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Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige

„Die Widerspenstige“ – gleich mal eine Breitseite für alle Nostalgiker. Und zähmen ließ sie sich schon gar nicht. Tanzte nicht im Schuber, um Wein zu pressen. Das war Adriano Celentano. Und der hat mit Ingeborg Bachmann so gar nichts zu tun. Er steht mit 88 noch immer auf der Bühne. Sie ist seit über 50 Jahren tot. Doch beide verbindet, dass man sich wohl immer sie erinnern wird. So auch Ingeborg Gleichauf. Und bestimmt nicht wegen der Namensgleichheit…

Ingeborg unternimmt den Versuch sich Ingeborg zu nähern ohne dabei an der Kleidung zu zupfen, ihr zu nahe zu kommen, ihr auf den Geist zu gehen. Sie will den Geist Bachmanns erhaschen. Ihn auch für sich vereinnahmen. Doch niemals – niemals! – will sie sie entblößen.

In den 50ern war Ingeborg Bachmann einem breiten, aber immer noch Fachpublikum bekannt. Erotisiert fand man ihre Weiblichkeit. Heute würde man es viel direkter ausdrücken. Doch wie?! Ingeborg Bachmann ist immer noch präsent, nicht nur wegen des medial aufgewerteten Wettbewerbs, an dessen Ende einer der höchstdotierten Literaturpreise Europas steht. Hier treffen sich intellektuelle Verballhorner und wahre Literaturliebhaber, auch um Ingeborg Bachmann zu gedenken.

Nun kann man Ingeborg Bachmann einfach nur lesen. In ihre Texte eintauchen. Sich in ihren Worten suhlen. Oder man geht ihr auf den Grund – und nicht dem Leser auf den Wecker. Ingeborg Gleichauf hat sich für beides entschieden.

Den Versuch Bachmann zu entschlüsseln, unternimmt sie erst gar nicht. Sie will aus einem Leben erzählen, das erzählenswert ist. Sie will mit dem Leser und der anderen Ingeborg verreisen – Reisen bildet. Warum also zweifeln?!

Wer sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt hat, stößt oft an Grenzen. Wer ihr nahe kommen will, stößt sich den Kopf an. Ingeborg Gleichauf gelingt der Spagat zwischen Wissensdurst und Selbsterkenntnis zu unterscheiden und bei aller Neugier niemals den Leser loszulassen.

Das andere Leben meiner Mutter

Der Anruf, der jeden Sonntag pünktlich kommt, kommt dieses Mal nicht. Besorgniserregend. Anhaltende Zweifel. Doch dann der „erlösende“ Anruf. Mutter ist im Krankenhaus. So kurz und trocken, so nüchtern, so beklemmend fremd.

Der Erzählerin rutscht das Herz in die Hose. Und hüpft im gleichen Augenblick auch wieder hinauf. Denn zum Einen weiß sie endlich, was mit ihrer Mutter ist. Zum Anderen ist so ein Anruf niemals schön. Und es kommt noch … überraschender.

Denn Mutter hatte ein geheimes Doppelleben. Deswegen immer sonntags die Anrufe, zur gleichen Zeit. Da hat sich die Frau Mama Zeit freigeschaufelt, um ungestört mit ihrer Tochter telefonieren zu können. Auch diese Medaille hat zwei Seiten. Alles begann kurz nach dem Krieg. Die Mutter stammt aus gutem Haus, wie man so schöne sagt. Vertreibung, die Männer im Krieg bzw. in Gefangenschaft – die Familie musste sich durchschlagen. Oft egal wie. Onkelehen waren für einige die erste Wahl.

Wie in einem Rausch verfolgt die Erzählerin das andere Leben ihrer Mutter. Voller Neugier trifft sie die andere Familie. Die sind … na ja, die Anderen. Einige sind abstoßend, einige richtig nett und fürsorglich. So wie es nun mal ist, im richtigen Leben. Sie wieder sehen? Niemals! Mit ihnen vertraut sein? Im Leben nicht! Und trotzdem.

