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Christus kam nur bis Eboli

Das geflügelte Wort „… dann kommst Du nach Sibirien“ ist heute kaum noch gebräuchlich unbekannt. Bedeutete es doch, dass, wenn man sich nicht anpasst eine Anpassungsmaßnahme dafür sorgt, dass man sich anpasst. So wollte es zumindest wirken. In Wahrheit war man nur aus der reichweite von weiteren subversiven Elementen gebracht worden, damit die Ordnung weiterhin aufrechterhalten werden kann.

Auch die Faschisten in Italien kannten diese Methode. Und Carlo Levi kannte sie auch. Er war Arzt und Schriftsteller. Und er stand der Regierung Mussolinis kritisch bis ablehnend gegenüber. Und entschloss man sich ihn in die Verbannung zu schicken. Nach Lukanien. In die Umgebung von Eboli. Lukanien ist der mittlerweile nicht mehr gebräuchliche Name für Basilicata. Ganz im Süden. Hügel und karge Landschaften sind hier nicht zur Zierde da, hier ist die Kargheit Gesetz. Ein Landstrich, der erst seit wenigen Jahren, seitdem das Städtchen Matera zur europäischen Kulturhauptstadt erkoren wurde und von nun an Massen in seinen Bann zieht.

Doch von all den Schönheiten, den Einzigartigkeiten, dem Augen verwöhnenden kann und will Levi nichts wahrnehmen. In Handschellen bringt man ihn hierher. Er ist schon eine lange Zeit weg aus Turin. Weg aus seinem Leben, das immer mehr ein Gegen war als eine Für. Deswegen ist er nun hier. Weit weg von allem, was auch nur annähernd an eine Zivilisation wie sie kannte, entfernt ist. Klagt er? Nein! Er beobachtet. Denn irgendwann wird der Spuk vorbei sein. Und er wird ein Buch schreiben. Ein Buch, das verfilmt wird. Ein Buch, das ihn berühmt macht. Ein Film, der Massen und Kritiker gleichsam in seinen Bann zieht. Doch bis dahin … Augen auf, Menschen nicht nur ansehen, sondern sehen. Sie nicht nur hören, sondern ihnen zuhören. Auch wenn der Dialekt oft nur Unverständliches zurücklässt.

Carlo Levi rechnet nicht mit denen ab, die sich fernab jeglicher Regularien in ihrem Dasein eingerichtet haben. Sie sagen selbst, sie seien keine Christen, keine Menschen. Denn irgendwo in der Gegend von Eboli hielt Christus inne. Und erstarrte. Unmöglich weiterzugehen. Eboli war Endstation. Hier leben nur die, die sich dessen bewusst sind und sich ergeben haben. Ergeben in ihrem Schicksal niemals mehr zu sein als Wesen, die sich selbst nicht einmal als Menschen sehen. Doch ihre Gemeinschaft funktioniert. Das wird Levi erkennen.

Er ist der stille Beobachter, der sich im Hintergrund hält und ihnen mit seinen Zeilen eine Stimme gibt. Schicksale sind hier keine Paukenschläge, sie geben den Takt des Lebens vor und trommeln weiter bis der Wind die letzten Schallwellen schluckt. Ist die letzte Seite umgeblättert, ist die letzte Seite gelesen, merkt man, dass man jedes Schicksal sehr wohl ertragen kann. Dank Carlo Levi. Und der frischen Neuübersetzung durch Martin Hallmannsecker.

Maestro Muti

Riccardo Muti gehört zweifelsohne zu den Dirigenten, deren Aufführungen man besucht, um dem Maestro bei der Arbeit zuzuschauen. Da die Kartenkontingente schnell ausverkauft sind, muss es zwangsläufig heißen: „ihm bei der Arbeit zuschauen zu DÜRFEN“. Kirsten Liese hat ihn jahrelang begleitet, seiner Arbeit gelauscht, ihn interviewt, mit Musikern gesprochen, Kollegen zu ihm befragt.

„Maestro Muti“ ist der einzig geltende Titel für ein Lebenswerk, das so umfangreich ist, für seine Herzenswärme, die ihresgleichen sucht und für die Konsequenz klassischer Musik eine Bühne zu bieten, die seit einigen Jahren effekthascherisch und verbiegend Opium fürs Volk ist.

