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Klassiker und Bücher, die man einfach gelesen haben muss

100 klassische Musikstücke, die Du einmal im Leben gehört haben musst

Wer bei dem Begriff klassische Musik schon beim kl… mit „hör mir damit auf“ reagiert, der wird in diesem Buch ebenso sein blaues Wunder erleben wie diejenigen, die meinen schon alles zu kennen. Denn dieses Auswahl an einhundert Musikstücken ist keineswegs durchgehender Mainstream. Es ist wohl mehr eine Liste von eingehenden Melodien und herausragenden Werken, die man – und da liegt der Autor bei der Titelgebung goldrichtig – nun wirklich zumindest einmal im Leben gehört haben muss. Und wenn man dann noch erkennt um welches Werk es sich handelt, hat sich jede Leseminute vollends gelohnt.

Oft erkennt man ja gar nicht, dass einem klassische Musik in den Gehörgang gespült wird. In der Werbung benutzt man sie, um Emotionen hervorzurufen, eine Verbindung zum beworbenen Produkt zu kreieren. So ähnlich haben wohl auch die Komponisten gedacht. Sie wollten nicht einfach nur ein paar Tuschenstriche zu Papier bringen. Sie wollten ihre Werke präsentieren und Jubelstürme verursachen – Emotionen! Das ist das Zauberwort. Und allen Unkenrufen zum Trotz sind die modernen Musiktempel mit ausgefeilter Akustik echte Publikumsrenner. Auch wenn – auch hier sind die Spötter und „wahren Kenner“ die größten Kritiker – immer nur dasselbe gespielt wird, was natürlich nicht stimmt.

Mozart, Bach, Beethoven sind natürlich Publikumsmagnete. Wer im Leipziger Gewandhaus an Silvester die Neunte hören will, muss entweder im Besitz eines Anrechts sein oder lange, lange, lange vorplanen. Das Erlebnis wird dann aber auch mindestens lange, lange, lange anhalten. Meist noch länger!

Nicola Campogrande ist selbst Komponist. Leidenschaft und Beruf sind bei ihm zu einer Einheit verschmolzen, und das merkt man in jedem Satz. Natürlich ist sein Aufzählung lückenhaft – er selbst führt Telemann ins Feld, der über 2000 Stücke geschrieben hat … die allesamt hörenswert sind. Die Liste dessen, was fehlt, ist um einiges länger als die im Buch aufgeführten Stücke von Monteverdi bis Prokofjew, von Verdi bis Berlioz, von Stravinsky bis Rimski-Korsakow. Schon beim Lesen möchte man das Nasenfahrrad vom Gesicht nehmen und sich in einem bequemen Sessel zurücklehnen und in Gedanken versunken den Melodien lauschend sanft den Kopf hin und her bewegen. Und vielleicht sogar leise die Melodien mitsummen. Zuhause darf man das ja!

Dieses Buch ist ein Appetitanreger mit dem Hang zum Übergewicht. Denn mit dem Zuklappen nach dem Lesen beginnt erst das richtige Abenteuer klassische Musik (was ist das eigentlich? Auch darauf hat Nicola Campogrande die passende Antwort.). Jetzt sucht man, in Geschäften, im Netz nach diesen Stücken, die sorgfältig und korrekt bezeichnet in diesem zeitlosen Buch beschrieben sind.

Das verlorene Kind

Ein Hauch von Paradies weht durch die ersten Seiten dieses Romans. Christian ist der Sohn eines Bauern, der mit dem Charme eines Lebemannes gesegnet ist. Er wird auf eine Schule außerhalb der dörflichen Idylle geschickt (ja, trotz der elenden Arbeit ist es hier friedlich, und man ist fernab jeglicher Sorgen, abgesehen vom Arbeitsalltag), und auch hier ist er einer der Besten und von einer Schar Freunden umgeben. Als der Vater stirbt, ist es mit der Karriere zu Ende. Er kehrt – freiwillig – zurück auf den Hof. Das Erbe wird gerecht verteilt. Die beiden älteren Brüder bekommen den Hof, Christian und seine Schwester teilen sich die Barschaft. Er baut sich etwas Eigenes auf. Was fehlt in diesem Bild? Eine Frau. Da hat es Christian noch nicht geschafft zu punkten. Bis, … ja bis … Martha in sein Leben tritt. Sie streift ihn. Er streift sie. Und im Handumdrehen sind sie Mann und Frau. So schnell geht das hier, im Norden Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn er vor ihr gewarnt wurde. Sie bekommen zwei Söhne. Auch die geraten recht wohl. Als Nachzüglerin kommt Anna zur Welt. Ein Sonnenschein. Jeder liebt sie. Aber sie wird im Gegensatz zu ihren Brüdern nicht von Emma gesäugt, sondern von ihrer Mutter. Emma lebt hier auf dem Hof und ist immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Auch sie hat einen Sohn, Fritz. Das Resultat einer – für den Erzeuger – unrühmlichen Tat. Fritz’ Vater ist ein Rohling übelster Sorte. Einmal werden sich Erzeuger und Sohn sehen. Es nimmt kein gutes Ende.

