Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Arrivederci Adria!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch liest man am besten am Strand. Spiaggia. Bei Sonnenschein. Umgeben von Landsleuten muss man nicht zwingend sein. Aber auch nicht von ewig Folklore verströmenden Einheimischen…

So wie in der Geschichte von Julius Frauenstädt. Der will mit seiner Familie und dne Großeltern nach Rimini. Dorthin, wo Fellini geboren wurde. Dorthin, von wo aus Fellini schnell wegwollte. In die große weite Welt und berühmt wurde. Erstmal wird einer nach dem Anderen krank. Dann spielt das Wetter verrückt. Von wegen bel tempo. Und zum Lesen – Moravia – kommt Julius Frauenstädt auch nicht. Als dann – endlich – Abreisetag ist, verkehrt sich alles ins Gegenteil. Die Sonne scheint, Fellini hat ihn tagträumenderweise an die Hand genommen, San Marino war eine Enttäuschung und die Heimfahrt … ach nee. So muss, so darf ein Italienurlaub einfach nicht sein.

Egyd Gstättner macht es den Helden in seinen Geschichten nicht einfach. La dolce vita gibt es nur auf der Leinwand. Schreiende Kinder, frutti di mare im Überfluss, aber so richtig Urlaub? Das gibt’s ned! Woran liegt das? Sich mal so richtig gehen lassen, wie die Italiener – Klischees sind doch was Wunderbares – ist einfach nicht drin. Und wenn doch, dann schwebt die tickende Uhr über der an sich entspannten Stunde.

„Arrividerci Adria!“ liest man mit Genuss. Immer, wenn es einem besser geht als den Protagonisten, fühlt man sich gut. Und wenn man doch nicht recht entspannen kann, so weiß man doch, dass man nicht der einzige ist, dem es so geht. Manchmal brennen seine Geschichten wie Grappa in der vertrockneten Kehle. Manchmal sind sie Seelenmassage wie Tiramisu nach einem heißen Strandtag. Doch sie gehen immer sofort unter die Haut wie ein laues Lüftchen, dass die brennende Sonne erträglich macht.

Das Licht von Marrakesch

Raue Melonenscheiben, erloschenes Rosa, kaiserlich, rote Mauern, Rot, das sich in Gold verwandelt – um es kurz zumachen: Wer jetzt nicht sofort die Koffer packen will und gen Marrakesch aufbrechen will, hat keinen Sinn für Poesie und Fernweh! Jede Seite in diesem Buch strotzt nur so vor Liebe zu der immer noch sagenumwobenen Metropole Marrakesch.

Abdelwahab Meddeb reiste nach und lebte in Marrakesch. Immer dabei ein Notizheft. Fast achtzig wurden es im Laufe seines Lebens. Sechshundert Seiten. In Schönschrift. Intellektuell, nachdenklich, kindlich begeistert, aufnahmebereit und –fähig, aufsaugend, durstig wie eine Verdurstender durchstreifte er die Stadt. Wie ein Kenner als auch als Fremder, der alle Sinne einschaltete, um komplett die Stadt einzuatmen. Es sind keine Reiseberichte im eigentlichen Sinn, die dem Leser erlauben noch einmal diese Orte zu besuchen. Sie sind Anleitungen Marrakesch in sich aufzunehmen. Es bedarf keiner Ortsnennungen, um die Stadt zu erleben. Düfte, Ausblicke, Einblicke, Mauern, Weitsichten malen ein Bild, das man nie mehr vergessen kann.

Jedes noch so farbenintensive Magazinbild, jeder noch so authentische Bewegtbildbericht verlassen gegen die Beschreibungen von Abdelwahab Meddeb. Marrakesch ist eine dankbare Stadt für alle, die gern ihre Erlebnisse zu Papier bringen. Persönlich und unverfälscht lässt man staunend eine Zeit wieder aufleben, die einzigartig war. Nur wenige kehren zurück und erleben alles noch einmal so intensiv wie beim ersten Mal. Routine kehrt ein. Man besucht Orte, die man kennt, um sich lokaler zu fühlen. Übersieht dabei, dass die Bestätigung an Wert verliert, und das Neue immer noch reine Freude hervorrufen kann.

