Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Hamburg Stadtabenteuer

Wenn man etwas nicht kennt, vermisst man es auch nicht. So geht es vielleicht vielen Pauschaltouristen, die „sich im Urlaub mal um gar nichts kümmern“ wollen. Das ist ja per se erst einmal nichts Schlimmes. Aber dann lernen sie eben auch nur das kennen, was ihnen vor die Nase gesetzt wird. Und zwar von jemandem, den sie nicht kennen, und dessen Absichten nicht bekannt sind. Standardprogramm auf einem gewissen Niveau.

Da gibt es aber auch diejenigen, die sich nicht auf professionelle Schnäppchenanpreiser verlassen wollen, sondern, die eine Stadt auf eigene Faust erkunden wollen. Das kostet hier und da im schlimmsten Fall etwas mehr. Aber das Erlebnis ist auf alle Fälle in gewisser Art und Weise einzigartig.

Es gibt noch eine dritte Art von Reisenden. Die, die in eine Stadt eintauchen wollen, sich mit ihr metamorphen wollen. Mit der Stadt eins werden wollen, von den Erlebnissen noch lange zehren wollen. Und wie bereiten die sich vor? Mit unermüdlicher Recherche, Messebesuchen – wie der ITB in Berlin, jedes Jahr im März – und unzähligen Gesprächen mit Freunden, Bekannten, Kollegen, die schon mal dort waren wohin man selber will. Ein Reiseband ist immer vonnöten. Aber auch der hat seine Grenzen, besonders, wenn der Geldbeutel so deutlich unscheinbar bis unsichtbar ist. Die neue Reihe Stadtabenteuer aus dem Michael-Müller-Verlag schließt die Lücke, die bisher nur wenigen aufgefallen ist. Individuell ereignisreich reisen, ohne dabei permanent in Portemonnaie fassen zu müssen!

Matthias Kröner wurde 2019 für seinen MM-City-Reiseband über Hamburg mit dem ITB-BuchAward ausgezeichnet. Den Auftakt zur neuen Buchreihe bildet folgerichtig die Hansestadt. Da mögen nur einige sagen, dass bereits alles zu Reeperbahn, Hafen und Elbphilharmonie geschrieben wurde. Stimmt nur zum Teil. Denn den Hafen, zum Beispiel, kann man doch nur von Schiff aus erkunden. Ist nur ein Vorurteil – ein schönes, das man dicht gedrängt mit Dutzenden anderen Touristen erleben darf. Eine Bustour (Personalausweise nicht vergessen, schließlich ist der Hafen ein sensibles Gelände, auf dem mehr als nur ein Bruchteil des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet wird) steht nur bei wenigen auf dem Plan. Mit wachen Augen, die Fachausdrücke wohlwissend in den sehr lesenswerten Text geschickt eingearbeitet, führt Matthias Kröner schon im ersten Ausflugsflugst(r)ipp den Leser in eine fremde Welt. Und der Trip fällt auch aus einem anderen Grund aus dem Rahmen: Während die meisten Tipps im Buch kostenlos sind bzw. mit maximal zwölf Euro kaum das Budget belasten, fallen hier ausnahmsweise höhere Kosten an.

Das Stadtabenteuer Hamburg wird auch diejenigen überzeugen, die sich bisher immer nur wohl fühlten, wenn sie von früh bis spät gepampert von Highlight zu Highlight kutschiert werden. Einfach mal loslaufen und schauen, was sich hinter jener Ecke verbirgt, was es hinterm Horizont zu entdecken gibt, ist nicht jedermanns Sache. Mit diesem Reiseband – die erste achteckige Perle der Welt – in der Hand wird Hamburg noch strahlender als es ohnehin schon ist. Und für alle, die nicht gern verunsichert vor unlesbaren Fahrplänen ihre kostbare Urlaubszeit verbringen, gibt’s alle nützlichen Infos gratis und an exponierter Stelle dazu. Ob man nun Proletenbagger fahren will (ein bisschen Geschick ist schon erforderlich, aber der Thrill ist es wert) oder wohlklingender Klassik lauschen will (ohne dafür zu bezahlen), Hamburg wird von nun an nie mehr nur die Stadt der Musicals sein. Und das immer wieder. Denn das ganze Stadtabenteuer nachzuerleben, dafür braucht man mehr Zeit als die städtetripüblichen drei Tage.

