Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Triest abseits der Pfade

Was erwartet man von einem perfekten Urlaub? Landschaft, die einem vom ersten Blick an fasziniert. Lukullische Grenzüberschreitungen. Kultur in ihrer gesamten Vielfalt. Geschichte zum Anfassen. Das findet man an so einigen Stellen auf dieser Erde.

Doch in Triest und Umgebung treten diese Wünsche besonders kraftvoll zu Tage. Das findet auch Wolfgang Salomon. Im Klappentext des Buches steht, dass er von Beruf Stimmungsvermittler ist. Und das beweist er mit diesem außergewöhnlichen Reiseband aufs Eindrücklichste.

Triest ist keine Megametropole, in der sich Millionen Vergnügungssüchtiger rund um die Uhr den ultimativen Nervenkitzel geben. Es ist eine ruhige Stadt. James Joyce wählte sie zu seinem Exil. Und wer genau aufpasst, sprich das Buch genau liest, findet auch Hinweise, die man sonst übersieht, auch weil sie in keinem anderen Reiseband erwähnt werden.

Ein Pfad ist laut Definition ein Fußweg ohne viele Abzweigungen. Klare Kanten gibt es nicht. Das Grün ist niedergetrampelt. Oder anders: Hier sind schon viele entlang und darüber gelaufen. Viele Besucher, viele Eindrücke, aber alle haben nun mal das Gleiche gesehen. Deckt sich das mit den Vorstellungen eines besonderen, einzigartigen Urlaubs? Wohl kaum, oder nur teilweise. Links und rechts ein bisschen schauen, das macht jeder. Doch abbiegen, weiterlaufen, schnuppern, schmecken, tasten, hören, sehen, fühlen – das ist nicht der Pfad der Tugend, es ist der Pfad abseits der Pfade.

Wolfgang Salomon macht gleich auf den ersten Seiten klar, dass es in seinem Buch nicht um die Befriedigung der Shoppoholics oder Adrenalinjunkies geht. Das Adrenalin schießt ganz automatisch in den Körper, wenn man auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert – so zwei, drei Wochen vor der Abreise die erwünschte Portion Sehnsucht mitten in die Venen gespült. Leckerer Schinken, bei alle Zutaten um die Ecke gedeihen. Und dann Ruhe. Viel Ruhe, um zu reifen. Jede Zeile ein Hochgenuss, den man bald selbst schon erleben darf. Inklusive Anfahrtsbeschreibung, die man zweispältig betrachtet. Auf der einen Seite möchte man so viele daran teilhaben lassen wie möglich. Auf der anderen Seite könnten die dann aber auch zusammen mit einem das alles erleben, was man doch so gern für sich allein beanspruchen möchte. Womöglich trinken die einem sogar noch den Prosecco mit sizilianischem Orangenzesten-Extrakt weg!

Bei aller Vorfreude auf die kommende Urlaubszeit darf man nicht vergessen, dass ein Urlaub erst dann richtig erholsam wird, wenn man den Alltag wirklich vergessen kann. Ganz im Gegenteil zu diesem Buch. Wer es vergisst (und vorher nicht alles auswendig gelernt hat), wird es bitter bereuen. Bei all der Fülle an Geheimtipps ist es schwer vorstellbar, dass das Tourismusbüro in Triest diese Fülle ebenso bieten kann. Karstgestein, das Flüsse verschluckt und wieder ausspuckt, ein gigantischer Steg in die Unendlichkeit und k.u.k.-Architektur ziehen jeden Besucher in ihren Bann. Sie sind überall und jederzeit verfügbar. Doch grenzenlose Gastfreundschaft, bereitwilliges In-Die-Töpfe-Schauen bietet nur ein Buch: Triest abseits der Pfade. Lesen und Nachmachen! Da macht die Urlaubsplanung mindestens genauso viel Spaß wie das Reisen.

Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

A.I. – artificial intelligence oder all inclusive? David Foster Wallace wäre Erstes lieber. Doch er springt in den Spaßpool des all inclusive und gibt sich dem ewigen Zahnpasta-Service-Lächeln und dem minutiös getakteten Wahnsinn auf hohe See hin.

