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Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige

„Die Widerspenstige“ – gleich mal eine Breitseite für alle Nostalgiker. Und zähmen ließ sie sich schon gar nicht. Tanzte nicht im Schuber, um Wein zu pressen. Das war Adriano Celentano. Und der hat mit Ingeborg Bachmann so gar nichts zu tun. Er steht mit 88 noch immer auf der Bühne. Sie ist seit über 50 Jahren tot. Doch beide verbindet, dass man sich wohl immer sie erinnern wird. So auch Ingeborg Gleichauf. Und bestimmt nicht wegen der Namensgleichheit…

Ingeborg unternimmt den Versuch sich Ingeborg zu nähern ohne dabei an der Kleidung zu zupfen, ihr zu nahe zu kommen, ihr auf den Geist zu gehen. Sie will den Geist Bachmanns erhaschen. Ihn auch für sich vereinnahmen. Doch niemals – niemals! – will sie sie entblößen.

In den 50ern war Ingeborg Bachmann einem breiten, aber immer noch Fachpublikum bekannt. Erotisiert fand man ihre Weiblichkeit. Heute würde man es viel direkter ausdrücken. Doch wie?! Ingeborg Bachmann ist immer noch präsent, nicht nur wegen des medial aufgewerteten Wettbewerbs, an dessen Ende einer der höchstdotierten Literaturpreise Europas steht. Hier treffen sich intellektuelle Verballhorner und wahre Literaturliebhaber, auch um Ingeborg Bachmann zu gedenken.

Nun kann man Ingeborg Bachmann einfach nur lesen. In ihre Texte eintauchen. Sich in ihren Worten suhlen. Oder man geht ihr auf den Grund – und nicht dem Leser auf den Wecker. Ingeborg Gleichauf hat sich für beides entschieden.

Den Versuch Bachmann zu entschlüsseln, unternimmt sie erst gar nicht. Sie will aus einem Leben erzählen, das erzählenswert ist. Sie will mit dem Leser und der anderen Ingeborg verreisen – Reisen bildet. Warum also zweifeln?!

Wer sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt hat, stößt oft an Grenzen. Wer ihr nahe kommen will, stößt sich den Kopf an. Ingeborg Gleichauf gelingt der Spagat zwischen Wissensdurst und Selbsterkenntnis zu unterscheiden und bei aller Neugier niemals den Leser loszulassen.

Eine Aufforderung zum Kampf

Als Diktator lebt es sich relativ gemütlich, wenn man die Untergebenen im Griff hat. Das geschieht ausschließlich durch Gewalt. Die muss man sich teuer erkaufen. Denn die willfährigen Helfer fordern auch ihren Tribut.

Saintil ist so ein Diktator. In Haïti. Er hält das Dorf Bois-Neuf im Würgegriff. Eine Armee von Zombies verrichtet stoisch die Arbeit, die sonst keiner macht. Sie füllen die Wampen derer, die keinen Finger krümmen wollen. Selbst vor der Familie macht Saintil keinen Halt. Seine Tochter wird einmal alles erben. Doch nur, wenn sie sich nicht an einen Anderen bindet. Keusch und rein soll sie irgendwann einmal da Ruder in die Hand nehmen. Bis dahin ist sie die gute Fee im bösen Haus. Andernorts sind Diktatoren noch grausamer, zu ihrer Familie…

Doch auch die Zombies haben Gefühle. Gefühle, die sie wortreich und bildhaft nur untereinander teilen. Sie sind willenlose Geschöpfe, die nach Außen wie Maschinen funktionieren. Doch keine Macht der Welt kann ihre Gedanken komplett kontrollieren oder gar ausschalten. Das alles funktioniert nur so lange sie kein Salz in ihrem Essen haben. Das Salz in der Suppe – hier bekommt es einen habhaften Beweis seiner Existenz.

