Kategoriearchiv: aus-erlesen historisch

Straßenköter

Wenn man sich in Marlons Charakter eingelesen hat, ist man erstaunt, dass der Anfang der Geschichte so reibungslos verlief. Er wartet im Wagen – so wie man ihm es gesagt hatte. Zur verabredeten Zeit steht er dort, wo er stehen soll – so wie man es ihm gesagt hat. Okay, das Wegfahren war ein wenig hektischer als … man ihm gesagt hat. Aber im Großen und Ganzen lief alles so wie man es ihm gesagt hat. Selbst er kann s kaum glauben, dass alles so verlief …

Kurze Planänderung. Die Beute wird erst in drei Wochen aufgeteilt. Beute? Ja, Marlon war Fahrer beim einem Banküberfall. In Hamburg. 1975. Zu einer Zeit, in der gern mal Autos „einfach so“ (was natürlich nicht stimmt, selbst 1975 konnte die Polizei nicht „einfach mal so“ anhalten und durchsuchen) durchsuchte. RAF, Terror – insgesamt unsichere Zeiten, im Vergleich zu den Jahren zuvor. Ok, Beute erst in drei Wochen. Gary hielt das für besser. Er konnte sich lebhaft vorstellen wie seien Mitstreiter sofort nach Auszahlung losgehen und die Kohle gnadenlos auf den Kopf hauen. Das ruft nicht nur Neider auf den Plan, sondern auch die Polizei. Drei Wochen warten – erstmal knacken, zuhause, drei Wochen irgendwie rumbringen. Bis hierhin läuft alles so wie man es ihm gesagt hat.

Als Marlon um die letzte Ecke biegt, den ersehnten Schlaf schon fast  greifen kann, läuft nichts mehr so wie man es ihm sagte und schon gar nicht wie er es sich erträumte. Denn da stehen Typen – zweimal so große wie er, dreimal so breit und x-mal entschlossener als er jemals sein wird. Er schafft es gerade noch zwei Fotos seiner Oma und eine Erinnerung an seinen Vater an sich zu reißen. Doch wo soll er hin? Sein Kumpel wurde krankenhausreif geschlagen. Dessen Freundin, die Marlon eh nie leiden konnte (was auf Gegenseitigkeit beruhte) sieht auch nicht besser aus. Und auf den Titelseiten der Zeitungen prangen die Visagen der vier Bankräuber, inklusive dem von Marlon. Bloß gut, dass Marlon ein steter Rumtreiber war. Er kennt Hinz und Kunz und die kennen ihn. Doch so gut ist das auch wieder nicht. Denn es in unruhigen Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste. Besonders, wenn der Gesuchte von einer Horde Krimineller und den Behörden gesucht (später sogar von denjenigen, denen das ganze Land die unruhige Zeit zu einem großen Teil zu verdanken hat) sowie von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt wird.

Jürgen Heimbach schreibt nicht einfach nur einen Krimi. „Straßenköter“ ist eine Zeitreise in einer Raumkapsel, an der so manche Erinnerung schon abzuprallen droht. Er holt Geschichte zurück ins Bücherregal, ohne die Klischees von Manifesten, Verschwörungstheorien und abartigem Terror noch einmal bildhaft zu wiederholen. Die Jagd auf die RAF hatte zahlreiche Auswirkungen. Im Großen sowieso, aber erst recht im Kleinen. Im Strom mitschwimme – so wie Marlon es immer machte – ist nicht mehr drin. Große Veränderungen schwappen überall drüber und rein, wo man es nicht vermutet. Selbst Herumtreiber, Tagediebe und ja, auch Straßenköter müssen sich der neuen Zeit anpassen…

Marschieren nicht träumen

Eine Freundschaft wie ein Paukenschlag, und dabei begann sie mit einem Peitschenhieb. Als der junge Emil Belzner Major Ritchard, damals noch nicht Major a.D., die Säbel wiederbrachte, die sein Vater geschliffen hatte. Es fehlte einer, da gab’s was mit der Peitsche. Das ist lange her. Emil war dreizehn, der Major fast zwanzig Jahre älter. Und es herrschte Krieg, Stellungskrieg, Grabenkämpfe. Der Altersunterschied ist geblieben.

Jahre später laufen sie sich wieder über den Weg. Der Major hat inzwischen Zizzi geheiratet – und in deren Familienbetrieb eingeheiratet. Zizzi und Emil, das war auch was ganz Besonderes. Noch vor dem Major. Aber zu etwas Beständigem hatte es nie gereicht.

