Mordsferien

Schon mal in Rathole gewesen? Das liegt in Cornwall im Südwesten Englands. Ein idyllisches Städtchen, das sich dieses Attribut wahrlich verdient hat. Hier hat auch Joyce vor einigen Jahren Urlaub gemacht. Doch mit Idylle haben ihre Erinnerungen so rein gar nichts zu tun. Sie wollte malen. Die Landschaft in ihren Bildern einfangen. Eine Landschaft, die vor fünfhundert Jahren von den Spaniern mit Kanonen malträtiert wurde. Der Legende nach sind ab und an sogar noch ein paar Bluttropfen auf den Pflastersteinen sichtbar. Allerdings nur, wenn sich innerhalb der folgenden 24 Stunden ein Mord ereignet. Legende!

Joyce beobachtet ein Pärchen. Der Mann begegnet zufällig einer alten Freundin, er stellt sie seiner Frau vor. Im Handumdrehen verabreden sich die Drei zu einem Ausflug an den Strand. Das Paar fährt mit dem Auto, die Frau will lieber zu Fuß gehen. Der Tag vergeht, das Pärchen ist zurück, die Frau hängt die nassen Badesachen zum Trocknen auf den Balkon. Nur Carol, die alleinreisende Frau, ist nicht mehr da. Joyce erinnert sich, dass sie scheinbar ganz automatisch, ohne es zu bemerken, Bluttropfen ihrem Bild, das sie gerade zeichnete als das Paar die Carol traf, hinzufügte. Der Legende nach muss also nun – binnen 24 Stunden – ein Mord geschehen.

Im darauffolgenden Jahr reist Joyce wieder nach Rathole. Und wieder: ein Paar, sieht dem aus dem Vorjahr verdammt ähnlich und … wieder eine Carol. Anderer Name, aber gleicher Typ etc. Agatha Christie ist diese Geschichte, die gern auch ins reich der Mysterien verbannt werden könnte, eingefallen. Urlaub mit Agatha Christie – das endet für mindestens Einen immer mit dem … Ende. Nur wer ganz genau aufpasst, weiß wie die Bluttropfen aufs Pflaster kamen.

Das ist nur eine Geschichte aus diesem grandiosen Krimi-Urlaubsbuch. Dorothy L. Sayers’ Figuren versuchen das Rätsel vom Mann ohne Gesicht zu lösen. Arthur Conan Doyle lässt im Tal von Boscmobe einen geheimnisvollen Mord geschehen. Und mit Gilbert Keith (G.K.) Chesterton reist man ins Paradies der Diebe. Es gibt viele Krimisammlungen, die man mit in den Urlaub nimmt. Leichte Kost für leichte Tage. Kann man machen. Aber warum nicht mal die Creme de la Creme des Krimigenres in einem Buch abwechselnd das Blut des Lesers in Wallung bringen?! „Mordsferien“ ist der Garant für Gänsehaut, die bis zum Beginn der nächsten Geschichte anhält. Und wenn das Buch ausgelesen ist, ist im besten Fall auch der Urlaub zu Ende.

Wer an den schönsten Tages des Jahres nicht auf Spannung und angespannte Nerven, auf Gänsehaut und Kribbeln verzichten kann, der wird „Mordsferien“ jedem noch so romantischen Sonnenuntergang vorziehen. Da heißt es schneller lesen, denn auch Sonnenuntergänge können spannend sein…

Die letzte Fahrt des Admirals

Ist man ein echter Krimifan, hat man im Laufe der Zeit ein Gespür für Gutes und Schlechtes entwickelt. Und sich ein Bibliothek mit Büchern seiner Lieblingsautoren aufgebaut. Für einen Autor bedeutet solche treue Leserschaft garantierten Erfolg. Zumindest eine bestimmte Zeit. Denn immer nur routiniert ers(p)onnene Geschichten fallen dann irgendwann mal auf und später durchs Raster. Stilistische Raffinessen sind das Salz in der kriminellen Suppe des Autors. Gesättigte und zufriedene Leser am Tisch applaudieren heftig. So sieht das ideale Leben eines Krimiautors aus.

Dieses Buch – „Die letzte Fahrt des Admirals“ – ist dann sozusagen das letzte Abendmahl. Denn besser geht es nicht – auf dem Papier. Und das ist wortwörtlich zu nehmen!