„Schrecklich amüsant – aber in Zukunft bitte ohne mich“ war bereits bei Erscheinen Mitte der 90er Jahre ein Klassiker. Kreuzfahrten waren der neue Trend im Tourismus. Häfen wurden erweitert, Fahrrinnen in Lichtgeschwindigkeit ausgehoben und Massen von schlecht gekleideten Erholungssüchtigen an extra für sie perfekt gestylten Orten ausgespuckt. Jeder konnte nun im Stundentakt die Welt erkunden. Nichts für Individualisten wie Wallace.

Die Perfektion hat allerdings ab und zu auch Risse. Spätestens bei den hergerichteten Betten oder den Bühnenshows des Personals. Das fällt dann einem auch sofort ins Gesicht, ins Gewicht fällt es aber schlussendlich auch nicht mehr. Permanentes Pampern ist eine Zeitlang ganz nett, versaut aber den Charakter.

David Foster Wallace genießt die Aussicht an der Reling. Zumindest für wenige Augenblicke ist er allein mit sich und seinen Gedanken. Doch dann kommen sie wieder. Die übereifrigen Gäste, die jedem alles über ihre Kreuzfahrtkarriere erzählen müssen. Das zu sehr zuvorkommende Personal.

Bei all der Penetration übersieht Wallace nicht die Annehmlichkeiten solch einer besonderen Reise. Jede Zutat einer jeden Mahlzeit ist von erlesener Qualität. Selbst, wenn man lange sucht, wird man kein Haar in der Suppe finden. Und Wallace sucht wirklich intensiv.

Chrigel Farner verleiht dem bunten Treiben an Bord und der farbenfrohen Sprache von David Foster Wallace einen nicht minder bunten Anstrich. Und genauso abwechslungsreich. Ein Cocktail, der aus der Feder vom Mel Ramons stammen könnte. Schiffsluken, die selbst die Enterprise vor Neid im Wurmloch versinken lassen und die Schiffssilhouette, auf der der große Gatsby eine seiner legendären Parties geben könnte.

Fast ein Viertel Jahrhundert war dieses Buch einfach nur eines der lustigsten Bücher. Jetzt ist es außerdem auch noch eines der am schönsten illustrierten.

Costa Rica

Was ist ein besonderer Urlaub? Der allererste mit den Eltern. Der allererste ohne die Eltern. Der allererste als Paar. Eine Reise, auf die man lange gespart hat. Eine Reise, deren Anreise so lang dauert, dass man einen kompletten Reiseband einmal von Vorn nach Hinten und dann wieder von Hinten nach Vorn lesen kann. Gerade dann ist es wichtig, dass die Reiselektüre spannend, informativ und bis ins kleinste Detail hilfreich ist. Und wenn man Letztes zusammenwürfelt, erhält man eine Reise nach Costa Rica, die mit diesem Reiseband ein Stückchen näher rückt.

Costa Rica sticht nicht nur in Lateinamerika, sondern generell aus der Masse an Ländern und Reisezielen heraus. Es gibt keine Armee im Land, Massentourismus ist verpönt und deswegen nur marginal vorhanden, Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Ein Füllhorn an Naturattraktionen, zwei Meere, Bergtouren, action and fun (so viel Anglizismus muss sein), eine lokale Küche, die jedem Leckermäulchen ein permanentes Lächeln ins Gesicht zaubert, endlose Strände – klingt irgendwie nach Paradies. Ist es auch!

Hat man bzw. kann man sich dazu entschließen Costa Rica zu besuchen, wird es Zeit die Reise genau zu planen. Wer dem durchorganisierten Wahnsinn mit hinter einem Regenschirm gruppenweise durchs Dickicht der Hotspots folgenden Herde entgehen will, muss selber seine Reise zusammenstellen. Dieser Urlaub soll etwas ganz Besonderes werden. Autor Jochen Fuchs hat mit seinem Reiseband, der besonders auf Individualreisende zugeschnitten ist, die Bibel aller Costa-Rica- Reisebände zusammengestellt.

