Kategoriearchiv: Meeresrauschen

Nach Havanna

Eine Reise in die Seele Kubas – so der Untertitel. Meist verbirgt sich – wenn man das leist – dahinter ein Reisebericht eines (dafür) viel zu jungen Pseudoaussteigers, der meint nach ein paar Jahren in einem gut bezahlten, jedoch stark strukturiertem Job, unbedingt jetzt eine mehrmonatige Auszeit nehmen zu müssen, um die Welt zu erkunden. Mangelnde Hygiene inklusive, gefolgt von der Erkenntnis, dass die Menschen, denen er begegnete zwar unfassbar arm sind, aber im Gegenzug nicht minder glücklich. Was dabei übersehen wird, ist die Tatsache, dass – auch schon vor der alles verstehenden Zeit der oberflächlichen Empathie (oder auch Sorglosigkeit bzw. Verantwortungsscheue) – dieser koloniale Ignoranzunterton menschenverachtender ist als man sich selbst eingestehen kann.

In diesem Fall – endlich mal was Positives! – gibt es aber die begründete Hoffnung, dass man wirklich in die Seele Kubas und Havannas (!) eintauchen kann. Denn der Autor ist nun mal eben keiner, der mit belanglosen Texten die Bücherregale füllt, sondern Leonardo Padura. Ihn muss man nicht erklären, man liest ihn. Man folgt ihm. Man glaubt ihm. Havanna und Padura sind eins. Er ist hier geboren und setzt mit jedem Buch, jedem Kapitel, vielleicht nicht mit jeder Zeile, Havanna und Kuba ein Denkmal. Ein Denk-Mal.

In Mantilla ist Leonardo Padura geboren, hier lebt er immer noch – mit Ausnahmen. Hier kennt er sich aus, hier kennt man ihn. Hier hat er als Junge Baseball gespielt. Stundenlang, tagelang, jahrelang. Dort, wo er laut Plänen von Meyer Lansky und anderen Ganoven aus Amerika einmal das größte Vergnügungsparadies der Welt entstehen sollte – Las Vegas hätte sich in die Hose gemacht vor Scham – hielt er sich kaum auf. Wenn es nach Havanna ging – lange hatte der kleine Leonardo nicht verstanden, was das hieß: War doch Mantilla teil von Havanna. Oder doch nicht?! – war das immer ein Ereignis. Heimlich stahl er sich davon, erkundete die Stadt auf eigene Faust. Das Ergebnis: Sein Ermittler, sein Kommissar, sein Detektiv Mario Conde bewegt sich in Havanna derart traumwandlerisch, dass man als Leser sich schon fast als Kenner der Stadt bezeichnen darf. Die Auszüge aus seinen Büchern bringen diese Leseerinnerungen mit jedem Wort auf Anhieb zurück.

„Nach Havanna“ ist mehr als die logische Konsequenz aus den vorangegangenen Büchern von Leonardo Padura. Rollende Ölfässer, Baseball, liebevolle Umgebung, der Rhythmus der Stadt (ganz ohne nostalgische Verklärtheit) sind mehr als nur Hotspots, die man sehen muss. Padura erkennt sie, ordnet sie ein und lässt diesen Orten und Menschen ihre Normalität. Er drängt nicht darauf alles genauso wie er erleben zu müssen, wenn man die Stadt besucht. Er nimmt auch niemanden an die Hand und zerrt ihn von Geheimtipp zu Geheimtipp. Er stellt seine Stadt vor. Immer mit dem Hinweis auf die Zeit, die er offen und ehrlich erklärt. Denn Cuba ist nicht gleich Cuba. Und nicht jeder, der lacht, ist mit seiner Umgebung vollends zufrieden…

Neapel sehen und sterben

Alles beginnt mit dem Tod. Odysseus überlistet die Sirenen, die sich daraufhin in die Fluten stürzen. Eine von ihnen, Parthenope wird an die Ufer der Bucht von Neapel gespült. Der damals aber noch anders gehießen haben muss. Sie wird hier begraben und gibt der Stadt ihren ersten Namen. So oder so ähnlich kann man sehr oberflächlich die Entstehung der Stadt Neapel zusammenfassen. Von wegen der Tod is a Wiener! Unter der brodelnden Oberfläche liegt das andere Neapel. Das Neapel der Toten. Katakomben, endlose Gänge, Labyrinthe. Das ist Neapel. Auch. Und ganz besonders.

