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El Dorado Drive

Ist doch alles in bester Ordnung! Pams Sohn feiert seien Schulabschluss mit einer riesigen Party und einer nicht minder riesigeren Geldtorte. Der Filius ist sichtlich beeindruckt. Wenn er wüsste … wie es wirklich aussieht…

Grosse Point ist eine typische Kleinstadt nahe Detroit. Alle waren zusammen auf dem College, im selben Club, arbeiten gemeinsam in der gleichen Firma (Detroit = Motortown) – man kennt sich, beäugt sich. Der ganz normale Zwang sich mit kleinen Ausbrüchen von der Masse abzusetzen.

Und da sind sie nun Debra Bishop, Pam Bishop und Harper Bishop. Schwestern. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Und ihnen allen ist bei all der Unterschiedlichkeit gemeinsam: Ihre eigene heile Welt ist nicht in Ordnung. Und sie wird weiter bröckeln. Und wie! Das wissen sie aber noch nicht!

Denn Motown ist nur noch als Musiklabel ein Begriff, und selbst da bröckelt der Lack. Die einstige Autostadt Detroit verkommt, zerfällt – und mit ihr die Menschen. Pams Kinder kennen diese Phasen auch. Doch sie sind unbeschadet wieder rausgekommen. So wie ihr Sohn, der jetzt seinen Schulabschluss feiert. Seine kleine Schwester ist traurig. Bald wird er weg sein. Wer kümmert sich dann um sie? Wer hält sie davon ab wieder (!) abzudriften?

Debra und Pam sind tatenkräftiger als Harper, die Jüngste der Drei. Und vielleicht auch am leichtesten zu beeinflussen. Als die beiden Älteren aan Harper herantreten, um ihr eine Geschäftsidee zu unterbreiten, betreten sie fruchtbaren Boden. Endlich raus aus der Einöde. Endlich eine Befreiungsschlag, um dem stets präsenten Abgrund zu entrinnen – vielleicht sogar den american way leben. Und nicht nur träumen.

Für Harper ist es zunächst ein Traum. Denn sie hat die Welt von ganz unten gesehen, auf Augenhöhe. Ihre Verbindlichkeiten, um es mal ganz allgemein und nüchtern zu betrachten, kann sie nicht mehr bedienen. Sie sieht nur einen Ausweg: Flucht. Flucht vor denen, die ihr nicht vorhandenes Geld wollen. Flucht zur Familie – Debra und Pam. Sie staunt nicht schlecht. Während um sie herum alles den Bach runtergeht und einst stampfende Maschinen in rostige Industriedenkmäler diffundieren, stehen bei den beiden großen Schwestern die großen Autos nicht nur einfach so vor der Tür. Sie gehören den beiden! Fast schon hechelnd ist Harper extrem neugierig wie das geht. Zwei Worte: „The wheel“. Debra und Pam sind auf die Idee gekommen dem Ellenbogen-Kapitalismus der Nullerjahre in den USA Gemeinschaft und dollarige Träume entgegenzusetzen. Die traurige Wahrheit ist aber, dass noch nie einem Schneeballsystem dauerhaftes Glück beschieden war. Und so schlittern die drei Schwestern in eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes – die Parallelen zum Spielort Detroit sind offensichtlich.

Megan Abbott nimmt sich Zeit. Hektische Bewegungen lässt sie in dieser angespannten Situation aus dem Spiel. Alles passiert „wie ganz natürlich“ – es musste ja so kommen. Könnte man spotten. Doch Spott ist nicht angebracht. Hier sind drei Frauen, die allesamt auf die Nase gefallen sind. Die Wunden wollen einfach nicht heilen. Und um sie herum eine Welt, die das Leid mit Lug und Trug immer weiter – wenn auch nicht dauerhaft – nach hinten verschieben kann. Ein großes Stück von diesem Kuchen, das wollen sie. Leider ist der Tortenheber zu klein und ihre Kuchengabel nicht spitz genug.

Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

Dreharbeiten können auch richtig langweilig sein. Wenn nicht gerade gedreht wird, zupft man an den Hauptdarstellern herum, rückt alles wieder so her wie es vorher war, kontrolliert noch mal das Licht etc. Im Grunde genommen grottenlangweilig! Was macht man dann?! Herumsitzen, Text lernen, sich irgendwie ablenken. Oder man geht zum Seelenklempner. Ah, jetzt wird’s interessant! Schauspieler haben ja alle einen … Wunderbare Welt der Klischees.

Doch zu den Fakten. Es ist Juli 1956. Sir Laurence Oliver dreht einen Film in London. In manchen Filmdatenbanken wird er als Politdrama geführt. Für die Rolle der Tänzerin in „Der Prinz und die Tänzerin“ ist mit einer der berühmtesten – nein!, der berühmtesten – Schauspielerin dieser Zeit besetzt: Marilyn Monroe. MM mit mittlerweile drei M, denn sie ist seit Kurzem mit Arthur Miller verheiratet.

Während der drehfreien Zeit liegt sie auf der Couch. Und zwar bei keiner Geringeren als Anna Freud, der Tochter und mehr als Nachfolgerin ihres Vaters Sigmund. London ist seit knapp zwei Jahrzehnten ihre neue Heimat. Sie hat inzwischen die Praxis ihres berühmten Vaters in 20 Maresfield Gardens in Hampstead übernommen.

Da dachte man, dass man aus zahlreichen Büchern und unzähligen Reportagen und Dokumentationen die Monroe in- und auswendig kennt … und dann das! So ähnlich erging es Hektor Haarkötter (HH) als er in einer Radioreportage so ganz nebenbei erfuhr, dass MM bei der Freud auf der Couch lag. Und wahrscheinlich über Sex redete. Denn über die Gespräche liegt nicht nur der Mantel des vertraulichen Arzt-Patienten-Geheimnisses, sondern auch die Tatsache, dass es keinerlei Aufzeichnungen gibt. Was es jedoch gibt, sind Briefe und (Tage-)bücher. Und die sind – wenn man tiefgreifend sucht, voll mit Hinweisen zu den Sitzungen.

Wir haben es also mit einem halbbiographischen und halbfiktionalen Buch zu tun. Allen Unkenrufen zum Trotz, die nun meinen, dass das doch nicht werden kann, sei gesagt: Es ist geworden. Großartig geworden! Das Wort Gamechanger ist vielleicht zu hoch gegriffen, da die Fakten allesamt bekannt sind. Aber jetzt endlich zusammengeführt wurden.

Ja, Marilyn Monroe hatte Probleme. Und damit ist nicht ihr permanenter Drang zu spät zu kommen gemeint. Sie fühlte sich ihr Leben lang miss- zumindest falsch verstanden. Ihr Talent wurde nicht entsprechend gewürdigt. Fortlaufend wurde sie allein auf ihr Äußeres reduziert, was ja auch dank exzellenter chirurgischer Eingriffe sehr auffallend war. Konnte sie sich alles von der Seele reden? Wohl kaum! Denn es sind nur sieben Tage, die MM bei AF auf der Couch lag wie HH recherchiert hat. Auch über diesen Fakt – gab es Streit? – kann man nur spekulieren oder Schriften studieren.

Wer die Monroe für immer im Herzen trägt, für den ist dieses Buch eine Zwangsanschaffung. Wer sich als Cinematographen sieht, kommt einfach nicht an diesem Titel vorbei. Wer in der Psychoanalyse (Freudscher Prägung) mehr als nur den Drang zum Sex sieht und ein kleines Faible für Klatsch hat, wird hier ebenso vorzüglich bedient wie alles, die einfach nur ihren Horizont erweitern wollen. Ein aufsehenerregender Titel, der zwischen den Buchdeckeln hält, was außen versprochen wird.

Herbsterzählung

Nun könnte man meinen, dass der Spruch „Vom Regen in die Traufe kommen“ eher ins Reich der Floskeln gehört, die man von sich gibt, wenn einem endlose Diskussionen wenig ertragreich erscheinen. Dem Erzähler in diesem Buch wäre das wohl auch lieber.