Die Jahre vergehen. Der Hof wirft gute Gewinne ab. Die Arbeit ist hart. Doch die Gemeinschaft ist härter. An ihrem vierten Geburtstag geschieht das Unerwartete. Anna ist verschwunden. Die Suche ist endlos. Sie dauert. Sie dauert ein Jahr. Schon jetzt wird klar, warum die Autorin Rahel Sanzara so viel Zeit auf die detailgetreue Wiedergabe der Entwicklung der Handelnden legt. Sie sind Rekonstruktionen des bisherigen Lebens der Bewohner. Wie ein Profiler skizziert sie die Charaktere und Lebenswege jedes Einzelnen.

Die Suche ist schlussendlich erfolgreich- Erfolgreich im Sinne, dass das Gesuchte auch gefunden wird. Anna ist schlimmst zugerichtet. Kaum wieder zu erkennen. Hier ist ein kleines Mädchen, unschuldig, naiv im besten Sinne des Wortes, geliebt auf unmenschliche Art und Weise um ihre Zukunft gebracht worden. Und die Welt um sie herum ist ein Scherbenhaufen.

Und das ist alles tatsächlich einmal so passiert. Es gibt Ermittlungsakten, Gerichtsprotokolle, harte Fakten. Und die anschließend – das Buch ist 1926 erschienen – eine beispiellose Hetzjagd auf die Autorin. Plagiatsvorwürfe in Serie. Sie selbst äußert sich nur sporadisch und mit klaren Worten. Sie hat die Namen beibehalten, um sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Befreundete Kollegen ihrer Zeit standen ihr zur Seite oder aber griffen sie unerbittlich an. Mit der Machtergreifung der Nazis wurde ihr Werk verboten – den mühseligen Prozess des Ariernachweises wollte sie nicht nachgehen. Rahel Sanzara, Theresa Charlotte Johanna Blaschke mit eigentlichem Namen, starb einen Tag vor ihrem 42. Geburtstag an Krebs. Was die Nazis in Gang gesetzt hatten, endet erst mit der Neuauflage ihres ersten Buches, „Das verlorene Kind“. Nun wird es wieder gelesen. Es kann seine ganze Kraft entfalten und der deutschen Sprache nicht nur ein verlorenes Puzzlestück zurückgeben, sondern ihr ein stilvolles Denkmal setzen. Die umfassenden Anhänge inklusive Rezensionen aus der Zeit der Erstveröffentlichung, die Diskussionen um ein mögliches Plagiat, die ausführliche Dokumentation ihres Lebens und Wirkens sind mehr als nur die Kirschen auf dieser prachtvollen Literatur-Torte.

Christus kam nur bis Eboli

Das geflügelte Wort „… dann kommst Du nach Sibirien“ ist heute kaum noch gebräuchlich unbekannt. Bedeutete es doch, dass, wenn man sich nicht anpasst eine Anpassungsmaßnahme dafür sorgt, dass man sich anpasst. So wollte es zumindest wirken. In Wahrheit war man nur aus der reichweite von weiteren subversiven Elementen gebracht worden, damit die Ordnung weiterhin aufrechterhalten werden kann.

Auch die Faschisten in Italien kannten diese Methode. Und Carlo Levi kannte sie auch. Er war Arzt und Schriftsteller. Und er stand der Regierung Mussolinis kritisch bis ablehnend gegenüber. Und entschloss man sich ihn in die Verbannung zu schicken. Nach Lukanien. In die Umgebung von Eboli. Lukanien ist der mittlerweile nicht mehr gebräuchliche Name für Basilicata. Ganz im Süden. Hügel und karge Landschaften sind hier nicht zur Zierde da, hier ist die Kargheit Gesetz. Ein Landstrich, der erst seit wenigen Jahren, seitdem das Städtchen Matera zur europäischen Kulturhauptstadt erkoren wurde und von nun an Massen in seinen Bann zieht.