Das Wrack am Falkensteiner Ufer

Tragödien auf See – davon werden die Nachrichten derzeit bestimmt. Menschliche Dramen, die verhindert werden können und die, die sie verhindern können, stehen ohnmächtig daneben und ergehen sich in endlosen Phrasen.

Schiffsunglücke gab es seitdem die Menschen die Meere befahren. Doch nicht nur auf hoher See sind Menschen und Maschinen in Gefahr, auch im scheinbar sicheren Fahrwasser vor und in den Häfen ist niemand vor Unglücken gefeit. Selbst wenn das Schiff auf dem Trockenen liegt, kann es passieren. So wie am 16. Juni 1922. Die Alvaré ist zur „Durchsicht“ an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Julius Falk steht mit seinem Sohn Fritz im Hafen und schaut dem Schauspiel des Zuwasserlassens zu. Gleich muss er wieder ran. Muss arbeiten. Geld verdienen. Heute hat er seinen Filius dabei. Der soll sehen woher das Geld kommt und wie man hart arbeitet. Geduldig erklärt er dem neugierigen Jungen was da drüben vor sich geht. Als alles gesagt ist, will er Fritz mitnehmen zur Arbeit. Doch der Junge bemerkt etwas, was nicht sein darf. Das Schiff neigt sich gefährlich zur Seite. Nicht ungewöhnlich für so einen riesigen Kahn. Doch dann passiert das, was keiner hofft jemals erleben zu müssen. Das Schiff richtet sich nicht wieder auf. Im Gegenteil es bohrt sich in den Grund der Elbe. Es wird Tote geben, Seeleute und Werftarbeiter.

Das ist nur eine Geschichte, die Jürgen Rath in seiner Anthologie der Schiffsunglücke auf der Elbe wie ein Abenteuer erscheinen lässt. Mit Fachwissen – er ist Schifffahrtshistoriker mit Kapitänspatent – und Einfühlungsvermögen lässt er die Schrecken der Elbe noch einmal Revue passieren. Sofern Namen von Beteiligten recherchierbar waren, hat er diese verwendet. War dies nicht der Fall, verleiht er der Situation einen durchaus glaubhaften Rahmen, in dem er Menschen in Aktion treten lässt, die sicherlich genauso gehandelt hätten.

Es ist nicht die pure Sensationslust, die dieses Buch zu einem echten Schmöker werden lässt. Es ist das Wissen darum wie Katastrophen entstehen und vonstattengehen können sowie das Handeln der Ermittler im Nachgang. Die Elbe ist an ihrer Mündung ein tückischer Fluss. Ständig wandern Untiefen, Sandbänke und anderen Gefahrenquellen von einem Ort zum andern. Dank moderner Technik können heutzutage viele Havarien ausgeschlossen werden. Doch solange der Mensch am (längeren) Hebel sitzt, sind Unfälle niemals auszuschließen. Ob Alkohol wie bei der Bugier 23 oder einfach nur „dicke Suppe“, also dichter Nebel wie bei dem titelgebenden Wrack am Falkensteiner Ufer: Der Mensch als Gefahrenquelle ist immer präsent. Aber der Mensch ist auch derjenige, der darüber berichtet, und dem es obliegt diese Gefahren zu minimieren.

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Kalabrien und Basilikata

Ganz im Süden ist das Leben noch erfrischend. Die Luft riecht nach Abenteuer. Sie Sicht ist durch die flirrende Sonne getrübt. Kalabrien und Basilikata sind für Italienreisende schon eine gewagte Übung. Kurz hinter Neapel, kurz vor Sizilien. Dazwischen schien lange eine terra incognita zu liegen. Meer und Berge – das gibt’s auch woanders. Warum also bis hier runter reisen, warum nicht weiter bis Sizilien?

Ganz einfach! Weil man es kann, und weil es einen Reiseband vom Michael Müller-Verlag gibt! Zugegeben, nicht für jedermann ein Totschlagargument. Aber ganz von der Hand zu weisen ist es eben doch nicht.

