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Austria – A Soldier’s Guide

Man spricht ja gern mal salopp vom Einreiten oder Einmarschieren, wenn man in einen Gasthof einkehrt. Im Falle dieses Buches sollte man sprachliche Sorgfalt walten lassen. Denn dieses Büchlein war einmal eines der meistgedruckten Bücher überhaupt. Es wurde an die Soldaten der britischen und amerikanischen Armee ausgegeben, die in Österreich einmarschierten (!) bzw. während und nach dem Zweiten Weltkrieg dort stationiert waren.

Reisen war damals Luxus. Das Internet noch ferne Zukunftsmusik. Der Informationsfluss in Sachen fremder Kultur so gut wie kaum vorhanden. Wie sollte man nun seine Soldaten, die als Befreier das Land einnahmen darauf vorbereiten, dass hier, tausende Kilometer weg von der Heimat der aus einer anderen Richtung bläst?

Solche Art von Büchern gab es für einige Länder, auch Deutschland. Zuerst einmal muss dem Leser klar sein, dass dieses Buch vor über siebzig Jahren gedruckt wurde. Deutschland, inkl. des einverleibten Österreichs gegen den Rest der Welt. Zum Lesen hatten die Soldaten kaum Zeit. Verknappung wohin man nur schaute. Auch bei den Informationen. In Österreich können überall Gefahren lauern. Ein versprengter Nazitrupp oder Einzeltäter – niemals die Waffe unbeaufsichtigt lassen. Nicht fraternisieren! Man könnte die neuen Freunde nicht wieder loswerden.

Krankheitsgefahr. Die Nazis hatten unter der Ärzteschaft, die vorrangig aus Juden bestand, radikal die Anzahl verringert. Ärztemangel war die Folge und in Folge dessen auch Krankheiten. Den Sold sollte man als bewaffneter Staatsdiener besser sparen, es gab eh nichts zu kaufen. Die Bevölkerung wurde von anderer Seite versorgt.

Es ist ein abgeklärter, direkter, nicht interpretierbarer Text, der schon fast schroff anmutet. Die düsteren Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Auch wenn einige Passagen auch heute noch nachvollziehbar bzw. anratbar sind. In politische Diskussionen im Ausland mischt man sich nicht ein. Man kann nur verlieren. Denn die eigene Sichtweise muss nicht immer mit der Sichtweise – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – des Anderen übereinstimmen.

Dieses Buch liest sich trotz der gewaltigen Zeitspanne zwischen Erscheinen und Gegenwart wie aus einer anderen Welt. Ein Knigge für Soldaten, die gerade als Befreier kommen und denen man nicht unbedingt den roten Teppich ausrollt, sollen sich zusammenreißen. Sie sind Vertreter ihres Landes. Machen sie Fehler, fällt das auf Jahre auf eine gesamte Nation zurück. Lange her? Schon bei den Namen Abu Ghraib, Guantanamo, Charleston wird es zahlreiche Menschen und Gruppierungen geben, die sich wünschen solche Leitfäden würden heutzutage noch gedruckt und nach ihnen gehandelt werden…

Und am Ende stehlen wir Zitronen

Mottenkugeln vertreiben Motten, die flatterhaften Wesen, die so chaotisch ums Licht schwirren. In Isas Kopf schwirren auch Kugeln. Auch sie verwirren sie. Doch von einem Licht, das ihr endlich aufgehen soll, ist sie meilenweit entfernt.

Isa lebt in einem kleinen Ort in Österreich. Sie ist die Fremde, die immer beäugt wird. Denn sie stammt aus dem Nachbardorf. Alle glotzen ihr auf die Brust. Nur Martin nicht, er ist ihr Freund und versucht alles um sie glücklich zu machen. Doch er versucht es zu oft, zu sehr und zu aufdringlich.

Der geographischen Enge des Ortes kann sie entfliehen. Es gibt Busse, Bahn und Flieger. Doch der emotionalen Beschränktheit kann sie erstmal nichts entgegensetzen. Bis eines Tages Zora ins Dorf zieht. Eine Frau, die nun in ein Haus zieht, das einmal Lou bewohnte. Isa und Lou sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Und Lou lebte einst das Leben, das Isa sich insgeheim immer wünschte. In Freiheit, in Wildheit, in Verruchtheit. In Rom stahl sie im Überdruss Zitronen, stellt sich Isa immer wieder vor. Zitronen stehlen als Sinnbild von Freiheit.

