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Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Vier Jahre und vier Monate auf Más a Tierra können einen schwer verändern. Und wenn man dann auch noch allein ist, verkümmern die einfachsten Fähigkeiten wie zum Beispiel die Sprache – mit wem soll man sich denn überhaupt unterhalten?! Wenn dann Rettung naht, auch wenn ein Freibeuter in königlichem Dienst ist, bringt einem der schottische Akzent und eben die Tatsache, dass man das Sprechen quasi verlernt hat, auch nicht zwingend ins Paradies. Ein anderes Paradies als das, was man gerade verlassen hat. Und dann wird man … Moment, berühmt? Nee, berühmt wird man nur eine ganz kurze Zeit. Schließlich hat man richtig viele Monate allein auf einer Insel verbracht und überlebt. Das ist schon eine Meldung in einer Zeitung wert. Kurz ist der Ruhm. Und dann ist die ganze Sache auch schon wieder in der Vergessensschublade des Lebens verschwunden.

Ein ebenso vom Glück abgeprallter Autor liest von eben diesem Schicksal und probiert „einfach mal den Roman seines Lebens zu schreiben.“ Und siehe da: Es gelingt. „Robinson Crusoe“ wird ein Welterfolg. So blumig ausgestattet, paradiesisch abenteuerisch. Und was ist mit dem Mann, der der Anstoß dazu war? Den kennt keine Sau mehr! Und doch hat er einen Namen. Und der ist sogar bekannt! Alexander Selkirk. Bis heute ist er weder auf Geldnoten verewigt, noch hat man ihn zigfach auf Sockel gestellt (bis auf Lower Largo, seinem Geburtstort). Robinson Crusoe, der fiktive Held, ist bekannter als der reale Inselalleinbewohner Alexander Selkirk. Aus dem Geschichtsbuch gefallen – so ist das nun mal.

Ralf Höller hat noch mehr solche Glückspilze gefunden, die sich niemals der kreischenden Masse von Schaulustigen und Sensationsgierigen entgegenstemmen mussten, um eine Schritt vorwärts tun zu können. Sie alle wurden in den Hintergrund gedrängt und schließlich vom Podest gestoßen. Bis der Staub der Geschichte sie unter sich begrub.

Semjon Deschnew ist auch so einer. Eigentlich sollte sein Name auf jeder Landkarte stehen. Doch stattdessen taucht dort immer und logischerweise immer an derselben Stelle der Name Behring auf. Die Meerenge zwischen Russland und Amerika ist nach ihm benannt.

Aus aktuellem Anlass sei auf den Namen Nikolai Resanow ins Gespräch zu bringen. Auch er hat irgendwie etwas mit dem Namen Deschnew zu tun. Zu viel sei hier nicht verraten. Nur so viel. Wenn zwei Dickköpfige Diktatoren sich mal mögen und dann wieder bekriegen, sind Gebietsansprüche bald schon aktueller als man sich so viel Aktionismus niemals mehr vorstellen konnte. Kyrillische Buchstaben in Venice Beach. Piroggi auf der Lambert street. Matrioschkas in der Big Sur. Einfach mal weiterdenken und den unbesungenen Helden ein bisschen Zeit widmen und in diesem denkwürdigen, exzellent recherchierten, geschliffne formulierten Büchlein wahrer Geschichte den gebührenden Platz einzuräumen. Ein Schmunzeln ist das Mindeste, was dieses Buch dem Leser ins Gesicht zaubert.

Rosa Parks – Meine Geschichte

Man muss sich selber respektieren. Worte, die durchaus ihre Berechtigung haben, jedoch schnell im Sumpf der Küchenpsychologie verschwinden, wenn sie inflationär und zusätzlich auch noch im falschen Kontext benutzt werden. Und wenn dann am Küchentisch auch noch unpassende Matches zwanghaft gesucht werden, ist der Ofen aus.