Doch von all den Schönheiten, den Einzigartigkeiten, dem Augen verwöhnenden kann und will Levi nichts wahrnehmen. In Handschellen bringt man ihn hierher. Er ist schon eine lange Zeit weg aus Turin. Weg aus seinem Leben, das immer mehr ein Gegen war als eine Für. Deswegen ist er nun hier. Weit weg von allem, was auch nur annähernd an eine Zivilisation wie sie kannte, entfernt ist. Klagt er? Nein! Er beobachtet. Denn irgendwann wird der Spuk vorbei sein. Und er wird ein Buch schreiben. Ein Buch, das verfilmt wird. Ein Buch, das ihn berühmt macht. Ein Film, der Massen und Kritiker gleichsam in seinen Bann zieht. Doch bis dahin … Augen auf, Menschen nicht nur ansehen, sondern sehen. Sie nicht nur hören, sondern ihnen zuhören. Auch wenn der Dialekt oft nur Unverständliches zurücklässt.

Carlo Levi rechnet nicht mit denen ab, die sich fernab jeglicher Regularien in ihrem Dasein eingerichtet haben. Sie sagen selbst, sie seien keine Christen, keine Menschen. Denn irgendwo in der Gegend von Eboli hielt Christus inne. Und erstarrte. Unmöglich weiterzugehen. Eboli war Endstation. Hier leben nur die, die sich dessen bewusst sind und sich ergeben haben. Ergeben in ihrem Schicksal niemals mehr zu sein als Wesen, die sich selbst nicht einmal als Menschen sehen. Doch ihre Gemeinschaft funktioniert. Das wird Levi erkennen.

Er ist der stille Beobachter, der sich im Hintergrund hält und ihnen mit seinen Zeilen eine Stimme gibt. Schicksale sind hier keine Paukenschläge, sie geben den Takt des Lebens vor und trommeln weiter bis der Wind die letzten Schallwellen schluckt. Ist die letzte Seite umgeblättert, ist die letzte Seite gelesen, merkt man, dass man jedes Schicksal sehr wohl ertragen kann. Dank Carlo Levi. Und der frischen Neuübersetzung durch Martin Hallmannsecker.

Die Frau im Zug

Geschichten, die im Zug spielen, haben in Deutschland immer einen gewissen Beigeschmack. Es ist Volkssport sich über die Bahnunternehmen aufzuregen. Meist zurecht. Aber auch immer mit einem gewissen Spott im Hintergrund. In diesem Buch ist es aber gaaaaanz anders. Ja, die Geschichte ist vielen bekannt. „Eine Dame verschwindet“ von Alfred Hitchcock hat seit Jahrzehnten die Massen begeistert. Das hier, dieses Buch, ist die Grundlage des Films.

Iris Carr ist eine zarte junge Dame. Sie gehört zu einer Clique von Menschen, die sie akzeptieren, sie allerdings auch nicht sonderlich ernst nehmen. Iris übernimmt gern die Meinung anderer, ohne dabei lustlos oder uninteressiert zu sein. Sie hat Haltung, doch kehrt sie sie nicht effektvoll heraus. Die Horde, wie sie ihren Freundeskreis nennt – allesamt Engländer aus mehr oder weniger gutem Haus, jedoch mit genug Pfund in der Tasche – macht Urlaub in Italien. Ausgelassene Stimmung bis Olga Iris bezichtigt ihr den Mann streitig zu machen. Wohl mehr Geplänkel als ernstgemeinter verdacht. Iris gehört eben doch nicht richtig zur Horde dazu… Die Horde zieht weiter, Iris genießt noch ein wenig die Sommerfrische. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nannte man das noch so.