Er pirscht durch die Höhne des italienischen Apennin. Er ist auf der Flucht vor den Besatzern. Hinter jedem Baum könnte ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet sein. Diskussionen gäbe es keine. Nur Blei. Einmal hätten sie ihn fast erwischt. Fast! Ein wenig Hoffnung schöpft er als er ein scheinbar verlassenes Haus entdeckt. Was heißt Haus?! Ein Anwesen. Mächtig, trutzig, ein wenig runtergekommen. Aber als Versteck fast ideal. Fast! Nach eingängiger Erkundungstour blickt er … in die Augen eines grimmigen Alten – wohl der Hausbesitzer – und in die Augen zweier mehr als willige Wachhunde. Mit Engelszungen redet er auf den Alten ein. Ein Lager für die Nacht erbittet er. Man gewährt ihm die Bitte.

Der nächste Morgen – die Nacht war erquicklich – soll ihm Gewissheit verschaffen, wo er sich befindet. Geographisch ist die Lage unklar. Doch der Geist ist ruhig. Er fühlt sich fast sicher. Fast.

Denn hier im Nirgendwo stimmt was nicht. Das Anwesen ist von jahrhundetealter Pracht. Verkommene Pracht – wenn er wüsste wie nah er an der Wahrheit ist mit seinen Eindrücken… Der Alte ist immer noch mürrisch. Ihn stört es, dass der fremde Eindringling überall herumstöbert. Und nicht aufhört Fragen zu stellen. In den Gesprächen schwant dem Flüchtigen, dass er in einem herrschaftlichen Haus sich eingenistet hat, und dass der Alte eine mehr als grundsolide Ausbildung genossen hat. Nur die hastig eingeworfenen Worte in einem unverständlichen Dialekt lassen die Neugier nicht verschwinden. Vor allem nach den weiteren Mitbewohnern. Die gibt es nach Auskunft des Alten aber nicht. Er lebe hier allein. Aber …  doch … er … habe … der Fremde ist verwirrt. Das war dich was. Ein Geräusch. Bei genauerem Hinsehen sind die Anzeichen für mehr als ein menschliches Leben im Haus nicht zu übersehen. Der Schein trügt nicht, doch die Erklärung haut den Erzähler aus den Schuhen…

Tommaso Landolfi inszeniert ein Horrorszenario, dass gänzlich ohne offensichtlichen Horror auskommt. Keine Monster, die speichelsabbernd und zähnefletschend auf menschliches Fleisch aus sind. Der Horror geschieht im Kopf. Wer einsam lebt, tut Sachen, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Jede Störung der Ruhe führt automatisch zur Katastrophe. Wie sich diese auswirkt … hat im diesen Fall nur der Autor in der Hand. So viel sei verraten: Er hat ein goldenes Händchen!

Mordsgedanken

Wie stolz waren wir doch als wir als Knirpse, dem Windelwechselwahnsinn endlich entronnen nach der Eins in logischer Reihenfolge die Zwei, die Drei etc. folgen lassen konnten. Zählen gehörte ab sofort zum Leben dazu. Das bedeutet aber auch, dass nach dem ersten Schritt zwangsweise ein zweiter zu folgen hat. „Endlich war sie weg.“ – Eins, zwei, drei, vier Worte, die unweigerlich weitere folgen lassen müssen. Jan hat sich getrennt. Endlich. Die Topfpflanze war nur ein Relikt aus alten Tagen. Öde Zeiten ins langweiligen WGs. Jetzt bewohnt er eine Maisonette-Wohnung in München. Allein. Die Kontaktliste im Handy ist nicht sonderlich ergiebig, wenn es darum geht eine ausgelassene sinnstiftende Party zu schmeißen. Doch sich weiterhin im Selbstmitleid zu suhlen, ist auch keine Lösung.

