Oberbayerische Seen

Berge oder Meer? Diese Frage kann schon mal für Verwirrung, im schlimmsten Fall für Streit sorgen. Ein Kompromiss muss her. Wie wäre es mit beidem? Aber bitte nicht so weit weg! Dann ist die Entscheidung gefallen. Berge, ein bisschen plätschern drumherum. Also Oberbayern. Und dann nimmt man sich den Atlas vor, oder schaut im Netz nach. Welche Orte gibt es, welche Seen bieten sich an (Meere sind dann eben doch nicht vorhanden, wieder ein Kompromiss)? Und dann hat man eigentlich nur noch eine Wahl: Dieses Buch! Ein paar Seen kennt jeder, Tegernsee, Starnberger See, Chiemsee.

Thomas Schröder gibt ihnen den entsprechenden Raum, jedoch nicht ohne auch den vermeintlich kleinen, unbedeutenderen Seen Stimme zu verleihen. Wie den Wörthsee. Da fehlt kein ER, der Wörthersee ist im benachbarten Ausland. Wörthsee. Dreieinhalb Kilometer lang und ca. halb so breit. Eine exzellente Wasserqualität wird ihm bescheinigt. Leider sind die Ufer fast komplett bebaut und in Privatbesitz, so dass mal eben schnell in den See fast eine Lotterie grenzt. Aber drumherum gibt’s ja auch was zu sehen. Und mit elf Kilometern Umfang kann man sich einige Stunden mit Umsehen ganz gut vertreiben.

Das Wechselspiel von Berge und Meer treiben Eib- und Badersee auf die (Zug-)Spitze. Der höchste Berg Deutschlands ist in Sichtweite – wenn der Himmel es zulässt – und das glitzernde Grün des Eibsees besticht auch durch Sonnenbrillengläser. Fast wie am Königssee, der gleich um die Ecke liegt. Doch alles ein wenig beschaulicher, ruhiger, gelassener. Sein kleiner Bruder in der Badersee. Hier ist das R an der richtigen Stelle. Wer also nach einem Badesee fragt, sollte sich einer optimalen Aussprache bedienen.

Dieses Buch mutet wie ein Werbeprospekt an. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Sollte sie auch. Schließlich ist man in Bayern. Zum Baden in die Berge. Was auf den ersten Blick wie ein Witz daherkommt, wird schon auf den ersten Seiten in ernste Absichten verwandelt. Und wenn dann auch noch kleine Anekdoten mit Hintergrundwissen dem Leser den letzten Zweifel aus den Augen wischen, steht einer erholsamen Zeit an den Seen zwischen den Gipfeln der Alpen nichts mehr im Weg. Da kann noch so viel vom Öl-Boom am Tegernsee geredet werden, 150 Jahre Schifffahrtstradition wiegen so manches auf. Wobei das mit dem Öl-Boom natürlich nicht so ernst gemeint ist…

Dieses Buch ist alternativlos. Die Region ist mehr als eine Alternative zu Meer oder Bergen. Wer beides hat, muss beides vermarkten. Und bewerben. Dieses Buch jedoch als reines Werbeobjekt zu sehen, wäre fatal. Denn 264 Seiten voller Tipps und Hinweise zu dem, was man 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche benötigt, sind eine nicht zu unterschätzende Stütze im Kampf gegen die Langeweile.

Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel

Kurz und knackig soll eine Kurzgeschichte sein. Was so einfach klingt, ist die Königsdisziplin in der Literatur. Wenn die Geschichten dann auch noch für jedermann verständlich sind, die meisten ansprechen und vor allem unterhaltsam sind, ist man der Gott der Literatur. Oder das Arschloch! Wie im Fall von Charles Bukowski.

Er würde in der heutigen Zeit mehr provozieren als Donald Trump. Und vor allem mehr gegen ihn wettern als Robert De Niro. Das wäre ein Spaß. Doch Charles Bukowski ist nicht mehr. Seine Werke jedoch haben bis heute Fans, die dem direktesten aller Schreiber die Treue halten.

Die Sammlung von Kurzgeschichten in diesem Buch könnte man fast als eine Aneinanderreihung von Kapiteln ein und desselben Buches halten. Alles beginnt in Los Angeles, wo er (mal ist es der Autor selbst, mal eine fiktive Person mit einem anderen Namen, die Buk aber in Nichts nachsteht) und Linda leben. Im Portemonnaie herrscht Ebbe. Wie immer. Im Kühlschrank auch. Alles halb so schlimm, wäre nicht auch der Schnapsvorrat auf Diät gesetzt. Was tun? F… Klar, was sonst. Immer wieder, zwei-, drei-, viermal. Bis es nicht mehr geht. Auch wenn Linda sehr geschickt ist.

