Nach Havanna

Eine Reise in die Seele Kubas – so der Untertitel. Meist verbirgt sich – wenn man das leist – dahinter ein Reisebericht eines (dafür) viel zu jungen Pseudoaussteigers, der meint nach ein paar Jahren in einem gut bezahlten, jedoch stark strukturiertem Job, unbedingt jetzt eine mehrmonatige Auszeit nehmen zu müssen, um die Welt zu erkunden. Mangelnde Hygiene inklusive, gefolgt von der Erkenntnis, dass die Menschen, denen er begegnete zwar unfassbar arm sind, aber im Gegenzug nicht minder glücklich. Was dabei übersehen wird, ist die Tatsache, dass – auch schon vor der alles verstehenden Zeit der oberflächlichen Empathie (oder auch Sorglosigkeit bzw. Verantwortungsscheue) – dieser koloniale Ignoranzunterton menschenverachtender ist als man sich selbst eingestehen kann.

In diesem Fall – endlich mal was Positives! – gibt es aber die begründete Hoffnung, dass man wirklich in die Seele Kubas und Havannas (!) eintauchen kann. Denn der Autor ist nun mal eben keiner, der mit belanglosen Texten die Bücherregale füllt, sondern Leonardo Padura. Ihn muss man nicht erklären, man liest ihn. Man folgt ihm. Man glaubt ihm. Havanna und Padura sind eins. Er ist hier geboren und setzt mit jedem Buch, jedem Kapitel, vielleicht nicht mit jeder Zeile, Havanna und Kuba ein Denkmal. Ein Denk-Mal.

In Mantilla ist Leonardo Padura geboren, hier lebt er immer noch – mit Ausnahmen. Hier kennt er sich aus, hier kennt man ihn. Hier hat er als Junge Baseball gespielt. Stundenlang, tagelang, jahrelang. Dort, wo er laut Plänen von Meyer Lansky und anderen Ganoven aus Amerika einmal das größte Vergnügungsparadies der Welt entstehen sollte – Las Vegas hätte sich in die Hose gemacht vor Scham – hielt er sich kaum auf. Wenn es nach Havanna ging – lange hatte der kleine Leonardo nicht verstanden, was das hieß: War doch Mantilla teil von Havanna. Oder doch nicht?! – war das immer ein Ereignis. Heimlich stahl er sich davon, erkundete die Stadt auf eigene Faust. Das Ergebnis: Sein Ermittler, sein Kommissar, sein Detektiv Mario Conde bewegt sich in Havanna derart traumwandlerisch, dass man als Leser sich schon fast als Kenner der Stadt bezeichnen darf. Die Auszüge aus seinen Büchern bringen diese Leseerinnerungen mit jedem Wort auf Anhieb zurück.

„Nach Havanna“ ist mehr als die logische Konsequenz aus den vorangegangenen Büchern von Leonardo Padura. Rollende Ölfässer, Baseball, liebevolle Umgebung, der Rhythmus der Stadt (ganz ohne nostalgische Verklärtheit) sind mehr als nur Hotspots, die man sehen muss. Padura erkennt sie, ordnet sie ein und lässt diesen Orten und Menschen ihre Normalität. Er drängt nicht darauf alles genauso wie er erleben zu müssen, wenn man die Stadt besucht. Er nimmt auch niemanden an die Hand und zerrt ihn von Geheimtipp zu Geheimtipp. Er stellt seine Stadt vor. Immer mit dem Hinweis auf die Zeit, die er offen und ehrlich erklärt. Denn Cuba ist nicht gleich Cuba. Und nicht jeder, der lacht, ist mit seiner Umgebung vollends zufrieden…

Schiff aus Stein

Albaner in Kalabrien, Ferragosto in Venetien, Schnitzler (nicht Schnitzel!) in Wien – mit Karl-Markus Gauß zu reisen ist jedes Mal ein Erlebnis. Denn überall, wo der studierte Germanist und Historiker auftaucht, findet er Aufregendes, Erinnerungen und Zusammenhänge, die nur er so stilvoll in Worte fassen kann.

