Der Schmerz

Thérèse Delombre ist verwitwet. Sie lebt mit ihrem Sohn Georges in einem kleinen Dorf in der Provence. Die junge Frau ist einsam. Das ist sie schon lange. Ihr Mann, Hauptmann im Krieg gefallen, kann als Grundübel ihrer Einsamkeit angesehen werden. Sie lernt früh das Paradoxon des Lebens kennen. Seit dem Krieg ist das Gras dichter, die Flüsse bevölkern mehr Fische, in den Bäumen nisten mehr Vögel, die vor dem Kanonendonner des Stellungskrieges im Norden geflohen sind. Thérèse ist die Frau eines Offiziers, man neidet ihr ihre Sonderstellung. Schließlich fallen im Kampf mehr einfache Soldaten als Offiziere. Das ändert sich als auch der Hauptmann nicht mehr nach Hause kommen wird. Die arme Witwe mit dem kleinen Jungen, die so zurückgezogen lebt. Das arme Ding. Doch Thérèse und Georges haben es sich zurechtgemacht in ihrem Exil im Süden Frankreichs. Dorftratsch interessiert sie nicht. Sie haben einander. Dennoch fehlt Thérèse etwas. Etwas Essentielles. Etwas, was ihr Georges nicht geben kann. Sie kann es sich nur nicht eingestehen.

So makaber es klingt, aber je schlechter es Thérèse Delombre geht, desto mehr findet sie Zugang zur Dorfgemeinschaft. Der Krieg schweißt zusammen, auch wenn statt Pulverdampf nur der Mistral durch die Gegend zieht. Der Krieg ist weit weg. Bis die Deutschen kommen. Nicht in Gestalt von uniformiertem Stiefelgleichschritt, sondern als büßende Arbeiter auf den Feldern und in den Weinbergen. Ihre Aufpasser schauen genau hin, ob sie auch korrekt arbeiten. Im Laufe der Zeit dürfen sich die Gefangenen immer öfter und freier im Dorf bewegen. Sie gehören zum alltäglichen Bild so wie all die Alteingesessenen. Unter ihnen ist auch Otto Rülf. Wie alle zugeben müssen der ansehnlichste Mann unter den Boches, wie die Deutschen verächtlich genannt werden.

Doch seine Zeit im Dorf ist endlich. Er wird bald nicht mehr hier sein. Doch er wird nie ganz verschwinden. Georges‘ kindliche Sinne spüren den kalten Hauch, den Otto hinter sich herzieht. Thérèse hingegen sieht in Otto die Erlösung ihrer Sehnsüchte. Und wieder schlägt das Paradoxon des leben erbarmungslos zu. Als Offiziersgattin Witwe mit Kind war sie ausgestoßen. Als Witwe geachtet. Als erfüllte Frau wird sie keinen Frieden finden…

„Der Schmerz“ ist der erste Roman von André de Richaud, der in deutscher Sprache erschien ist. Ein Wiederentdeckung, die für Furore sorgen wird. Denn woran erkennt man ein gutes Buch? An wohlwollender Kritik (Albert Camus verleitete es zum Schreiben)? Am schicken Einband? An fesselnden ersten Seiten? Am verheißungsvollen Nachwort? Wenn ja, wie nennt man dann ein Buch, auf das all das zutrifft? „Der Schmerz“ tut nicht weh, man leidet nur unter der Tatsache, dass auch dieses Buch einmal ein (viel zu frühes) Ende findet.

Trauer und Licht

Sizilien – Sehnsuchtsort! In jeder Hinsicht. Ein bisschen Italien, ein bisschen Abenteuer, der Süden, rustikale Küche. Doch – und vor allem – ein literarisches Paradies. Neueren Datums sind da vor allem die Werke von Andrea Camilleri zu nennen, dessen Commissario Montalbano mit winkligen Fällen und einem ausgeprägten Hang zu vorzüglichen Speisen den Leser in seinen Bann zieht. Doch die Tradition sizilianischer Autoren reicht weiter zurück. Luigi Priandello, 1934 immerhin Literatur- Nobelpreisträger, Leonardo Sciascia, mit dessen Namen man sich oft schwertut oder auch Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit dem Leoparden wohl erstmalig die Geschichte der Insel in den weltweiten Fokus rückte.

