Archiv der Kategorie: aus-erlesen bella

Das Land wo die Eiscreme wächst

Hier schließt sich der Kreis. Die Droogs treffen sich regelmäßig in der Moloko-Bar. Ein Haufen harter Kerle hocken zusammen und trinken Milch. Was ein Gegensatz! Wie kommt man darauf? Das wird klar, wenn man ein anderes Werk von Anthony Burgess – dem Autor von „Uhrwerk Orange“ – liest. Es steckt ebenso voller Phantasie, jedoch auch voller Träumereien von einem paradiesischen Land, „Das Land wo die Eiscreme wächst“. Der Erzähler bricht nach einem für ihn und seine Freunde dramatischen Erlebnis auf, um dieses Land zu besuchen. Denn in einem Restaurant sitzt ein Gast, der alles versucht, um Eis aus dem Weg zu gehen. Er war schon dort, in dem Land wo die Eiscreme wächst. Körperlich stark, charakterlich schwach. Es war ihm zu viel. Zu viel Eis! Wie soll das denn gehen?! Einen Rat gibt er den Eisforschern mit auf den Weg: Nicht mit dem Flugzeug anreisen. Der Zeppelin ist das Verkehrsmittel der Wahl.

Denn nur so kann man gefahrlos an einer der zahlreichen gigantischen Eistüten andocken. Alles klar? Alles klar! Alles klar. Das Eiscremeland ist keine terra incognita. Man weiß, dass es hier zum Beispiel den Vanillegipfel gibt, und die Wassereiskuppe, die Baiseralpen, die sich aus der Lutschiama erheben. Der Gipfel des Genusses ist der Schokolatépetl. Schon allein dafür lohnt es sich zumindest einen Blick in dieses Buch zu werfen. Wenn dann die Zeichnungen von Fulvio Testa – er hat sich mehr als nur einen Kopf gemacht, dieses Wortspiel muss einfach sein – einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, ist man dem Buch hilflos ausgeliefert. So wie der Erzähler, Tom und Jakob dem Drang nachgeben das Land zu besuchen, das insgeheim ihr bisheriges Leben bestimmt.

Dieses Land ist ein ganz normales Land. Nur, dass hier eben alles aus Eis ist … und ein paar Waffeln. Hier läuft alles ganz „normal“ ab. Die Woche beginnt mit dem Mampftag und endet mit dem Salontagabend. Wie wohl der Freitag hier genannt wird?! Kleiner Tipp: Das FREI bleibt erhalten in dieser eiskalten (!) Umgebung.

Träume sind dazu da, um gelebt zu werden. Und wie kann man sich diesem Traum verschließen?! Es ist schier unmöglich. Wer Anthony Burgess mit der rauen Welt von „Uhrwerk Orange“ verbindet, wird hier in ein Land reisen, in der niemand – auch nicht von dem einzigen Bewohner des Landes, einem riesengroßen Monster mit beschränktem Wortschatz (welches Wort das wohl ist…)  niemand mit Spazierstöcken traktiert oder des Nachts überfallen und anschließend einer gehörigen Gehirnwäsche unterzogen wird. Klassik gibt’s auch. Denn was ist klassischer als ein italienischer Eisladen, der Luigi gehört und Kinder mit offenen Armen empfängt. Tata.

Quartett

Zum Quartett gehören Vier. Das ist unumstößlich. Sobald eine oder einer fehlt, ist es nicht mehr dasselbe. Und schon gar kein Quartett! Lorenzo Verro ist Mitglied des Musikerquartetts Arcimboldo. Sie sind erfolgreich, spielen Verdi, Brahms, Mozart. Nach einem umjubelten Touraufktakt wollen die Vier – das Quartett – noch ein bisschen feiern. In einem kleinen ristorante, ruhig, abgelegen, für sich allein. Lornezo schafft es nicht bis dahin. Er wird in einer engen Gasse erstochen. Um Mitternacht herum.

Commissario Di Bernardo leitet die Ermittlungen. Der Morgen beginnt wie er zu beginnen hat. Bei einem Caffè in seinem Büro. Alle sind da. Genießen die Vorzüge einer exzellenten Kaffeemaschine. Und die Ruhe vor dem Sturm, wenn der Chef wieder seine reden schwingt. Das Team kennt sich. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Einer fehlt, was durch Giulia, die Neue aber erstklassig ausgeglichen wird. Dann kommen die Fakten zum Mordfall in der Nacht.