Dieses Buch ist nicht die ultimative Biographie über den Napolitaner, der die Welt eroberte. Es ist die ultimative Begleitung zu einer Biographie, die noch nicht geschrieben wurde. Am 28. Juli 2026 wurde Riccardo Muti 85 Jahre alt. Die Mailänder Scala, die Wiener Philharmoniker, Orchester in London, Philadelphia, Chicago und Florenz waren und sind ohne seine Anwesenheit, seine Impulse sicherlich denkbar, aber um einige gefeierte Höhepunkte ärmer. Verdi und Mozart würden sich vor ihm verneigen, um ihm mit demütiger Geste zu signalisieren, dass sie in ihrem Schaffen sich ihre Werke genauso vorgestellt hatten. Das wird einmal das Vermächtnis des Riccardo Muti sein. Ein Klassiker unter den Klassikern der Klassischen Musik.

In diesem Buch sprechen, nein, es schwelgen unter anderem Diana Damrau, Edda Moser und Mark Stevenson. Sie alle sind Weltstars, ihnen werden Bühnen und Brücken gebaut, um ihrer Kunst Einzigartigkeit zu verleihen. Doch auch sie sind immer noch beseelt vom ersten Treffen mit dem Maestro, von Proben vor großen Aufführungen und von der Erhabenheit mit ihm Premieren zu spielen und Vorstellungen zu geben.

Doch nicht nur die großen Orchester dieser Welt, die klangvollen Konzerthäuser sind Mutis Zuhause. Mit seinem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini und der italienischen Opernakademie bietet er dem Nachwuchs die Möglichkeit wachsen zu können. Er überwand mit Konzerten Grenzen, wo starre Mauern die Köpfe vieler Menschen verrammelten.

Doch Muti war und ist immer auch streitbar. 2024 weigert sich Muti eine Passage aus Verdis „Un ballo in maschera“ zu streichen, weil sie eine Passage enthält, die immer wieder (immer noch?!) als rassistisch gegenüber Napolitanern angesehen wird. Nun ist Muti selbst in der Stadt am Vesuv geboren. Und Verdi Rassismus vorzuwerfen, entbehrt nur wirklich jeder Grundlage. Also lässt er sie (bewusst9 im Stück. Entwaffnet aber die in den Startlöchern schon hechelnden Kritiker mit der Macht der Musik.

Klassische Musik ist vielleicht nicht Jedermanns Sache. Das leben Riccardo Mutis ist auf jeden Fall Lesenswert, und die Meinungen und Erinnerungen seiner Kollegen sind ein wahres Fest.

oh! Venedig

Oh wie „oh no, und ich dachte, dass ich Venedig kenne!“ – oh wie „oh, das habe ich wohl verpasst!“ – oh, wie schade, dass es noch so verdammt lange dauert bis ich endlich wieder dort bin!“. Da hält man wohl ein Hilfebuch in den Händen, das Reisefieber hebt und einen in Sicherheit wiegt, dass der nächste Besuch garantiert ein Volltreffer wird.

Und das trotz des Verhältnisses 280.000 zu 15.000.000. Das bedeutet 280.000 Einwohner und 15 Millionen Besucher jährlich. Da muss man fliehen, und zwar dorthin, wo man nicht zwischen Handysticks und „Folge-Mir-Wimpeln“ hindurchluken muss, um mal was Schönes zu sehen. Und einem nicht permanent auf den Kopf gek… wird, von den Tauben, versteht sich! Bei diesem Verhältnis – Eins zu fast 54 – kann man sich der Masse anschließen, überteuerte Souvenirs mad(e) in China erwerben, an jeder Ecke mit gebühren ins Jammertal der Finanzen gestoßen werden, und sich somit so manches Erlebnis gehörig zu ruinieren. Oder man wirft einen ersten scheuen Blick in dieses Buch, lässt sich verleiten (dieses Mal zu 100% gerechtfertigt) und gönnt sich Schritt für Schritt ein Aha!-Erlebnis, das in einem nicht enden wollenden „Oh Venedig“ endet. Die Wahl ist keine wirkliche Wahl. Es ist eine emotionale Vernunftentscheidung. Basta!

