Ein Gardaseebuch

Wer an den Gardasee fährt, bucht das Komplettpaket: Sonne, Pasta, Glücklichsein. Ein Klischee? Sommer am Gardasee – das ist kein Klischee, das ist Realität. Monika Kellermann verführt in ihrem Gardaseebuch den Leser es selbst zu erleben, so wie sie einst selbst vom See und seiner Umgebung verführt wurde. Mittlerweile lebt sie dort.

Geheimtipps – und das ist wohl das einzige, was der Region um den Gardasee fehlt – gibt es kaum noch. Es ist die Fülle an Attraktionen, die die Auswahl, was man besuchen möchte, so schwer machen kann. Zum Beispiel Borghetto, ein Ortsteil von Valeggio sul Mincio. Zu Füßen einer Burgruine kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Die gewaltige Ponte Visconteo, ursprünglich mal gedacht dem nahen Mantua das Wasser des Mincio abzugraben, thront wie eine Trutzburg über dem Tal. Zu Füßen plätschert der Fluss und wenn man den Blick schweifen lässt, erscheint auf einem Berg das Castello Scaligero. Ab und an kommen ein paar Autos vorbeigefahren. Doch keiner überquert die Brücke. Alle, halten an, steigen aus und genießen die Aussicht. Am Fluss beschauliche kleine Häuschen, Freisitze, und eine unbändige Flora.

Ein bisschen weiter, im Hauptort Valeggio, fesselt einen die Liebe. Und die geht bekanntlich durch den Magen. Nodi d’Amore heißt das Phänomen, das so genüsslich den Traum von Italien wahr werden lässt. Konten der Liebe, Liebesknoten, oder ganz einfach: Tortellini. Hier stellt sich nicht die Frage: Wer hat‘s erfunden? Hier genießt man die vielfältigen Variationen! Es sei denn es ist Mittagszeit Ende Juli mitten in der Woche. Da haben viele Lokale geschlossen. Nur ein, vielleicht zwei lukullische Tempel haben ihre Pforten geöffnet. Allerdings sollte man nicht auf seinem Geldbeutel sitzen. Die volle Pracht dieser Liebesknoten bekommt am dritten Dienstag im Juni. Da wird hier ein Riesenfest gefeiert, das am späten Abend mit einem Feuerwerk gebührend beendet wird. Keine Touristenattraktion, ein Dorffest der edelsten Sorte.

Das ist nur eine kurze Geschichte, einhundert weitere hat Monika Kellermann in diesem Buch zusammengefasst. Es gibt Bücher, die ganz fest mit einem Ort verbunden sind. Tom Sawyer an den Ufern des Mississippi zu lesen, die Brunetti-Romane an den Kanälen Venedigs oder Andrea Camilleri im Süden Siziliens – ein ganz besonderer Hauch umweht Leser und Buch. Dieses Buch am Gardasee zu lesen … besser geht es kaum. Doch schon als amuse gueule entfaltet es eine Faszination, die dem Leser nur noch eine Wahl lässt: Auf zum Gardasee!

Die Rache

Da sitzt er nun der arme Tropf. Iwata betrinkt sich hoffnungslos. Sein Vater wurde ermordet. Wie sinnlos! Vor allem, wenn man bedenkt, wie er ums Leben kam – durch das Schwert. Und warum? Weil er, der Koch, einem Schwertmeister, dem Meister aller Meister, heimtückisch überfallen hat, um Miyamoto Musashi, dem Samurai, auf die Probe zu stellen. Keine gute Idee, kein gutes Ende.

