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oh! Venedig

Oh wie „oh no, und ich dachte, dass ich Venedig kenne!“ – oh wie „oh, das habe ich wohl verpasst!“ – oh, wie schade, dass es noch so verdammt lange dauert bis ich endlich wieder dort bin!“. Da hält man wohl ein Hilfebuch in den Händen, das Reisefieber hebt und einen in Sicherheit wiegt, dass der nächste Besuch garantiert ein Volltreffer wird.

Und das trotz des Verhältnisses 280.000 zu 15.000.000. Das bedeutet 280.000 Einwohner und 15 Millionen Besucher jährlich. Da muss man fliehen, und zwar dorthin, wo man nicht zwischen Handysticks und „Folge-Mir-Wimpeln“ hindurchluken muss, um mal was Schönes zu sehen. Und einem nicht permanent auf den Kopf gek… wird, von den Tauben, versteht sich! Bei diesem Verhältnis – Eins zu fast 54 – kann man sich der Masse anschließen, überteuerte Souvenirs mad(e) in China erwerben, an jeder Ecke mit gebühren ins Jammertal der Finanzen gestoßen werden, und sich somit so manches Erlebnis gehörig zu ruinieren. Oder man wirft einen ersten scheuen Blick in dieses Buch, lässt sich verleiten (dieses Mal zu 100% gerechtfertigt) und gönnt sich Schritt für Schritt ein Aha!-Erlebnis, das in einem nicht enden wollenden „Oh Venedig“ endet. Die Wahl ist keine wirkliche Wahl. Es ist eine emotionale Vernunftentscheidung. Basta!

Man muss ja nicht gleich die ganze Stadt verteufeln und das Weite suchen. Zum Beispiel auf einem Boot durch die Lagune schippern. Doch wenn, dann auf einem Boot mit Geschichte. Eines, auf dem schon Prominente vor den Massen flohen. Das wieder entdeckt wurde. Und originalgetreu wiederhergestellt wurde. Das wäre doch was! Doch welcher Promi soll es sein?! Wie wäre es mit der Callas – oberste Promischublade. Die traf sich mit Pasolini auf seinem Boot. Und mit dem kann man heute wieder durch die Lagune schippern. Das ist das ein oh-Erlebnis, oder?!

Wer dem Massentrubel doch nicht ganz abgeneigt ist, kann entlang des Zickzackwanderns so manches Kleinod entdecken. Und wer den Gondoliere auf die Füße geschaut hat, entdeckt – wenn er dem manchmal falschen Singsang eine gewisse Routine abgerungen hat – eine einzigartige Fußbekleidung. „Furlane“ nennen sich die bequemen Schuhe, die wohl das einzige Mittel der Wahl sind, um der Qual des venezianischen Pflasters zu entkommen. Flach, simpel, bequem. Gibt’s aber nicht überall zu kaufen, zumindest nicht in entsprechender Qualität. Aber dafür an der Rialto-Brücke. Dort kommt man eh vorbei, wenn man Venedig besucht. Ist und bleibt fester Bestandteil des Programms in der serenissima – na ja ruhig und gelassen, das war einmal. Besonders, wenn alle fünf Meter ein Jüngling vor seiner Angebeteten niederkniet, um ihr einen Antrag zu machen, weil er das bei Insta schon soooo oft gesehen hat…

Maria Wiesner fand für ihr Buch Orte und Plätze, die jeden Venedig-Besuch nicht mit einem Oh-No-Erlebnis enden lassen. Mit entsprechender Gelassenheit und erfrischender Recherche durchläuft man ein Venedig, das vielen verborgen bleiben wird.

oh! Lago Maggiore

Man könnte den Lago Maggiore als einen der vier großen Oberitalienischen Seen beschreiben mit soundsoviel Quadratkilometern Oberfläche, der jährlich von zigtausenden Touristen besucht wird. Alles richtig. Aber die Touristen kommen bestimmt nicht wegen Größe und um sich mit Tausenden Anderen zu treffen, sondern weil sich hier eine Landschaft vor einem erhebt, bei der man sich erhaben fühlt. Man gehört zu einem Kreis Reisender, die Schönes gesehen haben. Kein elitärer Kreis. Und dennoch fühlt man sich so, dass man Einzigartiges sieht… genau wie die Anderen auch.

