A Taste of Honey

Der Titel des Buches kommt einem irgendwie so seltsam vertraut vor. Vielleicht schwirrt einem aber auch der Film „Bitterer Honig“ aus dem Jahr 1961 im Kopf herum. Das Schwirren trügt nicht. Die Autorin Shelagh Delaney ist als der Film erscheint gerademal etwas über Zwanzig. Und schon ein Star. Dass ihr erstes Stück gleich so einschlagen wird, konnte sie nicht im Geringsten vorhersehen. Und dann auch noch eine Verfilmung… In Deutschland brachte Peter Zadek das Stück – wenig erfolgreich – auf die Bühne.

„A Taste of Honey“ ist nur eine Geschichte in diesem Buch. Denn dieses Buch ist das komplette Werk einer Autorin, die im England der 50er und 60er Jahre eine Ikone war, und der es vergönnt war ihren Ruhm auch genießen zu dürfen. Morrissey und seine The Smiths huldigten ihr, indem er ihre Texte in seine Songtexte einbaute und sogar weiterführte. Das Plattencover zu „Louder than Bombs“ wird durch ihr Konterfei geadelt. Und doch ist Shelagh Delaney in Deutschland gänzlich unbekannt. Wie bei Asterix und Obelix gibt es einen kleinen Kreis von Menschen, denen Shelagh Delaney etwas sagt. Tobias Schwartz und André Schwarck gehören zu diesem erlauchten Kreis. Sie setzen der Autorin mit diesem Buch ein Denkmal, das hoffentlich dazu beitragen wird sie nicht noch einmal mit dem Staub des Vergessens zu bedecken.

„A Taste of Honey“ erzählt die Geschichte von Jo. Gerade einmal muss sie mit ihrer Mutter, einer Alkoholikerin und Prostituierten, wieder einmal umziehen. Ein schäbiges Loch, in dem es kalt und feucht ist. So wie in den dreckigsten Ecken von Salford bei Manchester, wo Shelagh Delaney 1938 geboren wurde. Trist wäre schon eine Euphemismus, um diesen Ort zu beschreiben. Jo und Hellen, ihre Mutter, liefern sich einen dauernden, wenig herzlichen Schlagabtausch, aus dem keine der beiden als Sieger hervorgeht. Jo hat zumindest noch ihr Leben vor sich, Helen hat ihres schon längst abgeschrieben. Peter, macht Helen einen Heiratsantrag. Nicht aus Liebe, sondern aus dem einfachen Grund sie ins Bett zu bekommen. Alle durchschauen die Szenerie auf Anhieb. Jo hält aber eine brennende Lunte, die sie aus diesem Elend herausführen kann, in der Hand. Sie hat einen Freund an der Hand, und bald schon die Frucht ihrer Liebe unter ihrem Herzen. So poetisch würden weder Jo noch Helen es niemals bezeichnen. Der Freund ist bald schon weg, das Kind da, und die Lunte erloschen. Geof ist dafür im Leben von Jo aufgetaucht. Er wird sich rührend um Jo und das Kind kümmern wollen. Ehrbare Absichten, doch Geof ist homosexuell. Zusammengefasst: Die Industriemetropole Manchester in den 50er Jahren, ein Teenager mit Kind – ohne Vater, eine alkoholkranke Prostituierte und ein schwuler Freund: Skandal! Die lebensnahe Sprache der Akteure macht „A Taste of Honey“ so nachvollziehbar. Kein britisches upperclass-understatement, sondern er Rotz der Straße lassen dieses Meisterstück erblühen. Als Leser muss man nicht viel Interpretationsarbeit leisten. Die fehlenden Schnörkel erledigen das auf beeindruckende Weise.

Das Vorwort von Tobias Schwartz führt den Leser auf das erwartende Gesamtwerk von Shelagh Delaney umfassend ein. Die folgenden acht Erzählungen bereiten den Weg für den Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens. Die beiden Theaterstücke – es folgt noch „Der verliebte Löwe“, nicht weniger beeindruckend, jedoch weitaus erfolgloser als „A Taste of Honey“ – vollenden ein Buch, das es so im deutschen Sprachraum kaum gegeben haben dürfte. Vierhundert Seiten ungeschöntes, pralles Leben im Industriequalm erstickenden England. Und obendrauf ein Fürsprecher – Morrissey – dessen Texte auf einmal um einen weiteren Aspekt erweitert werden.