Das Trinkgelage bleibt nicht unentdeckt. Die Familie verstößt den zweiten Sohn des Kochs. Er sei nicht mehr wert als ein Bettler. Ein Bettler, denkt sich Suzuki Iwata, so sein vollständiger Name, keine schlechte Idee. Dann werde ich eben Bettler. Was auf den ersten Blick wie die Reaktion eines trotzigen Kindes wirkt, verwandelt sich bald schon in eine ernste Sache. Denn Bettlern, gerade, wenn sie in Sichtweite eines herrschaftlichen Hauses ihrer erbärmliche Hütte aufgeschlagen haben, wohnt der Geschmack der Rache bei. Und so kommen nicht nur Schaulustige an der Helmhütte von Iwata vorbei, sondern auch viele, die ihm wirklich helfen wollen. Ihre Beweggründe liegen im Dunkeln. Doch Iwata stört das nicht. Vielmehr ist er verwundert. Verwundert über die reichen Gaben, die ihm in schöner Regelmäßigkeit dargeboten werden. Bald schon hat er einen beträchtlichen Schatz angehäuft. Ausgaben hat er ja so gut wie keine…

Doch die Sonnenseite des Bettlerdaseins hat auch Schattenseiten. In Iwatas Kopf hämmert es gewaltig. Was, wenn Miyamoto Musashi Wind von der Hütte, dem Bettler und den Gerüchten bekommt? Was, wenn Miyamoto Musashi der vermeintlichen Rache zuvorkommen will? Upps, der Plan hat aber einige Fehler! Und schon steht der stolze Samurai eines Tages vor der Hütte…

„Die Rache“ spielt im Jahr 1645 in Japan. Samurai sind die Herren über Land und Leute. Der oft falsch verstandene Standesdünkel Japans wird in dieser Geschichte mit der Kehrseite der Medaille konfrontiert. Denn auch in Japan galten und gelten die Gesetze der Physik: Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Das wusste schon Isaac Newton (-San). Die Parallelen zur Gegenwart ist nur allzu offensichtlich, wenn man sich jede der hochwertig gestalteten Seiten durchliest. Die eigene Meinung, die ganz persönlichen Beweggründe etwas zu tun, stehen niemals ganz allein im Raum. Sobald man zum Anschauungsobjekt wird, entsteht zwangsläufig eine zweite, dritte … Meinung. Und die kann, je nach Lautstärke das eigene Tun derart in den Hintergrund rücken, dass man sich sofort in der Defensive befindet und man sich ganz schwer wieder an die Spitze kämpfen kann.

Die Erfindung des Ostens

Was war das für eine Aufregung! Georgien als Partnerland der Frankfurter Buchmesse. Selten zuvor wurden derart viele Bücher aus diesem kleinen Land im Kaukasus in Deutschland verlegt. Ein echter Gewinn für alle Leseratten. Kein Verlag konnte es sich erlauben Georgien als weißen Fleck auf der eigenen Bücherlandkarte zu präsentieren.

Mit „Die Erfindung des Ostens“ ragt aus diesem Bücherberg ein ganz besonderes Kleinod hervor. Es strahlt wie ein seltenes Juwel und erhellt den Literaturhimmel in allen Farben des Regenbogens. Irma Tavelidse lässt in jeder der sechs Geschichten die den Leser vor Begeisterung tanzen.

Ein Schauspieler, der vor Ehrfurcht zu erstarren scheint, weil ihm sein Idol vor die Augen tritt. Ein Engagement am Theater Gori, der Burg, drückt ihm die Kehle zu. So wie damals in der Schule als es darum ging zu rezitieren.

Marie Menard hat gleich drei Leben. Das dritte spielt in der Zukunft. Einer Zukunft, in der Computer, Programme Bücher schreiben. Übersetzungen werden in Windeseile zu Papier gebracht. Ein Gedicht wird in Sekundenschnelle druckreif.

Es sind Erinnerungen und Sehnsüchte in diesem Buch, die den Leser fesseln werden. Bedächtig, aber keineswegs behäbig bestimmen sie den Leserrhythmus. Die Schrittgeschwindigkeit wird so weit reduziert, dass man gerade noch merkt voranzukommen. Und das ist gut so!

Die Entdeckung der Langsamkeit als Stilmittel verleiht diesem Buch das besondere Etwas. Jedes Wort über die einzelnen Kapitel würde den Reiz der Erkundungen abflachen.

Irma Tavelidse muss man für sich selbst entdecken. Die Ernte dieser Saat gedeiht prächtig, wenn man sich an grauen Tagen in eine Ecke setzt und der Melancholie des Dahintreibens georgisches Futter gibt. „Die Erfindung des Ostens“ darf getrost als Höhepunkt des georgischen Buchjahres 2018 angesehen werden.