Karin Klemm braucht nur wenige Zeilen die Beklommenheit dieser überraschenden Erkenntnis darzustellen. Ausbrechen, Wut, Empathie oder doch bedingungsloses Verständnis? Der emotionale Vulkanausbruch und der damit verbundene Ascheregen aus Fremde und Vertrautheit vernebeln der Erzählerin nicht die Sicht. Ganz im Gegenteil: Der Kampf gegen die dichten Wolken öffnet so manche Schleuse.

Das Lachen Haïtis

Ganz oberflächlich betrachtet ist Haïti verloren. Jede Meldung – und die sind selten – eine Schreckensnachricht. Erdbeben, Unruhen, Plünderungen, Anarchie und Chaos. Und die letzte Meldung: Die haïtianische Fußballmannschaft darf nicht ins WM-Gastgeberland USA einreisen, um dort seine Vorrundenspiel zu absolvieren. Was aber am Austragungsort bzw. –land liegt. Vereinzelt sind manchem noch die Diktatoren Papa und Baby Doc bekannt. Die Duvaliers haben ein Land hinterlassen, dass von banden dominiert wird und seitdem von Katastrophe zu Katastrophe schlittert. Die einzige Konstante im Karibikstaat.

Das sind die Vorurteile, die zum einem großen Prozentsatz sicher auch stimmen. Andererseits herrscht hier eine literarische Vielfalt und Beständigkeit, die dem Chaos und der Angst derart widerstandsfähig entgegenstehen, dass man es kaum glauben kann. Man kann es ruhig glauben! „Das Lachen Haïtis“ ist der schwungvolle Beweis. Und hier, im Inselstaat Haïti ist eine eigene Literaturform entstanden. Lodyans. Witz, Märchen, Sozialkritik und Geschichtsrückbesinnung sind die Charakteriegenschaften dieser kurzen, bissigen, spritzigen, lebensbejahenden Literaturform, die in Haïti zur Kunstform reift.

Georges Anglade war unter anderem am Demokratisierungsprozess der Insel beteiligt, nach die Duvaliers aus dem Land getrieben wurden. Später, während der zweiten (von Drei) Amtszeiten von Jean-Bertrand Aristide Minister für öffentliche Aufgaben, unter dem Nachfolger René Préval besonderer Berater. Doch seiner Leidenschaft, den lodyans gab er schlussendlich den Vorzug. Beim verheerenden Erdbeben 2010 kamen er und seine Frau um Leben.

Der Untertitel „Neunzig Miniaturen“ ist nüchtern betrachtet eine Sammlung von neunzig kurzen Geschichten, die sich leicht lesen lassen. Bei genauerem Hinsehen – Lesen! – sind es tiefe Einblicke in die Seele eines Landes, das auf dieser Seite der Erde voller Vorurteile steckt, die es schwer haben beseitigt zu werden. Natürlich spielen Voodoo, Aberglaube und Hellseherei eine bedeutende Rolle. Sie sind elementarer Bestandteil der Kultur der Insel wie Fußball in England oder spätes Abendessen in Spanien. Sie wirken aber keinesfalls effekthascherisch und gezielt eingesetzt, um den Leser bei Laune zu halten. Sie sind so normal in die Geschichten eingebunden, dass man auch ohne Glauben daran, den Nichtglauben daran verliert.

Diese über dreihundert Seiten tun mehr für das Verständnis für die Insel als so manches Lippenbekenntnis oder Wehklagen der Politiker des isolierten Landes. Eine Reise ins Herz Haïtis. Mit allen Wendungen und Ecken und Kanten, die eine Reise nun mal hat.

Europa erlesen Genua

Die ligurische Küste besticht durch ihre elegante Küstenführung und die sofort daran anschließenden schroffen Bergformationen, die einen Ausstieg aus dem Meer nicht den sofortigen Aufstieg an Land zulassen. Hier muss man sich bewegen, Hakenschlagen, um ans Ziel zu gelangen.

