Der Blutchor

Dieuswalwe Azémar hat Urlaub. Es lebe die Kurzgeschichte! Und Gary Victor ist ihr König! „Der Blutchor“ ist mehr als eine Fingerübung, um Großes folgen zu lassen. Die neun Kurzgeschichten in diesem Band – man kommt ausnahmsweise nicht umhin auf den Preis zu verweisen: Weniger als ein Euro pro story, die eindeutig mehr wert sind – fesseln alle Sinne des Lesers. Naja, vielleicht bis auf den Geruchssinn.

Mitten im Haïti Duvalliers, wobei es fast schon egal ist, welcher nun gerade an der Macht ist, ob nun Papa oder Baby Doc (oder ist es doch ein anderer Präsident, der das Volk unter seiner Knute quält?), wächst einem Günstling des Präsidenten ein Schwanz. Und zwar dort, wo man ihn nicht vermutet oder eben gerade da. E nachdem wie ernsthaft man gerade drauf ist. Ein Skandal? Nein! Eine Schmach? Zumindest für Corneille Soisson. Der Name an sich ist schon einen Literaturpreis wert: Die Krähe sei sein. Und dieser besagte Soisson macht sich berechtigte Hoffnungen auf einen Ministerposten. Der Präsident ist dem eifrigen Wahlzettelfälscher zum Dank verpflichtet. Wäre da nicht diese Sache mit dem verflixten Schwanz! In Bohio, einer volkstümlichen Bezeichnung Haïtis, ist ein Schwanz nicht nur ein Schwanz, sondern ein Fluch, den nur ein bòkò, ein schwarzer Voodoopriester wieder lösen kann. Doch Corneille ist zu feige und springt in den sicher geglaubten Tod. Blöd nur, dass unter dem Fenster ein Müllwagen wartet und seine geheime Fracht auf der Deponie ablädt. Die Geschichte vom schwanzangehängten Günstling macht die Runde. Als das Ungetüm – so muss Corneille mittlerweile aussehen – eines Tages von Arbeitern entdeckt wird, scheint die Lage zu eskalieren…

In einer anderen Geschichte dringt Gary Victor ganz tief in die Seele eines Menschen ein. Frau und Kind sind weg. Bald auch sein Leben. Doch sein Tagebuch offeriert ein dunkles Geheimnis. Ameisen treiben den Junkie in den Wahnsinn. Nicht sein Schöpfer, sondern sein Programmierer scheint etwas Besonderes mit ihm vorzuhaben.

Und wenn Kokosnüsse wirklich den Weg vorzeichnen, sollte man Frauen mit Macheten aus dem Weg gehen. Dieser Ansicht ist der Autor der ersten Geschichte in diesem Buch.

Es bedarf einer ungeheuren Phantasie solche Geschichten zu erfinden und wunderbar vertraute Worte kleiden zu können. Wie ein Magier webt Gary Victor seltsame Begebenheiten in ein Netz aus feinster Gefühlsseide. Die Akteure halten die Webfäden teils mit zittrigen Händen fest, so dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt als offenen Mundes Seite für Seite zu verschlingen. Angst sich zu verschlucken muss keiner haben. Den Heimlichgriff beherrscht der Autor wie kein Zweiter. Blutüberströmt ohne vulgär zu sein, erregt ohne die Grenzen des guten Geschmacks auch nur anzukratzen und mystisch und schonungslos geradlinig zugleich sind die Geschichten in „Blutchor“.

Was sich auf dem ersten Blick wie die Biographie der Background-Sänger von Madonnas „Like A  Prayer“ anhört (schwarzer Jesus, der Blut weinnt – einer der inszenierten Skandale der 90er Jahre) , entpuppt sich schnell kurzweilige Meisterstücke der Stimme Haïtis, der von Gary Victor. Man hört die Stimmen, geht auf die Knie, schließt die Augen und seufzt wie ein Engel:  Fluchen sei an dieser Stelle bitte erlaubt: Verdammt, schon wieder ein Buch, das zu schnell ein Ende findet!