Das besondere Highlight sind die Touren, die es dem Neuling im Land zwischen Nicaragua und Panama vereinfachen auf der Suche nach dem Paradies fündig zu werden. Egal ob man knapp zwei Wochen, reichlich zwei oder drei Wochen bleiben will. Immer wieder streut er Anekdoten, wichtige reisepraktische Tipps ein, die farbig unterlegt nicht nur zum Lesen, sondern zum Nachmachen und Erleben einladen.

Die Masse an Naturparks überfordert den Reisenden an der einen oder anderen Stelle. In Ruhe kann man im Buch nachlesen, welche Attraktionen die einzelnen Parks bieten. Ob nun am Seil durch den Dschungel gleiten und über die Wipfel des Regenwaldes Naturschauspiele aus einer besonderen Perspektive hautnah erleben oder lieber im glasklaren Wasser der Karibik furchteinflößenden Geschöpfen über die Flosse streichen, oder beim Bummel durch Liberia, der kleinsten Provinzhauptstadt mit den Einheimischen die Siesta verdösen, dieses Buch ist ein Ratgeber zu jeder costaricanischen Tageszeit. Die nützlichen und detaillierten Karten stehen als Download für elektronische Geräte zur Verfügung. Das Buch selbst wird man immer dabei haben – so viel steht schon lange vor der Abreise fest.

So wie man Obst isst, um einer drohenden Erkältung entgegenzuwirken, so dringend empfiehlt es sich in dieses Buch als Reisegrundlage für Costa Rica zu vertiefen. Jochen Fuchs ist das, was man einen Landeskenner nennt. Und er beweist das auf jeder der knapp 600 Seiten.

Unbescholtene Bürger

Da muss man schon einen Stich haben, wenn man im Paradies etwas anstellt, wofür andernorts aus selbigem vertrieben wird. Und damit Justitia nicht blind bleibt, gibt es Leute wie Jack Teddyson, Privatermittler. Eigentlich heißt er Raymond Vauban, Martinique ist französisches Gebiet in der Karibik, doch Jack Teddyson klingt martialischer, wenn man das „Teddy“ nicht so stark hervorhebt.

Sésostris Ferdinand wurde ermordet. Da ist den Behörden bekannt. Sie ermitteln auch, nur leider mit so gar keinem Erfolg. Deswegen wendet sich die Witwe des Verstorbenen Irmine an die abgewrackte Spürnase. Das Honorar, das er aufruft, schreckt sie nicht ab. Ihr Gatte war schließlich vermögend.

Der Fall ist auf Martinique so bekannt, dass selbst der Zuhälter von Jack Teddysons Immer-Mal-Wieder-Freundin bzw. Gespielin Veronica dem Schnüffler ins Gewissen redet. Beziehungsweise ihm seine Stirn ins Gewissen, vor die Stirn donnert. Das saß! Ehemalige Angestellte von Sésostris Ferdinand geben weiter Hinweise, die Jack auf die Spur eines Glückspiels bringen, bei dem die Gewinnerstraße eine verdammt enge Gasse ist. Viele Angestellte verloren so und oft ihren ohnehin nur als Hungerlohn zu bezeichnendes Salär. Ein Motiv? Und sehr viel Verdächtige? Kann doch nicht sein – das hätte die Polizei schon genauso herausgefunden, oder?!

Einen Geldregen erhält Teddyson von einem schwerreichen Martinikaner, dessen unehelichen Sohn er schlussendlich gefunden hat. Die Kohle ist allerdings schnell wieder futsch, da er sie bei einer weiteren Freundin deponiert hat. Die wiederum hat nichts Besseres zu tun als auszubüchsen. Dem Ganzen die Krone setzt allerdings der Fakt auf, dass der wiedergefundene – uneheliche – Sohn des Schwerreichen irgendwie auch mit dem Tod von Sésostris Ferdinand zusammenhängt.

