Kinder der Bucht

Das Paradies kann man sehen, kann es vielleicht sogar hören. Es zu erleben wird schon schwieriger. Die Bucht von Longo Maï ist das Paradies. Zumindest für die wenigen Bewohner. Im Sommer tummeln sich hier noch Besucher und genießen erholsame Stunden und Tage am Meer. Für Ordnung sorgt die Zollstation. Klingt komisch, ist aber so…

Nine und Coco sind echte Paradiesianer – Paradeiser sind sie nicht! Sie sind hier aufgewachsen. Und entdecken jeden Tag aufs Neue das Paradies. Hoch oben auf den Felsen hat man den besten Überblick. Doch Nine ist das nicht mehr genug. Zuviel des Guten ist ihr einfach zu wenig. Da draußen muss es noch mehr geben. Die Enge der Freiheit erstickt sie und ihren Tatendrang. Ausgerechnet jetzt! Nine bricht auf und aus. Ohne Au revoir. Einfach so!

Und dann passiert das, womit niemand im Paradies rechnen kann. Eine Katastrophe – keine Angst: Der Himmel bricht nicht über der Kommune zusammen. Nur vielleicht sinnbildlich. Bei all der Freiheit, die alle hier ungehindert genießen können, herrschen nun auf einmal nicht gekannte Regeln. Der lose Haufen muss wie ein Räderwerk funktionieren. Und allen wird schlagartig klar, dass sie mit dem Schrecken davonkommen können, wenn die Gemeinschaft auch wirklich als solche agiert.

Rémi Baille legt mit „Kinder der Bucht“ einen Debütroman vor, der auch die Jury vom Prix Mare Nostrum überzeugte. Zu Recht!

Hier wird keine neue Form des Zusammenlebens erprobt. Kein neuer Herrscher regiert mit blinder Wut. Hier ist die Kommune selbstverständliches Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Unter freiem Himmel die Wahl der Mittel zu haben, um das Leben leben zu können. Risse sind da. Man springt wie selbstverständlich über sie hinweg. Erst als sich Krater bilden, zwingt man sich Maßnahmen zu ergreifen. Es sind nur reichlich einhundertfünfzig Seiten. Die jedoch reichen allemal aus, um das Paradies zu erlesen, manchmal sogar selbst zu erleben. Wie leichte Wellen, die auf den flachen Strand zurollen, schlagen hier nicht die Wogen hoch. Die ruhige, besänftigende Sprache erlaubt keine Aufregung. Selbst als Nine den Ort verlässt, und ihr Verschwinden erst später bemerkt wird, droht das Paradies nicht auseinanderzubrechen.

Es sind solche kleinen, feinen Bücher, die einen Lesesommer erst zum echten Lesesommer machen. Wäre das Paradies ein Wochentag, dann ist „Kinder der Bucht“ ein Sonntagsbuch.

Kosmo

Wissenschaftliche Berichte sind in ihrer Natur nüchtern und sachlich verfasst. Sie wie einen Roman zu lesen, ist sehr mühsam, wenig ratsam und deswegen ab und an irgendwie auch enttäuschend. Und langatmig.

Chave hat so einen Bericht verfasst. Sie weiß, dass er durchaus Längen enthält. Das war ihr aber egal. Denn das, was sie zu berichten weiß (also in einem Bericht verfasst und nicht beabsichtigt als Roman zu veröffentlichen), ist derart verworren, seltsam und lässt sie hier und da in Weltenabdriften, die sie bisher nicht kannte. „Kosmo“, das Insekt auf dem Cover – das muss ein wissenschaftlicher Roman über … nee, nee, nee – so fangen wir gar nicht erst an.

Kosmo ist eine Stadt im Süden. Im Süden Griechenlands. Und Chave arbeitet für ein Institut (bzw. sie arbeitete, denn zu ihrem Bericht reicht sie zusätzlich auch noch ihre Kündigung ein). Ein Institut für enzyklopädische Erinnerungsuniversen. Sie sortiert menschliche Gedanken- und Gefühlshaushalte. Wow! Das muss man erstmal sacken lassen.