In der Geschichte der USA waren und sind die echten Helden immer diejenigen gewesen, die sich selbst nicht ins Rampenlicht stellten, sondern mit ihrem Tun sich Respekt verdienten. Eine von ihnen ist Rosa Parks. Sie weigerte sich in den 50ern einfach (und hier ist dieses Wort mehr als angebracht) und mehrfach den Sitzplatz im öffentlichen Bus einem Weißen zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde sie bekannt. Doch wie immer in der Geschichte ist das nicht die ganze Wahrheit! Zum Einen war es damals so – das ist gerade mal 70 Jahre her!, nicht mal ein Wimpernschlag im Lauf der Zeit) – dass in Bussen strikte Rassentrennung herrschte. Und das, obwohl verfassungswidrig war! Hinten im Bus waren Reihen für Schwarze reserviert. Von für Weiße. In der Mitte könnten sich Weiße und Schwarze setzen. Wenn allerdings ein Weißer einen Platz in dieser Sektion beanspruchte, musste ein Schwarzer aufstehen und den Platz freimachen. Unvorstellbar! Wie gesagt, wir befinden uns in den 50er Jahren des so modernen 20. Jahrhunderts! Und genau dort saß Rosa Parks. Hinten war kein Platz mehr, vorn durfte sie eh nicht sitzen. Der Bus fuhr nicht weiter. Der Busfahrer wies sie an den Platz zu räumen, sie weigerte sich, die Polizei kam. Und jetzt kam es nicht zu dem berühmten Foto, das um die Welt ging. Das kam erst Jahre später zustande. Sie wurde verhaftet. Nicht zum ersten, und nicht zum letzten Mal. Aber sie wurde bekannt. Sie engagierte sich.

Sie selbst hätte sich niemals als Aktivistin bezeichnet. Sie hätte mehrere Gründe gehabt sich als Aktivistin zu bezeichnen, so oft wie sie gedemütigt wurde. Das Wort war damals nicht so in aller Munde wie heutzutage. Labels entwickelten sich damals noch im Laufe der Zeit. Sie war stets engagiert. Arbeitete für Organisationen und ihre Vertreter. Sie hielt Vorträge, war Ansprechpartner für alle, die ihren Rat suchten. Sich selbst ins Rampenlicht zu stellen, war ihr fremd. Das ist Selbstrespekt in ihrer reinsten Form.

Ihre Autobiographie rückt so manche Schieflage der vermeintlichen Erinnerungen wieder gerade. Mit Hingabe berichtet sie aus ihrem ereignisreichen Leben und zeigt wie sie ein Leben lebenswert machte in einer zeit, in der ein Leben vieler (Schwarzer) in einigen Staaten nur sehr wenig zählte. Wichtig ist es auch anzumerken, dass ihr eigener Sprachstil nicht einer zeitgemäßen Übersetzung zum Opfer fiel. Denn nur so entfaltet sich das komplette Ausmaß an Diskriminierung im land of the free. Man muss schon ordentlich schlucken, wenn man die Zeilen und Absätze liest und erkennt, wie beschränkt bis hasserfüllt Polemik und unkommentierte Vorurteile weitergegeben werden und zu welchen Ergebnissen dies (bis heute) führen kann.

Café Babylon

Das Europa-Center in Berlin, gleich neben dem Breitscheidplatz war bei seiner Eröffnung ein echter Hingucker. Massen strömten hinein und nur schwer wieder hinaus. Heute ist ein Blickversperrer, dessen Glanz selbst bei intensiver Reinigung kaum noch zum Vorschein kommt. Dass hier einmal ein Vulkan brodelte, ist nur noch wenigen bekannt. Es sei denn man besucht die Ausstellung zum Romanischen Café. Denn das Romanische Café war in den 20er Jahren DAS Café. The place to be. Hier schlürften Bertolt Brecht und Egon Erwin Kisch Kaffee (vielleicht nicht gemeinsam, vielleicht doch), Joachim Ringelnatz wurde zu so manchem Vers inspiriert, Else Lasker-Schüler kamen hier Ideen, die ihre Kunst entscheidend prägten, Bruno Cassirer machte hier sicherlich das eine oder andere Geschäft. Die Gästeliste liest sich nicht nur wie ein Who-Is-Who der Berliner Kunstszene, sie ist es!

Von Generation Z war damals noch nicht die Rede – Bohemians waren sie, wenn man ihnen ein Label verpassen wollte. Die oft knappen Apanagen und Tantiemen wurden hier in notwendige Zuführung von Entspannung umgesetzt. Man stritt, man diskutierte, man ersann, man quatschte einfach nur. Doch eben nicht irgendwer. Nicht irgendwelche Leute, die einfach nur mit minimalem Aufwand maximale seelische Befriedung suchten, sondern ihrer Kunst Antriebsfedern verliehen, sich mit Gleichgesinnten austauschten. Im Romanischen Café brodelte es nicht nur unter den marmornen Tischplatten. Besonders, wenn Leonhard Frank das Café betrat. Seine Eleganz regte zu allerlei Spott an.