„Das Licht von Marrakesch“ ist ein andauernder Rausch des Neuen. Selbst ein so bekannter Platz wie Djemaa El-Fna – den Namen kennt man vielleicht nicht, aber die Bilder sind weltberühmt – wird für den Autor zu einem Platz für dauerhaft Neues. Hier atmet man den Puls der Stadt. Auch heutzutage noch, nur eben mit einer wabernden Tourimasse, die in Shorts und Sandalen unter Hitze stöhnend nur nach dem nächsten Souvenir hächelt. Dabei gibt es doch so viel zu sehen. Was? Kurz vor der Hälfte des Buches zieht einen der Autor in eine Welt, die sich allen Verlockungen der Massenanwerbung immer noch einen entscheidenden Teil Natürlichkeit bewahrt hat.

„Das Licht von Marrakesch“ sticht unter den Erlebnisberichten über Marrakesch durch seine Sensibilität und dauerhafte Betrachtung wie ein Wolkenkratzer in der flachsten Wüste heraus. Es ist bedeutender als die meisten Reisebücher und sorgt mit jeder Seite, jedem Kapitel, jeder Zeile für Erleuchtung.

Fremder Champagner

Wir sind misstrauisch, wenn wir beim Surfen im Netz aufgefordert werden etwas zu bestätigen oder gar persönliche Daten anzugeben. Da will jemand was von uns ohne, dass wir Einfluss darauf haben. Außer wir verweigern die Angaben. Dann können wir aber nicht mehr in die schöne heile Welt der schönen Bilder eintauchen. Ein beklemmendes Gefühl bleibt aber irgendwie zurück.

Wenn wir unseren Kassenzettel im Einkaufswagen achtlos zurücklassen, sind wir weniger zimperlich. Was soll schon passieren? Da weiß jemand, dass wir Butter und Wurst gekauft haben. Und ’ne Tiefkühlpizza und ein überteuertes Eis. Na und!

Ein Glücksfall für die Protagonistin der titelgebenden Geschichte. Sie ist Profi. Profi in dem Sinn, dass sie Kassenbons sammelt. Ja, sie sammelt (und sie ist keine Datenkrake!) Kassenbons. Und was macht sie damit? Sie taucht in eine Welt wein, die nicht die ihre ist. Heuet hat sie besonderes Glück. Da hat jemand Champagner gekauft. Nicht den billigen Fusel, der am nächsten Morgen die Synapsen malträtiert. Den Guten. Den richtig Guten. Auch sie war einkaufen. Das Nötige. Was man so braucht, um nicht mit knurrendem Magen das haus verlassen zu müssen oder am Abend nicht weniger mürrisch sich ins Federbett zu verkriechen. Sie kehrt noch einmal um. Kauft Champagner. Den gleichen wie der auf dem Kassenbon. Den Teuren. Den Guten. Zuhause wird dann gefeiert. Was wird gefeiert? Nichts Besonderes. Nur eben den Moment. Und sie taucht ein in ihre – ihrer Meinung nach – eigene Welt. Leicht dekadent. Mit der teuren Blubberbrause. Alles so bunt um sie herum. Nicht weil die Prozente ihr die Sinne vernebeln. Nein, sie stellt sich tief im Inneren vor wie der Kassenbonverlierer mit seinem teuren Champagner einen mindestens ebenso schönen Abend verbringt wie sie den ihren. Dank ihm! Ohne ihn, ohne den verlorenen Kassenbon wären es bloß wieder Schnittchen gewesen.

Dies ist nur eine von fünfzehn Geschichten von Martina Berscheid. Sie alle sind getragen von Sehnsüchten. Wenn das Familienfest wieder mal in Langeweile erstickt wird, sucht man sich eben einen Fluchtpunkt. Der verhindert vielleicht nicht die stickige Atmosphäre, macht sie aber für einen Moment erträglicher.

Die fünfzehn Geschichten regen die Phantasie an. Denn jeder kommt einmal in ähnliche Situationen, die unangenehm oder lähmend sind. Dann ergeht man sich in mehr oder weniger laut geäußerte Tiraden … und ändert nichts an der Wahrnehmung. Hier kommen Helden zu Wort, die ganz ohne Superkräfte an den Säulen der Wahrnehmung rütteln. Mal witzig, mal sonderlich, doch immer wahrhaft.

