Kategoriearchiv: aus-erlesen historisch

Das verlorene Kind

Ein Hauch von Paradies weht durch die ersten Seiten dieses Romans. Christian ist der Sohn eines Bauern, der mit dem Charme eines Lebemannes gesegnet ist. Er wird auf eine Schule außerhalb der dörflichen Idylle geschickt (ja, trotz der elenden Arbeit ist es hier friedlich, und man ist fernab jeglicher Sorgen, abgesehen vom Arbeitsalltag), und auch hier ist er einer der Besten und von einer Schar Freunden umgeben. Als der Vater stirbt, ist es mit der Karriere zu Ende. Er kehrt – freiwillig – zurück auf den Hof. Das Erbe wird gerecht verteilt. Die beiden älteren Brüder bekommen den Hof, Christian und seine Schwester teilen sich die Barschaft. Er baut sich etwas Eigenes auf. Was fehlt in diesem Bild? Eine Frau. Da hat es Christian noch nicht geschafft zu punkten. Bis, … ja bis … Martha in sein Leben tritt. Sie streift ihn. Er streift sie. Und im Handumdrehen sind sie Mann und Frau. So schnell geht das hier, im Norden Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn er vor ihr gewarnt wurde. Sie bekommen zwei Söhne. Auch die geraten recht wohl. Als Nachzüglerin kommt Anna zur Welt. Ein Sonnenschein. Jeder liebt sie. Aber sie wird im Gegensatz zu ihren Brüdern nicht von Emma gesäugt, sondern von ihrer Mutter. Emma lebt hier auf dem Hof und ist immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Auch sie hat einen Sohn, Fritz. Das Resultat einer – für den Erzeuger – unrühmlichen Tat. Fritz’ Vater ist ein Rohling übelster Sorte. Einmal werden sich Erzeuger und Sohn sehen. Es nimmt kein gutes Ende.

Die Jahre vergehen. Der Hof wirft gute Gewinne ab. Die Arbeit ist hart. Doch die Gemeinschaft ist härter. An ihrem vierten Geburtstag geschieht das Unerwartete. Anna ist verschwunden. Die Suche ist endlos. Sie dauert. Sie dauert ein Jahr. Schon jetzt wird klar, warum die Autorin Rahel Sanzara so viel Zeit auf die detailgetreue Wiedergabe der Entwicklung der Handelnden legt. Sie sind Rekonstruktionen des bisherigen Lebens der Bewohner. Wie ein Profiler skizziert sie die Charaktere und Lebenswege jedes Einzelnen.

Die Suche ist schlussendlich erfolgreich- Erfolgreich im Sinne, dass das Gesuchte auch gefunden wird. Anna ist schlimmst zugerichtet. Kaum wieder zu erkennen. Hier ist ein kleines Mädchen, unschuldig, naiv im besten Sinne des Wortes, geliebt auf unmenschliche Art und Weise um ihre Zukunft gebracht worden. Und die Welt um sie herum ist ein Scherbenhaufen.

Und das ist alles tatsächlich einmal so passiert. Es gibt Ermittlungsakten, Gerichtsprotokolle, harte Fakten. Und die anschließend – das Buch ist 1926 erschienen – eine beispiellose Hetzjagd auf die Autorin. Plagiatsvorwürfe in Serie. Sie selbst äußert sich nur sporadisch und mit klaren Worten. Sie hat die Namen beibehalten, um sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Befreundete Kollegen ihrer Zeit standen ihr zur Seite oder aber griffen sie unerbittlich an. Mit der Machtergreifung der Nazis wurde ihr Werk verboten – den mühseligen Prozess des Ariernachweises wollte sie nicht nachgehen. Rahel Sanzara, Theresa Charlotte Johanna Blaschke mit eigentlichem Namen, starb einen Tag vor ihrem 42. Geburtstag an Krebs. Was die Nazis in Gang gesetzt hatten, endet erst mit der Neuauflage ihres ersten Buches, „Das verlorene Kind“. Nun wird es wieder gelesen. Es kann seine ganze Kraft entfalten und der deutschen Sprache nicht nur ein verlorenes Puzzlestück zurückgeben, sondern ihr ein stilvolles Denkmal setzen. Die umfassenden Anhänge inklusive Rezensionen aus der Zeit der Erstveröffentlichung, die Diskussionen um ein mögliches Plagiat, die ausführliche Dokumentation ihres Lebens und Wirkens sind mehr als nur die Kirschen auf dieser prachtvollen Literatur-Torte.

