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Wo Dein sanfter Flügel weilt

Philip Mason ist ein Glückspilz. Der Musikstudent bekommt ein Stipendium für seine Arbeit über die „Verbindungen der zwischen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Wiener Klassik“, um seine Forschungen an der Donau voranzutreiben. Im heimatlichen Amerika kann er schon erhebliche Erfolge vorweisen, doch in der Geburtsstadt seiner Mutter, wo Beethoven, Schubert, Mahler, Mozart zuhause waren, sind die Archive praller gefüllt als anderswo.

Um sich an die Stadt zu gewöhnen und sich einzuleben, eignet sich ein Konzert in dieser von Musikgeschichte durchtränkten Stadt vorzüglich. Doch das Klangerlebnis wird bald schon zu einer Obsession. Schuberts letzte Sinfonie, die in C-Dur, weist erstaunlich viele Parallelen zu Beethovens Neunter auf. Auch bei „Don Giovanni“ von Mozart scheint sich Franz Schubert bedient zu haben. Auf den ersten Blick – für den ungeübten Leser – ein klarer Fall von Plagiat. Aber wen soll man denn heute noch belangen? Schubert selbst? Der ist 1828 im Wiener Stadtteil Hietzing gestorben.

Als Musiktheoretiker wird in Phil Mason dem Forscherdrang Nahrung gegeben. Ihn wundert’s, dass es so wenig Literatur über das Offensichtliche (zumindest für Wissenschaftler wie ihn) gibt. Eine Arbeit allerdings gibt es schon. Verschlossen. Nur mit Erlaubnis der Autorin zu lesen. Die muss er erstmal finden? Gar nicht so einfach. Zumal auch dieses Dame inzwischen verstorben ist. Hat sich erhangen, wie ihre Mitbewohnerin und Jugendfreundin voller Bedauern auf Phils Drängen hin ihm mitteilt. Wem bis hierhin nicht klar sein sollte, worum es in diesem Buch geht, wird von nun auf der Klaviatur des Bösen eine harte Wendung nach der Anderen entgegen geschmettert.

Das legendäre Moskauer Sonderarchiv – Phil ist mittlerweile derart von der Idee besessen, dass in Schuberts Sinfonie ein Geheimnis lauert, das nur darauf wartet ans Tageslicht gezerrt zu werden – dringt Phil in Dimensionen vor, die er niemals zu erforschen wagte. Bis nach Südamerika treibt es ihn. Ihm wird schlussendlich klar, dass er nicht nur in ein Wespennest gestochen hat, sondern dass die Wespen schon einige Male zu gestochen und ebenso Larven hinterlassen haben…

Wie ein Doctor Jones der Musiktheorie wird aus dem wissbegierigen Musiktheoretiker Phil der sich jeder Gefahr stellende Abenteurer Mason. Man muss kein Schubertianer, Beethoven-Fanatiker oder Mozartienser sein, um sich in den Stoff hineinzudenken. Ein gesundes Maß an Krimispaß und das natürliche Gespür für Klassik reichen aus, um Sebastian Themessls Roman folgen zu können. Die möglichen Wissenslücken füllt er mit Präzision und Detailreichtum auf.

Klagenfurt – Was der Tourist sehen sollte

Wer Österreich besuchen will, schreit sicher nicht als Erstes, dass er in Klagenfurt sein Haupt betten wird. Wien und Salzburg haben in den meisten Fällen den Vorzug. Wer sich – nicht trotzdem oder dennoch – entschließt der Hauptstadt Kärntens eine Visite abzustatten, darf sich auf ein Fest einstellen. Voraussetzung ist allerdings, dass er oder sie dieses Buch zumindest einmal schon gelesen hat. Mit Zahlen kommt man Klagenfurt nicht auf die Spur. Hunderttausend Einwohner – mal mehr mal weniger, hier ist schon das erste Fest im Gange, wenn man den launigen Ausführungen Egyd Gstättners zur Einwohnerzahl Klagenfurts folgt – aber was sagt das schon aus. Vierhunderttausend Übernachutngen bei einhunderttausend Einwohnern, das Vierfache. Immerhin. Belgrad hat fünfzehnmal mehr Einwohner, verzeichnet aber nur nicht einmal eine Übernachtung pro Einwohner. Zahlen sind Schall und Rauch.