Maike Albath rückt alle Akteure in den Vordergrund ihres Buches über Sizilien. Ihre Biographien und ihre Werke sind eng miteinander verknüpft. Wer von hier kam, kehrte entweder zurück oder siedelte die Handlungsorte hier an. So kommt man Sizilien auf die Spur! Denn Sizilien ist nicht einfach nur eine Insel, auf der man baden geht (wortwörtlich, bitte!) und dann meint Land und Leute verstanden zu haben. Hier ticken die Uhren ein wenig anders.

Selbst für Italiener hat Sizilien sich den Charme des Exotischen bewahrt. Und das ohne touristische Konzepte, um jeden auch noch so Reiseunwilligen hinterm Ofen hervorzulocken. Nein, die Bewohner sind es, die Sizilien so nachhaltig prägen.

Auch wer, „Il Gattopardo“, „Der Leopard“ nicht kennt, hat schon einmal von der einmaligen Verfilmung mit dem eisernen Burt Lancaster, dem blutjungen Alain Delon und der bezaubernden Claudia Cardinale gehört. Die Zeiten des Umbruchs Italiens machen auch vor der eingesessenen Adelsfamilie Salina nicht halt. Bezeichnenderweise sind Autor, der die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erlebte, und Regisseur sich auf einer anderen Ebene sehr nahe. Giuseppe Tomaso di Lampedusa und Luchino Visconti stammen aus alten Adelshäusern. Wer in der Lombardei unterwegs ist, begegnet auf Schritt und Tritt den Viscontis, wer in Sizilien die Augen offenhält, kommt am Namen der die Lampedusas nicht vorbei. Doch das sind nur Nebensächlichkeiten. Mit enormem Detailwissen und einer geduldigen Sprache zieht Maike Albath den Leser auf ihre Seite und teilt mit ihm die Zuneigung für Sizilien.

Da fällt es einem dann und wann schon schwer zu glauben, dass man diese Insel nicht leiden mag. Leonardo Sciascia teilt die Liebe zu seiner Insel zweifelsohne, doch sieht er auch die schienbare Hoffnungslosigkeit, die in Teilen auch dem literarischen Mafiaboss Michele Corleone das Herz schwer machen. Dessen „Erfinder“ Mario Puzo war jedoch kein Sizilianer, er war durch und durch New Yorker. Dennoch prägte er das Ansehen Siziliens in der Welt wie nur wenige zuvor.

Die in diesem Buch versammelten Autoren stammen aus Sizilien. Ihr Herz schlug und schlägt sizilianisch. Ihre Gedanken kreisen in ihren Werken ständig um diese Insel. Und der Leser? Er kennt das eine oder andere Werk, hat sich an ihnen erfreut, wurde vielleicht animiert Vigata zu besuchen (es jedoch nie fand, weil es Andrea Camilleri selbst erfunden hat) oder wollte einfach nur für eine abgesteckte Zeit Teilzeitsizilianer werden. Maike Albath zeigt mit diesem Buch, das Sizilien eben mehr ist als 25000 bewohnte Quadratkilometer – und dies ist der Atlas in diese ferne Welt.

Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit

Häfen, das waren die Tore in die große weite Welt. Da kamen exotische Waren an, gestandene Seemänner aus aller Herren Länder brachten ihre Sprachen und Trachten mit. Hier roch es nach Fremdem. Und heute? Logistische Meisterleistungen der Effizienz, auf dem Papier. Wenn heute ein Frachter in einem Hafen anlegt, sind flinke Füße und flinke Finger gefragt. Flinke Füße, weil die Frachter schnellstmöglich wieder in sichere Gewässer geführt werden müssen. Denn Liegeplätze bedeuten Stillstand – und der kostet. Flinke Finger, die über die Tastaturen schweben und nachweislich den Warenverkehr nachvollziehbar machen. Von Hafenromantik ist in kaum einem der Büros noch etwas zu spüren. Und um den Hafen herum selbst, ist die Romantik – auch die gekaufte – auf so manchem Seelenverkäufer shanghait worden.

