El Dorado Drive

Ist doch alles in bester Ordnung! Pams Sohn feiert seien Schulabschluss mit einer riesigen Party und einer nicht minder riesigeren Geldtorte. Der Filius ist sichtlich beeindruckt. Wenn er wüsste … wie es wirklich aussieht…

Grosse Point ist eine typische Kleinstadt nahe Detroit. Alle waren zusammen auf dem College, im selben Club, arbeiten gemeinsam in der gleichen Firma (Detroit = Motortown) – man kennt sich, beäugt sich. Der ganz normale Zwang sich mit kleinen Ausbrüchen von der Masse abzusetzen.

Und da sind sie nun Debra Bishop, Pam Bishop und Harper Bishop. Schwestern. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Und ihnen allen ist bei all der Unterschiedlichkeit gemeinsam: Ihre eigene heile Welt ist nicht in Ordnung. Und sie wird weiter bröckeln. Und wie! Das wissen sie aber noch nicht!

Denn Motown ist nur noch als Musiklabel ein Begriff, und selbst da bröckelt der Lack. Die einstige Autostadt Detroit verkommt, zerfällt – und mit ihr die Menschen. Pams Kinder kennen diese Phasen auch. Doch sie sind unbeschadet wieder rausgekommen. So wie ihr Sohn, der jetzt seinen Schulabschluss feiert. Seine kleine Schwester ist traurig. Bald wird er weg sein. Wer kümmert sich dann um sie? Wer hält sie davon ab wieder (!) abzudriften?

Debra und Pam sind tatenkräftiger als Harper, die Jüngste der Drei. Und vielleicht auch am leichtesten zu beeinflussen. Als die beiden Älteren aan Harper herantreten, um ihr eine Geschäftsidee zu unterbreiten, betreten sie fruchtbaren Boden. Endlich raus aus der Einöde. Endlich eine Befreiungsschlag, um dem stets präsenten Abgrund zu entrinnen – vielleicht sogar den american way leben. Und nicht nur träumen.

Für Harper ist es zunächst ein Traum. Denn sie hat die Welt von ganz unten gesehen, auf Augenhöhe. Ihre Verbindlichkeiten, um es mal ganz allgemein und nüchtern zu betrachten, kann sie nicht mehr bedienen. Sie sieht nur einen Ausweg: Flucht. Flucht vor denen, die ihr nicht vorhandenes Geld wollen. Flucht zur Familie – Debra und Pam. Sie staunt nicht schlecht. Während um sie herum alles den Bach runtergeht und einst stampfende Maschinen in rostige Industriedenkmäler diffundieren, stehen bei den beiden großen Schwestern die großen Autos nicht nur einfach so vor der Tür. Sie gehören den beiden! Fast schon hechelnd ist Harper extrem neugierig wie das geht. Zwei Worte: „The wheel“. Debra und Pam sind auf die Idee gekommen dem Ellenbogen-Kapitalismus der Nullerjahre in den USA Gemeinschaft und dollarige Träume entgegenzusetzen. Die traurige Wahrheit ist aber, dass noch nie einem Schneeballsystem dauerhaftes Glück beschieden war. Und so schlittern die drei Schwestern in eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes – die Parallelen zum Spielort Detroit sind offensichtlich.

Megan Abbott nimmt sich Zeit. Hektische Bewegungen lässt sie in dieser angespannten Situation aus dem Spiel. Alles passiert „wie ganz natürlich“ – es musste ja so kommen. Könnte man spotten. Doch Spott ist nicht angebracht. Hier sind drei Frauen, die allesamt auf die Nase gefallen sind. Die Wunden wollen einfach nicht heilen. Und um sie herum eine Welt, die das Leid mit Lug und Trug immer weiter – wenn auch nicht dauerhaft – nach hinten verschieben kann. Ein großes Stück von diesem Kuchen, das wollen sie. Leider ist der Tortenheber zu klein und ihre Kuchengabel nicht spitz genug.

Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

Dreharbeiten können auch richtig langweilig sein. Wenn nicht gerade gedreht wird, zupft man an den Hauptdarstellern herum, rückt alles wieder so her wie es vorher war, kontrolliert noch mal das Licht etc. Im Grunde genommen grottenlangweilig! Was macht man dann?! Herumsitzen, Text lernen, sich irgendwie ablenken. Oder man geht zum Seelenklempner. Ah, jetzt wird’s interessant! Schauspieler haben ja alle einen … Wunderbare Welt der Klischees.

Doch zu den Fakten. Es ist Juli 1956. Sir Laurence Oliver dreht einen Film in London. In manchen Filmdatenbanken wird er als Politdrama geführt. Für die Rolle der Tänzerin in „Der Prinz und die Tänzerin“ ist mit einer der berühmtesten – nein!, der berühmtesten – Schauspielerin dieser Zeit besetzt: Marilyn Monroe. MM mit mittlerweile drei M, denn sie ist seit Kurzem mit Arthur Miller verheiratet.

Während der drehfreien Zeit liegt sie auf der Couch. Und zwar bei keiner Geringeren als Anna Freud, der Tochter und mehr als Nachfolgerin ihres Vaters Sigmund. London ist seit knapp zwei Jahrzehnten ihre neue Heimat. Sie hat inzwischen die Praxis ihres berühmten Vaters in 20 Maresfield Gardens in Hampstead übernommen.

Da dachte man, dass man aus zahlreichen Büchern und unzähligen Reportagen und Dokumentationen die Monroe in- und auswendig kennt … und dann das! So ähnlich erging es Hektor Haarkötter (HH) als er in einer Radioreportage so ganz nebenbei erfuhr, dass MM bei der Freud auf der Couch lag. Und wahrscheinlich über Sex redete. Denn über die Gespräche liegt nicht nur der Mantel des vertraulichen Arzt-Patienten-Geheimnisses, sondern auch die Tatsache, dass es keinerlei Aufzeichnungen gibt. Was es jedoch gibt, sind Briefe und (Tage-)bücher. Und die sind – wenn man tiefgreifend sucht, voll mit Hinweisen zu den Sitzungen.

Wir haben es also mit einem halbbiographischen und halbfiktionalen Buch zu tun. Allen Unkenrufen zum Trotz, die nun meinen, dass das doch nicht werden kann, sei gesagt: Es ist geworden. Großartig geworden! Das Wort Gamechanger ist vielleicht zu hoch gegriffen, da die Fakten allesamt bekannt sind. Aber jetzt endlich zusammengeführt wurden.

Ja, Marilyn Monroe hatte Probleme. Und damit ist nicht ihr permanenter Drang zu spät zu kommen gemeint. Sie fühlte sich ihr Leben lang miss- zumindest falsch verstanden. Ihr Talent wurde nicht entsprechend gewürdigt. Fortlaufend wurde sie allein auf ihr Äußeres reduziert, was ja auch dank exzellenter chirurgischer Eingriffe sehr auffallend war. Konnte sie sich alles von der Seele reden? Wohl kaum! Denn es sind nur sieben Tage, die MM bei AF auf der Couch lag wie HH recherchiert hat. Auch über diesen Fakt – gab es Streit? – kann man nur spekulieren oder Schriften studieren.

Wer die Monroe für immer im Herzen trägt, für den ist dieses Buch eine Zwangsanschaffung. Wer sich als Cinematographen sieht, kommt einfach nicht an diesem Titel vorbei. Wer in der Psychoanalyse (Freudscher Prägung) mehr als nur den Drang zum Sex sieht und ein kleines Faible für Klatsch hat, wird hier ebenso vorzüglich bedient wie alles, die einfach nur ihren Horizont erweitern wollen. Ein aufsehenerregender Titel, der zwischen den Buchdeckeln hält, was außen versprochen wird.

Haltbarmachen – mit Genuss

„Und dabei ist doch alles so einfach…“, möchte man meinen. Und trotzdem ist es immer noch – oder schon wieder – ein Mysterium, dieses Haltbarmachen. Es ist ganz einfach. Schon die Oma hat fleißig in jeder Saison das eingekocht, was eben nicht zwölf Monate Saison hat. Hexenwerk ist was Anderes.