Aussichten einer Empfangsdame

Ist doch ein Traum?! Da hat man sich akademisch gebildet, ist auch sonst im Leben nicht unbedingt ein Fehlgriff, arbeitet in einem schicken Gebäude mit unzähligen Kollegen, die alle ihrem Traumjob nachgehen. Doch wie alles im Leben hat auch diese Medaille eine Kehrseite. Denn als Empfangsdame sieht sich die Protagonistin nun wirklich nicht.

Jeder sieht sie, doch keiner kennt sie. Sie kennt jeden, sie schaut teils sogar hinter die Fassaden – doch sie ist und bleibt eben doch „nur“ die Empfangsdame. Frustrierend. Ihr geht wie so manchem, der irgendwie die Abfahrt Richtung Zufriedenheit verpasst hat. Was nun? Kopf in den Sand stecken. Sand ins Getriebe schütten. Resignieren. Sich arrangieren. Das Beste aus der Situation machen. Die Augen offen halten. Über einen Mangel an Optionen kann sie sich nun wirklich nicht beschweren.

Sie ist es, die jeden sieht. Sie kennt ihre Marotten, von einigen sogar Geheimnisse. Sie hat Einblick in so manchen Vorgang, den sie eigentlich gar nicht haben dürfte. Ihre Menschenkenntnis ist erstaunlich, nur in bare Münze diese zu verwandeln, ist unmöglich.

Wünsche hat sie mehr als genug. Auch die Voraussetzungen sich diese zu erfüllen. Doch allein der Weg dorthin ist zu steinig und war in der Vergangenheit sehr unübersichtlich. Nun sitzt sie hier am Tresen, weist den Weg, nimmt Anrufe entgegen, nimmt die Post entgegen. Eigentlich müsste sie die entgegengenommene Post entgegennehmen. Es ist schon ein tristes Leben … könnte man meinen.

Riccarda Gleichauf dringt in ein Leben ein, das von vielen (wenn überhaupt) nur im Vorübergehen wahrgenommen wird. Die Empfangsdame ist austauschbar. Fehlt sie den einen Tag, merkt man das erst … meistens gar nicht. Sie fällt nicht auf. Sie ist da, aber auch wieder nicht. Sich in dieser Welt zurechtzufinden, (s)einen Platz einzunehmen ist nicht weniger aufwändig als der Posten eines der Unternehmen in dem schicken Gebäude. Denn hier geht es jeden Tag, jede Stunde, jede Minute darum nicht komplett die Fassung zu verlieren und weiter Verantwortung für sich zu übernehmen.

Die Autorin hätte es sich einfach machen können und aus der niedergeschlagenen Heldin eine rachlüsterne Furie zu machen, die einer Miniserie gleich ihrem vermaledeiten Leben einen krachenden Rachefeldzug entgegenstellt. Es sind die leisen Gedanken, die Einsichten in die Leben der Anderen, die dieses äußerlich unscheinbare Buch zu einem echten Juwel machen. Einsichten und Aussichten, die vielleicht mehr mit der Realität zu tun haben als man meint.

Wald im Haus

Trutschel – so nennt man die Kleine, die hier im Wald, und das ist nicht nur symbolisch gemeint, aufwächst. Der Papa ist weg. Die Mama ist da, wenn auch meist nur physisch – und selbst dann mit Einschränkungen. Also verbringt die Kleine viel Zeit bei Oma und Opa. Aber eigentlich ist auch dass nicht ganz korrekt. Denn die resolute Oma führt „nebenbei“ noch eine Firma, und der Opa ist meist in seiner Werkstatt. Seine eigene kleine Welt. Ganz ohne Frau. Ohne Enkelin. Nur mit dem Hund, der aber auch bald nicht mehr sein wird.

Ist eine ziemlich düstere Welt, die Alena Mornštajnová da beschreibt, fast schon mystisch. Und das ist gewollt. Denn über der Familie, wenn man es so nennen will, schwebt ein dunkles Geheimnis.

