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Aussichten einer Empfangsdame

Ist doch ein Traum?! Da hat man sich akademisch gebildet, ist auch sonst im Leben nicht unbedingt ein Fehlgriff, arbeitet in einem schicken Gebäude mit unzähligen Kollegen, die alle ihrem Traumjob nachgehen. Doch wie alles im Leben hat auch diese Medaille eine Kehrseite. Denn als Empfangsdame sieht sich die Protagonistin nun wirklich nicht.

Jeder sieht sie, doch keiner kennt sie. Sie kennt jeden, sie schaut teils sogar hinter die Fassaden – doch sie ist und bleibt eben doch „nur“ die Empfangsdame. Frustrierend. Ihr geht wie so manchem, der irgendwie die Abfahrt Richtung Zufriedenheit verpasst hat. Was nun? Kopf in den Sand stecken. Sand ins Getriebe schütten. Resignieren. Sich arrangieren. Das Beste aus der Situation machen. Die Augen offen halten. Über einen Mangel an Optionen kann sie sich nun wirklich nicht beschweren.

Sie ist es, die jeden sieht. Sie kennt ihre Marotten, von einigen sogar Geheimnisse. Sie hat Einblick in so manchen Vorgang, den sie eigentlich gar nicht haben dürfte. Ihre Menschenkenntnis ist erstaunlich, nur in bare Münze diese zu verwandeln, ist unmöglich.

Wünsche hat sie mehr als genug. Auch die Voraussetzungen sich diese zu erfüllen. Doch allein der Weg dorthin ist zu steinig und war in der Vergangenheit sehr unübersichtlich. Nun sitzt sie hier am Tresen, weist den Weg, nimmt Anrufe entgegen, nimmt die Post entgegen. Eigentlich müsste sie die entgegengenommene Post entgegennehmen. Es ist schon ein tristes Leben … könnte man meinen.

Riccarda Gleichauf dringt in ein Leben ein, das von vielen (wenn überhaupt) nur im Vorübergehen wahrgenommen wird. Die Empfangsdame ist austauschbar. Fehlt sie den einen Tag, merkt man das erst … meistens gar nicht. Sie fällt nicht auf. Sie ist da, aber auch wieder nicht. Sich in dieser Welt zurechtzufinden, (s)einen Platz einzunehmen ist nicht weniger aufwändig als der Posten eines der Unternehmen in dem schicken Gebäude. Denn hier geht es jeden Tag, jede Stunde, jede Minute darum nicht komplett die Fassung zu verlieren und weiter Verantwortung für sich zu übernehmen.

Die Autorin hätte es sich einfach machen können und aus der niedergeschlagenen Heldin eine rachlüsterne Furie zu machen, die einer Miniserie gleich ihrem vermaledeiten Leben einen krachenden Rachefeldzug entgegenstellt. Es sind die leisen Gedanken, die Einsichten in die Leben der Anderen, die dieses äußerlich unscheinbare Buch zu einem echten Juwel machen. Einsichten und Aussichten, die vielleicht mehr mit der Realität zu tun haben als man meint.

Wald im Haus

Trutschel – so nennt man die Kleine, die hier im Wald, und das ist nicht nur symbolisch gemeint, aufwächst. Der Papa ist weg. Die Mama ist da, wenn auch meist nur physisch – und selbst dann mit Einschränkungen. Also verbringt die Kleine viel Zeit bei Oma und Opa. Aber eigentlich ist auch dass nicht ganz korrekt. Denn die resolute Oma führt „nebenbei“ noch eine Firma, und der Opa ist meist in seiner Werkstatt. Seine eigene kleine Welt. Ganz ohne Frau. Ohne Enkelin. Nur mit dem Hund, der aber auch bald nicht mehr sein wird.

Ist eine ziemlich düstere Welt, die Alena Mornštajnová da beschreibt, fast schon mystisch. Und das ist gewollt. Denn über der Familie, wenn man es so nennen will, schwebt ein dunkles Geheimnis.