Um es kurz zu machen: Jan, Leopold, Hella und Sebastian treffen sich. Sie würden es nicht Party nennen. Dafür sind sie zu lebenserfahren, und Party ist was für Millennials oder gar die Gen Z (für die ist das ganze Laben eine andauernde Party). Man hat sich teils jahrelang nicht gesehen, geschweige denn mal miteinander telefoniert. Doch das Vertraute der Vergangenheit wischt über die Enttäuschung des jahrelangen Schweigens hinweg. Beginnende Altersmilde? Der Tisch ist gedeckt. Die Getränke sind kühl gestellt. Die Gäste kommen gleich. Ein perfektes Dinner wird es … vielleicht? … niemals? … oder doch?!

Es wird hitzig, modern, redselig, in Teilen philosophisch. Aber auch gehemmt. So wie bei einem Klassentreffen, bei dem die Beteiligten lieber unter sich in ihren angestammten Cliquen bleiben als dass sie jahrelang gepflegte Nichtbeachtung in warmherzige Neugier verwandeln. Man monologisiert – was immer nur denen auffällt, die selbst endlos immer wieder dasselbe schwafeln, nur eben mit anderen Worten (oder sind es nur Worthülsen ohne Inhalt?). Ja, die selbstgewählte Einsamkeit hatte schon was für sich. Jan ist hin- und hergerissen. Er weiß nicht, ob er sich mit den Essenseinladungen einen Gefallen getan hat. Denn hinter den Fassaden der erzählten Leben, unter den Oberflächen des Scheins brodelt das Feuer der Emotionen. Es sind nicht die guten Gedanken, die da wie Pickel an die Oberfläche treten. Es sind Eiterbeulen des Hasses. Doch erinnern wir uns: Das Buch heißt „Mordgedanken“…

Schöne Melancholie

Sie sind die Feuerwehr, wenn’s brennt, aber der Rauch sich erst noch entwickeln wird: Arnaud Delagrave und Jean-Claude Bonneau. Sie sind Spezialisten für Fälle, für die es keine Spezialisten gibt. Kurzum: Wenn beispielsweise in einer Mine zwölf Menschen ums Leben kommen, darunter zehn Inuit, die Firma aber unbedingt expandieren will, die Umweltschützer und die autochthone Gemeinde wegen des Minenunglücks (und der Toten) aber schon mit den Hufen scharren, dann ist man gut beraten die beiden zu rufen. Troubleshooter, Werbefachleute – es gibt unzählige Titel für Männer wie sie.

Arnauds Ausstrahlung trifft auch Amélie wie ein Blitz. Fast halb so jung wie er haben die beiden eine leidenschaftliche Affäre. Er versucht sich immer wieder einzureden, dass es keine gute Idee ist sich auf die junge Anwältin einzulassen. Aber was will man – was will er – machen?! Anziehungskräfte unterliegen in seinem Fall anderen Gesetzen als denen der Vernunft.

Das Unglück ist nun mal passiert. Nicht das mit Amélie, das ist kein Unglück, sieht man von den Frotzeleien seines Kollegen ab. Nein, die Rede ist vom Mineneinsturz der Drago Polar Mine. Und ja, es sind auch Inuit darunter. Ein ganz heißes Eisen für jeden, der darin verwickelt ist. Für die Drago Polar Mine kann es der Dolchstoß sein. Denn Unterdrückung von Minderheiten war und ist in Kanada immer noch ein Thema – wer Michel Jean liest, wird so manches Mal mit staunenden Augen ein neues Licht auf das ach so erstrebenswerte Kanada fallen sehen. Die Medien stürzen sich erwartungsgemäß auf das Thema. Die kann man nur partiell steuern. Das wissen Arnaud und Jean-Claude. Unerwartete Hilfe bekommen sie von Ben. Einem altgedienten Polizisten, Inuk und somit selbst Teil der Ausgrenzung. Er gibt den beiden den Tipp Nancy zu suchen. Nancy ist irgendwo untergetaucht. In einem Milieu, in dem man in Klamotten wie sie Arnaud trägt unweigerlich und sofort auffällt. In der riesigen Metropole Montreal ist die Suche nicht einfach. Doch Arnaud ist schlau und gewieft. Er findet Nancy. Sie kann ihm tatsächlich helfen. Und das wirft Arnauds komplettes Weltbild um. Das, was sie zu erzählen hat, ist Sprengstoff für Wirtschaft und Politik. Für Arnaud ist es der Wendepunkt…

„Schöne Melancholie“ – der Titel führt den Leser erstmal auf eine falsche Fährte. Schön ist hier kaum etwas. Und melancholisch sind diejenigen, die längst aufgegeben haben und im Alkohol ihre letzte Zuflucht gefunden zu haben scheinen. Während des Lesens muss man sich warm anziehen und so manches Unglück ertragen. Das gehört zum Lesen dazu.