Und genau dieser letzte Halbsatz lässt die Einzigartigkeit in der Masse des Gemeinen ein wenig (nur ganz wenig, aber spürbar) verblassen. Denn wer im August in Locarno weilt, muss sich die Perlen der Stadt mit Zigtausenden teilen. Dann ist Filmfest, elf Tage Filmfestspiele. Man findet keinen Platz im ristorante, muss Angst haben, dass der Aperol aus ist etc. Und trotzdem fühlt man sich pudelwohl. Der Geheimtipp für alle, die einmal im Leben was Außergewöhnliches sehen wollen und vielleicht auch den einen oder anderen Leinwandliebling mal beim Spaghettizuzeln erwischen wollen.

Wer das alles schon erlebt hat und für den der Lago Maggiore eben nicht nur der zweitgrößte der Oberitalienischen Seen ist, muss sich etwas einfallen lassen, um wirklich Neues zu erleben. Patricia Arnold trägt mit ihrem „oh Lago Maggiore“ dazu bei, dass der Lago eben nicht nur der Lago bleibt, zu dem man geht, sondern das Ereignisgewässer bleibt, was es vor langer Zeit schon mal war.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Promis und ihrer durchaus nachvollziehbaren Italienliebe. Da gibt es in der Nähe ein kleines Dorf. Nur vierhundert Einwohner. In manchen Gebäuden ist noch unerträglich heißer als an so manchem Hochsommertag. Woody Allan war schon hier. Aber nicht, um sich im kühlen Nass des Sees abzukühlen. Nein, er kam nach Quarna Sotto, weil hier die besten Saxophone der Welt entstehen. Den Schweiß des Tages vergisst man ganz schnell, wenn man den Meistern über die Schulter schaut. Noch ein wenig höher liegt Quarna Sopra. Wer hier ins Horn (Saxophon) stößt, tut dies vor überwältigender Kulisse. Ohren-und Augenschmaus in Einem. Da muss man lange suchen, um so was noch einmal zu finden.

Ob knackige Wanderung auf Bergspitzen, die einen Ausblick gewähren, den man nur selten erlebt oder weltbekannte Kunst im Museum, kuschelige Metropolen am Ufer oder verwaiste Berge – der Lago Maggoire hat noch lange nicht alles preisgegeben. Jetzt vielleicht ein bisschen mehr!

Das grüne Kleid

Na, das geht ja gut los! Paul und Charlotte – ein Traumpaar. Unter Brücken den Schlafsack ausrollen – selbst der Fluss hält inne. Gemeinsam Silvester verbringen – ohne viel Tamtam, ganz gemütlich, genüsslich nebeneinander einschlafen und fast den Jahreswechsel verpennen. So sieht Glück aus. Perfektion! Da haben sich Zwei gefunden, die sich nicht suchten. Das war wohl das einzige Mal, dass nichts geplant war. Paul plant, er plant gut, wenn es notwendig ist, er plant behutsam, wenn er weiß, dass es zu viel sein könnte. Ach das Leben kann so schön sein.

Hermann Mensing beschreibt ein Paar, eine Liebe in seiner reinsten Form. Doch das Leben ist keine Maschine, die Liebe kein Uhrwerk, das ewig läuft. Ab und zu muss man das Getriebe schmieren, muss nachjustieren. All das machen Charlotte und Paul. Jeder auf seine Art. Immer im Gleichklang, ohne es jemals geplant zu haben – ganz im Gegenteil. Und immer ohne viel Aufhebens darum zu machen.

Und dann funkt das Schicksal dazwischen – der Klappentext nimmt von vornherein die Illusion hier die Anleitung zum nie endenden Glückszustand. Wo einst Harmonie und untrügliche Zukunftsvorstellungen herrschten, kehren Kurzatmigkeit und Spontanität ein. Die große Vorausschau weicht dem Denken an gleich, an Morgen, nicht weiter! Wo eben noch Glücksmomente das Herz fast zum Zerspringen brachten, überkommt die beiden Kalkül und Pragmatismus. Im Alter noch einmal dazulernen und im besten Sinne festgefahrene Pfade verlassen (müssen) – das Leben hält immer wieder ohne Rücksicht auf Erfahrung und Alter Neues parat.