Der Wald, in dem das Haus steht, wo Trutschel aufwächst ist unheimlich und Freiheit in Einem. Hier kann sie Kind sein. Doch Geborgenheit und Wärme findet sie hier nicht. Im Haus auch nicht. Wenn Mama mal nach Hause kommt – nach der Arbeit, viel zu spät nach der Arbeit – ist sie keine Mama. Sie schwankt, sie lallt, sie streitet. Opa hat sich dann immer schon in seine Werkstatt verzogen. Und Oma geht zum Angriff über. Mit wem sie sich rumtreibe – mit niemandem. Natürlich! Mama ist sich keiner Schuld bewusst. Sie lebt ihr Leben. Ein Leben, das sie eigentlich mit ihrer Tochter teilen sollte. Tut sie aber nur in den seltensten Fällen.

Doch wer ist nun wirklich schuld an dieser … Misere? Die Antwort verbirgt sich in einem dunklen Geheimnis. Nichts für Kinderohren oder gar Kinderaugen. Doch die Kleine bekommt mehr mit als ihr gut tut.

Alena Mornštajnová verführt den Leser und zieht ihn in eine Welt, die fast surreal erscheint. Alles, was war ist, was echt wirkt, hat immer einen Touch von Mystik. Nicht ganz so dramatisch und ausschweifend wie in „Twin Peaks“, doch nicht minder spannend. Und am Ende mit einer faustdicken Überraschung. Hat man sich nach ein paar Seiten in die Geschichte eingelesen, kommt man schwer wieder von ihr weg. Wer bisher nicht viel mit düsteren Geschichten anfangen konnte, hat hier eine Art Erweckungserlebnis. Die präzisen Charaktere finden im Nu ihre Gefolgschaft – ob man sie nun mag oder zutiefst verabscheut.

Kopfsteinpflaster

Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt. Ha ha, vor allem für die, die es betrifft. Mehr als ein resigniertes Augenrollen ist da kaum noch drin. Vor allem, wenn sich alles vor, während und nach der Wende abspielt.

Martin Kasboom ist sicherlich so einer, der dieser flüchtigen Phrase nur noch ein pff abgewinnen kann. Er lebt in Klockow, Mecklenburg. Das sprichwörtlich Irgendwo-Im-Nirgendwo beschreibt die Umgebung wohl am besten. Hier fährt man Oldtimer nicht weil es chic ist, sondern weil gerade nichts anderes zur Verfügung steht. Und bei den Straßenverhältnissen ist ein Moskwitsch mit seinem unendlichen Federweg das einzige, was passt. Ansonsten passt hier gar nichts. Zumindest für Martin Kasboom. Diese Einöde ist nicht zu überbieten. Draußen in der weiten Welt werden die Olympischen Spiels in Los Angeles von fast der halben Welt boykottiert. Und hier? Nichts. Einöde. Langeweile. Auf nach Berlin werden wie in ein paar Jahren sagen. Da ist was los, werden sie sagen.

Für Martin geht dieser „Traum“ schon früher in Erfüllung. Er ist im richtigen Alter, um dem Vaterland zu diesen. Asche, Armee, NVA – wie auch immer man es nennen mag – es ist seine Rettung. Wehrdienst. Unter Anderem aufgrund seiner Herkunft ist er der ideale Bewerber für weitreichendere Dienst fürs Vaterland. Der kleine Martin Kasboom aus Klockow soll Spion werden. Natürlich wird das nicht genau kommuniziert. Da ist man viel gewiefter. Doch trotzdem: Spion. Is schon ’ne andere Nummer als Bauer in Klockow! Doch die Wende macht ihm und seinen Ausbildern einen fetten (Schluss-)Strich durch die Rechnung!

Doch wieder Klockow?! Heim in den heimischen Betrieb. Allerdings mit Aussicht auf rosigere Zeiten. Aufschwung Ost bzw. Nord in seinem Fall. Modernisierung – das wird schon. Und mit einer Frau an der Seite ist das Leben doch gleich doppelt so schön.

