Friaul-Julisch Venetien

Je mehr Leute man fragt wie für sie der perfekte Urlaub aussieht desto unterschiedlicher fallen die Antworten aus. Berge oder Meer, Stadt oder Land – das sind die am meisten gestellten Fragen und natürlich auch Antworten. Darüber hinaus gibt es noch unendlich viele Möglichkeiten sich die schönste Zeit des Jahres zu versüßen. Der Eine möchte sich kulinarisch rund um die Uhr versorgen lassen. Andere sehnen sich nach antiken Stätten oder Orten, die auch in der jüngeren Geschichtsschreibung bedeutsam waren. Oder man möchte einfach nur durch Häuserschluchten wandeln, die Meter für Meter ein wohliges Gefühl verursachen, weil Ästhetik nun mal im Auge des Betrachters liegt. Ach, wie schön wäre es doch, wenn man alles auf einmal bekommen könnte?!

Kann man doch! Ist doch gar kein Problem! Eberhard Fohrer macht Appetit auf Meer, Geschichte, Berge, Architektur und leckere Teller. Wo? Im Nordosten Italiens. Auf der Landkarte gleich rechts neben Venedig. Friaul-Julisch Venetien. Klingt erstmal wie noch nie gehört. Außer vielleicht Venetien. Doch dann erscheinen Ortsnamen wie Aquileia, Triest, Grado, das Isonzo-Tal, Udine – hat man schon mal wahrgenommen. Und das ist der Moment, in dem der Autor den Leser am Haken hat. Sofern der nicht eh schon voller Vorfreude sich dem Buch widmet und staunt, dass es einen Reiseband über seine vermeintlich liebste Urlaubsregion gibt.

Hier am oberen hinteren Schaft des Stiefels steht man in einem Tal und legt nach stundenlangen Wanderungen voller Eindrücke den Kopf in den Nacken und kann immer noch nicht die Spitze des Berges sehen. Erholung verschafft dann ein Bad in der nördlichen Adria, der man schon am Morgen einen besuch abgestattet hat, wenn die Fischer ihren Fang anbieten. Und dann blickt man zurück und hält inne und hält sich noch einmal vor Augen wie vor über hundert Jahren im Isonzo-Tal fürchterliche Schlachten im 1. Weltkrieg unsägliches Leid verursachten. Bevor man dann in einer Osteria Kraft tankt und den Geschmacksinn schärft.

Für die kleinen, oft immer noch versteckten Routen und „Heißen Punkte“ sorgt der Autor schon. Darauf kann man sich garantiert verlassen. Wo andere stur geradeaus laufen, biegt Eberhard Fohrer zusammen mit dem Leser ab. Und zeigt, warum es sich lohnte nicht der Herde zu folgen, sondern einen Umweg zu nehmen. Augen, Ohren, Nase werden es danken.

Palmanova ist sicherlich so ein Juwel. Juwel trifft es ziemlich exakt. Denn Juwelen, besonders Diamanten werden in geometrischen Formen so geschliffen, dass ihr Glanz sich eindringlich in den Erinnerungen festsetzt. Aus der Luft betrachtet ist die Stadt mit ihren knapp mehr als fünftausend Einwohnern ein Schmuckstück und verzückt nicht nur durch ihre exakte Form. Die Straßenverläufe sind nicht minder exakt gezogen. Da kann man schnell mal vergessen nach Links und Rechts zu schauen. Und genau deswegen ist dieser Reiseband ein unerlässlicher Begleiter mit unzählbaren nützlichen Tipps, die man fast schon im Vorbeigehen (im einfachen Lesen) mit auf den Weg bekommt.

