Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Aserbaidschan

Schon mal einen Arm in einen Vulkan getaucht? Oder eine echt nostalgische Eisenbahnreise unternommen, die sich wie eine Zeitreise anfühlt? Oder eine Stadt besucht, die auf wenige Jahre alten Postkarten so gar nichts mehr mit der aktuellen Realität zu tun hat? Lust darauf? Dann ist Aserbaidschan die erste Wahl für den nächsten Urlaub. So weit ist das gar nicht mehr weg. Die paar Stunden Flug – mit einigen Umsteigestopps – sind besser zu verkraften als ein Nonstopflug nach zum Beispiel nach Indonesien.

Drei Autoren haben sich dem nahen Fernreiseziel Aserbaidschan angenommen. Philine von Oppeln, Frank Schüttig und Holger Kretzschmar sind unabhängig voneinander in das Land am Kaspischen Meer gereist und haben mehr als nur meterhohe Kaviartürme gesehen. Aber genossen haben sie diese trotzdem!

Die wohl bekannteste Stadt ist Baku, direkt am Kaspischen Meer. Nicht weil dort vor Jahren der ESC ausgerichtet wurde. Städte am Meer haben immer eine besondere Anziehungskraft. So auch Baku. Schrill glänzende Fassaden an futuristisch anmutenden Wolkenkratzern, gepaart mit ursprünglichen Märkten, auf denen das angeboten wird, was das Land und Meer hergeben. Sprachschwierigkeiten inklusive. Aber wie überall auf der Welt sind die mit einem freundlichen Lächeln, Händen und Füßen schnell aus der Welt geschafft.

Und zum Ausgleich, zur Erholung ab ins Hamam. Doch Vorsicht! Meist ist der Eintritt nur für Männer erlaubt. Frauen haben – zumindest im Ağa Mikayi, im Altstadt-Hamam von Baku nur montags und Freitag Eintritt. Muss man gesehen haben, da es eines der letzten typischen (und vor allem alten) Bäder der Hauptstadt ist. Das ist nur ein Tipp, den man beherzigen sollte, wenn man in Aserbaidschan reist, den man in den zahlreichen gelb unterlegten Artikeln findet. Sie sind das Salz in der Suppe – oder doch der Kaviar auf dem ohnehin schon reich gedeckten Infotisch dieses Reisebandes?!

Aserbaidschan ist ohne Zweifel ein Land, das es gilt erkundet zu werden. Fern genug, um richtig abzuschalten. Nah genug, um nicht tagelange Anreisen einzukalkulieren. Es gibt viel zu sehen, wofür man wissenskundige Erzähler braucht. Und vor Ort eine Reiseband, der einem auch die letzte Angst nimmt, in einer scheinbar fremden Welt sich sicher bewegen zu können. Dieser Reiseband erfüllt jeden Wunsch, auch wenn man ihn noch gar nicht kennt.

Südtirol und Trentino

Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass in Italien durchaus auch deutsch klingende Namen (von Orten) gebräuchlich sind, stellt sich ziemlich schnell ein ausgeprägtes Italienurlaubsglücksgefühl ein. Denn das weiche Bressanone klingt doch viel italienischer als das harte Brixen. Aber das sind nur Augenaufreißer, die sich schnell wieder verflüchtigen, wenn man erstmal in die beeindruckende Natur Südtirols eingetaucht ist.

Und um das auch wirklich ganz und gar erleben zu können, ist es wichtig zu wissen, was man sehen muss, und was auf gar keinen Fall verpassen darf. Gunnar Strunz ist hierfür der richtige Wegweiser und sein Reiseband „Südtriol Trentino“ das prall gefüllte Reisewissenspaket, das als Schwergewicht nicht zur Last fällt.

Die Regionen Vinschgau, Meran, Bozen, Eisacktal, Pustertal, Südtiroler Dolomiten und Trentino werden so ausführlich beschrieben, dass Scheitern oder gar Auslassen von wichtigen Sehnsuchtsorten ausgeschlossen wird. Auf über 500 Seiten – der Urlaub beginnt also schon viel früher vor dem Abflug – werden ausführlich und reich bebildert Orte vorgestellt, die man eventuell schon von so mancher Wintersportübertragung aus dem Fernsehen kennt oder aus vereinzelten Heimatfilmen. Vielleicht sind es ja sogar diese Filmausschnitte, die einem dazu brachten Südtirol und Trentino zu besuchen.