Wie immer gibt das Leben mit der einen Hand und hält in der anderen – anfangs versteckt – eine gewaltige Keule. Die Person von Freiherr von Schlottmann. Dem kam die Wende auch wie gerufen. Jetzt kann er sich alles zurückholen, was ihm und seiner Familie einst genommen wurde als sie aus der DDR flüchteten. Ellenbogen hat dieser Freiherr – das kann sich niemand, und schon gar nicht Martin Kasboom, vorstellen. Es entspinnt sich ein Klassenkampf, der mit dem Geschichtsunterricht von damals so gar nichts zu tun hat. Und wahre Geschichte wird auf einmal präsenter als es dem Jungunternehmer recht sein kann…

Engagiert schreibt Detlef Reinsberg eine Familiengeschichte, von der man denkt, dass bereits alles zur Wendezeit geschrieben wurde. Ist es aber nicht! „Kopfsteinpflaster“ lebt durch die eindringlichen Beschreibungen der Gefühlslage einer Generation, die Chancen hatte wie kaum eine andere. Aber auch ohne Rüstzeug in einen Kampf gezwungen wurde, den sie nicht kommen sah.

Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige

„Die Widerspenstige“ – gleich mal eine Breitseite für alle Nostalgiker. Und zähmen ließ sie sich schon gar nicht. Tanzte nicht im Schuber, um Wein zu pressen. Das war Adriano Celentano. Und der hat mit Ingeborg Bachmann so gar nichts zu tun. Er steht mit 88 noch immer auf der Bühne. Sie ist seit über 50 Jahren tot. Doch beide verbindet, dass man sich wohl immer sie erinnern wird. So auch Ingeborg Gleichauf. Und bestimmt nicht wegen der Namensgleichheit…

Ingeborg unternimmt den Versuch sich Ingeborg zu nähern ohne dabei an der Kleidung zu zupfen, ihr zu nahe zu kommen, ihr auf den Geist zu gehen. Sie will den Geist Bachmanns erhaschen. Ihn auch für sich vereinnahmen. Doch niemals – niemals! – will sie sie entblößen.

In den 50ern war Ingeborg Bachmann einem breiten, aber immer noch Fachpublikum bekannt. Erotisiert fand man ihre Weiblichkeit. Heute würde man es viel direkter ausdrücken. Doch wie?! Ingeborg Bachmann ist immer noch präsent, nicht nur wegen des medial aufgewerteten Wettbewerbs, an dessen Ende einer der höchstdotierten Literaturpreise Europas steht. Hier treffen sich intellektuelle Verballhorner und wahre Literaturliebhaber, auch um Ingeborg Bachmann zu gedenken.

Nun kann man Ingeborg Bachmann einfach nur lesen. In ihre Texte eintauchen. Sich in ihren Worten suhlen. Oder man geht ihr auf den Grund – und nicht dem Leser auf den Wecker. Ingeborg Gleichauf hat sich für beides entschieden.

Den Versuch Bachmann zu entschlüsseln, unternimmt sie erst gar nicht. Sie will aus einem Leben erzählen, das erzählenswert ist. Sie will mit dem Leser und der anderen Ingeborg verreisen – Reisen bildet. Warum also zweifeln?!

Wer sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt hat, stößt oft an Grenzen. Wer ihr nahe kommen will, stößt sich den Kopf an. Ingeborg Gleichauf gelingt der Spagat zwischen Wissensdurst und Selbsterkenntnis zu unterscheiden und bei aller Neugier niemals den Leser loszulassen.

Eine Aufforderung zum Kampf

Als Diktator lebt es sich relativ gemütlich, wenn man die Untergebenen im Griff hat. Das geschieht ausschließlich durch Gewalt. Die muss man sich teuer erkaufen. Denn die willfährigen Helfer fordern auch ihren Tribut.

Saintil ist so ein Diktator. In Haïti. Er hält das Dorf Bois-Neuf im Würgegriff. Eine Armee von Zombies verrichtet stoisch die Arbeit, die sonst keiner macht. Sie füllen die Wampen derer, die keinen Finger krümmen wollen. Selbst vor der Familie macht Saintil keinen Halt. Seine Tochter wird einmal alles erben. Doch nur, wenn sie sich nicht an einen Anderen bindet. Keusch und rein soll sie irgendwann einmal da Ruder in die Hand nehmen. Bis dahin ist sie die gute Fee im bösen Haus. Andernorts sind Diktatoren noch grausamer, zu ihrer Familie…

Doch auch die Zombies haben Gefühle. Gefühle, die sie wortreich und bildhaft nur untereinander teilen. Sie sind willenlose Geschöpfe, die nach Außen wie Maschinen funktionieren. Doch keine Macht der Welt kann ihre Gedanken komplett kontrollieren oder gar ausschalten. Das alles funktioniert nur so lange sie kein Salz in ihrem Essen haben. Das Salz in der Suppe – hier bekommt es einen habhaften Beweis seiner Existenz.

