Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

100 Highlights Jakobswege in Spanien und Portugal

Die Berichte über den Jakobsweg haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. War anfangs „nur“ von dem Jakobsweg die Rede, hat man sich mittlerweile eines Besseren belehrt und spricht – was der Wahrheit entspricht von den Jakobswegen. Wobei keineswegs ein Nachmittagsbummel durch die Gemeinde mit einem Abstecher in den Jakobsweg gemeint ist.

Dieses Buch verdient im Berg der Bücher über den Weg der Wege eine besondere Erwähnung. Zum Einen geht es um den einen Weg nach Santiago de Compostela und wie man über die klassische Route von Frankreich aus kommend in Spanien, die Traumroute am Meer, den ältesten Weg oder die Pfade in Portugal wandert. Zum Anderen besticht dieses Buch durch die eindrücklichen Bilder und verführt durch die appetitanregenden Zeilen von Grit Schwarzenburg und Stefanie Bisping. Stefanie Bisping ist Reiseberichtlesern wohl bekannt. Bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet sie regelmäßig in den Top Ten, 2020 als Gewinnerin, im Jahr darauf auf dem zweiten Platz. Von der Antarktis bis Rio, von den Virgin Islands bis Australien, von Russland bis Bali ist ihr keine Destination fremd. Sie macht ihr Reiseziele und –routen zur ihrer Sache.

Einhundert Mal machen die beiden Halt. Einhundert Mal machen die beiden ihrem Erstaunen mit unvergleichlicher Empathie Luft und dem Leser Lust. Einhundert Mal Rührung, Staunen, (Be-) Wundern, Innehalten, Schwelgen, sich lukullischen Genüssen hingeben. Jedem einzelnen der beschriebenen einhundert Orte entlocken sie seinen eigenen ganz besonderen Reiz. Es wird nicht langweilig beim Durchblättern und Lesen in diesem Prachtband.

Ob nun das einst arg gebeutelte Guernica, eine Flasche asturischer Apfelmost in Sidreria, das niemals alternde Salamanca oder Federvieh wohin man schaut, wenn man sich in Barcelos umschaut (kein Schreibfehler, es ist nicht Barcelona gemeint).

Wer hier wandert, weil es andere vor einem ja auch geschafft haben, und weil es momentan irgendwie trendy ist hier zu wandern, kommt Seite für Seite zu der Erkenntnis, dass man sehr wohl hier wandern kann, weil es andere auch tun. Gleichermaßen muss man sich eingestehen, dass der Antrieb dies zu tun ein Irrweg ist. Hier wandert man, um mit allen Sinnen zu genießen. Und so erlebt man auch dieses Buch. Mit unstillbarer Vorfreude blättert man hoffnungsvoll durch die Seiten und man weiß, dass da schon das nächste Abenteuer wartet.

Die Reise der Narwhal

Ich packe mein Expeditionsschiff. Ich nehme mit: Einen Kapitän, einen Aktenlurch, Whiskey, den Gönner in fast genauso rauen Mengen schicken wie gestrickte Handschuhe, Pflaumen (auch eine Gabe einer herzensguten Dame, die den Forschern „was Gutes tun will“), Plumpudding, gepökeltes Fleisch, Mikroskope, Chronometer, Arsenseife, Siegelwachs – was man halt so braucht, um Mitte des 19. Jahrhunderts in die Arktis aufzubrechen. Was selbst heute noch ein nicht ganz risikoloses Unterfangen ist – allerdings durch endlose Berechnungen und permanente Kontrolle durch Satelliten etc. eher einer Weichspülvariante gleichkommt – war vor mehr als anderthalb Jahrhunderten ein Himmelfahrtskommando.

Durch eine Zeitungsannonce wird Erasmus Wells auf die Expedition aufmerksam. Das traut ihm kaum einer zu. Zwischen Akten und verstaubten Papieren fühlt er sich doch sonst am wohlsten. Ein letztes Aufbäumen gegen die Lethargie des Alltags? Oder doch echter Abenteuergeist? Der Norden ruft. Die Arktis ruft. Der Nordpol ist noch nicht entdeckt, geschweige denn nachweislich besucht worden. Unter diesen Vorzeichen sticht die „Narwhal“ in See.

