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Scrooge sucht den Superstar

Ein Traum für viele: Einmal im Rampenlicht stehen. Ein Traum für noch mehr: Für immer im Rampenlicht stehen, ohne sich jahrelang zu quälen und in kleinen Schritten nach Oben zu gelangen. Dafür gibt’s die Talentshows im TV. Ein Ereignis, das wochenlang, Tag für Tag für Furore sorgen muss, da der Zuschauer das Spektakel einfordert. Nicht mehr, nicht weniger. Und die im Hintergrund, und ein paar wenige im Vordergrund, ziehen die Strippen.

Aurelio Scroocchia ist so einer. Musikproduzent mit dem Fingerchen, um Stars zu erschaffen. Ein moderner Gott, der Gaukler des schnellen Erfolgs und … ein echtes Scheusal. Aufgedunsene Figur, missmutiger Blick, stets unzufrieden. Das war mal anders. Er hatte schon immer Musik gemacht, spielte in einer Band. Doch die zerbrach. Dank des tatkräftigen Zutuns von Scroochia. Was soll’s?! Er ist berühmt geworden. Und reich. Der Erfolg rechtfertigt die Mittel.

Doch wissen wir spätestens seit Charles Dickens, dass die Geister niemals vergessen. Weder der Geist der Vergangenheit, noch der der Gegenwart und schon gar nicht der der Zukunft. Wie wäre es, wenn dem Ekel Scrocchia diese Geister einmal gehörig den Marsch blasen? Mit Musik kennt er sich ja aus. Den nächsten Star hat er schon in der Pipeline. Außerdem ist es kurz vor Weihnachten…

Marco Presta transformiert das Original um den miesepetrigen Mr. Scrooge in die Gegenwart der italienischen Popkultur. Talentshows, Castingshows, wie auch immer man sie bezeichnen will, sind Kassenmagneten. Die Juroren werden zu Stilikonen aufgeblasen und gerieren sich als allmächtige Götter und vergessen dabei allzu oft die Manieren des guten Geschmacks. Sie sind halt auch nur Menschen!

Die Illustrationen von Felix Schaad geben der Geschichte einen leichtfüßigen Anstrich. Aurelio Scrocchias Charakter wird mit jedem Pinselstrich zum Leben erweckt. Jede Regung in seinem Gesicht ist eindeutig auszumachen.

„Scrooge sucht den Superstar“ ist ein heiteres Buch, das nicht nur in der Vorweihnachtszeit zum Schmunzeln anregt. Und wenn die nächsten Castingshows über die Bildschirme flimmern, erinnert man sich sicherlich an so manche Textpassage, an einzelne Kapitel, ganz sicher jedoch daran, was passieren kann, wenn man den falschen Göttern vertraut…

Schiff aus Stein

Albaner in Kalabrien, Ferragosto in Venetien, Schnitzler (nicht Schnitzel!) in Wien – mit Karl-Markus Gauß zu reisen ist jedes Mal ein Erlebnis. Denn überall, wo der studierte Germanist und Historiker auftaucht, findet er Aufregendes, Erinnerungen und Zusammenhänge, die nur er so stilvoll in Worte fassen kann.

Es sind Ausflüge in die Vergangenheit sowohl des Autors (hier wird die Neugier des Lesers nach privaten Geheimnissen nur insofern gestillt wie Gauß es selbst zulässt) als auch in Rückschauen auf das große Ganze. Europa ist nicht an einem Tag gebaut worden. Es hat sich entwickelt. Mal in die richtige, zu oft leider auch in die falsche Richtung. Nicht immer war es ein Europa, sondern ein bunter Mix, der erst in der Interpretation das Siegel Europa erhielt. Man denke nur an die Allianzen im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts oder an den Eisernen Vorhang.

Karl-Markus Gauß reiste immer schon. Grenzen waren für ihn lediglich Passkontrollstationen. Wahre Grenzen gab und gibt es für ihn nicht. Wo andere mit gen Himmel geneigten Kopf sich der Architektur hingeben, sitzt Gauß am Tisch mit den Menschen, die darin leben. Manchmal trifft er Leute wieder, die er Jahrzehnte zuvor schon einmal getroffen habe. Oder ihre Verwandten. Oder auch nicht!