Menschen, Tiere und andere Dramen

Es hätte schlimmer kommen können für den Biologen und Kolumnisten Peter Iwaniewicz. Tote Wale sezieren, Stoffwechselendproduktanalyst von allerlei Viechern, doch es kam anders.

Dieses Buch widmet er der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Im Fernsehen gibt es seit Jahren eine Invasion von Tierverstehern und Tiertrainern, die sich nur allzu gern mit einem schelmigen Lächeln als Menschentrainer bezeichnen. Denn nicht das Tier ist die Wurzel des Übels, sondern der Mensch. Ist ja klar, wie soll man messen, dass man mit einem Hund reden kann?

Es ist erstaunlich, was Peter Iwaniewicz alles zusammengetragen hat. Im ersten Moment hat man Katzen und Hunde im Blick. Die sind niedlich, lassen sich streicheln, sie beruhigen, sind manchmal wild … und im Zweifelsfall kann mit Videos von ihnen sogar Geld verdienen. Tiere haben den Menschen von jeher fasziniert. Sie sind stark wie ein Bulle, zickig oder störrische Esel. Sie sind gefährlich, weil sie beißen oder alles verschlingen, was ihnen vors Maul kommt. Oder einfach nur ekelig. Die Arachnophobie, die Angst vor Spinnen ist sicherlich das meist gekannte Fremdwort für viele, die sonst mit Fremdwörtern nicht viel anfangen können.

Die tiefgreifende animalische Bilderschau führt den Leser in eine Welt, die er jeden Tag vor Augen hat. Ein kläffender Köter, der die Wochenendruhe zu ersticken droht. Kühe, die bei Mozart mehr Milch geben (bei den Wildecker Herzbuben schnürt es dem Nutzvieh allerdings die Euter zu – das nennt man dann wohl Qualitätsanspruch), Welse die kleinere Haustiere im Ganzen verschlingen.

Wer nun meint, dass dieses Buch ein Kompendium der versauten Anekdoten ist, und es nichts mehr als eine pure Ansammlung von Hiobsbotschaften darstellt, irrt. „Menschen, Tiere und andere Dramen“ ist das geballte Wissen der Biologie unter dem Brennglas des Gemeinschaftswesens. Der Autor öffnet mit Wissbegier und Fachwissen die Augen des Lesers für Fakten und alternative Fakten. Sicher ist der Mensch mehr als nur einmal die Wurzel allen Übels, Stichwort Problembär. Vor allem das Nichtwissen über das Fremde führt oft zu Irritationen, Furcht und Angst. Das lässt sich bedauerlicherweise auch auf das Zusammenleben von Mensch und Mensch anwenden.

Es ist heißer Ritt auf einem gezähmten Tier, das hier dem Leser präsentiert wird. Es ist alles nur halb so wild, wie man allgemeinhin annimmt. Wer Tiere wirklich mag, sich für sie interessiert und nicht permanent behauptet Tierfreund zu sein und keinerlei Angst (nur Respekt) vor ihnen zu haben, kommt Seite für Seite immer mehr auf Touren. Rasant und informativ reisen Autor und Leser gemeinsam in eine Welt, die so viel Missverständnisse in sich birgt, dass es Zeit wurde ein Buch wie dieses zu veröffentlichen.

Lesereise England

England – das Land der sonnenverbrannten, zahnlückenpräsentierenden Hooligans, die laut grölend die Strände Europas in Beschlag nehmen. England – das Land ohne eigene Esskultur. England – das Land, das bald seinen eigenen Kontinent (wieder einmal) eröffnen wird. Deutschland und England und ihre Vorurteile gegenüber dem Anderen. Es mag hier und da stimmen – doch dann trifft es für beide Seiten zu. Und Stefanie Bisping tritt unfreiwillig den Beweis an, dass in England die Kultur sehr wohl zuhause ist.