Das gemeinsame Leben von Charlotte und Paul ist ein dauerndes Auf und Ab. Und das ist auch gut so. Ohne, dass sie es einfordern, ist es das, was sie wollen. Ein Ende ist nicht in Sicht, an ein Ende verschwenden sie nicht einmal in dunkelster Nacht einen Gedanken. Doch das Dunkel der Nacht bricht schnell, unverhofft und mit einem der Attitüde des Unabwendbaren über sie hinein. Über sie, über Charlotte…

Hermann Mensing schickt Charlotte und Paul auf eine Achterbahnfahrt, die sich über weite Strecken mehr wie die Wilde Maus anfühlt als der Tower of Magenumdrehen. Selbstverständliche Momente des unendlichen Glücks überragen jeden noch schwerwiegenden Moment von Zweifel oder Verzweiflung.

„Das grüne Kleid“ passt jedem, der sich in Geschichten und somit und Menschen hineinfühlen kann. Diese Geschichte liest man nicht einfach, man lebt sie, Seite für Seite, Abschnitt für Abschnitt, Zeile für Zeile.

Das Land wo die Eiscreme wächst

Hier schließt sich der Kreis. Die Droogs treffen sich regelmäßig in der Moloko-Bar. Ein Haufen harter Kerle hocken zusammen und trinken Milch. Was ein Gegensatz! Wie kommt man darauf? Das wird klar, wenn man ein anderes Werk von Anthony Burgess – dem Autor von „Uhrwerk Orange“ – liest. Es steckt ebenso voller Phantasie, jedoch auch voller Träumereien von einem paradiesischen Land, „Das Land wo die Eiscreme wächst“. Der Erzähler bricht nach einem für ihn und seine Freunde dramatischen Erlebnis auf, um dieses Land zu besuchen. Denn in einem Restaurant sitzt ein Gast, der alles versucht, um Eis aus dem Weg zu gehen. Er war schon dort, in dem Land wo die Eiscreme wächst. Körperlich stark, charakterlich schwach. Es war ihm zu viel. Zu viel Eis! Wie soll das denn gehen?! Einen Rat gibt er den Eisforschern mit auf den Weg: Nicht mit dem Flugzeug anreisen. Der Zeppelin ist das Verkehrsmittel der Wahl.

Denn nur so kann man gefahrlos an einer der zahlreichen gigantischen Eistüten andocken. Alles klar? Alles klar! Alles klar. Das Eiscremeland ist keine terra incognita. Man weiß, dass es hier zum Beispiel den Vanillegipfel gibt, und die Wassereiskuppe, die Baiseralpen, die sich aus der Lutschiama erheben. Der Gipfel des Genusses ist der Schokolatépetl. Schon allein dafür lohnt es sich zumindest einen Blick in dieses Buch zu werfen. Wenn dann die Zeichnungen von Fulvio Testa – er hat sich mehr als nur einen Kopf gemacht, dieses Wortspiel muss einfach sein – einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, ist man dem Buch hilflos ausgeliefert. So wie der Erzähler, Tom und Jakob dem Drang nachgeben das Land zu besuchen, das insgeheim ihr bisheriges Leben bestimmt.

Dieses Land ist ein ganz normales Land. Nur, dass hier eben alles aus Eis ist … und ein paar Waffeln. Hier läuft alles ganz „normal“ ab. Die Woche beginnt mit dem Mampftag und endet mit dem Salontagabend. Wie wohl der Freitag hier genannt wird?! Kleiner Tipp: Das FREI bleibt erhalten in dieser eiskalten (!) Umgebung.

