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Das andere Leben meiner Mutter

Der Anruf, der jeden Sonntag pünktlich kommt, kommt dieses Mal nicht. Besorgniserregend. Anhaltende Zweifel. Doch dann der „erlösende“ Anruf. Mutter ist im Krankenhaus. So kurz und trocken, so nüchtern, so beklemmend fremd.

Der Erzählerin rutscht das Herz in die Hose. Und hüpft im gleichen Augenblick auch wieder hinauf. Denn zum Einen weiß sie endlich, was mit ihrer Mutter ist. Zum Anderen ist so ein Anruf niemals schön. Und es kommt noch … überraschender.

Denn Mutter hatte ein geheimes Doppelleben. Deswegen immer sonntags die Anrufe, zur gleichen Zeit. Da hat sich die Frau Mama Zeit freigeschaufelt, um ungestört mit ihrer Tochter telefonieren zu können. Auch diese Medaille hat zwei Seiten. Alles begann kurz nach dem Krieg. Die Mutter stammt aus gutem Haus, wie man so schöne sagt. Vertreibung, die Männer im Krieg bzw. in Gefangenschaft – die Familie musste sich durchschlagen. Oft egal wie. Onkelehen waren für einige die erste Wahl.

Wie in einem Rausch verfolgt die Erzählerin das andere Leben ihrer Mutter. Voller Neugier trifft sie die andere Familie. Die sind … na ja, die Anderen. Einige sind abstoßend, einige richtig nett und fürsorglich. So wie es nun mal ist, im richtigen Leben. Sie wieder sehen? Niemals! Mit ihnen vertraut sein? Im Leben nicht! Und trotzdem.

Karin Klemm braucht nur wenige Zeilen die Beklommenheit dieser überraschenden Erkenntnis darzustellen. Ausbrechen, Wut, Empathie oder doch bedingungsloses Verständnis? Der emotionale Vulkanausbruch und der damit verbundene Ascheregen aus Fremde und Vertrautheit vernebeln der Erzählerin nicht die Sicht. Ganz im Gegenteil: Der Kampf gegen die dichten Wolken öffnet so manche Schleuse.

Eine Aufforderung zum Kampf

Als Diktator lebt es sich relativ gemütlich, wenn man die Untergebenen im Griff hat. Das geschieht ausschließlich durch Gewalt. Die muss man sich teuer erkaufen. Denn die willfährigen Helfer fordern auch ihren Tribut.

Saintil ist so ein Diktator. In Haïti. Er hält das Dorf Bois-Neuf im Würgegriff. Eine Armee von Zombies verrichtet stoisch die Arbeit, die sonst keiner macht. Sie füllen die Wampen derer, die keinen Finger krümmen wollen. Selbst vor der Familie macht Saintil keinen Halt. Seine Tochter wird einmal alles erben. Doch nur, wenn sie sich nicht an einen Anderen bindet. Keusch und rein soll sie irgendwann einmal da Ruder in die Hand nehmen. Bis dahin ist sie die gute Fee im bösen Haus. Andernorts sind Diktatoren noch grausamer, zu ihrer Familie…

Doch auch die Zombies haben Gefühle. Gefühle, die sie wortreich und bildhaft nur untereinander teilen. Sie sind willenlose Geschöpfe, die nach Außen wie Maschinen funktionieren. Doch keine Macht der Welt kann ihre Gedanken komplett kontrollieren oder gar ausschalten. Das alles funktioniert nur so lange sie kein Salz in ihrem Essen haben. Das Salz in der Suppe – hier bekommt es einen habhaften Beweis seiner Existenz.

Die Jahre verfliegen, das Leben ist karg, hart, kaum lebenswert. Sultana ist die Tochter von Saintil. Mittlerweile ist sie zu einer jungen Frau herangewachsen. Einer Frau, die Gefühle hat, die Bedürfnisse in sich spürt. In Clodinis findet sie den Mann, ihr Gegenstück, ihre Liebe, die langsam erwacht. Clodinis ist allerdings ein Zombie. Ein Wesen, das zu funktionieren hat. Und es auch tut. Solange … ja, solange ihm das Salz entzogen bleibt. Es kommt wie es kommen muss…

Frankétienne lebte sein Leben lang auf Haïti. Auch während der Duvalier-Diktaturen, zuerst Papa Doc, dann Baby Doc – beide nahmen sich in Sachen Gewalt nicht viel. Sie brachen das Land und die Rückgrate der Menschen. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar und werden auch so schnell nicht verschwinden. Trotz seiner Schriften, die den Herrschern nicht gefallen konnten, lebte Frankétienne immer auf Haïti ohne sich groß verbiegen zu müssen. Seine Bücher sind Kulturgut und Hinterlassenschaften einer reichhaltigen Literaturszene. Er starb 2025 im hohen Alter von 88 Jahren.

