Katharina Florenz und Italien, sie wird nie mehr zurückkehren. Heinrich ist der Auserwählte. Zwei vierzehnjährige Grünschnäbel, die Geschicke eines Großteils Europas einmal beherrschen sollen. Die Hochzeitsnacht, der Vollzug der Ehe soll von Heinrichs Vater mit den Worten „Allons mon fils!“ begutachtet und befeuert worden sein.

Sabine Appel beschert ab dem ersten Kapitel dem Leser eine erfrischende Reise in die Vergangenheit. Katharina de Medici, die einmal den Thron Frankreichs besteigen soll, liebt ihren Gatten. Trotz des Arrangements. Der ist ein zurückhaltender Jüngling, der seine Augen nicht von seiner Ziehmutter, Diane de Poitiers, immerhin neunzehn Jahre älter, lassen kann. Seine Mutter ist quasi dauerschwanger, sein Vater hält sich mehrere Mätressen und Katharina wird und wird einfach nicht schwanger. Erst nach zehn Jahren und mit Hilfe einer Gehilfin, ebenfalls Diane de Poitiers, gebärt sie endlich einen Thronfolger. Ihre Macht ist somit erhalten. In zwölf Jahren bringt Katharina zehn Kinder zur Welt. Sieben überleben. Sie selbst ist robust und die ständigen Kränkeleien und Kränkungen steckt sie weg. Und sie erwächst zu einer selbst- und machtbewussten Frau heran. Sie wird Europa einmal lenken. Sie wird dem Kontinent ihren Stempel aufdrücken. Machtspielchen der Herren in Rom, London, Madrid oder Paris bietet sie Paroli. Und irgendwann wird sie das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Wer in Geschichte ein bisschen aufgepasst hat, dem ist die Bartholomäusnacht ein Begriff. Ein Pogrom gegen die Hugenotten, die reformistischen Anhängers von Luthers Thesen, sorgte im katholischen Hochadel Europas für Beifallsstürme. Auch hier hatte Katharina de Medici ihre Finger im Spiel.

War sie nun die Giftspritze mit Hang zur Machtversessenheit? Oder nur ein Produkt ihrer Zeit? Glückskind? Auf alle Fälle war sie eine intelligente Frau, die das, was um sie herum geschah sehr wohl wahrnahm.

Sabine Appel zeichnet ein abwechslungsreiches Bild einer Frau, die Zeit ihres Lebens kämpfen musste. Schon als Kind als Goldesel in Geiselhaft konnte sie über Jahre hinweg und über immense Entfernungen Ränkespiele und Machtpoker aus der ersten Reihe beobachten. Sie war ja nur ein Mädchen, eine Frau. Eine Frau, die man nicht unterschätzen hätte dürfen. So manches Opfer würde zu gern das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen.

Das Leben des Michelangelo Buonarroti

Über 450 Jahre ist es her, dass diese Biographie erstmals veröffentlicht wurde. Seither hat sich am Bild von Michelangelo, bzw. Michelagnolo, wie er im Buch genannt wird, Buonarrroti nicht viel geändert. Noch immer steht man mit offenem Mund in der Sixtinischen Kapelle und staunt über die Echtheit der abgebildeten Figuren.

Und dabei hätte es fast nicht geklappt. Denn Michelangelo, bleiben wir bei der heute gängigen Bezeichnung des Künstlers, sah sich nicht als Maler. Eher als Bildhauer. Als Papst Julius II. ihm dem Auftrag gab, zweifelte Michelangelo, ob er der Aufgabe gewachsen sei. Doch dem Papst die Arbeit, und somit auch die damit verbundene Zuneigung zu verwehren, hätte Michelangelo geschadet. Das wusste er. Doch zuerst einmal musste das Gerüst entfernt werden. Es war in der Decke verankert. So konnte ein Michelangelo nicht arbeiten! Mit dem Auftraggeber des Gerüstes lag er sowieso im Clinch. Doch kaum hatte Michelangelo begonnen zu malen, wurde er sich seine Unzulänglichkeit bewusst. Das Fresko schimmelte. Kein Moses, kein Noah, keine Adam, keine Eva ohne Pilzgeschwulst. Oh je. Man riet ihm weniger Wasser zu benutzen und siehe da: Bis heute eine Augenweide!

