Archiv der Kategorie: Nordlichter

Der Junge, der im Dunkeln sah

Dass er etwas Besonderes ist, weiß Jēkabs irgendwie, tief in seinem Inneren. Und dann auch wieder nicht. Doch er versucht immer Besonderes zu tun bzw. alles, was er tut besonders gut zu tun. Seine Eltern sind blind. Und er kann im Dunkeln sehen. Das hört er zum ersten Mal bei einer Familienfeier. Da ist er aber schon so sehr in seiner Rolle als etwas Besonderes, dass er es als ganz normale Bestätigung wahrnimmt.

Die Familie lebt anfangs in einer sehr beengten Wohnung. Ein Wohnheim. Mit Gemeinschaftsküche. Mit Gemeinschaftstoilette. Mit Gemeinschaftsduschen, im Keller. Jēkabs liebt die Natur. Hier kann er herumtollen, sich austoben. Und er könnte auch mal seine Pflichten vergessen. Tut er aber nicht. Selbst beim Blaubeerenpflücken hastet er von Strauch zu Strauch und vergisst dabei fast, dass es seine Lieblingsbeeren sind, die er sich auch gern mal händeweise in den Mund stopfen darf. Selbst wenn er hinterher Bauchschmerzen bekommt.

Die Zeit vergeht. Jēkabs ist immer der gute Sohn, das Wunschkind seiner Mutter. Nichts wünschte sie sich mehr als ein Kind. Als von Geburt an Blinde ist ihr Sohn ein Privileg. Eines, das man achtet und hegt und pflegt. Doch die Jahre vergehen unweigerlich und Jēkabs wird nach und nach erwachsen. Vorbei die sorgenfreie Zeit, in der er die frisch gewaschene Wäsche auf dem Trockenplatz als Heimat wahrnimmt. Vorbei die Zeit, in der er der stets umsorgende Sohn war. Er wird sich emanzipieren müssen. Das wird schwer!

Vor allem für seien Mutter. Ihr geht es nicht so sehr darum ihrer Sorger zu verlieren. Es geht vielmehr um den Verlust im Allgemeinen. Und darum, dass sie ihn, das Wunschkind, nicht mehr so oft sieht wie zuvor. Und in Jēkabs nagt mehr und mehr das schlechte Gewissen. Kann, darf er seine Eltern verlassen?

Rasa Bugavičute-Pēce fühlt sich in einen Jungen hinein, der in eine besondere Situation geboren wurde. Schon früh muss er Erwachsenenaufgaben übernehmen. Für ihn normal. Die Sticheleien der Anderen wehrt er wie ein Mann ab. Manchmal denkt er sich, ob man ihm denn nicht schon früher mal etwas sagen konnte, der er etwas Besonderes ist oder in eine besondere Situation, eine besondere Familie hineingeboren wurde. Doch was hätte das geändert? Vertragsauflösung? Nein, nein, Jēkabs fügt sich ohne sich klein zu machen. Doch das Schicksal hat mehr mit ihm vor…

„Der Junge, der im Dunkeln sah“ ist eine Offenbarung! Weil es der Autorin gelingt mit zart gewobenen Sätzen eine Stärke erfordernde Realität zu meistern. Mit all ihren Ecken, Kanten, Wendungen aber auch mit all dem Glück eine Familie zu haben.

Usedom und Wollin

Hier wird Europa Wirklichkeit. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten Ost auf Ost traf, verbinden sich heute Osten und Westen auf ganz natürliche Weise. Von Peenemünde bis Dziwnów, von Bansin bis Wolin – Usedom hat schon lange fahrt aufgenommen und präsentiert sich wie eh und je als Sehnsuchtsort für alle, die schon viel von der Welt gesehen haben oder denen die Ostsee näher ist als die Karibik.