Als Martin Isa einen Fallschirmsprung schenkt, einfach so, nur, weil er sie liebt, weil er merkt, dass Isa genau so was genau jetzt braucht, ist das der Startschuss für Isas Ausbruch aus der Enge der Zeit.

Isa wird zu Lou. Sie lernt Ben kennen. Das heiße Wetter nehmen beide mit in die Federn. Ben ist ganz verschossen in Lou. Denn Isa hat insgeheim beschlossen Lous Leben weiterzuführen. Lou starb als sie sechsundzwanzig war. Isa ist jetzt sechsundzwanzig und bereit Lou zu sein.

Doch Lou ist nicht Isa. Und Isa hat immer noch mit den sie umschwirrenden Kugeln zu kämpfen. Lou zu sein ist nicht einfach. Doch alles ist besser als Isa zu sein. Die Kindergärtnerin aus einem kleinen Ort in Österreich. Lou war wild, frei und verrucht. Isa hat sich ihre Freiheit erkämpft. Die blauen Flecke sind noch sichtbar. Und es werden noch weitere hinzukommen. Doch wer sich traut Zitronen zu stehlen, stört sich an so was nicht!

Eva Lugbauer legt mit ihrem ersten Roman „und am Ende stehlen wir Zitronen“ ein Höllentempo vor, das den Leser in den Sog von Isas Leben zieht. Isas Drang nach dem Leben ist so vehement, so real, dass sich ihre musikalischen Begleiter Amy, Gianna, Frederic, Dave oder Janis warm anziehen müssen. Für Isa ist die Flucht aus ihrer Bergidylle nur der Anfang von etwas Neuem. Ob es groß wird, weiß sie nicht. Das ist ihr auch egal. Konventionen kann man nicht messen, wenn man sie brechen will. Ob die gestohlenen Zitronen Isa bekommen, ob sie schmecken, wird sich zeigen. Die Autorin Eva Lugbauer gibt ihrer Isa / Lou das komplette Rüstzeug mit auf den Weg aus „Sauer macht lustig“ ein garantiertes Happy end in Erfüllun gehen zu lassen.

Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber

Hugo Sterber ist das enfant terrible der Literaturszene Österreich. Seine Bücher strotzen nur so von Ablehnung der Konventionen. Seine Lesungen sind Happenings des bad taste. Die Massen strömen in die Säle, in denen Hugo Sterber seinem Namen alle Ehre macht und dem Normalen den Garaus machen will.

Harry Stroh hingegen ist ein geachteter Autor von Koch, reise- und Essbüchern. Man vertraut seinem Scharfsinn und folgt seinen Thesen. Ein Wort von ihm und alle hängen an seinen Lippen. Eigentlich wie bei Sterber. Harry Stroh liest aber nicht öffentlich. Hugo Sterber schon. Es ist fast so als ob Sterber nur schreibt, um öffentlich provozieren zu können.

Die beiden Autoren verbindet eine enge Freundschaft. Es ist eine Symbiose. Jeder hat sein Leben, doch ohne den anderen, sind sie nur halb so sehr sie selbst. Denn Harry Stroh ist Hugo Sterber. Also nicht wirklich. Hugo ist Harry on stage. Nicht ein Wort von Hugo Sterber stammt aus der Feder von Hugo Sterber, sondern entsprang zu hundert Prozent dem Hirn von Harry Stroh. Was sich selbstredend nicht mit dem Image des nüchternen Sachbuchautors verbinden lässt. Also schreibt Harry Stroh die deftigen Sätze, die Hugo Sterber so effektvoll in Szene setzt. So weit so gut. Wenn die Maschinerie läuft, kann sie niemand aufhalten. Auch Lore nicht, Harrys Frau und Inhaberin des Verlages, in dem Harry seine lukullischen Eindrücke veröffentlichen darf. Lore weiß von Hugo, kennt jedoch nicht einmal ansatzweise dessen Bedeutung für ihren Gatten. Doch was, wenn der Motor spuckt, stottert und ins Stocken gerät?

