Schöne Melancholie

Sie sind die Feuerwehr, wenn’s brennt, aber der Rauch sich erst noch entwickeln wird: Arnaud Delagrave und Jean-Claude Bonneau. Sie sind Spezialisten für Fälle, für die es keine Spezialisten gibt. Kurzum: Wenn beispielsweise in einer Mine zwölf Menschen ums Leben kommen, darunter zehn Inuit, die Firma aber unbedingt expandieren will, die Umweltschützer und die autochthone Gemeinde wegen des Minenunglücks (und der Toten) aber schon mit den Hufen scharren, dann ist man gut beraten die beiden zu rufen. Troubleshooter, Werbefachleute – es gibt unzählige Titel für Männer wie sie.

Arnauds Ausstrahlung trifft auch Amélie wie ein Blitz. Fast halb so jung wie er haben die beiden eine leidenschaftliche Affäre. Er versucht sich immer wieder einzureden, dass es keine gute Idee ist sich auf die junge Anwältin einzulassen. Aber was will man – was will er – machen?! Anziehungskräfte unterliegen in seinem Fall anderen Gesetzen als denen der Vernunft.

Das Unglück ist nun mal passiert. Nicht das mit Amélie, das ist kein Unglück, sieht man von den Frotzeleien seines Kollegen ab. Nein, die Rede ist vom Mineneinsturz der Drago Polar Mine. Und ja, es sind auch Inuit darunter. Ein ganz heißes Eisen für jeden, der darin verwickelt ist. Für die Drago Polar Mine kann es der Dolchstoß sein. Denn Unterdrückung von Minderheiten war und ist in Kanada immer noch ein Thema – wer Michel Jean liest, wird so manches Mal mit staunenden Augen ein neues Licht auf das ach so erstrebenswerte Kanada fallen sehen. Die Medien stürzen sich erwartungsgemäß auf das Thema. Die kann man nur partiell steuern. Das wissen Arnaud und Jean-Claude. Unerwartete Hilfe bekommen sie von Ben. Einem altgedienten Polizisten, Inuk und somit selbst Teil der Ausgrenzung. Er gibt den beiden den Tipp Nancy zu suchen. Nancy ist irgendwo untergetaucht. In einem Milieu, in dem man in Klamotten wie sie Arnaud trägt unweigerlich und sofort auffällt. In der riesigen Metropole Montreal ist die Suche nicht einfach. Doch Arnaud ist schlau und gewieft. Er findet Nancy. Sie kann ihm tatsächlich helfen. Und das wirft Arnauds komplettes Weltbild um. Das, was sie zu erzählen hat, ist Sprengstoff für Wirtschaft und Politik. Für Arnaud ist es der Wendepunkt…

„Schöne Melancholie“ – der Titel führt den Leser erstmal auf eine falsche Fährte. Schön ist hier kaum etwas. Und melancholisch sind diejenigen, die längst aufgegeben haben und im Alkohol ihre letzte Zuflucht gefunden zu haben scheinen. Während des Lesens muss man sich warm anziehen und so manches Unglück ertragen. Das gehört zum Lesen dazu.

Der Paketzusteller

Nur mal so ganz theoretisch: Kennen Sie Trolle? Diese kleinen fiesen Mistzwerge, die im Netz so allem und jeden eine Meinung haben. Vorrangig aber belehren und sich in den Vordergrund zwängen wollen. Viele von ihnen wissen um ihre assoziale Umgangsform in den sozialen Medien. Und das stärkt sie in ihrem Drang anderen eine aufs digitale Maul zu geben. Sie haben ja schließlich die Diagnose assozial und somit die Legitimation diese auch auszuleben.

Gerhild Pfister – eine Name wie ein Kanonenschusssssss – ist so eine. Facebook ist ihr Revier. Ziemlich schlau. Und manipulierend. Rigoros. Abstoßend. Sie meint es nicht gut mit dem Leben der Anderen. Doch nun schlägt Karma zurück. Ab jetzt meint es das Leben mit ihr nicht mehr gut: Sie hat Krebs. Wie schon man doch in Bildern das Wort „hope“ in Szene setzen kann, mit Steinchen, sinnüberfrachteten Sprüchen, endlosen Horizonten – boah, schon bei der Vorstellung hofft man auf ein schnelles Ende, um nicht noch mehr von diesem bedeutungsschwangeren Unsinn ansehen muss!

