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Kaffeehäuser erzählen

 

Wenn diese Wände reden könnten, oft gehört nie so richtig ernst gemeint. Und wenn wir bei diesem Sprachbild bleiben, so hat Ulrike Rauh die spitzesten Ohren der Welt. Sie reiste von Chile bis zum Vesuv, von der Adria bis zur südamerikanischen Pazifikküste. Und hier und da rastete sie in einem Kaffeehaus und lauschte den Geschichten, die die Wände ihr erzählten. Sie ließ sich inspirieren, setzte sich in die Bücherregale der Cafés, verschwand nicht hinter, sondern im Vorhang und beobachtete. Und diese Erkundungstouren feiern in diesem außergewöhnlichen Buch ihre Zusammenkunft.

Wien ohne Kaffeehauskultur ist wie Paris ohne den Eiffelturm, Florenz ohne die Renaissance oder Venedig ohne das Wasser – einfach nicht einmal die Hälfte wert. Ulrike Rauh hat nicht alle Kaffeehäuser besucht. Aber, die sie besucht hat, bekommen durch ihre Geschichten noch einmal einen besonderen Touch von Exklusivität. Im Café Central in Wien beobachtet sie eine Dame, die hier ihr tägliches Ritual vollzieht. Sie liest wie einst Stefan Zweig, der die riesige Auswahl an Magazinen so mochte. Nach dem ersten Kaffee – es gibt soooo viele Arten der Zubereitung, vom Einspänner über den Verlängerten, dem Fiaker …. – gibt’s Kuchen, Malakofftorte und den zweiten Kaffee. Die Dame ist Schriftstellerin, das verbindet Beobachtete und Beobachterin.

Mal erzählen die eleganten, schweren Vorhänge vom Geschehen an den Tischen, mal sitzt die Erzählerin zwischen Bücherrücken und schaut neugierig auf die Szenerie. Histörchen gibt es allemal zu erzählen. Ulrike Rauh liebt es den Dingen auf den Grund zu gehen. Und so verwandelt sich die manchmal melancholische Erzählweise in eine Exkursion in längst vergangene Zeiten. Wer hat wann wen bedient? Wessen Bilder hängen (immer noch) an den Wänden? Welcher Freigeist konnte und kann sich hier den Weg bahnen?

Berühmte Cafés wie das Florian in Venedig bekommen dieselbe Aufmerksamkeit wie scheinbar in den Hintergrund getretene Wohltempel wie das Hawelka in Wien, dessen Ruf nur leiser als der des Sacher oder Mozart erscheint. Hier trinkt man nicht einfach nur eine Mischung aus gemahlenen, zuvor erhitzten Bohnen, die im gekochten HaZweiOh kredenzt werden. Hier zelebriert man das Leben. Hier lässt man die Seele baumeln. Hier ist man Mensch.

Der langsame Tod der Luciana B.

Wenn man sich zehn Jahre nicht gesehen hat, freut man sich auf das Wiedersehen, wenn man sich so gemocht hat wie der Erzähler in diesem Buch und seine ehemalige Assistentin Luciana. Sie half ihm als er wegen einer Handverletzung nicht selbst schreiben konnte. Der damals schon erfolgreiche Autor Kloster war verreist, und so hatte Luciana bei ihm einen Überbrückungsjob bis Kloster aus dem Urlaub zurückkehrte. Doch was nun in seiner Tür steht hat nichts mehr mit der Luciana von vor zehn Jahren zu tun. Die Lebensfreude ist nicht nur aus ihrem Gesicht, sondern aus ihrem gesamten Körper gewichen. Das hat einen Grund: Kloster!

Er hat ihr Leben zerstört und macht sich nun daran Luciana B. endgültig zu töten. Was war geschehen? Als Kloster aus dem Urlaub mit Frau und Tochter zurückkehrte, machte er ihr mehr als nur Avancen. Er bedrängte sie. Sie wies ihn ab. Verklagte ihn. Bekam Recht und eine „Entschädigung“. Zwischenzeitlich war Pauli, Klosters Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er war ein gebrochener Mann. Doch erfolgreich wie nie zuvor. Er stand auf einmal in der Öffentlichkeit, genoss es scheinbar im Rampenlicht zu stehen. So kannte ihn Luciana nicht. Und weiter? Lucianas Freund – ertrunken. Während des Urlaubs am Meer. Dort hat sie auch Kloster wieder gesehen. Zufall? Lucianas Eltern – an einer Pilzvergiftung gestorben. Sie waren erfahrene Pilzsammler. Dass ausgerechnet ihnen ein Grüner Knollenblätterpilz ins Essen gerät, war eher unwahrscheinlich. Am Tag der Beerdigung sah Luciana ihn – Kloster –  wieder. Wahrscheinlich hat er nur das Grab seiner Tochter besucht.