Die Lehmbauten des Lichts

Jedem den Jemen. So einfach lässt es sich leider nicht machen. Der Jemen gehört noch lange nicht zu den Top-Destinationen für Erholungssuchende. Schon gar nicht für die, die schon am Morgen im Pool ihr erstes Heineken-„Bier“ intus haben und sich am Büffet ein cholsterinwertversauendes Würstchen mit pappigem Rührei einverleiben. Es ist ein Land für Abenteurer oder Leute, auf Einladung von Kulturorganisationen im Land ein ausgedehnter Aufenthalt ermöglicht wird. Dann sollte aber auch darüber berichtet werden. Guy Helminger gehört zur letzten Sorte und hat seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit aller erfüllt. So nüchtern darf man sich diesem Buch aber nun auch nicht nähern. Denn Guy Helminger hat ein realistisches, gefühlvolles und lebensnahes Portrait eines Landes erstellt, das von der Geschichte und ihren Akteuren arg gebeutelt wurde. Im folgenden Jahr, 2020, begeht man – wie auch immer – den dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung des Jemens. Damit sind die möglichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Land am Golf von Aden und dem Roten Meer aber auch schon erschöpft.

Erschöpft wirkt Guy Helminger nicht im Geringsten, wenn er davon berichtet wie er im Jemen ankommt, sich durch ein fremdes Land vorsichtig bewegen muss und es nach einigen Wochen wieder verlassen hat. Das war 2009. Bis heute haben sich die Nachrichtenmeldungen über das Land kaum verändert: Elend, Krieg und Hunger sind die Hauptschlagworte, wenn über das Land berichtet wird.

Lange suchen musste der Autor nicht, um seine Geschichten zu finden. Jeder, mit der durchs Land reiste, mit dem er faszinierende Orte besichtigte, sprach über Korruption. Ohne Bakschisch geht hier nichts. Was den Gesamteindruck von Land und Leuten nicht im Geringsten trübte. Denn so manche vermeintlich gefährliche Situation löst sich nach einigem Hin und Herr schnell in Wohlgefallen auf. Etwa bei einer Verfolgung wie in einem Agententhriller: Guy Helminger wird – wie so oft – von einem Fremden angesprochen. Er möchte jedoch nicht dessen Dienste in Anspruch nehmen. Helminger sieht wie der Verschmähte sich mit einem Anderen unterhält. Beide Männer verfolgen den Autor. Schon bald ist ein Dritter im Spiel und man trifft sich in einem dunklen Keller wieder – Geheimpolizei! Doch die haben sich nur gewundert, warum jemand so viel fotografiert.

Der Jemen ist heute – zehn Jahre nach Guy Helmingers Reise – immer noch kein Land, das zusammengewachsen ist, und in dem man als Tourist barrierefrei von A nach B kommt. Für die Menschen im Land, die mehr unter der Knute von Rebellen leiden als in den meisten Diktaturen der Welt, ist es ein Leben, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Da scheint die Sehnsucht nach diesem Land, die in diesem Buch durchaus geschürt wird, wie ein unanständiger Wunsch.

Zypern

Würde man alphabetisch reisen, käme man niemals auf die romantischste Insel der Welt. Wieso Zypern die romantischste Insel der ist? Weil man das Eiland auch die Insel der Aphrodite nennt. Weniger romantisch ist hingegen die politische Situation. Denn Zypern ist zweigeteilt, was man in Deutschland eher nachvollziehen kann als im Rest der Welt, Korea mal ausgeschlossen.

Wer Zypern wählt, auswählt, der reist meist in den griechisch dominierten Teil der Insel. Der Norden, der türkisch geprägt ist, fristet dagegen ein Mauerblümchendasein. Noch! Denn es tut sich was. Jährlich steigende Besucherzahlen, ein sich entwickelnde Infrastruktur und die Suche nach Neuem hat dem kleineren, nördlichen Teil einen nicht erhofften Aufschwung beschert. Und das mit Recht.

Mitten durch die Hauptstadt Nikosia / Lefkosa beläuft die Grenze, die Mauer. Nicht so unerbitterlich wie einst in Berlin, aber vorhanden und ihren Zweck erfüllend. Wichtig für Touristen: Sie ist durchlässig! Der Pass eines EU-Staates ist vollkommen ausreichend.