Ascanio Condivi ist der zweite, der sich an einer Biographie über Michelangelo versucht hat. Das liegt vor allem daran, dass der erste Autor, Paolo Giovio es nicht gut mit dem großen Meister meinte. Ascanio Condivi war überjeden Zweifel erhaben. Er war ein Weggefährte Michelangelos und sein Schüler. Minder begabt, was die Malerei betraf, aber auch seinen Schreibstil. Weshalb davon auszugehen ist, dass bei dem einen oder anderen Absatz ein Anderer den Feinschliff besorgte. Wer, das ist nicht bekannt.

Ingeborg Walther ist es, die dem Werk Condivis und Michelangelos den erläuternden Rahmen gibt. Ihre Deutung des Textes, ihre Sicht auf den Text lässt den Leser nicht im Regen stehen. Denn Condivi kann niemals hundertprozentig objektiv gewesen sein. Dennoch sind seine Zeilen eine Offenbarung. Zum ersten Mal wurde das Werk Michelangelos einer Analyse unterworfen. Condivi beschreibt en detail unter anderem die einzelnen Abschnitte der Sixtinischen Kapelle. Die Faszination, die die Bilder auf ihn ausübten, ist spürbar und nachvollziehbar. Doch nicht nur diese Bilder beschreibt er exakt, auch das „restliche Vermächtnis“ hält seiner Deutung stand. Mit jeder Seite steigert sich das Wohlwollen des Lesers für den Autor und dessen Objekt.

Michelangelo war zu seiner Zeit Großverdiener. Nicht einmal ein Prozent seiner Gage für die Ausmalung der Sixtinischen Kapelle musste er für Farben ausgeben. Das rief Neider auf den Plan. Feinde, die ihm die Nähe zum Papst übelnahmen. Herrscher, die ihn verachteten, weil er sich an Verträge hielt und nicht für gigantische Wechselsummen in deren Lager übertrat. Nur einer konnte Michelangelo immer wieder überzeugen: Der Papst, egal welcher. Ascanio Condivi hat eine ähnliche Fähigkeit. Er überzeugt den Leser ein ums andere Mal von der Genialität Michelangelos.

Zerrissene Leben

Als sie zwischen zwei Weltkriegen geboren wurde, wussten sie noch nichts von ihrer besonderen Situation. Sie kannten den Weltkrieg nicht, und ahnten noch nichts von dem, der noch kommen wird. Sie bekamen jedoch sehr wohl mit, dass die Welt im Umbruch ist. Nicht zum letzten Mal in ihrem Leben.

„Zerrissene Leben“ führt achtzig Menschen, achtzig zeitzeugen zusammen, die in der Weimarer Republik geboren wurden. Vor Ihnen lagen nur ein paar Jahre einer zarten Demokratie, der braune Sumpf, und je nach Wohnort eine weitere Diktatur, die des Proletariats, wie es immer propagiert wurde oder der demokratische Aufschwung mit wirtschaftlicher Hilfestellung der Amerikaner. Erst viel später gab es wieder ein Land, das sie Heimat nennen durften. Nicht getrennt durch Stacheldraht und ideologische Verbrämung. Durch das Leben dieser achtzig Deutschen ging mehr als einmal ein Riss. Der Historiker Konrad H. Jarausch hat ihren Rissen eine Stimme gegeben und in diesem Buch einen Ort des Gedenkens gegeben.

Dieses Buch ist keine achtzig Kapitel umfassende Abhandlung wie achtzig verschiedene Menschen ihr komplettes Leben in der Nachbetrachtung einschätzen. Es ist die Biographie eines Landes, das das zwanzigste Jahrhundert prägte wie kaum ein anderes, das fast schon im Jahrzehnte-Rhythmus neue Formen annahm und das bis heute zwiegespalten ist. Und die wurde von Konrad H. Jarausch zwar niedergeschrieben, erzählt wurde sie aber von glühenden HJ-lern, geflüchteten Juden, Regimekritikern, Akademikern, Arbeitern. Sie alle rangieren in keinem Ranking, konkurrieren nicht um die Zeilenanzahl, sie sind gleichberechtigte Erzähler, Verbündete im Geist, egal, ob sie Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung waren oder Telefonistin, ob sie in Deutschland blieben oder emigrierten. Das macht dieses Buch so besonders.