Die kurzen Kapitel sind scharf umrissene Extrakte Europas. Was dem Autor passiert, kann jedem passieren. Nur eben nur hier, in Europa. Man muss sich anstrengen, Empathie nicht wie eine Monstranz vor sich hertragen, sondern wahrhaft leben – erst dann besteht die Möglichkeit dasselbe zu erleben. Die Möglichkeit, wohl gemerkt! Das kann im Wiener Kunsthistorischen Museum sein, wenn man ungehobelte Jugendliche beobachtet oder auch ein nicht bekommenes Menü in Troyes, einer der ehemaligen Hauptstädte Frankreichs sein. Das nicht bekommen bezieht sich in diesem Fall nicht auf ein „Upps, da haben wir vergessen zu servieren“…

„“Schiff aus Stein“ ist ein Buch, das auf jeder Europareise Museminuten bereitet und im Handumdrehen tiefgreifende Gedanken an die Oberfläche spült. Alles, was man sieht, reicht, schmeckt, erscheint in einem anderen Licht, ohne das man dabei der eigenen Eindrücke beraubt wird.

Gauß’ Geschichten sind wie Statusmeldungen in den sozialen Medien. Doch im Gegensatz zu den überzähligen „Guck mal wie viele Kilometer ich heute gelaufen bin“-Sinnlosigkeiten, die niemand einfordert, sind seine Statusmeldungen wahre Kostbarkeiten, von denen man sich wünscht, sie würden noch öfter aufpoppen.

Dieses Buch muss man lesen. Und vielleicht sind ja genau die beiden darunter, die gleich in der ersten Geschichte die Aufmerksamkeit des Autors auf sich zogen, und sich wieder erkennen. Zwei Verschwörer, die gemeinsam mehr als doppelt so stark wie einzeln sind. Die – vielleicht? – immer angestiert werden, weil… das muss man lesen!

Neapel sehen und sterben

Alles beginnt mit dem Tod. Odysseus überlistet die Sirenen, die sich daraufhin in die Fluten stürzen. Eine von ihnen, Parthenope wird an die Ufer der Bucht von Neapel gespült. Der damals aber noch anders gehießen haben muss. Sie wird hier begraben und gibt der Stadt ihren ersten Namen. So oder so ähnlich kann man sehr oberflächlich die Entstehung der Stadt Neapel zusammenfassen. Von wegen der Tod is a Wiener! Unter der brodelnden Oberfläche liegt das andere Neapel. Das Neapel der Toten. Katakomben, endlose Gänge, Labyrinthe. Das ist Neapel. Auch. Und ganz besonders.

Der Stadtheilige San Gennaro, der für seine religiöse Überzeugung – die katholische Kirche liebt die Aufopferung – ist hier begraben. Ippolita Sforza, aus dem fernen Mailand, auch. Sie, der junge gebildete Teenager sollte hier Alfonso heiraten. Später wäre sie dann Königin geworden. Es kam anders. Als Zwanzigjährige brach sie auf, um das noch nicht vereinigten Italien zu bereisen und schließlich am Hochzeitshofe ihrem Zukünftigen übergeben zu werden. Bücher und Lehrer brachte sie gleich mit. Doch Alfonso war die junge Sforza nicht genug. Nachdem die Thronfolge gesichert war – drei Kinder, inklusive männlichem Nachkommen – zog es Alfonso zu Anderen hin. Anderen Frauen. Sie solle es hinnehmen, rieten ihr sogar ihre Brüder. Sie nahm es nicht hin…

Hinzunehmen hatten die Napoletaner so manche Schmach. Die Größte Stimme der Stadt – Enrico Caruso – brach nach einem desaströsen Auftritt im Teatro San Carlo zu anderen Ufern auf. New York wurde seine neue Heimat. Nach schwerer Krankheit kehrte er als Kurgast in seine Heimatstadt zurück. Er erholte sich. Nur kurz und starb dann im Hotel Vesuve. Menschenmassen trugen und geleiteten seinen Sarg zur letzten Ruhestätte. Neapel und der Tod – eine Verbindung wie Pech und Schwefel.

