oh! Triest

Es gibt nicht viele Städte, die von sich behaupten können einen eigenen Golf zu besitzen. Und damit ist nicht das klassenprägende Fahrzeug gemeint. Triest liegt … am Golf von Triest. Und wenn man es ganz genau nimmt, ist es umgekehrt. Die Bucht, der Golf wurde nach der Stadt benannt. Aber das ist Haarspalterei.

Bei der Bewertung der Stadt gibt es hingegen keine zwei Meinungen. Auf Schritt und Tritt ein Oh! Triest. Da ist der Titel (des Buches) Programm. Maria Kampp stapft nicht einfach durch die Stadt, sie schwebt vorsichtig auf historischem Pflaster durch die Häuserschluchten, die von Habsburg und italienischer Gelassenheit zeugen. Eine Brise Seeluft, ein warmer Hauch des Nordens und an jeder Ecke ein Duft von Kräutern und dem, was überall auf der Welt als cucina italiana zu identifizieren ist. Die Nähe zu Slowenien und Kroatien lässt die Floskel von Internationalität ins Natürliche umschwenken. Die Nähe von Venedig macht die Entscheidung zu einem Abstecher in eine Großstadt ohne permanentes Ausweichen im Stadtrundgang als Wohltat erscheinen. Also auf nach Triest! Und was dann? Was soll man sehen? Was muss man sehen? Und wo gibt’s was, was die anderen vielleicht übersehen? Drei Fragen – eine Antwort: „Oh! Triest“ 160 Seiten geballte Insiderinformation im handlichen Format ohne dabei andauernd die Muskeln anspannen zu müssen, weil der Reiseband diese stark beansprucht.

Das Miteinander in der Stadt wurde schwer erarbeitet. Nicht immer waren sich Italiener und Slowenen grün (der Streit, ob die Stadt nun Trieste oder Trst, Italienisch und Slowenisch). Die Schwarzhemden Musolinis trieben diese Fehde auf die Spitze, was zur Flucht von vielen Nichtitalienern führte. Der Umbau der Stadt trieb nicht minder verblüffende Blüten wie die Autorin zu berichten weiß. Heute läuft man durch Straßen und Gassen, vorbei an römischen Hinterlassenschaften, ebenso an krudem Historismus, der dem Bestreben des Diktators und seiner blinden Gefolgschaft entsprang. Sehen wir es positiv: Alles hat seine Zeit und wenn die verblendete Argumentation ausgeschaltet ist, kann man auch wieder genießen (ohne dabei die Wurzeln zu vergessen!).

Von der Kaffeerösterei bis zur Wanderung im Karst, vom literarischen Spaziergang (Rilke und Triest sind so eng verbunden wie Rom und das Colosseum) bis zum weithin sichtbaren jüdischen Erbe der Stadt wird dem Leser / Stadtbesucher ein (Stadt-)Bild offenbart, das bisher vielen verborgen blieb.

Der Hund der Baskervilles

Im Moor treibt ein Ungeheuer sein Unwesen. Ein furchteinflößendes erbarmungsloses Geschöpf, das sich mit unbändigen Willen auf seine Opfer stürzt und ihnen den Garaus macht. Nebel, Moor, ein blutrünstiges Monster – wir sind in Englands Südwesten, genauer gesagt in der Grafschaft Devon. Vor mehr als hundert Jahren.

Hugo Baskerville hat es zum Leben erweckt als er seine junge Angebetete, die so gar nichts von ihm wissen wollte, durchs familieneigene Moor hetzte und sie schlussendlich von einem Hund angefallen wurde. Für den Köter ein Festmahl, für die Familie ein Fluch. Denn das Vieh lebt immer noch, schon seit über zweihundert Jahren. Und abermals füllt eine mysteriöse Geschichte die Gazetten der Weltstadt London. In der wohnt bekanntlich, in der Bakerstreet 221b, auch Sherlock Holmes. Zur Untermiete bei Mrs. Hudson. Geige spielend, Pfeife rauchend und ab und zu mal einen kniffligen Kriminalfall lösend verbringt er sein Leben und lässt ganz nebenbei Scotland Yard ziemlich trottelig aussehen.