Die Jahre verfliegen, das Leben ist karg, hart, kaum lebenswert. Sultana ist die Tochter von Saintil. Mittlerweile ist sie zu einer jungen Frau herangewachsen. Einer Frau, die Gefühle hat, die Bedürfnisse in sich spürt. In Clodinis findet sie den Mann, ihr Gegenstück, ihre Liebe, die langsam erwacht. Clodinis ist allerdings ein Zombie. Ein Wesen, das zu funktionieren hat. Und es auch tut. Solange … ja, solange ihm das Salz entzogen bleibt. Es kommt wie es kommen muss…

Frankétienne lebte sein Leben lang auf Haïti. Auch während der Duvalier-Diktaturen, zuerst Papa Doc, dann Baby Doc – beide nahmen sich in Sachen Gewalt nicht viel. Sie brachen das Land und die Rückgrate der Menschen. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar und werden auch so schnell nicht verschwinden. Trotz seiner Schriften, die den Herrschern nicht gefallen konnten, lebte Frankétienne immer auf Haïti ohne sich groß verbiegen zu müssen. Seine Bücher sind Kulturgut und Hinterlassenschaften einer reichhaltigen Literaturszene. Er starb 2025 im hohen Alter von 88 Jahren.

„Aufforderung zum Kampf“ ist ein Gleichnis für den Aufstand gegen die Unterdrücker. Das Salz ist der Brocken Hoffnung, dem man den Geknechteten hingeworfen hat. Ihr Aufstand ist dank ihrer Masse Gutes beschieden. Doch die Macht der Wenigen, der Auserwählten, die geschickt ihr Tun verschleiern, ist nicht zu unterschätzen. Die poetische Sprache dieses an sich knallharten Buches ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Schnell liest man sich in eine Welt hinein, die so weit weg scheint und erstaunlich viele Parallelen zur doch so nahen Zukunft aufweist.

Durch Jugoslawien im roten Peugeot Band 1+2

In Artikeln und in Online-Lexika liest sich das alles so einfach. Anfang der 1990er Jahre lösten sich mehrere Länder von Jugoslawien und machten sich selbstständig, was zu kriegerischen Handlungen führte. Jugoslawien gibt es nicht mehr. Jetzt / von nun an gibt es Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Serbien. Allesamt willkommene Länder im Westen – außer Serbien. Die Serben hatten in Jugoslawien die Hoheit, die Oberhand, unterdrückten alles, was nicht serbisch war. Es ist alles so einfach, wenn man im Netz in wenigen Zeilen den brutalen Zerfall Jugoslawiens betrachtet. Dass das natürlich nicht so schwarz-weiß zu sehen ist, dürfte jedem klar sein, der auch nur einen Hauch Geschichtsinteresse in sich trägt.

Als fast schon alleiniger Verbrecher der Greueltaten – die es unbestritten unter serbischer Fahne gab – wurde die gesamte politische und militärische Riege Serbiens ausgemacht. Milosevic – ein Name wie Donnerhall, der sich vor dem Haager Tribunal verantworten musste und stumm den Anklagen lauschte – war die Symbolfigur der Anfeindungen.

Als der Literaturnobelpreisträger Peter Handke sich gegen die in seinen Augen einseitige negative Berichterstattung gegen Serbien stellte, sogar bei der Beerdigung Milosevics anwesend war, brach eine Hasswelle über ihn herein, die ihresgleichen sucht. Massen an Intellektuellen traten aus ihren Elfenbeintürmen heraus und sonnten sich im Angesicht der anfeindenden Sonne. Natürlich ist Peter Handke streitbar. Ob das alles Kalkül war oder ob er einfach nur ein zutiefst anarchistischer, nonkonformitischer Quertreiber ist, dieses Urteil obliegt ganz allein ihm selbst. Seine Wirkung nach Außen hat er nicht verfehlt.

Journalist und Herausgeber einer Jugoslawien-Peter-Handke-Reihe bei Suhrkamp Thomas Deichmann hat Peter Handke auf vielen Reisen nach Jugoslawien und den Nachfolgestaaten begleitet. Im ersten Band von „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“ sind seine Erinnerungen sowie veröffentlichte Texte Handkes zusammengefasst, der zweite Band ist der reich bebilderte Zusatzband.

Für die meisten ist der Krieg auf dem Balkan inzwischen weit weg. Die, die in Uniform daran teilnahmen – nicht vergessen: Die Bundeswehr war damals noch ein zahnloser Tiger im Vergleich zu anderen Armeen – erinnern sich vielmals fast schon nostalgisch an das Drama. Traumata auf deutscher Seite gab es kam bis gar nicht.