Kalabrien und Basilikata

Hier ist die Sonne zuhause! Kalabrien bedeutet vor allem erstmal Sonnetanken. Dann kommt der Sprung ins im Hochsommer niemals kühle Nasse. Darauf folgen unmittelbar Genüsse, die zuweilen gehörig auf der Zunge brennen. Nduja, die scharfe streichfähige Salami ist das nur die (bekannteste) Spitze des Genussberges. Die Einwohner von Spilinga (es sind nur etwas mehr als tausend) sind felsenfest davon überzeugt diesen scharfen Leckerbissen erfunden zu haben. Wenn, dann hier unbedingt probieren.

Reichlich fünfzig Kilometer südlich schlägt der Geschmack ins Gegenteil um. Worum handelt es sich wohl? Na klar: Gelato. Doch nicht irgendeines. Sondern das aus der Antica Gelateria Fortino. Weltmeisterlich, momentan die einzige squaddra, die mit diesem Titel hausieren gehen darf… Das Schokoladeneis wurde tatsächlich als das beste der Welt gekürt. Von Experten, nicht nur Leckermäulchen.

Das sind nur zwei kleinere Geschichten, die man so nur in diesem Reiseband über Kalabrien und Basilikata findet. Die Region Basilikata erlebt seit nicht einmal einem Jahrzehnt einen Aufschwung, der ohne Vergleich ist. Seitdem Matera, die Stadt, in der man immer noch in in den Felsen geschlagenen Grottenwohnungen übernachten kann (Allerdings nicht mehr zu Preisen wie vor zehn Jahren!) 2019 Kulturhauptstadt Europas war, wird die Stadt besonders im Sommer von Massen überflutet. Jeder macht das eine, einzigartige Foto dieser Sassi und denkt, dass er mit diesem einen Foto und den sozialen Medien für immer ausgesorgt hat. Francis Ford Coppola kommt von hier, der Regisseur des „Paten“. Und er hat hier auch ein Hotel. Wunderschön, aber auch zu Preisen, die im Hochsommer den Preis eines Kleinwagens locker übersteigen können.

Zerklüfftete Felsen, an denen sich das Meer bricht, endlose Sandstrände, die man nur selten für sich allein hat (es sei denn, dass man Autorin Annette Krus-Bonazza folgt, und ihren Tipps folgt) und ein sorgenfreier Urlaub sind die Hauptbestandteile dieser beiden Regionen. Lauschige Bergseen, idyllische kleine Städtchen und immer wieder die schwierige Frage, wie man sich des Tags oder am Abend genüssliche genug Energie aneignet, um am nächsten Tag das nächste Geheimnis Kalabriens und der Basilikata zu lüften. Denn davon gibt es immer noch jede Menge. Die Autorin gibt nicht nur die Richtung vor, sondern führt oft auch genau dorthin.

Auch wer sich noch nie traute in Kalabrien zu urlauben –  vorurteilsbeladene Gründe gibt es ja immer noch – kommt schließlich doch zu dem Entschluss, dass man sich hier göttlich erholen kann … man muss nur wissen, wo das am besten geht. Achtung Spoiler: Dieser Reiseband kommt der Lösung verdammt nah!

A13

So eine Autobahn hat es nicht leicht. Pausenlos rollt man über sie hinweg – das kann sie ja noch verkraften. Schließlich ist das der Grund ihres Daseins. Aber das permanente an ihr Herumgepicke nervt sie sicherlich. Und keiner würdigt sie. Sie ist das berühmte Mittel zum Zweck. Sie ist der Weg zum Ziel, das niemals direkt an ihr liegt. Nun gut, tauscht man sich darüber mit dem Landschaftskalligraphen Lorenzo Custer darüber aus, bekommt man eine ganz andere, eigene Sichtweise auf Autobahnen zu hören. Er ging schon länger mit der Idee schwanger ein Buch über die A13, die Nord-Süd-Beton-Verbindung der Schweiz zu gestalten.

Linard Bardill sollte die Texte schreiben. Sie fanden sich, sie trafen sich und machten das, was niemand für möglich hielt. Ein Buch, fast schon eine Liebeserklärung an die A13. Dass die Idee ein wenig verrückt ist, wussten beide. Aber das sollte doch kein Grund sein es nicht zu tun. Was ein Glück!

