Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Drei Frauen

Es ist wie der wahr gewordene Traum eines Politikers, der aus Alternativlosigkeit dem Volke ans Herz legt sich um sich selbst zu kümmern: Drei Frauen in einem Haus, die füreinander da sind – egal, was das Leben für sie parathält.

Doch so traumhaft ist die Konstellation dann doch nicht. Da ist zum Einen Gesuina. Ehemalige Schauspielerin, das Oberhaupt des Trios. Sie nimmt das Leben locker. Sie kann sich an der Schönheit des anderen Geschlechts ergötzen ohne zum äußersten zu gehen. Die Affäre mit dem jungen Bäcker ist quasi die logische Schlussfolgerung.

Zum Anderen ist da Maria. Übersetzerin, Literatur- und Kunstversessene. Sie verweigert sich ganz und gar der modernen Technik. Ein Handy kommt ihr nicht in den Alltag. Sie schreibt Briefe. An Francois. Ihrem Geliebten. Ihm klagt sie, ihm gesteht sie ihre Sehnsüchte. Maria ist die Tochter von Gesuina.

Und dann ist da noch Lori, Loredana. Tochter von Maria und somit Enkelin von Gesuina. Bald wird sie das Gymnasium beendet haben. Doch weiter reichen ihre Pläne nicht. Vielleicht mit Tulú. Doch da ist sie sich nicht ganz sicher. So wie sie überhaupt nicht sicher ist, was irgendwann mit ihr geschieht, was sie aus ihrem Leben machen kann und will.

Jede hat ihre Ansichten. Über das Leben, den Tag und die Anderen. Das Leben vergeht, die Tage verrinnen, die Anderen sind immer da. Langweilig wird’s bei ihnen nicht. Die Jüngste ist pikiert über das Verhalten der nonna, die Mittlere fühlt sich als Haushaltskraft missbraucht. Die Älteste beobachtet teils amüsiert das wilde und das trübe Treiben ihrer Mitbewohnerinnen, die nun aber auch ihre Familie sind.

Dann steht Francois auf der Matte. Wortwörtlich steht er auf dem Türvorleger und begehrt Einlass. Ein gutaussehender Mann. Das weiß Maria zu schätzen, den beiden Anderen bleibt dieser Fakt auch nicht unerkannt. Es ist kurz vor Weihnachten. Schon bald werden er und Maria zusammen in den Urlaub fahren. Es ist ja nur kurz, dass der Mann die drei Frauen aus ihrer Routine holt. Physisch gesehen stimmt das. Emotional ist er ein Tsunami. Und die Wellen werden hoch schlagen, werden so manches fest in der Erde gemauerte Dogma erschüttern und zum Einsturz bringen.

Dacia Maraini braucht keine Massen an Akteuren, um die Komplexität von Beziehungen darzustellen. Das Trio ist vollkommen ausreichend, um ein spannungsgeladenes Jahr zu präsentieren. Ein Jahr, das jeder der Drei in Erinnerung bleiben wird. Aus den unterschiedlichsten Gründen…

El Dorado Drive

Ist doch alles in bester Ordnung! Pams Sohn feiert seien Schulabschluss mit einer riesigen Party und einer nicht minder riesigeren Geldtorte. Der Filius ist sichtlich beeindruckt. Wenn er wüsste … wie es wirklich aussieht…

Grosse Point ist eine typische Kleinstadt nahe Detroit. Alle waren zusammen auf dem College, im selben Club, arbeiten gemeinsam in der gleichen Firma (Detroit = Motortown) – man kennt sich, beäugt sich. Der ganz normale Zwang sich mit kleinen Ausbrüchen von der Masse abzusetzen.

Und da sind sie nun Debra Bishop, Pam Bishop und Harper Bishop. Schwestern. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Und ihnen allen ist bei all der Unterschiedlichkeit gemeinsam: Ihre eigene heile Welt ist nicht in Ordnung. Und sie wird weiter bröckeln. Und wie! Das wissen sie aber noch nicht!