Bis die Reise ins Stocken gerät. Bis dahin hat man sich, sofern möglich und gewünscht, ganz gut amüsiert. Bis eben noch hat man ganz gut geforscht. Die Ruhe um die Crew herum ist ein echter Motor für Geistesarbeit. Doch nun steckt man fest. Das Eis der Arktis umschließt die Narwhal, und somit auch seine Besatzung, mit dem kristallisiertem Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch, das als unbezwingbares Eis allen an Bord nach und nach die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Liebsten nimmt.

Aus Tagebuchaufzeichnungen, ihrem Wissensschatz (sie ist Zoologin) und der unbändigen Lust Geschichten zu erzählen, macht Andrea Barrett einen historischen Roman, der seinesgleichen sucht. Immer wieder lässt sie die Situation hoffnungslos erscheinen, und immer wieder lässt sie einen Funken Hoffnung am Horizont die Stimmung heben. Das Spiel von Macht und Ohnmacht, das Spiel zwischen den Geschlechtern (an Bord sind fortschrittlicherweise Vertreter beiderlei Geschlechts) sowie der Drang zu überleben, bilden in „Die Reise der Narwhal“ eine heilige Allianz. Die Hauptakteure hat sich die preisgekrönte Autorin ausgedacht. Die Spieler im Hintergrund – Nebendarsteller, die die Handlung vorantreiben, in einer supporting role – waren reale Gestalten ihrer Zeit. Ohne Kitsch und Klischees versteht es Andrea Barrett den Leser in den Bann des ewig erscheinenden Eises zu ziehen. Die Abwechslung, die den Akteuren zu fehlen scheint, erlebt der Leser auf über vierhundert Seiten immer wieder aufs Neue.

Venedig

Bei so viel Sehnsuchtsziel könnte man fast auf die Idee kommen, Winston Churchill hätte bei seiner berühmten Victory-Geste Werbung für die Lagunenstadt machen wollen. V für Venedig, das passt! Kaum eine andere Stadt kann auf so viele verträumte Gäste hoffen, wie die schwimmende Stadt, die auf Pfählen gebaut wurde, deren Ende öfter prophezeit wurde als das Ende der Pandemie, die sich allen Unkenrufen zum Trotz lebhafter Besucherströme gleichzeitig erfreut und zur Wehr setzt.

Venedig ist ein gespaltenes Verhältnis zu seiner eigenen Pracht. Ja, die Architektur und die Einzigartigkeit seiner Lage machen Venedig zu einem Juwel unter den Städten, weltweit. Andererseits möchte man angesichts der Unmengen an Besuchern und der gigantischen schwimmenden Hotels und ihrer alles bedrohenden Bugwellen in der Lagune sich fast schon wieder von dem Gedanken verabschieden die Stadt in Augenschein zu nehmen. Wer sich entscheidet die Stadt „sozialverträglich“ zu erkunden, hat mit den Reisebuchautoren Sabine Becht und Sven Talaron die einzige – beste – Wahl für das getroffen, was man machen muss, was man kann und – in Venedig gaaaanz wichtig – was man tunlichst unterlassen sollte. Wo in Deutschland die „Draußen-Nur-Kännchen“-Mentalität für Schmunzeln sorgt, herrscht in Venedig die „Draußen-Nur-Scheine“-Doktrin. Wer im Café draußen sitzt, kann das Kleingeld da lassen, wo es war, im Portemonnaie. Wer dagegen – wie es Commissario Brunetti immer wieder vorlebt seinen Koffeinschuss an der Bar einnimmt, kommt mit ein paar wenigen Münzen zurecht. Die Stadt erkundet man schließlich nicht im Sitzen, obwohl eine Gondelfahrt fast schon das komplette Venedig-Klischee erfüllt. Man erkundet sie zu Fuß, mit diesem Buch in der Hand.