Es begab sich vor fast einhundert Jahren, dass sich die Granden des Krimigenres – from England, of course – in geselliger Runde zum Diskurs trafen. Man prahlte mit neuen Geschichten (was natürlich, of course, niemand zugeben würde) und bat um Hilfe, wenn einem Abläufe, technische Gerätschaften, logische Fehler das Schreiben ordentlich verhagelten. Man nannte sich „Detection Club“. Ein Verein, wie man ihn als Erste in Deutschland verorten würde. Doch es war, ist und bleibt ein englischer Verein. Und irgendwann kam das, was kommen musste: Ein gemeinsamer Roman. Ein Krimi – was sonst? Eine Liebesgeschichte, Fantasy, Science fiction? Oh no, my dear, never!

Klare Regeln wurden aufgestellt. Jeder der Autoren – zwölf an der Zahl plus G.K. Chesterton als Prologschreiber – schreibt ein Kapitel. Keiner muss sich an die Vorgaben des Vorschreibers halten und darf keine plötzlichen Wendungen einbauen. Ebenso ist es verboten technische Hilfsmittel (No science fiction, please!) zu erwähnen. Die Ermittler müssen allein mit der Kraft der kleinen grauen Zellen den Fall lösen. Und jedes Kapitel muss zur Lösung eindeutig beitragen. Wie bekommt man also dieses fantastische Dutzend unter einen Hut, ohne dass sie sich dabei an die Gurgel gehen? Das wäre ja was. Ein Dutzend Krimiautoren will zusammen einen Krimi schreiben und zum Schluss ist nur noch Einer übrig. Too much Agatha Christie! So viel sei schon verraten: Es funktioniert. Und zwar auf höchstem Niveau. Die Lösungsansätze der einzelnen werden im Anschluss na die Geschichte aufgelistet. Wer also zu gern schon vor der ersten Seite am Ende des Buches schmult, den soll der Blitz treffen! Aber so richtig schlau wird er eh nicht werden. Es sind eben doch echte Profis am Werk, die die letzte Fahrt des Admirals bis ins kleinste Detail darauf ausrichten, dass es nicht doch noch eine allerletzte Fahrt geben wird…

Es gab schon einmal Zwölf, die sich um Einen scharten – ging nicht gut aus, für den Einen. Der Detection Club hat als Backup vorsorglich einen Dreizehnten eingeladen, um den Rahmen für den Mord – so viel kann man durchaus schon verraten, oder war es gar kein Mord? – vorzugeben. Im Fahrwasser dieses Prologes entwickelt sich eine Geschichte, die den Leser auf eine durchwachsene Reise schickt. Stilwechsel, Faktenüberfluss, Verknüpfungen, wo man keine erwartet. Ein echter Krimifan erkennt schon nach wenigen Zeilen, wer hier geistiger Vater oder geistige Mutter des jeweiligen Kapitels ist. Wer sich voll und ganz diesem Krimi hingibt, wird mit teuflischer Präzision ins Genre Krimi gestoßen und wird nie wieder etwas anderes lesen wollen.

Christus kam nur bis Eboli

Das geflügelte Wort „… dann kommst Du nach Sibirien“ ist heute kaum noch gebräuchlich unbekannt. Bedeutete es doch, dass, wenn man sich nicht anpasst eine Anpassungsmaßnahme dafür sorgt, dass man sich anpasst. So wollte es zumindest wirken. In Wahrheit war man nur aus der reichweite von weiteren subversiven Elementen gebracht worden, damit die Ordnung weiterhin aufrechterhalten werden kann.

Auch die Faschisten in Italien kannten diese Methode. Und Carlo Levi kannte sie auch. Er war Arzt und Schriftsteller. Und er stand der Regierung Mussolinis kritisch bis ablehnend gegenüber. Und entschloss man sich ihn in die Verbannung zu schicken. Nach Lukanien. In die Umgebung von Eboli. Lukanien ist der mittlerweile nicht mehr gebräuchliche Name für Basilicata. Ganz im Süden. Hügel und karge Landschaften sind hier nicht zur Zierde da, hier ist die Kargheit Gesetz. Ein Landstrich, der erst seit wenigen Jahren, seitdem das Städtchen Matera zur europäischen Kulturhauptstadt erkoren wurde und von nun an Massen in seinen Bann zieht.