Der Wald, in dem das Haus steht, wo Trutschel aufwächst ist unheimlich und Freiheit in Einem. Hier kann sie Kind sein. Doch Geborgenheit und Wärme findet sie hier nicht. Im Haus auch nicht. Wenn Mama mal nach Hause kommt – nach der Arbeit, viel zu spät nach der Arbeit – ist sie keine Mama. Sie schwankt, sie lallt, sie streitet. Opa hat sich dann immer schon in seine Werkstatt verzogen. Und Oma geht zum Angriff über. Mit wem sie sich rumtreibe – mit niemandem. Natürlich! Mama ist sich keiner Schuld bewusst. Sie lebt ihr Leben. Ein Leben, das sie eigentlich mit ihrer Tochter teilen sollte. Tut sie aber nur in den seltensten Fällen.

Doch wer ist nun wirklich schuld an dieser … Misere? Die Antwort verbirgt sich in einem dunklen Geheimnis. Nichts für Kinderohren oder gar Kinderaugen. Doch die Kleine bekommt mehr mit als ihr gut tut.

Alena Mornštajnová verführt den Leser und zieht ihn in eine Welt, die fast surreal erscheint. Alles, was war ist, was echt wirkt, hat immer einen Touch von Mystik. Nicht ganz so dramatisch und ausschweifend wie in „Twin Peaks“, doch nicht minder spannend. Und am Ende mit einer faustdicken Überraschung. Hat man sich nach ein paar Seiten in die Geschichte eingelesen, kommt man schwer wieder von ihr weg. Wer bisher nicht viel mit düsteren Geschichten anfangen konnte, hat hier eine Art Erweckungserlebnis. Die präzisen Charaktere finden im Nu ihre Gefolgschaft – ob man sie nun mag oder zutiefst verabscheut.

Kopfsteinpflaster

Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt. Ha ha, vor allem für die, die es betrifft. Mehr als ein resigniertes Augenrollen ist da kaum noch drin. Vor allem, wenn sich alles vor, während und nach der Wende abspielt.

Martin Kasboom ist sicherlich so einer, der dieser flüchtigen Phrase nur noch ein pff abgewinnen kann. Er lebt in Klockow, Mecklenburg. Das sprichwörtlich Irgendwo-Im-Nirgendwo beschreibt die Umgebung wohl am besten. Hier fährt man Oldtimer nicht weil es chic ist, sondern weil gerade nichts anderes zur Verfügung steht. Und bei den Straßenverhältnissen ist ein Moskwitsch mit seinem unendlichen Federweg das einzige, was passt. Ansonsten passt hier gar nichts. Zumindest für Martin Kasboom. Diese Einöde ist nicht zu überbieten. Draußen in der weiten Welt werden die Olympischen Spiels in Los Angeles von fast der halben Welt boykottiert. Und hier? Nichts. Einöde. Langeweile. Auf nach Berlin werden wie in ein paar Jahren sagen. Da ist was los, werden sie sagen.

Für Martin geht dieser „Traum“ schon früher in Erfüllung. Er ist im richtigen Alter, um dem Vaterland zu diesen. Asche, Armee, NVA – wie auch immer man es nennen mag – es ist seine Rettung. Wehrdienst. Unter Anderem aufgrund seiner Herkunft ist er der ideale Bewerber für weitreichendere Dienst fürs Vaterland. Der kleine Martin Kasboom aus Klockow soll Spion werden. Natürlich wird das nicht genau kommuniziert. Da ist man viel gewiefter. Doch trotzdem: Spion. Is schon ’ne andere Nummer als Bauer in Klockow! Doch die Wende macht ihm und seinen Ausbildern einen fetten (Schluss-)Strich durch die Rechnung!

Doch wieder Klockow?! Heim in den heimischen Betrieb. Allerdings mit Aussicht auf rosigere Zeiten. Aufschwung Ost bzw. Nord in seinem Fall. Modernisierung – das wird schon. Und mit einer Frau an der Seite ist das Leben doch gleich doppelt so schön.

