Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Venetien

Auf nach V…, äh Venedig? Verona? Vicenza? Oder dann mal was ohne V? Wie wäre es mit Padua, was eigentlich Padova heißt, also doch wieder ein V. Und wenn man diesen Reiseband vor sich aufgeschlagen liegen hat, bildet er auch ein V. Man kommt einfach nicht herum ums V. Kruzrtipp-Gag: das muss man doch glattweg fünf tage bleiben – fünf = in römischen Ziffern V.

Wie man es nun nimmt, Venetien ist mehr als nur Venedig, wobei das Nur ob der Pracht der Lagunenstadt im Nebel des Staunens verblasst. Verona ist nach der Venedig sicher die bekannteste Stadt der Region. Klar, von hier kommen Romeo und Julia. Balkon gucken, Brust anfassen, fertig. Was wäre aber, wenn Romeo und Julia gar nicht aus Verona stammten?! Sondern vielmehr von zwei Burgen, die ganz dicht an V… Vicenza liegen. Unerhört! Hat Shakespeare geschummelt? Ja, die wahren Wurzeln der beiden unglücklich Verliebten liegen in den Bergen bei Vicenza. Montecchio Maggiore sollte man sich merken, wenn man den Massen-Romeo-Und-Julia-Shakespeare-Must-Visit-Pflichtteil erledigt hat. Das ist nur eine Info aus den zahlreichen gelb unterlegten Kästen, die dem Leser, der gern individuelle und wahrhaft authentisch seine Urlaubsregion erkunden will.

Padua ist nur einen Steinwurf von Vicenza entfernt – so wie Vicenza von Verona. Eine Perle Venetiens. Und as nicht nur, weil auf Instagram eine wahre Flut an chic gestellten Fotos bei strahlendem Sonnenschein der Stadt einen besonderen Glanz verleihen. Während Vicenza als Stadt von Palladio, dem Architekten und Wegbereiter des Klassizismus gilt, ist Padua Giotto-Stadt. Auch er war ein Wegbereiter, für die Renaissance. Ein Wegbereiter für einen Wegbereiter. Padua nennt man auch die bemalte Stadt. Ein gigantischer Freskenzyklus durchzieht die Stadt, nicht unbedingt öffentlich zugänglich, aber dafür gibt es die „padova urbs picta Card“, mit der man zu dem auch noch die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos nutzen kann. Und wenn man einmal dabei ist: Die Universität ist ebenfalls einen Besuch wert. Galileo Galilei hat hier fast zwei Jahrzehnte gelehrt und dabei die Jupitermonde und die Saturnringe entdeckt. So ganz nebenbei hat er die Theorie aufgestellt, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Das bekam ihm nicht. Ob man ihn auch im mittlerweile ältesten Sektionssaal der Welt „auseinandergenommen“ hätte?!

Noch ein letzter Satz zum V in Venetien. Vom englischen Kulturkreis ausgehend trat das V seinen Siegeszug als Zeichen für den Sieg (victory, was auch aus dem lateinischen stammt) in die Welt an. Also Zeige- und Mittelfinger gespreizt – Venetien wartet. Und in den verbleibenden acht Fingern hält man dieses Buch.

Zakynthos

Griechenlandurlaub ist fast immer gleichzusetzen mit Inselurlaub. Dabei deckt man unbewusst ein riesiges Areal, das ungefähr mit Rumänien gleichzusetzen ist. Wenn man die Fläche inklusive Wasser betrachtet. Und manch einer kommt ins Schwimmen, wenn er erklären muss, in welchem der vielen Meere er nun gerade urlaubt. Ägäisch, ionisch, kretisch, lybisch – ja, wo sind wir denn nun? Ist vielmals auch egal, Hauptsache Erholung. Unter den Inseln und Inselchen gibt es immer noch und immer wieder versteckte Paradiese, die man erst auf den zweiten oder gar dritten Blick entdeckt. Klar, Santorin, Kreta, Mykonos füllen im Dutzend die Seiten der Prospekte – sofern man dieses noch wälzt. Und irgendwann stößt man auf Zakynthos. Bei alphabetischen Auflistungen folgt eigentlich nur noch Zypern, wenn man im Mittelmeer die Sonne genießen will. Von Zakynthos hört man nichts in den Nachrichten. Allenfalls von Freunden und Kollegen, die dort schon mal waren. Eines ist ihnen allen gemeinsam: Ein Dauergrinsen im Gesicht, weil sie exzellent erholt zurückkehren konnten.