Heute unvorstellbar. Auch, weil Bilder in Ausstellungen den Geist des Cafés nur bedingt wiedergeben können. Das Café wäre – würde noch existieren – heute ein anderes. Nicht nur wegen des Rauchverbotes. Man stelle sich vor, dass drinnen Stefan Zweig und Franz Werfel streiten, während draußen Brecht an seiner Zigarre zieht und Kisch sich mit Kippe im Mundwinkel den Hut zurechtrückt und nachdenkt, worüber drinnen gestritten wird.

Christian Buckard lässt die Goldene Zeit wieder aufleben. Im ständigen Kommen und Gehen der Gäste zeichnet er ein Bild von Berlin, das leider auch nicht mehr existiert (auf das Bild des zerbombten Cafés, in das man von außen bis in die erste Etage blicken konnte, wie Alfred Döblin bemerkte, kann man gern verzichten). Doch das ist keine Erscheinung der Gegenwart. Schon auf dem Höhepunkt der kreativen Auseinandersetzung bei Bier, Kaffee und Cognac bröckelte erst die Fassade, später blieben aus Angst die Gäste fern. Denn die Nazis übernahmen die Macht und die Angst machte sich breit. Gäste wurden willkürlich verprügelt. Mobiliar ging zu Bruch, nicht weil zwei Querköpfe sich in die Haare bekamen, sondern, weil Braunhemden um sich schlugen. Kisch ließ sich nur eine Zeitlang davon abhalten ins Café zu gehen. Das ist die traurige Seite der ansonsten bunten, fröhlichen Geschichte des Romanischen Cafés. Vielleicht gehört es zur Legendenbildung, dass nichts von Bestand zu sein hat. Eine traurige Erkenntnis! Doch wer sollte den Platz von Gottfried Benn und Walter Benjamin heute einnehmen? Influencer, die ihr leid klagen, dass sie schon Stunden nach dem Aufstehen, also am frühen Nachmittag ihrer Community Neuestes aus ihrem Leben zeigen müssen?! Dann lieber in Erinnerungen schwelgen, die guten Zeiten hochleben lassen und sich erinnern, das wahre Künstler auch nur ganz normale Menschen waren und sind.

Haïti

Lange nichts aus Haïti gehört. Das kann auch mal gut sein. Denn oft, zu oft in der Vergangenheit waren Nachrichten aus dem Karibikstaat keine guten Nachrichten. 2010 das verheerende Erdbeben. In den Jahrzehnten zuvor nur erschreckende Bilder von einem Regime, das von der Familie Duvalier errichtet wurde, um sich selbst zu bereichern und Tausende das Leben kostete. Was gab’s sonst aus Haïti?

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft musste das Team – als es doch in die USA einreisen durfte, denn auch da gab es seitens der Trump-Regierung wieder mal trouble – sein Trikot ändern lassen. In der unteren Hälfte war symbolhaft die Schlacht von Vertières abgebildet. Laut Hersteller eine Reminiszenz an die historische Schlacht und kein politisches Statement. Die Veranstalter zeigten sich uneinsichtig – das Trikot verschwand.

Schlacht von Vertières – nie gehört? Das liegt wohl daran, dass das Land so weit weg ist und Meldung aus Haïti fast immer nur Kopfschütteln verursacht und oberflächiges Mitgefühl. In Krimiserien gibt es die haïtianische Mafia, die gnadenlos Gegner um die Ecke bringt. Doch noch mal zurück zur Schlacht von Vertières. Die muss doch bedeutsam sein, wenn sie auf dem Trikot der Fußballnationalmannschaft abgebildet ist?! Ist sie auch! Denn hiernach begann das Freischwimmen von fremden Mächten. Das war 1803. Haïti war nicht länger französische Kolonie. Auf dem Papier klingt das alles wunderbar. Doch warum haben wir, die tausende Kilometer und etliche Flugstunden entfernt Lebende so ein verschwommenes und klischeebehaftetes Bild des Inselstaates?

Toni Keppler klärt auf. Er klärt auf, dass in dem Land ein Reichtum schlummert, der das Land zu einem fast schon einzigartigen Ort macht. Es ist die reichhaltige Kultur, die allen (!) Widrigkeiten zum trotz sich stets am Leben erhielt und weiterentwickelte. Selbst die Jahre der Duvalier-Diktaturen (zuerst Papa Doc, dann sein Sohn Baby Doc) konnten der prallen Phantasie der Bewohner wenig anhaben. Eine besondere Form der Kurzgeschichte, die Bewahrung der eigenen Sprache, die Vielfalt der Themen – immer wieder versuchten Machthaber der Kunst ihren Stempel aufzudrücken. Vergebens! Die Werke erschienen im fernen Exil, und verbreiteten sich.