Man muss ja nicht gleich die ganze Stadt verteufeln und das Weite suchen. Zum Beispiel auf einem Boot durch die Lagune schippern. Doch wenn, dann auf einem Boot mit Geschichte. Eines, auf dem schon Prominente vor den Massen flohen. Das wieder entdeckt wurde. Und originalgetreu wiederhergestellt wurde. Das wäre doch was! Doch welcher Promi soll es sein?! Wie wäre es mit der Callas – oberste Promischublade. Die traf sich mit Pasolini auf seinem Boot. Und mit dem kann man heute wieder durch die Lagune schippern. Das ist das ein oh-Erlebnis, oder?!

Wer dem Massentrubel doch nicht ganz abgeneigt ist, kann entlang des Zickzackwanderns so manches Kleinod entdecken. Und wer den Gondoliere auf die Füße geschaut hat, entdeckt – wenn er dem manchmal falschen Singsang eine gewisse Routine abgerungen hat – eine einzigartige Fußbekleidung. „Furlane“ nennen sich die bequemen Schuhe, die wohl das einzige Mittel der Wahl sind, um der Qual des venezianischen Pflasters zu entkommen. Flach, simpel, bequem. Gibt’s aber nicht überall zu kaufen, zumindest nicht in entsprechender Qualität. Aber dafür an der Rialto-Brücke. Dort kommt man eh vorbei, wenn man Venedig besucht. Ist und bleibt fester Bestandteil des Programms in der serenissima – na ja ruhig und gelassen, das war einmal. Besonders, wenn alle fünf Meter ein Jüngling vor seiner Angebeteten niederkniet, um ihr einen Antrag zu machen, weil er das bei Insta schon soooo oft gesehen hat…

Maria Wiesner fand für ihr Buch Orte und Plätze, die jeden Venedig-Besuch nicht mit einem Oh-No-Erlebnis enden lassen. Mit entsprechender Gelassenheit und erfrischender Recherche durchläuft man ein Venedig, das vielen verborgen bleiben wird.

oh! Lago Maggiore

Man könnte den Lago Maggiore als einen der vier großen Oberitalienischen Seen beschreiben mit soundsoviel Quadratkilometern Oberfläche, der jährlich von zigtausenden Touristen besucht wird. Alles richtig. Aber die Touristen kommen bestimmt nicht wegen Größe und um sich mit Tausenden Anderen zu treffen, sondern weil sich hier eine Landschaft vor einem erhebt, bei der man sich erhaben fühlt. Man gehört zu einem Kreis Reisender, die Schönes gesehen haben. Kein elitärer Kreis. Und dennoch fühlt man sich so, dass man Einzigartiges sieht… genau wie die Anderen auch.

Und genau dieser letzte Halbsatz lässt die Einzigartigkeit in der Masse des Gemeinen ein wenig (nur ganz wenig, aber spürbar) verblassen. Denn wer im August in Locarno weilt, muss sich die Perlen der Stadt mit Zigtausenden teilen. Dann ist Filmfest, elf Tage Filmfestspiele. Man findet keinen Platz im ristorante, muss Angst haben, dass der Aperol aus ist etc. Und trotzdem fühlt man sich pudelwohl. Der Geheimtipp für alle, die einmal im Leben was Außergewöhnliches sehen wollen und vielleicht auch den einen oder anderen Leinwandliebling mal beim Spaghettizuzeln erwischen wollen.

Wer das alles schon erlebt hat und für den der Lago Maggiore eben nicht nur der zweitgrößte der Oberitalienischen Seen ist, muss sich etwas einfallen lassen, um wirklich Neues zu erleben. Patricia Arnold trägt mit ihrem „oh Lago Maggiore“ dazu bei, dass der Lago eben nicht nur der Lago bleibt, zu dem man geht, sondern das Ereignisgewässer bleibt, was es vor langer Zeit schon mal war.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Promis und ihrer durchaus nachvollziehbaren Italienliebe. Da gibt es in der Nähe ein kleines Dorf. Nur vierhundert Einwohner. In manchen Gebäuden ist noch unerträglich heißer als an so manchem Hochsommertag. Woody Allan war schon hier. Aber nicht, um sich im kühlen Nass des Sees abzukühlen. Nein, er kam nach Quarna Sotto, weil hier die besten Saxophone der Welt entstehen. Den Schweiß des Tages vergisst man ganz schnell, wenn man den Meistern über die Schulter schaut. Noch ein wenig höher liegt Quarna Sopra. Wer hier ins Horn (Saxophon) stößt, tut dies vor überwältigender Kulisse. Ohren-und Augenschmaus in Einem. Da muss man lange suchen, um so was noch einmal zu finden.