Denn Motown ist nur noch als Musiklabel ein Begriff, und selbst da bröckelt der Lack. Die einstige Autostadt Detroit verkommt, zerfällt – und mit ihr die Menschen. Pams Kinder kennen diese Phasen auch. Doch sie sind unbeschadet wieder rausgekommen. So wie ihr Sohn, der jetzt seinen Schulabschluss feiert. Seine kleine Schwester ist traurig. Bald wird er weg sein. Wer kümmert sich dann um sie? Wer hält sie davon ab wieder (!) abzudriften?

Debra und Pam sind tatenkräftiger als Harper, die Jüngste der Drei. Und vielleicht auch am leichtesten zu beeinflussen. Als die beiden Älteren aan Harper herantreten, um ihr eine Geschäftsidee zu unterbreiten, betreten sie fruchtbaren Boden. Endlich raus aus der Einöde. Endlich eine Befreiungsschlag, um dem stets präsenten Abgrund zu entrinnen – vielleicht sogar den american way leben. Und nicht nur träumen.

Für Harper ist es zunächst ein Traum. Denn sie hat die Welt von ganz unten gesehen, auf Augenhöhe. Ihre Verbindlichkeiten, um es mal ganz allgemein und nüchtern zu betrachten, kann sie nicht mehr bedienen. Sie sieht nur einen Ausweg: Flucht. Flucht vor denen, die ihr nicht vorhandenes Geld wollen. Flucht zur Familie – Debra und Pam. Sie staunt nicht schlecht. Während um sie herum alles den Bach runtergeht und einst stampfende Maschinen in rostige Industriedenkmäler diffundieren, stehen bei den beiden großen Schwestern die großen Autos nicht nur einfach so vor der Tür. Sie gehören den beiden! Fast schon hechelnd ist Harper extrem neugierig wie das geht. Zwei Worte: „The wheel“. Debra und Pam sind auf die Idee gekommen dem Ellenbogen-Kapitalismus der Nullerjahre in den USA Gemeinschaft und dollarige Träume entgegenzusetzen. Die traurige Wahrheit ist aber, dass noch nie einem Schneeballsystem dauerhaftes Glück beschieden war. Und so schlittern die drei Schwestern in eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes – die Parallelen zum Spielort Detroit sind offensichtlich.

Megan Abbott nimmt sich Zeit. Hektische Bewegungen lässt sie in dieser angespannten Situation aus dem Spiel. Alles passiert „wie ganz natürlich“ – es musste ja so kommen. Könnte man spotten. Doch Spott ist nicht angebracht. Hier sind drei Frauen, die allesamt auf die Nase gefallen sind. Die Wunden wollen einfach nicht heilen. Und um sie herum eine Welt, die das Leid mit Lug und Trug immer weiter – wenn auch nicht dauerhaft – nach hinten verschieben kann. Ein großes Stück von diesem Kuchen, das wollen sie. Leider ist der Tortenheber zu klein und ihre Kuchengabel nicht spitz genug.

Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

Dreharbeiten können auch richtig langweilig sein. Wenn nicht gerade gedreht wird, zupft man an den Hauptdarstellern herum, rückt alles wieder so her wie es vorher war, kontrolliert noch mal das Licht etc. Im Grunde genommen grottenlangweilig! Was macht man dann?! Herumsitzen, Text lernen, sich irgendwie ablenken. Oder man geht zum Seelenklempner. Ah, jetzt wird’s interessant! Schauspieler haben ja alle einen … Wunderbare Welt der Klischees.

Doch zu den Fakten. Es ist Juli 1956. Sir Laurence Oliver dreht einen Film in London. In manchen Filmdatenbanken wird er als Politdrama geführt. Für die Rolle der Tänzerin in „Der Prinz und die Tänzerin“ ist mit einer der berühmtesten – nein!, der berühmtesten – Schauspielerin dieser Zeit besetzt: Marilyn Monroe. MM mit mittlerweile drei M, denn sie ist seit Kurzem mit Arthur Miller verheiratet.