Man muss ich in Geduld üben, liest man die Erinnerungen und die Texte Handkes. Auch muss man sich so manches in Erinnerung rufen – und eigentlich gleich wider vergessen. Peter Handke ist streitbar. In Nebensätzen relativiert er viel schroffe Aussagen, um seinen wahren Gedanken Gehör zu verschaffen. Kriege sind nie einfach zu verstehen. Man muss sie nicht verstehen, man muss sie verurteilen. Doch leider sind die Rädelsführer verschlossene Gesellen, die ihre eigentlichen wahren Beweggründe nur selten offenlegen – Ausnahme sind vereinzelte Hetzer und Treiber der Gegenwart der Jahre 2025/26, die offen und verabscheuungswürdig ihre Gründe offenbaren. Der Jugoslawienkrieg war für viele ein Wirrwarr aus Splittergruppen verschiedener Ethnien. Das ließ sich leicht(er) in den Medien transportieren. Die richtige Einordnung des Ganzen gelingt niemandem. Auch nicht Peter Handke. Doch ein derartiges Kompendium seines Werkes während dieser Zeit in den Händen zu halten, ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung all das, was damals passierte ein wenig besser einordnen zu können. Ohne dabei das Zwischen-Den-Zeilen-Lesen zu vergessen.

Aserbaidschan

Schon mal einen Arm in einen Vulkan getaucht? Oder eine echt nostalgische Eisenbahnreise unternommen, die sich wie eine Zeitreise anfühlt? Oder eine Stadt besucht, die auf wenige Jahre alten Postkarten so gar nichts mehr mit der aktuellen Realität zu tun hat? Lust darauf? Dann ist Aserbaidschan die erste Wahl für den nächsten Urlaub. So weit ist das gar nicht mehr weg. Die paar Stunden Flug – mit einigen Umsteigestopps – sind besser zu verkraften als ein Nonstopflug nach zum Beispiel nach Indonesien.

Drei Autoren haben sich dem nahen Fernreiseziel Aserbaidschan angenommen. Philine von Oppeln, Frank Schüttig und Holger Kretzschmar sind unabhängig voneinander in das Land am Kaspischen Meer gereist und haben mehr als nur meterhohe Kaviartürme gesehen. Aber genossen haben sie diese trotzdem!

Die wohl bekannteste Stadt ist Baku, direkt am Kaspischen Meer. Nicht weil dort vor Jahren der ESC ausgerichtet wurde. Städte am Meer haben immer eine besondere Anziehungskraft. So auch Baku. Schrill glänzende Fassaden an futuristisch anmutenden Wolkenkratzern, gepaart mit ursprünglichen Märkten, auf denen das angeboten wird, was das Land und Meer hergeben. Sprachschwierigkeiten inklusive. Aber wie überall auf der Welt sind die mit einem freundlichen Lächeln, Händen und Füßen schnell aus der Welt geschafft.

Und zum Ausgleich, zur Erholung ab ins Hamam. Doch Vorsicht! Meist ist der Eintritt nur für Männer erlaubt. Frauen haben – zumindest im Ağa Mikayi, im Altstadt-Hamam von Baku nur montags und Freitag Eintritt. Muss man gesehen haben, da es eines der letzten typischen (und vor allem alten) Bäder der Hauptstadt ist. Das ist nur ein Tipp, den man beherzigen sollte, wenn man in Aserbaidschan reist, den man in den zahlreichen gelb unterlegten Artikeln findet. Sie sind das Salz in der Suppe – oder doch der Kaviar auf dem ohnehin schon reich gedeckten Infotisch dieses Reisebandes?!

Aserbaidschan ist ohne Zweifel ein Land, das es gilt erkundet zu werden. Fern genug, um richtig abzuschalten. Nah genug, um nicht tagelange Anreisen einzukalkulieren. Es gibt viel zu sehen, wofür man wissenskundige Erzähler braucht. Und vor Ort eine Reiseband, der einem auch die letzte Angst nimmt, in einer scheinbar fremden Welt sich sicher bewegen zu können. Dieser Reiseband erfüllt jeden Wunsch, auch wenn man ihn noch gar nicht kennt.

Südtirol und Trentino

Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass in Italien durchaus auch deutsch klingende Namen (von Orten) gebräuchlich sind, stellt sich ziemlich schnell ein ausgeprägtes Italienurlaubsglücksgefühl ein. Denn das weiche Bressanone klingt doch viel italienischer als das harte Brixen. Aber das sind nur Augenaufreißer, die sich schnell wieder verflüchtigen, wenn man erstmal in die beeindruckende Natur Südtirols eingetaucht ist.