Nun hat sie einen besonders kniffligen Fall auf dem Tisch. Denn die Urheberin einer Audiodatei, ein Fitzelchen Leben, Erinnerung ist mit einem Mal nicht mehr auffindbar. Chave muss aber ihre Arbeit machen. Und … reist ins Jahr 2048. Nach … Kosmo. Wäre das auch geklärt. Es hat nichts mit Luftfahrt oder dergleichen zu tun und schon gar nichts mit Insekten. Oder doch?! „Kosmo“ ist also ein absurder (im besten Wortsinne) Science-fiction-Roman, der im Stile einer wissenschaftlichen Abhandlung geschrieben ist. Eine Mixtur, die einzigartig ist. Und die anfangs etwas schwerfällig nur den wahrhaft Interessierten anspricht. Denn zunächst muss die Szenerie, die Vorgehensweise dargestellt werden.

Sobald die eigentliche Reise – ins Jahr 2048 – beginnt, wird es aber schlagartig spannend. Nichts ist wie es scheint. Und wie auf einem schlechten (oder guten – je nachdem) Trip wird Chaves Welt gehörig durcheinander gewirbelt. Das muss man allerdings selbst erlesen. Nur so viel: Wer auf Monster oder ähnliche Gestalten hofft, braucht viel Phantasie, um sie zu erkennen. Es gibt sie. Aber nicht im eigentlichen Sinne wie in Abenteuerfilmen der Sechsziger- und Siebzigerjahre, in denen der muskelbepackte Held gegen übergroße Kreaturen kämpft.

Isabella Breier gelingt es spielerisch den Leser unnachgiebig in eine Welt zu ziehen, die bisher niemand erforscht hat. Traumwelten, utopische Szenarien, die auf einmal gar nicht mehr so utopisch klingen und das alles in einer Sprachvielfalt, die ihresgleichen sucht.

In deinem Schlaf

Seit Monaten kümmert sich Nia um ihre Tochter Gabi. Nach dem Erdbeben in Tiflis liegt die Kleine lethargisch in ihrem Bettchen und rührt sich nicht. Aufopferungsvoll spricht Nia jede freie Minute mit ihrer Tochter. Resignationssyndrom lautet  die Diagnose, im Georgischen Gehorsamssyndrom, was Nia regelmäßig zur Weißglut bringt, zumindest ihr aber ein Lächeln abringt. Denn mit Gehorsam hat die Lethargie nun gar nichts zu tun…

Die Ärzte sind ratlos. Dr. Aigner spricht Nia immer wieder mut zu und gibt ihr Hoffnung, dass die Forschung voranschreitet. Der Einzige, der helfen könnte, ist Demna. Demna, Nias Mann. Nias Mann, der nicht mehr an ihrer Seite ist. Der Mann mit den schwarzen Augen, in denen sie sich so gern verlor. Demna, der einst im Bürgerkrieg zwischen Georgien und Abchasien wie hunderttausende flüchten musste und wer weiß was alles erleiden musste. Das hat Nia ausgeblendet. Denn Demna ist der Mann, den sie liebte, der Vater ihrer Tochter. Doch Demna ist weg. Weit weg, oder auch nicht. Auf alle Fälle weg. Und sie will ihn auch nicht wieder sehen, geschweige denn zurückhaben. Sie hat inzwischen einen Hass gegen ihn entwickelt, der kaum umkehrbar scheint.

Nia ist aber auch Schauspielerin. Nicht einfach Castings und Pflege der Tochter unter einen Hut zu bringen. Doch hin und wieder klappt es doch. Dieses Mal hat sie die Chance mit einem namhaften Regisseur zu arbeiten. Die Casting-Chefin treibt sie an. Der Regisseur sieht in ihr etwas, was er unbedingt haben will. Nia soll eine Frau spielen, die im georgisch-abchasischen Krieg auf der Flucht ist. Ihr Mann geht ihr fremd. Das Casting gerät zum persönlichen Fanal. Nia vertieft sich in Windeseile in die Rolle der gehörnten Ehefrau. Die Rolle ist ihr sicher. Ein Segen! Ein Fluch?

Während der Dreharbeiten steigert sich Nia in die Rolle und erkennt das Drama, das Demna einst widerfahren ist. Sie beginnt zaghaft zu verstehen, wie Demna zu dem wurde, was er ist. Und: Warum er nach dem Erdbeben erneut die Flucht ergriff?