Endlose Wanderungen (die natürlich nicht endlos sind, sondern doch irgendwann enden müssen, auch wenn man es sich nicht wünscht) beispielsweise entlang des Avisio sind gespickt mit Zwischenhalten, um die Seele baumeln zu lassen und Augen und Beine zu entspannen. Man gelangt hier auch zum Lago di San Pellegrino. Eine Umrundung dauert nicht einmal eine halbe Stunde. Im Sprudelwasser kann man hier nicht baden, das ist lombardischen Ursprungs – da muss man sich schon rund drei Stunden ins Auto setzen und Richtung Südwesten fahren.

Wenn man doch motorisiert unterwegs ist, so sind sämtliche Hinweisschilder auf Italienisch und Deutsch verfasst. Wer weiß schon, dass Vipiteno auch als Sterzing bekannt ist?! Und je ländlicher es wird, kommt auch noch ladinisch hinzu. Eine Sprache, die stellenweise vertraut klingt, doch im Gegenzug schwer verständlich ist. Aber das gibt sich schnell, wenn man den empfohlenen Routen des Buches folgt man sich der Umgebung hingibt.

Dieser Reiseband ist ein Leisetreter. Kaum merklich wird man dazu verführt Südtirol, Trentino zu besuchen. Die Angst, sich hier zu verlieren, verschwindet hinter der Aufregung vor den unzähligen Abenteuern, die man hier noch erleben kann. Überraschungspaket mit Erlebnisgarantie.

Usedom und Wollin

Hier wird Europa Wirklichkeit. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten Ost auf Ost traf, verbinden sich heute Osten und Westen auf ganz natürliche Weise. Von Peenemünde bis Dziwnów, von Bansin bis Wolin – Usedom hat schon lange fahrt aufgenommen und präsentiert sich wie eh und je als Sehnsuchtsort für alle, die schon viel von der Welt gesehen haben oder denen die Ostsee näher ist als die Karibik.

Usedom und Wollin – hier gibt’s so einiges im Doppelpack. So gibt es die Insel Usedom als auch die „Hauptstadt“ Usedom. An den nördlichen Ufern sonnt man sich an der Ostsee, im Süden an ruhigen Binnengewässern wie dem Stettiner Haff oder dem Achterwasser

Nur die Kaiserbäder, die gibt’s gleich dreimal. Ahlbeck, Bansin und das berühmte Heringsdorf. Ein Spaziergang entlang der eleganten, eindrucksvollen Villen mit Strandblick entlohnt für so manche Zeit im Stau auf dem Weg in die Sonne. Grażyna und Wolfgang Kling sind die stillen Flüsterer im Vordergrund, die dem Leser/Besucher Usedom und Wollin so nahe bringen, dass man sich schon bei Ankunft wie ein Einheimischer fühlt. Dabei achten sie besonders darauf, dass das Gleichgewicht zwischen dem Offensichtlichen und dem teils Verborgenen gewahrt bleibt.

Dieser Reiseband strotzt nur so vor Informationen. Blau unterlegte Infokästen sind die knackigen Antworten auf kurzfristige Fragen. Zahlreiche Karten erleichtern die Orientierung lassen das Handy dort, wo es im Urlaub hingehört, in der Tasche. Die gelb unterlegten Kästen sind unterhaltsame Wissenslückenfüller, die eine kurze (Lese-) Rast zur wissbegierigen Pause wandeln.

Hier ist alles drin, was diese beiden Inseln so unverwechselbar und so begehrt machen. Das begrenzte Übernachtungsangebot – und das ist gut so, denn wenn hier Bettenburgen die Sicht auf den Horizont versperren würden, wäre Usedom mit einem Mal wie leer gefegt – gepaart mit der Einsicht, dass es „gleich um die Ecke“ ein wahrhaftes Paradies gibt, sind das Pfund, mit die Doppelinsel wuchern kann.