Auch muss man sich nicht lange mühen, um die Stadt aufsaugen zu können, sofern man sich dieses kleinen Büchleins herzlichst annimmt. Genua kann nicht wie beispielsweise Florenz auf eine Galerie großer Namen, die die Geschicke der Stadt leiteten und bis heute zum Strahlen bringen, verlassen. Die Stadt will erobert werden. Und sie wurde erobert. Christoph Kolumbus verließ sie, um die Welt zu erkunden. Heinrich Heine und Charles Dickens – zum Beispiel – kamen zu ihr, um ihre Reize zu entdecken. Wortreich, gewandt wie ein eleganter Luchs, schlichen sie durch die Häuserschluchten, erklommen Hügel und waren ergriffen von der Weitsichtigkeit der Stadt. Das alles ist anderthalb Jahrhundert bis zweihundert Jahre her. Und noch immer kann man der Faszination der Dichter etwas abgewinnen und zustimmend nicken, wenn ergriffen und charmant von Genua schwärmen. Selbst Karl May war hier – oder doch nicht. Bei ihm weiß man ja nie so genau…

Der Weltreisenden Alma Karlin sieht die große Stadt schon etwas nüchterner. Sie hat die Welt gesehen, wird sie noch bereisen als sie Genua besucht. Ein bisschen mehr Farbe hätte ihr Urteil üppiger ausfallen lassen. Die Suche nach einer passenden Unterkunft hat auch nicht dazu beigetragen Genua als Sehnsuchtsort einzuordnen.

Dieses kleine Büchlein ist unverzichtbar beim nächsten Genua-Besuch. Die gesamte Bandbreite von Ui bis Pfui wird in den Texten über die Stadt abgebildet. Wahrlich hat sich Genua verändert. Als Stadt am Meer unterliegt sie zwangsläufig Veränderungen. Und wie damals – zu Zeiten von Heine, aber auch Alma Karlin – gibt es Ecken, die nicht zwingend vorzeigbar sind. Ebenso die Plätze und Orte, die einem den Atem stocken lassen.

Fakt ist, dass „Europa erlesen – Genua“ ein fester Reisegepäckbestandteil sein sollte, will man Genua auf den Grund und nicht auf den Leim gehen.

Europa erlesen – Florenz

Nach Rom ist Florenz sicherlich die Stadt mit der größten Anziehungskraft in Italien. Eine derart prächtige Stadt muss man sich erobern. Von der Piazza Michelangelo hat man sicher den imposantesten Ausblick auf die Stadt, ist aber zu keiner Tageszeit allein und muss die Erhabenheit der Stadt mit allerlei plärrendem Publikum teilen. Und erst in den Straßen und Gassen der Stadt! Kein Quadratmeter, der nicht von Menschen besetzt ist. Keine Ruheort, an dem an sich ein paar Moment Ruhe gönnen kann. Die muss man sich selbst schaffen.

Mit diesem Buch in der Hand – passt in jede noch so kleine Tasche – ist die Ruheoase nur wenige Momente entfernt. Man vergisst den Lärm der Stadt und der durch sie hindurchwalzenden Menschenmassen. Man versinkt in kleinen fiesen Intrigen wie Giovanni Fiorentino, der einen liebestrunkenen Eroberer von seiner Angebeteten angetrieben in ein Fiasko zu stürzen scheint. Sehr zum Leidwesen ihres Gatten…

Florenz ist auch und vor allem die Stadt der Medici. Niccolò Machiavelli war ihr großer Gegenspieler. Ausgerechnet er verhandelte mit den Borgia – die andere Renaissance-Sippe, die mit unerbittlichem Machtdrang aufstieg und sich dort mit noch mehr Gewalt lang, zu lange hielt, um einen drohenden Krieg zu vermeiden. Die Schmeicheleien auf beiden Seiten, aber auch die versteckten Drohungen (heutzutage wird ja gleich offen gedroht und im gleichen Atemzug dementiert) sind eine wahre Pracht, wenn man sich in sie vertieft.