Wie immer gibt das Leben mit der einen Hand und hält in der anderen – anfangs versteckt – eine gewaltige Keule. Die Person von Freiherr von Schlottmann. Dem kam die Wende auch wie gerufen. Jetzt kann er sich alles zurückholen, was ihm und seiner Familie einst genommen wurde als sie aus der DDR flüchteten. Ellenbogen hat dieser Freiherr – das kann sich niemand, und schon gar nicht Martin Kasboom, vorstellen. Es entspinnt sich ein Klassenkampf, der mit dem Geschichtsunterricht von damals so gar nichts zu tun hat. Und wahre Geschichte wird auf einmal präsenter als es dem Jungunternehmer recht sein kann…

Engagiert schreibt Detlef Reinsberg eine Familiengeschichte, von der man denkt, dass bereits alles zur Wendezeit geschrieben wurde. Ist es aber nicht! „Kopfsteinpflaster“ lebt durch die eindringlichen Beschreibungen der Gefühlslage einer Generation, die Chancen hatte wie kaum eine andere. Aber auch ohne Rüstzeug in einen Kampf gezwungen wurde, den sie nicht kommen sah.

Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige

„Die Widerspenstige“ – gleich mal eine Breitseite für alle Nostalgiker. Und zähmen ließ sie sich schon gar nicht. Tanzte nicht im Schuber, um Wein zu pressen. Das war Adriano Celentano. Und der hat mit Ingeborg Bachmann so gar nichts zu tun. Er steht mit 88 noch immer auf der Bühne. Sie ist seit über 50 Jahren tot. Doch beide verbindet, dass man sich wohl immer sie erinnern wird. So auch Ingeborg Gleichauf. Und bestimmt nicht wegen der Namensgleichheit…

Ingeborg unternimmt den Versuch sich Ingeborg zu nähern ohne dabei an der Kleidung zu zupfen, ihr zu nahe zu kommen, ihr auf den Geist zu gehen. Sie will den Geist Bachmanns erhaschen. Ihn auch für sich vereinnahmen. Doch niemals – niemals! – will sie sie entblößen.

In den 50ern war Ingeborg Bachmann einem breiten, aber immer noch Fachpublikum bekannt. Erotisiert fand man ihre Weiblichkeit. Heute würde man es viel direkter ausdrücken. Doch wie?! Ingeborg Bachmann ist immer noch präsent, nicht nur wegen des medial aufgewerteten Wettbewerbs, an dessen Ende einer der höchstdotierten Literaturpreise Europas steht. Hier treffen sich intellektuelle Verballhorner und wahre Literaturliebhaber, auch um Ingeborg Bachmann zu gedenken.

Nun kann man Ingeborg Bachmann einfach nur lesen. In ihre Texte eintauchen. Sich in ihren Worten suhlen. Oder man geht ihr auf den Grund – und nicht dem Leser auf den Wecker. Ingeborg Gleichauf hat sich für beides entschieden.

Den Versuch Bachmann zu entschlüsseln, unternimmt sie erst gar nicht. Sie will aus einem Leben erzählen, das erzählenswert ist. Sie will mit dem Leser und der anderen Ingeborg verreisen – Reisen bildet. Warum also zweifeln?!

Wer sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt hat, stößt oft an Grenzen. Wer ihr nahe kommen will, stößt sich den Kopf an. Ingeborg Gleichauf gelingt der Spagat zwischen Wissensdurst und Selbsterkenntnis zu unterscheiden und bei aller Neugier niemals den Leser loszulassen.

Eine Aufforderung zum Kampf

Als Diktator lebt es sich relativ gemütlich, wenn man die Untergebenen im Griff hat. Das geschieht ausschließlich durch Gewalt. Die muss man sich teuer erkaufen. Denn die willfährigen Helfer fordern auch ihren Tribut.

Saintil ist so ein Diktator. In Haïti. Er hält das Dorf Bois-Neuf im Würgegriff. Eine Armee von Zombies verrichtet stoisch die Arbeit, die sonst keiner macht. Sie füllen die Wampen derer, die keinen Finger krümmen wollen. Selbst vor der Familie macht Saintil keinen Halt. Seine Tochter wird einmal alles erben. Doch nur, wenn sie sich nicht an einen Anderen bindet. Keusch und rein soll sie irgendwann einmal da Ruder in die Hand nehmen. Bis dahin ist sie die gute Fee im bösen Haus. Andernorts sind Diktatoren noch grausamer, zu ihrer Familie…

Doch auch die Zombies haben Gefühle. Gefühle, die sie wortreich und bildhaft nur untereinander teilen. Sie sind willenlose Geschöpfe, die nach Außen wie Maschinen funktionieren. Doch keine Macht der Welt kann ihre Gedanken komplett kontrollieren oder gar ausschalten. Das alles funktioniert nur so lange sie kein Salz in ihrem Essen haben. Das Salz in der Suppe – hier bekommt es einen habhaften Beweis seiner Existenz.