Triest soll ihr nächstes Ziel sein. Im Zug macht sie die Bekanntschaft einer Dame. Ebenfalls Engländerin – die beiden verstehen sich nicht nur wegen der nicht vorhandenen Sprachbarriere blendend. Die Aufregung der vergangenen Tage und überhaupt … lassen Iris in ein Nickerchen versinken. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nach dem Aufwachen die nette Dame nicht verschwunden wäre. Iris sucht sie, findet ihre ehemalige Arbeitgeberin. Und jetzt kommt der Hammer! Auch die weiß nichts von der netten Dame, mit der sich Iris so angeregt unterhalten hatte. Niemand hat die Frau im Zug gesehen. Iris zweifelt an ihrem Verstand. Sie hat doch … stundenlang … angeregt … sie ist doch nicht … verrückt. Was’n hier los?!

Ethel Lina White beschreibt die Metamorphose einer sorglosen jungen Frau zu einer unerbitterlichen Suchenden mit viel Empathie und Wortwitz, dem man sich nicht entziehen kann. Für diejenigen, die den Film kennen – und das dürften nicht wenige sein – ergibt sich die Spannung aus der Neugier inwieweit Film und Buch auseinanderliegen. Wer den Film noch nicht kennt, und als Neuling ins …-Genre gilt, der wird hier gleich mit einem Meisterwerk konfrontiert. Hier wird Spannung aufgebaut, ohne groß Ankündigungsfahnen zu schwenken. Alles passiert als ob es das Natürlichste von der Welt sei. Und das ist die große Kunst die Ethel Lina White mit Bravour beherrscht.

Ich, die ich Männer nicht kannte

Kann man das noch als Leben bezeichnen?! Keinerlei Anhaltspunkt – im wortwörtlichen wie im sinnbildlichen Kontext. Zeit? Gibt es nicht. Der Horizont? Ein Fremdwort. Von Hoffnung ganz zu schweigen. Es sind insgesamt vierzig Frauen, die in einem Keller ihr Leben fristen. Eine, die Jüngste, fühlt sich nicht so recht zugehörig zu der Leidensgemeinschaft. Viele Jahre – sofern man dies messen kann – hausen die Frauen hier. Warum? Ein Rätsel. Die Wärter – allesamt Männer – sind gefühlsbefreite Aufseher, die jeden Regelverstoß mit einem Peitschknall abwenden. Physische Gewalt gibt es nicht. Doch die pure Drohung reicht aus. Augen auf des nachts – Peitschenknall. Berührungen – Peitschenknall. Hier unten ist NICHTS. Gar nichts.

Dorothee, Rosette, Thea, Germaine, Francine, Marie-Jeanne – Namen gibt es noch. Nur die Jüngste, die Chronistin der Einsamkeit, hat keinen Namen. Sie kann sich nicht an ein Leben draußen erinnern. Sie ist zu jung. Gerade mal eine Frau geworden. Nach und nach beginnt sie die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Den jungen Wärter, die Frauen, die ihr mit Zuneigung entgegentreten. Sie beginnt zu zählen. Die Anderen haben es ihr beigebracht. Sie hört von Dingen, die sie nie erlebt hat, nie erleben wird. Die Verzweiflung ist schon längst dem Fatalismus erlegen. Es ist ihr aller Schicksal hier unten bis zum Ende zu bleiben.

Doch dann geschieht Unerhofftes. Die Gittertore bleiben offen. Die Wärter sind allesamt verschwunden. Die Zwangsgemeinschaft der Hoffnungslosen entwickelt eine Eigendynamik. Statt eine Anführerin zu wählen, raufen sich alle zusammen. Der Gemeinschaftsdrang überwiegt Führungsambitionen. Wären das alles Männer gewesen …

Die Erzählerin kann mittlerweile auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, den ihr die anderen Frauen angedeihen ließen. Unmerklich blüht hier eine Blume heran, die Wurzeln schlagen kann, die aber nicht durch ihr Antlitz Bewunderung ernten muss. Sie ist sich selbst nahe, während die Gemeinschaft der vierzig Frauen durch den Lauf der Zeit an Mitgliederschwund leidet. Schon bald – nach Jahren – ist sie, die die Männer nicht kannte, allein. Ihr obliegt es die Frauen zu begraben. Die Freiheit Sonne, Himmel, Horizont zu erkennen, hart mehr Schattenseiten als angenommen. Sie ist immer noch allein. Allein im Sinne von niemandem an ihrer Seite. Sie ist sich selbst genug. Sie klagt nicht. Wünsche und Sehnsüchte hat sie nicht, sie hat nie gelernt diese zu entwickeln.