Während der drehfreien Zeit liegt sie auf der Couch. Und zwar bei keiner Geringeren als Anna Freud, der Tochter und mehr als Nachfolgerin ihres Vaters Sigmund. London ist seit knapp zwei Jahrzehnten ihre neue Heimat. Sie hat inzwischen die Praxis ihres berühmten Vaters in 20 Maresfield Gardens in Hampstead übernommen.

Da dachte man, dass man aus zahlreichen Büchern und unzähligen Reportagen und Dokumentationen die Monroe in- und auswendig kennt … und dann das! So ähnlich erging es Hektor Haarkötter (HH) als er in einer Radioreportage so ganz nebenbei erfuhr, dass MM bei der Freud auf der Couch lag. Und wahrscheinlich über Sex redete. Denn über die Gespräche liegt nicht nur der Mantel des vertraulichen Arzt-Patienten-Geheimnisses, sondern auch die Tatsache, dass es keinerlei Aufzeichnungen gibt. Was es jedoch gibt, sind Briefe und (Tage-)bücher. Und die sind – wenn man tiefgreifend sucht, voll mit Hinweisen zu den Sitzungen.

Wir haben es also mit einem halbbiographischen und halbfiktionalen Buch zu tun. Allen Unkenrufen zum Trotz, die nun meinen, dass das doch nicht werden kann, sei gesagt: Es ist geworden. Großartig geworden! Das Wort Gamechanger ist vielleicht zu hoch gegriffen, da die Fakten allesamt bekannt sind. Aber jetzt endlich zusammengeführt wurden.

Ja, Marilyn Monroe hatte Probleme. Und damit ist nicht ihr permanenter Drang zu spät zu kommen gemeint. Sie fühlte sich ihr Leben lang miss- zumindest falsch verstanden. Ihr Talent wurde nicht entsprechend gewürdigt. Fortlaufend wurde sie allein auf ihr Äußeres reduziert, was ja auch dank exzellenter chirurgischer Eingriffe sehr auffallend war. Konnte sie sich alles von der Seele reden? Wohl kaum! Denn es sind nur sieben Tage, die MM bei AF auf der Couch lag wie HH recherchiert hat. Auch über diesen Fakt – gab es Streit? – kann man nur spekulieren oder Schriften studieren.

Wer die Monroe für immer im Herzen trägt, für den ist dieses Buch eine Zwangsanschaffung. Wer sich als Cinematographen sieht, kommt einfach nicht an diesem Titel vorbei. Wer in der Psychoanalyse (Freudscher Prägung) mehr als nur den Drang zum Sex sieht und ein kleines Faible für Klatsch hat, wird hier ebenso vorzüglich bedient wie alles, die einfach nur ihren Horizont erweitern wollen. Ein aufsehenerregender Titel, der zwischen den Buchdeckeln hält, was außen versprochen wird.

Herbsterzählung

Nun könnte man meinen, dass der Spruch „Vom Regen in die Traufe kommen“ eher ins Reich der Floskeln gehört, die man von sich gibt, wenn einem endlose Diskussionen wenig ertragreich erscheinen. Dem Erzähler in diesem Buch wäre das wohl auch lieber.

Er pirscht durch die Höhne des italienischen Apennin. Er ist auf der Flucht vor den Besatzern. Hinter jedem Baum könnte ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet sein. Diskussionen gäbe es keine. Nur Blei. Einmal hätten sie ihn fast erwischt. Fast! Ein wenig Hoffnung schöpft er als er ein scheinbar verlassenes Haus entdeckt. Was heißt Haus?! Ein Anwesen. Mächtig, trutzig, ein wenig runtergekommen. Aber als Versteck fast ideal. Fast! Nach eingängiger Erkundungstour blickt er … in die Augen eines grimmigen Alten – wohl der Hausbesitzer – und in die Augen zweier mehr als willige Wachhunde. Mit Engelszungen redet er auf den Alten ein. Ein Lager für die Nacht erbittet er. Man gewährt ihm die Bitte.

