Die Revanche

Was ein Glück. Gleich einen Parkplatz gefunden am Paradeplatz in Zürich. Was ein Glück! Bruno Hollenweger sieht das ein bisschen anders. Seine Frau Barbara hat ihn gerufen. Sie wollte einkaufen, Schnäppchenjagd, und ihre Kreditkarte funktionierte nicht. Seine übrigens auch nicht. Es passt alles irgendwie ins Bild der vergangenen Tage. Ein bisschen Unordnung da, ein bisschen Vergesslichkeit da. Werden Bruno und Barbara ein bisschen tütelig? Nein, denn die zerstochenen Reifen in der (abgeschlossenen!) Tiefgarage sind echt.

Lukas Senn ist neben der angenehmen Eigenschaft ein wahrer Freund der Hollenwegers zu sein bei der Kriminalpolizei. Doch dieses Mal kommt er nicht nur mit seiner Frau zu den Hollenwegers, sondern auch mit einer schlechten Nachricht: Eugen Bischof ist frei. Nach fünfzehn Jahren in staatlicher Obhut inkl. Vollpension und Rundumdieuhr-Bewachung scheint er wieder sein Unwesen zu treiben. Denn er hat mit Bruno Hollenweger noch eine Rechnung offen. Der war es damals, der die Tatwaffe nach tagelanger Suche im Gebüsch fand. Mit der wurde Freund von Bischofs Frau umgelegt. Bischof war damals schon ein brutaler Fiesling, der Fitnesstrainer für seine Frau ein Ausweg. Der allerdings im Drama endete.

Sie konnte sich in Spanien zusammen mit ihrem neuen Mann, ihrer Tochter und ihrem Sohn ein neues Leben aufbauen. Von dem, was in Zürich vor sich geht, erfährt sie erst als die Hollenwegers sich bei ihr ankündigen.

Eugen Bischof kann es eigentlich nicht gewesen sein. Er hat ein Alibi. Ein wasserdichtes. Denn zur Tatzeit, zu den Tatzeiten, wälzte er seinen nicht gerade von der Sonne verwöhnten Körper unter Palmen an Thailands Stränden. One way, selbstverständlich. Doch Lukas Senn hat herausgefunden, dass Bischof noch einmal one way verreisen will. Ein Flug über Barcelona nach Valencia. Dort in der Nähe wohnt … seine Ex-Frau. Klar, dass hier eine Bombenstimmung herrscht. Und das realer als es sich anhört, und auch schneller!

Peter Iwanovsky gönnt dem Rentnerpaar aber auch gar keine Ruhe. Sie könnten es so gut haben in ihrer Wohnung im idyllischen Rüschlikon am Zürichsee. Gleich um die Ecke von Thomas Mann. Ihr Sohn Markus ist auch endlich ein Mann, und endlich mit Frau. Die sehr zum Leidwesen der Hollenwegers nur sehr selten bei Markus und ihnen sein kann. Ihre Tochter ist ebenfalls glücklich in ihrer Beziehung zu Marta. Doch während des Lesens kommen dem Leser Zweifel an dieser Idylle…

Richtig hohe Absätze

Sich verbiegen, um den geraden Weg einschlagen zu können. Su Nuam ist fünfzehn Jahre alt. Und sie arbeitet schon. Als Übersetzerin. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Buenos Aires. Ihr Vater, ein Chinese, wird eines Tages von einem wütenden Mob ermordet. Sie und der Rest der Familie flieht. Nach China, zu den Großeltern.

Auf einmal ist nichts mehr wie es war. Keine nörgelnde Spanischlehrerin, die ihr Vorhaltungen macht, weil sie die Zeitformen nicht einhält – hier ist wichtig zu wissen, dass es im Chinesischen keine Verbformen dafür gibt. Die Freunde sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr greifbar. Der Platz, der so trostlos ihr Refugium war, weicht dem hektischen Treiben in der Fremde.