Der Paketzusteller

Nur mal so ganz theoretisch: Kennen Sie Trolle? Diese kleinen fiesen Mistzwerge, die im Netz so allem und jeden eine Meinung haben. Vorrangig aber belehren und sich in den Vordergrund zwängen wollen. Viele von ihnen wissen um ihre assoziale Umgangsform in den sozialen Medien. Und das stärkt sie in ihrem Drang anderen eine aufs digitale Maul zu geben. Sie haben ja schließlich die Diagnose assozial und somit die Legitimation diese auch auszuleben.

Gerhild Pfister – eine Name wie ein Kanonenschusssssss – ist so eine. Facebook ist ihr Revier. Ziemlich schlau. Und manipulierend. Rigoros. Abstoßend. Sie meint es nicht gut mit dem Leben der Anderen. Doch nun schlägt Karma zurück. Ab jetzt meint es das Leben mit ihr nicht mehr gut: Sie hat Krebs. Wie schon man doch in Bildern das Wort „hope“ in Szene setzen kann, mit Steinchen, sinnüberfrachteten Sprüchen, endlosen Horizonten – boah, schon bei der Vorstellung hofft man auf ein schnelles Ende, um nicht noch mehr von diesem bedeutungsschwangeren Unsinn ansehen muss!

Abermals schaltet sich Karma ein. Haydar ist Paketzusteller. Und irgendwie sind Gerhild und Haydar – tja, was sind sie? Ein Paar? Verrückt aufeinander? Einander zugeneigt? Das wissen sie selbst nicht. Erst als Haydar nicht mehr da ist, beginnt für Gerhild ein neues Leben. Nicht im Netz, sondern ganz analog! Ihn im Netz zu suchen, ist für Gerhild eine Fingerübung. Im echten Leben, da draußen, ist es eine fast unlösbare Aufgabe. Was hat eigentlich Haydars Chef mit der Sache zu tun? Er hat definitiv was damit zu tun! Hat er? Nee, das kann nicht sein?! Oder hat er doch … Haydar ums Leben gebracht. Wenn das so ist, dann – Gerhild wächst zum ersten Mal seit Jahren über sich hinaus. Wie ein Transformer wird aus dem followerstarken Miesepeter eine gigantische Rachemaschine, die … letztendlich …

Der Showdown in diesem Buch ist eine Granate! Eine, die sofort explodiert und ein riesiges Trümmerfeld hinterlässt. Hat man am Anfang des Buches kaum Sympathien für den gallespritzenden Troll Gerhild, so gönnt man ihr nicht nur ob der Diagnose doch ein kleines Stückchen Glück. Als dies vom Tisch kullert, und der böse Hund auch noch die letzten Reste zu verschlingen droht – Achtung Sprachbild! – muss man sich selbst an die Leine legen, um sich nicht selbst in den Rachefeldzug einzureihen.

Richard Schuberth verwebt auf angenehme Weise moderne Unarten mit einem Schicksal, das ganz klassisch immer noch jeden treffen kann zu einem Rachekrimi, der nicht viele seiner Art neben sich dulden muss.

Fremder Champagner

Wir sind misstrauisch, wenn wir beim Surfen im Netz aufgefordert werden etwas zu bestätigen oder gar persönliche Daten anzugeben. Da will jemand was von uns ohne, dass wir Einfluss darauf haben. Außer wir verweigern die Angaben. Dann können wir aber nicht mehr in die schöne heile Welt der schönen Bilder eintauchen. Ein beklemmendes Gefühl bleibt aber irgendwie zurück.