Doch von all den Schönheiten, den Einzigartigkeiten, dem Augen verwöhnenden kann und will Levi nichts wahrnehmen. In Handschellen bringt man ihn hierher. Er ist schon eine lange Zeit weg aus Turin. Weg aus seinem Leben, das immer mehr ein Gegen war als eine Für. Deswegen ist er nun hier. Weit weg von allem, was auch nur annähernd an eine Zivilisation wie sie kannte, entfernt ist. Klagt er? Nein! Er beobachtet. Denn irgendwann wird der Spuk vorbei sein. Und er wird ein Buch schreiben. Ein Buch, das verfilmt wird. Ein Buch, das ihn berühmt macht. Ein Film, der Massen und Kritiker gleichsam in seinen Bann zieht. Doch bis dahin … Augen auf, Menschen nicht nur ansehen, sondern sehen. Sie nicht nur hören, sondern ihnen zuhören. Auch wenn der Dialekt oft nur Unverständliches zurücklässt.

Carlo Levi rechnet nicht mit denen ab, die sich fernab jeglicher Regularien in ihrem Dasein eingerichtet haben. Sie sagen selbst, sie seien keine Christen, keine Menschen. Denn irgendwo in der Gegend von Eboli hielt Christus inne. Und erstarrte. Unmöglich weiterzugehen. Eboli war Endstation. Hier leben nur die, die sich dessen bewusst sind und sich ergeben haben. Ergeben in ihrem Schicksal niemals mehr zu sein als Wesen, die sich selbst nicht einmal als Menschen sehen. Doch ihre Gemeinschaft funktioniert. Das wird Levi erkennen.

Er ist der stille Beobachter, der sich im Hintergrund hält und ihnen mit seinen Zeilen eine Stimme gibt. Schicksale sind hier keine Paukenschläge, sie geben den Takt des Lebens vor und trommeln weiter bis der Wind die letzten Schallwellen schluckt. Ist die letzte Seite umgeblättert, ist die letzte Seite gelesen, merkt man, dass man jedes Schicksal sehr wohl ertragen kann. Dank Carlo Levi. Und der frischen Neuübersetzung durch Martin Hallmannsecker.

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Vier Jahre und vier Monate auf Más a Tierra können einen schwer verändern. Und wenn man dann auch noch allein ist, verkümmern die einfachsten Fähigkeiten wie zum Beispiel die Sprache – mit wem soll man sich denn überhaupt unterhalten?! Wenn dann Rettung naht, auch wenn ein Freibeuter in königlichem Dienst ist, bringt einem der schottische Akzent und eben die Tatsache, dass man das Sprechen quasi verlernt hat, auch nicht zwingend ins Paradies. Ein anderes Paradies als das, was man gerade verlassen hat. Und dann wird man … Moment, berühmt? Nee, berühmt wird man nur eine ganz kurze Zeit. Schließlich hat man richtig viele Monate allein auf einer Insel verbracht und überlebt. Das ist schon eine Meldung in einer Zeitung wert. Kurz ist der Ruhm. Und dann ist die ganze Sache auch schon wieder in der Vergessensschublade des Lebens verschwunden.

Ein ebenso vom Glück abgeprallter Autor liest von eben diesem Schicksal und probiert „einfach mal den Roman seines Lebens zu schreiben.“ Und siehe da: Es gelingt. „Robinson Crusoe“ wird ein Welterfolg. So blumig ausgestattet, paradiesisch abenteuerisch. Und was ist mit dem Mann, der der Anstoß dazu war? Den kennt keine Sau mehr! Und doch hat er einen Namen. Und der ist sogar bekannt! Alexander Selkirk. Bis heute ist er weder auf Geldnoten verewigt, noch hat man ihn zigfach auf Sockel gestellt (bis auf Lower Largo, seinem Geburtstort). Robinson Crusoe, der fiktive Held, ist bekannter als der reale Inselalleinbewohner Alexander Selkirk. Aus dem Geschichtsbuch gefallen – so ist das nun mal.

Ralf Höller hat noch mehr solche Glückspilze gefunden, die sich niemals der kreischenden Masse von Schaulustigen und Sensationsgierigen entgegenstemmen mussten, um eine Schritt vorwärts tun zu können. Sie alle wurden in den Hintergrund gedrängt und schließlich vom Podest gestoßen. Bis der Staub der Geschichte sie unter sich begrub.

Semjon Deschnew ist auch so einer. Eigentlich sollte sein Name auf jeder Landkarte stehen. Doch stattdessen taucht dort immer und logischerweise immer an derselben Stelle der Name Behring auf. Die Meerenge zwischen Russland und Amerika ist nach ihm benannt.