Startschuss war im Norden, den Schlusspunkt soll naturgemäß – irgendwann endet jede autostrada – Bellinzona bilden. Ein Reiseband mit informativen Tipps zur Einkehr und zum Ausruhen sollte es nicht werden. So viel gibt die Autobahn nur auch nicht her. Aber ein Reisebericht mit allerlei Anekdoten, mit Stupsern in die Rippen („Schau mal … da!“) und so manchem „Kennst Du schon?!“ ist dann doch die bessere Wahl.

Und so kommen sie auch zum so genannten Zahnwehkirchlein. Geht einem der Nerv auf die Nerven, kann man hier oben Trost suchen. Und wenn das nicht hilft, … die Klippen für den Sprung in die erlösende Befreiung vom Zahnweh sind nur ein paar Schritte entfernt. Linard Bardill macht es sichtlich Spaß solche Geschichten zu erzählen. Man merkt sofort, dass er ein Schelm ist.

Lorenzo Custer ist der Großmeister der gezogenen Linie. Ein ums andere Mal erstaunt er seinen Mitfahrer wie schnell und geschickt ein einzelner Strich ein ganze Landschaft erzählen kann. Und beim ersten bloßen Durchblättern dieses unzweifelhaft einzigartigen Buches erhellen die Zeichnungen des Architekten und Zeichners und machen Appetit auf die gelungenen Zeilen des Autors.

Isla Bella ist nur eine weitere Station auf dem Weg der beiden gen Süden. Hier ist es schön, sagt ja schon der Name – bella. Es gab Zeiten, da hat es hier fürchterlich gestunken. Warum? Keiner weiß es. Keiner? Einer kennt sie, und er hat sie immer seinen Kindern erzählt. Ein Riese war so wütend, dass man die Quelle seiner Lieblingswasserfrau zerstört hat, dass er in den Tunnel hineinfurzte. Das war seine besondere Fähigkeit, er hieß Trettel, was auf Romanisch Furz bedeutet.

Es sind Geschichten wie diese, die aus einer verrückten Idee ein unterhaltsames Buch machen. Warum unterwegs auf der A13 nicht die üblichen Spielchen spielen – Autokennzeichen raten etc.? Immer wenn man einen Punkt aus dem Buch passiert, wird die Geschichte vorgelesen. Besondere Bücher sind in besonderen Situationen besondere Begleiter.

Orient-Express

Das waren noch Zeiten. In Paris in den wohl luxuriösesten Zug der Welt einsteigen und erst tage, Wochen später am anderen Ende Europas, in Istanbul diesen wieder zu verlassen. Dazwischen lagen endlose Stunden, Tage in Salons, die man nur in steifer Montur betreten durfte. Man saß zu Tisch. Und vielleicht gab es auch mal einen Mord, der einen den gestärkten Kragen verdammt eng werden ließ. Das war der Orient-Express, den wir aus Büchern und Filmen kennen. Und der noch immer das Bild von gediegener Eleganz vermittelt. Das war einmal. Man kann zwar noch von Paris nach Istanbul reisen, aber…

Eine Reise von Paris nach Istanbul – für Viele ist es mittlerweile INSTAbul – ist immer auch eine Reise in die Gegenwart. Wie lebt man heute zwischen den Millionenmetropolen? Welche Unterscheide gibt es und wie sehr sind sie spürbar? Dennis Gastmann geht diesen Fragen nach. Entlang der Route des berühmten Orient-Expresses. Heute wie damals lassen sich hervorragend Geschichten sammeln.

Wenn man in Paris startet, kommt man nicht um ein Thema herum: Mode. Besonders, wenn man während der nicht minder berühmten Modenschauen während der fashion week in der Stadt ist. Er übernachtet dort, wo man schon früher übernachtete bevor man nächsten Tages das Eisenross bestieg und gen Osten zu reisen. Der Glanz ist ab. Ein Gerüst verhüllt das, was einmal war und nun mit dem Bohrhammer in die gegenwärtige Zukunft transformiert werden soll.