Die Wunden und Narben des Krieges, dem ethnische Säuberungen gegenüber den Georgiern folgten, sind bis heute sichtbar. Ekaterine Togonidze rührt unnachgiebig und mit viel Feingefühl in den Wunden der Opfer, ohne sie allein zu lassen. „In deinem Schlaf“ wühlt auf und er erinnert an einen blutigen Krieg, der mehr als dreißig Jahre zurückliegt und noch immer die Täter teils verschont. Die wahren Opfer haben kaum eine Stimme, ihr leises Wimmern wird durch diesen Roman hörbar.

Auf dem Hochseil

Da steht ein Mann … auf’m Seil! Und läuft und läuft und läuft… Eine Stange in der Hand, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Und das in schwindelerregender Höhe. Philippe Petit ist sein Name. Und er als kleiner schwarzer Punkt vor azurblauen Himmel ist ein ikonografisches Symbol. Man kann nur staunen über den Mut und das Geschick. Man selbst würde wahrscheinlich schon nach Zentimetern in die Tiefe stürzen. Ist Philippe Petit auch passiert. Lunge gequetscht, Knochen gebrochen. Abschürfungen ohne Ende. Doch liegen bleiben ist keine dauerhafte Lösung. Wieder aufstehen, weitermachen. The show must go on! Das ist Philippe Petit.

In diesem Buch erzählt er was ihn antreibt. Was ihn schon immer gekickt hat. Und man liebt es. Man liebt die Selbstverständlichkeit, mit der er von seinen waghalsigen Unternehmungen berichtet. Ja, er gibt sogar Tipps für zukünftige Generation von Hochseilartisten, denen – wie ihm – die Zirkuskuppel zu beengt ist.

Man kennt vielleicht nicht unbedingt seinen Namen, aber seine mutigen Aktionen in Paris, New York, Sydney sind immer noch eine Attraktion, eine Erinnerung, die nie verblassen wird.

Paul Auster musste man sicher nicht lange bitten ein Vorwort für dieses Buch zu verfassen. Er bereitet Philippe Petit den Weg für eine Lebenserinnerung, einen Mutratgeber und einen umfassenden Einblick in die weltumspannende Idee von Mut. Die knappen Kapitel sind Leitfaden zur Vorsicht, aber vor allem Mutmacher sich ein Herz zu fassen und eigenen Träumen nicht einfach nur hinterherzujagen, sondern sie Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen. Und das in jeder Lebenslage.

Hier bestimmen keine Zeitangaben den Bericht. Hier stehen Eindrücke, Emotionen und ebenso Ängste im Vordergrund wie eiserne Disziplin und Durchsetzungskraft. Hat man erst einmal das Vorwort (Paul Auster) aufgesogen, entkommt man dem Autor selbst nicht mehr. Allein schon die Hingabe zum Arbeitsgerät – so ein Seil ist nicht einfach nur ein Seil: Es muss fett- und ölfrei sein, das gut befestigt sein muss.

Philippe Petit verzichtet wohlwollend auf Aufmerksamkeit erhaschende Effekte. Er könnte episch breit davon erzählen wie er vor den Exekutiven davonrennt. Oder sich für sein Tun rechtfertigen. Nein, er entscheidet sich dafür seiner Leidenschaft einen Raum zu geben, der nicht weit Oben in den Wolken ist, sondern unten auf der Erde in den Händen des Lesers.

oh! Verona

Verona war noch nie einfach nur ein Geheimtipp. Mal Julia an die Brust fassen oder sich im antiken Theater ein grandioses Opernerlebnis gönnen, das ist Verona für die meisten. Doch das kann doch nicht alles sein?! Schließlich wollen die über vier Millionen Übernachtungsgäste bestens unterhalten werden.

Und vor allem verköstigt werden. Risotto kommt hier auf den Tisch. Meistens sogar mit Reis aus der direkten Umgebung. Und dann hat man die Qual der Wahl – dabei kann auch dieses Buch nicht helfen. Bei allem anderen ist „Oh! Verona“ die beste, wenn nicht sogar die einzige Wahl. Diese Qual ist dem Veronabesucher also schon einmal genommen.