Annette Krus-Bonazza ist die auskunftsfreudige Expeditionsleiterin in diesem Buch. Kalabrien als Alternative zu Sizilien und Apulien – das haben schon viele Touristen nicht eine Sekunde in ihrem wohlverdienten Urlaub so gesehen. Doch Basilikata, die Basilikata, fünf Silben, die erst einmal für Fragezeichen über den Köpfen sorgen, erzählt man wohin es demnächst gehen soll. Klingt schon nach Süden, nach geheimnisvollen Routen.

Das Gremium, das alljährlich die Kulturhauptstadt Europas zu europäischer Ausgelassenheit auffordert, hat die Stadt Matera als eine der beiden Städte (neben dem bulgarischen Plovdiv) auserkoren. Eine Stadt, die durch ihre Felsenkirchen, in den Fels gehauene Häuser und unterirdische Infrastruktur von außen wie innen den Besucher begeistert. Mit einem Mal waren Fernsehteams aus aller Welt in der kleinen Stadt, um zu berichten, was die Welt bisher nicht kannte.

Doch Matera ist bei Weitem nicht der einzige Ort, den man in der Basilikata besuchen sollte. Ihn auszulassen, wäre aber ein noch größerer Fehler. Ebenso irrt, wer meint, dass in dieser dörflichen erscheinenden Landschaft alles zu finden sei außer Nervenkitzel. Der Ponte alla Luna führt nicht wie der Name vermuten lässt in den Orbit, sondern lediglich an das gegenüber liegende Ufer einer Schlucht. Wer unbedingt ganz festen Boden unter seinen Füßen braucht, bekommt hier den Adrenalinkick seines Lebens. Die Belohnung wartet in Form eines gläsernen Skywalks und einer umwerfenden Aussicht. Ausgangspunkt ist das Dörfchen Sasso die Castalda in der Nähe von Potenza.

Nicht weniger Potenzial bietet Belvedere Marittimo und Cittadella del Capo. Schon allein die Namen künden von vollendeter Pracht und Erholung. Annette Krus-Bonazza hat auch gleich noch einen privaten Tipp für die zweite Seite eines gelungenen Urlaubs zur Hand: Die Familie Raffo-Monetta besuchen. Beziehungsweise ihr Fischrestaurant. Schon beim Lesen bekommt Appetit und sieht das Meer vor dem geistigen Auge Wellen schlagen.

Nicht erst durch die Dauerberichterstattung in Reisesendungen ist der Süden Italiens in den Fokus neuer Besucher gerückt. Die berichten aber nur von dem, was ohnehin sichtbar ist. Annette Krus-Bonazza übergeht diese Dinge nicht, schaut aber viel weiter als so manches Kameraobjektiv. Vor ihrer Neugier ist keine Höhle, kein Park, kein Aussichtspunkt, keine Taverne sicher. Spannend erzählt sie von den kleinen und großen Geheimnissen, den verborgenen Schätzen, den nachhaltig wirkenden Plätzen, die man nie wieder vergessen wird.

Als Leser erlebt man eine Metamorphose. Vom neugierigen Durchblätter wird man zum aufgeregten Umblätterer, nur um festzustellen, dass die Welt in Kalabrien und Basilikata schnellstmöglich erkundet werden muss. Angst, dass man etwas verpasst, muss man nicht haben. Annette Krus-Bonazza hat alles (alles!) genau im Blick und teilt ihr Wissen gern mit wissbegierigen Besuchern.

Unterwegs in meinem Apulien

Es gibt viele Sehnsuchtsorte über die es sich lohnt zu berichten. Und zwar genauso viele wie es Touristen gibt. Ingeborg Gleichaufs Sehnsuchtsort heißt Apulien. Gleich mehrere Jahre hintereinander verbrachte sie vor über zwanzig Jahren jeweils gleich mehrere Wochen im Süden Italiens. Familienurlaub und somit noch um einiges wertvoller als andere Urlaubsarten. Vor einiger Zeit gab sie dann endlich ihrer Sehnsucht nach und bereiste Apulien noch einmal.