Es entspinnt sich eine rege Konversationsfreundschaft. Der Major, inzwischen a.D., will so gern seine Memoiren niederschreiben. Schließlich gehört sich das so, als Major a.D. Und Emil ist Journalist und immer noch ein wenig verstockt, wenn es um den Major geht. Letzter erinnert sich noch genau ihr erstes Aufeinandertreffen. Das erstaunt Emil. Und so lässt er den Dingen ihren Lauf.

Je mehr Ritchard erzählt desto vertrauter werden er und Emil Belzner. Doch Emil ist nicht einfach nur interessierter Zuhörer. Er weiß den Großteil der Gedanken richtig einzuschätzen. Manchmal wird es sogar richtig handgreiflich. Auch das stellt für Emil kein Problem dar. Denn hier sitzt ihm ein Mensch gegenüber, der mit sich noch lange nicht im Reinen ist. Krieg ist nicht mit einem Friedensvertrag beendet. Schon gar nicht als Deutscher, der im Ersten Weltkrieg diente, und danach die Schmach von Versailles erdulden muss.

Im Kopf des Majors rumort es heftig. Mittlerweile ist er Witwer, Zizzi erlag einer Lungenentzündung. Doch auch der folgende Ortswechsel – und der war nötig, denn Zizzis Familie und der Major sind sich spinnefeind – bringt keine Erlösung. Intellektuell sind sich Major und Journalist nähergekommen. Menschliche trenne sie immer noch Welten. Gehorsam auf der einen, Freidenken auf der anderen Seite. Drill und bedingungslose Disziplin hier, Autoritätszweifel da.

Emil Belzner war Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung und gesamtdeutscher Heinrich-Heine-Preisträger. „Marschieren nicht träumen“ lebt bis heute von der schonungslosen Darstellung davon, was blinder Gehorsam mit dem Menschen machen kann. Nicht jeder, der im Krieg diente, kehrt ohne Blessuren zurück. Wer Schrammen davon trägt, trägt sie manchmal wie Trophäen vor sich her. Andere lassen ihren Frust an Untergebenen aus, nimmt sich Dinge heraus, die Gratwanderungen zum Parforceritt machen. Dieses Buch gehört in eine Reihe mit „Im Westen nichts Neues“ und „Die rote Tapferkeitsmedaille“ zusammen mit Victor Klemperers „LTI“ bilden sie eine Speerspitze gegen Gedankengut, das nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Die erschreckenden Parallelen zur Gegenwart sind das Salz in der Suppe jener, die sich nicht vom Lametta der falschen Wegweiser verleiten lassen.

Hotel Roma

Hat man einmal seine Lieblingsreihe oder seinen Lieblingsschriftsteller gefunden, kommt man schnell in einen Rausch. Man will alles lesen. Nach und nach will man auch sehen, wo Fiktion und Realität Schnittpunkte haben. Sherlock Holmes in London, Nestor Burma in Paris etc. Bei Schriftstellern wird es da schon schwieriger. Man will sehen, was sie sahen. Man will die Spannung erfühlen können, die den Autor erfüllte. Es ist eine Schnitzeljagd auf höchster Gefühlsebene.

Und wenn man dann noch in einer Zeit lebt, die Isolation zur Maxime erkoren ließ, schießen die Gedanken in den Himmel. Pierre Adrian muss es wohl so gegangen sein. Das Jahr 2020. Corona. Kontaktbeschränkungen. Was macht man als Autor? Man widmet sich dem, was man schon kennt, versucht noch tiefer in die Materie – im vorliegenden Fall ins Leben seines Vorbilds – einzutauschen. Cesare Pavese ist für Pierre Adrian fast schon ein Heiligtum. Er kennt sein Werk in. Und auswendig. Und er bedauert den viel zu frühen (selbst erwählten) Tod des Schriftstellers… Solche Ideen, die am Reißbrett der Sehnsucht entstehen, sind vom Erfolg gekrönt, wenn keine Ablenkung das Vorhaben stört. Wie gesagt, es ist Coronazeit. Ablenkung Fehlanzeige.