Die rüde Reise in die befleckten Seiten geht weiter. Tucson, New Orleans, Tijuana, San Diego. Überall dasselbe Bild. Es fehlt an Kohle, um an Stoff zu kommen. Und der Stoff, der da ist, stört nur beim … naja, wobei wohl?!

Schonungslos offen kaputtiert sich Buk durchs Leben. Ist er desillusioniert? Nicht im Geringsten. Das Leben hat ihn angenommen, der Tod reibt sich schon lüstern die Hände. Einen wie ihn hat selbst er noch nicht erlebt. Und der Teufel ist der einzige, der einen ebenbürtigen Gegner neben sich akzeptiert.

Schulden und Wettgewinne sind für die Figuren in den Geschichten zwei getrennte Sachen. Ein Gewinn wird gebührend gefeiert. Schulden nur im äußersten Notfall getilgt. Zum Beispiel dann, wenn der Ladenbesitzer droht nicht mehr anzuschreiben.

Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort, jede Silbe. Sie dringen wie Silberpfeile ins Herz des Lesers. Dort verdampfen sie in wabernden Wolken und setzen sich fest im Gedächtnis fest. Nicht die einzelnen Worte, oder gar Sätze. Es sind Impressionen, die man nie wieder vergessen wird. Wie die Erstbesteigung des Eiffelturms, oder die ersten Seiten von Tom Sawyer. Unvergesslich. Charles Bukowski gehört auf jede Bucketlist. Also eine Liste von Dingen, die man getan haben muss. Wer Buk nicht gelesen hat, wird für immer in der Zwangsjacke der political correctness gefangen bleiben. Wer die Zeilen aufsaugt wie ein Schwamm, wird mit einer wortgewaltigen Waffe gegen den Zynismus der standardisierten Welt in den Kampf ziehen können.

Mit Jean-Claude auf der Hühnerstange

Die kuriosesten, die beliebtesten, die ungewöhnlichsten Orte der Welt. Diese Titel in den Wühltischen der Buchhändler nimmt man gegebenenfalls nur mit, wenn der Preis unter dem der Parkuhr liegt. Inhaltlich bieten sie auf maximal zehn Prozent der Seiten einen wirklichen Mehrwert. Und nun ein Buch über Luxemburg? Ein Land, das man, wenn man zu spät bremst, schon wieder verlassen hat?

Ja! Und zwar zu Recht! Im Wust der 100er oder 111er Bücher sticht dieses kleine Büchlein nicht allein wegen der Gestaltung hervor, sondern vor allem wegen seines wirklich kuriosen und detailliert recherchierten Inhalts hervor. Muss man dabei haben, wenn man das einzigartigste Großherzogtum der Welt (ein weiterer Titel der Wasserschweine – der Name capybarabooks stammt von den possierlichen Tieren) besucht.

Susanne Jaspers und ihr Begleiter, es handelt sich dabei um Georges Hausemer, der für das eben erwähnte Buch über das einzigartigste Großherzogtum verantwortlich zeichnet, suchen nicht nur nach Kuriosem, sie finden es auch bzw. lassen sich finden. Wer sonst sucht schon in Luxemburg nach dem Kongo? Doch sollen Baobabs, Affenbrotbäume wachsen. Tun sie aber nicht. Vielmehr findet man an Ort und Stelle ein Geburtshaus. Und zwar von einem, der im Kongo war. Wer? Steht im Buch.

Bleiben wir noch ein wenig bei Zahlen, also Büchern, die im Titel mit einer griffigen Anzahl von Sehenswürdigkeiten (meist dreistellig, am besten eine Schnapszahl). Oft wundert sich man über die Inschriften an Gebäuden. In Ermangelung der Sprachkenntnisse tut man es als Lobhudelei an den Bauherren oder den Baumeister ab. In der Hauptstadt Luxemburgs, Luxemburg, genauer in der Rue de Glacis steht eine Felswand. Hübsch anzusehen, aber nur nicht wirklich das Highlight eines Luxemburgbesuches. Doch eine Tafel regte bei der Autorin und ihrem Begleiter die Neugier an. Denn einige Buchstaben waren großgeschrieben. MItten Im Wort! So viel offensichtliche Geheimniskrämerei sucht ja gerade die Herausforderung. Die Lösung wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel. Wer in der ersten Klasse bei der allerersten Grundrechenart, die man gelehrt bekam, aufgepasst hat, hat schon mal den ersten Summanden…