Dieter Richter kennt die Stadt besser als die meisten Einwohner. Der Süden, Neapel – hier ist er zuhause. Dreizehn Todesfälle, die die Stadt prägten, die exemplarisch für die Stadt stehen, ihr Image prägen, durchblättert man fieberhaft, um noch tiefer in die eintauchen zu können. Fernab von Touristenströmen, vorbei an unzähligen Pizza-portafoglio-Zwischenstopps führt Dieter Richter den Leser durch eine Stadt, die es schafft das Gleichgewicht zwischen allgegenwärtigem Tod und ebenso spürbarem Leben zu halten.

Es ist wie bei jedem Buch von Dieter Richter: Jetzt hat man wirklich alles erfahren über die Region, über die der versierte Kulturwissenschaftler schreibt. So ist es auch mit diesem Buch. Mehr kann man einfach nicht wissen über die Stadt in einem der aktivsten Vulkanfelder der Welt. Eines steht jedoch fest: Bei Dieter Richter muss man immer mit Überraschungen rechnen. Genauso wie bei Neapel. Die Stadt hält sicher noch einiges unter  und über der Oberfläche parat. Und Dieter Richter wird es gekonnt und unnachahmlich hervorkramen.

Das Gesetz schweigt, der Richter spricht

Es war einmal ein Richter, der scheinbar über seinem einfachsten Fall grübelte. Es war die Zeit, in der man bei offenen Türen schlafen konnte, weil man selbst in Palermo jederzeit und an jedem Ort sicher war. So die Propaganda der Machtinhaber. Er hat sein Büro in einem Palast, in dem Jahrzehnte, Jahrhunderte zuvor im Namen Gottes endgültige Urteile gesprochen wurden. Die Spuren der Inquisition waren und sind immer noch sichtbar und vor allem spürbar. Und nun soll die Endgültigkeit eines Urteils wieder eingeführt werden. Jahrelanges Schmoren im Gefängnis soll nicht länger die härteste Strafe für die schlimmsten Vergehen sein. Der absolute Schlusspunkt stehe über allem.

Es beginnt mit einem intellektuellen Austausch mit dem Staatsanwalt, dem Vertreter der Anklage und der Machthaber. Auch der kleine Richter ist ihnen unterstellt. Sein Werkzeug ist das Gesetz. Es ist eindeutig. Oder doch nicht?! Denn letztendlich sind es seine Interpretation und Schlussfolgerung, die qua Unterschrift bald schon über Leben oder Tod entscheiden werden.

Der kleine Richter erkennt sehr wohl das Messerschwingen des Staatsanwaltes. Ein kleines Wort – für die Übersetzerin Monika Lustig die fordernde Aufgabe dem italienischen Original im Deutschen gerecht zu werden – ein exakt (und) kalkuliertes „La“ bringt die Stimmung zum Schwingen.

Der Täter ist geständig. Die Tat restlos aufgeklärt. Und doch ist das Ja/Nein-Spiel (schuldig ja oder nein – Höchststrafe oder Milde walten lassen etc.) ein verzwicktes Unterfangen. Dann könnte ja jeder richten! Ob das das immer Recht wäre…

Leonardo Sciascia sieht sich in einer ähnlichen Zwickmühle. Er möchte mit dem Mittel der Literatur – er selbst war niemals Richter, er war Lehrer und wurde nach dann Schriftsteller – Recht sprechen oder zumindest diese Zwickmühle der Rechtssprechung darstellen. Nun kann man „Das Gesetz schweigt, der Richter spricht“ ganz „normal“ wie einen Roman lesen und nach dem Lesen zuklappen und zu den anderen Büchern stellen. Es wird nicht klappen! Das Zuklappen gelingt noch einigermaßen. Doch die Geschichte lässt einen nicht mehr los. Zum Einen ist da die Sache mit der Todesstrafe. Auch hier gibt es kein klares Ja oder Nein. Denn ohne Emotionen geht es einfach nicht. Der Kopf sagt ganz klar Nein, je länger man sich mit einem Fall beschäftigt (und dazu gehört auch sich mit den Angehörigen beider Seiten – Opfer und Täter – zu befassen) desto näher gehen einem auch die Schicksale der „Anderen“. Noch lange kein Grund für ein klares Ja.

