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Radetzkymarsch

Es gibt keinen Zweifel daran, dass dieser Klassiker nicht den Zweiflern anheim fallen wird, und den Weg in eine ungewisse Zukunft anzutreten hat. Wenn hier und da Klassiker, die jeden Jugendlichen schlussendlich zum Lesen antreibt, verteufelt werden, wird „Radetzkymarsch“ immer noch im kollektiven Gedankengut der Leserschar verwurzelt sein.

Das liegt zum Einen an der ungeheuren Wortvielfalt und ihrer eingängigen Anwendung. Zum Anderen eignet sich der Stoff immer noch dazu, um darzulegen, dass Ruhm und Ehre (und Zweifel und falsches Heldentum und und und) wie jede medaille zwei Seiten haben.

Joseph Roth gibt der Familie Trotta den ihr zustehenden Raum. Im Krieg fällt einem Trotta die Ehre zu ein Auge zu verlieren. Und da man sich im Habsburgerreich des 19. Jahrhunderts um seine Versehrten kümmert, darf er als Parkwächter das Schloss Laxenburg betreuen. Sein Sohn Joseph rückt im Ansehen noch einen Schritt höher als er dem Kaiser das Leben rettet. Aufstieg inklusive. Hauptmann Joseph Trott von Sipolje. Doch das Leben hat anderes mit der Familie vor.

Denn sein Sohn, der Sohn des Helden, wird – und da ist sich sein Vater sicher – immer der Sohn des Helden bleiben. Back to the roots – würde man den heroischen Schritt des Vaters heutzutage nennen. Denn er verlässt das Militär, wird wie seien Vorfahren wieder Bauer. Franz Freiherr von Trotta und Sipolje, sein Sohn, durfte nach dem Willen des Vaters (Joseph) nicht zum Militär, steigt aber zum Bezirkshauptmann auf. Da hatte der Kaiser seine Finger im Spiel.

Die Monarchie geht den Bach runter. Und auch das Leben der Trottas – mittlerweile mit Adelstitel – kennt nur eine Richtung. Und die ist nicht gen Himmel gerichtet. Denn die letzte Generation, der Enkel des Helden, muss zum Militär. Er will aber nicht. Das zarte Herz des Enkels des Helden von Sipolje ertrinkt im Alkohol und hört im Kugelhagel des Weltkrieges – da wusste noch niemand, dass es bald schon einen Folgekrieg geben wird – auf zu schlagen. Fast zeitgleich mit der Monarchie des einstig ruhmreichen Österreichs…

Eigentlich doch genug Stoff, um Zweiflern, Lautschreiern und Ewiggestrigen ein Signal zu geben „Radetzkymarsch“ den Marsch zu blasen und in die ewigen Jagdgründe zu schicken.

ABER: Der Autor heißt Joseph Roth. Den verteufelt man nicht einfach mal so im Vorbeigehen! Feingefühl, Wortgewalt und analytisches Schreiben kennzeichnen dieses Buch, das seit neunzig Jahren nicht lange in den Regalen der Buchhändler steht. Wer sich in der verklärten Vergangenheit des ruhmreichen Kaiserreiches des Habsburger tummeln will, kommt hier genauso auf seine Kosten wie diejenigen, denen zweifelhafte Heldenverehrung ein Dorn im Auge ist. Die Familiensaga des Trottas kommt niemals aus der Mode, weil die Strukturen, die Aufstieg und Fall einer Familie bis heute existieren – Parallelen zu aktuellen Emporkömmlingen sind offen sichtbar. Allein der Wille zur Macht ist berechenbar. Genauso wie das Ende einer Dynastie.

Hans Becker O5

Eine geradlinige Biographie sieht anders aus: Am Ende des 19. Jahrhunderts in eine österreichische Adelsfamilie (allerdings ohne Pomp und Glanz) an der adriatischen Küste geboren. Royalist. Jurist. Künstler. Journalist. Wissenschaftler. Propagandaleiter für die Vaterländische Front. Einer der Ersten, die ins KZ deportiert wurden, nachdem die Nazis Österreich annektierten. Wieder in Freiheit beharrlicher Kampf gegen die Besatzer. Diplomatendienst in Südamerika. Ermordung. In Vergessenheit geraten.