Da kommt das Jobangebot als Übersetzerin für ein Unternehmen zu arbeiten gerade richtig. Und sie ist gut in dem, was sie tut. So gut, dass sie auch auf Reisen mitgenommen wird. Und eine führt sie geradewegs in ihre jüngere Vergangenheit zurück. Der Großvater als Begleiter ist ihr dabei die Stütze, die sie braucht, um nicht von ihrem geraden Weg abzukommen.

Federico Jeanmaire gelingt mit „Richtig hohe Absätze“ das Kunststück Gerechtigkeit in seiner reinsten Form in glaubwürdige politische Unkorrektheit überfließen zu lassen. Natürlich ist das junge Mädchen traumatisiert. Sie musste mit ansehen, wie teilweise sogar Freunde, ihrem Vater das Lebenslicht auslöschen. In Argentinien war sie sich nicht sicher, ob sie Chinesin oder Argentinierin ist. Zurück in China fühlt sie sich als Argentinierin mit chinesischen Wurzeln. Je näher sie dem Flughafen Buenos Aires kommt, desto mehr treten ihre chinesischen Wurzeln wieder hervor. In ihrem Kopf summt es, es klirrt, es scheppert.

Die Reise wird für die Unternehmensdelegation zum Erfolg. Der Deal zum Bau einer Gasleitung kann abgeschlossen werden. Auch dank Su Nuams Mithilfe, die gnadenlos jede Äußerung übersetzt. Ein Handgeld soll ihre Extrabelohnung sein. Und was wird sie sich wohl davon kaufen? Richtig: Schuhe. Aber welche mit richtig hohen Absätzen…

Eine Kurzgeschichte, die den Leser einfach nur amüsiert und von der ersten Seite an in ihren Bann zieht? Ja, und vor allem ein ganz großes Nein. Denn der Reiz der Geschichte liegt zwischen den Zeilen. Su Nuam reist nicht einfach nur zurück nach Argentinien. Sie reist zurück mit ihrem Spanischheft. Das birgt für alle außer ihr ein Geheimnis in sich, das den Leser erst nach und nach auffällt…

Riwan oder der Sandweg

Nach Jahren des Exils kehrt eine junge Frau in ihr Dorf in Senegal zurück. Der Serigne regiert hier. Er ist eine Art Ortsvorsteher, Doktor, Alleskönner. Zu ihm kommt man, wenn man gerufen wird oder ein Problem aus der Welt geschafft werden muss. Der Serigne ist geschickt und furchtlos. Er setzt auf die Kraft der Selbstheilung, die er selbst in Gang setzen kann. Ein echter Weiser.

Und der Serigne hat gleich mehrere Frauen. Nicht zwei, drei oder vier … nein mehr als zwei Dutzend. Die junge Frau, die unverkennbar die Züge der Autorin trägt, beobachtet das Treiben in dem abgeschotteten Kosmos ihrer für sie neuentdeckten Heimat. Da ist Rama. Eine sehr junge Frau. Auch sie „gehört“ dem Serigne. Wie alle Frauen verrichtet sie ihre Arbeit und ist zur Stelle, wenn der Serigne ruft. Beziehungsweise sie rufen lässt.

Aber da ist auch Riwan. Er ist die exotischste Figur an diesem exotischen Platz. Ein stummer Zeuge der Gegenwart. Willfähriger Diener, der sich nicht andient, sondern einfach nur da ist. Sein Schicksal ist es hier zu sein. Er genießt weitreichende Privilegien. Er darf dort hin, wo sonst nur der Herr des Hauses, was eigentlich ein Gehöft ist, Zutritt hat. Er richtet nicht, er richtet sich nach Gottes Geheiß. Ein wundersamer Mensch, der so friedvoll sein Leben beschreitet.