Dieses kleine Lesebüchlein mit Auszügen aus Texten über und aus Florenz ist wie die Stadt selbst eine Zierde. Eine Ruheoase, die einen alles um sich herum verschwinden lassen kann, lässt man sich darauf ein. Ideal, um die Stadt am Arno näher und intensiver kennenzulernen. Und mancherorts erschein die Mysterien der Stadt wie ein offenes Buch vor dem Betrachter. Erholungspause mit Lerneffekt in einem – das gibt’s nicht oft.

Aserbaidschan

Schon mal einen Arm in einen Vulkan getaucht? Oder eine echt nostalgische Eisenbahnreise unternommen, die sich wie eine Zeitreise anfühlt? Oder eine Stadt besucht, die auf wenige Jahre alten Postkarten so gar nichts mehr mit der aktuellen Realität zu tun hat? Lust darauf? Dann ist Aserbaidschan die erste Wahl für den nächsten Urlaub. So weit ist das gar nicht mehr weg. Die paar Stunden Flug – mit einigen Umsteigestopps – sind besser zu verkraften als ein Nonstopflug nach zum Beispiel nach Indonesien.

Drei Autoren haben sich dem nahen Fernreiseziel Aserbaidschan angenommen. Philine von Oppeln, Frank Schüttig und Holger Kretzschmar sind unabhängig voneinander in das Land am Kaspischen Meer gereist und haben mehr als nur meterhohe Kaviartürme gesehen. Aber genossen haben sie diese trotzdem!

Die wohl bekannteste Stadt ist Baku, direkt am Kaspischen Meer. Nicht weil dort vor Jahren der ESC ausgerichtet wurde. Städte am Meer haben immer eine besondere Anziehungskraft. So auch Baku. Schrill glänzende Fassaden an futuristisch anmutenden Wolkenkratzern, gepaart mit ursprünglichen Märkten, auf denen das angeboten wird, was das Land und Meer hergeben. Sprachschwierigkeiten inklusive. Aber wie überall auf der Welt sind die mit einem freundlichen Lächeln, Händen und Füßen schnell aus der Welt geschafft.

Und zum Ausgleich, zur Erholung ab ins Hamam. Doch Vorsicht! Meist ist der Eintritt nur für Männer erlaubt. Frauen haben – zumindest im Ağa Mikayi, im Altstadt-Hamam von Baku nur montags und Freitag Eintritt. Muss man gesehen haben, da es eines der letzten typischen (und vor allem alten) Bäder der Hauptstadt ist. Das ist nur ein Tipp, den man beherzigen sollte, wenn man in Aserbaidschan reist, den man in den zahlreichen gelb unterlegten Artikeln findet. Sie sind das Salz in der Suppe – oder doch der Kaviar auf dem ohnehin schon reich gedeckten Infotisch dieses Reisebandes?!

Aserbaidschan ist ohne Zweifel ein Land, das es gilt erkundet zu werden. Fern genug, um richtig abzuschalten. Nah genug, um nicht tagelange Anreisen einzukalkulieren. Es gibt viel zu sehen, wofür man wissenskundige Erzähler braucht. Und vor Ort eine Reiseband, der einem auch die letzte Angst nimmt, in einer scheinbar fremden Welt sich sicher bewegen zu können. Dieser Reiseband erfüllt jeden Wunsch, auch wenn man ihn noch gar nicht kennt.

Usedom und Wollin

Hier wird Europa Wirklichkeit. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten Ost auf Ost traf, verbinden sich heute Osten und Westen auf ganz natürliche Weise. Von Peenemünde bis Dziwnów, von Bansin bis Wolin – Usedom hat schon lange fahrt aufgenommen und präsentiert sich wie eh und je als Sehnsuchtsort für alle, die schon viel von der Welt gesehen haben oder denen die Ostsee näher ist als die Karibik.