Wer das nächste Mal Wien besucht, schaut am Stephansdom mal ganz genau hin. Neben dem Eingangsportal sieht man noch das O5 in einen der Steine geritzt. Wenn man es nicht sucht, findet man es auch nicht. Die 5 in O5 steht für den fünften Buchstaben im Alphabet, das E. Zusammen OE, ein Symbol für die Befreiung Österreichs vom braunen Terror. Im Gegensatz zum Rest der Welt, der unter dem Hassregime litt, erinnert aber nichts mehr an Hans Becker, der eine Woche vor Heiligabend im Jahr 1948 durch die Waffe in der Hand eines ukrainischstämmigen Querulanten ums Leben kam.

Der Journalist Erhard Stackl macht sich in seinem Buch auf Spurensuche. Diese Suche führte ihn nicht nur in Archive und zur Familie Beckers, sondern bis ans gegenüberliegende Ende der Welt. Seine Recherchen zur Person Hans Beckers sind von einer langen Suche und ausführlichen Ergebnissen geprägt. Sie führen den Leser in eine Zeit über die schon viel geschrieben wurde. Die Leben vieler führender Köpfe sind wie ein offenes Buch. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an Neuentdeckungen.

Die Widerstandgruppe O5 war ein Sammelbecken für den Widerstand gegen Hitler. Hier engagierten sich Konservative, Linke, Künstler, Intellektuelle beseelt vom Kampf für ein freies Österreich. Ihr wichtigster Kopf – Hans Becker – ereilte das Schicksal, das so manch einer teilen musste: Er geriet in Vergessenheit.

Doch das ist nun Vergangenheit. Dank der vierhundert Seiten starken Biographie fällt das Licht der Erinnerung nun auf den Mann, der im Untergrund, teils im Hintergrund, Strippen zog, Aktionen plante, niemals aufgab. Die Jahre im Konzentrationslager konnten ihn nicht brechen. Im Gegenteil: Hier knüpfte er Kontakte und fand die Kraft, die ihm in der Zeit in relativer Freiheit die Hoffnung niemals verlieren ließ.

Immer wieder stößt man in den Kapiteln auf Menschen, denen bis heute ihrer Strahlkraft nicht entrissen wurde. Doch es sind diejenigen, die im Schatten kämpften, die dieses Sachbuch zu einem Abenteuerbuch machen, das man erst beiseite legt, wenn die letzte Seite gelesen ist.

 

Kaffeehäuser erzählen

 

Wenn diese Wände reden könnten, oft gehört nie so richtig ernst gemeint. Und wenn wir bei diesem Sprachbild bleiben, so hat Ulrike Rauh die spitzesten Ohren der Welt. Sie reiste von Chile bis zum Vesuv, von der Adria bis zur südamerikanischen Pazifikküste. Und hier und da rastete sie in einem Kaffeehaus und lauschte den Geschichten, die die Wände ihr erzählten. Sie ließ sich inspirieren, setzte sich in die Bücherregale der Cafés, verschwand nicht hinter, sondern im Vorhang und beobachtete. Und diese Erkundungstouren feiern in diesem außergewöhnlichen Buch ihre Zusammenkunft.

Wien ohne Kaffeehauskultur ist wie Paris ohne den Eiffelturm, Florenz ohne die Renaissance oder Venedig ohne das Wasser – einfach nicht einmal die Hälfte wert. Ulrike Rauh hat nicht alle Kaffeehäuser besucht. Aber, die sie besucht hat, bekommen durch ihre Geschichten noch einmal einen besonderen Touch von Exklusivität. Im Café Central in Wien beobachtet sie eine Dame, die hier ihr tägliches Ritual vollzieht. Sie liest wie einst Stefan Zweig, der die riesige Auswahl an Magazinen so mochte. Nach dem ersten Kaffee – es gibt soooo viele Arten der Zubereitung, vom Einspänner über den Verlängerten, dem Fiaker …. – gibt’s Kuchen, Malakofftorte und den zweiten Kaffee. Die Dame ist Schriftstellerin, das verbindet Beobachtete und Beobachterin.