Weit ab von Snobismus und Naserümpfen über das Gegenüber besucht sie unter anderem die, die ihrer Zeit den Stempel aufdrückten. Und wer könnte das besser als Nobelpreisträger. Der eine ist Winston Churchill und seine Anwesen Blenheim Palace und Chartwell. Schon nach wenigen Worten ist man direkt in der Szenerie: Etwas erhoben und erhaben auf einem Hügel thronend, die Ferne genießend hüpft die Autorin einem spielenden Kind gleich durch die unendlichen Weiten des Hauses und des Gartens. Den kann man sich derart genau vorstellen, dass man sich fast die Reise dorthin sparen kann. Fast, denn nur selbst erleben ist diesem Buch überlegen. Ach ja, und so ganz nebenbei erfährt man auch warum Winston Churchill sich dazu hinreißen ließ darüber zu philosophieren, warum die reduzierung des eigenen Champagner-Konsums um sechzig Prozent (!) keine so üble Idee sei. Ha, diese Engländer!

Der andere Nobelpreisträger ist Rudyard Kipling, der Schreiber des Dschungelbuches. Bateman’s nennt sich der Sitz des erfolgreichen Literaten. Eine Wallfahrtsstätte für Bücherbegeisterte. Und erst der Mulberry Garden. Da fühlt man sich gleich wie der große Meister, wenn man unter dem Maulbeerbaum sitzt. Kleiner Wermutstropfen. Kipling selbst saß sicherlich gern unter einem Maulbeerbaum in seinem Mulberry Garden. Allerdings wurde sein schattenspendender Laubfreund vor einigen Jahren durch einen Artgenossen ersetzt.

Zum Nobelpreis hat es für Jane Austen nicht gereicht. Doch ihr Haus in Chawton ist nicht minder beliebt als die Anwesen der bereits erwähnten (männlichen!) Nobelpreisträger. Alle hier ist beabsichtigt. So wie der Tagesablauf der Schriftstellerin es war. Im Sonnanschein, an eben diesem Walnusstisch schrieb sie Weltliteratur. Das ist zweihundert Jahre her und noch immer geht von diesem Ort Magisches aus.

Magie, Bücher, Gärten – auch das ist England. Von Shakespeare bis Harry Potter reist Stefanie Bisping durch ein England, das voller Poesie ist. Und sie selbst lässt sich tief einatmend davon gefangen nehmen. Mit jedem Wort, jedem Satz schmeichelt sie den ehemaligen Hausherren und umschmeichelt den Leser mit unverrückbarer Sprache. Es ist wie eine Reise in eine andere Zeit, ein fernes Land, das je mehr man liest einem immer näher kommt. Wer auf Reisen nur allzu gern Reisebände als To-Do-Liste „abarbeitet“, kommt hier an seine Grenzen. Keine der Reisen muss man tun, doch wer sie unternimmt, braucht Zeit, Geist und Muse. Stefanie Bisping hat von allem mehr als genug. Und diese überbordende Neugier, gepaart mit Wortwitz ist das Ideal eines Reisebuches.

Eszters Wende

Schöne heile Welt mitten in Wien. Sophie bezieht ihre erste eigene Wohnung im zentralen Ersten Bezirk von Wien. Gleichzeitig tritt Eszter Nagy, eine Ungarin, ihren ersten Arbeitstag an. Sie pflegt von nun an die Opernsängerin Isabelle Janssen. Die gefeierte Opernsängerin hatte vor Kurzem einen Schlaganfall und ist seitdem nicht mehr dieselbe. Ihr Gatte braucht unbedingt Unterstützung. Im Haus wohnt auch Dr. Volker Schmidt mit seiner Frau Lilly. Sie wünscht sich sehnlichst Kinder, doch er versperrt vor diesem Wunsch stets die Ohren. Ganz oben wohnen Bernhard, EU-Politiker Bernhard und Felix, der Schriftsteller. Schöne heile Welt mitten in Wien? Mit nichten.