Auf Usedom urlauben, hieß schon immer auf der Sonnenseite zu stehen. Ebenso auf Wollin. Ein Grenzübertritt, der sich gar nicht so anfühlt, ist das beste Zeichen für Zusammenhalt. Und so merkt man auch gar nicht, wenn man im nächsten Kapitel des Buches schon wieder in einem anderen Land ist.

Rügen Hiddensee Stralsund

Man muss alle rügen, die nichts an Rügen finden. Denn die größte deutsche (Urlaubs-) Insel ist ein Füllhorn an Attraktionen. Auch, aber  nicht vor allem wegen Caspar David Friedrich, der in den vergangenen Jahren auch international einen Aufschwung genommen hat wie ihn einst nur Andy Warhol vermelden konnte. Friedrich hier, Friedrich da. Alles so romantisch. Rügen ist es auch. Doch nur zu einem gewissen Prozentsatz und gewiss nicht ausschließlich.

Wer Rügen sagt, meint vor allem Erholung im engsten Wortsinne. Tief einatmen, und wieder ausatmen. Die Meeresbrise aufsaugen. Kraft tanken. Denn wer Rügen erkunden will, braucht Ausdauer. Und einen kenntnisreichen Tippgeber. So wie Peter Höh es ist. Sein Rügen-Reiseband ist ein gigantisches Kleinod und eine Schatztruhe an Erkundungen. Das reicht vom Besuch der ersten Gorch Fock in Stralsund, was geographisch noch nicht zu Rügen zählt. Aber ohne Stralsund und Brücke und damit verbundenen Wartezeiten ist Rügen nur eine Insel. Und es endet noch lange nicht an den Kreidefelsen (Hallo, Caspar David Friedrich!). Und einfach nur faul am Strand von Glowe rumliegen, ist auch nicht Rügen total. Ein Kurkonzert in Binz? Reicht auch noch nicht für das Komplettpaket Rügen. Ja, was ist es nun das Komplettpaket Rügen?

Knapp dreihundertfünfzig Seiten, 30 Ortspläne, Routenvorschläge, auch fürs reisen mit Kindern oder auf dem Drahtesel, über einhundert Fotos – kurzum: Dieser Reiseband ist das Komplettpaket Rügen.

Wer hier so manchen Sommerurlaub in der Kindheit verbrachte und schon seit Jahren nicht mehr hier war, der erlebt schon beim ersten Durchblättern sein blaues Wunder. Und das hat erstmal gar nichts mit der Farbe der Ostsee zu tun. Es ist der blaue Himmel, im Zusammenspiel mit eben dieser Ostsee und dem unfassbar umfangreichen Angebot, was man hier erleben kann. Schlösser wie das Jagdschloss Granitz, wo Kinder im Nu zu Schlossherren mutieren oder versteckte Ruheoasen wie … nein, die muss man schon selbst suchen und für sich behalten (einige verrät der Autor dann aber doch) bis hin zu empfehlenswerten Orten, die alle Sinne inklusive Magenknurren bestens bedienen.

Die kaum zahlbaren Tipps für allerlei Machenswerte für groß und Klein nicht gespickt mit Öffnungszeiten, Eintrittsgeldern und den obligatorischen Nennungen der Homepage, wo man die letzten offenen Fragen beantwortet bekommt. Dieses Buch bietet mehr Rügen als jede Internetsuche!

Das kleine Glück

So ein bisschen Glück. Nur ein kleines Stück vom großen Kuchen Glück. Das ist doch nicht zu viel verlangt. Aber wie soll man da rankommen? Wenn die Tischkante so hoch liegt?

Der tunesische Autor hatte jahrelang eine Kolumne zu diesem Thema geschrieben. Voltaires Einsicht, jetzt glücklich zu sein, weil es besser für die Gesundheit ist, hat er zu seinem Lebensmotto erhoben. Und so entstanden diese kurzen Glückmomente bzw. Anleitungen zum Glücklichsein. Es sind 52, jede Woche eine. Zum ersten Mal in deutscher Sprache.