Es soll ein Roman werden. Fast schon ein Roadtrip. Der Erzähler – es muss Adrian sein! – will und muss sich mit seiner großen Liebe treffen. Das ist eine Frau, die aus Rom eintreffen wird. Gemeinsam wollen sie…

Als Leser von Cesare Pavese kennt man sich schon nach wenigen Kapiteln seiner Bücher ziemlich gut aus im Piemont und in Turin. Man weiß, wo man sich wohlfühlen kann und wo er, der Autor Cesare Pavese, sich quälte und seine Figuren ebenfalls. Und diese Orte besucht der Erzähler. Er sucht Bestätigung seiner Vorstellungen seines Idols. Er taucht in eine Welt ein, die er nie erleben konnte – die Gnade der späten Geburt.

Natürlich spielt das Hotel Roma in „Hotel Roma“ eine entscheidende Rolle. Der Ort, an dem Pavese seinem viel zu kurzen Leben ein Ende setzte. Hierhin zog er sich zurück – hier wurde er in eine andere Welt gezogen. Sein Ableben wurde erst spät bemerkt. Die Tage und Wochen zuvor sind nicht weniger spannend als das gesamte Leben des Künstlers, der unter anderem moderne amerikanische Literatur in die italienische Kulturlandschaft transformierte und selbst nicht mehr verwischbare Spuren hinterließ. Der Erzähler findet Weggefährten oder Angehörige von ihnen. Er entwirft ein Bild eines Mannes, das trotz der kaum bis gar nicht vorhandenen Bilder so klar ist wie man es sich nur wünschen kann.

„Hotel Roma“ ist mehr als eine Ergänzung zum Werk Cesare Paveses. Es ist essentieller Bestandteil eines literarischen Erbes, das immer noch viel zu wenige kennen. Hier wird nicht einfach eine Chronologie aufgestellt, hier wird ein Leben erlebbar gemacht!

Leipzig. Europas Architektur in einer Stadt

„Komm nach Hagen, werde Popstar!“. Das ist mehr als vierzig Jahre her. Komm nach Leipzig, werde Architektur-Kenner, genieß die Feinheiten und vor allem die Vielfalt – das bekommt nun eine ganz neue Dimension. Und die hält viel länger an als die Liedzeile der Band Extrabreit aus Hagen.

Der Untertitel „Europas Architektur in einer Stadt“ gibt einen Vorgeschmack auf das, was auf den folgenden ca. dreihundert Seiten kommt. Die volle Ladung Geschichte, Wissen, Augenschmaus und Herzenswärme. In kaum einer anderen Stadt lässt sich die Architekturentwicklung Europas so umfassend betrachten wie in Leipzig. Gewagte These – Stefan W. Krieg war mehr als eine Vierteljahrhundert Stadtbezirkskonservator in Leipzig und befasst sich seit seiner Zeit als Student der Kunstgeschichte, Geschichte, Germanistik, Archäologie und Komparatistik mit Architektur.

Um e4s vorweg zu nehmen: Selbst eingeborene Leipziger werden in diesem Buch noch Orte finden, die sie eventuell kennen, jedoch so noch nie betrachtet haben. Das ist ein Versprechen! Ebenso die Tatsache, das Leipzig ab sofort mit anderen Augen gesehen wird.

Wer durch die City  von Leipzig läuft, früher sagte man „die Stadt“, womit die Innenstadt gemeint war, downtown sagen die, die ihrer scheinbaren Weltläufigkeit einen Hauch Internationalität geben wollen, wird nur mit erhobenen Haupt die Vielfalt an erstaunenswerten Details entdecken. Da stehen Betonklötzer (die gab es schon ab der Zeit nach dem Weltkrieg) gleich neben oder gegenüber von reich verzierten Fassaden, die man nicht im Vorbeigehen, sondern im Innehalten erfassen kann. Kleine handwerkliche Preziosen, die sich nicht verstecken und doch nicht jedem direkt ins Auge fallen. Selbst Pyramiden sind im Stadtbild nur mit erhobenem Haupt zu erkennen. Straßenführung, Fassadenkunde, Einblicke in die Geschichte der Architektur – ein Stadtbummel mit dem Autor ist eine Erlebnistour, die unbezahlbar ist!