Egyd Gstättner ist Kärtner, gebürtiger Klagenfurter. Und er ist für zweihundert Seiten der Reiseführer, den man nirgendwo anders buchen kann. Der Friedhof könnte mit Berühmtheiten der Stadt belegt sein. Doch die zogen es vor außerhalb ihrer Geburtsstadt das Zeitliche zu segnen: Udo Jürgen und Maria Lassnig liegen (sich gegenüber) auf dem Zentralfriedhof in Wien. Nur Ingeborg Bachmann hat hier ein Grab. Und die wollte bestimmt nicht zurück – sie starb im römischen Feuer.

Vom Eishockeyclub bis zur Bäckerei, vom Verleger bis zu verschwundenen Friseurladen kennt Gstättner hier jedes Staubkorn und seine Geschichte. Wie ein Papa seinen Flilius an die Hand nimmt, leitet er den Besucher durch seine Stadt. Bald ist man vertraut – man duzt sich – und erkennt, dass das, was vermeintlich fehlt durch Anekdoten wieder den Platz einnehmen darf, der bisher leer geblieben war.

Ohne Unterlass wird man in und durch eine Stadt gezogen, die man ohne Egyd Gstättner sicherlich der Vergessenheit anheimfallen ließe. Sie steckt voller Histörchen, die einen ab und an schmunzeln lassen, öfter ein „oho“ entlocken, aber ganz sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Welt wird nicht besser, wenn man dieses Buch gelesen hat. Sie wird aber auch nicht schlechter. Die eigene Welt wird durch das Buch und den unweigerlich folgenden Besuch der Stadt um einiges reicher. Zum Glück hegt Egyd Gstättner keine Ambitionen den Posten des Tourismusmanagers der Stadt zu ergattern. Wäre eh vergebens, da es so scheint als sitze hier ein Buch auf diesem Posten.

Laaanges Wochenende

Die Zeit zwischen zwei Urlauben ist die härteste für alle, die nicht zwischen den eigenen vier Wänden festwachsen wollen. Ein Kurztrip übers Wochenende – oder noch besser das Wochenende ein wenig verlängern – ist der immer mehr in den Fokus der Tourismusmanager rückende Kurzurlaub. Mal ein, zwei, drei Tage raus aus dem Trott und schauen, wo auf der Welt es was zu entdecken gibt. Ob nun einfach mal die Seele baumeln lassen oder auf eine knackige Entdeckertour gehen – in der Kürze liegt die Würze. Nur ein paar Stunden entfernt von Zuhause sieht die Welt oft schon ganz anders aus. Die Auswahl ist riesengroß. Vom irischen Galway bis in die alte polnische Königsstadt Krakow, vom idyllischen Oslo bis ins quirlige Palma de Mallorca, auch mal ohne Komasaufen: Dieser Band wird ein redseliger Ratgeber sein für alle, die dem Grau des Alltags das Bunte der Welt entgegensetzen wollen.

Hält man das Buch erstmalig in den Händen, ist man auf Anhieb fasziniert von der Auswahl der vorgestellten Destinationen. Von Strasbourg über Portofino, von Porto bis Brno sind die Ziele wohlbekannt, doch oft dem Schnellzugriff bei der Urlaubsortfindung entzogen. Weniger bekannte Orte wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, ist von nun an ein Sehnsuchtsort, den man gesehen haben muss. Wenn man vorsichtig an den Klippen wandert und den Blick nach unten schweifen lässt, wird man Zeuge der Urgewalt des Meeres. Wer nur ein wenig nordöstlich reist, landet unweigerlich auf einer der Kanalinseln wie Jersey, die seit ein paar Jahren wieder verstärkt um die Gunst der Besucher buhlt.