Jette, Jakob und die andern

Bilderbuch, paradiesisch, sorgenlos – stellt man diese Worte vor das Wort Kindheit, ist alles in Ordnung. Jette und Jakob können davon ein Lied singen. Ihre Kindheit ist paradiesisch, frei von Sorgen, wie im Bilderbuch. Doch die Idylle bröckelt. Sie sind in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Norddeutschland geboren.

Im Radio tönt der „Braune“ wie Mama ihn immer nennt. Das Leben geht weiter. Dann schickt der „Braune“ auch noch seine Männer auf den Hof. Das Leben geht weiter. Auf dem Hof wird’s eng. Immer mehr Familien suchen Unterschlupf, der ihnen bereitwillig geboten wird. Das bedeutet für Jette und Jakob mehr Spielkameraden. Gerade und besonders, wenn Papa wieder mal im Krieg unterwegs ist – Margret Steckel versteht es brillant und bisher kaum gekannt die vordergründigen Auswirkungen des Krieges auf ein Kind zu beschreiben.

Schule war bisher nur der Ort, vor dem man Angst hatte, weil dort so viel Neues war. Zum Glück hat Jette in Uschi eine Klassenkameradin, die auch außerhalb ihre Freundin ist. Das mildert den Eintritt in den neuen Lebensabschnitt. Denn Papa ist ja wieder mal im Krieg unterwegs. Doch die Zeit, in der der Krieg dann auch wirklich nicht da war, genauso wie Papa, ist vorbei. Stalinorgeln ist nicht nur ein neues Wort für die Kinder in der Schule und auf dem Hof. Es sind die dezibelüberschlagenden Boten einer grauen Zukunft.

Die kommt schneller als erwartet. Der Krieg ist aus. Die Briten stehen vor der Tür. Nette Typen, die Jette die ersten Fremdwörter beibringen. Dann kommen die Russen. Und mit ihnen ein weitreichende Veränderung.

Margret Steckel wurde in den 30er Jahren in Mecklenburg geboren. So wie Jette, Jakob und die andern. Somit steckt sicher auch eine ordentliche Portion Eigenerleben in diesem kleinen Büchlein. Sie erzählt die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Außenstehende aus der Sicht der Kinder. Die sollten „so was“ nie erleben! Ohne zu verniedlichen oder gar zu verharmlosen umschreibt sie eine Zeit, die eh schon düster genug war. Da muss sie nicht auch noch in die gleiche Kerbe hauen, möchte man meinen.

„Jette, Jakob und die andern“ ist ein mahnendes Buch. Auch wenn Kinder nicht alles und sofort einordnen können, nehmen sie Veränderungen wahr. Das „Wie sie damit umgehen“, ist die große Herausforderung für alle, die Verantwortung tragen. Margret Steckel nimmt diese Herausforderung an. Ihre Novelle macht Mut, lädt zum Schmunzeln, im gleichen Maße regt sie auch zum Nachdenken an.

Der schöne Heilige

Blasphemie! Heilige sind nicht schön, sie sind heilig! Doch das ist nicht die einzige Neuerung, die von diesem Roman ausgeht. Es ist Philippe Soupaults erster Roman, ein neuer Star am Literaturhimmel. Und – und das ist noch viel bedeutender – ein Hauch von Surrealismus schwingt in ihm mit.

Jean X und Philippe Soupault – einer der Hauptakteure heißt genauso wie der Verfasser – kennen sich von Kindesbeinen an. Sie mögen sich. Sind unzertrennlich. Und doch entwickeln sie sich in unterschiedliche Richtungen. Der eine will schreiben, der andere die Welt aus den Angeln heben. Jean X wird den ganzen Roman über unter dem Deckmantel des Pseudonyms Jean X verborgen bleiben. Wer jedoch schon ein paar Texte von Philippe Soupault gelesen hat – es empfiehlt sich also nicht mit „Der schöne Heilige“ die Entdeckungsreise ins Werk Soupaults anzutreten – kennt Jean X in und auswendig. Es ist der Autor selbst! Zusammengefasst: Philippe Soupault schreibt einen Roman über zwei Freunde, die beide gleichermaßen er selbst sind. Puh, das ist echt neu!