Mal erzählen die eleganten, schweren Vorhänge vom Geschehen an den Tischen, mal sitzt die Erzählerin zwischen Bücherrücken und schaut neugierig auf die Szenerie. Histörchen gibt es allemal zu erzählen. Ulrike Rauh liebt es den Dingen auf den Grund zu gehen. Und so verwandelt sich die manchmal melancholische Erzählweise in eine Exkursion in längst vergangene Zeiten. Wer hat wann wen bedient? Wessen Bilder hängen (immer noch) an den Wänden? Welcher Freigeist konnte und kann sich hier den Weg bahnen?

Berühmte Cafés wie das Florian in Venedig bekommen dieselbe Aufmerksamkeit wie scheinbar in den Hintergrund getretene Wohltempel wie das Hawelka in Wien, dessen Ruf nur leiser als der des Sacher oder Mozart erscheint. Hier trinkt man nicht einfach nur eine Mischung aus gemahlenen, zuvor erhitzten Bohnen, die im gekochten HaZweiOh kredenzt werden. Hier zelebriert man das Leben. Hier lässt man die Seele baumeln. Hier ist man Mensch.

Kalender 2022 Österreichische Geschichte

Franz-Josef, Rudolf, Maria Theresia und natürlich Sisi – Österreichs Geschichte verbindet man oft mit Namen, den Namen gekrönter Häupter. Doch die Alpenrepublik auf ein paar Namen zu reduzieren, wäre fatal. Auch wenn die Hinterlassenschaften der Adligen bis heute sichtbare und wahre Besuchermagnete sind. Wenngleich man zugeben muss, dass 2022 mit vielen Berühmtheiten einhergehen wird.

So begeht man 2022 den 150. Todestag von Franz Grillparzer, dem österreichischen Nationaldichter, feiert den 225. Geburtstag von Franz Schubert und erinnert sich am 4. September an ein einhundertfünf Jahre zurückliegendes Ereignis, dessen Entstehung man oftmals den Beatles zuspricht. Alexander Moissi war ein Schauspieler. An diesem 4. September im Jahr 1917 – in Europa wütete unerbitterlich der Krieg – stand er auf der Bühne der Volksbühne Wien. Sein Spiel, vor allem aber sicher sein Aussehen ließ die Massen an Mädchen und jungen Frauen anschließend die Orchesterreihen stürmen. Massenhysterie. Ein Fall für Freud und Schnitzler, der übrigens am 15. Mai seinen 160. Geburtstag feiern würde.

2022 wird für viele ein besonderes Jahr werden. Irgendwann einmal wird es vielleicht das Jahr sein, in dem man die Pandemie mit dem allzu plakativen Wort Covid-19, das eher an eine militärische Spezialeinheit erinnert als an eine weltumspannende Angst, in den Griff bekam.

Österreichs Geschichte in Bildern: Jede Woche ein Jubiläum, das man feiert, sofern man sich erinnert, oder zumindest ein erinnerungswürdiges Ereignis, das man dank dieses Kalenders mindestens für sieben Tage (man kann diese beiden Worte auch ohne das derzeit anschließende „Inzidenz“ verwenden, tatsächlich!) im Kopf behält.

Die Bandbreite ist enorm. Vom Jubiläum der Vierschanzen-Tournee und der „Schande von Gijón“ über Eroberungen von Festungen wie der von Belgrad bis hin zur Geburtsstunde der österreichischen Eisenbahn findet jeder etwas, um näher an den Kalender heranzurücken und sich der Geschichte bewusst zu werden. Denn eines ist sicher: Geschichte wird niemals enden!

