oh! Neapel

Ball, Clown, Pizza. So würde es in jeder anderen Stadt heißen. In Napoli ist es SSC Napoli, was Diego Armando Maradona bedeutet. In Napoli ist es Pulcinella. Und es ist auch und vor allem Margherita, die Mutter allen Fastfoods (was es anfangs nicht war). Also haben wir auf gelben Grund ein weißes „oh!“, ein schwarzes Neapel sowie D10S, Pulcinella e Pizza. Mehr muss man auch erstmal nicht über die Stadt wissen. Hand auf, Pizza drauf, fertig. Und um Himmelswillen nicht über Maradona oder die Leidenschaft zur SSC Napoli lächeln. Sonst kommt im günstigsten Fall Pulcinella und spielt Dir einen Streich.

Die Stadt am gleichnamigen Golf aber nur mit diesen drei Attributen abschließend zu beschreiben, wäre mindestens so frevelhaft. Denn hier wandelt man auf Jahrtausende altem Grund. Quartieri spagnoli. Selbst alteingesessene Italiener rollen mit den Augen, wenn man ihnen mitteilt, dass man hier nächtigen möchte. Alles halb so schlimm. Klar, man wird beäugt. Aber nach ein, zwei freundlichen „Buongiorno“ ist man bekannt und dass man keine Gefahr darstellt. Eintracht-Frankfurt-Fans sollten aber vielleicht draußen bleiben. Und schon gar nicht uniformiert den Maradona-Deovtionalien-Markt murale Maradona besuchen. Ein Fantastikum, das es nur hier, in Napoli geben kann.

Napoli ist ein Straßenwirrwarr und Gassenlabyrinth, das man zu nehmen wissen muss. Überall hängt die Wäsche quer über einem. Doch nicht überall gibt es für Touristenaugen auch was zu sehen. Irene Helmes hat hier gewohnt. Sie zieht es immer wieder hierher. Und immer wieder entdeckt sie sicher auch Neues. Napoli verändert sich sicher nicht so rasant wie Shanghai, doch der Wandel ist immer wieder sicht- und spürbar. Als Touri mit verunsichertem Gang tappt man gern mal in die eine oder andere Falle. Restaurants bieten sich hier dafür an. Aufmerksam Karte studieren, gern auch vermeintlich dumme Fragen stellen – das hilft schon fürs Erste.

Für den Rest sorgt dieses wirklich einzigartige Buch. Selbst den Soundtrack kann man sich per QR-Code runterladen und auf die Ohren geben. Dann hört man allerdings den Straßenlärm nicht mehr. Der gehört zu Napoli wie wilde Wendemanöver und zähe Touristenströme in der Gasse der Krippenmacher.

Wer Neapel zusätzlich zu Veilcheneisverzehr (wo sich schon die Sisi dem Genuss hingab) und dem Besuch des Teatro San Carlo in sich aufsaugen will, muss sich auch manchmal in die vermeintlichen Höllen der Stadt begeben. Wie man sich dort verhält, was man sehen muss und was man getrost umgehen kann (oder sollte) – dafür lohnt sich permanentes Blättern in diesem Reiseband.

Sizilianische Geschichten

Wenn Sizilien die Quintessenz Italiens ist, oder zumindest der Summe aller Klischees, dann ist dieses Büchlein wohl die Quintessenz des literarischen Siziliens. Ein Konzentrat, das Kopfnicken mit einem Lächeln paart. Denn Luigi Pirandello, Leonardo Sciascia, Andrea Camilleri, Dacia Maraini, Roberto Alajmo sind nur ein paar Autoren, die in diesem kleinen Büchlein ihrer Insel ein Denkmal setzen, das nicht zur wegen der Abmaße jederzeit griffbereit ist.