Unbeirrbar fräst sich Stefan W. Krieg durch die Stadt, die dank ihrer Handelstradition und des damit verbundenen Reichtums schon immer ein Spielfeld was für ausgefallene Ideen der Bauherren. Die Vielfalt an Villenvierteln in grüner Umgebung, die Nähe zum Wasser, die Ansiedlung von Industrie trugen immer wieder dazu bei, dass Leipzig sich klamm und heimlich zu einer Perle entwickelte, die seit Jahren wieder die Besucher an Parthe und Pleiße lockt. Hier wurde nach der Wende ein Fluss wieder ans Tageslicht geholt, der zuvor Jahrzehnte eine stinkende Kloake war, die bei ungünstig stehendem Wind mindestens zu Naserümpfen anregte. Heuet sind Sitzplätze an der Pleiße in der Stadt begehrte Oasen, die man nur hergibt, wenn man wirklich Wichtiges zu tun hat.

Schon die Umschlagseite am Anfang und Ende des Buches zeigen welch große Vielzahl an Orten es zu erkunden gibt. Dazwischen liegen prachtvolle Abbildungen, die den Vergleich mit den Vorbildern nicht scheuen müssen. In Leipzig wurde Geschichte angenommen, was schlussendlich dazu führte, dass hier Geschichte geschrieben wurde, damit andere die Geschichte wiederum annehmen können.

Dieses Buch lädt einmal mehr dazu ein die Stadt zu erkunden und sich gleichzeitig einen Überblick zu verschaffen, welche Strömungen in der Architektur in heutigen Kontext immer noch Symbiosen eingehen, ohne dabei ihren Reiz zu verlieren.

A13

So eine Autobahn hat es nicht leicht. Pausenlos rollt man über sie hinweg – das kann sie ja noch verkraften. Schließlich ist das der Grund ihres Daseins. Aber das permanente an ihr Herumgepicke nervt sie sicherlich. Und keiner würdigt sie. Sie ist das berühmte Mittel zum Zweck. Sie ist der Weg zum Ziel, das niemals direkt an ihr liegt. Nun gut, tauscht man sich darüber mit dem Landschaftskalligraphen Lorenzo Custer darüber aus, bekommt man eine ganz andere, eigene Sichtweise auf Autobahnen zu hören. Er ging schon länger mit der Idee schwanger ein Buch über die A13, die Nord-Süd-Beton-Verbindung der Schweiz zu gestalten.

Linard Bardill sollte die Texte schreiben. Sie fanden sich, sie trafen sich und machten das, was niemand für möglich hielt. Ein Buch, fast schon eine Liebeserklärung an die A13. Dass die Idee ein wenig verrückt ist, wussten beide. Aber das sollte doch kein Grund sein es nicht zu tun. Was ein Glück!

Startschuss war im Norden, den Schlusspunkt soll naturgemäß – irgendwann endet jede autostrada – Bellinzona bilden. Ein Reiseband mit informativen Tipps zur Einkehr und zum Ausruhen sollte es nicht werden. So viel gibt die Autobahn nur auch nicht her. Aber ein Reisebericht mit allerlei Anekdoten, mit Stupsern in die Rippen („Schau mal … da!“) und so manchem „Kennst Du schon?!“ ist dann doch die bessere Wahl.

Und so kommen sie auch zum so genannten Zahnwehkirchlein. Geht einem der Nerv auf die Nerven, kann man hier oben Trost suchen. Und wenn das nicht hilft, … die Klippen für den Sprung in die erlösende Befreiung vom Zahnweh sind nur ein paar Schritte entfernt. Linard Bardill macht es sichtlich Spaß solche Geschichten zu erzählen. Man merkt sofort, dass er ein Schelm ist.

Lorenzo Custer ist der Großmeister der gezogenen Linie. Ein ums andere Mal erstaunt er seinen Mitfahrer wie schnell und geschickt ein einzelner Strich ein ganze Landschaft erzählen kann. Und beim ersten bloßen Durchblättern dieses unzweifelhaft einzigartigen Buches erhellen die Zeichnungen des Architekten und Zeichners und machen Appetit auf die gelungenen Zeilen des Autors.

Isla Bella ist nur eine weitere Station auf dem Weg der beiden gen Süden. Hier ist es schön, sagt ja schon der Name – bella. Es gab Zeiten, da hat es hier fürchterlich gestunken. Warum? Keiner weiß es. Keiner? Einer kennt sie, und er hat sie immer seinen Kindern erzählt. Ein Riese war so wütend, dass man die Quelle seiner Lieblingswasserfrau zerstört hat, dass er in den Tunnel hineinfurzte. Das war seine besondere Fähigkeit, er hieß Trettel, was auf Romanisch Furz bedeutet.

