Die Großstädter

Die Großstädter

Wie viel kostet es einmal um die Welt zu reisen? Der Betrag liegt bestimmt im fünfstelligen Bereich, meint man. Wenn nicht, dann wenigstens ein paar tausend Euro. 16,50 €, und keinen Cent mehr. Also etwas mehr als ein Taschenbuch. Doch 16,50 € für ein Taschenbuch, das einem rund um die Welt führt – und das mit den eloquentesten Metropolen-Guides, die man sich vorstellen kann – sind ein wahres Schnäppchen! Mit Ernest Hemingway durch Madrid, der Hauptstadt der Welt. Mit dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk durch Istanbul, der Perle zwischen Europa und Asien. Mit Pier Paolo Pasolini durch die Ewige Stadt Rom. Ja, das gibt es alles für nur 16,50 €!

Der Septime-Verlag (das E wird nicht weggelassen) hat mit diesem Buch aus der Reihe „Perspektivenwechsel“ ein Standardwerk für Capital-Touristen auf den Markt geworfen, das für eine sehr lange Zeit einen Maßstab bilden wird. Denn die hier versammelten Autoren überrumpeln den Leser nicht nur mit ihrer Sprachgewalt, sondern auch mit ihrem ganz besonderen Blick auf die Eigenheiten einer jeden Metropole. Diese Eigenheiten sind offensichtlich, dennoch nicht für jeden erklärbar.

Wenn 007 in New York ist, diniert er im „Astor“. Das Rezept für das Rührei „James Bond“ liefert sein geistiger Vater Ian Fleming gleich mit. Eine echte Cholesterin-Bombe. Was sonst, Bond ist schließlich Agent mit der Lizenz zum Töten.

Arezki Mellal zeigt dem Leser seine Hauptstadt. Mellal ist Algerier und in Algier sind alle Fenster gen Meer ausgerichtet. Eine Tatsache, die man als Tourist eher unterschwellig wahrnimmt. Ines Sommer und Betty Kolodzy nehmen Berlin unter die Lupe, Ost und West. Des Weiteren geht die Reise nach Mexiko-Stadt, Prag, Lissabon, Buenos Aires, Wien … also einmal rund um den Erdball. Wen da nicht das Reisefieber packt, der kann sich für 16,50 € Bier und Knabbereien besorgen und es sich auf der Couch gemütlich machen. Für alle anderen besteht akute Reisewarnung! Dieses Buch macht süchtig nach Erlebnissen wie sie die Autoren beschreiben. Menschen formen eine Metropole, die Metropole formt den Menschen. Es ist ein Geben und Nehmen. Die Autoren geben ihr Bestes, die Besucher nehmen die Worte an und begeben sich zuerst lesenderweise auf Weltreise, um anschließend eine weltumspannende Kur zu unternehmen.

Individualtouristen, die ihre Weltreise online zusammenstellen, sei angeraten, das Buch immer am Mann zu haben. So viel Erfahrungsschatz zieht Diebe an…

Die Frau aus dem Meer

Die Frau aus dem Meer

Ist Gnazio ein Verlierer, weil er eine Frau heiratet, die ihm weil abverlangt und er sie nie verstehen wird? Nein! Ein entschiedenes Nein! Im Gegenteil: Gnazio ist ein wahrer Glückspilz, ein Gewinnertyp. Für wahr er ist nicht mit Geistesblitzen und händlerischem Geschick gesegnet. Dennoch ist Gnazio auf der Gewinnerstraße.

Endes des 19. Jahrhunderts kehrt Gnazio Manisco in seine sizilianische Heimat zurück. Durch einen Unfall ist er im geheiligten Amerika zu Geld gekommen. Soviel, dass es ihm erlaubt sein Heimat wiederzusehen. Er kauft sich ein schönes Stück Land. Er baut ein Haus. Auf dem Land stehen Olivenbäume. Er baut einen Brunnen. Das Land war günstig, obwohl es direkt am bzw. über dem Meer liegt. Gnazio mag das Meer nicht, deswegen zeigen alle Fenster im von ihm gebauten Haus weg vom Meer. Die Zeit vergeht, Gnazio ackert und lebt sich nach und nach wieder in seiner Heimat ein. Und doch fehlt etwas. Beziehungsweise jemand. Eine Frau.

