Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

In Bloom

Das wird ihr großer Durchbruch! Das wird ihr Ausbruch! „The Bastards“ so nennen sie sich. Nein, kein Gang á la Bloods oder Creeps. Sie sind eine Band. Spielen das, was sie bewegt. Talentfrei, aber mit ’ner gehörigen Portion Wut in der Stimme. Grunge, um es auf den Punkt zu bringen. Der Bandwettbewerb in ein paar Wochen soll sie ganz nach oben katapultieren. Am besten auch glich ganz weit weg. Weit weg von Vincent. Einem Nest, in dem die Tristesse zuhause ist, im Gegensatz zu den unzähligen jungen Vätern. Schönes sucht man hier umsonst.

Sie waren mal zu viert. Ja, sie waren. Lily ist nicht mehr dabei. Sch.. drauf! Sagt sie, sagen sie. Sie wurde entführt. Und seitdem ist sie verändert. Bricht mit der Band, die ihr einen Traum hätte bescheren können. Im Umkehrschluss sind „The Bastards“ ohne Lily kaum mehr wert als der Dreck unter ihren Fingernägeln. Auch wenn es davon mehr als genug gibt. Vom Dreck. Eine wie Lily gibt es nur einmal.

Mr. P hat sie gefördert und gefordert. Ihr Musiklehrer war der einzige, der an die Band glaubte. Auch wenn er musikalisch privat in ganz anderen Gefilden herumschippert. Er sitzt lieber mit Otis Redding on the dock of a bay oder schwärmt von den Supremes. Und genau diesen Mr. P holt nun die Polizei ab. Er soll … naja … wahrscheinlich hat er was mit Lilys versuchter Entführung zu tun. Schlimmer: Sie behauptet steif und fest, dass er sie missbraucht hat. Warum? Mr. P ist doch der einzige, der an sie glaubte. An Lily, an die Band, an den Bandwettbewerb. Lily ist so fies…

„The Bastards“ gehen auf Spurensuche. Doch so richtig will das nicht klappen. Keiner sagt was. Nicht die Eltern, keiner der Lehrer, und die Polizei rückt erst recht nichts raus. Und Lily verkriecht sich lieber in ihrem verhasten Elternhaus als das sie ihren „Freunden“ irgendwas erzählt. Und dann stirbt auch noch Kurt. Kein Schulfreund. Kein flüchtiger Bekannter. Keiner aus dem Ort, der im besten Fall gleich tickt. Nein, Kurt Cobain. Bläst sich einfach das Hirn weg. Zwischen dichten Rauchschwaden, MTV-Unplugged-Videos und der Einsicht, dass der Ort Vincent Anfang und jähes Ende zu gleich ist, vegetieren die verbliebenen Bandmitglieder vor sich hin. Selbst zum Träumen sind sie zu träge geworden. Von wegen fröhliche 90er!

Liz Allan lässt entgegen dem Titel nicht viel hier in der Einöde erblühen. Staub, Weed und Hoffnungslosigkeit sind die erschlafften Triebfedern einer Generation von Jugendlichen, die niemals echte Träume träumen werden. Wer bei dem Titel nicht ad hoc an Blümchen und Pflanzen denkt, sondern Nirvana und die letzte echte Musikrevolution im Sinn hat, bekommt die komplette „Sinnhaftigkeit“ dieser Zeit auf Auge gedrückt. Auf dem beiliegenden Kärtchen kann man sich per QR-Code den passenden Soundtrack anschauen.

Quartett

Zum Quartett gehören Vier. Das ist unumstößlich. Sobald eine oder einer fehlt, ist es nicht mehr dasselbe. Und schon gar kein Quartett! Lorenzo Verro ist Mitglied des Musikerquartetts Arcimboldo. Sie sind erfolgreich, spielen Verdi, Brahms, Mozart. Nach einem umjubelten Touraufktakt wollen die Vier – das Quartett – noch ein bisschen feiern. In einem kleinen ristorante, ruhig, abgelegen, für sich allein. Lornezo schafft es nicht bis dahin. Er wird in einer engen Gasse erstochen. Um Mitternacht herum.