Wenn wir unseren Kassenzettel im Einkaufswagen achtlos zurücklassen, sind wir weniger zimperlich. Was soll schon passieren? Da weiß jemand, dass wir Butter und Wurst gekauft haben. Und ’ne Tiefkühlpizza und ein überteuertes Eis. Na und!

Ein Glücksfall für die Protagonistin der titelgebenden Geschichte. Sie ist Profi. Profi in dem Sinn, dass sie Kassenbons sammelt. Ja, sie sammelt (und sie ist keine Datenkrake!) Kassenbons. Und was macht sie damit? Sie taucht in eine Welt wein, die nicht die ihre ist. Heuet hat sie besonderes Glück. Da hat jemand Champagner gekauft. Nicht den billigen Fusel, der am nächsten Morgen die Synapsen malträtiert. Den Guten. Den richtig Guten. Auch sie war einkaufen. Das Nötige. Was man so braucht, um nicht mit knurrendem Magen das haus verlassen zu müssen oder am Abend nicht weniger mürrisch sich ins Federbett zu verkriechen. Sie kehrt noch einmal um. Kauft Champagner. Den gleichen wie der auf dem Kassenbon. Den Teuren. Den Guten. Zuhause wird dann gefeiert. Was wird gefeiert? Nichts Besonderes. Nur eben den Moment. Und sie taucht ein in ihre – ihrer Meinung nach – eigene Welt. Leicht dekadent. Mit der teuren Blubberbrause. Alles so bunt um sie herum. Nicht weil die Prozente ihr die Sinne vernebeln. Nein, sie stellt sich tief im Inneren vor wie der Kassenbonverlierer mit seinem teuren Champagner einen mindestens ebenso schönen Abend verbringt wie sie den ihren. Dank ihm! Ohne ihn, ohne den verlorenen Kassenbon wären es bloß wieder Schnittchen gewesen.

Dies ist nur eine von fünfzehn Geschichten von Martina Berscheid. Sie alle sind getragen von Sehnsüchten. Wenn das Familienfest wieder mal in Langeweile erstickt wird, sucht man sich eben einen Fluchtpunkt. Der verhindert vielleicht nicht die stickige Atmosphäre, macht sie aber für einen Moment erträglicher.

Die fünfzehn Geschichten regen die Phantasie an. Denn jeder kommt einmal in ähnliche Situationen, die unangenehm oder lähmend sind. Dann ergeht man sich in mehr oder weniger laut geäußerte Tiraden … und ändert nichts an der Wahrnehmung. Hier kommen Helden zu Wort, die ganz ohne Superkräfte an den Säulen der Wahrnehmung rütteln. Mal witzig, mal sonderlich, doch immer wahrhaft.

Das andere Leben meiner Mutter

Der Anruf, der jeden Sonntag pünktlich kommt, kommt dieses Mal nicht. Besorgniserregend. Anhaltende Zweifel. Doch dann der „erlösende“ Anruf. Mutter ist im Krankenhaus. So kurz und trocken, so nüchtern, so beklemmend fremd.

Der Erzählerin rutscht das Herz in die Hose. Und hüpft im gleichen Augenblick auch wieder hinauf. Denn zum Einen weiß sie endlich, was mit ihrer Mutter ist. Zum Anderen ist so ein Anruf niemals schön. Und es kommt noch … überraschender.

Denn Mutter hatte ein geheimes Doppelleben. Deswegen immer sonntags die Anrufe, zur gleichen Zeit. Da hat sich die Frau Mama Zeit freigeschaufelt, um ungestört mit ihrer Tochter telefonieren zu können. Auch diese Medaille hat zwei Seiten. Alles begann kurz nach dem Krieg. Die Mutter stammt aus gutem Haus, wie man so schöne sagt. Vertreibung, die Männer im Krieg bzw. in Gefangenschaft – die Familie musste sich durchschlagen. Oft egal wie. Onkelehen waren für einige die erste Wahl.