Usedom und Wollin – hier gibt’s so einiges im Doppelpack. So gibt es die Insel Usedom als auch die „Hauptstadt“ Usedom. An den nördlichen Ufern sonnt man sich an der Ostsee, im Süden an ruhigen Binnengewässern wie dem Stettiner Haff oder dem Achterwasser

Nur die Kaiserbäder, die gibt’s gleich dreimal. Ahlbeck, Bansin und das berühmte Heringsdorf. Ein Spaziergang entlang der eleganten, eindrucksvollen Villen mit Strandblick entlohnt für so manche Zeit im Stau auf dem Weg in die Sonne. Grażyna und Wolfgang Kling sind die stillen Flüsterer im Vordergrund, die dem Leser/Besucher Usedom und Wollin so nahe bringen, dass man sich schon bei Ankunft wie ein Einheimischer fühlt. Dabei achten sie besonders darauf, dass das Gleichgewicht zwischen dem Offensichtlichen und dem teils Verborgenen gewahrt bleibt.

Dieser Reiseband strotzt nur so vor Informationen. Blau unterlegte Infokästen sind die knackigen Antworten auf kurzfristige Fragen. Zahlreiche Karten erleichtern die Orientierung lassen das Handy dort, wo es im Urlaub hingehört, in der Tasche. Die gelb unterlegten Kästen sind unterhaltsame Wissenslückenfüller, die eine kurze (Lese-) Rast zur wissbegierigen Pause wandeln.

Hier ist alles drin, was diese beiden Inseln so unverwechselbar und so begehrt machen. Das begrenzte Übernachtungsangebot – und das ist gut so, denn wenn hier Bettenburgen die Sicht auf den Horizont versperren würden, wäre Usedom mit einem Mal wie leer gefegt – gepaart mit der Einsicht, dass es „gleich um die Ecke“ ein wahrhaftes Paradies gibt, sind das Pfund, mit die Doppelinsel wuchern kann.

Auf Usedom urlauben, hieß schon immer auf der Sonnenseite zu stehen. Ebenso auf Wollin. Ein Grenzübertritt, der sich gar nicht so anfühlt, ist das beste Zeichen für Zusammenhalt. Und so merkt man auch gar nicht, wenn man im nächsten Kapitel des Buches schon wieder in einem anderen Land ist.

Rügen Hiddensee Stralsund

Man muss alle rügen, die nichts an Rügen finden. Denn die größte deutsche (Urlaubs-) Insel ist ein Füllhorn an Attraktionen. Auch, aber  nicht vor allem wegen Caspar David Friedrich, der in den vergangenen Jahren auch international einen Aufschwung genommen hat wie ihn einst nur Andy Warhol vermelden konnte. Friedrich hier, Friedrich da. Alles so romantisch. Rügen ist es auch. Doch nur zu einem gewissen Prozentsatz und gewiss nicht ausschließlich.

Wer Rügen sagt, meint vor allem Erholung im engsten Wortsinne. Tief einatmen, und wieder ausatmen. Die Meeresbrise aufsaugen. Kraft tanken. Denn wer Rügen erkunden will, braucht Ausdauer. Und einen kenntnisreichen Tippgeber. So wie Peter Höh es ist. Sein Rügen-Reiseband ist ein gigantisches Kleinod und eine Schatztruhe an Erkundungen. Das reicht vom Besuch der ersten Gorch Fock in Stralsund, was geographisch noch nicht zu Rügen zählt. Aber ohne Stralsund und Brücke und damit verbundenen Wartezeiten ist Rügen nur eine Insel. Und es endet noch lange nicht an den Kreidefelsen (Hallo, Caspar David Friedrich!). Und einfach nur faul am Strand von Glowe rumliegen, ist auch nicht Rügen total. Ein Kurkonzert in Binz? Reicht auch noch nicht für das Komplettpaket Rügen. Ja, was ist es nun das Komplettpaket Rügen?

