Michel de Palma – Marseille

Die Melodie der Geister

Rue Notre Dame des Grâce, Marseille. Hausnummer 38. Im Sessel sitzt ein Toter. Doktor. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Epilepsie. Auf seinem Schoss ein Buch. Totem und Tabu. Von Sigmund Freud.

Kommissar Michel de Palma, der Baron, nimmt den Fall zur Kenntnis. Und schon meint man, die Gedankengänge erraten zu können, die Rädchen im Hirn des Ermittlers klackern zu hören. Das Buch kann doch kein Zufall sein. Und schon gar nicht die aufgeschlagene Passage über Kannibalismus. Das steckt mehr dahinter.

Da hat man noch nicht einmal ein Zehntel des Buches geschafft und wähnt in einer großartigen Story. Um es vorwegzunehmen: Man wird auch in den restlichen über neun Zehnteln nicht enttäuscht werden!

Die Enkelin des Toten bringt ein wenig Licht ins Dunkel der Ermittlungen – de Palma fragt sich warum nur eine Maske aus der reichhaltigen Sammlung des Opfers gestohlen wurde. Berenice Delorme hat ihren Großvater vergöttert. Er erzählte ihr von seinen Reisen und aus Papua-Neuguinea. Von fremden Völkern und ihren fremdartigen Ritualen. Und er sammelte Masken. Sie waren nicht nur Dekoration, sie hatten einen tieferen Wert. De Palma ist beeindruckt von so viel Wissen. Doch warum fehl nur eine Maske? Die Sammlung scheint ja immens wertvoll gewesen zu sein.

Die Gedankengänge de Palmas werden durch Spaziergänge und Eindrücke aus Marseille verziert. Als Leser schreitet man Seite an Seite mit dem Baron durch die Mittelmeermetropole und atmet den Duft der Stadt ein. Fast schon spielerisch erobert man diese Jahrtausende alte Stadt. Und darf dabei rege an den Ermittlungen teilhaben.

Dem Baron lässt das Buch auf dem Schoß des Toten keine Ruhe – warum gerade dieses Buch? Warum diese Seite? In die Grübeleien platzt die Nachricht vom Tod Paulos, einem Gauner und einem Spitzel. Er wurde  erschossen. Mit nur einer Kugel. Das hat sich jemand gründlich Gedanken gemacht und diese dann auch umgesetzt. So traurig der Tod des Spitzels ist, so sehr verbeißt sich der Ermittler in die Lektüre des Freud’schen Werkes. Bei einem Experten findet er Rat.

Der Mix aus geheimnisvoller Welt der Ureinwohner Papuas und der Mittelmeerstadt ergeben eine spannende Melange, die den Leser ab der ersten Seite fesselt. De Palma ist nicht der Mann großer Worte. Er liebt die Oper genauso sehr wie seine Zigaretten. Und die kleinen grauen Zellen benutzt er genauso geschickt wie er das Flirten mit seiner Unterstufenliebe versteht. Michel de Palma, der Baron, ist der neue Star im literarischen Krimidickicht Marseilles.

 

6 - Im Sumpf der Camargue

Hochsommer in Marseille. Anfang Juli. Die Oper gibt ihre letzte Vorstellung vor der Sommerpause. Als kulturbeflissener Mensch ist Michel de Palma, der Baron wie ihn alle nennen, auch dabei. Auf den letzten Drücker. Doch die Vorstellung taugt nicht viel. Der Rodolfo aus La Bohème ist nicht nach seinem Gusto. Er nutzt den Applaus, um sich draußen die Füße zu vertreten. Zwei verpasste Anrufe auf dem Telefon. Anwalt Chandeler war dran. Er müsse ihn dringend sprechen.

Mondänes Büro, sehr überladen, teuer. Der Baron lässt sich von der provençalischen Pracht nicht beeindrucken und lässt Chandeler reden. Ingrid Steinert vermisst ihren Gatten. Der ist in der Metallbranche, Milliardär. Es ist nicht seine Art einfach so für einige Tage zu verschwinden. Und da der Baron eh gerade frei hat, rekonvaleszent ist, meinen Anwalt und Frau Steinert ihn engagieren zu können. Gegen Bezahlung, versteht sich. De Palma lehnt ab. Einige Tage später tritt Ingrid Steinert direkt an ihn heran. Geld interessiere ihn nicht, darf ja auch keines annehmen, doch er werde sich die Aktenlage anschauen. Mehr kann er nicht versprechen.

Eine willkommene Gelegenheit Jean-Claude Marceau in Tarascon wiederzusehen. Denkt sich de Palma und mittendrin im Fall des verschwundenen Milliardärs. Marceau ist hoffnungslos überlastet, will den Falle aber nicht zu den Akten legen. Da ist noch was, was ihm Sorgen bereitet. So viel ist klar. Klar ist auch, dass sein Schreibtisch überquillt vor Arbeit, und er deswegen nicht weiterermitteln kann.

Dass die Ermittlungen zum Verschwinden – oder gar zum Tod? – des Superreichen nicht einfach werden, ist Michel de Palma sofort klar. Ingrid Steinert ist nicht gerade das, was man eine Plaudertasche nennt. Wohl dosiert wirft sie ihm immer wieder kleine Brocken aus dem Leben ihres Gatten und seiner Firma hin, trotz ihrer scheinbaren Offenheit.

Doch einer wie der Baron, einer der die Mafia Marseilles besser kennt als sie selbst, braucht keine Lippenbekenntnisse. Er bekommt schon raus, was er braucht.

Nach ein paar Tagen ist es Gewissheit: William Steinert ist tot. Ertrunken. Im Sumpf der Camargue. Dort, wo er einen Vergnügungspark bauen wollte. Dort, wo ihm schon das ganze Land gehörte. Dort, wo seine Eltern schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts Land besaßen. Dort, wo sich viel Geld verdienen lässt …

Michel de Palma, der Baron, muss teilweise tief in der Vergangenheit wühlen, um dem Geheimnis des Sumpfes auf die Spur zu kommen. Dass es dabei nicht bei einer Leiche bleibt, ist klar.