Die Jahre verfliegen, das Leben ist karg, hart, kaum lebenswert. Sultana ist die Tochter von Saintil. Mittlerweile ist sie zu einer jungen Frau herangewachsen. Einer Frau, die Gefühle hat, die Bedürfnisse in sich spürt. In Clodinis findet sie den Mann, ihr Gegenstück, ihre Liebe, die langsam erwacht. Clodinis ist allerdings ein Zombie. Ein Wesen, das zu funktionieren hat. Und es auch tut. Solange … ja, solange ihm das Salz entzogen bleibt. Es kommt wie es kommen muss…

Frankétienne lebte sein Leben lang auf Haïti. Auch während der Duvalier-Diktaturen, zuerst Papa Doc, dann Baby Doc – beide nahmen sich in Sachen Gewalt nicht viel. Sie brachen das Land und die Rückgrate der Menschen. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar und werden auch so schnell nicht verschwinden. Trotz seiner Schriften, die den Herrschern nicht gefallen konnten, lebte Frankétienne immer auf Haïti ohne sich groß verbiegen zu müssen. Seine Bücher sind Kulturgut und Hinterlassenschaften einer reichhaltigen Literaturszene. Er starb 2025 im hohen Alter von 88 Jahren.

„Aufforderung zum Kampf“ ist ein Gleichnis für den Aufstand gegen die Unterdrücker. Das Salz ist der Brocken Hoffnung, dem man den Geknechteten hingeworfen hat. Ihr Aufstand ist dank ihrer Masse Gutes beschieden. Doch die Macht der Wenigen, der Auserwählten, die geschickt ihr Tun verschleiern, ist nicht zu unterschätzen. Die poetische Sprache dieses an sich knallharten Buches ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Schnell liest man sich in eine Welt hinein, die so weit weg scheint und erstaunlich viele Parallelen zur doch so nahen Zukunft aufweist.

Das Lachen Haïtis

Ganz oberflächlich betrachtet ist Haïti verloren. Jede Meldung – und die sind selten – eine Schreckensnachricht. Erdbeben, Unruhen, Plünderungen, Anarchie und Chaos. Und die letzte Meldung: Die haïtianische Fußballmannschaft darf nicht ins WM-Gastgeberland USA einreisen, um dort seine Vorrundenspiel zu absolvieren. Was aber am Austragungsort bzw. –land liegt. Vereinzelt sind manchem noch die Diktatoren Papa und Baby Doc bekannt. Die Duvaliers haben ein Land hinterlassen, dass von banden dominiert wird und seitdem von Katastrophe zu Katastrophe schlittert. Die einzige Konstante im Karibikstaat.

Das sind die Vorurteile, die zum einem großen Prozentsatz sicher auch stimmen. Andererseits herrscht hier eine literarische Vielfalt und Beständigkeit, die dem Chaos und der Angst derart widerstandsfähig entgegenstehen, dass man es kaum glauben kann. Man kann es ruhig glauben! „Das Lachen Haïtis“ ist der schwungvolle Beweis. Und hier, im Inselstaat Haïti ist eine eigene Literaturform entstanden. Lodyans. Witz, Märchen, Sozialkritik und Geschichtsrückbesinnung sind die Charakteriegenschaften dieser kurzen, bissigen, spritzigen, lebensbejahenden Literaturform, die in Haïti zur Kunstform reift.

Georges Anglade war unter anderem am Demokratisierungsprozess der Insel beteiligt, nach die Duvaliers aus dem Land getrieben wurden. Später, während der zweiten (von Drei) Amtszeiten von Jean-Bertrand Aristide Minister für öffentliche Aufgaben, unter dem Nachfolger René Préval besonderer Berater. Doch seiner Leidenschaft, den lodyans gab er schlussendlich den Vorzug. Beim verheerenden Erdbeben 2010 kamen er und seine Frau um Leben.