Soupaults (im Roman) Bewunderung für Jean X ist grenzenlos. Er ist fasziniert von dessen Ehrlichkeit und Forscherdrang. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist Paris. Hier treffen sie Michel Palmyre, der im echten Paris Guillaume Apollinaire hieß und Philippe Soupault, den Autor, zu seinen ersten Veröffentlichungen verhalf.

Es ist ein rechtes Auf und Ab in der Beziehung der beiden. Jean X treibt immer wieder in die Ferne. Als er endgültig verschwindet, ist Soupault betrübt, als einzige Hinterlassenschaft an den Freund hat der ihm sein Tagebuch hinterlassen. Dieses dient als Rechtfertigung über ihre Freundschaft öffentlich zu reden und zu schreiben. Denn Ereignisse, die man gemeinsam erlebt, haben nun mal zwei Seiten, von denen sie betrachtet werden können.

Wer erkannt hat, dass Jean X und Philippe Soupault ein und dieselbe Person ist, jeder mit einem eigenen Charakter ausgestattet, wird sich an „Der schöne Heilige“ nicht satt lesen können. Man streift durch das Paris der literarischen Avantgarde wie über ein Feld gerade frisch erblühter Blumen. Alles duftet so unschuldig. Man ist der erste, der zwischen den Blättern hindurch wandert. Und wenn man mal nicht weiter weiß, hilft einem der Autor Soupault den Hauptakteur Soupault zu verstehen. Wenn es noch einen Grund bedurfte Philippe Soupault anzupreisen – bitte sehr, hier ist er!

Die letzten Nächte von Paris

Es könnte schlimmer sein! Nur noch eine letzte Nacht in Paris. Und dann ganz viele Nächte nicht in Paris. Doch der namenlose Erzähler hat noch mehrere vor sich. Und die verbringt er mit Georgette. Beziehungsweise verbringt er sie nicht neben Georgette, sondern meist hinter ihr. Sie zu verfolgen, ihrem Sirenengesang zu folgen, ist sein Elixier.

Georgette ist des Nachts der schillernde Schmetterling, der das Dunkel der Nacht vergessen lässt. Tagsüber ist jedoch die graue Maus, die man sehr wohl wahrnimmt, aber nicht mit übermäßiger Beachtung beschenkt. Nicht Georgette allein machen die Nächte von Paris so eindrücklich. Es ist das Drumherum, das den Erzähler unmerklich in einen Strudel hineinsaugen, dem er nicht entkommen kann. Er befindet sich auf einer Reise, die man so nirgends buchen kann, auch wenn Georgette sich sonst für vieles bezahlen lässt.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Andernorts sind diese Jahre golden oder roaring. In Paris treibt der Erzähler in eine krimireife Zeit. In der Zeitung liest er von einem Matrosen, den die Polizei dingfest machen hat. Er den Freund seiner Freundin ermordet, zerstückelt und die Reste dessen menschlicher Existenz in der Seine entsorgt.

Octave, Georgettes Bruder, ist auch so ein Früchtchen. Wie einst Nero will er sich ein flammendes Denkmal setzen. Doch es wird dann doch die letzte Ruhestätte.