„Aufforderung zum Kampf“ ist ein Gleichnis für den Aufstand gegen die Unterdrücker. Das Salz ist der Brocken Hoffnung, dem man den Geknechteten hingeworfen hat. Ihr Aufstand ist dank ihrer Masse Gutes beschieden. Doch die Macht der Wenigen, der Auserwählten, die geschickt ihr Tun verschleiern, ist nicht zu unterschätzen. Die poetische Sprache dieses an sich knallharten Buches ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Schnell liest man sich in eine Welt hinein, die so weit weg scheint und erstaunlich viele Parallelen zur doch so nahen Zukunft aufweist.

Durch Jugoslawien im roten Peugeot Band 1+2

In Artikeln und in Online-Lexika liest sich das alles so einfach. Anfang der 1990er Jahre lösten sich mehrere Länder von Jugoslawien und machten sich selbstständig, was zu kriegerischen Handlungen führte. Jugoslawien gibt es nicht mehr. Jetzt / von nun an gibt es Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Serbien. Allesamt willkommene Länder im Westen – außer Serbien. Die Serben hatten in Jugoslawien die Hoheit, die Oberhand, unterdrückten alles, was nicht serbisch war. Es ist alles so einfach, wenn man im Netz in wenigen Zeilen den brutalen Zerfall Jugoslawiens betrachtet. Dass das natürlich nicht so schwarz-weiß zu sehen ist, dürfte jedem klar sein, der auch nur einen Hauch Geschichtsinteresse in sich trägt.

Als fast schon alleiniger Verbrecher der Greueltaten – die es unbestritten unter serbischer Fahne gab – wurde die gesamte politische und militärische Riege Serbiens ausgemacht. Milosevic – ein Name wie Donnerhall, der sich vor dem Haager Tribunal verantworten musste und stumm den Anklagen lauschte – war die Symbolfigur der Anfeindungen.

Als der Literaturnobelpreisträger Peter Handke sich gegen die in seinen Augen einseitige negative Berichterstattung gegen Serbien stellte, sogar bei der Beerdigung Milosevics anwesend war, brach eine Hasswelle über ihn herein, die ihresgleichen sucht. Massen an Intellektuellen traten aus ihren Elfenbeintürmen heraus und sonnten sich im Angesicht der anfeindenden Sonne. Natürlich ist Peter Handke streitbar. Ob das alles Kalkül war oder ob er einfach nur ein zutiefst anarchistischer, nonkonformitischer Quertreiber ist, dieses Urteil obliegt ganz allein ihm selbst. Seine Wirkung nach Außen hat er nicht verfehlt.

Journalist und Herausgeber einer Jugoslawien-Peter-Handke-Reihe bei Suhrkamp Thomas Deichmann hat Peter Handke auf vielen Reisen nach Jugoslawien und den Nachfolgestaaten begleitet. Im ersten Band von „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“ sind seine Erinnerungen sowie veröffentlichte Texte Handkes zusammengefasst, der zweite Band ist der reich bebilderte Zusatzband.

Für die meisten ist der Krieg auf dem Balkan inzwischen weit weg. Die, die in Uniform daran teilnahmen – nicht vergessen: Die Bundeswehr war damals noch ein zahnloser Tiger im Vergleich zu anderen Armeen – erinnern sich vielmals fast schon nostalgisch an das Drama. Traumata auf deutscher Seite gab es kam bis gar nicht.