Mn stelle sich vor, dass man auf einem Hügel im Hinterland – sagen wir Corleone, das sagenumwobene Corleone – sitzt und ins Tal schaut. Am Horizont steigt eine Rauchsäule auf. Auf der spärlich befahrenen Straße tuckert ein Moped oder besser eine Ape als Lieferwagen verkleidet um die engen Kurven. Von irgendwo her steigt Essenduft in die Nase. Die Sonne brennt gnadenlos auf einen hernieder, obwohl es noch nicht mal Mittagszeit ist und die wenigen ristorante noch lange nicht ans Öffnen denken. Paradiesisch, diese Ruhe. Doch irgendwas fehlt! Das letzte Puzzleteil, um das Glück an diesem Flecke Erde abzurunden.

Könnte es sein, … ja, könnte es ein, dass das perfekte Glück in die Hosentasche passt? Nur ein paar Seiten zwischen stabiler Pappe? Rein äußerlich Sizilien im Faustformat? Siiii. Certo. Natürlich, es fehlen Zeilen von echten Sizilianern. Die ihre Heimat lieben. Die, die Sizilianer in und auswendig kennen. Und die ihre Charaktere so steilvoll in Szene setzen können.

Während bei Sciascia die Schlitzohrigkeit einmal mehr ein Schmunzeln hervorruft, ist es bei Alajmo die Genervtheit vom Straßenverkehr Palermos. Camilleri lässt einen Sizilianer böse Blut über einen Engländer vergießen, der sich keinerlei Schuld bewusst ist – wieso auch, da hat jemand ein ganz böses Spiel getrieben, ohne die Konsequenzen zu beachten. Und bei Pirandello liegen Poesie und Sehnsucht derart eng beieinander, dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann. Und Dacia Maraini liefert ein Beispiel dafür, dass bei all der Verträumtheit, die Sizilien gern ausstrahlt auch die wirklich Böse und Schändliche zur Wahrheit gehört.

Die sizilianischen Geschichten bieten die gesamte Bandbreite der Insel dar. Klar, das man hier sich wie im Paradies fühlt. Die Insel kann gar nicht anders. Aber auch das Paradies hat Schattenseiten, die aber nicht ausschließlich Dunkles in sich bergen. Gewitzt, schräg, nervend, liebevoll – wie die Insel so ihre Geschichten.

Garibaldi

Biographien sind oft faktenüberladen, manchmal wünschte man sich mehr Vorkenntnisse oder einen einfacheren Zugang. Interesse natürlich stets vorausgesetzt. Friederike Hausmann holt schon im ersten Satz den Leser da ab, wo eine Italienreise beginnen sollte: Glücklich, dass das gelato noch im cornetto ist und nicht über die kürzlich erstandene neue Hose verteilt wurde, ist man verlassen. Vor lauter Schlecken hat man sich verlaufen. Es gibt einen Trick, um auf den richtigen Pfad zurückzukehren, der in so ziemlich jedem Ort in Italien funktioniert. Nach der Piazza oder Via Garibaldi fragen. Meist ist es die größte Straße, die ins Zentrum führt oder es ist ein Platz an ebendieser Stelle. Und von da aus findet sich immer der richtige Weg.

Klingt fast schon wie ein Sinnbild für den Namen Garibaldi. Er hat Mitte des 19. Jahrhunderts Italien geeint. Das ist die Kurzfassung – das reicht an Vorkenntnissen für dieses Buch allemal. Buschiger Bart, Pferd und ein Säbel – so kennt man ihn, so wird er nur allzu gern und überall dargestellt. In italienischen Schulen werden Schüler über alle Jahrgangsstufen mit seinen Taten teils gequält. So in der DDR fast jeden Schritt des Kommunistenführers Ernst Thälmann kannte. Und nach der Schule auch ganz schnell wieder vergaß.

