Albert Nobbs

„Ach, das könnte schön sein, ein Häuschen mit Garten…“ ganz so verträumt sieht Albert Nobbs seine Zukunftspläne nicht. Er träumt von einem eigenen Tabakladen. Womit der Roman schon mal nicht in der Gegenwart spielen kann… nein, wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert in Dublin. Und Albert Nobbs ist für einige der Grund in diesem einen Nobelhotel zu weilen. Nur weil Albert Nobbs da ist. Und Albert Nobbs ist einfach Albert Nobbs. Er unauffällig, doch immer da, wenn man ihn braucht, manchmal sogar einen kurzen Moment früher.

Das Morrison’s Hotel ist ohne Albert Nobbs einfach nicht denkbar. Auch Albert Nobbs kann sich ein Leben ohne das Hotel nicht vorstellen. Zumindest so lange bis das Geld für den eigenen Tabakladen zusammengespart ist. Ach ja, dieser Tabakladen… wenn die anderen wüssten. Und wenn die anderen auch wüssten welches Geheimnis Albert Nobbs noch in sich trägt… Wohl gemerkt: Dublin, Irland, Ende des 19. Jahrhunderts! Lassen wir die Geheimniskrämerei: Albert Nobbs ist eine Frau!

Wenn das rauskommt, dann ist alles weg. Der gesicherte Job und erst recht der Traum vom Tabakladen. Und erst die Schande! Man würde ihn nicht nru aus dem Hotel, sondern aus der Stadt, wahrscheinlich sogar aus dem Land jagen. Aber das ist Spekulation. Das Geheimnis ist sicher.

Bis Hubert Page bei Albert Nobbs einziehen soll. Die Hotelbesitzer wollen das so. Hubert ist Anstreicher und immer mal wieder für eine gewisse Zeit im Hotel. Man kann sich die dicken Schweißperlen bei Albert Nobbs genau vorstellen, die sich gebildet haben als ihm die Nachricht überbracht wird. Zeit Vorkehrungen zu treffen bleibt ihm auch nicht. Denn das alles geschieht seines Wissens unverzüglich, ab sofort. Die Geschichte lehrt uns, was das heißt…

Zur Beruhigung geschieht ein weiteres Wunder. Denn Hubert Page ist auch nicht unbedingt Hubert Page. Leidensgenossen unter einem Dach. Schweigepflicht in jeder Gefühlslage. Und Beistand. Page macht Nobbs einen Vorschlag, um ein ruhigeres Leben führen zu können. Er solle sich ein Mädchen suchen und es heiraten. Ein Gentleman der Gegenwart war Nobbs schon immer und unternimmt die ersten Gehversuche…

George Moore ist in unseren Breiten relativ unbekannt. Zu Unrecht! Dieser kleine Roman voller Güte, gespickt mit Zuneigung, brillant umgesetzt ein Schatz! Die nicht minder brillante Glenn Close brachte die Figur derart beeindruckend auf die Leinwand, dass das Buch vor einiger Zeit noch einmal veröffentlicht wurde. Die Neuübersetzung von Stefan Weidle ist mehr als nur die Kirsche auf diesem süßen Turm verführerischer Sahne. Er bringt Zeitgeist und moderne Lesart in Einklang, das einem schwindelig wird ob der Tatsache, dass man erst jetzt diesen Roman so unbeschwert erlesen kann. Die Neuentdeckung des Leseherbstes 2026!

Voll im falschen Film

Juli anno, das Jahr spielt keine Rolle mehr. Ein Tag, an dem der Eine oder Andere in seinen Geburtstag rauschend reinfeiert. Oder man den Koffer ebenfalls berauscht packt, weil es am nächsten Morgen ganz früh in den Urlaub geht. Nora joggt. Wie immer. Nix besonderes. Ein ganz normaler 28. Juli. Bis zu dem Moment, in dem sich der Vorhang schließt. Sie liegt in einem Partykeller – schlimm genug. Die teutonisch verordnete Fröhlichkeitsburg mit dem Schmodder vergangener gut durchorganisierter Heiterkeit an den Wänden. Sie schaut sich um, kippt wieder um. Ertastet die Folgen ihres Übels (eine Beule am Hinterkopf) und beginnt alsbald mit dem Auffüllen der reichlich vorhandenen Trickgefäße. Es läuft. Sie weiß, dass sie 43 Jahre … ist (die Grenze zwischen Alt und Jung ist diesem Lebensabschnitt nicht konkret auszumachen) und dass Ben und Laura, die Zwillinge zuhause auf sie warten. Der dazugehörige Mann ist ausgeflogen, für immer. Ach ja, noch was: Nora ist Alkoholikerin, seit drei Jahren trocken. Der teure, und vor allem leckere Rotwein in ihrem Zwangsexil ist deswegen der Anfang von einem langen Ende…