Man muss ich in Geduld üben, liest man die Erinnerungen und die Texte Handkes. Auch muss man sich so manches in Erinnerung rufen – und eigentlich gleich wider vergessen. Peter Handke ist streitbar. In Nebensätzen relativiert er viel schroffe Aussagen, um seinen wahren Gedanken Gehör zu verschaffen. Kriege sind nie einfach zu verstehen. Man muss sie nicht verstehen, man muss sie verurteilen. Doch leider sind die Rädelsführer verschlossene Gesellen, die ihre eigentlichen wahren Beweggründe nur selten offenlegen – Ausnahme sind vereinzelte Hetzer und Treiber der Gegenwart der Jahre 2025/26, die offen und verabscheuungswürdig ihre Gründe offenbaren. Der Jugoslawienkrieg war für viele ein Wirrwarr aus Splittergruppen verschiedener Ethnien. Das ließ sich leicht(er) in den Medien transportieren. Die richtige Einordnung des Ganzen gelingt niemandem. Auch nicht Peter Handke. Doch ein derartiges Kompendium seines Werkes während dieser Zeit in den Händen zu halten, ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung all das, was damals passierte ein wenig besser einordnen zu können. Ohne dabei das Zwischen-Den-Zeilen-Lesen zu vergessen.

Europa erlesen Genua

Die ligurische Küste besticht durch ihre elegante Küstenführung und die sofort daran anschließenden schroffen Bergformationen, die einen Ausstieg aus dem Meer nicht den sofortigen Aufstieg an Land zulassen. Hier muss man sich bewegen, Hakenschlagen, um ans Ziel zu gelangen.

Auch muss man sich nicht lange mühen, um die Stadt aufsaugen zu können, sofern man sich dieses kleinen Büchleins herzlichst annimmt. Genua kann nicht wie beispielsweise Florenz auf eine Galerie großer Namen, die die Geschicke der Stadt leiteten und bis heute zum Strahlen bringen, verlassen. Die Stadt will erobert werden. Und sie wurde erobert. Christoph Kolumbus verließ sie, um die Welt zu erkunden. Heinrich Heine und Charles Dickens – zum Beispiel – kamen zu ihr, um ihre Reize zu entdecken. Wortreich, gewandt wie ein eleganter Luchs, schlichen sie durch die Häuserschluchten, erklommen Hügel und waren ergriffen von der Weitsichtigkeit der Stadt. Das alles ist anderthalb Jahrhundert bis zweihundert Jahre her. Und noch immer kann man der Faszination der Dichter etwas abgewinnen und zustimmend nicken, wenn ergriffen und charmant von Genua schwärmen. Selbst Karl May war hier – oder doch nicht. Bei ihm weiß man ja nie so genau…

Der Weltreisenden Alma Karlin sieht die große Stadt schon etwas nüchterner. Sie hat die Welt gesehen, wird sie noch bereisen als sie Genua besucht. Ein bisschen mehr Farbe hätte ihr Urteil üppiger ausfallen lassen. Die Suche nach einer passenden Unterkunft hat auch nicht dazu beigetragen Genua als Sehnsuchtsort einzuordnen.

Dieses kleine Büchlein ist unverzichtbar beim nächsten Genua-Besuch. Die gesamte Bandbreite von Ui bis Pfui wird in den Texten über die Stadt abgebildet. Wahrlich hat sich Genua verändert. Als Stadt am Meer unterliegt sie zwangsläufig Veränderungen. Und wie damals – zu Zeiten von Heine, aber auch Alma Karlin – gibt es Ecken, die nicht zwingend vorzeigbar sind. Ebenso die Plätze und Orte, die einem den Atem stocken lassen.

Fakt ist, dass „Europa erlesen – Genua“ ein fester Reisegepäckbestandteil sein sollte, will man Genua auf den Grund und nicht auf den Leim gehen.

Kinder der Bucht

Das Paradies kann man sehen, kann es vielleicht sogar hören. Es zu erleben wird schon schwieriger. Die Bucht von Longo Maï ist das Paradies. Zumindest für die wenigen Bewohner. Im Sommer tummeln sich hier noch Besucher und genießen erholsame Stunden und Tage am Meer. Für Ordnung sorgt die Zollstation. Klingt komisch, ist aber so…

Nine und Coco sind echte Paradiesianer – Paradeiser sind sie nicht! Sie sind hier aufgewachsen. Und entdecken jeden Tag aufs Neue das Paradies. Hoch oben auf den Felsen hat man den besten Überblick. Doch Nine ist das nicht mehr genug. Zuviel des Guten ist ihr einfach zu wenig. Da draußen muss es noch mehr geben. Die Enge der Freiheit erstickt sie und ihren Tatendrang. Ausgerechnet jetzt! Nine bricht auf und aus. Ohne Au revoir. Einfach so!