Und so beginnt man jede Woche oder beschließt jede Woche – zur Handhabung gibt Memmi keine Anleitung – mit einem kurzen Text, der sich exzellent zum Nachdenken, zum Nachahmen und schlussendlich zum Glücklichsein einlädt. Man braucht nicht viel, um die Texte zu verstehen oder in die Tat umzusetzen. Ein kleines bisschen Mut. Ein Fitzelchen Überwindung, um eventuelle Scheu oder Vorurteile über Bord zu werfen.

Krankhafte Sparsamkeit hat er – nicht allein, und schon gar nicht als Erster – als das erkannt, was nicht glücklich macht. Und damit meint er nicht in erster Linie die Anhäufung und Verteidigung von materiellen Werten. Sparsamkeit als Enge oder selbst auferlegter Zwang, der der Freiheit die Luft zu Atmen nimmt. Wer zu viel würzt, darf das. Aber ebenso darf er sich hinterher nicht beschweren, dass der Hals kratzt. Eigentlich ganz einfach.

Manchmal, vielleicht sogar oft braucht man den Blick von außen oder den sinnbildlichen Tritt ins den hintern, um sich seiner eigenen – GUTEN – Gedanken bewusst zu werden. Denn der Mensch ist – bis auf einige Ausnahmen – nicht ausnahmslos schlecht. Man muss ihn ur kitzeln, damit er sich daran erinnert.

Und Albert Memmi ist ein wahrer Kitzler. Er kitzelt das Gute aus dem unerschöpflichen Wissen der Menschheit heraus und schreibt in kurzen Abhandlungen effektreiche Mutmacher. Es sind keine komplett neuen Erkenntnisse, die in „Das kleine Glück“ für jedermann nachlesbar sind. Es sind geraffte Einsichten, die jeden Leser einmal pro Woche dazu bringen, sich selbst auf die Probe zu stellen. Das tut nicht weh – im Gegenteil. Es hilft sich dem Glück näher zu fühlen.

Rigaer Freiheit

Riga Anfang des Jahrtausends. Das Land, Lettland, wird bald schon zur EU und zur NATO dazugehören. Die nächste große Umwälzung. Für einen Studenten wie den Erzähler zählen diese Dinge erstmal nur am Rande. Er kann es kaum glauben, dass er an der Kunstakademie angenommen wurde. Sein neues Leben erfährt eine für ihn viel wichtigere Umwälzung. Und es ist noch nicht vorbei mit den Veränderungen. Denn er erbt. Nicht unerheblich. Er erbt ein Haus. Ein großes Haus. Ein Mietshaus. An der Freiheitschaussee. Also mittendrin, im Leben. So viel Veränderung muss man erstmal wegstecken. Zusammen mit seiner Omama fährt er zu seinem neuen Besitztum.

Wie alles im Leben so hat auch das Erbe eine zweite Seite. Eine unschöne Seite. Rau, verdorben, echt, aber auch voller Überraschungen. Denn in dem Haus wohnen noch Mieter. Und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Sie sind dem Haus näher als der neue Eigentümer. Die resolute Omama kennt die Mieter. Sie weiß wer wann wieviel Rente bekommt. Und somit auch pünktlich die Miete zahlen könnte. Könnte, ja. Die Hausgemeinschaft ist ein ziemlich runtergekommener Haufen unzuverlässiger Mieter.

Sie wissen wie man mit dem Vermieter umgeht. Als neuer Eigentümer steht man da erstmal mit offenem Mund da. Oder lässt alles seinen Lauf gehen. Schließlich ruft die Akademie…

Svens Kuzmins wirft ein fades Licht auf eine fade Situation. Antriebslosigkeit und eine sich rasch wandelnde Gesellschaft sind die Treibfedern dieser „Rigaer Freiheit“. Wo einst der Stolz der Nation – schließlich haben sich die drei baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland beeindruckend friedlich von der Sowjetunion getrennt – mit Blumen im Haar und allerlei Gesang nach Außen getragen wurde, fallen hier und da Horden von brutalen Skinheads über das Land herein. Unzufriedenheit, Abschottung und Resignation machen sich breit, wo einst Hoffnung blühte. Das geerbte Haus wirkt wie ein Symbol dieser neuen sich entwickelnden Gesellschaft.

