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Europa erlesen – Florenz

Nach Rom ist Florenz sicherlich die Stadt mit der größten Anziehungskraft in Italien. Eine derart prächtige Stadt muss man sich erobern. Von der Piazza Michelangelo hat man sicher den imposantesten Ausblick auf die Stadt, ist aber zu keiner Tageszeit allein und muss die Erhabenheit der Stadt mit allerlei plärrendem Publikum teilen. Und erst in den Straßen und Gassen der Stadt! Kein Quadratmeter, der nicht von Menschen besetzt ist. Keine Ruheort, an dem an sich ein paar Moment Ruhe gönnen kann. Die muss man sich selbst schaffen.

Mit diesem Buch in der Hand – passt in jede noch so kleine Tasche – ist die Ruheoase nur wenige Momente entfernt. Man vergisst den Lärm der Stadt und der durch sie hindurchwalzenden Menschenmassen. Man versinkt in kleinen fiesen Intrigen wie Giovanni Fiorentino, der einen liebestrunkenen Eroberer von seiner Angebeteten angetrieben in ein Fiasko zu stürzen scheint. Sehr zum Leidwesen ihres Gatten…

Florenz ist auch und vor allem die Stadt der Medici. Niccolò Machiavelli war ihr großer Gegenspieler. Ausgerechnet er verhandelte mit den Borgia – die andere Renaissance-Sippe, die mit unerbittlichem Machtdrang aufstieg und sich dort mit noch mehr Gewalt lang, zu lange hielt, um einen drohenden Krieg zu vermeiden. Die Schmeicheleien auf beiden Seiten, aber auch die versteckten Drohungen (heutzutage wird ja gleich offen gedroht und im gleichen Atemzug dementiert) sind eine wahre Pracht, wenn man sich in sie vertieft.

Dieses kleine Lesebüchlein mit Auszügen aus Texten über und aus Florenz ist wie die Stadt selbst eine Zierde. Eine Ruheoase, die einen alles um sich herum verschwinden lassen kann, lässt man sich darauf ein. Ideal, um die Stadt am Arno näher und intensiver kennenzulernen. Und mancherorts erschein die Mysterien der Stadt wie ein offenes Buch vor dem Betrachter. Erholungspause mit Lerneffekt in einem – das gibt’s nicht oft.

Die Straße der fischenden Katze

Die Straße der fischenden Katze gibt es tatsächlich. Und die heißt auch wirklich so. Und auf dem Titelbild sieht man sie. Selbst auf Wikipedia ist die Straße mit einem eigenen Artikel vorhanden. Sie liegt im V. Arrondissement, Quartier de la Sorbonne. Die Straße /Gasse ist klein. Schmal. Nicht besonders lang. Wer versucht einen ganzen Tag hier zu verbringen, muss verdammt langsam gehen. Sie ist nur knapp dreißig Meter lang. So viel zu den Fakten.

Hier lebte auch die ungarische Schriftstellerin Jolán Földes. Sie kennt die Legende der Katze, die mit einem Pfotenschlag Fische aus der nahegelegenen Seine „fischen“ konnte.

Und hier lebt nun auch Familie Barabás. Sie flüchteten aus Budapest entlang der Donau nach Wien. Schon auf der ersten Seite fesselt der Satz, dass die Züge damals wie Schafe einer zerstreuten Herde umherliefen, den Leser und lässt ihn freudig erwartend die kommenden knappe dreihundert Seiten begeistert in die 20er/30er Jahre in Paris eintauchen. Die älteste Tochter der Barabás’ wird die Geschichte der Familie und der Straße so erfrischend ehrlich und neugierig erzählen, dass man sofort die Tasche packen möchte, um diese kleine Gasse nur einmal einfach nur zu sehen.