Usedom und Wollin – hier gibt’s so einiges im Doppelpack. So gibt es die Insel Usedom als auch die „Hauptstadt“ Usedom. An den nördlichen Ufern sonnt man sich an der Ostsee, im Süden an ruhigen Binnengewässern wie dem Stettiner Haff oder dem Achterwasser

Nur die Kaiserbäder, die gibt’s gleich dreimal. Ahlbeck, Bansin und das berühmte Heringsdorf. Ein Spaziergang entlang der eleganten, eindrucksvollen Villen mit Strandblick entlohnt für so manche Zeit im Stau auf dem Weg in die Sonne. Grażyna und Wolfgang Kling sind die stillen Flüsterer im Vordergrund, die dem Leser/Besucher Usedom und Wollin so nahe bringen, dass man sich schon bei Ankunft wie ein Einheimischer fühlt. Dabei achten sie besonders darauf, dass das Gleichgewicht zwischen dem Offensichtlichen und dem teils Verborgenen gewahrt bleibt.

Dieser Reiseband strotzt nur so vor Informationen. Blau unterlegte Infokästen sind die knackigen Antworten auf kurzfristige Fragen. Zahlreiche Karten erleichtern die Orientierung lassen das Handy dort, wo es im Urlaub hingehört, in der Tasche. Die gelb unterlegten Kästen sind unterhaltsame Wissenslückenfüller, die eine kurze (Lese-) Rast zur wissbegierigen Pause wandeln.

Hier ist alles drin, was diese beiden Inseln so unverwechselbar und so begehrt machen. Das begrenzte Übernachtungsangebot – und das ist gut so, denn wenn hier Bettenburgen die Sicht auf den Horizont versperren würden, wäre Usedom mit einem Mal wie leer gefegt – gepaart mit der Einsicht, dass es „gleich um die Ecke“ ein wahrhaftes Paradies gibt, sind das Pfund, mit die Doppelinsel wuchern kann.

Auf Usedom urlauben, hieß schon immer auf der Sonnenseite zu stehen. Ebenso auf Wollin. Ein Grenzübertritt, der sich gar nicht so anfühlt, ist das beste Zeichen für Zusammenhalt. Und so merkt man auch gar nicht, wenn man im nächsten Kapitel des Buches schon wieder in einem anderen Land ist.

Rügen Hiddensee Stralsund

Man muss alle rügen, die nichts an Rügen finden. Denn die größte deutsche (Urlaubs-) Insel ist ein Füllhorn an Attraktionen. Auch, aber  nicht vor allem wegen Caspar David Friedrich, der in den vergangenen Jahren auch international einen Aufschwung genommen hat wie ihn einst nur Andy Warhol vermelden konnte. Friedrich hier, Friedrich da. Alles so romantisch. Rügen ist es auch. Doch nur zu einem gewissen Prozentsatz und gewiss nicht ausschließlich.

Wer Rügen sagt, meint vor allem Erholung im engsten Wortsinne. Tief einatmen, und wieder ausatmen. Die Meeresbrise aufsaugen. Kraft tanken. Denn wer Rügen erkunden will, braucht Ausdauer. Und einen kenntnisreichen Tippgeber. So wie Peter Höh es ist. Sein Rügen-Reiseband ist ein gigantisches Kleinod und eine Schatztruhe an Erkundungen. Das reicht vom Besuch der ersten Gorch Fock in Stralsund, was geographisch noch nicht zu Rügen zählt. Aber ohne Stralsund und Brücke und damit verbundenen Wartezeiten ist Rügen nur eine Insel. Und es endet noch lange nicht an den Kreidefelsen (Hallo, Caspar David Friedrich!). Und einfach nur faul am Strand von Glowe rumliegen, ist auch nicht Rügen total. Ein Kurkonzert in Binz? Reicht auch noch nicht für das Komplettpaket Rügen. Ja, was ist es nun das Komplettpaket Rügen?

Knapp dreihundertfünfzig Seiten, 30 Ortspläne, Routenvorschläge, auch fürs reisen mit Kindern oder auf dem Drahtesel, über einhundert Fotos – kurzum: Dieser Reiseband ist das Komplettpaket Rügen.

