Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Mordsferien

Schon mal in Rathole gewesen? Das liegt in Cornwall im Südwesten Englands. Ein idyllisches Städtchen, das sich dieses Attribut wahrlich verdient hat. Hier hat auch Joyce vor einigen Jahren Urlaub gemacht. Doch mit Idylle haben ihre Erinnerungen so rein gar nichts zu tun. Sie wollte malen. Die Landschaft in ihren Bildern einfangen. Eine Landschaft, die vor fünfhundert Jahren von den Spaniern mit Kanonen malträtiert wurde. Der Legende nach sind ab und an sogar noch ein paar Bluttropfen auf den Pflastersteinen sichtbar. Allerdings nur, wenn sich innerhalb der folgenden 24 Stunden ein Mord ereignet. Legende!

Joyce beobachtet ein Pärchen. Der Mann begegnet zufällig einer alten Freundin, er stellt sie seiner Frau vor. Im Handumdrehen verabreden sich die Drei zu einem Ausflug an den Strand. Das Paar fährt mit dem Auto, die Frau will lieber zu Fuß gehen. Der Tag vergeht, das Pärchen ist zurück, die Frau hängt die nassen Badesachen zum Trocknen auf den Balkon. Nur Carol, die alleinreisende Frau, ist nicht mehr da. Joyce erinnert sich, dass sie scheinbar ganz automatisch, ohne es zu bemerken, Bluttropfen ihrem Bild, das sie gerade zeichnete als das Paar die Carol traf, hinzufügte. Der Legende nach muss also nun – binnen 24 Stunden – ein Mord geschehen.

Im darauffolgenden Jahr reist Joyce wieder nach Rathole. Und wieder: ein Paar, sieht dem aus dem Vorjahr verdammt ähnlich und … wieder eine Carol. Anderer Name, aber gleicher Typ etc. Agatha Christie ist diese Geschichte, die gern auch ins reich der Mysterien verbannt werden könnte, eingefallen. Urlaub mit Agatha Christie – das endet für mindestens Einen immer mit dem … Ende. Nur wer ganz genau aufpasst, weiß wie die Bluttropfen aufs Pflaster kamen.

Das ist nur eine Geschichte aus diesem grandiosen Krimi-Urlaubsbuch. Dorothy L. Sayers’ Figuren versuchen das Rätsel vom Mann ohne Gesicht zu lösen. Arthur Conan Doyle lässt im Tal von Boscmobe einen geheimnisvollen Mord geschehen. Und mit Gilbert Keith (G.K.) Chesterton reist man ins Paradies der Diebe. Es gibt viele Krimisammlungen, die man mit in den Urlaub nimmt. Leichte Kost für leichte Tage. Kann man machen. Aber warum nicht mal die Creme de la Creme des Krimigenres in einem Buch abwechselnd das Blut des Lesers in Wallung bringen?! „Mordsferien“ ist der Garant für Gänsehaut, die bis zum Beginn der nächsten Geschichte anhält. Und wenn das Buch ausgelesen ist, ist im besten Fall auch der Urlaub zu Ende.

Wer an den schönsten Tages des Jahres nicht auf Spannung und angespannte Nerven, auf Gänsehaut und Kribbeln verzichten kann, der wird „Mordsferien“ jedem noch so romantischen Sonnenuntergang vorziehen. Da heißt es schneller lesen, denn auch Sonnenuntergänge können spannend sein…

Die letzte Fahrt des Admirals

Ist man ein echter Krimifan, hat man im Laufe der Zeit ein Gespür für Gutes und Schlechtes entwickelt. Und sich ein Bibliothek mit Büchern seiner Lieblingsautoren aufgebaut. Für einen Autor bedeutet solche treue Leserschaft garantierten Erfolg. Zumindest eine bestimmte Zeit. Denn immer nur routiniert ers(p)onnene Geschichten fallen dann irgendwann mal auf und später durchs Raster. Stilistische Raffinessen sind das Salz in der kriminellen Suppe des Autors. Gesättigte und zufriedene Leser am Tisch applaudieren heftig. So sieht das ideale Leben eines Krimiautors aus.

Dieses Buch – „Die letzte Fahrt des Admirals“ – ist dann sozusagen das letzte Abendmahl. Denn besser geht es nicht – auf dem Papier. Und das ist wortwörtlich zu nehmen!