Jacqueline Harpman hat mit „Ich, die ich Männer nicht kannte“ einen Roman geschrieben, der in der feministischen Literatur eine Sonderstellung einnimmt. Dauerhafte Empathie, komplett fehlende Rachegelüste, Sinnsuche – die Liste der Schlagworte könnte sich unendlich fortsetzen lassen. Doch weder das eine noch das andere Wort würde dem Gesamtkunstwerk nur annähernd gerecht werden. Es sind die Zwischentöne, das, was fehlt (also nicht so offensichtlich ist), die diesen Roman in einem hellen Licht erstrahlen lassen.

Trauben schwarz wie Blut

„Trauben schwarz wie Blut“ – das klingt doch vom Beginn an wie eine Geschichte, die man nicht im Vorbeigehen „zusammenschreibt“. Und dann die elegante Dame auf dem Cover, der durchdringende Blick, die noble Körperhaltung – wer da nicht Appetit bekommt zumindest einen ins Buch zu werfen, dem ist nicht zu helfen. Es kommt noch besser.

Casimiro Badalamenti lebt im Sizilien der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Cinisi ist seine neue Heimat geworden – oder soll man sagen, dass er hier Unterschlupf gefunden hat? – nachdem er Giardinello verlassen musste. Concetta nimmt den ehrgeizigen, doch grobschlächtigen Weinbergbesitzer bei sich auf. Auch ihre Reputation ist nicht die allerbeste. Bei gehen alle ein und aus, inklusive des Pfarrers, die Zuneigung suchen. Doch nun herrscht im Haus ein anderer Ton. Casimiro reißt den Haushaltsvorstand an sich. Kinder will er keine haben, viel mehr will er aufsteigen, ein ehrenwerter Mann sein. Ehrenwert – Sizilien: Alles klar?! Er muss einsehen, dass das Schicksal stärker ist als jeder erzwungener Wille. Casimiro wird Papa. Nicht ein-, nicht zwei-, mehrmals. Wer nun denkt, das der hartherzige Casimiro sich wandeln wird, kommt ziemlich schnell dahinter, dass das Gegenteil der Fall ist.

Die Zeit vergeht, Casimiro setzt alles daran ein geachteter Mann zu werden. Die Frucht seiner Lenden hat er abgegeben. Ja, abgegeben. Zu Menschen, die willige, nein, billige Arbeitskräfte benötigen. Und die in ihrer Verachtung die Kinder wie Dreck behandeln. Die Kinder von Casimiro Badalamenti – so poetisch der Name klingt, so widerlich ist sein Charakter. Auch die Rückkehr in seinen Weinberg, wo er exzellenten Wein anbaut, der für die Region ganz besonders ist. Die Trauben sind … schwarz … wie Blut.

Vier Kinder hat Casimiro gezeugt. Drei leben inzwischen wieder bei ihm. Darunter auch Nicola, sein Erstgeborener, der Stammhalter. Mit eigenem Kopf, wie der Vater. Doch Nicola steht seinem Erzeuger nicht wohlwollend gegenüber, um es ganz vorsichtig auszudrücken. An seiner Seite wird er bald schon Rosaria haben. Mit ihr soll das Glück vollkommen werden. Wird es auch. Für eine bestimmte, für beide viel zu kurze Zeit. Denn ihre Verbindung steht unter keinem guten Stern. Das merkt auch Casimiro schon bald. Es geht um seine Ehre!

Livia de Stefani – das ist die elegante Dame auf dem Cover – schreibt über ihre Heimat, die sie der Liebe wegen verließ. Aus Rom schreibt sie über ihre Heimat, die so roh und stellenweise brutal, ja unmenschlich dargestellt wird. Und das bereits 1953. Ihre Landsleute nahmen ihr ihre schonungslose Geschichte übel, so dass der Roman fast in Vergessenheit geriet. Die Strukturen, was heute gemeinhin und mit einem Handstreich als mafiös bezeichnet wird, der Sonneninsel Sizilien werden hier bis ins kleinste Glied der Gesellschaft dargestellt. Hier räkeln sich keine machthungrigen, angsteinflößenden Ehrenmänner im Sessel und beraten wortreich den nächsten Schlag gegen wen oder was auch immer. Hier ist ein Emporkömmling, der seiner eigenen Familie den Dolchstoß versetzt und es nicht bemerkt. Als die Schande zu präsent ist, wird er zum Wirbelwind seiner eigenen Perfidität. Die Ohnmacht und die den Menschen eigene Art mit dieser bedrohlichen Situation umzugehen, die detaillierte Beschreibung einer Gesellschaft, die stets am Abgrund taumelt – und die Tatsache, dass der Roman von einer Frau geschrieben wurde – machen „Trauben schwarz wie Blut“ zu einem Goldstück der Literatur.