Die Herkunft soll keine Rolle spielen. Wer die Herkunft als erwähnenswert ansieht, begeht schon den ersten Fehler. Er unternimmt den ersten Schritt zur Verfälschung. Konrad H. Jarausch tappt nicht in diese Falle. Ihm gelingt mit einfachen Worten Geschichte zu schreiben. Ihm standen alle Türen offen. Archive überließen ihm großzügig ihre Schätze. „Zerrissene Leben“ gehört zu den herausragendstenen Büchern im Geschichtsregal.

Joseph – Der schwarze Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Christoph Willibald Gluck – kennt man. Ihre Musik klingt unvermindert weiter. Und das wird auch noch Jahrhunderte so weitergehen. Doch wer kennt schon die Werke von Joseph Boulogne? Einem Offizier der Königlichen Garde unter Ludwig XV., dem Chevalier de Saint-George. Wohl kaum jemand, der nicht eine auserlesene Klassik-(Pardon, Früh-Klassik!) Sammlung sein eigen nennt. Es sind vielleicht auch nicht so sehr die Werke, die ihn berühmt machen könnten. Es ist vielmehr sein Leben.

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er auf Guadeloupe geboren. Sein Vater war ein angesehener Plantagenbesitzer auf der Karibikinsel. Seine Mutter war eine Sklavin. Joseph war also ein Bastard, das Ergebnis einer Affäre. Der Vater erkennt den Sohn an und nach einigen Jahren findet sich Joseph in Frankreich wieder. Guadeloupe ist weit weg. Die Geschehnisse auf der Insel – sein Vater ist dort kein Ehrenmann mehr – liegen weit hinter ihm.

Als Fechtkünstler sorgt er für Furore in einem Paris, das in einem Jahrhundert die Kommune erwartet und schon bald die Revolution der Welt anführen wird. Öffentliche Schaukämpfe bringen ihm bald einen achtungsvollen Ruf ein. Wer sich mit ihm anlegt, spurt alsbald die kalte Klinge der Rache. Man erkennt ihn auf der Straße. Auch und gerade wegen seiner Hautfarbe. Er ist einer von einhundertsechzig Schwarzen in Paris.

Doch das ist nur eine Seite der Bekanntheit. Schon als Kind bekam er Musikunterricht. Sein Geigenspiel ist nicht minder virtuos wie seine Klingenführung. Als Kapellmeister führt er Haydn auf. Gluck ist sein Idol, ihm will er nacheifern. Joseph reist. Unter anderem nach England, wo er dem Bruder des Königs eine Lektion erteilt. Mit dem Degen. Bewusste Demütigung oder jugendlicher Überschwang? Weder noch. Warum soll er sein Talent verstecken. Der Bruder des Königs fordert ihn geradezu heraus sein ganzes Können zu zeigen.

Doch Joseph nutzt diese Reise auch zu seiner ganz persönlichen Rache. Als seine leibliche Mutter als Sklavin aus dem Senegal in die neue Welt verschleppt wurde, tat man ihr Leid an. Joseph findet den Übeltäter und übt Vergeltung. Als die Revolution in Frankreich wütet, Plünderungen das öffentliche Leben zur permanenten Gefahr werden, Köpfe rollen, die vorher als unverrückbar galten, sinkt der Stern des schwarzen Stars von Paris. Er kämpft wieder. Mordet, wieder. Zeit, die Erinnerungen niederzuschreiben.

Jan Jacob Mulder ist der willige Helfer einer der spannendsten Figuren in der französischen Geschichte. Joseph Boulogne wirkt in diesem historischen Roman manchmal wie ein Draufgänger, dem man postwendend seinen Degen wegnehmen sollte – er könnte sonst noch jemanden verletzen. Zum Anderen ist er Künstler durch und durch. Er komponiert wie eine Besessener und versucht seiner Kunst einen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken. Ist er dabei glücklich? Vereinzelt sprießt der jugendliche Frohsinn hervor. Oft jedoch ist Joseph Boulogne ein Getriebener. Als Leser kann man sich mit ihm identifizieren. Er kämpft immer auf der Seite derjenigen, denen es nicht so gut geht wie ihm selbst. Er setzt sich für die Abschaffung der Sklaverei ein, wenn nötig auch mit der Waffe in der Hand. Sein Liebesleben ist prall. Seine Kunst allerdings ist bei all dem Kämpfen und Rächen fast in Vergessenheit geraten.