Nach Havanna

Eine Reise in die Seele Kubas – so der Untertitel. Meist verbirgt sich – wenn man das leist – dahinter ein Reisebericht eines (dafür) viel zu jungen Pseudoaussteigers, der meint nach ein paar Jahren in einem gut bezahlten, jedoch stark strukturiertem Job, unbedingt jetzt eine mehrmonatige Auszeit nehmen zu müssen, um die Welt zu erkunden. Mangelnde Hygiene inklusive, gefolgt von der Erkenntnis, dass die Menschen, denen er begegnete zwar unfassbar arm sind, aber im Gegenzug nicht minder glücklich. Was dabei übersehen wird, ist die Tatsache, dass – auch schon vor der alles verstehenden Zeit der oberflächlichen Empathie (oder auch Sorglosigkeit bzw. Verantwortungsscheue) – dieser koloniale Ignoranzunterton menschenverachtender ist als man sich selbst eingestehen kann.

In diesem Fall – endlich mal was Positives! – gibt es aber die begründete Hoffnung, dass man wirklich in die Seele Kubas und Havannas (!) eintauchen kann. Denn der Autor ist nun mal eben keiner, der mit belanglosen Texten die Bücherregale füllt, sondern Leonardo Padura. Ihn muss man nicht erklären, man liest ihn. Man folgt ihm. Man glaubt ihm. Havanna und Padura sind eins. Er ist hier geboren und setzt mit jedem Buch, jedem Kapitel, vielleicht nicht mit jeder Zeile, Havanna und Kuba ein Denkmal. Ein Denk-Mal.

In Mantilla ist Leonardo Padura geboren, hier lebt er immer noch – mit Ausnahmen. Hier kennt er sich aus, hier kennt man ihn. Hier hat er als Junge Baseball gespielt. Stundenlang, tagelang, jahrelang. Dort, wo er laut Plänen von Meyer Lansky und anderen Ganoven aus Amerika einmal das größte Vergnügungsparadies der Welt entstehen sollte – Las Vegas hätte sich in die Hose gemacht vor Scham – hielt er sich kaum auf. Wenn es nach Havanna ging – lange hatte der kleine Leonardo nicht verstanden, was das hieß: War doch Mantilla teil von Havanna. Oder doch nicht?! – war das immer ein Ereignis. Heimlich stahl er sich davon, erkundete die Stadt auf eigene Faust. Das Ergebnis: Sein Ermittler, sein Kommissar, sein Detektiv Mario Conde bewegt sich in Havanna derart traumwandlerisch, dass man als Leser sich schon fast als Kenner der Stadt bezeichnen darf. Die Auszüge aus seinen Büchern bringen diese Leseerinnerungen mit jedem Wort auf Anhieb zurück.

„Nach Havanna“ ist mehr als die logische Konsequenz aus den vorangegangenen Büchern von Leonardo Padura. Rollende Ölfässer, Baseball, liebevolle Umgebung, der Rhythmus der Stadt (ganz ohne nostalgische Verklärtheit) sind mehr als nur Hotspots, die man sehen muss. Padura erkennt sie, ordnet sie ein und lässt diesen Orten und Menschen ihre Normalität. Er drängt nicht darauf alles genauso wie er erleben zu müssen, wenn man die Stadt besucht. Er nimmt auch niemanden an die Hand und zerrt ihn von Geheimtipp zu Geheimtipp. Er stellt seine Stadt vor. Immer mit dem Hinweis auf die Zeit, die er offen und ehrlich erklärt. Denn Cuba ist nicht gleich Cuba. Und nicht jeder, der lacht, ist mit seiner Umgebung vollends zufrieden…

Schiff aus Stein

Albaner in Kalabrien, Ferragosto in Venetien, Schnitzler (nicht Schnitzel!) in Wien – mit Karl-Markus Gauß zu reisen ist jedes Mal ein Erlebnis. Denn überall, wo der studierte Germanist und Historiker auftaucht, findet er Aufregendes, Erinnerungen und Zusammenhänge, die nur er so stilvoll in Worte fassen kann.

Es sind Ausflüge in die Vergangenheit sowohl des Autors (hier wird die Neugier des Lesers nach privaten Geheimnissen nur insofern gestillt wie Gauß es selbst zulässt) als auch in Rückschauen auf das große Ganze. Europa ist nicht an einem Tag gebaut worden. Es hat sich entwickelt. Mal in die richtige, zu oft leider auch in die falsche Richtung. Nicht immer war es ein Europa, sondern ein bunter Mix, der erst in der Interpretation das Siegel Europa erhielt. Man denke nur an die Allianzen im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts oder an den Eisernen Vorhang.

