Archiv der Kategorie: Rund um den Ätna

Agata und das zauberhafte Geschenk

Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Agata, die tabbacchera und mittlerweile Bürgermeisterin in ihrem kleinen sizilianischen Refugium, ist so gar nicht in Weihnachtsstimmung. Genau jetzt, wenn Tür und Herz geöffnet werden, verschließt sie sich der sie umarmenden Gemeinschaft.

Agata ist traurig, nein, melancholisch. Costanzo, ihr geliebter Ehemann ist tot. Andrea Locatelli, der Maresciallo, den sie ebenso innig zuerst ablehnte, um ihn anschließend nicht minder zu lieben, ist wieder zurück. Aufs Festland. Und Agata ist wieder allein. Mit ihrer Trauer, mit ihren Zweifeln, mit sich selbst. Da hämmert es im Dunkel der Adventszeit an ihre Tür. Flehend bitte Don Bruno um Einlass. Bald schon stürmt er wie der Wind da draußen ins Haus Richtung Bad. Was trägt er da im Arm? Ein Bündel … mit einem bambino. Einem echten Kind, einem Baby, noch teilweise von der Pelle der Geburt verhüllt. Im Nu ist das ganze Dorf, dem Agata rein rechtlich nun vorsteht, auf den Beinen. Wenn das Klischee von sizilianischem Familiensinn zutrifft, dann ja wohl in dieser Situation.

Alsbald sind Mann und Maus auf den Beinen. Mit einer Mischung aus Neugier und Hilfsbereitschaft kümmert sich jeder mit guten Ratschlägen und helfender Hand um das Neugeborene. So ganz anders als damals Agata in den Witwenstand treten musste. Alle waren hinter ihr her. Die Männer, weil der unfassbaren Schönheit nicht widerstehen konnten. Die Frauen, um sich das Maul über ihre Schönheit zu zerreißen … weil ihre Männer … naja, hinter ihr her waren. Das ist Vergangenheit. Seit Agata den korrupten Bürgermeister aus dem Amt gejagt hat und nun selbst von dessen Sitz aus die Geschicke des Dorfes leitet, wird sie respektiert.

Doch was soll man als Bürgermeisterin im aktuellen Fall tun? Da ist ein Kind ausgesetzt worden. Kurz nach der Geburt. Als Erstes muss ein Name her. Man einigt sich schnell: Luce – Licht. Wenn das mal kein Zeichen ist?! Eine fieberhafte Suche nach der Mutter beginnt. Und damit eine abenteuerliche Reise für eine zufriedene Zukunft der kleinen Luce.

Tea Ranno nimmt den Leser ein weiteres Mal in Haft, zuerst mit ihrem fabelhaften Dorf, nun mit diesem zauberhaften Geschenk. Es sind ganz besondere sizilianische Weihnachten. In jedem Absatz, jedem Wort schwingt die bedingungslose Liebe mit, die alle dem Kind angedeihen lassen. Mit überbordender Fürsorge wickeln alle das Kind in Liebe, und den Leser in eine alles Unheil abwendende Watte. Tea Ranno schafft einmal mehr dem vermuteten Heimat-Alles-Wird-Gut-Vorurteil die bedingungslose Liebe zum Leben mit einer ordentlichen Portion Witz entgegenzusetzen. Ja, das Dorf ist Fiktion, ihre Bewohner sind komplett erfunden. Dennoch nimmt man jedes Wort, jede Tat für bare Münze. Das ist die große Kunst, die Tea Ranno so freizügig dem Leser anbietet. Und das kann doch nicht schlecht sein?!

Stark wie nur eine Frau

Gegen den Strom zu schwimmen, muss nicht immer zum Erfolg führen. Meistens ist es doch so, dass man aneckt, ins Abseits gedrängt wird und das Alleinstellungsmerkmal, das man suchte wie ein Boomerang einem den Schädel zermartert. Wie auch immer man in eine solche (Abseits-) Position gekommen ist, bleibt man dort bis zum Ende seines Lebens. Und danach? Die Sieger schreiben die Geschichte. Man selbst gerät in Vergessenheit.