Und um das auch wirklich ganz und gar erleben zu können, ist es wichtig zu wissen, was man sehen muss, und was auf gar keinen Fall verpassen darf. Gunnar Strunz ist hierfür der richtige Wegweiser und sein Reiseband „Südtriol Trentino“ das prall gefüllte Reisewissenspaket, das als Schwergewicht nicht zur Last fällt.

Die Regionen Vinschgau, Meran, Bozen, Eisacktal, Pustertal, Südtiroler Dolomiten und Trentino werden so ausführlich beschrieben, dass Scheitern oder gar Auslassen von wichtigen Sehnsuchtsorten ausgeschlossen wird. Auf über 500 Seiten – der Urlaub beginnt also schon viel früher vor dem Abflug – werden ausführlich und reich bebildert Orte vorgestellt, die man eventuell schon von so mancher Wintersportübertragung aus dem Fernsehen kennt oder aus vereinzelten Heimatfilmen. Vielleicht sind es ja sogar diese Filmausschnitte, die einem dazu brachten Südtirol und Trentino zu besuchen.

Endlose Wanderungen (die natürlich nicht endlos sind, sondern doch irgendwann enden müssen, auch wenn man es sich nicht wünscht) beispielsweise entlang des Avisio sind gespickt mit Zwischenhalten, um die Seele baumeln zu lassen und Augen und Beine zu entspannen. Man gelangt hier auch zum Lago di San Pellegrino. Eine Umrundung dauert nicht einmal eine halbe Stunde. Im Sprudelwasser kann man hier nicht baden, das ist lombardischen Ursprungs – da muss man sich schon rund drei Stunden ins Auto setzen und Richtung Südwesten fahren.

Wenn man doch motorisiert unterwegs ist, so sind sämtliche Hinweisschilder auf Italienisch und Deutsch verfasst. Wer weiß schon, dass Vipiteno auch als Sterzing bekannt ist?! Und je ländlicher es wird, kommt auch noch ladinisch hinzu. Eine Sprache, die stellenweise vertraut klingt, doch im Gegenzug schwer verständlich ist. Aber das gibt sich schnell, wenn man den empfohlenen Routen des Buches folgt man sich der Umgebung hingibt.

Dieser Reiseband ist ein Leisetreter. Kaum merklich wird man dazu verführt Südtirol, Trentino zu besuchen. Die Angst, sich hier zu verlieren, verschwindet hinter der Aufregung vor den unzähligen Abenteuern, die man hier noch erleben kann. Überraschungspaket mit Erlebnisgarantie.

Usedom und Wollin

Hier wird Europa Wirklichkeit. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten Ost auf Ost traf, verbinden sich heute Osten und Westen auf ganz natürliche Weise. Von Peenemünde bis Dziwnów, von Bansin bis Wolin – Usedom hat schon lange fahrt aufgenommen und präsentiert sich wie eh und je als Sehnsuchtsort für alle, die schon viel von der Welt gesehen haben oder denen die Ostsee näher ist als die Karibik.

Usedom und Wollin – hier gibt’s so einiges im Doppelpack. So gibt es die Insel Usedom als auch die „Hauptstadt“ Usedom. An den nördlichen Ufern sonnt man sich an der Ostsee, im Süden an ruhigen Binnengewässern wie dem Stettiner Haff oder dem Achterwasser

Nur die Kaiserbäder, die gibt’s gleich dreimal. Ahlbeck, Bansin und das berühmte Heringsdorf. Ein Spaziergang entlang der eleganten, eindrucksvollen Villen mit Strandblick entlohnt für so manche Zeit im Stau auf dem Weg in die Sonne. Grażyna und Wolfgang Kling sind die stillen Flüsterer im Vordergrund, die dem Leser/Besucher Usedom und Wollin so nahe bringen, dass man sich schon bei Ankunft wie ein Einheimischer fühlt. Dabei achten sie besonders darauf, dass das Gleichgewicht zwischen dem Offensichtlichen und dem teils Verborgenen gewahrt bleibt.

Dieser Reiseband strotzt nur so vor Informationen. Blau unterlegte Infokästen sind die knackigen Antworten auf kurzfristige Fragen. Zahlreiche Karten erleichtern die Orientierung lassen das Handy dort, wo es im Urlaub hingehört, in der Tasche. Die gelb unterlegten Kästen sind unterhaltsame Wissenslückenfüller, die eine kurze (Lese-) Rast zur wissbegierigen Pause wandeln.