Aus aktuellem Anlass sei auf den Namen Nikolai Resanow ins Gespräch zu bringen. Auch er hat irgendwie etwas mit dem Namen Deschnew zu tun. Zu viel sei hier nicht verraten. Nur so viel. Wenn zwei Dickköpfige Diktatoren sich mal mögen und dann wieder bekriegen, sind Gebietsansprüche bald schon aktueller als man sich so viel Aktionismus niemals mehr vorstellen konnte. Kyrillische Buchstaben in Venice Beach. Piroggi auf der Lambert street. Matrioschkas in der Big Sur. Einfach mal weiterdenken und den unbesungenen Helden ein bisschen Zeit widmen und in diesem denkwürdigen, exzellent recherchierten, geschliffne formulierten Büchlein wahrer Geschichte den gebührenden Platz einzuräumen. Ein Schmunzeln ist das Mindeste, was dieses Buch dem Leser ins Gesicht zaubert.

Rosa Parks – Meine Geschichte

Man muss sich selber respektieren. Worte, die durchaus ihre Berechtigung haben, jedoch schnell im Sumpf der Küchenpsychologie verschwinden, wenn sie inflationär und zusätzlich auch noch im falschen Kontext benutzt werden. Und wenn dann am Küchentisch auch noch unpassende Matches zwanghaft gesucht werden, ist der Ofen aus.

In der Geschichte der USA waren und sind die echten Helden immer diejenigen gewesen, die sich selbst nicht ins Rampenlicht stellten, sondern mit ihrem Tun sich Respekt verdienten. Eine von ihnen ist Rosa Parks. Sie weigerte sich in den 50ern einfach (und hier ist dieses Wort mehr als angebracht) und mehrfach den Sitzplatz im öffentlichen Bus einem Weißen zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde sie bekannt. Doch wie immer in der Geschichte ist das nicht die ganze Wahrheit! Zum Einen war es damals so – das ist gerade mal 70 Jahre her!, nicht mal ein Wimpernschlag im Lauf der Zeit) – dass in Bussen strikte Rassentrennung herrschte. Und das, obwohl verfassungswidrig war! Hinten im Bus waren Reihen für Schwarze reserviert. Von für Weiße. In der Mitte könnten sich Weiße und Schwarze setzen. Wenn allerdings ein Weißer einen Platz in dieser Sektion beanspruchte, musste ein Schwarzer aufstehen und den Platz freimachen. Unvorstellbar! Wie gesagt, wir befinden uns in den 50er Jahren des so modernen 20. Jahrhunderts! Und genau dort saß Rosa Parks. Hinten war kein Platz mehr, vorn durfte sie eh nicht sitzen. Der Bus fuhr nicht weiter. Der Busfahrer wies sie an den Platz zu räumen, sie weigerte sich, die Polizei kam. Und jetzt kam es nicht zu dem berühmten Foto, das um die Welt ging. Das kam erst Jahre später zustande. Sie wurde verhaftet. Nicht zum ersten, und nicht zum letzten Mal. Aber sie wurde bekannt. Sie engagierte sich.

Sie selbst hätte sich niemals als Aktivistin bezeichnet. Sie hätte mehrere Gründe gehabt sich als Aktivistin zu bezeichnen, so oft wie sie gedemütigt wurde. Das Wort war damals nicht so in aller Munde wie heutzutage. Labels entwickelten sich damals noch im Laufe der Zeit. Sie war stets engagiert. Arbeitete für Organisationen und ihre Vertreter. Sie hielt Vorträge, war Ansprechpartner für alle, die ihren Rat suchten. Sich selbst ins Rampenlicht zu stellen, war ihr fremd. Das ist Selbstrespekt in ihrer reinsten Form.

Ihre Autobiographie rückt so manche Schieflage der vermeintlichen Erinnerungen wieder gerade. Mit Hingabe berichtet sie aus ihrem ereignisreichen Leben und zeigt wie sie ein Leben lebenswert machte in einer zeit, in der ein Leben vieler (Schwarzer) in einigen Staaten nur sehr wenig zählte. Wichtig ist es auch anzumerken, dass ihr eigener Sprachstil nicht einer zeitgemäßen Übersetzung zum Opfer fiel. Denn nur so entfaltet sich das komplette Ausmaß an Diskriminierung im land of the free. Man muss schon ordentlich schlucken, wenn man die Zeilen und Absätze liest und erkennt, wie beschränkt bis hasserfüllt Polemik und unkommentierte Vorurteile weitergegeben werden und zu welchen Ergebnissen dies (bis heute) führen kann.