Abermals schaltet sich Karma ein. Haydar ist Paketzusteller. Und irgendwie sind Gerhild und Haydar – tja, was sind sie? Ein Paar? Verrückt aufeinander? Einander zugeneigt? Das wissen sie selbst nicht. Erst als Haydar nicht mehr da ist, beginnt für Gerhild ein neues Leben. Nicht im Netz, sondern ganz analog! Ihn im Netz zu suchen, ist für Gerhild eine Fingerübung. Im echten Leben, da draußen, ist es eine fast unlösbare Aufgabe. Was hat eigentlich Haydars Chef mit der Sache zu tun? Er hat definitiv was damit zu tun! Hat er? Nee, das kann nicht sein?! Oder hat er doch … Haydar ums Leben gebracht. Wenn das so ist, dann – Gerhild wächst zum ersten Mal seit Jahren über sich hinaus. Wie ein Transformer wird aus dem followerstarken Miesepeter eine gigantische Rachemaschine, die … letztendlich …

Der Showdown in diesem Buch ist eine Granate! Eine, die sofort explodiert und ein riesiges Trümmerfeld hinterlässt. Hat man am Anfang des Buches kaum Sympathien für den gallespritzenden Troll Gerhild, so gönnt man ihr nicht nur ob der Diagnose doch ein kleines Stückchen Glück. Als dies vom Tisch kullert, und der böse Hund auch noch die letzten Reste zu verschlingen droht – Achtung Sprachbild! – muss man sich selbst an die Leine legen, um sich nicht selbst in den Rachefeldzug einzureihen.

Richard Schuberth verwebt auf angenehme Weise moderne Unarten mit einem Schicksal, das ganz klassisch immer noch jeden treffen kann zu einem Rachekrimi, der nicht viele seiner Art neben sich dulden muss.

Whisky, Lords und Dudelsack

Wir schreiben das Jahr 1960. Frühjahr. Der Journalist Gregor von Rezzori bereist Schottland. Im Sommer / Herbst des gleichen Jahres wird er seine Eindrücke in fünf Radioreportagen den Hörern seines Senders (Norddeutscher Rundfunk) kurz vor dem Mittagessen näher bringen. Jeweils eine Dreiviertelstunde! Kurzer Abstecher in die Gegenwart: Man stelle sich vor, dass einer der unzähligen Podcaster eine Dreiviertelstunde lang über seine Reiseerlebnisse erzählt. „Wow, echt krasse Berge hier!“ . mehr würde doch bei den meisten nicht rauskommen.

Vor 66 Jahren konnte man davon ausgehen, dass man – Radio war, ist und bleibt Kino im Kopf – bleibende Eindrücke zurückblieben. Schottland war schon damals ganz gut besucht. Engländer, Amerikaner, Kanadier kamen, um ihre Wurzeln zu suchen. So mancher suchte anhand eines Tartanmusters vielleicht sogar seinen Clan. Den Zahn kann von Rezzori den meisten gleich ziehen. Denn die urtypischen Schottenkaros sind gar nicht so alt wie man landläufig vermutet. Sie kamen erst im victorianischen Zeitalter auf. Das ist ’ne Sensation! Und für viele eine herbe Ernüchterung.

Zusammen mit Jürgen Schüddekopf war er wochenlang in Schottland unterwegs. In einem Jaguar Mark IX. Komfortabel reisen war unerlässlich, um einem – damals schon – Sehnsuchtsland auf die Pelle zu rücken. Es blieb nicht dabei. Beide tauchten tief in die Geschichte des Landes ein. Auch dem Nationalinstrument, dem Dudelsack, entlockten die Töne, die für viele neu waren. Wie niederschmetternd muss es für viele Stammtischexperten gewesen sein zu hören, dass der Dudelsack wahrlich keine Erfindung der Schotten ist. Aber wenigstens der Whisky – der muss doch schottisch sein?! Isser. Das beruhigt das geschundene Herz.