Es ist regnerisch im römischen Herbst des Jahres 2025. Das kann man schnell mal ausrutschen. Ein Ausrutscher war der Mord am ersten Geiger des Quartetts bestimmt nicht. Das war gut geplant und noch besser umgesetzt. Denn Di Bernardo und sein Team tappen verdammt lange im Dunkeln, und das liegt nicht an der Jahreszeit! Schnell ist klar, dass das Quartett Arcimboldo auf der Bühne einwandfrei funktioniert. Doch wie so oft – Di Bernardo hatte schon einmal einen Mord in Künstlerkreisen, sein Name war der titelgebend für den Vorgängerroman – herrscht hinter den Kulissen nicht nur ungetrübte Eintracht.

Die Neue, Giulia, macht sich gut in der Truppe, Manchmal etwas ruppig. Das gefällt Di Bernardo fast schon. Doch auch sie tut sich schwer mit dem Motiv für die Tat.

Natasha Korsakova ist Violinistin, selbst Künstlerin auf hohem Niveau. Ihre Kenntnis von der Branche und der Musik, gepaart mit dem Drang als Schriftstellerin auch andere Kunstinteressierte zu begeistern, machen auch dieses Mal nicht Halt vor großen Erwartungen. Sie erfüllt jeden Wunsch nach Spannung und geschickt verquickten Verbindungen. Sanft streicht der Spannungsbogen über den Klangkörper des Verbrechens. Der Täter summt noch im Verborgenen vor sich hin bis er im furiosen Finale die Waffen streckt und im Jammertal der Schuld sein Ende findet.

Und auf die Ohren gibt’s auch noch was! An mehreren Enden der Kapitel verführen QR-Codes zum Weiterhören. Von Verdi bis Mozart gibt es die passende musikalische Untermalung. Stimmungsvoller kann der Musiksommer 2026 nicht beginnen!

Friaul-Julisch Venetien

Je mehr Leute man fragt wie für sie der perfekte Urlaub aussieht desto unterschiedlicher fallen die Antworten aus. Berge oder Meer, Stadt oder Land – das sind die am meisten gestellten Fragen und natürlich auch Antworten. Darüber hinaus gibt es noch unendlich viele Möglichkeiten sich die schönste Zeit des Jahres zu versüßen. Der Eine möchte sich kulinarisch rund um die Uhr versorgen lassen. Andere sehnen sich nach antiken Stätten oder Orten, die auch in der jüngeren Geschichtsschreibung bedeutsam waren. Oder man möchte einfach nur durch Häuserschluchten wandeln, die Meter für Meter ein wohliges Gefühl verursachen, weil Ästhetik nun mal im Auge des Betrachters liegt. Ach, wie schön wäre es doch, wenn man alles auf einmal bekommen könnte?!

Kann man doch! Ist doch gar kein Problem! Eberhard Fohrer macht Appetit auf Meer, Geschichte, Berge, Architektur und leckere Teller. Wo? Im Nordosten Italiens. Auf der Landkarte gleich rechts neben Venedig. Friaul-Julisch Venetien. Klingt erstmal wie noch nie gehört. Außer vielleicht Venetien. Doch dann erscheinen Ortsnamen wie Aquileia, Triest, Grado, das Isonzo-Tal, Udine – hat man schon mal wahrgenommen. Und das ist der Moment, in dem der Autor den Leser am Haken hat. Sofern der nicht eh schon voller Vorfreude sich dem Buch widmet und staunt, dass es einen Reiseband über seine vermeintlich liebste Urlaubsregion gibt.

Hier am oberen hinteren Schaft des Stiefels steht man in einem Tal und legt nach stundenlangen Wanderungen voller Eindrücke den Kopf in den Nacken und kann immer noch nicht die Spitze des Berges sehen. Erholung verschafft dann ein Bad in der nördlichen Adria, der man schon am Morgen einen besuch abgestattet hat, wenn die Fischer ihren Fang anbieten. Und dann blickt man zurück und hält inne und hält sich noch einmal vor Augen wie vor über hundert Jahren im Isonzo-Tal fürchterliche Schlachten im 1. Weltkrieg unsägliches Leid verursachten. Bevor man dann in einer Osteria Kraft tankt und den Geschmacksinn schärft.