Donna Pina, eine Alte aus dem Dorf, die mit Kräutern umzugehen weiß, berät den unglücklichen Rückkehrer. Seine Wahl fällt schließlich auf Maruzza Musumeci. Er sieht nur ein Foto der betörenden Schönheit und schon ist er ihr verfallen. Von nun an gibt es nur noch ein Ziel: Dieses Wesen zu erobern. Es klappt. Maruzza sieht auch in Gnazio den Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen will. Es muss nur noch die Urgroßmutter der Braut überzeugt werden. Hat sie etwas gegen die Liaison einzuwenden, sind alle Pläne dahin.

Urgroßmutter Minica hat nichts gegen die Verbindung und stimmt der Hochzeit zu. Die findet am gleichen Abend statt. Selbst Gnazio scheint das ein wenig übereilt, doch die Freude siegt über die Vernunft. Die rituelle Hochzeit erscheint dem bodenständigen Arbeiter etwas verwegen. Dennoch fügt er sich in sein Schicksal. Schließlich ist Maruzza an seiner Seite, für immer.

Die Jahre vergehen und Gnazio gewöhnt sich an die Marotten seiner Frau. Vor der Hochzeit wurde ihm geraten, Maruzza gewähren zu lassen, und Gnazio hält sich an diesen Ratschlag. Er baut ihr eine Zisterne, damit sie darin schwimmen kann. In ihrem Schlafzimmer zeigen die Fenster Richtung Meer. Maruzza ist eine Sirene. Sie zieht es immer wieder hinaus aufs Meer. Gegensätzlicher können zwei Menschen kaum sein…

Am Ende dieses kurzweiligen, famosen, herzerweichenden, zauberhaften Märchens sieht man einen kleinen Jungen, der über beide Wangen lachend sich über eine Schreibmaschine beugt. Es ist kein abwertendes Lachen, weil er jemanden in die Pfanne gehauen hat. Es ist vielmehr das ergreifende Lachen eines Jungen, der etwas geschaffen hat, dass er sofort jemand schenken möchte. Dieser Junge ist Andrea Camilleri und die Beschenkten sind wir Leser.

Der Hirtenjunge

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Glücklich der, der Arbeit nicht als solche empfindet. Nur dann wird das Erwirtschaften des „Täglich-Brot“ zur Lust. Die Last des steten Schuftens, um ein das erträumte Leben leben zu können, ist hinweg geblasen wie eine Feder im Sturm. Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Wer sich ein Leben lang auf seine Berufung freut, wird umso bitterer enttäuscht, wenn der Lebensplan aus den Fugen gerät.

Der 14jährige Guirlà Savatteri ist furchtlos. Als eines Tages zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Rattenfänger sein kleines Fischerdorf aufsuchen, um Jungen in den Minen der Umgebung arbeiten zu lassen, schickt ihn sein Vater in die Berge. Er soll Ziegen hüten und sich so den Schergen des Minenbesitzers entziehen. Denn die Arbeitsbedingungen unter Tage sind menschenunwürdig: Kaum Lohn, den man auch noch mit den „alten Hasen“, die sich in jeder Hinsicht um den Nachwuchs kümmern, teilen muss. Eine ruinierte Gesundheit, und niemand, der die geschundenen Körper pflegt. Sein Vater hat sich etwas anderes für seinen Filius vorgestellt.

Giurlà ist eine echte Wasserratte. Fische mit bloßen Händen fangen, im Meer herumtollen, aber auch die harte Arbeit – das ist seine Welt. Und nun soll er fernab von Meeresrauschen und Wellenschlagen sein Leben in den Bergen fristen? Was anfangs noch unvorstellbar erscheint, ist der Wendepunkt im Leben des jungen Giurlà. Schnell findet er sich in der unwirtlichen, unvertrauten Umgebung zurecht. Seine Kollegen respektieren die rasche Auffassungsgabe des Jungen und geraten in Erstaunen, als der Junge beim Baden im eiskalten See einen Fisch an Land holt. Giurlà ist in der neuen Umgebung angekommen. Sein „Gastspiel“ von drei Monaten – so lange soll er die Ziegen hüten – erlaubt es ihm seine Familie finanziell zu unterstützen. Die Liebe und Zuneigung zu Beba, einer Ziege, die Andrea Camilleri genüsslich und respektvoll darbietet, wird unversehens zu einem weiteren Wendepunkt im Leben des Heranwachsenden.