Hier ist alles drin, was diese beiden Inseln so unverwechselbar und so begehrt machen. Das begrenzte Übernachtungsangebot – und das ist gut so, denn wenn hier Bettenburgen die Sicht auf den Horizont versperren würden, wäre Usedom mit einem Mal wie leer gefegt – gepaart mit der Einsicht, dass es „gleich um die Ecke“ ein wahrhaftes Paradies gibt, sind das Pfund, mit die Doppelinsel wuchern kann.

Auf Usedom urlauben, hieß schon immer auf der Sonnenseite zu stehen. Ebenso auf Wollin. Ein Grenzübertritt, der sich gar nicht so anfühlt, ist das beste Zeichen für Zusammenhalt. Und so merkt man auch gar nicht, wenn man im nächsten Kapitel des Buches schon wieder in einem anderen Land ist.

Rügen Hiddensee Stralsund

Man muss alle rügen, die nichts an Rügen finden. Denn die größte deutsche (Urlaubs-) Insel ist ein Füllhorn an Attraktionen. Auch, aber  nicht vor allem wegen Caspar David Friedrich, der in den vergangenen Jahren auch international einen Aufschwung genommen hat wie ihn einst nur Andy Warhol vermelden konnte. Friedrich hier, Friedrich da. Alles so romantisch. Rügen ist es auch. Doch nur zu einem gewissen Prozentsatz und gewiss nicht ausschließlich.

Wer Rügen sagt, meint vor allem Erholung im engsten Wortsinne. Tief einatmen, und wieder ausatmen. Die Meeresbrise aufsaugen. Kraft tanken. Denn wer Rügen erkunden will, braucht Ausdauer. Und einen kenntnisreichen Tippgeber. So wie Peter Höh es ist. Sein Rügen-Reiseband ist ein gigantisches Kleinod und eine Schatztruhe an Erkundungen. Das reicht vom Besuch der ersten Gorch Fock in Stralsund, was geographisch noch nicht zu Rügen zählt. Aber ohne Stralsund und Brücke und damit verbundenen Wartezeiten ist Rügen nur eine Insel. Und es endet noch lange nicht an den Kreidefelsen (Hallo, Caspar David Friedrich!). Und einfach nur faul am Strand von Glowe rumliegen, ist auch nicht Rügen total. Ein Kurkonzert in Binz? Reicht auch noch nicht für das Komplettpaket Rügen. Ja, was ist es nun das Komplettpaket Rügen?

Knapp dreihundertfünfzig Seiten, 30 Ortspläne, Routenvorschläge, auch fürs reisen mit Kindern oder auf dem Drahtesel, über einhundert Fotos – kurzum: Dieser Reiseband ist das Komplettpaket Rügen.

Wer hier so manchen Sommerurlaub in der Kindheit verbrachte und schon seit Jahren nicht mehr hier war, der erlebt schon beim ersten Durchblättern sein blaues Wunder. Und das hat erstmal gar nichts mit der Farbe der Ostsee zu tun. Es ist der blaue Himmel, im Zusammenspiel mit eben dieser Ostsee und dem unfassbar umfangreichen Angebot, was man hier erleben kann. Schlösser wie das Jagdschloss Granitz, wo Kinder im Nu zu Schlossherren mutieren oder versteckte Ruheoasen wie … nein, die muss man schon selbst suchen und für sich behalten (einige verrät der Autor dann aber doch) bis hin zu empfehlenswerten Orten, die alle Sinne inklusive Magenknurren bestens bedienen.

Die kaum zahlbaren Tipps für allerlei Machenswerte für groß und Klein nicht gespickt mit Öffnungszeiten, Eintrittsgeldern und den obligatorischen Nennungen der Homepage, wo man die letzten offenen Fragen beantwortet bekommt. Dieses Buch bietet mehr Rügen als jede Internetsuche!

Historische Fälschungen

Fake News – ach, wie schön man das herausbrüllen kann … egal, ob es stimmt oder nicht. Und wenn es dann doch einmal stimmt, will’s keiner hören. Weil die Theorien, die längst widerlegt sind, so herrlich ins Bild passen, das man sich selbst erschaffen hat. Es ist schon ein Kreuz mit der Wahrheit. Emanuela Lucchetti hat sich vier exemplarische Fake News vorgenommen und in ihrem Essay unter die Lupe genommen.