Für die kleinen, oft immer noch versteckten Routen und „Heißen Punkte“ sorgt der Autor schon. Darauf kann man sich garantiert verlassen. Wo andere stur geradeaus laufen, biegt Eberhard Fohrer zusammen mit dem Leser ab. Und zeigt, warum es sich lohnte nicht der Herde zu folgen, sondern einen Umweg zu nehmen. Augen, Ohren, Nase werden es danken.

Palmanova ist sicherlich so ein Juwel. Juwel trifft es ziemlich exakt. Denn Juwelen, besonders Diamanten werden in geometrischen Formen so geschliffen, dass ihr Glanz sich eindringlich in den Erinnerungen festsetzt. Aus der Luft betrachtet ist die Stadt mit ihren knapp mehr als fünftausend Einwohnern ein Schmuckstück und verzückt nicht nur durch ihre exakte Form. Die Straßenverläufe sind nicht minder exakt gezogen. Da kann man schnell mal vergessen nach Links und Rechts zu schauen. Und genau deswegen ist dieser Reiseband ein unerlässlicher Begleiter mit unzählbaren nützlichen Tipps, die man fast schon im Vorbeigehen (im einfachen Lesen) mit auf den Weg bekommt.

Kalabrien und Basilikata

Hier ist die Sonne zuhause! Kalabrien bedeutet vor allem erstmal Sonnetanken. Dann kommt der Sprung ins im Hochsommer niemals kühle Nasse. Darauf folgen unmittelbar Genüsse, die zuweilen gehörig auf der Zunge brennen. Nduja, die scharfe streichfähige Salami ist das nur die (bekannteste) Spitze des Genussberges. Die Einwohner von Spilinga (es sind nur etwas mehr als tausend) sind felsenfest davon überzeugt diesen scharfen Leckerbissen erfunden zu haben. Wenn, dann hier unbedingt probieren.

Reichlich fünfzig Kilometer südlich schlägt der Geschmack ins Gegenteil um. Worum handelt es sich wohl? Na klar: Gelato. Doch nicht irgendeines. Sondern das aus der Antica Gelateria Fortino. Weltmeisterlich, momentan die einzige squaddra, die mit diesem Titel hausieren gehen darf… Das Schokoladeneis wurde tatsächlich als das beste der Welt gekürt. Von Experten, nicht nur Leckermäulchen.

Das sind nur zwei kleinere Geschichten, die man so nur in diesem Reiseband über Kalabrien und Basilikata findet. Die Region Basilikata erlebt seit nicht einmal einem Jahrzehnt einen Aufschwung, der ohne Vergleich ist. Seitdem Matera, die Stadt, in der man immer noch in in den Felsen geschlagenen Grottenwohnungen übernachten kann (Allerdings nicht mehr zu Preisen wie vor zehn Jahren!) 2019 Kulturhauptstadt Europas war, wird die Stadt besonders im Sommer von Massen überflutet. Jeder macht das eine, einzigartige Foto dieser Sassi und denkt, dass er mit diesem einen Foto und den sozialen Medien für immer ausgesorgt hat. Francis Ford Coppola kommt von hier, der Regisseur des „Paten“. Und er hat hier auch ein Hotel. Wunderschön, aber auch zu Preisen, die im Hochsommer den Preis eines Kleinwagens locker übersteigen können.

Zerklüfftete Felsen, an denen sich das Meer bricht, endlose Sandstrände, die man nur selten für sich allein hat (es sei denn, dass man Autorin Annette Krus-Bonazza folgt, und ihren Tipps folgt) und ein sorgenfreier Urlaub sind die Hauptbestandteile dieser beiden Regionen. Lauschige Bergseen, idyllische kleine Städtchen und immer wieder die schwierige Frage, wie man sich des Tags oder am Abend genüssliche genug Energie aneignet, um am nächsten Tag das nächste Geheimnis Kalabriens und der Basilikata zu lüften. Denn davon gibt es immer noch jede Menge. Die Autorin gibt nicht nur die Richtung vor, sondern führt oft auch genau dorthin.