Denn hier – als Ghetto möchte man die Straße nicht beschreiben, Ghettos sind schlimmer – trifft sich die Welt. Aber nicht in wallender Ballrobe, sondern in Alltagskluft. Russen, Litauer, und eben auch Ungarn versuchen hier ein Leben zu führen, dass man gemeinhin als „normal“ bezeichnen möchte. Doch ihr Leben ist nicht „normal“. Sprachbarrieren erschweren die Jobsuche. Als Ausländer in dieser rauschenden Zeit, in dieser vibrierenden Stadt hat man mit allerlei Vorurteilen zu kämpfen. Und mittendrin Anna. Ein Kind noch. Doch mit wachem Auge und nicht minder wachem Verstand. Sie sieht, was Erwachsene nicht sehen können. Vorurteile kennt sie nicht. Doch sie erkennt Boshaftigkeit und Lug und trug. Hier ist sie nun zuhause. In dieser kleine Gasse/Straße in der großen weiten Welt. Weit weg von dem, was einmal Heimat war. Die große Politik ist ihnen wie so vielen nicht wohlgesonnen.

Jolán Földes dringt mit Wortwitz und nadelstichiger Präzision in eine Welt ein ohne sie zum Platzen zu bringen. Es ist eine fragile Welt, wie ein Ballon, ein Luftballon. Doch so zart dieser Ballon auch erscheint, er ist flexibel und widerstandsfähiger als man auf den ersten blick erkennen mag. Zerspring er allerdings, ist er irreparabel. Diese Gratwanderung macht „Die Straße der fischenden Katze“ zu einem Meisterwerk, das man sich gern immer wieder zur Hand. Spätestens beim nächsten Parisbesuch.

Historische Fälschungen

Fake News – ach, wie schön man das herausbrüllen kann … egal, ob es stimmt oder nicht. Und wenn es dann doch einmal stimmt, will’s keiner hören. Weil die Theorien, die längst widerlegt sind, so herrlich ins Bild passen, das man sich selbst erschaffen hat. Es ist schon ein Kreuz mit der Wahrheit. Emanuela Lucchetti hat sich vier exemplarische Fake News vorgenommen und in ihrem Essay unter die Lupe genommen.

Sie beginnt mit der Konstantinischen Schenkung, die schlussendlich den Machtbereich der Katholischen Kirche bis heute prägt. Hier stimmt nichts. Die Wortwahl hätte schon früher auffallen müssen, ist es aber nicht. Die erste Aufarbeitung wurde nur im evangelischen Umfeld verbreitet – sehr ungünstig, wenn man nur die Gegner mit der Wahrheit versorgt. Vertrauen sieht anders aus.

„Die Protokolle der Waisen von Zion“ sind ein anderes Kaliber. Sie dienen – trotz aller Widerlegungen und Beweise, dass der russische Geheimdienst sie verfasste und verbreitete – mit mehr als willigen Helfern) bis heute als religiös erachtetes Pamphlet für die jüdische Weltverschwörung. Und somit als Legitimation Juden generell skeptisch entgegenzutreten und legitimiert jeden Angriff auf sie. In der aktuellen Situation, in der sich der israelische Präsident Netanjahu selbst wie ein blindwütiger Hund, der gegen alles beißt, was ihm in den Weg kommt, kein Grund sie weiter zu verfemen. Ein Graus für jeden, der halbwegs geradeaus denken kann!

Für die meisten sind die Lügen, die zum Irakkrieg führten – und somit Tausende in den Tod schickten, Familien zerstörten, Kulturerbe für immer auslöschten – noch gut in Erinnerung. Colin Powell hielt bei einer Rede vor der UNO ein Röhrchen in die Luft, das den Beweis lieferte, dass der irakische Präsident Saddam Hussein massenhaft Vernichtungswaffen parathält. Ausgedachter Unsinn, um ans Öl zu kommen – zugegeben eine einfacher Sichtweise, doch näher an der Wahrheit als das Powells Röhrchen in der UNO.

Wo Krieg ist, stirbt zu erst die Wahrheit. Das erkannte schon Winston Churchill. Und je einfacher die Lüge, desto einfacher ist ihre Verbreitung. In Mittagspausen, auf Schulhöfen, beim Plausch mit Bekannten und Freunden – sie sind überall. Kleine, fiese Lügen, die man ohne groß nachzudenken weiterreichen kann. Und man immer ein bejahendes Kopfschütteln erntet. Man selbst weiß ja wie der Hase läuft. Und die Studierten mit all ihren Theorien, die kein Mensch versteht, können noch so sehr argumentieren: Ich habe recht! Die in diesem Buch vorgestellten Lügen – und nichts anders sind sie!, basta! – sind keine neuen Erkenntnisse. Dass sie komprimiert noch einmal so eindrücklich dargestellt werden – mit aktuellem Bezug – ist das Verdienst des Werkes. Lesen, nachdenken, handeln!