Sabine und Gunther Schwab geht es seit mehreren Jahrzehnten so. Als sie das erste Mal die Insel im ionischen Meer (!) besuchten, kommen sie nicht mehr davon los. Was liegt also näher als gewiefte Sehnsuchtssuchende über „ihre“ Insel einen Reiseband zu verfassen. Mittlerweile gibt es die neunte Auflage. Denn auch Zakynthos verändert sich stetig – meistens zum Besseren.

Wer einmal im Osten der Insel die Black Cave bei Kallithéa besucht hat, fühlt sich komplett wie ein Eroberer, der das Paradies eingenommen hat. Der geschützte Blick aus der relativ kühlen Höhle über die Landschaft bis aufs Meer, ist unbezahlbar. Und wer dort ist, aber nicht weiß wie er zum gleichen Ergebnis kommt, dem geben die Autoren eine Reiseroute an die Hand, die Scheitern unmöglich macht.

Zehn Wanderungen auf der kleinen Insel machen diesen Reiseband zu einem unerlässlichen Begleiter. Antje und Gunther Schwab sind – und das spürt man schon beim Lesen – jeden Meter abgelaufen, um authentisch berichten zu können, worauf man achten muss und was man auf gar keinen Fall verpassen sollte. Ist die reise erstmal gebucht, ist es erste Pflicht dieses Buch eingehend zu studieren. Denn nur faul am Strand liegen, dafür braucht man Zakynthos nicht – auch wenn das hier ebenso erlebnisreich sein kann ist wie eine ausgedehnte Wanderung zwischen knalliger Blütenpracht vorbei an venezianischen Brunnen zu einer Aussicht, die zusätzlich mit einem erstklassigen Mahl gekrönt wird.

Unter den Inseln Griechenlands nimmt Zakynthos eine Ausnahmestellung ein. Und dieser Reiseband strahlt mit der Sonne und den Lesern um die Wette.

Berlin mit der Ringbahn entdecken

Schon mal versucht in Berlin ohne längere Suche einen Parkplatz zu bekommen? Mit viel Glück ist das möglich. Aber eben nicht berechenbar. Und nun will man sich Berlin anschauen. Das Auto steht j.w.d. und man selbst ist damit beschäftigt zuzusehen wie man vorankommt. Erholung sieht anders aus. Dabei ist es doch so einfach. 35 Kilometer in knapp 60 min. Das Zauberwort heißt Ringbahn. Über eineinhalb Jahrhunderte alt, mit Unterbrechungen. Okay, das mit den 60 Minuten ist übertrieben, denn dann sitzt man nur in der S-Bahn und sieht nicht das, was Links und Rechts des Weges zu erkunden ist. Aber es ist möglich.

Dieser Reiseband gehört in jedes Reisegepäck für die Hauptstadt! Einmal im Kreis fahren und die ganze Stadt sehen – das kann man nicht überall. Und vor allem nicht in dem Übermaß. Das geht nur in Berlin!