Der Familienvorstand Charles Baskerville hat seinen letzten Atemzug getan. Henry, sein legitimer Nachfolger – inzwischen in Kanada lebend – soll bald auf dem Landsitz eintreffen. Der Testamentsvollstrecker Dr. Mortimer (Mortimer von mort, Tod – das ist kein Zufall!) sorgt sich um die körperliche Unversehrtheit seines Klienten. Er bittet um Hilfe. Na, wen wohl?! Sherlock Holmes. Mit Pfeife, Deerstalker und Doctor Watson im Schlepp wartet das wohl berühmteste Abenteuer des bekanntesten Detektivs der Welt.

Sherlock Holmes zu lesen ist wie eine Befreiung von all den bemüßigten Versuchen unzähliger Krimiautoren, die die Bücherregale zum Bersten bringen. Sir Arthur Conan Doyle bekam den Sir für seinen Sherlock Holmes verliehen. Obwohl der den Titel wohl auch gern verliehen bekommen hätte. Auch nach über 120 Jahren hat dieser Krimiklassiker nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Aber Vorsicht – unbedingte Suchtgefahr! Abseits der zahlreichen Verfilmungen – vom begnadeten Basil Rathbone der 40er Jahre bis hin zu den Neuinterpretationen eines nicht minder begabten Benedict Cumberbatch – eröffnet das Buch eine neue Welt. Ganz ohne Effekte – der Nebel wabert auch ohne sichtbare Schwaden vor den Augen durchs Bild – erwachen aus Worten beeindruckende Bilder. Die Gedankengänge des genialen Detektivs ergeben nicht immer sofort Sinn. Doch wenn er seine Schlussfolgerungen erläutert, ist man ob der Verquickungen erstaunt wie ein menschliches Gehirn solche Leistungen erbringen kann.

Dracula

Wenn sich heute jemand mit dem Namen Dracula vorstellt, gefriert einem das Blut in den Adern. Oder man schmunzelt und hält es für einen Scherz. Doch der Name ist echt. In zahlreichen Filmen hat sich unser Bild des Herren der Finsternis zu einer Karikatur verklärt, die besonders zu Halloween in einen Kaufrausch um Plastikfiguren, Süßigkeiten zweifelhafter Herkunft (da haben wir doch die Verbindung zum Grafen mit den spitzen Zähnen!) und allerlei Unrat, der einem angeblich Schauer über den Rücken laufen lässt.

Doch Vlad Dracula lebte tatsächlich. Das ist keine neue Erkenntnis. Er lebte im 15. Jahrhundert, war edlen Blutes und jeder, der ihm begegnete – und vor allem diejenigen, die seinem Werk gegenüberstanden – konnte nun blumig über die Schändlichkeit des Grafen berichten. Ach, was für ein Spaß!

Bram Stoker, ein irischer Schriftsteller, erfuhr auch von den gar scheußlichen Taten des Grafen Vlad III. Drǎculea. Als echter Schriftsteller sah es als angebracht ihm literarisch auf die Pelle zu rücken. Der Rest ist Geschichte. Eine blutverschmierte Zunge, die genüsslich an einem nicht minder blutigen Rasiermesser leckt – Rasiermesser wurden bereits 1.500 Jahr v.Chr. erfunden. Es könnte also sein, dass Vlad Dracula tatsächlich …

Sonnenbrillen – die Regisseure der Gegenwart verpassten ihm wirklich eine – gab es zu Lebzeiten des Grafen noch nicht. Und schon gar nicht so stylische! Doch hat Dracula der Reale wirklich Menschen in den Hals gebissen und sich an ihrem Blut gelabt? Wohl kaum. Selbst in den Karpaten, haben wohl nur ganz wenige so starke Mägen, um den Folgen ungeschoren davonkommen zu können!