Der nächste Morgen – die Nacht war erquicklich – soll ihm Gewissheit verschaffen, wo er sich befindet. Geographisch ist die Lage unklar. Doch der Geist ist ruhig. Er fühlt sich fast sicher. Fast.

Denn hier im Nirgendwo stimmt was nicht. Das Anwesen ist von jahrhundetealter Pracht. Verkommene Pracht – wenn er wüsste wie nah er an der Wahrheit ist mit seinen Eindrücken… Der Alte ist immer noch mürrisch. Ihn stört es, dass der fremde Eindringling überall herumstöbert. Und nicht aufhört Fragen zu stellen. In den Gesprächen schwant dem Flüchtigen, dass er in einem herrschaftlichen Haus sich eingenistet hat, und dass der Alte eine mehr als grundsolide Ausbildung genossen hat. Nur die hastig eingeworfenen Worte in einem unverständlichen Dialekt lassen die Neugier nicht verschwinden. Vor allem nach den weiteren Mitbewohnern. Die gibt es nach Auskunft des Alten aber nicht. Er lebe hier allein. Aber …  doch … er … habe … der Fremde ist verwirrt. Das war dich was. Ein Geräusch. Bei genauerem Hinsehen sind die Anzeichen für mehr als ein menschliches Leben im Haus nicht zu übersehen. Der Schein trügt nicht, doch die Erklärung haut den Erzähler aus den Schuhen…

Tommaso Landolfi inszeniert ein Horrorszenario, dass gänzlich ohne offensichtlichen Horror auskommt. Keine Monster, die speichelsabbernd und zähnefletschend auf menschliches Fleisch aus sind. Der Horror geschieht im Kopf. Wer einsam lebt, tut Sachen, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Jede Störung der Ruhe führt automatisch zur Katastrophe. Wie sich diese auswirkt … hat im diesen Fall nur der Autor in der Hand. So viel sei verraten: Er hat ein goldenes Händchen!

Die Frau im Zug

Geschichten, die im Zug spielen, haben in Deutschland immer einen gewissen Beigeschmack. Es ist Volkssport sich über die Bahnunternehmen aufzuregen. Meist zurecht. Aber auch immer mit einem gewissen Spott im Hintergrund. In diesem Buch ist es aber gaaaaanz anders. Ja, die Geschichte ist vielen bekannt. „Eine Dame verschwindet“ von Alfred Hitchcock hat seit Jahrzehnten die Massen begeistert. Das hier, dieses Buch, ist die Grundlage des Films.

Iris Carr ist eine zarte junge Dame. Sie gehört zu einer Clique von Menschen, die sie akzeptieren, sie allerdings auch nicht sonderlich ernst nehmen. Iris übernimmt gern die Meinung anderer, ohne dabei lustlos oder uninteressiert zu sein. Sie hat Haltung, doch kehrt sie sie nicht effektvoll heraus. Die Horde, wie sie ihren Freundeskreis nennt – allesamt Engländer aus mehr oder weniger gutem Haus, jedoch mit genug Pfund in der Tasche – macht Urlaub in Italien. Ausgelassene Stimmung bis Olga Iris bezichtigt ihr den Mann streitig zu machen. Wohl mehr Geplänkel als ernstgemeinter verdacht. Iris gehört eben doch nicht richtig zur Horde dazu… Die Horde zieht weiter, Iris genießt noch ein wenig die Sommerfrische. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nannte man das noch so.

Triest soll ihr nächstes Ziel sein. Im Zug macht sie die Bekanntschaft einer Dame. Ebenfalls Engländerin – die beiden verstehen sich nicht nur wegen der nicht vorhandenen Sprachbarriere blendend. Die Aufregung der vergangenen Tage und überhaupt … lassen Iris in ein Nickerchen versinken. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nach dem Aufwachen die nette Dame nicht verschwunden wäre. Iris sucht sie, findet ihre ehemalige Arbeitgeberin. Und jetzt kommt der Hammer! Auch die weiß nichts von der netten Dame, mit der sich Iris so angeregt unterhalten hatte. Niemand hat die Frau im Zug gesehen. Iris zweifelt an ihrem Verstand. Sie hat doch … stundenlang … angeregt … sie ist doch nicht … verrückt. Was’n hier los?!