In Luzern über die Kapellbrücke schlendern, in Dubrovnik auf der Stadtmauer auf Meer und Altstadt schauen oder originelles Windowshopping im Stockholmer Stadtteil Södermalm – hier wird jeder fündig. Bei jedem Umblättern steigt der Puls und die Zeit bis zu den nächsten freien Tagen wird unerträglich lang. Jetzt hat man aber zumindest ein Ziel vor Augen, beziehungsweise sind es gleich zweiundvierzig in fünfzehn europäischen Ländern.

Salzburg Salzkammergut

Das ist mal gutes Tourismusmarketing: Salzburg an der Salzach, zu Füßen des Salzkammerguts. Klingt nach einem würzigen Erlebnis. Und als Highlight eine der süßesten Verführungen.

Bleiben wir doch gleich bei den süßen Verführungen. Noch bevor man Festspiele sagen kann oder die eine oder andere Sonate von Mozart gehört hat, bringt jeder von klein auf Salzburg mit den Mozartkugeln in Verbindung. Doch Vorsicht! Es gibt tonnenweise Fälschungen! Die Echten Mozartkugeln sind in Silberfolie mit blauem Aufdruck versehen. Da der Markenname nicht geschützt ist, darf jeder ein bisschen Marzipan mit Schokolade überziehen und diese Kugeln dann Mozartkugeln nennen. Original sind selbst in Salzburg nur wenige. Wo es sie gibt, das wissen natürlich die Autoren Barbara Reiter und Michael Wistuba.

Hat man dieses Must Have hinter bzw. in sich, kann man sich auf die Socken machen und Salzburg genauer unter die Lupe zu nehmen. Gestärkt ist man schließlich. Und wer meint, dass mit Mozart, dem Schloss Mirabell und der Burg da oben auf dem Berg (Festung Hohensalzburg) der Stadt Genüge getan ist, irrt sich mächtig. Salzburg hat mehr zu bieten als nur einen Tag in dieser Stadt gehaltvoll zu verbringen. Es dauert allein schon ein paar Stunden, um alles zu erlesen, was man staunend erlaufen und laufend bestaunen kann. Das reicht von den Katakomben, vermutlich Gebetsräume, die in den Fels gehauen wurden, mehr als anderthalb Jahrtausende alt. Und es zieht sich durch ganz Salzburg wie der Almkanal, der wenn er das Tageslicht erreicht architektonisch ein Hingucker ist. Den Brückenschlag in die Moderne vollendet dann das gleichnamige Museum auf dem Mönchsberg. Der Glanz vergangener Tage scheint in Salzburg immer noch taghell, selbst wenn einmal Wolken den Blick nach Oben verschleiern sollten. Und wer das Wasser scheut, also das von Oben, für den haben die Autoren mindestens genauso viel Tipps die Zeit sinnvoll herumzubekommen, wie für alle, denen ein paar Regentropfen nichts ausmachen.

Das Salzkammergut erstreckt sich östlich bis südöstlich von Salzburg. Attersee und Wolfgangsee (der mit dem Weißen Rössl) sind sicherlich die bekanntesten Orte. Dachstein und Totes Gebirge sind für Wanderer und Bergsteiger ein Begriff. In Bad Ischl muss man am Traunufer flanieren wie einst die Habsburger. In Obertraun, genauer um die Koppenbrüllerhöhle herum, laufen einem die Augen über. Reißende Gewässer, wie gemalte Brücken, saftige Natur – was braucht man mehr? Darauf gibt es nur eine Antwort: Diese Reiseband. Mit viel Liebe zum Detail, einem enormen Erfahrungsschatz und dem Willen dem Leser eine Region schmackhaft zu machen, die allzu oft hinter anderen Regionen Österreichs zurückstecken muss. Salzburg als Ausgangspunkt ins Salzkammergut ist kein schlechter Anfang, um diese Region zu erkunden. Und alles ist so einfach, wenn man sich die Zeit nimmt dieses Buch als vollwertigen Reiseguide anzunehmen.