Lieblingsstädte

Mal schnell raus. Mal schnell weg. Mal schnell die Welt entdecken. Waren Städte einmal die höchste Entwicklungsstufe, die man sich vorstellen konnte, sind sie als eigenständiges Segment auf dem Reisemarkt nicht mehr wegzudenken. City Trips, Städtereisen – wie auch immer man es nennt: Städte entdecken ist spannend, erholsam und abenteuerlich in Einem. Achtundzwanzig Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen sich in diesem Reiseband von ihren schönsten Seiten.

Das beschauliche Bern hat man bei dem Gedanken an die Schweiz nicht unbedingt auf der ersten Seite der zu besuchenden Orte. Schneevergnügen steht da sicher weiter oben auf der Liste. Doch die Stadt hat mitunter mehr zu bieten als man sich oberflächlich vorstellen kann. Wie zum Beispiel die wohl ungewöhnlichste Stadtrund-„Fahrt“, die man sich vorstellen kann. Vom Wasser aus kann man viele Städte besichtigen. Auch von einem Fluss aus. Aber als eigener Kapitän? Einfach in die Aare springen – das geht an vielen Orten in Bern problemlos. Und sich dann von der Strömung mitreißen lassen. Aber Vorsicht! An einigen Stellen versperren Wehre das Weiterschwimmen. Kurz aus dem kühlen Nasse hüfen und ein paar Meter weiter wieder in die Aare hüpfen, kein Problem. Zur Belohnung gibt’s dann Rösti und ein Eis an einem der zahlreichen wunderschön gestalteten Brunnen.

Goethe, Napoleon, Bach – wo kann man das schon erleben? In Leipzig. Und noch mehr, wenn man die Augen offen hält … oder in diesem Buch blättert. Ganz aktuell mit dem Tipp zum letzten architektonischen Coup von Oscar Niemeyer, einer futuristischen Kugel. Sie ist im alten Industriegebiet der Stadt, das heute zum größten Teil als Ort für Künstler dient, als Kantine einer der wenigen verbliebenen Fabriken. Und sie ist besuchbar. Street art mit ältesten noch erhaltenen Kunstwerk dieser Stilrichtung, Speisen wie im bekanntesten Buch deutscher Sprache („Faust“) oder das größte Gothic-Festival der Welt – Leipzig ist eben nicht nur Messestadt und einer der am schnellsten wachsenden Städte in Deutschland (was ja irgendwie auch mit dem Angebot an Zerstreuung zu tun haben muss, oder?!).

Linz steht in Österreich in keinerlei Wettstreit mit anderen Städten wie Wien oder Salzburg. Die haben ihre Fans. Linz kommt langsam, aber stetig an die Oberfläche und wartet Höhenrausch und Unterwelten gleichermaßen auf. Und als Wegzehrung immer eine Linzer Torte.

Jedes Kapitel beginnt mit dem „perfekten Tag“, gefolgt von zahlreichen Tipps, was man noch sehen muss. Das Buch ist alphabetisch geordnet, was dazu führt, dass man es automatisch bei jedem Trip durch eines der drei Länder in die Hand nimmt. Denn so kompakt und informativ für den kleinen Abstecher zwischendurch wurde man selten verführt. Das Offensichtliche und das Verborgene gehen in diesem Buch eine zufriedenstellende Symbiose sein.

Location Tour – Die schönsten Drehorte Europas

Das sieht ja aus wie im Film! Hat jeder schon mal erlebt. Ein Gebäude, einen Park, eine Szene. Hier muss es gewesen sein. Man lässt im Kopf einen Film ablaufen und sucht nach den Orten, wo der Hauptdarsteller diese eine entscheidende Szene zum Besten gab. Man will wissen, wo die Kamera stand. Viele Orte aus Filmen, die den Zuschauer in ihren Bann zogen sind verschwunden. Wie das zerstörte Wien aus „Der dritte Mann“ – zum Glück. Denn die Trümmer sind einer grandiosen Kulisse gewichen, die bis heute als Filmlocation dienen. Und wer genau hinsieht, erkennt die Tricks der Filmbranche. Denn die Stiftsgasse aus dem Film befindet sich gegenüber der Österreichischen Nationalbibliothek. Und das Haus in der Stiftsgasse ist einem Parkhaus gewichen.