Dann ist es eines Tages doch soweit. Auch die namenlose Erzählerin wird vom Sergine erwählt. Sie soll eine weitere Frau im Harem des Meisters sein. Angst hat sie nicht. Sie lebte in Europa, hat viel gesehen, kennt mehr Kulturen als ihr lieb ist. Sie kam zurück, weil die ständige Suche nach Heimat ihre Reserven angriff. Der Serigne weiß um die Weltgewandtheit seiner neuen Frau. Sie stellt aber keine Gefahr für seine Macht dar …

Ken Bugul ist das Pseudonym von Mariétou Biléoma Mbaye und bedeutet „eine, die unerwünscht ist“. So poetisch der Name klingt, so dramatisch die Geschichte dahinter. Sie lebte in Belgien und Benin und war die achtundzwanzigste Frau in einem Harem. Heute ist sie Schriftstellerin und Kunsthändlerin. Die alles erfassende Beobachtungsgabe macht „Riwan oder der Sandweg“ zu einer Schatztruhe voller Einblicke in eine Welt, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Ihre Heldin verneint nicht die „Vielweiberei“ wie es einst genannt wurde. Das Leben im Harem ist auch nicht primär die einzige Zuflucht aus einem möglichen Leben in Armut und Angst. Es ist essentieller Bestandteil eines Lebens, das man annehmen kann oder man lässt es. Das brachte der Autorin oft und lautstark Kritik ein. Die Frauen des Harems sind weitgehend frei in ihren Entscheidungen. Sie haben immer noch den Sandweg, der sie aus ihrem Alltag herausholt.

Herr Katō spielt Familie

Da kommt man tagein tagaus von der Arbeit zurück ins traute Heim. Einst stand die Frau am Fenster und winkte einem zu. Hier ist man zuhause, hier ist man daheim. Die Jahre verfliegen, Routine stellt sich, das Pflichtbewusstsein lässt einem kaum Raum zur Selbstentfaltung. Und dann der große Schnitt. Nix mehr mit Arbeit, nix mehr mit Winken, nix mehr mit Daheim. Die Frau scheucht einen aus dem Haus. Rente!

Herr Katō kennt das Gefühl. Lange Zeit hat er die ehemaligen Kollegen beneidet. Sie konnten ihre Rente genießen. Jetzt ist er an der Reihe. Doch der Rentneralltag ist trist. Seine Frau tanzt jetzt wieder. Nicht sinnbildlich, sondern in einem Kurs. Und wenn beide zuhause sind, steht er ihr im Weg. Sie schickt ihn raus. Eine Runde drehen, soll er. Was so viel heißt, dreh gleich mehrere … und das ganz langsam.

Bei einer dieser Runden lernt Herr Katō eine junge Frau kennen. Sie ist offen, fast schon ein wenig zu offen. Redet einfach drauf los. Und sieht in ihm einen potentiellen neuen Kollegen. Die Frage „Was schon wieder arbeiten? – Das habe ich doch gerade hinter mich gebracht!“ stellt sich nicht. Denn Herr Katō soll in die Agentur „happy family“ eintreten. Ersatz soll er sein. Ersatz-Bruder, Ersatz-Chef, Ersatz-Opa. Das ist das Geschäftsmodell. Lückenbüßer finden und den Kunden zur Verfügung stellen. Sie brauchen bei einer Feier die ultimative Lobhudelei? „Happy family“ hat den passenden Opa, Chef oder Bruder. Und Herr Katō ist der geborene Ersatz. Ob er nur den stummen Gatten spielen soll, weil der echte eine echte Quasselstrippe ist oder den fürsorglichen, hochgradig erstaunten Opa geben soll – Herr Katō ist die Idealbesetzung.