Auch wer sich noch nie traute in Kalabrien zu urlauben –  vorurteilsbeladene Gründe gibt es ja immer noch – kommt schließlich doch zu dem Entschluss, dass man sich hier göttlich erholen kann … man muss nur wissen, wo das am besten geht. Achtung Spoiler: Dieser Reiseband kommt der Lösung verdammt nah!

Orient-Express

Das waren noch Zeiten. In Paris in den wohl luxuriösesten Zug der Welt einsteigen und erst tage, Wochen später am anderen Ende Europas, in Istanbul diesen wieder zu verlassen. Dazwischen lagen endlose Stunden, Tage in Salons, die man nur in steifer Montur betreten durfte. Man saß zu Tisch. Und vielleicht gab es auch mal einen Mord, der einen den gestärkten Kragen verdammt eng werden ließ. Das war der Orient-Express, den wir aus Büchern und Filmen kennen. Und der noch immer das Bild von gediegener Eleganz vermittelt. Das war einmal. Man kann zwar noch von Paris nach Istanbul reisen, aber…

Eine Reise von Paris nach Istanbul – für Viele ist es mittlerweile INSTAbul – ist immer auch eine Reise in die Gegenwart. Wie lebt man heute zwischen den Millionenmetropolen? Welche Unterscheide gibt es und wie sehr sind sie spürbar? Dennis Gastmann geht diesen Fragen nach. Entlang der Route des berühmten Orient-Expresses. Heute wie damals lassen sich hervorragend Geschichten sammeln.

Wenn man in Paris startet, kommt man nicht um ein Thema herum: Mode. Besonders, wenn man während der nicht minder berühmten Modenschauen während der fashion week in der Stadt ist. Er übernachtet dort, wo man schon früher übernachtete bevor man nächsten Tages das Eisenross bestieg und gen Osten zu reisen. Der Glanz ist ab. Ein Gerüst verhüllt das, was einmal war und nun mit dem Bohrhammer in die gegenwärtige Zukunft transformiert werden soll.

Es gibt noch einen gewaltigen Unterscheid zu „damals“. Damals stieg man in den Zug und erst wieder aus, wenn man am Ziel war. Heute sind Zugwechsel notwendiges Übel. Nach Venedig gelangt Gastmann nur über die Schweiz und Milano, wo ihm auch gleich der neue Geist begegnet. In Gestalt einer Frau. Der Frau, die Italien regiert. Schon wieder ein „damals“ … und nicht das Letzte. In Triest wird es noch deutlicher als er dem Bürgermeister begegnet. Ein ewig gestriger Fürst, der Zukunft zugewandt, doch im Inneren sind er und Meloni das Traumpaar der Rechten.

Der Balkan hat sich noch viel von seinem spontanen Charme bewahren können. Noch! Wo man damals aus dem Fenster schaute, angstvoll, ob nicht irgendwelche Horden der Luxuszug angreifen, keimt hier Hoffnung und wird im gleichen Atemzug von der Rasanz der Entwicklung im Beton begraben. Bulgarien bietet dem Autor den wohl größten Gegensatz. Von ausgelassener Lebensfreude bis in die dunkelsten Ecken eines Armenviertels treibt es ihn auf seiner Route des Orient-Expresses. Sicherlich auch Ecken, die schon „damals“ keiner der Zugreisenden besuchte.

Dennis Gastmanns Orient-Reise ist ein ewiges Rätsel. Was lauert hinter der nächsten Biegung, und das ist mehr im übertragenen Sinne zu verstehen, und wie kann man sich darauf einlassen? Europa als Spielwiese für Träume, die man sich erfüllen kann oder doch Projektionsfläche für alles, was schiefgeht. Von Paris nach Istanbul zu reisen ist immer noch ein Abenteuer, nur halt anders. Europa bewegt sich also doch?!

Drei Frauen

Es ist wie der wahr gewordene Traum eines Politikers, der aus Alternativlosigkeit dem Volke ans Herz legt sich um sich selbst zu kümmern: Drei Frauen in einem Haus, die füreinander da sind – egal, was das Leben für sie parathält.