Ethel Lina White beschreibt die Metamorphose einer sorglosen jungen Frau zu einer unerbitterlichen Suchenden mit viel Empathie und Wortwitz, dem man sich nicht entziehen kann. Für diejenigen, die den Film kennen – und das dürften nicht wenige sein – ergibt sich die Spannung aus der Neugier inwieweit Film und Buch auseinanderliegen. Wer den Film noch nicht kennt, und als Neuling ins …-Genre gilt, der wird hier gleich mit einem Meisterwerk konfrontiert. Hier wird Spannung aufgebaut, ohne groß Ankündigungsfahnen zu schwenken. Alles passiert als ob es das Natürlichste von der Welt sei. Und das ist die große Kunst die Ethel Lina White mit Bravour beherrscht.

Der Stern Wermut

Das alles war einmal. Die Sensation Bar hatte eine Sensation: La Niña Estrellita, jetzt „nur“ noch Églantine. Sie war der Star. Wegen ihr kam man hier her. Die hatte viele Verehrer. Das alles war einmal. In Haïti konnte sie gut leben. Doch das war einmal. In ihrer Unterkunft, es ist eine kleine Pension, all inclusive, mit rührender Herbergsmutter, kernt sie eine Frau kennen. Sie ist Geschäftsfrau. Sie hat sich etwas aufgebaut. Das will Églantine auch. Sich etwas aufbauen. Etwas mit bestand, wovon man auch noch im Alter profitieren oder zumindest leben kann ohne Angst zu haben, dass morgen alles vorbei ist.

Salz ist momentan das Gut der Stunde. Der Preis steigt steig. Die Speditionen scheuen das Risiko Salz zu transportieren. Wenn man also selbst das Salz abholt und es transportiert, steigt der Gewinn. Églantnie hat nichts zu verlieren, sieht keinen Grund zu zögern – das ist es, was sie suchte!

Ein Schiff mit erfahrender Mannschaft soll sie dem salzigen Glück näher bringen. Die See ist ruhig. Alles verläuft so wie sie es sich erhofft hat. Das sanfte Schaukeln des Schiffs wirkt beruhigend. Das ändert sich als allmählich Unruhe an Deck aufkommt. Der Horizont färbt sich rot. Was einst noch unentdeckt unter Oberfläche waberte, droht nun mit gigantischer Wucht über sie hineinzubrechen…

Das fragmentarische Weiterführen der Geschichte „Die Mulattin“ von Jacques Stéphen Alexis lässt den Leser in Erstaunen geraten. Er war der Meister des wunderbaren Realismus Haïtis. Diese Fragmente wurden vor wenigen Jahren erstmals veröffentlicht und nun erstmals auf Deutsch. „Der Stern Wermut“ ist prall gefüllt mit Sprachbildern, die in ihrer Intensität keine zwei Meinungen zulassen. Die einleitenden Worte von Rike Bolte führen den Leser in eine Welt ein, die zwar geographisch fern zu sein schient. In ihrer Vielfalt jedoch einem gar nicht mehr so fremd vorkommt.

Mordsgedanken

Wie stolz waren wir doch als wir als Knirpse, dem Windelwechselwahnsinn endlich entronnen nach der Eins in logischer Reihenfolge die Zwei, die Drei etc. folgen lassen konnten. Zählen gehörte ab sofort zum Leben dazu. Das bedeutet aber auch, dass nach dem ersten Schritt zwangsweise ein zweiter zu folgen hat. „Endlich war sie weg.“ – Eins, zwei, drei, vier Worte, die unweigerlich weitere folgen lassen müssen. Jan hat sich getrennt. Endlich. Die Topfpflanze war nur ein Relikt aus alten Tagen. Öde Zeiten ins langweiligen WGs. Jetzt bewohnt er eine Maisonette-Wohnung in München. Allein. Die Kontaktliste im Handy ist nicht sonderlich ergiebig, wenn es darum geht eine ausgelassene sinnstiftende Party zu schmeißen. Doch sich weiterhin im Selbstmitleid zu suhlen, ist auch keine Lösung.