Commissario Di Bernardo leitet die Ermittlungen. Der Morgen beginnt wie er zu beginnen hat. Bei einem Caffè in seinem Büro. Alle sind da. Genießen die Vorzüge einer exzellenten Kaffeemaschine. Und die Ruhe vor dem Sturm, wenn der Chef wieder seine reden schwingt. Das Team kennt sich. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Einer fehlt, was durch Giulia, die Neue aber erstklassig ausgeglichen wird. Dann kommen die Fakten zum Mordfall in der Nacht.

Es ist regnerisch im römischen Herbst des Jahres 2025. Das kann man schnell mal ausrutschen. Ein Ausrutscher war der Mord am ersten Geiger des Quartetts bestimmt nicht. Das war gut geplant und noch besser umgesetzt. Denn Di Bernardo und sein Team tappen verdammt lange im Dunkeln, und das liegt nicht an der Jahreszeit! Schnell ist klar, dass das Quartett Arcimboldo auf der Bühne einwandfrei funktioniert. Doch wie so oft – Di Bernardo hatte schon einmal einen Mord in Künstlerkreisen, sein Name war der titelgebend für den Vorgängerroman – herrscht hinter den Kulissen nicht nur ungetrübte Eintracht.

Die Neue, Giulia, macht sich gut in der Truppe, Manchmal etwas ruppig. Das gefällt Di Bernardo fast schon. Doch auch sie tut sich schwer mit dem Motiv für die Tat.

Natasha Korsakova ist Violinistin, selbst Künstlerin auf hohem Niveau. Ihre Kenntnis von der Branche und der Musik, gepaart mit dem Drang als Schriftstellerin auch andere Kunstinteressierte zu begeistern, machen auch dieses Mal nicht Halt vor großen Erwartungen. Sie erfüllt jeden Wunsch nach Spannung und geschickt verquickten Verbindungen. Sanft streicht der Spannungsbogen über den Klangkörper des Verbrechens. Der Täter summt noch im Verborgenen vor sich hin bis er im furiosen Finale die Waffen streckt und im Jammertal der Schuld sein Ende findet.

Und auf die Ohren gibt’s auch noch was! An mehreren Enden der Kapitel verführen QR-Codes zum Weiterhören. Von Verdi bis Mozart gibt es die passende musikalische Untermalung. Stimmungsvoller kann der Musiksommer 2026 nicht beginnen!

Leipzig. Europas Architektur in einer Stadt

„Komm nach Hagen, werde Popstar!“. Das ist mehr als vierzig Jahre her. Komm nach Leipzig, werde Architektur-Kenner, genieß die Feinheiten und vor allem die Vielfalt – das bekommt nun eine ganz neue Dimension. Und die hält viel länger an als die Liedzeile der Band Extrabreit aus Hagen.

Der Untertitel „Europas Architektur in einer Stadt“ gibt einen Vorgeschmack auf das, was auf den folgenden ca. dreihundert Seiten kommt. Die volle Ladung Geschichte, Wissen, Augenschmaus und Herzenswärme. In kaum einer anderen Stadt lässt sich die Architekturentwicklung Europas so umfassend betrachten wie in Leipzig. Gewagte These – Stefan W. Krieg war mehr als eine Vierteljahrhundert Stadtbezirkskonservator in Leipzig und befasst sich seit seiner Zeit als Student der Kunstgeschichte, Geschichte, Germanistik, Archäologie und Komparatistik mit Architektur.

Um e4s vorweg zu nehmen: Selbst eingeborene Leipziger werden in diesem Buch noch Orte finden, die sie eventuell kennen, jedoch so noch nie betrachtet haben. Das ist ein Versprechen! Ebenso die Tatsache, das Leipzig ab sofort mit anderen Augen gesehen wird.

Wer durch die City  von Leipzig läuft, früher sagte man „die Stadt“, womit die Innenstadt gemeint war, downtown sagen die, die ihrer scheinbaren Weltläufigkeit einen Hauch Internationalität geben wollen, wird nur mit erhobenen Haupt die Vielfalt an erstaunenswerten Details entdecken. Da stehen Betonklötzer (die gab es schon ab der Zeit nach dem Weltkrieg) gleich neben oder gegenüber von reich verzierten Fassaden, die man nicht im Vorbeigehen, sondern im Innehalten erfassen kann. Kleine handwerkliche Preziosen, die sich nicht verstecken und doch nicht jedem direkt ins Auge fallen. Selbst Pyramiden sind im Stadtbild nur mit erhobenem Haupt zu erkennen. Straßenführung, Fassadenkunde, Einblicke in die Geschichte der Architektur – ein Stadtbummel mit dem Autor ist eine Erlebnistour, die unbezahlbar ist!