Monsieur Eiffel und sein Turm

Über Gustave Eiffel kann man sicher einiges behaupten: Ein Hallodri sei er gewesen, wenn man sein Engagement bei der Finanzbeschaffung für den Bau des Panama-Kanals betrachtet. Aber er war auch ein Visionär, um dieses strapazierte Wort noch einmal zu strapazieren. Einfach mal so einen Turm in die Weltmetropole Paris zu bauen, damit möglichst viele Besucher zur Weltausstellung 1889 kommen. Er wird ja danach eh wieder abgerissen. Doch es gibt bis heute nur wenige Bauwerke, die den Namen ihres Erbauers tragen und so weithin dauerhaft als Symbol einer Stadt, in Eiffels Fall sogar eines ganzen Landes gelten. Diese elegante Form, geometrisch perfekt, so spielerisch einfach einsetzbar. Man denke nur an das leuchtende Farbenspiel am Abend oder während der Olympischen Spiele 2024 in Paris. Doch Gustave Eiffel war auch ein Kämpfer. Er musste kämpfen. Denn sein Unterfangen den Turm zu bauen – keineswegs wollte er ihn nach sich benennen – war stets umstritten, stand mehrmals vor dem Aus, und war zudem auch noch Spekulationsobjekt Nummer Eins seiner Zeit. Immer verbunden mit dem Namen Eiffel.

Gustave Eiffel ist kein Einzeltäter. Einzeltäter im Sinne von „Einmal bauen und sich dann auf dem Ruhm ausruhen“. Er hat auch anderswo auf der Welt seine Spuren hinterlassne. Wer in Porto den Douro über die Ponte Dom Luís I überquert, setzt seinen Fuß auf Eiffels Werk. Seine Firma hat diese Brücke gebaut.

Eiffels Leben verlief nie geradlinig. Immer wieder stieß er auf Widerstände. Firmen gingen Pleite, seine Vision stießen nicht von Anfang an auf pure Freude. Er musste stets kämpfen. Mit Erfolg, muss man heute neidlos anerkennen.

Als die Kassen der Firma prall gefüllt waren – ja, es gab auch diese Zeiten – nahm das Projekt Eiffelturm, was da noch nicht so hieß, Gestalt an. Schlank sollte der Turm sein. Ein Zeugnis sein, was Ingenieurskunst imstande war zu leisten. Oder ganz schnöde gesagt, es durfte nicht viel kosten. Und trotzdem zum Imponieren taugen. Spezielle Verfahren zur Stabilisierung mussten entwickelt werden. Dafür hatte Eiffel ein gut gerüstetes und motiviertes Team in seinen Reihen. Er hat bei Weitem nicht alles selbst entworfen, geschweige denn gebaut. Nieten als Verbindungsmittel waren damals der letzte Schrei und sind bis heute das Mittel der Wahl.

Ralf Klingsiecks Biographie über den großen Gustave Eiffel liest sich wie ein Abenteuerroman. Jules Verne hätte seine Freude daran. Das gleichnamige Restaurant in der zweiten Etage des Turms trägt nicht umsonst den Namen des technikaffinen Schriftstellers. Die Leichtigkeit, mit der der Autor dem gewaltigen Werk des Erbauers ein weiteres Denkmal setzt, lässt diese Biographie aus dem Stapel der Biographien einzigartig herausragen.

Wien 2000 Jahre Geschichte

Zweitausend Jahre Geschichte kann man sicher auch in einem Taschenbuch unterbringen. Dann aber in ganz kleiner Schrift und ohne Bilder. Wiens Geschichte, die nun mittlerweile rund zweitausend Jahre andauert, muss so prachtvoll wie die Stadt selbst angeboten werden. Mit all ihren Klischees und den kleinen versteckten Hinweisen, die man dank dieses Buches auf Anhieb finden wird. Ansonsten könnte man beim Schnitzel auch die Panade weglassen. Ist möglich, aber …

Vindobona – das war einmal. Römische Stadt mit der Neigung einmal groß herauszukommen. Die Habsburger haben diesen Traum dann zur Vollendung gebracht, und heute gehört Wien zu den lebenswertesten Städten weltweit. Obwohl erst kürzlich Zürich in diesem Ranking an Wien vorbeigezogen ist.