Kuriose Orte brauchen eine besondere Art der Zuwendung. Sei, um sie zu erhalten, sei es, um sie darzustellen. Susanne Jaspers Aufgabe ist es diese Orte aufzuspüren und dem Leser, der sich schon beim Lesen in einen Besucher transformiert, diese Orte näher zu bringen. Luxemburg an einem Tag – das war einmal. Von nun an ist Luxemburg eine mehrwöchige Destination mit hohem Bildungs- und Erholungswert.

Ach ja, und die Hühnerstange … da kommt niemand drauf, was damit auf sich hat.

Die Katzen / Los gatos

Carlos Maria und Marta sind Cousin und Cousine. Ihre Kindheit bei den Hilaires ist das, was man schlechthin als sorglos bezeichnen kann. Wie Bruder und Schwester sind sie unzertrennlich. Sie raufen, sie spielen, sie lernen gemeinsam. Als echter Junge muss er sie dominieren. Sie lässt es geschehen. Doch nicht ohne die typische Art eines Mädchens. Er fühlt sich dann immer besser.

Die Jahre ziehen ins weite Land der Metropole Buenos Aires. Marta wird größer und größer, reicht schon fast an Carlos Maria heran. Ihm fallen die Veränderungen an Marta auf. Doch noch weiß er mit diesen Auffälligkeiten nichts anzufangen. Als Rolando in die unschuldige Zweisamkeit tritt, fühlt sich Carlos Maria genötigt den Beschützer mehr als gewohnt herauszukehren.

Noch immer kann er mit den Veränderungen nichts anfangen.

Eines Tages – Carlos Maria und Marta sind ausnahmsweise mal nicht unzertrennlich – findet Carlos Maria einen Brief seines Vaters. Die erwachsene Sprache darin versteht er. Die Andeutungen weiß er genau und richtig zu entschlüsseln. Das Rätsel um ihre Zuneigung ist gelöst, sofern es dieses Rätsel jemals gab…

„Die Katzen“ von Julio Cortázar gehört zu einem Schatz, der erst nach dem Tod des Autors gehoben wurde. Ein Vierteljahrhundert – wie gut, dass auch heutzutage noch Jubiläen etwas zählen – fand man in einem Schrank in Paris, wo Julio Cortázar 1984 starb, strebten Tausende von Manuskripten ans Tageslicht. Die Presse eiferte dem nach und strebte ebenso ans Tageslicht der Sensationen. Eine ausgiebige Recherche folgte. Waren die Seiten wirklich von Cortázar? Und warum konnten sie so lange vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben? Ja, und keine Ahnung  sind die einzig glaubhaften Antworten. Hauptsache war und ist jedoch, dass sie endlich ans Tageslicht kamen.

Die hier vorliegende Ausgabe aus dem Lilienfeldverlag ist eine doppelte Sensation. Denn erstmals wurde dieses Werk veröffentlicht und zum Zweiten dann auch gleich noch in einer zweisprachigen Ausgabe. Carlos Maria und Marta sind zwei ausgelassene Kinder, später Teenager, die ihrer Zuneigung rat- und schutzlos ausgeliefert sind. Für Carlos Maria gibt es nur eine Möglichkeit: Flucht. Marta ist da pragmatischer. Das Herumtollen gehört zum Menschwerden wie Verlust und Zugewinn. Sie ist Carlos Maria zugetan. Rolando allerdings auch. Anders, doch nicht minder intensiv.

Julio Cortázar versteht es meisterhaft die beiden Pole nicht aufeinanderprallen zu lassen. Vielleicht ist das auch nicht möglich, weil beide die gleiche Ladung in sich tragen. Abstoßen – darauf würden beide nie im Leben kommen. Doch aneinander haften, kommt genauso wenig in Frage. Als Leser hängt man hingegen an jeder einzelnen Zeile dieses Buches.