Und was sieht man dann auf der „anderen Seite der Mauer“? Zum Beispiel eine Kreuzkuppelkirche, die einer rumänischen Königin so gut gefiel, dass sie sich einen Nachbau bei sich gönnte. Das Original steht in Iskele. Oder Beylerbesyi, griechisch Bellapais – da man sich allerdings auf türkischer Seite befindet, wird man vergeblich nach dem griechischen Namen suchen, bleiben wir bei der türkischen Schreibweise, ein idyllisches Bergdorf, das durch Lawrence Durrells „Bittere Limonen“ weltweit Beachtung erlangte. Die Abtei des Friedens ist mehr als nur eine touristische Attraktion des Ortes. Sie prägt eine ganze Umgebung. Zum Glück hat sich Autor Ralph-Raymond Braun genug Zeit bzw. Zeilen gegeben, um diesen Ort gebührend ins Licht zu rücken. Spätestens jetzt ist Zypern mehr als nur eine Insel, an der man zwei Wochen lang Cocktails am Hotelpool schlürft.

Zypern steckt voller Geheimnisse, die nur darauf warten erkundet zu werden. Ob alle auf den über vierhundert Seiten genannt werden, ist dabei unerheblich. Denn dann wären es ja keine Geheimnisse mehr. Doch die sehenswerten Dinge, die man sehen muss, sind ausnahmslos im Buch enthalten. Immerhin schon zum sechsten Mal.

In die Geschichte eintauchen ohne dass dabei staubige Luft (symbolisch wie real) stört, das kann man in Soli. Ein imposantes Amphitheater, ein nicht minder beeindruckende Basilika und der Fundort der Aphrodite – an, wenn das nichts ist, um nach dem Urlaub mit Erinnerungen im Kopf noch lange davon zu zehren?! Es sind erstaunlich viele Grundrisse in diesem Buch versammelt. Das allein schon deutet darauf hin, dass man sich auf Zypern auf die geballte Ladung Historie gefasst machen muss. Es sind aber vor allem die farbig abgesetzten Kästen, die diese Geschichte lebendig werden lassen. Dass dabei auch die aktuelle Lage nicht außer Acht gelassen werden kann, ist ein notwendiges Übel. Bestens versorgt ist man mit diesem Reiseband. Da auf Zypern eh kein Heimweh aufkommt, müssen derartige Symptome gar nicht erst bekämpft werden. Gegen die Langeweile – sofern sie denn überhaupt aufkommt – helfen die Seiten Null bis 458. Denn selbst der Buchumschlag steckt noch voller Tipps und Infos, die man nicht übersehen sollte.

Roter Staub, Mosambik am Ende der Kolonialzeit

Isabela Figueiredos Kindheit ist wie die von Millionen, Milliarden vor ihr auch. Sie bestimmt mit dem sie spielt. Die Hautfarbe spielt dabei keine Rolle. Und doch ist ihre Kindheit etwas ganz Besonderes. Sie wächst als Weiße in Mosambik auf. Die Hautfarbe spielt also doch eine Rolle. Leider. Denn ihr Vater, ein Weißer, der aus Portugal in die – mittlerweile – Kolonie im Osten Afrikas auswanderte, wo die Autorin geboren wurde. Ihr Vater ist der Elektriker der heutigen Hauptstadt Maputo. Ihr Vater ist für mehrere Block  verantwortlich. Ihr Vater hat es in der Hand, wie seine Angestellten – undwieder einmal muss die Rede von der Hautfarbe sein, es sind Schwarze – arbeiten. Spuren diese nicht, wird es laut, wird er brutal. Und er nimmt sich, was er will, was er braucht. So wie so viele der Weißen. Der Machthaber. Derer, die meinen über den Einheimischen, den Schwarzen zu stehen.

Doch der vermeintliche Traum platzt, als in Portugal die Nelkenrevolution die Wende einleitet und kurze Zeit später Mosambik, scheinbar ebenso sanft in die Unabhängigkeit entlassen wird. Und Isabela in die tiefste portugiesische Provinz geschickt wird. Ihre Eltern wird sie erst als junge Frau wiedersehen.

Das, was sie in Mosambik erlebte, wird dann kein Thema mehr sein. Erst durch dieses Buch, das Schreiben daran, wird sie sich der Tragweite ihrer eigenen Vergangenheit bewusst. Aus Respekt ihrem Vater gegenüber wird dieses Buch erst geschrieben sein, wenn er tot ist. Denn die retornados, die Rückkehrer aus den Kolonien, werden nun auch in der Heimat mit anderen Augen gesehen.