Nun gilt es aber auch das Haltbargemachte so lecker wie möglich zu gestalten. Sicher, von den zahllosen Fernsehköchen schnappt man ungewollt Begriffe wie Aromatiken, Umami, Balance etc. auf. Wie man die nun aber auf den Tisch bzw. ins Glas bekommt, ist in den meisten Fällen Routine, nicht selten auch Glück.

Mit diesem Buch fühlt man sich nicht mehr wie ein Schulkind, dem man eigentlich nichts mehr beibringen kann, und dass trotzdem immer wieder ins Grübeln gerät. Was passt denn nun zusammen? Welche Technik(en) muss ich anwenden, um auf absehbare Zeit immer noch Genuss tanken zu können?

Caroline Jahn lässt sich ganz tief in die Karten schauen. Was wird wie, wann und wie lange haltbar gemacht – Fragen, die man sich schon nach wenigen Leseseiten nicht mehr stellt. Ob Einkochen, Fermentieren, Einlegen oder Einfrieren oder Trocknen – alles ganz simpel und leicht nachzumachen. Ihre Anleitungen wichtig und leicht umsetzbar. Man braucht ja auch nicht viel. Topf, Wasser, Herd, Gefäße und jede Menge Inhalt. Ein paar Zutaten hier und da sind mehr als nur das Salz in der Suppe. Schon mal Essig und Natriumchlorid gemischt? Balsamicosalz ist ein Universalwürzmittel. Klingt aufregend, für einige vielleicht zu gewagt. Nachmachen! Es lohnt sich!

Für alle, die sich nicht entscheiden können, ob sie ein Süßmäulchen oder doch von herber Natur sind, empfiehlt sich Himbeersenf. Fünf Zutaten, die man ohne Aufwand und im Handumdrehen besorgen kann, sofern man sie nicht schon zuhause hat. Und ein bisschen Geduld.

Oliventapenade – das klingt doch schon nach Süden. Dazu noch Pistazien – jetzt gibt es keine Zweifel mehr, dass der Süden am heimischen Herd beginnt. Dass Zwiebeln immer ein Garant für umfassend Geshcmack sind, ist bekannt. Caroline Jahn setzt dem Ganzen noch die Krone auf, wenn sie sie einlegt. Nelken und Lorbeer, Salz, Essig und ein paar Senfkörner – fertig ist der Geschmacksverstärker, der ganz ohne E-Nummern aus dem Chemiebaukasten auskommt.

Dieses Buch wird ein treuer Begleiter sein, wenn es um gesundes Essen geht, das obendrein auch noch saulecker schmecken soll. Man muss nicht stundenlang in der Küche stehen oder ausgedehnte Einkaufstouren unternehmen, um die Zutaten zu besorgen. Einziger Knackpunkt könnte sein, dass man einfach nicht aufhören kann…

Mordsache Caesar

Es ist fast wie bei Chefinspektor Columbo: Opfer und Täter sind dem Zuschauer bekannt, nun fiebert man mit dem Ermittler mit wie er den Übeltäter ein Falle stellt, damit er sich selbst entlarvt. Shakespeare hat sich auch schon an dem Stoff versucht. Und Hollywood sowieso. Caesar ist tot, es lebe Caesar!

Nun muss ermittelt werden. Umfeldrecherche. Wer könnte ein Motiv haben. Und die Mittel und Möglichkeit. Wen könnte man da fragen?! Rex Harrison, John Gielgud, Alain Delon – die wurden alle als Julius Caesar ermordet. Sind aber ebenfalls schon tot. Vielleicht findet man auf den Gemälden von Camuccini, Gérôme oder Füger Hinweise auf die Täter, um sie zu überführen. Auf alle Fälle muss man weit zurückgehen, um zu erfahren wie es kurz vor Frühlingsanfang des Jahres 44 vor Christus zu diesem Meuchelmord kam. Dreiundzwanzig Stiche in den Körper des Diktators, der der Republik Rom mit einem Flussübertritt den Garaus machte. Das Motiv hätten wir also schon mal.