Oft werden Locations, also Drehorte mehrmals benutzt. Das Schloss aus „Highlander“, Schloss Eilaen Donan Castle, diente später als MI-6-Hauptsitz und schon Jahre zuvor in „Der Freibeuter“ als Kulisse.

Schloss Moritzburg erlebt besonders als verschneite Winterlandschaft als Traumziel für alle, die von „Aschenbrödel“ nicht genug bekommen können. Und wer kann schon Schloss Sanssouci in Potsdam besuchen, ohne sich nicht umzusehen, wo Romy Schneider ihren (echten) Tränen freien Lauf ließ?

Wer Rom besucht und sich im Fontana-di-Trevi-Trubel durchaus wohl fühlt, sieht Anita Ekberg im Brunnen herumtollen. Auf der Spanischen Treppe – nur zehn Minuten zu Fuß entfernt – ein Eis essen ist in etwa so unterhaltsam wie „Ein Herz und eine Krone“ mit der unvergessenen Audrey Hepburn, die hier der Welt entrückt genüsslich ihr gelato schleckte. Sie kommt im Buch ein weiteres Mal vor, an ihrem Wohnort am Genfer See erinnert eine Büste an eine der zahlreichen Prominenten, die sich hier niederließen, Chaplin’s World ist nicht minder sehenswert.

Dieser ungewöhnliche Reiseband begeistert, da er zwar Bekanntes zeigt, durch die Fülle jedoch immer neue Reiseideen kreiert. Man kann in dem Buch nach Filmen suchen und die Drehorte finden. Oder man plant für die bereits gebuchte Reise einzelne Ausflüge an Orte, die man von der Leinwand oder aus dem Fernsehen kennt. Es sind Reisebände wie dieser, die eine Reise zu einem echten Erlebnis machen können. Einmal in diesem Buch geblättert und schon lodert die Flamme der Neugier. Von Malta bis Spanien, von Irland bis Kreta erlebt man so manches filmische Highlight noch einmal.

Almost

Vielleicht hat der Eine oder Andere das schon mal erlebt. Um sich weltoffen und kreativ zu geben, gestalten Hotels hier und da ihre Zimmer mehr oder weniger geschickt nach gängigen Images verschiedener Destinationen. In der Miami-Suite ist alles quietsch-bunt, dass man Angst haben muss in die 80er zurückkatapultiert zu werden und Don Johnson auf der Straße eine Vollbremsung hinlegt. In der Almhütte sind die Wände mit allerlei Geweih verziert. Und im Raum Paris prangen überall Herzchen. Das ist klischeehaft und nicht im Ansatz originell.

Wojciech Czaja nutzte die coronabedingte Kreativenge als Sprungbrett für Neues. Er cruiste mit seiner Vespa durch Wien und fand … die Welt. Wie das? Ganz einfach. Augen auf, Kamera an und fertig. Immer noch nicht klar wie man im Lockdown die Welt erkundet? Als Architektur- und Stadtkulturjournalist hat er einen besonderen Blick für seine Stadt. Wien. Er ist weit gereist, als das noch ging. Und die Erinnerungen sind immer noch präsent – so stark ist dann halt doch kein Virus! Punkt für das Erinnern. Immer wieder spielte ihm die Erinnerung, wenn man so will, einen Streich. Er schaute links, er schaute rechts, nach Oben, nach Unten. Und schon waren sie wieder da, die Erinnerungen. So manches Haus, so manche Aussicht erinnerte ihn an San Francisco (jeder, der die Riesenradkabinen im Prater betrachtet, kann die Gemeinsamkeiten mit der Cable Car durchaus erkennen). Oder Tel Aviv in der Wolfganggasse im Zwölften. Die Bauhausarchitektur verleitete ihn im Handumdrehen sich an die israelische Hauptstadt zu denken.