Edgard Haider ist Historiker und ist ein echter Kenner seiner Stadt. Und das spürt man auf jeder Seite, jedem Absatz, jeder Zeile dieses Buches. Bilder sind immer ein echter Hingucker, und Wien bietet ein Füllhorn an grandiosen Fotomotiven. Dem Autor obliegt es nun diese Bilder mit Wissen anzureichern. Mission erfüllt. Selbst wer schon öfter in Wien war und meint sich auszukennen, wird nach einigem Umblättern immer wieder feststellen, dass er überrascht werden kann. Nur wenige können mit dem „O5“-Zeichen am Stephansdom den aktiven Widerstand gegen die Nazis in Verbindung bringen.

Wer auch nur ein bisschen in diesem Band herumblättert – ohnehin wird es nicht dabei bleiben, man beginnt ganz automatisch die Zeilen aufzusaugen – fühlt sich wie bei einem Rundflug über die Stadt. Farbenprächtig wird es nicht erst mit der Renaissance und der folgenden Reformation. Allein schon der Abschnitt über den „lieben Augustin“ sorgt einmal mehr für einen Aha-das-kenne-ich-doch-aber-die-geschichte-dahinter-kenne-ich-nicht-Ausruf.

Die Entstehung der Ringstraße ist nicht minder prunk- und schwungvoll wie der Wiederaufbau nach den braunen Jahren. Architektonische Aufmerksamkeiten wie der Karl-Marx-Hof oder der Wohnpark Alterlaa gehören zu Wien und diesem Buch wie die historischen Aufnahmen der Dreharbeiten zu „Der dritte Mann“ und das Mahnmal an die ermordeten Juden am Judenplatz.

Der einfach gehaltene Titel „Wien – 2000 Jahre Geschichte“ hält im Inneren viel mehr parat als man es erwarten darf. Die Texte sind für jedermann ein Zugewinn, wenn man einige Zeit hier verbringen will.

oh! Neapel

Ball, Clown, Pizza. So würde es in jeder anderen Stadt heißen. In Napoli ist es SSC Napoli, was Diego Armando Maradona bedeutet. In Napoli ist es Pulcinella. Und es ist auch und vor allem Margherita, die Mutter allen Fastfoods (was es anfangs nicht war). Also haben wir auf gelben Grund ein weißes „oh!“, ein schwarzes Neapel sowie D10S, Pulcinella e Pizza. Mehr muss man auch erstmal nicht über die Stadt wissen. Hand auf, Pizza drauf, fertig. Und um Himmelswillen nicht über Maradona oder die Leidenschaft zur SSC Napoli lächeln. Sonst kommt im günstigsten Fall Pulcinella und spielt Dir einen Streich.

Die Stadt am gleichnamigen Golf aber nur mit diesen drei Attributen abschließend zu beschreiben, wäre mindestens so frevelhaft. Denn hier wandelt man auf Jahrtausende altem Grund. Quartieri spagnoli. Selbst alteingesessene Italiener rollen mit den Augen, wenn man ihnen mitteilt, dass man hier nächtigen möchte. Alles halb so schlimm. Klar, man wird beäugt. Aber nach ein, zwei freundlichen „Buongiorno“ ist man bekannt und dass man keine Gefahr darstellt. Eintracht-Frankfurt-Fans sollten aber vielleicht draußen bleiben. Und schon gar nicht uniformiert den Maradona-Deovtionalien-Markt murale Maradona besuchen. Ein Fantastikum, das es nur hier, in Napoli geben kann.

Napoli ist ein Straßenwirrwarr und Gassenlabyrinth, das man zu nehmen wissen muss. Überall hängt die Wäsche quer über einem. Doch nicht überall gibt es für Touristenaugen auch was zu sehen. Irene Helmes hat hier gewohnt. Sie zieht es immer wieder hierher. Und immer wieder entdeckt sie sicher auch Neues. Napoli verändert sich sicher nicht so rasant wie Shanghai, doch der Wandel ist immer wieder sicht- und spürbar. Als Touri mit verunsichertem Gang tappt man gern mal in die eine oder andere Falle. Restaurants bieten sich hier dafür an. Aufmerksam Karte studieren, gern auch vermeintlich dumme Fragen stellen – das hilft schon fürs Erste.