Maria Attanasio holt zwei Menschen wieder ans Tageslicht, denen das Schicksal einen Platz in der dunkelsten Enke der Geschichte zugewiesen hatte. Als das 17. Jahrhundert sich dem 18. annäherte, war Sizilien ein Landstrich, in dem wieder einmal die Herrscher wechselten. Die Bevölkerung konnte sich nicht loyal zeigen. Warum auch, wenn ihre Heimat mehr oder weniger regelmäßig einen neuen Regenten bekam. Der Staat war verpönt, die Kirche den meisten näher. Inklusive der Inquisition. Giacomo Polizzi ist der Stadtschreiber von Calacte, das dem heutigen Caltagirone entspricht. Er kann Lesen und Schreiben, was ihn zu einer privilegierten Person macht. Und er erzählt die Geschichte von Messer-Francisco, dem Mann-Weib, die Maria Attanasio wieder einem breiten Publikum näherbringt. Francisca, so der eigentliche Name des Mann-Weibes wird zu früh der Mann entrissen. Sie muss zusehen wie sie ihr Leben meistert und überlebt. Sie ist geschickt. Geschickter als die Männer im Ort. Und arbeitsam, arbeitsamer als … man ahnt es … als die meisten. Mehr und mehr schlüpft sie in die Rolle eines Mannes. Nur, um zu überleben. Das ruft die Zweifler, Mahner, vor allem aber die Ängstlichen auf den Plan. Und die Inquisition. Der steht zu ihrem Glück aber ein aufgeklärter Geist vor. Das vorgezeichnete Schicksal – bevor es zur Verhandlung kommt, findet sie sich schon mit dem üblen Ende ab, lässt so manche Erniedrigung über sich ergehen – kann noch abgewendet werden.

Doch auch der Adel wird von den Folgen des Andersseins stark gebeutelt. Ignazia ist die lang ersehnte Tochter im Familienreigen des Barons Federico Perremuto. Ein aufgewecktes Kind, das störrisch wie eine Esel scheint, und vom Gedanken an die Oper beseelt ist. Operbühne sonst gar nichts. Auch hier meint es das Schicksal nicht gut mit der Querdenkerin.

Nach dem Happy end sucht man in den beiden Kurzbiographien vergebens. Zumindest, wenn man nach dem „und sie lebten glücklich bis ans Lebensende sucht“. Es sind zwei Frauen, die nicht offen dem männlich dominierten Machtapparat die Stirn bieten konnten. Ihre Waffe war die Ausdauer. Und die ist manchmal schärfer als schon manches Beil…

Sizilianisch Wort für Wort

Wenn ein Kind quengelt, dass es partout nicht ins Bett gehen will, kann das schon mal die letzten Nerven kosten. Wenn Pavarotti „Nessun dorma“ schmettert, trauert man der verlorenen Zeit nach, in der man dieses Lied nicht gehört hat. Italienisch ist nun mal die Sprache der Musik. Und Sizilianisch? Das ist keine eigenständige Sprache, sondern ein Dialekt, der – bereist man Sizilien – hier und da so manche Tür öffnen kann und einen geselligen Abend durchaus erleichtert.

Mit diesem kleinen Büchlein, das bequem in jede Hosentasche passt, ohne dabei zu stören, trägt richtig dick auf. Beginnen wir am Ende des Buches, das man so schnell nicht aus der Hand legen wird. Hier befindet sich ein kleines Wörterbuch. Allerdings nicht für Deutsch und Sizilianisch, sondern für Italienisch und Sizilianisch. Hier werden die Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten deutlich.

Für die richtige Aussprache muss man weiter nach vorn blättern. Die richtige Aussprache der Buchstaben – die gleichen wie im Deutschen – sorgen die ersten Seiten. Sobald folgen gelehrige Einführungen in die Grammatik, was schlimmer klingt als es dann doch ist. Jeder sizilianische Satz wird Wort für Wort (liest sich erstmal seltsam, hilft aber enorm beim Verständnis für den Aufbau der Sprache) übersetzt. Darunter steht die deutsche Entsprechung. „Ich zu trinken Wasser“ (Lu a vìviri acqua) – da denkt man, dass man sich verhört hat. So spricht doch keiner. „Ich muss Wasser trinken“ – so klingt der Satz verständlich für deutsche Ohren. Hat man sich daran gewöhnt, kann man im Handumdrehen selbst Sätze bilden.

Ein wenig Vorbildung im italienischen Wortschatz ist von Vorteil, wenn man sich dem Dialekt Siziliens nähert.