Bis hierhin ist alles klar. Kloster hat irgendwie seine Finger im Spiel. Auch an dem Mord an Lucianas Bruder, der von einem geflohenen Lebenslänglichen bestialisch der Garaus gemacht wurde. Luciana bittet nun ihren alten Freund, den Schriftstellerkollegen des so berühmten Klosters, dem Erzähler ihr zu helfen. Das tut er gern. Offen und ehrlich tritt er Kloster gegenüber. Auffallend gut informiert ist dieser Kloster, muss er zugeben. Er durchschaut das Spiel. Und er hat seine eigene Version darüber, was in den vergangenen zehn Jahren passiert ist …

Was sich anfänglich nach einem glasklaren Fall anlässt, wandelt sich abrupt zu einem Vexierspiel, in dem der Leser aufpassen muss nicht dem Falschen auf den Leim zu gehen.  Nach und nach – ganz langsam, so wie es der Titel verspricht – wird jeder der beteiligten unweigerlich zum Verdächtigen. Jedes Wort wird als Ausrede wahrgenommen, so dass man schließlich kaum noch jemandem etwas glauben kann. Und genau das will Guillermo Martinéz! Und ganz ehrlich: So will es auch der Leser!

Die schönsten Landschaften unserer Erde

Um es gleich vorwegzunehmen: Bei so mancher Abbildung kommt man ins Zweifeln. Ist das echt? Gibt es das wirklich? Das kann doch nicht wahr sein, oder? Und die Antwort lautet stets: Ja, doch es ist so. Alles echt!

Wenn man aus dem Fenster schaut und das Grau des Alltags sieht, und dann ein wenig in diesem Prachtband herumblättert, kehrt im Handumdrehen die Hoffnung zurück. Mitten in der Namib-Wüste steht ein Kameldornbaum. Auf den ersten Blick denkt man an die letzten Stunden dieses Baumes. Die Wurzeln treten aus dem kargen Boden hervor, so als ob der Baum jeden Moment abzuheben droht. Keine Chance auf Wasser. Über ihm der sternenklare Himmel. Das, was wir so sorglos Zivilisation nennen, ist Lichtjahre entfernt. Und dennoch verströmt diese Ödnis eine Schönheit, die den Betrachter gefangen nimmt.

Wenn das Laub im Indian Summer das Auge vor die Herausforderung stellt, die Farben einzuordnen, sind kleine Details oft von Belang. Vor den Stämmen eines durch und durch grauen Waldes scheinen die roten Blätter eines Laubbaumes wie eine Verhöhnung der Tristesse.

Eine Luftaufnahme aus dem Muddus National Park in Schweden führt erst einmal in die Irre. Wolken, Wald, karges Gebirge. Bei genauerem Hinsehen realisiert man, dass der Berg vom Wasser umgeben ist, auf dessen glatter Oberfläche sich die Wolken am Himmel spiegeln.

Nur drei Beispiele für die Vielfalt der ausgewählten Bilder in diesem Buch. Jedes Bild, jede Seite, oft Doppelseite, ist eine Reise in die Schönheit der Natur. Nicht oft, sondern immer wird man daran erinnert, was es damit auf sich hat, wenn von der Schönheit von Mutter Natur die Rede ist. Und warum wir sie beschützen müssen.

Die Fotografen, die ihre best shots für dieses National Geographic Buch zur Verfügung gestellt haben, tragen immer noch ein Lächeln im Gesicht. Sie haben etwas gesehen, das viele nur aus diesem Buch kennen werden. Es sind nicht einfach nur Momente, die zum richtigen Zeitpunkt festgehalten wurden. Es sind Abbildungen vom oberen Ende der Einzigartigkeit in der Natur. Man fühlt sich privilegiert sich in diese Bilder hineinziehen zu lassen. Einmal um den Erdball und dabei nur das Beste vor die Augen zu bekommen. Oscar Wilde wäre es gerade gut genug gewesen. Man möchte nicht aufhören in diesem Buch zu blättern!

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.

Wer nicht?