Es begab sich vor fast einhundert Jahren, dass sich die Granden des Krimigenres – from England, of course – in geselliger Runde zum Diskurs trafen. Man prahlte mit neuen Geschichten (was natürlich, of course, niemand zugeben würde) und bat um Hilfe, wenn einem Abläufe, technische Gerätschaften, logische Fehler das Schreiben ordentlich verhagelten. Man nannte sich „Detection Club“. Ein Verein, wie man ihn als Erste in Deutschland verorten würde. Doch es war, ist und bleibt ein englischer Verein. Und irgendwann kam das, was kommen musste: Ein gemeinsamer Roman. Ein Krimi – was sonst? Eine Liebesgeschichte, Fantasy, Science fiction? Oh no, my dear, never!

Klare Regeln wurden aufgestellt. Jeder der Autoren – zwölf an der Zahl plus G.K. Chesterton als Prologschreiber – schreibt ein Kapitel. Keiner muss sich an die Vorgaben des Vorschreibers halten und darf keine plötzlichen Wendungen einbauen. Ebenso ist es verboten technische Hilfsmittel (No science fiction, please!) zu erwähnen. Die Ermittler müssen allein mit der Kraft der kleinen grauen Zellen den Fall lösen. Und jedes Kapitel muss zur Lösung eindeutig beitragen. Wie bekommt man also dieses fantastische Dutzend unter einen Hut, ohne dass sie sich dabei an die Gurgel gehen? Das wäre ja was. Ein Dutzend Krimiautoren will zusammen einen Krimi schreiben und zum Schluss ist nur noch Einer übrig. Too much Agatha Christie! So viel sei schon verraten: Es funktioniert. Und zwar auf höchstem Niveau. Die Lösungsansätze der einzelnen werden im Anschluss na die Geschichte aufgelistet. Wer also zu gern schon vor der ersten Seite am Ende des Buches schmult, den soll der Blitz treffen! Aber so richtig schlau wird er eh nicht werden. Es sind eben doch echte Profis am Werk, die die letzte Fahrt des Admirals bis ins kleinste Detail darauf ausrichten, dass es nicht doch noch eine allerletzte Fahrt geben wird…

Es gab schon einmal Zwölf, die sich um Einen scharten – ging nicht gut aus, für den Einen. Der Detection Club hat als Backup vorsorglich einen Dreizehnten eingeladen, um den Rahmen für den Mord – so viel kann man durchaus schon verraten, oder war es gar kein Mord? – vorzugeben. Im Fahrwasser dieses Prologes entwickelt sich eine Geschichte, die den Leser auf eine durchwachsene Reise schickt. Stilwechsel, Faktenüberfluss, Verknüpfungen, wo man keine erwartet. Ein echter Krimifan erkennt schon nach wenigen Zeilen, wer hier geistiger Vater oder geistige Mutter des jeweiligen Kapitels ist. Wer sich voll und ganz diesem Krimi hingibt, wird mit teuflischer Präzision ins Genre Krimi gestoßen und wird nie wieder etwas anderes lesen wollen.

Christus kam nur bis Eboli

Das geflügelte Wort „… dann kommst Du nach Sibirien“ ist heute kaum noch gebräuchlich unbekannt. Bedeutete es doch, dass, wenn man sich nicht anpasst eine Anpassungsmaßnahme dafür sorgt, dass man sich anpasst. So wollte es zumindest wirken. In Wahrheit war man nur aus der reichweite von weiteren subversiven Elementen gebracht worden, damit die Ordnung weiterhin aufrechterhalten werden kann.

Auch die Faschisten in Italien kannten diese Methode. Und Carlo Levi kannte sie auch. Er war Arzt und Schriftsteller. Und er stand der Regierung Mussolinis kritisch bis ablehnend gegenüber. Und entschloss man sich ihn in die Verbannung zu schicken. Nach Lukanien. In die Umgebung von Eboli. Lukanien ist der mittlerweile nicht mehr gebräuchliche Name für Basilicata. Ganz im Süden. Hügel und karge Landschaften sind hier nicht zur Zierde da, hier ist die Kargheit Gesetz. Ein Landstrich, der erst seit wenigen Jahren, seitdem das Städtchen Matera zur europäischen Kulturhauptstadt erkoren wurde und von nun an Massen in seinen Bann zieht.