Doch so traumhaft ist die Konstellation dann doch nicht. Da ist zum Einen Gesuina. Ehemalige Schauspielerin, das Oberhaupt des Trios. Sie nimmt das Leben locker. Sie kann sich an der Schönheit des anderen Geschlechts ergötzen ohne zum äußersten zu gehen. Die Affäre mit dem jungen Bäcker ist quasi die logische Schlussfolgerung.

Zum Anderen ist da Maria. Übersetzerin, Literatur- und Kunstversessene. Sie verweigert sich ganz und gar der modernen Technik. Ein Handy kommt ihr nicht in den Alltag. Sie schreibt Briefe. An Francois. Ihrem Geliebten. Ihm klagt sie, ihm gesteht sie ihre Sehnsüchte. Maria ist die Tochter von Gesuina.

Und dann ist da noch Lori, Loredana. Tochter von Maria und somit Enkelin von Gesuina. Bald wird sie das Gymnasium beendet haben. Doch weiter reichen ihre Pläne nicht. Vielleicht mit Tulú. Doch da ist sie sich nicht ganz sicher. So wie sie überhaupt nicht sicher ist, was irgendwann mit ihr geschieht, was sie aus ihrem Leben machen kann und will.

Jede hat ihre Ansichten. Über das Leben, den Tag und die Anderen. Das Leben vergeht, die Tage verrinnen, die Anderen sind immer da. Langweilig wird’s bei ihnen nicht. Die Jüngste ist pikiert über das Verhalten der nonna, die Mittlere fühlt sich als Haushaltskraft missbraucht. Die Älteste beobachtet teils amüsiert das wilde und das trübe Treiben ihrer Mitbewohnerinnen, die nun aber auch ihre Familie sind.

Dann steht Francois auf der Matte. Wortwörtlich steht er auf dem Türvorleger und begehrt Einlass. Ein gutaussehender Mann. Das weiß Maria zu schätzen, den beiden Anderen bleibt dieser Fakt auch nicht unerkannt. Es ist kurz vor Weihnachten. Schon bald werden er und Maria zusammen in den Urlaub fahren. Es ist ja nur kurz, dass der Mann die drei Frauen aus ihrer Routine holt. Physisch gesehen stimmt das. Emotional ist er ein Tsunami. Und die Wellen werden hoch schlagen, werden so manches fest in der Erde gemauerte Dogma erschüttern und zum Einsturz bringen.

Dacia Maraini braucht keine Massen an Akteuren, um die Komplexität von Beziehungen darzustellen. Das Trio ist vollkommen ausreichend, um ein spannungsgeladenes Jahr zu präsentieren. Ein Jahr, das jeder der Drei in Erinnerung bleiben wird. Aus den unterschiedlichsten Gründen…

Herbsterzählung

Nun könnte man meinen, dass der Spruch „Vom Regen in die Traufe kommen“ eher ins Reich der Floskeln gehört, die man von sich gibt, wenn einem endlose Diskussionen wenig ertragreich erscheinen. Dem Erzähler in diesem Buch wäre das wohl auch lieber.

Er pirscht durch die Höhne des italienischen Apennin. Er ist auf der Flucht vor den Besatzern. Hinter jedem Baum könnte ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet sein. Diskussionen gäbe es keine. Nur Blei. Einmal hätten sie ihn fast erwischt. Fast! Ein wenig Hoffnung schöpft er als er ein scheinbar verlassenes Haus entdeckt. Was heißt Haus?! Ein Anwesen. Mächtig, trutzig, ein wenig runtergekommen. Aber als Versteck fast ideal. Fast! Nach eingängiger Erkundungstour blickt er … in die Augen eines grimmigen Alten – wohl der Hausbesitzer – und in die Augen zweier mehr als willige Wachhunde. Mit Engelszungen redet er auf den Alten ein. Ein Lager für die Nacht erbittet er. Man gewährt ihm die Bitte.

Der nächste Morgen – die Nacht war erquicklich – soll ihm Gewissheit verschaffen, wo er sich befindet. Geographisch ist die Lage unklar. Doch der Geist ist ruhig. Er fühlt sich fast sicher. Fast.