Es sind Geschichten wie diese, die aus einer verrückten Idee ein unterhaltsames Buch machen. Warum unterwegs auf der A13 nicht die üblichen Spielchen spielen – Autokennzeichen raten etc.? Immer wenn man einen Punkt aus dem Buch passiert, wird die Geschichte vorgelesen. Besondere Bücher sind in besonderen Situationen besondere Begleiter.

Orient-Express

Das waren noch Zeiten. In Paris in den wohl luxuriösesten Zug der Welt einsteigen und erst tage, Wochen später am anderen Ende Europas, in Istanbul diesen wieder zu verlassen. Dazwischen lagen endlose Stunden, Tage in Salons, die man nur in steifer Montur betreten durfte. Man saß zu Tisch. Und vielleicht gab es auch mal einen Mord, der einen den gestärkten Kragen verdammt eng werden ließ. Das war der Orient-Express, den wir aus Büchern und Filmen kennen. Und der noch immer das Bild von gediegener Eleganz vermittelt. Das war einmal. Man kann zwar noch von Paris nach Istanbul reisen, aber…

Eine Reise von Paris nach Istanbul – für Viele ist es mittlerweile INSTAbul – ist immer auch eine Reise in die Gegenwart. Wie lebt man heute zwischen den Millionenmetropolen? Welche Unterscheide gibt es und wie sehr sind sie spürbar? Dennis Gastmann geht diesen Fragen nach. Entlang der Route des berühmten Orient-Expresses. Heute wie damals lassen sich hervorragend Geschichten sammeln.

Wenn man in Paris startet, kommt man nicht um ein Thema herum: Mode. Besonders, wenn man während der nicht minder berühmten Modenschauen während der fashion week in der Stadt ist. Er übernachtet dort, wo man schon früher übernachtete bevor man nächsten Tages das Eisenross bestieg und gen Osten zu reisen. Der Glanz ist ab. Ein Gerüst verhüllt das, was einmal war und nun mit dem Bohrhammer in die gegenwärtige Zukunft transformiert werden soll.

Es gibt noch einen gewaltigen Unterscheid zu „damals“. Damals stieg man in den Zug und erst wieder aus, wenn man am Ziel war. Heute sind Zugwechsel notwendiges Übel. Nach Venedig gelangt Gastmann nur über die Schweiz und Milano, wo ihm auch gleich der neue Geist begegnet. In Gestalt einer Frau. Der Frau, die Italien regiert. Schon wieder ein „damals“ … und nicht das Letzte. In Triest wird es noch deutlicher als er dem Bürgermeister begegnet. Ein ewig gestriger Fürst, der Zukunft zugewandt, doch im Inneren sind er und Meloni das Traumpaar der Rechten.

Der Balkan hat sich noch viel von seinem spontanen Charme bewahren können. Noch! Wo man damals aus dem Fenster schaute, angstvoll, ob nicht irgendwelche Horden der Luxuszug angreifen, keimt hier Hoffnung und wird im gleichen Atemzug von der Rasanz der Entwicklung im Beton begraben. Bulgarien bietet dem Autor den wohl größten Gegensatz. Von ausgelassener Lebensfreude bis in die dunkelsten Ecken eines Armenviertels treibt es ihn auf seiner Route des Orient-Expresses. Sicherlich auch Ecken, die schon „damals“ keiner der Zugreisenden besuchte.

Dennis Gastmanns Orient-Reise ist ein ewiges Rätsel. Was lauert hinter der nächsten Biegung, und das ist mehr im übertragenen Sinne zu verstehen, und wie kann man sich darauf einlassen? Europa als Spielwiese für Träume, die man sich erfüllen kann oder doch Projektionsfläche für alles, was schiefgeht. Von Paris nach Istanbul zu reisen ist immer noch ein Abenteuer, nur halt anders. Europa bewegt sich also doch?!