Als Ausgangspunkt für die meisten Erkundungen bietet sich das antike Amphitheater an. Es liegt zentral und man immer jemanden fragen wie man dorthin kommt, falls man sich einmal im Straßengewirr verlaufen hat. Und das schon seit zweitausend Jahren! Siebenhundert Jahre ist es her, dass Dante Alighieri nach seiner Flucht aus Florenz hier Asyl fand. Und ihm begegnet man auf Schritt und Tritt. Ideal für ein Sammelspiel: Wie oft trifft man Alighieri während eines Spaziergangs in Verona? Kleiner Trick für alle, die gern schlaumeierisch sich einen Vorteil verschaffen wollen: Mal ins Portemonnaie schauen – Dante ist auf den italienischen Zwei-Euro-Münzen.

Überall in der Stadt findet man eingemauerte Löwenmäuler. Die Löwen sind Symbole der Republik Venedig, die hier lange Zeit die Geschicke der Stadt leitete. Wer will kann einen Denunziationszettel einwerfen. Früher konnte man – aber nur mit Unterschrift – so jemanden eines Vergehens bezichtigen ohne ihm gegenübertreten zu müssen. Anonyme Anzeigen wurden vernichtet – für alle Demokratieverteidiger von heute ein gefundenes Fressen…

Von nicht ganz so geheimen Tipps für Spartickets über Familiengrüfte bis hin zu verdammt alten Graffiti hat Autorin Maria Kampp eine Menge Verona-Safari-Tipps zusammengetragen, die Verona zu einem prall gefüllten Erlebnis machen. Ohne dabei die gehypten Hotpsots außeracht zu lassen. Auch hier weiß sie geneigten Besuchern Rat zu geben. Was aber an dieser Stelle geheimbleibt… psst.

Leere Gräber und Göttinen, architektonische Fundstücke und grandiose Aussichten – man muss ein bisschen suchen, um Veronas Schätze zu finden. Oder man wirft einen Blick in diesen exzellenten Reiseband. Auch für unterwegs bestens geeignet.

Venetien

Auf nach V…, äh Venedig? Verona? Vicenza? Oder dann mal was ohne V? Wie wäre es mit Padua, was eigentlich Padova heißt, also doch wieder ein V. Und wenn man diesen Reiseband vor sich aufgeschlagen liegen hat, bildet er auch ein V. Man kommt einfach nicht herum ums V. Kruzrtipp-Gag: das muss man doch glattweg fünf tage bleiben – fünf = in römischen Ziffern V.

Wie man es nun nimmt, Venetien ist mehr als nur Venedig, wobei das Nur ob der Pracht der Lagunenstadt im Nebel des Staunens verblasst. Verona ist nach der Venedig sicher die bekannteste Stadt der Region. Klar, von hier kommen Romeo und Julia. Balkon gucken, Brust anfassen, fertig. Was wäre aber, wenn Romeo und Julia gar nicht aus Verona stammten?! Sondern vielmehr von zwei Burgen, die ganz dicht an V… Vicenza liegen. Unerhört! Hat Shakespeare geschummelt? Ja, die wahren Wurzeln der beiden unglücklich Verliebten liegen in den Bergen bei Vicenza. Montecchio Maggiore sollte man sich merken, wenn man den Massen-Romeo-Und-Julia-Shakespeare-Must-Visit-Pflichtteil erledigt hat. Das ist nur eine Info aus den zahlreichen gelb unterlegten Kästen, die dem Leser, der gern individuelle und wahrhaft authentisch seine Urlaubsregion erkunden will.

Padua ist nur einen Steinwurf von Vicenza entfernt – so wie Vicenza von Verona. Eine Perle Venetiens. Und as nicht nur, weil auf Instagram eine wahre Flut an chic gestellten Fotos bei strahlendem Sonnenschein der Stadt einen besonderen Glanz verleihen. Während Vicenza als Stadt von Palladio, dem Architekten und Wegbereiter des Klassizismus gilt, ist Padua Giotto-Stadt. Auch er war ein Wegbereiter, für die Renaissance. Ein Wegbereiter für einen Wegbereiter. Padua nennt man auch die bemalte Stadt. Ein gigantischer Freskenzyklus durchzieht die Stadt, nicht unbedingt öffentlich zugänglich, aber dafür gibt es die „padova urbs picta Card“, mit der man zu dem auch noch die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos nutzen kann. Und wenn man einmal dabei ist: Die Universität ist ebenfalls einen Besuch wert. Galileo Galilei hat hier fast zwei Jahrzehnte gelehrt und dabei die Jupitermonde und die Saturnringe entdeckt. So ganz nebenbei hat er die Theorie aufgestellt, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Das bekam ihm nicht. Ob man ihn auch im mittlerweile ältesten Sektionssaal der Welt „auseinandergenommen“ hätte?!