Linz abseits der Pfade

Als Donaumetropole steht Linz in direkter Konkurrenz zu Wien. Da verwundert es wenig, dass Linz immer ein wenig belächelt wird. Oft verschmäht. Der große Thomas Bernhard und der nicht minder kolossale Helmut Qualtinger machten ihren Unmut über die Stadt Luft. Vor dreißig, vierzig Jahren musste sich Linz noch unter einer Smogglocke verstecken. Seit 2009 – dem Jahr, in dem Linz sich als Kulturhauptstadt Europas ein Jahr lang präsentieren durfte – hat sich das Bild und auch das Image der Stadt gewaltig verändert. Und trotzdem: Linz bringen die meisten immer noch allein mit der gleichnamigen Torte in Verbindung. Und deren Image, dass sie staubtrocken sei.

Georg Schwarzbach räumt mit so manchem Vorurteil über die Stadt auf. Als pulsierende Metropole kann man Linz sicher immer noch nicht bezeichnen. Etwas mehr als zweihunderttausend Einwohner sehen das vielleicht anders. Auf geradem Wege erkennt man die Helligkeit der Stadt auf den ersten Blick. Doch wer links und rechts des Pfades ein Auge riskiert, wird viel mehr erkennen als das, was eh schon jeder aus dem Internet und der einen oder anderen Reportage kennt. Allerorten laden kleine Cafés zum Verweilen ein. Wer Glück hat, bekommt aufstrebende Bands zu Gesicht. Vor fast dreißig Jahren gastierte hier eine Band, die mit ihren schrammelnden Gitarren einmal die Welt erobern sollte: Nirvana. Auch David Bowie bevorzugte im Sommer 1990 Linz statt Wien.

Ein Kunstmuseum hat man sich vor zehn Jahren als Kulturhauptstadt Europas gegönnt. Besonders des Nachts ein leuchtendes Spektakel, das einen innehalten lässt. Doch dafür benötigt man nicht diesen Reiseband. Es sind die kleinen Läden, Clubs und Restaurants und deren Geschichten, die einen Aufenthalt in Linz so besonders machen. Kennt man sie nicht, weil dieses Buch im Reisegepäck fehlt, beschleicht einen doch schnell das Gefühl etwas verpasst zu haben. Denn dann ist Linz in zwei Tagen ausreichend erkundet.

Georg Schwarzbach beweist, dass man durchaus ein paar Tage mehr hier verbringen kann. Die Donau flussab- oder aufwärts, beiderseitig findet man das, was allgemein als Geheimtipp betitelt wird. Bruckner- und Stifterhaus gehören zum Rundgang dazu wie die Erinnerung an Warmer Hans, wo man Kafka verspreisen konnte. Klingt ziemlich irre. Kennt man die Hintergründe könnte man sich fast schon als Linzer fühlen.

Dieses kleine Büchlein tut mehr für Stadt Linz als so mancher Tourismusmanager. Es zeigt eine Stadt, die viele nicht auf dem Plan haben. Mal ein Abstecher, dafür ist Linz immer gut. Doch in die Stadt eintauchen, zwischen Klischee und Realität den Charakter der Stadt erschnuppern, erlaufen, aufsaugen – da reichen nun mal keine bunten Prospekte und Apps. Da braucht es ein Buch wie dieses.

Stadtabenteuer Wien

Würde es Wien nicht schon geben, man müsste es glattweg noch einmal erfinden! Judith Weibrecht hat zwar Wien nicht neu erfunden. Aber ihre Stadtabenteuer Wien geben – wie alle Bücher der neuen Reisebuchreihe aus dem Michael-Müller-Verlag – der reichlich angestaubten Reisebuchbranche eine neue Note. Wer nun erwartet, dass Treppensteigen im Stephansdom als extraordinär einzuschätzen ist, liegt nicht ganz falsch, dennoch kann die Autorin immer noch einen draufsetzen.

Man fühlt sich in einer Metropole schnell allein gelassen. Auch wenn sie quasi vor er eigenen Haustür liegt. Das kann an der Andersartigkeit der Stadt liegen, an ihrem undurchsichtigen Verkehrssystem oder auch an der Sprache. Ja, Wien ist anders, der öffentliche Personennahverkehr ist exzellent organisiert. Doch ein Wiener mal richtig loslegt, ist man schnell mit seinen Deutschkenntnissen am Oarsch! Herr hilf mir, möchte man ausrufen. Besser sollte es heißen: Maria hilf! Denn im Stadtteil Mariahilf, wird einem wirklich geholfen. Eineinhalb Stunden Weanerisch im Dialektworkshop. Danach ist man nicht deppert, weiß, dass es sich gehört ein Servas in die Runde zu werfen, wenn man andere begrüßt und ist nicht länger irritiert, wenn man ein Sackerl angeboten bekommt.