Die Jahre verfliegen, das Leben ist karg, hart, kaum lebenswert. Sultana ist die Tochter von Saintil. Mittlerweile ist sie zu einer jungen Frau herangewachsen. Einer Frau, die Gefühle hat, die Bedürfnisse in sich spürt. In Clodinis findet sie den Mann, ihr Gegenstück, ihre Liebe, die langsam erwacht. Clodinis ist allerdings ein Zombie. Ein Wesen, das zu funktionieren hat. Und es auch tut. Solange … ja, solange ihm das Salz entzogen bleibt. Es kommt wie es kommen muss…

Frankétienne lebte sein Leben lang auf Haïti. Auch während der Duvalier-Diktaturen, zuerst Papa Doc, dann Baby Doc – beide nahmen sich in Sachen Gewalt nicht viel. Sie brachen das Land und die Rückgrate der Menschen. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar und werden auch so schnell nicht verschwinden. Trotz seiner Schriften, die den Herrschern nicht gefallen konnten, lebte Frankétienne immer auf Haïti ohne sich groß verbiegen zu müssen. Seine Bücher sind Kulturgut und Hinterlassenschaften einer reichhaltigen Literaturszene. Er starb 2025 im hohen Alter von 88 Jahren.

„Aufforderung zum Kampf“ ist ein Gleichnis für den Aufstand gegen die Unterdrücker. Das Salz ist der Brocken Hoffnung, dem man den Geknechteten hingeworfen hat. Ihr Aufstand ist dank ihrer Masse Gutes beschieden. Doch die Macht der Wenigen, der Auserwählten, die geschickt ihr Tun verschleiern, ist nicht zu unterschätzen. Die poetische Sprache dieses an sich knallharten Buches ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Schnell liest man sich in eine Welt hinein, die so weit weg scheint und erstaunlich viele Parallelen zur doch so nahen Zukunft aufweist.

Das Lachen Haïtis

Ganz oberflächlich betrachtet ist Haïti verloren. Jede Meldung – und die sind selten – eine Schreckensnachricht. Erdbeben, Unruhen, Plünderungen, Anarchie und Chaos. Und die letzte Meldung: Die haïtianische Fußballmannschaft darf nicht ins WM-Gastgeberland USA einreisen, um dort seine Vorrundenspiel zu absolvieren. Was aber am Austragungsort bzw. –land liegt. Vereinzelt sind manchem noch die Diktatoren Papa und Baby Doc bekannt. Die Duvaliers haben ein Land hinterlassen, dass von banden dominiert wird und seitdem von Katastrophe zu Katastrophe schlittert. Die einzige Konstante im Karibikstaat.

Das sind die Vorurteile, die zum einem großen Prozentsatz sicher auch stimmen. Andererseits herrscht hier eine literarische Vielfalt und Beständigkeit, die dem Chaos und der Angst derart widerstandsfähig entgegenstehen, dass man es kaum glauben kann. Man kann es ruhig glauben! „Das Lachen Haïtis“ ist der schwungvolle Beweis. Und hier, im Inselstaat Haïti ist eine eigene Literaturform entstanden. Lodyans. Witz, Märchen, Sozialkritik und Geschichtsrückbesinnung sind die Charakteriegenschaften dieser kurzen, bissigen, spritzigen, lebensbejahenden Literaturform, die in Haïti zur Kunstform reift.

Georges Anglade war unter anderem am Demokratisierungsprozess der Insel beteiligt, nach die Duvaliers aus dem Land getrieben wurden. Später, während der zweiten (von Drei) Amtszeiten von Jean-Bertrand Aristide Minister für öffentliche Aufgaben, unter dem Nachfolger René Préval besonderer Berater. Doch seiner Leidenschaft, den lodyans gab er schlussendlich den Vorzug. Beim verheerenden Erdbeben 2010 kamen er und seine Frau um Leben.