Es sind Ausflüge in die Vergangenheit sowohl des Autors (hier wird die Neugier des Lesers nach privaten Geheimnissen nur insofern gestillt wie Gauß es selbst zulässt) als auch in Rückschauen auf das große Ganze. Europa ist nicht an einem Tag gebaut worden. Es hat sich entwickelt. Mal in die richtige, zu oft leider auch in die falsche Richtung. Nicht immer war es ein Europa, sondern ein bunter Mix, der erst in der Interpretation das Siegel Europa erhielt. Man denke nur an die Allianzen im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts oder an den Eisernen Vorhang.

Karl-Markus Gauß reiste immer schon. Grenzen waren für ihn lediglich Passkontrollstationen. Wahre Grenzen gab und gibt es für ihn nicht. Wo andere mit gen Himmel geneigten Kopf sich der Architektur hingeben, sitzt Gauß am Tisch mit den Menschen, die darin leben. Manchmal trifft er Leute wieder, die er Jahrzehnte zuvor schon einmal getroffen habe. Oder ihre Verwandten. Oder auch nicht!

Die kurzen Kapitel sind scharf umrissene Extrakte Europas. Was dem Autor passiert, kann jedem passieren. Nur eben nur hier, in Europa. Man muss sich anstrengen, Empathie nicht wie eine Monstranz vor sich hertragen, sondern wahrhaft leben – erst dann besteht die Möglichkeit dasselbe zu erleben. Die Möglichkeit, wohl gemerkt! Das kann im Wiener Kunsthistorischen Museum sein, wenn man ungehobelte Jugendliche beobachtet oder auch ein nicht bekommenes Menü in Troyes, einer der ehemaligen Hauptstädte Frankreichs sein. Das nicht bekommen bezieht sich in diesem Fall nicht auf ein „Upps, da haben wir vergessen zu servieren“…

„“Schiff aus Stein“ ist ein Buch, das auf jeder Europareise Museminuten bereitet und im Handumdrehen tiefgreifende Gedanken an die Oberfläche spült. Alles, was man sieht, reicht, schmeckt, erscheint in einem anderen Licht, ohne das man dabei der eigenen Eindrücke beraubt wird.

Gauß’ Geschichten sind wie Statusmeldungen in den sozialen Medien. Doch im Gegensatz zu den überzähligen „Guck mal wie viele Kilometer ich heute gelaufen bin“-Sinnlosigkeiten, die niemand einfordert, sind seine Statusmeldungen wahre Kostbarkeiten, von denen man sich wünscht, sie würden noch öfter aufpoppen.

Dieses Buch muss man lesen. Und vielleicht sind ja genau die beiden darunter, die gleich in der ersten Geschichte die Aufmerksamkeit des Autors auf sich zogen, und sich wieder erkennen. Zwei Verschwörer, die gemeinsam mehr als doppelt so stark wie einzeln sind. Die – vielleicht? – immer angestiert werden, weil… das muss man lesen!

Der blaue Stift

Poesie zwischen Trümmern und Ruinen ist hart, scharfkantig und roh. Hier wachsen keine Blumen. Hier vernebeln Staub und Angst die Schönheit der Gedanken. Bis Samar Yazbek die Bühne betritt. Ihre Heldin Rima ist ein Mädchen, das in Damaskus aufwächst. Ihr sind Bombenalarm und in Deckung gehen näher als unbeschwertes Herumtollen und freies Leben. Sie ist smart genug, um sich ihre Freiräume selbst schaffen zu können. In die Bibliothek laufen und mit einem Mal ins Leben von Alice einzutauschen, mit ihr durch verzauberte Wälder zu streifen oder mit einem adeligen Jungen immer wieder den Sonnenaufgang zu betrachten. „Alice im Wunderland“ und „Der kleine Prinz“ sind Rimas Lieblingsbücher. Doch nicht nur das. Sie sind ihr Schlüssel ins Paradies. Trotz der Bomben. Trotz der ewigen Kontrollpunkte in der uralten Stadt. Trotz der Enge und scheinbar nie endenden Hoffnungslosigkeit.

Bis … ja, bis … nein, es wird nicht besser! Es wird schrecklicher. Viel schrecklicher. Doch Rima kann dem Schrecken entkommen. Sie schreibt sich in eine andere Welt. Unverständlich für viele um sie herum. Das ist sie schon gewöhnt. Sie war schon immer anders. Wollte weg, wollte laufen. Das ging soweit, dass sie ihre Mutter, wenn sie die Tochter mit zur Arbeit nahm, festbinden musste, weil Rima sonst vollgestopft mit Neugier laufend die Welt erkunden musste. Dieser innere Zwang, diese Neugier, dieser Drang nach Neuem, nach Aufregendem ist ihr Ventil mit der Enge umzugehen ohne Schaden zu nehmen. Dieser eine blaue Stift, nichts Besonderes, ein Massenprodukt ist ihr Weg in ihre Freiheit. Ganz ohne Pathos oder sorgloser Aufschrei nach selbiger im Kanon der Belanglosigkeiten.