Für den Rest sorgt dieses wirklich einzigartige Buch. Selbst den Soundtrack kann man sich per QR-Code runterladen und auf die Ohren geben. Dann hört man allerdings den Straßenlärm nicht mehr. Der gehört zu Napoli wie wilde Wendemanöver und zähe Touristenströme in der Gasse der Krippenmacher.

Wer Neapel zusätzlich zu Veilcheneisverzehr (wo sich schon die Sisi dem Genuss hingab) und dem Besuch des Teatro San Carlo in sich aufsaugen will, muss sich auch manchmal in die vermeintlichen Höllen der Stadt begeben. Wie man sich dort verhält, was man sehen muss und was man getrost umgehen kann (oder sollte) – dafür lohnt sich permanentes Blättern in diesem Reiseband.

Garibaldi

Biographien sind oft faktenüberladen, manchmal wünschte man sich mehr Vorkenntnisse oder einen einfacheren Zugang. Interesse natürlich stets vorausgesetzt. Friederike Hausmann holt schon im ersten Satz den Leser da ab, wo eine Italienreise beginnen sollte: Glücklich, dass das gelato noch im cornetto ist und nicht über die kürzlich erstandene neue Hose verteilt wurde, ist man verlassen. Vor lauter Schlecken hat man sich verlaufen. Es gibt einen Trick, um auf den richtigen Pfad zurückzukehren, der in so ziemlich jedem Ort in Italien funktioniert. Nach der Piazza oder Via Garibaldi fragen. Meist ist es die größte Straße, die ins Zentrum führt oder es ist ein Platz an ebendieser Stelle. Und von da aus findet sich immer der richtige Weg.

Klingt fast schon wie ein Sinnbild für den Namen Garibaldi. Er hat Mitte des 19. Jahrhunderts Italien geeint. Das ist die Kurzfassung – das reicht an Vorkenntnissen für dieses Buch allemal. Buschiger Bart, Pferd und ein Säbel – so kennt man ihn, so wird er nur allzu gern und überall dargestellt. In italienischen Schulen werden Schüler über alle Jahrgangsstufen mit seinen Taten teils gequält. So in der DDR fast jeden Schritt des Kommunistenführers Ernst Thälmann kannte. Und nach der Schule auch ganz schnell wieder vergaß.

Aber hat Giuseppe Garibaldi wirklich Italien geeint? Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es unzählige Fürstentümer, Königreiche, Stadtstaaten etc. Jeder kochte sein eigenes Süppchen. Dann kam dieser Haudegen – wie auch im wundervollen „Der Leopard“ beschrieben und nicht minder exzellent verfilmt. Ihm schloss man sich an, weil es um “eine gute Sache ging“. Und man kämpfen konnte, sich erheben konnte. Doch wie mit jeder Legende gibt es auch bei Garibaldi dunkle Flecken. Sein Kampf gegen die Monarchie war nicht dauerhaft. Könige und Volk waren ihm gleichermaßen bekannt. Er schoss auf Bauern bzw. ließ auf sie schießen, wie auf Blaublüter. Doch er brauchte die einfachen Leute ebenso wie den Adel. Strategisch ging er Risiken ein, oft ging es gut. Aber auch so manches Mal gehörig in die Hose. Man konnte ihm blindlings trauen. Aber noch besser hielt man ihn unter Kontrolle.

Friederike Hausmann gelingt das seltene Kunststück umfassend über den Nationalhelden zu berichten und dabei keinen einzigen Sachverhalt, der ihn antrieb außeracht zu lassen. Und dass alles in einem Stil, der es dem Leser schwer macht auf nur eine Minute das Buch beiseite zu legen. Ein echter Thriller mit einem nicht ganz so glorreichen Ausgang. Aber das ist allein dem Helden zuzuschreiben. Und so ganz nebenbei lernt man dabei auch noch andere Persönlichkeiten, die einem beim Verlaufen wieder auf den richtigen Pfad bringen. Schon mal die Via Cavour gesucht?