Bis heute steht Haïti unter tatkräftiger Zuhilfenahme haïtianischer Schergen unter der Fuchtel diverser Goldgräber, deren Moral auf ein Minimum beschränkt ist. Dabei spielen Nationalitäten keine Rolle mehr. In diesem Buch werden Erinnerungen wachgerufen, bedeutende Namen hervorgehoben und der Hoffnung ein fruchtbarer Boden bereitet. Zusammen mit den Werken u.a. von Gray Victor, Kettly Mars und Frankétienne ergibt sich ein umfassendes Bild eines Landes, das viel zu lange ein Dasein im Dunkeln fristen musste.

Berliner Geschichte in Karten

Wollnashornkieferknochen – das verhilft beim Scrabble zum sicheren Sieg. Doch wie kommt man da hin? Achtung, jetzt muss man ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und mitdenken. Man fährt von berlin aus Richtung Spandau, an den Spektesee. In der alten Kiesgrube Parey – dort findet man den Weg ins unendliche Scrabble-Glück. Oder man erfährt wie man zu ältesten Bewohner Berlins gelangt. Genug der Wortspielchen. „Berliner Geschichte in Karten“ verspricht jedem Suchenden den richtigen Weg – ob nun zur Erkenntnis oder einem wichtigen Ort muss man für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer sich für Berliner Geschichte interessiert, hat ab sofort ein neues Lieblingsbuch! Das beginnt schon bei den Wappen der in Berlin durchaus zahlreich vorkommenden Adelsgeschlechter und endet noch lange nicht mit dem Vergleich der Stadtpläne rund um den Potsdamer Platz damals und heute. Denn was damals war, ist heute weg. Parallel führen hier nur noch die Fahrspuren in die umgrenzenden Stadtgebiete.

Berlin wie wir es heute kennen, ist eine Schöpfung der Moderne. Zuvor lag man im ewigen Clinch aus welcher Ecke von Berlin man nun komme. Wilmersdorfer waren da genau so eigenbrödlerisch wie Neukölner oder Bewohner des Wedding. Teils ist es heute noch so, dass man kaum den eigenen Kiez verlässt – man hat ja schließlich alles, was man braucht um die Ecke. Auch hier gilt wieder, dass man verdammt lange und tiefgründig suchen muss, um Erinnerungsstücke von damals zu finden.

Fast schon spielerisch einfach wird es mit der Gründung von Groß-Berlin (und der Jahre zuvor). Auf den Spuren des Spartacus-Aufstandes kann man heute durchaus eine gewisse Zeit verbringen. Wenn man die richtige Karte hat. Mehr als hundert Jahre später sind die Orte noch wohlbekannt, wenn auch nicht komplett erhalten. Zu sehen wie es sich jetzt anfühlt, wie es jetzt ausschaut, und wie es damals gewirkt haben muss – so einen Stadtrundgang kann nicht jeder machen!

So sehr Berlin heute als die Stadt angesehen wird, wo rund um die Uhr, an 365 Tagen immer was los ist, so sehr ist Berlin auch Industriestandort gewesen – die Hinterlassenschaft sind teils noch in Betrieb, mehr jedoch sichtbar. Ebenso die zahlreichen Kopfbahnhöfe, die die Zeit in ihrem Vergessensschlund verschlang.

Noch einmal zurück zu den Kiezen, die immer noch nicht recht abgrenzbar sind. Schaut man sich die Entwicklung dieser Quartiere an, sieht man über einen Zeitraum von fast 150 Jahren, wie versprengte Ortschaften zu einer homogenen Masse zusammengewachsen sind.

Informativ, detailreich, bunt, attraktiv und leicht verständlich ist dieses Buch eine willkommene Ergänzung zu jedem Berlin-Reiseband, der den Besucher an die Hand nimmt. Hier werden mehr Geheimnisse zutage gefördert als die sumpfige Landschaft der Urzeit jemals verschlingen konnte.