In den Archiven des Radiosenders schlummerten seit Jahrzehnten die Manuskripte der Sendung. Ebenso die Sendebänder. Nun wurden sie herausgekramt und in diesem einzigartigen Buch veröffentlicht. Radio zum Nachlesen. Und mit Bildern! Das spart zwar nicht das Mitdenken beim Lesen, vermittelt aber ein abschließendes Bild dieser Reise, die man so nie wieder machen kann. Heute ist Schottland in der Hauptsaison übersät von Individualtouristen, die entgegen ihrer Natur alles plattwalzen, was ihnen vor die Wanderschuhe kommt. Andere ergießen sich Wunderworte, wenn sie echten schottischen Whisky probieren (und wieder ausspucken, weil man das halt so macht…). Pubfolklore inklusive.

In der Reihe „Europa erlesen“ nimmt dieses Buch nicht wegen des Formates einen besonderen Platz ein. Es ist der Mut ein Buch auf den Markt zu bringen, das aufgrund seiner nicht vorhandenen Aktualität einen ganz speziellen Leserkreis anspricht. Wer Schottland außerhalb von „nur“ grünen Wiesen und „nur“ alten Schlössern besuchen will, der braucht Einblicke in die Zeit als Sehnsüchte noch Jahre brauchten bis sie sich in Wirklichkeit verwandeln konnten.

Arrivederci Adria!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch liest man am besten am Strand. Spiaggia. Bei Sonnenschein. Umgeben von Landsleuten muss man nicht zwingend sein. Aber auch nicht von ewig Folklore verströmenden Einheimischen…

So wie in der Geschichte von Julius Frauenstädt. Der will mit seiner Familie und dne Großeltern nach Rimini. Dorthin, wo Fellini geboren wurde. Dorthin, von wo aus Fellini schnell wegwollte. In die große weite Welt und berühmt wurde. Erstmal wird einer nach dem Anderen krank. Dann spielt das Wetter verrückt. Von wegen bel tempo. Und zum Lesen – Moravia – kommt Julius Frauenstädt auch nicht. Als dann – endlich – Abreisetag ist, verkehrt sich alles ins Gegenteil. Die Sonne scheint, Fellini hat ihn tagträumenderweise an die Hand genommen, San Marino war eine Enttäuschung und die Heimfahrt … ach nee. So muss, so darf ein Italienurlaub einfach nicht sein.

Egyd Gstättner macht es den Helden in seinen Geschichten nicht einfach. La dolce vita gibt es nur auf der Leinwand. Schreiende Kinder, frutti di mare im Überfluss, aber so richtig Urlaub? Das gibt’s ned! Woran liegt das? Sich mal so richtig gehen lassen, wie die Italiener – Klischees sind doch was Wunderbares – ist einfach nicht drin. Und wenn doch, dann schwebt die tickende Uhr über der an sich entspannten Stunde.

„Arrividerci Adria!“ liest man mit Genuss. Immer, wenn es einem besser geht als den Protagonisten, fühlt man sich gut. Und wenn man doch nicht recht entspannen kann, so weiß man doch, dass man nicht der einzige ist, dem es so geht. Manchmal brennen seine Geschichten wie Grappa in der vertrockneten Kehle. Manchmal sind sie Seelenmassage wie Tiramisu nach einem heißen Strandtag. Doch sie gehen immer sofort unter die Haut wie ein laues Lüftchen, dass die brennende Sonne erträglich macht.

Das Licht von Marrakesch

Raue Melonenscheiben, erloschenes Rosa, kaiserlich, rote Mauern, Rot, das sich in Gold verwandelt – um es kurz zumachen: Wer jetzt nicht sofort die Koffer packen will und gen Marrakesch aufbrechen will, hat keinen Sinn für Poesie und Fernweh! Jede Seite in diesem Buch strotzt nur so vor Liebe zu der immer noch sagenumwobenen Metropole Marrakesch.

Abdelwahab Meddeb reiste nach und lebte in Marrakesch. Immer dabei ein Notizheft. Fast achtzig wurden es im Laufe seines Lebens. Sechshundert Seiten. In Schönschrift. Intellektuell, nachdenklich, kindlich begeistert, aufnahmebereit und –fähig, aufsaugend, durstig wie eine Verdurstender durchstreifte er die Stadt. Wie ein Kenner als auch als Fremder, der alle Sinne einschaltete, um komplett die Stadt einzuatmen. Es sind keine Reiseberichte im eigentlichen Sinn, die dem Leser erlauben noch einmal diese Orte zu besuchen. Sie sind Anleitungen Marrakesch in sich aufzunehmen. Es bedarf keiner Ortsnennungen, um die Stadt zu erleben. Düfte, Ausblicke, Einblicke, Mauern, Weitsichten malen ein Bild, das man nie mehr vergessen kann.