Wer hier so manchen Sommerurlaub in der Kindheit verbrachte und schon seit Jahren nicht mehr hier war, der erlebt schon beim ersten Durchblättern sein blaues Wunder. Und das hat erstmal gar nichts mit der Farbe der Ostsee zu tun. Es ist der blaue Himmel, im Zusammenspiel mit eben dieser Ostsee und dem unfassbar umfangreichen Angebot, was man hier erleben kann. Schlösser wie das Jagdschloss Granitz, wo Kinder im Nu zu Schlossherren mutieren oder versteckte Ruheoasen wie … nein, die muss man schon selbst suchen und für sich behalten (einige verrät der Autor dann aber doch) bis hin zu empfehlenswerten Orten, die alle Sinne inklusive Magenknurren bestens bedienen.

Die kaum zahlbaren Tipps für allerlei Machenswerte für groß und Klein nicht gespickt mit Öffnungszeiten, Eintrittsgeldern und den obligatorischen Nennungen der Homepage, wo man die letzten offenen Fragen beantwortet bekommt. Dieses Buch bietet mehr Rügen als jede Internetsuche!

Rigaer Freiheit

Riga Anfang des Jahrtausends. Das Land, Lettland, wird bald schon zur EU und zur NATO dazugehören. Die nächste große Umwälzung. Für einen Studenten wie den Erzähler zählen diese Dinge erstmal nur am Rande. Er kann es kaum glauben, dass er an der Kunstakademie angenommen wurde. Sein neues Leben erfährt eine für ihn viel wichtigere Umwälzung. Und es ist noch nicht vorbei mit den Veränderungen. Denn er erbt. Nicht unerheblich. Er erbt ein Haus. Ein großes Haus. Ein Mietshaus. An der Freiheitschaussee. Also mittendrin, im Leben. So viel Veränderung muss man erstmal wegstecken. Zusammen mit seiner Omama fährt er zu seinem neuen Besitztum.

Wie alles im Leben so hat auch das Erbe eine zweite Seite. Eine unschöne Seite. Rau, verdorben, echt, aber auch voller Überraschungen. Denn in dem Haus wohnen noch Mieter. Und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Sie sind dem Haus näher als der neue Eigentümer. Die resolute Omama kennt die Mieter. Sie weiß wer wann wieviel Rente bekommt. Und somit auch pünktlich die Miete zahlen könnte. Könnte, ja. Die Hausgemeinschaft ist ein ziemlich runtergekommener Haufen unzuverlässiger Mieter.

Sie wissen wie man mit dem Vermieter umgeht. Als neuer Eigentümer steht man da erstmal mit offenem Mund da. Oder lässt alles seinen Lauf gehen. Schließlich ruft die Akademie…

Svens Kuzmins wirft ein fades Licht auf eine fade Situation. Antriebslosigkeit und eine sich rasch wandelnde Gesellschaft sind die Treibfedern dieser „Rigaer Freiheit“. Wo einst der Stolz der Nation – schließlich haben sich die drei baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland beeindruckend friedlich von der Sowjetunion getrennt – mit Blumen im Haar und allerlei Gesang nach Außen getragen wurde, fallen hier und da Horden von brutalen Skinheads über das Land herein. Unzufriedenheit, Abschottung und Resignation machen sich breit, wo einst Hoffnung blühte. Das geerbte Haus wirkt wie ein Symbol dieser neuen sich entwickelnden Gesellschaft.

Im Kleinen schiebt der Erbe den „Roadhouse Blues“, schippert auf dem „Ship of fools“ gen Sonnenaufgang, „Waiting for the sun“: Immer wenn er „Morrisons Hotel“ von den Doors auflegt, fühlt er sich wie in einer eigenen Welt.

Mal melancholisch, mal absurd witzig – in diesem Spektrum bewegt sich „Rigaer Freiheit“ von Svens Kuzmins. Da, wo die knallharte Realität auf Hoffnungslosigkeit trifft, hinterlässt sie tiefe Risse. Und darin beginnen Pflänzchen zu blühen, die wie dieses Buch wunderbar strahlen.