Sie entkommt dieser vollkommenen Unvollkommenheit des Delirium-Sequels. Zumindest räumlich. Raus aus der Eichevertäfelung, rein in den öffentlichen Raum mit dem heilsbringenden Himmel über ihrem brummenden Schädel. Nachschub fassen. Das sollte sie nicht tun. Drei Jahre ohne sind noch lange nicht genug! Auch im Sorgerechtsstreit mit dem Erzeuger von Ben und Laura. Und bald muss, nein darf, sie auch wieder arbeiten. Sie ist Schauspielerin. Bekannt von den Mattscheiben der Nation, die wahrscheinlich auch zu einem relativ hohem Prozentsatz einen Partykeller ihr Eigen nennen. Die Misslichkeit ihrer Lage ist ihr bewusst. Der Weg hinaus ist ihr auch klar. An der Umsetzung hapert es. Und zwar gehörig! Sie ist nun mal Alkoholikerin. Das schüttelt man nicht einfach so ab, weil man ein paar Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre nicht mehr an der Promillegrenze gekratzt hat. Verdammt. Nachschub. Der Drang ist größer als die Vernunft. Dass sie ausgerechnet dabei in den Fokus einer Kamera läuft, ist nicht einfach nur misslich. Es ist eine Katastrophe! Für sie, für Ben und Laura, für ihren Sorgerechtsstreit, für ihre Karriere. So viele Gründe in Panik zu geraten. Doch erstmal muss sie rausfinden, wie sie in diese Lage gekommen ist. Vieles spricht dafür, dass sie in diese Lage „gekommen WURDE“. Ein aufputschendes, teils teuflisches Detektivspiel nimmt seinen Lauf.

Wiebke Lorenz schaut tief ins Glas der Sucht nach Prozenten. Dem Offensichtlichen der Sucht begegnet man im wahren Leben immer wieder. Doch die Tragödie dahinter, sind verschlossene Räume, für die die A8utroin die passenden Schlüssel hat. Man darf nicht einfach nur mal kurz durchs Schlüsselloch kieken – sie stößt die Kammern des Dramas weit auf und lässt Schlangen von Neugierigen hautnah am Leid teilhaben. Ohne dabei jedoch werde den Zeigefinger zu heben, noch den Betroffenen untern Rock schauen zu lassen. Sie beschreibt eine auch ihr bekannte Welt und garniert sie mit einem Krimi der Extraklasse.

Kains Urteil

Wäre die Lösung eines Kriminalfalls ein Marathon, würde Friedrich von Coes generell im Spitzenfeld ermitteln. Er ermittelt nicht sonderlich schnell – Berlin ist die richtige Strecke für derartige Rekorde – aber gewissenhaft. Auf und Ab geht es bei ihm – immer. Daran hat er sich gewöhnt. Das macht ihm nichts mehr aus. Doch dieses Mal führt ihn der Streckenverlauf durch menschliche Täler, finstere Tunnel und schlussendlich in ungeahnte Höhen.

Was ist passiert? Dr. Hanselmann ist tot. Ehemaliger Richter am Amtsgericht in Münster. Von Coes kennt ihn, musste mehrmals in seiner Eigenschaft als ermittelnder Kommissar bei und vor ihm aussagen. Ein harter Hund war er, der Doktor Hanselmann. Sein Sohn gab sich den goldenen Schuss, seine Frau starb zwei Jahre später an „gebrochenem Herzen“. Hanselmann war pensioniert und hatte ein Hobby, nein, eine Leidenschaft. Das Spiel von Macht und Unterwerfung im privaten bereitete ihm besondere Freude. Reiza-joo war seine Domina, die er in gehockter Haltung in seinem Haus erwartete. Der Anblick, der sich ihr bot (Hanselmann war das schon zu keiner Handlung mehr in der Lage) brachte sie ins Wanken. Sie fiel, schlug sich den Kopf an und auf, blieb bewusstlos liegen und verstarb kurz nach ihrem Kunden. Und das alles am Sonntag als Kommissar Friedrich von Coes zusammen mit seiner Tochter bei seinen Eltern zum Mittagessen eingetroffen ist. Seine Kollegin Hannah ist auch dabei…