Noch ein letzter Satz zum V in Venetien. Vom englischen Kulturkreis ausgehend trat das V seinen Siegeszug als Zeichen für den Sieg (victory, was auch aus dem lateinischen stammt) in die Welt an. Also Zeige- und Mittelfinger gespreizt – Venetien wartet. Und in den verbleibenden acht Fingern hält man dieses Buch.

Zakynthos

Griechenlandurlaub ist fast immer gleichzusetzen mit Inselurlaub. Dabei deckt man unbewusst ein riesiges Areal, das ungefähr mit Rumänien gleichzusetzen ist. Wenn man die Fläche inklusive Wasser betrachtet. Und manch einer kommt ins Schwimmen, wenn er erklären muss, in welchem der vielen Meere er nun gerade urlaubt. Ägäisch, ionisch, kretisch, lybisch – ja, wo sind wir denn nun? Ist vielmals auch egal, Hauptsache Erholung. Unter den Inseln und Inselchen gibt es immer noch und immer wieder versteckte Paradiese, die man erst auf den zweiten oder gar dritten Blick entdeckt. Klar, Santorin, Kreta, Mykonos füllen im Dutzend die Seiten der Prospekte – sofern man dieses noch wälzt. Und irgendwann stößt man auf Zakynthos. Bei alphabetischen Auflistungen folgt eigentlich nur noch Zypern, wenn man im Mittelmeer die Sonne genießen will. Von Zakynthos hört man nichts in den Nachrichten. Allenfalls von Freunden und Kollegen, die dort schon mal waren. Eines ist ihnen allen gemeinsam: Ein Dauergrinsen im Gesicht, weil sie exzellent erholt zurückkehren konnten.

Sabine und Gunther Schwab geht es seit mehreren Jahrzehnten so. Als sie das erste Mal die Insel im ionischen Meer (!) besuchten, kommen sie nicht mehr davon los. Was liegt also näher als gewiefte Sehnsuchtssuchende über „ihre“ Insel einen Reiseband zu verfassen. Mittlerweile gibt es die neunte Auflage. Denn auch Zakynthos verändert sich stetig – meistens zum Besseren.

Wer einmal im Osten der Insel die Black Cave bei Kallithéa besucht hat, fühlt sich komplett wie ein Eroberer, der das Paradies eingenommen hat. Der geschützte Blick aus der relativ kühlen Höhle über die Landschaft bis aufs Meer, ist unbezahlbar. Und wer dort ist, aber nicht weiß wie er zum gleichen Ergebnis kommt, dem geben die Autoren eine Reiseroute an die Hand, die Scheitern unmöglich macht.

Zehn Wanderungen auf der kleinen Insel machen diesen Reiseband zu einem unerlässlichen Begleiter. Antje und Gunther Schwab sind – und das spürt man schon beim Lesen – jeden Meter abgelaufen, um authentisch berichten zu können, worauf man achten muss und was man auf gar keinen Fall verpassen sollte. Ist die reise erstmal gebucht, ist es erste Pflicht dieses Buch eingehend zu studieren. Denn nur faul am Strand liegen, dafür braucht man Zakynthos nicht – auch wenn das hier ebenso erlebnisreich sein kann ist wie eine ausgedehnte Wanderung zwischen knalliger Blütenpracht vorbei an venezianischen Brunnen zu einer Aussicht, die zusätzlich mit einem erstklassigen Mahl gekrönt wird.

Unter den Inseln Griechenlands nimmt Zakynthos eine Ausnahmestellung ein. Und dieser Reiseband strahlt mit der Sonne und den Lesern um die Wette.

Berlin mit der Ringbahn entdecken

Schon mal versucht in Berlin ohne längere Suche einen Parkplatz zu bekommen? Mit viel Glück ist das möglich. Aber eben nicht berechenbar. Und nun will man sich Berlin anschauen. Das Auto steht j.w.d. und man selbst ist damit beschäftigt zuzusehen wie man vorankommt. Erholung sieht anders aus. Dabei ist es doch so einfach. 35 Kilometer in knapp 60 min. Das Zauberwort heißt Ringbahn. Über eineinhalb Jahrhunderte alt, mit Unterbrechungen. Okay, das mit den 60 Minuten ist übertrieben, denn dann sitzt man nur in der S-Bahn und sieht nicht das, was Links und Rechts des Weges zu erkunden ist. Aber es ist möglich.