Schuldt ist einer derjenigen, die den Hafen nicht nur als Sehnsuchtsort mit romantisch verklärten Augen sehen. Häfen sind für ihn die Schule des Lebens und der Hamburger Hafen phasenweise auch Aufreger. Die Hafencity steht in seinen Augen für die flinken Finger. Shanghai, Liverpool, New York waren für ihn die (harte?) Schule der Arbeit. An der Mole stehen un sich die Gischt ins Gesicht spritzen lassen – das ist nicht sein Ding. Er ist die Gischt. Schuldt ist schuld daran, dass der Leser den Hafen nicht mehr allein als Ein- und Ausfuhrschleuse für Bananen und Kaffee sieht, sondern durch dieses Lexikon der Hafen-Etymologie selbst zum Kuddeldaddeldu der Klabautergeschichten wird.

Die Seefahrt war zu allen Zeiten ein riskantes Geschäft. Niemand konnte vorhersagen wie Neptun gelaunt sein wird. Und erst konnte niemand vorhersagen, ob er je wieder festen Boden unter den Füßen haben wird. So entspann sich eine eigene Welt der Seeleute. Mit eigener Sprache. Überreste, meist nur noch rudimentär, sind in verwinkelten Gassen noch heute im Hamburger Hafen zu entdecken. Dort wo einst die letzten Heller der Heuer unters Volk gebracht wurden (Alkohol und Frauen waren die beliebteste Mischung, wenn es galt die Penunzen kurzweilig anzulegen), stehen heute Kneipen und Bars, die den Touristen die gute alte Zeit vorgaukeln. Nur wer weiß, was hier einmal war, kann die Gegenwart erkennen. Und Schuldt – der Vorname hat sich genauso verabschiedet wie überflüssige Rücksichtnahme vor allzu unangebrachter political correctness – ist ein Begleiter, der so manches halb geschlossene Auge zu öffnen vermag.

Wer ein Hohelied auf die harten Burschen an den Kais erwartet, wird zusätzlich mit einem Wortschwall und tiefgründigen Erläuterungen der Hafenumgebung belohnt. Die Hamburger Schule mag in der Musik wegweisend (gewesen) sein. Die Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit liest sich wie ein das erste Lexikon der Welt, das man von der ersten bis zur letzten Seite durchliest.

Dein Schatten ist ein Montag

Delete – gelöscht – nicht mehr da. Nur ein Tastendruck genügt, um eine Datei, ein Bild, einen Text, ein Video zu löschen. Dongchi Gu kann von sich behaupten mit einem Tastendruck ein ganzes Leben zu löschen. Und er verdient damit sein Geld. Er ist Deleter. Ein digitaler Leben-Auslöscher. Es soll kein Weg mehr zu den Menschen führen können. Zumindest auf digitaler Ebene. Doch wenn etwas, das man anfassen kann, verschwinden soll, ist Gu der richtige Mann. Ab und zu behält er aber auch ein paar Stücke für sich, in seinem Aktenschrank.

Als er eines Tages in sein Büro im Crocodile Building kommt, hat sich jemand am Schloss zu schaffen gemacht. Die Tür lässt sich zu einfach öffnen. Und es war jemand an seinem Aktenschrank. Es scheint aber nichts zu fehlen. Ob das mit seinem neuen Fall zusammenhängt? Donghun Bae weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er bat Gu noch zu Lebzeiten alles zu vernichten, was seinem (Nach-) Ruf schaden könnte. Ein Tablet muss unbedingt unbrauchbar gemacht werden. Blöd nur, dass Gu alles Mögliche löschen kann. Nur dieses Tablet ist nicht aufzufinden.

Sein Ex-Kollege Inspektor Kim – Gu war mal Polizist, bis man ihm einen exklusiven, sehr gut bezahlten Job anbot – arbeitet auch an dem Fall Donghun Bae. Selbstmord oder Mord – das muss der Inspektor klären. Das alte Gespann wieder vereint bei der Suche nach der Wahrheit. Für Gu auch die Suche nach dem Tablet.