Es hat bis zum Jahr 2021 gedauert bis es zur ersten Ausgabe des Reisebandes kam. Das liegt sicher auch daran, dass die Stadt willentlich Attraktionen in Superlativen zu bieten hat. Das muss man erst einmal zusammentragen und dann den Reiseband auch noch handlich gestalten. Entweder lässt man etwas weg oder kreiert ein Buch, das eher an eine goldverzierte mittelalterliche Bibel erinnert. Der goldene Mittelweg ist den Machern mit diesem Buch gelungen. Handlich, handhabbar und voller Überraschungen. Zwischen den bereits erwähnten Gondelfahrten (teuer und oft nicht besonders einfallsreich) bis hin zu Fingerzeigen, die man wirklich braucht, wenn man das erste Mal in Venedig ist. Beispiel gefällig? Wer aufmerksam die Stadt auf sich wirken lässt, erkennt oft kleine hölzerne Terrassen auf den Dächern der Stadt. Na klar, hier trocknet der Lagunenbewohner seine Wäsche, ist doch klar. Doch was haben diese mit dem Biondo veneziano zu tun? Nur ein Histörchen, das man den zahlreichen farbig unterlegten Kästen entnehmen kann, die einen Venedig-Aufenthalt nicht nur einzigartig, sondern nachhaltig machen.

Acht Touren haben die reisebucherfahrenen Autoren zusammengestellt. Immer mit Bedacht, ohne dabei die essenziellen Höhepunkte auszusparen. Und wenn es was zu sparen gibt, dann lassen die beiden den Leser gern daran teilhaben. Was genau? Steht alles im Buch, lässt sich auch dank der einleuchtenden Übersichtlichkeit leicht finden.

Kurzum: Venedig besuchen – ja. Venedig auf eigene Faust erkunden – ja. Venedig ohne dieses Buch entdecken – möglich, aber nur der halbe Spaß zum doppelten Preis.

Sommerlieben

„Trautantchen“ Marie-Luise Anger fährt mit den Kindern ihres Bruders in den Urlaub nach Usedom. Dem ist gerade die Frau abhanden gekommen. Sie ist ihm weggelaufen. So kann er sich sortieren und die Kinder einen unbeschwerten Urlaub verbringen. Das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Klingt erst einmal wie ein schwer bedeutungsvolles Thema.

Doch es ist ganz anders. Zuerst: Die Autorin heißt Hedwig Dohm und war die Großmutter von Katia Mann. Sie gehört zur ersten Riege unabhängiger Frauen, die heute (oft abschätzig und immer noch belächelt) als Feministin bezeichnet werden. Und mit erster Riege ist sowohl ihre Bedeutung als auch die zeitliche Eingliederung gemeint.

Und Zweitens ist „Sommerlieben“ ein Briefroman, in dem die Autorin sich selbst eine Stimme gibt (die Vermutung liegt verdammt nahe, wenn man sich ihr Leben betrachtet), in dem sie Marie-Luise zahlreiche Briefe in die Heimat schreiben lässt.

Drittens: Der Roman wurde im Alter von 80 Jahren veröffentlicht. Hedwig Dohm war eine angesehene Stimme im Kampf für Gleichberechtigung. Was Anfang des 20. Jahrhunderts etwas ganz anderes war als heutzutage. Dank ihr.

Usedom war schon immer eine Reise wert. Die Kaiserbäder waren en vogue. Es war chic sich hier zu zeigen. Marie-Luise macht aber hier Urlaub, um wirklich Urlaub zu machen. Kein Sehen und Gesehenwerden. Um sie herum eine rabaukenhafte Kinderschar, die keine Möglichkeit auslassen sich ausgelassen auszutoben. Ihr selbst macht das wenig aus. Klar, dass ihr hier und da einmal der Geduldsfaden reißt, aber im Großen und Ganzen sind die Kinder ihr ans herz gewachsen und dürfen Tun und Lassen, was sie wollen. Vielmehr mokiert sie sich über das Kindermädchen, das die Rasselbande am liebsten an die – ganz kurze – Leine nehmen möchte. Und dabei kläglich versage muss. Auch die anderen Gäste im Ort bieten ihr reichlich Gelegenheit sich köstlich über sie zu amüsieren. Marie-Luise ist nicht frech, wenn sie sich ihr Umfeld vornimmt. Ihr macht es nur einen Heidenspaß sich über die gesellschaftlichen Zwänge ihre Meinung zu bilden. Als selbstbewusste Frau sieht sie mit einem weinenden, aber vor allem mit einem lachenden Auge die Welt um sich herum an.