Ab der ersten Seite legt die Autorin richtig los. Sie sucht nicht nach Ausflüchten, da sie sich nicht schuldig fühlen kann. Sie war ein Kind in einer Zeit, die sie nicht zu verantworten hatte. Ihr Beitrag dazu, dass solche Zeiten nicht vergessen werden, dass sie nie wieder passieren, ist mehr als die meisten Politiker / Verantwortlichen je getan haben, je tun werden. Aufrüttelnd, schonungslos und mit der Distanz der Jahre kratzt Isabela Figueiredo nicht an der Oberfläche eines der dunkelsten Kapitel portugiesischer Geschichte. Sie legt Wunden frei, was vielen nicht gefiel als das Buch 2009 erstmals erschien. Rassismus und Feigheit, Allmachtsfantasien und Überheblichkeit sind essentieller Bestandteil der Aufarbeitung dieses Kapitels. Einmal verübtes Leid kann nicht ausgelöscht werden. Zwischen Liebe und Zorn wirft sie den Leser Hin und Her zwischen Erstaunen, Wut und Mitgefühl.

100 Highlights Neuseeland

Abenteuer im Doppelpack, das gibt es nur in Neuseeland. Zwei Inseln, die so pickepackvoll an Andersartigem sind, gibt es kaum noch auf der Welt. Nur leider für viele am anderen Ende der Welt. Ein echter Ein-Tagestrip um überhaupt ankommen zu können. Doch ist man entweder auf der nördlichen oder südlichen Neuseeland-Insel angekommen, ist beim Anblick der faszinierenden Kultur der Anreisestress wie weggeblasen.

Thomas Sebastian Frank und Thomas Stankiewicz nennen ihr Buch zwar „100 Highlights Neuseeland“, doch sind es bei Weitem mehr als die angekündigten Einhundert. Es sind Unzählige! Schon auf den ersten Seiten wird die Vielfalt des Doppelinselstaates sichtbar: Mondäne Hafen, wie in Auckland. Felsklippen, von denen man über zerklüftete Fjorde den Sonnenauf- oder untergang in sein Herz lassen kann. Bergspitzen, die in Nebel gehüllt ein erhabenes Gefühl vermitteln. Und wer lautlos mit einem Gleitschirm über die Landschaft hinweg fliegt, wird von den Eindrücken ein Leben lang zehren.

Die Wucht der Bilder haut den Leser, den Betrachter um! Wie Abenteuergeschichten rühren da die kurzen Artikel an. Ein Werbefeldzug, der nur ein Ziel kennt: Neuseeland näher an diejenigen zu rücken, die noch echte Abenteuer suchen. In farbig abgesetzten Kästen sind nützliche Informationen noch einmal zusammengefasst. Und immer wieder Bilder, Bilder, Bilder. Über Doppelseiten ergießen sie sich und überschwemmen den Leser mit ihrer Pracht und Präsenz.

Manchmal kommt man sich verloren vor. Wenn ein einsamer Surfer am Strand vor tosender Gischt steht, sind die Felsformationen im Hintergrund ungerührt. Sie kennen das Naturschauspiel seit Jahrmillionen. Welch Glück sie haben, ausgerechnet hier ein Leben als Uferfels leben zu dürfen…

Genauso fühlen sich Besucher in Waimangu. Nie gehört? Dieser Ort wird niemals mehr als unbekannt gelten, nachdem man dieses Buch auch nur durchgeblättert hat. Hier ist der größte Heißwassersee der Welt. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts tat sich hier die Erde auf. Kalte Füße bekommt man in der jüngsten geothermischen Attraktion der Welt nicht. Eine mehrere Meter dicke Ascheschicht bedeckt das Tal, unterirdisch brodelt immer noch das Wasser, und lässt Algen und Pflanzen blühen, die in ihrer Farbenvielfalt den Besucher innehalten lassen.

Das Bild vom umfassenden Bildband einer echten Abenteuer-Doppel-Insel vervollständigen die Kapitel, die man auf den ersten Blick nicht vermutet. Der Fokus des Buches liegt eindeutig auf den zahllosen Naturimpressionen. Doch und gerade die Abschnitte über das kulturelle Leben, wie das Festival der tragbaren Kunst, abseits von Maori-Kultur und Kiwi-Souvenirs, werden für zusätzliche Ahas und Wows sorgen. Wer auf er Suche nach einem unvergesslichen Weihnachtsgeschenk ist, oder sich selbst immer wieder in Erstaunen versetzen will, ist mit diesem Prachtband mehr als auf der sicheren Seite.