Gu beginnt vor der eigenen Haustür. Das Crocodile Building ist seine Arbeitsstätte. Der üble Geruch, der durch die Gänge zieht mutet wie ein unheilvolles Signal an. Im dritten Stockwerk, da wo Gu arbeitet, ist der Gestank noch halbwegs erträglich. Beim Italiener von Chan’il Park ist es nur auszuhalten, wenn der gerade frische Kräuter verwendet. Und ganz gewaltig scheint es bei Noble Entertainment zu stinken. Die Produktionsgesellschaft, vor allem ihr Chef Ilsu Chon, scheinen genug Dreck am Stecken zu haben, dass es sich lohnen könnte, hier mal richtig auszumisten und das Loch auszuräuchern. Doch bis dahin hat Gu, haben er und Kim noch einen Menge Arbeit vor sich…

Jung-Hyuk Kim macht keine Gefangenen! Sein Gu ist ein Trüffelschwein, der seine einzigartigen Fähigkeiten nicht im Bauchladen spazieren trägt. Schnodderschnauze und untrübliches Gespür für Menschen machen aus ihm einen Ermittler, von dem man sich wünscht noch viele weitere Fälle lesen zu können. Ihn aus dem Gedächtnis zu löschen, wäre fatal.

Bukuríe

Es ist schon ein besondere Melange, die die Autorin Melamar in ihrem Buch „Bukuríe“ dem Leser anbietet. Rita kam als Kind aus Siebenbürgen nach Wien. München war das eigentliche Ziel, doch die Asylgesetze verhießen ihrer Mutter und ihr keine rosige Zukunft. So blieben sie in Wien bei der Tante der Mutter „hängen“.

Pablo Eltern flohen in den 70ern vor der Junta in Chile. Er selbst wurde in Wien geboren. Mit Chile verbindet er nur die ewigen Diskussionen der Eltern über ihre Flucht, ihre Sehnsüchte und die Angst vor Repressalien. Das Land seiner Eltern hat er nie besucht.

Bukuríe stammt aus dem Kosovo. Sie ist Roma. Sie wurde schon einmal abgeschoben – von Deutschland nach Rumänien. Weil die Behörden ihr Albanisch nicht für Albanisch genug hielten, um sie als Kosovarin feststellen zu können.

Rita hat den Laden ihrer Großtante übernommen. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – es reicht zum Leben und ab und zu macht sie sogar richtig gute Geschäfte. Pablo hat die Musik als Leidenschaft gegen den sicheren Job bei der Bank und endlosen Pessimismus getauscht. Ihn ärgert es, dass Rita nicht mehr aus ihrem Laden, ihrem Leben, machen will. Als sie dann auch noch die Roma Bukuríe in ihrem Laden wohnen lässt, ist Pablo am Ende seines Lateins. Er und Rita, das war mal was Großes. Mit Ideen, Träumen und Plänen einer bunten Zukunft. Jetzt herrschen Grau und Alltagstristesse.

Dass Bukuríe Farbe und Fröhlichkeit in ihr Leben bringt, kann er schon gar nicht mehr realisieren. Zu sehr sitzt er in seinem Sauertopf und sucht nach dem Schlechten in der Zeit.

Bukuríe hat eine harte Zeit hinter sich. Sie verkauft Zeitungen auf der Straße und besitzt die Gabe die Menschen wahrlich lesen zu können ohne das Alphabet zu beherrschen. Ihr umwerfendes Lächeln und die Möglichkeit mit einem Fremden in ihrer Sprache sprechen zu können, lässt eine tiefe Beziehung zwischen ihr und Rita erwachsen. Nur Pablo ist außen vor. Er fühlt sich wie das fünfte Rad am Wagen. Weder Rita noch Bukuríe können ihn in ihren Kreis des Friedens hineinziehen…

Melamar gelingt es mit „Bukuríe“ eine anrührende Integrationsgeschichte dem Leser an die Hand zu geben. Drei Menschen, die mehr oder weniger das Schicksal des Anderen eher verstehen als die meisten in ihrer Umgebung. Doch alle Drei haben unterschiedliche Herangehensweisen mit sich und diesen Schicksalen umzugehen. Unbekümmerte Fröhlichkeit, dankbare Ergebenheit und grundlose Schwarzmalerei müssen noch lernen sich die Hand geben zu können.

Ich beantrage Freispruch!

Er hat ein bisschen was von Hans Albers. Markantes Kinn, stechender Blick und die Schaffenszeit passt auch auf alle Fälle. Doch es ist nicht der blonde Hans von der Reeperbahn, es ist der brillante Erich aus Berlin Moabit. Strafverteidiger seines Zeichens. Dr. jur. und Dr. phil. Was der Ruf von Kommissar Gennat in der Kriminalpolizei war, war Erich Frey für die Anwesenden im Gerichtssaal. Ein Star, begehrter Anwalt der Ganoven, gefürchtete Zunge der Ankläger und Richter. Im Exil in Chile, wie so viele musste auch dieser erstklassige Fachmann während des Naziterrors Deutschland verlassen, schrieb er seine Erinnerungen auf, die nach einem halben Jahrhundert nun endlich wieder als Lesebuch für alle Neugierigen zur Verfügung stehen.