Stan

In Santa Monica gibt es nur sonnige Tage. Tage, an denen man sich gern des Lebens erfreut. Und da kann es schon mal vorkommen, dass man in Erinnerungen schwelgt. Und je nachdem wie intensiv man gelebt hat, fallen diese Erinnerungen mal mehr, mal weniger eruptiv aus.

Im Oceana Apartment Hotel, den Pazifik in Seh- und Hörweite, room 203, wohnte einst er. Ein Mann, dessen Leben so erfüllt war, dass es nur in einem mehr als fünfhundert Seiten starkes Buch gepresst werden kann. Er war ein Star. Auch nach seiner aktiven Karriere. Allüren hatte er keine. Es sei denn, dass Treue als Allüre durchgeht. Er, der mit seinem Partner Babe Millionen, Generationen von Menschen glücklich machte. Man nannte ihn doof. Doch er war blitzgescheit. Babe ist nun schon Jahre tot. Doch noch immer zerren die Erinnerungen an mehrere Jahrzehnte vollendeter Schaffenskraft an seinen Nerven. Namen hatte er viele. Sie bedeuteten nicht viel. Und wer ihn erreichen wollte, konnte das tun. Sein Name stand bis zum Schluss im Telefonbuch. Man stelle sich vor, dass heute noch erfolgreiche Stars ihre Nummer öffentlich preisgeben würden…

Die Rede ist von Stan Laurel. Alias Arthur Stanley Jefferson (bis zum 6. August 1931 sein offizieller Name). Alias Doof. Das leicht bescheuert dreinblickende Halbduett von „Dick & Doof“ oder Laurel und Hardy. Oliver Hardy, alias Dick, alias Babe ist vor Jahren gestorben und John Conolly lässt Stan Laurel nun seinen Memoiren schreiben. Er, das ist Stan Laurel, in den Siebzigern. Fünf Ehen klüger. Und wahrscheinlich der liebenswerteste Hollywood-Schauspieler, den es je gab. Es ist wahr, dass jeder ihn anrufen konnte. Und wer bei ihm zuhause eingeladen wurde – und es waren nicht wenige – und dem immer noch lebenslustigen Stan Laurel ein wenig Gesellschaft leisten konnte, hatte vielleicht das Glück ein Souvenir zu erhaschen. Mit Freude verschenkte er billige Melonen, die Kopfbedeckung, die ihn einst so unverwechselbar machte. Und wer weiß, vielleicht setzte er sich selbst eine auf, nahm sie wieder ab und kratzte sich so unvergleichlich am Kopf. Ein Bild für die Götter!

Stan Laurel, er, ist nicht verbittert. Warum auch?! Über einhundert Filme hat er mit seinem Freund Babe, Oliver Hardy gemacht. Zusammengenommen bringen es beide auf weit über dreihundert Filme. Stan Laurel erreicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Cairnrona das gelobte Land. An Bord sind einige Schauspieler, die es nach Amerika zieht. Nach New York, was damals das Zentrum der Filmindustrie am anderen Ende der Welt war. Hollywood war damals noch eine überdimensionale Obstfarm. Zwei dieser Passagiere werden schon bald große Erfolge feiern. Und schon in weniger als einem Vierteljahrhundert Weltstars sein, die wirklich überall bekannt sind und bis heute bei der bloßen Erwähnung ihrer Namen Kriege beenden könnten. Der eine ist Stan Laurel, der andere ist Charlie Chaplin.

Schon bald kann sich Chaplin niemand mehr leisten. Stan Laurel begnügt sich mit 33.000 Dollar pro Film. Harald Lloyd bekommt zur gleichen Zeit mehr als das Vierzigfache. Oliver Hardy nur zwei Drittel von dem, was sein Partner und vor allem Freund bekommt.