Unbeirrbar fräst sich Stefan W. Krieg durch die Stadt, die dank ihrer Handelstradition und des damit verbundenen Reichtums schon immer ein Spielfeld was für ausgefallene Ideen der Bauherren. Die Vielfalt an Villenvierteln in grüner Umgebung, die Nähe zum Wasser, die Ansiedlung von Industrie trugen immer wieder dazu bei, dass Leipzig sich klamm und heimlich zu einer Perle entwickelte, die seit Jahren wieder die Besucher an Parthe und Pleiße lockt. Hier wurde nach der Wende ein Fluss wieder ans Tageslicht geholt, der zuvor Jahrzehnte eine stinkende Kloake war, die bei ungünstig stehendem Wind mindestens zu Naserümpfen anregte. Heuet sind Sitzplätze an der Pleiße in der Stadt begehrte Oasen, die man nur hergibt, wenn man wirklich Wichtiges zu tun hat.

Schon die Umschlagseite am Anfang und Ende des Buches zeigen welch große Vielzahl an Orten es zu erkunden gibt. Dazwischen liegen prachtvolle Abbildungen, die den Vergleich mit den Vorbildern nicht scheuen müssen. In Leipzig wurde Geschichte angenommen, was schlussendlich dazu führte, dass hier Geschichte geschrieben wurde, damit andere die Geschichte wiederum annehmen können.

Dieses Buch lädt einmal mehr dazu ein die Stadt zu erkunden und sich gleichzeitig einen Überblick zu verschaffen, welche Strömungen in der Architektur in heutigen Kontext immer noch Symbiosen eingehen, ohne dabei ihren Reiz zu verlieren.

A13

So eine Autobahn hat es nicht leicht. Pausenlos rollt man über sie hinweg – das kann sie ja noch verkraften. Schließlich ist das der Grund ihres Daseins. Aber das permanente an ihr Herumgepicke nervt sie sicherlich. Und keiner würdigt sie. Sie ist das berühmte Mittel zum Zweck. Sie ist der Weg zum Ziel, das niemals direkt an ihr liegt. Nun gut, tauscht man sich darüber mit dem Landschaftskalligraphen Lorenzo Custer darüber aus, bekommt man eine ganz andere, eigene Sichtweise auf Autobahnen zu hören. Er ging schon länger mit der Idee schwanger ein Buch über die A13, die Nord-Süd-Beton-Verbindung der Schweiz zu gestalten.

Linard Bardill sollte die Texte schreiben. Sie fanden sich, sie trafen sich und machten das, was niemand für möglich hielt. Ein Buch, fast schon eine Liebeserklärung an die A13. Dass die Idee ein wenig verrückt ist, wussten beide. Aber das sollte doch kein Grund sein es nicht zu tun. Was ein Glück!

Startschuss war im Norden, den Schlusspunkt soll naturgemäß – irgendwann endet jede autostrada – Bellinzona bilden. Ein Reiseband mit informativen Tipps zur Einkehr und zum Ausruhen sollte es nicht werden. So viel gibt die Autobahn nur auch nicht her. Aber ein Reisebericht mit allerlei Anekdoten, mit Stupsern in die Rippen („Schau mal … da!“) und so manchem „Kennst Du schon?!“ ist dann doch die bessere Wahl.

Und so kommen sie auch zum so genannten Zahnwehkirchlein. Geht einem der Nerv auf die Nerven, kann man hier oben Trost suchen. Und wenn das nicht hilft, … die Klippen für den Sprung in die erlösende Befreiung vom Zahnweh sind nur ein paar Schritte entfernt. Linard Bardill macht es sichtlich Spaß solche Geschichten zu erzählen. Man merkt sofort, dass er ein Schelm ist.

Lorenzo Custer ist der Großmeister der gezogenen Linie. Ein ums andere Mal erstaunt er seinen Mitfahrer wie schnell und geschickt ein einzelner Strich ein ganze Landschaft erzählen kann. Und beim ersten bloßen Durchblättern dieses unzweifelhaft einzigartigen Buches erhellen die Zeichnungen des Architekten und Zeichners und machen Appetit auf die gelungenen Zeilen des Autors.