Straßenköter

Wenn man sich in Marlons Charakter eingelesen hat, ist man erstaunt, dass der Anfang der Geschichte so reibungslos verlief. Er wartet im Wagen – so wie man ihm es gesagt hatte. Zur verabredeten Zeit steht er dort, wo er stehen soll – so wie man es ihm gesagt hat. Okay, das Wegfahren war ein wenig hektischer als … man ihm gesagt hat. Aber im Großen und Ganzen lief alles so wie man es ihm gesagt hat. Selbst er kann s kaum glauben, dass alles so verlief …

Kurze Planänderung. Die Beute wird erst in drei Wochen aufgeteilt. Beute? Ja, Marlon war Fahrer beim einem Banküberfall. In Hamburg. 1975. Zu einer Zeit, in der gern mal Autos „einfach so“ (was natürlich nicht stimmt, selbst 1975 konnte die Polizei nicht „einfach mal so“ anhalten und durchsuchen) durchsuchte. RAF, Terror – insgesamt unsichere Zeiten, im Vergleich zu den Jahren zuvor. Ok, Beute erst in drei Wochen. Gary hielt das für besser. Er konnte sich lebhaft vorstellen wie seien Mitstreiter sofort nach Auszahlung losgehen und die Kohle gnadenlos auf den Kopf hauen. Das ruft nicht nur Neider auf den Plan, sondern auch die Polizei. Drei Wochen warten – erstmal knacken, zuhause, drei Wochen irgendwie rumbringen. Bis hierhin läuft alles so wie man es ihm gesagt hat.

Als Marlon um die letzte Ecke biegt, den ersehnten Schlaf schon fast  greifen kann, läuft nichts mehr so wie man es ihm sagte und schon gar nicht wie er es sich erträumte. Denn da stehen Typen – zweimal so große wie er, dreimal so breit und x-mal entschlossener als er jemals sein wird. Er schafft es gerade noch zwei Fotos seiner Oma und eine Erinnerung an seinen Vater an sich zu reißen. Doch wo soll er hin? Sein Kumpel wurde krankenhausreif geschlagen. Dessen Freundin, die Marlon eh nie leiden konnte (was auf Gegenseitigkeit beruhte) sieht auch nicht besser aus. Und auf den Titelseiten der Zeitungen prangen die Visagen der vier Bankräuber, inklusive dem von Marlon. Bloß gut, dass Marlon ein steter Rumtreiber war. Er kennt Hinz und Kunz und die kennen ihn. Doch so gut ist das auch wieder nicht. Denn es in unruhigen Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste. Besonders, wenn der Gesuchte von einer Horde Krimineller und den Behörden gesucht (später sogar von denjenigen, denen das ganze Land die unruhige Zeit zu einem großen Teil zu verdanken hat) sowie von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt wird.

Jürgen Heimbach schreibt nicht einfach nur einen Krimi. „Straßenköter“ ist eine Zeitreise in einer Raumkapsel, an der so manche Erinnerung schon abzuprallen droht. Er holt Geschichte zurück ins Bücherregal, ohne die Klischees von Manifesten, Verschwörungstheorien und abartigem Terror noch einmal bildhaft zu wiederholen. Die Jagd auf die RAF hatte zahlreiche Auswirkungen. Im Großen sowieso, aber erst recht im Kleinen. Im Strom mitschwimme – so wie Marlon es immer machte – ist nicht mehr drin. Große Veränderungen schwappen überall drüber und rein, wo man es nicht vermutet. Selbst Herumtreiber, Tagediebe und ja, auch Straßenköter müssen sich der neuen Zeit anpassen…

Marschieren nicht träumen

Eine Freundschaft wie ein Paukenschlag, und dabei begann sie mit einem Peitschenhieb. Als der junge Emil Belzner Major Ritchard, damals noch nicht Major a.D., die Säbel wiederbrachte, die sein Vater geschliffen hatte. Es fehlte einer, da gab’s was mit der Peitsche. Das ist lange her. Emil war dreizehn, der Major fast zwanzig Jahre älter. Und es herrschte Krieg, Stellungskrieg, Grabenkämpfe. Der Altersunterschied ist geblieben.

Jahre später laufen sie sich wieder über den Weg. Der Major hat inzwischen Zizzi geheiratet – und in deren Familienbetrieb eingeheiratet. Zizzi und Emil, das war auch was ganz Besonderes. Noch vor dem Major. Aber zu etwas Beständigem hatte es nie gereicht.