Verwirrt? Keine Angst, es löst sich alels auf. Jack Teddyson schwirrt nicht weniger der Kopf. Er verflucht jedes Kapitel dieses, dessen Erzähler er ist, weil immer mehr Verdächtige auftauchen und verschwinden, neue Zusammenhänge hervortreten und Freunde nicht immer alles und sofort erzählen. Selbst der treue Inspector Maxo, der einzige Bulle, dem Jack vertrauen kann, behält noch einiges für sich. Irgendwie könnte man die Sache auch so sehen: Alles nur Unschuldslämmer, die nichts verbrochen haben. Also nur unbescholtene Bürger! Von wegen…

Schlank mit kleiner Wampe – genetisch bedingt – und unnachgiebig im Umgang mit Behörden, Zeugen und Verdächtigen muss Jack Teddyson sich durch ein Dickicht kämpfen, das jeder besser kennt als er selbst. Martinique ist klein, jeder kennt jeden, da fällt es schwer sich hervorzutun und sich einen Vorteil zu verschaffen. Raphaël Confiant lässt seinen Helden schwitzen und nimmt den Leser in den Schwitzkasten. Wer diesen Roman vor dem Finale beiseitelegt, braucht schon eine verdammt gute Ausrede. Ansonsten heißt es: Aufschlagen – Lesen – Träumen.

Von Inseln, die keiner je fand

„Lügenatlas! Lügenatlas!“, das hat wohl noch niemand skandiert. Doch es gibt Anhaltspunkte und Fakten … und dieses Buch. Wer immer in ein Reisebüro geht und nach außergewöhnlichen Reisezielen fragt, kann mit ein paar Tricks den Verkäufer um den Verstand bringen.

Unbuchbar ist beispielsweise eine Reise auf die Inseln Los Jardines. Der Name klingt doch real, zumindest vertrauenserweckend. Irgendwo, wo die Sonne niemals aufhört zu scheinen. Die Qualität des Reisebüros erkennt man dann daran, dass der Verkäufer mit einem Spruch kontert, der einen darauf hinweist, dass man ein knappes halbes Jahrhundert zu spät kommt. Denn 1973 wurde dieses Insel/ Inselgruppe endgültig  von den Landkarten gelöscht. Was war passiert? Ein Vulkanausbruch oder eine andere Naturka(r)tastrophe? Mit nichten. Die Inseln haben einfach nie existiert. Eroberer hatten sie erwähnt, aber ihre Existenz konnte nie bewiesen werden.

Ein Art Atlantis. Auch dieser Mythos wird in diesem Buch nicht minder amüsant und faktenreich beschrieben. Als ein Eiland, auf dem die Zivilisation geboren wurde. Ein Eiland, von dem aus Eroberungsfeldzüge gestartet wurden. Ein Eiland, das wohl nicht mehr oder minder niemals mehr als ein Mythos.

Malachy Tallack war wie viele andere schon länger von den verschwundenen, sagenumwobenen Inseln begeistert. Überall in Niederschriften, auf Karten, in Büchern findet man Hinweise auf Inseln, die letztendlich „keiner je fand“. Und immer wieder gab es Forscher, die den Mythen Glauben schenkten – aus unterschiedlichsten Gründen – und teils auf Teufel komm raus Beweise und Fakten für deren Existenz liefern wollten. So vermutete man Thule bei Island. Dort tranken die Menschen literweise Honigbier. Blöd nur, dass zum Zeitpunkt der vermeintlichen Entdeckung niemand dort war, der Honig produzieren konnte…

Dieses Buch ist ein wahrer Krimi durch die Literatur- und Kartengeschichte. Malachy Tallack nimmt so manchem Entdecker gekonnt den Wind aus den Segeln und Katie Scott illustriert die Seiten des Buches so echt, so farbenfroh, dass die Grenzen von Wahrheit und Dichtung erneut zu verschwimmen drohen. Aber keine Angst, die Texte sind nachvollziehbar, die Thesen der Vergangenheit leider nur Thesen, das Buch jedoch ist real.

Lesereise Korsika

Auf und Ab – das ist Korsika. Nicht nur geographisch, denn die viertgrößte Insel des Mittellmeeres ist ein echtes Kraxelparadies. Nein, auch politisch ist die Insel ein Pulverfass, an deren Lunte des Öfteren immer mal wieder gezündelt wird. Susanne Schabers Lesereise Korsika ist ebenso aufgebaut.

Neben bezaubernden Naturbeschreibungen und Portraits der Menschen, die diese Landschaft prägen, schreibt sie auch vom blutigen Kampf der Korsen um Anerkennung und Unabhängigkeit.