Im Schatten der Kraniche

Es ist kurz vor Ostern 1945. Der Ort: Sankt Margareten im Burgenland, genauer gesagt der Steinbruch. Der Krieg steht kurz vor dem Ende. Alles versinkt im Chaos, schlimmer als zuvor. Die Todesärsche nach Mauthausen, dem Konzentrationslager der braunen „Führungselite“, sind noch nicht lange her. Doch wer braucht noch Zwangsarbeiter, wenn eh alles bald schon vorbei ist?! Und so richten SS und andere willige Werkzeuge aus freien Stücken, aus Überzeugung oder Angst vor Verweigerung ein Massaker an, das bis heute nicht komplett aufgearbeitet ist. Mehrere Dutzend, vielleicht weit über hundert Gefangene, unter ihnen viele Juden und Roma werden in die Tiefen des Steinbruchs gejagt. Mit Steinen erschlagen. Wegen der vorrückenden alliierten Armeen ist keine Registrierung der Opfer mehr möglich- die Täter haben es eilig. Eilig zu entkommen, sich in einer möglichen neuen Ordnung anzubieten.

Das ist der historische Hintergrund, der Bernadette Némeths „Im Schatten der Kraniche“ zugrunde liegt. Sie stieß auf diese widerliche Szenerie bei Recherchen zu einem Reisebuch rund um den Neusiedler See.

Ida ist Schauspielerin. Zu Höherem berufen. Die große Bühne soll, muss, wird es sein. Am besten unter freiem Himmel. Doch ihr Aktionsradius ist – familienbedingt – eingeschränkt. So bleibt es wohl doch bei der versprochenen Rolle im heimatlichen Sankt Margareten. Die Rolle ist ihr quasi sicher. Sie hat die entsprechenden „Kontakte“ schon geknüpft…  Künstlerpech oder Wink des Schicksals? Die Stimme versagt. Ihr großer Auftritt, ihr großer Auf- und Durchbruch verschwindet hinter dicken Vorhängen der Ungewissheit.

Éva ist Jüdin, Ungarin, und hat bisher wenig Gutes in ihrem Leben erlebt. Sie ist schwanger – für die meisten ein Grund zur Freude. Nicht für Éva! Sie ist Jüdin und Ungarin. Und muss Zwangsarbeit verrichten. Schwanger! Bernadette Németh beschreibt eindrücklich und unbeirrt über das Leben zweier Frauen, die zu träumen wagen. Doch beiden wird ein Knüppel vor und zwischen die Beine gedroschen, dass ihre Träume wie eine Seifenblase zu zerplatzen drohen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine verpasste Hauptrolle ist mitnichten mit dem Verlust des Lebens zu vergleichen. Doch zwischen Ida und Éva gibt es Gemeinsamkeiten, die es mehr als wert sind ans Tageslicht befördert zu werden …

Hier sind keine Helden am Werk, die männlich strotzend sich gegen das eine Übel oder mehrere Täter stemmen. Hier stehen fest im Glauben an das Bessere Heldinnen (ohne Gendersternchen oder großes I mitten im Wort) im Mittelpunkt, die bei fast jeder Geschichte aus der Geschichte der Mitte des 20. Jahrhunderts leiden, kämpfen, hoffen und das gern mit Lesern teilen. „Im Schatten der Kraniche“ bewegt auf jeder Seite. Und berührt alle, denen jegliche Missachtung von natürlichem Tun ein Dorn im Auge ist.

Messalina – Intrigen, Macht und Orgien im Alten Rom

C und V – was für ein Leben. C, das ist Claudius, Kaiser von Rom und V – das ist Valeria Messalina, seine Gattin. Und die hatte es in sich! Spötter mögen diesen Satz in alle Himmelsrichtungen verdrehen bis ihnen die Ideen für jedwede Doppeldeutigkeit ausgehen. Damit wird man ihr nicht gerecht. Obwohl an den Anekdoten wohl mehr wahr ist als hinzugefügt. Ein Festmahl für ihre nicht minder mächtigen Feinde zu Lebzeiten.

Ja, Messalina war eine mächtige Frau – schließlich die Frau des Kaisers. Den Ehrentitel Augusta – womit sie noch angesehener gewesen wäre – verwehrte man ihr. Dafür sorgte ihr Gatte, der Kaiser höchstpersönlich, der in ihrem Namen die Ehrung verweigerte. Was das mit einer Frau macht, die Macht um sich häuft wie Andere heutzutage billigen Modeschmuck, kann man sich vorstellen.