Und Volpe schießt den Vogel im Skurrilitätenkabinett ab. Er kann alles, kennt jeden, hat überall seine Finger im Spiel. Doch greifbar wird er niemals sein. All diese Typen und noch einige mehr trifft der Erzähler bei seinen Erkundungen Georgettes. Autark ist er schon lange nicht mehr. Das Milieu hat ihn gefangengenommen. Nur noch ein kleiner Schritt bis er selbst dazugehört…

„Die letzten Nächte von Paris“ sind Philippe Soupaults Liebeserklärung an Paris. Die Poesie seiner Worte hallen noch lange nach. Beispielsweise wenn er Georgettes Schatten als das wahre Licht ihrer Schönheit beschreibt. Oder wenn er vom albernen Xylophon der Bummler spricht. Wer Paris wie es einst war kennenlernen will, wer dem heutigen Paris auf den Grund gehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Picasso und die anderen spielten in Paris nicht mehr lange die große Rolle wie vor zehn, zwanzig Jahren. Montmartre und Montparnasse waren vom Künstler-Walhalla zum Spektakel für allerlei schaurige Gestalten verkommen. Der Mythos Paris kränkelte. Und Philippe Soupault kritzelt eifrig seine Fieberkurve.

Bitte schweigt

Hat man schon das eine oder andere Buch von Philippe Soupault gelesen, ist man geneigt ihm alles abzukaufen. Die Glaubwürdigkeit liegt über all seinen Werken. Ob er nun einen Glücksritter portraitiert, der das System, die Gesellschaft für sich selbst bestimmt und Bestehendes den Spiegel vorhält oder er sich mit seinen Verwandten anlegt, weil er schonungslos (ohne bewusst provozierend selbigen ein Bein zu stellen) ihr Leben aufdeckt – Philippe Soupault hat die political correctness in ihrer reinsten Form zur Kunstform erhoben.

Ein Chronist seiner Zeit, die er selbst verändern wollte und es auch tat – mit André Breton verfasst er „Die magnetischen Felder“, den ersten surrealistischen Text überhaupt – wollte er nie gewesen sein. Die autobiographischen Züge in seinen Werken sind unverkennbar. „Bitte schweigt“ kann getrost in „Bitte schwelgt“ umbenannt werden. Denn schweigen, diesen Wunsch muss man Soupault abschlagen, kann man nicht.

Gedichte, Poesie ist schwer einzuordnen, schwer zu beschreiben oder gar zu bewerten. Viele versuchen es immer wieder, doch der Kreis der Rezipienten, die die Wertung auch verstehen, bleibt überschaubar. Denn Gedichte verstehen ist das Eine, sie zu interpretieren das Andere. Beides wird niemals vollständig entschlüsselt werden.

Und so kommen die Gedichte wie ein frischer Wind daher. Kein „Reim Dich oder ich beiß Dich“, sondern wohlformulierte Zeilen, die zum Nachdenken anregen. Arthur Rimbaud umschrieb das Dichten als Fähigkeit zum Sehen. Ja, schon dieser kurze Satz ist nicht einfach in Alltagssprache zu übersetzen. Sehen kann jeder, dessen Augen funktionieren. Eine naturwissenschaftliche Voraussetzung. Doch Dichten, (Ge-)Dichten ist mehr als pure „Formuliererei nach Formeln“. Die Fähigkeit Gesehenes mit Gefühlen in Verbindung zu setzen, ist mehr als nur eine Grundvoraussetzung. Womit wir schon wieder bei Formeln und Regeln sind.

Die Gedichte und Lieder in diesem Buch, die Philippe Soupault vielen seiner Weggefährten wie Guillaume Apollinaire, Blaise Cendrars, Tristan Tzara oder André Breton widmete, liest man mehrmals. Nicht ums sie einfach nur „verstehen zu können“, sondern weil sie es wert sind öfter gelesen zu werden. Und wenn man dann irgendwann einmal in Montparansse oder Montmartre an den Wirkungsstätten dieser Köpfe vorbeischlendert, wünscht man sich dieses Buch zur Hand zu haben und das eine oder andere Gedicht zu lesen.

 

Geschichte eines Weißen

Wer mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren ist, kann sich im engmaschigen Elfenbeinturm leicht die Kauleiste ruinieren. Philippe Soupault wurde mit einem silbernen Löffel im Mund geboren. Und trotzdem ist er früh angeeckt und hat sich so manches Mal gehörig die Zähne dabei verschoben.