Im Kleinen schiebt der Erbe den „Roadhouse Blues“, schippert auf dem „Ship of fools“ gen Sonnenaufgang, „Waiting for the sun“: Immer wenn er „Morrisons Hotel“ von den Doors auflegt, fühlt er sich wie in einer eigenen Welt.

Mal melancholisch, mal absurd witzig – in diesem Spektrum bewegt sich „Rigaer Freiheit“ von Svens Kuzmins. Da, wo die knallharte Realität auf Hoffnungslosigkeit trifft, hinterlässt sie tiefe Risse. Und darin beginnen Pflänzchen zu blühen, die wie dieses Buch wunderbar strahlen.

Kinder der Bucht

Das Paradies kann man sehen, kann es vielleicht sogar hören. Es zu erleben wird schon schwieriger. Die Bucht von Longo Maï ist das Paradies. Zumindest für die wenigen Bewohner. Im Sommer tummeln sich hier noch Besucher und genießen erholsame Stunden und Tage am Meer. Für Ordnung sorgt die Zollstation. Klingt komisch, ist aber so…

Nine und Coco sind echte Paradiesianer – Paradeiser sind sie nicht! Sie sind hier aufgewachsen. Und entdecken jeden Tag aufs Neue das Paradies. Hoch oben auf den Felsen hat man den besten Überblick. Doch Nine ist das nicht mehr genug. Zuviel des Guten ist ihr einfach zu wenig. Da draußen muss es noch mehr geben. Die Enge der Freiheit erstickt sie und ihren Tatendrang. Ausgerechnet jetzt! Nine bricht auf und aus. Ohne Au revoir. Einfach so!

Und dann passiert das, womit niemand im Paradies rechnen kann. Eine Katastrophe – keine Angst: Der Himmel bricht nicht über der Kommune zusammen. Nur vielleicht sinnbildlich. Bei all der Freiheit, die alle hier ungehindert genießen können, herrschen nun auf einmal nicht gekannte Regeln. Der lose Haufen muss wie ein Räderwerk funktionieren. Und allen wird schlagartig klar, dass sie mit dem Schrecken davonkommen können, wenn die Gemeinschaft auch wirklich als solche agiert.

Rémi Baille legt mit „Kinder der Bucht“ einen Debütroman vor, der auch die Jury vom Prix Mare Nostrum überzeugte. Zu Recht!

Hier wird keine neue Form des Zusammenlebens erprobt. Kein neuer Herrscher regiert mit blinder Wut. Hier ist die Kommune selbstverständliches Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Unter freiem Himmel die Wahl der Mittel zu haben, um das Leben leben zu können. Risse sind da. Man springt wie selbstverständlich über sie hinweg. Erst als sich Krater bilden, zwingt man sich Maßnahmen zu ergreifen. Es sind nur reichlich einhundertfünfzig Seiten. Die jedoch reichen allemal aus, um das Paradies zu erlesen, manchmal sogar selbst zu erleben. Wie leichte Wellen, die auf den flachen Strand zurollen, schlagen hier nicht die Wogen hoch. Die ruhige, besänftigende Sprache erlaubt keine Aufregung. Selbst als Nine den Ort verlässt, und ihr Verschwinden erst später bemerkt wird, droht das Paradies nicht auseinanderzubrechen.

Es sind solche kleinen, feinen Bücher, die einen Lesesommer erst zum echten Lesesommer machen. Wäre das Paradies ein Wochentag, dann ist „Kinder der Bucht“ ein Sonntagsbuch.

Kosmo

Wissenschaftliche Berichte sind in ihrer Natur nüchtern und sachlich verfasst. Sie wie einen Roman zu lesen, ist sehr mühsam, wenig ratsam und deswegen ab und an irgendwie auch enttäuschend. Und langatmig.

Chave hat so einen Bericht verfasst. Sie weiß, dass er durchaus Längen enthält. Das war ihr aber egal. Denn das, was sie zu berichten weiß (also in einem Bericht verfasst und nicht beabsichtigt als Roman zu veröffentlichen), ist derart verworren, seltsam und lässt sie hier und da in Weltenabdriften, die sie bisher nicht kannte. „Kosmo“, das Insekt auf dem Cover – das muss ein wissenschaftlicher Roman über … nee, nee, nee – so fangen wir gar nicht erst an.