Claudia Piñeiros Werk ist wie ein Sinfonieorchester und ihre Bücher sind wahre Sinfonien der Emotionen. Ein im Bauch grummelnder Bass wie in „Elena weiß Bescheid“. Eine keck trällernde Flöte wie „Betty Boop“ so zauberhaft nahbar macht. Dramatische Hörner, die das Tun und Lassen der „Donnerstagswitwen“ untermalt. Oder verspielte Violinen, die dem Liebeswirrwarr in „Ganz die Deine“ das musikalische Bett bereitet. Jeder Satz ein Paukenschlag! Nun erweitert Claudia Piñeiro ihr Register um den Tango des echten Lebens.

Julián ist seit einiger Zeit von Silvia geschieden. Die Kinder Tomás und Anita sind bei ihrer Mutter geblieben. Ein einschneidendes Ereignis, das Julián bis heute nicht verarbeitet hat. In seiner Lethargie hat der Makler sogar vergessen, dass er sich eine neue Wohnung besorgen muss. Die Zeit drängt, denn sein Sohn hat Geburtstag und Sonia hat Julián erlaubt, dass die Kinder bei ihm übernachten dürfen. Es gibt keine Straße, die „bei ihm“ bedeutet. Aber es gibt den Schlüsselkasten im Maklerbüro.

Auch George Mac Laughlin ist größtenteils Single in Buenos Aires. Als Generaldirektor eines Getreidekonzerns ist die meiste Zeit des Jahres hier, einen immer geringeren Teil im heimatlichen London. Als ihn die Nachricht von der Hochzeit seines Sohnes ereilt, wirbelt das allerlei Staub aus der Vergangenheit auf. Denn Carlos, den George immer noch Charlie nennt, was Carlos maßlos ärgert, ist nicht gut auf seinen Vater zu sprechen. Das Ja-Wort in der Kirche, der Familienersatz im Zuschauerraum geben ihm den Rest. Zum Glück hat er noch eine Wohnung in der Stadt. Die wird ihm Ruhe geben. Doch „bei ihm“ findet gerade eine Geburtstagsparty statt…

Wie ordentlich ihr Fabián doch war. Der Koffer so akkurat gepackt wie eh und je. Alles an seinem Platz, faltenfreie Eleganz. Doch in die Freude an das Vertraute mischt sich ein beklemmendes Gefühl. Denn Fabián ist tot. Im Flugzeug gestorben. Alle Wiederbelebungsversuche waren zwecklos. Und nun stehen vor der Witwe die zwei Koffer ihres Mannes. Abgereist ist er allerdings nur mit einem. Das Zahlenschloss des ersten Koffers lässt sich mühelos öffnen. Der Code ist die Hausnummer, in der sie lange zusammen glücklich lebten. Der Andere hat einen anderen Code. Der Adressanhänger gibt Aufschluss. Genauso penibel gepackt wie der Erste. Es ist Fabiáns Koffer. Doch der gehört zu einer Anderen.

Die hohe Kunst Zeilen epische Geschichten zu erzählen gelingt Claudia Piñeiro mit Bravour. Sie schaut durchs Schlüsselloch ihrer Nachbarn, vernimmt Geräusche und lässt die Phantasie durch ihre Finger strömen. Die Figuren erscheinen nicht wie starre Marionetten, die man an Fäden durchs Leben straucheln lässt. Sie sind echt. Haben ihre eigenen Willen und ein eben solchen starken Charakter. Dass man ab und zu mal auf die Nase fällt, gehört dazu. Sich aufzurappeln, den Staub des Versagens abzuschütteln – dazu gehört Mut und Durchsetzungskraft. Starke Geschichten einer starken Autorin. Wer nicht „Wer nicht“ liest, kommt nicht in den Genuss Besonderes erlebt zu haben.

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Väterland

Kaum vorstellbar, aber es gab tatsächlich eine Zeit, in der es in Argentinien kaum fanatische Fußballfans gab. Doch das war vor diesem Roman, der im Jahr 1933 in der brodelnden Metropole Buenos Aires spielt. Bernabé Ferreyra ist der Star der ganzen Liga. Steht er auf dem Spielfeld, haben Torhüter wenig zu lachen. Ein einziger Torwart hat es geschafft mal keinen Ball von ihm in die Maschen knallen zu lassen. Dafür gab`s eine Prämie und ‘nen Pokal. So war das 1933 in Buenos Aires. Bis … ja bis Bernabé Ferreyra verschwand. Einfach so. Wie schon so manches Mal zuvor. Er weiß, was er wert ist und nutzt sein Talent, um die Kasse aufzufüllen. Doch dieses Mal scheint alles anders zu sein.