Doch von all den Schönheiten, den Einzigartigkeiten, dem Augen verwöhnenden kann und will Levi nichts wahrnehmen. In Handschellen bringt man ihn hierher. Er ist schon eine lange Zeit weg aus Turin. Weg aus seinem Leben, das immer mehr ein Gegen war als eine Für. Deswegen ist er nun hier. Weit weg von allem, was auch nur annähernd an eine Zivilisation wie sie kannte, entfernt ist. Klagt er? Nein! Er beobachtet. Denn irgendwann wird der Spuk vorbei sein. Und er wird ein Buch schreiben. Ein Buch, das verfilmt wird. Ein Buch, das ihn berühmt macht. Ein Film, der Massen und Kritiker gleichsam in seinen Bann zieht. Doch bis dahin … Augen auf, Menschen nicht nur ansehen, sondern sehen. Sie nicht nur hören, sondern ihnen zuhören. Auch wenn der Dialekt oft nur Unverständliches zurücklässt.

Carlo Levi rechnet nicht mit denen ab, die sich fernab jeglicher Regularien in ihrem Dasein eingerichtet haben. Sie sagen selbst, sie seien keine Christen, keine Menschen. Denn irgendwo in der Gegend von Eboli hielt Christus inne. Und erstarrte. Unmöglich weiterzugehen. Eboli war Endstation. Hier leben nur die, die sich dessen bewusst sind und sich ergeben haben. Ergeben in ihrem Schicksal niemals mehr zu sein als Wesen, die sich selbst nicht einmal als Menschen sehen. Doch ihre Gemeinschaft funktioniert. Das wird Levi erkennen.

Er ist der stille Beobachter, der sich im Hintergrund hält und ihnen mit seinen Zeilen eine Stimme gibt. Schicksale sind hier keine Paukenschläge, sie geben den Takt des Lebens vor und trommeln weiter bis der Wind die letzten Schallwellen schluckt. Ist die letzte Seite umgeblättert, ist die letzte Seite gelesen, merkt man, dass man jedes Schicksal sehr wohl ertragen kann. Dank Carlo Levi. Und der frischen Neuübersetzung durch Martin Hallmannsecker.

Rosa Parks – Meine Geschichte

Man muss sich selber respektieren. Worte, die durchaus ihre Berechtigung haben, jedoch schnell im Sumpf der Küchenpsychologie verschwinden, wenn sie inflationär und zusätzlich auch noch im falschen Kontext benutzt werden. Und wenn dann am Küchentisch auch noch unpassende Matches zwanghaft gesucht werden, ist der Ofen aus.

In der Geschichte der USA waren und sind die echten Helden immer diejenigen gewesen, die sich selbst nicht ins Rampenlicht stellten, sondern mit ihrem Tun sich Respekt verdienten. Eine von ihnen ist Rosa Parks. Sie weigerte sich in den 50ern einfach (und hier ist dieses Wort mehr als angebracht) und mehrfach den Sitzplatz im öffentlichen Bus einem Weißen zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde sie bekannt. Doch wie immer in der Geschichte ist das nicht die ganze Wahrheit! Zum Einen war es damals so – das ist gerade mal 70 Jahre her!, nicht mal ein Wimpernschlag im Lauf der Zeit) – dass in Bussen strikte Rassentrennung herrschte. Und das, obwohl verfassungswidrig war! Hinten im Bus waren Reihen für Schwarze reserviert. Von für Weiße. In der Mitte könnten sich Weiße und Schwarze setzen. Wenn allerdings ein Weißer einen Platz in dieser Sektion beanspruchte, musste ein Schwarzer aufstehen und den Platz freimachen. Unvorstellbar! Wie gesagt, wir befinden uns in den 50er Jahren des so modernen 20. Jahrhunderts! Und genau dort saß Rosa Parks. Hinten war kein Platz mehr, vorn durfte sie eh nicht sitzen. Der Bus fuhr nicht weiter. Der Busfahrer wies sie an den Platz zu räumen, sie weigerte sich, die Polizei kam. Und jetzt kam es nicht zu dem berühmten Foto, das um die Welt ging. Das kam erst Jahre später zustande. Sie wurde verhaftet. Nicht zum ersten, und nicht zum letzten Mal. Aber sie wurde bekannt. Sie engagierte sich.

Sie selbst hätte sich niemals als Aktivistin bezeichnet. Sie hätte mehrere Gründe gehabt sich als Aktivistin zu bezeichnen, so oft wie sie gedemütigt wurde. Das Wort war damals nicht so in aller Munde wie heutzutage. Labels entwickelten sich damals noch im Laufe der Zeit. Sie war stets engagiert. Arbeitete für Organisationen und ihre Vertreter. Sie hielt Vorträge, war Ansprechpartner für alle, die ihren Rat suchten. Sich selbst ins Rampenlicht zu stellen, war ihr fremd. Das ist Selbstrespekt in ihrer reinsten Form.