Knapp dreihundertfünfzig Seiten, 30 Ortspläne, Routenvorschläge, auch fürs reisen mit Kindern oder auf dem Drahtesel, über einhundert Fotos – kurzum: Dieser Reiseband ist das Komplettpaket Rügen.

Wer hier so manchen Sommerurlaub in der Kindheit verbrachte und schon seit Jahren nicht mehr hier war, der erlebt schon beim ersten Durchblättern sein blaues Wunder. Und das hat erstmal gar nichts mit der Farbe der Ostsee zu tun. Es ist der blaue Himmel, im Zusammenspiel mit eben dieser Ostsee und dem unfassbar umfangreichen Angebot, was man hier erleben kann. Schlösser wie das Jagdschloss Granitz, wo Kinder im Nu zu Schlossherren mutieren oder versteckte Ruheoasen wie … nein, die muss man schon selbst suchen und für sich behalten (einige verrät der Autor dann aber doch) bis hin zu empfehlenswerten Orten, die alle Sinne inklusive Magenknurren bestens bedienen.

Die kaum zahlbaren Tipps für allerlei Machenswerte für groß und Klein nicht gespickt mit Öffnungszeiten, Eintrittsgeldern und den obligatorischen Nennungen der Homepage, wo man die letzten offenen Fragen beantwortet bekommt. Dieses Buch bietet mehr Rügen als jede Internetsuche!

Historische Fälschungen

Fake News – ach, wie schön man das herausbrüllen kann … egal, ob es stimmt oder nicht. Und wenn es dann doch einmal stimmt, will’s keiner hören. Weil die Theorien, die längst widerlegt sind, so herrlich ins Bild passen, das man sich selbst erschaffen hat. Es ist schon ein Kreuz mit der Wahrheit. Emanuela Lucchetti hat sich vier exemplarische Fake News vorgenommen und in ihrem Essay unter die Lupe genommen.

Sie beginnt mit der Konstantinischen Schenkung, die schlussendlich den Machtbereich der Katholischen Kirche bis heute prägt. Hier stimmt nichts. Die Wortwahl hätte schon früher auffallen müssen, ist es aber nicht. Die erste Aufarbeitung wurde nur im evangelischen Umfeld verbreitet – sehr ungünstig, wenn man nur die Gegner mit der Wahrheit versorgt. Vertrauen sieht anders aus.

„Die Protokolle der Waisen von Zion“ sind ein anderes Kaliber. Sie dienen – trotz aller Widerlegungen und Beweise, dass der russische Geheimdienst sie verfasste und verbreitete – mit mehr als willigen Helfern) bis heute als religiös erachtetes Pamphlet für die jüdische Weltverschwörung. Und somit als Legitimation Juden generell skeptisch entgegenzutreten und legitimiert jeden Angriff auf sie. In der aktuellen Situation, in der sich der israelische Präsident Netanjahu selbst wie ein blindwütiger Hund, der gegen alles beißt, was ihm in den Weg kommt, kein Grund sie weiter zu verfemen. Ein Graus für jeden, der halbwegs geradeaus denken kann!

Für die meisten sind die Lügen, die zum Irakkrieg führten – und somit Tausende in den Tod schickten, Familien zerstörten, Kulturerbe für immer auslöschten – noch gut in Erinnerung. Colin Powell hielt bei einer Rede vor der UNO ein Röhrchen in die Luft, das den Beweis lieferte, dass der irakische Präsident Saddam Hussein massenhaft Vernichtungswaffen parathält. Ausgedachter Unsinn, um ans Öl zu kommen – zugegeben eine einfacher Sichtweise, doch näher an der Wahrheit als das Powells Röhrchen in der UNO.