Karl-Markus Gauß reiste immer schon. Grenzen waren für ihn lediglich Passkontrollstationen. Wahre Grenzen gab und gibt es für ihn nicht. Wo andere mit gen Himmel geneigten Kopf sich der Architektur hingeben, sitzt Gauß am Tisch mit den Menschen, die darin leben. Manchmal trifft er Leute wieder, die er Jahrzehnte zuvor schon einmal getroffen habe. Oder ihre Verwandten. Oder auch nicht!

Die kurzen Kapitel sind scharf umrissene Extrakte Europas. Was dem Autor passiert, kann jedem passieren. Nur eben nur hier, in Europa. Man muss sich anstrengen, Empathie nicht wie eine Monstranz vor sich hertragen, sondern wahrhaft leben – erst dann besteht die Möglichkeit dasselbe zu erleben. Die Möglichkeit, wohl gemerkt! Das kann im Wiener Kunsthistorischen Museum sein, wenn man ungehobelte Jugendliche beobachtet oder auch ein nicht bekommenes Menü in Troyes, einer der ehemaligen Hauptstädte Frankreichs sein. Das nicht bekommen bezieht sich in diesem Fall nicht auf ein „Upps, da haben wir vergessen zu servieren“…

„“Schiff aus Stein“ ist ein Buch, das auf jeder Europareise Museminuten bereitet und im Handumdrehen tiefgreifende Gedanken an die Oberfläche spült. Alles, was man sieht, reicht, schmeckt, erscheint in einem anderen Licht, ohne das man dabei der eigenen Eindrücke beraubt wird.

Gauß’ Geschichten sind wie Statusmeldungen in den sozialen Medien. Doch im Gegensatz zu den überzähligen „Guck mal wie viele Kilometer ich heute gelaufen bin“-Sinnlosigkeiten, die niemand einfordert, sind seine Statusmeldungen wahre Kostbarkeiten, von denen man sich wünscht, sie würden noch öfter aufpoppen.

Dieses Buch muss man lesen. Und vielleicht sind ja genau die beiden darunter, die gleich in der ersten Geschichte die Aufmerksamkeit des Autors auf sich zogen, und sich wieder erkennen. Zwei Verschwörer, die gemeinsam mehr als doppelt so stark wie einzeln sind. Die – vielleicht? – immer angestiert werden, weil… das muss man lesen!

Neapel sehen und sterben

Alles beginnt mit dem Tod. Odysseus überlistet die Sirenen, die sich daraufhin in die Fluten stürzen. Eine von ihnen, Parthenope wird an die Ufer der Bucht von Neapel gespült. Der damals aber noch anders gehießen haben muss. Sie wird hier begraben und gibt der Stadt ihren ersten Namen. So oder so ähnlich kann man sehr oberflächlich die Entstehung der Stadt Neapel zusammenfassen. Von wegen der Tod is a Wiener! Unter der brodelnden Oberfläche liegt das andere Neapel. Das Neapel der Toten. Katakomben, endlose Gänge, Labyrinthe. Das ist Neapel. Auch. Und ganz besonders.

Der Stadtheilige San Gennaro, der für seine religiöse Überzeugung – die katholische Kirche liebt die Aufopferung – ist hier begraben. Ippolita Sforza, aus dem fernen Mailand, auch. Sie, der junge gebildete Teenager sollte hier Alfonso heiraten. Später wäre sie dann Königin geworden. Es kam anders. Als Zwanzigjährige brach sie auf, um das noch nicht vereinigten Italien zu bereisen und schließlich am Hochzeitshofe ihrem Zukünftigen übergeben zu werden. Bücher und Lehrer brachte sie gleich mit. Doch Alfonso war die junge Sforza nicht genug. Nachdem die Thronfolge gesichert war – drei Kinder, inklusive männlichem Nachkommen – zog es Alfonso zu Anderen hin. Anderen Frauen. Sie solle es hinnehmen, rieten ihr sogar ihre Brüder. Sie nahm es nicht hin…

Hinzunehmen hatten die Napoletaner so manche Schmach. Die Größte Stimme der Stadt – Enrico Caruso – brach nach einem desaströsen Auftritt im Teatro San Carlo zu anderen Ufern auf. New York wurde seine neue Heimat. Nach schwerer Krankheit kehrte er als Kurgast in seine Heimatstadt zurück. Er erholte sich. Nur kurz und starb dann im Hotel Vesuve. Menschenmassen trugen und geleiteten seinen Sarg zur letzten Ruhestätte. Neapel und der Tod – eine Verbindung wie Pech und Schwefel.