Schuld und Gewissensbiss

Es ist nicht das glamouröse Paris, in dem Pierre mit seiner Violette spaziergeht. Unaufhörlich fällt der Schnee, was nicht der Grund für die fehlende Noblesse der Stadt ist. Vielmehr sind es die Ausweglosigkeit und das Wissen darum, dass sich Auswege einem niemals zeigen werden, sondern, dass man sie suchen muss. Violette ist verschüchtert, eingeschüchtert. Brav tippelt sei ein paar Schritte hinter Pierre. Er sieht sich als Verlierer. Sie pflichtet ihm bei. Er will jede sich bietende Möglichkeit nutzen seinem Leben eine andere Wendung zu geben, nutzen. Sie glaubt ihm und pflichtet ihm abermals bei. Zwei, die im Schnee sanfte Pläne schmieden, doch insgeheim wissen, dass es nur Phantasien bleiben werden und die Lippenbekenntnisse ihren Träumen niemals Flügel verleihen werden.

Ein kleiner Mann tritt herbei. Ein Redeschwall prasselt auf das Paar ein. Auch er war einmal voller Hoffnungen. Damals, vor den Wahlen. Und jetzt? Alles vorbei! Pierre platzt der Kragen. Er drückt den kleinen Mann gegen die Wand. Der Schreck fährt ihm in die Glieder, als der kleine Mann reglos in der Ecke liegt. Ist er tot?

Die Gewissensbisse nagen am zerbrechlichen Nervenkostüm Pierres. Er stellt sich den zufällig ihm entgegenkommenden Polizisten. Die suchen schon nach ihm. Beziehungsweise nach einem Dieb, der zusammen mit einer jungen Dame Schreckliches getan hat. So trist der Himmel über Paris scheinen mag, so sehr blendet Pierre das Licht, dass aus der Dunkelheit des Alltags ihm entgegen scheint. Es gibt nur einen Ausweg: Schuld bekennen, und die Gewissensbisse werden verschwinden. Doch Paris hat anderes mit ihm vor…

Die Figuren in den Geschichten von Emmanuel Bove haben das Glück nicht gepachtet. Sie plagt Schuld – wie in dem gleichnamigen Kurzroman. Gewissensbisse erinnern sie an ihre menschliche Gestalt. Klopft das Glück an ihre Tür, klopft ihr Herz heftiger als je zuvor. Kommt nun die Sühne? Droht Strafe?

Emmanuel Bove selbst schrieb in den 20er und 30er Jahren wie ein Besessener. Begegnete er einer Geschichte, musste er sie niederschreiben. Doch selbst der mit 50.000 Francs dotierte Prix Figuière brachte ihm kein (finanzielles) Glück. Alimente und die Pleite der Bank seiner zweiten Frau ließen ihn nicht ruhen. Er starb Mittle Juli 1945, sein Grab auf dem Friedhof Montparnasse liegt in der Familiengruft seiner Frau.

Die in diesem Buch zusammengefassten neun Geschichten und der einleitende Kurzroman geben einen tiefen Einblick in das Schaffen dieses zwischen Faszination hervorrufenden und dennoch fast unbekannten Autors wieder. Der elegante Einband – Halbleinen – steht im Widerspruch zum einfachen Leben der Hauptprotagonisten. Ein Sinnbild für Emmanuel Bove: Als Autor frei im Tun, doch im ständigen Kampf um Anerkennung und den ersehnten (auch finanziellen) Ruhm. In der Außenwirkung elitär, im Inneren ein Kleinod an Sprachgewalt im Milieu der Außenseiter.

Die Nacht des Baobab

Sie muss weg. Raus aus ihrem kleinen Dorf im Senegal. Europa ist das Licht am Ende des Tunnels, durch den die Reise führen wird. Es wird Belgien, und der Tunnel endet bei Weitem noch nicht in Brüssel.

Ken, so der Name der Erzählerin, unternimmt einen Riesenschritt, den sich viele niemals trauen würden. Wenn man sie nicht dazu treibt. Sie verlässt ihr Dorf, ihre Region, ihr Land, ihren Kontinent … ihre Kultur. Ken ist schlau, deswegen auch das Stipendium im fremden, fernen Europa. Zu ihrem Vater hatte sie nie das typische Vater-Tochter-Verhältnis. Als Oberhaupt der Dorfgemeinschaft war der der Übervater eines jeden einzelnen, jedoch nie der Vater seiner Kinder. Auch Mutter und Tochter konnten kein echtes vertrauensvolles Verhältnis aufbauen. Das, was alle zusammenhielt, war der Baobab. Der Affenbrotbaum. Unter seinem Blätterdach wurden Geschichten erzählt und Schutz gefunden.