Das literarische Werk um Dracula war bei Erscheinen ein Schock. Skandale sind immer gut fürs Geschäft – doch Bram Stoker hat den Erfolg nicht mehr genießen können. Er starb nach einem Schlaganfall vor der Veröffentlichung. Mittlerweile gibt es zahlreiche Ableger mit Geschichten um die unheimlichen Taten von Dracula. Hier nun das Original. Wieder einmal, das mit unbändiger Intensität den Leser fesselt und ihm Schauer über die Augen, in die Finger und über den Rücken laufen lässt. All der übermäßig vermarktete Schauerkonsum wird mit jeder Seite des Buches der Lächerlichkeit preisgegeben. Für Kinder mag das ja noch okay sein. Aber wenn Erwachsene ihre „Paläste“ mit in einem quietschbunten orange-schwarzen Überzeug verschandeln, wird selbst der Graf in seinem Grab in Sagnov, Rumänien oder doch Neapel? unruhig und man möchte meinen – sich vielleicht sogar wünschen – dem Spuk ein Ende zu setzen. Man stelle sich vor, dass der Graf noch einmal zu seinen Anbetern sprechen könnte. Was würde er ihnen sagen? Lest Bram Stokers Biographie über mich! Okay, wenn der Meister es so will – es ist in keiner Sekunde vertane Zeit! Denn auch ohne historische Zeugnisse der im Buch beschriebenen Greuel ist „Dracula“ von Bram Stoker seit einem Jahrhundert ein Klassiker! Zurecht!

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Wie sieht der ideale Arbeitnehmer aus? Er ist loyal. Er erledigt seine Arbeit ohne zu Murren. Er hält sich an die Vorgaben, heutzutage sagt man dazu: „Er hält sich an die Prozesse“. Er muckt nicht auf, gibt niemals Widerworte. Ach, es ist wie im Paradies, wenn man so jemanden wie den Schwejk in seinen Reihen wähnt. Da kann man auch mal über so manche Geschichte hinwegsehen. Schließlich hat der Schwejk so was wie einen Darfschein. Er ist schwachsinnig. Schwejk hat verbrieft einen an der Klatsche.

Und so jemand ist beim Militär? Ja, und wie! Freiwillig. Hat sich selbst gemeldet. Und nun steht der brave Soldat Schwejk, mehr wird er auch niemals werden – Schwejk als Offizier wäre wie wildes Schwenken der weißen Flagge.

Schwejk war mal Hundefänger. In Prag, der Goldenen Stadt an der Moldau. Die ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Es herrscht krieg. In ganz Europa. Später wird man diesen (großen) Krieg einmal den Ersten Weltkrieg nennen. Das österreichisch-ungarische Heer hat nun also ganz offiziell einen Schwachsinnigen in seinen Reihen. Schwejk. Ja, er ist der perfekte Dienstleister, tut wie ihm gehießen. Seine Fähigkeiten unterliegen aber einer höheren Macht. Geschick zählt nicht unbedingt zu seinen hervorstechenden Fähigkeiten. In keiner Hinsicht. Ein Tolptasch, ein Tölpel, ein Ungeschickter. Aber im gleichen Atemzug auch ein unfassbar unwiderstehlich sympathischer Kerl, dem man einfach nicht böse sein kann.

Weiß er das? Schwer zu beantworten. Denn Schwejk ist derart in sich ruhend, dass ihm das Unwohl der Welt wie ein Spielfeld für seine Gedanken dient. Er ist – wenn man es so sehen will – ein Macher. Er macht aus jeder Situation das Beste. Das Beste für sich, und – nicht immer – auch für seine Kameraden. Und ein bisschen weniger für seine Vorgesetzten. Die haben ihre liebe Not mit dem Querulanten, in ihren Augen ist er genau das. Doch dann windet er sich überzeugend aus jeder noch so misslichen Lage.

Ist Schwejk ein Held? Vielleicht ja, vielleicht nein. Das ist hier auch nicht die Frage. Jaroslav Hašek hat mit dem Soldaten Schwejk eine feste Größe in der Weltliteratur geschaffen. Hašek selbst diente in diesem irrwitzigen Krieg, bis es ihm reichte, und er dissertierte. Ob Schwejk ihn zum Bleiben hätte überzeugen können? Wohl kaum. Hašek war zu gefestigt, um sich von den blumigen Anekdoten umstimmen zu lassen. Genauso wie der Leser, der sich einfach überzeugt werden kann das Buch erst beiseite zu lesen, wenn die letzte Anekdote aus dem Mund des des Lebens niemals überdrüssigen Schwejk zu Ende erzählt ist. Es ist höchste Zeit, dass die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk noch einmal in einem Band an den Leser gebracht werden. Generationen von Lesern wäre diese Wiederentdeckung sonst entgangen. Und das wäre wirklich schade!