Ihre Autobiographie rückt so manche Schieflage der vermeintlichen Erinnerungen wieder gerade. Mit Hingabe berichtet sie aus ihrem ereignisreichen Leben und zeigt wie sie ein Leben lebenswert machte in einer zeit, in der ein Leben vieler (Schwarzer) in einigen Staaten nur sehr wenig zählte. Wichtig ist es auch anzumerken, dass ihr eigener Sprachstil nicht einer zeitgemäßen Übersetzung zum Opfer fiel. Denn nur so entfaltet sich das komplette Ausmaß an Diskriminierung im land of the free. Man muss schon ordentlich schlucken, wenn man die Zeilen und Absätze liest und erkennt, wie beschränkt bis hasserfüllt Polemik und unkommentierte Vorurteile weitergegeben werden und zu welchen Ergebnissen dies (bis heute) führen kann.

Café Babylon

Das Europa-Center in Berlin, gleich neben dem Breitscheidplatz war bei seiner Eröffnung ein echter Hingucker. Massen strömten hinein und nur schwer wieder hinaus. Heute ist ein Blickversperrer, dessen Glanz selbst bei intensiver Reinigung kaum noch zum Vorschein kommt. Dass hier einmal ein Vulkan brodelte, ist nur noch wenigen bekannt. Es sei denn man besucht die Ausstellung zum Romanischen Café. Denn das Romanische Café war in den 20er Jahren DAS Café. The place to be. Hier schlürften Bertolt Brecht und Egon Erwin Kisch Kaffee (vielleicht nicht gemeinsam, vielleicht doch), Joachim Ringelnatz wurde zu so manchem Vers inspiriert, Else Lasker-Schüler kamen hier Ideen, die ihre Kunst entscheidend prägten, Bruno Cassirer machte hier sicherlich das eine oder andere Geschäft. Die Gästeliste liest sich nicht nur wie ein Who-Is-Who der Berliner Kunstszene, sie ist es!

Von Generation Z war damals noch nicht die Rede – Bohemians waren sie, wenn man ihnen ein Label verpassen wollte. Die oft knappen Apanagen und Tantiemen wurden hier in notwendige Zuführung von Entspannung umgesetzt. Man stritt, man diskutierte, man ersann, man quatschte einfach nur. Doch eben nicht irgendwer. Nicht irgendwelche Leute, die einfach nur mit minimalem Aufwand maximale seelische Befriedung suchten, sondern ihrer Kunst Antriebsfedern verliehen, sich mit Gleichgesinnten austauschten. Im Romanischen Café brodelte es nicht nur unter den marmornen Tischplatten. Besonders, wenn Leonhard Frank das Café betrat. Seine Eleganz regte zu allerlei Spott an.

Heute unvorstellbar. Auch, weil Bilder in Ausstellungen den Geist des Cafés nur bedingt wiedergeben können. Das Café wäre – würde noch existieren – heute ein anderes. Nicht nur wegen des Rauchverbotes. Man stelle sich vor, dass drinnen Stefan Zweig und Franz Werfel streiten, während draußen Brecht an seiner Zigarre zieht und Kisch sich mit Kippe im Mundwinkel den Hut zurechtrückt und nachdenkt, worüber drinnen gestritten wird.

Christian Buckard lässt die Goldene Zeit wieder aufleben. Im ständigen Kommen und Gehen der Gäste zeichnet er ein Bild von Berlin, das leider auch nicht mehr existiert (auf das Bild des zerbombten Cafés, in das man von außen bis in die erste Etage blicken konnte, wie Alfred Döblin bemerkte, kann man gern verzichten). Doch das ist keine Erscheinung der Gegenwart. Schon auf dem Höhepunkt der kreativen Auseinandersetzung bei Bier, Kaffee und Cognac bröckelte erst die Fassade, später blieben aus Angst die Gäste fern. Denn die Nazis übernahmen die Macht und die Angst machte sich breit. Gäste wurden willkürlich verprügelt. Mobiliar ging zu Bruch, nicht weil zwei Querköpfe sich in die Haare bekamen, sondern, weil Braunhemden um sich schlugen. Kisch ließ sich nur eine Zeitlang davon abhalten ins Café zu gehen. Das ist die traurige Seite der ansonsten bunten, fröhlichen Geschichte des Romanischen Cafés. Vielleicht gehört es zur Legendenbildung, dass nichts von Bestand zu sein hat. Eine traurige Erkenntnis! Doch wer sollte den Platz von Gottfried Benn und Walter Benjamin heute einnehmen? Influencer, die ihr leid klagen, dass sie schon Stunden nach dem Aufstehen, also am frühen Nachmittag ihrer Community Neuestes aus ihrem Leben zeigen müssen?! Dann lieber in Erinnerungen schwelgen, die guten Zeiten hochleben lassen und sich erinnern, das wahre Künstler auch nur ganz normale Menschen waren und sind.