Eine Frontseite eines durchaus präsentablen Hauses in Neubau lässt Washington an der Donau erstehen.

Einhundert solcher Flashbacks hatte Wojciech Dzaja. Er holte sein Telefon raus und fotografierte (man stelle sich vor, dieser Satz wäre schon vor dreißig Jahren geschrieben worden – hätte kein Mensch verstanden. Aber Corona ist ja bis heute auch noch nicht bei jedem angekommen…). Kurz und knapp das Wo geklärt, Bild hinzugefügt und fertig ist das ungewöhnlichste Wienbuch, das während der Corona-Pandemie entstanden ist.

Das Besondere daran ist, dass hier kein Homeofficer vom Schreibtisch aus die Stadt immer wieder neu entdeckt. Der Autor ist rausgefahren, durch die Straßen und Gassen einer der lebenswertesten Städte der Welt. Und er fand Letztere an Orten, die viele Touristen nicht entdecken werden. Wie die ehemalige Tabaksfabrik in der Nusswaldgasse in Döbling. In einer Seitenstraße liegt dieses Kleinod. Reichverziert wie ein Märchenpalast aus Tausendundeiner Nacht. Oder aus Isfahan, der iranischen Metropole, die mit ihrem Naqsch-e-Dschahan-Platz und den ihn umgebenden Gebäuden auf Immer und Ewig faszinieren wird.

Doch es ist eben alles nur fast, almost, Quito, Zürich, Helsinki, Gera. Dennoch, oder gerade deswegen ist dieses Buch mehr als nur ein lesens- und betrachtungswürdiges Druckerzeugnis. Es ist nicht das erste Corona-Buch „der Saison“, aber mit Abstand und für sehr lange Zeit das Beste! Ein sehr persönliches Buch, das jeden sofort anstecken wird, mit Reisefieber! Das tut nicht weh, und braucht auch kein Impfmittel.

Die kranken Habsburger

Welch wohlklingender Name: Habsburg. Europas Geschichte ohne einen Habsburger zu erzählen, wäre wie über das Jahr 2020 zu berichten, ohne dabei das Wort Corona in den Mund zu nehmen. Einfach unmöglich. Mit einem Trick, genauer gesagt mit einer Fälschung haben sich die Habsburger in den europäischen Hochadel gemogelt. Sie stellten quer über den Kontinent (und sogar darüber hinaus) Fürsten, Prinzen, Könige, Königinnen(!) und Kaiser. Durch geschickte Heiratspolitik hatte man in fast jedem Königshaus Europas seine Nachkommen untergebracht. Das erhielt den Frieden, meistens. So viel zur Geschichte, die jeder nachvollziehen kann.

Hans Bankl reichte das nicht. Der promovierte Pathologe hat – ganz im Sinne seines Fachgebietes – die Habsburger unter die Lupe genommen. Von der offensichtlichen herabhängenden Unterlippe, die berühmte Habsburger-Lippe, nach der oft in Quizshows gefragt wird, bis hin zu Krankheiten, die der Familienlinie nicht immer zu Gute kam, widmet er sich den kleinen Familiengeheimnissen dieser Dynastie.

Siebenhundert Jahre gab es kein Entrinnen vor den Habsburgern. Die waren einfach überall. Am spanischen Königshof, in Frankreich, Ungarn, Österreich (natürlich), Bayern, Lothringen, sogar in Mexiko. Das war aber eher ein Zwischenspiel, denn Kaiser Maximilian wurde nach wenigen Jahren der Regentschaft, die auch nur auf den „Wunsch“ Frankreichs zustande kam, erschossen.

Der unbändige Drang die Geschicke Europas zu steuern hatte aber auch einen gravierenden Nachteil. Irgendwann stirbt jede Linie einmal aus. Denn als Prinz wurde man automatisch Erbfolger. Als Mädchen war man Handelsgut, um an die Höfe Europas verschachert zu werden. Und genauso irgendwann hat man den Überblick verloren, wer wann wen heiratete. Ein heilloses Durcheinander war die Folge, so dass es nicht selten vorkam, dass gleiches Blut mit gleichem Blut die Ehe einging. Inzucht war die logische Folge, und mit ihr die bekannten Folgen.