Doch Messalina blieb über die Jahrhunderte auch wegen eines anderen Attributes lang in Erinnerung. Auch wenn sie heut fast vergessen schient, streift man durch die Museen der Welt, so kommt sie einem von Paris bis Dresden und natürlich auch noch in Rom, immer wieder vor Augen. Sie war das Sinnbild der männerfressenden Frau schlechthin. Und das in vielerlei Hinsicht. Gerüchten zufolge wartete sie manchmal bis Claudius in den wohlverdienten kaiserlichen Schlaf gesunken war. Dann schlich sie sich aus dem Palast – war das wirklich so einfach? – setzte sich eine blonde Perücke auf und mietete sich ein Zimmer. In einem Bordell! Und dann – na ja, was wohl?! Sie soll sogar eine „Kollegin“ zum Wettkampf herausgefordert haben. Die anonyme Kaiserin gewann … und war immer noch nicht zufriedengestellt.

Wer sich ihr in den Weg stellte, konnte schnell mal den Kopf verlieren. Und das ist ausnahmsweise mal wörtlich zu nehmen. Claudius wurde ihr nicht Herr. Er musste ja auch noch ein riesiges Reich führen, dass von Syrien bis ins heutige Portugal reichte, und von London bis Theben alles vereinnahmte. Und Intrigen waren nicht sporadische Nadelstiche, sie waren echter und gelebter Alltag.

Honor Cargill-Martin setzt einer Frau ein Denkmal, deren Denkmäler nach ihrem unfreiwilligen Ableben quasi vollständig zerstört wurden. Hier und da erkennt man sie noch auf Reliefs oder Statuen. Doch dafür muss man schon ausgemachter Experte sein. Zu dem wird man unweigerlich schon während der Lektüre. Sie eröffnet einem neue Welten und dem Einen oder Anderen sicher eine neue Sichtweise auf das Alte Rom.

Intrigen und kleine (vor allem aber große!) Ferkeleien interessieren immer. Bis heute. Man denke nur an den Deppenprinzen der er Jahre aus dem Hause Hohenzollern oder die Partyauswüchse von Prinz Harry. Das will man lesen, das will man hören. Hier gibt es darüber hinaus noch Geschichtsstunden, die gar nichts mit denen aus der Schulzeit gemeinsam haben!

Die Päpste

In unregelmäßigen Abständen verwandelt sich der ehrwürdige Petersplatz in die größte Partymeile der Welt. Und alle warten fahnenschwenkend und voller Ungeduld auf ein bisschen Rauch. Weißen Rauch. Denn dann wurde der neue Papst gewählt. Und damit ist die Jagd auf den neuen Namen eröffnet. Wer wird’s? Stimmen die tagelangen Prognosen? Was wird sich ändern?

Und dann treten die Experten auf den Plan. Wilde Spekulationen wie auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten machen die Runde. Bedächtige Herren lassen die Geschichte Revue passieren. Aus der Wahl für den höchsten Vertreter Gottes auf Erden ist eine Tombola geworden.

Und dann gibt es Bücher wie diese. Ein Protestant – Horst Fuhrmann – erzählt von dem, was einmal war. Ganz ohne Missionierungszwang und ohne Tendenzen. Einfach nur Geschichte erzählen. Und ja, es fühlt sich wie eine Erzählung an. Wo andere jede Zeile mit einem Datum, am besten noch mit Uhrzeit, beginnen, um sich selbst mit Fachkenntnis zu beweihräuchern, setzt er ein Zeichen für Fakten.

Petrus war der erste Papst. Er nannte sich aber nicht so. Er war lediglich der Bischof von Rom. Das mit dem Papst kam erst viel später hinzu. Aus dem Osten! In der Zwischenzeit, also bis zum heutigen Tag, gab es immer wieder Sonderlichkeiten. So kann es wohl ganz gut umschreiben. Denn zeitweise existierten mehrere Päpste gleichzeitig. Nicht nur der in Rom oder der in Avignon. Manche kauften sich ins Amt. Sie trieben’s bunt. Und das kann nun jeder für sich selbst interpretieren. Der Name Borgia ist mehr als nur ein Geschlechtername. Er ist das Sinnbild für Ausschweifungen enormen (biblischen?!) Ausmaßes. Inklusive Nachfolgegenerationen. Nur die Frage nach einer Päpstin kann auch Horst Fuhrmann nicht endgültig klären…