Immer kurz bevor ein neuer Sterber zum Leben erweckt wird, muss Hugo zur Entgiftung in die Berge. Harry schickt ihn dann ins Salzkammergut, um nüchtern zu werden. Kalter Entzug, um dem Strohmann die Möglichkeit zu geben wieder ein echter Sterber zu werden und das wortrauschsüchtige Publikum befriedigen zu können. Denn Hugo Sterbers Angriffslust auf der Bühne kommt nicht von ungefähr. Hochprozentiges und Blutbahnerweiternde Chemikalien machen aus dem ohnehin schon ausgeprägten Anarchistencharakter eine lebensgefährliche Rampensau.

Das neue Buch ist fertig, die Tour der Anmaßungen kann beginnen und Hugo nur noch aus dem cold-turkey-exil befreit werden. Doch Hugo ist weg! Verschwunden, abgestürzt, nicht nur sinnbildlich. Für die Öffentlichkeit darf das nicht so sein. Für sie muss Sterber noch unter den Lebenden weilen? Harry Stroh muss sich was einfallen lassen.

Ernst Wünsch kreiert mit Harry Stroh und Hugo Sterber ein kongeniales Duo, das leider hier auch schon wieder von der literarischen Bühne verschwindet. Ein geschäftstüchtiger Schreiber, ein chaotischer Lebemann, die nur zusammen etwas schaffen, das ein Mensch allein gar nicht im Stande ist zu stemmen. Immer wieder malt man sich als Leser die Situationen aus, in die Harry geraten kann, wenn Hugo nicht spurt. Doch soweit kommt es nicht. Wirt und Wurm, Harry und Hugo, Schreiber und Repräsentant sind sich zu nahe, um dem Anderen ein Schnippchen zu schlagen. Nur das Schicksal besitzt diese Macht…

Horak hasste es, sich zu ärgern

Wie die drei Affen: Nicht sprechen, nichts sehen, nichts hören! Erwin Horat ist deren fleischgewordene Phantasie. Am liebsten ist es ihm, wenn man ihn gar nicht wahrnimmt. Es sei denn er will im Café Hummel was zum Essen bestellen. Oder ein Achterl Roten. Ab und zu ein Kartenspiel mit seinem Freund geht ja noch. Ansonsten soll man ihn einfach ignorieren.

Elfriede ist nun auch schon seit geraumer Zeit Stammgast im Café Hummel im Achten, in der Josefstadt. Geschieden ist sie. Traurig ist sie deswegen nicht. Ihre forsche, manchmal mädchenhaft naive Art ist der Türöffner zu den Seelen der Menschen.

Es ist ein heißer Sommer in Wien. Alles strömt in den Schatten und am Abend ins Café Hummel. Kein Platz mehr frei. Für Horat kein Problem. Seit Jahrzehnten pflanzt er sich abends hier nieder, liest die Zeitung und ist der glücklichste Mensch der Welt, wann man ihn in Ruhe lässt. Doch diesen Gefallen tun ihm die Menschen so gut wie nie. Das Leben hupt, lärmt, blendet. Horat grantelt. Für Ärger hat er keine Zeit, steht ihm nicht der Sinn. Doch Elfriede könnte es durchaus schaffen ihn aus seinem Schneckenhaus heraus zu granteln. Sie findet keinen freien Platz im Lokal und fragt Horak, ob sie nicht bei ihm sitzen könne. Sie solle bestellen, essen, verschwinden. Letzteres als Erstes, aber das ist Wunschdenken und Elfriede ist weit davon entfernt dem knurrigen Alten um den Bart zu gehen.

Jeder kennt einen oder mehrere Menschen, denen man lieber aus dem Weg geht. Unsympathisch ist da noch geringste Attribut, das man ihnen geben möchte. Horak ist so einer. Doch in seiner Ungeselligkeit ist er kein aufbrausender oder gar cholerischer Zeitgenosse. Selbst dazu ist er einfach zu unumgänglich. Zu Hass ist er nur fähig, wenn er ihn nicht offen zeigen muss. Erwin Horak reicht Elfriede Steiner ungewollt den kleinen Finger. Und sie? Sie nimmt gleich die ganze Hand! Horak steckt in der Falle seines glückseligen selbstgewählten Gefängnisses.