Wie immer, wenn man beginnt eine neue Sprache zu lernen (auch wenn es sich um einen Dialekt handelt), muss man sich eine gesunde Basis schaffen. So wie man den Tag mit dem Frühstück beginnt – auch wenn das im Speziellen in Sizilien nicht gerade üblich ist, hier schaufelt man sich erst zum Mittag die Backen richtig voll, um am späten Abend ein nicht minder reichhaltiges Mahl zu genießen, was das wegfallende Frühstück wiederum erklärt – so beginnt auch dieses Buch mit ein paar wenigen essentiellen Vokabeln und leichteren Grammatikregeln. Zahlen, Wochentage, wiederkehrende Floskeln erleichtern den Einstieg ins noch fremde Sizilianisch. Kapitel für Kapitel wird man sicherer im Umgang mit Aussprache und Wörtern, so dass man dann und wann schon mal den ersten Flirt auf Sizilianisch probieren kann. Eine Erfolgsgarantie ist das nicht, aber gegenüber den Anderen hat man zumindest den Vorteil der gemeinsamen sprachlichen Ebene auf seiner Seite. Es lohnt sich also dieses kleine Büchlein zu sutdieren…

Sizilien

Da soll es doch tatsächlich Reisende geben, die meinen, dass sie Sizilien in zwei Wochen komplett erleben können. Dann haben die ihren Reiseband (sehr schmal) wohl aus dem Wühltisch eines Discounters gefischt. Zwei Wochen – so lang benötigt man, um dieses Buch eingehend zu lesen. Notizen machen – das kann man vergessen. Dieses Buch ist der Notizblock für alle folgenden Sizilien-Aufenthalte! Wer keinen Schimmer hat, wo er seine Sizilien-Erkundungen starten, seine erholsamen Tage verbringen, unzählige Abenteuer erleben kann, hat nur eine Wahl: Dieses Buch von Seite Eins bis Seite sechshundertsechsunddreißig durchzulesen. Klingt viel, ist aber jede Leseminute wert.

Ob nun das quirlige Palermo mit seiner facettenreichen Architektur und den überbordenden Märkten oder eine Reise vom antiken Siracusa (Heureka!) ins barocke Ragusa, bei der man auch das rosarote Noto nicht „einfach mal so eben mitnimmt“ – die Autoren sind keine Faktenschreiber, sie sind Verführer. Zugegeben, die Landschaft macht es ihnen auch leicht, Sehnsüchte zu wecken.

Oder wie wäre es mit dem hitzerekordhaltenden Catania? Mit Blick auf den – und schon sind wir wieder bei hohen Temperaturen – Ätna. Dass hier ab und zu mal der Boden nicht den sichersten Halt gibt, nimmt man bei derartigen Aussichten gern in Kauf. Natürlich immer unter dem Aspekt sich nicht selbst absichtlich in Gefahr zu begeben.

Geschichte bis zum Abwinken findet man im Süden. Agrigent und das Tal der Tempel gehört für jeden Reisenden, jeden Sizilianer, selbst für Norditaliener (aus „Kulturschock Italien“ wissen wir, dass es zwischen dem Norden und dem Süden gewisse Animositäten gibt) zum festen Kulturprogramm.

Klare Strukturen zeichnen jedes Kapitel – jede kleine Reise – aus. Zuerst wird man umfassend in die Geschichte eingeführt. Gefolgt vom Wasser-Im-Munde-Zusammenlaufen, wenn es darum geht, die Schönheit eines Wortes, einer Landschaft, eines Viertels hervorzuheben. Da will man sofort die Koffer packen und jedes Kapitel vor Ort erleben.

Als reichhaltiges Dessert (Cannoli sind doch nicht das Nonplusultra der Nachspeise) werden die Sizilien umliegenden Inseln ausführlich nähergebracht. Und das sind nicht nur die Liparischen Inseln Lipari, Stromboli, Vulcano etc, sondern die im Westen gelegenen Egadischen Inseln sowie die pelagischen Inseln im Süden. Kleine Eilande, die teils nur von wenigen Einwohnern als Heimat bezeichnet werden. Wem die Strände auf der Hauptinsel zu voll sind, der wird auf Favignana (Egadische Insel) feinsten Sand, glasklares Wasser und unberührte Vegetation fast für sich allein haben.