Was wird sich wohl verändert haben? Auf alle Fälle nicht die Art der Vorbereitung. Die wichtigsten Eckpunkte standen schon vor Reiseantritt fest. Doch nicht allzu sehr in die Tiefe gehend. Denn dann würde ihr nicht mehr viel Raum für Neues bleiben.

Wohlwollend nimmt der Leser zur Kenntnis, dass er hier keinen weiteren reiseband in den Händen hält. Ingeborg Gleichauf gibt zwar hin und wieder Tipps, wo man sich gern niederlassen könnte, um der köstlichen apulischen Küche zu frönen, doch nur mit diesem Buch im Gepäck Apulien zu erobern, wäre zutiefst frevelhaft.

Als Einstimmung nimmt die Autorin den Leser mit auf das Castel del Monte. Das achteckige Bollwerk, das dem Kopf Kaiser Friedrichs II. entsprang ist das gegensätzlichste Monument der Region. Ein Ort der Ruhe wegen der extrem dicken Mauern und zugleich ein Ort voller Lebendigkeit. Denn Kinder und Burgen – das kann nicht leise vonstattengehen. Zudem befindet man sich innerhalb eines echten Nationalmonumentes. Wer schon mal ein italienisches Ein-Cent-Stück in den Händen hielt, erkennt das Gemäuer sofort.

In einem Reiseband hat Ingeborg Gleichauf gelesen, dass Apulier nicht gerade offen auf Fremde zugehen. Zurückhaltung liegt ihnen näher als Offenherzigkeit. Pah, da kann sie nur drüber lachen (so auch über so manchen engstirnigen Deutschen, der dialektbeseelt am Morgen seine Brötchen kaufen will, köstlich). Vincenzo ist der lebende Beweis, dass das Vorurteil komplett falsch ist und wahrscheinlich einer einzigen, nicht repräsentativen Begebenheit zugrunde liegt. Kaum angekommen, fühlt sich Familie Gleichauf als Familienmitglied einer apulischen Gemeinschaft.

„Unterwegs in meinem Apulien“ hält, was es verspricht. Über einhundert Seiten höchstpersönlicher Eindrücke, die Essenz mehrerer Reisen in den Süden Italiens, dort, wo die Sonne erbarmungslos brennt, das Meer in kitschigem Blau erstrahlt und die Mahlzeiten auf den Tellern an Frische kaum zu überbieten sind. Als Reiselektüre immer wieder anregend und ein Erinnerungsstück nicht nur für die Autorin.

La cucina sarda

Na, hier ist doch wohl alles klar! Auch ohne weitreichende Italienischkenntnisse kann man dem farbenfrohen Cover sofort seine Geheimnisse entlocken. Sardinien und lecker Essen. Gehört doch irgendwie auch zusammen, oder?! Und das gleich fünfundachtzig Mal!

Zu einem gelungenen Sardinienurlaub gehört neben einem Strandbesuch, einer ausgedehnten Wanderung durch eine unvergleichbare Natur auch der Besuch eines Marktes und der zahlreichen Feste. Und schon hat Sardinien einen Fest im Griff. Der Duft von Myrte, Rosmarin, und Thymian steigt in die Nase und man wünscht sich, dass der Urlaub niemals enden wolle. Doch das Ende kommt, so viel steht fest. Und dann? Nur ein Urlaub von vielen, an den man sich immer wieder gern erinnert? Jein. Die Erinnerungen verblassen mit der Zeit. Selbige zurückdrehen kann man nicht. Doch sich Sardinien in die Küche, an und auf den Tisch zu zaubern, ist keine Hexerei.