Samar Yazbek gelingt es mit einfachen Worten einfache Geschichten zu schreiben, die mit einer Wucht dem Leser entgegenschlagen, dass dieser sich nur allzu gern die Wunden leckt. Oder sind gar nicht erst versucht die Schmerzen zu lindern. Schweiß und Dreck haben bei ihr die gleiche Bedeutung und Sinnfreudigkeit wie Detonationen und zu feste Haltegriffe der Erwachsenen.

Es tut gut zu lesen, dass kein Regime der Welt, kein noch so perfide Restriktion die Gedanken der Menschen, ihre Sehnsüchte derart unterdrücken kann, dass sie im schlimmsten Fall „nur“ verkümmern können. Auslöschen kann man sie nicht.

Neapel sehen und sterben

Alles beginnt mit dem Tod. Odysseus überlistet die Sirenen, die sich daraufhin in die Fluten stürzen. Eine von ihnen, Parthenope wird an die Ufer der Bucht von Neapel gespült. Der damals aber noch anders gehießen haben muss. Sie wird hier begraben und gibt der Stadt ihren ersten Namen. So oder so ähnlich kann man sehr oberflächlich die Entstehung der Stadt Neapel zusammenfassen. Von wegen der Tod is a Wiener! Unter der brodelnden Oberfläche liegt das andere Neapel. Das Neapel der Toten. Katakomben, endlose Gänge, Labyrinthe. Das ist Neapel. Auch. Und ganz besonders.

Der Stadtheilige San Gennaro, der für seine religiöse Überzeugung – die katholische Kirche liebt die Aufopferung – ist hier begraben. Ippolita Sforza, aus dem fernen Mailand, auch. Sie, der junge gebildete Teenager sollte hier Alfonso heiraten. Später wäre sie dann Königin geworden. Es kam anders. Als Zwanzigjährige brach sie auf, um das noch nicht vereinigten Italien zu bereisen und schließlich am Hochzeitshofe ihrem Zukünftigen übergeben zu werden. Bücher und Lehrer brachte sie gleich mit. Doch Alfonso war die junge Sforza nicht genug. Nachdem die Thronfolge gesichert war – drei Kinder, inklusive männlichem Nachkommen – zog es Alfonso zu Anderen hin. Anderen Frauen. Sie solle es hinnehmen, rieten ihr sogar ihre Brüder. Sie nahm es nicht hin…

Hinzunehmen hatten die Napoletaner so manche Schmach. Die Größte Stimme der Stadt – Enrico Caruso – brach nach einem desaströsen Auftritt im Teatro San Carlo zu anderen Ufern auf. New York wurde seine neue Heimat. Nach schwerer Krankheit kehrte er als Kurgast in seine Heimatstadt zurück. Er erholte sich. Nur kurz und starb dann im Hotel Vesuve. Menschenmassen trugen und geleiteten seinen Sarg zur letzten Ruhestätte. Neapel und der Tod – eine Verbindung wie Pech und Schwefel.

Dieter Richter kennt die Stadt besser als die meisten Einwohner. Der Süden, Neapel – hier ist er zuhause. Dreizehn Todesfälle, die die Stadt prägten, die exemplarisch für die Stadt stehen, ihr Image prägen, durchblättert man fieberhaft, um noch tiefer in die eintauchen zu können. Fernab von Touristenströmen, vorbei an unzähligen Pizza-portafoglio-Zwischenstopps führt Dieter Richter den Leser durch eine Stadt, die es schafft das Gleichgewicht zwischen allgegenwärtigem Tod und ebenso spürbarem Leben zu halten.

Es ist wie bei jedem Buch von Dieter Richter: Jetzt hat man wirklich alles erfahren über die Region, über die der versierte Kulturwissenschaftler schreibt. So ist es auch mit diesem Buch. Mehr kann man einfach nicht wissen über die Stadt in einem der aktivsten Vulkanfelder der Welt. Eines steht jedoch fest: Bei Dieter Richter muss man immer mit Überraschungen rechnen. Genauso wie bei Neapel. Die Stadt hält sicher noch einiges unter  und über der Oberfläche parat. Und Dieter Richter wird es gekonnt und unnachahmlich hervorkramen.