In seinem eigenen Leben tut sich aber auch etwas. Seine Schwiegertochter ist endlich schwanger geworden. Schon seit einiger Zeit versuchen sie und ihr Mann Nachwuchs zu zeugen. Und auch Herr Katō schafft es endlich einmal Reisevorbereitungen für Paris zu treffen. So viel zu tun und so wenig Zeit…

Milena Michiko Flašar beschreibt in ihrer Geschichte einen Mann, für den Aufgeben nicht in die Tüte kommt. Es läuft nicht alles so wie er es sich vielleicht einmal ausgemalt haben könnte. Doch es läuft. Sofort nach der Rente geht er zum Arzt und stellt mit Erschrecken fest, dass er kerngesund ist. Die Schockwirkung scheint ihn wegen der Überraschung stark zu treffen, umhauen kann sie ihn nicht. Neuer Weg, neues Ziel. Und pflichtbewusst wie eh und je nimmt er den steinigen Weg in Angriff. Die junge Frau, die ihm so schonungslos offen begegnet, ist die Reiseführerin in eine Zukunft, eine Kraftgeberin, die er nie zu treffen gehofft hätte.

Leise Töne von Melancholie geben dieser Geschichte den richtigen Drive. Mit kleinen „Hau-Rückchen“ stubst sie Herrn Katō wieder in die Spur des Lebens zurück. Mit jeder Seite gewinnt Herr Katō sein Lächeln zurück, für das ihm jeder Leser dankbar sein wird.

Manchmal gewinnt der Bessere

Physik und Fußball? Oh je. Schon in der Schule schlug man mit der Geschwindigkeit v auf einer Strecke s in einer Zeit t auf die harte Schulbankoberfläche auf, wenn der Lehrer genau dieses Phänomen langweilig wie ein 0:0 beim Kick am Wochenende erklärte. Boah eh, Fußball und Physik … geht gar nich!

Doch! Und wie! Wenn der Lehrer Metin Tolan heißt. Und Fußballfan ist. Und sein Fachgebiet auch außerhalb des Hörsaals liebt und lebt. Fußball ist berechenbar. Aber nicht seine Ergebnisse. Zu viele Variable. Doch man kann die Wahrscheinlichkeit berechnen. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Wettanbieter nutzen dieses Wissen aus. Professionelle Wetteneinsetzer helfen dann gern mal ein bisschen nach.

Die drängende Frage, wer denn 2018 in Russland am Abend des Finalspiels den Pokal in die Höhe halten kann, ist eindeutig zu beantworten. Aber: Die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht Saudi-Arabien oder Panama sein wird, ist doch schon sehr hoch. Wenn es anders kommt, passt es allerdings auch wieder ins aktuelle Bild der Politik. Nichts ist mehr vorhersehbar.

Das spannendste Kapitel kommt zum Schluss des Buches. Wer wird Weltmeister 2018? Das kann man doch gar nicht berechnen! Stimmt. Aber – da ist sie wieder – die Wahrscheinlichkeit. Legt man die Ergebnisse der Qualifikationsrunden zu Grunde ergibt sich eine Wahrscheinlichkeit von nicht einmaleinem Prozent, dass … Brasilien Weltmeister wird. Ganz dicht gefolgt von Kroatien. Mexiko, der erste Gegner der deutschen Elf kann gar nur mit einer Hoffnung von einem Viertelprozent die Reise nach Russland eigentlich gleich als Erfahrungswert absetzen. Es sind, wenn man es so wie Metin Tolan errechnet, nur drei Mannschaften, die eine reelle rechnerische Chance haben den Pokal in die Höhe zu stemmen: Spanien mit knapp 21 Prozent, Belgien (!) mit fast 30 Prozent und mit der Strahlkraft der vier Sterne Deutschland mit einem statistischen Wahrscheinlichkeitswert von 32,34 Prozent.