Isla Bella ist nur eine weitere Station auf dem Weg der beiden gen Süden. Hier ist es schön, sagt ja schon der Name – bella. Es gab Zeiten, da hat es hier fürchterlich gestunken. Warum? Keiner weiß es. Keiner? Einer kennt sie, und er hat sie immer seinen Kindern erzählt. Ein Riese war so wütend, dass man die Quelle seiner Lieblingswasserfrau zerstört hat, dass er in den Tunnel hineinfurzte. Das war seine besondere Fähigkeit, er hieß Trettel, was auf Romanisch Furz bedeutet.

Es sind Geschichten wie diese, die aus einer verrückten Idee ein unterhaltsames Buch machen. Warum unterwegs auf der A13 nicht die üblichen Spielchen spielen – Autokennzeichen raten etc.? Immer wenn man einen Punkt aus dem Buch passiert, wird die Geschichte vorgelesen. Besondere Bücher sind in besonderen Situationen besondere Begleiter.

Orient-Express

Das waren noch Zeiten. In Paris in den wohl luxuriösesten Zug der Welt einsteigen und erst tage, Wochen später am anderen Ende Europas, in Istanbul diesen wieder zu verlassen. Dazwischen lagen endlose Stunden, Tage in Salons, die man nur in steifer Montur betreten durfte. Man saß zu Tisch. Und vielleicht gab es auch mal einen Mord, der einen den gestärkten Kragen verdammt eng werden ließ. Das war der Orient-Express, den wir aus Büchern und Filmen kennen. Und der noch immer das Bild von gediegener Eleganz vermittelt. Das war einmal. Man kann zwar noch von Paris nach Istanbul reisen, aber…

Eine Reise von Paris nach Istanbul – für Viele ist es mittlerweile INSTAbul – ist immer auch eine Reise in die Gegenwart. Wie lebt man heute zwischen den Millionenmetropolen? Welche Unterscheide gibt es und wie sehr sind sie spürbar? Dennis Gastmann geht diesen Fragen nach. Entlang der Route des berühmten Orient-Expresses. Heute wie damals lassen sich hervorragend Geschichten sammeln.

Wenn man in Paris startet, kommt man nicht um ein Thema herum: Mode. Besonders, wenn man während der nicht minder berühmten Modenschauen während der fashion week in der Stadt ist. Er übernachtet dort, wo man schon früher übernachtete bevor man nächsten Tages das Eisenross bestieg und gen Osten zu reisen. Der Glanz ist ab. Ein Gerüst verhüllt das, was einmal war und nun mit dem Bohrhammer in die gegenwärtige Zukunft transformiert werden soll.

Es gibt noch einen gewaltigen Unterscheid zu „damals“. Damals stieg man in den Zug und erst wieder aus, wenn man am Ziel war. Heute sind Zugwechsel notwendiges Übel. Nach Venedig gelangt Gastmann nur über die Schweiz und Milano, wo ihm auch gleich der neue Geist begegnet. In Gestalt einer Frau. Der Frau, die Italien regiert. Schon wieder ein „damals“ … und nicht das Letzte. In Triest wird es noch deutlicher als er dem Bürgermeister begegnet. Ein ewig gestriger Fürst, der Zukunft zugewandt, doch im Inneren sind er und Meloni das Traumpaar der Rechten.

Der Balkan hat sich noch viel von seinem spontanen Charme bewahren können. Noch! Wo man damals aus dem Fenster schaute, angstvoll, ob nicht irgendwelche Horden der Luxuszug angreifen, keimt hier Hoffnung und wird im gleichen Atemzug von der Rasanz der Entwicklung im Beton begraben. Bulgarien bietet dem Autor den wohl größten Gegensatz. Von ausgelassener Lebensfreude bis in die dunkelsten Ecken eines Armenviertels treibt es ihn auf seiner Route des Orient-Expresses. Sicherlich auch Ecken, die schon „damals“ keiner der Zugreisenden besuchte.

Dennis Gastmanns Orient-Reise ist ein ewiges Rätsel. Was lauert hinter der nächsten Biegung, und das ist mehr im übertragenen Sinne zu verstehen, und wie kann man sich darauf einlassen? Europa als Spielwiese für Träume, die man sich erfüllen kann oder doch Projektionsfläche für alles, was schiefgeht. Von Paris nach Istanbul zu reisen ist immer noch ein Abenteuer, nur halt anders. Europa bewegt sich also doch?!

