Das waren noch Zeiten. In Paris in den wohl luxuriösesten Zug der Welt einsteigen und erst tage, Wochen später am anderen Ende Europas, in Istanbul diesen wieder zu verlassen. Dazwischen lagen endlose Stunden, Tage in Salons, die man nur in steifer Montur betreten durfte. Man saß zu Tisch. Und vielleicht gab es auch mal einen Mord, der einen den gestärkten Kragen verdammt eng werden ließ. Das war der Orient-Express, den wir aus Büchern und Filmen kennen. Und der noch immer das Bild von gediegener Eleganz vermittelt. Das war einmal. Man kann zwar noch von Paris nach Istanbul reisen, aber…
Eine Reise von Paris nach Istanbul – für Viele ist es mittlerweile INSTAbul – ist immer auch eine Reise in die Gegenwart. Wie lebt man heute zwischen den Millionenmetropolen? Welche Unterscheide gibt es und wie sehr sind sie spürbar? Dennis Gastmann geht diesen Fragen nach. Entlang der Route des berühmten Orient-Expresses. Heute wie damals lassen sich hervorragend Geschichten sammeln.
Wenn man in Paris startet, kommt man nicht um ein Thema herum: Mode. Besonders, wenn man während der nicht minder berühmten Modenschauen während der fashion week in der Stadt ist. Er übernachtet dort, wo man schon früher übernachtete bevor man nächsten Tages das Eisenross bestieg und gen Osten zu reisen. Der Glanz ist ab. Ein Gerüst verhüllt das, was einmal war und nun mit dem Bohrhammer in die gegenwärtige Zukunft transformiert werden soll.
Es gibt noch einen gewaltigen Unterscheid zu „damals“. Damals stieg man in den Zug und erst wieder aus, wenn man am Ziel war. Heute sind Zugwechsel notwendiges Übel. Nach Venedig gelangt Gastmann nur über die Schweiz und Milano, wo ihm auch gleich der neue Geist begegnet. In Gestalt einer Frau. Der Frau, die Italien regiert. Schon wieder ein „damals“ … und nicht das Letzte. In Triest wird es noch deutlicher als er dem Bürgermeister begegnet. Ein ewig gestriger Fürst, der Zukunft zugewandt, doch im Inneren sind er und Meloni das Traumpaar der Rechten.
Der Balkan hat sich noch viel von seinem spontanen Charme bewahren können. Noch! Wo man damals aus dem Fenster schaute, angstvoll, ob nicht irgendwelche Horden der Luxuszug angreifen, keimt hier Hoffnung und wird im gleichen Atemzug von der Rasanz der Entwicklung im Beton begraben. Bulgarien bietet dem Autor den wohl größten Gegensatz. Von ausgelassener Lebensfreude bis in die dunkelsten Ecken eines Armenviertels treibt es ihn auf seiner Route des Orient-Expresses. Sicherlich auch Ecken, die schon „damals“ keiner der Zugreisenden besuchte.
Dennis Gastmanns Orient-Reise ist ein ewiges Rätsel. Was lauert hinter der nächsten Biegung, und das ist mehr im übertragenen Sinne zu verstehen, und wie kann man sich darauf einlassen? Europa als Spielwiese für Träume, die man sich erfüllen kann oder doch Projektionsfläche für alles, was schiefgeht. Von Paris nach Istanbul zu reisen ist immer noch ein Abenteuer, nur halt anders. Europa bewegt sich also doch?!