Sie beginnt mit der Konstantinischen Schenkung, die schlussendlich den Machtbereich der Katholischen Kirche bis heute prägt. Hier stimmt nichts. Die Wortwahl hätte schon früher auffallen müssen, ist es aber nicht. Die erste Aufarbeitung wurde nur im evangelischen Umfeld verbreitet – sehr ungünstig, wenn man nur die Gegner mit der Wahrheit versorgt. Vertrauen sieht anders aus.

„Die Protokolle der Waisen von Zion“ sind ein anderes Kaliber. Sie dienen – trotz aller Widerlegungen und Beweise, dass der russische Geheimdienst sie verfasste und verbreitete – mit mehr als willigen Helfern) bis heute als religiös erachtetes Pamphlet für die jüdische Weltverschwörung. Und somit als Legitimation Juden generell skeptisch entgegenzutreten und legitimiert jeden Angriff auf sie. In der aktuellen Situation, in der sich der israelische Präsident Netanjahu selbst wie ein blindwütiger Hund, der gegen alles beißt, was ihm in den Weg kommt, kein Grund sie weiter zu verfemen. Ein Graus für jeden, der halbwegs geradeaus denken kann!

Für die meisten sind die Lügen, die zum Irakkrieg führten – und somit Tausende in den Tod schickten, Familien zerstörten, Kulturerbe für immer auslöschten – noch gut in Erinnerung. Colin Powell hielt bei einer Rede vor der UNO ein Röhrchen in die Luft, das den Beweis lieferte, dass der irakische Präsident Saddam Hussein massenhaft Vernichtungswaffen parathält. Ausgedachter Unsinn, um ans Öl zu kommen – zugegeben eine einfacher Sichtweise, doch näher an der Wahrheit als das Powells Röhrchen in der UNO.

Wo Krieg ist, stirbt zu erst die Wahrheit. Das erkannte schon Winston Churchill. Und je einfacher die Lüge, desto einfacher ist ihre Verbreitung. In Mittagspausen, auf Schulhöfen, beim Plausch mit Bekannten und Freunden – sie sind überall. Kleine, fiese Lügen, die man ohne groß nachzudenken weiterreichen kann. Und man immer ein bejahendes Kopfschütteln erntet. Man selbst weiß ja wie der Hase läuft. Und die Studierten mit all ihren Theorien, die kein Mensch versteht, können noch so sehr argumentieren: Ich habe recht! Die in diesem Buch vorgestellten Lügen – und nichts anders sind sie!, basta! – sind keine neuen Erkenntnisse. Dass sie komprimiert noch einmal so eindrücklich dargestellt werden – mit aktuellem Bezug – ist das Verdienst des Werkes. Lesen, nachdenken, handeln!

Monsieur Eiffel und sein Turm

Über Gustave Eiffel kann man sicher einiges behaupten: Ein Hallodri sei er gewesen, wenn man sein Engagement bei der Finanzbeschaffung für den Bau des Panama-Kanals betrachtet. Aber er war auch ein Visionär, um dieses strapazierte Wort noch einmal zu strapazieren. Einfach mal so einen Turm in die Weltmetropole Paris zu bauen, damit möglichst viele Besucher zur Weltausstellung 1889 kommen. Er wird ja danach eh wieder abgerissen. Doch es gibt bis heute nur wenige Bauwerke, die den Namen ihres Erbauers tragen und so weithin dauerhaft als Symbol einer Stadt, in Eiffels Fall sogar eines ganzen Landes gelten. Diese elegante Form, geometrisch perfekt, so spielerisch einfach einsetzbar. Man denke nur an das leuchtende Farbenspiel am Abend oder während der Olympischen Spiele 2024 in Paris. Doch Gustave Eiffel war auch ein Kämpfer. Er musste kämpfen. Denn sein Unterfangen den Turm zu bauen – keineswegs wollte er ihn nach sich benennen – war stets umstritten, stand mehrmals vor dem Aus, und war zudem auch noch Spekulationsobjekt Nummer Eins seiner Zeit. Immer verbunden mit dem Namen Eiffel.

Gustave Eiffel ist kein Einzeltäter. Einzeltäter im Sinne von „Einmal bauen und sich dann auf dem Ruhm ausruhen“. Er hat auch anderswo auf der Welt seine Spuren hinterlassne. Wer in Porto den Douro über die Ponte Dom Luís I überquert, setzt seinen Fuß auf Eiffels Werk. Seine Firma hat diese Brücke gebaut.