Freys Erinnerungen beginnen gleich mit einem echten Paukenschlag. Wer nun erwartet, dass es gewiefter Winkeladvokat zum Besten gibt wie er die Judikative zum Narren hielt, wird staunenden Auges verblüfft werden. Friedrich Schumann steht Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vor Gericht. Im Falkenhagener Forst soll er mehrere Menschen ermordet haben. Elf Morde werden ihm angelastet. Einen Tag vor Prozessbeginn springt sein Verteidiger ab. Dr. Frey kommt gerade des Weges als man ihn bittet das Mandat zu übernehmen. Viel Arbeit, wenig Zeit … und erst Recht keine Chance auf Freispruch. Doch das Todesurteil kann und will Dr. Frey verhindern. Nichts davon wird sich erfüllen. Der Schlosser Friedrich Schumann wird zum Tode verurteilt. Sechs Morde konnten ihm nachgewiesen werden. In der noch jungen Weimarer Republik tut man sich schwer Todesurteile rasch zu vollstrecken. Das kommt Dr. Frey zu pass. Er legt Revision ein. Doch sein Mandant ermutigt ihn diese zurückzunehmen. In den darauffolgenden Monaten besucht Dr. Frey Schumann so oft es seine Zeit zulässt. Schumann entlockt ihm das Versprechen ihn postwendende zu informieren, wenn er Vollstreckungstermin feststeht. Im Mai 1921 muss Dr. Frey Schumann mitteilen, dass er noch ein Vierteljahr zu leben hätte. Ab diesem Moment – so erfährt der Verteidiger von den Wächtern – schläft Schumann wie ein kleines Kind. Er ist erleichtert. Kurz vor der Hinrichtung fasst sich Schumann ein Herz und gesteht. Nicht nur die sechs Morde, die sind ihm zweifelsohne anzuheften. Auch nicht die fünf weiteren Morde, deren er angeklagt war. Nein, in Summe fünfundzwanzig Morde gesteht Schumann dem baff erstaunten Anwalt. Der sieht darin die Tat eines nicht Zurechnungsfähigen. Was die Aussetzung der Todesstrafe zur Folge hätte. Doch Schumann will sterben…

Würde Dr. Dr. Erich Frey heute praktizieren, wäre er bestimmt keiner dieser betroffenheitskitschigen „Anwälte“, die im TV sinnfreie Sprüche wie „Wenn der Täter der Täter ist, dann ist er der Täter und muss bestraft werden. Dafür werde ich kämpfen. Wenn es sein muss bis zum bitteren Ende.“ Er wäre auch keiner, der vor einer Bücherwand als „Experte“ Paragraphen in „normales Deutsch“ übersetzen würde. Er wäre Anwalt. Nicht mehr nicht weniger. Seine Memoiren aus den Gerichtsälen sind heute, fast ein Jahrhundert später, nicht minder spannend als zu der Zeit als sie wie eine Erzählung vom gestrigen Abend klangen. Mitglieder der so genannten Ringvereine – Clan-Kriminelle ohne familiären Hintergrund – nahmen sich Dr. Frey zum Anwalt. Für ihn war das Gesetz nicht dehnbar.

Das Nachwort dieser Biographie gehört Dr. Regina Stürickow, die mit ihren Büchern über die dunklen Seiten der Hauptstadt Berlin schon so manchem Leser Schauer über den Buchrücken jagte. Zum ungefährlichen Eintauchen in die Unterwelt Berlins in Goldenen Zeiten kommt man an diesen engagierten Memoiren einfach nicht vorbei.

Unit 8200

„Lassen Sie sich nicht hinters Licht führen!“ Zahlreiche Flyer zieren die Aushänge in Häuserfluren, um vor Betrügern zu warnen, die sich als Mitarbeiter einer Telekommunikationsfirma oder eines Kabelanbieters ausgeben, um ihr Treiben zu legitimieren. In der Welt der Geheimdienste ruft dieser Warnhinweis sicher nur ein müdes Lächeln hervor, doch Vorsicht ist auch hier geboten.