Gelato

Gelato ist das Universalmittel zum Glücklichsein. Und das ein Leben lang. Schon vom ersten Schleck an, noch bevor man die ersten Schritte tut bis hin zum letzten Schritt – Eis, Gelato geht immer! Und ist so vielfältig. In Palermo, quattro canti – Etna-Gelato, grau mit rot gezuckerten Brocken. Milano, castello Sforzesco – ein Eis, Gelato, das schon beim Anblick dahinschmilzt, und den Connoiseur es ihm nachzutun. Italia é gelato = untrennbar miteinander verbunden.

Peter Peter wagt den Spagat zwischen Sachbuch und Sehnsucht. Seine Eiszeiten sind wahre Delikatessen, in der die Lesezeit mit Speichelfluss im Wettstreit steht – es gewinnt der Speichelfluss, versprochen.

Am Anfang stand der praktische Gedanke Lebensmittel haltbar zu machen. Schnell merkte man jedoch, dass Kühle in heißen Zeiten eine echte Wohltat ist. Es dauerte nicht lange bis man Aromen dem kühlen Nass hinzufügte und das Wunder der glänzenden Augen war geboren. Das war vor langer, langer Zeit. Wo genau – darüber streiten sich die Gelehrten. Italiener beanspruchen natürlich diese Erfindung für sich selbst. Fakt ist jedoch, dass im und am Stiefel Eis ungefähr den gleichen Stellenwert hat wie caffé. Es geht nicht ohne!

Und so liest man sich durch Rezepte – ja, hier gibt’s die volle Ladung gelato – über Zahlen – allein in Rom konkurrieren über tausend Eishersteller um die Gunst der Kunden – bis hin zu kurzen Biographien von Menschen, deren Vermächtnis darin besteht, Zucker, Wasser, Milch und Geschmäcker herzustellen und haltbar zu machen. Je natürlicher umso besser. Doch auch in Italien sind industrielle Eismassen auf dem Vormarsch. Wie man sie erkennt und eventuell umgeht – die Antwort ist rot, handlich und gehört einfach in jedes Reisegepäck, wenn es gen Süden geht.

Sogar an Reisetipps hat der Autor gedacht. Je weiter man in den Süden vordringt, desto bedeutsamer wird die Erfrischung im Laufe des Tages. Napoli ist das Herz der Eishersteller. Wer hier Urlaub macht und nicht einmal schleckt, der hat schon verloren. Das Veilcheneis, Gelato alla Violetta im Gran Caffé Gambrinus, Lieblinsgeis von Sisi, wenn sie wieder mal auf der Flucht vor dem höfischen Protokoll war, ist mittlerweile mehr Touristenattraktion (das merkt man schon am Preis) als wahres Kulturgut. Dennoch sollte man es sich gönnen und den Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito genießen.

Wer im gelato mehr als nur die schnelle Erfrischung sieht, sondern sich selbst mit dem damit verbundenen Lebensstil anfreunden kann, der wird mit diesem Buch eine Leckerei in den Händen halten, die nicht kleckert, sondern klotzt.

Paris Wissenswertes und Kurioses – 55 erstaunliche Fakten

Wer mit Informationen voll ausgestattet nach Paris reisen will, muss fürs Extragepäck zahlen. Die Flut an Büchern ist schier unendlich. Und verständlich! Schließlich will man diese faszinierende Stadt auch mit allen Sinnen und komplett aufsaugen. Aber ganz ehrlich: Das ist unmöglich mit einer Reise zu schaffen, auch wenn das Verkehrssystem in Paris es rein zeitlich zulassen würde.

Seit einigen Jahren ist es chic sich mit dem Rad fortzubewegen. Dafür stehen tausende Leihräder zur Verfügung. Aber auch rund zehn Prozent davon müssen täglich(!) repariert werden. Und rund fünf Prozent werden erst gar nicht wieder zurückgegeben.

Weitaus berühmter ist die Metro und ihre kunstvoll gestalteten Metrostationen. Dabei galten sie vor einhundert Jahren, als man begann sie im Jugendstil zu errichten als altmodisch. Apropos Mode. Paris ohne Mode? Geht nicht. Den Grundstein dafür legte übrigens ein … Engländer.