Drei Frauen

Es ist wie der wahr gewordene Traum eines Politikers, der aus Alternativlosigkeit dem Volke ans Herz legt sich um sich selbst zu kümmern: Drei Frauen in einem Haus, die füreinander da sind – egal, was das Leben für sie parathält.

Doch so traumhaft ist die Konstellation dann doch nicht. Da ist zum Einen Gesuina. Ehemalige Schauspielerin, das Oberhaupt des Trios. Sie nimmt das Leben locker. Sie kann sich an der Schönheit des anderen Geschlechts ergötzen ohne zum äußersten zu gehen. Die Affäre mit dem jungen Bäcker ist quasi die logische Schlussfolgerung.

Zum Anderen ist da Maria. Übersetzerin, Literatur- und Kunstversessene. Sie verweigert sich ganz und gar der modernen Technik. Ein Handy kommt ihr nicht in den Alltag. Sie schreibt Briefe. An Francois. Ihrem Geliebten. Ihm klagt sie, ihm gesteht sie ihre Sehnsüchte. Maria ist die Tochter von Gesuina.

Und dann ist da noch Lori, Loredana. Tochter von Maria und somit Enkelin von Gesuina. Bald wird sie das Gymnasium beendet haben. Doch weiter reichen ihre Pläne nicht. Vielleicht mit Tulú. Doch da ist sie sich nicht ganz sicher. So wie sie überhaupt nicht sicher ist, was irgendwann mit ihr geschieht, was sie aus ihrem Leben machen kann und will.

Jede hat ihre Ansichten. Über das Leben, den Tag und die Anderen. Das Leben vergeht, die Tage verrinnen, die Anderen sind immer da. Langweilig wird’s bei ihnen nicht. Die Jüngste ist pikiert über das Verhalten der nonna, die Mittlere fühlt sich als Haushaltskraft missbraucht. Die Älteste beobachtet teils amüsiert das wilde und das trübe Treiben ihrer Mitbewohnerinnen, die nun aber auch ihre Familie sind.

Dann steht Francois auf der Matte. Wortwörtlich steht er auf dem Türvorleger und begehrt Einlass. Ein gutaussehender Mann. Das weiß Maria zu schätzen, den beiden Anderen bleibt dieser Fakt auch nicht unerkannt. Es ist kurz vor Weihnachten. Schon bald werden er und Maria zusammen in den Urlaub fahren. Es ist ja nur kurz, dass der Mann die drei Frauen aus ihrer Routine holt. Physisch gesehen stimmt das. Emotional ist er ein Tsunami. Und die Wellen werden hoch schlagen, werden so manches fest in der Erde gemauerte Dogma erschüttern und zum Einsturz bringen.

Dacia Maraini braucht keine Massen an Akteuren, um die Komplexität von Beziehungen darzustellen. Das Trio ist vollkommen ausreichend, um ein spannungsgeladenes Jahr zu präsentieren. Ein Jahr, das jeder der Drei in Erinnerung bleiben wird. Aus den unterschiedlichsten Gründen…

El Dorado Drive

Ist doch alles in bester Ordnung! Pams Sohn feiert seien Schulabschluss mit einer riesigen Party und einer nicht minder riesigeren Geldtorte. Der Filius ist sichtlich beeindruckt. Wenn er wüsste … wie es wirklich aussieht…

Grosse Point ist eine typische Kleinstadt nahe Detroit. Alle waren zusammen auf dem College, im selben Club, arbeiten gemeinsam in der gleichen Firma (Detroit = Motortown) – man kennt sich, beäugt sich. Der ganz normale Zwang sich mit kleinen Ausbrüchen von der Masse abzusetzen.

Und da sind sie nun Debra Bishop, Pam Bishop und Harper Bishop. Schwestern. Halten zusammen wie Pech und Schwefel. Und ihnen allen ist bei all der Unterschiedlichkeit gemeinsam: Ihre eigene heile Welt ist nicht in Ordnung. Und sie wird weiter bröckeln. Und wie! Das wissen sie aber noch nicht!