Aber hat Giuseppe Garibaldi wirklich Italien geeint? Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es unzählige Fürstentümer, Königreiche, Stadtstaaten etc. Jeder kochte sein eigenes Süppchen. Dann kam dieser Haudegen – wie auch im wundervollen „Der Leopard“ beschrieben und nicht minder exzellent verfilmt. Ihm schloss man sich an, weil es um “eine gute Sache ging“. Und man kämpfen konnte, sich erheben konnte. Doch wie mit jeder Legende gibt es auch bei Garibaldi dunkle Flecken. Sein Kampf gegen die Monarchie war nicht dauerhaft. Könige und Volk waren ihm gleichermaßen bekannt. Er schoss auf Bauern bzw. ließ auf sie schießen, wie auf Blaublüter. Doch er brauchte die einfachen Leute ebenso wie den Adel. Strategisch ging er Risiken ein, oft ging es gut. Aber auch so manches Mal gehörig in die Hose. Man konnte ihm blindlings trauen. Aber noch besser hielt man ihn unter Kontrolle.

Friederike Hausmann gelingt das seltene Kunststück umfassend über den Nationalhelden zu berichten und dabei keinen einzigen Sachverhalt, der ihn antrieb außeracht zu lassen. Und dass alles in einem Stil, der es dem Leser schwer macht auf nur eine Minute das Buch beiseite zu legen. Ein echter Thriller mit einem nicht ganz so glorreichen Ausgang. Aber das ist allein dem Helden zuzuschreiben. Und so ganz nebenbei lernt man dabei auch noch andere Persönlichkeiten, die einem beim Verlaufen wieder auf den richtigen Pfad bringen. Schon mal die Via Cavour gesucht?

Ich, die ich Männer nicht kannte

Kann man das noch als Leben bezeichnen?! Keinerlei Anhaltspunkt – im wortwörtlichen wie im sinnbildlichen Kontext. Zeit? Gibt es nicht. Der Horizont? Ein Fremdwort. Von Hoffnung ganz zu schweigen. Es sind insgesamt vierzig Frauen, die in einem Keller ihr Leben fristen. Eine, die Jüngste, fühlt sich nicht so recht zugehörig zu der Leidensgemeinschaft. Viele Jahre – sofern man dies messen kann – hausen die Frauen hier. Warum? Ein Rätsel. Die Wärter – allesamt Männer – sind gefühlsbefreite Aufseher, die jeden Regelverstoß mit einem Peitschknall abwenden. Physische Gewalt gibt es nicht. Doch die pure Drohung reicht aus. Augen auf des nachts – Peitschenknall. Berührungen – Peitschenknall. Hier unten ist NICHTS. Gar nichts.

Dorothee, Rosette, Thea, Germaine, Francine, Marie-Jeanne – Namen gibt es noch. Nur die Jüngste, die Chronistin der Einsamkeit, hat keinen Namen. Sie kann sich nicht an ein Leben draußen erinnern. Sie ist zu jung. Gerade mal eine Frau geworden. Nach und nach beginnt sie die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Den jungen Wärter, die Frauen, die ihr mit Zuneigung entgegentreten. Sie beginnt zu zählen. Die Anderen haben es ihr beigebracht. Sie hört von Dingen, die sie nie erlebt hat, nie erleben wird. Die Verzweiflung ist schon längst dem Fatalismus erlegen. Es ist ihr aller Schicksal hier unten bis zum Ende zu bleiben.

Doch dann geschieht Unerhofftes. Die Gittertore bleiben offen. Die Wärter sind allesamt verschwunden. Die Zwangsgemeinschaft der Hoffnungslosen entwickelt eine Eigendynamik. Statt eine Anführerin zu wählen, raufen sich alle zusammen. Der Gemeinschaftsdrang überwiegt Führungsambitionen. Wären das alles Männer gewesen …

Die Erzählerin kann mittlerweile auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, den ihr die anderen Frauen angedeihen ließen. Unmerklich blüht hier eine Blume heran, die Wurzeln schlagen kann, die aber nicht durch ihr Antlitz Bewunderung ernten muss. Sie ist sich selbst nahe, während die Gemeinschaft der vierzig Frauen durch den Lauf der Zeit an Mitgliederschwund leidet. Schon bald – nach Jahren – ist sie, die die Männer nicht kannte, allein. Ihr obliegt es die Frauen zu begraben. Die Freiheit Sonne, Himmel, Horizont zu erkennen, hart mehr Schattenseiten als angenommen. Sie ist immer noch allein. Allein im Sinne von niemandem an ihrer Seite. Sie ist sich selbst genug. Sie klagt nicht. Wünsche und Sehnsüchte hat sie nicht, sie hat nie gelernt diese zu entwickeln.