„Der Hirtenjunge“ ist der dritte Teil der Metamorphosen-Reihe des sizilianischen Erfolgsautors Camilleri. Das unbeschwerte Leben an den Ufern des Mittelmeeres tauscht der Held des Buches ungewollt, doch akzeptierend gegen die Einsamkeit der Berge ein. Der Wandel vom erwartungsvollen Leben, das durch Tradition vorgezeichnet scheint, wird von einem auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt. Doch statt selbigen in den weichen Strandsand zu stecken, rafft sich Giurlà auf, und gibt seinem Leben unbewusst einen neuen Sinn. Verlust und Neuentdeckung liegen oft so eng zusammen, dass man erst später bemerkt, dass das Leben niemals still steht.

Delikat und formvollendet

Delikat und formvollendet

Die Flut an Kochsendungen und Kochbüchern macht so ziemlich jeden, der sich bereit erklärt einen Obolus für Bücher auszugeben scheinbar zum Profi am heimischen Herd. Kochen kann jeder – aber es so wie im Kochbuch oder in der Fernsehsendung aussehen zu lassen … daran scheitern die meisten. Noch! Denn „Delikat & Formvollendet“ bringt den letzten Schliff in die Küchen und auf die Tische der Köche.

Schon allein die Abbildungen verdienen das Prädikat „museumsreif“. Da stimmt einfach alles. Der Magen knurrt schon beim ersten Durchblättern. Liebevoll arrangierte Accessoires wie Blüten und Kräuterzweige zeigen wie ein perfektes Gericht perfekt präsentiert wird. Die Präsentation überlagert dabei nicht die Zubereitung. Alleinschon die Rezepte lassen auf einen exquisiten Geschmack schließen.

Martina Göldner-Kabitzsch und Susann Kreihe nehmen den Leser mit auf eine kulinarische Reise ins Land „Exquisitanien“. Hier ist alles nur vom Feinsten. Die Zutaten heißen Zitronengras, Kokosfleisch oder Gänseblümchen. Am Herd stehen die Köche in Liebe zu ihren Gerichten vereint. Der Tisch wird von Fantasie und Hingabe gedeckt. Klingt erlesen und sehr schwer nachzumachen. Von wegen. Die Autorinnen achten sehr darauf, dass wirklich jeder mit geringem Aufwand sein mühsam zusammengestelltes Menü entsprechend darbieten kann.

Mit wenigen Handgriffen und ein paar kleinen Küchenhelfern gelingt es, die Menüs nachzukochen und seinen Gästen zu kredenzen. Das Auge isst schließlich mit. Mit diesem Buch als Ratgeber werden Essen mit Freunden zum unvergesslichen Erlebnis, das Lob der Gäste ist schon so gut wie sicher. Geschäftsessen werden zum Türöffner für eine rosige Zukunft als erfolgreicher Unternehmer.

„Delikat und formvollendet“ besticht durch seine elegante Aufmachung und zwingt zu mehr als nur dem bloßen „kurz-mal-Durchblättern“. Viel Mühe verwanden die Macher auf die grafische Darstellung des Buches. Halbmonde – mal eng aneinanderliegend, mal breitgefächert – ziehen sich wie ein roter Faden durch die über einhundert Seiten des appetitanregenden Buches.

Wer oft und gern Freunde zum Essen einlädt, wer sich beim „Perfekten Dinner“ bewerben will, wer Wert auf Stil am Tisch legt, der kommt an diesem Buch nicht vorbei. Zehn Punkte sind jetzt schon sicher.

Fleur de Sel

Fleur de Sel

Pessimisten vermuten hinter einer exzellenten Verpackung einen schnöden Inhalt. Optimisten freuen sich ab der ersten Sekunde auf eine hübsch verpackte Idee. Wenn Überraschung „das Salz in der Suppe“ ist, dann tragen bei diesem Buch die Pessimisten den ersten Sieg davon.

Edles Schwarz breitet sich aus. Darauf von der ewigen Strahlkraft der Sonne geformte Diamanten, die auf der Zunge zergehen. Das Cover verspricht höchsten Lesegenuss. Nächste Seite: Mit einfachsten Mitteln wird aus der Salzigen Menge der Titel dargestellt – Fleur des Sel, Salzblume. Die Blume verleiht dem chemischen Begriff des Natriumchlorids einen Hauch von Verheißung, von edlem Geschmack, von Würze.