Um es kurz zu machen: Jan, Leopold, Hella und Sebastian treffen sich. Sie würden es nicht Party nennen. Dafür sind sie zu lebenserfahren, und Party ist was für Millennials oder gar die Gen Z (für die ist das ganze Laben eine andauernde Party). Man hat sich teils jahrelang nicht gesehen, geschweige denn mal miteinander telefoniert. Doch das Vertraute der Vergangenheit wischt über die Enttäuschung des jahrelangen Schweigens hinweg. Beginnende Altersmilde? Der Tisch ist gedeckt. Die Getränke sind kühl gestellt. Die Gäste kommen gleich. Ein perfektes Dinner wird es … vielleicht? … niemals? … oder doch?!

Es wird hitzig, modern, redselig, in Teilen philosophisch. Aber auch gehemmt. So wie bei einem Klassentreffen, bei dem die Beteiligten lieber unter sich in ihren angestammten Cliquen bleiben als dass sie jahrelang gepflegte Nichtbeachtung in warmherzige Neugier verwandeln. Man monologisiert – was immer nur denen auffällt, die selbst endlos immer wieder dasselbe schwafeln, nur eben mit anderen Worten (oder sind es nur Worthülsen ohne Inhalt?). Ja, die selbstgewählte Einsamkeit hatte schon was für sich. Jan ist hin- und hergerissen. Er weiß nicht, ob er sich mit den Essenseinladungen einen Gefallen getan hat. Denn hinter den Fassaden der erzählten Leben, unter den Oberflächen des Scheins brodelt das Feuer der Emotionen. Es sind nicht die guten Gedanken, die da wie Pickel an die Oberfläche treten. Es sind Eiterbeulen des Hasses. Doch erinnern wir uns: Das Buch heißt „Mordgedanken“…

Schöne Melancholie

Sie sind die Feuerwehr, wenn’s brennt, aber der Rauch sich erst noch entwickeln wird: Arnaud Delagrave und Jean-Claude Bonneau. Sie sind Spezialisten für Fälle, für die es keine Spezialisten gibt. Kurzum: Wenn beispielsweise in einer Mine zwölf Menschen ums Leben kommen, darunter zehn Inuit, die Firma aber unbedingt expandieren will, die Umweltschützer und die autochthone Gemeinde wegen des Minenunglücks (und der Toten) aber schon mit den Hufen scharren, dann ist man gut beraten die beiden zu rufen. Troubleshooter, Werbefachleute – es gibt unzählige Titel für Männer wie sie.

Arnauds Ausstrahlung trifft auch Amélie wie ein Blitz. Fast halb so jung wie er haben die beiden eine leidenschaftliche Affäre. Er versucht sich immer wieder einzureden, dass es keine gute Idee ist sich auf die junge Anwältin einzulassen. Aber was will man – was will er – machen?! Anziehungskräfte unterliegen in seinem Fall anderen Gesetzen als denen der Vernunft.