Denn Motown ist nur noch als Musiklabel ein Begriff, und selbst da bröckelt der Lack. Die einstige Autostadt Detroit verkommt, zerfällt – und mit ihr die Menschen. Pams Kinder kennen diese Phasen auch. Doch sie sind unbeschadet wieder rausgekommen. So wie ihr Sohn, der jetzt seinen Schulabschluss feiert. Seine kleine Schwester ist traurig. Bald wird er weg sein. Wer kümmert sich dann um sie? Wer hält sie davon ab wieder (!) abzudriften?

Debra und Pam sind tatenkräftiger als Harper, die Jüngste der Drei. Und vielleicht auch am leichtesten zu beeinflussen. Als die beiden Älteren aan Harper herantreten, um ihr eine Geschäftsidee zu unterbreiten, betreten sie fruchtbaren Boden. Endlich raus aus der Einöde. Endlich eine Befreiungsschlag, um dem stets präsenten Abgrund zu entrinnen – vielleicht sogar den american way leben. Und nicht nur träumen.

Für Harper ist es zunächst ein Traum. Denn sie hat die Welt von ganz unten gesehen, auf Augenhöhe. Ihre Verbindlichkeiten, um es mal ganz allgemein und nüchtern zu betrachten, kann sie nicht mehr bedienen. Sie sieht nur einen Ausweg: Flucht. Flucht vor denen, die ihr nicht vorhandenes Geld wollen. Flucht zur Familie – Debra und Pam. Sie staunt nicht schlecht. Während um sie herum alles den Bach runtergeht und einst stampfende Maschinen in rostige Industriedenkmäler diffundieren, stehen bei den beiden großen Schwestern die großen Autos nicht nur einfach so vor der Tür. Sie gehören den beiden! Fast schon hechelnd ist Harper extrem neugierig wie das geht. Zwei Worte: „The wheel“. Debra und Pam sind auf die Idee gekommen dem Ellenbogen-Kapitalismus der Nullerjahre in den USA Gemeinschaft und dollarige Träume entgegenzusetzen. Die traurige Wahrheit ist aber, dass noch nie einem Schneeballsystem dauerhaftes Glück beschieden war. Und so schlittern die drei Schwestern in eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes – die Parallelen zum Spielort Detroit sind offensichtlich.

Megan Abbott nimmt sich Zeit. Hektische Bewegungen lässt sie in dieser angespannten Situation aus dem Spiel. Alles passiert „wie ganz natürlich“ – es musste ja so kommen. Könnte man spotten. Doch Spott ist nicht angebracht. Hier sind drei Frauen, die allesamt auf die Nase gefallen sind. Die Wunden wollen einfach nicht heilen. Und um sie herum eine Welt, die das Leid mit Lug und Trug immer weiter – wenn auch nicht dauerhaft – nach hinten verschieben kann. Ein großes Stück von diesem Kuchen, das wollen sie. Leider ist der Tortenheber zu klein und ihre Kuchengabel nicht spitz genug.

Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

Dreharbeiten können auch richtig langweilig sein. Wenn nicht gerade gedreht wird, zupft man an den Hauptdarstellern herum, rückt alles wieder so her wie es vorher war, kontrolliert noch mal das Licht etc. Im Grunde genommen grottenlangweilig! Was macht man dann?! Herumsitzen, Text lernen, sich irgendwie ablenken. Oder man geht zum Seelenklempner. Ah, jetzt wird’s interessant! Schauspieler haben ja alle einen … Wunderbare Welt der Klischees.

Doch zu den Fakten. Es ist Juli 1956. Sir Laurence Oliver dreht einen Film in London. In manchen Filmdatenbanken wird er als Politdrama geführt. Für die Rolle der Tänzerin in „Der Prinz und die Tänzerin“ ist mit einer der berühmtesten – nein!, der berühmtesten – Schauspielerin dieser Zeit besetzt: Marilyn Monroe. MM mit mittlerweile drei M, denn sie ist seit Kurzem mit Arthur Miller verheiratet.

Während der drehfreien Zeit liegt sie auf der Couch. Und zwar bei keiner Geringeren als Anna Freud, der Tochter und mehr als Nachfolgerin ihres Vaters Sigmund. London ist seit knapp zwei Jahrzehnten ihre neue Heimat. Sie hat inzwischen die Praxis ihres berühmten Vaters in 20 Maresfield Gardens in Hampstead übernommen.