Der Untertitel „Neunzig Miniaturen“ ist nüchtern betrachtet eine Sammlung von neunzig kurzen Geschichten, die sich leicht lesen lassen. Bei genauerem Hinsehen – Lesen! – sind es tiefe Einblicke in die Seele eines Landes, das auf dieser Seite der Erde voller Vorurteile steckt, die es schwer haben beseitigt zu werden. Natürlich spielen Voodoo, Aberglaube und Hellseherei eine bedeutende Rolle. Sie sind elementarer Bestandteil der Kultur der Insel wie Fußball in England oder spätes Abendessen in Spanien. Sie wirken aber keinesfalls effekthascherisch und gezielt eingesetzt, um den Leser bei Laune zu halten. Sie sind so normal in die Geschichten eingebunden, dass man auch ohne Glauben daran, den Nichtglauben daran verliert.

Diese über dreihundert Seiten tun mehr für das Verständnis für die Insel als so manches Lippenbekenntnis oder Wehklagen der Politiker des isolierten Landes. Eine Reise ins Herz Haïtis. Mit allen Wendungen und Ecken und Kanten, die eine Reise nun mal hat.

Der Junge, der im Dunkeln sah

Dass er etwas Besonderes ist, weiß Jēkabs irgendwie, tief in seinem Inneren. Und dann auch wieder nicht. Doch er versucht immer Besonderes zu tun bzw. alles, was er tut besonders gut zu tun. Seine Eltern sind blind. Und er kann im Dunkeln sehen. Das hört er zum ersten Mal bei einer Familienfeier. Da ist er aber schon so sehr in seiner Rolle als etwas Besonderes, dass er es als ganz normale Bestätigung wahrnimmt.

Die Familie lebt anfangs in einer sehr beengten Wohnung. Ein Wohnheim. Mit Gemeinschaftsküche. Mit Gemeinschaftstoilette. Mit Gemeinschaftsduschen, im Keller. Jēkabs liebt die Natur. Hier kann er herumtollen, sich austoben. Und er könnte auch mal seine Pflichten vergessen. Tut er aber nicht. Selbst beim Blaubeerenpflücken hastet er von Strauch zu Strauch und vergisst dabei fast, dass es seine Lieblingsbeeren sind, die er sich auch gern mal händeweise in den Mund stopfen darf. Selbst wenn er hinterher Bauchschmerzen bekommt.

Die Zeit vergeht. Jēkabs ist immer der gute Sohn, das Wunschkind seiner Mutter. Nichts wünschte sie sich mehr als ein Kind. Als von Geburt an Blinde ist ihr Sohn ein Privileg. Eines, das man achtet und hegt und pflegt. Doch die Jahre vergehen unweigerlich und Jēkabs wird nach und nach erwachsen. Vorbei die sorgenfreie Zeit, in der er die frisch gewaschene Wäsche auf dem Trockenplatz als Heimat wahrnimmt. Vorbei die Zeit, in der er der stets umsorgende Sohn war. Er wird sich emanzipieren müssen. Das wird schwer!

Vor allem für seien Mutter. Ihr geht es nicht so sehr darum ihrer Sorger zu verlieren. Es geht vielmehr um den Verlust im Allgemeinen. Und darum, dass sie ihn, das Wunschkind, nicht mehr so oft sieht wie zuvor. Und in Jēkabs nagt mehr und mehr das schlechte Gewissen. Kann, darf er seine Eltern verlassen?

Rasa Bugavičute-Pēce fühlt sich in einen Jungen hinein, der in eine besondere Situation geboren wurde. Schon früh muss er Erwachsenenaufgaben übernehmen. Für ihn normal. Die Sticheleien der Anderen wehrt er wie ein Mann ab. Manchmal denkt er sich, ob man ihm denn nicht schon früher mal etwas sagen konnte, der er etwas Besonderes ist oder in eine besondere Situation, eine besondere Familie hineingeboren wurde. Doch was hätte das geändert? Vertragsauflösung? Nein, nein, Jēkabs fügt sich ohne sich klein zu machen. Doch das Schicksal hat mehr mit ihm vor…

„Der Junge, der im Dunkeln sah“ ist eine Offenbarung! Weil es der Autorin gelingt mit zart gewobenen Sätzen eine Stärke erfordernde Realität zu meistern. Mit all ihren Ecken, Kanten, Wendungen aber auch mit all dem Glück eine Familie zu haben.