Ermittler und Autor Michael Sommer geht sogar noch weiter zurück. Lange bevor der kleine Julius das Licht der Welt erblickte, beginnt Michael Sommer seine Recherchen. Er lässt sich dabei nicht – wie heutzutage bei Commissarios und Lieutenants etc. üblich – durch ellenlange Kochexzesse von seinem Vorhaben ablenken. Er ist klar fokussiert und schreitet systematisch voran. Die Tatverdächtigen stehen allesamt an der Wand der Neugier. Penibel untersucht Michael Sommer jeden noch so kleinen Hinweis. Und er behält auch die gesamtgesellschaftliche Lage im Blick. Denn hier liegt der Hase im Pfeffer.

Klingt alles ziemlich oberflächlich und wenig wissenschaftlich. Ist es aber nicht! Ja, Michael Sommer bedient sich einer lockeren Sprache. Warum soll er bierernst einmal mehr die Fakten auf den Tisch legen und ein weiteres Mal neu zusammensetzen. Der blutüberströmte Leichnam ist bekannt. Ebenso die Täter. Wer jedoch mit wem koalierte, und vor allem warum – das wird immer wieder vergessen. Quizshowfragen zu diesem Thema sind echte Gefahrenquellen, weil im Laufe der Jahrhunderte die Tat immer wieder effekthascherisch umgedeutet bzw. umgeschrieben wurde.

„Die letzten Tage des Diktators“ mit dem blutverschmierten Lorbeerkranz auf dem Titel lässt eine Zeit noch einmal auferstehen, die es verdient aller Missverständnisse ein für allemal bereinigt zu werden. Landkarten, historische Abbildungen, ein Stammbaum dabei willkommene Hilfsmittel, um dem spannendsten Mordfall der Geschichte den Staub von der Toga zu pusten und endlich alles Wahre zu einem ehrlichen Bild zusammenzufügen. Und das alles mit der Galanterie eines echten Gentleman-Ermittlers.

Messalina – Intrigen, Macht und Orgien im Alten Rom

C und V – was für ein Leben. C, das ist Claudius, Kaiser von Rom und V – das ist Valeria Messalina, seine Gattin. Und die hatte es in sich! Spötter mögen diesen Satz in alle Himmelsrichtungen verdrehen bis ihnen die Ideen für jedwede Doppeldeutigkeit ausgehen. Damit wird man ihr nicht gerecht. Obwohl an den Anekdoten wohl mehr wahr ist als hinzugefügt. Ein Festmahl für ihre nicht minder mächtigen Feinde zu Lebzeiten.

Ja, Messalina war eine mächtige Frau – schließlich die Frau des Kaisers. Den Ehrentitel Augusta – womit sie noch angesehener gewesen wäre – verwehrte man ihr. Dafür sorgte ihr Gatte, der Kaiser höchstpersönlich, der in ihrem Namen die Ehrung verweigerte. Was das mit einer Frau macht, die Macht um sich häuft wie Andere heutzutage billigen Modeschmuck, kann man sich vorstellen.

Doch Messalina blieb über die Jahrhunderte auch wegen eines anderen Attributes lang in Erinnerung. Auch wenn sie heut fast vergessen schient, streift man durch die Museen der Welt, so kommt sie einem von Paris bis Dresden und natürlich auch noch in Rom, immer wieder vor Augen. Sie war das Sinnbild der männerfressenden Frau schlechthin. Und das in vielerlei Hinsicht. Gerüchten zufolge wartete sie manchmal bis Claudius in den wohlverdienten kaiserlichen Schlaf gesunken war. Dann schlich sie sich aus dem Palast – war das wirklich so einfach? – setzte sich eine blonde Perücke auf und mietete sich ein Zimmer. In einem Bordell! Und dann – na ja, was wohl?! Sie soll sogar eine „Kollegin“ zum Wettkampf herausgefordert haben. Die anonyme Kaiserin gewann … und war immer noch nicht zufriedengestellt.