Berliner Geschichte in Karten

Wollnashornkieferknochen – das verhilft beim Scrabble zum sicheren Sieg. Doch wie kommt man da hin? Achtung, jetzt muss man ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und mitdenken. Man fährt von berlin aus Richtung Spandau, an den Spektesee. In der alten Kiesgrube Parey – dort findet man den Weg ins unendliche Scrabble-Glück. Oder man erfährt wie man zu ältesten Bewohner Berlins gelangt. Genug der Wortspielchen. „Berliner Geschichte in Karten“ verspricht jedem Suchenden den richtigen Weg – ob nun zur Erkenntnis oder einem wichtigen Ort muss man für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer sich für Berliner Geschichte interessiert, hat ab sofort ein neues Lieblingsbuch! Das beginnt schon bei den Wappen der in Berlin durchaus zahlreich vorkommenden Adelsgeschlechter und endet noch lange nicht mit dem Vergleich der Stadtpläne rund um den Potsdamer Platz damals und heute. Denn was damals war, ist heute weg. Parallel führen hier nur noch die Fahrspuren in die umgrenzenden Stadtgebiete.

Berlin wie wir es heute kennen, ist eine Schöpfung der Moderne. Zuvor lag man im ewigen Clinch aus welcher Ecke von Berlin man nun komme. Wilmersdorfer waren da genau so eigenbrödlerisch wie Neukölner oder Bewohner des Wedding. Teils ist es heute noch so, dass man kaum den eigenen Kiez verlässt – man hat ja schließlich alles, was man braucht um die Ecke. Auch hier gilt wieder, dass man verdammt lange und tiefgründig suchen muss, um Erinnerungsstücke von damals zu finden.

Fast schon spielerisch einfach wird es mit der Gründung von Groß-Berlin (und der Jahre zuvor). Auf den Spuren des Spartacus-Aufstandes kann man heute durchaus eine gewisse Zeit verbringen. Wenn man die richtige Karte hat. Mehr als hundert Jahre später sind die Orte noch wohlbekannt, wenn auch nicht komplett erhalten. Zu sehen wie es sich jetzt anfühlt, wie es jetzt ausschaut, und wie es damals gewirkt haben muss – so einen Stadtrundgang kann nicht jeder machen!

So sehr Berlin heute als die Stadt angesehen wird, wo rund um die Uhr, an 365 Tagen immer was los ist, so sehr ist Berlin auch Industriestandort gewesen – die Hinterlassenschaft sind teils noch in Betrieb, mehr jedoch sichtbar. Ebenso die zahlreichen Kopfbahnhöfe, die die Zeit in ihrem Vergessensschlund verschlang.

Noch einmal zurück zu den Kiezen, die immer noch nicht recht abgrenzbar sind. Schaut man sich die Entwicklung dieser Quartiere an, sieht man über einen Zeitraum von fast 150 Jahren, wie versprengte Ortschaften zu einer homogenen Masse zusammengewachsen sind.

Informativ, detailreich, bunt, attraktiv und leicht verständlich ist dieses Buch eine willkommene Ergänzung zu jedem Berlin-Reiseband, der den Besucher an die Hand nimmt. Hier werden mehr Geheimnisse zutage gefördert als die sumpfige Landschaft der Urzeit jemals verschlingen konnte.