Das Mundstück

Bei der Vergabe von sportlichen Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften fragt man sich des Öfteren nach den Gründen, warum gerade dieses Land oder diese Stadt ausgewählt wurden. Dass dabei immer der finanzielle Aspekt mehr als nur das Zünglein an der Waage war, ist nicht von der Hand zu weisen. Wie war das im Juni 2012? Polen und die Ukraine richten die Fußball-EM aus. Zwei Länder, deren Nationalmannschaften zwar nicht zum Fallobst für die vorherrschenden Größen im europäischen Fußball gelten, aber an diese beiden Länder hätte man niemals zuerst gedacht. Es wurde ein Fest für alle Beteiligten, schlussendlich. Und besonders die Ukraine rückte erstmals in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Kiew kannten viele. Auch Donezk war dank dem Verein Schachtjor Donezk bekannt. Aber Charkow (russisch) bzw. Charkiw (ukrainisch) kannte doch kaum jemand. Für ein paar Wochen, ein drei Vorrundenspiele war sie für jeweils neunzig Minuten der Nabel Europas. Die Millionenstadt fristet nun aber wieder ein Mauerblümchendasein.

Eine österreichische Fremdsprachenlektorin soll einen Reiseband verfassen. Dass es sich hierbei um die Autorin Bianca Kos handelt, lässt sich nicht von der Hand weisen. Fiktion und Realität treffen in „Das Mundstück“ auf exzellente Weise aufeinander. Die Suche nach Stoff für den Reiseband darf der Leser miterleben. Und bekommt so einen Einblick in das Leben einer Millionenstadt im Osten Europas, die blühen kann, es aber nicht darf.

Die Lektorin ergibt sich in ihr Schicksal. Arbeiten in einem Land, das ja eigentlich gar nicht so weit weg ist von zu Hause. Aber vor Ort sind die Unterschiede gravierend. Bürokratische Hürden sind da noch die lösbarsten. Sollte man meinen. Doch schlussendlich sind es genau die, die ihren Aufenthalt prompt und endgültig beenden werden. Es sind die Kleinigkeiten, die den Alltag so beschwerlich machen. Schuhe beim Schuster abgegeben, Anzahlung geleistet und … den Laden, die Baracke, die Hütte einfach nicht mehr wiederfinden. Sie ist einfach weg. Einfach so! Oder die Studenten, die ihr anvertraut wurden. Disziplin – mangelhaft! Stoisch wollen sie lieber lauschen als selbst aktiv zu werden. Und wenn sie sich regen, dann alle auf einmal und alle durcheinander.

„Das Mundstück“ ist nicht für einen Werbeprospekt der Stadt Charkiw geeignet. Die Liebenswürdigkeit der Menschen, hat man sich ihnen endlich nähern können, ist eine Erwähnung außerhalb der Stadt auf alle Fälle wert. Hier ist nicht alles perfekt. Im Gegenteil. Ebenso lässt das Engagement etwas zu ändern zu Wünschen übrig. Dennoch ist dieses Buch ein Muntermacher für die ermüdeten Ukraine-Nachrichten-Seher unserer Zeit. Mit Witz und Empathie der Autorin kommt man der ukrainischen Seele auf die Spur.

Der van Gogh Coup

Wenn große Ausstellungen ihre Schatten vorauswerfen, kommt ordentlich Bewegung in den Büchermarkt. So wie bei den großen van-Gogh-Ausstellungen im Städel in Frankfurt und im Museum Barberini in Potsdam. Sie bilden den würdigen Abschluss des Museumsjahres in Deutschland. Van Gogh geht immer, möchte man meinen. Doch es gab eine Zeit, da sträubten sich Kunstsammler sich einen van Gogh „ans Bein zu binden“. Warum? Es waren einfach zu viele Fälschungen im Umlauf! Das ist rund neunzig Jahre her und ist Gegenstand dieses vor Spannung zu platzen drohenden Buches.

Otto Wacker wurde 1898 als Sohn eines Malers geboren. Schon früh wurde seine künstlerische Ader erkannt, und er wurde Tänzer. Unter dem Namen Olinto Lovaël war er eine Größe in Tänzerkreisen. Doch schon in jungen Jahren verdiente er sich etwas zur kargen Gage hinzu: Als Vermittler / Verkäufer von Kunstfälschungen. Polizeilich bekannt war er also schon.

Im Berlin der 20er Jahre sah er seine Chance. Hier brummte jegliches Geschäftsgebaren. Ausgelassene Parties, die schier endlose Kunstszene und der freie Geist der Zeit boten den Nährboden für allerlei Kunst und Business. Das Geschäft von Paul Cassirer, dem Kunsthändler seiner Zeit imponierte Otto Wacker. Als er ihm auch noch Bilder verkaufen konnte, gab es für kein Halten mehr. Auf der Karriereleiter nahm er Sprosse für Sprosse.