Es gibt viele Mafiaromane. Viele erregen nur durch die Erwähnung des Wortes Mafia Aufsehen. Dann gibt es die tiefblickenden Einsichten wie beispielsweise die Bühne von Leonardo Sciascia. Und dann gibt es diesen Klassiker. Noch vor allen anderen hat Livia de Stefani, die selbst aus einer wohlhabenden sizilianischen Familie stammt, diese Art des Zusammenlebens (zu oft ist es ein Gegeneinander) beschrieben. Dieses Buch ist eine Wiederentdeckung, die viel zu lange verschollen war.

Fenua

Wie sieht das Paradies aus? Für die Einen ist es eine Insel im Mittelmeer, auf man sich eine neue Existenz aufbauen will. Doch der Wille allein ist niemals ausreichend… Für einen Fußballprofi beispielsweise ist es das siegbringende Tor am Tage der Geburt des ersten Nachwuchses. Da trägt man schon mal gern die Kugel vor sich her… Für echte Träumer, Phantasten, kreative Seelenwanderer ist es die Südsee.

Paul Gauguin wählte eine der Inseln als sein Elysium. Hier schuf er Werke, die an Reinheit nicht zu überbieten sind und Groß und Klein, Jung und Alt, Kunstbesessene und Genießer gleichermaßen immer noch in Verzückung setzt. Die Meuterer der Bounty fanden hier ihr Glück bis der Alltag (inkl. der „kleinen Wehwehchen“) sie einholte und ihr Captain so manchen Kiel holen ließ.

Ach ja, die Südsee. Das Paradies! Das Paradies? Erst kürzlich bekam es Risse, als die Bewohner Vanuatus (immer wieder spannend wie viele Aussprachemöglichkeiten immer noch im Fernsehen kursieren) ihr Paradies fast wortwörtlich untergehen sahen. Patrick Deville ist auch dem Mythos Paradies auf der Spur. Auch er ist Gauguin auf der Spur. Und den Meuterern der Bounty. Und Herman Melville. Und Robert Louis Stevenson. Und Jack London. Und und und. Dieses Paradies – das von Patrick Deville – ist rissig. Loser Boden, von klitzekleinen Atomen aufgesprengt. Stürmische Winde, die die Palmen nicht nur romantisch von Links nach Rechts wehen lassen, sondern ihre mächtigen Stämme brechen lassen wie Streichhölzer. Gigantische Stahlrösser, die mit rauschenden Bugwellen den Horizont binnen Sekunden verschwinden lassen. Und dennoch taucht man ein in eine Welt, die eben trotz aller Unkenrufe und sichtbarer Verletzungen immer wieder und immer noch als Paradies in den Gedanken verankert ist.

Die Welt ist hier schon lange nicht mehr in Ordnung. Romantisch mit bitterer illusionsbefreiter Poesie reist er übers Meer, um … Ja, warum? Was sucht er? Bestätigung, dass seine Vorstellung vom Paradies nicht falsch ist, sie niemals falsch war? Oder kratzt er wie eine Berserker an der Oberfläche, um Schätze zu bergen, die man einfach bergen muss, um nicht gänzlich der Realität anheimzufallen?

Es ist von allem ein bisschen. Aber in erster Linie ist „Fenua“ ein Buch zum Träumen. Gedankenverloren blättert man Seite um Seite durch eine Welt, die selbige erst zur Welt macht. Sich Illusionen hingeben zu können, ist nicht einfach nur blinde Folgsamkeit. Bei Patrick Deville ist es eine Kunstform, die nur er beherrscht. Preisgekrönt, betörend, verstörend und verführerisch knüpft er kaum sichtbare, aber unverhohlen spürbare Bande zwischen dem, was im Bücherschrank seit Generationen Sehnsüchte schürt und dem, was in den Nachrichten für Entsetzen sorgt. Sich auf dieses Abenteuer einzulassen, verlangt nicht Mut. Nur die Bereitschaft sich dem Paradies annähern zu wollen. Dann ist das Lächeln im Gesicht wahrhaft und … paradiesisch. Willkommen in der Heimat, denn nichts anderes bedeutet im Tuvaluischen Fenua (Betonung auf der ersten Silbe!).