Der Stadtheilige San Gennaro, der für seine religiöse Überzeugung – die katholische Kirche liebt die Aufopferung – ist hier begraben. Ippolita Sforza, aus dem fernen Mailand, auch. Sie, der junge gebildete Teenager sollte hier Alfonso heiraten. Später wäre sie dann Königin geworden. Es kam anders. Als Zwanzigjährige brach sie auf, um das noch nicht vereinigten Italien zu bereisen und schließlich am Hochzeitshofe ihrem Zukünftigen übergeben zu werden. Bücher und Lehrer brachte sie gleich mit. Doch Alfonso war die junge Sforza nicht genug. Nachdem die Thronfolge gesichert war – drei Kinder, inklusive männlichem Nachkommen – zog es Alfonso zu Anderen hin. Anderen Frauen. Sie solle es hinnehmen, rieten ihr sogar ihre Brüder. Sie nahm es nicht hin…

Hinzunehmen hatten die Napoletaner so manche Schmach. Die Größte Stimme der Stadt – Enrico Caruso – brach nach einem desaströsen Auftritt im Teatro San Carlo zu anderen Ufern auf. New York wurde seine neue Heimat. Nach schwerer Krankheit kehrte er als Kurgast in seine Heimatstadt zurück. Er erholte sich. Nur kurz und starb dann im Hotel Vesuve. Menschenmassen trugen und geleiteten seinen Sarg zur letzten Ruhestätte. Neapel und der Tod – eine Verbindung wie Pech und Schwefel.

Dieter Richter kennt die Stadt besser als die meisten Einwohner. Der Süden, Neapel – hier ist er zuhause. Dreizehn Todesfälle, die die Stadt prägten, die exemplarisch für die Stadt stehen, ihr Image prägen, durchblättert man fieberhaft, um noch tiefer in die eintauchen zu können. Fernab von Touristenströmen, vorbei an unzähligen Pizza-portafoglio-Zwischenstopps führt Dieter Richter den Leser durch eine Stadt, die es schafft das Gleichgewicht zwischen allgegenwärtigem Tod und ebenso spürbarem Leben zu halten.

Es ist wie bei jedem Buch von Dieter Richter: Jetzt hat man wirklich alles erfahren über die Region, über die der versierte Kulturwissenschaftler schreibt. So ist es auch mit diesem Buch. Mehr kann man einfach nicht wissen über die Stadt in einem der aktivsten Vulkanfelder der Welt. Eines steht jedoch fest: Bei Dieter Richter muss man immer mit Überraschungen rechnen. Genauso wie bei Neapel. Die Stadt hält sicher noch einiges unter  und über der Oberfläche parat. Und Dieter Richter wird es gekonnt und unnachahmlich hervorkramen.

Orient-Express

Das waren noch Zeiten. In Paris in den wohl luxuriösesten Zug der Welt einsteigen und erst tage, Wochen später am anderen Ende Europas, in Istanbul diesen wieder zu verlassen. Dazwischen lagen endlose Stunden, Tage in Salons, die man nur in steifer Montur betreten durfte. Man saß zu Tisch. Und vielleicht gab es auch mal einen Mord, der einen den gestärkten Kragen verdammt eng werden ließ. Das war der Orient-Express, den wir aus Büchern und Filmen kennen. Und der noch immer das Bild von gediegener Eleganz vermittelt. Das war einmal. Man kann zwar noch von Paris nach Istanbul reisen, aber…

Eine Reise von Paris nach Istanbul – für Viele ist es mittlerweile INSTAbul – ist immer auch eine Reise in die Gegenwart. Wie lebt man heute zwischen den Millionenmetropolen? Welche Unterscheide gibt es und wie sehr sind sie spürbar? Dennis Gastmann geht diesen Fragen nach. Entlang der Route des berühmten Orient-Expresses. Heute wie damals lassen sich hervorragend Geschichten sammeln.