Jedes noch so farbenintensive Magazinbild, jeder noch so authentische Bewegtbildbericht verlassen gegen die Beschreibungen von Abdelwahab Meddeb. Marrakesch ist eine dankbare Stadt für alle, die gern ihre Erlebnisse zu Papier bringen. Persönlich und unverfälscht lässt man staunend eine Zeit wieder aufleben, die einzigartig war. Nur wenige kehren zurück und erleben alles noch einmal so intensiv wie beim ersten Mal. Routine kehrt ein. Man besucht Orte, die man kennt, um sich lokaler zu fühlen. Übersieht dabei, dass die Bestätigung an Wert verliert, und das Neue immer noch reine Freude hervorrufen kann.

„Das Licht von Marrakesch“ ist ein andauernder Rausch des Neuen. Selbst ein so bekannter Platz wie Djemaa El-Fna – den Namen kennt man vielleicht nicht, aber die Bilder sind weltberühmt – wird für den Autor zu einem Platz für dauerhaft Neues. Hier atmet man den Puls der Stadt. Auch heutzutage noch, nur eben mit einer wabernden Tourimasse, die in Shorts und Sandalen unter Hitze stöhnend nur nach dem nächsten Souvenir hächelt. Dabei gibt es doch so viel zu sehen. Was? Kurz vor der Hälfte des Buches zieht einen der Autor in eine Welt, die sich allen Verlockungen der Massenanwerbung immer noch einen entscheidenden Teil Natürlichkeit bewahrt hat.

„Das Licht von Marrakesch“ sticht unter den Erlebnisberichten über Marrakesch durch seine Sensibilität und dauerhafte Betrachtung wie ein Wolkenkratzer in der flachsten Wüste heraus. Es ist bedeutender als die meisten Reisebücher und sorgt mit jeder Seite, jedem Kapitel, jeder Zeile für Erleuchtung.

Fremder Champagner

Wir sind misstrauisch, wenn wir beim Surfen im Netz aufgefordert werden etwas zu bestätigen oder gar persönliche Daten anzugeben. Da will jemand was von uns ohne, dass wir Einfluss darauf haben. Außer wir verweigern die Angaben. Dann können wir aber nicht mehr in die schöne heile Welt der schönen Bilder eintauchen. Ein beklemmendes Gefühl bleibt aber irgendwie zurück.

Wenn wir unseren Kassenzettel im Einkaufswagen achtlos zurücklassen, sind wir weniger zimperlich. Was soll schon passieren? Da weiß jemand, dass wir Butter und Wurst gekauft haben. Und ’ne Tiefkühlpizza und ein überteuertes Eis. Na und!

Ein Glücksfall für die Protagonistin der titelgebenden Geschichte. Sie ist Profi. Profi in dem Sinn, dass sie Kassenbons sammelt. Ja, sie sammelt (und sie ist keine Datenkrake!) Kassenbons. Und was macht sie damit? Sie taucht in eine Welt wein, die nicht die ihre ist. Heuet hat sie besonderes Glück. Da hat jemand Champagner gekauft. Nicht den billigen Fusel, der am nächsten Morgen die Synapsen malträtiert. Den Guten. Den richtig Guten. Auch sie war einkaufen. Das Nötige. Was man so braucht, um nicht mit knurrendem Magen das haus verlassen zu müssen oder am Abend nicht weniger mürrisch sich ins Federbett zu verkriechen. Sie kehrt noch einmal um. Kauft Champagner. Den gleichen wie der auf dem Kassenbon. Den Teuren. Den Guten. Zuhause wird dann gefeiert. Was wird gefeiert? Nichts Besonderes. Nur eben den Moment. Und sie taucht ein in ihre – ihrer Meinung nach – eigene Welt. Leicht dekadent. Mit der teuren Blubberbrause. Alles so bunt um sie herum. Nicht weil die Prozente ihr die Sinne vernebeln. Nein, sie stellt sich tief im Inneren vor wie der Kassenbonverlierer mit seinem teuren Champagner einen mindestens ebenso schönen Abend verbringt wie sie den ihren. Dank ihm! Ohne ihn, ohne den verlorenen Kassenbon wären es bloß wieder Schnittchen gewesen.