Dieter Richter kennt die Stadt besser als die meisten Einwohner. Der Süden, Neapel – hier ist er zuhause. Dreizehn Todesfälle, die die Stadt prägten, die exemplarisch für die Stadt stehen, ihr Image prägen, durchblättert man fieberhaft, um noch tiefer in die eintauchen zu können. Fernab von Touristenströmen, vorbei an unzähligen Pizza-portafoglio-Zwischenstopps führt Dieter Richter den Leser durch eine Stadt, die es schafft das Gleichgewicht zwischen allgegenwärtigem Tod und ebenso spürbarem Leben zu halten.

Es ist wie bei jedem Buch von Dieter Richter: Jetzt hat man wirklich alles erfahren über die Region, über die der versierte Kulturwissenschaftler schreibt. So ist es auch mit diesem Buch. Mehr kann man einfach nicht wissen über die Stadt in einem der aktivsten Vulkanfelder der Welt. Eines steht jedoch fest: Bei Dieter Richter muss man immer mit Überraschungen rechnen. Genauso wie bei Neapel. Die Stadt hält sicher noch einiges unter  und über der Oberfläche parat. Und Dieter Richter wird es gekonnt und unnachahmlich hervorkramen.

Albert Nobbs

„Ach, das könnte schön sein, ein Häuschen mit Garten…“ ganz so verträumt sieht Albert Nobbs seine Zukunftspläne nicht. Er träumt von einem eigenen Tabakladen. Womit der Roman schon mal nicht in der Gegenwart spielen kann… nein, wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert in Dublin. Und Albert Nobbs ist für einige der Grund in diesem einen Nobelhotel zu weilen. Nur weil Albert Nobbs da ist. Und Albert Nobbs ist einfach Albert Nobbs. Er unauffällig, doch immer da, wenn man ihn braucht, manchmal sogar einen kurzen Moment früher.

Das Morrison’s Hotel ist ohne Albert Nobbs einfach nicht denkbar. Auch Albert Nobbs kann sich ein Leben ohne das Hotel nicht vorstellen. Zumindest so lange bis das Geld für den eigenen Tabakladen zusammengespart ist. Ach ja, dieser Tabakladen… wenn die anderen wüssten. Und wenn die anderen auch wüssten welches Geheimnis Albert Nobbs noch in sich trägt… Wohl gemerkt: Dublin, Irland, Ende des 19. Jahrhunderts! Lassen wir die Geheimniskrämerei: Albert Nobbs ist eine Frau!

Wenn das rauskommt, dann ist alles weg. Der gesicherte Job und erst recht der Traum vom Tabakladen. Und erst die Schande! Man würde ihn nicht nru aus dem Hotel, sondern aus der Stadt, wahrscheinlich sogar aus dem Land jagen. Aber das ist Spekulation. Das Geheimnis ist sicher.

Bis Hubert Page bei Albert Nobbs einziehen soll. Die Hotelbesitzer wollen das so. Hubert ist Anstreicher und immer mal wieder für eine gewisse Zeit im Hotel. Man kann sich die dicken Schweißperlen bei Albert Nobbs genau vorstellen, die sich gebildet haben als ihm die Nachricht überbracht wird. Zeit Vorkehrungen zu treffen bleibt ihm auch nicht. Denn das alles geschieht seines Wissens unverzüglich, ab sofort. Die Geschichte lehrt uns, was das heißt…

Zur Beruhigung geschieht ein weiteres Wunder. Denn Hubert Page ist auch nicht unbedingt Hubert Page. Leidensgenossen unter einem Dach. Schweigepflicht in jeder Gefühlslage. Und Beistand. Page macht Nobbs einen Vorschlag, um ein ruhigeres Leben führen zu können. Er solle sich ein Mädchen suchen und es heiraten. Ein Gentleman der Gegenwart war Nobbs schon immer und unternimmt die ersten Gehversuche…

George Moore ist in unseren Breiten relativ unbekannt. Zu Unrecht! Dieser kleine Roman voller Güte, gespickt mit Zuneigung, brillant umgesetzt ein Schatz! Die nicht minder brillante Glenn Close brachte die Figur derart beeindruckend auf die Leinwand, dass das Buch vor einiger Zeit noch einmal veröffentlicht wurde. Die Neuübersetzung von Stefan Weidle ist mehr als nur die Kirsche auf diesem süßen Turm verführerischer Sahne. Er bringt Zeitgeist und moderne Lesart in Einklang, das einem schwindelig wird ob der Tatsache, dass man erst jetzt diesen Roman so unbeschwert erlesen kann. Die Neuentdeckung des Leseherbstes 2026!