Aus der heutigen Sichtweise wirkt so manches antiquiert. Hedwig Dohm sah diese Antiquiertheit schon vor über hundert Jahren. Deswegen liest sich dieser Roman wie eine frische Brise im verstaubten Regal der Gewohnheiten und Regeln, die später einmal aufgeweicht werden. Und heutzutage schon wieder in Mode zu kommen scheinen. Auch aus diesem Grund lohnt es sich Hedwig Dohm wiederzuentdecken.

Riga Tallinn Vilnius

Drei Länder, drei Hauptstädte – im Fall von Riga (Lettland), Tallinn (Estland), Vilnius (Litauen) für die meisten eine Reise. Und wer clever ist, braucht auch nur einen einzigen Reiseband. Die drei Städte stehen stellvertretend für das Baltikum, ein Reiseziel, das immer noch so viele Geheimnisse in sich birgt. Seit drei Jahrzehnten sind die baltischen Staaten unabhängig und erleben seitdem einen Aufschwung, den man weltweit nur selten findet. Und dennoch sind die Länder mit ihren Hauptstädten fast noch so was wie Geheimtipps. Das ändert sich mit der fünften Auflage des Reisebandes von Volker Hagemann.

In die über vierhundertfünfzig Seiten packt er alles, was man gesehen haben muss. Und er ordnet es ein. Oftmals ist es so, dass man von einem Ort begeistert ist, aber ihn nicht so richtig einordnen kann. Manches kommt einem bekannt vor, manches stellt sich als Premiere dem Betrachter vor.

Die drei Städte sind allesamt keine Riesenmetropolen. Zusammen haben sie ungefähr so viele Einwohner wie Hamburg. Und da sind wir schon bei den offensichtlichen Gemeinsamkeiten. Tallinn und Riga spiegeln in ihren Fassaden den hanseatischen Baustil wider. Trotzdem, und das beweisen die zahlreichen Fotos im Buch, fühlt man sich nicht wie in jeder anderen Hansestadt, sondern empfindet das Flair als einzigartig. Vilnius hingegen protzt dagegen mit ein wenig mehr Barock, wie man ihn beispielsweise aus polnischen Städten kennt.

Was schon beim ersten Durchblättern des Reisebandes auffällt, sind die klaren Strukturen. Hier muss man nicht ewig suchen, bis man den Ausflug wieder findet, den man beim vorherigen Blättern kurz entdeckt hat. Farbig unterlegte Kästen laden zum ausführlichen Lesen ein, weil hier kleine Histörchen und Hintergründe dargestellt werden, die man sonst – wenn überhaupt – nur bei einem gut zu bezahlenden Guide erfährt.

Die Stadtrundgänge, aber auch die Ausflüge in die Umgebung sind durch die Bank weg kleine Erlebnisreisen, die mit dem ersten Satz des Kapitels beginnen. Die sind hier erstaunlich ausführlich beschrieben. Volker Hagemann nimmt sich Zeit, um dem Leser den Mund wässrig zu machen, was für ihn einmal tägliche Recherche war. Sich mit dem Buch in der Hand zu verlaufen, ist so gut wie unmöglich. Den Blick vom Buch lösen, wird ausdrücklich empfohlen.

So unterschiedlich sich die drei Städte präsentieren, eines haben sie gemeinsam: Wer dem Buch folgt, sich ein bisschen treiben lässt, erlebt Riga, Tallinn und Vilnius auf unbeschreiblich einzigartige Weise. Abwechslungsreiche Stadtrundgänge, die in längst vergangene Zeiten führen, die jüngere Geschichte nicht vergessen lassen und der Zukunft jetzt schon feste Konturen verleihen, gehören ebenso zum Erlebnis wie deren ausführliche Erläuterungen.