1897 war es. Mitten im Fin de Siècle. Da wurde Philippe Soupault in Chaville bei Paris geboren. In seiner Ahnengalerie befinden sich große Männer, wie der Gründer von Renault, den er vortrefflich in „Ein großer Mann“ beschrieb. Die Bourgeoisie war sein Heimathafen. Doch Häfen haben eben auch die Angewohnheit, dass man hier nicht nur vor Anker gehen kann, sondern auch ablegen. Entdecker wollte er werden. Die weißen Flecke von den Landkarten mit Farbe füllen. Doch in Jugendjahren wurde es erst einmal Bad Ems. In Deutschland, beim Erbfeind.

Der Krieg brachte einen weiteren entscheidenden Einschnitt ins Leben des Mannes, der in diesem Buch mit dreißig Jahren zum ersten Mal Rückschau hält. Die Familie flieht aufs Land. Die verzerrten Fratzen der Soldaten sieht er nicht nur sprich- sondern wortwörtlich an sich vorbeiziehen.

Rene Deschamps ist sein Cousin. Es ist nicht das Blut, das sie verbindet, es ist ihre Leidenschaft für das Neue, das Unerwartete, das Verquere, das zwischen ihnen ein unzertrennbares Band bildet. Nur der Tod kann sie entzweien, was er auch tut. Doch die Begegnung mit Deschamps ist der Startschuss für Soupault. Kunst und ihre Auswirkungen auf sich selbst und andere gehören fortan zum Alltag. Der Bourgeoisie entkommen und sich selbst entwickeln, sich formen, neue Ideen entwerfen und umsetzen. Wenn Soupault zu diesem Zeitpunkt wüsste, dass er noch nicht einmal ein Drittel seines Lebens gelebt hat, wie hätte dann „Geschichte eines Weißen“ ausgesehen?

Mit dreißig Jahren beginnen die ersten Zipperlein, sagt der Volksmund. Bei Philippe Soupault zwickt und zwackt es im Gehirn. Er ist frei von den Zwängen der Familie. Seine Schriften werden dank der Fürsprache von Guillaume Apollinaire veröffentlicht, und nicht von eifrigen Händen dem Feuer übergeben.

Es ist erstaunlich wie aktuell dieses Buch, das nun schon seit fast einem Jahrhundert existiert, dank dem Wunderhorn-Verlag seit 1990 auch auf Deutsch, immer noch ist. Die Bourgeoisie in Frankreich ist schonungslos auf dem Weg an die Spitze. Nur heißt sie nun Elite. Keiner aus dem Umkreis von Präsident Macron ist dem System Eliteschulen entgangen. Seilschaften verbinden die einstigen Hoffnungsträger bei ihrer Abschottung gegen Unten. Kurz ist der Text, aber umso eindrucksvoller und aktueller. Wie würde Philippe Soupault seiner Heimat der Jetztzeit begegnen? Viermal so alt wie damals, als die Surrealisten ihn verbannten, obwohl er ihr erstes Werk zusammen mit André Breton schuf? Politisch korrekt vielleicht? Niemals! Anklagend? Vielleicht! Kämpferisch? Entlarvend? Bien sûr!

Die Reise des Horace Pirouelle

Reisepass, genügend Klamotten und Toilettenartikel eingepackt? Na dann kann die Reise ja losgehen! Sobald die Checkliste komplett abgehakt ist, beginnt der Urlaubsstress. Zumindest bei so manchem, der sich seit Wochen und Monaten auf die schönste Zeit des Jahres freut und alles akribisch vorbereitet. Aufbruchsstimmung nennt man das, oft endet es in Abbruchstimmung.

Horace Pirouelle bricht auf um aufzubrechen. Nichts mehr und nichts weniger. Grönland soll es sein. Sein Freund Julien – unter uns: Julien ist Philippe Soupault, der so poetisch diese Reise beschreiben wird, obwohl er gar nicht dabei sein wird – ist überrascht als der Freund ihm berichtet wohin es gehen soll. Denn Horace Pirouelle wurde einst in Liberia geboren. Quasi als Kontrastprogramm will er nun ins ewige Eis. Einfach so. Ja, wirklich, einfach so. Es gibt keinen triftigen Grund warum es ausgerechnet Grönland sein soll.