Dies ist nur eine von fünfzehn Geschichten von Martina Berscheid. Sie alle sind getragen von Sehnsüchten. Wenn das Familienfest wieder mal in Langeweile erstickt wird, sucht man sich eben einen Fluchtpunkt. Der verhindert vielleicht nicht die stickige Atmosphäre, macht sie aber für einen Moment erträglicher.

Die fünfzehn Geschichten regen die Phantasie an. Denn jeder kommt einmal in ähnliche Situationen, die unangenehm oder lähmend sind. Dann ergeht man sich in mehr oder weniger laut geäußerte Tiraden … und ändert nichts an der Wahrnehmung. Hier kommen Helden zu Wort, die ganz ohne Superkräfte an den Säulen der Wahrnehmung rütteln. Mal witzig, mal sonderlich, doch immer wahrhaft.

Aussichten einer Empfangsdame

Ist doch ein Traum?! Da hat man sich akademisch gebildet, ist auch sonst im Leben nicht unbedingt ein Fehlgriff, arbeitet in einem schicken Gebäude mit unzähligen Kollegen, die alle ihrem Traumjob nachgehen. Doch wie alles im Leben hat auch diese Medaille eine Kehrseite. Denn als Empfangsdame sieht sich die Protagonistin nun wirklich nicht.

Jeder sieht sie, doch keiner kennt sie. Sie kennt jeden, sie schaut teils sogar hinter die Fassaden – doch sie ist und bleibt eben doch „nur“ die Empfangsdame. Frustrierend. Ihr geht wie so manchem, der irgendwie die Abfahrt Richtung Zufriedenheit verpasst hat. Was nun? Kopf in den Sand stecken. Sand ins Getriebe schütten. Resignieren. Sich arrangieren. Das Beste aus der Situation machen. Die Augen offen halten. Über einen Mangel an Optionen kann sie sich nun wirklich nicht beschweren.

Sie ist es, die jeden sieht. Sie kennt ihre Marotten, von einigen sogar Geheimnisse. Sie hat Einblick in so manchen Vorgang, den sie eigentlich gar nicht haben dürfte. Ihre Menschenkenntnis ist erstaunlich, nur in bare Münze diese zu verwandeln, ist unmöglich.

Wünsche hat sie mehr als genug. Auch die Voraussetzungen sich diese zu erfüllen. Doch allein der Weg dorthin ist zu steinig und war in der Vergangenheit sehr unübersichtlich. Nun sitzt sie hier am Tresen, weist den Weg, nimmt Anrufe entgegen, nimmt die Post entgegen. Eigentlich müsste sie die entgegengenommene Post entgegennehmen. Es ist schon ein tristes Leben … könnte man meinen.

Riccarda Gleichauf dringt in ein Leben ein, das von vielen (wenn überhaupt) nur im Vorübergehen wahrgenommen wird. Die Empfangsdame ist austauschbar. Fehlt sie den einen Tag, merkt man das erst … meistens gar nicht. Sie fällt nicht auf. Sie ist da, aber auch wieder nicht. Sich in dieser Welt zurechtzufinden, (s)einen Platz einzunehmen ist nicht weniger aufwändig als der Posten eines der Unternehmen in dem schicken Gebäude. Denn hier geht es jeden Tag, jede Stunde, jede Minute darum nicht komplett die Fassung zu verlieren und weiter Verantwortung für sich zu übernehmen.

Die Autorin hätte es sich einfach machen können und aus der niedergeschlagenen Heldin eine rachlüsterne Furie zu machen, die einer Miniserie gleich ihrem vermaledeiten Leben einen krachenden Rachefeldzug entgegenstellt. Es sind die leisen Gedanken, die Einsichten in die Leben der Anderen, die dieses äußerlich unscheinbare Buch zu einem echten Juwel machen. Einsichten und Aussichten, die vielleicht mehr mit der Realität zu tun haben als man meint.