Das Gesetz schweigt, der Richter spricht

Es war einmal ein Richter, der scheinbar über seinem einfachsten Fall grübelte. Es war die Zeit, in der man bei offenen Türen schlafen konnte, weil man selbst in Palermo jederzeit und an jedem Ort sicher war. So die Propaganda der Machtinhaber. Er hat sein Büro in einem Palast, in dem Jahrzehnte, Jahrhunderte zuvor im Namen Gottes endgültige Urteile gesprochen wurden. Die Spuren der Inquisition waren und sind immer noch sichtbar und vor allem spürbar. Und nun soll die Endgültigkeit eines Urteils wieder eingeführt werden. Jahrelanges Schmoren im Gefängnis soll nicht länger die härteste Strafe für die schlimmsten Vergehen sein. Der absolute Schlusspunkt stehe über allem.

Es beginnt mit einem intellektuellen Austausch mit dem Staatsanwalt, dem Vertreter der Anklage und der Machthaber. Auch der kleine Richter ist ihnen unterstellt. Sein Werkzeug ist das Gesetz. Es ist eindeutig. Oder doch nicht?! Denn letztendlich sind es seine Interpretation und Schlussfolgerung, die qua Unterschrift bald schon über Leben oder Tod entscheiden werden.

Der kleine Richter erkennt sehr wohl das Messerschwingen des Staatsanwaltes. Ein kleines Wort – für die Übersetzerin Monika Lustig die fordernde Aufgabe dem italienischen Original im Deutschen gerecht zu werden – ein exakt (und) kalkuliertes „La“ bringt die Stimmung zum Schwingen.

Der Täter ist geständig. Die Tat restlos aufgeklärt. Und doch ist das Ja/Nein-Spiel (schuldig ja oder nein – Höchststrafe oder Milde walten lassen etc.) ein verzwicktes Unterfangen. Dann könnte ja jeder richten! Ob das das immer Recht wäre…

Leonardo Sciascia sieht sich in einer ähnlichen Zwickmühle. Er möchte mit dem Mittel der Literatur – er selbst war niemals Richter, er war Lehrer und wurde nach dann Schriftsteller – Recht sprechen oder zumindest diese Zwickmühle der Rechtssprechung darstellen. Nun kann man „Das Gesetz schweigt, der Richter spricht“ ganz „normal“ wie einen Roman lesen und nach dem Lesen zuklappen und zu den anderen Büchern stellen. Es wird nicht klappen! Das Zuklappen gelingt noch einigermaßen. Doch die Geschichte lässt einen nicht mehr los. Zum Einen ist da die Sache mit der Todesstrafe. Auch hier gibt es kein klares Ja oder Nein. Denn ohne Emotionen geht es einfach nicht. Der Kopf sagt ganz klar Nein, je länger man sich mit einem Fall beschäftigt (und dazu gehört auch sich mit den Angehörigen beider Seiten – Opfer und Täter – zu befassen) desto näher gehen einem auch die Schicksale der „Anderen“. Noch lange kein Grund für ein klares Ja.

In einer Zeit, in der mit der Entscheidungsschablone Richtungen vorgegeben werden (wenn Ja, dann gibt es nur diese eine Entscheidung, wenn Nein, dann eben das Gegenteil, ohne Rücksicht auf eventuelle Grauzonen), ist es umso wichtiger nicht generell in Schwarz-Weiß zu denken. Das Cover gibt es vor! Grau ist noch lange nicht der einzig denkbare Kompromiss…