Doch etwas war seltsam am Aufstieg des Otto Wacker. Er kam wie der Graf von Montecristo in die Berliner Kunstwelt. Auf einmal war er da. Und das mit großem Reisegepäck, sprich einem Arsenal an Bildern, das für einen Emporkömmling schon sehr umfangreich erschien. Und dann auch noch Bilder von van Gogh! Alle jedoch echt, die Echtheit von angesehenen Experten bestätigt. Solang jeder etwas vom Kuchen abbekam, hielt man sich mit Kritik und Zweifeln zurück. Erst als Wacker einige Bilder aus Ausstellungen zurückzog, und die Antworten auf die Herkunft der Bilder immer weniger glaubhaft klangen, regte sich Unmut. Das war Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Vier Jahr später das Urteil: Dreißig Fälschungen hatte Wacker verhökert, und dafür musste er ein Jahr und sieben Monate in der Strafanstalt Tegel sitzen. Und dreißigtausend Mark Strafe zahlen. Es wurden drei Jahre, die er saß. Danach war alles fast wie zuvor. Tänzer und Restaurator – seinen beiden Leidenschaften konnte er weiter ungehindert nachgehen. Auch weil er – und sein Lebensgefährte (inoffiziell, natürlich) schon früh Mitglied der NSDAP wurden. Nach dem Schreckensregime lebte und wirkte Wacker in der DDR.

Die schwammige Herkunft der van Goghs – ein russischer Exilant soll sie Stück für Stück aus Russland herausgeschafft haben – konnte nie belegt werden. Ebenso wurde die Identität des Fälschers – wahrscheinlich Otto Wackers Bruder Leonhard – nie aufgedeckt.

Nora und Stefan Koldehoff haben ihre Spürnasen ganz tief in die Archive der Kunstszene gesteckt. Die Prozessakten sind fast gänzlich verschwunden. So mussten sie sich auf Berichte zum Prozess berufen. Nachlässe, wie dem van Goghs, Briefwechsel, Expertisen dienten ihnen als kaum versiegende Fundgrube für ihre Recherchen. „Der van Gogh Coup“ ist spannender als jeder Thriller und die umfassende Gestaltung des Buches ist einladender als jeder Museumsbesuch. Und Otto Wacker? Ist er nun Opfer von Experten, die ihre eigene Haut retten wollten, weil auch sie als Kenner reichlich vom Kunstbetrieb profitierten? Oder ist er ein gewiefter Geschäftsmann gewesen, der skrupellos das System Kunst ausnutzte? Wohl Letzteres! Er hat sich geschickt durchlaviert, hat als Homosexueller jegliche Klippen umschifft und ist sich immer selbst treugeblieben, ist als Kunsthändler mittlerweile nur Insidern noch ein Begriff. Es ist wie bei Dopingsündern. Die pumpen sich jahrelang voll, verdienen sich eine goldene Nase. Wenn alle Verträge ausgelaufen sind, bereuen sie großmütig und stehen als reuige Sünder vor der Öffentlichkeit. Ohne jedoch wirklich büßen zu müssen. Otto Wacker starb am 13. Oktober 1970 in der DDR. Einer Bestrafung entkam er, vergessen sind seine Taten nicht. Auch dank dieses Buches.

Liebe ist Nuttengerede

Es sind keine wildromantischen Country roads, die das Leben der Menschen in West-Virginias kleinen Orten durchziehen. Es sind Straßen, die einem von A nach B bringen. Sofern denn überhaupt nach B will. Chicago ist schon verdammt weit weg und nur für Wenige ein Sehnsuchtsort. Hier in den Bergen ist man unter sich. Enoch, Skeevy, Bo und wie sie alle heißen mögen, sitzen an der Bar. Trinken Bier, Whiskey. Wenn mal ein Sonnenstrahl ins Dunkel fällt, wirbelt er gleich Staub auf.

Breece D’J Pancake hat nur diese zwölf Geschichten aus seinem 27 Jahre währenden Leben hinterlassen, das vor vierzig Jahren zu Ende ging. Doch diese Geschichten zeugen von einem Leben, das von Entbehrung gekennzeichnet ist, das im Untertitel Desillusion aufblitzen lässt, das Träume zwar keimen, aber niemals gedeihen lässt. Doch am Ende des Tages dreht sich doch alles nur noch darum, dass es irgendwie weitergehen muss. Träume sind im besten Fall die Kirsche auf dem schmutzigen Eisbecher mit verdreckter Sahne.