Das Unglück ist nun mal passiert. Nicht das mit Amélie, das ist kein Unglück, sieht man von den Frotzeleien seines Kollegen ab. Nein, die Rede ist vom Mineneinsturz der Drago Polar Mine. Und ja, es sind auch Inuit darunter. Ein ganz heißes Eisen für jeden, der darin verwickelt ist. Für die Drago Polar Mine kann es der Dolchstoß sein. Denn Unterdrückung von Minderheiten war und ist in Kanada immer noch ein Thema – wer Michel Jean liest, wird so manches Mal mit staunenden Augen ein neues Licht auf das ach so erstrebenswerte Kanada fallen sehen. Die Medien stürzen sich erwartungsgemäß auf das Thema. Die kann man nur partiell steuern. Das wissen Arnaud und Jean-Claude. Unerwartete Hilfe bekommen sie von Ben. Einem altgedienten Polizisten, Inuk und somit selbst Teil der Ausgrenzung. Er gibt den beiden den Tipp Nancy zu suchen. Nancy ist irgendwo untergetaucht. In einem Milieu, in dem man in Klamotten wie sie Arnaud trägt unweigerlich und sofort auffällt. In der riesigen Metropole Montreal ist die Suche nicht einfach. Doch Arnaud ist schlau und gewieft. Er findet Nancy. Sie kann ihm tatsächlich helfen. Und das wirft Arnauds komplettes Weltbild um. Das, was sie zu erzählen hat, ist Sprengstoff für Wirtschaft und Politik. Für Arnaud ist es der Wendepunkt…

„Schöne Melancholie“ – der Titel führt den Leser erstmal auf eine falsche Fährte. Schön ist hier kaum etwas. Und melancholisch sind diejenigen, die längst aufgegeben haben und im Alkohol ihre letzte Zuflucht gefunden zu haben scheinen. Während des Lesens muss man sich warm anziehen und so manches Unglück ertragen. Das gehört zum Lesen dazu.

Der Paketzusteller

Nur mal so ganz theoretisch: Kennen Sie Trolle? Diese kleinen fiesen Mistzwerge, die im Netz so allem und jeden eine Meinung haben. Vorrangig aber belehren und sich in den Vordergrund zwängen wollen. Viele von ihnen wissen um ihre assoziale Umgangsform in den sozialen Medien. Und das stärkt sie in ihrem Drang anderen eine aufs digitale Maul zu geben. Sie haben ja schließlich die Diagnose assozial und somit die Legitimation diese auch auszuleben.

Gerhild Pfister – eine Name wie ein Kanonenschusssssss – ist so eine. Facebook ist ihr Revier. Ziemlich schlau. Und manipulierend. Rigoros. Abstoßend. Sie meint es nicht gut mit dem Leben der Anderen. Doch nun schlägt Karma zurück. Ab jetzt meint es das Leben mit ihr nicht mehr gut: Sie hat Krebs. Wie schon man doch in Bildern das Wort „hope“ in Szene setzen kann, mit Steinchen, sinnüberfrachteten Sprüchen, endlosen Horizonten – boah, schon bei der Vorstellung hofft man auf ein schnelles Ende, um nicht noch mehr von diesem bedeutungsschwangeren Unsinn ansehen muss!

Abermals schaltet sich Karma ein. Haydar ist Paketzusteller. Und irgendwie sind Gerhild und Haydar – tja, was sind sie? Ein Paar? Verrückt aufeinander? Einander zugeneigt? Das wissen sie selbst nicht. Erst als Haydar nicht mehr da ist, beginnt für Gerhild ein neues Leben. Nicht im Netz, sondern ganz analog! Ihn im Netz zu suchen, ist für Gerhild eine Fingerübung. Im echten Leben, da draußen, ist es eine fast unlösbare Aufgabe. Was hat eigentlich Haydars Chef mit der Sache zu tun? Er hat definitiv was damit zu tun! Hat er? Nee, das kann nicht sein?! Oder hat er doch … Haydar ums Leben gebracht. Wenn das so ist, dann – Gerhild wächst zum ersten Mal seit Jahren über sich hinaus. Wie ein Transformer wird aus dem followerstarken Miesepeter eine gigantische Rachemaschine, die … letztendlich …

Der Showdown in diesem Buch ist eine Granate! Eine, die sofort explodiert und ein riesiges Trümmerfeld hinterlässt. Hat man am Anfang des Buches kaum Sympathien für den gallespritzenden Troll Gerhild, so gönnt man ihr nicht nur ob der Diagnose doch ein kleines Stückchen Glück. Als dies vom Tisch kullert, und der böse Hund auch noch die letzten Reste zu verschlingen droht – Achtung Sprachbild! – muss man sich selbst an die Leine legen, um sich nicht selbst in den Rachefeldzug einzureihen.