Salz ist das einzige Gewürz, das überall auf der Welt ein Adjektiv besitzt. Salzig. Rosmarinisch, basilikumisch – das streikt jeder Texteditor. Rainer Schillings und Ansgar Pudenz setzen mit ihrem Buch nicht nur Maßstäbe für ähnlich geartete Koch- und Lebensmittelbücher. Sie setzen dem scheinbar einfachen Gewürz Salz ein Denkmal. Jedoch nur dem edelsten Salz der Erde, dem Fleur de Sel. Das übrigens nur, wenn es aus der Bretagne kommt diesen Namen verdient. Die harte Arbeit, die hinter der Salzgewinnung (und es ist ein wahrer Gewinn) steckt, steht ebenso im Fokus wie die lukullischen Enderzeugnisse, die mit der Salzblume verfeinert werden.

Die Rezepte sind – wie das Fleur de Sel auch – nicht unbedingt für jeden Tag. Auserlesene Zutaten erhalten erst durch das auserlesene Meer-Sonne-Produkt ihren letzten Schliff. Gebratene Taubenbrust auf Couscous mit geräucherter Aalcreme. Und dazu eine Prise Fleur des Sel. Schon beim Lesen läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Am raffiniertesten sind aber die Desserts. Salz –  egal, ob nun für wenige Cent im Pappbehälter oder im handgetöpferten Gefäß für einige Euro mehr – verträgt sich nach landläufiger Meinung nur in den seltensten Fällen mit Süßkram. Aber liest man auf Seite 84 Amarant-Törtchen mit Granatapfelgelee und Vanille-Salzeis wird man schon von der Überschrift eines Besseren belehrt.

Seit jeher war Salz ein wertvolles Produkt. Der altmodische Begriff Salär für Bezahlung und Entlohnung geht auf das lateinische Wort für Salz zurück. Denn so mancher Staatsbedienteste wurde mit Salz bezahlt. Dafür gab es zeitweise ein Pferd oder sogar ein Stück Land. Im Mittelalter waren beispielsweise die Medici bestrebt den Salzhandel unter ihre Fittiche zu bekommen. Ihr Machtstreben dehnte sich bis nach Frankreich aus, um sich dort die Salinen einzuverleiben.

Der Verlag 99pages hat es sich zur Aufgabe gemacht das Genre Kochbuch zu revolutionieren. Der Initialschuss hier geht nicht ins Leere. Im Gegenteil: Ein absoluter Volltreffer.

Die Kröte, der Marabut und der Storch und andere Geschichten aus der Savanne

Die Kröte, der Marabut und der Storch

Jeder Kontinent, jedes Land, jede Region … jedes Volk hat seine eigene Sicht auf die Dinge, die uns umtreiben. Untrügliches Merkmal dafür sind Märchen, Sagen und Fabeln. Sie vermitteln dem Leser immer einen anderen Blick auf das Leben. Denn Werte und deren Beurteilung sind glücklicherweise noch nicht der Globalisierung anheimgefallen. „Die Kröte, der Marabut und der Storch“ aus dem Peter-Hammer-Verlag ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Menschen sich unterschiedlich entwickeln, die gleichen moralischen Grundsätze entwickeln und sich doch ihre Herangehensweisen an Probleme voneinander unterscheiden.

Amadou Hampâté Bâ hat Märchen aus Westafrika zusammengetragen, die nun zum ersten Mal in einer Auswahl in Deutschland erhältlich sind. Sie spielen oft im Land der Fulbe, einem Volk, das sich in Westafrika in Mali, Ghana, Nigeria, Kamerun und der Elfenbeinküste angesiedelt hat. So manche Fabel ist in Themenauswahl und Ausführung vielen einheimischen Fabeln und Märchen verwandt. Nur die Auswahl der Tiere ist eine andere und verleiht den Worten die gewisse Exotik.

Eine Hyäne wird übermütig im Angesicht des vermeintlich toten Königs der Savanne. Die beschimpft und erhebt sich über ihn bis dem der Kragen platzt, und er für die Hyäne völlig überraschend aus seinem Schlaf erwacht. Es kommt zum Kampf, in dem die Hyäne eine niederschmetternde Niederlage erfährt. Und als wäre da nicht genug, wird ihre Prahlerei vom „Großen Kampf“ von einem Hasen ad absurdum geführt.