Fazit. Die WM wird sterbenslangweilig, weil ja eh am Ende Deutschland gewinnt. Diese Erkenntnis stammt von Gary Lineker, einem Spieler, in dessen Heimat das Fußballspiel erfunden wurde. Er muss es also wissen. Doch warum hat dann England nur einen Chance von 0,62 Prozent auf den Titel? „Manchmal gewinnt der Bessere“, diese titelgebende Weisheit von Lukas Podolski, ist das Besser-Wisser-Buch zum Ereignis des Jahres 2018. Eine gewisse Affinität zu Zahlen, Mathematik und Physik sollte man allerdings mitbringen. Poissonverteilung und Magnuseffekt kann man nachlesen, deren Anwendung muss man sich en détail erklären lassen. Metin Tolan nimmt sich die Zeit, um wortgewandt und detailverliebt die Physik des Fußballs zu erläutern. Man muss sich darauf einlassen. Wer dies tut, wird mit Erkenntnissen erst Klasse belohnt und wird auf den Rängen, auf der Couch, beim „public viewing“ – wo auch immer – für seine Eloquenz und sein Fachwissen beachtet werden. Jetzt müssen sich nur noch die Zweiundzwanzig auf dem Platz an die Physik halten…

Ballgefühl

Vier zu Zwei und Drei zu Acht. Klingt wie Fußballergebnisse. Fast. Es sind die Anzahl der Welt- und Europameisterschaften bei den Männern und den Frauen. Viermal sind die Jungens Weltmeister geworden und zweimal die Frauen. Europas Könige waren die Männer bisher dreimal, und die Damen konnten den Titel schon achtmal erringen. Achtmal bei zwölf Turnieren. Und trotzdem ist Frauenfußball in Deutschland immer noch so was wie ein Exotensport. Ein Sprungbrett für engagierte Journalisten. Nischenprodukt für findige Unternehmergeister. Aber auch schon Spekulationsobjekt für kommende Generationen.

Als XY-Chromosomenträger muss man ordentlich aufpasse, dass beim Thema Frauenfußball einem nicht immer noch der eine oder andere politisch nicht ganz bis unkorrekte Spruch rausrutscht. Frauen und Fußball – dass das zusammengehört, ist mittlerweile auch beim härtesten Stadiongänger und Stehpinkler angekommen. Es wird toleriert, meistens sogar akzeptiert.

Die beiden Verlegerinnen Sascha Nicoletta Simon und Brigitte Ebersbach treten in diesem amüsanten Fußballbuch, dass Frauen und Fußball durchaus direkt miteinander zu tun haben. Nicht, weil sie ihm gefallen will. Oder er es will – was eigentlich auch nie so recht der Fall war oder ist. Sondern, weil sie Fußball toll finden. Nicht nur Frauenfußball.

Hier jetzt bitte die typisch männlichen Floskeln einsetzen:

… Ronaldo, klar, dass der denen gefällt, ist doch kein Mann …

… Das da unten ist der Rasen …

… In 90 Minuten ist Abpfiff, steht das Bier schon kalt? …

Machosprüche, wie sie älter nicht sein können. Falsch. Selbst noch in diesem Jahrtausend (!) wurden Frauen (beim 1. FC Saarbrücken) fast so vom Stadionsprecher begrüßt, kein Witz.

Jede der Autorinnen hat ihre besondere Fußballgeschichte. Ob sie nun beim Helmut Schön auf der Couch saßen und genüsslich den mitgebrachten Kuchen verspeisten, was die Jungens in der Klasse gehörig ärgerte oder sich einfach nur ihre Lust am Spiel von der Seele schreiben wollten – sie alle sind Fußballfans wie jeder andere auch. Nur viel gefühlvoller, oft objektiver, aber nicht minder fanatisch.

Da ja mittlerweile jede Woche irgendein Fußballhighlight über die Bildschirme flimmert, ist dieses Buch nicht an ein so genanntes Event oder ähnliches gebunden. Dieses Buch kann (und sollte) zu jeder Jahreszeit gelesen werden. Nur nicht währen des Spiels. Das wäre gefühllos.

Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von den Anfängen bis zum fliegenden Holländer

Das brauchte die Fußballwelt noch! Echt jetzt. Das brauchte sie wirklich. Ein Buch mit den Spitznamen aus dem Sport, mit dem weltweit am meisten Aufmerksamkeit erregt wird, das meiste Geld verdient wird und die meisten Menschen begeistert werden können.