Richard Schuberth verwebt auf angenehme Weise moderne Unarten mit einem Schicksal, das ganz klassisch immer noch jeden treffen kann zu einem Rachekrimi, der nicht viele seiner Art neben sich dulden muss.

Whisky, Lords und Dudelsack

Wir schreiben das Jahr 1960. Frühjahr. Der Journalist Gregor von Rezzori bereist Schottland. Im Sommer / Herbst des gleichen Jahres wird er seine Eindrücke in fünf Radioreportagen den Hörern seines Senders (Norddeutscher Rundfunk) kurz vor dem Mittagessen näher bringen. Jeweils eine Dreiviertelstunde! Kurzer Abstecher in die Gegenwart: Man stelle sich vor, dass einer der unzähligen Podcaster eine Dreiviertelstunde lang über seine Reiseerlebnisse erzählt. „Wow, echt krasse Berge hier!“ . mehr würde doch bei den meisten nicht rauskommen.

Vor 66 Jahren konnte man davon ausgehen, dass man – Radio war, ist und bleibt Kino im Kopf – bleibende Eindrücke zurückblieben. Schottland war schon damals ganz gut besucht. Engländer, Amerikaner, Kanadier kamen, um ihre Wurzeln zu suchen. So mancher suchte anhand eines Tartanmusters vielleicht sogar seinen Clan. Den Zahn kann von Rezzori den meisten gleich ziehen. Denn die urtypischen Schottenkaros sind gar nicht so alt wie man landläufig vermutet. Sie kamen erst im victorianischen Zeitalter auf. Das ist ’ne Sensation! Und für viele eine herbe Ernüchterung.

Zusammen mit Jürgen Schüddekopf war er wochenlang in Schottland unterwegs. In einem Jaguar Mark IX. Komfortabel reisen war unerlässlich, um einem – damals schon – Sehnsuchtsland auf die Pelle zu rücken. Es blieb nicht dabei. Beide tauchten tief in die Geschichte des Landes ein. Auch dem Nationalinstrument, dem Dudelsack, entlockten die Töne, die für viele neu waren. Wie niederschmetternd muss es für viele Stammtischexperten gewesen sein zu hören, dass der Dudelsack wahrlich keine Erfindung der Schotten ist. Aber wenigstens der Whisky – der muss doch schottisch sein?! Isser. Das beruhigt das geschundene Herz.

In den Archiven des Radiosenders schlummerten seit Jahrzehnten die Manuskripte der Sendung. Ebenso die Sendebänder. Nun wurden sie herausgekramt und in diesem einzigartigen Buch veröffentlicht. Radio zum Nachlesen. Und mit Bildern! Das spart zwar nicht das Mitdenken beim Lesen, vermittelt aber ein abschließendes Bild dieser Reise, die man so nie wieder machen kann. Heute ist Schottland in der Hauptsaison übersät von Individualtouristen, die entgegen ihrer Natur alles plattwalzen, was ihnen vor die Wanderschuhe kommt. Andere ergießen sich Wunderworte, wenn sie echten schottischen Whisky probieren (und wieder ausspucken, weil man das halt so macht…). Pubfolklore inklusive.

In der Reihe „Europa erlesen“ nimmt dieses Buch nicht wegen des Formates einen besonderen Platz ein. Es ist der Mut ein Buch auf den Markt zu bringen, das aufgrund seiner nicht vorhandenen Aktualität einen ganz speziellen Leserkreis anspricht. Wer Schottland außerhalb von „nur“ grünen Wiesen und „nur“ alten Schlössern besuchen will, der braucht Einblicke in die Zeit als Sehnsüchte noch Jahre brauchten bis sie sich in Wirklichkeit verwandeln konnten.