Der kleine Korse, der einmal zum großen Franzosen wurde, ist auf der Insel nicht so sehr anerkannt wie landläufig angenommen wird. Denn als er den Thron Europas erklomm, war seine Herkunft kein Thema mehr.

Und dann wieder Traditionspflege, die in einem in Gedanken schon die Koffer packen lässt. Da liest man dann von Kastanienbäumen, die hier auf der Insel so bedeutsam sind. Jede gute Korsin muss beweisen, dass sie dutzendfach die Früchte verarbeiten kann.

Hotels und Tourismus sind wichtige Einnahmequellen Korsikas. Denn wer einmal hier war, kommt oft wieder. Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen gehören zu den elementaren Eigenschaften, die man benötigt, um Erfolg zu haben und dem Gast unvergessliche Tage und Wochen bereiten zu können. Das ist nicht immer einfach, doch lohnenswert. So wie Madame Dalakupeyan. Ihr Hotel ist äußerlich vielleicht nicht das durchgestylteste. Doch eines der am liebevollsten geführte. Susanne Schaber lässt sich vom Charme der Inhaberin und ihres großen Traumes aus Stein verzaubern und zieht dabei den Leser in eine Geschichte, die ihresgleichen sucht.

Was gehört sonst noch in ein Buch, das ein Reiseziel emotional in den Fokus setzen möchte? Ein wenig Geschichte gefällig? Keine Räuberpistolen, sondern stolze Recken, die den Ungerechtigkeiten der Besatzer die Stirn bieten und ihr Herz mit der Faust präsentieren.

Dass auf Korsika fürs leibliche Wohl exzellent gesorgt wird, versteht sich von selbst. Doch Susanne Schaber schreibt das nicht einfach nur auf. Sie macht Appetit auf die Insel und ihre kulinarischen Eigenheiten. Als Insulaner ist man auf das angewiesen, was Mutter Natur zur Verfügung stellt. Zumal man sich ja nicht vom Festland abhängig machen will. Da ist sie wieder, die tiefe Kluft zwischen dem zentralistischen grand frère und dem rebellischen Corse. Als Besucher bekommt man davon nur vereinzelt etwas mit. Vielmehr umarmt einen die Gastfreundschaft mit voller Wärme und Herzlichkeit. So wie dieses Buch unerlässlich ist, bei einem Besuch der Insel, genauso tief und ehrlich empfunden sind die Geschichten in ihm. Einhundertzweiunddreißig Seiten voller Leidenschaft und Bewunderung für eine Insel, die im Zwiespalt sich erhoben hat, um im Europa anzukommen.

Wilde Zeiten

Ein viel zu milder Titel für das, was beschrieben wird. Wilde Zeiten, das war die Zeit des Aufruhrs, der Rebellion gegen bestehende Mechanismen. Doch Nirvah erlebt, durchlebt harte Zeiten. Eine Zeit der Trauer. Eine Zeit der Wut. Eine Zeit der Ohnmacht.

Haïti zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Papa Doc, der ehemalige Landarzt, der sich mit gnadenloser Brutalität zum unbestrittenen Machthaber ohne Ablaufdatum gemetzelt hat, nennt ein Heer von willfährigen Vasallen aufgebaut. Jedem Widersacher droht er nicht nur mit dem Tode, er lässt seinen Worten rasch auch Taten folgen. Nirvahs Ehemann Daniel steht ganz oben auf der der Liste der zu Inhaftierenden. Als Journalist und Aktivist ist er der Dorn im Fleisch der Diktatur, der umgehend entfernt werden muss. Zwei Monate und einen Tag ist er nun schon im Fort dimanche, dem Foltergefängnis von Port au Prince, der Hauptstadt Haïtis.

Nirvah versucht verzweifelt eine Nachricht, ein Lebenszeichen von Daniel zu bekommen. So sitzt sie nun schon seit vier Stunden im Warteraum vor dem Büro von Raoul, einem Staatssekretär. Er kann ihr bestimmt sagen, ob Daniel noch lebt. Und ob er je wieder seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn in die Arme schließen kann. Doch Raoul ist nicht im Geringsten daran interessiert Nirvah auch nur den Hauch einer Hoffnung zu schenken.