Da dachte man, dass man aus zahlreichen Büchern und unzähligen Reportagen und Dokumentationen die Monroe in- und auswendig kennt … und dann das! So ähnlich erging es Hektor Haarkötter (HH) als er in einer Radioreportage so ganz nebenbei erfuhr, dass MM bei der Freud auf der Couch lag. Und wahrscheinlich über Sex redete. Denn über die Gespräche liegt nicht nur der Mantel des vertraulichen Arzt-Patienten-Geheimnisses, sondern auch die Tatsache, dass es keinerlei Aufzeichnungen gibt. Was es jedoch gibt, sind Briefe und (Tage-)bücher. Und die sind – wenn man tiefgreifend sucht, voll mit Hinweisen zu den Sitzungen.

Wir haben es also mit einem halbbiographischen und halbfiktionalen Buch zu tun. Allen Unkenrufen zum Trotz, die nun meinen, dass das doch nicht werden kann, sei gesagt: Es ist geworden. Großartig geworden! Das Wort Gamechanger ist vielleicht zu hoch gegriffen, da die Fakten allesamt bekannt sind. Aber jetzt endlich zusammengeführt wurden.

Ja, Marilyn Monroe hatte Probleme. Und damit ist nicht ihr permanenter Drang zu spät zu kommen gemeint. Sie fühlte sich ihr Leben lang miss- zumindest falsch verstanden. Ihr Talent wurde nicht entsprechend gewürdigt. Fortlaufend wurde sie allein auf ihr Äußeres reduziert, was ja auch dank exzellenter chirurgischer Eingriffe sehr auffallend war. Konnte sie sich alles von der Seele reden? Wohl kaum! Denn es sind nur sieben Tage, die MM bei AF auf der Couch lag wie HH recherchiert hat. Auch über diesen Fakt – gab es Streit? – kann man nur spekulieren oder Schriften studieren.

Wer die Monroe für immer im Herzen trägt, für den ist dieses Buch eine Zwangsanschaffung. Wer sich als Cinematographen sieht, kommt einfach nicht an diesem Titel vorbei. Wer in der Psychoanalyse (Freudscher Prägung) mehr als nur den Drang zum Sex sieht und ein kleines Faible für Klatsch hat, wird hier ebenso vorzüglich bedient wie alles, die einfach nur ihren Horizont erweitern wollen. Ein aufsehenerregender Titel, der zwischen den Buchdeckeln hält, was außen versprochen wird.

Herbsterzählung

Nun könnte man meinen, dass der Spruch „Vom Regen in die Traufe kommen“ eher ins Reich der Floskeln gehört, die man von sich gibt, wenn einem endlose Diskussionen wenig ertragreich erscheinen. Dem Erzähler in diesem Buch wäre das wohl auch lieber.

Er pirscht durch die Höhne des italienischen Apennin. Er ist auf der Flucht vor den Besatzern. Hinter jedem Baum könnte ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet sein. Diskussionen gäbe es keine. Nur Blei. Einmal hätten sie ihn fast erwischt. Fast! Ein wenig Hoffnung schöpft er als er ein scheinbar verlassenes Haus entdeckt. Was heißt Haus?! Ein Anwesen. Mächtig, trutzig, ein wenig runtergekommen. Aber als Versteck fast ideal. Fast! Nach eingängiger Erkundungstour blickt er … in die Augen eines grimmigen Alten – wohl der Hausbesitzer – und in die Augen zweier mehr als willige Wachhunde. Mit Engelszungen redet er auf den Alten ein. Ein Lager für die Nacht erbittet er. Man gewährt ihm die Bitte.

Der nächste Morgen – die Nacht war erquicklich – soll ihm Gewissheit verschaffen, wo er sich befindet. Geographisch ist die Lage unklar. Doch der Geist ist ruhig. Er fühlt sich fast sicher. Fast.