Wald im Haus

Trutschel – so nennt man die Kleine, die hier im Wald, und das ist nicht nur symbolisch gemeint, aufwächst. Der Papa ist weg. Die Mama ist da, wenn auch meist nur physisch – und selbst dann mit Einschränkungen. Also verbringt die Kleine viel Zeit bei Oma und Opa. Aber eigentlich ist auch dass nicht ganz korrekt. Denn die resolute Oma führt „nebenbei“ noch eine Firma, und der Opa ist meist in seiner Werkstatt. Seine eigene kleine Welt. Ganz ohne Frau. Ohne Enkelin. Nur mit dem Hund, der aber auch bald nicht mehr sein wird.

Ist eine ziemlich düstere Welt, die Alena Mornštajnová da beschreibt, fast schon mystisch. Und das ist gewollt. Denn über der Familie, wenn man es so nennen will, schwebt ein dunkles Geheimnis.

Der Wald, in dem das Haus steht, wo Trutschel aufwächst ist unheimlich und Freiheit in Einem. Hier kann sie Kind sein. Doch Geborgenheit und Wärme findet sie hier nicht. Im Haus auch nicht. Wenn Mama mal nach Hause kommt – nach der Arbeit, viel zu spät nach der Arbeit – ist sie keine Mama. Sie schwankt, sie lallt, sie streitet. Opa hat sich dann immer schon in seine Werkstatt verzogen. Und Oma geht zum Angriff über. Mit wem sie sich rumtreibe – mit niemandem. Natürlich! Mama ist sich keiner Schuld bewusst. Sie lebt ihr Leben. Ein Leben, das sie eigentlich mit ihrer Tochter teilen sollte. Tut sie aber nur in den seltensten Fällen.

Doch wer ist nun wirklich schuld an dieser … Misere? Die Antwort verbirgt sich in einem dunklen Geheimnis. Nichts für Kinderohren oder gar Kinderaugen. Doch die Kleine bekommt mehr mit als ihr gut tut.

Alena Mornštajnová verführt den Leser und zieht ihn in eine Welt, die fast surreal erscheint. Alles, was war ist, was echt wirkt, hat immer einen Touch von Mystik. Nicht ganz so dramatisch und ausschweifend wie in „Twin Peaks“, doch nicht minder spannend. Und am Ende mit einer faustdicken Überraschung. Hat man sich nach ein paar Seiten in die Geschichte eingelesen, kommt man schwer wieder von ihr weg. Wer bisher nicht viel mit düsteren Geschichten anfangen konnte, hat hier eine Art Erweckungserlebnis. Die präzisen Charaktere finden im Nu ihre Gefolgschaft – ob man sie nun mag oder zutiefst verabscheut.

Kopfsteinpflaster

Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt. Ha ha, vor allem für die, die es betrifft. Mehr als ein resigniertes Augenrollen ist da kaum noch drin. Vor allem, wenn sich alles vor, während und nach der Wende abspielt.

Martin Kasboom ist sicherlich so einer, der dieser flüchtigen Phrase nur noch ein pff abgewinnen kann. Er lebt in Klockow, Mecklenburg. Das sprichwörtlich Irgendwo-Im-Nirgendwo beschreibt die Umgebung wohl am besten. Hier fährt man Oldtimer nicht weil es chic ist, sondern weil gerade nichts anderes zur Verfügung steht. Und bei den Straßenverhältnissen ist ein Moskwitsch mit seinem unendlichen Federweg das einzige, was passt. Ansonsten passt hier gar nichts. Zumindest für Martin Kasboom. Diese Einöde ist nicht zu überbieten. Draußen in der weiten Welt werden die Olympischen Spiels in Los Angeles von fast der halben Welt boykottiert. Und hier? Nichts. Einöde. Langeweile. Auf nach Berlin werden wie in ein paar Jahren sagen. Da ist was los, werden sie sagen.