Es gibt noch einen gewaltigen Unterscheid zu „damals“. Damals stieg man in den Zug und erst wieder aus, wenn man am Ziel war. Heute sind Zugwechsel notwendiges Übel. Nach Venedig gelangt Gastmann nur über die Schweiz und Milano, wo ihm auch gleich der neue Geist begegnet. In Gestalt einer Frau. Der Frau, die Italien regiert. Schon wieder ein „damals“ … und nicht das Letzte. In Triest wird es noch deutlicher als er dem Bürgermeister begegnet. Ein ewig gestriger Fürst, der Zukunft zugewandt, doch im Inneren sind er und Meloni das Traumpaar der Rechten.

Der Balkan hat sich noch viel von seinem spontanen Charme bewahren können. Noch! Wo man damals aus dem Fenster schaute, angstvoll, ob nicht irgendwelche Horden der Luxuszug angreifen, keimt hier Hoffnung und wird im gleichen Atemzug von der Rasanz der Entwicklung im Beton begraben. Bulgarien bietet dem Autor den wohl größten Gegensatz. Von ausgelassener Lebensfreude bis in die dunkelsten Ecken eines Armenviertels treibt es ihn auf seiner Route des Orient-Expresses. Sicherlich auch Ecken, die schon „damals“ keiner der Zugreisenden besuchte.

Dennis Gastmanns Orient-Reise ist ein ewiges Rätsel. Was lauert hinter der nächsten Biegung, und das ist mehr im übertragenen Sinne zu verstehen, und wie kann man sich darauf einlassen? Europa als Spielwiese für Träume, die man sich erfüllen kann oder doch Projektionsfläche für alles, was schiefgeht. Von Paris nach Istanbul zu reisen ist immer noch ein Abenteuer, nur halt anders. Europa bewegt sich also doch?!

Golf von Neapel mit Ischia, Capri, Sorrent, Amalfi

Man braucht schon starke Nerven für Neapel. Und eine große Portion Neugier. Leider auch an manchen Stellen starke Ellenbogen. Wer in der Via San Gregorio Armeno, der Straße der Krippenbauer am Nachmittag freie Sicht, freies Geleit oder auch nur ein paar freie Meter vermutet, wird ganz schnell auf den historischen harten Boden der Realität zurückgeholt. Aber trotzdem darauf verzichten? Um es auf den Nenner zu bringen: Der Genuss der Stadt wäre um ein Vielfaches geschmälert!

Neapel boomt, auch dank der so genannten Billigflieger. Ein langes Wochenende oder Tagesausflug aus der Umgebung oder doch ein längerer Urlaub – langweilig wird’s im Gewusel der Stadt garantiert nicht. Das weiß jeder, der schon einmal hier war und so mancher weiß die Tipps von Reisebuchautor Andreas Haller wertzuschätzen. Über vierhundert Seiten zu Neapel, Ischia, Sorrent, Capri und Amalfi sprechen eine deutliche Sprache. Immer wichtiger werden hier die zahlreichen Tipps, um so mancher Rippenprellung – die Ellenbogen der Anderen! – aus dem Weg zu gehen.

Der geflügelte Wort vom Übertourismus wird in dieser Region besonders sichtbar. Aber keine Angst, es findet sich massenhaft Wege, um den Massen aus dem Weg zu gehen. Manchmal läuft man sogar parallel zum Strom, ein anderes Mal gegen den selbigen. Wer die Tipps des Autors beispielsweise für Capri genau befolgt, sieht im besten Fall den Strom entgegen und genießt seinen caffè in relativer Ruhe.