Wenn man in Paris startet, kommt man nicht um ein Thema herum: Mode. Besonders, wenn man während der nicht minder berühmten Modenschauen während der fashion week in der Stadt ist. Er übernachtet dort, wo man schon früher übernachtete bevor man nächsten Tages das Eisenross bestieg und gen Osten zu reisen. Der Glanz ist ab. Ein Gerüst verhüllt das, was einmal war und nun mit dem Bohrhammer in die gegenwärtige Zukunft transformiert werden soll.

Es gibt noch einen gewaltigen Unterscheid zu „damals“. Damals stieg man in den Zug und erst wieder aus, wenn man am Ziel war. Heute sind Zugwechsel notwendiges Übel. Nach Venedig gelangt Gastmann nur über die Schweiz und Milano, wo ihm auch gleich der neue Geist begegnet. In Gestalt einer Frau. Der Frau, die Italien regiert. Schon wieder ein „damals“ … und nicht das Letzte. In Triest wird es noch deutlicher als er dem Bürgermeister begegnet. Ein ewig gestriger Fürst, der Zukunft zugewandt, doch im Inneren sind er und Meloni das Traumpaar der Rechten.

Der Balkan hat sich noch viel von seinem spontanen Charme bewahren können. Noch! Wo man damals aus dem Fenster schaute, angstvoll, ob nicht irgendwelche Horden der Luxuszug angreifen, keimt hier Hoffnung und wird im gleichen Atemzug von der Rasanz der Entwicklung im Beton begraben. Bulgarien bietet dem Autor den wohl größten Gegensatz. Von ausgelassener Lebensfreude bis in die dunkelsten Ecken eines Armenviertels treibt es ihn auf seiner Route des Orient-Expresses. Sicherlich auch Ecken, die schon „damals“ keiner der Zugreisenden besuchte.

Dennis Gastmanns Orient-Reise ist ein ewiges Rätsel. Was lauert hinter der nächsten Biegung, und das ist mehr im übertragenen Sinne zu verstehen, und wie kann man sich darauf einlassen? Europa als Spielwiese für Träume, die man sich erfüllen kann oder doch Projektionsfläche für alles, was schiefgeht. Von Paris nach Istanbul zu reisen ist immer noch ein Abenteuer, nur halt anders. Europa bewegt sich also doch?!

Usedom und Wollin

Hier wird Europa Wirklichkeit. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten Ost auf Ost traf, verbinden sich heute Osten und Westen auf ganz natürliche Weise. Von Peenemünde bis Dziwnów, von Bansin bis Wolin – Usedom hat schon lange fahrt aufgenommen und präsentiert sich wie eh und je als Sehnsuchtsort für alle, die schon viel von der Welt gesehen haben oder denen die Ostsee näher ist als die Karibik.

Usedom und Wollin – hier gibt’s so einiges im Doppelpack. So gibt es die Insel Usedom als auch die „Hauptstadt“ Usedom. An den nördlichen Ufern sonnt man sich an der Ostsee, im Süden an ruhigen Binnengewässern wie dem Stettiner Haff oder dem Achterwasser

Nur die Kaiserbäder, die gibt’s gleich dreimal. Ahlbeck, Bansin und das berühmte Heringsdorf. Ein Spaziergang entlang der eleganten, eindrucksvollen Villen mit Strandblick entlohnt für so manche Zeit im Stau auf dem Weg in die Sonne. Grażyna und Wolfgang Kling sind die stillen Flüsterer im Vordergrund, die dem Leser/Besucher Usedom und Wollin so nahe bringen, dass man sich schon bei Ankunft wie ein Einheimischer fühlt. Dabei achten sie besonders darauf, dass das Gleichgewicht zwischen dem Offensichtlichen und dem teils Verborgenen gewahrt bleibt.