Ihr Brüssel sucht Ken nun ihren Baobab. Doch den soll es hier nicht geben. Freunde findet sie schnell und reichlich. Doch die haben andere Intentionen als sie selbst. Wie eine Puppe wird sie herumgereicht. Eine Trophäe spätkolonialistischer Pubertierender. Einer ist homosexuell, von ihm dachte sie, dass er derjenige sein könnte, der …

Ken stürzt sich ins pralle Leben. Clubtouren, Drogen, Prostitution. Ihr Ritt auf der Rasierklinge fügt ihr Schnittwunden zu, doch niemals so tief, dass das Fleisch verletzt wird. Alles nur an der Oberfläche. In Afrika, im Senegal, in ihrem Dorf haben andere gefahren gelauert. Der Rektor, der sie heiraten will, nur um sich an ihr vergehen zu können oder der Lehrer, der sie bittet sein Messer zu schärfen, damit er ihr die Kehle durchschneiden kann – das hat sie stark gemacht. Sie zu einer selbstbewussten Frau reifen lassen. Doch diese reife ausleben, wäre nie in Frage gekommen.

Brüssel, Belgien, Europa bietet ihr diese Chance. Allerdings muss sie ihren Weg weitgehend allein beschreiten.

Ken Bugul beschreibt in „Die Nacht des Baobab“ einen großen Teil ihres eigenen Lebens. Was Fiktion und was Realität ist, wird nicht abschließend klar herausgestellt. Die eindrücklichen Sprachbilder jedoch helfen so manches Schicksal in einem anderen Licht zu sehen. Das Leben in der Fremde ist immer von Geheimnissen umgeben, wird durch die geprägt. Nur so viel preisgeben, dass man weiterkommen kann. Aber niemals die Seele oder gar das Herz offenlegen. Denn dann ist man anfällig für Verletzungen. „Die Nacht des Baobab“ gehört ohne Zweifel zu den reifsten Früchten der literarischen Flora Afrikas.

Burgkinder

Ein Märchenschloss am Rhein. Blick auf das Siebengebirge, den Drachenfels, irgendwo zwischen Honnef und Unkel. Remagen ist auch nicht weit. Die Stadt erlangte in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges eine Berühmtheit, auf die ihre Bewohner mit Freuden verzichtet hätten. Doch es kam anders. Es wurde eine taktische zähe Schlacht um die Rheinbrücke. Und da setzt dieser Roman ein.

Hermann Fürst ist der Dichter der Deutschen. Seine Werke verkauften sich und verkaufen sich noch immer wie geschnitten Brot. Dass er sich an die neuen Machthaber ranwanzte, gab seiner Karriere noch einmal einen Schub. Seiner Familie konnte er ein sorgloses Leben bieten. Man kann vieles kaufen, doch nicht das Glück. Als die Alliierten immer näher rücken, wird es eng auf dem Schloss. Das wird bald schon zu einem Lazarett unter Führung von Rob Wiseman aus San Francisco umfunktioniert. Man beugt sich widerwillig den neuen Herren.

Nur Erika Fürst, eine der Töchter des Literaten sieht darin eine Chance. Hals über Kopf beginnt sie eine kurze Affäre mit Rob Wiseman. Doch so stürmisch alles begann, so schnell sind die Aufregung und der Soldat wieder verschwunden. Zurück bleiben die Erinnerungen und …

Ein Vierteljahrhundert später macht sich ein junger Mann, von allen King genannt, auf Amerika zu erobern. Eines Tages wird eine Galerie eröffnen. Davon ist er überzeugt. Im Gepäck hat er die Arbeiten seiner Künstler und den Namen eines Bekannten seiner Mutter. Dieser Bekannte hatte die Familie damals als Soldat besucht. Rob Wiseman ist sein Name. Der Name der Mutter: Erika Fürst. Als s ich Rob und King, der den bezeichnenden Namen Friedemann trägt, gegenüberstehen, kommt nur einer ins Grübeln. Dass sich King dann auch noch in die Tochter von Rob Wiseman verknallt, kommt dem mittlerweile überaus erfolgreichen Geschäftsmann nicht gelegen. Er versucht alles, um King aus dem Land zu komplimentieren. Doch King hat seinen eigenen Kopf. Mit fatalen Folgen…