Farinet oder das falsche Geld

Ohne den Klappentext zu lesen – C.F. Ramuz liest man, weil er uneingeschränkt für hervorragende Qualität steht – stimmt man sofort in den Kanon ein, dass Freiheit ein wichtiges Gut ist. Auch wenn der Begriff heutzutage allzu inflationär gebraucht wird, um zu rechtfertigen, dass man nötige Pflichten nicht erfüllen möchte(!). Denn Maurice Farinet sitzt im Gefängnis und bricht aus. Ganz klar: Gefängnis, eingesperrt, also das Gegenteil von Freiheit. Doch so einfach ist die Geschichte nicht. Denn nach dem Willen des Gesetzgebers, und nur der darf jemanden einsperren, hat Farinet gegen das Gesetz verstoßen. Der hat einfach Geld hergestellt. Einfach so. Hat in den Bergen nach Gold gegraben und dann einfach Münzen hergestellt. Die gelten natürlich nur im eigenen Dorf – wo sie beliebter sind als die offiziellen Zahlungsmittel. Ja, er verschenkt die Münzen – Goldmünzen – sogar. Großmütig und verschmitzt konnte man nun meinen, dass hier ein echter Schlingel am Werk ist. Doch auch hier irrt man sich wieder gewaltig. Denn Farinet machte das nicht einfach, weil ihm danach war. Er stellte Münzen her, weil er es konnte, und die Notwendigkeit ihm dies gebot. Hier bekommt sein Tun eine politische Dimension. Maurice Farinet ist ein Feind der staatlichen Grundordnung, ein Revolutionär und ein Freiheitskämpfer. Doch momentan kämpft er sich erstmal durch die Nacht und die Rebberge um Lausanne…

Miesgelaunt könnte man bei Farinet die kriminelle Karriere als in die Wiege gelegt betrachten. Als andere Kinder in die Schule gingen, half er beim Vater aus. Als Schmuggler. Doch Farinet machte aus seinem Talent und seinen Fähigkeiten etwas, das niemand hätte vermuten können. Er schwang sich auf Neues und Großartiges für die Menschen in seinem Ort zu tun. Niemand sollte ihnen sagen, was wie viel wert sei. Zahlen auf Geldstücken waren eben nicht mehr als das: Ziffern und Zahlen. Doch Vater Staat sieht das natürlich anders: Man stelle sich, dass man heute zum Discounter geht, Butter, Brot, Wurst, Eis und ein paar Süßigkeiten einkauft. An der Kasse knallt man dann … ja, was?! Eine tote Katze als Gegenwert auf den Tisch? Oder selbst gestrickte Strümpfe? Oder einen kunstvoll geschnitzten Wanderstock? Vater Staat muss die Ordnung aufrecht erhalten. Wenn die Münzen aus Farinets Schmiede aber nur im Dorf bleiben, was dann? Dann kann ihm doch eigentlich niemand was anhaben. Die Münzen finden aber den Weg auch über die Dorfgrenze hinaus. Und deswegen wird Farinet gejagt. Und gefangen. Und er bleibt dort bis zum Ende. Und das kam ziemlich schnell. Wie? Das wird für immer ein Rätsel bleiben.

C.F. Ramuz verleiht einem still verehrten Helden der Schweiz eine Stimme und lässt ihn in seinem Tun freien Lauf. Das hätte Farinet gefallen. Einmal mehr zeigt Ramuz sein erzählerisches Talent und fesselt den Leser ans Buch bis die letzte Seite, der letzte Abschnitt, der letzte Buchstabe gelesen ist. Diese Freiheitsberaubung ist nicht justiziabel!

Albert Nobbs

„Ach, das könnte schön sein, ein Häuschen mit Garten…“ ganz so verträumt sieht Albert Nobbs seine Zukunftspläne nicht. Er träumt von einem eigenen Tabakladen. Womit der Roman schon mal nicht in der Gegenwart spielen kann… nein, wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert in Dublin. Und Albert Nobbs ist für einige der Grund in diesem einen Nobelhotel zu weilen. Nur weil Albert Nobbs da ist. Und Albert Nobbs ist einfach Albert Nobbs. Er unauffällig, doch immer da, wenn man ihn braucht, manchmal sogar einen kurzen Moment früher.

Das Morrison’s Hotel ist ohne Albert Nobbs einfach nicht denkbar. Auch Albert Nobbs kann sich ein Leben ohne das Hotel nicht vorstellen. Zumindest so lange bis das Geld für den eigenen Tabakladen zusammengespart ist. Ach ja, dieser Tabakladen… wenn die anderen wüssten. Und wenn die anderen auch wüssten welches Geheimnis Albert Nobbs noch in sich trägt… Wohl gemerkt: Dublin, Irland, Ende des 19. Jahrhunderts! Lassen wir die Geheimniskrämerei: Albert Nobbs ist eine Frau!