Café Babylon

Das Europa-Center in Berlin, gleich neben dem Breitscheidplatz war bei seiner Eröffnung ein echter Hingucker. Massen strömten hinein und nur schwer wieder hinaus. Heute ist ein Blickversperrer, dessen Glanz selbst bei intensiver Reinigung kaum noch zum Vorschein kommt. Dass hier einmal ein Vulkan brodelte, ist nur noch wenigen bekannt. Es sei denn man besucht die Ausstellung zum Romanischen Café. Denn das Romanische Café war in den 20er Jahren DAS Café. The place to be. Hier schlürften Bertolt Brecht und Egon Erwin Kisch Kaffee (vielleicht nicht gemeinsam, vielleicht doch), Joachim Ringelnatz wurde zu so manchem Vers inspiriert, Else Lasker-Schüler kamen hier Ideen, die ihre Kunst entscheidend prägten, Bruno Cassirer machte hier sicherlich das eine oder andere Geschäft. Die Gästeliste liest sich nicht nur wie ein Who-Is-Who der Berliner Kunstszene, sie ist es!

Von Generation Z war damals noch nicht die Rede – Bohemians waren sie, wenn man ihnen ein Label verpassen wollte. Die oft knappen Apanagen und Tantiemen wurden hier in notwendige Zuführung von Entspannung umgesetzt. Man stritt, man diskutierte, man ersann, man quatschte einfach nur. Doch eben nicht irgendwer. Nicht irgendwelche Leute, die einfach nur mit minimalem Aufwand maximale seelische Befriedung suchten, sondern ihrer Kunst Antriebsfedern verliehen, sich mit Gleichgesinnten austauschten. Im Romanischen Café brodelte es nicht nur unter den marmornen Tischplatten. Besonders, wenn Leonhard Frank das Café betrat. Seine Eleganz regte zu allerlei Spott an.

Heute unvorstellbar. Auch, weil Bilder in Ausstellungen den Geist des Cafés nur bedingt wiedergeben können. Das Café wäre – würde noch existieren – heute ein anderes. Nicht nur wegen des Rauchverbotes. Man stelle sich vor, dass drinnen Stefan Zweig und Franz Werfel streiten, während draußen Brecht an seiner Zigarre zieht und Kisch sich mit Kippe im Mundwinkel den Hut zurechtrückt und nachdenkt, worüber drinnen gestritten wird.

Christian Buckard lässt die Goldene Zeit wieder aufleben. Im ständigen Kommen und Gehen der Gäste zeichnet er ein Bild von Berlin, das leider auch nicht mehr existiert (auf das Bild des zerbombten Cafés, in das man von außen bis in die erste Etage blicken konnte, wie Alfred Döblin bemerkte, kann man gern verzichten). Doch das ist keine Erscheinung der Gegenwart. Schon auf dem Höhepunkt der kreativen Auseinandersetzung bei Bier, Kaffee und Cognac bröckelte erst die Fassade, später blieben aus Angst die Gäste fern. Denn die Nazis übernahmen die Macht und die Angst machte sich breit. Gäste wurden willkürlich verprügelt. Mobiliar ging zu Bruch, nicht weil zwei Querköpfe sich in die Haare bekamen, sondern, weil Braunhemden um sich schlugen. Kisch ließ sich nur eine Zeitlang davon abhalten ins Café zu gehen. Das ist die traurige Seite der ansonsten bunten, fröhlichen Geschichte des Romanischen Cafés. Vielleicht gehört es zur Legendenbildung, dass nichts von Bestand zu sein hat. Eine traurige Erkenntnis! Doch wer sollte den Platz von Gottfried Benn und Walter Benjamin heute einnehmen? Influencer, die ihr leid klagen, dass sie schon Stunden nach dem Aufstehen, also am frühen Nachmittag ihrer Community Neuestes aus ihrem Leben zeigen müssen?! Dann lieber in Erinnerungen schwelgen, die guten Zeiten hochleben lassen und sich erinnern, das wahre Künstler auch nur ganz normale Menschen waren und sind.

Deutschland 2033

Manchmal ist es ganz einfach, manchmal eben auch nicht: Kauft man zum Beispiel Obst bei einem Händler und stellt dann fest, dass es matschig ist (und man das nicht mag), und gibt ihm, dem Händler, dann doch noch ein Chance und kauft ein weiteres Mal matschiges Obst, hat dieser, der Händler, alle Chancen verspielt, dass man noch einmal bei ihm einkauft.