Für Martin geht dieser „Traum“ schon früher in Erfüllung. Er ist im richtigen Alter, um dem Vaterland zu diesen. Asche, Armee, NVA – wie auch immer man es nennen mag – es ist seine Rettung. Wehrdienst. Unter Anderem aufgrund seiner Herkunft ist er der ideale Bewerber für weitreichendere Dienst fürs Vaterland. Der kleine Martin Kasboom aus Klockow soll Spion werden. Natürlich wird das nicht genau kommuniziert. Da ist man viel gewiefter. Doch trotzdem: Spion. Is schon ’ne andere Nummer als Bauer in Klockow! Doch die Wende macht ihm und seinen Ausbildern einen fetten (Schluss-)Strich durch die Rechnung!

Doch wieder Klockow?! Heim in den heimischen Betrieb. Allerdings mit Aussicht auf rosigere Zeiten. Aufschwung Ost bzw. Nord in seinem Fall. Modernisierung – das wird schon. Und mit einer Frau an der Seite ist das Leben doch gleich doppelt so schön.

Wie immer gibt das Leben mit der einen Hand und hält in der anderen – anfangs versteckt – eine gewaltige Keule. Die Person von Freiherr von Schlottmann. Dem kam die Wende auch wie gerufen. Jetzt kann er sich alles zurückholen, was ihm und seiner Familie einst genommen wurde als sie aus der DDR flüchteten. Ellenbogen hat dieser Freiherr – das kann sich niemand, und schon gar nicht Martin Kasboom, vorstellen. Es entspinnt sich ein Klassenkampf, der mit dem Geschichtsunterricht von damals so gar nichts zu tun hat. Und wahre Geschichte wird auf einmal präsenter als es dem Jungunternehmer recht sein kann…

Engagiert schreibt Detlef Reinsberg eine Familiengeschichte, von der man denkt, dass bereits alles zur Wendezeit geschrieben wurde. Ist es aber nicht! „Kopfsteinpflaster“ lebt durch die eindringlichen Beschreibungen der Gefühlslage einer Generation, die Chancen hatte wie kaum eine andere. Aber auch ohne Rüstzeug in einen Kampf gezwungen wurde, den sie nicht kommen sah.

Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige

„Die Widerspenstige“ – gleich mal eine Breitseite für alle Nostalgiker. Und zähmen ließ sie sich schon gar nicht. Tanzte nicht im Schuber, um Wein zu pressen. Das war Adriano Celentano. Und der hat mit Ingeborg Bachmann so gar nichts zu tun. Er steht mit 88 noch immer auf der Bühne. Sie ist seit über 50 Jahren tot. Doch beide verbindet, dass man sich wohl immer sie erinnern wird. So auch Ingeborg Gleichauf. Und bestimmt nicht wegen der Namensgleichheit…

Ingeborg unternimmt den Versuch sich Ingeborg zu nähern ohne dabei an der Kleidung zu zupfen, ihr zu nahe zu kommen, ihr auf den Geist zu gehen. Sie will den Geist Bachmanns erhaschen. Ihn auch für sich vereinnahmen. Doch niemals – niemals! – will sie sie entblößen.

In den 50ern war Ingeborg Bachmann einem breiten, aber immer noch Fachpublikum bekannt. Erotisiert fand man ihre Weiblichkeit. Heute würde man es viel direkter ausdrücken. Doch wie?! Ingeborg Bachmann ist immer noch präsent, nicht nur wegen des medial aufgewerteten Wettbewerbs, an dessen Ende einer der höchstdotierten Literaturpreise Europas steht. Hier treffen sich intellektuelle Verballhorner und wahre Literaturliebhaber, auch um Ingeborg Bachmann zu gedenken.

Nun kann man Ingeborg Bachmann einfach nur lesen. In ihre Texte eintauchen. Sich in ihren Worten suhlen. Oder man geht ihr auf den Grund – und nicht dem Leser auf den Wecker. Ingeborg Gleichauf hat sich für beides entschieden.

Den Versuch Bachmann zu entschlüsseln, unternimmt sie erst gar nicht. Sie will aus einem Leben erzählen, das erzählenswert ist. Sie will mit dem Leser und der anderen Ingeborg verreisen – Reisen bildet. Warum also zweifeln?!

Wer sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt hat, stößt oft an Grenzen. Wer ihr nahe kommen will, stößt sich den Kopf an. Ingeborg Gleichauf gelingt der Spagat zwischen Wissensdurst und Selbsterkenntnis zu unterscheiden und bei aller Neugier niemals den Leser loszulassen.