1000 places to see before You die

Im Leben gibt es unzählige Listen, die man erstellt. An die meisten hält man sich, wie den Einkaufszettel. Andere hingegen dienen – so meint man – der eigenen Beruhigung etwas zumindest in Planung zu haben. Meist gehen diese Listen irgendwann den Weg in den Abfall. Und dann wiederum gibt es Listen, die sind so dick, weil gehaltvoll, die werden niemals ihre Anziehungskraft verlieren. Bucketlist nennt man das.

Und so eine liegt in diesem Fall einmal mehr vor. Tausend Orte, die man besuchen muss bevor man es nicht mehr kann. Unmöglich? Schon möglich. Aber genauso möglich ist es tausend Orte zu bereisen. Doch wo anfangen? Hier kommt dieses Monster an Ideen, Ratgebern, Tipps, Tritten in den Allerwertesten ins Spiel. Von nun an gibt es keine Ausreden mehr! Der Anfang ist gemacht. Und der erste Schritt ist bekanntlich der erste von vielen, die noch folgen werden. Und wenn man schon mal angefangen hat…

… dann auf zum Lac d’Annecy oder nach Riga. Am besten mit einem Abstecher zu den Stränden Goas in Indien oder Sanibel und Captiva vor Florida. Oder der größten Sandinsel der Welt, Fraser Island in Australien. Zu ruhig? Dann hilft eine Shopping- oder Sightseeingtour über die quirligen Märkte von Saigon.

Man muss das Buch nur in die Hand nehmen und ein wenig darin blättern. Und schon hat man Reisefieber. Und eine Reisefibel auf dem Schoß. Klar gegliedert nach Kontinenten und Ländern. Ganz Mutige nehmen diesen Schmöker als festen Reiseplan – viel Spaß beim Urlaubsantrag ausfüllen: „Chef ich bin dann mal weg. Wenn ich das Buch abgearbeitet habe, komme ich wieder. Bis in … Jahren!“. Die Vorstellung ist doch schon sehr verlockend.

Ein Sinnes-Overkill ist garantiert. Berge, Täler, Strände, Stadtzentren, Architektur, Naturwunder, über und unter Wasser, Aussichtspunkte, Absteige wie Kletterpartien – wer hier nicht fündig wird, der hat entweder schon alles gesehen (was fast unmöglich scheint) oder will einfach nicht. Man kann dieses – nein, man sollte – dieses Buch als niemals versiegende Inspirationsquelle sich regelmäßig aus dem Regal nehmen. Reisen bildet. Lesen macht Appetit. Bei 1220 Seiten kann man sich niemals satt sehen und inspirieren lassen. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Heute hier, morgen da. Der Sehnsucht einfach mal Futter geben. Sich selbst austesten, was alles möglich sein kann. Schon allein dafür lohnt sich ein Blick in diesen Schmöker.

David Copperfield

Muss man sich fast zweihundert Jahre nach Erscheinen noch inhaltlich mit einem Klassiker der Weltliteratur auseinandersetzen? Für die Einen ist „David Copperfield“ ein dicker fetter Wälzer, den man sich an exponierter Stelle ins Regal stellt, weil es sich einfach so gehört. Für die Anderen gehört der Roman ebenso genau dort hin, aber erst nachdem man ihn gelesen hat. Für alle diejenigen, die meinen, dass knapp eintausenddreihundert Seiten einfach zu viel sind und man doch lieber eine sinnentleerte Serie im Stream bingen sollte, stellt dieses Buch nur im besten Fall eine Kehrtwende dar.

Der kleine David verliert erst den Vater, die Mutter heiratet den Falschen, der sich alsbald als gefühlslose Ekel erweist, die Kindheit verbringt der Knirps bei Verwandten, die ihm Liebe schenken wie er es noch nie erlebt hat, er wird erfolgreicher Schriftsteller – so in etwa beginnt und verläuft das Leben von David Copperfield. Kurz und knapp. Also genau das Gegenteil, was Charles Dickens gemacht hat.