Ob knackige Wanderung auf Bergspitzen, die einen Ausblick gewähren, den man nur selten erlebt oder weltbekannte Kunst im Museum, kuschelige Metropolen am Ufer oder verwaiste Berge – der Lago Maggoire hat noch lange nicht alles preisgegeben. Jetzt vielleicht ein bisschen mehr!

Hotel Roma

Hat man einmal seine Lieblingsreihe oder seinen Lieblingsschriftsteller gefunden, kommt man schnell in einen Rausch. Man will alles lesen. Nach und nach will man auch sehen, wo Fiktion und Realität Schnittpunkte haben. Sherlock Holmes in London, Nestor Burma in Paris etc. Bei Schriftstellern wird es da schon schwieriger. Man will sehen, was sie sahen. Man will die Spannung erfühlen können, die den Autor erfüllte. Es ist eine Schnitzeljagd auf höchster Gefühlsebene.

Und wenn man dann noch in einer Zeit lebt, die Isolation zur Maxime erkoren ließ, schießen die Gedanken in den Himmel. Pierre Adrian muss es wohl so gegangen sein. Das Jahr 2020. Corona. Kontaktbeschränkungen. Was macht man als Autor? Man widmet sich dem, was man schon kennt, versucht noch tiefer in die Materie – im vorliegenden Fall ins Leben seines Vorbilds – einzutauschen. Cesare Pavese ist für Pierre Adrian fast schon ein Heiligtum. Er kennt sein Werk in. Und auswendig. Und er bedauert den viel zu frühen (selbst erwählten) Tod des Schriftstellers… Solche Ideen, die am Reißbrett der Sehnsucht entstehen, sind vom Erfolg gekrönt, wenn keine Ablenkung das Vorhaben stört. Wie gesagt, es ist Coronazeit. Ablenkung Fehlanzeige.

Es soll ein Roman werden. Fast schon ein Roadtrip. Der Erzähler – es muss Adrian sein! – will und muss sich mit seiner großen Liebe treffen. Das ist eine Frau, die aus Rom eintreffen wird. Gemeinsam wollen sie…

Als Leser von Cesare Pavese kennt man sich schon nach wenigen Kapiteln seiner Bücher ziemlich gut aus im Piemont und in Turin. Man weiß, wo man sich wohlfühlen kann und wo er, der Autor Cesare Pavese, sich quälte und seine Figuren ebenfalls. Und diese Orte besucht der Erzähler. Er sucht Bestätigung seiner Vorstellungen seines Idols. Er taucht in eine Welt ein, die er nie erleben konnte – die Gnade der späten Geburt.

Natürlich spielt das Hotel Roma in „Hotel Roma“ eine entscheidende Rolle. Der Ort, an dem Pavese seinem viel zu kurzen Leben ein Ende setzte. Hierhin zog er sich zurück – hier wurde er in eine andere Welt gezogen. Sein Ableben wurde erst spät bemerkt. Die Tage und Wochen zuvor sind nicht weniger spannend als das gesamte Leben des Künstlers, der unter anderem moderne amerikanische Literatur in die italienische Kulturlandschaft transformierte und selbst nicht mehr verwischbare Spuren hinterließ. Der Erzähler findet Weggefährten oder Angehörige von ihnen. Er entwirft ein Bild eines Mannes, das trotz der kaum bis gar nicht vorhandenen Bilder so klar ist wie man es sich nur wünschen kann.