In der Politik ist ein bisschen schwieriger. Hat man einmal eine Partei gewählt und war dann unzufrieden und gibt ihr dann doch noch einmal eine Chance, sind acht Jahre vergangen. Acht Jahre, die ausreichen, um sich, als Partei, entweder neu zu positionieren (aber welche Partei macht das schon?!) oder Verbindungen zu schaffen, die es dem politischen Gegner verdammt schwer machen, einen zu bekämpfen UND dem Wahlvolk (das Wort „Volk“ ist immer noch ein Hingucker, Hinhörer) fortlaufend Sand in die Augen zu streuen. Denn wenn man etwas vorhat, das nicht ins demokratische Konzept (was weitgehend über Landesgrenzen hinaus funktioniert) passt, muss man tricksen, verschleiern und täuschen. Besonders, wenn in der Geschichte schon einmal etwas gehörig in die Hose gegangen ist – dieser Wortlaut mag etwas verharmlosend klingen, ist aber bei Weitem nicht so gemeint.

„Deutschland 2033“ lässt keinen Zweifel daran worum es geht. Hundert Jahre nach Machtergreifung der Nazis steht Deutschland vor dem größten Umbruch seit Kriegsende und kann bei entsprechend fehlender Wehrhaftigkeit auch die Errungenschaften der Wiedervereinigung nicht mehr als Erfolg ins Feld führen. Auch hier wieder: „ins Feld führen“ wurde bewusst gewählt – wem die Wortwahl zu schroff vorkommt, sollte noch einmal in Victor Klemperers „LTI“ nachlesen!

Justus Bender beobachtet, beschreibt und folgt der AfD – denn um die geht es in diesem Buch – seit ihren Anfängen. Seine Analysen sind messerscharf. Er vermeidet es konsequent Parallelen zu den Jahren vor 1933 als alleiniges Argument gegen die Partei ins Feld zu ziehen. Denn die sind offensichtlich. Dass immer noch nicht konsequent daraus gelernt wurde, beweist allein die Tatsache, dass es Bücher wie dieses immer noch gegen muss. Justus Bender kann sich sicherlich vorstellen über angenehmere Themen zu schreiben. Denn eine gewisse Angst vor dem, was auch einmal kommen mag, ist mittlerweile latent vorhanden, schaut man sich die momentanen Umfragen an. Und wenn man beruflichen Mittagstisch Parolen wieder salonfähig wurden, kann mit einem (traurigen) Augenzwinkern nur sagen: „zum Glück haben wir schon genug Autobahnen – diese Ideen haben die geistigen Väter ihren unerzogenen Nachkömmlingen gehörig versalzen“.

Das Szenario , das Justus Bender in diesem Buch entwirft, dient dem eigentlichen Gegner kaum. Es rüttelt auf. Das Szenario verbreitet keine Angst, es regt zum Hinschauen, und Argumentieren an, wenn der Kollege von nebenan wieder davon spricht, dass er nur deutsche Autos kauft, weil er dem wirtschaftlichen Aufschwung dienen will – und somit keine Ausländer mehr gebraucht würden. Und zieht jedem den letzten muckernden Zahn, der nach der starken Hand ruft. Und für alle, denen die letzte und einzige deutsche Kanzlerin als Wurzel alles aktuellen Übels gilt, sei gesagt. Justus Bender stellt dem bitte niemals wahr werdenden Szenario eine Frau an die Spitze. Justus Bender muss die AfD nicht entzaubern (wieder so ein Wort, das in „LTI“ seines Zaubers beraubt wird), das tut sie von ganz allein. Tricksen, verschleiern, täuschen – da helfen auch keine Konferenzen an idyllischen brandenburgischen Seen… Hier steht dem Konjunktiv des „War wäre wenn…“ ein knallharter Präsens im Futur entgegen. Mit Fakten und unzähligen Argumenten, damit später niemand behaupten kann, dass wir Deutschen allen Unkenrufen zum Trotz aus der Geschichte lernen … können.

Haïti

Lange nichts aus Haïti gehört. Das kann auch mal gut sein. Denn oft, zu oft in der Vergangenheit waren Nachrichten aus dem Karibikstaat keine guten Nachrichten. 2010 das verheerende Erdbeben. In den Jahrzehnten zuvor nur erschreckende Bilder von einem Regime, das von der Familie Duvalier errichtet wurde, um sich selbst zu bereichern und Tausende das Leben kostete. Was gab’s sonst aus Haïti?

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft musste das Team – als es doch in die USA einreisen durfte, denn auch da gab es seitens der Trump-Regierung wieder mal trouble – sein Trikot ändern lassen. In der unteren Hälfte war symbolhaft die Schlacht von Vertières abgebildet. Laut Hersteller eine Reminiszenz an die historische Schlacht und kein politisches Statement. Die Veranstalter zeigten sich uneinsichtig – das Trikot verschwand.