Auch Neapel bietet unendlich viele Möglichkeiten die Schönheit der Stadt in Maßen genießen zu können. Nicht jeder Guide in der drittgrößten Stadt Italiens kennt diese Wege, Andreas Haller schon. Hat man sich erst einmal in das Buch eingelesen, kann man nicht wieder aufhören. Wo biegt man ab, um der Massen habhaft zu werden? Wo stellt man sich besser nicht an, wo kann man in der Schlange warten und wo lohnt sich jede Minute Wartezeit letztendlich doch? Dann, und nur dann, wird Neapel zu einem Happen Glück, den man mit Wenigen teilen muss. Nicht nur die jungen hochmotivierten Influencer, die mit ausgestrecktem Arm Ewigkeiten damit verbringen das zu kredenzen, was eh jeder kennt und jeder hinläuft, werden mit diesem Reiseband auf den richtigen Pfad geleitet.

Übertourismus ist in der Hauptsaison ein generelles Problem – von Capri bis in die elegantesten Cafés der Stadt, wo schon gekrönte Häupter sich lukullisch verwöhnen ließen. Die Sisi genoss ihr Veilcheneis ganz in der Nähe des Teatro San Carlo – und würde es sicher auch heute noch tun. Auch hier gilt antizyklisches Schlecken. Wer am Nachtmittag einen Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito ergattern will, braucht mehr Glück als Verstand. Und vor allem Geduld.

Als Besucher der Stadt ist man sowohl teil des Problems Übertourismus, aber eben auch Teil der Lösung. Der erste Schritt beginnt mit diesem Buch. Denn neben den Ausweichrouten und –zeiten, quillt dieser Reiseband über vor Tipps und Hintergrundgeschichten rund um eine Stadt, die seit Jahren an ihrem Image feilt und es das auch bravorös schafft.

L’Aperitivo Kalender 2027

Monatlich wechselndes Wasser-Im-Mund-Zusammenlaufen. Tägliche Vorfreude auf den Ausklang des Tages. Zenti- und Milliliterweise Urlaubsstimmung. So versüßt man sich gern die Aufbruchsstimmung bis man endlich in die Sonne fliehen kann. Wer es nicht länger aushält, wird nun zwölf Monate lang mit den köstlichsten Urlaubstagsausklangsgeistern so manch beschwingte Stunde erleben.

L’Aperitivo – das ist Lebenskunst, auch wenn hier und da der Aperitivo zur Touristenfalle ausartet. Eine Lebenskunst, die man ausgiebig genießt. Ausgiebig aber im Sinne von langzeitig, langsam, lang anhaltend. Denn ein Schlückchen in Ehren … Wenn das Jahr mit dem karibischen Drink schlechthin beginnt, kann es nur ein gutes Jahr werden. Ein Daiquiri Sour. Drei Zutaten – so wie fast alles Drinks – Rum, Limettensaft und Zuckersirup. Wenn er dann noch so stimmungsvoll präsentiert wird, steht der gediegenen Abendstimmung nichts im Weg. Der Jüngste unter den Drinks ist der Negroni. In den vergangenen paar Jahren hat er einen Aufschwung erlebt wie kaum ein Anderer. Man muss schon ein wenig Erfahrung mitbringen, um der bitteren Note etwas abgewinnen zu können. Erst recht, wenn man sich bisher „nur“ mit Mai Tai den Abend im wahrsten Sinne des Wortes versüßte.

Die geschmackvolle Darstellung von Gin Tonic, Margarita und anderen Drinks wie Limoncello – was verkörpert besser die Seele Italiens in flüssiger Form?! – sind zudem auch noch ein Augenschmaus.

Marco Marella gönnt dem Betrachter einen optischen Hochgenuss, der Appetit auf mehr macht. Stilvoll, fast schon nostalgisch zeigt er wie ein eleganter Aperitivo in Szene gesetzt werden muss. Da gibt es keine zwei Meinungen.