Wie in einem Rausch verfolgt die Erzählerin das andere Leben ihrer Mutter. Voller Neugier trifft sie die andere Familie. Die sind … na ja, die Anderen. Einige sind abstoßend, einige richtig nett und fürsorglich. So wie es nun mal ist, im richtigen Leben. Sie wieder sehen? Niemals! Mit ihnen vertraut sein? Im Leben nicht! Und trotzdem.

Karin Klemm braucht nur wenige Zeilen die Beklommenheit dieser überraschenden Erkenntnis darzustellen. Ausbrechen, Wut, Empathie oder doch bedingungsloses Verständnis? Der emotionale Vulkanausbruch und der damit verbundene Ascheregen aus Fremde und Vertrautheit vernebeln der Erzählerin nicht die Sicht. Ganz im Gegenteil: Der Kampf gegen die dichten Wolken öffnet so manche Schleuse.

Eine Aufforderung zum Kampf

Als Diktator lebt es sich relativ gemütlich, wenn man die Untergebenen im Griff hat. Das geschieht ausschließlich durch Gewalt. Die muss man sich teuer erkaufen. Denn die willfährigen Helfer fordern auch ihren Tribut.

Saintil ist so ein Diktator. In Haïti. Er hält das Dorf Bois-Neuf im Würgegriff. Eine Armee von Zombies verrichtet stoisch die Arbeit, die sonst keiner macht. Sie füllen die Wampen derer, die keinen Finger krümmen wollen. Selbst vor der Familie macht Saintil keinen Halt. Seine Tochter wird einmal alles erben. Doch nur, wenn sie sich nicht an einen Anderen bindet. Keusch und rein soll sie irgendwann einmal da Ruder in die Hand nehmen. Bis dahin ist sie die gute Fee im bösen Haus. Andernorts sind Diktatoren noch grausamer, zu ihrer Familie…

Doch auch die Zombies haben Gefühle. Gefühle, die sie wortreich und bildhaft nur untereinander teilen. Sie sind willenlose Geschöpfe, die nach Außen wie Maschinen funktionieren. Doch keine Macht der Welt kann ihre Gedanken komplett kontrollieren oder gar ausschalten. Das alles funktioniert nur so lange sie kein Salz in ihrem Essen haben. Das Salz in der Suppe – hier bekommt es einen habhaften Beweis seiner Existenz.

Die Jahre verfliegen, das Leben ist karg, hart, kaum lebenswert. Sultana ist die Tochter von Saintil. Mittlerweile ist sie zu einer jungen Frau herangewachsen. Einer Frau, die Gefühle hat, die Bedürfnisse in sich spürt. In Clodinis findet sie den Mann, ihr Gegenstück, ihre Liebe, die langsam erwacht. Clodinis ist allerdings ein Zombie. Ein Wesen, das zu funktionieren hat. Und es auch tut. Solange … ja, solange ihm das Salz entzogen bleibt. Es kommt wie es kommen muss…

Frankétienne lebte sein Leben lang auf Haïti. Auch während der Duvalier-Diktaturen, zuerst Papa Doc, dann Baby Doc – beide nahmen sich in Sachen Gewalt nicht viel. Sie brachen das Land und die Rückgrate der Menschen. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar und werden auch so schnell nicht verschwinden. Trotz seiner Schriften, die den Herrschern nicht gefallen konnten, lebte Frankétienne immer auf Haïti ohne sich groß verbiegen zu müssen. Seine Bücher sind Kulturgut und Hinterlassenschaften einer reichhaltigen Literaturszene. Er starb 2025 im hohen Alter von 88 Jahren.

„Aufforderung zum Kampf“ ist ein Gleichnis für den Aufstand gegen die Unterdrücker. Das Salz ist der Brocken Hoffnung, dem man den Geknechteten hingeworfen hat. Ihr Aufstand ist dank ihrer Masse Gutes beschieden. Doch die Macht der Wenigen, der Auserwählten, die geschickt ihr Tun verschleiern, ist nicht zu unterschätzen. Die poetische Sprache dieses an sich knallharten Buches ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Schnell liest man sich in eine Welt hinein, die so weit weg scheint und erstaunlich viele Parallelen zur doch so nahen Zukunft aufweist.