Jacqueline Harpman hat mit „Ich, die ich Männer nicht kannte“ einen Roman geschrieben, der in der feministischen Literatur eine Sonderstellung einnimmt. Dauerhafte Empathie, komplett fehlende Rachegelüste, Sinnsuche – die Liste der Schlagworte könnte sich unendlich fortsetzen lassen. Doch weder das eine noch das andere Wort würde dem Gesamtkunstwerk nur annähernd gerecht werden. Es sind die Zwischentöne, das, was fehlt (also nicht so offensichtlich ist), die diesen Roman in einem hellen Licht erstrahlen lassen.

Josef Lautenbachers Reise nach Flätz

Es ist geschafft! Josef Lautenbacher hat nach vierzig Jahren seine Buchhandlung übergeben und darf nun seinen Ruhestand genießen. Die Buchhandlung übernahm er selbst von seinem Schwiegervater. Qualität stand für ihn immer an erster Stelle. Bücher an Kunden zu verkaufen war ihm ein Graus. An Leser etwas weiterzugeben sein Elixier.

Und nun? Luise, seine Frau, hat sich ebenso wie er in ihrem Leben eingenistet. Er geht zur Arbeit, „hat seine Bücher“. Sie führt das Haus und sorgt dafür, dass die Harmonie gewahrt bleibt. Dass beide darunter etwas anderes verstehen – geschenkt. Josef Lautenbacher geht das Leben auf den Keks. Minderwertigkeiten stören ihn. Belanglosigkeiten treiben ihn in den Wahnsinn. Das Essen von Luise – Nörgeln ist ihm näher als Einsicht.

Die Tage vergehen. Die Monotonie des Unabänderlichen treibt ihn voran. Beziehungsweise lässt er sich davon lustlos davor hertreiben.

Dann macht es Klick in seinem intakten Hirn. Die Brücke über den Fluss. Sie ist nicht einfach nur die Uferverbindung. Sie ist der Weg für den ersten Schritt in eine neue Welt. Nach Flätz zieht es ihn. So nennt er den Ort, den er nicht kennt. Denn er aber unbedingt sehen muss. Andere reisen nach Indien, um Erleuchtung zu erlangen. Ihm reicht die Flucht aus dem Schweizer Ort, der von Bergen umgeben ist, und Lautenbacher Grenzen zieht.

Den Abschiedsbrief – er will ja wiederkommen, weil man das so macht, wenn man verreist – verfasst er gleich mehrere Male. Immer wieder ändert er Passagen. Luise soll sich keine Sorgen machen, er ist ja bald wieder da.

Flätz. Was soll das sein? Wo soll das sein? Kann er sich endlich mal hinflätzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Ist Flätz wirklich ein Ort oder eine Zustand? Auf alle Fälle steht Flätz für Erfüllung. Und ohne Luise. Wobei Luise sicher für die Zwänge des alltäglichen Lebens steht …

Jürg Beeler haucht dem Neupensionär Lautenbacher Leben ein, das der erstmal annehmen muss. Der viel und oft beschworene Unruhestand ist Lautenbacher zuwider. Er hält nichts von Klischees. Jahrezehntelang, ein Leben lang hat er sich seine eigene Weltanschauung hart erknurrt. In seiner Buchhandlung war er Gott. Hier die gute Literatur, da die Sachbücher. Dazwischen, im Hintergrund, Er. Leser waren ihm willkommene Gesprächspartner. Das Leben da draußen kennt er nur aus Büchern. Jetzt muss Josef Lautenbacher beweisen, dass er in dieser Welt nicht verloren ist.