Kosmo ist eine Stadt im Süden. Im Süden Griechenlands. Und Chave arbeitet für ein Institut (bzw. sie arbeitete, denn zu ihrem Bericht reicht sie zusätzlich auch noch ihre Kündigung ein). Ein Institut für enzyklopädische Erinnerungsuniversen. Sie sortiert menschliche Gedanken- und Gefühlshaushalte. Wow! Das muss man erstmal sacken lassen.

Nun hat sie einen besonders kniffligen Fall auf dem Tisch. Denn die Urheberin einer Audiodatei, ein Fitzelchen Leben, Erinnerung ist mit einem Mal nicht mehr auffindbar. Chave muss aber ihre Arbeit machen. Und … reist ins Jahr 2048. Nach … Kosmo. Wäre das auch geklärt. Es hat nichts mit Luftfahrt oder dergleichen zu tun und schon gar nichts mit Insekten. Oder doch?! „Kosmo“ ist also ein absurder (im besten Wortsinne) Science-fiction-Roman, der im Stile einer wissenschaftlichen Abhandlung geschrieben ist. Eine Mixtur, die einzigartig ist. Und die anfangs etwas schwerfällig nur den wahrhaft Interessierten anspricht. Denn zunächst muss die Szenerie, die Vorgehensweise dargestellt werden.

Sobald die eigentliche Reise – ins Jahr 2048 – beginnt, wird es aber schlagartig spannend. Nichts ist wie es scheint. Und wie auf einem schlechten (oder guten – je nachdem) Trip wird Chaves Welt gehörig durcheinander gewirbelt. Das muss man allerdings selbst erlesen. Nur so viel: Wer auf Monster oder ähnliche Gestalten hofft, braucht viel Phantasie, um sie zu erkennen. Es gibt sie. Aber nicht im eigentlichen Sinne wie in Abenteuerfilmen der Sechsziger- und Siebzigerjahre, in denen der muskelbepackte Held gegen übergroße Kreaturen kämpft.

Isabella Breier gelingt es spielerisch den Leser unnachgiebig in eine Welt zu ziehen, die bisher niemand erforscht hat. Traumwelten, utopische Szenarien, die auf einmal gar nicht mehr so utopisch klingen und das alles in einer Sprachvielfalt, die ihresgleichen sucht.

In deinem Schlaf

Seit Monaten kümmert sich Nia um ihre Tochter Gabi. Nach dem Erdbeben in Tiflis liegt die Kleine lethargisch in ihrem Bettchen und rührt sich nicht. Aufopferungsvoll spricht Nia jede freie Minute mit ihrer Tochter. Resignationssyndrom lautet  die Diagnose, im Georgischen Gehorsamssyndrom, was Nia regelmäßig zur Weißglut bringt, zumindest ihr aber ein Lächeln abringt. Denn mit Gehorsam hat die Lethargie nun gar nichts zu tun…

Die Ärzte sind ratlos. Dr. Aigner spricht Nia immer wieder mut zu und gibt ihr Hoffnung, dass die Forschung voranschreitet. Der Einzige, der helfen könnte, ist Demna. Demna, Nias Mann. Nias Mann, der nicht mehr an ihrer Seite ist. Der Mann mit den schwarzen Augen, in denen sie sich so gern verlor. Demna, der einst im Bürgerkrieg zwischen Georgien und Abchasien wie hunderttausende flüchten musste und wer weiß was alles erleiden musste. Das hat Nia ausgeblendet. Denn Demna ist der Mann, den sie liebte, der Vater ihrer Tochter. Doch Demna ist weg. Weit weg, oder auch nicht. Auf alle Fälle weg. Und sie will ihn auch nicht wieder sehen, geschweige denn zurückhaben. Sie hat inzwischen einen Hass gegen ihn entwickelt, der kaum umkehrbar scheint.