Laurel und Hardy treffen sich, weil die Studiobosse es so wollen. Ein Dicker ist immer lustig. So die vorherrschende Meinung. Hal Roach wird ihr Produzent und der Garant eines (finanziell) sorgenfreien Lebens. Auch wenn seine Zahlungsmoral meist allzu leger ausfällt. Stan ist das Gehirn des Duos. Selbst nach Olis Tod schreibt er noch Sketche, die jedoch niemals Aufgeführt werden sollen. Ohne Oli will und kann er nicht. Das nennt man Treue bis über den Tod hinaus.

Mit ausgiebigem Faktenwissen reichert John Connolly diese fiktive Biographie eines der größten Filmgenies aller Zeiten an. Der Reichtum an Anekdoten verblüfft von der ersten Seite an. Stan Laurel konnte nicht mehr für dieses Buch befragt werden. Er starb drei Jahre bevor John Connolly geboren wurde. Aber es fällt kaum auf. James Finlayson, der Schnauzbart mit dem Knautschgesicht, eine Ikone der Stan&Ollie-Filme bekommt genauso viel Raum über das System herzuziehen wie die liebevollen Gedanken (und man darf sich sicher sein, dass Stan Laurel wirklich solche Gedanken hatte, es kann einfach gar nicht anders gewesen sein … bitte!) an den verschwundenen Freund.

„Stan“ rührt den Biographien-Markt gehörig auf. Immer wieder tauchen beim Lesen einzelne Szenen aus den Filmen auf, so dass man aus dem Lachen, zumindest Lächeln, nicht mehr rauskommt. Dieses Buch versteckt man nicht hinter „them thar hills“, dann wäre man ein „blockhead“. Man stellt es gut sichtbar und immer greifbar ganz vorn in den Bücherschrank. Denn dort gehört es hin!

Nico

Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Zumindest, wenn man ein Boulevard-Magazin zu verantworten hat. Ein Leben mit Drogen, Tod, Abweisung, Verlust, Verrat – im schrillen Schein der Prominenz.

Nico, der Name sagt vielen nichts mehr. Doch wer auch nur ein bisschen in diesem Buch herumblättert (das intensive Lesen folgt dann ganz automatisch), wird sich der Bedeutung von Christa Päffgen, die sich Nico nannte, schnell bewusst. Sie war zeitweise die drohende Stimme von Velvet Underground. Sie war die Mutter eines der Kinder von Alain Delon. Sie war. 2018 hätte sie ihren 80. Geburtstag feiern können, stattdessen jährt sich ihr Tod bereits zum 30. Mal.

In ihrem Geburtsjahr 1938 dreht sich die Welt etwas schneller, etwas heftiger und in eine gefährliche Richtung. Pogrome sind kurz nach ihrer Geburt in Köln an der Tagesordnung. Kurz vor Ende des Weltkrieges flieht die Familie aus dem bombardierten Köln ins brandenburgische Lübbenau. Und schon kurz Zeit später flieht Christa ins nahe Berlin. Die Trümmer sind ihre Spielwiese, und das KaDeWe, das schon bald wieder eröffnet wird, ist ihre Bühne. Hier entdeckt sie ein Fotograf. Herbert Tobias. Sie wird einmal ein Star. Das weiß er, daran arbeitet er. Doch als „dat Christa“ wird das wohl nichts. Eine unerfüllte Liebe Tobias‘ ist Namenspate für die schlanke Blondine mit den hohen Wangenknochen und der unverwechselbaren Stimme. Nico is born. Die Magazine reißen sich um sie. Paris wird ihr neues Zuhause. Sie reist wie ein Star, obwohl sie da noch kein echter Star ist. Als Schauspielerin will sie sich probieren, doch ihr eigener Kopf steht ihr immer wieder im Weg.

Die Melancholie, die harsche Ablehnung jeglicher Konventionen vernagelt ihr so manche Tür. In Fellinis „La dolce vita“ spielt sie mit, sich selbst. An der Seite von Alain Delon soll sie in „Nur die Sonne war Zeuge“ die weibliche Hauptrolle übernehmen. Sie kommt zu spät und Marie Laforêt bekommt die prestigeträchtige Rolle. Nicht zum letzten Mal wird ihre eigensinnige Haltung zur Pünktlichkeit einer anderen die Bühne bereiten. Zu allem Überfluss wird sie schwanger, von Delon, der den Titel des Vaters seither aber kategorisch ablehnen wird. Das Kind wird ein Omakind, wird sogar von Nicos Mutter adoptiert.