Dieses Buch ist ein umfassender Einblick in die Geschichte der Päpste. Sie kann ein Ausgangspunkt für weitere Suchen nach Antworten sein oder einfach nur das allwissende Buch für besondere Menschen sein. Warum müssen sich Kardinäle andere Namen geben, wenn sie den berühmtesten Thron der Welt besteigen? Was bleibt von ihnen, wenn sie den Weg alles Irdischen gegangen sind? Diese Fragen bleiben nicht unbeantwortet. Und schon gar nicht die Fragen, wer, ab wann und für wie lange die Geschicke der Kirche leitete. Die zahlreichen Abbildungen sind nachhaltiger Beleg für ein Amt, das vielen als überholt gilt, aber immer noch durch die Frage „Was wäre, wenn es den Papst nicht mehr gäbe?“ schlagartig für beendet betrachtet werden kann. Tiefgründige Recherchen machen aus dem Thema ein profundes Werk, das man immer mal wieder hervorholt, um noch einmal genau nachzulesen, was denn nun wirklich passierte, bevor der Pseudo-Investigativ-Journalist im Frühabendprogramm des pseudowissenschaftlichen Unterhaltungsmagazins breitbeinig haltlose Behauptungen von sich gibt.

Whisky, Lords und Dudelsack

Wir schreiben das Jahr 1960. Frühjahr. Der Journalist Gregor von Rezzori bereist Schottland. Im Sommer / Herbst des gleichen Jahres wird er seine Eindrücke in fünf Radioreportagen den Hörern seines Senders (Norddeutscher Rundfunk) kurz vor dem Mittagessen näher bringen. Jeweils eine Dreiviertelstunde! Kurzer Abstecher in die Gegenwart: Man stelle sich vor, dass einer der unzähligen Podcaster eine Dreiviertelstunde lang über seine Reiseerlebnisse erzählt. „Wow, echt krasse Berge hier!“ . mehr würde doch bei den meisten nicht rauskommen.

Vor 66 Jahren konnte man davon ausgehen, dass man – Radio war, ist und bleibt Kino im Kopf – bleibende Eindrücke zurückblieben. Schottland war schon damals ganz gut besucht. Engländer, Amerikaner, Kanadier kamen, um ihre Wurzeln zu suchen. So mancher suchte anhand eines Tartanmusters vielleicht sogar seinen Clan. Den Zahn kann von Rezzori den meisten gleich ziehen. Denn die urtypischen Schottenkaros sind gar nicht so alt wie man landläufig vermutet. Sie kamen erst im victorianischen Zeitalter auf. Das ist ’ne Sensation! Und für viele eine herbe Ernüchterung.

Zusammen mit Jürgen Schüddekopf war er wochenlang in Schottland unterwegs. In einem Jaguar Mark IX. Komfortabel reisen war unerlässlich, um einem – damals schon – Sehnsuchtsland auf die Pelle zu rücken. Es blieb nicht dabei. Beide tauchten tief in die Geschichte des Landes ein. Auch dem Nationalinstrument, dem Dudelsack, entlockten die Töne, die für viele neu waren. Wie niederschmetternd muss es für viele Stammtischexperten gewesen sein zu hören, dass der Dudelsack wahrlich keine Erfindung der Schotten ist. Aber wenigstens der Whisky – der muss doch schottisch sein?! Isser. Das beruhigt das geschundene Herz.

In den Archiven des Radiosenders schlummerten seit Jahrzehnten die Manuskripte der Sendung. Ebenso die Sendebänder. Nun wurden sie herausgekramt und in diesem einzigartigen Buch veröffentlicht. Radio zum Nachlesen. Und mit Bildern! Das spart zwar nicht das Mitdenken beim Lesen, vermittelt aber ein abschließendes Bild dieser Reise, die man so nie wieder machen kann. Heute ist Schottland in der Hauptsaison übersät von Individualtouristen, die entgegen ihrer Natur alles plattwalzen, was ihnen vor die Wanderschuhe kommt. Andere ergießen sich Wunderworte, wenn sie echten schottischen Whisky probieren (und wieder ausspucken, weil man das halt so macht…). Pubfolklore inklusive.

In der Reihe „Europa erlesen“ nimmt dieses Buch nicht wegen des Formates einen besonderen Platz ein. Es ist der Mut ein Buch auf den Markt zu bringen, das aufgrund seiner nicht vorhandenen Aktualität einen ganz speziellen Leserkreis anspricht. Wer Schottland außerhalb von „nur“ grünen Wiesen und „nur“ alten Schlössern besuchen will, der braucht Einblicke in die Zeit als Sehnsüchte noch Jahre brauchten bis sie sich in Wirklichkeit verwandeln konnten.