Qimmik

Mit dem Wort Genozid sollte man sehr bedächtig umgehen. Die Vorstellung darüber reicht weit über den brachialen Schuss hinaus. Einen Menschen zu brechen, ist ein Einfaches im Vergleich zu dem, was man einem Volk, einer Volksgruppe antun kann, um sie ihrer Identität zu berauben. Davon berichtet Michel Jean in „Qimmik“.

Kanada in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Also vor gerade mal einem reichlichen halben Jahrhundert. Der Weltkrieg ist lange vorbei. Die Welt taumelt immer noch. Ulaajuk ist Jäger und versucht nun seine Felle zu verkaufen. Kuujjuaraapik, wo Tundra und Taiga sanft ineinander übergehen, scheint für in der ideale Ort zu sein. Saullu, wie Ulaajuk Inuk (bei uns besser bekannt als Inuit, Einwohner der arktischen, subarktischen Gebiete auch in Kanada), verliebt sich in den geschickten Jäger. Er und Sie – das ideale Paar. Schnell ist beschlossen gemeinsam die Jagdgebiete nach Karibu, Robben und Beluga zu durchforsten. Ihre Zeit ist von Entbehrungen geprägt, es ist aber auch die Zeit der Liebe. Leider verliert Saullu ihr Kind. Nach Jahren kehren sie zurück an den Ort, der der Grundstein ihrer Liebe ist: Kuujjuaraapik.

Der Ort hat sich verändert. Straßen und Häuser sind hinzugekommen. Der beschauliche Ort hat sich in einen geschäftigen Platz verwandelt. Ulaajuk fällt sofort auf, dass hier eine trübsinnige Stimmung herrscht. Es fehlt das Gebell der Hunde. Auf ihrer Jagd hatten er und Saullu zwei Gespanne mit je zehn Hunden immer bei sich. Tag und Nacht waren die treuen Gefährten um sie herum. Sie brachten sie von Ort zu Ort, waren unerlässliche Helfer. So wie schon ihre Väter, ihre Großväter und Urahnen gehörten Mensch und Tier zusammen, wie die Nacht, die auf den Tag folgt.

Hoffnung bietet den beiden die Tatsache, dass Saullu erneut schwanger ist. Das Schicksal meint es dieses Mal gut mit ihnen. Saullu und Ulaajuk sind nun Eltern. Einen Tag später stirbt Saullus Vater. Ein Schicksalstag. Der noch nicht zu Ende ist. Denn genau in dem Moment, in dem ihr Vater zu Grabe getragen wird, erscheint einmal mehr die Sécurité du Québec. Sie waren schon einmal hier, als Saullu und Ulaajuk auf der Jagd waren. Damals erschossen die Beamten alle Hunde der Inuk. Das allein ist schon verächtlich genug. Aber einem Volk einen Grundbestandteil seiner Kultur derart brutal und unnachgiebig zu entreißen, ist zumindest moralisch verwerflich, bislang noch nicht justiziabel und deswegen ein Akt der Unmenschlichkeit. Ganz zu schweigen vom Leid der Tiere. Dieses Mal haben die Beamten die Hunde von Ulaajuk im Visier…

Es ist erstaunlich wie viel Geschichte, wie viele Geschichten Michel Jean auf zweihundert Seiten unterbringen kann. Ein rasanter Horrortrip durch ein historisch verbürgtes Kapitel kanadischer Geschichte, das hierzulande kaum bekannt sein dürfte. Bis jetzt. Michel Jean ist der Geschichtsvermittler Kanadas, leider auch der bitteren Kapitel.

1000 places to see before You die

Im Leben gibt es unzählige Listen, die man erstellt. An die meisten hält man sich, wie den Einkaufszettel. Andere hingegen dienen – so meint man – der eigenen Beruhigung etwas zumindest in Planung zu haben. Meist gehen diese Listen irgendwann den Weg in den Abfall. Und dann wiederum gibt es Listen, die sind so dick, weil gehaltvoll, die werden niemals ihre Anziehungskraft verlieren. Bucketlist nennt man das.