Die Ausflüge in die Umgebung – Litauen / Vilnius ohne einmal Ostseeluft geschnuppert zu haben, am besten in Nida, wo einst Thomas Mann sich die Brise um die Nase wehen ließ – sind für all diejenigen der dank dieses Buches bekannte Höhepunkt der Reise.

Ob sich das ewige Rätsel welche Stadt denn nun zu welchem baltischen Staat gehört mit diesem Buch lösen lässt, bleibt jedem selbstüberlassen. Und wenn das nicht klappt, so weiß man wenigstens, was einem in dem Land erwartet. Das beginnt beim Tipp für den schmalen Geldbeutel (immer wieder gibt es Hinweise, wo man sparen kann und wo Fallen lauern) und endet noch lange nicht beim Übernachtungstipp.

Künstler und Entdecker in der Südsee

Da hat man doch im Laufe der Pandemie fast den Blick für die wahren Sehnsüchte verloren. Alle wollen nur noch ihre Freiheit wieder. Wie das aussieht, kann kaum einer richtig in Worte fassen. Der Strandkorb an der Ostsee ist das Nonplusultra. Und dann kommt Charlotte Ueckert mit ihren Reiseerinnerungen um die Ecke und gibt die wahre Sehnsucht dem Leser und wahrhaft reiselustigen Freiheitssuchenden das zurück, was fast vergessen schien. Südsee. Die See und dann auch noch der Süden. Mehr Sehnsucht geht nicht!

Charlotte Ueckert wusste nur das über die Südsee, was man ohne viel Anstrengung als Allgemeinwissen bezeichnet. Cook, Robinson Crusoe, Thor Heyerdahl, die Bounty, endlose Strände und die Gemälde von Gauguin, Emil Nolde und Max Pechstein. Doch das ist es, was die Sehnsucht befeuert. Ist das Licht wirklich so wie bei den Malern der Moderne? Ist der Entdeckerlust inzwischen ein globalisierter Riegel vorgeschoben worden? Schmeckt das Meer hier anders?

Unerschrocken nähert sie sich den Atollen, die nach den Eroberern den Künstlern überlassen wurden. Gauguin war nach Cook und Bougainville ein Vertreter der neuen Sehnsuchtschürer. Seine Bilder wurden ob ihrer Obszönität vom Fachpublikum abgelehnt, dennoch ständig begafft. Diese Ungezwungenheit und Offenheit waren die Triebfeder für eigene Träume.

Charlotte Ueckert erlebt wie zwei Staaten, die eigentlich zusammengehören – West Samoa und Amerikanisch Samoa – so unterschiedlich sein können. Sie erkundet mit ihrer Herbergsmutter deren weitläufiges Grundstück. Die angelesenen Biographien reichert sie vor Ort mit persönlichen Eindrücken an, so dass die ursprüngliche Neugier Platz für Neues machen muss.

Beim Lesen hört man das Rauschen der Wellen, spürt wie sie sanft gegen den Strand schlagen ohne dabei bedrohlich zu wirken. Wohlwollend nimmt man zur Kenntnis, dass glücksbehaftete Wunscherfüllung an entlegenen ort auch ohne die kitschig erzeugten Bilder von sich sanft im Wind wiegenden Palmen auskommen.

Charlotte Ueckert reist mit dem Schiff von Insel zu Insel. Sie vermeidet sich über die strengen Zeitrahmen an Bord – gegessen wird pünktlich, aber vielleicht war das Schiff auch zu klein, um die gesamte Passagierliste in Schichten essen lassen zu müssen – den letzten Nerv rauben zu lassen. Ihr ging es ganz allein darum sich den Traum von der Südsee zu erfüllen. Und das auch gleich zweimal. Bei ihrer zweiten Reise sind ihre Gedanken intensiver. Sie muss nicht auf Teufel komm raus ihre Gedanken niederschreiben und postwendend den üblichen Erinnerungstinnef an sich reißen. Beim zweiten Mal ist die Autorin abgeklärter, doch nicht minder neugierig und beseelt davon ihren Traum noch eindrücklicher nachwirken zu lassen.