Das beginnt schon am – nicht originären – Startpunkt. Gesundbrunnen. Dort, wo die Berliner Unterwelten dem Besucher eine Stadt zeigen, die in ihrer Geschichte einiges zu ertragen hatte. Nur zweihundert Meter entfernt. Ebenfalls 200 Meter entfernt: Die Gartenstadt Atlantic. Gleich zu beginn eine Oase der Sinne. Der regierende Oberbürgermeister Eberhard Diepgen wohnte hier. Auch Günther Uecker hatte hier sein Atelier. Am Südkreuz ist es schon gewöhnungsbedürftiger dem Auge „was Schönes zu bieten“. Auf den ersten Blick. Die rote Insel ist mindestens für Hobby-Historiker genauso interessant wie für Eisenbahnfanatiker. Einen erhöhten Platz suchen und schon hat man Fotomotive en masse. Und wer Berliner Geschichte mit Eleganz verbinden will, der sucht die Leberstraße 65. Kurz nach Weihnachten 1901 kam hier der erste und vielleicht einzig wahre Hollywoodstar made in Germany zur Welt: Marlene Dietrich.

Und wir sind immer noch mit der Ringbahn unterwegs. Hopp on hopp off mit den Öffis. Für’n schmalen Taler.

Kirchen, Restaurants, Friedhöfe, Industriedenkmäler, Stadtquartiere – alles nur ein paar Minuten von den Haltpunkten der Ringbahn entfernt. So eine Stadtrundfahrt zieht sich dann gern mal über mehrere Tage. Und immer im Gepäck: Dieser Reiseband. Man muss ja auch nicht nach jedem Abstecher wie ein wilder Stier zur Bahn zurück rennen. Dafür gibt’s den Berlin Marathon…

Wer also Berlin mal janz entspannt jenießn will, der kommt um die Ringbahn nicht herum. Und ebenso ist dann dieser Reiseband unverzichtbar. Jeder Hotspot wird mit Adressangabe, wenn möglich Webadresse, beschrieben, inkl. der Wegstrecke und Laufzeit. Einsteigen, Aussteigen und das Großstadtleben genießen. Manchmal auch wortwörtlich in vollen Zügen…

oh! Neapel

Ball, Clown, Pizza. So würde es in jeder anderen Stadt heißen. In Napoli ist es SSC Napoli, was Diego Armando Maradona bedeutet. In Napoli ist es Pulcinella. Und es ist auch und vor allem Margherita, die Mutter allen Fastfoods (was es anfangs nicht war). Also haben wir auf gelben Grund ein weißes „oh!“, ein schwarzes Neapel sowie D10S, Pulcinella e Pizza. Mehr muss man auch erstmal nicht über die Stadt wissen. Hand auf, Pizza drauf, fertig. Und um Himmelswillen nicht über Maradona oder die Leidenschaft zur SSC Napoli lächeln. Sonst kommt im günstigsten Fall Pulcinella und spielt Dir einen Streich.

Die Stadt am gleichnamigen Golf aber nur mit diesen drei Attributen abschließend zu beschreiben, wäre mindestens so frevelhaft. Denn hier wandelt man auf Jahrtausende altem Grund. Quartieri spagnoli. Selbst alteingesessene Italiener rollen mit den Augen, wenn man ihnen mitteilt, dass man hier nächtigen möchte. Alles halb so schlimm. Klar, man wird beäugt. Aber nach ein, zwei freundlichen „Buongiorno“ ist man bekannt und dass man keine Gefahr darstellt. Eintracht-Frankfurt-Fans sollten aber vielleicht draußen bleiben. Und schon gar nicht uniformiert den Maradona-Deovtionalien-Markt murale Maradona besuchen. Ein Fantastikum, das es nur hier, in Napoli geben kann.

Napoli ist ein Straßenwirrwarr und Gassenlabyrinth, das man zu nehmen wissen muss. Überall hängt die Wäsche quer über einem. Doch nicht überall gibt es für Touristenaugen auch was zu sehen. Irene Helmes hat hier gewohnt. Sie zieht es immer wieder hierher. Und immer wieder entdeckt sie sicher auch Neues. Napoli verändert sich sicher nicht so rasant wie Shanghai, doch der Wandel ist immer wieder sicht- und spürbar. Als Touri mit verunsichertem Gang tappt man gern mal in die eine oder andere Falle. Restaurants bieten sich hier dafür an. Aufmerksam Karte studieren, gern auch vermeintlich dumme Fragen stellen – das hilft schon fürs Erste.