Und dann passiert das, womit niemand im Paradies rechnen kann. Eine Katastrophe – keine Angst: Der Himmel bricht nicht über der Kommune zusammen. Nur vielleicht sinnbildlich. Bei all der Freiheit, die alle hier ungehindert genießen können, herrschen nun auf einmal nicht gekannte Regeln. Der lose Haufen muss wie ein Räderwerk funktionieren. Und allen wird schlagartig klar, dass sie mit dem Schrecken davonkommen können, wenn die Gemeinschaft auch wirklich als solche agiert.

Rémi Baille legt mit „Kinder der Bucht“ einen Debütroman vor, der auch die Jury vom Prix Mare Nostrum überzeugte. Zu Recht!

Hier wird keine neue Form des Zusammenlebens erprobt. Kein neuer Herrscher regiert mit blinder Wut. Hier ist die Kommune selbstverständliches Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Unter freiem Himmel die Wahl der Mittel zu haben, um das Leben leben zu können. Risse sind da. Man springt wie selbstverständlich über sie hinweg. Erst als sich Krater bilden, zwingt man sich Maßnahmen zu ergreifen. Es sind nur reichlich einhundertfünfzig Seiten. Die jedoch reichen allemal aus, um das Paradies zu erlesen, manchmal sogar selbst zu erleben. Wie leichte Wellen, die auf den flachen Strand zurollen, schlagen hier nicht die Wogen hoch. Die ruhige, besänftigende Sprache erlaubt keine Aufregung. Selbst als Nine den Ort verlässt, und ihr Verschwinden erst später bemerkt wird, droht das Paradies nicht auseinanderzubrechen.

Es sind solche kleinen, feinen Bücher, die einen Lesesommer erst zum echten Lesesommer machen. Wäre das Paradies ein Wochentag, dann ist „Kinder der Bucht“ ein Sonntagsbuch.

Kosmo

Wissenschaftliche Berichte sind in ihrer Natur nüchtern und sachlich verfasst. Sie wie einen Roman zu lesen, ist sehr mühsam, wenig ratsam und deswegen ab und an irgendwie auch enttäuschend. Und langatmig.

Chave hat so einen Bericht verfasst. Sie weiß, dass er durchaus Längen enthält. Das war ihr aber egal. Denn das, was sie zu berichten weiß (also in einem Bericht verfasst und nicht beabsichtigt als Roman zu veröffentlichen), ist derart verworren, seltsam und lässt sie hier und da in Weltenabdriften, die sie bisher nicht kannte. „Kosmo“, das Insekt auf dem Cover – das muss ein wissenschaftlicher Roman über … nee, nee, nee – so fangen wir gar nicht erst an.

Kosmo ist eine Stadt im Süden. Im Süden Griechenlands. Und Chave arbeitet für ein Institut (bzw. sie arbeitete, denn zu ihrem Bericht reicht sie zusätzlich auch noch ihre Kündigung ein). Ein Institut für enzyklopädische Erinnerungsuniversen. Sie sortiert menschliche Gedanken- und Gefühlshaushalte. Wow! Das muss man erstmal sacken lassen.

Nun hat sie einen besonders kniffligen Fall auf dem Tisch. Denn die Urheberin einer Audiodatei, ein Fitzelchen Leben, Erinnerung ist mit einem Mal nicht mehr auffindbar. Chave muss aber ihre Arbeit machen. Und … reist ins Jahr 2048. Nach … Kosmo. Wäre das auch geklärt. Es hat nichts mit Luftfahrt oder dergleichen zu tun und schon gar nichts mit Insekten. Oder doch?! „Kosmo“ ist also ein absurder (im besten Wortsinne) Science-fiction-Roman, der im Stile einer wissenschaftlichen Abhandlung geschrieben ist. Eine Mixtur, die einzigartig ist. Und die anfangs etwas schwerfällig nur den wahrhaft Interessierten anspricht. Denn zunächst muss die Szenerie, die Vorgehensweise dargestellt werden.