Dieser Reiseband strotzt nur so vor Informationen. Blau unterlegte Infokästen sind die knackigen Antworten auf kurzfristige Fragen. Zahlreiche Karten erleichtern die Orientierung lassen das Handy dort, wo es im Urlaub hingehört, in der Tasche. Die gelb unterlegten Kästen sind unterhaltsame Wissenslückenfüller, die eine kurze (Lese-) Rast zur wissbegierigen Pause wandeln.

Hier ist alles drin, was diese beiden Inseln so unverwechselbar und so begehrt machen. Das begrenzte Übernachtungsangebot – und das ist gut so, denn wenn hier Bettenburgen die Sicht auf den Horizont versperren würden, wäre Usedom mit einem Mal wie leer gefegt – gepaart mit der Einsicht, dass es „gleich um die Ecke“ ein wahrhaftes Paradies gibt, sind das Pfund, mit die Doppelinsel wuchern kann.

Auf Usedom urlauben, hieß schon immer auf der Sonnenseite zu stehen. Ebenso auf Wollin. Ein Grenzübertritt, der sich gar nicht so anfühlt, ist das beste Zeichen für Zusammenhalt. Und so merkt man auch gar nicht, wenn man im nächsten Kapitel des Buches schon wieder in einem anderen Land ist.

Rügen Hiddensee Stralsund

Man muss alle rügen, die nichts an Rügen finden. Denn die größte deutsche (Urlaubs-) Insel ist ein Füllhorn an Attraktionen. Auch, aber  nicht vor allem wegen Caspar David Friedrich, der in den vergangenen Jahren auch international einen Aufschwung genommen hat wie ihn einst nur Andy Warhol vermelden konnte. Friedrich hier, Friedrich da. Alles so romantisch. Rügen ist es auch. Doch nur zu einem gewissen Prozentsatz und gewiss nicht ausschließlich.

Wer Rügen sagt, meint vor allem Erholung im engsten Wortsinne. Tief einatmen, und wieder ausatmen. Die Meeresbrise aufsaugen. Kraft tanken. Denn wer Rügen erkunden will, braucht Ausdauer. Und einen kenntnisreichen Tippgeber. So wie Peter Höh es ist. Sein Rügen-Reiseband ist ein gigantisches Kleinod und eine Schatztruhe an Erkundungen. Das reicht vom Besuch der ersten Gorch Fock in Stralsund, was geographisch noch nicht zu Rügen zählt. Aber ohne Stralsund und Brücke und damit verbundenen Wartezeiten ist Rügen nur eine Insel. Und es endet noch lange nicht an den Kreidefelsen (Hallo, Caspar David Friedrich!). Und einfach nur faul am Strand von Glowe rumliegen, ist auch nicht Rügen total. Ein Kurkonzert in Binz? Reicht auch noch nicht für das Komplettpaket Rügen. Ja, was ist es nun das Komplettpaket Rügen?

Knapp dreihundertfünfzig Seiten, 30 Ortspläne, Routenvorschläge, auch fürs reisen mit Kindern oder auf dem Drahtesel, über einhundert Fotos – kurzum: Dieser Reiseband ist das Komplettpaket Rügen.

Wer hier so manchen Sommerurlaub in der Kindheit verbrachte und schon seit Jahren nicht mehr hier war, der erlebt schon beim ersten Durchblättern sein blaues Wunder. Und das hat erstmal gar nichts mit der Farbe der Ostsee zu tun. Es ist der blaue Himmel, im Zusammenspiel mit eben dieser Ostsee und dem unfassbar umfangreichen Angebot, was man hier erleben kann. Schlösser wie das Jagdschloss Granitz, wo Kinder im Nu zu Schlossherren mutieren oder versteckte Ruheoasen wie … nein, die muss man schon selbst suchen und für sich behalten (einige verrät der Autor dann aber doch) bis hin zu empfehlenswerten Orten, die alle Sinne inklusive Magenknurren bestens bedienen.