Bernhard sieht seine Karriere gefährdet, sollte er seine Homosexualität offenlegen. Was würde die Partei sagen? Und wie würden die Wähler reagieren? Felix spielt bisher duldsam die zweite Geige in ihrer Beziehung. Doch lange will und wird er dieses Spielchen wohl nicht mehr mitmachen.

Volker Schmidt hat die Praxis von seinem Vater übernommen. Er selbst hatte immer alle Prüfungen mit Bravour bestanden. Einzig allein der Gedanke, dass die Prüfungsergebnisse massiv mit dem exzellenten Ruf seines Vaters zusammenhängen könnten, stört ihn. Seine Eltern haben sich nach der plötzlichen Praxisaufgabe aufs Altenteil zurückgezogen. Nicht ganz freiwillig. Denn Volkers Vater leidet an Schizophrenie. Die allerdings hat er mit Medikamenten gut im Griff. Die Krankheit ist allerdings vererbbar. Was der Grund ist, dass Volker Lillys Kinderwunsch andauernd ausweicht. Sie begnügt sich derweil mit dem Einkauf von Kindersachen. Man weiß ja nie…

Die Pflege von Isabelle Janssen ist für Eszter ein echter Glücksgriff. Herr Janssen lässt ihr alle Freiheiten, und Isabelle genießt die Spaziergänge durch die Stadt. Die Erinnerungen an ihre große Zeit allerdings versetzt sie immer wieder in Apathie. Eszters Traum bald schon einen Blumenladen eröffnen zu können, wird schon bald konkrete Konturen annehmen können.

Und was ist mit Bernhard und Felix? Alle im Haus scheinen mit einem Mal ihr Leben in geordnete Bahnen lenken zu können. Wird Bernhard über seinen Schatten springen sich offen zu Felix bekennen?

Silvia Hlavin lässt einen frischen Hauch durch dieses ehrenwerte Haus wehen. Eszter und Sophie schweben wie gerufene Engel durch das Gemäuer und lassen Farben erstrahlen wo sonst in absehbarer Zeit der Putz von den Wänden bröckeln würde. „Eszters Wende“ liest sich wie schnörkelloser Roman, dessen Ende man gern vorausnehmen würde und dessen Ende zwar nicht überrascht, aber in der brachialen Umsetzung dann doch für große Augen sorgt.

Die Frau in den Dünen

Das kann doch alles nur ein Traum sein! Ein wilder Traum. Ein rauer Traum. Ein Albtraum. Überall nur Sand, Sand, Sand. Oben? Sand! Unter ihm? Sand! Ringsherum nur Sand.

Was ist geschehen? Jumpei Niki frönt einem außergewöhnlichen Hobby. Der Lehrer sammelt Insekten. Sein höchstes Glück wäre es eine kleine Insektenart zu entdecken, die dann seinen Namen tragen wird. Im Hochsommer nimmt Jumpei Niki den Zug an die Küste. Bewaffnet mit einer Holzkiste für die zu erwartenden Schätze und einem Netz stapft er durch die Natur. Mit einem Mal steht er mitten in den Dünen. Die Suche kann beginnen. Er ist so sehr mit der verheißungsvollen Suche beschäftigt, dass er zu spät bemerkt, dass bereits die Nacht über ihn hereinbricht. Doch wo soll er in dieser gottverlassenen Gegend eine Heimstätte finden?

Pech bei der Insektensuche, Glück bei der Bettensuche. Gar nicht weit von seinem Suchgebiet erscheint vor ihm ein Dorf. Alle sind recht freundlich zu ihm und haben eine – wenn auch ungewöhnliche – Schlafstätte für ihn. Diese liegt in einem Sandloch. Ein Haus mit Wänden, ein Bett und eine rechtschaffende Wirtin – was will man mehr? Die Frau, der das Haus gehört, ist sehr fleißig. Das wird ihm sofort klar. Permanent schaufelt sie Sand aus dem Haus, der dann mit Eimer an Seilen aus dem Sandloch geholt wird. Jumpei Niki ist zu kaputt, um noch einen einzigen klaren Gedanken fassen zu können.