Sportlicher Ehrgeiz, weibliche Neugier – wie auch immer man es nennt –  Elfriede beißt sich in Horak fest. Ob es ihm nun passt oder nicht. Ihn zu knacken, wird zu einer Art zeitlich begrenzter Lebensaufgabe. Oliver Hardy dreht in „Auf See“ vollkommen durch, wenn er Hörner und Hupen hört. Pogo ist das Ventil, mit dem Punks aus der Haut fahren. Und Professor Horak? Er schaut gerade mal verächtlich mit einem Auge hinter der Zeitung hoch. Das stachelt die unermüdliche Menschenfeundin aber nur noch mehr an. Kein noch so harte Kante kann sie verletzen, kein noch so böses Wort ihr Herz ritzen, keine noch so verächtliche Geste ihren Lebensmut mit Angst erfüllen. Die Herzensgüte in Person. Dabei ist sie eigentlich genauso stur wie Horak: Er will partout in Ruhe gelassen werden. Und mit derselben Enerviertheit will und kann sie nicht verstehen wieso ein Mensch unbedingt allein sein will …

Autorin Karoline Cvancara bereitet es eine diebische Freude mit Hilfe von Elfriede dem mürrischen Alten den Lebensweg vom Geröll der Eigenbrödelei zu befreien. Im idyllischen Ambiente des Cafés Hummel in der Josefstadt, das man schon während der Lektüre sofort besuchen will. Vielleicht trifft man ja dort das reale Horak’sche Pendant. Karoline Cvancara jedenfalls kam dort die Idee zu dieser kurzweiligen Wiener G’schichte.

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Der Tote, der nicht sterben konnte

Es heißt, dass den Tod vor Augen das Leben noch einmal an einem vorüberzieht. Martin Heinz hat den Tod vor Augen, eine Leitschiene wird sich jeden Moment in seinem Körper bohren und Magen, Darm und Nieren zu Brei zermalmen. Nur eines im Leben ist sicher, der Tod. Außer bei Martin Heinz.

Blau-weiß-rot sind nicht nur Trikolore und Union Jack, sondern auch sein Körper. Blau der Penis – das Blut schoss ihm kurz vor der Durchbohrung ins Gemächt und gerann sofort. Weiß sein Körper wie eine frisch gedeckte Kaffeetafel. Rot das Loch, wo die Mitte des Körpers liegt. Den Ärzten ist er ein Rätsel. Den Menschen in dem kleinen Ort in Österreich ist er ein Wunder. Noch hält sich die Meute der Journalisten fern von ihm. Seine Familie weiß auch nicht wie sie jetzt damit, mit ihm, dem Zombie umgehen soll. Ein echter Zombie ist Martin Heinz aber gar nicht, denn dazu müsste er erst einmal richtig tot gewesen sein…

Martin Heinz will sterben, er kann es aber nicht. Sein Lebenswille ist nicht mehr existent. Und schlafen kann er auch nicht mehr. Seine Körpertemperatur stagniert bei fünf Grad Celsius. Sex – die besten Voraussetzungen bringt er ja immer noch mit – ist auch keine Lösung.

Als weitere Fälle des Ambrosia-Virus auftauchen – inzwischen weiß man, dass ein Virus die Ursache für die seltsame lebensverlängernde Erscheinung ist – wird Martin Heinz wieder aktiv. Er sucht den Tod. Im Hades. In Nevada. Als er ihn endlich trifft, ist die Zusammenkunft mehr als ernüchternd. Denn der Gevatter beliebt zu spotten. Oder hat er auch bloß keine Ahnung?