Blaue Blumen zu Allerseelen

Alles klar, Herr Kommissar? In diesem Fall muss man zugeben: Ja. Alles klar. Die Opfer – bekannt, zu gute Bekannte kann man schon fast sagen. Auch die Täter haben schon bald eine Namensschild um den Hals hängen. Also, alles klar! Und wie soll man daraus nun einen spannenden Krimi machen?

Commissario Vittorio Spotorno ist dafür genau der richtige Mann. Sein Revier ist Palermo. Seine Klientel sind die Mörder, die der Stadt ihr unverkennbares Klischee bescheren. Doch Vittorio Spotorno ist mehr als eine Spürnase, die jeden Fall löst, jeden Killer zu Fall bringt. Er sinniert gern über das Leben in der Stadt, die er so liebt und die so vielen ins Gesicht spuckt.

Fünf Menschen hat sie bereits ins Gesicht gespuckt. Sie sind tot. Die Morde hängen zusammen. So viel steht fest. Und jeder Zeuge, die stummen wie die lautstarken hat seine eigene Version. Soll Vittorio Spotorno nun alle Puzzleteile zusammenfügen, um vor seinem Chef das perfekt ausgeleuchtete Bild nicht perfekter Morde auszustellen? No. Ihm geht es vielmehr darum die genauen Tathergänge zu eruieren. Das ist seine Aufgabe, seine Passion. Schon als kleiner Junge wollte er Polizist werden. Nun ist er es. Und er sieht das so: Wenn man etwas will, es dann auch noch bekommt, muss man es in Ehren halten.

Apropos Ehre. Sizilien, Palermo, Ehre. Da ist man schnell bei Mafia, Omerta, dem Gebot des Schweigens. Santo Piazzese bedauert im Vorwort, dass es immer noch keinen echten Palermo-Roman gibt, der der Hauptstadt Siziliens ein echtes literarisches Gesicht gibt. Es gibt sehr wohl Bücher, die den einen oder anderen Aspekt zum Thema haben und einen Hauch von Palermo-Gefühl vermitteln. Aber eine allumfassende Darstellung der Stadt gibt es bisher noch nicht. Selbst die großen Söhne der Insel Leonardo Sciascia, Luigi Pirandello und Andrea Camilleri haben nicht den einen Palermo-Roman verfasst. Sie waren auch keine Palermitani, stammten aus dem Süden der Insel.

Santo Piazzese nimmt nicht für sich in Anspruch diese Lücke im Bücherregal zu schließen. Aber er verengt die Leerstelle um einen beträchtlichen Teil. Schon auf den ersten Seiten wird die Stadt so greifbar, wie es die meisten Bücher über die Stadt zusammengenommen nicht schaffen. Hier atmet alles. Die zu trocknende Wäsche über den Gassen ist Palermo wie die einzigartige Küche mit ihren fremden Aromen. Und so muss man sich auch diesem Kriminalroman stellen. Es ist der dritte Teil nach „Die Verbrechen in der Via Medina-Sidonia“ und „Das Doppelleben von M. Laurent“. Die Täterjagd rückt niemals ganz in den Vordergrund des Buches. Der stets präsente Commissario, der nur selten dieses nostalgische Klischee vom adretten Ermittler in glänzender Uniform erfüllt, ist einer, dem man alles anvertrauen kann. Mit ihm einen Rundgang durch Palermo zu machen ist eine Reise, die man niemals vergisst.

Am Rande der Glückseligkeit

Am Strand zu sein, bedeutet den ersten Schritt in die Unendlichkeit zu sehen. Ihn zu tun, ist eine andere Sache. Sich im warmen Weich des Sandes der Karibik die Alltagssorgen aus den Poren zu rubbeln, ist eine sehr nüchterne Sichtweise auf die Unverstellbarkeit der Gedanken.