Als Zusatzlektüre empfiehlt sich der kleine Sprachführer „Sizilianisch Wort für Wort“. Denn wie überall auf der Welt freuen sich Einheimische darüber, dass der geneigte Gast versucht sich zumindest sprachlich anzupassen.

Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika

Da ist man doch in Tallulah, Louisian, am 20. Juli des Jahres 1899 tatsächlich der Meinung, dass man so „mir nichts, Dir nichts“ mal fünf Menschen einfach so hängen kann. In den Südstaaten der USA war es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein üblich Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, sämtlicher Menschenrechte zu berauben. Und man hatte sogar meist das Gesetz auf seiner Seite. Was war passiert?

Die Ziege des Nachbarn stört Doc John Ford Hodge schon länger. Das hat er seinem Nachbarn, einem Einwanderer aus Sizilien, dessen Brüdern und Cousins, auch schon mehrfach mitgeteilt. Nun reicht es dem angesehenen Mitglied der Gemeinde (solche Menschen sind immer ein „angesehenes Mitglied der Gemeinde“), er zückt sein Gewehr, lädt durch und drückt ab. Das können sich die Dagos, wie die Einwanderer abfällig bezeichnet werden nicht bieten lassen und gehen ebenfalls mit einer Waffe in Stellung. Ein Handgemenge, ein Schuss, und schon klafft im Körper des Angreifers eine Wunde. Wer mit dem Feuer spielt …

Die Fünf werden ins Gefängnis gesperrt. Und nun kommt Justizia des Staates Louisiana ins Spiel. Es ist keine Straftat, wenn eine Menschenmenge Gefangene aus dem Gefängnis holt und Selbstjustiz übt. Das ist doch absurd! Nicht in den Augen des wütenden Mobs, der ein Seil besorgt, es über die Pappel schwingt, und die Brüder Giuseppe Defatta, Francesco Defatta, Pasquale Defatta sowie die Cousins Rosario Fiduccia, Giovanni Cirami, alle zwischen 23 und 54 Jahre alt, aufknüpft. Am Tag danach sind die Gehängten der Neugier der Einwohner schamlos ausgesetzt.

Autor Enrico Deaglio hat selbst familiäre Verbindungen in diesen Flecken der USA. Ihn interessiert, was damals in diesen dramatischen Tagen die Stimmung so dermaßen aufheizte, dass Italiens Regierung sogar eine Entschädigung bekam und heute eine Erinnerungstafel in Cefalù an die einstigen Auswanderer erinnert. Vielleicht war alles doch ganz anders. War es ein Hund, der den Doc so an den Nerven zerrte? Oder ging es gar um eine Frau? Beides immer noch kein Grund, um fünf Menschen einfach so umzubringen. Der Grund liegt wahrscheinlich – es gibt mehr als nur Verdachtsmomente – in tief liegendem Rassismus. Wenige Jahrzehnte zuvor waren Italiener in Louisians willkommen. Aber nur die aus dem Norden. Direkte Nachkommen der Kelten. Nun war Italien aber endlich geeint. Und so kamen auch Italiener aus dem Süden, die der Gouverneur als Nachfahren von Banditen bezeichnete. Die wollte man nicht haben, bekam sie trotzdem, und machte ihnen das Leben schwer. Die fünf Gehängten stehen symbolisch für den scharfen Gegenwind, der den Ankömmlingen nach drei Wochen auf See entgegenblies.

Dieser Essay ist spannend wie ein Krimi, die Taten jagen noch heute dem Leser einen Schauer über den Rücken und sorgen für andauerndes Kopfschütteln. Als Gegenpol fungiert hier wohl die einfühlsame, geradlinige Wortwahl des Autors und der Übersetzung von Klaudia Ruschkowski. Das Buch trägt den Titel nicht zu Unrecht und richtet den Suchscheinwerfer der Geschichte auf ein Kapitel sizilianischer wie amerikanischer Vergangenheit, das bisher nur sporadisch aufflackerte. Dem Verlag Edition Converso, Deutscher Verlagspreis 2021 und Spezialist für Literatur aus dem kompletten Mittelmeerraum, kann man zur Entscheidung dieses Buch zu verlegen nur gratulieren.