Denn hier im Nirgendwo stimmt was nicht. Das Anwesen ist von jahrhundetealter Pracht. Verkommene Pracht – wenn er wüsste wie nah er an der Wahrheit ist mit seinen Eindrücken… Der Alte ist immer noch mürrisch. Ihn stört es, dass der fremde Eindringling überall herumstöbert. Und nicht aufhört Fragen zu stellen. In den Gesprächen schwant dem Flüchtigen, dass er in einem herrschaftlichen Haus sich eingenistet hat, und dass der Alte eine mehr als grundsolide Ausbildung genossen hat. Nur die hastig eingeworfenen Worte in einem unverständlichen Dialekt lassen die Neugier nicht verschwinden. Vor allem nach den weiteren Mitbewohnern. Die gibt es nach Auskunft des Alten aber nicht. Er lebe hier allein. Aber …  doch … er … habe … der Fremde ist verwirrt. Das war dich was. Ein Geräusch. Bei genauerem Hinsehen sind die Anzeichen für mehr als ein menschliches Leben im Haus nicht zu übersehen. Der Schein trügt nicht, doch die Erklärung haut den Erzähler aus den Schuhen…

Tommaso Landolfi inszeniert ein Horrorszenario, dass gänzlich ohne offensichtlichen Horror auskommt. Keine Monster, die speichelsabbernd und zähnefletschend auf menschliches Fleisch aus sind. Der Horror geschieht im Kopf. Wer einsam lebt, tut Sachen, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Jede Störung der Ruhe führt automatisch zur Katastrophe. Wie sich diese auswirkt … hat im diesen Fall nur der Autor in der Hand. So viel sei verraten: Er hat ein goldenes Händchen!

Die Frau im Zug

Geschichten, die im Zug spielen, haben in Deutschland immer einen gewissen Beigeschmack. Es ist Volkssport sich über die Bahnunternehmen aufzuregen. Meist zurecht. Aber auch immer mit einem gewissen Spott im Hintergrund. In diesem Buch ist es aber gaaaaanz anders. Ja, die Geschichte ist vielen bekannt. „Eine Dame verschwindet“ von Alfred Hitchcock hat seit Jahrzehnten die Massen begeistert. Das hier, dieses Buch, ist die Grundlage des Films.

Iris Carr ist eine zarte junge Dame. Sie gehört zu einer Clique von Menschen, die sie akzeptieren, sie allerdings auch nicht sonderlich ernst nehmen. Iris übernimmt gern die Meinung anderer, ohne dabei lustlos oder uninteressiert zu sein. Sie hat Haltung, doch kehrt sie sie nicht effektvoll heraus. Die Horde, wie sie ihren Freundeskreis nennt – allesamt Engländer aus mehr oder weniger gutem Haus, jedoch mit genug Pfund in der Tasche – macht Urlaub in Italien. Ausgelassene Stimmung bis Olga Iris bezichtigt ihr den Mann streitig zu machen. Wohl mehr Geplänkel als ernstgemeinter verdacht. Iris gehört eben doch nicht richtig zur Horde dazu… Die Horde zieht weiter, Iris genießt noch ein wenig die Sommerfrische. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nannte man das noch so.

Triest soll ihr nächstes Ziel sein. Im Zug macht sie die Bekanntschaft einer Dame. Ebenfalls Engländerin – die beiden verstehen sich nicht nur wegen der nicht vorhandenen Sprachbarriere blendend. Die Aufregung der vergangenen Tage und überhaupt … lassen Iris in ein Nickerchen versinken. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nach dem Aufwachen die nette Dame nicht verschwunden wäre. Iris sucht sie, findet ihre ehemalige Arbeitgeberin. Und jetzt kommt der Hammer! Auch die weiß nichts von der netten Dame, mit der sich Iris so angeregt unterhalten hatte. Niemand hat die Frau im Zug gesehen. Iris zweifelt an ihrem Verstand. Sie hat doch … stundenlang … angeregt … sie ist doch nicht … verrückt. Was’n hier los?!

Ethel Lina White beschreibt die Metamorphose einer sorglosen jungen Frau zu einer unerbitterlichen Suchenden mit viel Empathie und Wortwitz, dem man sich nicht entziehen kann. Für diejenigen, die den Film kennen – und das dürften nicht wenige sein – ergibt sich die Spannung aus der Neugier inwieweit Film und Buch auseinanderliegen. Wer den Film noch nicht kennt, und als Neuling ins …-Genre gilt, der wird hier gleich mit einem Meisterwerk konfrontiert. Hier wird Spannung aufgebaut, ohne groß Ankündigungsfahnen zu schwenken. Alles passiert als ob es das Natürlichste von der Welt sei. Und das ist die große Kunst die Ethel Lina White mit Bravour beherrscht.