Träume sind dazu da, um gelebt zu werden. Und wie kann man sich diesem Traum verschließen?! Es ist schier unmöglich. Wer Anthony Burgess mit der rauen Welt von „Uhrwerk Orange“ verbindet, wird hier in ein Land reisen, in der niemand – auch nicht von dem einzigen Bewohner des Landes, einem riesengroßen Monster mit beschränktem Wortschatz (welches Wort das wohl ist…)  niemand mit Spazierstöcken traktiert oder des Nachts überfallen und anschließend einer gehörigen Gehirnwäsche unterzogen wird. Klassik gibt’s auch. Denn was ist klassischer als ein italienischer Eisladen, der Luigi gehört und Kinder mit offenen Armen empfängt. Tata.

In Bloom

Das wird ihr großer Durchbruch! Das wird ihr Ausbruch! „The Bastards“ so nennen sie sich. Nein, kein Gang á la Bloods oder Creeps. Sie sind eine Band. Spielen das, was sie bewegt. Talentfrei, aber mit ’ner gehörigen Portion Wut in der Stimme. Grunge, um es auf den Punkt zu bringen. Der Bandwettbewerb in ein paar Wochen soll sie ganz nach oben katapultieren. Am besten auch glich ganz weit weg. Weit weg von Vincent. Einem Nest, in dem die Tristesse zuhause ist, im Gegensatz zu den unzähligen jungen Vätern. Schönes sucht man hier umsonst.

Sie waren mal zu viert. Ja, sie waren. Lily ist nicht mehr dabei. Sch.. drauf! Sagt sie, sagen sie. Sie wurde entführt. Und seitdem ist sie verändert. Bricht mit der Band, die ihr einen Traum hätte bescheren können. Im Umkehrschluss sind „The Bastards“ ohne Lily kaum mehr wert als der Dreck unter ihren Fingernägeln. Auch wenn es davon mehr als genug gibt. Vom Dreck. Eine wie Lily gibt es nur einmal.

Mr. P hat sie gefördert und gefordert. Ihr Musiklehrer war der einzige, der an die Band glaubte. Auch wenn er musikalisch privat in ganz anderen Gefilden herumschippert. Er sitzt lieber mit Otis Redding on the dock of a bay oder schwärmt von den Supremes. Und genau diesen Mr. P holt nun die Polizei ab. Er soll … naja … wahrscheinlich hat er was mit Lilys versuchter Entführung zu tun. Schlimmer: Sie behauptet steif und fest, dass er sie missbraucht hat. Warum? Mr. P ist doch der einzige, der an sie glaubte. An Lily, an die Band, an den Bandwettbewerb. Lily ist so fies…

„The Bastards“ gehen auf Spurensuche. Doch so richtig will das nicht klappen. Keiner sagt was. Nicht die Eltern, keiner der Lehrer, und die Polizei rückt erst recht nichts raus. Und Lily verkriecht sich lieber in ihrem verhasten Elternhaus als das sie ihren „Freunden“ irgendwas erzählt. Und dann stirbt auch noch Kurt. Kein Schulfreund. Kein flüchtiger Bekannter. Keiner aus dem Ort, der im besten Fall gleich tickt. Nein, Kurt Cobain. Bläst sich einfach das Hirn weg. Zwischen dichten Rauchschwaden, MTV-Unplugged-Videos und der Einsicht, dass der Ort Vincent Anfang und jähes Ende zu gleich ist, vegetieren die verbliebenen Bandmitglieder vor sich hin. Selbst zum Träumen sind sie zu träge geworden. Von wegen fröhliche 90er!

Liz Allan lässt entgegen dem Titel nicht viel hier in der Einöde erblühen. Staub, Weed und Hoffnungslosigkeit sind die erschlafften Triebfedern einer Generation von Jugendlichen, die niemals echte Träume träumen werden. Wer bei dem Titel nicht ad hoc an Blümchen und Pflanzen denkt, sondern Nirvana und die letzte echte Musikrevolution im Sinn hat, bekommt die komplette „Sinnhaftigkeit“ dieser Zeit auf Auge gedrückt. Auf dem beiliegenden Kärtchen kann man sich per QR-Code den passenden Soundtrack anschauen.

Leipzig. Europas Architektur in einer Stadt

„Komm nach Hagen, werde Popstar!“. Das ist mehr als vierzig Jahre her. Komm nach Leipzig, werde Architektur-Kenner, genieß die Feinheiten und vor allem die Vielfalt – das bekommt nun eine ganz neue Dimension. Und die hält viel länger an als die Liedzeile der Band Extrabreit aus Hagen.