Kurz nachdem Start die erste Tempoverschärfung als die Theorie vom Besuch der Domina und ihrem Umfallen die Runde macht. Immer schön die Spur halten und aufs Tempo achten. So vergeudet man keine Energie. Denn im Ziel wartet dann selbstredend der Mörder und gibt Auskunft zu seinen Motiven. Von Coes’ Vater, selbst Anwalt gab bei Tisch zu, dass Hanselmanns Rechtsempfinden schon mal am Rande der Legalität schrammte. Der Tod des Sohnes und der Verlust der Frau sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Und natürlich hat so ein Richter, der die Macht anderen die Freiheit zu nehmen und ins Gefängnis zu stecken nicht nur Freunde. Dort setzen die Ermittlungen an. Verdächtige gibt es im Marathonfeld zuhauf. Das Team um Friedrich von Coes muss aufpassen nicht den Anschluss zu verlieren. Denn die, die schon abgehängt schienen, tauchen immer wieder im Ermittlungsumfeld auf. Und die vermeintlichen Favoriten verstecken sich im Hauptfeld. Da müssen auch die begleitenden Kameramänner, in diesem Fall der Kriminaldauerdienst und die Spurensicherung sehr fokussiert bleiben.

Kain hatte – in seinen Augen – allen Grund Abel ins jenseits zu befördern. Und irgendjemand hatte – in seinen Augen – allen Grund Hanselmann ins Jenseits zu befördern. Zu Blöd, dass Kain weithin ein sichtbares Mal trug. Der Mörder von Hanselmann nicht. Von Coes läuft in der Spitzengruppe dieses Marathons mit. Zum Schluss hin gibt er das Tempo vor und zwingt so den Münsteraner Kain sich zu zeigen. Die Zwischenzeiten – kurze Kapitel mit exakten Angaben, wie in einem Ermittlungstagebuch – sind für den Leser wie die Zwischenzeitangaben beim „richtigen Marathon“. Kluge Rennstrategie in wenig, an deren Ende ein zufriedenes Lächeln steht. Beim Ermittler und beim Leser.

Mordsferien

Schon mal in Rathole gewesen? Das liegt in Cornwall im Südwesten Englands. Ein idyllisches Städtchen, das sich dieses Attribut wahrlich verdient hat. Hier hat auch Joyce vor einigen Jahren Urlaub gemacht. Doch mit Idylle haben ihre Erinnerungen so rein gar nichts zu tun. Sie wollte malen. Die Landschaft in ihren Bildern einfangen. Eine Landschaft, die vor fünfhundert Jahren von den Spaniern mit Kanonen malträtiert wurde. Der Legende nach sind ab und an sogar noch ein paar Bluttropfen auf den Pflastersteinen sichtbar. Allerdings nur, wenn sich innerhalb der folgenden 24 Stunden ein Mord ereignet. Legende!

Joyce beobachtet ein Pärchen. Der Mann begegnet zufällig einer alten Freundin, er stellt sie seiner Frau vor. Im Handumdrehen verabreden sich die Drei zu einem Ausflug an den Strand. Das Paar fährt mit dem Auto, die Frau will lieber zu Fuß gehen. Der Tag vergeht, das Pärchen ist zurück, die Frau hängt die nassen Badesachen zum Trocknen auf den Balkon. Nur Carol, die alleinreisende Frau, ist nicht mehr da. Joyce erinnert sich, dass sie scheinbar ganz automatisch, ohne es zu bemerken, Bluttropfen ihrem Bild, das sie gerade zeichnete als das Paar die Carol traf, hinzufügte. Der Legende nach muss also nun – binnen 24 Stunden – ein Mord geschehen.

Im darauffolgenden Jahr reist Joyce wieder nach Rathole. Und wieder: ein Paar, sieht dem aus dem Vorjahr verdammt ähnlich und … wieder eine Carol. Anderer Name, aber gleicher Typ etc. Agatha Christie ist diese Geschichte, die gern auch ins reich der Mysterien verbannt werden könnte, eingefallen. Urlaub mit Agatha Christie – das endet für mindestens Einen immer mit dem … Ende. Nur wer ganz genau aufpasst, weiß wie die Bluttropfen aufs Pflaster kamen.

Das ist nur eine Geschichte aus diesem grandiosen Krimi-Urlaubsbuch. Dorothy L. Sayers’ Figuren versuchen das Rätsel vom Mann ohne Gesicht zu lösen. Arthur Conan Doyle lässt im Tal von Boscmobe einen geheimnisvollen Mord geschehen. Und mit Gilbert Keith (G.K.) Chesterton reist man ins Paradies der Diebe. Es gibt viele Krimisammlungen, die man mit in den Urlaub nimmt. Leichte Kost für leichte Tage. Kann man machen. Aber warum nicht mal die Creme de la Creme des Krimigenres in einem Buch abwechselnd das Blut des Lesers in Wallung bringen?! „Mordsferien“ ist der Garant für Gänsehaut, die bis zum Beginn der nächsten Geschichte anhält. Und wenn das Buch ausgelesen ist, ist im besten Fall auch der Urlaub zu Ende.