Einen Tag vor seiner Ernennung zum neuen Chef der Unit 8200 (acht zweihundert) wird Oberst Zeev Abadi in die Ermittlungen am Flughafen Paris-Charles-De-Gaulle hineingezogen. Seine Stellvertreterin Lieutenant Orianna Talmor nimmt derweil in Tel Aviv an einer Sitzung teil, an der sie zum ersten Mal mit den Hierarchien der einzelnen Abteilungen des israelischen Geheimdienstes in Berührung kommt. Abadi und Talmor sind keine ausgemachten Profis, doch sie werden noch viel Zeit haben, um ihre Erfahrungen machen zu können…

Ein junger Israeli, Marketingleiter einer IT-Firma ist also in Paris entführt worden. Auf den Überwachungsaufnahmen sieht man ihn heftig mit einer Blondine flirten. Sie besteigen einen Fahrstuhl und … verlassen ihn nicht wieder. Dass hier was nicht stimmt, ist offensichtlich. Doch die wahren Hintergründe und die Tragweite dieses Vorfalls, vom dem beschlossen wird, dass er nicht an die große Glocke gehangen werden soll, sind lange Zeit hinter einen dichten Nebelwand verschwunden.

Die Schwierigkeiten beginnen schon bevor sich die beiden, die zunächst gezwungenermaßen miteinander im Geheimen arbeiten müssen, kennenlernen. Denn die Ernennung Zeev Abadis zum Chef der geheimsten Geheimorganisation der Geheimdienste der Welt stößt nicht auf uneingeschränkten Beifall. Der Nachrichtendienst schlägt Talmor vor diesen Job anzunehmen und eine Neuwahl zu befürworten. Die Argumente sind unschlagbar. Doch Orianna ist reinen Herzens und mit selbigen beider Sache. Sie lässt die Drahtzieher abblitzen.

Die Entführung kann nicht lange unter Verschluss gehalten werden. Sie eignet sich schließlich vorzüglich um eine andere Katastrophenmeldung zu vertuschen. Und auch andere Geheimdienste aus aller Herren Länder die ihren Dienstherren loyal zur Seite stehen, lassen die Unit 8200, die nicht zum ersten Mal unter Beschuss steht an ihre Grenzen kommen.

Wer bisher Agententhriller mied, wird mit „Unit 8200“ zu einem Fan dieses Genres. Allerdings gibt ist die Auswahl derartiger Thriller nicht besonders groß. Das liegt zum Einen an der gefälligen Schreibweis, zum Anderen am enormen Fachwissen des Autors. Dov Alfon weiß wovon er schreibt, denn er gehörte selbst einmal zu dieser Unit 8200. In Israel hielt sich dieser komplexe Thriller wochenlang in den Bestsellerlisten.

Hoffen auf Aufklärung

Wer kann sich jetzt noch an 1982 erinnern? Die Schande von Gijon, der Nichtangriffspakt zwischen deutschen und österreichischen Fußballnationalspielern, kommt Fußballfans weltweit vielleicht in den Sinn. In der 500-Seelen-Gemeinde Oberriet bei St. Gallen ist das Jahr 1982 so präsent wie der gestrige Tag. Auch nach über drei Jahrzehnt ist der Mord an Brigitte und Karin in der Kristallhöhle nicht aufgeklärt. Die Teenager waren mit ihren Fahrrädern unterwegs – ein Ferienausflug zu Verwandten. Doch die Rückkehr wurde für die Eltern der beiden Mädchen zur Qual. Erst mehrere Wochen nachdem die ihre Mädchen als vermisst meldeten, fand man die beiden Leichname in einer Felsspalte. Von Maden verzehrt, unkenntlich. An Verdächtigen mangelt es hier nicht. Ein Höhlenführer, ein Architekt, Touristen – die Ermittler tun eine Spur nach der anderen auf. Doch nichts Endgültiges wird die Gemüter beruhigen. 2012 wird der Fall zu den Akten gelegt. Nicht, weil es keine neuen Erkenntnisse mehr geben wird, sondern weil das Schweizerische Strafrecht es so vorsieht. Dreißig Jahre nach einer Tat, kann niemand mehr belangt werden. Durchsuchungsbeschlüsse sind nichtig. Vernehmungen können nur auf freiwilliger Basis durchgeführt werden. Und im Dorf rücken alle näher zusammen, wenn einer von außen wieder anfängt zu schnüffeln.