Jagen, arbeiten, saufen. Mit den Huren quatschen. Sie alle nehmen sich nicht allzu ernst. Loyalität steht da schon höher im Kurs. Wer einmal die Hügel der Heimat verlassen hat, sollte am besten auch gleich fortbleiben. Wer wiederkehrt und sich als was Besseres sieht, ist unten durch.

Die Schnörkel in den zwölf Geschichten sind lange Geraden, die man niemals bis zum Ende beschreitet. Geographisch ist das nicht möglich, und so sind auch die Sinne maximal bis zur nächsten Biegung geschärft. Was dahinter liegt, ist erst einmal in weiter Ferne. Wenn man dort ist, kann man ja weitersehen. Doch schon vorher einmal den Kopf einschalten, wäre reine Verschwendung.

Roh, brachial, davon beseelt ein besseres Leben führen zu können, davon erzählen die Akteure. Wie sie das bewerkstelligen wollen, geschweige denn wie sie es anpacken wollen, davon ist keine Spur zu lesen. Es ist ein pures Leben. Das Weiß der Hoffnung liegt regungslos unter einem grauen, fettigen Schleier, dem selbst Omas Hausmittelchen nicht anhaben können.

Breece D’J Pancake – das D’J steht für Dexter – konnte dieser Wirklichkeit eine Zeitlang entkommen. Doch „die Welt da draußen“ war nichts für ihn. Wie so viele Große – Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, Amy Winehouse, Kurt Cobain – nahm er sich mit 27 Jahren das Leben. Spötter verweisen nur allzu gern auf die lediglich zwölf veröffentlichten Geschichten, die er hinterließ. Nicht mehr! Doch ist es doch genau dieses dreckige Dutzend, das so nachhaltig weiterleben wird. Schon allein der Titel „Liebe ist Nuttengerede“ lässt den Buchsucher aufblicken. So direkt – da muss doch mehr dahinterstecken. Tut es auch! Da mögen Kritiker ihm fehlende Tiefe vorwerfen – pah! Wenn der Boden gefroren ist, bohrt man einfach keine Löcher, möchte man ihnen ins blasierte Gesicht schreien. Die Oberfläche, die Breece D’J Pancake nicht nur an, sondern zerkratzt, hat mehr zu bieten als so mancher tiefgründige (preisgekrönte) Roman, den nach zwei Monaten kein Mensch mehr lesen kann. Diese Geschichten sind auch nach einem halbe Jahrhundert immer noch lesenswert!

A wie Antarktis

Da hat man nun die ganze Welt gesehen, Pizza in Neapel gegessen, Kokosnüsse am Pazifik genossen, einen Höhenrausch in den Anden erlebt. Und dennoch gibt es ein Land, einen ganzen Kontinent, über den man so gut wie gar nichts weiß: Die Antarktis. Das fängt schon bei der Namensgebung an. Die Griechen – nein, sie waren nicht dort, zumindest nicht die „Alten Griechen“, von denen man so gern spricht – gingen davon aus, dass jeder Punkt auf der Welt einen entsprechenden Gegenpunkt hat. Der Nordstern im Sternbild Bär, griechisch arktos – wie in Arktis – muss also irgendwo im Süden, dem Gegenteil des Nordens, also einen Gegenpunkt haben. Anti, ante, Antarktis – so einfach ist das!

Naja ganz so einfach ist dann doch nicht alles. Wenn man zum Beispiel die Antarktis auf einer Karte abbilden will, nimmt sie einen enormen Platz ein. Sie reicht vom linken Rand einer Karte bis zum rechten. Und dabei ist sie „nur“ 20 bis 30 Prozent größer als Europa, je nach Jahreszeit. Denn, wenn bei uns sommerliche Temperaturen herrschen, ist es am Südpol bitterkalt. Bis zu minus 89 Grad Celsius. Die höchste jemals gemessene Temperatur in der Wüste – ja, es ist eine Wüste, in der weniger Niederschlag fällt als in der Sahara – betrug plus 17 Grad Celsius.