„Hotel Roma“ ist mehr als eine Ergänzung zum Werk Cesare Paveses. Es ist essentieller Bestandteil eines literarischen Erbes, das immer noch viel zu wenige kennen. Hier wird nicht einfach eine Chronologie aufgestellt, hier wird ein Leben erlebbar gemacht!

Das Land wo die Eiscreme wächst

Hier schließt sich der Kreis. Die Droogs treffen sich regelmäßig in der Moloko-Bar. Ein Haufen harter Kerle hocken zusammen und trinken Milch. Was ein Gegensatz! Wie kommt man darauf? Das wird klar, wenn man ein anderes Werk von Anthony Burgess – dem Autor von „Uhrwerk Orange“ – liest. Es steckt ebenso voller Phantasie, jedoch auch voller Träumereien von einem paradiesischen Land, „Das Land wo die Eiscreme wächst“. Der Erzähler bricht nach einem für ihn und seine Freunde dramatischen Erlebnis auf, um dieses Land zu besuchen. Denn in einem Restaurant sitzt ein Gast, der alles versucht, um Eis aus dem Weg zu gehen. Er war schon dort, in dem Land wo die Eiscreme wächst. Körperlich stark, charakterlich schwach. Es war ihm zu viel. Zu viel Eis! Wie soll das denn gehen?! Einen Rat gibt er den Eisforschern mit auf den Weg: Nicht mit dem Flugzeug anreisen. Der Zeppelin ist das Verkehrsmittel der Wahl.

Denn nur so kann man gefahrlos an einer der zahlreichen gigantischen Eistüten andocken. Alles klar? Alles klar! Alles klar. Das Eiscremeland ist keine terra incognita. Man weiß, dass es hier zum Beispiel den Vanillegipfel gibt, und die Wassereiskuppe, die Baiseralpen, die sich aus der Lutschiama erheben. Der Gipfel des Genusses ist der Schokolatépetl. Schon allein dafür lohnt es sich zumindest einen Blick in dieses Buch zu werfen. Wenn dann die Zeichnungen von Fulvio Testa – er hat sich mehr als nur einen Kopf gemacht, dieses Wortspiel muss einfach sein – einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, ist man dem Buch hilflos ausgeliefert. So wie der Erzähler, Tom und Jakob dem Drang nachgeben das Land zu besuchen, das insgeheim ihr bisheriges Leben bestimmt.

Dieses Land ist ein ganz normales Land. Nur, dass hier eben alles aus Eis ist … und ein paar Waffeln. Hier läuft alles ganz „normal“ ab. Die Woche beginnt mit dem Mampftag und endet mit dem Salontagabend. Wie wohl der Freitag hier genannt wird?! Kleiner Tipp: Das FREI bleibt erhalten in dieser eiskalten (!) Umgebung.

Träume sind dazu da, um gelebt zu werden. Und wie kann man sich diesem Traum verschließen?! Es ist schier unmöglich. Wer Anthony Burgess mit der rauen Welt von „Uhrwerk Orange“ verbindet, wird hier in ein Land reisen, in der niemand – auch nicht von dem einzigen Bewohner des Landes, einem riesengroßen Monster mit beschränktem Wortschatz (welches Wort das wohl ist…)  niemand mit Spazierstöcken traktiert oder des Nachts überfallen und anschließend einer gehörigen Gehirnwäsche unterzogen wird. Klassik gibt’s auch. Denn was ist klassischer als ein italienischer Eisladen, der Luigi gehört und Kinder mit offenen Armen empfängt. Tata.

Quartett

Zum Quartett gehören Vier. Das ist unumstößlich. Sobald eine oder einer fehlt, ist es nicht mehr dasselbe. Und schon gar kein Quartett! Lorenzo Verro ist Mitglied des Musikerquartetts Arcimboldo. Sie sind erfolgreich, spielen Verdi, Brahms, Mozart. Nach einem umjubelten Touraufktakt wollen die Vier – das Quartett – noch ein bisschen feiern. In einem kleinen ristorante, ruhig, abgelegen, für sich allein. Lornezo schafft es nicht bis dahin. Er wird in einer engen Gasse erstochen. Um Mitternacht herum.