Eiffels Leben verlief nie geradlinig. Immer wieder stieß er auf Widerstände. Firmen gingen Pleite, seine Vision stießen nicht von Anfang an auf pure Freude. Er musste stets kämpfen. Mit Erfolg, muss man heute neidlos anerkennen.

Als die Kassen der Firma prall gefüllt waren – ja, es gab auch diese Zeiten – nahm das Projekt Eiffelturm, was da noch nicht so hieß, Gestalt an. Schlank sollte der Turm sein. Ein Zeugnis sein, was Ingenieurskunst imstande war zu leisten. Oder ganz schnöde gesagt, es durfte nicht viel kosten. Und trotzdem zum Imponieren taugen. Spezielle Verfahren zur Stabilisierung mussten entwickelt werden. Dafür hatte Eiffel ein gut gerüstetes und motiviertes Team in seinen Reihen. Er hat bei Weitem nicht alles selbst entworfen, geschweige denn gebaut. Nieten als Verbindungsmittel waren damals der letzte Schrei und sind bis heute das Mittel der Wahl.

Ralf Klingsiecks Biographie über den großen Gustave Eiffel liest sich wie ein Abenteuerroman. Jules Verne hätte seine Freude daran. Das gleichnamige Restaurant in der zweiten Etage des Turms trägt nicht umsonst den Namen des technikaffinen Schriftstellers. Die Leichtigkeit, mit der der Autor dem gewaltigen Werk des Erbauers ein weiteres Denkmal setzt, lässt diese Biographie aus dem Stapel der Biographien einzigartig herausragen.

Wien 2000 Jahre Geschichte

Zweitausend Jahre Geschichte kann man sicher auch in einem Taschenbuch unterbringen. Dann aber in ganz kleiner Schrift und ohne Bilder. Wiens Geschichte, die nun mittlerweile rund zweitausend Jahre andauert, muss so prachtvoll wie die Stadt selbst angeboten werden. Mit all ihren Klischees und den kleinen versteckten Hinweisen, die man dank dieses Buches auf Anhieb finden wird. Ansonsten könnte man beim Schnitzel auch die Panade weglassen. Ist möglich, aber …

Vindobona – das war einmal. Römische Stadt mit der Neigung einmal groß herauszukommen. Die Habsburger haben diesen Traum dann zur Vollendung gebracht, und heute gehört Wien zu den lebenswertesten Städten weltweit. Obwohl erst kürzlich Zürich in diesem Ranking an Wien vorbeigezogen ist.

Edgard Haider ist Historiker und ist ein echter Kenner seiner Stadt. Und das spürt man auf jeder Seite, jedem Absatz, jeder Zeile dieses Buches. Bilder sind immer ein echter Hingucker, und Wien bietet ein Füllhorn an grandiosen Fotomotiven. Dem Autor obliegt es nun diese Bilder mit Wissen anzureichern. Mission erfüllt. Selbst wer schon öfter in Wien war und meint sich auszukennen, wird nach einigem Umblättern immer wieder feststellen, dass er überrascht werden kann. Nur wenige können mit dem „O5“-Zeichen am Stephansdom den aktiven Widerstand gegen die Nazis in Verbindung bringen.

Wer auch nur ein bisschen in diesem Band herumblättert – ohnehin wird es nicht dabei bleiben, man beginnt ganz automatisch die Zeilen aufzusaugen – fühlt sich wie bei einem Rundflug über die Stadt. Farbenprächtig wird es nicht erst mit der Renaissance und der folgenden Reformation. Allein schon der Abschnitt über den „lieben Augustin“ sorgt einmal mehr für einen Aha-das-kenne-ich-doch-aber-die-geschichte-dahinter-kenne-ich-nicht-Ausruf.

Die Entstehung der Ringstraße ist nicht minder prunk- und schwungvoll wie der Wiederaufbau nach den braunen Jahren. Architektonische Aufmerksamkeiten wie der Karl-Marx-Hof oder der Wohnpark Alterlaa gehören zu Wien und diesem Buch wie die historischen Aufnahmen der Dreharbeiten zu „Der dritte Mann“ und das Mahnmal an die ermordeten Juden am Judenplatz.

Der einfach gehaltene Titel „Wien – 2000 Jahre Geschichte“ hält im Inneren viel mehr parat als man es erwarten darf. Die Texte sind für jedermann ein Zugewinn, wenn man einige Zeit hier verbringen will.