Wer an den schönsten Tages des Jahres nicht auf Spannung und angespannte Nerven, auf Gänsehaut und Kribbeln verzichten kann, der wird „Mordsferien“ jedem noch so romantischen Sonnenuntergang vorziehen. Da heißt es schneller lesen, denn auch Sonnenuntergänge können spannend sein…

Die letzte Fahrt des Admirals

Ist man ein echter Krimifan, hat man im Laufe der Zeit ein Gespür für Gutes und Schlechtes entwickelt. Und sich ein Bibliothek mit Büchern seiner Lieblingsautoren aufgebaut. Für einen Autor bedeutet solche treue Leserschaft garantierten Erfolg. Zumindest eine bestimmte Zeit. Denn immer nur routiniert ers(p)onnene Geschichten fallen dann irgendwann mal auf und später durchs Raster. Stilistische Raffinessen sind das Salz in der kriminellen Suppe des Autors. Gesättigte und zufriedene Leser am Tisch applaudieren heftig. So sieht das ideale Leben eines Krimiautors aus.

Dieses Buch – „Die letzte Fahrt des Admirals“ – ist dann sozusagen das letzte Abendmahl. Denn besser geht es nicht – auf dem Papier. Und das ist wortwörtlich zu nehmen!

Es begab sich vor fast einhundert Jahren, dass sich die Granden des Krimigenres – from England, of course – in geselliger Runde zum Diskurs trafen. Man prahlte mit neuen Geschichten (was natürlich, of course, niemand zugeben würde) und bat um Hilfe, wenn einem Abläufe, technische Gerätschaften, logische Fehler das Schreiben ordentlich verhagelten. Man nannte sich „Detection Club“. Ein Verein, wie man ihn als Erste in Deutschland verorten würde. Doch es war, ist und bleibt ein englischer Verein. Und irgendwann kam das, was kommen musste: Ein gemeinsamer Roman. Ein Krimi – was sonst? Eine Liebesgeschichte, Fantasy, Science fiction? Oh no, my dear, never!

Klare Regeln wurden aufgestellt. Jeder der Autoren – zwölf an der Zahl plus G.K. Chesterton als Prologschreiber – schreibt ein Kapitel. Keiner muss sich an die Vorgaben des Vorschreibers halten und darf keine plötzlichen Wendungen einbauen. Ebenso ist es verboten technische Hilfsmittel (No science fiction, please!) zu erwähnen. Die Ermittler müssen allein mit der Kraft der kleinen grauen Zellen den Fall lösen. Und jedes Kapitel muss zur Lösung eindeutig beitragen. Wie bekommt man also dieses fantastische Dutzend unter einen Hut, ohne dass sie sich dabei an die Gurgel gehen? Das wäre ja was. Ein Dutzend Krimiautoren will zusammen einen Krimi schreiben und zum Schluss ist nur noch Einer übrig. Too much Agatha Christie! So viel sei schon verraten: Es funktioniert. Und zwar auf höchstem Niveau. Die Lösungsansätze der einzelnen werden im Anschluss na die Geschichte aufgelistet. Wer also zu gern schon vor der ersten Seite am Ende des Buches schmult, den soll der Blitz treffen! Aber so richtig schlau wird er eh nicht werden. Es sind eben doch echte Profis am Werk, die die letzte Fahrt des Admirals bis ins kleinste Detail darauf ausrichten, dass es nicht doch noch eine allerletzte Fahrt geben wird…

Es gab schon einmal Zwölf, die sich um Einen scharten – ging nicht gut aus, für den Einen. Der Detection Club hat als Backup vorsorglich einen Dreizehnten eingeladen, um den Rahmen für den Mord – so viel kann man durchaus schon verraten, oder war es gar kein Mord? – vorzugeben. Im Fahrwasser dieses Prologes entwickelt sich eine Geschichte, die den Leser auf eine durchwachsene Reise schickt. Stilwechsel, Faktenüberfluss, Verknüpfungen, wo man keine erwartet. Ein echter Krimifan erkennt schon nach wenigen Zeilen, wer hier geistiger Vater oder geistige Mutter des jeweiligen Kapitels ist. Wer sich voll und ganz diesem Krimi hingibt, wird mit teuflischer Präzision ins Genre Krimi gestoßen und wird nie wieder etwas anderes lesen wollen.