Schlacht von Vertières – nie gehört? Das liegt wohl daran, dass das Land so weit weg ist und Meldung aus Haïti fast immer nur Kopfschütteln verursacht und oberflächiges Mitgefühl. In Krimiserien gibt es die haïtianische Mafia, die gnadenlos Gegner um die Ecke bringt. Doch noch mal zurück zur Schlacht von Vertières. Die muss doch bedeutsam sein, wenn sie auf dem Trikot der Fußballnationalmannschaft abgebildet ist?! Ist sie auch! Denn hiernach begann das Freischwimmen von fremden Mächten. Das war 1803. Haïti war nicht länger französische Kolonie. Auf dem Papier klingt das alles wunderbar. Doch warum haben wir, die tausende Kilometer und etliche Flugstunden entfernt Lebende so ein verschwommenes und klischeebehaftetes Bild des Inselstaates?

Toni Keppler klärt auf. Er klärt auf, dass in dem Land ein Reichtum schlummert, der das Land zu einem fast schon einzigartigen Ort macht. Es ist die reichhaltige Kultur, die allen (!) Widrigkeiten zum trotz sich stets am Leben erhielt und weiterentwickelte. Selbst die Jahre der Duvalier-Diktaturen (zuerst Papa Doc, dann sein Sohn Baby Doc) konnten der prallen Phantasie der Bewohner wenig anhaben. Eine besondere Form der Kurzgeschichte, die Bewahrung der eigenen Sprache, die Vielfalt der Themen – immer wieder versuchten Machthaber der Kunst ihren Stempel aufzudrücken. Vergebens! Die Werke erschienen im fernen Exil, und verbreiteten sich.

Bis heute steht Haïti unter tatkräftiger Zuhilfenahme haïtianischer Schergen unter der Fuchtel diverser Goldgräber, deren Moral auf ein Minimum beschränkt ist. Dabei spielen Nationalitäten keine Rolle mehr. In diesem Buch werden Erinnerungen wachgerufen, bedeutende Namen hervorgehoben und der Hoffnung ein fruchtbarer Boden bereitet. Zusammen mit den Werken u.a. von Gray Victor, Kettly Mars und Frankétienne ergibt sich ein umfassendes Bild eines Landes, das viel zu lange ein Dasein im Dunkeln fristen musste.

Berliner Geschichte in Karten

Wollnashornkieferknochen – das verhilft beim Scrabble zum sicheren Sieg. Doch wie kommt man da hin? Achtung, jetzt muss man ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und mitdenken. Man fährt von berlin aus Richtung Spandau, an den Spektesee. In der alten Kiesgrube Parey – dort findet man den Weg ins unendliche Scrabble-Glück. Oder man erfährt wie man zu ältesten Bewohner Berlins gelangt. Genug der Wortspielchen. „Berliner Geschichte in Karten“ verspricht jedem Suchenden den richtigen Weg – ob nun zur Erkenntnis oder einem wichtigen Ort muss man für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer sich für Berliner Geschichte interessiert, hat ab sofort ein neues Lieblingsbuch! Das beginnt schon bei den Wappen der in Berlin durchaus zahlreich vorkommenden Adelsgeschlechter und endet noch lange nicht mit dem Vergleich der Stadtpläne rund um den Potsdamer Platz damals und heute. Denn was damals war, ist heute weg. Parallel führen hier nur noch die Fahrspuren in die umgrenzenden Stadtgebiete.

Berlin wie wir es heute kennen, ist eine Schöpfung der Moderne. Zuvor lag man im ewigen Clinch aus welcher Ecke von Berlin man nun komme. Wilmersdorfer waren da genau so eigenbrödlerisch wie Neukölner oder Bewohner des Wedding. Teils ist es heute noch so, dass man kaum den eigenen Kiez verlässt – man hat ja schließlich alles, was man braucht um die Ecke. Auch hier gilt wieder, dass man verdammt lange und tiefgründig suchen muss, um Erinnerungsstücke von damals zu finden.

Fast schon spielerisch einfach wird es mit der Gründung von Groß-Berlin (und der Jahre zuvor). Auf den Spuren des Spartacus-Aufstandes kann man heute durchaus eine gewisse Zeit verbringen. Wenn man die richtige Karte hat. Mehr als hundert Jahre später sind die Orte noch wohlbekannt, wenn auch nicht komplett erhalten. Zu sehen wie es sich jetzt anfühlt, wie es jetzt ausschaut, und wie es damals gewirkt haben muss – so einen Stadtrundgang kann nicht jeder machen!