Der kunstfertige Fälscher

Sizilien in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In den Straßen ist ein unruhig. Eine Beerdigung. Das Klappern eines Blindenstocks lässt so manchen den Blick heben. Sie sehen … einen alten Bekannten. Können es kaum glauben. Sie sind doch … Paolo Ciulla. Sì! Er ist es. Immer mehr Menschen erkennen den gebrochenen Mann. Sie erinnern sich gut an ihn. Vor allem an seine Taten. Er war lange weg. Wie schon so oft zuvor. Er saß doch mal auf der Anklagebank. Damals vor vielen Jahren. Ist er wieder draußen? Scheint so.

Ja, Paolo Ciulla war mal eine echte Berühmtheit. Ein Künstler. Allerdings ohne den entscheidenden Durchbruch. Mit Stipendium gen Neapel entsandt. Zum Kunststudium. War sogar in Paris. Bei Pablo und Amadeo (Picasso und Modigliani). Das kann man alles nachlesen. Nur ein paar Jahre sind nicht nachweisbar. Da war er in Südamerika. Auch wenig erfolgversprechend.

Als Fotokünstler hat er sich hervorgetan. Verkaufte Haus und Grund der Eltern, baute sich eine eigene Existenz auf. War politisch aktiv. Schon immer einer mit eigenem Kopf. Als Kind kaum zu bändigen.

Ach ja. Und Fälscher war er. Produzierte Geld, das besser war als das Original. Bis man ihm auf die Schliche kam. Mit internationaler Unterstützung aus den USA. Denn auch dort wurden die Blüten in Umlauf gebracht. Dass der Staat selber – später, nach Ciulla – einmal sich selbst mit den eigenen Lira eigentlich hätte anzeigen müssen… das ist eine andere Geschichte.

Maria Attanasio wurde gebeten einen Beitrag zu schreiben als die Lira dem Euro Platz machen sollte. Erst nach langer Denkpause kam ihr die wahre  Geschichte von Paolo Ciulla wieder in den Sinn. Ein Mann, der seine Fähigkeit als Maler und Zeichner nutzte, um denen unter die Arme zu greifen, denen sonst ein Bein gestellt wurde. Er verteilte Blüten wie ein agiler Händler Kostproben. Doch er tat es nicht zum Selbstzweck, sondern um zu helfen.

Die Behörden kannten das Problem. Konnten aber niemanden habhaft machen. Erst ein Verrat in den eigenen Reihen ließ das sozialistische Projekt auffliegen. Er gesteht reumütig. Seine Kumpane leugnen jede Mitwisser- und Mittäterschaft. Er scheut nicht seiner Sache persönliche Größe hinzuzufügen. Letztendlich ist er ein kranker Mann, der nie den Ruhm suchte, ihn im Kleinen jedoch fand.

Das Sizilien zu Ciullas Zeit war der vergessene Ort des Fortschritts. Analphabetentum, Großgrundbesitzer und der Machtaufbau der Mafia werfen ihre Schatten voraus. In zwischendrin das faschistische Wurzelwerk. Kein Nährboden für große Träume. Maria Attanasio öffnet ein Kapitel sizilianischer Geschichte, das lange geschlossen war. Unermüdlich recherchierte sie über das Leben eines wahrhaften Helden.

Blaue Blumen zu Allerseelen

Alles klar, Herr Kommissar? In diesem Fall muss man zugeben: Ja. Alles klar. Die Opfer – bekannt, zu gute Bekannte kann man schon fast sagen. Auch die Täter haben schon bald eine Namensschild um den Hals hängen. Also, alles klar! Und wie soll man daraus nun einen spannenden Krimi machen?

Commissario Vittorio Spotorno ist dafür genau der richtige Mann. Sein Revier ist Palermo. Seine Klientel sind die Mörder, die der Stadt ihr unverkennbares Klischee bescheren. Doch Vittorio Spotorno ist mehr als eine Spürnase, die jeden Fall löst, jeden Killer zu Fall bringt. Er sinniert gern über das Leben in der Stadt, die er so liebt und die so vielen ins Gesicht spuckt.