Der Untertitel „Neunzig Miniaturen“ ist nüchtern betrachtet eine Sammlung von neunzig kurzen Geschichten, die sich leicht lesen lassen. Bei genauerem Hinsehen – Lesen! – sind es tiefe Einblicke in die Seele eines Landes, das auf dieser Seite der Erde voller Vorurteile steckt, die es schwer haben beseitigt zu werden. Natürlich spielen Voodoo, Aberglaube und Hellseherei eine bedeutende Rolle. Sie sind elementarer Bestandteil der Kultur der Insel wie Fußball in England oder spätes Abendessen in Spanien. Sie wirken aber keinesfalls effekthascherisch und gezielt eingesetzt, um den Leser bei Laune zu halten. Sie sind so normal in die Geschichten eingebunden, dass man auch ohne Glauben daran, den Nichtglauben daran verliert.

Diese über dreihundert Seiten tun mehr für das Verständnis für die Insel als so manches Lippenbekenntnis oder Wehklagen der Politiker des isolierten Landes. Eine Reise ins Herz Haïtis. Mit allen Wendungen und Ecken und Kanten, die eine Reise nun mal hat.

Der Junge, der im Dunkeln sah

Dass er etwas Besonderes ist, weiß Jēkabs irgendwie, tief in seinem Inneren. Und dann auch wieder nicht. Doch er versucht immer Besonderes zu tun bzw. alles, was er tut besonders gut zu tun. Seine Eltern sind blind. Und er kann im Dunkeln sehen. Das hört er zum ersten Mal bei einer Familienfeier. Da ist er aber schon so sehr in seiner Rolle als etwas Besonderes, dass er es als ganz normale Bestätigung wahrnimmt.

Die Familie lebt anfangs in einer sehr beengten Wohnung. Ein Wohnheim. Mit Gemeinschaftsküche. Mit Gemeinschaftstoilette. Mit Gemeinschaftsduschen, im Keller. Jēkabs liebt die Natur. Hier kann er herumtollen, sich austoben. Und er könnte auch mal seine Pflichten vergessen. Tut er aber nicht. Selbst beim Blaubeerenpflücken hastet er von Strauch zu Strauch und vergisst dabei fast, dass es seine Lieblingsbeeren sind, die er sich auch gern mal händeweise in den Mund stopfen darf. Selbst wenn er hinterher Bauchschmerzen bekommt.

Die Zeit vergeht. Jēkabs ist immer der gute Sohn, das Wunschkind seiner Mutter. Nichts wünschte sie sich mehr als ein Kind. Als von Geburt an Blinde ist ihr Sohn ein Privileg. Eines, das man achtet und hegt und pflegt. Doch die Jahre vergehen unweigerlich und Jēkabs wird nach und nach erwachsen. Vorbei die sorgenfreie Zeit, in der er die frisch gewaschene Wäsche auf dem Trockenplatz als Heimat wahrnimmt. Vorbei die Zeit, in der er der stets umsorgende Sohn war. Er wird sich emanzipieren müssen. Das wird schwer!

Vor allem für seien Mutter. Ihr geht es nicht so sehr darum ihrer Sorger zu verlieren. Es geht vielmehr um den Verlust im Allgemeinen. Und darum, dass sie ihn, das Wunschkind, nicht mehr so oft sieht wie zuvor. Und in Jēkabs nagt mehr und mehr das schlechte Gewissen. Kann, darf er seine Eltern verlassen?

Rasa Bugavičute-Pēce fühlt sich in einen Jungen hinein, der in eine besondere Situation geboren wurde. Schon früh muss er Erwachsenenaufgaben übernehmen. Für ihn normal. Die Sticheleien der Anderen wehrt er wie ein Mann ab. Manchmal denkt er sich, ob man ihm denn nicht schon früher mal etwas sagen konnte, der er etwas Besonderes ist oder in eine besondere Situation, eine besondere Familie hineingeboren wurde. Doch was hätte das geändert? Vertragsauflösung? Nein, nein, Jēkabs fügt sich ohne sich klein zu machen. Doch das Schicksal hat mehr mit ihm vor…

„Der Junge, der im Dunkeln sah“ ist eine Offenbarung! Weil es der Autorin gelingt mit zart gewobenen Sätzen eine Stärke erfordernde Realität zu meistern. Mit all ihren Ecken, Kanten, Wendungen aber auch mit all dem Glück eine Familie zu haben.