Der dritte Teil des Buches führt wieder auf die Burg am Rhein in den Jahren 1996 bis 1999. Die Nachfahren Rob Wisemans haben ein Auge auf die Burg geworfen. Keine späte Genugtuung, vielmehr Ehrgefühl und Pflicht treiben sie wieder an den Ort, wo so viele verendeten und so vieles begann,

J.R. Bechtle schreibt in „Burgkinder“ vehement die Geschichte seiner Familie auf. Der alte Dichterfürst, der sich mit den Nazis verbrüderte oder auch die hochfliegenden Träume des eigenen Verlages – zu all dem hat der Autor eine sehr innige und familiäre Verbindung. Knapp fünfhundert Seiten deutsche-amerikanische Geschichte, die einen nicht mehr loslassen wird.

Archäologischer Kalender 2019

Das Jahr 2019 wird ein Jahr des vollen Hauses. Schon am Ende 2018 schaut der Himmelsträger aus dem Schneckenhaus vorbei und kündet von weiteren Gästen, die in den nächsten reichlich zweiundfünfzig Wochen hier einkehren werden. Er selbst ist schon ziemlich betagt. Als kunstvoller Nachweis der Maya-Kultur erblickte er irgendwann zwischen 600 und 900 n.Chr. das Licht der Welt.

Gleich zu Beginn des Jahres kündigt sich ein Pärchen an. Sie sind noch älter, wurden knapp zweieinhalb Jahrtausende v.Chr. in der fünften Dynastie in Ägypten erschaffen. Ende Februar ist eine treue Gattin auf der Suche. Sumana heißt die Frau, und sie stammt aus Indien.

Der Archäologische Kalender aus dem Verlag Philipp von Zabern ist auch im Jahr 2019 wieder eine Zierde jeder Wand, die er mit seinem Füllhorn der Schönheit und der Pracht der Kulturen die Betrachter erstaunen wird. Zwei Wochen hat man nun Zeit sich sattzusehen und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Denn auf den Rückseiten der Kalenderblätter werden die dargestellten Objekte detail- und kenntnisreich beschrieben. Statuen, Reliefs, Mosaiken aus Elfenbein, gemalt mit Tinte, Farbe oder Edelmetallen, aus Nigeria, China oder Italien regen ab dem ersten nur leichten Anheben der Blätter die Neugier an.

Einen Museumsbesuch erspart der Kalender nicht. Im Gegenteil: Er regt dazu an, sich endlich z erheben und die Originale in Tel Aviv, Rom oder Stuttgart einmal in ihrer vollen Pracht sich anzuschauen.

Exil unter Palmen

Klingt wie ein Traumurlaub, der niemals enden sollte: Eine sehr lange Zeit an der Côte d’Azur. Das savoir-vivre genießen. Die ewig strahlende Sonne. Ja, für viele ist das das Synonym von Paradies oder zumindest einer zeitlich begrenzten Erholungsphase selbigen Ausmaßes. Doch es gab eine Zeit, in der Die Côte d’Azur nicht nur der Sehnsuchtsort der Sonnenanbeter war, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Zuflucht. Ein Ort, an dem man Terror, Erniedrigung und Angst ums eigene Leben ein wenig vergessen konnte. Sanary-sur-Mer war einmal das Exil von Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Thomas Mann, Hermann Kesten. Die Künstler mussten ihre Heimat verlasse, da sie als Dorn im Fleisch des Faschismus Verderb bedeuteten. Schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis flohen sie zuhauf. Hermann Kesten, Lektor beim Gustav Kiepenheuer Verlag, war einer der Lockvögel. Er war der erste Ansprechpartner und Wohnungsvermittler. In La Tranquille fanden die Manns, Thomas, Katia, Golo, Michael, Erika und Monika das gewünschte Domizil – mit entsprechender Zimmeranzahl und funktionierender Struktur.

Die Villa Valmer wurde das Arbeits- und Lebenskosmos von Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta. Sie war es auch, die die Besucher tagsüber abwimmelte, damit ihr Gatte an seinen Werken schreiben konnte. Doch das „Exil unter Palmen“, wie es die Autorin dieses Buches, Magali Nieradka-Steiner, nennt, unterliegt auch dem Gang der Geschichte und ihrer Wendungen.