Wer sich ihr in den Weg stellte, konnte schnell mal den Kopf verlieren. Und das ist ausnahmsweise mal wörtlich zu nehmen. Claudius wurde ihr nicht Herr. Er musste ja auch noch ein riesiges Reich führen, dass von Syrien bis ins heutige Portugal reichte, und von London bis Theben alles vereinnahmte. Und Intrigen waren nicht sporadische Nadelstiche, sie waren echter und gelebter Alltag.

Honor Cargill-Martin setzt einer Frau ein Denkmal, deren Denkmäler nach ihrem unfreiwilligen Ableben quasi vollständig zerstört wurden. Hier und da erkennt man sie noch auf Reliefs oder Statuen. Doch dafür muss man schon ausgemachter Experte sein. Zu dem wird man unweigerlich schon während der Lektüre. Sie eröffnet einem neue Welten und dem Einen oder Anderen sicher eine neue Sichtweise auf das Alte Rom.

Intrigen und kleine (vor allem aber große!) Ferkeleien interessieren immer. Bis heute. Man denke nur an den Deppenprinzen der er Jahre aus dem Hause Hohenzollern oder die Partyauswüchse von Prinz Harry. Das will man lesen, das will man hören. Hier gibt es darüber hinaus noch Geschichtsstunden, die gar nichts mit denen aus der Schulzeit gemeinsam haben!

Herbsterzählung

Nun könnte man meinen, dass der Spruch „Vom Regen in die Traufe kommen“ eher ins Reich der Floskeln gehört, die man von sich gibt, wenn einem endlose Diskussionen wenig ertragreich erscheinen. Dem Erzähler in diesem Buch wäre das wohl auch lieber.

Er pirscht durch die Höhne des italienischen Apennin. Er ist auf der Flucht vor den Besatzern. Hinter jedem Baum könnte ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet sein. Diskussionen gäbe es keine. Nur Blei. Einmal hätten sie ihn fast erwischt. Fast! Ein wenig Hoffnung schöpft er als er ein scheinbar verlassenes Haus entdeckt. Was heißt Haus?! Ein Anwesen. Mächtig, trutzig, ein wenig runtergekommen. Aber als Versteck fast ideal. Fast! Nach eingängiger Erkundungstour blickt er … in die Augen eines grimmigen Alten – wohl der Hausbesitzer – und in die Augen zweier mehr als willige Wachhunde. Mit Engelszungen redet er auf den Alten ein. Ein Lager für die Nacht erbittet er. Man gewährt ihm die Bitte.

Der nächste Morgen – die Nacht war erquicklich – soll ihm Gewissheit verschaffen, wo er sich befindet. Geographisch ist die Lage unklar. Doch der Geist ist ruhig. Er fühlt sich fast sicher. Fast.

Denn hier im Nirgendwo stimmt was nicht. Das Anwesen ist von jahrhundetealter Pracht. Verkommene Pracht – wenn er wüsste wie nah er an der Wahrheit ist mit seinen Eindrücken… Der Alte ist immer noch mürrisch. Ihn stört es, dass der fremde Eindringling überall herumstöbert. Und nicht aufhört Fragen zu stellen. In den Gesprächen schwant dem Flüchtigen, dass er in einem herrschaftlichen Haus sich eingenistet hat, und dass der Alte eine mehr als grundsolide Ausbildung genossen hat. Nur die hastig eingeworfenen Worte in einem unverständlichen Dialekt lassen die Neugier nicht verschwinden. Vor allem nach den weiteren Mitbewohnern. Die gibt es nach Auskunft des Alten aber nicht. Er lebe hier allein. Aber …  doch … er … habe … der Fremde ist verwirrt. Das war dich was. Ein Geräusch. Bei genauerem Hinsehen sind die Anzeichen für mehr als ein menschliches Leben im Haus nicht zu übersehen. Der Schein trügt nicht, doch die Erklärung haut den Erzähler aus den Schuhen…

Tommaso Landolfi inszeniert ein Horrorszenario, dass gänzlich ohne offensichtlichen Horror auskommt. Keine Monster, die speichelsabbernd und zähnefletschend auf menschliches Fleisch aus sind. Der Horror geschieht im Kopf. Wer einsam lebt, tut Sachen, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Jede Störung der Ruhe führt automatisch zur Katastrophe. Wie sich diese auswirkt … hat im diesen Fall nur der Autor in der Hand. So viel sei verraten: Er hat ein goldenes Händchen!