Denn hier im Nirgendwo stimmt was nicht. Das Anwesen ist von jahrhundetealter Pracht. Verkommene Pracht – wenn er wüsste wie nah er an der Wahrheit ist mit seinen Eindrücken… Der Alte ist immer noch mürrisch. Ihn stört es, dass der fremde Eindringling überall herumstöbert. Und nicht aufhört Fragen zu stellen. In den Gesprächen schwant dem Flüchtigen, dass er in einem herrschaftlichen Haus sich eingenistet hat, und dass der Alte eine mehr als grundsolide Ausbildung genossen hat. Nur die hastig eingeworfenen Worte in einem unverständlichen Dialekt lassen die Neugier nicht verschwinden. Vor allem nach den weiteren Mitbewohnern. Die gibt es nach Auskunft des Alten aber nicht. Er lebe hier allein. Aber …  doch … er … habe … der Fremde ist verwirrt. Das war dich was. Ein Geräusch. Bei genauerem Hinsehen sind die Anzeichen für mehr als ein menschliches Leben im Haus nicht zu übersehen. Der Schein trügt nicht, doch die Erklärung haut den Erzähler aus den Schuhen…

Tommaso Landolfi inszeniert ein Horrorszenario, dass gänzlich ohne offensichtlichen Horror auskommt. Keine Monster, die speichelsabbernd und zähnefletschend auf menschliches Fleisch aus sind. Der Horror geschieht im Kopf. Wer einsam lebt, tut Sachen, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Jede Störung der Ruhe führt automatisch zur Katastrophe. Wie sich diese auswirkt … hat im diesen Fall nur der Autor in der Hand. So viel sei verraten: Er hat ein goldenes Händchen!

Arrivederci Adria!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch liest man am besten am Strand. Spiaggia. Bei Sonnenschein. Umgeben von Landsleuten muss man nicht zwingend sein. Aber auch nicht von ewig Folklore verströmenden Einheimischen…

So wie in der Geschichte von Julius Frauenstädt. Der will mit seiner Familie und dne Großeltern nach Rimini. Dorthin, wo Fellini geboren wurde. Dorthin, von wo aus Fellini schnell wegwollte. In die große weite Welt und berühmt wurde. Erstmal wird einer nach dem Anderen krank. Dann spielt das Wetter verrückt. Von wegen bel tempo. Und zum Lesen – Moravia – kommt Julius Frauenstädt auch nicht. Als dann – endlich – Abreisetag ist, verkehrt sich alles ins Gegenteil. Die Sonne scheint, Fellini hat ihn tagträumenderweise an die Hand genommen, San Marino war eine Enttäuschung und die Heimfahrt … ach nee. So muss, so darf ein Italienurlaub einfach nicht sein.

Egyd Gstättner macht es den Helden in seinen Geschichten nicht einfach. La dolce vita gibt es nur auf der Leinwand. Schreiende Kinder, frutti di mare im Überfluss, aber so richtig Urlaub? Das gibt’s ned! Woran liegt das? Sich mal so richtig gehen lassen, wie die Italiener – Klischees sind doch was Wunderbares – ist einfach nicht drin. Und wenn doch, dann schwebt die tickende Uhr über der an sich entspannten Stunde.

„Arrividerci Adria!“ liest man mit Genuss. Immer, wenn es einem besser geht als den Protagonisten, fühlt man sich gut. Und wenn man doch nicht recht entspannen kann, so weiß man doch, dass man nicht der einzige ist, dem es so geht. Manchmal brennen seine Geschichten wie Grappa in der vertrockneten Kehle. Manchmal sind sie Seelenmassage wie Tiramisu nach einem heißen Strandtag. Doch sie gehen immer sofort unter die Haut wie ein laues Lüftchen, dass die brennende Sonne erträglich macht.

Europa erlesen Genua

Die ligurische Küste besticht durch ihre elegante Küstenführung und die sofort daran anschließenden schroffen Bergformationen, die einen Ausstieg aus dem Meer nicht den sofortigen Aufstieg an Land zulassen. Hier muss man sich bewegen, Hakenschlagen, um ans Ziel zu gelangen.