Anfangs waren die Deutschen, man nannte den Ort schon Sanary der Deutschen, noch willkommen. Sie waren still, blieben unter sich und im Ort achtete man sie auch wegen ihrer angeborenen Etikette. Man stand sich nicht im Weg. Das Vichy-Regime brachte neuen Wind an die Côte. Behörden wurden effizienter. Aus dem Sanary der Deutschen wurde das Sanary der Juden. Wieder mussten Dutzende Deutsche – eine Gedenktafel im Ort weist fast siebzig Exilanten aus Deutschland und Österreich auf – flüchten. Die Nähe zu Marseille war Glück im Unglück. Denn von hier gab es meist nur die letzten Passagen gen Afrika, Lissabon, um dann weiter in Richtung Süd- oder Nordamerika zu kommen. Einige schafften den Absprung sofort. Viele wurden interniert. So wie Lion Feuchtwanger oder Alfred Kantorowicz. Wenigen gelang die Flucht. Zu viele ertrugen die Lagerzeit nicht.

Magali Nieradka-Steiner stellt einen Ort vor, dessen Lage für Urlauber ideal ist. Mittlerweile hat sich der Ort seiner historischen Bedeutung gestellt und weist hier und da auf die berühmten ehemaligen Bewohner hin. Sie alle, von Ernst Bloch bis Stefan Zweig von Egon Erwin Kisch bis Alfred Neumann, waren auf der Flucht. Sie fanden hier kurz- bis mittelfristig eine Raststätte auf ihrem weiteren Weg in eine bessere Zeit. Manche kehrten noch einmal zurück, nachdem die Schrecken vorbei waren. Andere fanden in Kalifornien, ihre Lebensheil. Sie kehrten nie mehr in ihre Heimat oder ihr Exil unter Palmen zurück.

Was trinken wir? Alles!

Da hat die Gleichberechtigung doch schon einen Sieg errungen. Männer saufen, zeigen das auch gern öffentlich. Frauen genießen, trinken, und das ganz diskret. Naja, ganz so diskret ist es dann doch nicht geblieben. Patricia Highsmith zum Beispiel ist vielen nicht nur als geniale Schöpferin des Tom Ripley bekannt, sondern auch und besonders für ihre Trinkfestigkeit. Carson McCullers trieb sich an und betäubte sich nach Lust und Laune mit Bier, Gin, Whiskey. Tania Blixen macht eine exklusive Diät: Austern und Champagner. Den genoss ja bekanntlich auch Coco Chanel. Aber nur, wenn sie verliebt war. Und wenn sie es nicht war.

Frauen, die schreiben und der Alkohol. Exzessive Abrechnung mit dem König oder Schlüssellochguckerei? Die Texte in dieser Anthologie erlauben keine Antwort. Sie ist irrelevant. Denn jeder Text, real der fiktiv, ist ein Genuss für sich. Erfrischend wie ein Bierchen an einem Sommerabend nach vollbrachtem Tagwerk, prickelnd wie ein edler Taittanger in erlesener Runde, abgerundet wie ein Sherry im Salon oder brutal wie Whisk(e)y als Seelentröster.

Was lesen wir? Alles in diesem Buch. Wenn Mrs. Copperfield sich schon auf die geruhsamen Stündchen mit dem Gin freut, oder Freunde sich nach Jahren wiedertreffen und im Bierkeller die Erinnerungen wieder klarwerden lassen oder Wodka als einzige (alkoholische) Getränk den Abend regel(ge)recht einläutet, aber auch ausklinge(l)n lässt, wird es Zeit die Zeilen noch einmal wirken zu lassen. Nüchtern bitte. Sonst entgeht einem vielleicht  das eine oder andere Bonmot. Wenn doch, ist es auch nicht schlimm. Man kann es ja immer wieder nachlesen und wieder und wieder …

Als Absacker verteilt Herausgeberin Britta Jürgs noch die Getränkekarte. Welcher Drink steht wo im Buch? Und wenn er nicht schon erklärt wurde, was verbirgt sich hinter so geheimnisvollen Bezeichnungen wie Brandy Alexander (klingt ja eher wie eine süßliche Modern Soul Diseuse ohne Stimmbänder, dafür aber mit lieblichem Aussehen). Unter einem Applejack Rabbit kann man sich schon eher was Geistreiches vorstellen. Beim Danziger Goldwasser gibt es kein vertun.

Maßvolles Trinken ist immer angeraten. Dieses Buch hinunterzustürzen wie ‘nen Kurzen wäre genauso fatal. In Maßen genossen, entfaltet dieses Buch sein ganzes Bouquet.