Die Reise beginnt. Und fast wie im Märchen, findet sich Horace auch bald in der Eiswüste zurecht. Dem Alltag der Eskimos kann er mühelos folgen. Anschluss findet er schnell. Doch irgendwann erdrückt ihn die Nähe, die man in Grönland so nicht erwartet.

Wer nun eine Reisebeschreibung vielleicht á la Joseph Conrad erwartet, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Denn Monsieur Pirouelle sucht nicht das Besondere, er ist ja schon mittendrin. Er erinnert auch ein wenig an den Autor selbst. Entdecker wollte er werden, wenn er groß ist, meinte er in jungen Jahren. Und nun schickt er den erfundenen Horace Pirouelle in die Ferne nach Grönland. Alles hier ist anders. Keine Cafés, kein Eiffelturm, keine afrikanischen Rhythmen wie daheim in Monrovia, Liberia.

Philippe Soupault gibt dem Affen Zucker. Mit einer jungenhaften Freude schreibt er seinen Freund in ein Abenteuer, das der so schnell nicht vergessen wird. Sage und schreibe einhundert Jahre ist es her, dass dieser Kurzroman geschrieben wurde. In Europa wütete der Krieg. Revolutionen rückten Länder in den Fokus, die bisher nur am Rande oder in seltenen Fällen als eroberungswürdig wahrgenommen wurden. Schon zwei Jahre später wird Philippe Soupault zusammen mit André Breton den ersten surrealistischen Text „Die magnetischen Felder“ verfassen. Losgelöst von herrschenden Strukturen wollten sie die (Kunst-)Welt verändern. „Die Reise des Horace Pirouelle“ war der selbst gelegte Pfad auf diesem Wege.

Bushäuschen in Georgien

Würde es Katie Melua nicht geben, hätte Eduard Schewardnadse nicht so aktiv an der deutschen Wiedervereinigung mitgewirkt, man wüsste nichts von Georgien. Im Kaukasus liegt das Land. Stalin kam von hier. Fußballfans erinnern sich noch an epische Matches von Dynamo Tblissi. Aber das war’s dann auch schon.

Wer interessiert sich schon für Georgien, könnte man ketzerisch fragen. Finns halten es mit Finnland. Franks mit Frankreich und Georgs mit Georgien – könnte man meinen. In diesem Fall stimmt es aber. Georges Hausemer kennt Georgien, hat viel gesehen und viel darüber geschrieben. Viele Reportagen, die man in Tageszeitungen und Büchern noch einmal nachlesen kann. Vergessen all die Anstrengungen von Politikern (aus welchen Gründen auch immer) verpuffen im Nachrichtenwust des Schreckens. Und da springt Georges Hausemer in die Presche.

Bücher über Georgien gibt es sicherlich viele. Ganz sicher mehr als über andere Kaukasusrepubliken. Da ist es schwer eine Nische zu finden. Trara! Hier ist die ultimative Nische! „Bushäuschen in Georgien“ – auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Wer denkt bei Georgien schon an Bushäuschen? Naja, einer, ein Luxemburger, der sein Land als das großartigste Großherzogtum der Welt beschreibt. Der Titel erregt Aufsehen. Und blättert man ein wenig darin herum, ist man überrascht. Denn europäische Nahverkehrsnetze funktionieren (meistens), ihre Haltepunkte sind durchgestylt, austauschbar, bieten Schutz vor Regen und geben Auskunft über die Fahrzeiten. Georgische Nahverkehrsnetze funktionieren meistens nicht. Die Haltstellen oder Bushäuschen sind nicht genormt. Schutz vor Wind und Wetter bieten sie auch nur sporadisch. Und Auskünfte sucht man in der Regel vergebens. Aber, und das kann man gar nicht oft genug betonen und hervorheben: Sie haben Charme. Und eine Geschichte. Nicht immer die Gleiche, zum Glück, nicht immer mit Happy End, doch sie haben Geschichten.