Die kaum zahlbaren Tipps für allerlei Machenswerte für groß und Klein nicht gespickt mit Öffnungszeiten, Eintrittsgeldern und den obligatorischen Nennungen der Homepage, wo man die letzten offenen Fragen beantwortet bekommt. Dieses Buch bietet mehr Rügen als jede Internetsuche!

Kinder der Bucht

Das Paradies kann man sehen, kann es vielleicht sogar hören. Es zu erleben wird schon schwieriger. Die Bucht von Longo Maï ist das Paradies. Zumindest für die wenigen Bewohner. Im Sommer tummeln sich hier noch Besucher und genießen erholsame Stunden und Tage am Meer. Für Ordnung sorgt die Zollstation. Klingt komisch, ist aber so…

Nine und Coco sind echte Paradiesianer – Paradeiser sind sie nicht! Sie sind hier aufgewachsen. Und entdecken jeden Tag aufs Neue das Paradies. Hoch oben auf den Felsen hat man den besten Überblick. Doch Nine ist das nicht mehr genug. Zuviel des Guten ist ihr einfach zu wenig. Da draußen muss es noch mehr geben. Die Enge der Freiheit erstickt sie und ihren Tatendrang. Ausgerechnet jetzt! Nine bricht auf und aus. Ohne Au revoir. Einfach so!

Und dann passiert das, womit niemand im Paradies rechnen kann. Eine Katastrophe – keine Angst: Der Himmel bricht nicht über der Kommune zusammen. Nur vielleicht sinnbildlich. Bei all der Freiheit, die alle hier ungehindert genießen können, herrschen nun auf einmal nicht gekannte Regeln. Der lose Haufen muss wie ein Räderwerk funktionieren. Und allen wird schlagartig klar, dass sie mit dem Schrecken davonkommen können, wenn die Gemeinschaft auch wirklich als solche agiert.

Rémi Baille legt mit „Kinder der Bucht“ einen Debütroman vor, der auch die Jury vom Prix Mare Nostrum überzeugte. Zu Recht!

Hier wird keine neue Form des Zusammenlebens erprobt. Kein neuer Herrscher regiert mit blinder Wut. Hier ist die Kommune selbstverständliches Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Unter freiem Himmel die Wahl der Mittel zu haben, um das Leben leben zu können. Risse sind da. Man springt wie selbstverständlich über sie hinweg. Erst als sich Krater bilden, zwingt man sich Maßnahmen zu ergreifen. Es sind nur reichlich einhundertfünfzig Seiten. Die jedoch reichen allemal aus, um das Paradies zu erlesen, manchmal sogar selbst zu erleben. Wie leichte Wellen, die auf den flachen Strand zurollen, schlagen hier nicht die Wogen hoch. Die ruhige, besänftigende Sprache erlaubt keine Aufregung. Selbst als Nine den Ort verlässt, und ihr Verschwinden erst später bemerkt wird, droht das Paradies nicht auseinanderzubrechen.

Es sind solche kleinen, feinen Bücher, die einen Lesesommer erst zum echten Lesesommer machen. Wäre das Paradies ein Wochentag, dann ist „Kinder der Bucht“ ein Sonntagsbuch.

Zakynthos

Griechenlandurlaub ist fast immer gleichzusetzen mit Inselurlaub. Dabei deckt man unbewusst ein riesiges Areal, das ungefähr mit Rumänien gleichzusetzen ist. Wenn man die Fläche inklusive Wasser betrachtet. Und manch einer kommt ins Schwimmen, wenn er erklären muss, in welchem der vielen Meere er nun gerade urlaubt. Ägäisch, ionisch, kretisch, lybisch – ja, wo sind wir denn nun? Ist vielmals auch egal, Hauptsache Erholung. Unter den Inseln und Inselchen gibt es immer noch und immer wieder versteckte Paradiese, die man erst auf den zweiten oder gar dritten Blick entdeckt. Klar, Santorin, Kreta, Mykonos füllen im Dutzend die Seiten der Prospekte – sofern man dieses noch wälzt. Und irgendwann stößt man auf Zakynthos. Bei alphabetischen Auflistungen folgt eigentlich nur noch Zypern, wenn man im Mittelmeer die Sonne genießen will. Von Zakynthos hört man nichts in den Nachrichten. Allenfalls von Freunden und Kollegen, die dort schon mal waren. Eines ist ihnen allen gemeinsam: Ein Dauergrinsen im Gesicht, weil sie exzellent erholt zurückkehren konnten.