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Vier Jahre und vier Monate auf Más a Tierra können einen schwer verändern. Und wenn man dann auch noch allein ist, verkümmern die einfachsten Fähigkeiten wie zum Beispiel die Sprache – mit wem soll man sich denn überhaupt unterhalten?! Wenn dann Rettung naht, auch wenn ein Freibeuter in königlichem Dienst ist, bringt einem der schottische Akzent und eben die Tatsache, dass man das Sprechen quasi verlernt hat, auch nicht zwingend ins Paradies. Ein anderes Paradies als das, was man gerade verlassen hat. Und dann wird man … Moment, berühmt? Nee, berühmt wird man nur eine ganz kurze Zeit. Schließlich hat man richtig viele Monate allein auf einer Insel verbracht und überlebt. Das ist schon eine Meldung in einer Zeitung wert. Kurz ist der Ruhm. Und dann ist die ganze Sache auch schon wieder in der Vergessensschublade des Lebens verschwunden.

Ein ebenso vom Glück abgeprallter Autor liest von eben diesem Schicksal und probiert „einfach mal den Roman seines Lebens zu schreiben.“ Und siehe da: Es gelingt. „Robinson Crusoe“ wird ein Welterfolg. So blumig ausgestattet, paradiesisch abenteuerisch. Und was ist mit dem Mann, der der Anstoß dazu war? Den kennt keine Sau mehr! Und doch hat er einen Namen. Und der ist sogar bekannt! Alexander Selkirk. Bis heute ist er weder auf Geldnoten verewigt, noch hat man ihn zigfach auf Sockel gestellt (bis auf Lower Largo, seinem Geburtstort). Robinson Crusoe, der fiktive Held, ist bekannter als der reale Inselalleinbewohner Alexander Selkirk. Aus dem Geschichtsbuch gefallen – so ist das nun mal.

Ralf Höller hat noch mehr solche Glückspilze gefunden, die sich niemals der kreischenden Masse von Schaulustigen und Sensationsgierigen entgegenstemmen mussten, um eine Schritt vorwärts tun zu können. Sie alle wurden in den Hintergrund gedrängt und schließlich vom Podest gestoßen. Bis der Staub der Geschichte sie unter sich begrub.

Semjon Deschnew ist auch so einer. Eigentlich sollte sein Name auf jeder Landkarte stehen. Doch stattdessen taucht dort immer und logischerweise immer an derselben Stelle der Name Behring auf. Die Meerenge zwischen Russland und Amerika ist nach ihm benannt.

Aus aktuellem Anlass sei auf den Namen Nikolai Resanow ins Gespräch zu bringen. Auch er hat irgendwie etwas mit dem Namen Deschnew zu tun. Zu viel sei hier nicht verraten. Nur so viel. Wenn zwei Dickköpfige Diktatoren sich mal mögen und dann wieder bekriegen, sind Gebietsansprüche bald schon aktueller als man sich so viel Aktionismus niemals mehr vorstellen konnte. Kyrillische Buchstaben in Venice Beach. Piroggi auf der Lambert street. Matrioschkas in der Big Sur. Einfach mal weiterdenken und den unbesungenen Helden ein bisschen Zeit widmen und in diesem denkwürdigen, exzellent recherchierten, geschliffne formulierten Büchlein wahrer Geschichte den gebührenden Platz einzuräumen. Ein Schmunzeln ist das Mindeste, was dieses Buch dem Leser ins Gesicht zaubert.

Rosa Parks – Meine Geschichte

Man muss sich selber respektieren. Worte, die durchaus ihre Berechtigung haben, jedoch schnell im Sumpf der Küchenpsychologie verschwinden, wenn sie inflationär und zusätzlich auch noch im falschen Kontext benutzt werden. Und wenn dann am Küchentisch auch noch unpassende Matches zwanghaft gesucht werden, ist der Ofen aus.