Andrés Rivarola hat da so ein Gefühl. Das hat er öfter mal. Zu mehr hat er es mit seinen fast dreißig Jahren noch nicht gebracht. Sein Kumpel Gorrión ist da schon eine Stufe weiter. Als Kokaindealer hat er ein einträgliches Geschäft. Zu seinen Kunden zählen unter anderem echte Stars. Solche wie Bernabé Ferreyra. Der, der gerade die Schlagzeilen der Gazetten mit seiner Nichtpräsenz füllt. Rivarola wittert eine Geschichte, einen Zeitvertreib, vielleicht sogar den einen oder anderen Peso. Er muss nur seinem Freund, dem Dealer aus seiner misslichen Lage befreien helfen. Raquel soll ihm dabei zur Seite stehen.

Er und Raquel – ein Traum. Auch sie ist momentan nicht bei bester Verfassung. Eine Freundin ist verschwunden. Finanziell kommt María de las Mercedes Olavieta aus einer ganz anderen Liga. Viel weiter oben. Als die Befürchtungen wahr werden – María de las Mercedes Olavieta ist tot – nimmt sie liebend gern das Angebot Rivarolas an, ein bisschen für Ordnung im chaotischen Buenos Aires zu sorgen. Rivarola macht tatsächlich den flüchtigen Fußballstar ausfindig. Der brüstet sich mit seiner Macht, dass er den Clubbossen auf der Nase herumtanzen kann, wie es ihm beliebt. Denn schließlich füllt er Stadien und Kassen der Vereine. Dass er eine Beziehung mit der Tochter des reichlich suspekten Politiker Olavieta – genau der, dessen Tochter verschwunden war, getötet wurde und bald beerdigt wird – sorgt für Erstaunen im Gesicht und im Kopf des verhinderten Tangodichters Rivarola. Das ungleiche Duo – er und Raquel – geht auf Schnüffeltour durch die Szenen der Stadt. Er trifft Journalisten, die dem Fußballer in ihren Artikeln die Meinung geigen. Er sitzt mit dem Arbeitgeber Ferreyras an einem Tisch und ist angewidert von solch perfider Natur. Im Café trifft er Dichter bis Adolfo Bioy Cesares und Jose Luis Borges. Doch des Rätsels Lösung lässt noch auf sich warten. Einzig allein die Einsicht, dass sein kleines Licht viel schnell erlöschen kann als ihm lieb ist, als die vielen strahlenden Scheinwerfer derer „da Oben“, lässt ihn eine gewisse Vorsicht walten.

Martín Caparrós lässt in „Väterland“ eine Zeit wieder auferstehen, die längst vorbei zu sein schien. Fußballer, die ihren Wert als Druckmittel einsetzen, Nichtsnutze, die ihre spärlichen Fähigkeiten endlich einmal formvollendet zur Geltung bringen, eine sexy Verführerin, Straßenkampf und das Lebensgefühl einer Stadt, die allen Widrigkeiten zum Trotz immer ein Sehnsuchtsort bleiben wird. Ein Fußballkrimireisereporttango allererster Klasse!

Das deutsche Zimmer

Eigentlich hätte alles ganz anders kommen sollen. Eigentlich. Aber es liegt wohl in der Familie, dass sie – die namenlose Erzählerin – sich nun in einer Situation befindet, die sie niemals erwartet hat. Ihre Eltern flüchteten vor Jahren mit ihr vor der argentinischen Junta in die Bilderbuchidylle Heidelbergs. Da war sie noch ganz klein, erinnert sich, wenn überhaupt an Gerüche, den Neckar und die Bäckerei. Der Rest ist wie im Nebel verschwunden. Denn ihr Leben in Heidelberg dauerte nur ein paar Jahre. Argentinien war das Land, in dem sie aufwuchs, in dem sie lebt, sich von ihrem Freund trennte.

Nun ist sie wieder in Heidelberg – auf der Suche nach … ja, wonach eigentlich. Da ist es wieder: Dieses Eigentlich. Sie wohnt in einem Studentenwohnheim. Allein. Auf sich gestellt. Nur Miguel Javier – was ein bescheuerter Name, findet sie – ist für sie eine Art Verbindung in ihre Heimat. Er ist Argentinier und ziemlich aufdringlich. Wohl eher einsam, das wird sie bald herausfinden. Er kümmert sich um sie. Zuerst auch um seiner selbst Willen. Ziemlich schnell wendet sich das Bild, er ist für sie da. Denn sie braucht wirklich jemanden. Sie ist schwanger! Mitten in der Fremde, die einmal eine Zeitlang ihre Heimat war. Eine Heimat, die sie wieder zu entdecken hofft. Doch eigentlich … eigentlich ist sie hier, um … ja, auch das ist ihr nicht ganz klar. Heidelberg – Buenos Aires, größer könnten die Unterschiede nicht sein. Hier das betuliche Städtchen mit dem Zuckergusscharme, dort der pulsierende Moloch, in dem der Fortschritt immer nur eine kurze Zeit für Furore sorgt.