Vielmehr ist er erpicht darauf diese Frau zu besitzen. Nirvah ringt mit sich. Doch für Daniel nimmt sie die Tortur auf sich und lässt sich mit dem Staatssekretär ein.

Die Liaison bleibt im Viertel nicht unentdeckt. Die Straße ist frisch geteert, ein neuer Wagen ziert die Einfahrt der Leroys, die ihren Vater und Ehemann verloren haben. Die Nachbarschaft zerreißt sich das Maul. Nirvah findet ein wenig Ruhe, aber zu einem hohen Preis. Und der steigt. Unmerklich hat sich Raoul nämlich auch noch an Marie, Nirvahs und Daniels Tochter rangemacht. Der Teenager schämt sich anfangs, doch findet sie im Laufe ihres Erwachsenwerdens allmählich so etwas wie Gefallen an dem, was da in unregelmäßigen Abständen mit ihr passiert. Als Nirvah hinter die Affäre kommt, sie also nicht mehr allein die Mätresse des mächtigen Raouls ist, wendet sich das Blatt abermals. Sie setzt ihm die Pistole auf die Brust und findet endlich wieder zu alter Stärke zurück. Entweder sie bekommt sofort Auskunft über das Schicksal Daniels, oder … Die Alternativen sind spärlich gesät. Sie schwinden als auch an Raouls Stuhl heftig gesägt wird.

Kettly Mars zeigt ein Land, dass von Hass und Missgunst zerfressen wurde. Zwischen Voodoo und Maschinenpistolen ist ein Leben möglich, aber zu welchem Preis? Ist dieser Preis verhandelbar? Und wie lange gilt das Angebot? Die Annehmlichkeiten der Beziehung zu Raoul, dem Mann der Macht muss sie den eigenen Vorstellungen vom Glück gegenüberstellen. Die Zerrissenheit einer Frau ohne Ausweg abzubilden, ist eine Gratwanderung ohnegleichen. Kettly Mars schafft es, dass man sich in jeder Sekunde mit Nirvah verbünden möchte. Ihr Mut zuzusprechen, kann nur ein gutes Ende nehmen. Doch Kettly Mars hat anderes mit Nirvah vor.

Der Blutchor

Dieuswalwe Azémar hat Urlaub. Es lebe die Kurzgeschichte! Und Gary Victor ist ihr König! „Der Blutchor“ ist mehr als eine Fingerübung, um Großes folgen zu lassen. Die neun Kurzgeschichten in diesem Band – man kommt ausnahmsweise nicht umhin auf den Preis zu verweisen: Weniger als ein Euro pro story, die eindeutig mehr wert sind – fesseln alle Sinne des Lesers. Naja, vielleicht bis auf den Geruchssinn.

Mitten im Haïti Duvalliers, wobei es fast schon egal ist, welcher nun gerade an der Macht ist, ob nun Papa oder Baby Doc (oder ist es doch ein anderer Präsident, der das Volk unter seiner Knute quält?), wächst einem Günstling des Präsidenten ein Schwanz. Und zwar dort, wo man ihn nicht vermutet oder eben gerade da. E nachdem wie ernsthaft man gerade drauf ist. Ein Skandal? Nein! Eine Schmach? Zumindest für Corneille Soisson. Der Name an sich ist schon einen Literaturpreis wert: Die Krähe sei sein. Und dieser besagte Soisson macht sich berechtigte Hoffnungen auf einen Ministerposten. Der Präsident ist dem eifrigen Wahlzettelfälscher zum Dank verpflichtet. Wäre da nicht diese Sache mit dem verflixten Schwanz! In Bohio, einer volkstümlichen Bezeichnung Haïtis, ist ein Schwanz nicht nur ein Schwanz, sondern ein Fluch, den nur ein bòkò, ein schwarzer Voodoopriester wieder lösen kann. Doch Corneille ist zu feige und springt in den sicher geglaubten Tod. Blöd nur, dass unter dem Fenster ein Müllwagen wartet und seine geheime Fracht auf der Deponie ablädt. Die Geschichte vom schwanzangehängten Günstling macht die Runde. Als das Ungetüm – so muss Corneille mittlerweile aussehen – eines Tages von Arbeitern entdeckt wird, scheint die Lage zu eskalieren…

In einer anderen Geschichte dringt Gary Victor ganz tief in die Seele eines Menschen ein. Frau und Kind sind weg. Bald auch sein Leben. Doch sein Tagebuch offeriert ein dunkles Geheimnis. Ameisen treiben den Junkie in den Wahnsinn. Nicht sein Schöpfer, sondern sein Programmierer scheint etwas Besonderes mit ihm vorzuhaben.