Die Lager, in denen die Ambrosianer, wie die vom Supervirus Betroffenen genannt werden, wachsen an. Fluktuation kann es nicht geben, da ja niemand sterben kann. Positiver Nebeneffekt: Krieg werden völlig sinnlos. Das sind sie auch schon vorher gewesen, nur haben das nie alle bemerkt. Eine perfekte Welt? Ja! Allerdings keine ganz perfekte Welt…

Hermann Knapp beginnt „Der Tot, der nicht sterben konnte“ als ironisches Stück, das den Leser schmunzeln lässt. Im Laufe der Seiten wandelt sich das Blatt und immer klarere werden die unausweichlichen Konsequenzen der Unsterblichkeit. Immer noch schmunzelnd muss der Leser miterleben, dass auch in einer perfekten Welt jede Medaille zwei Seiten hat. Nur leider hat dieses Buch ein Ende.

Am Tiefpunkt genial

Ach Mensch, Paul! Du wusstest es doch! Als Stefanie so vertraut mit Markus war. Das Klingeln im Ohr?! Du hast es doch gehört. Nun ist sie weg, die Stefanie. Jetzt gibt es dafür Markus und Stefanie. Mensch Paul! Kippen, Bücher und Musik sind doch nicht alles.

Man möchte Paul anschreien, ihn wachrütteln. Ein bisschen Selbstmitleid sei ihm zugestanden, ihm dem Buchhändler, der so sehr an Zigaretten und Musik hängt. Und bis vor Kurzem hing er auch noch an Stefanie. Sie, das Modepüppchen, die nächtelang die Clubs unsicher machte, sehr, zu auf ihr Äußeres achtete und dieses hegte und pflegte. Stundenlang. Und Paul, der Mode zwar buchstabieren kann, aber ansonsten damit nichts anfangen kann. Warum hat Bernhard diesen Markus auch angeschleppt?!

Hass empfindet Paul nicht. Mit Klarissa hingegen spricht er sich aus. Seine Ex. Sie kennt ihn und mag ihn und fühlt sich immer noch ein wenig für ihn verantwortlich. Aber vor allem macht sie ihm Mut. Die Trennung war gut für ihn. Den Eigenbrödler. Und dann wieder Bernhard. Lass uns treffen. Alle zusammen. Auch Markus? Ja. Der Soundtrack des Lebens hält für den Musikliebhaber Paul aber auch immer wieder eine B-Seite parat. Kein stimmungsvoll-melancholischer B.B. King, keine immer passenden Stones, kein beruhigender Miles Davis.

Und wie im richtigen Muskleben enthält die B-Seite eine echte Rarität. Markus und Paul können sich in die Augen schauen, miteinander reden und sich sogar die Hand geben. The kids are alright oder doch Sympathy fort he devil?

Wer nun meint, dass mit Paul wieder alles in Ordnung ist, irrt. Mit Paul war schon immer alles in Ordnung. Aus falschem Pflichtgefühl heraus bildet er sich ein, dass Schicksalsschläge unbedingt mit tiefer Trauer, Selbstzweifel und vielleicht sogar Hass einhergehen müssen. Doch Paul hat seine Bücher, seine Kippen und seine Musiksammlung. Und wenn ihm danach ist, haut er sich einfach aufs Sofa. Nichts tun, den Herrgott einen liebe Mann sein lassen. Er verliert seinen Job und erkennt, dass Markus auch bloß ein Aufschneider ist, der gern andere in seine Machenschaften zieht. Im ersten Moment keine sonderlich schönen Ereignisse. Dennoch: Paul kann zufrieden sein. Denn schlussendlich ist da noch etwas. Das Leben!

Karoline Cvancara zeichnet mit Paul einen Lebemann, den man nicht auf Anhieb dieses Attribut verleihen würde. Er ist wie eine Katze, landet immer wieder auf den Füßen. Die Abgründe, die sich vor ihm auftun, kennt jeder. Man kann sich verkriechen, die Decke über den Kopf ziehen, aber das zögert die Lösung des Problems nur hinaus. Man kann sich bewusst Hilfe suchen, aber dann muss man alles noch einmal aufrollen, ob’s hilft, weiß man vorher nicht. Oder man lässt alles erst einmal sacken und blickt nach vorn. So wie Paul.