100 klassische Musikstücke, die Du einmal im Leben gehört haben musst

Wer bei dem Begriff klassische Musik schon beim kl… mit „hör mir damit auf“ reagiert, der wird in diesem Buch ebenso sein blaues Wunder erleben wie diejenigen, die meinen schon alles zu kennen. Denn dieses Auswahl an einhundert Musikstücken ist keineswegs durchgehender Mainstream. Es ist wohl mehr eine Liste von eingehenden Melodien und herausragenden Werken, die man – und da liegt der Autor bei der Titelgebung goldrichtig – nun wirklich zumindest einmal im Leben gehört haben muss. Und wenn man dann noch erkennt um welches Werk es sich handelt, hat sich jede Leseminute vollends gelohnt.

Oft erkennt man ja gar nicht, dass einem klassische Musik in den Gehörgang gespült wird. In der Werbung benutzt man sie, um Emotionen hervorzurufen, eine Verbindung zum beworbenen Produkt zu kreieren. So ähnlich haben wohl auch die Komponisten gedacht. Sie wollten nicht einfach nur ein paar Tuschenstriche zu Papier bringen. Sie wollten ihre Werke präsentieren und Jubelstürme verursachen – Emotionen! Das ist das Zauberwort. Und allen Unkenrufen zum Trotz sind die modernen Musiktempel mit ausgefeilter Akustik echte Publikumsrenner. Auch wenn – auch hier sind die Spötter und „wahren Kenner“ die größten Kritiker – immer nur dasselbe gespielt wird, was natürlich nicht stimmt.

Mozart, Bach, Beethoven sind natürlich Publikumsmagnete. Wer im Leipziger Gewandhaus an Silvester die Neunte hören will, muss entweder im Besitz eines Anrechts sein oder lange, lange, lange vorplanen. Das Erlebnis wird dann aber auch mindestens lange, lange, lange anhalten. Meist noch länger!

Nicola Campogrande ist selbst Komponist. Leidenschaft und Beruf sind bei ihm zu einer Einheit verschmolzen, und das merkt man in jedem Satz. Natürlich ist sein Aufzählung lückenhaft – er selbst führt Telemann ins Feld, der über 2000 Stücke geschrieben hat … die allesamt hörenswert sind. Die Liste dessen, was fehlt, ist um einiges länger als die im Buch aufgeführten Stücke von Monteverdi bis Prokofjew, von Verdi bis Berlioz, von Stravinsky bis Rimski-Korsakow. Schon beim Lesen möchte man das Nasenfahrrad vom Gesicht nehmen und sich in einem bequemen Sessel zurücklehnen und in Gedanken versunken den Melodien lauschend sanft den Kopf hin und her bewegen. Und vielleicht sogar leise die Melodien mitsummen. Zuhause darf man das ja!

Dieses Buch ist ein Appetitanreger mit dem Hang zum Übergewicht. Denn mit dem Zuklappen nach dem Lesen beginnt erst das richtige Abenteuer klassische Musik (was ist das eigentlich? Auch darauf hat Nicola Campogrande die passende Antwort.). Jetzt sucht man, in Geschäften, im Netz nach diesen Stücken, die sorgfältig und korrekt bezeichnet in diesem zeitlosen Buch beschrieben sind.

Abruzzen

Wäre der Name der Region Abruzzen ein Jugendwort des Jahres könnte man es kurz so beschreiben: Ab-ruzzen. Eine bislang kaum bekannte Region in all ihrer Faszination bewusst wahrnehmen und mit allen Sinnen genießen. In der Langversion bedeutet das: Zum Beispiel die Hauptstadt L’Aquila. In der Karwoche 2009 bebte für nicht einmal eine Minute die Erde. Die Bewohner der Stadt wurden aus dem Schlafe gerüttelt, die Stadt selbst bröckelte auseinander. Schnell wurden Satteliten-Wohnkomplexe geschaffen. Es war ja schließlich Wahlkampf. Doch nach der Kommunal-, Provinz- und Europawahl versiegte der Enthusiasmus der Regierung Berlusconi. Die Stadt wurde dennoch wieder aufgebaut. Und 2026 ist sie Italiens Kulturhauptstadt. Auch wenn die Nachwirkungen noch immer sichtbar sind – Gerüste und Abstützbalken gehören nach wie vor zum Stadtbild. Onna, das Epizentrum des Bebens existierte nicht mehr. Heute ist hier der Ort, dessen Wiederaufbau am weitesten fortgeschritten ist.