Der Untertitel „Europas Architektur in einer Stadt“ gibt einen Vorgeschmack auf das, was auf den folgenden ca. dreihundert Seiten kommt. Die volle Ladung Geschichte, Wissen, Augenschmaus und Herzenswärme. In kaum einer anderen Stadt lässt sich die Architekturentwicklung Europas so umfassend betrachten wie in Leipzig. Gewagte These – Stefan W. Krieg war mehr als eine Vierteljahrhundert Stadtbezirkskonservator in Leipzig und befasst sich seit seiner Zeit als Student der Kunstgeschichte, Geschichte, Germanistik, Archäologie und Komparatistik mit Architektur.

Um e4s vorweg zu nehmen: Selbst eingeborene Leipziger werden in diesem Buch noch Orte finden, die sie eventuell kennen, jedoch so noch nie betrachtet haben. Das ist ein Versprechen! Ebenso die Tatsache, das Leipzig ab sofort mit anderen Augen gesehen wird.

Wer durch die City  von Leipzig läuft, früher sagte man „die Stadt“, womit die Innenstadt gemeint war, downtown sagen die, die ihrer scheinbaren Weltläufigkeit einen Hauch Internationalität geben wollen, wird nur mit erhobenen Haupt die Vielfalt an erstaunenswerten Details entdecken. Da stehen Betonklötzer (die gab es schon ab der Zeit nach dem Weltkrieg) gleich neben oder gegenüber von reich verzierten Fassaden, die man nicht im Vorbeigehen, sondern im Innehalten erfassen kann. Kleine handwerkliche Preziosen, die sich nicht verstecken und doch nicht jedem direkt ins Auge fallen. Selbst Pyramiden sind im Stadtbild nur mit erhobenem Haupt zu erkennen. Straßenführung, Fassadenkunde, Einblicke in die Geschichte der Architektur – ein Stadtbummel mit dem Autor ist eine Erlebnistour, die unbezahlbar ist!

Unbeirrbar fräst sich Stefan W. Krieg durch die Stadt, die dank ihrer Handelstradition und des damit verbundenen Reichtums schon immer ein Spielfeld was für ausgefallene Ideen der Bauherren. Die Vielfalt an Villenvierteln in grüner Umgebung, die Nähe zum Wasser, die Ansiedlung von Industrie trugen immer wieder dazu bei, dass Leipzig sich klamm und heimlich zu einer Perle entwickelte, die seit Jahren wieder die Besucher an Parthe und Pleiße lockt. Hier wurde nach der Wende ein Fluss wieder ans Tageslicht geholt, der zuvor Jahrzehnte eine stinkende Kloake war, die bei ungünstig stehendem Wind mindestens zu Naserümpfen anregte. Heuet sind Sitzplätze an der Pleiße in der Stadt begehrte Oasen, die man nur hergibt, wenn man wirklich Wichtiges zu tun hat.

Schon die Umschlagseite am Anfang und Ende des Buches zeigen welch große Vielzahl an Orten es zu erkunden gibt. Dazwischen liegen prachtvolle Abbildungen, die den Vergleich mit den Vorbildern nicht scheuen müssen. In Leipzig wurde Geschichte angenommen, was schlussendlich dazu führte, dass hier Geschichte geschrieben wurde, damit andere die Geschichte wiederum annehmen können.

Dieses Buch lädt einmal mehr dazu ein die Stadt zu erkunden und sich gleichzeitig einen Überblick zu verschaffen, welche Strömungen in der Architektur in heutigen Kontext immer noch Symbiosen eingehen, ohne dabei ihren Reiz zu verlieren.