New York ist die nächste Station in Nicos viel zu kurzem Leben. Erst hat sie Andy Warhol in Europa getroffen, nun steht sie schon im Studio mit Warhols neuestem Projekt: Velvet Underground. Die Band, die am häufigsten als Vorbild genannt wird, jedoch nie einen echten Hit hatte. All ihre Songs wurden erst später zu Ohrwürmern. Affären mit Jim Morrison von den Doors, Bob Dylan, Iggy Pop, um nur ein paar auserwählte Namen zu nennen, folgen. Doch bringen sie der stets betrübten Nico kaum etwas Zählbares ein. So umgeht sie aber das Stigma durch Beziehungen Ruhm zu erlangen.

Punk, New Wave, neue Deutsche Welle – Trends interessieren Nico nicht im Geringsten. Der nächste Schuss ist ihr näher als so manche Liebe. Sie versetzt ihr Harmonium, das Instrument, das sie beherrscht, das ihr den Lebensunterhalt sichern könnte. Patti Smith springt ein und kauft ihr ein neues. Ende der Siebziger geht es wieder bergauf mit Nico. Das Heroin wird durch Methadon ersetzt, Sohn Ari ist wieder an ihrer Seite. Er vergöttert seine Mutter, mit fatalen Folgen…

Tobias Lehmkuhl konnte für seine Biographie Nico nicht interviewen. Als sie starb, war er gerade mal Zwölf und hatte sicher noch nie was von Christa Päffgen oder Nico gehört. Mit vehementer Detailverliebtheit zeichnet er ein Bild einer Frau, die so undurchsichtig war, so verschlossen, so geheimnisvoll. Jedes einzelne Gerücht zu entkräften, Geheimnisse zu lüften kann also gar nicht gelingen. Muss es auch gar nicht. Denn sie selbst hat schon in jungen Jahren derart viele und vor allem verworrene falsche Fährten gelegt, dass hier der Begriff Legende seinen Ursprung zu haben scheint. Was jedoch stimmt und sich niemals ändern wird: Nico wird für immer das fleischgewordene Geheimnis bleiben.

Inferno

Süße achtzehn ist Ursula. Die Schule hinter, das Leben vor sich. An der Kunstschule angenommen. Das Leben kann kommen. Die Straßen sind voller Eindrücke. Eindrücke, die ihr Leben beeinflussen. Das Offensichtliche jedoch bleibt Ursula noch verschlossen. Im Unterricht erschießt sich ein Mitschüler. Weil er es nicht mehr aushielt zu schweigen. Weil er kein Verräter sein wollte. Weil er nur diesen einen Ausweg sah.

Ursula bemerkt sehr wohl die Veränderungen um sie herum. Massen drängen auf die Straße, Uniformen bestimmen immer mehr das, was sie tagtäglich sieht. Auf der Straße, in der Schule, ja sogar zuhause. Häuser brennen. Menschen werden nicht einfach nur aus Versehen geschupst, sie werden verprügelt, geschlagen, ihnen die Klamotten vom Leibe gerissen. Es ist die Zeit des so genannten Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Wer nicht ins Bild passt, muss die Konsequenzen ziehen. Auch Ursula. Ihr Vater und ihr Bruder, besonders Letzter, tragen das Abzeichen, das sie zur neuen Elite zugehörig anzeigt. Ihr Bruder sieht die neuen Herren als Chance. Eine Chance zum Weiterleben. Ihr Vater hat schon aufgegeben, läuft mit. Besser man hält den Mund, denn die Wände haben Ohren. Und es werden immer mehr.

Ursulas Freund anerkennt die neuen Herren nicht. Er ist einer derjenigen, die Widerstand leisten. Und er hat Glück im Unglück. Man ist ihm und seiner Gruppe schon auf der Spur. Im Geheimen treffen sie sich. Planen ihren Untergrund, ihre Aktionen. Doch Verräter gibt es allenthalben. Vorsicht ist für ihn mehr als eine Worthülse. So mancher hält dem Druck nicht Stand. Das weiß Ursula. Sie war dabei als einer zusammenbrach…

Mela Hartwig zeichnet ein detailliertes Bild einer Grauzone. Es gibt kein einfaches Schwarz-Weiß in der Familie Ursulas. Eher ein Braun-Weiß. Doch selbst der Bruder besinnt sich seiner Familie und warnt, denn der Vater wird argwöhnisch (der auch das Abzeichen trägt) beobachtet. Die Täter handeln aus verschiedenen Motiven. Opportunismus und Machtgetue liegen oft näher beieinander als man es sich selbst eingestehen will.