Fünfundfünfzig Fakten, die nicht zwingend erforderlich sind, um Paris zu erkunden, jedoch jeden Spaziergang zu einem besonderen Erlebnis machen, sind in diesem Leichtgewicht versammelt. Es passt in jede Tasche, ist dank des Harteinbandes schnell zur Hand und sorgt Seite für Seite für ein Aha oder Oh lala. Das reicht vom Baguette (die Entstehungsgeschichte ist spannender als man denkt) über Geisterbahnhöfe bis hin zu Fakten, die ein wenig von der überbordenden Pracht der Stadt ablenken (für diejenigen, die ab und zu doch mal zu viel von der Schönheit der Stadt bekommen).

Die liebe volle und ansprechende Gestaltung des Buches führt dazu, dass man es immer wieder aus der Tasche zieht und sich mit scheinbaren Nebensächlichkeiten den Rundgang versüßt. Manchmal erschrickt man doch: Paris ohne Eiffelturm. Das war mal der Plan. Er sollte kurz nach der Weltausstellung 1889 abgerissen werden. Raten Sie mal wie hoch wäre der Stahlrest, wenn er auf der Grundfläche zusammengeschmolzen zur Besichtigung angeboten wäre! Es ist weniger als man denkt…

In diesem Buch hingegen steckt mehr als es das Ausmaß des Buches vermuten lässt.

Stadtluft Dresden, Nr. 10

Was waren das für Tage im Mai 2014! Ganz Madrid lag unter einer Bengalo-Glocke. Real Madrid hatte soeben zum zehnten Mal die Champions League (inkl. der Vorgänger-Turniere) gewonnen. „La Décima“ wurde zum Volksfest und zum geflügelten Wort, zu einer Marke. Ganz so euphorisch lassen sich die Macher der  „Stadtluft Dresden“ nicht feiern. Grund hätten sie allerdings dazu.

Zum zehnten Mal erscheint nun die „Stadtluft“. Ein Bookzin, kein Magazin, ein Bookzin. Literarisch, investigativ, lesenswert. Und dieses Mal mit einem Rundumschlag für und mit Dresden. Selbst Außerdresdner dürfen hier schreiben, was ihnen an Dresden nicht zwingend die Euphorie in die Knochen treibt. Poetry-Slammer und Comedy-Autor André Herrmann setzt den Unzulänglichkeiten der Stadt eine qualvoll-stimmgewaltiges Denkmal – die Carolabrücke, die vor Kurzem erst aufwendig saniert wurde, brach später wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein gefundenes Fressen für Spötter, Hauptmahlzeit für Comedy-Schwergewichte.

Verleger Michael Faber (aus Leipzig!) sieht sich in einer nicht ganz realen Gerichtsverhandlung, der er sich stellen muss. Denn es geht um ihn, seinen Vater, sein Erbe. Una Giesecke schwärmt für den Schilli, den Schillerplatz, und macht stante pede dem Leser Lust, mehr als nur einen Fuß ins das Viertel zu setzen. Wehmütig blickt Jens Wonneberger auf seine Studentenzeit in Dresden zurück und wirft einen eindrucksvollen Lichtstrahl auf die urbane Baracke, die schon fast ein Sinnbild für die Stadt einmal war. Und wenn Schokolade glücklich macht – was macht dann ein Artikel über die Dresdner Schokoladentradition (hier wurde einst ein Drittel der kompletten deutschen Produktion hergestellt!) mit dem Leser?! Er setzt Lesespeck an. Lecker, anhaltend und tut überhaupt nicht weh, oder gar leid. Charlotte Gneuß, Literaturpreisträgerin und Dresdner Stadtschreiberin 2024, reist einhundert Jahre zurück. In ein Dresden, dass vibriert, glüht, elegantiert, lehrt, Gaststätte für die Großen der Zunft ist, aber auch ein brauner Sumpf ist. Ihre Schlaglichter brennen sich wie Bengalos ins Gedächtnis.

Zehn Jahre sind ein Grund zum Feiern. Die Einen lassen den Himmel verschwinden. Die Anderen strahlen wie ein Honigkuchenpferd und sind stolz auf dieses literarisch einzigartige Jahrzehnt. Zurecht! Die zehnte Ausgabe der Stadtluft brilliert von der ersten bis zur letzten Seite.