Zur Einstimmung auf den Hochgenuss der einfachen Küche geben Autor Herbert Taschler und Fotograf Udo Bernhart einen kleinen Einblick auf die kommenden über dreihundert Seiten. Das Brot der Erde steht in Sardinien nicht nur sinnbildlich auf dem Tisch. Sardinien und Brot verhalten sich wie Pizza und Neapel – ohne is(s) nich. Dass die Worte nicht vom lauten Knurren des Magens schon bei den einleitenden Seiten verhallen, dafür sorgen die zahlreichen unzähligen Fotografien. Hat man erst einmal die ersten Reisefieberschübe überstanden, lässt es sich vortrefflich durch die Rezepte stöbern. Tartare di ombrina con fichi. Hierfür benötigt man dann doch die deutsche Übersetzung: Tatar vom Schattenfisch mit Feigen. Ist ganz einfach: Den Fisch in Würfel schneiden. Schnittlauch dazu, salzen, pfeffern und mit Öl beträufeln. Drei Viertel der Feigen mit dem Fisch vermengen. Dazu gibt’s … na was wohl? Brot. So einfach kann das Paradies schmecken. Und es ist ein abgerundeter Einstieg ins Buch, das man garantiert nicht ohne abzusetzen durchlesen kann. Wer zu Maharrones mit Tomatensauce, Kartoffel und Ricotta niccht nein sagen kann, der wird sich auch an dem Kapitel über den sardischen Sherry nicht satt lesen können. Vegetarier können beruhigt sein, auch für ihren Geschmack halten Insel, Autor und Fotograf einiges parat. Kartoffeln, Bohnen, Tomaten, Zwiebeln, Vermentino und Chiliflocken lassen einen vor Ungeduld schon an den Nägeln knabbern.

Ein rundum gelungenes Buch, das als aperitivo Appetit macht und nach einem Sardinienurlaub die schönste Zeit des Jahres auf einer der schönsten Inseln des Mittelmeeres unvergesslich macht.

Trauer und Licht

Sizilien – Sehnsuchtsort! In jeder Hinsicht. Ein bisschen Italien, ein bisschen Abenteuer, der Süden, rustikale Küche. Doch – und vor allem – ein literarisches Paradies. Neueren Datums sind da vor allem die Werke von Andrea Camilleri zu nennen, dessen Commissario Montalbano mit winkligen Fällen und einem ausgeprägten Hang zu vorzüglichen Speisen den Leser in seinen Bann zieht. Doch die Tradition sizilianischer Autoren reicht weiter zurück. Luigi Priandello, 1934 immerhin Literatur- Nobelpreisträger, Leonardo Sciascia, mit dessen Namen man sich oft schwertut oder auch Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit dem Leoparden wohl erstmalig die Geschichte der Insel in den weltweiten Fokus rückte.

Maike Albath rückt alle Akteure in den Vordergrund ihres Buches über Sizilien. Ihre Biographien und ihre Werke sind eng miteinander verknüpft. Wer von hier kam, kehrte entweder zurück oder siedelte die Handlungsorte hier an. So kommt man Sizilien auf die Spur! Denn Sizilien ist nicht einfach nur eine Insel, auf der man baden geht (wortwörtlich, bitte!) und dann meint Land und Leute verstanden zu haben. Hier ticken die Uhren ein wenig anders.

Selbst für Italiener hat Sizilien sich den Charme des Exotischen bewahrt. Und das ohne touristische Konzepte, um jeden auch noch so Reiseunwilligen hinterm Ofen hervorzulocken. Nein, die Bewohner sind es, die Sizilien so nachhaltig prägen.

Auch wer, „Il Gattopardo“, „Der Leopard“ nicht kennt, hat schon einmal von der einmaligen Verfilmung mit dem eisernen Burt Lancaster, dem blutjungen Alain Delon und der bezaubernden Claudia Cardinale gehört. Die Zeiten des Umbruchs Italiens machen auch vor der eingesessenen Adelsfamilie Salina nicht halt. Bezeichnenderweise sind Autor, der die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erlebte, und Regisseur sich auf einer anderen Ebene sehr nahe. Giuseppe Tomaso di Lampedusa und Luchino Visconti stammen aus alten Adelshäusern. Wer in der Lombardei unterwegs ist, begegnet auf Schritt und Tritt den Viscontis, wer in Sizilien die Augen offenhält, kommt am Namen der die Lampedusas nicht vorbei. Doch das sind nur Nebensächlichkeiten. Mit enormem Detailwissen und einer geduldigen Sprache zieht Maike Albath den Leser auf ihre Seite und teilt mit ihm die Zuneigung für Sizilien.

Da fällt es einem dann und wann schon schwer zu glauben, dass man diese Insel nicht leiden mag. Leonardo Sciascia teilt die Liebe zu seiner Insel zweifelsohne, doch sieht er auch die schienbare Hoffnungslosigkeit, die in Teilen auch dem literarischen Mafiaboss Michele Corleone das Herz schwer machen. Dessen „Erfinder“ Mario Puzo war jedoch kein Sizilianer, er war durch und durch New Yorker. Dennoch prägte er das Ansehen Siziliens in der Welt wie nur wenige zuvor.