In der Geschichte der USA waren und sind die echten Helden immer diejenigen gewesen, die sich selbst nicht ins Rampenlicht stellten, sondern mit ihrem Tun sich Respekt verdienten. Eine von ihnen ist Rosa Parks. Sie weigerte sich in den 50ern einfach (und hier ist dieses Wort mehr als angebracht) und mehrfach den Sitzplatz im öffentlichen Bus einem Weißen zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde sie bekannt. Doch wie immer in der Geschichte ist das nicht die ganze Wahrheit! Zum Einen war es damals so – das ist gerade mal 70 Jahre her!, nicht mal ein Wimpernschlag im Lauf der Zeit) – dass in Bussen strikte Rassentrennung herrschte. Und das, obwohl verfassungswidrig war! Hinten im Bus waren Reihen für Schwarze reserviert. Von für Weiße. In der Mitte könnten sich Weiße und Schwarze setzen. Wenn allerdings ein Weißer einen Platz in dieser Sektion beanspruchte, musste ein Schwarzer aufstehen und den Platz freimachen. Unvorstellbar! Wie gesagt, wir befinden uns in den 50er Jahren des so modernen 20. Jahrhunderts! Und genau dort saß Rosa Parks. Hinten war kein Platz mehr, vorn durfte sie eh nicht sitzen. Der Bus fuhr nicht weiter. Der Busfahrer wies sie an den Platz zu räumen, sie weigerte sich, die Polizei kam. Und jetzt kam es nicht zu dem berühmten Foto, das um die Welt ging. Das kam erst Jahre später zustande. Sie wurde verhaftet. Nicht zum ersten, und nicht zum letzten Mal. Aber sie wurde bekannt. Sie engagierte sich.

Sie selbst hätte sich niemals als Aktivistin bezeichnet. Sie hätte mehrere Gründe gehabt sich als Aktivistin zu bezeichnen, so oft wie sie gedemütigt wurde. Das Wort war damals nicht so in aller Munde wie heutzutage. Labels entwickelten sich damals noch im Laufe der Zeit. Sie war stets engagiert. Arbeitete für Organisationen und ihre Vertreter. Sie hielt Vorträge, war Ansprechpartner für alle, die ihren Rat suchten. Sich selbst ins Rampenlicht zu stellen, war ihr fremd. Das ist Selbstrespekt in ihrer reinsten Form.

Ihre Autobiographie rückt so manche Schieflage der vermeintlichen Erinnerungen wieder gerade. Mit Hingabe berichtet sie aus ihrem ereignisreichen Leben und zeigt wie sie ein Leben lebenswert machte in einer zeit, in der ein Leben vieler (Schwarzer) in einigen Staaten nur sehr wenig zählte. Wichtig ist es auch anzumerken, dass ihr eigener Sprachstil nicht einer zeitgemäßen Übersetzung zum Opfer fiel. Denn nur so entfaltet sich das komplette Ausmaß an Diskriminierung im land of the free. Man muss schon ordentlich schlucken, wenn man die Zeilen und Absätze liest und erkennt, wie beschränkt bis hasserfüllt Polemik und unkommentierte Vorurteile weitergegeben werden und zu welchen Ergebnissen dies (bis heute) führen kann.

Café Babylon

Das Europa-Center in Berlin, gleich neben dem Breitscheidplatz war bei seiner Eröffnung ein echter Hingucker. Massen strömten hinein und nur schwer wieder hinaus. Heute ist ein Blickversperrer, dessen Glanz selbst bei intensiver Reinigung kaum noch zum Vorschein kommt. Dass hier einmal ein Vulkan brodelte, ist nur noch wenigen bekannt. Es sei denn man besucht die Ausstellung zum Romanischen Café. Denn das Romanische Café war in den 20er Jahren DAS Café. The place to be. Hier schlürften Bertolt Brecht und Egon Erwin Kisch Kaffee (vielleicht nicht gemeinsam, vielleicht doch), Joachim Ringelnatz wurde zu so manchem Vers inspiriert, Else Lasker-Schüler kamen hier Ideen, die ihre Kunst entscheidend prägten, Bruno Cassirer machte hier sicherlich das eine oder andere Geschäft. Die Gästeliste liest sich nicht nur wie ein Who-Is-Who der Berliner Kunstszene, sie ist es!

Von Generation Z war damals noch nicht die Rede – Bohemians waren sie, wenn man ihnen ein Label verpassen wollte. Die oft knappen Apanagen und Tantiemen wurden hier in notwendige Zuführung von Entspannung umgesetzt. Man stritt, man diskutierte, man ersann, man quatschte einfach nur. Doch eben nicht irgendwer. Nicht irgendwelche Leute, die einfach nur mit minimalem Aufwand maximale seelische Befriedung suchten, sondern ihrer Kunst Antriebsfedern verliehen, sich mit Gleichgesinnten austauschten. Im Romanischen Café brodelte es nicht nur unter den marmornen Tischplatten. Besonders, wenn Leonhard Frank das Café betrat. Seine Eleganz regte zu allerlei Spott an.