Dieses Buch, dieses Kompendium des Fachwissens, beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts. Preston North End schoss sich gerade zum ersten Fußballmeister Englands, ja sogar der Welt. Und schon damals firmierten sie unter zwei weiteren Namen: The Lilywhites, wegen der blauen Hosen und weißen Shirts und The Invincibles, wegen ihrer sagenhaften Serie von 42 Siegen hintereinander. Das war 1887/88. Seit 1961 waren sie nicht mehr erstklassig, spielen heute in der zweiten englischen Liga.

Die Reise zu den Spitznamen von Mannschaften, Derbies und Spielern zieht jeden Fußballfan, egal von welcher Mannschaft in ihren Bann. Ein Lexikon zu lesen ist in etwa so spannend wie bei Volksmusiksendung mitzufiebern. Doch dieses Buch ist nun mal kein Lexikon. Ein Nachschlagewerk sehr wohl.

Und so reist man vom Black Country Derby in England zur spanischen Máquina Blanca, schaut bei der DIMAYOR, einer parallelen Fußballliga im Kolumbien der 50er Jahre den Ballkünstlern auf den Spann, feuert den Windhund an, oder die Knappen, um schlussendlich dem Bomber der DDR, Joachim Streich (den Spitznamen gab es so allerdings nicht in der DDR, viel zu martialisch und militärisch) die gesamtdeutsche Ehre zu erweisen.

Mariano Beraldi und Verleger Wolf-Rüdiger Osburg geben ihrer Leidenschaft nach und schrieben das Fußballbuch, das wirklich in jeden Bücherschrank gehört. In einer Zeit, in der überzuckerte Jungbullen überalteten Fohlen die Sporen geben, Dinos trotz Jugendtrainer nun zu Auswärtsspielen in Orte fährt, die weniger Einwohner haben als so mancher Stadtteil daheim – in einer Zeit also, in der Fans sich über mangelnde Loyalität und überhandnehmenden Kommerz (wieder) einmal beschweren, sind es solche Bücher, die dazu beitragen, Traditionen und Traditionsvereine wieder in den Fokus zu rücken, zumindest aber in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückzuholen. Und das Beste kommt ja noch: Teil Zwei ist schon in Vorbereitung. Denn dieser Band beschäftigt sich von den Anfängen, den eingangs erwähnten Invincibles bis zur WM 1974. Der Rest – vielleicht wird ja bei der Fußball-Weltmeisterschaft ein Russland eine weitere Legende geboren – soll bald folgen.

Noch ein paar Spitznamen zum Rätseln gefällig? The Mighty, The Turfites, El Filtrador, Die Döblinger, Veleno, The Clarets, Der schwarze Peter, Stan, Linke Klebe. Ein köstliches Buch, das im Bücherschrank immer ganz vorn stehen wird, so dass man es immer zur Hand hat, wenn man das Gefühl hat ein bisschen darin herumzublättern.

Hofgenuss Kalender 2019

Erst, wenn man etwas so richtig nahekommt, erkennt man seine wahre Schönheit. Das können die unterschiedlichsten Dinge sein. Zum Beispiel eben auch eine Schinkenplatte. Lässt einen erst einmal schmunzeln. Doch wer das Glück im Februar 2019 diesen Kalender um sich zu haben, wird diese Worte spätestens dann verstehen, wenn er einen Monat lang an dieser – leider nur zweidimensionalen – Schinkenplatte innehält. Denn einfach nur vorbeilaufen kann man daran nicht.

Zwölf Mal wird man so ein Erlebnis haben und das immer einen Monat lang. Schon das Titelbild macht Appetit auf das neue Jahr. Mutig, einen Blumenkohl zu wählen. Denn so manche weniger gute Kindheitserinnerung hängt wohl mit diesem zu Unrecht verschmähten Gemüse zusammen. Und wer macht sich schon die Mühe sich so ein Gemüse mal genauer anzusehen? Kaum jemand, oder?!