So gewappnet kann der Streifzug durch die Donaumetropole losgehen. Nur ein Katzensprung entfernt liegt der Bauch von Wien, der Naschmarkt. Ein Paradies für alle Leckermäuler. Allerdings auch eine No-Go-Area für alle, die es gern mal etwas ruhiger angehen lassen. In den engen Gassen zwischen den Ständen fällt es zunehmend schwer die lukullischen Extravaganzen in den Auslagen auch wirklich genießen zu können. Doch es gibt einen Trick, den Naschmarkt auch wirklich und gänzlich zu einem Erlebnis zu machen. Während die Sonne sich langsam aus ihrem Nachtquartier schält, stiehlt man sich leise aus seiner Unterkunft. Das ist echte Weanerische Marktkultur! Und im Freihausviertel gleich nebenan kann man sich stärken und in so manchem Designerlokal ein neues Leiberl erstehen. Was das ist, weiß man ja noch aus dem Sprachkurs. Ob da allerdings schon am frühen Morgen die Türen mit einem Lächeln geöffnet sind?

Wer noch mehr Wien und noch mehr Mariahilf verträgt, der trinkt sich genussvoll durch die Kaffeekarte des Cafe Jelinek, kraxelt an einem ehemaligen Flakturm die Wände hoch und taucht im selben Gebäude in die Tiefen der Ozeane hinab. So ist Wien, so sind die Stadtabenteuer, so muss es sein!

Sugar Dead

Da sitzen sie nun im Beisl und diskutieren über die Sachen, die sie umtreiben. Oberst Karl Tannhacker vom LKA Wien, Abteilung Gewaltverbrechen und der Grafiker Jonny Graberth. Eine dieser Sachen ist der Mord an Edwin Kohut-Bäumler. Der hatte im Sechsten Bezirk, Mariahilf, für seine, tja, wie soll man sie nun bezeichnen? Gespielin? Seine Affäre?, eine Wohnung freigehalten. Nun ist er tot. Erschossen. Mitten ins Herz.

Auch Alfons Wyskidensky schied relativ schmerzlos aus dem Leben. Der Bauunternehmer war wie Kohut-Bäumler gern im „Sugar Dad“ anzutreffen. Hier war das schummrige Begegnungszentrum von jungen Damen und älteren Herren. Alles kann, nichts muss! So verkaufte es der Besitzer.

Der Tod von Hans-Werner Strohmer bringt allerdings noch mehr diffuses Licht in diesen undurchsichtigen Fall. Denn er konnte sich das „Sugar Dad“ bzw. das Personal gar nicht leisten. Ihm gehörten keine Immobilien, er baute auch keine. Er war pensionierter Bahnbeamter. Drei Morde. Dreimal das Wort „Kinderficker“ mit Lippenstift an den Badezimmerspiegel geschrieben. Man müsste irgendwie an die Person rankommen, die diese drei Herren miteinander verbindet. Aber wie?

Neunzehn Jahre zuvor: Dem Ehepaar Scherwath wird eine Tochter geboren, Auxiliadora, die Helferin der Christen, soll sie nach dem Willen ihres Vaters heißen. Das Kind wächst heran. Sie ist höflich, zuvorkommend, fleißig, eloquent. Schon im Teenageralter ist sie jedoch zu höflich und zu zuvorkommend… Eigenschaften, die ihr immer wieder Probleme einbringen werden. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht! Bis zu dem Moment, in dem ihr das Blaulicht das Gesicht erhellt. Tannhackers Vorgesetzten bleibt nur eine Wahl, das junge Ding mit dem vielsagenden Namen festzusetzen und anzuklagen. Doch Tannhacker und vor allem Graberth kommen gehörige Zweifel auf…