Letzter Kirtag

01 - Letzter Kirtag

Gasperlmaier! Als Chef würde man diesen Namen schreien. Vor Wut! Als Leser klopft man sich herzlich auf die Schenkel und schüttelt sich vor Lachen. „Ein selten dämliches Rindviech!“. Das ist Kirtag. Volksfest. Alle sind in prächtiger Stimmung und weit über dem gesunden Promillepegel. Auch der Gasperlmaier. Polizist seines Zeichens. Als er so leidlich nüchtern einem menschlichen Bedürfnis nachgehen muss, entdeckt er eine Leiche. Wenigstens durfte er nochmal seine Lederhose tragen, ist sein erster Gedanke. Der Zweite ist da schon fataler. Eine Leiche am Kirtag? Das geht nicht! Die versaut ja jedem die Stimmung. Also nix wie weg mit dem Herr Doktor Nagelreiter. Der Gasperlmaier kennt die Leiche. So wie man sich halt kennt hier am Altausseer See. Blöd nur, dass auch die Kollegen da sind. Und die kriegen ziemlich schnell spitz, dass der Leichnam bewegt wurde. Gasperlmaier schüttelt unschuldig den Kopf. Und reitet sich immer weiter in … naja Sie wissen schon. In den Schlamassel. Die Frau Doktor Kohlross ist da eine besondere Spezialistin. Die traut dem Gasperlmaier eh nichts viel zu. Wenn sie sich da mal nicht täuscht…

Bis hierhin hat man noch nicht einmal ein Viertel des Stoffes geschafft und schon hat man einen neuen Freund: Gasperlmaier. Hier verwachsen, ein bisschen unbeholfen, aber – oder besser gesagt – UND von Grund auf ehrlich. Das eine Mal Leiche beiseite zerren zählt nicht! Schon gar nicht hier auf dem Land!

Der Gasperlmaier ist keiner, den man gern mit dem Tod eines lieben Verwandten betraut sehen möchte. Auf den ersten Blick. Erst bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass unter der verweichlichten Schale ein knallharter, erdiger, im Land verwurzelter Held steht. Als stur könnte man ihn bezeichnen, als unnachgiebig und akribisch erst, wenn man ihn besser kennt. Herbert Dutzler hat einen sympathischen Ermittler geschaffen, der nur oberflächlich ein „bleeder Hund“ ist. Man hat ihn gern um sich, er gibt einem etwas Vertrautes. Er ist nicht zynisch, trinkt gern mal einen über den Durst (aber nur aus Genuss, nicht um zu vergessen oder aus einem anderen „zivilisatorischen Grund“) und lässt sich nicht ablenken. So einen braucht’s!

 

Schnitzeltragödie

Schnitzeltragödie

Wohnungsauszug – Zeit des Neuanfang, aber auch der Rückbesinnung. So auch der namenlose Held dieses Buches. Alles muss besenrein übergeben werden. Abgeschlossen, im wahrsten Sinne des Wortes. Schlüssel rumdrehen, zum letzten Mal, und Auf Nimmerwiedersehen! Man sperrt zu und alles ist vergessen und vorbei. Nicht ganz, denn da sind noch die Erinnerungen. Die Gedanken an die Tragödien, die sich hier abspielten. Zumindest bei Harald Darer.

Der Mann, der hier sein Heim verlässt, tut dies aus gutem Grund. Ein Neuanfang mit Frau und Kind. Und er muss die Wohnung, das bisherige Leben, die Erinnerungen hinter sich lassen. Bitterböse G’schichten spielten sich hier ab. Allesamt Tragödien. Datteltragödien, Leberkästragödien … Schnitzeltragödien, Tragödien vom Erwachsenwerden, Tragödien des Alltags. Von wegen „Das ganze Leben ist ein Quiz“. Es ist eine Tragödie! Oder besser, gleich mehrere.

Harald Darer vermischt in seinen Erinnerungskurzgeschichten beißende Satire mit argwöhnisch beäugten Begebenheiten eines Mannes, der Gefallen daran findet sich und andere zu hinterfragen. Wenn er sich zurückerinnert wie er die Millionenfrage im Fernsehen beantwortet, der Kandidat – Hansi Hinterseer – sich immer mehr in seine Moonboots zurückzieht, im Schweiße seines Angesichts seiner eigenen Unwissenheit vor Scham im Stuhl versinkt (köstlich für jeden, der das System Hansi Hinterseer durchschaut hat!), ist man am Ende des Kapitels enttäuscht, dass die Geschichte schon vorbei sein soll. Man will mehr. Und man bekommt mehr!