Bettina Baltschev sieht den Strand als Ruheort, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem Dichter wie Arbeiter fliehen, um ganz und gar bei sich sein zu dürfen. Acht ausgewählte Strände fügt die Autorin zu einem Gesamtbild zusammen und verblüfft, was alles unter dem Begriff Strand an Gütern angespült wird.

Der Strand bildet immer den Übergang vom festen Boden unter den Füßen in eine wacklige, schwerer zu kontrollierende Position. Seien es die Betonburgen an der belgischen Nordseeküste, die den Blick automatisch gen Meer richten lassen, weil es in der entgegengesetzten Richtung nur Grau zu sehen gibt. Oder sei es der geschichtsträchtige Utah-Beach in der Normandie, der eine weitere Wende im Schicksal der Welt einleitete. Oder sei es der Strand von Lesbos, an dem immer so lange Geschichte geschrieben wird bis die erste Welt der dritten Welt die Würde zurückgibt. Zwischendrin verbuddelt Bettina Baltschev die wortintensiven Glücksmomente von Truman Capote bei seinem Ischia-Besuch. Zu einer Zeit als Deutsch als zweite Amtssprache auf der Insel durchaus eine Berechtigung hatte.

Wer bei dem Untertitel „Über den Strand“ leutselige, kitschverkrustete Geschichten von Lagerfeuer unter Palmen, bis zum Anschlag romantische Ausflüge im untergehenden Sonnenlicht erwartet, wird sich im Handumdrehen vom literarischen Ausflugsangebot der Texte eines Besseren belehren lassen. Englands Vorzeige Badeparadies Brighton wird als logische Schlussfolgerung des Dranges nach dem Meer, der Ferne und des Strandes in seiner Entwicklung so dargestellt, dass selbst hoffnungslose Romantiker gestehen müssen, dass auch dies eine Art Sehnsucht ist, die man mit Brighton ruhigen Gewissens verbinden kann.

Dass Hiddensee unbestritten nur auf eine Art zu sehen ist – als Künstlerkolonie, die schon sehr früh als erhaltenswert anerkannt wurde – wird in keiner Zeile des Kapitels über die Ostseeinsel angezweifelt. Wer den Strand sucht, findet unweigerlich den „Rand der Glückseligkeit“ – ob „in echt“ oder in diesem Buch sei dahingestellt. Beide führen zum Ziel.

Location Tour – Die schönsten Drehorte Europas

Das sieht ja aus wie im Film! Hat jeder schon mal erlebt. Ein Gebäude, einen Park, eine Szene. Hier muss es gewesen sein. Man lässt im Kopf einen Film ablaufen und sucht nach den Orten, wo der Hauptdarsteller diese eine entscheidende Szene zum Besten gab. Man will wissen, wo die Kamera stand. Viele Orte aus Filmen, die den Zuschauer in ihren Bann zogen sind verschwunden. Wie das zerstörte Wien aus „Der dritte Mann“ – zum Glück. Denn die Trümmer sind einer grandiosen Kulisse gewichen, die bis heute als Filmlocation dienen. Und wer genau hinsieht, erkennt die Tricks der Filmbranche. Denn die Stiftsgasse aus dem Film befindet sich gegenüber der Österreichischen Nationalbibliothek. Und das Haus in der Stiftsgasse ist einem Parkhaus gewichen.

Oft werden Locations, also Drehorte mehrmals benutzt. Das Schloss aus „Highlander“, Schloss Eilaen Donan Castle, diente später als MI-6-Hauptsitz und schon Jahre zuvor in „Der Freibeuter“ als Kulisse.

Schloss Moritzburg erlebt besonders als verschneite Winterlandschaft als Traumziel für alle, die von „Aschenbrödel“ nicht genug bekommen können. Und wer kann schon Schloss Sanssouci in Potsdam besuchen, ohne sich nicht umzusehen, wo Romy Schneider ihren (echten) Tränen freien Lauf ließ?