Straßenköter

Wenn man sich in Marlons Charakter eingelesen hat, ist man erstaunt, dass der Anfang der Geschichte so reibungslos verlief. Er wartet im Wagen – so wie man ihm es gesagt hatte. Zur verabredeten Zeit steht er dort, wo er stehen soll – so wie man es ihm gesagt hat. Okay, das Wegfahren war ein wenig hektischer als … man ihm gesagt hat. Aber im Großen und Ganzen lief alles so wie man es ihm gesagt hat. Selbst er kann s kaum glauben, dass alles so verlief …

Kurze Planänderung. Die Beute wird erst in drei Wochen aufgeteilt. Beute? Ja, Marlon war Fahrer beim einem Banküberfall. In Hamburg. 1975. Zu einer Zeit, in der gern mal Autos „einfach so“ (was natürlich nicht stimmt, selbst 1975 konnte die Polizei nicht „einfach mal so“ anhalten und durchsuchen) durchsuchte. RAF, Terror – insgesamt unsichere Zeiten, im Vergleich zu den Jahren zuvor. Ok, Beute erst in drei Wochen. Gary hielt das für besser. Er konnte sich lebhaft vorstellen wie seien Mitstreiter sofort nach Auszahlung losgehen und die Kohle gnadenlos auf den Kopf hauen. Das ruft nicht nur Neider auf den Plan, sondern auch die Polizei. Drei Wochen warten – erstmal knacken, zuhause, drei Wochen irgendwie rumbringen. Bis hierhin läuft alles so wie man es ihm gesagt hat.

Als Marlon um die letzte Ecke biegt, den ersehnten Schlaf schon fast  greifen kann, läuft nichts mehr so wie man es ihm sagte und schon gar nicht wie er es sich erträumte. Denn da stehen Typen – zweimal so große wie er, dreimal so breit und x-mal entschlossener als er jemals sein wird. Er schafft es gerade noch zwei Fotos seiner Oma und eine Erinnerung an seinen Vater an sich zu reißen. Doch wo soll er hin? Sein Kumpel wurde krankenhausreif geschlagen. Dessen Freundin, die Marlon eh nie leiden konnte (was auf Gegenseitigkeit beruhte) sieht auch nicht besser aus. Und auf den Titelseiten der Zeitungen prangen die Visagen der vier Bankräuber, inklusive dem von Marlon. Bloß gut, dass Marlon ein steter Rumtreiber war. Er kennt Hinz und Kunz und die kennen ihn. Doch so gut ist das auch wieder nicht. Denn es in unruhigen Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste. Besonders, wenn der Gesuchte von einer Horde Krimineller und den Behörden gesucht (später sogar von denjenigen, denen das ganze Land die unruhige Zeit zu einem großen Teil zu verdanken hat) sowie von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt wird.

Jürgen Heimbach schreibt nicht einfach nur einen Krimi. „Straßenköter“ ist eine Zeitreise in einer Raumkapsel, an der so manche Erinnerung schon abzuprallen droht. Er holt Geschichte zurück ins Bücherregal, ohne die Klischees von Manifesten, Verschwörungstheorien und abartigem Terror noch einmal bildhaft zu wiederholen. Die Jagd auf die RAF hatte zahlreiche Auswirkungen. Im Großen sowieso, aber erst recht im Kleinen. Im Strom mitschwimme – so wie Marlon es immer machte – ist nicht mehr drin. Große Veränderungen schwappen überall drüber und rein, wo man es nicht vermutet. Selbst Herumtreiber, Tagediebe und ja, auch Straßenköter müssen sich der neuen Zeit anpassen…

Marschieren nicht träumen

Eine Freundschaft wie ein Paukenschlag, und dabei begann sie mit einem Peitschenhieb. Als der junge Emil Belzner Major Ritchard, damals noch nicht Major a.D., die Säbel wiederbrachte, die sein Vater geschliffen hatte. Es fehlte einer, da gab’s was mit der Peitsche. Das ist lange her. Emil war dreizehn, der Major fast zwanzig Jahre älter. Und es herrschte Krieg, Stellungskrieg, Grabenkämpfe. Der Altersunterschied ist geblieben.

Jahre später laufen sie sich wieder über den Weg. Der Major hat inzwischen Zizzi geheiratet – und in deren Familienbetrieb eingeheiratet. Zizzi und Emil, das war auch was ganz Besonderes. Noch vor dem Major. Aber zu etwas Beständigem hatte es nie gereicht.

Es entspinnt sich eine rege Konversationsfreundschaft. Der Major, inzwischen a.D., will so gern seine Memoiren niederschreiben. Schließlich gehört sich das so, als Major a.D. Und Emil ist Journalist und immer noch ein wenig verstockt, wenn es um den Major geht. Letzter erinnert sich noch genau ihr erstes Aufeinandertreffen. Das erstaunt Emil. Und so lässt er den Dingen ihren Lauf.