Selbst Einheimische wie Dato, der Fahrer und Dolmetscher des Weltreisenden Hausemer sind erstaunt, was da alles in der Gegend rumsteht. Sie sehen aus wie eine Guillotine, sind aus Baggerschaufeln wild zusammengeschustert worden, bieten Eseln einen trostlosen Rastplatz oder wurden im wahrsten Sinne des Wortes in (nicht auf oder vor oder neben) der Natur erbaut. Die süffisanten Texte von Georges Hausemer erlegen den letzten Zweifler am Nutzen dieses Buches, sofern es sie je gab. Nie wurde ein Land – übrigens Partnerland der Frankfurter Buchmesse 2018 – so eindrucksvoll durch die Hintertür einem breiten Publikum zugängig gemacht. Im Jahr 2017 ging der bedeutendste Literaturpreis Luxemburg, der Prix Batty Weber an Georges Hausemer für sein Lebenswerk. Und während in Georgien so mancher beim Warten auf den nächsten Bus – und das kann dauern – darüber nachdenkt, was der neugierige Ausländer, der so eifrig die avantgardistischen Hinterlassenschaften der UdSSR aus Beton, die wellblechbedachten Treffpunkte der Busnutzer, die verlassenen Orte des Stillstands fotogarfiert, so treibt, hat der bestimmt schon wieder den nächsten Coup in Gedanken fast abgeschlossen. Die georgischen Buchmesseteilnehmer 2018 werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.

Begegnungen mit Dichtern und Malern

Philippe Soupault kannte sie alle: Guillaume Apollinaire, Marcel Proust, James Joyce, Blaise Cendrars. Und er huldigte ihnen. Auch und gerade in diesem Band. Der einleitende Beitrag zu Guillaume Apollinaire wurde eigens für dieses Buch geschrieben.

Philippe Soupault schrieb André Breton den ersten surrealitsischen Text der Geschichte, „Les Champs magnétique“, „Die magnetischen Felder“. Doch hielt es ihn nicht lang bei den Surrealisten. Als Verleger machte er sich einen Namen. Die Wurzeln, die Wurzeln seines literarischen Schaffens konnte er noch selbst schaffen. Den Dünger stellte Guillaume Apollinaire zur Verfügung. Soupault schickte ihm eines Tages selbst verfasste Gedichte zu. Apollinaire war für seine Güte gegenüber denen, die er mochte bekannt. Aber eben auch für seine scharfe Zunge, für diejenigen, die nur Spott und Hohn für ihn und seine Freunde übrig hatten. Und dieser Apollinaire gibt freimütig den Kontakt zu seinem Verleger weiter. Kurze Zeit später ist Apollinaire tot. Für Philippe Soupault war dies nicht nur eine denkwürdige Begegnung (der noch ein paar folgen sollten). Es war auch nicht nur eine nervenaufreibende Begegnung – Soupault wollte schon seine sieben Sachen packen und verschwinden als Apollinaire ihn am Ärmel davon zurückhielt. Es war der Beginn einer besonderen Karriere für Philippe Soupault, die bis über seinen Tod im Jahre 1990 hinaus nachwirkt.

Die Begegnungen in diesem Buch waren real, bis auf die mit Henri Rousseau, dem Douanier. Der Impressionist verstarb als Soupault gerade mal dreizehn Jahre alt war. Soupault besuchte Künstler und Freunde, die Rousseau gekannt hatten. In den wenigen Absätzen setzt er dem Maler ein Denkmal aus Ehrfurcht und Lebensfreude.