Im Schatten der Kraniche

Es ist kurz vor Ostern 1945. Der Ort: Sankt Margareten im Burgenland, genauer gesagt der Steinbruch. Der Krieg steht kurz vor dem Ende. Alles versinkt im Chaos, schlimmer als zuvor. Die Todesärsche nach Mauthausen, dem Konzentrationslager der braunen „Führungselite“, sind noch nicht lange her. Doch wer braucht noch Zwangsarbeiter, wenn eh alles bald schon vorbei ist?! Und so richten SS und andere willige Werkzeuge aus freien Stücken, aus Überzeugung oder Angst vor Verweigerung ein Massaker an, das bis heute nicht komplett aufgearbeitet ist. Mehrere Dutzend, vielleicht weit über hundert Gefangene, unter ihnen viele Juden und Roma werden in die Tiefen des Steinbruchs gejagt. Mit Steinen erschlagen. Wegen der vorrückenden alliierten Armeen ist keine Registrierung der Opfer mehr möglich- die Täter haben es eilig. Eilig zu entkommen, sich in einer möglichen neuen Ordnung anzubieten.

Das ist der historische Hintergrund, der Bernadette Némeths „Im Schatten der Kraniche“ zugrunde liegt. Sie stieß auf diese widerliche Szenerie bei Recherchen zu einem Reisebuch rund um den Neusiedler See.

Ida ist Schauspielerin. Zu Höherem berufen. Die große Bühne soll, muss, wird es sein. Am besten unter freiem Himmel. Doch ihr Aktionsradius ist – familienbedingt – eingeschränkt. So bleibt es wohl doch bei der versprochenen Rolle im heimatlichen Sankt Margareten. Die Rolle ist ihr quasi sicher. Sie hat die entsprechenden „Kontakte“ schon geknüpft…  Künstlerpech oder Wink des Schicksals? Die Stimme versagt. Ihr großer Auftritt, ihr großer Auf- und Durchbruch verschwindet hinter dicken Vorhängen der Ungewissheit.

Éva ist Jüdin, Ungarin, und hat bisher wenig Gutes in ihrem Leben erlebt. Sie ist schwanger – für die meisten ein Grund zur Freude. Nicht für Éva! Sie ist Jüdin und Ungarin. Und muss Zwangsarbeit verrichten. Schwanger! Bernadette Németh beschreibt eindrücklich und unbeirrt über das Leben zweier Frauen, die zu träumen wagen. Doch beiden wird ein Knüppel vor und zwischen die Beine gedroschen, dass ihre Träume wie eine Seifenblase zu zerplatzen drohen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine verpasste Hauptrolle ist mitnichten mit dem Verlust des Lebens zu vergleichen. Doch zwischen Ida und Éva gibt es Gemeinsamkeiten, die es mehr als wert sind ans Tageslicht befördert zu werden …

Hier sind keine Helden am Werk, die männlich strotzend sich gegen das eine Übel oder mehrere Täter stemmen. Hier stehen fest im Glauben an das Bessere Heldinnen (ohne Gendersternchen oder großes I mitten im Wort) im Mittelpunkt, die bei fast jeder Geschichte aus der Geschichte der Mitte des 20. Jahrhunderts leiden, kämpfen, hoffen und das gern mit Lesern teilen. „Im Schatten der Kraniche“ bewegt auf jeder Seite. Und berührt alle, denen jegliche Missachtung von natürlichem Tun ein Dorn im Auge ist.