Hat man sich erst einmal mit den oftmals gleichen Namen und den Jahreszahlen bekanntgemacht – als Nichtösterreicher und Nichthistoriker kann man bei den vielen Doppelungen der Namen schon mal durcheinander kommen – liest sich diese außergewöhnliche Familienchronik wie ein süffisanter Abriss der europäischen Adelsgeschichte. Man merkt Autor Hans Bankl des Öfteren das Schmunzeln an, das er beim Schreiben gehabt haben muss. Die Habsburger jedoch nur als inzestgeplagte Brut mit dem Hang zur Machtgier und oft ungeschickter Handlungsweise zu sehen, wäre fatal. Die Habsburger haben sicher mehr für die Einigung Europas getan, als man ihnen zugestehen möchte. Die Wahl der Mittel ist ohne Zweifel fraglich. Ihre Hinterlassenschaften sind es nicht. Man stelle sich beispielsweise Wien ohne Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum vor. Ganz zu schweigen von der Sissi-Industrie, die seit über einem Jahrhundert vom Glanz der schillerndsten Habsburgerin unzählige Familien ernährt und noch viel mehr Familien in Verzückung versetzt.

Der amüsante Schreibstil, das Detailwissen und das rasante Tempo des Buches begeistern bei jedem Lesen.

Wachau, Waldviertel, Weinviertel

Kaum vorstellbar, aber es gibt Menschen, die Wien überdrüssig sind und ihren Erlebnishorizont erweitern wollen. Und es vor allem auch können. Denn vor den Toren der Donaumetropole liegen – ganz ohne W, wie Wien, geht es doch nicht – die Wachau, das Wald- und das Weinviertel. Und von einem Viertel Erlebnis ist man hier meilenweit entfernt. Das volle Programm erwartet einen hier.

Selbst kleine Erhebungen von nicht einmal dreißig Metern schaffen ein Erlebnis, das man sonst lange suchen muss. Wie die Aubergwarte bei Zwettl im Kamptal im mittleren Waldviertel. Ein Aussichtsturm, der schon von Unten eine Augenweide ist. Ein gigantischer Holzturm, von dessen Aussichtsplattform man nach 130 Stufen einen umfassenden Rundumblick genießen kann.

Dürnstein in der Wachau gehört zu den Must-Dos der Region. Der einmalige blaue Kirchturm prägt jede Erinnerung an den nicht einmal tausend Einwohner zählenden Ort. Ob Richard Löwenherz sich ebenso verträumt an den Ort erinnert, darf bezweifelt werden. Er saß im Kerker oberhalb und hätte sicher gern auf diese Aussicht verzichtet. Damit ist er wohl der einzige Besucher des Ortes, der keine schönen Erinnerungen hat.

Beim Weinviertel hat jeder Genussmensch sofort nur einen Gedanken: Hoffentlich bleibt’s nicht dabei. Ein Viertele ist zu wenig. Und setzt man den ersten Schritt ins Weinviertel ist man jeder Sorge entledigt. Auf Schritt und Tritt begegnet man dem, was man noch in Jahren im Kopf herumschwirren hat. Die wuchtige Burg Kreuzenstein, die futuristische Turmschnecke in Stetten oder eine Kanufahrt in den Stockauer Donau-Auen. Man muss im Buch nur einmal umblättern und hat schon Ideen für mehrere Tage Erlebnisreisen.

Um sich zurechtzufinden in der Fülle an Erlebnistouren, die man hier erleben kann, ist der Reiseband exzellent gegliedert. Die Lotsenseiten geben einen raschen Überblick über die kommenden Seiten. So wird die Tagesplanung für die nächsten Tag ein Kinderspiel. Selbst wer nicht so viel planen möchte, kommt schon beim bloßen Lesen und Durchblättern in Zeitnot. Und für das Quäntchen Zusatzwissen sorgen die einmaligen farbig angesetzten Infokästen, die mit Anekdoten die kleinen grauen Zellen zum Schwingen bringen.