Es entspinnt sich eine rege Konversationsfreundschaft. Der Major, inzwischen a.D., will so gern seine Memoiren niederschreiben. Schließlich gehört sich das so, als Major a.D. Und Emil ist Journalist und immer noch ein wenig verstockt, wenn es um den Major geht. Letzter erinnert sich noch genau ihr erstes Aufeinandertreffen. Das erstaunt Emil. Und so lässt er den Dingen ihren Lauf.

Je mehr Ritchard erzählt desto vertrauter werden er und Emil Belzner. Doch Emil ist nicht einfach nur interessierter Zuhörer. Er weiß den Großteil der Gedanken richtig einzuschätzen. Manchmal wird es sogar richtig handgreiflich. Auch das stellt für Emil kein Problem dar. Denn hier sitzt ihm ein Mensch gegenüber, der mit sich noch lange nicht im Reinen ist. Krieg ist nicht mit einem Friedensvertrag beendet. Schon gar nicht als Deutscher, der im Ersten Weltkrieg diente, und danach die Schmach von Versailles erdulden muss.

Im Kopf des Majors rumort es heftig. Mittlerweile ist er Witwer, Zizzi erlag einer Lungenentzündung. Doch auch der folgende Ortswechsel – und der war nötig, denn Zizzis Familie und der Major sind sich spinnefeind – bringt keine Erlösung. Intellektuell sind sich Major und Journalist nähergekommen. Menschliche trenne sie immer noch Welten. Gehorsam auf der einen, Freidenken auf der anderen Seite. Drill und bedingungslose Disziplin hier, Autoritätszweifel da.

Emil Belzner war Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung und gesamtdeutscher Heinrich-Heine-Preisträger. „Marschieren nicht träumen“ lebt bis heute von der schonungslosen Darstellung davon, was blinder Gehorsam mit dem Menschen machen kann. Nicht jeder, der im Krieg diente, kehrt ohne Blessuren zurück. Wer Schrammen davon trägt, trägt sie manchmal wie Trophäen vor sich her. Andere lassen ihren Frust an Untergebenen aus, nimmt sich Dinge heraus, die Gratwanderungen zum Parforceritt machen. Dieses Buch gehört in eine Reihe mit „Im Westen nichts Neues“ und „Die rote Tapferkeitsmedaille“ zusammen mit Victor Klemperers „LTI“ bilden sie eine Speerspitze gegen Gedankengut, das nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Die erschreckenden Parallelen zur Gegenwart sind das Salz in der Suppe jener, die sich nicht vom Lametta der falschen Wegweiser verleiten lassen.

Hotel Roma

Hat man einmal seine Lieblingsreihe oder seinen Lieblingsschriftsteller gefunden, kommt man schnell in einen Rausch. Man will alles lesen. Nach und nach will man auch sehen, wo Fiktion und Realität Schnittpunkte haben. Sherlock Holmes in London, Nestor Burma in Paris etc. Bei Schriftstellern wird es da schon schwieriger. Man will sehen, was sie sahen. Man will die Spannung erfühlen können, die den Autor erfüllte. Es ist eine Schnitzeljagd auf höchster Gefühlsebene.

Und wenn man dann noch in einer Zeit lebt, die Isolation zur Maxime erkoren ließ, schießen die Gedanken in den Himmel. Pierre Adrian muss es wohl so gegangen sein. Das Jahr 2020. Corona. Kontaktbeschränkungen. Was macht man als Autor? Man widmet sich dem, was man schon kennt, versucht noch tiefer in die Materie – im vorliegenden Fall ins Leben seines Vorbilds – einzutauschen. Cesare Pavese ist für Pierre Adrian fast schon ein Heiligtum. Er kennt sein Werk in. Und auswendig. Und er bedauert den viel zu frühen (selbst erwählten) Tod des Schriftstellers… Solche Ideen, die am Reißbrett der Sehnsucht entstehen, sind vom Erfolg gekrönt, wenn keine Ablenkung das Vorhaben stört. Wie gesagt, es ist Coronazeit. Ablenkung Fehlanzeige.

Es soll ein Roman werden. Fast schon ein Roadtrip. Der Erzähler – es muss Adrian sein! – will und muss sich mit seiner großen Liebe treffen. Das ist eine Frau, die aus Rom eintreffen wird. Gemeinsam wollen sie…

Als Leser von Cesare Pavese kennt man sich schon nach wenigen Kapiteln seiner Bücher ziemlich gut aus im Piemont und in Turin. Man weiß, wo man sich wohlfühlen kann und wo er, der Autor Cesare Pavese, sich quälte und seine Figuren ebenfalls. Und diese Orte besucht der Erzähler. Er sucht Bestätigung seiner Vorstellungen seines Idols. Er taucht in eine Welt ein, die er nie erleben konnte – die Gnade der späten Geburt.