Heute unvorstellbar. Auch, weil Bilder in Ausstellungen den Geist des Cafés nur bedingt wiedergeben können. Das Café wäre – würde noch existieren – heute ein anderes. Nicht nur wegen des Rauchverbotes. Man stelle sich vor, dass drinnen Stefan Zweig und Franz Werfel streiten, während draußen Brecht an seiner Zigarre zieht und Kisch sich mit Kippe im Mundwinkel den Hut zurechtrückt und nachdenkt, worüber drinnen gestritten wird.

Christian Buckard lässt die Goldene Zeit wieder aufleben. Im ständigen Kommen und Gehen der Gäste zeichnet er ein Bild von Berlin, das leider auch nicht mehr existiert (auf das Bild des zerbombten Cafés, in das man von außen bis in die erste Etage blicken konnte, wie Alfred Döblin bemerkte, kann man gern verzichten). Doch das ist keine Erscheinung der Gegenwart. Schon auf dem Höhepunkt der kreativen Auseinandersetzung bei Bier, Kaffee und Cognac bröckelte erst die Fassade, später blieben aus Angst die Gäste fern. Denn die Nazis übernahmen die Macht und die Angst machte sich breit. Gäste wurden willkürlich verprügelt. Mobiliar ging zu Bruch, nicht weil zwei Querköpfe sich in die Haare bekamen, sondern, weil Braunhemden um sich schlugen. Kisch ließ sich nur eine Zeitlang davon abhalten ins Café zu gehen. Das ist die traurige Seite der ansonsten bunten, fröhlichen Geschichte des Romanischen Cafés. Vielleicht gehört es zur Legendenbildung, dass nichts von Bestand zu sein hat. Eine traurige Erkenntnis! Doch wer sollte den Platz von Gottfried Benn und Walter Benjamin heute einnehmen? Influencer, die ihr leid klagen, dass sie schon Stunden nach dem Aufstehen, also am frühen Nachmittag ihrer Community Neuestes aus ihrem Leben zeigen müssen?! Dann lieber in Erinnerungen schwelgen, die guten Zeiten hochleben lassen und sich erinnern, das wahre Künstler auch nur ganz normale Menschen waren und sind.

Haïti

Lange nichts aus Haïti gehört. Das kann auch mal gut sein. Denn oft, zu oft in der Vergangenheit waren Nachrichten aus dem Karibikstaat keine guten Nachrichten. 2010 das verheerende Erdbeben. In den Jahrzehnten zuvor nur erschreckende Bilder von einem Regime, das von der Familie Duvalier errichtet wurde, um sich selbst zu bereichern und Tausende das Leben kostete. Was gab’s sonst aus Haïti?

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft musste das Team – als es doch in die USA einreisen durfte, denn auch da gab es seitens der Trump-Regierung wieder mal trouble – sein Trikot ändern lassen. In der unteren Hälfte war symbolhaft die Schlacht von Vertières abgebildet. Laut Hersteller eine Reminiszenz an die historische Schlacht und kein politisches Statement. Die Veranstalter zeigten sich uneinsichtig – das Trikot verschwand.

Schlacht von Vertières – nie gehört? Das liegt wohl daran, dass das Land so weit weg ist und Meldung aus Haïti fast immer nur Kopfschütteln verursacht und oberflächiges Mitgefühl. In Krimiserien gibt es die haïtianische Mafia, die gnadenlos Gegner um die Ecke bringt. Doch noch mal zurück zur Schlacht von Vertières. Die muss doch bedeutsam sein, wenn sie auf dem Trikot der Fußballnationalmannschaft abgebildet ist?! Ist sie auch! Denn hiernach begann das Freischwimmen von fremden Mächten. Das war 1803. Haïti war nicht länger französische Kolonie. Auf dem Papier klingt das alles wunderbar. Doch warum haben wir, die tausende Kilometer und etliche Flugstunden entfernt Lebende so ein verschwommenes und klischeebehaftetes Bild des Inselstaates?