Wenn das rauskommt, dann ist alles weg. Der gesicherte Job und erst recht der Traum vom Tabakladen. Und erst die Schande! Man würde ihn nicht nru aus dem Hotel, sondern aus der Stadt, wahrscheinlich sogar aus dem Land jagen. Aber das ist Spekulation. Das Geheimnis ist sicher.

Bis Hubert Page bei Albert Nobbs einziehen soll. Die Hotelbesitzer wollen das so. Hubert ist Anstreicher und immer mal wieder für eine gewisse Zeit im Hotel. Man kann sich die dicken Schweißperlen bei Albert Nobbs genau vorstellen, die sich gebildet haben als ihm die Nachricht überbracht wird. Zeit Vorkehrungen zu treffen bleibt ihm auch nicht. Denn das alles geschieht seines Wissens unverzüglich, ab sofort. Die Geschichte lehrt uns, was das heißt…

Zur Beruhigung geschieht ein weiteres Wunder. Denn Hubert Page ist auch nicht unbedingt Hubert Page. Leidensgenossen unter einem Dach. Schweigepflicht in jeder Gefühlslage. Und Beistand. Page macht Nobbs einen Vorschlag, um ein ruhigeres Leben führen zu können. Er solle sich ein Mädchen suchen und es heiraten. Ein Gentleman der Gegenwart war Nobbs schon immer und unternimmt die ersten Gehversuche…

George Moore ist in unseren Breiten relativ unbekannt. Zu Unrecht! Dieser kleine Roman voller Güte, gespickt mit Zuneigung, brillant umgesetzt ein Schatz! Die nicht minder brillante Glenn Close brachte die Figur derart beeindruckend auf die Leinwand, dass das Buch vor einiger Zeit noch einmal veröffentlicht wurde. Die Neuübersetzung von Stefan Weidle ist mehr als nur die Kirsche auf diesem süßen Turm verführerischer Sahne. Er bringt Zeitgeist und moderne Lesart in Einklang, das einem schwindelig wird ob der Tatsache, dass man erst jetzt diesen Roman so unbeschwert erlesen kann. Die Neuentdeckung des Leseherbstes 2026!

Voll im falschen Film

Juli anno, das Jahr spielt keine Rolle mehr. Ein Tag, an dem der Eine oder Andere in seinen Geburtstag rauschend reinfeiert. Oder man den Koffer ebenfalls berauscht packt, weil es am nächsten Morgen ganz früh in den Urlaub geht. Nora joggt. Wie immer. Nix besonderes. Ein ganz normaler 28. Juli. Bis zu dem Moment, in dem sich der Vorhang schließt. Sie liegt in einem Partykeller – schlimm genug. Die teutonisch verordnete Fröhlichkeitsburg mit dem Schmodder vergangener gut durchorganisierter Heiterkeit an den Wänden. Sie schaut sich um, kippt wieder um. Ertastet die Folgen ihres Übels (eine Beule am Hinterkopf) und beginnt alsbald mit dem Auffüllen der reichlich vorhandenen Trickgefäße. Es läuft. Sie weiß, dass sie 43 Jahre … ist (die Grenze zwischen Alt und Jung ist diesem Lebensabschnitt nicht konkret auszumachen) und dass Ben und Laura, die Zwillinge zuhause auf sie warten. Der dazugehörige Mann ist ausgeflogen, für immer. Ach ja, noch was: Nora ist Alkoholikerin, seit drei Jahren trocken. Der teure, und vor allem leckere Rotwein in ihrem Zwangsexil ist deswegen der Anfang von einem langen Ende…

Sie entkommt dieser vollkommenen Unvollkommenheit des Delirium-Sequels. Zumindest räumlich. Raus aus der Eichevertäfelung, rein in den öffentlichen Raum mit dem heilsbringenden Himmel über ihrem brummenden Schädel. Nachschub fassen. Das sollte sie nicht tun. Drei Jahre ohne sind noch lange nicht genug! Auch im Sorgerechtsstreit mit dem Erzeuger von Ben und Laura. Und bald muss, nein darf, sie auch wieder arbeiten. Sie ist Schauspielerin. Bekannt von den Mattscheiben der Nation, die wahrscheinlich auch zu einem relativ hohem Prozentsatz einen Partykeller ihr Eigen nennen. Die Misslichkeit ihrer Lage ist ihr bewusst. Der Weg hinaus ist ihr auch klar. An der Umsetzung hapert es. Und zwar gehörig! Sie ist nun mal Alkoholikerin. Das schüttelt man nicht einfach so ab, weil man ein paar Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre nicht mehr an der Promillegrenze gekratzt hat. Verdammt. Nachschub. Der Drang ist größer als die Vernunft. Dass sie ausgerechnet dabei in den Fokus einer Kamera läuft, ist nicht einfach nur misslich. Es ist eine Katastrophe! Für sie, für Ben und Laura, für ihren Sorgerechtsstreit, für ihre Karriere. So viele Gründe in Panik zu geraten. Doch erstmal muss sie rausfinden, wie sie in diese Lage gekommen ist. Vieles spricht dafür, dass sie in diese Lage „gekommen WURDE“. Ein aufputschendes, teils teuflisches Detektivspiel nimmt seinen Lauf.