Je mehr Ritchard erzählt desto vertrauter werden er und Emil Belzner. Doch Emil ist nicht einfach nur interessierter Zuhörer. Er weiß den Großteil der Gedanken richtig einzuschätzen. Manchmal wird es sogar richtig handgreiflich. Auch das stellt für Emil kein Problem dar. Denn hier sitzt ihm ein Mensch gegenüber, der mit sich noch lange nicht im Reinen ist. Krieg ist nicht mit einem Friedensvertrag beendet. Schon gar nicht als Deutscher, der im Ersten Weltkrieg diente, und danach die Schmach von Versailles erdulden muss.

Im Kopf des Majors rumort es heftig. Mittlerweile ist er Witwer, Zizzi erlag einer Lungenentzündung. Doch auch der folgende Ortswechsel – und der war nötig, denn Zizzis Familie und der Major sind sich spinnefeind – bringt keine Erlösung. Intellektuell sind sich Major und Journalist nähergekommen. Menschliche trenne sie immer noch Welten. Gehorsam auf der einen, Freidenken auf der anderen Seite. Drill und bedingungslose Disziplin hier, Autoritätszweifel da.

Emil Belzner war Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung und gesamtdeutscher Heinrich-Heine-Preisträger. „Marschieren nicht träumen“ lebt bis heute von der schonungslosen Darstellung davon, was blinder Gehorsam mit dem Menschen machen kann. Nicht jeder, der im Krieg diente, kehrt ohne Blessuren zurück. Wer Schrammen davon trägt, trägt sie manchmal wie Trophäen vor sich her. Andere lassen ihren Frust an Untergebenen aus, nimmt sich Dinge heraus, die Gratwanderungen zum Parforceritt machen. Dieses Buch gehört in eine Reihe mit „Im Westen nichts Neues“ und „Die rote Tapferkeitsmedaille“ zusammen mit Victor Klemperers „LTI“ bilden sie eine Speerspitze gegen Gedankengut, das nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Die erschreckenden Parallelen zur Gegenwart sind das Salz in der Suppe jener, die sich nicht vom Lametta der falschen Wegweiser verleiten lassen.

oh! Venedig

Oh wie „oh no, und ich dachte, dass ich Venedig kenne!“ – oh wie „oh, das habe ich wohl verpasst!“ – oh, wie schade, dass es noch so verdammt lange dauert bis ich endlich wieder dort bin!“. Da hält man wohl ein Hilfebuch in den Händen, das Reisefieber hebt und einen in Sicherheit wiegt, dass der nächste Besuch garantiert ein Volltreffer wird.

Und das trotz des Verhältnisses 280.000 zu 15.000.000. Das bedeutet 280.000 Einwohner und 15 Millionen Besucher jährlich. Da muss man fliehen, und zwar dorthin, wo man nicht zwischen Handysticks und „Folge-Mir-Wimpeln“ hindurchluken muss, um mal was Schönes zu sehen. Und einem nicht permanent auf den Kopf gek… wird, von den Tauben, versteht sich! Bei diesem Verhältnis – Eins zu fast 54 – kann man sich der Masse anschließen, überteuerte Souvenirs mad(e) in China erwerben, an jeder Ecke mit gebühren ins Jammertal der Finanzen gestoßen werden, und sich somit so manches Erlebnis gehörig zu ruinieren. Oder man wirft einen ersten scheuen Blick in dieses Buch, lässt sich verleiten (dieses Mal zu 100% gerechtfertigt) und gönnt sich Schritt für Schritt ein Aha!-Erlebnis, das in einem nicht enden wollenden „Oh Venedig“ endet. Die Wahl ist keine wirkliche Wahl. Es ist eine emotionale Vernunftentscheidung. Basta!

Man muss ja nicht gleich die ganze Stadt verteufeln und das Weite suchen. Zum Beispiel auf einem Boot durch die Lagune schippern. Doch wenn, dann auf einem Boot mit Geschichte. Eines, auf dem schon Prominente vor den Massen flohen. Das wieder entdeckt wurde. Und originalgetreu wiederhergestellt wurde. Das wäre doch was! Doch welcher Promi soll es sein?! Wie wäre es mit der Callas – oberste Promischublade. Die traf sich mit Pasolini auf seinem Boot. Und mit dem kann man heute wieder durch die Lagune schippern. Das ist das ein oh-Erlebnis, oder?!