Und so eine liegt in diesem Fall einmal mehr vor. Tausend Orte, die man besuchen muss bevor man es nicht mehr kann. Unmöglich? Schon möglich. Aber genauso möglich ist es tausend Orte zu bereisen. Doch wo anfangen? Hier kommt dieses Monster an Ideen, Ratgebern, Tipps, Tritten in den Allerwertesten ins Spiel. Von nun an gibt es keine Ausreden mehr! Der Anfang ist gemacht. Und der erste Schritt ist bekanntlich der erste von vielen, die noch folgen werden. Und wenn man schon mal angefangen hat…

… dann auf zum Lac d’Annecy oder nach Riga. Am besten mit einem Abstecher zu den Stränden Goas in Indien oder Sanibel und Captiva vor Florida. Oder der größten Sandinsel der Welt, Fraser Island in Australien. Zu ruhig? Dann hilft eine Shopping- oder Sightseeingtour über die quirligen Märkte von Saigon.

Man muss das Buch nur in die Hand nehmen und ein wenig darin blättern. Und schon hat man Reisefieber. Und eine Reisefibel auf dem Schoß. Klar gegliedert nach Kontinenten und Ländern. Ganz Mutige nehmen diesen Schmöker als festen Reiseplan – viel Spaß beim Urlaubsantrag ausfüllen: „Chef ich bin dann mal weg. Wenn ich das Buch abgearbeitet habe, komme ich wieder. Bis in … Jahren!“. Die Vorstellung ist doch schon sehr verlockend.

Ein Sinnes-Overkill ist garantiert. Berge, Täler, Strände, Stadtzentren, Architektur, Naturwunder, über und unter Wasser, Aussichtspunkte, Absteige wie Kletterpartien – wer hier nicht fündig wird, der hat entweder schon alles gesehen (was fast unmöglich scheint) oder will einfach nicht. Man kann dieses – nein, man sollte – dieses Buch als niemals versiegende Inspirationsquelle sich regelmäßig aus dem Regal nehmen. Reisen bildet. Lesen macht Appetit. Bei 1220 Seiten kann man sich niemals satt sehen und inspirieren lassen. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Heute hier, morgen da. Der Sehnsucht einfach mal Futter geben. Sich selbst austesten, was alles möglich sein kann. Schon allein dafür lohnt sich ein Blick in diesen Schmöker.

Maestro

Echte Spione bringen erlesene und unabdingbare Fähigkeiten in ihre Aufgabe ein, die sie von Anderen unterscheiden. Sie machen in eleganter Abendrobe ebenso eine beeindruckende Figur wie in Badesachen. Sie sprechen mehrere Sprachen. Ziehen sich aus vielerlei Kulturen das Beste heraus. Klassische Musik und moderner Pop sind für sie kein Widerspruch. Sie sind kampferprobt, mindestens eine asiatische Kampfsportart müssen sie quasi noch im Halbschlaf beherrschen. Ihre Gedanken sind blitzschnell. Und sie erkennen Zusammenhänge, die Großen wie die Kleinen, ohne jede Einarbeitung.

Kerstin Armfeldt ist nun wirklich keine sanftmütige Seele. Gerade hat sie das Rentenalter erreicht. Ihre Kollegen sind einerseits ein bisschen froh. Andererseits fehlt der schwedischen Polizei nun eine der gewieftesten und erfolgreichsten Ermittlerinnen. Eine, die jedem, der ihr dumm kommt, verbal das Maul stopft. Und wenn nötig auch so manchen Sidekick austeilen kann. Den schwarzen Gürtel in Karate hat sie nicht in der Tombola gewonnen.