Die Märchen zeichnen sich durch eine klare Sprache aus, die uns Lesern einen Teil der afrikanischen Kultur näherbringen. Moral ist grenzübergreifend. Abwertende Bemerkungen gegenüber andersartigen sind hier wie da verpönt und werden sofort bestraft. Die Legenden der Fulbe werden in einer blumigen Sprache dargeboten, die es einem schwer macht sich ihrem Zauber zu entziehen.

Wer seinen Kindern oder sich selbst einmal andere Geschichten als die von verirrten Geschwisterpaaren oder vergifteten Prinzessinnen oder unbequem platzierten Königskindern vorlesen will, kommt an Amadou Hampâté Bâs Märchensammlung nicht vorbei. Neunzehn Geschichten sind in diesem liebevoll gestalteten Buch zusammengefasst. Juliane Steinbach verleiht den einzelnen Geschichten mit eindrucksvollen Zeichnungen ihren besonderen Charakter.

Zerbrochenes Glas

Zerbrochenes Glas

Der Titel „Zerbrochenes Glas“ führt bei so manchem Leser afrikanischer Literatur zu stereotypischen Assoziationen: Der arme, gebeutelte Kontinent. Schicksale wie sie nur hier geschrieben werden können. Natürlich mit heldenhaftem Happy end. Doch weit gefehlt.

Zerbrochenes Glas ist der poetische Name eines Gastes in einer Kneipe in Kongo, dem „Kleinen Kongo“, das schon immer so hieß. Nicht zu verwechseln mit dem Kongo, der bis vor wenigen Jahren noch als Zaire auf der Landkarte benannt war. Dieses Kongo ist die Heimat von Autor Alain Mabanckou. Nach „Black Basar“ und „Stachelschweins Memoiren“ ist dies der dritte Roman, der auf Deutsch bei Liebeskind erschienen ist. Die Kneipe, in der er fast schon zum Inventar gehört heißt nicht minder aussagefähig „Angeschrieben wird nicht“. Sie wird geleitet von „Sture Schnecke“.

Und Sture Schnecke bittet Zerbrochenes Glas die Geschichte von „angeschrieben wird nicht“ aufzuschreiben. Dafür stellt er dem Dauergast ein Heft zur Verfügung. Und hier kommt die große Kunst von Alain Mabanckou zum Tragen. Er versucht gar nicht erst seinen Akteuren Namen zu geben, die scheinbar dem Querschnitt der Bevölkerung entsprechen. Seine verliehenen Namen sind Charakterstudien, Lebensgeschichten. „Angeschrieben wird nicht“ ist die einzige und deswegen ernst zu nehmende Gefahr für die Kirche gegenüber. Oft, zu oft, zieht der Strom der Gläubigen nicht in das hohe Haus mit den gekreuzten Balken, sondern schlurft gemütlich in die Kaschemme gegenüber. Nicht ohne vorher die Bibel und Gesangsbücher im Dreck vor der Einnahmequelle von Sture Schnecke respektlos „abzulegen“. Die Tränke ist ein wahrer dionysischer Hort der Philosophen. Jede Geschichte ist es wert niedergeschrieben zu werden. Und so wird Zerbrochenes Glas zum Chronisten der gescheiterten Existenzen. Die Männer in dieser Bar, Kneipe, Stampe – wie auch immer man „Angeschrieben wird nicht“ bezeichnen mag – haben es nicht leicht im Leben. Doch statt zu lamentieren, erzählen sie dem Saufkumpanen ihre Geschichte. Zerbrochenes Glas hört zu, assoziiert das Gehörte mit eigenen Erfahrungen (Alain Mabanckou versteht es meisterhaft die Gedankenspiele der Handelnden mit Storylines aus Büchern und Filmen zu vermengen). Seine Schlussfolgerungen bergen keine großen weltverbessernden Erkenntnisse, das will er – und will auch der Autor – nicht. Vielmehr ist das Niederschreiben eine willkommene Abwechslung im ewigen Auf und Ab des Alltags, der eh nur hier stattfindet.

Alain Mabanckous Afrika ist nicht das Afrika der Lodges und Safaris. Es ist das reale, alltägliche Afrika. Das Afrika, das kaum ein Tourist kennenlernen wird, wenn er nicht seine Gedanken zusammenhält und sich auf eigene Faust aufmacht, den schwarzen Kontinent zu erkunden. Erobern kann er ihn eh nicht. In „Zerbrochenes Glas“ treffen schwarzer Humor, afrikanisches Laissez-faire und eine kleine Portion Alltagsfrust aufeinander. Herauskommt eine gekonnt-witzige Mixtur, die Afrika in einem komplett neuem Licht darstellt.