Das ändert sich am nächsten Tag mit einem Schlag. Mit Sand in den Augen – nicht nur sinnbildlich – reckt er sich dem Sonnenlicht entgegen. Die Dame des Hauses reckt sich ihm auch entgegen. Unfreiwillig. Nur mit einem Tuch über dem Gesicht prankt ihr nackter Körper vor Jumpei Niki. Verstört, peinlich berührt, sucht er nach einem Ausweg. Doch die Leiter, die ihm am Vortag noch in den Schlund hinabklettern ließ, ist weg! Auch die inzwischen aufgewachte Frau ist ihm keine Hilfe. Sie lebt schon lange hier unten. Sand schaufeln, das ist ihr Lebenselixier. Ihre Arbeit. Ihre Strafe? Wofür?

Jumpei Niki hegt nur noch Fluchtgedanken. Raus aus der Sandhölle. Doch wie? Raufklettern und die Beine in die Hand nehmen? Viel später wird ihm klar, dass die Flucht mit dem Entkommen aus dem Loch noch lange nicht zu Ende ist…

Kobo Abe lässt Jumpei Niki am Ende des Buches für verschollen erklären. Er entwurzelt ihn auf jede erdenkliche Weise. Was einmal wichtig war, scheint im Sand, in der feuchten Luft des Sandloches irrelevant. Was macht Einsamkeit aus einem Menschen? Wird er zum Tier oder zum Gespött? Jumpei Niki erfährt die Hölle auf Erden (beinahe unter der Erde) und wird nicht müde zu kämpfen. Nur das Ziel hat sich verändert…

Unter den Udala Bäumen

Ijeoma ist gerade Teenager geworden. Ein Alter, in dem man mit Siebenmeilenstiefeln die Welt erobern kann. Sie kann lesen, schreiben, rechnen – doch von glücklicher Kindheit ist sie weit entfernt. Wieder einmal fallen Bomben vom Himmel. Es ist das Jahr 1968, das Jahr des Umsturzes überall auf der Welt. Das Jahr des Aufbruchs. Aber es war auch das zweite Jahr des Biafra-Krieges in Nigeria. In dem ging es schlussendlich – wie in jedem Krieg – ums Geld. Genauer gesagt ums Öl. Denn das Volk der Igbo, einer der größten Bevölkerungsgruppen im heute nahezu 200 Millionen Einwohner zählenden Nigeria, wurde systematisch vom Ölboom ausgeschlossen.

Bis heute ist es in dem westafrikanischen Land noch üblich ein Kind oder mehrere zu Verwandten oder nahestehenden Familien zu geben. Ijeoma, Igbo wird aufs Land geschickt. Dort lernt sie Amina kennen. Ein Haussa-Mädchen. Muslimin, während Ijeoma christlich erzogen wurde. Die Jahre vergehen und zwischen Ijeoma und Amina entwickelt sich mehr als nur Freundschaft. Beide lieben sich. Doch das geht nun gar nicht in einem Land, in dem Religion, egal welche, wichtiger ist als alles andere. Zwei Mädchen als Paar? Und dann noch ein Muslima und eine Christin? Ijeoma will sich nicht entscheiden müssen, sie will kämpfen. Das heißt aber auch, dass sie und Amina sich tarnen müssen.

Die Zeit vergeht und Amina entzieht sich immer mehr der Nähe Ijeomas. Beide wissen, dass ihre Liebe niemals akzeptiert werden kann. Stärker als Amina fühlt sich Ijeoma aber dadurch nur bestärkt.

Chinelo Okparanta schreibt über eine bisher kaum beleuchtete Seite Afrikas. Zwei Mädchen, zwei Frauen, die sich lieben und doch nicht zueinander finden dürfen. Gegen alle Konventionen, gegen alle Warnungen, wider besseres Wissen leben sie ihr Leben. Die Einfachheit so mancher Tage ist ihnen fremd. Die Autorin lässt Ijeoma und Amina sanfte Hochs erleben und dramatische Tiefs durchschreiten. Zweifel und Angst sind an der Tagesordnung, doch die gemeinsamen Stunden lassen die dunklen Wolken vorüberziehen in einem Sturm des Loslassens.