Carla Maliandis Erstling besticht durch seine konzentrierte Schlichtheit der Sprache. Eine Frau verloren im Meer ihrer Vergangenheit schwimmt sich frei von Altlasten ohne sich dessen bewusst zu sein. Will sie nur ihren Ex-Freund vergessen und eine neues Leben starten? Das gelingt nur sporadisch und mit Nichten endgültig. Wie ein Blatt im Herbstwind wird sie aufgewirbelt, und flattert planlos zu Boden. Hat sie ein Ziel? Wird sie es erreichen?

Der Leser muss tapfer sein. Immer wieder malt sich während des Lesens aus wie das Leben der jungen Frau weitergehen könnte, sollte, muss. Es gibt keine definitive Antwort. Und das ist das Spannende an diesem Romandebüt.

Die sieben Irren

Wer am Abgrund steht, überlegt sich jeden Schritt zweimal. Remo Erdosain steht am Abgrund, zusammen mit vielen anderen. Doch so richtig übelregen kann er nicht. Er hat Geld unterschlagen, sechshundert Pesos … und sieben Centavos. Einen Tag hat er Zeit das Geld zurückzugeben. Noch lebt er in seiner Dreifaltigkeit des Glücks: Haus, Job, Frau. Doch die Säulen dieses Glücks bröckeln. Den Job ist er ohnehin bald los. Wer klaut, ist nicht mehr tragbar. Auch wenn er die sechshundert Pesos … und sieben Centavos zurückzahlen kann (nur wie?).

Zuhause angekommen wartet seine Frau mit einer üblen Überraschung. Sie selbst sagt nicht viel. Ein Hauptmann, eine Hand am Säbel – übrigens hat Erdosain seine Hand an einem Revolver – erklärt ihm die Situation. Was soll Elsa mit einem Mann, der ihr nichts bieten kann? Bleibt noch ein Drittel des Glücks, sein Haus. Naja, es ist eben ein Haus. Vier Mauern, Dach, aber sonst nicht viel, was man lebenswert nennen kann.

Die sechshundert Pesos hat Erdosain inzwischen auftreiben können. Der melancholische Zuhälter – schon allein für die Erfindung dieses Namens müsste man Roberto Arlt mit Preisen überhäufen – hat ihm einen entsprechenden Scheck ausgestellt. Dieser Lude gehört mit Remo zu einer Ansammlung von Menschen, die Argentinien im Jahr 1929 mit einer Revolution überziehen wollen. Jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen. Diese reichen von Gottesstaat oder zumindest einer greifbaren Religion bis zur Diktatur. Hauptsache Anarchie!, könnte man meinen.

Immer weiter zieht es Remo Erdosain in einen chaotischen Strudel aus Phantasie und Realität. Immer öfter wechselt er die Seiten, von vor dem Spiegel in den Spiegel. Und wieder zurück.

Die Revolution braucht Geld und ein Fanal. Barsut könnte der Schlüssel sein. Er hat Geld. Eine Entführung oder gar mehr würde den sieben Irren irre in die Hände spielen. Doch kann das gutgehen, wenn ein wilder Haufen, der sich in end- und haltlosen Agitationen ergeht, das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen will?

Roberto Arlt gehört zu einer kleinen Kaste exzellenter Autoren in Argentinien. Doch fristet er ein Mauerblümchendasein. Sein bekanntestes Werk, „Die sieben Irren“, wurde immer wieder überarbeitet, nicht immer von ihm, so dass es schwerfällt den Originaltext mit den Ideen des Autors in Einklang zu bringen. Band Sieben der Oktavheft-Reihe aus dem Wagenbach-Verlag zieht den Leser in eine besondere Welt. Zweifellos ein Klassiker. Zweifellos eines der unnachgiebigsten Bücher der Literatur. Man kommt nur schwer vom Schicksal des Desillusionierten Remo Erdosain los. So skurril die einzelnen Akteure auch sind, so traurig ist jeder in seiner Gestalt. Melancholisch und roh ist die Sprache Roberto Arlts. Verworren und doch einsichtig die Aktionen der Spieler im Reigen der Verzweiflung.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!