A13

So eine Autobahn hat es nicht leicht. Pausenlos rollt man über sie hinweg – das kann sie ja noch verkraften. Schließlich ist das der Grund ihres Daseins. Aber das permanente an ihr Herumgepicke nervt sie sicherlich. Und keiner würdigt sie. Sie ist das berühmte Mittel zum Zweck. Sie ist der Weg zum Ziel, das niemals direkt an ihr liegt. Nun gut, tauscht man sich darüber mit dem Landschaftskalligraphen Lorenzo Custer darüber aus, bekommt man eine ganz andere, eigene Sichtweise auf Autobahnen zu hören. Er ging schon länger mit der Idee schwanger ein Buch über die A13, die Nord-Süd-Beton-Verbindung der Schweiz zu gestalten.

Linard Bardill sollte die Texte schreiben. Sie fanden sich, sie trafen sich und machten das, was niemand für möglich hielt. Ein Buch, fast schon eine Liebeserklärung an die A13. Dass die Idee ein wenig verrückt ist, wussten beide. Aber das sollte doch kein Grund sein es nicht zu tun. Was ein Glück!

Startschuss war im Norden, den Schlusspunkt soll naturgemäß – irgendwann endet jede autostrada – Bellinzona bilden. Ein Reiseband mit informativen Tipps zur Einkehr und zum Ausruhen sollte es nicht werden. So viel gibt die Autobahn nur auch nicht her. Aber ein Reisebericht mit allerlei Anekdoten, mit Stupsern in die Rippen („Schau mal … da!“) und so manchem „Kennst Du schon?!“ ist dann doch die bessere Wahl.

Und so kommen sie auch zum so genannten Zahnwehkirchlein. Geht einem der Nerv auf die Nerven, kann man hier oben Trost suchen. Und wenn das nicht hilft, … die Klippen für den Sprung in die erlösende Befreiung vom Zahnweh sind nur ein paar Schritte entfernt. Linard Bardill macht es sichtlich Spaß solche Geschichten zu erzählen. Man merkt sofort, dass er ein Schelm ist.

Lorenzo Custer ist der Großmeister der gezogenen Linie. Ein ums andere Mal erstaunt er seinen Mitfahrer wie schnell und geschickt ein einzelner Strich ein ganze Landschaft erzählen kann. Und beim ersten bloßen Durchblättern dieses unzweifelhaft einzigartigen Buches erhellen die Zeichnungen des Architekten und Zeichners und machen Appetit auf die gelungenen Zeilen des Autors.

Isla Bella ist nur eine weitere Station auf dem Weg der beiden gen Süden. Hier ist es schön, sagt ja schon der Name – bella. Es gab Zeiten, da hat es hier fürchterlich gestunken. Warum? Keiner weiß es. Keiner? Einer kennt sie, und er hat sie immer seinen Kindern erzählt. Ein Riese war so wütend, dass man die Quelle seiner Lieblingswasserfrau zerstört hat, dass er in den Tunnel hineinfurzte. Das war seine besondere Fähigkeit, er hieß Trettel, was auf Romanisch Furz bedeutet.

Es sind Geschichten wie diese, die aus einer verrückten Idee ein unterhaltsames Buch machen. Warum unterwegs auf der A13 nicht die üblichen Spielchen spielen – Autokennzeichen raten etc.? Immer wenn man einen Punkt aus dem Buch passiert, wird die Geschichte vorgelesen. Besondere Bücher sind in besonderen Situationen besondere Begleiter.

Schwimmen in der Tinte

So ein poetischer Titel – so traurige Geschichten, teilweise. Rumiana Ebert schreibt in ihren Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen, verlassen mussten, aus den unterschiedlichsten Gründen. Sie suchten ihr Heil in Deutschland und Österreich. Sie fanden Fremde, sehnten sich nach der Heimat. Sie fügten sich, fügten sich ein, nahmen teil – und waren doch nur selten Antriebsfeder. Und wenn doch, dann ist es nur ein kleiner Schritt zum wahren Glück…