So sehr Berlin heute als die Stadt angesehen wird, wo rund um die Uhr, an 365 Tagen immer was los ist, so sehr ist Berlin auch Industriestandort gewesen – die Hinterlassenschaft sind teils noch in Betrieb, mehr jedoch sichtbar. Ebenso die zahlreichen Kopfbahnhöfe, die die Zeit in ihrem Vergessensschlund verschlang.

Noch einmal zurück zu den Kiezen, die immer noch nicht recht abgrenzbar sind. Schaut man sich die Entwicklung dieser Quartiere an, sieht man über einen Zeitraum von fast 150 Jahren, wie versprengte Ortschaften zu einer homogenen Masse zusammengewachsen sind.

Informativ, detailreich, bunt, attraktiv und leicht verständlich ist dieses Buch eine willkommene Ergänzung zu jedem Berlin-Reiseband, der den Besucher an die Hand nimmt. Hier werden mehr Geheimnisse zutage gefördert als die sumpfige Landschaft der Urzeit jemals verschlingen konnte.

Maestro Muti

Riccardo Muti gehört zweifelsohne zu den Dirigenten, deren Aufführungen man besucht, um dem Maestro bei der Arbeit zuzuschauen. Da die Kartenkontingente schnell ausverkauft sind, muss es zwangsläufig heißen: „ihm bei der Arbeit zuschauen zu DÜRFEN“. Kirsten Liese hat ihn jahrelang begleitet, seiner Arbeit gelauscht, ihn interviewt, mit Musikern gesprochen, Kollegen zu ihm befragt.

„Maestro Muti“ ist der einzig geltende Titel für ein Lebenswerk, das so umfangreich ist, für seine Herzenswärme, die ihresgleichen sucht und für die Konsequenz klassischer Musik eine Bühne zu bieten, die seit einigen Jahren effekthascherisch und verbiegend Opium fürs Volk ist.

Dieses Buch ist nicht die ultimative Biographie über den Napolitaner, der die Welt eroberte. Es ist die ultimative Begleitung zu einer Biographie, die noch nicht geschrieben wurde. Am 28. Juli 2026 wurde Riccardo Muti 85 Jahre alt. Die Mailänder Scala, die Wiener Philharmoniker, Orchester in London, Philadelphia, Chicago und Florenz waren und sind ohne seine Anwesenheit, seine Impulse sicherlich denkbar, aber um einige gefeierte Höhepunkte ärmer. Verdi und Mozart würden sich vor ihm verneigen, um ihm mit demütiger Geste zu signalisieren, dass sie in ihrem Schaffen sich ihre Werke genauso vorgestellt hatten. Das wird einmal das Vermächtnis des Riccardo Muti sein. Ein Klassiker unter den Klassikern der Klassischen Musik.

In diesem Buch sprechen, nein, es schwelgen unter anderem Diana Damrau, Edda Moser und Mark Stevenson. Sie alle sind Weltstars, ihnen werden Bühnen und Brücken gebaut, um ihrer Kunst Einzigartigkeit zu verleihen. Doch auch sie sind immer noch beseelt vom ersten Treffen mit dem Maestro, von Proben vor großen Aufführungen und von der Erhabenheit mit ihm Premieren zu spielen und Vorstellungen zu geben.

Doch nicht nur die großen Orchester dieser Welt, die klangvollen Konzerthäuser sind Mutis Zuhause. Mit seinem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini und der italienischen Opernakademie bietet er dem Nachwuchs die Möglichkeit wachsen zu können. Er überwand mit Konzerten Grenzen, wo starre Mauern die Köpfe vieler Menschen verrammelten.

Doch Muti war und ist immer auch streitbar. 2024 weigert sich Muti eine Passage aus Verdis „Un ballo in maschera“ zu streichen, weil sie eine Passage enthält, die immer wieder (immer noch?!) als rassistisch gegenüber Napolitanern angesehen wird. Nun ist Muti selbst in der Stadt am Vesuv geboren. Und Verdi Rassismus vorzuwerfen, entbehrt nur wirklich jeder Grundlage. Also lässt er sie (bewusst9 im Stück. Entwaffnet aber die in den Startlöchern schon hechelnden Kritiker mit der Macht der Musik.

Klassische Musik ist vielleicht nicht Jedermanns Sache. Das leben Riccardo Mutis ist auf jeden Fall Lesenswert, und die Meinungen und Erinnerungen seiner Kollegen sind ein wahres Fest.