Wo Krieg ist, stirbt zu erst die Wahrheit. Das erkannte schon Winston Churchill. Und je einfacher die Lüge, desto einfacher ist ihre Verbreitung. In Mittagspausen, auf Schulhöfen, beim Plausch mit Bekannten und Freunden – sie sind überall. Kleine, fiese Lügen, die man ohne groß nachzudenken weiterreichen kann. Und man immer ein bejahendes Kopfschütteln erntet. Man selbst weiß ja wie der Hase läuft. Und die Studierten mit all ihren Theorien, die kein Mensch versteht, können noch so sehr argumentieren: Ich habe recht! Die in diesem Buch vorgestellten Lügen – und nichts anders sind sie!, basta! – sind keine neuen Erkenntnisse. Dass sie komprimiert noch einmal so eindrücklich dargestellt werden – mit aktuellem Bezug – ist das Verdienst des Werkes. Lesen, nachdenken, handeln!

Rigaer Freiheit

Riga Anfang des Jahrtausends. Das Land, Lettland, wird bald schon zur EU und zur NATO dazugehören. Die nächste große Umwälzung. Für einen Studenten wie den Erzähler zählen diese Dinge erstmal nur am Rande. Er kann es kaum glauben, dass er an der Kunstakademie angenommen wurde. Sein neues Leben erfährt eine für ihn viel wichtigere Umwälzung. Und es ist noch nicht vorbei mit den Veränderungen. Denn er erbt. Nicht unerheblich. Er erbt ein Haus. Ein großes Haus. Ein Mietshaus. An der Freiheitschaussee. Also mittendrin, im Leben. So viel Veränderung muss man erstmal wegstecken. Zusammen mit seiner Omama fährt er zu seinem neuen Besitztum.

Wie alles im Leben so hat auch das Erbe eine zweite Seite. Eine unschöne Seite. Rau, verdorben, echt, aber auch voller Überraschungen. Denn in dem Haus wohnen noch Mieter. Und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Sie sind dem Haus näher als der neue Eigentümer. Die resolute Omama kennt die Mieter. Sie weiß wer wann wieviel Rente bekommt. Und somit auch pünktlich die Miete zahlen könnte. Könnte, ja. Die Hausgemeinschaft ist ein ziemlich runtergekommener Haufen unzuverlässiger Mieter.

Sie wissen wie man mit dem Vermieter umgeht. Als neuer Eigentümer steht man da erstmal mit offenem Mund da. Oder lässt alles seinen Lauf gehen. Schließlich ruft die Akademie…

Svens Kuzmins wirft ein fades Licht auf eine fade Situation. Antriebslosigkeit und eine sich rasch wandelnde Gesellschaft sind die Treibfedern dieser „Rigaer Freiheit“. Wo einst der Stolz der Nation – schließlich haben sich die drei baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland beeindruckend friedlich von der Sowjetunion getrennt – mit Blumen im Haar und allerlei Gesang nach Außen getragen wurde, fallen hier und da Horden von brutalen Skinheads über das Land herein. Unzufriedenheit, Abschottung und Resignation machen sich breit, wo einst Hoffnung blühte. Das geerbte Haus wirkt wie ein Symbol dieser neuen sich entwickelnden Gesellschaft.

Im Kleinen schiebt der Erbe den „Roadhouse Blues“, schippert auf dem „Ship of fools“ gen Sonnenaufgang, „Waiting for the sun“: Immer wenn er „Morrisons Hotel“ von den Doors auflegt, fühlt er sich wie in einer eigenen Welt.

Mal melancholisch, mal absurd witzig – in diesem Spektrum bewegt sich „Rigaer Freiheit“ von Svens Kuzmins. Da, wo die knallharte Realität auf Hoffnungslosigkeit trifft, hinterlässt sie tiefe Risse. Und darin beginnen Pflänzchen zu blühen, die wie dieses Buch wunderbar strahlen.