Verleugnung und Hingabe sind die zentralen Themen Chinelo Okparantas Erfolgsromans „Unter den Udala Bäumen“. Es ist kaum fassbar wie in einer Zeit, in der selbst im verstecktesten Winkel Aufklärung und Emanzipation selbstverständlich sein müssten rückständiges Gedankengut immer wieder auf fruchtbaren Boden trifft. Und das ist bei Weitem kein afrikanisches, im Speziellen nigerianisches Problem! Gleich um die Ecke werden immer noch und immer wieder Samen des Hasses gegen alles, was nicht normal scheint, gesät. Umso wichtiger ist es, das Bücher wie dieses mehr und mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von Mighty Mouse bis zur Gegenwart

Endlich eine Fortsetzung, vor der man keine Angst haben muss! Bereits der erste Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ nahm den Fan mit auf eine Reise, die niemals enden soll. Doch sie tat es! Sie endete 1974 als Deutschland mit dem Kaiser und dem Terrier Weltmeister wurde. Jetzt geht die Namensforschung weiter! Wer den ersten Teil noch nicht kennt, dem sei die Furcht vor zu viel Titeln an dieser Stelle genommen: Hier geht es nicht nur um Personen, Spieler, Stürmer und harte Hunde in den Abwehrreihen. Es geht auch um Mannschaften, die von Fans ihre eigenen Namen bekommen haben. Oder legendäre Spiel, die jedem Fan das Blut in den Adern vor Ehrfurcht gefrieren lassen. Keine Namensfindungskommission hatte da ihre Finger im Spiel! Außer vielleicht bei der Mannschaft, die #zsammn so großartig bei der WM in Russland versagte.

Nur ein Jahr länger bei den Roten Teufeln und die Walz aus der Pfalz hätte mit Tarzan zusammenspielen können. Doch die Kassen waren leer, und der 1. FC Kaiserlsautern musste Hans-Peter Briegel an Hellas Verona verkaufen und Gerald (Gerry) Ehrmann stand zwischen den Pfosten ohne den prominenten Abwehrrecken.

Es gibt sicher noch viele Fußballfans, die genau wissen, was sie am 20. Juni 1976 gemacht haben. Fast ganz Europa saß damals auch ohne blau-gelbes Sternenbanner vereint vor den Fernsehgeräten. Und sie schauten nach Belgrad, damals von Hauptstadt von Jugoslawien. Die Nacht war lau, das Stadion hell erleuchtet. Und nach neunzig Minuten stand es 2:2 zwischen der ČSSR und Deutschland. Der amtierende Weltmeister schaffte es einen 2:0-Rückstand in ein Unentschieden zu verwandeln. Auch nach zwei Stunden Spielzeit gab es immer noch keinen Sieger. So kam es zum ersten Elfmeterschießen der EM-Geschichte. Bis dann Uli Hoeneß zum Elfmeter antrat und mit voller Wucht den Ball in die Wolken drosch. Die Maschen bewegten sich kaum, die Massen auf den Tribünen dafür umso mehr. Das war die Nacht von Belgrad, die eigentlich im benachbarten Novi Sad stattfand.

Pablito, Schizzo und Vieux Lion sind nur drei weitere Spieler in diesem Buch, deren Spitznamen mit chirurgischer Präzision von den Autoren Mariano Beraldi und Wolf-Rüdiger Osburg herausgearbeitet wurden. Wer sich dahinter verbirgt? Zum Einen Paolo Rossi, Marco Schizzo Tardelli ist jedem noch ein Begriff, der das WM-Finale 1982 gesehen hat. Sein beherzter Torjubel zum 2:0 für die Azzuri (woher der Name stammt, dürfte wohl jedem bekannt sein) gehört zu den bekanntesten WM-Bildern aller Zeiten. Und wer ließ sich als vieux lion, als alter Löwe betiteln? Roger Mila, der aus dem Ruhestand geholte Star der Kameruner bei der WM 1990 in Italien, der seiner Freude an der Eckstange so nachgiebig Ausdruck verlieh, dass noch Generationen später immer noch dort gefeiert wird, wenn man trifft.