In einer Zeit, in der mit der Entscheidungsschablone Richtungen vorgegeben werden (wenn Ja, dann gibt es nur diese eine Entscheidung, wenn Nein, dann eben das Gegenteil, ohne Rücksicht auf eventuelle Grauzonen), ist es umso wichtiger nicht generell in Schwarz-Weiß zu denken. Das Cover gibt es vor! Grau ist noch lange nicht der einzig denkbare Kompromiss…

Farinet oder das falsche Geld

Ohne den Klappentext zu lesen – C.F. Ramuz liest man, weil er uneingeschränkt für hervorragende Qualität steht – stimmt man sofort in den Kanon ein, dass Freiheit ein wichtiges Gut ist. Auch wenn der Begriff heutzutage allzu inflationär gebraucht wird, um zu rechtfertigen, dass man nötige Pflichten nicht erfüllen möchte(!). Denn Maurice Farinet sitzt im Gefängnis und bricht aus. Ganz klar: Gefängnis, eingesperrt, also das Gegenteil von Freiheit. Doch so einfach ist die Geschichte nicht. Denn nach dem Willen des Gesetzgebers, und nur der darf jemanden einsperren, hat Farinet gegen das Gesetz verstoßen. Der hat einfach Geld hergestellt. Einfach so. Hat in den Bergen nach Gold gegraben und dann einfach Münzen hergestellt. Die gelten natürlich nur im eigenen Dorf – wo sie beliebter sind als die offiziellen Zahlungsmittel. Ja, er verschenkt die Münzen – Goldmünzen – sogar. Großmütig und verschmitzt konnte man nun meinen, dass hier ein echter Schlingel am Werk ist. Doch auch hier irrt man sich wieder gewaltig. Denn Farinet machte das nicht einfach, weil ihm danach war. Er stellte Münzen her, weil er es konnte, und die Notwendigkeit ihm dies gebot. Hier bekommt sein Tun eine politische Dimension. Maurice Farinet ist ein Feind der staatlichen Grundordnung, ein Revolutionär und ein Freiheitskämpfer. Doch momentan kämpft er sich erstmal durch die Nacht und die Rebberge um Lausanne…

Miesgelaunt könnte man bei Farinet die kriminelle Karriere als in die Wiege gelegt betrachten. Als andere Kinder in die Schule gingen, half er beim Vater aus. Als Schmuggler. Doch Farinet machte aus seinem Talent und seinen Fähigkeiten etwas, das niemand hätte vermuten können. Er schwang sich auf Neues und Großartiges für die Menschen in seinem Ort zu tun. Niemand sollte ihnen sagen, was wie viel wert sei. Zahlen auf Geldstücken waren eben nicht mehr als das: Ziffern und Zahlen. Doch Vater Staat sieht das natürlich anders: Man stelle sich, dass man heute zum Discounter geht, Butter, Brot, Wurst, Eis und ein paar Süßigkeiten einkauft. An der Kasse knallt man dann … ja, was?! Eine tote Katze als Gegenwert auf den Tisch? Oder selbst gestrickte Strümpfe? Oder einen kunstvoll geschnitzten Wanderstock? Vater Staat muss die Ordnung aufrecht erhalten. Wenn die Münzen aus Farinets Schmiede aber nur im Dorf bleiben, was dann? Dann kann ihm doch eigentlich niemand was anhaben. Die Münzen finden aber den Weg auch über die Dorfgrenze hinaus. Und deswegen wird Farinet gejagt. Und gefangen. Und er bleibt dort bis zum Ende. Und das kam ziemlich schnell. Wie? Das wird für immer ein Rätsel bleiben.

C.F. Ramuz verleiht einem still verehrten Helden der Schweiz eine Stimme und lässt ihn in seinem Tun freien Lauf. Das hätte Farinet gefallen. Einmal mehr zeigt Ramuz sein erzählerisches Talent und fesselt den Leser ans Buch bis die letzte Seite, der letzte Abschnitt, der letzte Buchstabe gelesen ist. Diese Freiheitsberaubung ist nicht justiziabel!