Unter Einfluss

Unter Einfluss

Bei einem Spaziergang durch eine Stadt erlebt man so einiges: Hier ein neues Geschäft, dort ein gerade eröffneter Freisitz. Bei María Sonia Cristoff sieht so ein „Spaziergang“ durch Buenos Aires ganz anders aus. Tonia und Cecilio krachen zusammen. Aus dieser banalen Begegnung entspinnt sich ein Wirrwarr der Gefühle, das den Leser nur schwerlich wieder aus seinen Fängen freilässt.

Tagelange Funkstille wechselt mit intensiven Ausflügen, auch in die Abgründe bzw. Tiefen der menschlichen Seele. Für Rücksichtnahme gegenüber der Familie bleibt da wenig Zeit. Tonia und Cecilio, die reagierende Intellektuelle und der agierende Künstler, lassen sich von nichts und niemandem aufhalten.

Buenos Aires ist eine Stadt, in der fanatische Fußballgläubiger auf traditionelle Gauchos, in der moderne Lebensformen auf tiefverwurzelte Riten treffen. Hier regiert der Tango in der Nacht, der Fortschritt den Tag. In diesem weitläufigen Areal kommen sich zwei Menschen näher, die auf den ersten Blick so gar nichts gemeinsam haben und auch nichts Vereinendes entwickeln können. Doch nach und nach entspinnen sich die entgegengesetzt verlaufenden Lebensentwürfe. Die Autorin schafft es mit grandiosen Sprachbildern die Welten der Akteure und auch die der Leser miteinander zu verknüpfen. Was dabei herauskommt, ist ein liebevolles Portrait zweier Außenseiter, die in einer Stadt wandeln, die von jeher die Phantasie von Aussteigern und Exilanten anregte.

Die 18-Millionen-Metropole besucht man nicht einfach mal so im Vorbeigehen. Schon wegen der Entfernung zur Heimat. Was man hier erleben kann, das erfährt man in Reisebüchern. Wie man die Stadt Hafenstadt am Rio Plata am intensivsten erlebt, das gibt es nur bei María Sonia Cristoff in ihrem erstklassigen Buch „Unter Einfluss“.

Reise nach Argentinien

Reise nach Argentinien

Ein Buch über Argentinien zusammenstellen, mit Texten, die das Land charakterisieren sollen – den meisten würden überhaupt nur ganz wenige Themen einfallen, die darin besprochen werden sollten. Männern fallen bei dem Namen Argentinien nur fünf Worte ein: „Lionel“, „Messi“, „Diego“, „Armando“ und „Maradona“. Frauen kommen als erste die lasziv-erotischen Bewegungen des Tangos in den Sinn. Erst nach und nach lichtet sich der geistige Schleier und so manche Erkenntnis á la „ach das gehört ja auch dazu“ bricht sich ihren Weg ins kollektive Gedächtnis. „Reise nach Argentinien“ ist insofern eine Erweckungsreise der vergessenen Gedanken.

Der Mate-Tee, dieser für unsere Gaumen zuerst bittere und dann immer noch gewöhnungsbedürftige Aufguss, den man aus seltsam geformten Gefäßen zu sich nimmt, gehört zu Argentinien wie die Lederhose zum Oktoberfest. Fast schon symbiotisch nuckeln die Argentinier bei jeder Gelegenheit an ihrer Bombilla und schlürfen die Yerba aus ihrer Kalebasse. Übrigens wird einem Fremden gern mal ein Schluck angeboten. Alle trinken dann aus einem Gefäß – also nicht einfach ablehnen. Wenn einem Mate-Tee angeboten wird auch nicht einfach „danke“ sagen. Der „Aufgießer“, der hier Cebador heißt, denkt dann, dass man keinen Mate mehr möchte. Und dann entgeht einem etwas …

Ein zart gegrilltes Stück Rinderfleisch, auf den Grill langsam die Aromen entlockend – auch das ist Argentinien. Fast scheint es so als ob Steaks nur am südlichen Ende Amerikas so richtig gut schmecken. Hier wurde die Grillkultur, die einst von den Spaniern eingeführt wurde, perfektioniert.