Sabine und Gunther Schwab geht es seit mehreren Jahrzehnten so. Als sie das erste Mal die Insel im ionischen Meer (!) besuchten, kommen sie nicht mehr davon los. Was liegt also näher als gewiefte Sehnsuchtssuchende über „ihre“ Insel einen Reiseband zu verfassen. Mittlerweile gibt es die neunte Auflage. Denn auch Zakynthos verändert sich stetig – meistens zum Besseren.

Wer einmal im Osten der Insel die Black Cave bei Kallithéa besucht hat, fühlt sich komplett wie ein Eroberer, der das Paradies eingenommen hat. Der geschützte Blick aus der relativ kühlen Höhle über die Landschaft bis aufs Meer, ist unbezahlbar. Und wer dort ist, aber nicht weiß wie er zum gleichen Ergebnis kommt, dem geben die Autoren eine Reiseroute an die Hand, die Scheitern unmöglich macht.

Zehn Wanderungen auf der kleinen Insel machen diesen Reiseband zu einem unerlässlichen Begleiter. Antje und Gunther Schwab sind – und das spürt man schon beim Lesen – jeden Meter abgelaufen, um authentisch berichten zu können, worauf man achten muss und was man auf gar keinen Fall verpassen sollte. Ist die reise erstmal gebucht, ist es erste Pflicht dieses Buch eingehend zu studieren. Denn nur faul am Strand liegen, dafür braucht man Zakynthos nicht – auch wenn das hier ebenso erlebnisreich sein kann ist wie eine ausgedehnte Wanderung zwischen knalliger Blütenpracht vorbei an venezianischen Brunnen zu einer Aussicht, die zusätzlich mit einem erstklassigen Mahl gekrönt wird.

Unter den Inseln Griechenlands nimmt Zakynthos eine Ausnahmestellung ein. Und dieser Reiseband strahlt mit der Sonne und den Lesern um die Wette.

Algarve

Was gibt es Schöneres als in den Süden zu düsen, um der schönsten Zeit des Jahres die Krone aufzusetzen? Ehrlich, das ist keine rhetorische Frage, was ist noch schöner als in den Süden zu reisen? In den Süden des Südens zu reisen, natürlich! Also auf nach Vila Real de Santo António und dann weiter nach Tavira, Loulé, Lagos (nein, nicht Nigeria, obwohl das ja auch im Süden liegt), ans Cabo de Sagres, eine Abstecher nach Arrifana bis man endlich in Odeceixe angekommen ist. Eine hübsche Rundreise, bei der man allerlei gesehen hat und … beim bloßen Lesen erstmal ins Grübeln kommt, wo man eigentlich ist. Erst mit dem Hauptort Faro wird so manchem klar, dass es sich um die Algarve handelt, den Süden Portugals. Dort, wo Europa in den Atlantik plumpst. Hohe Wellen schlagen einem ins Gesicht, der Wind nicht minder und bläht die Segel der Surfer auf – die Algarve aber nur auf Wind zu beschränken, wäre fatal.

Denn hier wird das Paradies greifbar. Man muss es suchen, es lässt sich finden – einfacher wird’s mit diesem Reiseband. Die Suche fällt erstaunlich kurz aus, um dem Augenschmaus Algarve nahe zu kommen. Ja, in Faro kann man was erleben, kurze Wege, endlose Strände, ausgeklügelte Infrastruktur – Katalogidylle zum Anbeißen.