Commissario Di Bernardo leitet die Ermittlungen. Der Morgen beginnt wie er zu beginnen hat. Bei einem Caffè in seinem Büro. Alle sind da. Genießen die Vorzüge einer exzellenten Kaffeemaschine. Und die Ruhe vor dem Sturm, wenn der Chef wieder seine reden schwingt. Das Team kennt sich. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Einer fehlt, was durch Giulia, die Neue aber erstklassig ausgeglichen wird. Dann kommen die Fakten zum Mordfall in der Nacht.

Es ist regnerisch im römischen Herbst des Jahres 2025. Das kann man schnell mal ausrutschen. Ein Ausrutscher war der Mord am ersten Geiger des Quartetts bestimmt nicht. Das war gut geplant und noch besser umgesetzt. Denn Di Bernardo und sein Team tappen verdammt lange im Dunkeln, und das liegt nicht an der Jahreszeit! Schnell ist klar, dass das Quartett Arcimboldo auf der Bühne einwandfrei funktioniert. Doch wie so oft – Di Bernardo hatte schon einmal einen Mord in Künstlerkreisen, sein Name war der titelgebend für den Vorgängerroman – herrscht hinter den Kulissen nicht nur ungetrübte Eintracht.

Die Neue, Giulia, macht sich gut in der Truppe, Manchmal etwas ruppig. Das gefällt Di Bernardo fast schon. Doch auch sie tut sich schwer mit dem Motiv für die Tat.

Natasha Korsakova ist Violinistin, selbst Künstlerin auf hohem Niveau. Ihre Kenntnis von der Branche und der Musik, gepaart mit dem Drang als Schriftstellerin auch andere Kunstinteressierte zu begeistern, machen auch dieses Mal nicht Halt vor großen Erwartungen. Sie erfüllt jeden Wunsch nach Spannung und geschickt verquickten Verbindungen. Sanft streicht der Spannungsbogen über den Klangkörper des Verbrechens. Der Täter summt noch im Verborgenen vor sich hin bis er im furiosen Finale die Waffen streckt und im Jammertal der Schuld sein Ende findet.

Und auf die Ohren gibt’s auch noch was! An mehreren Enden der Kapitel verführen QR-Codes zum Weiterhören. Von Verdi bis Mozart gibt es die passende musikalische Untermalung. Stimmungsvoller kann der Musiksommer 2026 nicht beginnen!

Friaul-Julisch Venetien

Je mehr Leute man fragt wie für sie der perfekte Urlaub aussieht desto unterschiedlicher fallen die Antworten aus. Berge oder Meer, Stadt oder Land – das sind die am meisten gestellten Fragen und natürlich auch Antworten. Darüber hinaus gibt es noch unendlich viele Möglichkeiten sich die schönste Zeit des Jahres zu versüßen. Der Eine möchte sich kulinarisch rund um die Uhr versorgen lassen. Andere sehnen sich nach antiken Stätten oder Orten, die auch in der jüngeren Geschichtsschreibung bedeutsam waren. Oder man möchte einfach nur durch Häuserschluchten wandeln, die Meter für Meter ein wohliges Gefühl verursachen, weil Ästhetik nun mal im Auge des Betrachters liegt. Ach, wie schön wäre es doch, wenn man alles auf einmal bekommen könnte?!

Kann man doch! Ist doch gar kein Problem! Eberhard Fohrer macht Appetit auf Meer, Geschichte, Berge, Architektur und leckere Teller. Wo? Im Nordosten Italiens. Auf der Landkarte gleich rechts neben Venedig. Friaul-Julisch Venetien. Klingt erstmal wie noch nie gehört. Außer vielleicht Venetien. Doch dann erscheinen Ortsnamen wie Aquileia, Triest, Grado, das Isonzo-Tal, Udine – hat man schon mal wahrgenommen. Und das ist der Moment, in dem der Autor den Leser am Haken hat. Sofern der nicht eh schon voller Vorfreude sich dem Buch widmet und staunt, dass es einen Reiseband über seine vermeintlich liebste Urlaubsregion gibt.