So wie einer Familie aus Plovdiv. Die Mutter ist die treibende Kraft, die schon in den 50ern drängt Bulgarien zu verlassen. In Ungarn sind gerade die Aufstände niedergeschlagen worden. Sie selbst hat in München Germanistik studiert. Sie bringt ihren Kindern Deutsch bei, damit die Umgewöhnung später nicht so schwer fallen wird. Ihr Mann ist bei den neuen Machthabern in Ungnade gefallen. Als ehemaliger Offizier der royalen Armee vor und im Krieg hat man für ihn keine Verwendung mehr. Er ist suspekt! Und muss als Bauarbeiter einer Arbeit nachgehen, für die er sich vor seinen Kindern schämt. Die Mutter impft den Kindern ein niemandem – NIEMANDEM! – etwas davon zu erzählen, was zuhause gesprochen wird. Über Berlin, Ost-Berlin, soll die Flucht gelingen. Die durchlässige Grenze ist das Tor zur Freiheit. Sie freundet sich mit einer Frau an, die ihr auch prompt eine Einladung in die DDR schickt – so war das damals: Ohne Einladung auch ins sozialistische Bruderland brauchte man eine Einladung. Als „Pfand“ muss allerdings ihr Gatte in Bulgarien bleiben. Am 12. August 1961 landen sie in Ost-Berlin. Ein Tag ausruhen und dann ab in den Westen … am 13. August 1961. Die Geschichte mahnt zur Eile…

Wer im Meer badet, sieht eine Welt, die über dem Meeresspiegel sich noch ganz anders präsentiert. Taucht man unter, taucht man in eine andere Welt ein. Doch was ist, wenn unter Wasser die Aussichten trüb sind? Eine gelungenes Sprachbild, das Rumiana Ebert geschickt nutzt, um tiefsitzende Probleme von Flüchtlingen plastisch darzustellen. Das gilt bis heute!

Rührung

Gitte und Simon, das war, das ist, das war, das ist, das war, das war, das war, das ist, es wird nie wieder sein. Nie mehr wie zuvor, nie wie es hätte sein können. Ein Zeitungsartikel erregt Simons Aufmerksamkeit als er mit Dora in einem Restaurant sitzt. Und alles ist wieder da. Damals. Mit Gitte. Damals. Der Artikel setzt in ihm, dem Psychiater etwas in Gang, das lange eingeschlafen zu sein schien. Doch es ruhte nur.

Er und Gitte – kein Traumpaar. Dennoch immer zusammen. Allen Hindernissen zum Trotz – und es gab Berge von Hindernissen in ihrer Beziehung! – gab es stets ein Simon UND Gitte. Oft ging sie. und kehrte zurück. Oft, zu oft waren die beiden nicht mehr Simon UND Gitte. Und dann wieder doch.

Beide suchten sich professionellen Rat. Er begleitete sie zu ihren Sitzungen und sie ihn bei seinen. Wieder Simon UND Gitte. Doch irgendwann war dann doch mal Schluss! Kein Hickhack mehr um die Schuldfrage. Sie ging. Ihrer Wege. Er ging seiner Wege. Es ist lange her, fast schon vergessen. Doch die Intensität ihrer Beziehung lässt die Vergangenheit wohl für immer plastisch erscheinen. Greifbar – zum Greifen nah? Nein, das geht nicht mehr. Das weiß Simon. Denn Gitte ist tot! Vom Dach eines Hauses gestürzt. In Rumänien. Gitte kümmerte sich in Österreich um Flüchtlinge aus Rumänien und Bulgarien. Simon erkannte sofort das Bild in der Zeitung. Erkannte sie wieder. Gitte.

Seitdem ist er ein nachdenklicher Mensch geworden.

Es steht frei im Raum wie weit die Geschichte von Simon und Gitte Fiktion oder doch wahrgewordener Albtraum ist. Der Erzähler – vielleicht ist es der Autor selbst, denn er ist von Beruf Psychotherapeut – lässt den Leser am Seelenleben des Protagonisten – Simon – lebhaft teilhaben. Nicht immer sind dessen Gedankengänge auf Anhieb nachvollziehbar. Das wäre auch zu einfach. Schließlich braucht Simon, der ja selbst vom Fach ist, Hilfe. „Rührung – Ein Wagnis“ brennt sich ins Gedächtnis. Nicht wegen der ergänzenden Fußnoten, die ab und zu den Lesefluss zu unterbrechen scheinen, im Nachgang aber so dienlich sind, dass sie als unverzichtbar gelten. Man muss sich einlesen. Das Einlassen ist dann nur die logische Konsequenz. Und manch einer wird sich dieses Buch noch einmal zur Hand nehmen und vielleicht ganz andere Aspekte in der Seele von Simon entdecken, die ihm zuvor verborgen blieben…