Fünf Menschen hat sie bereits ins Gesicht gespuckt. Sie sind tot. Die Morde hängen zusammen. So viel steht fest. Und jeder Zeuge, die stummen wie die lautstarken hat seine eigene Version. Soll Vittorio Spotorno nun alle Puzzleteile zusammenfügen, um vor seinem Chef das perfekt ausgeleuchtete Bild nicht perfekter Morde auszustellen? No. Ihm geht es vielmehr darum die genauen Tathergänge zu eruieren. Das ist seine Aufgabe, seine Passion. Schon als kleiner Junge wollte er Polizist werden. Nun ist er es. Und er sieht das so: Wenn man etwas will, es dann auch noch bekommt, muss man es in Ehren halten.

Apropos Ehre. Sizilien, Palermo, Ehre. Da ist man schnell bei Mafia, Omerta, dem Gebot des Schweigens. Santo Piazzese bedauert im Vorwort, dass es immer noch keinen echten Palermo-Roman gibt, der der Hauptstadt Siziliens ein echtes literarisches Gesicht gibt. Es gibt sehr wohl Bücher, die den einen oder anderen Aspekt zum Thema haben und einen Hauch von Palermo-Gefühl vermitteln. Aber eine allumfassende Darstellung der Stadt gibt es bisher noch nicht. Selbst die großen Söhne der Insel Leonardo Sciascia, Luigi Pirandello und Andrea Camilleri haben nicht den einen Palermo-Roman verfasst. Sie waren auch keine Palermitani, stammten aus dem Süden der Insel.

Santo Piazzese nimmt nicht für sich in Anspruch diese Lücke im Bücherregal zu schließen. Aber er verengt die Leerstelle um einen beträchtlichen Teil. Schon auf den ersten Seiten wird die Stadt so greifbar, wie es die meisten Bücher über die Stadt zusammengenommen nicht schaffen. Hier atmet alles. Die zu trocknende Wäsche über den Gassen ist Palermo wie die einzigartige Küche mit ihren fremden Aromen. Und so muss man sich auch diesem Kriminalroman stellen. Es ist der dritte Teil nach „Die Verbrechen in der Via Medina-Sidonia“ und „Das Doppelleben von M. Laurent“. Die Täterjagd rückt niemals ganz in den Vordergrund des Buches. Der stets präsente Commissario, der nur selten dieses nostalgische Klischee vom adretten Ermittler in glänzender Uniform erfüllt, ist einer, dem man alles anvertrauen kann. Mit ihm einen Rundgang durch Palermo zu machen ist eine Reise, die man niemals vergisst.

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.

Der vertauschte Sohn

Wie ein vertauschter Sohn hat sich Luigi Pirandello gefühlt. Er passte nicht recht ins Gefüge der Familie. Der Vater war Schwefelminenpächter, die Mutter die gute Seele des Hauses. Geistige Abwechslung war hier kaum bis gar nicht vorhanden. Schon früh steckte der junge Luigi seine Nase in Bücher. Seine ältere Schwester Lina war ihm Inspiration in jeder Hinsicht.

So kurz und knapp hält sich Andrea Camilleri bei seiner ganz persönlichen Biographie des entfernten Verwandten nicht. Im Geiste waren sich Pirandello und Camilleri näher als Brüder. Beide stammen aus Porto Empedocle, Pirandello bezeichnenderweise aus dem Vorort Caos. Schon allein wie der Ort zu seinem Namen kam, lässt die Schreibfertigkeit Camilleris in einem ungeheuer strahlenden Licht erscheinen. Und zeigt wie Sizilien tickt.

Rom und Bonn waren Pirandellos Fluchtpunkte, um von der sizilianischen Enge davonzukommen. Zurückgekehrt ist er trotzdem, auch und vor allem in seinen Büchern und Theaterstücken. Auch hier weist das Leben Andrea Camilleris verblüffende Parallelen auf.

Die über jeden Zweifel erhabenen Ausführungen des über ein halbes Jahrhundert nach Pirnadello geborenen Camilleri sind keine bloße Aneinanderreihungen von Lebensdaten. Camilleris zeigt genau auf, warum Pirandello seinen Figuren welche Aussagen in den Mund legte. Er lüftet so das eine oder andere Geheimnis im Werk seines Idols und macht es zugänglicher. Dass er selbst erst auf der Suche nach Pirandello die Verästelungen der Familien Camilleri und Pirandello aufdeckte, war für ihn nicht weniger erstaunlich als für den Leser.