Der zweite Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ wird eher jüngere Fußballfans begeistern, weil ihnen die Namen eher geläufig sind. Im ersten Band sitzt man noch staunend über so viele auch nach fast hundertfünfzig Jahren immer noch verfügbaren Informationen, im zweiten Band rutscht einem öfter mal ein „Ach ja, kenn ich, hab ich aber schon wieder vergessen“ über die Lippen. Ein Almanach, das nicht im Bücherschrank verstauben wird, sondern in regelmäßigen Abständen konsultiert werden wird. Und das nicht nur weil ein echter Goldjunge auf dem Cover ist.

Istanbul – Die Biographie einer Weltstadt

Wow, wie muss man sich fühlen, wenn man eine Stadt wie Istanbul in einer Biographie vorstellen will? Hat man sich zu viel vorgenommen? Wird man den Erwartungen der Leser gerecht? Wo anfangen, wo aufhören? Um es gleich vorwegzunehmen: Bettany Hughes schafft es mit unfassbarer Leichtigkeit der Millionenmetropole Istanbul ein würdiges Denkmal zu setzen!

Fünfzehn Millionen Menschen leben derzeit in der Stadt am Bosporus. Knapp eintausend Seiten zeigen auf unvergleichliche Art ihre Geschichte. Und zwar von Anfang an. Dieser liegt rund sechstausend Jahre zurück. Doch Bettany Hughes beginnt noch früher. Ca. 800.000 bis 5500 vor unserer Zeitrechnung. Schon die Argonauten beschrieben ihre Fahrt durch den Bosporus – das war vor rund 2300 Jahren. Und schon damals siedelten hier Menschen.

So farbenfroh der Einband des Buches, so farbenfroh auch die Geschichte der Stadt. Byzanz, Konstantinopel, Istanbul – drei klangvolle Namen, die zu ihrer Zeit stets mit Sehnsüchten gefüllt wurden. Das ist der rote Faden der Stadt, und das ist auch der Leitfaden dieses Buches. Diese Stadt wird geliebt und gehasst. Es gibt kein Dazwischen!

Am besten beginnt man dieses Buch am Ende. Nicht um das Ende schon vorwegzunehmen, das wird noch lange nicht geschrieben werden. Nein, am Ende befindet eine über dreißig Seiten lange Zeittafel. So kann man sich schon mal an die Hauptakteure des Buches gewöhnen. Wie üblich gründet der Sage nach Byzas Byzantion am Westufer des Bosporus. Der entstand irgendwann zwischen 7.400 und 5.500 vor unserer Zeit als das Schwarze Meer geflutet wurde. Es folgten zahlreiche Reiche. Die Achämeniden, Alexander der Große, die Kreuzzüge – sie alle hinterließen etwas, das bis heute mehr oder weniger offen zu Tage tritt.

Jeder Besuch Istanbuls wird ab sofort in einem neuen Licht gesehen – das ist garantiert! Die keine Widerworte duldende Detailversessenheit der Autorin lässt den Leser mit staunenden Augen und einem brummenden Hirn zurück. Darf man dieses Buch in einem Ritt durchlesen? Die Frage stellt sich nicht. Denn wer einmal angefangen hat, kann es nicht mehr so schnell beiseitelegen. Ob man den Istanbul-Besuch mit Lesen verbringen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Man könnte, nein man wird auf alle Fälle, etwas verpassen! Denn Istanbul lebt, verändert sich stetig. Und so ist es nur eine Frage der Zeit bis weitere Kapitel in dieses Buch Einzug halten werden.

Aktuelle Geschehnisse, Unkenrufe und Horrormeldungen aus und über Istanbul soll man nicht ausblenden, wenn man sich entschließt diese –Eintausend-Seiten-Reise anzutreten. Doch die Störfeuer sollten keine einzelne Zeile trüben. Vielmehr sollte dieses Buch als Grundlage genommen werden eine Stadt genau zu betrachten und sich dann mit dem neu gewonnen enormen Wissen selbst ein Bild zu machen. Am besten in Istanbul!