El Dorado Drive

Ist doch alles in bester Ordnung! Pams Sohn feiert seien Schulabschluss mit einer riesigen Party und einer nicht minder riesigeren Geldtorte. Der Filius ist sichtlich beeindruckt. Wenn er wüsste … wie es wirklich aussieht…

Grosse Point ist eine typische Kleinstadt nahe Detroit. Alle waren zusammen auf dem College, im selben Club, arbeiten gemeinsam in der gleichen Firma (Detroit = Motortown) – man kennt sich, beäugt sich. Der ganz normale Zwang sich mit kleinen Ausbrüchen von der Masse abzusetzen.

Und da sind sie nun Debra Bishop, Pam Bishop und Harper Bishop. Schwestern. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Und ihnen allen ist bei all der Unterschiedlichkeit gemeinsam: Ihre eigene heile Welt ist nicht in Ordnung. Und sie wird weiter bröckeln. Und wie! Das wissen sie aber noch nicht!

Denn Motown ist nur noch als Musiklabel ein Begriff, und selbst da bröckelt der Lack. Die einstige Autostadt Detroit verkommt, zerfällt – und mit ihr die Menschen. Pams Kinder kennen diese Phasen auch. Doch sie sind unbeschadet wieder rausgekommen. So wie ihr Sohn, der jetzt seinen Schulabschluss feiert. Seine kleine Schwester ist traurig. Bald wird er weg sein. Wer kümmert sich dann um sie? Wer hält sie davon ab wieder (!) abzudriften?

Debra und Pam sind tatenkräftiger als Harper, die Jüngste der Drei. Und vielleicht auch am leichtesten zu beeinflussen. Als die beiden Älteren aan Harper herantreten, um ihr eine Geschäftsidee zu unterbreiten, betreten sie fruchtbaren Boden. Endlich raus aus der Einöde. Endlich eine Befreiungsschlag, um dem stets präsenten Abgrund zu entrinnen – vielleicht sogar den american way leben. Und nicht nur träumen.

Für Harper ist es zunächst ein Traum. Denn sie hat die Welt von ganz unten gesehen, auf Augenhöhe. Ihre Verbindlichkeiten, um es mal ganz allgemein und nüchtern zu betrachten, kann sie nicht mehr bedienen. Sie sieht nur einen Ausweg: Flucht. Flucht vor denen, die ihr nicht vorhandenes Geld wollen. Flucht zur Familie – Debra und Pam. Sie staunt nicht schlecht. Während um sie herum alles den Bach runtergeht und einst stampfende Maschinen in rostige Industriedenkmäler diffundieren, stehen bei den beiden großen Schwestern die großen Autos nicht nur einfach so vor der Tür. Sie gehören den beiden! Fast schon hechelnd ist Harper extrem neugierig wie das geht. Zwei Worte: „The wheel“. Debra und Pam sind auf die Idee gekommen dem Ellenbogen-Kapitalismus der Nullerjahre in den USA Gemeinschaft und dollarige Träume entgegenzusetzen. Die traurige Wahrheit ist aber, dass noch nie einem Schneeballsystem dauerhaftes Glück beschieden war. Und so schlittern die drei Schwestern in eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes – die Parallelen zum Spielort Detroit sind offensichtlich.

Megan Abbott nimmt sich Zeit. Hektische Bewegungen lässt sie in dieser angespannten Situation aus dem Spiel. Alles passiert „wie ganz natürlich“ – es musste ja so kommen. Könnte man spotten. Doch Spott ist nicht angebracht. Hier sind drei Frauen, die allesamt auf die Nase gefallen sind. Die Wunden wollen einfach nicht heilen. Und um sie herum eine Welt, die das Leid mit Lug und Trug immer weiter – wenn auch nicht dauerhaft – nach hinten verschieben kann. Ein großes Stück von diesem Kuchen, das wollen sie. Leider ist der Tortenheber zu klein und ihre Kuchengabel nicht spitz genug.