Auch muss man sich nicht lange mühen, um die Stadt aufsaugen zu können, sofern man sich dieses kleinen Büchleins herzlichst annimmt. Genua kann nicht wie beispielsweise Florenz auf eine Galerie großer Namen, die die Geschicke der Stadt leiteten und bis heute zum Strahlen bringen, verlassen. Die Stadt will erobert werden. Und sie wurde erobert. Christoph Kolumbus verließ sie, um die Welt zu erkunden. Heinrich Heine und Charles Dickens – zum Beispiel – kamen zu ihr, um ihre Reize zu entdecken. Wortreich, gewandt wie ein eleganter Luchs, schlichen sie durch die Häuserschluchten, erklommen Hügel und waren ergriffen von der Weitsichtigkeit der Stadt. Das alles ist anderthalb Jahrhundert bis zweihundert Jahre her. Und noch immer kann man der Faszination der Dichter etwas abgewinnen und zustimmend nicken, wenn ergriffen und charmant von Genua schwärmen. Selbst Karl May war hier – oder doch nicht. Bei ihm weiß man ja nie so genau…

Der Weltreisenden Alma Karlin sieht die große Stadt schon etwas nüchterner. Sie hat die Welt gesehen, wird sie noch bereisen als sie Genua besucht. Ein bisschen mehr Farbe hätte ihr Urteil üppiger ausfallen lassen. Die Suche nach einer passenden Unterkunft hat auch nicht dazu beigetragen Genua als Sehnsuchtsort einzuordnen.

Dieses kleine Büchlein ist unverzichtbar beim nächsten Genua-Besuch. Die gesamte Bandbreite von Ui bis Pfui wird in den Texten über die Stadt abgebildet. Wahrlich hat sich Genua verändert. Als Stadt am Meer unterliegt sie zwangsläufig Veränderungen. Und wie damals – zu Zeiten von Heine, aber auch Alma Karlin – gibt es Ecken, die nicht zwingend vorzeigbar sind. Ebenso die Plätze und Orte, die einem den Atem stocken lassen.

Fakt ist, dass „Europa erlesen – Genua“ ein fester Reisegepäckbestandteil sein sollte, will man Genua auf den Grund und nicht auf den Leim gehen.

Europa erlesen – Florenz

Nach Rom ist Florenz sicherlich die Stadt mit der größten Anziehungskraft in Italien. Eine derart prächtige Stadt muss man sich erobern. Von der Piazza Michelangelo hat man sicher den imposantesten Ausblick auf die Stadt, ist aber zu keiner Tageszeit allein und muss die Erhabenheit der Stadt mit allerlei plärrendem Publikum teilen. Und erst in den Straßen und Gassen der Stadt! Kein Quadratmeter, der nicht von Menschen besetzt ist. Keine Ruheort, an dem an sich ein paar Moment Ruhe gönnen kann. Die muss man sich selbst schaffen.

Mit diesem Buch in der Hand – passt in jede noch so kleine Tasche – ist die Ruheoase nur wenige Momente entfernt. Man vergisst den Lärm der Stadt und der durch sie hindurchwalzenden Menschenmassen. Man versinkt in kleinen fiesen Intrigen wie Giovanni Fiorentino, der einen liebestrunkenen Eroberer von seiner Angebeteten angetrieben in ein Fiasko zu stürzen scheint. Sehr zum Leidwesen ihres Gatten…

Florenz ist auch und vor allem die Stadt der Medici. Niccolò Machiavelli war ihr großer Gegenspieler. Ausgerechnet er verhandelte mit den Borgia – die andere Renaissance-Sippe, die mit unerbittlichem Machtdrang aufstieg und sich dort mit noch mehr Gewalt lang, zu lange hielt, um einen drohenden Krieg zu vermeiden. Die Schmeicheleien auf beiden Seiten, aber auch die versteckten Drohungen (heutzutage wird ja gleich offen gedroht und im gleichen Atemzug dementiert) sind eine wahre Pracht, wenn man sich in sie vertieft.

Dieses kleine Lesebüchlein mit Auszügen aus Texten über und aus Florenz ist wie die Stadt selbst eine Zierde. Eine Ruheoase, die einen alles um sich herum verschwinden lassen kann, lässt man sich darauf ein. Ideal, um die Stadt am Arno näher und intensiver kennenzulernen. Und mancherorts erschein die Mysterien der Stadt wie ein offenes Buch vor dem Betrachter. Erholungspause mit Lerneffekt in einem – das gibt’s nicht oft.