Alexander Kautz spielt keine Spielchen mit seinen Ermittlern. Sie wittern heiße Spuren, wischen falsche Fährten mit einem Handstreich vom Tisch und verlassen sich auf ihren gesunden Menschenverstand. Klischees haben in diesem dichten Krimi keinen Platz. Der Amateur Graberth ist keine lästige Fliege, die vom Profi Tannhacker immer wieder genervt von der Backe verjagt werden muss. Er ist Ideengeber und darf sogar auf eigene Faust ermitteln. Dabei hat er selbst genug zu tun. Labradormischling Foster fordert liebevoll Zuneigung ein. Seine Freundin Jessy fordert mehr gemeinsame Zeit ein. Und der Job erledigt sich auch nicht von allein.

„Sugar Dead“ führt den Leser durch ein Wien, das von Gewaltverbrechen durchdrungen ist, dessen Leben aber nicht dadurch allein bestimmt wird. Empathie und Wortwitz – abgeschmeckt mit einer ordentlichen Portion Schmäh – bauen sich vor dem Leser auf und lassen ihn herzhaft miträtseln, wer denn da im Hintergrund die Fäden und am Abzug zieht.

Eszters Wende

Schöne heile Welt mitten in Wien. Sophie bezieht ihre erste eigene Wohnung im zentralen Ersten Bezirk von Wien. Gleichzeitig tritt Eszter Nagy, eine Ungarin, ihren ersten Arbeitstag an. Sie pflegt von nun an die Opernsängerin Isabelle Janssen. Die gefeierte Opernsängerin hatte vor Kurzem einen Schlaganfall und ist seitdem nicht mehr dieselbe. Ihr Gatte braucht unbedingt Unterstützung. Im Haus wohnt auch Dr. Volker Schmidt mit seiner Frau Lilly. Sie wünscht sich sehnlichst Kinder, doch er versperrt vor diesem Wunsch stets die Ohren. Ganz oben wohnen Bernhard, EU-Politiker Bernhard und Felix, der Schriftsteller. Schöne heile Welt mitten in Wien? Mit nichten.

Bernhard sieht seine Karriere gefährdet, sollte er seine Homosexualität offenlegen. Was würde die Partei sagen? Und wie würden die Wähler reagieren? Felix spielt bisher duldsam die zweite Geige in ihrer Beziehung. Doch lange will und wird er dieses Spielchen wohl nicht mehr mitmachen.

Volker Schmidt hat die Praxis von seinem Vater übernommen. Er selbst hatte immer alle Prüfungen mit Bravour bestanden. Einzig allein der Gedanke, dass die Prüfungsergebnisse massiv mit dem exzellenten Ruf seines Vaters zusammenhängen könnten, stört ihn. Seine Eltern haben sich nach der plötzlichen Praxisaufgabe aufs Altenteil zurückgezogen. Nicht ganz freiwillig. Denn Volkers Vater leidet an Schizophrenie. Die allerdings hat er mit Medikamenten gut im Griff. Die Krankheit ist allerdings vererbbar. Was der Grund ist, dass Volker Lillys Kinderwunsch andauernd ausweicht. Sie begnügt sich derweil mit dem Einkauf von Kindersachen. Man weiß ja nie…

Die Pflege von Isabelle Janssen ist für Eszter ein echter Glücksgriff. Herr Janssen lässt ihr alle Freiheiten, und Isabelle genießt die Spaziergänge durch die Stadt. Die Erinnerungen an ihre große Zeit allerdings versetzt sie immer wieder in Apathie. Eszters Traum bald schon einen Blumenladen eröffnen zu können, wird schon bald konkrete Konturen annehmen können.

Und was ist mit Bernhard und Felix? Alle im Haus scheinen mit einem Mal ihr Leben in geordnete Bahnen lenken zu können. Wird Bernhard über seinen Schatten springen sich offen zu Felix bekennen?