Schon auf den ersten Seiten des Buches merkt man recht schnell, dass das eigene Bild von Argentinien verzerrt und äußerst dürftig ist. Herausgeberin Eva Karnofsky leistet ab der ersten Seite ganze Arbeit. Bis zum Ende des Buches, das leider viel zu früh kommt, überraschen ihre ausgesuchten Texte durch eine beeindruckende Themenauswahl und die Brillance der Autoren. Wenn das unvermeidliche Ende (des Buches) dann gekommen ist, ist man erst einmal traurig, dass es so weit kommen musste. Doch dieser Moment wird durch das enorme Wissen um ein Land, das doch so weit von unserem entfernt liegt, einfach beiseite gewischt. Die Reisevorbereitungen können nun anlaufen. Man ist gerüstet für das Abenteuer Argentinien.

Es geht bunt zu in Argentinien, das beweist nicht nur das Titelbild, sondern auch jede einzelne Geschichte des Buches, das man lesen muss, will man Argentinien bewusst erleben.

Ganz die Deine

Ganz die Deine

Inés und Ernesto führen eine gute – ja fast schon perfekte – Ehe. Haus, Swimmingpool, überdurchschnittliches Einkommen. Alles verläuft in geregelten Bahnen. Doch Inés ist nicht glücklich in ihrer scheinbar heilen Welt in Buenos Aires. Ihr fehlt das Zwischenmenschliche. Schon seit geraumer Zeit fasst Ernesto sie nicht mehr an. Eine Phase, denkt Inés. Durch Zufall entdeckt sie eine Nachricht in Ernestos Sachen. „Die Deine“ – so ist diese Nachricht unterschrieben.

Der ideale Einstieg für einen Rosenkrieg. Nicht bei Claudia Piñiero. Sie nimmt diese Konstellation zum Anlass eine spannende, nicht gradlinig verlaufende Geschichte zu schreiben.

Inés nimmt den Zufallsfund erst einmal hin. Mal sehen wie Ernesto sich in Zukunft verhalten will. Unbemerkt vom im Drama verstrickten Elternpaar hat Tochter Laura, die von allen nur Lali genannt wird, ein ganz anderes Problem. Der Teenager ist schwanger. Der werdende Vater wird von seinen Eltern abgeschirmt. Kein Rankommen, keine Chance auch nur ein Wort mit ihm zu reden. Trotz der engen Verbindung zu ihrem Vater kann Lali mit niemandem außer einer Freundin bereden, was sie im Moment bewegt. Eine Abtreibung scheint ihr der einzige Ausweg. Doch dies kostet Geld. Das wiederum findet die 17jährige im Versteck ihrer Mutter.

Inés hat nämlich in der Garage ein geheimes Versteck, in dem sie unter anderem ihren Notgroschen aufbewahrt. Nur sie kennt das Versteck.

Doch nun kennt es auch Lali. Doch wie mit der Situation umgehen. Ihr Vater geht fremd. Ihre Mutter weiß das. Lali weiß, dass ihre Mutter weiß, dass ihr Vater fremdgeht. Verrät Lali, was sie weiß, fliegt ihre Schwangerschaft auf. Verzwickt!

Inés folgt ihrem Mann. Der hat sich unter fadenscheinigen Ausflüchten vom Abendessen verabschiedet. Inés ist auf vieles gefasst. Aber darauf nicht. Denn am Ende der Verfolgung steht eine Tote auf der Agenda. Die Geliebte, die Deine, liegt leblos am Boden. Ernesto entledigt sich den Körpers und wirft ihn in den nahegelegenen See. Ein Druckmittel für Inés?

Auch hier scheint der Krimi schon gelaufen. Sie (Inés) könnte ihn nun erpressen und so an sich binden. Doch auch hier hakt Claudia Piñiero beherzt ein. Denn Ernesto kann nicht an sich halten. Trotz Versprechens kann er seine Finger nicht von anderen Frauen lassen…

Spielerisch malt Piñiero ein klares Bild einer Familie, die nicht bewusst nach außen die heile Welt vorspielt. Vielmehr bewegen sich die Figuren stark und selbstbewusst in ihrer kleinen, heilen Welt. Ohne jemand damit zu belästigen oder gar auf die Nerven zu gehen. Alles ist in Ordnung. Bis diese Welt ins Wanken gerät. Denn „die Deine“ war gar nicht „die Deine“. Die Lösung des Rätsels ist ebenso so kurios wie selten.