Und wenn Kokosnüsse wirklich den Weg vorzeichnen, sollte man Frauen mit Macheten aus dem Weg gehen. Dieser Ansicht ist der Autor der ersten Geschichte in diesem Buch.

Es bedarf einer ungeheuren Phantasie solche Geschichten zu erfinden und wunderbar vertraute Worte kleiden zu können. Wie ein Magier webt Gary Victor seltsame Begebenheiten in ein Netz aus feinster Gefühlsseide. Die Akteure halten die Webfäden teils mit zittrigen Händen fest, so dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt als offenen Mundes Seite für Seite zu verschlingen. Angst sich zu verschlucken muss keiner haben. Den Heimlichgriff beherrscht der Autor wie kein Zweiter. Blutüberströmt ohne vulgär zu sein, erregt ohne die Grenzen des guten Geschmacks auch nur anzukratzen und mystisch und schonungslos geradlinig zugleich sind die Geschichten in „Blutchor“.

Was sich auf dem ersten Blick wie die Biographie der Background-Sänger von Madonnas „Like A  Prayer“ anhört (schwarzer Jesus, der Blut weinnt – einer der inszenierten Skandale der 90er Jahre) , entpuppt sich schnell kurzweilige Meisterstücke der Stimme Haïtis, der von Gary Victor. Man hört die Stimmen, geht auf die Knie, schließt die Augen und seufzt wie ein Engel:  Fluchen sei an dieser Stelle bitte erlaubt: Verdammt, schon wieder ein Buch, das zu schnell ein Ende findet!

Alle gehen fort

Nieve schreibt Tagebuch. Und zwar seit dem Tag, an dem sie in ihrem Leben den ersten großen Bruch wahrnahm. Das sorgenfreie Leben bei Mami, einer Radiojournalistin, die nach einem Kriegsreportereinsatz in Angola nicht mehr dieselbe sein konnte, ist vorbei. Sie muss zu ihrem Vater ziehen. Zeitlich begrenzt zwar, doch ohne Aussicht, dass das erzwungene Exil sich in Normalität zurückverwandeln könnte.

Denn ihr Vater, Mitglied einer Theatergruppe, ist ein brutaler, versoffener Schläger. Die von ihm ihr zugefügten Wunden brennen nicht nur auf, sondern vor allem unter der Haut. Konspirative Telefonate mit Mami sind Fluch und Segen zugleich. Segen, weil die Mutter ihr Hoffnung gibt, sie in ihrem Tun bestärkt. Fluch, weil sie geheim bleiben müssen und sparsam gesät sind. Doch der Vater übertreibt es. Nieve wird ihm wieder entzogen, all seine Kontakte nützen ihm nichts mehr. Nieve geht wieder zurück zu ihrer Mutter.

Ihr Tagebuch war der einzige Freund, den Nieve jemals alles anvertrauen konnte. Die kubanische Revolution war gerade mal ein reichliches Jahrzehnt alt als die geboren wurde und nicht mal ein Vierteljahrhundert später beginnt Nieve die Seiten mit Leben zu füllen. Zuerst kindlich-naiv, später sorgenvoll mit all den Nöten, die einen Teenager plagen können.

Auch das Verhältnis zur Mutter wird kompliziert. Rebellion und Aufbruch gehen im Wechselbad der Gefühle Hand in Hand. Nieve sucht Anschluss unter den Mitschülern an ihrer Kunstschule. Doch auch hier kann sie sich nicht entfalten. Freunde und Bekannte, einer nach dem anderen verlässt sie, verlässt das Land. Die Hoffnung, dass auch sie jemandem folgen kann, ist nur ein schwaches Licht am Ende eines verdammt langen Tunnels.