Wer dem Massentrubel doch nicht ganz abgeneigt ist, kann entlang des Zickzackwanderns so manches Kleinod entdecken. Und wer den Gondoliere auf die Füße geschaut hat, entdeckt – wenn er dem manchmal falschen Singsang eine gewisse Routine abgerungen hat – eine einzigartige Fußbekleidung. „Furlane“ nennen sich die bequemen Schuhe, die wohl das einzige Mittel der Wahl sind, um der Qual des venezianischen Pflasters zu entkommen. Flach, simpel, bequem. Gibt’s aber nicht überall zu kaufen, zumindest nicht in entsprechender Qualität. Aber dafür an der Rialto-Brücke. Dort kommt man eh vorbei, wenn man Venedig besucht. Ist und bleibt fester Bestandteil des Programms in der serenissima – na ja ruhig und gelassen, das war einmal. Besonders, wenn alle fünf Meter ein Jüngling vor seiner Angebeteten niederkniet, um ihr einen Antrag zu machen, weil er das bei Insta schon soooo oft gesehen hat…

Maria Wiesner fand für ihr Buch Orte und Plätze, die jeden Venedig-Besuch nicht mit einem Oh-No-Erlebnis enden lassen. Mit entsprechender Gelassenheit und erfrischender Recherche durchläuft man ein Venedig, das vielen verborgen bleiben wird.

oh! Lago Maggiore

Man könnte den Lago Maggiore als einen der vier großen Oberitalienischen Seen beschreiben mit soundsoviel Quadratkilometern Oberfläche, der jährlich von zigtausenden Touristen besucht wird. Alles richtig. Aber die Touristen kommen bestimmt nicht wegen Größe und um sich mit Tausenden Anderen zu treffen, sondern weil sich hier eine Landschaft vor einem erhebt, bei der man sich erhaben fühlt. Man gehört zu einem Kreis Reisender, die Schönes gesehen haben. Kein elitärer Kreis. Und dennoch fühlt man sich so, dass man Einzigartiges sieht… genau wie die Anderen auch.

Und genau dieser letzte Halbsatz lässt die Einzigartigkeit in der Masse des Gemeinen ein wenig (nur ganz wenig, aber spürbar) verblassen. Denn wer im August in Locarno weilt, muss sich die Perlen der Stadt mit Zigtausenden teilen. Dann ist Filmfest, elf Tage Filmfestspiele. Man findet keinen Platz im ristorante, muss Angst haben, dass der Aperol aus ist etc. Und trotzdem fühlt man sich pudelwohl. Der Geheimtipp für alle, die einmal im Leben was Außergewöhnliches sehen wollen und vielleicht auch den einen oder anderen Leinwandliebling mal beim Spaghettizuzeln erwischen wollen.

Wer das alles schon erlebt hat und für den der Lago Maggiore eben nicht nur der zweitgrößte der Oberitalienischen Seen ist, muss sich etwas einfallen lassen, um wirklich Neues zu erleben. Patricia Arnold trägt mit ihrem „oh Lago Maggiore“ dazu bei, dass der Lago eben nicht nur der Lago bleibt, zu dem man geht, sondern das Ereignisgewässer bleibt, was es vor langer Zeit schon mal war.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Promis und ihrer durchaus nachvollziehbaren Italienliebe. Da gibt es in der Nähe ein kleines Dorf. Nur vierhundert Einwohner. In manchen Gebäuden ist noch unerträglich heißer als an so manchem Hochsommertag. Woody Allan war schon hier. Aber nicht, um sich im kühlen Nass des Sees abzukühlen. Nein, er kam nach Quarna Sotto, weil hier die besten Saxophone der Welt entstehen. Den Schweiß des Tages vergisst man ganz schnell, wenn man den Meistern über die Schulter schaut. Noch ein wenig höher liegt Quarna Sopra. Wer hier ins Horn (Saxophon) stößt, tut dies vor überwältigender Kulisse. Ohren-und Augenschmaus in Einem. Da muss man lange suchen, um so was noch einmal zu finden.

Ob knackige Wanderung auf Bergspitzen, die einen Ausblick gewähren, den man nur selten erlebt oder weltbekannte Kunst im Museum, kuschelige Metropolen am Ufer oder verwaiste Berge – der Lago Maggoire hat noch lange nicht alles preisgegeben. Jetzt vielleicht ein bisschen mehr!