Zum Reinbeißen, sich in die Algarve vertiefen – das kann man nur, wenn man sich ganz individuell auf das Abenteuer Algarve einlassen kann. Ein Schritt nach rechts hier, ein Sprung in die andere Richtung da. Und schon ist man zum Beispiel in Alte. Ein malerisches Dorf, wie Autor und Verlagschef Michael Müller es eindruckvoll beschreibt. Reichlich 2000 Menschen leben hier (noch). Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts waren es fast viermal so viele. „Das weiße Dorf“ wird mehr und mehr zum beliebten Ausflugsziel. Und so kommen die Einwohner wieder zurück – sich beeilen, bevor der Geheimtipp zum „ultimativen Geheimtipp“ mit nicht minder ultimativer Insta-Like-Garantie wird, wird fast schon zur Pflicht.

Wer die Algarve nur dem Namen nach kennt, und sich nun ein Bild vor Ort machen will, braucht Hilfestellung. Denn sonst ist man am Pool in Faro gefangen und macht sich hinterher Vorwürfe, wenn man nicht über den Beckenrand geschaut hat. So handlich das Buch ist, so exzellent ist es auch aufgebaut. Die klare Struktur macht das Suchen („ich hatte doch vorhin was gesehen … wo war das denn?!“ oder „Wo muss ich hin? Was kann ich erleben?“) zum Kinderspiel. Der kleine Sprachführer am Ende als Teil des essenziellen Grundwissens über Land und Leute sowie die schier unendliche Zahl an Besuchsmöglichkeiten für jeden Geschmack, lassen nur den einen Schluss zu: Algarve ohne dieses Buch ist möglich, aber … sinnlos vielleicht nicht. Dennoch wird es mit dem Buch in der Hand und der Leidenschaft im Herzen ein ganz besonderer Urlaub. Das ist garantiert!

Kos

Kos ist eine der zwölf Hauptinseln des Dodekanes vor der türkischen Küste. Es gibt sicherlich viele griechische Inseln, die man zuvor besucht hat, bevor man Kos für sich entdeckt. Aber, wer noch nie auf einer griechischen Insel war, diesen Reiseband in den Händen hält, wird hier auf Anhieb sein nächstes Reiseziel finden. Idyllisch, klein, teils abgeschieden, ruhig und aufregend zugleich. Wer sich die Stadtpläne ansieht, ist erstaunt, dass hier sogar manchmal Platz ist einen Supermarkt einzuzeichnen.

Die Insel ist übersichtlich. Aber nicht weniger Attraktiv für neugierige Touristen, die auf eigene Faust ihrem Eroberungsdrang nachgeben wollen. Zwölf Wanderungen – wie soll es auch anders sein: Wir sind im Dodekanes (Zwölf Inseln) – führen über die Insel, die maximal 50 mal 13 Kilometer misst. 120 Kilometer Küstenlinie deuten schon darauf hin, dass Sonnenanbeter und Badehungrige hier mit einem Dauergrinsen im Gesicht ihre schönste Zeit des Jahres verbringen.

Hauptanlaufpunkt ist die Hauptstadt der Insel, und die heißt auch Kos. Südlich davon das Dikeos-Gebirge, wo man die neuen Wanderschuhe mehr als nur einem ersten Test unterziehen kann. Und man muss hier auch nicht Extrembergsteiger sein, um von ganz Oben nach ganz Unten blicken zu können.

Die klare Gliederung des Buches macht die Planung für den Tag zur Minutensache. Kein ewiges Hin- und Herblättern, wo man abbiegen muss, und wo man es getrost auch lassen kann. Die beiden Autoren Yvonne Greiner und Frank Naundorf kennen die Insel seit Jahren. Sie wissen wovon sie schreiben. Und wenn sie behaupten, dass die Busse dann rollen, wenn sie rollen sollen, dann rollen sie auch.