Abruzzen (bleiben wir bei der fiktiven Jugendwortwahl) kann man hier auf verschiedenen Niveaus. Ganz tief, unten am Meer – Pescara. Großstadt mit etwas mehr als 100.000 Einwohnern und Meereszugang. Inklusiver einzigartiger Ausblicke auf Adria auf der Einen und Berge auf der anderen Seite. Letzteres aber nur bei wirklich gutem Wetter. Es sind ein paar Kilometerchen bis man den Kopf in den Nacken legen muss, um den Horizont zu sehen.

Ist man aber in den nun schon einmal angesprochenen Bergen, hat man die Qual der Wahl. Wandern in wirklich Abgeschiedenheit und echter Ruhe oder doch historisches Sightseeing beispielsweise in der Fortezza Spagnola in Civitella del Tronto. Am besten beides! Sehr zu empfehlen – das finden auch die beiden Autoren Sabine Becht und Sven Talaron: Nachts die Festung besichtigen. Das sind Eindrücke, die man nie mehr vergisst.

Abruzzo – so heißt die Region, Abruzzen könnte sich vielleicht doch als Tätigkeit durchsetzen? – ist bestimmt keine Wundertüte. Auch dank dieses Reisebandes könnte die Lust auf Italien mal anders gehörig gesteigert werden. Es muss nicht immer das überteuerte Eiscafé am See sein. Auch nicht die stundenlange Wanderung über wahrhaft historisches Pflaster. Gediegenes Erkunden, mit wirklich hilfreichen Tipps (die man hier wir wirklich braucht), neugieriges Staunen über so viel, was man noch nie gesehen, geschweige denn von dem man je gehört hatte und natürlich – wir sind in Italien – exzellenter Küche. Auch das ist Abruzzen. Auf und Ab, Alt und Neu, und dennoch ein Stück Italien, das bisher kaum Besucheranstürme über sich ergehen lassen musste. Auf nach abruzzo, aber bitte einer nach dem anderen. So wie man diesen Reiseband auch Seite für Seite aufsaugt, um dann Schritt für Schritt Abruzzen zu können.

Im tiefsten Winter

Wenn im Discounter um die Ecke ab dem Spätsommer/Frühherbst die ersten Weihnachtleckereien der vergangenen Saison zu Preisen der Zukunft den Weg versperren, weiß man sofort: Bald schon ist Weihnachtszeit! Und bald schon wird es früher dunkel. Das Wetter schlägt um. Man möchte sich einmummeln und wie ein Bär Winterschlaf halten. Dann verpasst man aber auch die lauschigen Abende, die Atemwolken in klirrender Kälte (an den wenigen wirklich eiskalten Tagen) und den abendlichen Lichterglanz. Und man verpasst Weihnachten! Geschenke! Die Familie!

Die Stimmung um Weihnachten herum ist meist eh die friedlichste im ganzen Jahr. Meistens! Mit Plätzchen. Aber auch – und jetzt kommt`s: Mit den schaurigsten Geschichten der westlichen Welt. Denn wo Licht, da auch Schatten. Und jeder kann sich noch daran erinnern wie ihm „gedroht“ wurde, dass bei Nichtbefolgung der Regeln das Weihnachtsfest – oder besser: Die Geschenkübergabe – ausfallen würde. Oh je, welch Schmach! Weihnachten ohne Geschenke – da bleibt man dann doch lieber ganz brav. Is ja nur für kurz!