Für den Rest sorgt dieses wirklich einzigartige Buch. Selbst den Soundtrack kann man sich per QR-Code runterladen und auf die Ohren geben. Dann hört man allerdings den Straßenlärm nicht mehr. Der gehört zu Napoli wie wilde Wendemanöver und zähe Touristenströme in der Gasse der Krippenmacher.

Wer Neapel zusätzlich zu Veilcheneisverzehr (wo sich schon die Sisi dem Genuss hingab) und dem Besuch des Teatro San Carlo in sich aufsaugen will, muss sich auch manchmal in die vermeintlichen Höllen der Stadt begeben. Wie man sich dort verhält, was man sehen muss und was man getrost umgehen kann (oder sollte) – dafür lohnt sich permanentes Blättern in diesem Reiseband.

Sizilianische Geschichten

Wenn Sizilien die Quintessenz Italiens ist, oder zumindest der Summe aller Klischees, dann ist dieses Büchlein wohl die Quintessenz des literarischen Siziliens. Ein Konzentrat, das Kopfnicken mit einem Lächeln paart. Denn Luigi Pirandello, Leonardo Sciascia, Andrea Camilleri, Dacia Maraini, Roberto Alajmo sind nur ein paar Autoren, die in diesem kleinen Büchlein ihrer Insel ein Denkmal setzen, das nicht zur wegen der Abmaße jederzeit griffbereit ist.

Mn stelle sich vor, dass man auf einem Hügel im Hinterland – sagen wir Corleone, das sagenumwobene Corleone – sitzt und ins Tal schaut. Am Horizont steigt eine Rauchsäule auf. Auf der spärlich befahrenen Straße tuckert ein Moped oder besser eine Ape als Lieferwagen verkleidet um die engen Kurven. Von irgendwo her steigt Essenduft in die Nase. Die Sonne brennt gnadenlos auf einen hernieder, obwohl es noch nicht mal Mittagszeit ist und die wenigen ristorante noch lange nicht ans Öffnen denken. Paradiesisch, diese Ruhe. Doch irgendwas fehlt! Das letzte Puzzleteil, um das Glück an diesem Flecke Erde abzurunden.

Könnte es sein, … ja, könnte es ein, dass das perfekte Glück in die Hosentasche passt? Nur ein paar Seiten zwischen stabiler Pappe? Rein äußerlich Sizilien im Faustformat? Siiii. Certo. Natürlich, es fehlen Zeilen von echten Sizilianern. Die ihre Heimat lieben. Die, die Sizilianer in und auswendig kennen. Und die ihre Charaktere so steilvoll in Szene setzen können.

Während bei Sciascia die Schlitzohrigkeit einmal mehr ein Schmunzeln hervorruft, ist es bei Alajmo die Genervtheit vom Straßenverkehr Palermos. Camilleri lässt einen Sizilianer böse Blut über einen Engländer vergießen, der sich keinerlei Schuld bewusst ist – wieso auch, da hat jemand ein ganz böses Spiel getrieben, ohne die Konsequenzen zu beachten. Und bei Pirandello liegen Poesie und Sehnsucht derart eng beieinander, dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann. Und Dacia Maraini liefert ein Beispiel dafür, dass bei all der Verträumtheit, die Sizilien gern ausstrahlt auch die wirklich Böse und Schändliche zur Wahrheit gehört.

Die sizilianischen Geschichten bieten die gesamte Bandbreite der Insel dar. Klar, das man hier sich wie im Paradies fühlt. Die Insel kann gar nicht anders. Aber auch das Paradies hat Schattenseiten, die aber nicht ausschließlich Dunkles in sich bergen. Gewitzt, schräg, nervend, liebevoll – wie die Insel so ihre Geschichten.