Wiebke Lorenz schaut tief ins Glas der Sucht nach Prozenten. Dem Offensichtlichen der Sucht begegnet man im wahren Leben immer wieder. Doch die Tragödie dahinter, sind verschlossene Räume, für die die A8utroin die passenden Schlüssel hat. Man darf nicht einfach nur mal kurz durchs Schlüsselloch kieken – sie stößt die Kammern des Dramas weit auf und lässt Schlangen von Neugierigen hautnah am Leid teilhaben. Ohne dabei jedoch werde den Zeigefinger zu heben, noch den Betroffenen untern Rock schauen zu lassen. Sie beschreibt eine auch ihr bekannte Welt und garniert sie mit einem Krimi der Extraklasse.

Kains Urteil

Wäre die Lösung eines Kriminalfalls ein Marathon, würde Friedrich von Coes generell im Spitzenfeld ermitteln. Er ermittelt nicht sonderlich schnell – Berlin ist die richtige Strecke für derartige Rekorde – aber gewissenhaft. Auf und Ab geht es bei ihm – immer. Daran hat er sich gewöhnt. Das macht ihm nichts mehr aus. Doch dieses Mal führt ihn der Streckenverlauf durch menschliche Täler, finstere Tunnel und schlussendlich in ungeahnte Höhen.

Was ist passiert? Dr. Hanselmann ist tot. Ehemaliger Richter am Amtsgericht in Münster. Von Coes kennt ihn, musste mehrmals in seiner Eigenschaft als ermittelnder Kommissar bei und vor ihm aussagen. Ein harter Hund war er, der Doktor Hanselmann. Sein Sohn gab sich den goldenen Schuss, seine Frau starb zwei Jahre später an „gebrochenem Herzen“. Hanselmann war pensioniert und hatte ein Hobby, nein, eine Leidenschaft. Das Spiel von Macht und Unterwerfung im privaten bereitete ihm besondere Freude. Reiza-joo war seine Domina, die er in gehockter Haltung in seinem Haus erwartete. Der Anblick, der sich ihr bot (Hanselmann war das schon zu keiner Handlung mehr in der Lage) brachte sie ins Wanken. Sie fiel, schlug sich den Kopf an und auf, blieb bewusstlos liegen und verstarb kurz nach ihrem Kunden. Und das alles am Sonntag als Kommissar Friedrich von Coes zusammen mit seiner Tochter bei seinen Eltern zum Mittagessen eingetroffen ist. Seine Kollegin Hannah ist auch dabei…

Kurz nachdem Start die erste Tempoverschärfung als die Theorie vom Besuch der Domina und ihrem Umfallen die Runde macht. Immer schön die Spur halten und aufs Tempo achten. So vergeudet man keine Energie. Denn im Ziel wartet dann selbstredend der Mörder und gibt Auskunft zu seinen Motiven. Von Coes’ Vater, selbst Anwalt gab bei Tisch zu, dass Hanselmanns Rechtsempfinden schon mal am Rande der Legalität schrammte. Der Tod des Sohnes und der Verlust der Frau sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Und natürlich hat so ein Richter, der die Macht anderen die Freiheit zu nehmen und ins Gefängnis zu stecken nicht nur Freunde. Dort setzen die Ermittlungen an. Verdächtige gibt es im Marathonfeld zuhauf. Das Team um Friedrich von Coes muss aufpassen nicht den Anschluss zu verlieren. Denn die, die schon abgehängt schienen, tauchen immer wieder im Ermittlungsumfeld auf. Und die vermeintlichen Favoriten verstecken sich im Hauptfeld. Da müssen auch die begleitenden Kameramänner, in diesem Fall der Kriminaldauerdienst und die Spurensicherung sehr fokussiert bleiben.