Dear Professor Romance

„ I would do anything for love but I won’t do that“ – so kryptisch Meat Loafs Welthit so manchem vorgekommen sein muss, so klar liegt dre Fall in diesem Buch. Doug Guthrie, eine ehemaliger Säufer, der sich mittlerweile zu gewieften Geschäftsmann gemausert hat, ist als Professor Romance bekannt. Seine Kolumne wird fiebrig gelesen. Denn er gibt „hoffnungslosen Fällen“ Hoffnung in Sachen Beziehungen. Beziehungsweise (!) wie man den ersten Schritt tut. Und er verweist – wenig subtil – auf seine Ratgeber, die als Buch für nur 200$ pro Buch käuflich zu erwerben sind. Das Prinzip funktioniert und füllt das Konto des knapp über 60jährigen ordentlich. Mehr aber auch nicht. Denn die einzige Frau in seinem Leben ist seine Mutter, und die ist auch nur körperlich anwesend.

Das schreiberische „Genie“ hinter Professor Romance ist jedoch Lance Bertovich. Sein Ghostwriter. Schriftsteller mit dem scheinbar perfekten Leben. Sein Einkommen ist dank wasserfestem Vertrag als Schreiber für Professor Romance und üppigen Prämien stabil. Seine Frau liebt und achtet ihn, sein Sohn ist ein Schatz.

Zu den Kunden – mehr sind sie nicht, die verzweifelten Seelen – zählt auch Norman Bright. Ein unauffälliger Angestellter in einer Biomedizinischen Firma. Mittzwanziger, ganz gut aussehend mit enormen Selbstzweifeln. Seine Kollegin Cynthia Collingsworth hat es ihm angetan. Ihr Gang, ihre Erscheinung, ihr Wesen – all das und noch viel mehr tragen dazu bei, dass Norman sich einfach nicht traut sie anzusprechen und sie für sich zu gewinnen. Seine Mails an Professor Romance werden auch nicht beantwortet. In den Ratgeberbüchern – Norman kann sich die 600$ für Band I bis III locker leisten – sind schlussendlich auch keine endgültige Lösung.

Während Norman sich bis auf die Knochen blamiert bei dem Versuch mit Hilfe der Ratschläge von Professor Romance Cynthia auf sich aufmerksam zu machen, ohne dabei die Selbstachtung zu verlieren und Achtung in ihren Augen zu gewinnen, stürzt sich Lance Bertovich in eine Affäre. Und bringt so alle Stabilität in seinem Leben ins Wanken wie es kein kalifornisches Erdbeben je zu tun vermag. Und Doug? Der sucht was auch immer zwischen den Schenkeln von Prostituierten. Das muss Liebe sein.

Und dass das alles nur der Anfang einer gigantischen Höllenfahrt ist, wird dem Leser Seite für Seite klarer. Kompromisslos jagt Mark SaFranko Doug, Lance, Norman durch so ziemlich jeden Vorhof der Hölle. Erlösung – ob nun im Paradies oder der Hölle – exklusive. Man könnte sich nun entspannt zurücklehnen und diesen Roman mit einem gewissen, fast schon selbst gefälligen Grinsen genießen und in sich versunken kopfnickend in einem „ich hab’s kommen sehen“ einigeln. Doch dafür ist der Spannungsbogen schon zu sehr gespannt. Die Frage ist nur, wie weit geht der Autor, um der Sache Herr zu werden. Er geht weit. Weiter als man es sich vorstellen darf.

Miss Betony in Gefahr

Das ist doch nett: Eine ehemalige Schülerin bittet ihre ehemalige Lehrerin bei ihr – im Internat – zu wohnen und ihren Lebensabend anständig und wie es sich gehört zu genießen. Oberflächlich eine wirklich noble Geste. Doch wie so oft im Leben, hat alles einen Haken.