Ich, die ich Männer nicht kannte

Kann man das noch als Leben bezeichnen?! Keinerlei Anhaltspunkt – im wortwörtlichen wie im sinnbildlichen Kontext. Zeit? Gibt es nicht. Der Horizont? Ein Fremdwort. Von Hoffnung ganz zu schweigen. Es sind insgesamt vierzig Frauen, die in einem Keller ihr Leben fristen. Eine, die Jüngste, fühlt sich nicht so recht zugehörig zu der Leidensgemeinschaft. Viele Jahre – sofern man dies messen kann – hausen die Frauen hier. Warum? Ein Rätsel. Die Wärter – allesamt Männer – sind gefühlsbefreite Aufseher, die jeden Regelverstoß mit einem Peitschknall abwenden. Physische Gewalt gibt es nicht. Doch die pure Drohung reicht aus. Augen auf des nachts – Peitschenknall. Berührungen – Peitschenknall. Hier unten ist NICHTS. Gar nichts.

Dorothee, Rosette, Thea, Germaine, Francine, Marie-Jeanne – Namen gibt es noch. Nur die Jüngste, die Chronistin der Einsamkeit, hat keinen Namen. Sie kann sich nicht an ein Leben draußen erinnern. Sie ist zu jung. Gerade mal eine Frau geworden. Nach und nach beginnt sie die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Den jungen Wärter, die Frauen, die ihr mit Zuneigung entgegentreten. Sie beginnt zu zählen. Die Anderen haben es ihr beigebracht. Sie hört von Dingen, die sie nie erlebt hat, nie erleben wird. Die Verzweiflung ist schon längst dem Fatalismus erlegen. Es ist ihr aller Schicksal hier unten bis zum Ende zu bleiben.

Doch dann geschieht Unerhofftes. Die Gittertore bleiben offen. Die Wärter sind allesamt verschwunden. Die Zwangsgemeinschaft der Hoffnungslosen entwickelt eine Eigendynamik. Statt eine Anführerin zu wählen, raufen sich alle zusammen. Der Gemeinschaftsdrang überwiegt Führungsambitionen. Wären das alles Männer gewesen …

Die Erzählerin kann mittlerweile auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, den ihr die anderen Frauen angedeihen ließen. Unmerklich blüht hier eine Blume heran, die Wurzeln schlagen kann, die aber nicht durch ihr Antlitz Bewunderung ernten muss. Sie ist sich selbst nahe, während die Gemeinschaft der vierzig Frauen durch den Lauf der Zeit an Mitgliederschwund leidet. Schon bald – nach Jahren – ist sie, die die Männer nicht kannte, allein. Ihr obliegt es die Frauen zu begraben. Die Freiheit Sonne, Himmel, Horizont zu erkennen, hart mehr Schattenseiten als angenommen. Sie ist immer noch allein. Allein im Sinne von niemandem an ihrer Seite. Sie ist sich selbst genug. Sie klagt nicht. Wünsche und Sehnsüchte hat sie nicht, sie hat nie gelernt diese zu entwickeln.

Jacqueline Harpman hat mit „Ich, die ich Männer nicht kannte“ einen Roman geschrieben, der in der feministischen Literatur eine Sonderstellung einnimmt. Dauerhafte Empathie, komplett fehlende Rachegelüste, Sinnsuche – die Liste der Schlagworte könnte sich unendlich fortsetzen lassen. Doch weder das eine noch das andere Wort würde dem Gesamtkunstwerk nur annähernd gerecht werden. Es sind die Zwischentöne, das, was fehlt (also nicht so offensichtlich ist), die diesen Roman in einem hellen Licht erstrahlen lassen.