Kindern einen so extremen Kontinent nahezubringen, ist ein schwieriges Unterfangen. Nur allzu oft tappt man in die Falle, und lässt es beim „Da unten ist es verdammt kalt“ einfach bewenden. Wobei das mit dem „unten“ auch schon wieder so eine Sache ist, weiß Autor David Böhm zu berichten. Es begegnet dem Kontinent, der nun wirklich allen gehört, auf dem mehrere Länder Forschungsstationen unterhalten, dem ewigen Eismeer mit Landmasse, mit dem nötigen Respekt. Zahlreiche Abbildung dienen dazu das geschriebene Wort noch einmal zu verdeutlichen. Die ausklappbaren Schautafeln sind das Highlight des Buches großformatigen Bandes. Von Amundsen bis Tierarten, von Landkarten bis Eisbergen, vom Leben in der Antarktis bis zu den zahlreichen Südpolen (nicht gewusst, dann wird es Zeit einen Blick in dieses Buch zu werfen) – wer als Elternteil dieses Buch nur dem Nachwuchs überlasst, wird früher oder später vom enormen Wissensschatz des Kindes überrascht werden.

Die Aufbereitung des Themas ist in diesem Buch erstklassig gelungen. Alles, was jetzt noch an Wissen fehlt, kann nur vor Ort erfahren werden. Am besten mit diesem Buch im Handgepäck, so wird es in der eisigen Ödnis niemals langweilig!

Stadtabenteuer Rom

Überall nur alte Steine und Gemäuer! Naja, ist halt Rom. Doch die Stadt am Tiber nur als Sammelsurium von rundgelaufenem Granit zu sehen, ist mehr als ein Frevel. Denn hier lauert hinter jeder Ecke Geschichte, Kultur und eine Unmenge an Abenteuern. Ein Stadtabenteuer Rom – das muss man sich gönnen!

Fangen wir bei diesem Stadtabenteuer am Ende an. Das empfiehlt sich in Rom wie in keiner anderen Stadt. „7-5-3 – Rom schlüpft aus dem Ei.“ Würde man wirklich am Beginn anfangen, würde aus dem Stadtabenteuer Rom eine ewige Reise werden. Obwohl das auch schon wieder passen würde … Wie in jedem Stadtabenteuer der neuen Reisebuchreihe des Michael-Müller-Verlages geben auch hier die Autoren, Sabine Becht und Sven Talaron, einen kleinen Ablauf vor, den man einhalten kann, aber nicht muss. Was kann man am Morgen erledigen, was am Mittag, und wie kann man den Abend gehaltreich in jeder Hinsicht gestalten? Das reicht dann von schmutzigen Füßen über Knochenjobs bis hin zu Ochsenschwanzpasta. Die beiden Autoren hatten sichtlich Spaß bei den Recherchen zu ihren Stadtabenteuern in Rom. Und den teilen sie nun mit dem Leser.

Dass Rom nicht gänzlich aus altem Gestein besteht, beweist ein Besuch des Palazzo Valentini. Ein multimediales Spektakel, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Doch es lohnt sich, weiß das Neugier-Duo Becht/Talaron zu berichten. Nobel war die Gegend schon immer, was den Begriff Upper-Class-Immobilie plastisch werden lässt. Nichts für Puristen, die Rom lieber Stein für Stein erkunden wollen. Meint man, doch allein dieses Kapitel im Buch lässt so manchen Experten in Sachen archäologischem Fachwissen verstummen.

So mancher Rombesucher hat sich schon über Eintrittspreise für so manche Errungenschaft geärgert. Da tun Tipps gut, die das Portemonnaie nicht weiter belasten. Die Giulia 19-21 sollten sich kulturinteressierte Pfennigfuchser notieren. Wohlige Klänge zur Mittagszeit an einem Sonntag. Der Ort: Ein kleines Theater. Live on stage: Schüler des Conservatorio Santa Cecilia.

Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die dann doch nicht auf das „übliche Touriprogramm“ verzichten wollen, was in Rom durchaus nicht mit einem Qualitätsmangel zu tun hat. Den Eintritt in die Vatikanischen Museen kann man sich zwar nicht schenken, dennoch kann man sich ein paar Euro sparen, wenn man online reserviert. Selbst die Onlinegebühr reißt da kein Loch mehr in den Sparstrumpf.

Rom muss man erleben. Die Fülle an Abenteuern lässt den Leser erstmal erstaunen. Die sollen alle in diesem 240-Seiten-Buch sein? Vielleicht nicht alle. Ganz bestimmt nicht! Aber die wichtigsten! Zusammen mit auserlesenen Tipps für Leib und Magen sowie den „Wenn man schon mal hier ist“-Infokästen wird Rom nun mehr kein Buch mit sieben Siegeln sein, sondern die Stadt auf sieben Hügeln, die dank Sabine Becht und Sven Talaron einige ihrer eindrucksvollsten Abenteuer preisgegeben hat.