Über James Joyce schreibt Soupault wie über einen Übermenschen ohne dabei die Realität zu verletzen. Für ihn war Joyce der einzige Künstler, der sein Leben über sein Werk stellte. Marcel Proust schwebt über den Memoiren/Begegnungen wie eine feenhafte Erscheinung. Wo Proust war, war Ruhe, teils angespannt, teils respekteinflößend.

Diese Begegnungen lesen sich wie ein geordneter Landeinwärtsritt durch die Kunstgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. So wild und ungestüm die Köpfe manchmal waren, so liebevoll, fast zärtlich sind die Beschreibungen des fast schon als Jünger zu bezeichnenden Philippe Soupault. Auffallend ist, dass viele der Künstler nicht alt wurden: Apollinaire starb im 38. Lebensjahr, Proust im 51. und René Crevel konnte nicht einmal sein 35. Lebensjahr vollenden. Philippe Soupault kannte sie alle, über lebte sie alle – er starb sicherlich als zufriedener Mann im hohen Alter von 92 Jahren.

Wachtmeister Studer – Erwin Schlumpf Mord

Der Kaufmann Witschi ist ermordet worden. Und dreihundert Franken hat man ihm gestohlen. Verdächtig ist Erwin Schlumpf. Einer zu dem das Verbrechen passt. Gelegenheitsarbeiten wechselten sich mit Gefängnisaufenthalten ab. Und außerdem hat er kurz nach dem Mord im „Bären“ einhundert Franken gewechselt. In seiner Tasche befanden sich noch mehr als 280 Franken. Klar, dass er es war. Außerdem war mit Sonja liiert. Die ist die Tochter des Opfers. Alles sonnenklar: Der war’s!

Nur einer zweifelt. Wachtmeister Studer von der Kantonspolizei Bern. Der gemütliche Bulle mit dem analysierenden Stigma hat ihn als Erster vernommen. Irgendwie scheinen die Ausführungen des Delinquenten plausibel. Die Handlungen Schlumpfs nicht. Als er befragt werden soll, haut er ab. Spricht nicht gerade für jemanden, der unschuldig ist. Nun liegt er da, schnappt nach Luft – nach einem Selbstmordversuch nicht Ungewöhnliches. Studer hält ihm Händchen, versucht Informationen aus ihm herauszubekommen.

Den Untersuchungsrichter hat Studer schon fast auf seine Seite gezogen. Der ist mittlerweile auch nicht mehr hundertprozentig von Schlumpfs Schuld überzeugt. Witschi lag kopfüber im Dreck. Auf den Tatortfotos sieht man keinen einzigen Krümel auf dem Rücken des Opfers. Seine Taschen waren leer. Da stimmt was nicht! Und warum sollte der Täter, also Erwin Schlumpf, das Opfer, Witschi, anhalten, in den Wald scheuchen, ausrauben und ihn dann hinterrücks erschießen?

Als dann auch noch Cottereau vermisst wird, kommt Schwung in den Fall. Cottereau war es, der den Toten entdeckt hat. Studer bekommt Hilfe, von Kommissar Zufall. Er entdeckt Cottereau. Doch der hält lieber sein Maul als dem Fahnder zu helfen. Auch das Verhalten Sonjas kommt Studer komisch vor…

Studer ist einer, der sich einmischt. Einer, der sich nichts vormachen lässt und einer, der sich nur einer Sache verpflichtet fühlt: Der Gerechtigkeit. Wer ihm nichts sagen will, ist zwar nicht automatisch verdächtig, doch bekommt er eine Sonderbehandlung. Diskret versteht sich. Studer ist ein Meister der Beobachtung. Die Lebenserfahrung hilft ihm die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Friedrich Glauser führte selbst ein unstetes Leben, arbeitete in vielen Berufen an verschiedenen Orten, war morphiumsüchtig. Seinem Kommissar Studer kommen diese Erfahrungen zugute. Der Leser wird augenblicklich zum Komplizen des Ermittlers und rätselt Kapitel für Kapitel mit dem träge wirkenden Studer, um letztendlich durch Beharrlichkeit und Kombinationsgabe den wahren Täter zu ermitteln.