Bleiben wir noch ein wenig bei der gruseligen Seite der Weihnachtszeit. Den Krampus kennen wir alle. Mit Schellen behangen besucht er die, die sich nicht um Weihnachtskonventionen scheren. Diejenigen, die niemals brav waren, es nicht sind und sowohl niemals sein werden. Sie ereilt ein schreckliches Schicksal. Statt ho ho ho, gibt’s ein markerschütterndes Geschrei.

In Italien kommt Anfang Januar Befana. Die hat sich in der jüngeren Vergangenheit zu einer milden Bestraferin entwickelt. Bravi bambini bekommen dolce. Nicht so brave haben Kohle in ihren Socken. Mal sehen wie sich der Brauch verändert, wenn die Kohlevorräte endgültig aufgebraucht sind?! Horten die Discounter eigentlich schon Kohlevorräte, um dann mit der geballten Wucht der Nostalgiewelle Kohlestücke für horrende Preise an die gestressten Eltern zu verhökern, die meinen dass man das jetzt so tun muss?

Sarah Clegg reist durch das weltweite Winterwunderland und schnüffelt die gruseligsten Weihnachtsbräuche auf. Von Schweden bis Island (hier wird’s richtig heiß für die Abtrünnigen, aber es gibt auch eine Katze…), von Österreich bis Frankreich (hier wird der Fleischer zum Peitschenmann) hat sie die denkwürdigsten Bräuche erlebt und gesammelt.

Vielleicht reicht es ja sogar schon dem ungeduldigen Nachwuchs ein paar Seiten aus diesem buch vorzulesen, um ihn zur Weihnachtsräson zu bringen… Wer weiß?! Auf alle Fälle bringt dieses Buch in diesem Jahr jede Menge Lesespaß und echte Gedanken zur Weihnachtszeit auf den (Gaben-)Tisch.

Das verlorene Kind

Ein Hauch von Paradies weht durch die ersten Seiten dieses Romans. Christian ist der Sohn eines Bauern, der mit dem Charme eines Lebemannes gesegnet ist. Er wird auf eine Schule außerhalb der dörflichen Idylle geschickt (ja, trotz der elenden Arbeit ist es hier friedlich, und man ist fernab jeglicher Sorgen, abgesehen vom Arbeitsalltag), und auch hier ist er einer der Besten und von einer Schar Freunden umgeben. Als der Vater stirbt, ist es mit der Karriere zu Ende. Er kehrt – freiwillig – zurück auf den Hof. Das Erbe wird gerecht verteilt. Die beiden älteren Brüder bekommen den Hof, Christian und seine Schwester teilen sich die Barschaft. Er baut sich etwas Eigenes auf. Was fehlt in diesem Bild? Eine Frau. Da hat es Christian noch nicht geschafft zu punkten. Bis, … ja bis … Martha in sein Leben tritt. Sie streift ihn. Er streift sie. Und im Handumdrehen sind sie Mann und Frau. So schnell geht das hier, im Norden Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn er vor ihr gewarnt wurde. Sie bekommen zwei Söhne. Auch die geraten recht wohl. Als Nachzüglerin kommt Anna zur Welt. Ein Sonnenschein. Jeder liebt sie. Aber sie wird im Gegensatz zu ihren Brüdern nicht von Emma gesäugt, sondern von ihrer Mutter. Emma lebt hier auf dem Hof und ist immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Auch sie hat einen Sohn, Fritz. Das Resultat einer – für den Erzeuger – unrühmlichen Tat. Fritz’ Vater ist ein Rohling übelster Sorte. Einmal werden sich Erzeuger und Sohn sehen. Es nimmt kein gutes Ende.

Die Jahre vergehen. Der Hof wirft gute Gewinne ab. Die Arbeit ist hart. Doch die Gemeinschaft ist härter. An ihrem vierten Geburtstag geschieht das Unerwartete. Anna ist verschwunden. Die Suche ist endlos. Sie dauert. Sie dauert ein Jahr. Schon jetzt wird klar, warum die Autorin Rahel Sanzara so viel Zeit auf die detailgetreue Wiedergabe der Entwicklung der Handelnden legt. Sie sind Rekonstruktionen des bisherigen Lebens der Bewohner. Wie ein Profiler skizziert sie die Charaktere und Lebenswege jedes Einzelnen.