Mordsferien

Schon mal in Rathole gewesen? Das liegt in Cornwall im Südwesten Englands. Ein idyllisches Städtchen, das sich dieses Attribut wahrlich verdient hat. Hier hat auch Joyce vor einigen Jahren Urlaub gemacht. Doch mit Idylle haben ihre Erinnerungen so rein gar nichts zu tun. Sie wollte malen. Die Landschaft in ihren Bildern einfangen. Eine Landschaft, die vor fünfhundert Jahren von den Spaniern mit Kanonen malträtiert wurde. Der Legende nach sind ab und an sogar noch ein paar Bluttropfen auf den Pflastersteinen sichtbar. Allerdings nur, wenn sich innerhalb der folgenden 24 Stunden ein Mord ereignet. Legende!

Joyce beobachtet ein Pärchen. Der Mann begegnet zufällig einer alten Freundin, er stellt sie seiner Frau vor. Im Handumdrehen verabreden sich die Drei zu einem Ausflug an den Strand. Das Paar fährt mit dem Auto, die Frau will lieber zu Fuß gehen. Der Tag vergeht, das Pärchen ist zurück, die Frau hängt die nassen Badesachen zum Trocknen auf den Balkon. Nur Carol, die alleinreisende Frau, ist nicht mehr da. Joyce erinnert sich, dass sie scheinbar ganz automatisch, ohne es zu bemerken, Bluttropfen ihrem Bild, das sie gerade zeichnete als das Paar die Carol traf, hinzufügte. Der Legende nach muss also nun – binnen 24 Stunden – ein Mord geschehen.

Im darauffolgenden Jahr reist Joyce wieder nach Rathole. Und wieder: ein Paar, sieht dem aus dem Vorjahr verdammt ähnlich und … wieder eine Carol. Anderer Name, aber gleicher Typ etc. Agatha Christie ist diese Geschichte, die gern auch ins reich der Mysterien verbannt werden könnte, eingefallen. Urlaub mit Agatha Christie – das endet für mindestens Einen immer mit dem … Ende. Nur wer ganz genau aufpasst, weiß wie die Bluttropfen aufs Pflaster kamen.

Das ist nur eine Geschichte aus diesem grandiosen Krimi-Urlaubsbuch. Dorothy L. Sayers’ Figuren versuchen das Rätsel vom Mann ohne Gesicht zu lösen. Arthur Conan Doyle lässt im Tal von Boscmobe einen geheimnisvollen Mord geschehen. Und mit Gilbert Keith (G.K.) Chesterton reist man ins Paradies der Diebe. Es gibt viele Krimisammlungen, die man mit in den Urlaub nimmt. Leichte Kost für leichte Tage. Kann man machen. Aber warum nicht mal die Creme de la Creme des Krimigenres in einem Buch abwechselnd das Blut des Lesers in Wallung bringen?! „Mordsferien“ ist der Garant für Gänsehaut, die bis zum Beginn der nächsten Geschichte anhält. Und wenn das Buch ausgelesen ist, ist im besten Fall auch der Urlaub zu Ende.

Wer an den schönsten Tages des Jahres nicht auf Spannung und angespannte Nerven, auf Gänsehaut und Kribbeln verzichten kann, der wird „Mordsferien“ jedem noch so romantischen Sonnenuntergang vorziehen. Da heißt es schneller lesen, denn auch Sonnenuntergänge können spannend sein…

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Vier Jahre und vier Monate auf Más a Tierra können einen schwer verändern. Und wenn man dann auch noch allein ist, verkümmern die einfachsten Fähigkeiten wie zum Beispiel die Sprache – mit wem soll man sich denn überhaupt unterhalten?! Wenn dann Rettung naht, auch wenn ein Freibeuter in königlichem Dienst ist, bringt einem der schottische Akzent und eben die Tatsache, dass man das Sprechen quasi verlernt hat, auch nicht zwingend ins Paradies. Ein anderes Paradies als das, was man gerade verlassen hat. Und dann wird man … Moment, berühmt? Nee, berühmt wird man nur eine ganz kurze Zeit. Schließlich hat man richtig viele Monate allein auf einer Insel verbracht und überlebt. Das ist schon eine Meldung in einer Zeitung wert. Kurz ist der Ruhm. Und dann ist die ganze Sache auch schon wieder in der Vergessensschublade des Lebens verschwunden.