Anna Flanke stellt sich bei einem Telefonat mit Kerstin als politische Sachverständige im Justizministerium vor. Solche Leute mag Kerstin besonders. Den ganzen Tag nur rumsitzen und ihr ihren Job erklären. Doch Anna erzählt Kerstin eine interessante Geschichte. Die von Antoine Malå. Der Maestro. Der Stardirigent, der weltberühmte Antoine Malå. Der sich für Umweltschutz so vehement einsetzte. Ja, einsetzte. Denn der Maestro ist tot. Ermordet. Bestialisch zu gerichtet – ihm wurde die Haut abgezogen. Das ist schon eher Kerstins Fall. Aber es war nicht ihr Fall. Der Mord geschah einen Tag nach ihrer Pensionierung.

Anne bittet Kerstin unauffällig, inoffiziell (eigentlich auch wieder nicht, denn zu viele wissen von dem geplanten Geheimauftrag) den Fall zu untersuchen und am besten gleich auch noch zu lösen. Ihr zur Seite soll David Westerdahl stehen. Komponist, dem Alkohol nicht abgeneigt und absoluter Wahrheitsfanatiker, im pathologischen Sinn. Er ist mit Nadia Kowalska, der Pianistin verbandelt. Und dann ist da noch das russische Gegenstück zum Maetsro Malå – Schaljapin. Ebenso gefeierter Dirigent. Und ein Freund des russischen Präsidenten, dem russischen Präsidenten: Putin. Der hat tatsächlich auch seine Finger im Spiel in diesem Fall. Na, ist das mal eine Geschichte?! Eine, die auf den ersten Blick willkürlich zusammengeklaubt ist. Aber schon nach wenigen Seiten wird jeder noch so kleine Zweifel an Integrität durch den Faktenreichtum und die unbeirrbare Schreibweise von Fredrik Österling vom Gestank der Oberflächlichkeit reingewaschen. Es entspinnt sich ein Labyrinth aus Lug und Trug, Machtbesssenheit und Risikobereitschaft, Action und besonnener Analyse. Wer „Maestro“ nicht liest, kann das Genre „Spionagethriller“ in Zukunft links liegen lassen.

Metropolen des Ostens

Zuerst die schlechte Nachricht: Das ist kein Reiseband! Und jetzt nur noch gute Nachrichten. Denn dieser Biographienband über Städte, die man zwar vom Namen her kennt, die man jedoch sonst als weiße Flecken auf der Landkarte wahrnimmt, ist ein farbenfrohes Spektakel, das seinesgleichen sucht.

Vilnius gehört sicher zu den weißen Flecken auf der Landkarte der meisten, die sich die meisten Farbspritzer erarbeitet hat. Zusammen mit Riga und Tallinn bildet es das Triumvirat des Ostseestädtetourismus. Da tut ein weitreichenderer Blick auf die Geschichte gut und Not.

Minsk kennen die meisten nur als Zentrum der Hölle eines absolutistisch regierten Landes, dessen Oberhaupt nur allzu gern mit der Davidskeule dem Goliath den Schädel einschlagen möchte.

Kasan, Lemberg, Tblissi, Astana sind Städte, teils Hauptstädte!, die Fußballfans aus den Ansetzungslisten der ersten Runde in der European Conference League zumindest namentlich ein Begriff sind. Mehr aber auch nicht. Wobei Astana mittlerweile in Nur-Sultan (nach dem Machthaber Kasachstans) umbenannt wurde.

Odessa – da werden die Ästheten hellwach. Das Paris am Schwarzen Meer, wo die Kulturen aufeinandertreffen, wo ikonische Filmszenen entstanden, wo die Sonne angenehmer schient als an so mancher Mittlerperle.

Und Warschau ist einfach nur der Punkt auf der Landkarte in den Nachrichten, der die Mitte Polens markiert.

Baku … war da nicht mal der ESC? Fast so unbekannt wie Czernowitz. Dazu fällt den wenigsten noch etwas ein.

Es wird also Zeit diesen Städten, diesen Perlen des Ostens, diesen Metropolen, wo die Sonne schon schient, wenn hier der Bäcker seine Stube aufschließt, eine Stimme zu geben.