Vor 85 Jahren begann dieses dunkle Kapitel. Vor 80 Jahren brannten die Feuer und beleuchteten dieses dunkle Kapitel für die Welt. Vor 70 Jahren schrieb Mela Hartwig diesen Roman. Und 2018 ist er endlich erschienen. Wein wird mit den Jahren immer besser, sagt man. Dieses Buch war von Anfang an ein Juwel. Doch nach dem Krieg waren auch die Verlage vorsichtig. Das Inferno der noch nicht lang zurückliegenden Zeit sollte nicht wieder aufgerüttelt werden. Und so schlummerte dieser Schatz jahrzehntelang in Archiven und wartete auf seine Entdeckung. Endlich wurde dieser Schatz gehoben. Ein mahnender Schatz, denn die Wortverdreher halten bereits wieder Hof und spitzen die Giftpfeile…

Flametti oder vom Dandysmus der Armen

Soll man diesen Flametti mögen oder verachten? Als großer Zampano schart eine exklusive Truppe um sich, die auf den Zuschauerrängen im Varieté für Ahhs und Ohhs sorgt. Doch hinter den Kulissen brodelt ein Vulkan, der unweigerlich irgendwann einmal zum Ausbruch kommen muss.

Ein Ausbrecherkönig und eine Horde Indianer sind da noch die harmlosen Figuren in diesem Spiel der Eitelkeiten. In erster Linie ist Flametti Geschäftsmann. Penibel rechnet er jeden Franken ab. Bleibt auch nur ein Krümel in der Kasse übrig – nachdem alle bezahlt wurden – ist Flametti glücklich und unglücklich zugleich. Glücklich, weil der Krümel ihm gehört. Unglücklich, weil er weiß, dass der Krümel von einem noch größeren Kuchen stammt, den er auch gern noch verputzen möchte. Doch die lieben Angestellten erlauben ihm es einfach nicht.

Ständig muss er sich um neue Engagements kümmern. Schon über ein Jahr im Voraus muss der Tourneeplan stehen. Sonst wird es eng. Und der Magen knurrt. Von Kuchen weit und breit nichts zu sehen.

Auch die Artisten sind sich untereinander nicht grün. Sticheleien und Eitelkeiten verkehren das karge Leben unterm Zirkuszelt in eine glamouröse Show. Da sind Eifersüchteleien vorprogrammiert. Wer eine Chance sieht seinen eigenen Vorteil noch vorteilhafter zu gestalten, nutzt diese Minichance. Und Flametti muss den ganzen Laden irgendwie zusammenhalten.

Image ist alles. Störung des Betriebsfriedens ist geschäftsschädigend. Und eine Klage wegen Verführungen einer Minderjährigen ist geradezu existenzbedrohend. Doch Flametti wäre nicht Flametti, kenne er auch in dieser scheinbar aussichtslosen Situation nicht den Weg zum sicheren Hinterausgang…

Hugo Ball gilt zusammen mit Tristan Tzara, Hans Arp und Marcel Janco als Begründer des Dada, der letzten Kunstrichtung, die es kunstvoll verstand nicht verstanden werden zu wollen. Ihr Cabaret Voltaire in Zürich, das sie gründeten ist die Wiege des Dada. Dieser kleine Roman brachte Hugo Ball allerdings nur Schmach und Häme seiner einstigen Wegbreiter ein. Die bisher dagewesene Kunst zu negieren, war ihr Ziel. „Flametti oder vom Dandysmus der Armen“ war in ihren Augen jedoch Mainstream. Und eine ungerechte Abrechnung mit ihren Idealen.