Hier am oberen hinteren Schaft des Stiefels steht man in einem Tal und legt nach stundenlangen Wanderungen voller Eindrücke den Kopf in den Nacken und kann immer noch nicht die Spitze des Berges sehen. Erholung verschafft dann ein Bad in der nördlichen Adria, der man schon am Morgen einen besuch abgestattet hat, wenn die Fischer ihren Fang anbieten. Und dann blickt man zurück und hält inne und hält sich noch einmal vor Augen wie vor über hundert Jahren im Isonzo-Tal fürchterliche Schlachten im 1. Weltkrieg unsägliches Leid verursachten. Bevor man dann in einer Osteria Kraft tankt und den Geschmacksinn schärft.

Für die kleinen, oft immer noch versteckten Routen und „Heißen Punkte“ sorgt der Autor schon. Darauf kann man sich garantiert verlassen. Wo andere stur geradeaus laufen, biegt Eberhard Fohrer zusammen mit dem Leser ab. Und zeigt, warum es sich lohnte nicht der Herde zu folgen, sondern einen Umweg zu nehmen. Augen, Ohren, Nase werden es danken.

Palmanova ist sicherlich so ein Juwel. Juwel trifft es ziemlich exakt. Denn Juwelen, besonders Diamanten werden in geometrischen Formen so geschliffen, dass ihr Glanz sich eindringlich in den Erinnerungen festsetzt. Aus der Luft betrachtet ist die Stadt mit ihren knapp mehr als fünftausend Einwohnern ein Schmuckstück und verzückt nicht nur durch ihre exakte Form. Die Straßenverläufe sind nicht minder exakt gezogen. Da kann man schnell mal vergessen nach Links und Rechts zu schauen. Und genau deswegen ist dieser Reiseband ein unerlässlicher Begleiter mit unzählbaren nützlichen Tipps, die man fast schon im Vorbeigehen (im einfachen Lesen) mit auf den Weg bekommt.

Kalabrien und Basilikata

Hier ist die Sonne zuhause! Kalabrien bedeutet vor allem erstmal Sonnetanken. Dann kommt der Sprung ins im Hochsommer niemals kühle Nasse. Darauf folgen unmittelbar Genüsse, die zuweilen gehörig auf der Zunge brennen. Nduja, die scharfe streichfähige Salami ist das nur die (bekannteste) Spitze des Genussberges. Die Einwohner von Spilinga (es sind nur etwas mehr als tausend) sind felsenfest davon überzeugt diesen scharfen Leckerbissen erfunden zu haben. Wenn, dann hier unbedingt probieren.

Reichlich fünfzig Kilometer südlich schlägt der Geschmack ins Gegenteil um. Worum handelt es sich wohl? Na klar: Gelato. Doch nicht irgendeines. Sondern das aus der Antica Gelateria Fortino. Weltmeisterlich, momentan die einzige squaddra, die mit diesem Titel hausieren gehen darf… Das Schokoladeneis wurde tatsächlich als das beste der Welt gekürt. Von Experten, nicht nur Leckermäulchen.

Das sind nur zwei kleinere Geschichten, die man so nur in diesem Reiseband über Kalabrien und Basilikata findet. Die Region Basilikata erlebt seit nicht einmal einem Jahrzehnt einen Aufschwung, der ohne Vergleich ist. Seitdem Matera, die Stadt, in der man immer noch in in den Felsen geschlagenen Grottenwohnungen übernachten kann (Allerdings nicht mehr zu Preisen wie vor zehn Jahren!) 2019 Kulturhauptstadt Europas war, wird die Stadt besonders im Sommer von Massen überflutet. Jeder macht das eine, einzigartige Foto dieser Sassi und denkt, dass er mit diesem einen Foto und den sozialen Medien für immer ausgesorgt hat. Francis Ford Coppola kommt von hier, der Regisseur des „Paten“. Und er hat hier auch ein Hotel. Wunderschön, aber auch zu Preisen, die im Hochsommer den Preis eines Kleinwagens locker übersteigen können.

Zerklüfftete Felsen, an denen sich das Meer bricht, endlose Sandstrände, die man nur selten für sich allein hat (es sei denn, dass man Autorin Annette Krus-Bonazza folgt, und ihren Tipps folgt) und ein sorgenfreier Urlaub sind die Hauptbestandteile dieser beiden Regionen. Lauschige Bergseen, idyllische kleine Städtchen und immer wieder die schwierige Frage, wie man sich des Tags oder am Abend genüssliche genug Energie aneignet, um am nächsten Tag das nächste Geheimnis Kalabriens und der Basilikata zu lüften. Denn davon gibt es immer noch jede Menge. Die Autorin gibt nicht nur die Richtung vor, sondern führt oft auch genau dorthin.