Emma Betony ist eine ehemalige Hauslehrerin Emma Betony, die sich sehr darum bemühte ihren Ruhestand in einer Seniorenresidenz genießen zu können. Das „Aufnahmeritual“ gestaltet sich schwierig, da ihre Herkunft nicht ganz dem Standard entspricht, den sich das Haus wünscht. England und Standesdünkel – eine ganz eigene Welt…

Die Einladende ist Grace Aram, mittlerweile selbst Leiterin eines Internats, in dem auch ein Pflegeheim untergebracht ist. Für Miss Betony – Emma – verlockend, aber auch nicht besonders erstrebenswert zugleich. Denn Kinder waren für sie nie (wirklich nie!) erstrebenswerte Wesen, die sie gern um sich hatte. Sie zu formen, war okay. Aber sie stets um sich herum zu haben – no, thanks. Und außerdem hat Emma nun doch die Zusage für Toplady bekommen, der Seniorenresidenz, für die sie sich beworben hat. Doch Grace`Angebot ist dann doch verlockender. Schließlich ist sie die einzige ehemalige Schülerin der Gouvernante, mit der sie noch regelmäßig in Kontakt steht. Man konnte es schon fast Freundschaft nennen.

Grace hat einen konkreten Anlass Emma zu bitten zu ihr zu kommen. In dem Pflegeheim, das unterm gleichen Dach wie ihr Internat ist, wird – aller Wahrscheinlichkeit nach – ein perfides Spiel getrieben. Eine Bewohnerin wird sukzessive … vergiftet. Ja, so ist das in englischen Pflegeheimen! Emma hat nun die Wahl: Entweder so den Lebensabend beschließen wie geplant oder doch der vermeintlichen Freundin zur Seite stehen und ein bisschen Nervenkitzel zu erleben. Emma entscheidet sich für Letztes.

In dem Internat, das Grace leitet, ist alles seltsam. Nettigkeiten weichen Ränkelspielen, Lehrkörper und Schüler sind im ständigen Wettkampf. Emma, Miss Betony, muss sich erstmal eingewöhnen. Dabei hilft ihr ihre über Jahrzehnte gepflegte Distanz. Erst als der mysteriöse Ambrosio auf der Bühne der Unannehmlichkeiten erscheint, verliert Emmy Betony ihre Distanziertheit. Doch da ist es schon fast zu spät, und schon ist „Miss Betony in Gefahr“.

Dorothy Bowers gehört zu erweiterten Kreis englischer Ladies, die mit ihren Krimis die Welt eroberten. Während Dorothy L. Sayers und Agatha Christie nie auch nur eine Silbe ihres Ruhmes verloren gaben, wird Dorothy Bowers immer wieder neu entdeckt. Dieses Buch wird jetzt, 2026, zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen, 85 Jahre NACH Erscheinen. Gift, Intrigen, destinguished people – alles, was das british-crime-heart begehrt wird hier vollends bedient, ohne dabei auch nur ansatzweise im Klischee-Morast zu versinken.

Padua

Listet man eine reihe von Städten in Italien auf, die man unbedingt sehen muss, gehört Padua sicher nicht auf die Champions-League-Plätze. Abstiegsgefährdet ist sie allerdings auch nicht. Padua ist klein, kuschelig und vor allem prall gefüllt mit Historie. Eine der ältesten Unis Europas, der älteste Botanische Garten der Welt, Galilei unterrichtete (kann man bis heute besichtigen). Und ein Schmuckkästchen für alle, die feingestalteter Architektur mehr als nur etwas abgewinnen können.

Nun hat mich also entschieden Padua zu besichtigen. Was nun? Was gibt’s zu sehen, was muss man sehen, wo muss man hin? Suchmaschinen führen einen immer an die gleichen Orte. Nämlich die, die von Online-Reise- und Ausflugsportalen gefüttert wurden. Da rennt man dann den ganzen Tag hinter einem Fähnchen her, lässt sich erzählen, dass diese Säule eine Säule ist und dass genau dieses Haus alt ist. Hurra, ein Tankfüllung vergeudet für etwas, was jeder sofort erkennt (so schlecht ist das Internet dann auch wieder nicht…).