Schelmig, allwissend, tiefschürfend sind die Attribute, die Camilleris Werk so zeitlos machen. Mit der ihm eigenen Verve stürzt er sich in das Abenteuer seinem Vorbild ein Denkmal zu setzen. Die zahlreichen Anekdoten sind derart liebevoll zu Papier gebracht, dass wohl wirklich jedes einzelne Wort für bare Münze genommen werden kann.

Werk und Leben eines Schriftstellers sind miteinander eng verwoben. Für den Außenstehenden sind die Fäden, die beides zusammenhalten nicht immer erkennbar. Hat man sich aber einmal darin verstrickt, ist es ein Vergnügen sich weiter darin zu verheddern, ohne jemals echt in Gefahr zu sein. Der dramatisch klingende Titel führt anfangs ein wenig in die Irre. Bis die in vielen Kulturen vorzufindende Legende vom vertauschten Sohn, der später einmal sich diese Legende selbst zu Nutze machen möchte – sofern sie denn auch wirklich der Wahrheit entspricht – löst die beklemmende Spannung auf. Natürlich wurde Luigi Pirandello nicht als Säugling vertauscht. Aber wenn man seine Lebensumstände betrachtet, kommt einem dieses Gleichnis – das auch er in einem Werk verewigte – unweigerlich in den Sinn.

Palermo ist eine Zwiebel

Eine Frage sollte man sich während und nach der Lektüre dieses Buches auf gar keinen Fall stellen: Ist Palermo noch ein Reiseziel für mich? Verzichten, weil man hier lieber die erhaltene Hälfte abreißt, statt die zerstörte Hälfte wieder aufzubauen? Verzichten, weil erstmal ewig diskutiert wird, wer, was, wie in Ordnung bringt (klingt wie deutsche Politiker bei der Lösungsfindung der Coronakrise!)? Nein, denn das Chaos hat System. Ein System, das funktioniert. Und weil die Stadt allen Klischees und Vorurteilen zum Trotz mehr Herz hat, als so mancher Werbeslogan anderswo.

Roberto Alajmo ist Palermitano, wurde hier geboren, lebt hier. Er kennt seine Stadt, er liebt sie. Und er sieht wie sie wirklich ist und wie sie sich verändert hat. Und wenn man ganz ehrlich ist, soll Palermo wirklich aussehen wie eine gentrifizierte, durchgestylte Metropole, die aussieht wie jedes stinknormale Kaufhaus auf dem Planeten? No, alles nur das nicht!

Zwölf Kapitel widmet er Palermo, zwölf Rundgänge zwischen den einzigartigen Fassaden bis hinein in die Köpfe und den Bauch der Palermitani.

Alajmo beginnt mit der Charakterisierung der Einwohner Palermos, den Palermitani. So vielfältig die Arten des Caffes, den man hier nicht trinkt, sondern zelebriert, so vielschichtig sind die Palermitani selbst. Eine gewisse Faulheit könne man ihnen, wie allen Sizilianern, unterstellen. Doch nicht nach dem Motto „das können die Anderen machen“. Sie treibt vielmehr der Drang an sich mitzuteilen, das eigen Wissen in die Problemlösung einfließen zu lassen. Dass dabei auch mal ein paar Jahre ins Land ziehen können, nimmt man gelassen hin.

Nur beim Essen gibt es keine zwei Meinungen. Es gibt sogar mehrere. Jeder Stadtteil, jede Straße, jedes Haus, jede Familie kennt ihr eigenes Rezept für ein und dieselbe Sache. Abwechslung auf dem Teller ist also garantiert. Und immer schön auf sich selbst stolz sein. So sind sie die Palermitani!

Was zunächst als Abrechnung zu beginnen scheint, wandelt sich mit jedem Umblättern zu einer offensichtlichen Liebeserklärung. Die direkte Ansprache an den Leser, der sich Palermo ansehen möchte, oder vielleicht sogar schon im Hotel auf dem Bett in dem Buch blättert, lässt keinen Widerspruch zu. Palermo muss man gesehen – wozu sonst soll man auf dieser Welt sein?! Schicht für Schicht schält sich eine einzigartige Welt aus sich selbst heraus. Tränen fließen keine. Denn Roberto Alajmos Worte sind das schärfste Messer, das durch die Zwiebel Palermo gleitet.