Sobald die eigentliche Reise – ins Jahr 2048 – beginnt, wird es aber schlagartig spannend. Nichts ist wie es scheint. Und wie auf einem schlechten (oder guten – je nachdem) Trip wird Chaves Welt gehörig durcheinander gewirbelt. Das muss man allerdings selbst erlesen. Nur so viel: Wer auf Monster oder ähnliche Gestalten hofft, braucht viel Phantasie, um sie zu erkennen. Es gibt sie. Aber nicht im eigentlichen Sinne wie in Abenteuerfilmen der Sechsziger- und Siebzigerjahre, in denen der muskelbepackte Held gegen übergroße Kreaturen kämpft.

Isabella Breier gelingt es spielerisch den Leser unnachgiebig in eine Welt zu ziehen, die bisher niemand erforscht hat. Traumwelten, utopische Szenarien, die auf einmal gar nicht mehr so utopisch klingen und das alles in einer Sprachvielfalt, die ihresgleichen sucht.

In deinem Schlaf

Seit Monaten kümmert sich Nia um ihre Tochter Gabi. Nach dem Erdbeben in Tiflis liegt die Kleine lethargisch in ihrem Bettchen und rührt sich nicht. Aufopferungsvoll spricht Nia jede freie Minute mit ihrer Tochter. Resignationssyndrom lautet  die Diagnose, im Georgischen Gehorsamssyndrom, was Nia regelmäßig zur Weißglut bringt, zumindest ihr aber ein Lächeln abringt. Denn mit Gehorsam hat die Lethargie nun gar nichts zu tun…

Die Ärzte sind ratlos. Dr. Aigner spricht Nia immer wieder mut zu und gibt ihr Hoffnung, dass die Forschung voranschreitet. Der Einzige, der helfen könnte, ist Demna. Demna, Nias Mann. Nias Mann, der nicht mehr an ihrer Seite ist. Der Mann mit den schwarzen Augen, in denen sie sich so gern verlor. Demna, der einst im Bürgerkrieg zwischen Georgien und Abchasien wie hunderttausende flüchten musste und wer weiß was alles erleiden musste. Das hat Nia ausgeblendet. Denn Demna ist der Mann, den sie liebte, der Vater ihrer Tochter. Doch Demna ist weg. Weit weg, oder auch nicht. Auf alle Fälle weg. Und sie will ihn auch nicht wieder sehen, geschweige denn zurückhaben. Sie hat inzwischen einen Hass gegen ihn entwickelt, der kaum umkehrbar scheint.

Nia ist aber auch Schauspielerin. Nicht einfach Castings und Pflege der Tochter unter einen Hut zu bringen. Doch hin und wieder klappt es doch. Dieses Mal hat sie die Chance mit einem namhaften Regisseur zu arbeiten. Die Casting-Chefin treibt sie an. Der Regisseur sieht in ihr etwas, was er unbedingt haben will. Nia soll eine Frau spielen, die im georgisch-abchasischen Krieg auf der Flucht ist. Ihr Mann geht ihr fremd. Das Casting gerät zum persönlichen Fanal. Nia vertieft sich in Windeseile in die Rolle der gehörnten Ehefrau. Die Rolle ist ihr sicher. Ein Segen! Ein Fluch?

Während der Dreharbeiten steigert sich Nia in die Rolle und erkennt das Drama, das Demna einst widerfahren ist. Sie beginnt zaghaft zu verstehen, wie Demna zu dem wurde, was er ist. Und: Warum er nach dem Erdbeben erneut die Flucht ergriff?

Die Wunden und Narben des Krieges, dem ethnische Säuberungen gegenüber den Georgiern folgten, sind bis heute sichtbar. Ekaterine Togonidze rührt unnachgiebig und mit viel Feingefühl in den Wunden der Opfer, ohne sie allein zu lassen. „In deinem Schlaf“ wühlt auf und er erinnert an einen blutigen Krieg, der mehr als dreißig Jahre zurückliegt und noch immer die Täter teils verschont. Die wahren Opfer haben kaum eine Stimme, ihr leises Wimmern wird durch diesen Roman hörbar.