Ein ebenso vom Glück abgeprallter Autor liest von eben diesem Schicksal und probiert „einfach mal den Roman seines Lebens zu schreiben.“ Und siehe da: Es gelingt. „Robinson Crusoe“ wird ein Welterfolg. So blumig ausgestattet, paradiesisch abenteuerisch. Und was ist mit dem Mann, der der Anstoß dazu war? Den kennt keine Sau mehr! Und doch hat er einen Namen. Und der ist sogar bekannt! Alexander Selkirk. Bis heute ist er weder auf Geldnoten verewigt, noch hat man ihn zigfach auf Sockel gestellt (bis auf Lower Largo, seinem Geburtstort). Robinson Crusoe, der fiktive Held, ist bekannter als der reale Inselalleinbewohner Alexander Selkirk. Aus dem Geschichtsbuch gefallen – so ist das nun mal.

Ralf Höller hat noch mehr solche Glückspilze gefunden, die sich niemals der kreischenden Masse von Schaulustigen und Sensationsgierigen entgegenstemmen mussten, um eine Schritt vorwärts tun zu können. Sie alle wurden in den Hintergrund gedrängt und schließlich vom Podest gestoßen. Bis der Staub der Geschichte sie unter sich begrub.

Semjon Deschnew ist auch so einer. Eigentlich sollte sein Name auf jeder Landkarte stehen. Doch stattdessen taucht dort immer und logischerweise immer an derselben Stelle der Name Behring auf. Die Meerenge zwischen Russland und Amerika ist nach ihm benannt.

Aus aktuellem Anlass sei auf den Namen Nikolai Resanow ins Gespräch zu bringen. Auch er hat irgendwie etwas mit dem Namen Deschnew zu tun. Zu viel sei hier nicht verraten. Nur so viel. Wenn zwei Dickköpfige Diktatoren sich mal mögen und dann wieder bekriegen, sind Gebietsansprüche bald schon aktueller als man sich so viel Aktionismus niemals mehr vorstellen konnte. Kyrillische Buchstaben in Venice Beach. Piroggi auf der Lambert street. Matrioschkas in der Big Sur. Einfach mal weiterdenken und den unbesungenen Helden ein bisschen Zeit widmen und in diesem denkwürdigen, exzellent recherchierten, geschliffne formulierten Büchlein wahrer Geschichte den gebührenden Platz einzuräumen. Ein Schmunzeln ist das Mindeste, was dieses Buch dem Leser ins Gesicht zaubert.

Berliner Geschichte in Karten

Wollnashornkieferknochen – das verhilft beim Scrabble zum sicheren Sieg. Doch wie kommt man da hin? Achtung, jetzt muss man ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und mitdenken. Man fährt von berlin aus Richtung Spandau, an den Spektesee. In der alten Kiesgrube Parey – dort findet man den Weg ins unendliche Scrabble-Glück. Oder man erfährt wie man zu ältesten Bewohner Berlins gelangt. Genug der Wortspielchen. „Berliner Geschichte in Karten“ verspricht jedem Suchenden den richtigen Weg – ob nun zur Erkenntnis oder einem wichtigen Ort muss man für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer sich für Berliner Geschichte interessiert, hat ab sofort ein neues Lieblingsbuch! Das beginnt schon bei den Wappen der in Berlin durchaus zahlreich vorkommenden Adelsgeschlechter und endet noch lange nicht mit dem Vergleich der Stadtpläne rund um den Potsdamer Platz damals und heute. Denn was damals war, ist heute weg. Parallel führen hier nur noch die Fahrspuren in die umgrenzenden Stadtgebiete.

Berlin wie wir es heute kennen, ist eine Schöpfung der Moderne. Zuvor lag man im ewigen Clinch aus welcher Ecke von Berlin man nun komme. Wilmersdorfer waren da genau so eigenbrödlerisch wie Neukölner oder Bewohner des Wedding. Teils ist es heute noch so, dass man kaum den eigenen Kiez verlässt – man hat ja schließlich alles, was man braucht um die Ecke. Auch hier gilt wieder, dass man verdammt lange und tiefgründig suchen muss, um Erinnerungsstücke von damals zu finden.