Die Frau im Zug

Geschichten, die im Zug spielen, haben in Deutschland immer einen gewissen Beigeschmack. Es ist Volkssport sich über die Bahnunternehmen aufzuregen. Meist zurecht. Aber auch immer mit einem gewissen Spott im Hintergrund. In diesem Buch ist es aber gaaaaanz anders. Ja, die Geschichte ist vielen bekannt. „Eine Dame verschwindet“ von Alfred Hitchcock hat seit Jahrzehnten die Massen begeistert. Das hier, dieses Buch, ist die Grundlage des Films.

Iris Carr ist eine zarte junge Dame. Sie gehört zu einer Clique von Menschen, die sie akzeptieren, sie allerdings auch nicht sonderlich ernst nehmen. Iris übernimmt gern die Meinung anderer, ohne dabei lustlos oder uninteressiert zu sein. Sie hat Haltung, doch kehrt sie sie nicht effektvoll heraus. Die Horde, wie sie ihren Freundeskreis nennt – allesamt Engländer aus mehr oder weniger gutem Haus, jedoch mit genug Pfund in der Tasche – macht Urlaub in Italien. Ausgelassene Stimmung bis Olga Iris bezichtigt ihr den Mann streitig zu machen. Wohl mehr Geplänkel als ernstgemeinter verdacht. Iris gehört eben doch nicht richtig zur Horde dazu… Die Horde zieht weiter, Iris genießt noch ein wenig die Sommerfrische. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nannte man das noch so.

Triest soll ihr nächstes Ziel sein. Im Zug macht sie die Bekanntschaft einer Dame. Ebenfalls Engländerin – die beiden verstehen sich nicht nur wegen der nicht vorhandenen Sprachbarriere blendend. Die Aufregung der vergangenen Tage und überhaupt … lassen Iris in ein Nickerchen versinken. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nach dem Aufwachen die nette Dame nicht verschwunden wäre. Iris sucht sie, findet ihre ehemalige Arbeitgeberin. Und jetzt kommt der Hammer! Auch die weiß nichts von der netten Dame, mit der sich Iris so angeregt unterhalten hatte. Niemand hat die Frau im Zug gesehen. Iris zweifelt an ihrem Verstand. Sie hat doch … stundenlang … angeregt … sie ist doch nicht … verrückt. Was’n hier los?!

Ethel Lina White beschreibt die Metamorphose einer sorglosen jungen Frau zu einer unerbitterlichen Suchenden mit viel Empathie und Wortwitz, dem man sich nicht entziehen kann. Für diejenigen, die den Film kennen – und das dürften nicht wenige sein – ergibt sich die Spannung aus der Neugier inwieweit Film und Buch auseinanderliegen. Wer den Film noch nicht kennt, und als Neuling ins …-Genre gilt, der wird hier gleich mit einem Meisterwerk konfrontiert. Hier wird Spannung aufgebaut, ohne groß Ankündigungsfahnen zu schwenken. Alles passiert als ob es das Natürlichste von der Welt sei. Und das ist die große Kunst die Ethel Lina White mit Bravour beherrscht.

Der Stern Wermut

Das alles war einmal. Die Sensation Bar hatte eine Sensation: La Niña Estrellita, jetzt „nur“ noch Églantine. Sie war der Star. Wegen ihr kam man hier her. Die hatte viele Verehrer. Das alles war einmal. In Haïti konnte sie gut leben. Doch das war einmal. In ihrer Unterkunft, es ist eine kleine Pension, all inclusive, mit rührender Herbergsmutter, kernt sie eine Frau kennen. Sie ist Geschäftsfrau. Sie hat sich etwas aufgebaut. Das will Églantine auch. Sich etwas aufbauen. Etwas mit bestand, wovon man auch noch im Alter profitieren oder zumindest leben kann ohne Angst zu haben, dass morgen alles vorbei ist.