Die in diesem Buch versammelten Autoren stammen aus Sizilien. Ihr Herz schlug und schlägt sizilianisch. Ihre Gedanken kreisen in ihren Werken ständig um diese Insel. Und der Leser? Er kennt das eine oder andere Werk, hat sich an ihnen erfreut, wurde vielleicht animiert Vigata zu besuchen (es jedoch nie fand, weil es Andrea Camilleri selbst erfunden hat) oder wollte einfach nur für eine abgesteckte Zeit Teilzeitsizilianer werden. Maike Albath zeigt mit diesem Buch, das Sizilien eben mehr ist als 25000 bewohnte Quadratkilometer – und dies ist der Atlas in diese ferne Welt.

Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit

Häfen, das waren die Tore in die große weite Welt. Da kamen exotische Waren an, gestandene Seemänner aus aller Herren Länder brachten ihre Sprachen und Trachten mit. Hier roch es nach Fremdem. Und heute? Logistische Meisterleistungen der Effizienz, auf dem Papier. Wenn heute ein Frachter in einem Hafen anlegt, sind flinke Füße und flinke Finger gefragt. Flinke Füße, weil die Frachter schnellstmöglich wieder in sichere Gewässer geführt werden müssen. Denn Liegeplätze bedeuten Stillstand – und der kostet. Flinke Finger, die über die Tastaturen schweben und nachweislich den Warenverkehr nachvollziehbar machen. Von Hafenromantik ist in kaum einem der Büros noch etwas zu spüren. Und um den Hafen herum selbst, ist die Romantik – auch die gekaufte – auf so manchem Seelenverkäufer shanghait worden.

Schuldt ist einer derjenigen, die den Hafen nicht nur als Sehnsuchtsort mit romantisch verklärten Augen sehen. Häfen sind für ihn die Schule des Lebens und der Hamburger Hafen phasenweise auch Aufreger. Die Hafencity steht in seinen Augen für die flinken Finger. Shanghai, Liverpool, New York waren für ihn die (harte?) Schule der Arbeit. An der Mole stehen un sich die Gischt ins Gesicht spritzen lassen – das ist nicht sein Ding. Er ist die Gischt. Schuldt ist schuld daran, dass der Leser den Hafen nicht mehr allein als Ein- und Ausfuhrschleuse für Bananen und Kaffee sieht, sondern durch dieses Lexikon der Hafen-Etymologie selbst zum Kuddeldaddeldu der Klabautergeschichten wird.

Die Seefahrt war zu allen Zeiten ein riskantes Geschäft. Niemand konnte vorhersagen wie Neptun gelaunt sein wird. Und erst konnte niemand vorhersagen, ob er je wieder festen Boden unter den Füßen haben wird. So entspann sich eine eigene Welt der Seeleute. Mit eigener Sprache. Überreste, meist nur noch rudimentär, sind in verwinkelten Gassen noch heute im Hamburger Hafen zu entdecken. Dort wo einst die letzten Heller der Heuer unters Volk gebracht wurden (Alkohol und Frauen waren die beliebteste Mischung, wenn es galt die Penunzen kurzweilig anzulegen), stehen heute Kneipen und Bars, die den Touristen die gute alte Zeit vorgaukeln. Nur wer weiß, was hier einmal war, kann die Gegenwart erkennen. Und Schuldt – der Vorname hat sich genauso verabschiedet wie überflüssige Rücksichtnahme vor allzu unangebrachter political correctness – ist ein Begleiter, der so manches halb geschlossene Auge zu öffnen vermag.

Wer ein Hohelied auf die harten Burschen an den Kais erwartet, wird zusätzlich mit einem Wortschwall und tiefgründigen Erläuterungen der Hafenumgebung belohnt. Die Hamburger Schule mag in der Musik wegweisend (gewesen) sein. Die Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit liest sich wie ein das erste Lexikon der Welt, das man von der ersten bis zur letzten Seite durchliest.