Ein Abtropfsieb mit leckeren Johannesbeeren erregt im Allgemeinen schon eher die Aufmerksamkeit des Betrachters. Knalliges Rot, das das pure Leben in sich trägt. Saftiges Gurkenscheiben mit knackigen Paprika und frischem Käse, aufgespießt … der Juli wird zum Grillmonat. Nicht kleckern, heißt es im November, wenn das volle Glas Honig noch einmal die Sonnenmonate zurückzuholen versucht. Langsam, aber unaufhörlich rinnt der goldene Saft des Sommers am Glas herunter…

Der Kalender ist ein Farbenspiel von Mutter Natur. Hungrig nach Leben, neugierig auf das nächste Motiv macht dieser Kalender Lust auf die Vielfalt, was da von draußen auf unseren Tischen landen kann. Den größten Teil der Monatsblätter nehmen natürlich die Abbildungen ein. Nur am unteren Rand ist der so genannte Nutzteil zu sehen. Also die Wochentage. Die interessieren eh niemanden mehr, wenn die Motive erst einmal aufgeschlagen sind.

Schmidt ist tot

Schmidt ist tot! Nicht Schmidtchen, nicht Schmidti, nicht Patrick Schmidt, nein René Schmidt ist tot! Achtung Spoiler-Alarm, er ist es nicht! Patrick Schmidt ist der kleine Bruder von René. Immer im Schatten und permanenten Konkurrenzkampf stehend.

Der Anruf kommt für um Acht. Kurz nach Acht. Aus Wien. Tausend Kilometer entfernt. Ein Herr Müller ist dran, stammelt, entschuldigt sich, fordert. Er fordert, dass Schmidt, Schmidt Patrick, so schnell wie möglich nach Wien kommen möge. Beerdigung, Wohnung auflösen, bei der Klärung des Sachverhaltes helfen. Denn Schmidt, René Schmidt, ist nicht einfach s aus dem Leben geschieden. Selbstmord, so soll es gewesen sein.

Patrick und sein Bruder René standen sich nie besonders nah. Der Eine ordentlich, der Andere Rebell. Einser-Schüler und Nachahmer. Kaum Kontakt seitdem René die Biege gemacht hat. Die Eltern sind beide tot. Drei Schmidts tot, nur noch Patrick übrig.

Kaum in Wien angekommen, verändert Autor Raoul Biltgen die Tonart. Jetzt mitten in einem Agentenkrimi. René soll Terrorist gewesen sein, oder vielmehr Drogendealer. Na was jetzt? Fragt sich Patrick. René kann er ja nicht mehr fragen. Engl, die Freundin, pardon: Ex-Freundin von René ist auch keine große Hilfe. Eher wortkarg. Ein bisschen abwesend, die Gute.

Und immer wieder die Polizei. Leonhardtsberger, Süß, Müller. Mindestens einer von denen spielt falsch. Müller ist nicht mehr bei dem Verein. Konnte die Vertuschung nicht mehr ertragen. Er versucht Schmidt, Patrick Schmidt, Schmidt Patrick, auf die richtige Fährte zu führen. Die führt nach Ungarn. Und Patrick erinnert sich an ein Spiel mit René aus Kindertagen…

Raoul Biltgen lässt die Gedanken von Schmidt, und nun ist es egal, welcher damit gemeint ist, wie die Laserblitze im gedruckten Orbit herumgeistern. Straffe Dialoge, die nicht viel preisgeben, aber dafür umso mehr die Spannung anheizen. Was? Wie? Warum? Werden bei ihm zu Was! Wie! Darum! Ein herrenloses Floß auf einem tosenden Fluss ist dagegen geradlinig unterwegs. Wien als Austragungsort todessehnsüchtiger Skurrilitäten ist wie gemalt für die schwarzhumorige Krimipersiflage „Schmidt ist tot“. Lachkrämpfe inklusive. Raoul Biltgen ist der Meister der Ein(wort-)sätze. Ehe man sich versieht, vertauscht man Fragesteller mit Antwortgeber und beginnt noch einmal von vorn. Und immer wieder entdeckt man neue Aspekte im Spiel von echten Begegnungen und gedachter Erinnerung. Wer sich durch das Netz aus Lügen und Halbwahrheiten durchgekämpft hat, wird mit einer einzigartigen Geschichte belohnt.