Die Suche ist schlussendlich erfolgreich- Erfolgreich im Sinne, dass das Gesuchte auch gefunden wird. Anna ist schlimmst zugerichtet. Kaum wieder zu erkennen. Hier ist ein kleines Mädchen, unschuldig, naiv im besten Sinne des Wortes, geliebt auf unmenschliche Art und Weise um ihre Zukunft gebracht worden. Und die Welt um sie herum ist ein Scherbenhaufen.

Und das ist alles tatsächlich einmal so passiert. Es gibt Ermittlungsakten, Gerichtsprotokolle, harte Fakten. Und die anschließend – das Buch ist 1926 erschienen – eine beispiellose Hetzjagd auf die Autorin. Plagiatsvorwürfe in Serie. Sie selbst äußert sich nur sporadisch und mit klaren Worten. Sie hat die Namen beibehalten, um sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Befreundete Kollegen ihrer Zeit standen ihr zur Seite oder aber griffen sie unerbittlich an. Mit der Machtergreifung der Nazis wurde ihr Werk verboten – den mühseligen Prozess des Ariernachweises wollte sie nicht nachgehen. Rahel Sanzara, Theresa Charlotte Johanna Blaschke mit eigentlichem Namen, starb einen Tag vor ihrem 42. Geburtstag an Krebs. Was die Nazis in Gang gesetzt hatten, endet erst mit der Neuauflage ihres ersten Buches, „Das verlorene Kind“. Nun wird es wieder gelesen. Es kann seine ganze Kraft entfalten und der deutschen Sprache nicht nur ein verlorenes Puzzlestück zurückgeben, sondern ihr ein stilvolles Denkmal setzen. Die umfassenden Anhänge inklusive Rezensionen aus der Zeit der Erstveröffentlichung, die Diskussionen um ein mögliches Plagiat, die ausführliche Dokumentation ihres Lebens und Wirkens sind mehr als nur die Kirschen auf dieser prachtvollen Literatur-Torte.

Scrooge sucht den Superstar

Ein Traum für viele: Einmal im Rampenlicht stehen. Ein Traum für noch mehr: Für immer im Rampenlicht stehen, ohne sich jahrelang zu quälen und in kleinen Schritten nach Oben zu gelangen. Dafür gibt’s die Talentshows im TV. Ein Ereignis, das wochenlang, Tag für Tag für Furore sorgen muss, da der Zuschauer das Spektakel einfordert. Nicht mehr, nicht weniger. Und die im Hintergrund, und ein paar wenige im Vordergrund, ziehen die Strippen.

Aurelio Scroocchia ist so einer. Musikproduzent mit dem Fingerchen, um Stars zu erschaffen. Ein moderner Gott, der Gaukler des schnellen Erfolgs und … ein echtes Scheusal. Aufgedunsene Figur, missmutiger Blick, stets unzufrieden. Das war mal anders. Er hatte schon immer Musik gemacht, spielte in einer Band. Doch die zerbrach. Dank des tatkräftigen Zutuns von Scroochia. Was soll’s?! Er ist berühmt geworden. Und reich. Der Erfolg rechtfertigt die Mittel.

Doch wissen wir spätestens seit Charles Dickens, dass die Geister niemals vergessen. Weder der Geist der Vergangenheit, noch der der Gegenwart und schon gar nicht der der Zukunft. Wie wäre es, wenn dem Ekel Scrocchia diese Geister einmal gehörig den Marsch blasen? Mit Musik kennt er sich ja aus. Den nächsten Star hat er schon in der Pipeline. Außerdem ist es kurz vor Weihnachten…

Marco Presta transformiert das Original um den miesepetrigen Mr. Scrooge in die Gegenwart der italienischen Popkultur. Talentshows, Castingshows, wie auch immer man sie bezeichnen will, sind Kassenmagneten. Die Juroren werden zu Stilikonen aufgeblasen und gerieren sich als allmächtige Götter und vergessen dabei allzu oft die Manieren des guten Geschmacks. Sie sind halt auch nur Menschen!

Die Illustrationen von Felix Schaad geben der Geschichte einen leichtfüßigen Anstrich. Aurelio Scrocchias Charakter wird mit jedem Pinselstrich zum Leben erweckt. Jede Regung in seinem Gesicht ist eindeutig auszumachen.