Und ein Gesicht. Schon beim ersten, losen durch die Daumen gleitend, findet man die offensichtlichen Höhepunkte, die das Reiseherz höher schlagen lassen. Der Bajterek-Turm in Nur-Sultan / Astana oder der Tempel der Arbeiterklasse in Minsk (würde die Bildunterschrift fehlen, könnte man auch meinen ein wirklich sehr gut erhaltener römischer Tempel wäre hier zu sehen) oder die Mariä-Verkündigung-Kathedrale in Kasan stechen einem sofort ins Auge. Also doch ein Reiseband? Nein, immer noch nicht. Es sind die zehn Essays von Autoren der jeweiligen Städte, die dieses Buch zu einem unverzichtbaren Reiseutensil machen, wenn man sich auf die Suche nach Farbe in diesen weißen Flecken macht. Die Autoren haben die gesamte Farbpalette bereits entdeckt. Sie gehen weit zurück in die Vergangenheit, zeichnen Entwicklungen nach und scheuen sich nicht ihre Werke nun der breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Und so mancher Betrachter dreht sich beschämt beiseite und ärgert sich nicht schon früher den Blick gen Osten gerichtet zu haben.

Ein Haus, ein Stuhl, ein Auto

Erst der Bauch, dann die Moral. So hat es Brecht formuliert. Ihm selbst waren ein behagliches Dach überm Kopf, ein bequemer Stuhl und ein rasanter fahrbarer Untersatz nicht unwichtig. Er wusste sein Geld gut anzulegen, in Immobilien. Da kam wohl der Schwabe in ihm durch…

Ursula Muscheler geht seinem Drang nach Gemütlichkeit, Behaglichkeit und Bequemlichkeit (im physischen Sinne) auf den Grund. Schon in Kindertagen konnte er sich in der elterlichen Wohnung austoben. Die Wohnung war groß genug. Als erfolgreicher Autor im Berlin der 20er Jahre schuf Helene Weigel in der Babelsberger Straße ein Heim zum Wohlfühlen, sein Atelier in der Spichernstraße war ein gemütlicher Ort der Kreativität.

„Ein Haus, ein Stuhl, ein Auto“ lässt Stationen Brechts noch einmal aufblitzen, dieses Mal aber mit dem Sucher der Architektur. Bertolt Brecht ließ sich gern von Designern beraten und sie ihm seine Behausung einrichten. Mogens Voltelen, dänischer Designer, schuf den einen Typ Stuhl, der Brecht lange Zeit begleitete. Heute ist er in der Berliner Chausseestraße 125, dem Brecht-Haus zu bestaunen.

Stil hatte er, der große Dichter, der dem Arbeiter ein Theater gab, und deren Nähe er nun wirklich nicht gerade suchte. Er war Künstler und als solcher wollte er auch alle Annehmlichkeiten genießen. Im Buch reist man mit Brecht noch einmal um die Welt. Während Brecht reisen bzw. fliehen musste, hat der Leser die Chance ganz freiwillig um den Erdball zu kreisen.

Es ist erstaunlich wie oft schon über den Einrichtungsstil Brechts berichtet wurde. Und warum so wenig bisher darüber geschrieben wurde.

Ursula Muscheler macht einen Rundgang durch die Wohnungen, Ateliers und Häuser Bertolt Brechts. Von Augsburg über Berlin, von Südfrankreich ins sonnige Kalifornien und wieder zurück nach Berlin und Skandinavien. Fast so rasant wie der Dichter selbst.

Ein Autonarr war er nicht. Aber wenn er Auto fuhr, dann sportlich. Manchmal übers Ziel hinausschießend. Und er wusste wie er sich ein Auto verdiente. Nur ein paar Zeilen, den Auto-Song, blanke Werbung und schon stand ein Steyr-Cabriolet XII, sein Traumwagen vor der Tür. Nichts Übertriebenes, aber ausreichend, um damit einen Unfall zu bauen, die Knautschzone ein weiteres mal herauszuheben und im Gegenzug ein XX-Modell zu bekommen. Der machte schon mehr her.