Nieve bleibt, sie bleibt ohne sich anzupassen. Im Inneren lebt die Rebellion weiter. Nach außen verschließt sie sich. Ihr Tagebuch – das weiß sie inzwischen ganz genau – bleibt ihr Refugium der Selbstbestimmung. Die Welt um sie herum versinkt im Dreck, in Korruption, Willkür, dumpfer Regelmäßigkeit – doch Nieve ist zu stark, um der Realität den Rück zuzuwenden.

Wendy Guerra zieht den Leser mit jeder Zeile immer weiter auf ihre Seite. Fühlt man anfangs mit dem schutzlos dem brutalen Vater ausgelieferten Mädchen, so schöpft man neue Hoffnung, wenn aus dem aufgeweckten Mädchen eine junge Frau wird, die um ihre verlorenen Freunde trauert, dennoch ihren Stolz verlieren wird. Das steht fest. Nieve ist im gleichen Alter wie Wendy Guerra. Parallelen sind sicher nicht zufällig. Ein autobiographischer Roman über ein Kuba, das nicht so recht ins Bild der Hochglanzprospekte passen will, dass aber die Sehnsucht der Kubaner auf Vortrefflichste beschreibt.

Schönheit ist eine Wunde

Dewi Ayu war vor ihrem Tod die bekannteste Hure in Halimunda. Sie gebar drei Töchter. Alle bildhübsch und – wie sie selbst über ihre Töchter sagt – als die Drei wussten wie man die die Knöpfe an der Hose eines Mannes öffnete, verschwanden sie aus dem mütterlichen Haus. Einen Vater kannten alle Vier nicht. Den brauchten sie auch nicht. Dewi Ayu war sich genug für die ihren Nachwuchs. Kurz vor ihrem Tod bekam sie eine vierte Tochter. Die war ganz anders als ihre älteren Geschwister. Schwarz wie Pech, war nicht nur ihr Haar, sondern ihr gesamter Körper. Ihre Nase glich der eines Schweines. Hässlich kam es zur Welt.

Einundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Und nun findet Dewi Ayu, dass es an der Zeit ist ihre Letztgeborene endlich kennenzulernen. Sie erhebt sich aus dem Grab. Dabei erschrickt sie einen kleinen Jungen, der sich vor Schreck in die Hosen macht. Sie zeigt sich Schönheit, wie sie die Jüngste genannt hat. Die wartet ihr ganzes Leben darauf, dass sie dem Prinzen begegnet, der sie von ihrem Fluch der Hässlichkeit befreit.

Von Rosinah, der Hebamme, die Schönheit vor einundzwanzig Jahren zur Welt brachte und nun in Dewi Ayus Haus wohnt, erfährt sie, dass Schönheit lesen und schreiben kann, sie ist fleißig und geschickt. Wer ihr das alles beigebracht hat, bleibt für alle Beteiligten ein Rätsel. Ein Fluch scheint auf der matriarchalischen Familie zu liegen. Dewi Ayu hat nur einen Wunsch: Diesem Fluch auf den Grund zu gehen.

Es beginnt eine Reise durch ein Indonesien, das es so gar nicht gibt. Oder doch? Magie spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Dass sie so stark in den Vordergrund tritt haben wir Eka Kurniawan zu verdanken, der mit seinem Erstling sofort an die Spitze der Beliebtheitsskala der Autoren gesprungen ist. Bissiger Humor, der ab der ersten Zeile den Leser in seinen Bann zieht. Eka Kuriawan liebt jede einzelne Figur seines Romans. Diese sind beseelt vom Leben und dem, was es für sie bereithält.

„Schönheit ist eine Wunde“ steckt voller Überraschungen. Die einzelnen Schicksale der Menschen sind bedrohlich, angsteinflößend, aber auch hoffnungsvoll und spannend. So tiefgründig und ironisch, dass es fast schon wehtut, wenn man das Buch beendet hat, beschreibt der Autor seine Heimat aus der Sicht der Menschen, denen der Fortschritt nur kurzzeitigen Aufschwung versprechen kann. Sind sie verzweifelt? Nein! Zwischen Phantasie und Realität suchen sie nach dem bisschen Glück, das ihnen zusteht, für das sie aber einen hohen Preis bezahlen müssen.