Silvia Hlavin lässt einen frischen Hauch durch dieses ehrenwerte Haus wehen. Eszter und Sophie schweben wie gerufene Engel durch das Gemäuer und lassen Farben erstrahlen wo sonst in absehbarer Zeit der Putz von den Wänden bröckeln würde. „Eszters Wende“ liest sich wie schnörkelloser Roman, dessen Ende man gern vorausnehmen würde und dessen Ende zwar nicht überrascht, aber in der brachialen Umsetzung dann doch für große Augen sorgt.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Hietzing

Hietzing bei Hitze genießen – da muss man einen kühlen Kopf bewahren. Denn der Stadtteil der Donaumetropole Wien bietet eine Menge an historischen Schmeckerchen, die man auch auf den zweiten Blick nicht erkennen wird. Eine U-Bahn-Haltestelle nach dem Tourismusmassenphänomen Schönbrunn öffnet sich dem neugierigen Besucher eine fast schon als geheimnisvoll zu bezeichnende Welt. Prächtige Villen reihen sich neben unscheinbare Wohnhäuser, deren einstige Bewohner die Welt eroberten. Für Filmfans ein wahres El Dorado.

Gleich schräg gegenüber der U-Bahnstation trifft man schon auf die erste Leinwandikone. Ein Platz ist nach diesem Filmschauspieler benannt. Im deutschsprachigen Raum eine Legende: Hans Moser. Das Haus, in dem er wohnte, befindet sich fußläufig ein paar Minuten entfernt. Dichte Hecken umgarnen die Stadtvilla. Kameras verraten, dass hier etwas zu beschützen ist. Auf den beliebten Volksschauspieler weist erst einmal nichts hin. Um die Ecke jedoch: Botschaft der Republik Aserbaidschan. Die hat die Villa des nuschelnden Schauspielers als ihre neue Heimat in der Fremde angenommen und eine Erinnerungstafel angebracht.

Leopoldine Konstantin ist sicher den wenigsten Filmfans ein Begriff. Doch ihre Rolle als Mutter eines glühenden Nazis in Hitchcocks „Notorious“ machte sie nach Jahren in der Bedeutungslosigkeit wieder bekannt. Sie lebte einst in der Trauttmansdorffgasse 29. An sie erinnert keine Tafel.

Anders sieht es da in der Maxingstraße 18 aus. Hier komponierte Johann Strauss die „Fledermaus“, im selben Haus starb auch Franz Schubert, dem der Bauchtyphus das Leben kostete.

Bleibt man in der Maxingstraße hat sich das Soll an sehenswerten Promi-Ex-Behausungen noch nicht erschöpft. Maria Lassnig, die Avantgardistin der österreichischen Malerei lebte auf der gleichen Straßenseite nur ein paar Häuser weiter stadteinwärts.

Nun ist sicher nicht jeder darauf erpicht, in seinem Urlaub Plätze zu besuchen, die mehr oder weniger berühmte Menschen mit ihrer Anwesenheit beglückten. Doch das Wissen darum, lässt so manche Fassade in anderem Licht erscheinen. Das Klimt-Haus, das erst nach dem Tod von Gustav Klimt erbaut und an der Stelle seines einstigen Ateliers um seine Wirkungsstätte herum gebaut wurde, ist dagegen ein Anziehungspunkt für alle Wien-Kultur-Reisenden. Hietzing hat gleich zwei Klimt-Orte vorzuweisen. Und einmal Schiele. Alles gut erkennen, wenn man weiß, wo man schauen soll.

Werner Rosenberger setzt dem ehemaligen Wiener-Alltagsfluchtziel Hietzing die Krone auf. Je länger man durch diesen beschaulichen Stadtteil flaniert, und je mehr man in diesem Buch blättert, desto häufiger betritt man historischen Boden. Burgschauspieler, Musiker, Stadtplaner fanden hier den Ort, der sie gewähren ließ.

Als Besucher und Leser findet man hier das Paradies. Die Promis von annodazumal sind nicht mehr. Ihre Häuser, das Dach überm Kopf von damals sind noch da. Man muss sie nur suchen. Nur einen Steinwurf von Sisi und Franz kann man das Wien von Johann, Rudolf, Alban und vielen anderen bedeutend gelassener erkunden als ein, zwei U-Bahn-Haltestellen zuvor. Und mit diesem Buch im Handgepäck entdeckt man Wien immer wieder neu.