Christus kam nur bis Eboli

Das geflügelte Wort „… dann kommst Du nach Sibirien“ ist heute kaum noch gebräuchlich unbekannt. Bedeutete es doch, dass, wenn man sich nicht anpasst eine Anpassungsmaßnahme dafür sorgt, dass man sich anpasst. So wollte es zumindest wirken. In Wahrheit war man nur aus der reichweite von weiteren subversiven Elementen gebracht worden, damit die Ordnung weiterhin aufrechterhalten werden kann.

Auch die Faschisten in Italien kannten diese Methode. Und Carlo Levi kannte sie auch. Er war Arzt und Schriftsteller. Und er stand der Regierung Mussolinis kritisch bis ablehnend gegenüber. Und entschloss man sich ihn in die Verbannung zu schicken. Nach Lukanien. In die Umgebung von Eboli. Lukanien ist der mittlerweile nicht mehr gebräuchliche Name für Basilicata. Ganz im Süden. Hügel und karge Landschaften sind hier nicht zur Zierde da, hier ist die Kargheit Gesetz. Ein Landstrich, der erst seit wenigen Jahren, seitdem das Städtchen Matera zur europäischen Kulturhauptstadt erkoren wurde und von nun an Massen in seinen Bann zieht.

Doch von all den Schönheiten, den Einzigartigkeiten, dem Augen verwöhnenden kann und will Levi nichts wahrnehmen. In Handschellen bringt man ihn hierher. Er ist schon eine lange Zeit weg aus Turin. Weg aus seinem Leben, das immer mehr ein Gegen war als eine Für. Deswegen ist er nun hier. Weit weg von allem, was auch nur annähernd an eine Zivilisation wie sie kannte, entfernt ist. Klagt er? Nein! Er beobachtet. Denn irgendwann wird der Spuk vorbei sein. Und er wird ein Buch schreiben. Ein Buch, das verfilmt wird. Ein Buch, das ihn berühmt macht. Ein Film, der Massen und Kritiker gleichsam in seinen Bann zieht. Doch bis dahin … Augen auf, Menschen nicht nur ansehen, sondern sehen. Sie nicht nur hören, sondern ihnen zuhören. Auch wenn der Dialekt oft nur Unverständliches zurücklässt.

Carlo Levi rechnet nicht mit denen ab, die sich fernab jeglicher Regularien in ihrem Dasein eingerichtet haben. Sie sagen selbst, sie seien keine Christen, keine Menschen. Denn irgendwo in der Gegend von Eboli hielt Christus inne. Und erstarrte. Unmöglich weiterzugehen. Eboli war Endstation. Hier leben nur die, die sich dessen bewusst sind und sich ergeben haben. Ergeben in ihrem Schicksal niemals mehr zu sein als Wesen, die sich selbst nicht einmal als Menschen sehen. Doch ihre Gemeinschaft funktioniert. Das wird Levi erkennen.

Er ist der stille Beobachter, der sich im Hintergrund hält und ihnen mit seinen Zeilen eine Stimme gibt. Schicksale sind hier keine Paukenschläge, sie geben den Takt des Lebens vor und trommeln weiter bis der Wind die letzten Schallwellen schluckt. Ist die letzte Seite umgeblättert, ist die letzte Seite gelesen, merkt man, dass man jedes Schicksal sehr wohl ertragen kann. Dank Carlo Levi. Und der frischen Neuübersetzung durch Martin Hallmannsecker.

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Vier Jahre und vier Monate auf Más a Tierra können einen schwer verändern. Und wenn man dann auch noch allein ist, verkümmern die einfachsten Fähigkeiten wie zum Beispiel die Sprache – mit wem soll man sich denn überhaupt unterhalten?! Wenn dann Rettung naht, auch wenn ein Freibeuter in königlichem Dienst ist, bringt einem der schottische Akzent und eben die Tatsache, dass man das Sprechen quasi verlernt hat, auch nicht zwingend ins Paradies. Ein anderes Paradies als das, was man gerade verlassen hat. Und dann wird man … Moment, berühmt? Nee, berühmt wird man nur eine ganz kurze Zeit. Schließlich hat man richtig viele Monate allein auf einer Insel verbracht und überlebt. Das ist schon eine Meldung in einer Zeitung wert. Kurz ist der Ruhm. Und dann ist die ganze Sache auch schon wieder in der Vergessensschublade des Lebens verschwunden.

Ein ebenso vom Glück abgeprallter Autor liest von eben diesem Schicksal und probiert „einfach mal den Roman seines Lebens zu schreiben.“ Und siehe da: Es gelingt. „Robinson Crusoe“ wird ein Welterfolg. So blumig ausgestattet, paradiesisch abenteuerisch. Und was ist mit dem Mann, der der Anstoß dazu war? Den kennt keine Sau mehr! Und doch hat er einen Namen. Und der ist sogar bekannt! Alexander Selkirk. Bis heute ist er weder auf Geldnoten verewigt, noch hat man ihn zigfach auf Sockel gestellt (bis auf Lower Largo, seinem Geburtstort). Robinson Crusoe, der fiktive Held, ist bekannter als der reale Inselalleinbewohner Alexander Selkirk. Aus dem Geschichtsbuch gefallen – so ist das nun mal.