Robert Siegrist wartet seit seinem 21. Lebensjahr auf die Antwort wer seine Eltern, seine Tante und zwei seiner Cousins ermordet hat. Das war 1976, als man sie mit einem Winchester-Gewehr ermordete. Das Gewehr wurde gefunden, den Schützen müssen alle Beteiligten an der Suche schuldig bleiben. Er verarbeitete seine Fassungslosigkeit in einem Buch. Gerechtigkeit kann er nach so langer Zeit kaum mehr einfordern. Noch weniger die Unterstützung der Behörden.

Politiker, Spione, Milieu-Größen, Kinder – kurz: Opfer und Täter in diesem Buch sind klar zuzuordnen. Ermittler haben immer den Auftrag jedweden Zweifel aus dem Weg zu räumen. Täter beschreiten den gleichen Weg, allerdings mit der Vorgabe Zweifel zu streuen und keine Spuren zu hinterlassen. Autor Walter Hauser war selbst Kantonsrichter und kennt die Zwickmühle der Gerichte. Menschlich (meist sogar logisch) sind viele Fälle eindeutig. Doch vor dem Gesetz ist jeder gleich. Bestehen Zweifel, müssen sie dem Angeklagten angerechnet werden, um Manipulationen auszuschließen. Das kommt jedermann schlussendlich zugute. „Hoffen auf Aufklärung“ ist auch ein Plädoyer für die Aufhebung der Verjährungsfristen bei Mord und Totschlag. Die Wissenschaft schreitet voran und was vor Jahren noch undenkbar zu sein schien, kann heute mit einem Handstreich erledigt werden. Die Opfer werden dadurch nicht wieder lebendig.

So einen Krimi kann man sich nicht ausdenken. Solche Geschichten schreiben nur das Leben und der Tod in unheiliger Allianz. Die Täter sind dreißig Jahre nach ihrer Tat alle Schulden entlastet, den Hinterbliebenen bleibt nur der verzweifelte Blick zurück. Wenn Recht und Gerechtigkeit getrennte Wege gehen, kann nur die Versöhnung den Staat von der Verantwortung befreien.

Lissabon

Es gab Zeiten, in denen eine Reise nach Lissabon einer Reise ans Ende der Welt gleichkam. Und das obwohl von hier Reisen an selbiges begannen. Heute pflegt die Stadt ihr Image als geheimer Hotspot am westlichen Rand Europas. Jetzt kommt man von allen Enden der Welt, um Lissabon zu besuchen. Autor Johannes Beck erlag der Faszination der Stadt auch. Als Zivi und kurze Zeit später lernte er die Stadt kennen und vor allem lieben. Die zehnte Auflage des Reisebandes MM City Lissabon ist nicht nur ein kleines Jubiläum, es ist vor allem ein Reisebuch, das dem Besucher eine Stadt aufzeigt, die sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt hat und sich dennoch ein paar Fleckchen ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat. Und diese gilt es zu entdecken.

Lissabon hat sich wie viele andere Städte auf Touristen eingestellt. Schnelle Wege zu den Hotspots der Stadt erleichtern es dem Spontantouristen vieles ganz schnell zu erreichen. Nachteil: Alle sehen dasselbe. Für einen Ein-Tages-Trip nicht ungewöhnlich und sehr erleichternd, doch Lissabon hat dann eben nur gesehen. Es wirklich erlebt zu haben, kann man so nicht behaupten.

Dieses Buch ist vollgestopft mit Reisetipps, die jedem Touristen in die richtige Richtung lenken. Das beginnt bei Ratschlägen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln – ja, die Straßenbahnen in Lissabon sind nostalgisch, tragen aber bei entsprechender Planung ein gewaltiges Sparpotential in sich, Stichwort rechtzeitig Tickets kaufen – und es endet noch lange nicht mit allen Sinnen beeindruckenden Spaziergängen. Von denen gibt es übrigens ein ganzes Dutzend in diesem Buch, die schon beim Lesen die Stadt erstrahlen lassen.