Dem Leser kann es egal sein – dieses Buch liest sich wie ein Bilderbogen aus längst vergangenen Tagen. Einhundert Jahre ist dieses Buch nur schon alt. Die Zeit ließ ihre Finger davon. Kein Wort hat in dieser Zeit an Dramatik und Nachhaltigkeit eingebüßt. Die Eloquenz von damals ist bis heute ein Leckerbissen für jedermann. Jeder Charakter im Buch ist derart plastisch dargestellt, dass es unmöglich ist einen Grauschleier über die Geschichte zu legen.

Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand

Aktion gleich Reaktion. Er hätte es wissen müssen. Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Doch Isaac Newton war dermaßen von sich überzeugt, dass Kritik an ihm abprallte wie ein Tennisball vom Center court. Oder besser, in ihm noch mehr Ehrgeiz hervorrief, der schon die Grenzen des guten Geschmacks übertrat.

Wenn man mit ihm spazieren ging, was ohnehin sehr selten vorkam, denn Newton war nicht unbedingt das, was man einen angenehmen Begleiter nannte, konnte es schon mal vorkommen, dass er wort- und grußlos umdrehte und sich seinen Forschungen hingab. Das war im 17. Jahrhundert. Forschung bedeutete damals eigentlich nur, dass man sein Wissen fast schon prahlerisch kundtat und wenn Fragen aufkamen sie mit einem Handstreich hinfort wischte. Physik, Chemie, oder gar Mathematik zu studieren, war nicht mit den Fächern der Gegenwart zu vergleichen. Auch die Literaturlisten, die am Anfang des Semesters ausgegeben wurden, waren eher übersichtliche Notizen denn echte Listen.

Isaac Newton wird in den Jahren nach seinem Tod 1727 (nach gregorianischem Kalender) als der Erfinder der heute gängigen Physik bezeichnet. Alles, was heute unter dem Begriff Physik erforscht wird, geht auf ihn zurück … salopp gesagt. Ihn als Urvater der Physik anzuerkennen, ist aber mehr Ehrerbietung als Wahrheit. Seine Forschungen dienen bis heute jedoch als Grundlagen. Die Geschichte vom Apfel, der ihm auf den Kopf fiel, und er somit der Erdanziehung auf die Spur kam, ist im Land der legenden anzusiedeln. Wahrscheinlicher ist es, das Newton bei einem seiner Spaziergänge eventuell einen fallenden Apfel beobachtet hat und einem ihm eigenen gedankenblitz hatte. Wie auch immer, dass alles, was hier bei uns den Halt verliert, nach unten fällt, ist Fakt. Ihn zu erklären, die Grundlagen für diese Erklärung zu schaffen, ist Newtons Verdienst.

Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Newtons Rückseite ist wahrlich schwarz, tiefschwarz. Denn charakterlich war er – wenn man Autor Florian Freisetter, selbst Astrophysiker in Jena, glauben darf – nicht der angenehmste Geselle. Wer ihm in die Quere kam, bekam die Wucht seiner Wut zu spüren. Plagiatsvorwürfe und ein nicht gerade soziales Verhalten brachten ihm den Ruf als Arschloch ein. Legendär sein Streit mit seinem deutschen Pendant Gottfried Wilhelm Leibniz. Die Missachtung des Anderen betraf aber beide Parteien. Die Diskreditierung der Arbeiten ging ziemlich weit. Man stelle sich vor, dass soziale Netzwerke damals schon bestanden hätten. Der Krieg der Posts wäre in die Geschichte eingegangen.

Florian Freistetter nimmt kein Blatt vor den Mund, um Isaac Newton zu würdigen, ihn aber gehörig den Kopf zu waschen. Als Akademiker war Newton ein Revolutionär. Aber einer, der sich nicht vollständig von der Vorstellung eines höheren Wesens, das all unsere Geschicke leitet, lösen konnte. Als Wächter der königlichen Münzprägestätte ging Newton mit Geschick und unbändigem Einsatz gegen Fälschungen vor. Theologie und Alchemie (die heute wahrlich nicht mehr als ernstzunehmende Wissenschaft im engeren Sinne angesehen wird) waren ihm genauso nah wie die Beleuchtung der Bewegung innerhalb unseres Sonnensystems. Einstein gilt heute als der genialste Kopf der Physik. Doch auch er wäre ohne Newtons Vorarbeit nicht weit vorangeschritten. Einstein war einfach sympathischer. Und deswegen ist er vielen heute näher als Isaac Newton. Er hätte es wissen müssen…