Fast schon spielerisch einfach wird es mit der Gründung von Groß-Berlin (und der Jahre zuvor). Auf den Spuren des Spartacus-Aufstandes kann man heute durchaus eine gewisse Zeit verbringen. Wenn man die richtige Karte hat. Mehr als hundert Jahre später sind die Orte noch wohlbekannt, wenn auch nicht komplett erhalten. Zu sehen wie es sich jetzt anfühlt, wie es jetzt ausschaut, und wie es damals gewirkt haben muss – so einen Stadtrundgang kann nicht jeder machen!

So sehr Berlin heute als die Stadt angesehen wird, wo rund um die Uhr, an 365 Tagen immer was los ist, so sehr ist Berlin auch Industriestandort gewesen – die Hinterlassenschaft sind teils noch in Betrieb, mehr jedoch sichtbar. Ebenso die zahlreichen Kopfbahnhöfe, die die Zeit in ihrem Vergessensschlund verschlang.

Noch einmal zurück zu den Kiezen, die immer noch nicht recht abgrenzbar sind. Schaut man sich die Entwicklung dieser Quartiere an, sieht man über einen Zeitraum von fast 150 Jahren, wie versprengte Ortschaften zu einer homogenen Masse zusammengewachsen sind.

Informativ, detailreich, bunt, attraktiv und leicht verständlich ist dieses Buch eine willkommene Ergänzung zu jedem Berlin-Reiseband, der den Besucher an die Hand nimmt. Hier werden mehr Geheimnisse zutage gefördert als die sumpfige Landschaft der Urzeit jemals verschlingen konnte.

oh! Venedig

Oh wie „oh no, und ich dachte, dass ich Venedig kenne!“ – oh wie „oh, das habe ich wohl verpasst!“ – oh, wie schade, dass es noch so verdammt lange dauert bis ich endlich wieder dort bin!“. Da hält man wohl ein Hilfebuch in den Händen, das Reisefieber hebt und einen in Sicherheit wiegt, dass der nächste Besuch garantiert ein Volltreffer wird.

Und das trotz des Verhältnisses 280.000 zu 15.000.000. Das bedeutet 280.000 Einwohner und 15 Millionen Besucher jährlich. Da muss man fliehen, und zwar dorthin, wo man nicht zwischen Handysticks und „Folge-Mir-Wimpeln“ hindurchluken muss, um mal was Schönes zu sehen. Und einem nicht permanent auf den Kopf gek… wird, von den Tauben, versteht sich! Bei diesem Verhältnis – Eins zu fast 54 – kann man sich der Masse anschließen, überteuerte Souvenirs mad(e) in China erwerben, an jeder Ecke mit gebühren ins Jammertal der Finanzen gestoßen werden, und sich somit so manches Erlebnis gehörig zu ruinieren. Oder man wirft einen ersten scheuen Blick in dieses Buch, lässt sich verleiten (dieses Mal zu 100% gerechtfertigt) und gönnt sich Schritt für Schritt ein Aha!-Erlebnis, das in einem nicht enden wollenden „Oh Venedig“ endet. Die Wahl ist keine wirkliche Wahl. Es ist eine emotionale Vernunftentscheidung. Basta!

Man muss ja nicht gleich die ganze Stadt verteufeln und das Weite suchen. Zum Beispiel auf einem Boot durch die Lagune schippern. Doch wenn, dann auf einem Boot mit Geschichte. Eines, auf dem schon Prominente vor den Massen flohen. Das wieder entdeckt wurde. Und originalgetreu wiederhergestellt wurde. Das wäre doch was! Doch welcher Promi soll es sein?! Wie wäre es mit der Callas – oberste Promischublade. Die traf sich mit Pasolini auf seinem Boot. Und mit dem kann man heute wieder durch die Lagune schippern. Das ist das ein oh-Erlebnis, oder?!