Durch Jugoslawien im roten Peugeot Band 1+2

In Artikeln und in Online-Lexika liest sich das alles so einfach. Anfang der 1990er Jahre lösten sich mehrere Länder von Jugoslawien und machten sich selbstständig, was zu kriegerischen Handlungen führte. Jugoslawien gibt es nicht mehr. Jetzt / von nun an gibt es Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Serbien. Allesamt willkommene Länder im Westen – außer Serbien. Die Serben hatten in Jugoslawien die Hoheit, die Oberhand, unterdrückten alles, was nicht serbisch war. Es ist alles so einfach, wenn man im Netz in wenigen Zeilen den brutalen Zerfall Jugoslawiens betrachtet. Dass das natürlich nicht so schwarz-weiß zu sehen ist, dürfte jedem klar sein, der auch nur einen Hauch Geschichtsinteresse in sich trägt.

Als fast schon alleiniger Verbrecher der Greueltaten – die es unbestritten unter serbischer Fahne gab – wurde die gesamte politische und militärische Riege Serbiens ausgemacht. Milosevic – ein Name wie Donnerhall, der sich vor dem Haager Tribunal verantworten musste und stumm den Anklagen lauschte – war die Symbolfigur der Anfeindungen.

Als der Literaturnobelpreisträger Peter Handke sich gegen die in seinen Augen einseitige negative Berichterstattung gegen Serbien stellte, sogar bei der Beerdigung Milosevics anwesend war, brach eine Hasswelle über ihn herein, die ihresgleichen sucht. Massen an Intellektuellen traten aus ihren Elfenbeintürmen heraus und sonnten sich im Angesicht der anfeindenden Sonne. Natürlich ist Peter Handke streitbar. Ob das alles Kalkül war oder ob er einfach nur ein zutiefst anarchistischer, nonkonformitischer Quertreiber ist, dieses Urteil obliegt ganz allein ihm selbst. Seine Wirkung nach Außen hat er nicht verfehlt.

Journalist und Herausgeber einer Jugoslawien-Peter-Handke-Reihe bei Suhrkamp Thomas Deichmann hat Peter Handke auf vielen Reisen nach Jugoslawien und den Nachfolgestaaten begleitet. Im ersten Band von „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“ sind seine Erinnerungen sowie veröffentlichte Texte Handkes zusammengefasst, der zweite Band ist der reich bebilderte Zusatzband.

Für die meisten ist der Krieg auf dem Balkan inzwischen weit weg. Die, die in Uniform daran teilnahmen – nicht vergessen: Die Bundeswehr war damals noch ein zahnloser Tiger im Vergleich zu anderen Armeen – erinnern sich vielmals fast schon nostalgisch an das Drama. Traumata auf deutscher Seite gab es kam bis gar nicht.

Man muss ich in Geduld üben, liest man die Erinnerungen und die Texte Handkes. Auch muss man sich so manches in Erinnerung rufen – und eigentlich gleich wider vergessen. Peter Handke ist streitbar. In Nebensätzen relativiert er viel schroffe Aussagen, um seinen wahren Gedanken Gehör zu verschaffen. Kriege sind nie einfach zu verstehen. Man muss sie nicht verstehen, man muss sie verurteilen. Doch leider sind die Rädelsführer verschlossene Gesellen, die ihre eigentlichen wahren Beweggründe nur selten offenlegen – Ausnahme sind vereinzelte Hetzer und Treiber der Gegenwart der Jahre 2025/26, die offen und verabscheuungswürdig ihre Gründe offenbaren. Der Jugoslawienkrieg war für viele ein Wirrwarr aus Splittergruppen verschiedener Ethnien. Das ließ sich leicht(er) in den Medien transportieren. Die richtige Einordnung des Ganzen gelingt niemandem. Auch nicht Peter Handke. Doch ein derartiges Kompendium seines Werkes während dieser Zeit in den Händen zu halten, ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung all das, was damals passierte ein wenig besser einordnen zu können. Ohne dabei das Zwischen-Den-Zeilen-Lesen zu vergessen.