Kain hatte – in seinen Augen – allen Grund Abel ins jenseits zu befördern. Und irgendjemand hatte – in seinen Augen – allen Grund Hanselmann ins Jenseits zu befördern. Zu Blöd, dass Kain weithin ein sichtbares Mal trug. Der Mörder von Hanselmann nicht. Von Coes läuft in der Spitzengruppe dieses Marathons mit. Zum Schluss hin gibt er das Tempo vor und zwingt so den Münsteraner Kain sich zu zeigen. Die Zwischenzeiten – kurze Kapitel mit exakten Angaben, wie in einem Ermittlungstagebuch – sind für den Leser wie die Zwischenzeitangaben beim „richtigen Marathon“. Kluge Rennstrategie in wenig, an deren Ende ein zufriedenes Lächeln steht. Beim Ermittler und beim Leser.

Mordsferien

Schon mal in Rathole gewesen? Das liegt in Cornwall im Südwesten Englands. Ein idyllisches Städtchen, das sich dieses Attribut wahrlich verdient hat. Hier hat auch Joyce vor einigen Jahren Urlaub gemacht. Doch mit Idylle haben ihre Erinnerungen so rein gar nichts zu tun. Sie wollte malen. Die Landschaft in ihren Bildern einfangen. Eine Landschaft, die vor fünfhundert Jahren von den Spaniern mit Kanonen malträtiert wurde. Der Legende nach sind ab und an sogar noch ein paar Bluttropfen auf den Pflastersteinen sichtbar. Allerdings nur, wenn sich innerhalb der folgenden 24 Stunden ein Mord ereignet. Legende!

Joyce beobachtet ein Pärchen. Der Mann begegnet zufällig einer alten Freundin, er stellt sie seiner Frau vor. Im Handumdrehen verabreden sich die Drei zu einem Ausflug an den Strand. Das Paar fährt mit dem Auto, die Frau will lieber zu Fuß gehen. Der Tag vergeht, das Pärchen ist zurück, die Frau hängt die nassen Badesachen zum Trocknen auf den Balkon. Nur Carol, die alleinreisende Frau, ist nicht mehr da. Joyce erinnert sich, dass sie scheinbar ganz automatisch, ohne es zu bemerken, Bluttropfen ihrem Bild, das sie gerade zeichnete als das Paar die Carol traf, hinzufügte. Der Legende nach muss also nun – binnen 24 Stunden – ein Mord geschehen.

Im darauffolgenden Jahr reist Joyce wieder nach Rathole. Und wieder: ein Paar, sieht dem aus dem Vorjahr verdammt ähnlich und … wieder eine Carol. Anderer Name, aber gleicher Typ etc. Agatha Christie ist diese Geschichte, die gern auch ins reich der Mysterien verbannt werden könnte, eingefallen. Urlaub mit Agatha Christie – das endet für mindestens Einen immer mit dem … Ende. Nur wer ganz genau aufpasst, weiß wie die Bluttropfen aufs Pflaster kamen.

Das ist nur eine Geschichte aus diesem grandiosen Krimi-Urlaubsbuch. Dorothy L. Sayers’ Figuren versuchen das Rätsel vom Mann ohne Gesicht zu lösen. Arthur Conan Doyle lässt im Tal von Boscmobe einen geheimnisvollen Mord geschehen. Und mit Gilbert Keith (G.K.) Chesterton reist man ins Paradies der Diebe. Es gibt viele Krimisammlungen, die man mit in den Urlaub nimmt. Leichte Kost für leichte Tage. Kann man machen. Aber warum nicht mal die Creme de la Creme des Krimigenres in einem Buch abwechselnd das Blut des Lesers in Wallung bringen?! „Mordsferien“ ist der Garant für Gänsehaut, die bis zum Beginn der nächsten Geschichte anhält. Und wenn das Buch ausgelesen ist, ist im besten Fall auch der Urlaub zu Ende.

Wer an den schönsten Tages des Jahres nicht auf Spannung und angespannte Nerven, auf Gänsehaut und Kribbeln verzichten kann, der wird „Mordsferien“ jedem noch so romantischen Sonnenuntergang vorziehen. Da heißt es schneller lesen, denn auch Sonnenuntergänge können spannend sein…