Dieser Reiseband gehört in jedes Reisegepäck für die Hauptstadt! Einmal im Kreis fahren und die ganze Stadt sehen – das kann man nicht überall. Und vor allem nicht in dem Übermaß. Das geht nur in Berlin!

Das beginnt schon am – nicht originären – Startpunkt. Gesundbrunnen. Dort, wo die Berliner Unterwelten dem Besucher eine Stadt zeigen, die in ihrer Geschichte einiges zu ertragen hatte. Nur zweihundert Meter entfernt. Ebenfalls 200 Meter entfernt: Die Gartenstadt Atlantic. Gleich zu beginn eine Oase der Sinne. Der regierende Oberbürgermeister Eberhard Diepgen wohnte hier. Auch Günther Uecker hatte hier sein Atelier. Am Südkreuz ist es schon gewöhnungsbedürftiger dem Auge „was Schönes zu bieten“. Auf den ersten Blick. Die rote Insel ist mindestens für Hobby-Historiker genauso interessant wie für Eisenbahnfanatiker. Einen erhöhten Platz suchen und schon hat man Fotomotive en masse. Und wer Berliner Geschichte mit Eleganz verbinden will, der sucht die Leberstraße 65. Kurz nach Weihnachten 1901 kam hier der erste und vielleicht einzig wahre Hollywoodstar made in Germany zur Welt: Marlene Dietrich.

Und wir sind immer noch mit der Ringbahn unterwegs. Hopp on hopp off mit den Öffis. Für’n schmalen Taler.

Kirchen, Restaurants, Friedhöfe, Industriedenkmäler, Stadtquartiere – alles nur ein paar Minuten von den Haltpunkten der Ringbahn entfernt. So eine Stadtrundfahrt zieht sich dann gern mal über mehrere Tage. Und immer im Gepäck: Dieser Reiseband. Man muss ja auch nicht nach jedem Abstecher wie ein wilder Stier zur Bahn zurück rennen. Dafür gibt’s den Berlin Marathon…

Wer also Berlin mal janz entspannt jenießn will, der kommt um die Ringbahn nicht herum. Und ebenso ist dann dieser Reiseband unverzichtbar. Jeder Hotspot wird mit Adressangabe, wenn möglich Webadresse, beschrieben, inkl. der Wegstrecke und Laufzeit. Einsteigen, Aussteigen und das Großstadtleben genießen. Manchmal auch wortwörtlich in vollen Zügen…

oh! Neapel

Ball, Clown, Pizza. So würde es in jeder anderen Stadt heißen. In Napoli ist es SSC Napoli, was Diego Armando Maradona bedeutet. In Napoli ist es Pulcinella. Und es ist auch und vor allem Margherita, die Mutter allen Fastfoods (was es anfangs nicht war). Also haben wir auf gelben Grund ein weißes „oh!“, ein schwarzes Neapel sowie D10S, Pulcinella e Pizza. Mehr muss man auch erstmal nicht über die Stadt wissen. Hand auf, Pizza drauf, fertig. Und um Himmelswillen nicht über Maradona oder die Leidenschaft zur SSC Napoli lächeln. Sonst kommt im günstigsten Fall Pulcinella und spielt Dir einen Streich.

Die Stadt am gleichnamigen Golf aber nur mit diesen drei Attributen abschließend zu beschreiben, wäre mindestens so frevelhaft. Denn hier wandelt man auf Jahrtausende altem Grund. Quartieri spagnoli. Selbst alteingesessene Italiener rollen mit den Augen, wenn man ihnen mitteilt, dass man hier nächtigen möchte. Alles halb so schlimm. Klar, man wird beäugt. Aber nach ein, zwei freundlichen „Buongiorno“ ist man bekannt und dass man keine Gefahr darstellt. Eintracht-Frankfurt-Fans sollten aber vielleicht draußen bleiben. Und schon gar nicht uniformiert den Maradona-Deovtionalien-Markt murale Maradona besuchen. Ein Fantastikum, das es nur hier, in Napoli geben kann.