Ralf Höller hat noch mehr solche Glückspilze gefunden, die sich niemals der kreischenden Masse von Schaulustigen und Sensationsgierigen entgegenstemmen mussten, um eine Schritt vorwärts tun zu können. Sie alle wurden in den Hintergrund gedrängt und schließlich vom Podest gestoßen. Bis der Staub der Geschichte sie unter sich begrub.

Semjon Deschnew ist auch so einer. Eigentlich sollte sein Name auf jeder Landkarte stehen. Doch stattdessen taucht dort immer und logischerweise immer an derselben Stelle der Name Behring auf. Die Meerenge zwischen Russland und Amerika ist nach ihm benannt.

Aus aktuellem Anlass sei auf den Namen Nikolai Resanow ins Gespräch zu bringen. Auch er hat irgendwie etwas mit dem Namen Deschnew zu tun. Zu viel sei hier nicht verraten. Nur so viel. Wenn zwei Dickköpfige Diktatoren sich mal mögen und dann wieder bekriegen, sind Gebietsansprüche bald schon aktueller als man sich so viel Aktionismus niemals mehr vorstellen konnte. Kyrillische Buchstaben in Venice Beach. Piroggi auf der Lambert street. Matrioschkas in der Big Sur. Einfach mal weiterdenken und den unbesungenen Helden ein bisschen Zeit widmen und in diesem denkwürdigen, exzellent recherchierten, geschliffne formulierten Büchlein wahrer Geschichte den gebührenden Platz einzuräumen. Ein Schmunzeln ist das Mindeste, was dieses Buch dem Leser ins Gesicht zaubert.

Rosa Parks – Meine Geschichte

Man muss sich selber respektieren. Worte, die durchaus ihre Berechtigung haben, jedoch schnell im Sumpf der Küchenpsychologie verschwinden, wenn sie inflationär und zusätzlich auch noch im falschen Kontext benutzt werden. Und wenn dann am Küchentisch auch noch unpassende Matches zwanghaft gesucht werden, ist der Ofen aus.

In der Geschichte der USA waren und sind die echten Helden immer diejenigen gewesen, die sich selbst nicht ins Rampenlicht stellten, sondern mit ihrem Tun sich Respekt verdienten. Eine von ihnen ist Rosa Parks. Sie weigerte sich in den 50ern einfach (und hier ist dieses Wort mehr als angebracht) und mehrfach den Sitzplatz im öffentlichen Bus einem Weißen zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde sie bekannt. Doch wie immer in der Geschichte ist das nicht die ganze Wahrheit! Zum Einen war es damals so – das ist gerade mal 70 Jahre her!, nicht mal ein Wimpernschlag im Lauf der Zeit) – dass in Bussen strikte Rassentrennung herrschte. Und das, obwohl verfassungswidrig war! Hinten im Bus waren Reihen für Schwarze reserviert. Von für Weiße. In der Mitte könnten sich Weiße und Schwarze setzen. Wenn allerdings ein Weißer einen Platz in dieser Sektion beanspruchte, musste ein Schwarzer aufstehen und den Platz freimachen. Unvorstellbar! Wie gesagt, wir befinden uns in den 50er Jahren des so modernen 20. Jahrhunderts! Und genau dort saß Rosa Parks. Hinten war kein Platz mehr, vorn durfte sie eh nicht sitzen. Der Bus fuhr nicht weiter. Der Busfahrer wies sie an den Platz zu räumen, sie weigerte sich, die Polizei kam. Und jetzt kam es nicht zu dem berühmten Foto, das um die Welt ging. Das kam erst Jahre später zustande. Sie wurde verhaftet. Nicht zum ersten, und nicht zum letzten Mal. Aber sie wurde bekannt. Sie engagierte sich.

Sie selbst hätte sich niemals als Aktivistin bezeichnet. Sie hätte mehrere Gründe gehabt sich als Aktivistin zu bezeichnen, so oft wie sie gedemütigt wurde. Das Wort war damals nicht so in aller Munde wie heutzutage. Labels entwickelten sich damals noch im Laufe der Zeit. Sie war stets engagiert. Arbeitete für Organisationen und ihre Vertreter. Sie hielt Vorträge, war Ansprechpartner für alle, die ihren Rat suchten. Sich selbst ins Rampenlicht zu stellen, war ihr fremd. Das ist Selbstrespekt in ihrer reinsten Form.