Wer Rom besucht und sich im Fontana-di-Trevi-Trubel durchaus wohl fühlt, sieht Anita Ekberg im Brunnen herumtollen. Auf der Spanischen Treppe – nur zehn Minuten zu Fuß entfernt – ein Eis essen ist in etwa so unterhaltsam wie „Ein Herz und eine Krone“ mit der unvergessenen Audrey Hepburn, die hier der Welt entrückt genüsslich ihr gelato schleckte. Sie kommt im Buch ein weiteres Mal vor, an ihrem Wohnort am Genfer See erinnert eine Büste an eine der zahlreichen Prominenten, die sich hier niederließen, Chaplin’s World ist nicht minder sehenswert.

Dieser ungewöhnliche Reiseband begeistert, da er zwar Bekanntes zeigt, durch die Fülle jedoch immer neue Reiseideen kreiert. Man kann in dem Buch nach Filmen suchen und die Drehorte finden. Oder man plant für die bereits gebuchte Reise einzelne Ausflüge an Orte, die man von der Leinwand oder aus dem Fernsehen kennt. Es sind Reisebände wie dieser, die eine Reise zu einem echten Erlebnis machen können. Einmal in diesem Buch geblättert und schon lodert die Flamme der Neugier. Von Malta bis Spanien, von Irland bis Kreta erlebt man so manches filmische Highlight noch einmal.

Die schönsten Landschaften unserer Erde

Um es gleich vorwegzunehmen: Bei so mancher Abbildung kommt man ins Zweifeln. Ist das echt? Gibt es das wirklich? Das kann doch nicht wahr sein, oder? Und die Antwort lautet stets: Ja, doch es ist so. Alles echt!

Wenn man aus dem Fenster schaut und das Grau des Alltags sieht, und dann ein wenig in diesem Prachtband herumblättert, kehrt im Handumdrehen die Hoffnung zurück. Mitten in der Namib-Wüste steht ein Kameldornbaum. Auf den ersten Blick denkt man an die letzten Stunden dieses Baumes. Die Wurzeln treten aus dem kargen Boden hervor, so als ob der Baum jeden Moment abzuheben droht. Keine Chance auf Wasser. Über ihm der sternenklare Himmel. Das, was wir so sorglos Zivilisation nennen, ist Lichtjahre entfernt. Und dennoch verströmt diese Ödnis eine Schönheit, die den Betrachter gefangen nimmt.

Wenn das Laub im Indian Summer das Auge vor die Herausforderung stellt, die Farben einzuordnen, sind kleine Details oft von Belang. Vor den Stämmen eines durch und durch grauen Waldes scheinen die roten Blätter eines Laubbaumes wie eine Verhöhnung der Tristesse.

Eine Luftaufnahme aus dem Muddus National Park in Schweden führt erst einmal in die Irre. Wolken, Wald, karges Gebirge. Bei genauerem Hinsehen realisiert man, dass der Berg vom Wasser umgeben ist, auf dessen glatter Oberfläche sich die Wolken am Himmel spiegeln.

Nur drei Beispiele für die Vielfalt der ausgewählten Bilder in diesem Buch. Jedes Bild, jede Seite, oft Doppelseite, ist eine Reise in die Schönheit der Natur. Nicht oft, sondern immer wird man daran erinnert, was es damit auf sich hat, wenn von der Schönheit von Mutter Natur die Rede ist. Und warum wir sie beschützen müssen.

Die Fotografen, die ihre best shots für dieses National Geographic Buch zur Verfügung gestellt haben, tragen immer noch ein Lächeln im Gesicht. Sie haben etwas gesehen, das viele nur aus diesem Buch kennen werden. Es sind nicht einfach nur Momente, die zum richtigen Zeitpunkt festgehalten wurden. Es sind Abbildungen vom oberen Ende der Einzigartigkeit in der Natur. Man fühlt sich privilegiert sich in diese Bilder hineinziehen zu lassen. Einmal um den Erdball und dabei nur das Beste vor die Augen zu bekommen. Oscar Wilde wäre es gerade gut genug gewesen. Man möchte nicht aufhören in diesem Buch zu blättern!