„Scrooge sucht den Superstar“ ist ein heiteres Buch, das nicht nur in der Vorweihnachtszeit zum Schmunzeln anregt. Und wenn die nächsten Castingshows über die Bildschirme flimmern, erinnert man sich sicherlich an so manche Textpassage, an einzelne Kapitel, ganz sicher jedoch daran, was passieren kann, wenn man den falschen Göttern vertraut…

Nach Havanna

Eine Reise in die Seele Kubas – so der Untertitel. Meist verbirgt sich – wenn man das leist – dahinter ein Reisebericht eines (dafür) viel zu jungen Pseudoaussteigers, der meint nach ein paar Jahren in einem gut bezahlten, jedoch stark strukturiertem Job, unbedingt jetzt eine mehrmonatige Auszeit nehmen zu müssen, um die Welt zu erkunden. Mangelnde Hygiene inklusive, gefolgt von der Erkenntnis, dass die Menschen, denen er begegnete zwar unfassbar arm sind, aber im Gegenzug nicht minder glücklich. Was dabei übersehen wird, ist die Tatsache, dass – auch schon vor der alles verstehenden Zeit der oberflächlichen Empathie (oder auch Sorglosigkeit bzw. Verantwortungsscheue) – dieser koloniale Ignoranzunterton menschenverachtender ist als man sich selbst eingestehen kann.

In diesem Fall – endlich mal was Positives! – gibt es aber die begründete Hoffnung, dass man wirklich in die Seele Kubas und Havannas (!) eintauchen kann. Denn der Autor ist nun mal eben keiner, der mit belanglosen Texten die Bücherregale füllt, sondern Leonardo Padura. Ihn muss man nicht erklären, man liest ihn. Man folgt ihm. Man glaubt ihm. Havanna und Padura sind eins. Er ist hier geboren und setzt mit jedem Buch, jedem Kapitel, vielleicht nicht mit jeder Zeile, Havanna und Kuba ein Denkmal. Ein Denk-Mal.

In Mantilla ist Leonardo Padura geboren, hier lebt er immer noch – mit Ausnahmen. Hier kennt er sich aus, hier kennt man ihn. Hier hat er als Junge Baseball gespielt. Stundenlang, tagelang, jahrelang. Dort, wo er laut Plänen von Meyer Lansky und anderen Ganoven aus Amerika einmal das größte Vergnügungsparadies der Welt entstehen sollte – Las Vegas hätte sich in die Hose gemacht vor Scham – hielt er sich kaum auf. Wenn es nach Havanna ging – lange hatte der kleine Leonardo nicht verstanden, was das hieß: War doch Mantilla teil von Havanna. Oder doch nicht?! – war das immer ein Ereignis. Heimlich stahl er sich davon, erkundete die Stadt auf eigene Faust. Das Ergebnis: Sein Ermittler, sein Kommissar, sein Detektiv Mario Conde bewegt sich in Havanna derart traumwandlerisch, dass man als Leser sich schon fast als Kenner der Stadt bezeichnen darf. Die Auszüge aus seinen Büchern bringen diese Leseerinnerungen mit jedem Wort auf Anhieb zurück.

„Nach Havanna“ ist mehr als die logische Konsequenz aus den vorangegangenen Büchern von Leonardo Padura. Rollende Ölfässer, Baseball, liebevolle Umgebung, der Rhythmus der Stadt (ganz ohne nostalgische Verklärtheit) sind mehr als nur Hotspots, die man sehen muss. Padura erkennt sie, ordnet sie ein und lässt diesen Orten und Menschen ihre Normalität. Er drängt nicht darauf alles genauso wie er erleben zu müssen, wenn man die Stadt besucht. Er nimmt auch niemanden an die Hand und zerrt ihn von Geheimtipp zu Geheimtipp. Er stellt seine Stadt vor. Immer mit dem Hinweis auf die Zeit, die er offen und ehrlich erklärt. Denn Cuba ist nicht gleich Cuba. Und nicht jeder, der lacht, ist mit seiner Umgebung vollends zufrieden…