Auch wer sich noch nie traute in Kalabrien zu urlauben –  vorurteilsbeladene Gründe gibt es ja immer noch – kommt schließlich doch zu dem Entschluss, dass man sich hier göttlich erholen kann … man muss nur wissen, wo das am besten geht. Achtung Spoiler: Dieser Reiseband kommt der Lösung verdammt nah!

Orient-Express

Das waren noch Zeiten. In Paris in den wohl luxuriösesten Zug der Welt einsteigen und erst tage, Wochen später am anderen Ende Europas, in Istanbul diesen wieder zu verlassen. Dazwischen lagen endlose Stunden, Tage in Salons, die man nur in steifer Montur betreten durfte. Man saß zu Tisch. Und vielleicht gab es auch mal einen Mord, der einen den gestärkten Kragen verdammt eng werden ließ. Das war der Orient-Express, den wir aus Büchern und Filmen kennen. Und der noch immer das Bild von gediegener Eleganz vermittelt. Das war einmal. Man kann zwar noch von Paris nach Istanbul reisen, aber…

Eine Reise von Paris nach Istanbul – für Viele ist es mittlerweile INSTAbul – ist immer auch eine Reise in die Gegenwart. Wie lebt man heute zwischen den Millionenmetropolen? Welche Unterscheide gibt es und wie sehr sind sie spürbar? Dennis Gastmann geht diesen Fragen nach. Entlang der Route des berühmten Orient-Expresses. Heute wie damals lassen sich hervorragend Geschichten sammeln.

Wenn man in Paris startet, kommt man nicht um ein Thema herum: Mode. Besonders, wenn man während der nicht minder berühmten Modenschauen während der fashion week in der Stadt ist. Er übernachtet dort, wo man schon früher übernachtete bevor man nächsten Tages das Eisenross bestieg und gen Osten zu reisen. Der Glanz ist ab. Ein Gerüst verhüllt das, was einmal war und nun mit dem Bohrhammer in die gegenwärtige Zukunft transformiert werden soll.

Es gibt noch einen gewaltigen Unterscheid zu „damals“. Damals stieg man in den Zug und erst wieder aus, wenn man am Ziel war. Heute sind Zugwechsel notwendiges Übel. Nach Venedig gelangt Gastmann nur über die Schweiz und Milano, wo ihm auch gleich der neue Geist begegnet. In Gestalt einer Frau. Der Frau, die Italien regiert. Schon wieder ein „damals“ … und nicht das Letzte. In Triest wird es noch deutlicher als er dem Bürgermeister begegnet. Ein ewig gestriger Fürst, der Zukunft zugewandt, doch im Inneren sind er und Meloni das Traumpaar der Rechten.

Der Balkan hat sich noch viel von seinem spontanen Charme bewahren können. Noch! Wo man damals aus dem Fenster schaute, angstvoll, ob nicht irgendwelche Horden der Luxuszug angreifen, keimt hier Hoffnung und wird im gleichen Atemzug von der Rasanz der Entwicklung im Beton begraben. Bulgarien bietet dem Autor den wohl größten Gegensatz. Von ausgelassener Lebensfreude bis in die dunkelsten Ecken eines Armenviertels treibt es ihn auf seiner Route des Orient-Expresses. Sicherlich auch Ecken, die schon „damals“ keiner der Zugreisenden besuchte.

Dennis Gastmanns Orient-Reise ist ein ewiges Rätsel. Was lauert hinter der nächsten Biegung, und das ist mehr im übertragenen Sinne zu verstehen, und wie kann man sich darauf einlassen? Europa als Spielwiese für Träume, die man sich erfüllen kann oder doch Projektionsfläche für alles, was schiefgeht. Von Paris nach Istanbul zu reisen ist immer noch ein Abenteuer, nur halt anders. Europa bewegt sich also doch?!