Europa erlesen Genua

Die ligurische Küste besticht durch ihre elegante Küstenführung und die sofort daran anschließenden schroffen Bergformationen, die einen Ausstieg aus dem Meer nicht den sofortigen Aufstieg an Land zulassen. Hier muss man sich bewegen, Hakenschlagen, um ans Ziel zu gelangen.

Auch muss man sich nicht lange mühen, um die Stadt aufsaugen zu können, sofern man sich dieses kleinen Büchleins herzlichst annimmt. Genua kann nicht wie beispielsweise Florenz auf eine Galerie großer Namen, die die Geschicke der Stadt leiteten und bis heute zum Strahlen bringen, verlassen. Die Stadt will erobert werden. Und sie wurde erobert. Christoph Kolumbus verließ sie, um die Welt zu erkunden. Heinrich Heine und Charles Dickens – zum Beispiel – kamen zu ihr, um ihre Reize zu entdecken. Wortreich, gewandt wie ein eleganter Luchs, schlichen sie durch die Häuserschluchten, erklommen Hügel und waren ergriffen von der Weitsichtigkeit der Stadt. Das alles ist anderthalb Jahrhundert bis zweihundert Jahre her. Und noch immer kann man der Faszination der Dichter etwas abgewinnen und zustimmend nicken, wenn ergriffen und charmant von Genua schwärmen. Selbst Karl May war hier – oder doch nicht. Bei ihm weiß man ja nie so genau…

Der Weltreisenden Alma Karlin sieht die große Stadt schon etwas nüchterner. Sie hat die Welt gesehen, wird sie noch bereisen als sie Genua besucht. Ein bisschen mehr Farbe hätte ihr Urteil üppiger ausfallen lassen. Die Suche nach einer passenden Unterkunft hat auch nicht dazu beigetragen Genua als Sehnsuchtsort einzuordnen.

Dieses kleine Büchlein ist unverzichtbar beim nächsten Genua-Besuch. Die gesamte Bandbreite von Ui bis Pfui wird in den Texten über die Stadt abgebildet. Wahrlich hat sich Genua verändert. Als Stadt am Meer unterliegt sie zwangsläufig Veränderungen. Und wie damals – zu Zeiten von Heine, aber auch Alma Karlin – gibt es Ecken, die nicht zwingend vorzeigbar sind. Ebenso die Plätze und Orte, die einem den Atem stocken lassen.

Fakt ist, dass „Europa erlesen – Genua“ ein fester Reisegepäckbestandteil sein sollte, will man Genua auf den Grund und nicht auf den Leim gehen.

Europa erlesen – Florenz

Nach Rom ist Florenz sicherlich die Stadt mit der größten Anziehungskraft in Italien. Eine derart prächtige Stadt muss man sich erobern. Von der Piazza Michelangelo hat man sicher den imposantesten Ausblick auf die Stadt, ist aber zu keiner Tageszeit allein und muss die Erhabenheit der Stadt mit allerlei plärrendem Publikum teilen. Und erst in den Straßen und Gassen der Stadt! Kein Quadratmeter, der nicht von Menschen besetzt ist. Keine Ruheort, an dem an sich ein paar Moment Ruhe gönnen kann. Die muss man sich selbst schaffen.

Mit diesem Buch in der Hand – passt in jede noch so kleine Tasche – ist die Ruheoase nur wenige Momente entfernt. Man vergisst den Lärm der Stadt und der durch sie hindurchwalzenden Menschenmassen. Man versinkt in kleinen fiesen Intrigen wie Giovanni Fiorentino, der einen liebestrunkenen Eroberer von seiner Angebeteten angetrieben in ein Fiasko zu stürzen scheint. Sehr zum Leidwesen ihres Gatten…

Florenz ist auch und vor allem die Stadt der Medici. Niccolò Machiavelli war ihr großer Gegenspieler. Ausgerechnet er verhandelte mit den Borgia – die andere Renaissance-Sippe, die mit unerbittlichem Machtdrang aufstieg und sich dort mit noch mehr Gewalt lang, zu lange hielt, um einen drohenden Krieg zu vermeiden. Die Schmeicheleien auf beiden Seiten, aber auch die versteckten Drohungen (heutzutage wird ja gleich offen gedroht und im gleichen Atemzug dementiert) sind eine wahre Pracht, wenn man sich in sie vertieft.