Vererbte Lügen

Ich packe meinen Krimikoffer. Ich nehme mit: Eine Psychologin, die jetzt als Lektorin arbeitet. Eine Vergewaltigung, die fast zwei Jahrzehnte her ist. Eine Familie, der Ansehen weit über die Moral geht. Einen erfolgreichen Schriftsteller, der ein dunkles Geheimnis hütet, das aber nie ans Licht kommen wird. Eine Kundin, die unfreiwillig zum Werkzeug einer Rache wird. Eine Freundin, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen will und zwei Polizisten, die ihren Beruf nicht nur als Broterwerb sehen. Ach ja und eine Flucht und eine Rückkehr. Und gleich mehrere Gemetzel, die literarische Vorbilder haben. Und einen Freund aus der zweiten (neuen) Hälfte des Lebens. Und einen Ghostwriter. Achtung, Achtung: Wegen akutem Krimi-Übergewicht ist es strengstens untersagt diesen Krimi auch nur eine Minute aus den Augen zu lassen!

Aus diesen Zutaten rührt Valeska Réon einen Krimi zusammen, der seinesgleichen sucht. Kapitel für Kapitel spinnt sich ein undurchdringliches Netz aus Intrigen, Machtspielchen und perfider Verbrechen. Alles begann am Ende des vergangenen Jahrtausends. Manu Wagner ist gerade auf dem Weg zu einer Party der jungen Gemeinde. Ihr Herz pocht so laut, dass sie Angst hat, andere könnten es auch hören. Denn Christian wird auch auf der Party sein. Er ist es. Zieht sie an sich heran, ihre Klamotten aus und über sie her. Die Scham ist das Eine. Die Schmach der eigenen Schuld, wie es ihr Vater darstellen wird, liegt tiefer als alles andere. Auch Tante Birgit wurde so aus dem Haus, der Stadt, dem Land gejagt. Nun ist Manu bei Tante Birgit in Schweden und beginnt ein neues Leben.

Achtzehn Jahre später ist sie zurück in Deutschland, in Hamburg. Nah genug an der Heimat, weit genug weg von Familie und den Geschehnissen von damals. Als Lektorin ist Manu erfolgreich. Als ihr der berühmte Schriftsteller Arno von Klanthen als Kunde nahegelegt wird, brechen die Wunden von einst wieder auf. Denn Arno von Klanthen ist kein Geringerer als Christian. Der Christian, der ihr unschuldiges Leben jäh beendete und in eine schwarze Hölle verwandelte.

Nun ist auch Christian verschwunden. Eine Schwedin soll in letzter Zeit öfter bei ihm ein- und ausgegangen sein. Sein Appartement sieht aus wie ein Schlachtfeld. Rita Fuchs und Mats Hollander von der Kripo Bonn finden jede Menge Ansätze, doch keiner scheint sie wirklich weiter zu bringen…

„Vererbte Lügen“ ist ein Krimi, der den Leser von einer kalten Dusche unter die nächste jagt. Und es wird immer kälter. Der Kloß im Hals des Lesers steckt bis zur letzten Seite. Das Blut in den Adern kann vor lauter Adrenalin aber nicht gefrieren. Eine Ahnung, wer hinter allem steckt, hat nur der Leser. Das Dickicht an Verstrickungen zu lösen, ist eine reine Freude. Dreihundert Seiten fiebert man mit, verflucht die, die sich alles kaufen können und leidet mit denen, die schutzlos unter Repressalien leiden müssen.