Natürlich spielt das Hotel Roma in „Hotel Roma“ eine entscheidende Rolle. Der Ort, an dem Pavese seinem viel zu kurzen Leben ein Ende setzte. Hierhin zog er sich zurück – hier wurde er in eine andere Welt gezogen. Sein Ableben wurde erst spät bemerkt. Die Tage und Wochen zuvor sind nicht weniger spannend als das gesamte Leben des Künstlers, der unter anderem moderne amerikanische Literatur in die italienische Kulturlandschaft transformierte und selbst nicht mehr verwischbare Spuren hinterließ. Der Erzähler findet Weggefährten oder Angehörige von ihnen. Er entwirft ein Bild eines Mannes, das trotz der kaum bis gar nicht vorhandenen Bilder so klar ist wie man es sich nur wünschen kann.

„Hotel Roma“ ist mehr als eine Ergänzung zum Werk Cesare Paveses. Es ist essentieller Bestandteil eines literarischen Erbes, das immer noch viel zu wenige kennen. Hier wird nicht einfach eine Chronologie aufgestellt, hier wird ein Leben erlebbar gemacht!

Leipzig. Europas Architektur in einer Stadt

„Komm nach Hagen, werde Popstar!“. Das ist mehr als vierzig Jahre her. Komm nach Leipzig, werde Architektur-Kenner, genieß die Feinheiten und vor allem die Vielfalt – das bekommt nun eine ganz neue Dimension. Und die hält viel länger an als die Liedzeile der Band Extrabreit aus Hagen.

Der Untertitel „Europas Architektur in einer Stadt“ gibt einen Vorgeschmack auf das, was auf den folgenden ca. dreihundert Seiten kommt. Die volle Ladung Geschichte, Wissen, Augenschmaus und Herzenswärme. In kaum einer anderen Stadt lässt sich die Architekturentwicklung Europas so umfassend betrachten wie in Leipzig. Gewagte These – Stefan W. Krieg war mehr als eine Vierteljahrhundert Stadtbezirkskonservator in Leipzig und befasst sich seit seiner Zeit als Student der Kunstgeschichte, Geschichte, Germanistik, Archäologie und Komparatistik mit Architektur.

Um e4s vorweg zu nehmen: Selbst eingeborene Leipziger werden in diesem Buch noch Orte finden, die sie eventuell kennen, jedoch so noch nie betrachtet haben. Das ist ein Versprechen! Ebenso die Tatsache, das Leipzig ab sofort mit anderen Augen gesehen wird.

Wer durch die City  von Leipzig läuft, früher sagte man „die Stadt“, womit die Innenstadt gemeint war, downtown sagen die, die ihrer scheinbaren Weltläufigkeit einen Hauch Internationalität geben wollen, wird nur mit erhobenen Haupt die Vielfalt an erstaunenswerten Details entdecken. Da stehen Betonklötzer (die gab es schon ab der Zeit nach dem Weltkrieg) gleich neben oder gegenüber von reich verzierten Fassaden, die man nicht im Vorbeigehen, sondern im Innehalten erfassen kann. Kleine handwerkliche Preziosen, die sich nicht verstecken und doch nicht jedem direkt ins Auge fallen. Selbst Pyramiden sind im Stadtbild nur mit erhobenem Haupt zu erkennen. Straßenführung, Fassadenkunde, Einblicke in die Geschichte der Architektur – ein Stadtbummel mit dem Autor ist eine Erlebnistour, die unbezahlbar ist!

Unbeirrbar fräst sich Stefan W. Krieg durch die Stadt, die dank ihrer Handelstradition und des damit verbundenen Reichtums schon immer ein Spielfeld was für ausgefallene Ideen der Bauherren. Die Vielfalt an Villenvierteln in grüner Umgebung, die Nähe zum Wasser, die Ansiedlung von Industrie trugen immer wieder dazu bei, dass Leipzig sich klamm und heimlich zu einer Perle entwickelte, die seit Jahren wieder die Besucher an Parthe und Pleiße lockt. Hier wurde nach der Wende ein Fluss wieder ans Tageslicht geholt, der zuvor Jahrzehnte eine stinkende Kloake war, die bei ungünstig stehendem Wind mindestens zu Naserümpfen anregte. Heuet sind Sitzplätze an der Pleiße in der Stadt begehrte Oasen, die man nur hergibt, wenn man wirklich Wichtiges zu tun hat.