Ihre Autobiographie rückt so manche Schieflage der vermeintlichen Erinnerungen wieder gerade. Mit Hingabe berichtet sie aus ihrem ereignisreichen Leben und zeigt wie sie ein Leben lebenswert machte in einer zeit, in der ein Leben vieler (Schwarzer) in einigen Staaten nur sehr wenig zählte. Wichtig ist es auch anzumerken, dass ihr eigener Sprachstil nicht einer zeitgemäßen Übersetzung zum Opfer fiel. Denn nur so entfaltet sich das komplette Ausmaß an Diskriminierung im land of the free. Man muss schon ordentlich schlucken, wenn man die Zeilen und Absätze liest und erkennt, wie beschränkt bis hasserfüllt Polemik und unkommentierte Vorurteile weitergegeben werden und zu welchen Ergebnissen dies (bis heute) führen kann.

Café Babylon

Das Europa-Center in Berlin, gleich neben dem Breitscheidplatz war bei seiner Eröffnung ein echter Hingucker. Massen strömten hinein und nur schwer wieder hinaus. Heute ist ein Blickversperrer, dessen Glanz selbst bei intensiver Reinigung kaum noch zum Vorschein kommt. Dass hier einmal ein Vulkan brodelte, ist nur noch wenigen bekannt. Es sei denn man besucht die Ausstellung zum Romanischen Café. Denn das Romanische Café war in den 20er Jahren DAS Café. The place to be. Hier schlürften Bertolt Brecht und Egon Erwin Kisch Kaffee (vielleicht nicht gemeinsam, vielleicht doch), Joachim Ringelnatz wurde zu so manchem Vers inspiriert, Else Lasker-Schüler kamen hier Ideen, die ihre Kunst entscheidend prägten, Bruno Cassirer machte hier sicherlich das eine oder andere Geschäft. Die Gästeliste liest sich nicht nur wie ein Who-Is-Who der Berliner Kunstszene, sie ist es!

Von Generation Z war damals noch nicht die Rede – Bohemians waren sie, wenn man ihnen ein Label verpassen wollte. Die oft knappen Apanagen und Tantiemen wurden hier in notwendige Zuführung von Entspannung umgesetzt. Man stritt, man diskutierte, man ersann, man quatschte einfach nur. Doch eben nicht irgendwer. Nicht irgendwelche Leute, die einfach nur mit minimalem Aufwand maximale seelische Befriedung suchten, sondern ihrer Kunst Antriebsfedern verliehen, sich mit Gleichgesinnten austauschten. Im Romanischen Café brodelte es nicht nur unter den marmornen Tischplatten. Besonders, wenn Leonhard Frank das Café betrat. Seine Eleganz regte zu allerlei Spott an.

Heute unvorstellbar. Auch, weil Bilder in Ausstellungen den Geist des Cafés nur bedingt wiedergeben können. Das Café wäre – würde noch existieren – heute ein anderes. Nicht nur wegen des Rauchverbotes. Man stelle sich vor, dass drinnen Stefan Zweig und Franz Werfel streiten, während draußen Brecht an seiner Zigarre zieht und Kisch sich mit Kippe im Mundwinkel den Hut zurechtrückt und nachdenkt, worüber drinnen gestritten wird.

Christian Buckard lässt die Goldene Zeit wieder aufleben. Im ständigen Kommen und Gehen der Gäste zeichnet er ein Bild von Berlin, das leider auch nicht mehr existiert (auf das Bild des zerbombten Cafés, in das man von außen bis in die erste Etage blicken konnte, wie Alfred Döblin bemerkte, kann man gern verzichten). Doch das ist keine Erscheinung der Gegenwart. Schon auf dem Höhepunkt der kreativen Auseinandersetzung bei Bier, Kaffee und Cognac bröckelte erst die Fassade, später blieben aus Angst die Gäste fern. Denn die Nazis übernahmen die Macht und die Angst machte sich breit. Gäste wurden willkürlich verprügelt. Mobiliar ging zu Bruch, nicht weil zwei Querköpfe sich in die Haare bekamen, sondern, weil Braunhemden um sich schlugen. Kisch ließ sich nur eine Zeitlang davon abhalten ins Café zu gehen. Das ist die traurige Seite der ansonsten bunten, fröhlichen Geschichte des Romanischen Cafés. Vielleicht gehört es zur Legendenbildung, dass nichts von Bestand zu sein hat. Eine traurige Erkenntnis! Doch wer sollte den Platz von Gottfried Benn und Walter Benjamin heute einnehmen? Influencer, die ihr leid klagen, dass sie schon Stunden nach dem Aufstehen, also am frühen Nachmittag ihrer Community Neuestes aus ihrem Leben zeigen müssen?! Dann lieber in Erinnerungen schwelgen, die guten Zeiten hochleben lassen und sich erinnern, das wahre Künstler auch nur ganz normale Menschen waren und sind.