Padua muss man selbst erobern. Mit Sinn und Verstand, mit wachem Geist, mit Reiseband und … dieser Reisebeschreibung. Ulrike Rauh ist eine Italophile mit unbändiger Sehnsucht nach dem Stiefel. Von Milano bis Napoli hat sie den Leser schon mehrmals an die Hand genommen und ihn sanft an Orte geführt, die noch nie ein Fähnchen gesehen hat.

Padua ist wie die kleine Schwester von Bologna. Nicht nur wegen der alten Universitätstradition. Auch hier läuft gut beschattet durch Arkaden. Und zu sehen gibt’s hier auch jede Menge. Einfach Kapitel für Kapitel lesen, die von der Autorin gemachten Schritte nicht als Dogma verstehen sondern als liebevolle Stupser in die richtige Richtung. Wer Padua noch nicht kennt, fühlt sich augenblicklich wohl und kaum noch fremd in dieser pittoresken Stadt.

Das besondere an Ulrike Rauhs Büchern sind die gehauchten Liebeserklärungen an die besuchte und beschriebene Stadt. Sie hat immer einen Begleiter im Arm, der ihr und dem Leser SEINE Stadt näher bringt. Und das ist einzigartig! Und lässt so manches Zögern in schwungvolle Schritte verwandeln. Mit diesem Buch rutscht Padua mit einem Mal von den mittleren Wunschplätzen in die Königsklassenregion auf. Der Sommer wartet nicht. Padua wartet auf seien neugierigen Besucher, die dank dieses Buches bedacht und wohl belesen auf historischen Pflaster lustwandeln können.

Bergvögel

Klingt alles ziemlich vertraut, doch – so viel sei schon mal verraten – es ist alles ganz anders! Zwanziger Jahre. Schweizer Alpen. Sanatorium. Ja, da kommt einem schon der „Zauberberg“ in den Sinn. Doch damit hat es sich auch mit den Gemeinsamkeiten. Denn Zofia Nałkowska kannte das Meisterwerk aus Deutschland nicht. Es war zwar schon erschienen, aber nicht auf Polnisch. Und sie sprach nicht genug Deutsch, um es im Original lesen zu können. Und bei ihr steht auch nicht das Zwischenmenschliche so prägend im Vordergrund. Die hier Versammelten sind allesamt mit ihren Köpfen noch im Weltkrieg, der bis vor ein paar Jahren ihr Leben bestimmte, teils zerstörte. Zofia Nałkowska verbrachte Februar bis April 1925 mit ihrem Ehemann eine erholsame und vor allem wohl nachhaltige Zeit in Leysin in der Schweiz. Dieser lässt sich nur spärlich im namenlosen Ort des Romans erkennen. Das aber nur als Randnotiz, denn es ist unerheblich für den Genuss dieses Buches.

Die Bergvögel, Choucas, kreisen in den luftigen Höhen der Schweiz. Und mit ihnen das neue Jahr, neue Hoffnung, Aufbruch. Es ist eine kleine elitäre Gruppe von Menschen. Sie stammen aus Armenien, England, Russland, Italien, Spanien, Rumänien und Deutschland. Eine wahre EU, die in den über vierzig Kapiteln sich näherkommen, verzweifeln, lachen, tanzen, leiden. Jedes Kapitel eine Geschichte für sich. Diese Kurzgeschichten werden durch den losen Faden des Handlungsortes zu einem festen Seil verwoben, das sich wie ein Kargen um das Lesehirn schlingt und niemanden mehr loslässt.

In Polen ist Zofia Nałkowska bekannt. Mehr jedoch für ihre Romane, „Bergvögel“ ist auch hier relativ wenig bekannt.

Es sind die leisen Töne, die zarten Bande, die hier Verbindungen schaffen, die in der „großen Politik“ heute wie damals undenkbar sind. Das Massaker an den Armeniern in der Türkei wird derart detailliert beschrieben, dass man doch mal absetzen muss. Der zu Ende gegangene Krieg hat noch keine Ordnungszahl. Man liest sich schnell in einen Rausch, das Flattern der schwarzen Vögel mit den roten Beinen und den gelben Schnäbeln ist Hintergrundmusik, die den Takt vorgibt. Seite für Seite erheben sich die mächtigen Gipfel der Schweizer Alpen. Das Geschirr im Speisesaal klappert vornehm. Selbst die Sonne scheint zwischen den Seiten hervorzuluken.