Toni Keppler klärt auf. Er klärt auf, dass in dem Land ein Reichtum schlummert, der das Land zu einem fast schon einzigartigen Ort macht. Es ist die reichhaltige Kultur, die allen (!) Widrigkeiten zum trotz sich stets am Leben erhielt und weiterentwickelte. Selbst die Jahre der Duvalier-Diktaturen (zuerst Papa Doc, dann sein Sohn Baby Doc) konnten der prallen Phantasie der Bewohner wenig anhaben. Eine besondere Form der Kurzgeschichte, die Bewahrung der eigenen Sprache, die Vielfalt der Themen – immer wieder versuchten Machthaber der Kunst ihren Stempel aufzudrücken. Vergebens! Die Werke erschienen im fernen Exil, und verbreiteten sich.

Bis heute steht Haïti unter tatkräftiger Zuhilfenahme haïtianischer Schergen unter der Fuchtel diverser Goldgräber, deren Moral auf ein Minimum beschränkt ist. Dabei spielen Nationalitäten keine Rolle mehr. In diesem Buch werden Erinnerungen wachgerufen, bedeutende Namen hervorgehoben und der Hoffnung ein fruchtbarer Boden bereitet. Zusammen mit den Werken u.a. von Gray Victor, Kettly Mars und Frankétienne ergibt sich ein umfassendes Bild eines Landes, das viel zu lange ein Dasein im Dunkeln fristen musste.

Berliner Geschichte in Karten

Wollnashornkieferknochen – das verhilft beim Scrabble zum sicheren Sieg. Doch wie kommt man da hin? Achtung, jetzt muss man ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und mitdenken. Man fährt von berlin aus Richtung Spandau, an den Spektesee. In der alten Kiesgrube Parey – dort findet man den Weg ins unendliche Scrabble-Glück. Oder man erfährt wie man zu ältesten Bewohner Berlins gelangt. Genug der Wortspielchen. „Berliner Geschichte in Karten“ verspricht jedem Suchenden den richtigen Weg – ob nun zur Erkenntnis oder einem wichtigen Ort muss man für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer sich für Berliner Geschichte interessiert, hat ab sofort ein neues Lieblingsbuch! Das beginnt schon bei den Wappen der in Berlin durchaus zahlreich vorkommenden Adelsgeschlechter und endet noch lange nicht mit dem Vergleich der Stadtpläne rund um den Potsdamer Platz damals und heute. Denn was damals war, ist heute weg. Parallel führen hier nur noch die Fahrspuren in die umgrenzenden Stadtgebiete.

Berlin wie wir es heute kennen, ist eine Schöpfung der Moderne. Zuvor lag man im ewigen Clinch aus welcher Ecke von Berlin man nun komme. Wilmersdorfer waren da genau so eigenbrödlerisch wie Neukölner oder Bewohner des Wedding. Teils ist es heute noch so, dass man kaum den eigenen Kiez verlässt – man hat ja schließlich alles, was man braucht um die Ecke. Auch hier gilt wieder, dass man verdammt lange und tiefgründig suchen muss, um Erinnerungsstücke von damals zu finden.

Fast schon spielerisch einfach wird es mit der Gründung von Groß-Berlin (und der Jahre zuvor). Auf den Spuren des Spartacus-Aufstandes kann man heute durchaus eine gewisse Zeit verbringen. Wenn man die richtige Karte hat. Mehr als hundert Jahre später sind die Orte noch wohlbekannt, wenn auch nicht komplett erhalten. Zu sehen wie es sich jetzt anfühlt, wie es jetzt ausschaut, und wie es damals gewirkt haben muss – so einen Stadtrundgang kann nicht jeder machen!

So sehr Berlin heute als die Stadt angesehen wird, wo rund um die Uhr, an 365 Tagen immer was los ist, so sehr ist Berlin auch Industriestandort gewesen – die Hinterlassenschaft sind teils noch in Betrieb, mehr jedoch sichtbar. Ebenso die zahlreichen Kopfbahnhöfe, die die Zeit in ihrem Vergessensschlund verschlang.

Noch einmal zurück zu den Kiezen, die immer noch nicht recht abgrenzbar sind. Schaut man sich die Entwicklung dieser Quartiere an, sieht man über einen Zeitraum von fast 150 Jahren, wie versprengte Ortschaften zu einer homogenen Masse zusammengewachsen sind.

Informativ, detailreich, bunt, attraktiv und leicht verständlich ist dieses Buch eine willkommene Ergänzung zu jedem Berlin-Reiseband, der den Besucher an die Hand nimmt. Hier werden mehr Geheimnisse zutage gefördert als die sumpfige Landschaft der Urzeit jemals verschlingen konnte.