Dieses kleine Lesebüchlein mit Auszügen aus Texten über und aus Florenz ist wie die Stadt selbst eine Zierde. Eine Ruheoase, die einen alles um sich herum verschwinden lassen kann, lässt man sich darauf ein. Ideal, um die Stadt am Arno näher und intensiver kennenzulernen. Und mancherorts erschein die Mysterien der Stadt wie ein offenes Buch vor dem Betrachter. Erholungspause mit Lerneffekt in einem – das gibt’s nicht oft.

Die Straße der fischenden Katze

Die Straße der fischenden Katze gibt es tatsächlich. Und die heißt auch wirklich so. Und auf dem Titelbild sieht man sie. Selbst auf Wikipedia ist die Straße mit einem eigenen Artikel vorhanden. Sie liegt im V. Arrondissement, Quartier de la Sorbonne. Die Straße /Gasse ist klein. Schmal. Nicht besonders lang. Wer versucht einen ganzen Tag hier zu verbringen, muss verdammt langsam gehen. Sie ist nur knapp dreißig Meter lang. So viel zu den Fakten.

Hier lebte auch die ungarische Schriftstellerin Jolán Földes. Sie kennt die Legende der Katze, die mit einem Pfotenschlag Fische aus der nahegelegenen Seine „fischen“ konnte.

Und hier lebt nun auch Familie Barabás. Sie flüchteten aus Budapest entlang der Donau nach Wien. Schon auf der ersten Seite fesselt der Satz, dass die Züge damals wie Schafe einer zerstreuten Herde umherliefen, den Leser und lässt ihn freudig erwartend die kommenden knappe dreihundert Seiten begeistert in die 20er/30er Jahre in Paris eintauchen. Die älteste Tochter der Barabás’ wird die Geschichte der Familie und der Straße so erfrischend ehrlich und neugierig erzählen, dass man sofort die Tasche packen möchte, um diese kleine Gasse nur einmal einfach nur zu sehen.

Denn hier – als Ghetto möchte man die Straße nicht beschreiben, Ghettos sind schlimmer – trifft sich die Welt. Aber nicht in wallender Ballrobe, sondern in Alltagskluft. Russen, Litauer, und eben auch Ungarn versuchen hier ein Leben zu führen, dass man gemeinhin als „normal“ bezeichnen möchte. Doch ihr Leben ist nicht „normal“. Sprachbarrieren erschweren die Jobsuche. Als Ausländer in dieser rauschenden Zeit, in dieser vibrierenden Stadt hat man mit allerlei Vorurteilen zu kämpfen. Und mittendrin Anna. Ein Kind noch. Doch mit wachem Auge und nicht minder wachem Verstand. Sie sieht, was Erwachsene nicht sehen können. Vorurteile kennt sie nicht. Doch sie erkennt Boshaftigkeit und Lug und trug. Hier ist sie nun zuhause. In dieser kleine Gasse/Straße in der großen weiten Welt. Weit weg von dem, was einmal Heimat war. Die große Politik ist ihnen wie so vielen nicht wohlgesonnen.

Jolán Földes dringt mit Wortwitz und nadelstichiger Präzision in eine Welt ein ohne sie zum Platzen zu bringen. Es ist eine fragile Welt, wie ein Ballon, ein Luftballon. Doch so zart dieser Ballon auch erscheint, er ist flexibel und widerstandsfähiger als man auf den ersten blick erkennen mag. Zerspring er allerdings, ist er irreparabel. Diese Gratwanderung macht „Die Straße der fischenden Katze“ zu einem Meisterwerk, das man sich gern immer wieder zur Hand. Spätestens beim nächsten Parisbesuch.