Wer dem Massentrubel doch nicht ganz abgeneigt ist, kann entlang des Zickzackwanderns so manches Kleinod entdecken. Und wer den Gondoliere auf die Füße geschaut hat, entdeckt – wenn er dem manchmal falschen Singsang eine gewisse Routine abgerungen hat – eine einzigartige Fußbekleidung. „Furlane“ nennen sich die bequemen Schuhe, die wohl das einzige Mittel der Wahl sind, um der Qual des venezianischen Pflasters zu entkommen. Flach, simpel, bequem. Gibt’s aber nicht überall zu kaufen, zumindest nicht in entsprechender Qualität. Aber dafür an der Rialto-Brücke. Dort kommt man eh vorbei, wenn man Venedig besucht. Ist und bleibt fester Bestandteil des Programms in der serenissima – na ja ruhig und gelassen, das war einmal. Besonders, wenn alle fünf Meter ein Jüngling vor seiner Angebeteten niederkniet, um ihr einen Antrag zu machen, weil er das bei Insta schon soooo oft gesehen hat…

Maria Wiesner fand für ihr Buch Orte und Plätze, die jeden Venedig-Besuch nicht mit einem Oh-No-Erlebnis enden lassen. Mit entsprechender Gelassenheit und erfrischender Recherche durchläuft man ein Venedig, das vielen verborgen bleiben wird.

oh! Lago Maggiore

Man könnte den Lago Maggiore als einen der vier großen Oberitalienischen Seen beschreiben mit soundsoviel Quadratkilometern Oberfläche, der jährlich von zigtausenden Touristen besucht wird. Alles richtig. Aber die Touristen kommen bestimmt nicht wegen Größe und um sich mit Tausenden Anderen zu treffen, sondern weil sich hier eine Landschaft vor einem erhebt, bei der man sich erhaben fühlt. Man gehört zu einem Kreis Reisender, die Schönes gesehen haben. Kein elitärer Kreis. Und dennoch fühlt man sich so, dass man Einzigartiges sieht… genau wie die Anderen auch.

Und genau dieser letzte Halbsatz lässt die Einzigartigkeit in der Masse des Gemeinen ein wenig (nur ganz wenig, aber spürbar) verblassen. Denn wer im August in Locarno weilt, muss sich die Perlen der Stadt mit Zigtausenden teilen. Dann ist Filmfest, elf Tage Filmfestspiele. Man findet keinen Platz im ristorante, muss Angst haben, dass der Aperol aus ist etc. Und trotzdem fühlt man sich pudelwohl. Der Geheimtipp für alle, die einmal im Leben was Außergewöhnliches sehen wollen und vielleicht auch den einen oder anderen Leinwandliebling mal beim Spaghettizuzeln erwischen wollen.

Wer das alles schon erlebt hat und für den der Lago Maggiore eben nicht nur der zweitgrößte der Oberitalienischen Seen ist, muss sich etwas einfallen lassen, um wirklich Neues zu erleben. Patricia Arnold trägt mit ihrem „oh Lago Maggiore“ dazu bei, dass der Lago eben nicht nur der Lago bleibt, zu dem man geht, sondern das Ereignisgewässer bleibt, was es vor langer Zeit schon mal war.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Promis und ihrer durchaus nachvollziehbaren Italienliebe. Da gibt es in der Nähe ein kleines Dorf. Nur vierhundert Einwohner. In manchen Gebäuden ist noch unerträglich heißer als an so manchem Hochsommertag. Woody Allan war schon hier. Aber nicht, um sich im kühlen Nass des Sees abzukühlen. Nein, er kam nach Quarna Sotto, weil hier die besten Saxophone der Welt entstehen. Den Schweiß des Tages vergisst man ganz schnell, wenn man den Meistern über die Schulter schaut. Noch ein wenig höher liegt Quarna Sopra. Wer hier ins Horn (Saxophon) stößt, tut dies vor überwältigender Kulisse. Ohren-und Augenschmaus in Einem. Da muss man lange suchen, um so was noch einmal zu finden.

Ob knackige Wanderung auf Bergspitzen, die einen Ausblick gewähren, den man nur selten erlebt oder weltbekannte Kunst im Museum, kuschelige Metropolen am Ufer oder verwaiste Berge – der Lago Maggoire hat noch lange nicht alles preisgegeben. Jetzt vielleicht ein bisschen mehr!