Schwimmen in der Tinte

So ein poetischer Titel – so traurige Geschichten, teilweise. Rumiana Ebert schreibt in ihren Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen, verlassen mussten, aus den unterschiedlichsten Gründen. Sie suchten ihr Heil in Deutschland und Österreich. Sie fanden Fremde, sehnten sich nach der Heimat. Sie fügten sich, fügten sich ein, nahmen teil – und waren doch nur selten Antriebsfeder. Und wenn doch, dann ist es nur ein kleiner Schritt zum wahren Glück…

So wie einer Familie aus Plovdiv. Die Mutter ist die treibende Kraft, die schon in den 50ern drängt Bulgarien zu verlassen. In Ungarn sind gerade die Aufstände niedergeschlagen worden. Sie selbst hat in München Germanistik studiert. Sie bringt ihren Kindern Deutsch bei, damit die Umgewöhnung später nicht so schwer fallen wird. Ihr Mann ist bei den neuen Machthabern in Ungnade gefallen. Als ehemaliger Offizier der royalen Armee vor und im Krieg hat man für ihn keine Verwendung mehr. Er ist suspekt! Und muss als Bauarbeiter einer Arbeit nachgehen, für die er sich vor seinen Kindern schämt. Die Mutter impft den Kindern ein niemandem – NIEMANDEM! – etwas davon zu erzählen, was zuhause gesprochen wird. Über Berlin, Ost-Berlin, soll die Flucht gelingen. Die durchlässige Grenze ist das Tor zur Freiheit. Sie freundet sich mit einer Frau an, die ihr auch prompt eine Einladung in die DDR schickt – so war das damals: Ohne Einladung auch ins sozialistische Bruderland brauchte man eine Einladung. Als „Pfand“ muss allerdings ihr Gatte in Bulgarien bleiben. Am 12. August 1961 landen sie in Ost-Berlin. Ein Tag ausruhen und dann ab in den Westen … am 13. August 1961. Die Geschichte mahnt zur Eile…

Wer im Meer badet, sieht eine Welt, die über dem Meeresspiegel sich noch ganz anders präsentiert. Taucht man unter, taucht man in eine andere Welt ein. Doch was ist, wenn unter Wasser die Aussichten trüb sind? Eine gelungenes Sprachbild, das Rumiana Ebert geschickt nutzt, um tiefsitzende Probleme von Flüchtlingen plastisch darzustellen. Das gilt bis heute!

Rührung

Gitte und Simon, das war, das ist, das war, das ist, das war, das war, das war, das ist, es wird nie wieder sein. Nie mehr wie zuvor, nie wie es hätte sein können. Ein Zeitungsartikel erregt Simons Aufmerksamkeit als er mit Dora in einem Restaurant sitzt. Und alles ist wieder da. Damals. Mit Gitte. Damals. Der Artikel setzt in ihm, dem Psychiater etwas in Gang, das lange eingeschlafen zu sein schien. Doch es ruhte nur.

Er und Gitte – kein Traumpaar. Dennoch immer zusammen. Allen Hindernissen zum Trotz – und es gab Berge von Hindernissen in ihrer Beziehung! – gab es stets ein Simon UND Gitte. Oft ging sie. und kehrte zurück. Oft, zu oft waren die beiden nicht mehr Simon UND Gitte. Und dann wieder doch.

Beide suchten sich professionellen Rat. Er begleitete sie zu ihren Sitzungen und sie ihn bei seinen. Wieder Simon UND Gitte. Doch irgendwann war dann doch mal Schluss! Kein Hickhack mehr um die Schuldfrage. Sie ging. Ihrer Wege. Er ging seiner Wege. Es ist lange her, fast schon vergessen. Doch die Intensität ihrer Beziehung lässt die Vergangenheit wohl für immer plastisch erscheinen. Greifbar – zum Greifen nah? Nein, das geht nicht mehr. Das weiß Simon. Denn Gitte ist tot! Vom Dach eines Hauses gestürzt. In Rumänien. Gitte kümmerte sich in Österreich um Flüchtlinge aus Rumänien und Bulgarien. Simon erkannte sofort das Bild in der Zeitung. Erkannte sie wieder. Gitte.

Seitdem ist er ein nachdenklicher Mensch geworden.

