Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt. Ha ha, vor allem für die, die es betrifft. Mehr als ein resigniertes Augenrollen ist da kaum noch drin. Vor allem, wenn sich alles vor, während und nach der Wende abspielt.
Martin Kasboom ist sicherlich so einer, der dieser flüchtigen Phrase nur noch ein pff abgewinnen kann. Er lebt in Klockow, Mecklenburg. Das sprichwörtlich Irgendwo-Im-Nirgendwo beschreibt die Umgebung wohl am besten. Hier fährt man Oldtimer nicht weil es chic ist, sondern weil gerade nichts anderes zur Verfügung steht. Und bei den Straßenverhältnissen ist ein Moskwitsch mit seinem unendlichen Federweg das einzige, was passt. Ansonsten passt hier gar nichts. Zumindest für Martin Kasboom. Diese Einöde ist nicht zu überbieten. Draußen in der weiten Welt werden die Olympischen Spiels in Los Angeles von fast der halben Welt boykottiert. Und hier? Nichts. Einöde. Langeweile. Auf nach Berlin werden wie in ein paar Jahren sagen. Da ist was los, werden sie sagen.
Für Martin geht dieser „Traum“ schon früher in Erfüllung. Er ist im richtigen Alter, um dem Vaterland zu diesen. Asche, Armee, NVA – wie auch immer man es nennen mag – es ist seine Rettung. Wehrdienst. Unter Anderem aufgrund seiner Herkunft ist er der ideale Bewerber für weitreichendere Dienst fürs Vaterland. Der kleine Martin Kasboom aus Klockow soll Spion werden. Natürlich wird das nicht genau kommuniziert. Da ist man viel gewiefter. Doch trotzdem: Spion. Is schon ’ne andere Nummer als Bauer in Klockow! Doch die Wende macht ihm und seinen Ausbildern einen fetten (Schluss-)Strich durch die Rechnung!
Doch wieder Klockow?! Heim in den heimischen Betrieb. Allerdings mit Aussicht auf rosigere Zeiten. Aufschwung Ost bzw. Nord in seinem Fall. Modernisierung – das wird schon. Und mit einer Frau an der Seite ist das Leben doch gleich doppelt so schön.
Wie immer gibt das Leben mit der einen Hand und hält in der anderen – anfangs versteckt – eine gewaltige Keule. Die Person von Freiherr von Schlottmann. Dem kam die Wende auch wie gerufen. Jetzt kann er sich alles zurückholen, was ihm und seiner Familie einst genommen wurde als sie aus der DDR flüchteten. Ellenbogen hat dieser Freiherr – das kann sich niemand, und schon gar nicht Martin Kasboom, vorstellen. Es entspinnt sich ein Klassenkampf, der mit dem Geschichtsunterricht von damals so gar nichts zu tun hat. Und wahre Geschichte wird auf einmal präsenter als es dem Jungunternehmer recht sein kann…
Engagiert schreibt Detlef Reinsberg eine Familiengeschichte, von der man denkt, dass bereits alles zur Wendezeit geschrieben wurde. Ist es aber nicht! „Kopfsteinpflaster“ lebt durch die eindringlichen Beschreibungen der Gefühlslage einer Generation, die Chancen hatte wie kaum eine andere. Aber auch ohne Rüstzeug in einen Kampf gezwungen wurde, den sie nicht kommen sah.