Wer Kos nun für sich entdecken möchte, ist mit diesem Buch bestens ausgestattet. Zweihundertvierzig Seiten reichen aus, um von Ost nach West, von Nord nach Süd oder umgekehrt oder kreuz und quer die Insel für sich einzunehmen. Wo und wann es sich lohnt etwas zu sich zu nehmen – und vor allem was man sich einverleibt, in jeglicher Hinsicht – entscheidet man selbst. Auf alle Fälle bekommt man im Buch mehr als die notwendigen Informationen, um nicht zu verhungern, keinen Aussichtsplatz zu verpassen, die schönsten Strände empfohlen zu bekommen und und und.

Die Nixen von Estland

Ja, es gibt sie. In allen Erscheinungsformen. Sie haben unterschiedliche Fähigkeiten. Nixen. Besonders in Estland. Es muss sie einfach geben. Denn sonst wäre dieses außergewöhnliche Buch in dieser faszinierenden Aufmachung einfach nur ein Witz. Enn Vetemaa hat das erste Bestimmungsbuch für Nixen in Estland geschrieben. Und es wird auch das letzte Buch zu diesem Thema sein. Mehr geht nicht!

Die Najadologie ist ein eigenständiges Wissenschaftsfeld. Nixen gibt es wirklich. Selbst in Kanistern haben sie es sich gemütlich gemacht. In Sträuchern leben sie oft unerkannt. Frühsommer ist eine der Jahreszeiten, in denen man sie am häufigsten erspähen kann. Dafür braucht man nicht einmal eine spezielle – oder gar außergewöhnliche – Ausrüstung.

Und es gibt so wundervoll poetische Unterteilungen. Es gibt Schönhaarige, Waschversessene, Nackttitten (zweimal Doppel-T – wenn das nichts ist?!), Kopfkratzerinnen und Lauthalsige. Wer nun meint, dass er es hier mit einem durchaus fragwürdigen, eventuell frauenfeindlichen Buch zu tun hat, wird ob des wissenschaftlichen Duktus und der überaus expliziten und umfassenden Darstellungen der Objekte eines Besseren belehrt. Nudimamillaris gigantea klingt auf den ersten Blick nicht sonderlich anmutend. Wer hingegen von Nackttittigen Wuchtbrummen liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in jeder Phantasie ein Fünkchen Wahrheit steckt. Stecken muss.

Es ist so: Ein bisschen Glaube schadet nicht. So wie bei schwarzen Katzen die den Weg kreuzen. Laufen sie nach links, ist alles in Ordnung. In der Gegenrichtung wird man schon gern einmal dazu verleitet am Abend den Tag Revue passieren zu lassen und zu überprüfen, ob selbiger wirklich gut verlaufen ist seitdem die Mieze von Links nach Rechts gelaufen ist. „Die Nixen von Estland“ als pure Folklore ohne echten Anspruch auf Richtigkeit abzutun, wäre fatal. Denn wer weiß, taucht beim nächsten Strandspaziergang eine Nixe auf. Und dann? Darf man das Wort Nixe benutzen? Oder verschwindet sie dann gleich wieder in den Fluten? Sind sie hilfereiche Begleiterinnen in schwierigen Lebenslagen? Muss man Argwohn hegen? Wie erkennt man sie? Dringt man unaufgefordert in ihren Lebensraum ein – was passiert?

Die Gestaltung dieser Ausgabe durch Kat Menschik wischt jeden noch so schwachen Zweifel von der Existenz der Nixen mit zielgerichteten Strichen vom Tisch! Mit mehr als einem Augenzwinkern gestaltet sie Räume ohne Wände. Dem Leser sind Text und Bild Wegweiser in eine faszinierende Welt voller Mythen, Hingabe und Frieden. Anders als so mancher Wühltischautor sich aus einem Mix aus Stammtischweisheiten und Vorabendserien seine eigenen Phantasien bierseelig zusammenreimt, ist „Die Nixen von Estland“ ein ernstzunehmendes, vor allem aber sinnlich anregendes Buch, das die Schönheit der Welt in den Vordergrund stellt. Eine Garantie Nixen auch wirklich zu treffen, kann auch dieses Buch nicht geben.