Es steht frei im Raum wie weit die Geschichte von Simon und Gitte Fiktion oder doch wahrgewordener Albtraum ist. Der Erzähler – vielleicht ist es der Autor selbst, denn er ist von Beruf Psychotherapeut – lässt den Leser am Seelenleben des Protagonisten – Simon – lebhaft teilhaben. Nicht immer sind dessen Gedankengänge auf Anhieb nachvollziehbar. Das wäre auch zu einfach. Schließlich braucht Simon, der ja selbst vom Fach ist, Hilfe. „Rührung – Ein Wagnis“ brennt sich ins Gedächtnis. Nicht wegen der ergänzenden Fußnoten, die ab und zu den Lesefluss zu unterbrechen scheinen, im Nachgang aber so dienlich sind, dass sie als unverzichtbar gelten. Man muss sich einlesen. Das Einlassen ist dann nur die logische Konsequenz. Und manch einer wird sich dieses Buch noch einmal zur Hand nehmen und vielleicht ganz andere Aspekte in der Seele von Simon entdecken, die ihm zuvor verborgen blieben…

Drei Frauen

Es ist wie der wahr gewordene Traum eines Politikers, der aus Alternativlosigkeit dem Volke ans Herz legt sich um sich selbst zu kümmern: Drei Frauen in einem Haus, die füreinander da sind – egal, was das Leben für sie parathält.

Doch so traumhaft ist die Konstellation dann doch nicht. Da ist zum Einen Gesuina. Ehemalige Schauspielerin, das Oberhaupt des Trios. Sie nimmt das Leben locker. Sie kann sich an der Schönheit des anderen Geschlechts ergötzen ohne zum äußersten zu gehen. Die Affäre mit dem jungen Bäcker ist quasi die logische Schlussfolgerung.

Zum Anderen ist da Maria. Übersetzerin, Literatur- und Kunstversessene. Sie verweigert sich ganz und gar der modernen Technik. Ein Handy kommt ihr nicht in den Alltag. Sie schreibt Briefe. An Francois. Ihrem Geliebten. Ihm klagt sie, ihm gesteht sie ihre Sehnsüchte. Maria ist die Tochter von Gesuina.

Und dann ist da noch Lori, Loredana. Tochter von Maria und somit Enkelin von Gesuina. Bald wird sie das Gymnasium beendet haben. Doch weiter reichen ihre Pläne nicht. Vielleicht mit Tulú. Doch da ist sie sich nicht ganz sicher. So wie sie überhaupt nicht sicher ist, was irgendwann mit ihr geschieht, was sie aus ihrem Leben machen kann und will.

Jede hat ihre Ansichten. Über das Leben, den Tag und die Anderen. Das Leben vergeht, die Tage verrinnen, die Anderen sind immer da. Langweilig wird’s bei ihnen nicht. Die Jüngste ist pikiert über das Verhalten der nonna, die Mittlere fühlt sich als Haushaltskraft missbraucht. Die Älteste beobachtet teils amüsiert das wilde und das trübe Treiben ihrer Mitbewohnerinnen, die nun aber auch ihre Familie sind.

Dann steht Francois auf der Matte. Wortwörtlich steht er auf dem Türvorleger und begehrt Einlass. Ein gutaussehender Mann. Das weiß Maria zu schätzen, den beiden Anderen bleibt dieser Fakt auch nicht unerkannt. Es ist kurz vor Weihnachten. Schon bald werden er und Maria zusammen in den Urlaub fahren. Es ist ja nur kurz, dass der Mann die drei Frauen aus ihrer Routine holt. Physisch gesehen stimmt das. Emotional ist er ein Tsunami. Und die Wellen werden hoch schlagen, werden so manches fest in der Erde gemauerte Dogma erschüttern und zum Einsturz bringen.

Dacia Maraini braucht keine Massen an Akteuren, um die Komplexität von Beziehungen darzustellen. Das Trio ist vollkommen ausreichend, um ein spannungsgeladenes Jahr zu präsentieren. Ein Jahr, das jeder der Drei in Erinnerung bleiben wird. Aus den unterschiedlichsten Gründen…