Nia ist aber auch Schauspielerin. Nicht einfach Castings und Pflege der Tochter unter einen Hut zu bringen. Doch hin und wieder klappt es doch. Dieses Mal hat sie die Chance mit einem namhaften Regisseur zu arbeiten. Die Casting-Chefin treibt sie an. Der Regisseur sieht in ihr etwas, was er unbedingt haben will. Nia soll eine Frau spielen, die im georgisch-abchasischen Krieg auf der Flucht ist. Ihr Mann geht ihr fremd. Das Casting gerät zum persönlichen Fanal. Nia vertieft sich in Windeseile in die Rolle der gehörnten Ehefrau. Die Rolle ist ihr sicher. Ein Segen! Ein Fluch?

Während der Dreharbeiten steigert sich Nia in die Rolle und erkennt das Drama, das Demna einst widerfahren ist. Sie beginnt zaghaft zu verstehen, wie Demna zu dem wurde, was er ist. Und: Warum er nach dem Erdbeben erneut die Flucht ergriff?

Die Wunden und Narben des Krieges, dem ethnische Säuberungen gegenüber den Georgiern folgten, sind bis heute sichtbar. Ekaterine Togonidze rührt unnachgiebig und mit viel Feingefühl in den Wunden der Opfer, ohne sie allein zu lassen. „In deinem Schlaf“ wühlt auf und er erinnert an einen blutigen Krieg, der mehr als dreißig Jahre zurückliegt und noch immer die Täter teils verschont. Die wahren Opfer haben kaum eine Stimme, ihr leises Wimmern wird durch diesen Roman hörbar.

oh! Verona

Verona war noch nie einfach nur ein Geheimtipp. Mal Julia an die Brust fassen oder sich im antiken Theater ein grandioses Opernerlebnis gönnen, das ist Verona für die meisten. Doch das kann doch nicht alles sein?! Schließlich wollen die über vier Millionen Übernachtungsgäste bestens unterhalten werden.

Und vor allem verköstigt werden. Risotto kommt hier auf den Tisch. Meistens sogar mit Reis aus der direkten Umgebung. Und dann hat man die Qual der Wahl – dabei kann auch dieses Buch nicht helfen. Bei allem anderen ist „Oh! Verona“ die beste, wenn nicht sogar die einzige Wahl. Diese Qual ist dem Veronabesucher also schon einmal genommen.

Als Ausgangspunkt für die meisten Erkundungen bietet sich das antike Amphitheater an. Es liegt zentral und man immer jemanden fragen wie man dorthin kommt, falls man sich einmal im Straßengewirr verlaufen hat. Und das schon seit zweitausend Jahren! Siebenhundert Jahre ist es her, dass Dante Alighieri nach seiner Flucht aus Florenz hier Asyl fand. Und ihm begegnet man auf Schritt und Tritt. Ideal für ein Sammelspiel: Wie oft trifft man Alighieri während eines Spaziergangs in Verona? Kleiner Trick für alle, die gern schlaumeierisch sich einen Vorteil verschaffen wollen: Mal ins Portemonnaie schauen – Dante ist auf den italienischen Zwei-Euro-Münzen.

Überall in der Stadt findet man eingemauerte Löwenmäuler. Die Löwen sind Symbole der Republik Venedig, die hier lange Zeit die Geschicke der Stadt leitete. Wer will kann einen Denunziationszettel einwerfen. Früher konnte man – aber nur mit Unterschrift – so jemanden eines Vergehens bezichtigen ohne ihm gegenübertreten zu müssen. Anonyme Anzeigen wurden vernichtet – für alle Demokratieverteidiger von heute ein gefundenes Fressen…

Von nicht ganz so geheimen Tipps für Spartickets über Familiengrüfte bis hin zu verdammt alten Graffiti hat Autorin Maria Kampp eine Menge Verona-Safari-Tipps zusammengetragen, die Verona zu einem prall gefüllten Erlebnis machen. Ohne dabei die gehypten Hotpsots außeracht zu lassen. Auch hier weiß sie geneigten Besuchern Rat zu geben. Was aber an dieser Stelle geheimbleibt… psst.

Leere Gräber und Göttinen, architektonische Fundstücke und grandiose Aussichten – man muss ein bisschen suchen, um Veronas Schätze zu finden. Oder man wirft einen Blick in diesen exzellenten Reiseband. Auch für unterwegs bestens geeignet.