Auf dem Hochseil

Da steht ein Mann … auf’m Seil! Und läuft und läuft und läuft… Eine Stange in der Hand, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Und das in schwindelerregender Höhe. Philippe Petit ist sein Name. Und er als kleiner schwarzer Punkt vor azurblauen Himmel ist ein ikonografisches Symbol. Man kann nur staunen über den Mut und das Geschick. Man selbst würde wahrscheinlich schon nach Zentimetern in die Tiefe stürzen. Ist Philippe Petit auch passiert. Lunge gequetscht, Knochen gebrochen. Abschürfungen ohne Ende. Doch liegen bleiben ist keine dauerhafte Lösung. Wieder aufstehen, weitermachen. The show must go on! Das ist Philippe Petit.

In diesem Buch erzählt er was ihn antreibt. Was ihn schon immer gekickt hat. Und man liebt es. Man liebt die Selbstverständlichkeit, mit der er von seinen waghalsigen Unternehmungen berichtet. Ja, er gibt sogar Tipps für zukünftige Generation von Hochseilartisten, denen – wie ihm – die Zirkuskuppel zu beengt ist.

Man kennt vielleicht nicht unbedingt seinen Namen, aber seine mutigen Aktionen in Paris, New York, Sydney sind immer noch eine Attraktion, eine Erinnerung, die nie verblassen wird.

Paul Auster musste man sicher nicht lange bitten ein Vorwort für dieses Buch zu verfassen. Er bereitet Philippe Petit den Weg für eine Lebenserinnerung, einen Mutratgeber und einen umfassenden Einblick in die weltumspannende Idee von Mut. Die knappen Kapitel sind Leitfaden zur Vorsicht, aber vor allem Mutmacher sich ein Herz zu fassen und eigenen Träumen nicht einfach nur hinterherzujagen, sondern sie Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen. Und das in jeder Lebenslage.

Hier bestimmen keine Zeitangaben den Bericht. Hier stehen Eindrücke, Emotionen und ebenso Ängste im Vordergrund wie eiserne Disziplin und Durchsetzungskraft. Hat man erst einmal das Vorwort (Paul Auster) aufgesogen, entkommt man dem Autor selbst nicht mehr. Allein schon die Hingabe zum Arbeitsgerät – so ein Seil ist nicht einfach nur ein Seil: Es muss fett- und ölfrei sein, das gut befestigt sein muss.

Philippe Petit verzichtet wohlwollend auf Aufmerksamkeit erhaschende Effekte. Er könnte episch breit davon erzählen wie er vor den Exekutiven davonrennt. Oder sich für sein Tun rechtfertigen. Nein, er entscheidet sich dafür seiner Leidenschaft einen Raum zu geben, der nicht weit Oben in den Wolken ist, sondern unten auf der Erde in den Händen des Lesers.

oh! Verona

Verona war noch nie einfach nur ein Geheimtipp. Mal Julia an die Brust fassen oder sich im antiken Theater ein grandioses Opernerlebnis gönnen, das ist Verona für die meisten. Doch das kann doch nicht alles sein?! Schließlich wollen die über vier Millionen Übernachtungsgäste bestens unterhalten werden.

Und vor allem verköstigt werden. Risotto kommt hier auf den Tisch. Meistens sogar mit Reis aus der direkten Umgebung. Und dann hat man die Qual der Wahl – dabei kann auch dieses Buch nicht helfen. Bei allem anderen ist „Oh! Verona“ die beste, wenn nicht sogar die einzige Wahl. Diese Qual ist dem Veronabesucher also schon einmal genommen.

Als Ausgangspunkt für die meisten Erkundungen bietet sich das antike Amphitheater an. Es liegt zentral und man immer jemanden fragen wie man dorthin kommt, falls man sich einmal im Straßengewirr verlaufen hat. Und das schon seit zweitausend Jahren! Siebenhundert Jahre ist es her, dass Dante Alighieri nach seiner Flucht aus Florenz hier Asyl fand. Und ihm begegnet man auf Schritt und Tritt. Ideal für ein Sammelspiel: Wie oft trifft man Alighieri während eines Spaziergangs in Verona? Kleiner Trick für alle, die gern schlaumeierisch sich einen Vorteil verschaffen wollen: Mal ins Portemonnaie schauen – Dante ist auf den italienischen Zwei-Euro-Münzen.