Salz ist momentan das Gut der Stunde. Der Preis steigt steig. Die Speditionen scheuen das Risiko Salz zu transportieren. Wenn man also selbst das Salz abholt und es transportiert, steigt der Gewinn. Églantnie hat nichts zu verlieren, sieht keinen Grund zu zögern – das ist es, was sie suchte!

Ein Schiff mit erfahrender Mannschaft soll sie dem salzigen Glück näher bringen. Die See ist ruhig. Alles verläuft so wie sie es sich erhofft hat. Das sanfte Schaukeln des Schiffs wirkt beruhigend. Das ändert sich als allmählich Unruhe an Deck aufkommt. Der Horizont färbt sich rot. Was einst noch unentdeckt unter Oberfläche waberte, droht nun mit gigantischer Wucht über sie hineinzubrechen…

Das fragmentarische Weiterführen der Geschichte „Die Mulattin“ von Jacques Stéphen Alexis lässt den Leser in Erstaunen geraten. Er war der Meister des wunderbaren Realismus Haïtis. Diese Fragmente wurden vor wenigen Jahren erstmals veröffentlicht und nun erstmals auf Deutsch. „Der Stern Wermut“ ist prall gefüllt mit Sprachbildern, die in ihrer Intensität keine zwei Meinungen zulassen. Die einleitenden Worte von Rike Bolte führen den Leser in eine Welt ein, die zwar geographisch fern zu sein schient. In ihrer Vielfalt jedoch einem gar nicht mehr so fremd vorkommt.

Die Päpste

In unregelmäßigen Abständen verwandelt sich der ehrwürdige Petersplatz in die größte Partymeile der Welt. Und alle warten fahnenschwenkend und voller Ungeduld auf ein bisschen Rauch. Weißen Rauch. Denn dann wurde der neue Papst gewählt. Und damit ist die Jagd auf den neuen Namen eröffnet. Wer wird’s? Stimmen die tagelangen Prognosen? Was wird sich ändern?

Und dann treten die Experten auf den Plan. Wilde Spekulationen wie auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten machen die Runde. Bedächtige Herren lassen die Geschichte Revue passieren. Aus der Wahl für den höchsten Vertreter Gottes auf Erden ist eine Tombola geworden.

Und dann gibt es Bücher wie diese. Ein Protestant – Horst Fuhrmann – erzählt von dem, was einmal war. Ganz ohne Missionierungszwang und ohne Tendenzen. Einfach nur Geschichte erzählen. Und ja, es fühlt sich wie eine Erzählung an. Wo andere jede Zeile mit einem Datum, am besten noch mit Uhrzeit, beginnen, um sich selbst mit Fachkenntnis zu beweihräuchern, setzt er ein Zeichen für Fakten.

Petrus war der erste Papst. Er nannte sich aber nicht so. Er war lediglich der Bischof von Rom. Das mit dem Papst kam erst viel später hinzu. Aus dem Osten! In der Zwischenzeit, also bis zum heutigen Tag, gab es immer wieder Sonderlichkeiten. So kann es wohl ganz gut umschreiben. Denn zeitweise existierten mehrere Päpste gleichzeitig. Nicht nur der in Rom oder der in Avignon. Manche kauften sich ins Amt. Sie trieben’s bunt. Und das kann nun jeder für sich selbst interpretieren. Der Name Borgia ist mehr als nur ein Geschlechtername. Er ist das Sinnbild für Ausschweifungen enormen (biblischen?!) Ausmaßes. Inklusive Nachfolgegenerationen. Nur die Frage nach einer Päpstin kann auch Horst Fuhrmann nicht endgültig klären…