Schon die Umschlagseite am Anfang und Ende des Buches zeigen welch große Vielzahl an Orten es zu erkunden gibt. Dazwischen liegen prachtvolle Abbildungen, die den Vergleich mit den Vorbildern nicht scheuen müssen. In Leipzig wurde Geschichte angenommen, was schlussendlich dazu führte, dass hier Geschichte geschrieben wurde, damit andere die Geschichte wiederum annehmen können.

Dieses Buch lädt einmal mehr dazu ein die Stadt zu erkunden und sich gleichzeitig einen Überblick zu verschaffen, welche Strömungen in der Architektur in heutigen Kontext immer noch Symbiosen eingehen, ohne dabei ihren Reiz zu verlieren.

A13

So eine Autobahn hat es nicht leicht. Pausenlos rollt man über sie hinweg – das kann sie ja noch verkraften. Schließlich ist das der Grund ihres Daseins. Aber das permanente an ihr Herumgepicke nervt sie sicherlich. Und keiner würdigt sie. Sie ist das berühmte Mittel zum Zweck. Sie ist der Weg zum Ziel, das niemals direkt an ihr liegt. Nun gut, tauscht man sich darüber mit dem Landschaftskalligraphen Lorenzo Custer darüber aus, bekommt man eine ganz andere, eigene Sichtweise auf Autobahnen zu hören. Er ging schon länger mit der Idee schwanger ein Buch über die A13, die Nord-Süd-Beton-Verbindung der Schweiz zu gestalten.

Linard Bardill sollte die Texte schreiben. Sie fanden sich, sie trafen sich und machten das, was niemand für möglich hielt. Ein Buch, fast schon eine Liebeserklärung an die A13. Dass die Idee ein wenig verrückt ist, wussten beide. Aber das sollte doch kein Grund sein es nicht zu tun. Was ein Glück!

Startschuss war im Norden, den Schlusspunkt soll naturgemäß – irgendwann endet jede autostrada – Bellinzona bilden. Ein Reiseband mit informativen Tipps zur Einkehr und zum Ausruhen sollte es nicht werden. So viel gibt die Autobahn nur auch nicht her. Aber ein Reisebericht mit allerlei Anekdoten, mit Stupsern in die Rippen („Schau mal … da!“) und so manchem „Kennst Du schon?!“ ist dann doch die bessere Wahl.

Und so kommen sie auch zum so genannten Zahnwehkirchlein. Geht einem der Nerv auf die Nerven, kann man hier oben Trost suchen. Und wenn das nicht hilft, … die Klippen für den Sprung in die erlösende Befreiung vom Zahnweh sind nur ein paar Schritte entfernt. Linard Bardill macht es sichtlich Spaß solche Geschichten zu erzählen. Man merkt sofort, dass er ein Schelm ist.

Lorenzo Custer ist der Großmeister der gezogenen Linie. Ein ums andere Mal erstaunt er seinen Mitfahrer wie schnell und geschickt ein einzelner Strich ein ganze Landschaft erzählen kann. Und beim ersten bloßen Durchblättern dieses unzweifelhaft einzigartigen Buches erhellen die Zeichnungen des Architekten und Zeichners und machen Appetit auf die gelungenen Zeilen des Autors.

Isla Bella ist nur eine weitere Station auf dem Weg der beiden gen Süden. Hier ist es schön, sagt ja schon der Name – bella. Es gab Zeiten, da hat es hier fürchterlich gestunken. Warum? Keiner weiß es. Keiner? Einer kennt sie, und er hat sie immer seinen Kindern erzählt. Ein Riese war so wütend, dass man die Quelle seiner Lieblingswasserfrau zerstört hat, dass er in den Tunnel hineinfurzte. Das war seine besondere Fähigkeit, er hieß Trettel, was auf Romanisch Furz bedeutet.

Es sind Geschichten wie diese, die aus einer verrückten Idee ein unterhaltsames Buch machen. Warum unterwegs auf der A13 nicht die üblichen Spielchen spielen – Autokennzeichen raten etc.? Immer wenn man einen Punkt aus dem Buch passiert, wird die Geschichte vorgelesen. Besondere Bücher sind in besonderen Situationen besondere Begleiter.