Überall in der Stadt findet man eingemauerte Löwenmäuler. Die Löwen sind Symbole der Republik Venedig, die hier lange Zeit die Geschicke der Stadt leitete. Wer will kann einen Denunziationszettel einwerfen. Früher konnte man – aber nur mit Unterschrift – so jemanden eines Vergehens bezichtigen ohne ihm gegenübertreten zu müssen. Anonyme Anzeigen wurden vernichtet – für alle Demokratieverteidiger von heute ein gefundenes Fressen…

Von nicht ganz so geheimen Tipps für Spartickets über Familiengrüfte bis hin zu verdammt alten Graffiti hat Autorin Maria Kampp eine Menge Verona-Safari-Tipps zusammengetragen, die Verona zu einem prall gefüllten Erlebnis machen. Ohne dabei die gehypten Hotpsots außeracht zu lassen. Auch hier weiß sie geneigten Besuchern Rat zu geben. Was aber an dieser Stelle geheimbleibt… psst.

Leere Gräber und Göttinen, architektonische Fundstücke und grandiose Aussichten – man muss ein bisschen suchen, um Veronas Schätze zu finden. Oder man wirft einen Blick in diesen exzellenten Reiseband. Auch für unterwegs bestens geeignet.

oh! Neapel

Ball, Clown, Pizza. So würde es in jeder anderen Stadt heißen. In Napoli ist es SSC Napoli, was Diego Armando Maradona bedeutet. In Napoli ist es Pulcinella. Und es ist auch und vor allem Margherita, die Mutter allen Fastfoods (was es anfangs nicht war). Also haben wir auf gelben Grund ein weißes „oh!“, ein schwarzes Neapel sowie D10S, Pulcinella e Pizza. Mehr muss man auch erstmal nicht über die Stadt wissen. Hand auf, Pizza drauf, fertig. Und um Himmelswillen nicht über Maradona oder die Leidenschaft zur SSC Napoli lächeln. Sonst kommt im günstigsten Fall Pulcinella und spielt Dir einen Streich.

Die Stadt am gleichnamigen Golf aber nur mit diesen drei Attributen abschließend zu beschreiben, wäre mindestens so frevelhaft. Denn hier wandelt man auf Jahrtausende altem Grund. Quartieri spagnoli. Selbst alteingesessene Italiener rollen mit den Augen, wenn man ihnen mitteilt, dass man hier nächtigen möchte. Alles halb so schlimm. Klar, man wird beäugt. Aber nach ein, zwei freundlichen „Buongiorno“ ist man bekannt und dass man keine Gefahr darstellt. Eintracht-Frankfurt-Fans sollten aber vielleicht draußen bleiben. Und schon gar nicht uniformiert den Maradona-Deovtionalien-Markt murale Maradona besuchen. Ein Fantastikum, das es nur hier, in Napoli geben kann.

Napoli ist ein Straßenwirrwarr und Gassenlabyrinth, das man zu nehmen wissen muss. Überall hängt die Wäsche quer über einem. Doch nicht überall gibt es für Touristenaugen auch was zu sehen. Irene Helmes hat hier gewohnt. Sie zieht es immer wieder hierher. Und immer wieder entdeckt sie sicher auch Neues. Napoli verändert sich sicher nicht so rasant wie Shanghai, doch der Wandel ist immer wieder sicht- und spürbar. Als Touri mit verunsichertem Gang tappt man gern mal in die eine oder andere Falle. Restaurants bieten sich hier dafür an. Aufmerksam Karte studieren, gern auch vermeintlich dumme Fragen stellen – das hilft schon fürs Erste.

Für den Rest sorgt dieses wirklich einzigartige Buch. Selbst den Soundtrack kann man sich per QR-Code runterladen und auf die Ohren geben. Dann hört man allerdings den Straßenlärm nicht mehr. Der gehört zu Napoli wie wilde Wendemanöver und zähe Touristenströme in der Gasse der Krippenmacher.

Wer Neapel zusätzlich zu Veilcheneisverzehr (wo sich schon die Sisi dem Genuss hingab) und dem Besuch des Teatro San Carlo in sich aufsaugen will, muss sich auch manchmal in die vermeintlichen Höllen der Stadt begeben. Wie man sich dort verhält, was man sehen muss und was man getrost umgehen kann (oder sollte) – dafür lohnt sich permanentes Blättern in diesem Reiseband.