Es geht in diesem Buch nun aber nicht darum wie Bertolt Brecht sich seinen Lebensstil ergatterte. Man erhält einen derart umfassenden Einblick in die Lebenswelt eines der erfolgreichsten deutschen Dichter überhaupt. Und mal ehrlich: Der Blick durchs Schlüsselloch ist immer noch der Beste.

Der Tod ist eine Liebkosung

Für ihn sind sie unausweichlich: Die Frau und die Katastrophe. Sie geht offensiv zur Sache. Mit jedem noch so kleinen Problemchen ihres Wagens (einmal hilft sie kräftig nach) behelligt sie den Mechaniker in der Werkstatt, in der ihre Familie schon immer ihre Wagen reparieren und auf Vordermann bringen lässt. Er hat keine Chance! Schon zappelt er in ihrem Netz aus Verführung und Begehren. Dass er und sie in einer Beziehung – sie ist verheiratet – sind, ist doch den beiden anfangs egal. Als es ernst wird, denkt sie daran einen Rückzieher zu machen. Mit dem Angelhaken im Fleisch überzeugt er sie, dass sie das Richtige tun … werden … sollen.

Kaum der Ehe entronnen – in ihrem Fall – kaum der Beziehung entkommen – in seinem Fall – beginnt der Beziehungsalltag. Alte Freunde sind zufällige Erscheinungen. Der Job wird zur Nebensache. Doch die anfänglichen Schmetterlinge sind satt gewordene Brummer geworden. Sie will den Rausch des Anfangs ewig fortführen. Er will Normalität.

Leider werden Streit und Misstrauen zur Normalität. Und Gewalt. Erst wird es nur lauter. Nach knallt die Faust auf den Tisch. Es wird körperlicher. Aber anders als zuvor. Angsterfüllte Blicke. Die Beziehung im Würgegriff im Lauf der Dinge. Bis zum Äußersten.

Nun sitzt er hinter schwedischen Gardinen. Sinniert über sein Tun. Und kommt zu dem Entschluss, dass er gar nicht anders hätte handeln können. Das ewige Hin und Her zwischen Aktion und Reaktion ist ihm bewusst. Die Schuld sieht er auch, aber nicht bei sich. Das hat er zu oft schon getan. Hat alles nichts gebracht. Wer Schuld hat, bekommt die Chance es wieder gut zu machen. Er hat das Bewusstsein falsch gehandelt zu haben und in Zukunft rechtens zu handeln. Doch er…

Über siebzig Jahre ist „Der Tod ist eine Liebkosung“ alt. Ein Hit schon bei Erscheinen. Verfilmt. Zum Klassiker erkoren. Und noch immer fesselt er in seiner Stringenz und Klarheit den Leser. Weglegen, und sei es auch nur für Sekunden wird mit Schuldbewusstsein bestraft. Schon beim Cover ist einem klar, dass hier Opfer und Täter von jedem Leser anders bewertet werden. Eine offene Tür. Aus dem Dunkel ins Helle schauend – Luc Besson hat das Spiel von Gut und Böse ebenso eindrucksvoll in „Leon der Profi“ angewandt – und mittendrin die femme fatale. Ihr aber allein die Schuld zu geben, ist ebenso falsch wie billig. Und Billig hat in der suspense-Reihe vom Septime-Verlag nichts zu suchen. Schwarz und Weiß sind eben nur Kontraste und kein Bestandteil der Farbpalette. Sie richtig anzuwenden ist eine Kunst. Ein Kunst, die der norwegische Journalist und Autor Arve Moen exzellent anzuwenden versteht. Auch wenn dieser Roman als One-Hit-Wonder eingestuft wird, so wirkt er auf ewig nach bei denen, die Qualität und pure menschliche Reaktionen in Einklang bringen können.