Napoli ist ein Straßenwirrwarr und Gassenlabyrinth, das man zu nehmen wissen muss. Überall hängt die Wäsche quer über einem. Doch nicht überall gibt es für Touristenaugen auch was zu sehen. Irene Helmes hat hier gewohnt. Sie zieht es immer wieder hierher. Und immer wieder entdeckt sie sicher auch Neues. Napoli verändert sich sicher nicht so rasant wie Shanghai, doch der Wandel ist immer wieder sicht- und spürbar. Als Touri mit verunsichertem Gang tappt man gern mal in die eine oder andere Falle. Restaurants bieten sich hier dafür an. Aufmerksam Karte studieren, gern auch vermeintlich dumme Fragen stellen – das hilft schon fürs Erste.

Für den Rest sorgt dieses wirklich einzigartige Buch. Selbst den Soundtrack kann man sich per QR-Code runterladen und auf die Ohren geben. Dann hört man allerdings den Straßenlärm nicht mehr. Der gehört zu Napoli wie wilde Wendemanöver und zähe Touristenströme in der Gasse der Krippenmacher.

Wer Neapel zusätzlich zu Veilcheneisverzehr (wo sich schon die Sisi dem Genuss hingab) und dem Besuch des Teatro San Carlo in sich aufsaugen will, muss sich auch manchmal in die vermeintlichen Höllen der Stadt begeben. Wie man sich dort verhält, was man sehen muss und was man getrost umgehen kann (oder sollte) – dafür lohnt sich permanentes Blättern in diesem Reiseband.

Sizilianische Geschichten

Wenn Sizilien die Quintessenz Italiens ist, oder zumindest der Summe aller Klischees, dann ist dieses Büchlein wohl die Quintessenz des literarischen Siziliens. Ein Konzentrat, das Kopfnicken mit einem Lächeln paart. Denn Luigi Pirandello, Leonardo Sciascia, Andrea Camilleri, Dacia Maraini, Roberto Alajmo sind nur ein paar Autoren, die in diesem kleinen Büchlein ihrer Insel ein Denkmal setzen, das nicht zur wegen der Abmaße jederzeit griffbereit ist.

Mn stelle sich vor, dass man auf einem Hügel im Hinterland – sagen wir Corleone, das sagenumwobene Corleone – sitzt und ins Tal schaut. Am Horizont steigt eine Rauchsäule auf. Auf der spärlich befahrenen Straße tuckert ein Moped oder besser eine Ape als Lieferwagen verkleidet um die engen Kurven. Von irgendwo her steigt Essenduft in die Nase. Die Sonne brennt gnadenlos auf einen hernieder, obwohl es noch nicht mal Mittagszeit ist und die wenigen ristorante noch lange nicht ans Öffnen denken. Paradiesisch, diese Ruhe. Doch irgendwas fehlt! Das letzte Puzzleteil, um das Glück an diesem Flecke Erde abzurunden.

Könnte es sein, … ja, könnte es ein, dass das perfekte Glück in die Hosentasche passt? Nur ein paar Seiten zwischen stabiler Pappe? Rein äußerlich Sizilien im Faustformat? Siiii. Certo. Natürlich, es fehlen Zeilen von echten Sizilianern. Die ihre Heimat lieben. Die, die Sizilianer in und auswendig kennen. Und die ihre Charaktere so steilvoll in Szene setzen können.

Während bei Sciascia die Schlitzohrigkeit einmal mehr ein Schmunzeln hervorruft, ist es bei Alajmo die Genervtheit vom Straßenverkehr Palermos. Camilleri lässt einen Sizilianer böse Blut über einen Engländer vergießen, der sich keinerlei Schuld bewusst ist – wieso auch, da hat jemand ein ganz böses Spiel getrieben, ohne die Konsequenzen zu beachten. Und bei Pirandello liegen Poesie und Sehnsucht derart eng beieinander, dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann. Und Dacia Maraini liefert ein Beispiel dafür, dass bei all der Verträumtheit, die Sizilien gern ausstrahlt auch die wirklich Böse und Schändliche zur Wahrheit gehört.

Die sizilianischen Geschichten bieten die gesamte Bandbreite der Insel dar. Klar, das man hier sich wie im Paradies fühlt. Die Insel kann gar nicht anders. Aber auch das Paradies hat Schattenseiten, die aber nicht ausschließlich Dunkles in sich bergen. Gewitzt, schräg, nervend, liebevoll – wie die Insel so ihre Geschichten.