Anders als bei Thomas Mann ist „Bergvögel“ um einiges kürzer. Auch die Sätze und die Kapitel ziehen sich nicht ewig dahin. „Bergvögel“ ist einer der Romane, die man nicht auf den ersten Blick für sich auswählt. Hat man aber die ersten Seiten gelesen, entsteht eine starke Liebe. So muss das sein!

Alles endet hier

Alles auf Null gesetzt. Diese eine Chance. Das muss klappen. Dan Selby hat sich selbständig gemacht. Eine neue Technologie soll ihm und seiner Frau Rachel den ersehnten Wohlstand bringen. Warren ist sein Geschäftspartner, kümmert sich ums Marketing, die Homepage etc. Natürlich schwingt im Unterbewusstsein immer die Angst mit, dass das alles in die Hose gehen kann. Aber der Optimismus ist stärker. Bis…

Das Buch beginnt mit einer leicht nachvollziehbaren Szene. Dan, hat irgendwas an seinen Händen. Es klebt, ist feucht und tropft den Bürgersteig und die Straße voll. Da es sich bei „Alles endet hier“ NICHT um eine Liebesschnulze mit einer ergebenen langhaarigen Blondine auf dem Cover handelt, sondern um einen knallharten Krimi, kann man sich die Szenerie gut vorstellen. Besonders im Boston Accent muss es besonders eindrücklich klingen…

Nun gut. Warren entpuppt sich als wahrhaftes Ekel. Er ist cholerisch, das wussten Dan und Rachel. Und er ist schnell eingeschnappt. Aber das ist solange okay bis er die Reißleine zieht. Das gemeinsame Geschäft steht und fällt mit der Homepage. Die, die Warren konzipiert hat und allein verantwortlich ist. Dann will eines Morgens die Homepage öffnen – da prangt ihm ein dicker, fetter Stinkefinger entgegen. Jetzt ist er völlig durchgeknallt, denkt Dan und meint damit Warren. Was sollen die Kunden denken?! Der Streit, der der Lahmlegung der Seite vorausgegangen war, deutete schon auf eine Eskalation hin. Doch das Warren soweit geht? Dann will ihn zu Rede stellen. Dann die Eskalation. Es fließt zum ersten Mal Blut bzw. wird die (fünfte) Ehefrau von Warren verletzt. Polizei, Sirenen, das volle Programm inkl. Anklage, Verteidiger. Die ohnehin angespannte Finanzsituation von Dan und Rachel wird dramatisch weiter unter Spannung gesetzt.

Marat, ein russischer, optisch nicht unbedingt als Frauenheld dienender „Freund“ von Dan hat eine verrückte Idee. Er kenne jemanden, der jemanden kennt, der jemanden besorgen kann, der das Problem (Warren) löst, sofort wieder verschwindet und bis auf eine paar tausend Dollar weniger auf dem Konto, ist kein größerer Schaden entstanden. Dan wiegelt ab. Dan will in der Sache nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Tja, ein Fehler macht einen anderen Fehler nicht wieder wett. Doch ein Fehler kann weitreichende Folgen haben … zum Beispiel etwas Feuchtes, etwas Klebriges an den Händen.

Dave Zeltserman dreht ordentlich an der Eskalationsspirale zweier Menschen, die den Status „nahe der Verzweiflung“ schon längst hinter sich gebracht haben. Und der, der – gerechtfertigt oder nicht – als enervierende Gleichgültigkeit seine Gegenüber das Weiße in die Augen schießen lässt, konnte nun wirklich nicht davon ausgehen, dass alles so kommt. Denn irgendwann ist auch mal Schluss! Der Weg dorthin ist an Spannung nicht zu überbieten. Die Welt ist schlecht. Aber auch unfassbar spannend nachlesbar!