Jeder Nation wird eine gewisse Art von Humor nachgesagt. Auch den Österreichern. Derb und manchmal auch ein wenig hinterfotzig. Mit einer Prise Charme, bzw. Schmäh. So muss es auch sein! „Schnitzeltragödie“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die ein permanentes Lächeln auf die Lippen zaubert, Schenkelklopfen andeutet und dem Leser vergnügliche Stunden bereiten wird. Man liest die Kapitel nicht hintereinander, man liest sie dosiert. Pro Tag ein Kapitel und selbiger ist gerettet. Und wetten, dass man beim nächsten Metzgerbesuch, Markteinkauf, Kurzurlaub auf genauso jemanden trifft, der wie der Fleischklopfer aufs Schnitzel passt?! Das nennt man dann wohl nachhaltige Literatur.

50 Dinge, die ein Wiener getan haben muss

50 Dinge die ein Wiener getan haben muss

Sich einmal so fühlen wie ein Wiener, die Stadt genauso gut kennen wie die Bewohner der Stadt an der Donau. Als Tourist hat man meist nur das im Auge, was Prospekte groß ankündigen: Hofburg, Kunsthistorisches und Stephansdom. Doch selbst die Wiener kennen ihre Stadt meist nicht so gut wie man meint.

Bleiben wir beim allgemein sichtbaren Wahrzeichen der Stadt, dem Steffl, oder Stephansdom. Ein imposantes Gebäude, ohne Zweifel. Von da aus die der Stadt „auf den Kopf spucken“, ist nur wenigen vorbehalten. Arbeitern, die das Dach instandhalten, zum Beispiel. Nicht nur. Denn in den Sommermonaten, samstags, ab 19 Uhr, bei schönem Wetter, kann man den Dachboden besichtigen und … in der Dachrinne „spazieren gehen“. Ja, das geht tatsächlich! Die Rinne ist kein handelsübliches Blech von ein paar Zentimetern Breite, einen halben Meter ist sie breit. Damit nichts passiert, ist sie mit Balustrade umzäunt. Zehn Euro kostet das einzigartige Vergnügen, das selbst nur wenige Wiener überhaupt kennen. Dieser Geheimtipp bildet den Auftakt zu neunundvierzig weiteren Dingen, die man in Wien erleben kann. Egal, ob man nun Einheimischer oder Gast ist. Und was für Wiener gut ist, muss für die Besucher der Stadt ja nicht schlecht sein.

Die Autoren Alexandra Gruber und Marliese Mendel geben dem Begriff „Geheimtipp“ einen ganz besonderen Glanz. Die kokettieren nicht mit dem abgedroschenen Klischee des Geheimtipps, sie zeigen sie auf, führen den Leser an sie heran und können sich der ewigen Dankbarkeit der Leser sicher sein.

Wer durch Wien schlendert – hetzen ist keine gute Idee in einer Stadt, die derart viel Kultur zu bieten hat – hat sie bestimmt schon bemerkt: Die Schlange vor der Staatsoper. Meist schon in den frühen Morgenstunden. Und das fast täglich in der Saison von September bis Juni. Klar, die stehen alle nach Karten an. Und jeder bekommt nur eine. Warum? Sie warten auf Stehplatzkarten. Die kosten nur ein paar Euro und garantieren Operngenuss auf höchstem Niveau. Wer eine Karte ergattert hat, stellt sich gleich in der nächsten Schlange an. Denn es geht bald los.

Unterirdisch, ebenerdig und überirdisch sind die Tipps, die in diesem Buch dem Leser offeriert werden. Selbst bei dem eher nicht so preiswerten Julius Meinl, einem der edelsten Kalorientempel Wiens, kann man sich mit einem nicht ganz so prall gefüllten Geldbeutel kulinarisch verwöhnen lassen.

Ein Teil des Autorenhonorars wird an das unbegleitete Mädchen im Haus Ottakring gespendet, einer Einrichtung für Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die ohne Eltern auf der Flucht waren.