Es tut gut zu sehen, dass Legenden niemals sterben. Dafür sind die gemacht. Sie selbst hielten sich nie für Helden. Ihr Tun, ihr Handeln, ihr Vermächtnis macht sie unsterblich. Im Falle von Charles Dickens (C.D. und David Copperfield, D.C. – die persönliche Note ist unverkennbar) ist der Nachhall bis heute vernehmbar. Es gibt Gesellschaften, die es sich auf die Fahne schreiben Dickens’ Leben am selbigen zu erhalten.

Ja, dieses Buch ist wahrhaft eine Herausforderung. Charaktere tauchen kurz auf, verschwinden seitenlang scheinbar für immer aus dem Blickfeld, um dann unversehens wieder ins Geschehen einzugreifen. So was nennt man wohl Freundschaft, wenn man bei Bedarf zur Stelle ist und zu Seite steht. Je mehr man in dieses Buch, in die Welt des David Copperfield eintaucht, desto mehr kratzt an einem die Frage wie dieses Buch wohl heuet geschrieben würde. Die harte Kindheit, der Erfolg als Autor – das kann einen modernen Menschen schon mal die Flausen in den Kopf treiben. Besonders, wenn man bei Preisverleihungen (natürlich ungerechtfertigt) übergangen wird. Würde man sich heutzutage in den sozialen Medien über den Verfall der Sitten und die eigene Missachtung in der Kindheit auslassen? Sich in Boulevardmagazinen unverblümt über das erfahrene Unheil auslassen? Wie gut, dass Mitte des 19. Jahrhunderts noch jeder seines eigenen Glückes Schmied war. Nur so werden mehr als tausend Seiten zu einem Parforceritt, der keine Alterbeschränkung kennt, und niemals als angestaubt (an exponierter Stelle) im Regal der Vergessenheit anheimfällt.

Herz der Finsternis

Afrika, mittendrin, ganz tief drin … im Herz der Finsternis. Ein Traum. Auch für Jósef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski. Joseph Conrad hat er sich später genannt, und unter diesem Namen wurde er weltberühmt. Auch und besonders für „Herz der Finsternis“. Und wie seine Crew im Buch, der Erzähler und der Kapitän Marlow – unverkennbar Conrad selbst – reiste er. Doch nicht mit der Kamera in der Hand – nicht nur, weil Kameras im 19. Jahrhundert vielmehr Platzfresser als nützliches Erinnerungswerkzeug waren – sondern mit dem Herzen. Conrad bereiste, was möglich war.

Afrika war seine große Liebe. Auch wenn es im Buch manchmal nun wirklich nicht so aussieht. Auf dem Kongo ist was los! Waren werden von A nach B geschippert. Menschenhandel allenthalben. Die belgischen Kolonialisten überziehen brutal das Land.

Unvermittelt soll der Agent Kurtz aus dem Dschungel geholt werden. Er hat sich ein kleines reich geschaffen, das er mit harter Hand regiert. Und das ist den Machthabern ein Dorn im Auge. Auch und vor allem, weil die Gefolgsleute von Kurtz ihm blind folgen. Der Agent wird aufgetan, folgt brav und …

Bei dem Namen Kurtz, der Dschungel-Location klingeln bei allen Cineasten die Ohren. Na klar, das ist doch die Geschichte aus „Apocalypse Now“. Es ist natürlich umgekehrt, denn die Geschichte erschien bereits 1899, der Film erst acht Jahrzehnte später. Und mit diesem Wissen im Hinterkopf baut sich vor dem Leser eine Kulisse auf, die an Gigantismus nicht zu überbieten ist. Man spürt die drückende Hitze. Die Enge des Spielraums, der den Handelnden zur Verfügung steht ist beklemmend. Und immer wieder die feine, schneidende Humor, der bin in die kleinste Räume vordringt. Happy life an exotischen Orten ist anders. Hier herrschen andere Regeln, und man hat Zeit sich um die existenziellen Fragen des Lebens zu kümmern.

Jede Passage der Geschichte ist es wert mehrmals gelesen zu werden. Die eindrücklichen Beschreibungen von Natur, dem Leben in der Ferne, dem Elend und der ungezügelten Wut kleben den Leser an dieses Buch. Das praktische Format lässt keine Ausreden zu – von wegen, kein Platz für Literatur im Koffer. Dieses Buch passt in jede Gesäßtasche. Aber das buch gehört in die Hand, vor die Augen, in den Sinn. Für Immer! Zeitloser Klassiker, der in finsterster Nacht strahlt!