Dieses Buch ist ein umfassender Einblick in die Geschichte der Päpste. Sie kann ein Ausgangspunkt für weitere Suchen nach Antworten sein oder einfach nur das allwissende Buch für besondere Menschen sein. Warum müssen sich Kardinäle andere Namen geben, wenn sie den berühmtesten Thron der Welt besteigen? Was bleibt von ihnen, wenn sie den Weg alles Irdischen gegangen sind? Diese Fragen bleiben nicht unbeantwortet. Und schon gar nicht die Fragen, wer, ab wann und für wie lange die Geschicke der Kirche leitete. Die zahlreichen Abbildungen sind nachhaltiger Beleg für ein Amt, das vielen als überholt gilt, aber immer noch durch die Frage „Was wäre, wenn es den Papst nicht mehr gäbe?“ schlagartig für beendet betrachtet werden kann. Tiefgründige Recherchen machen aus dem Thema ein profundes Werk, das man immer mal wieder hervorholt, um noch einmal genau nachzulesen, was denn nun wirklich passierte, bevor der Pseudo-Investigativ-Journalist im Frühabendprogramm des pseudowissenschaftlichen Unterhaltungsmagazins breitbeinig haltlose Behauptungen von sich gibt.

Mordsgedanken

Wie stolz waren wir doch als wir als Knirpse, dem Windelwechselwahnsinn endlich entronnen nach der Eins in logischer Reihenfolge die Zwei, die Drei etc. folgen lassen konnten. Zählen gehörte ab sofort zum Leben dazu. Das bedeutet aber auch, dass nach dem ersten Schritt zwangsweise ein zweiter zu folgen hat. „Endlich war sie weg.“ – Eins, zwei, drei, vier Worte, die unweigerlich weitere folgen lassen müssen. Jan hat sich getrennt. Endlich. Die Topfpflanze war nur ein Relikt aus alten Tagen. Öde Zeiten ins langweiligen WGs. Jetzt bewohnt er eine Maisonette-Wohnung in München. Allein. Die Kontaktliste im Handy ist nicht sonderlich ergiebig, wenn es darum geht eine ausgelassene sinnstiftende Party zu schmeißen. Doch sich weiterhin im Selbstmitleid zu suhlen, ist auch keine Lösung.

Um es kurz zu machen: Jan, Leopold, Hella und Sebastian treffen sich. Sie würden es nicht Party nennen. Dafür sind sie zu lebenserfahren, und Party ist was für Millennials oder gar die Gen Z (für die ist das ganze Laben eine andauernde Party). Man hat sich teils jahrelang nicht gesehen, geschweige denn mal miteinander telefoniert. Doch das Vertraute der Vergangenheit wischt über die Enttäuschung des jahrelangen Schweigens hinweg. Beginnende Altersmilde? Der Tisch ist gedeckt. Die Getränke sind kühl gestellt. Die Gäste kommen gleich. Ein perfektes Dinner wird es … vielleicht? … niemals? … oder doch?!

Es wird hitzig, modern, redselig, in Teilen philosophisch. Aber auch gehemmt. So wie bei einem Klassentreffen, bei dem die Beteiligten lieber unter sich in ihren angestammten Cliquen bleiben als dass sie jahrelang gepflegte Nichtbeachtung in warmherzige Neugier verwandeln. Man monologisiert – was immer nur denen auffällt, die selbst endlos immer wieder dasselbe schwafeln, nur eben mit anderen Worten (oder sind es nur Worthülsen ohne Inhalt?). Ja, die selbstgewählte Einsamkeit hatte schon was für sich. Jan ist hin- und hergerissen. Er weiß nicht, ob er sich mit den Essenseinladungen einen Gefallen getan hat. Denn hinter den Fassaden der erzählten Leben, unter den Oberflächen des Scheins brodelt das Feuer der Emotionen. Es sind nicht die guten Gedanken, die da wie Pickel an die Oberfläche treten. Es sind Eiterbeulen des Hasses. Doch erinnern wir uns: Das Buch heißt „Mordgedanken“…