Moderne Architektur, traditionelle pittoreske Fassaden im gebrauchsfertigen Gewand lassen diesen Reiseband nicht oft im Rucksack verschwinden. Er schmiegt sich fest in die Hand und sein Inhalt setzt sich im Kopf fest, so dass die drei Viertel im Norden Wiens schon bald zum festen Ausflugsprogramm gehören werden. Auch ohne Wienabstecher gehören Wachau, Waldviertel und Weinviertel zu den unumstrittenen Höhepunkten.

Den Autoren Barbara Reiter und Michael Wistuba wurde es sicher leicht gemacht ihre Reisetipps zusammenzutragen. Sie in handhabbarer Form zu präsentieren ist ein Kunst, die die beiden exzellent beherrschen.

Wo Dein sanfter Flügel weilt

Philip Mason ist ein Glückspilz. Der Musikstudent bekommt ein Stipendium für seine Arbeit über die „Verbindungen der zwischen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Wiener Klassik“, um seine Forschungen an der Donau voranzutreiben. Im heimatlichen Amerika kann er schon erhebliche Erfolge vorweisen, doch in der Geburtsstadt seiner Mutter, wo Beethoven, Schubert, Mahler, Mozart zuhause waren, sind die Archive praller gefüllt als anderswo.

Um sich an die Stadt zu gewöhnen und sich einzuleben, eignet sich ein Konzert in dieser von Musikgeschichte durchtränkten Stadt vorzüglich. Doch das Klangerlebnis wird bald schon zu einer Obsession. Schuberts letzte Sinfonie, die in C-Dur, weist erstaunlich viele Parallelen zu Beethovens Neunter auf. Auch bei „Don Giovanni“ von Mozart scheint sich Franz Schubert bedient zu haben. Auf den ersten Blick – für den ungeübten Leser – ein klarer Fall von Plagiat. Aber wen soll man denn heute noch belangen? Schubert selbst? Der ist 1828 im Wiener Stadtteil Hietzing gestorben.

Als Musiktheoretiker wird in Phil Mason dem Forscherdrang Nahrung gegeben. Ihn wundert’s, dass es so wenig Literatur über das Offensichtliche (zumindest für Wissenschaftler wie ihn) gibt. Eine Arbeit allerdings gibt es schon. Verschlossen. Nur mit Erlaubnis der Autorin zu lesen. Die muss er erstmal finden? Gar nicht so einfach. Zumal auch dieses Dame inzwischen verstorben ist. Hat sich erhangen, wie ihre Mitbewohnerin und Jugendfreundin voller Bedauern auf Phils Drängen hin ihm mitteilt. Wem bis hierhin nicht klar sein sollte, worum es in diesem Buch geht, wird von nun auf der Klaviatur des Bösen eine harte Wendung nach der Anderen entgegen geschmettert.

Das legendäre Moskauer Sonderarchiv – Phil ist mittlerweile derart von der Idee besessen, dass in Schuberts Sinfonie ein Geheimnis lauert, das nur darauf wartet ans Tageslicht gezerrt zu werden – dringt Phil in Dimensionen vor, die er niemals zu erforschen wagte. Bis nach Südamerika treibt es ihn. Ihm wird schlussendlich klar, dass er nicht nur in ein Wespennest gestochen hat, sondern dass die Wespen schon einige Male zu gestochen und ebenso Larven hinterlassen haben…

Wie ein Doctor Jones der Musiktheorie wird aus dem wissbegierigen Musiktheoretiker Phil der sich jeder Gefahr stellende Abenteurer Mason. Man muss kein Schubertianer, Beethoven-Fanatiker oder Mozartienser sein, um sich in den Stoff hineinzudenken. Ein gesundes Maß an Krimispaß und das natürliche Gespür für Klassik reichen aus, um Sebastian Themessls Roman folgen zu können. Die möglichen Wissenslücken füllt er mit Präzision und Detailreichtum auf.