Deutschland 2033

Manchmal ist es ganz einfach, manchmal eben auch nicht: Kauft man zum Beispiel Obst bei einem Händler und stellt dann fest, dass es matschig ist (und man das nicht mag), und gibt ihm, dem Händler, dann doch noch ein Chance und kauft ein weiteres Mal matschiges Obst, hat dieser, der Händler, alle Chancen verspielt, dass man noch einmal bei ihm einkauft.

In der Politik ist ein bisschen schwieriger. Hat man einmal eine Partei gewählt und war dann unzufrieden und gibt ihr dann doch noch einmal eine Chance, sind acht Jahre vergangen. Acht Jahre, die ausreichen, um sich, als Partei, entweder neu zu positionieren (aber welche Partei macht das schon?!) oder Verbindungen zu schaffen, die es dem politischen Gegner verdammt schwer machen, einen zu bekämpfen UND dem Wahlvolk (das Wort „Volk“ ist immer noch ein Hingucker, Hinhörer) fortlaufend Sand in die Augen zu streuen. Denn wenn man etwas vorhat, das nicht ins demokratische Konzept (was weitgehend über Landesgrenzen hinaus funktioniert) passt, muss man tricksen, verschleiern und täuschen. Besonders, wenn in der Geschichte schon einmal etwas gehörig in die Hose gegangen ist – dieser Wortlaut mag etwas verharmlosend klingen, ist aber bei Weitem nicht so gemeint.

„Deutschland 2033“ lässt keinen Zweifel daran worum es geht. Hundert Jahre nach Machtergreifung der Nazis steht Deutschland vor dem größten Umbruch seit Kriegsende und kann bei entsprechend fehlender Wehrhaftigkeit auch die Errungenschaften der Wiedervereinigung nicht mehr als Erfolg ins Feld führen. Auch hier wieder: „ins Feld führen“ wurde bewusst gewählt – wem die Wortwahl zu schroff vorkommt, sollte noch einmal in Victor Klemperers „LTI“ nachlesen!

Justus Bender beobachtet, beschreibt und folgt der AfD – denn um die geht es in diesem Buch – seit ihren Anfängen. Seine Analysen sind messerscharf. Er vermeidet es konsequent Parallelen zu den Jahren vor 1933 als alleiniges Argument gegen die Partei ins Feld zu ziehen. Denn die sind offensichtlich. Dass immer noch nicht konsequent daraus gelernt wurde, beweist allein die Tatsache, dass es Bücher wie dieses immer noch gegen muss. Justus Bender kann sich sicherlich vorstellen über angenehmere Themen zu schreiben. Denn eine gewisse Angst vor dem, was auch einmal kommen mag, ist mittlerweile latent vorhanden, schaut man sich die momentanen Umfragen an. Und wenn man beruflichen Mittagstisch Parolen wieder salonfähig wurden, kann mit einem (traurigen) Augenzwinkern nur sagen: „zum Glück haben wir schon genug Autobahnen – diese Ideen haben die geistigen Väter ihren unerzogenen Nachkömmlingen gehörig versalzen“.

Das Szenario , das Justus Bender in diesem Buch entwirft, dient dem eigentlichen Gegner kaum. Es rüttelt auf. Das Szenario verbreitet keine Angst, es regt zum Hinschauen, und Argumentieren an, wenn der Kollege von nebenan wieder davon spricht, dass er nur deutsche Autos kauft, weil er dem wirtschaftlichen Aufschwung dienen will – und somit keine Ausländer mehr gebraucht würden. Und zieht jedem den letzten muckernden Zahn, der nach der starken Hand ruft. Und für alle, denen die letzte und einzige deutsche Kanzlerin als Wurzel alles aktuellen Übels gilt, sei gesagt. Justus Bender stellt dem bitte niemals wahr werdenden Szenario eine Frau an die Spitze. Justus Bender muss die AfD nicht entzaubern (wieder so ein Wort, das in „LTI“ seines Zaubers beraubt wird), das tut sie von ganz allein. Tricksen, verschleiern, täuschen – da helfen auch keine Konferenzen an idyllischen brandenburgischen Seen… Hier steht dem Konjunktiv des „War wäre wenn…“ ein knallharter Präsens im Futur entgegen. Mit Fakten und unzähligen Argumenten, damit später niemand behaupten kann, dass wir Deutschen allen Unkenrufen zum Trotz aus der Geschichte lernen … können.