Dass Gegensätze sich anziehen, stellt beispielsweise Tour 7 unter Beweis. Campo de Ourique ist ein Viertel, das von der Kuppel der Basílica da Estrella überragt wird. Das Lissabon des Herzens ist hier zu Hause. Die Tour ist aber nicht allein ein Spaziergang auf totem Pflaster, es ist mehr ein Boulevard der weichenden Dämmerung. Denn der zweite Teil führt in nach Amoreiras, das von einem futuristischen Einkaufszentrum nicht minder bestimmt wird. Und der Spaziergang führt in die Unterwelt. Physisch, nicht sinnbildlich! Mãe d’Agua lautet das Zauberwort, von hier wurde Lissabon mit kostbarem Nass versorgt. Eine Führung lohnt sich und Gummistiefel braucht man auch nicht.

Johannes Beck zeigt dem Leser / Gast ein Lissabon, das er vielleicht schon aus Reportagen zu kennen glaubt, garniert es ausreichend mit versteckten Ohos und Ahas, dass man das Gefühl bekommt die Stadt schon ewig zu kennen. Besonders die farbig unterlegten Kästen („Lissabon im Kasten“) enthalten genug Stoff, um hinterher mit seinem Fachwissen angeben zu können. Ein unverzichtbarer Begleiter durch eine Stadt, die man nach dieser Lektüre doch nicht so gut kannte wie man dachte.

Tagebuch für Schlaflose

Alle Lichter gehen aus – Hell-Wach! Wenn die Äuglein zufallen … sollten, es aber nicht tun, ist an gesunden Schlaf nicht mehr zu denken. Und der Rattenschwanz mit Konzentrationsschwierigkeiten, Ermüdungen zur ungünstigen Zeit, unüblicher Essrhythmus und so weiter lässt einem keine Ruhe mehr. Auch ohne Arztbesuch oder medizinisches Grundwissen hört man in der Ferne die Alarmglocken schon schellen. Denn wenn der Kopf arbeitet, kann der Rest des Körpers nicht in den Ruhemodus schalten. Man kann es sich allenfalls einreden.

Das „Tagebuch für Schlaflose“ ist kein Allheilmittel gegen Schlaflosigkeit, das will auch Autor Lee Crutchley. Aber es hilft dem Phänomen Schlaflosigkeit sich entgegenzustellen und eigene Erfahrungen ins rechte Licht zu rücken. Der Kopf soll arbeiten – das treibt jeden von uns an. Mal stärker, auch mal schwächer. Das ist noch lange kein Grund ins Grübeln zu kommen. Nur mittelmäßige Menschen sind stets in Hochform. Was nach einem Spruch für lustige Kaffeebecher klingt, trägt einen Funken Wahrheit in sich. Lee Crutchley fordert am Beginn des Buches den Leser auf sich selbst einzuschätzen. Wer ist man? Wie reagiert man auf sein Umfeld? Ist man ein sozialer Mensch oder kann man sich schlecht öffnen? Sind eingefahrene Bahnen wichtiger als Abenteuer?

Es gibt viele Faktoren, die in der heutigen Zeit unser Leben beeinflussen. Das beginnt beim ewig bimmelnden Telefon und endet noch lange nicht bei der Angst vor Verlusten. Das „Tagebuch für Schlaflose“ bietet nicht nur im übertragenen Sinne viel Platz – das Buch hat viel freien Platz für eigene Gedanken. So wird man vielleicht nicht zum Bestseller-Autor, aber immerhin zum Autobiographen.

Schlaflosigkeit ist ein ernstes Thema (besonders für diejenigen, die es betrifft), zur Auflockerung darf der Leser dann zum Beispiel neue Wörter erfinden. Wozu? Zur Ablenkung, salopp gesagt. Denn die Gedanken, die einen bisher beschäftigten, waren ja offensichtlich nicht dazu gedacht sich mal richtig ausschlafen zu können.

Das Problem mit diesem Buch ist, dass man es nur liest, wenn man schon mitten in der Krise ist. Und dann soll man, wenn die Symptome „zuschlagen“ auch noch ein Buch „schreiben“? Ja! Denn nur, wer sich Gedanken macht, kann etwas verändern. Klingt oberflächlich betrachtet nach einem Teufelskreislauf. Bei genauerer Betrachtung jedoch, ist es ein erster Ausweg.

Das Einzige, was man vermeiden sollte, ist sich zu viele Gedanken über dieses Buch zu machen. Denn dann geht alles wieder von vorn los!