Dear Professor Romance

„ I would do anything for love but I won’t do that“ – so kryptisch Meat Loafs Welthit so manchem vorgekommen sein muss, so klar liegt dre Fall in diesem Buch. Doug Guthrie, eine ehemaliger Säufer, der sich mittlerweile zu gewieften Geschäftsmann gemausert hat, ist als Professor Romance bekannt. Seine Kolumne wird fiebrig gelesen. Denn er gibt „hoffnungslosen Fällen“ Hoffnung in Sachen Beziehungen. Beziehungsweise (!) wie man den ersten Schritt tut. Und er verweist – wenig subtil – auf seine Ratgeber, die als Buch für nur 200$ pro Buch käuflich zu erwerben sind. Das Prinzip funktioniert und füllt das Konto des knapp über 60jährigen ordentlich. Mehr aber auch nicht. Denn die einzige Frau in seinem Leben ist seine Mutter, und die ist auch nur körperlich anwesend.

Das schreiberische „Genie“ hinter Professor Romance ist jedoch Lance Bertovich. Sein Ghostwriter. Schriftsteller mit dem scheinbar perfekten Leben. Sein Einkommen ist dank wasserfestem Vertrag als Schreiber für Professor Romance und üppigen Prämien stabil. Seine Frau liebt und achtet ihn, sein Sohn ist ein Schatz.

Zu den Kunden – mehr sind sie nicht, die verzweifelten Seelen – zählt auch Norman Bright. Ein unauffälliger Angestellter in einer Biomedizinischen Firma. Mittzwanziger, ganz gut aussehend mit enormen Selbstzweifeln. Seine Kollegin Cynthia Collingsworth hat es ihm angetan. Ihr Gang, ihre Erscheinung, ihr Wesen – all das und noch viel mehr tragen dazu bei, dass Norman sich einfach nicht traut sie anzusprechen und sie für sich zu gewinnen. Seine Mails an Professor Romance werden auch nicht beantwortet. In den Ratgeberbüchern – Norman kann sich die 600$ für Band I bis III locker leisten – sind schlussendlich auch keine endgültige Lösung.

Während Norman sich bis auf die Knochen blamiert bei dem Versuch mit Hilfe der Ratschläge von Professor Romance Cynthia auf sich aufmerksam zu machen, ohne dabei die Selbstachtung zu verlieren und Achtung in ihren Augen zu gewinnen, stürzt sich Lance Bertovich in eine Affäre. Und bringt so alle Stabilität in seinem Leben ins Wanken wie es kein kalifornisches Erdbeben je zu tun vermag. Und Doug? Der sucht was auch immer zwischen den Schenkeln von Prostituierten. Das muss Liebe sein.

Und dass das alles nur der Anfang einer gigantischen Höllenfahrt ist, wird dem Leser Seite für Seite klarer. Kompromisslos jagt Mark SaFranko Doug, Lance, Norman durch so ziemlich jeden Vorhof der Hölle. Erlösung – ob nun im Paradies oder der Hölle – exklusive. Man könnte sich nun entspannt zurücklehnen und diesen Roman mit einem gewissen, fast schon selbst gefälligen Grinsen genießen und in sich versunken kopfnickend in einem „ich hab’s kommen sehen“ einigeln. Doch dafür ist der Spannungsbogen schon zu sehr gespannt. Die Frage ist nur, wie weit geht der Autor, um der Sache Herr zu werden. Er geht weit. Weiter als man es sich vorstellen darf.

Miss Betony in Gefahr

Das ist doch nett: Eine ehemalige Schülerin bittet ihre ehemalige Lehrerin bei ihr – im Internat – zu wohnen und ihren Lebensabend anständig und wie es sich gehört zu genießen. Oberflächlich eine wirklich noble Geste. Doch wie so oft im Leben, hat alles einen Haken.

Emma Betony ist eine ehemalige Hauslehrerin Emma Betony, die sich sehr darum bemühte ihren Ruhestand in einer Seniorenresidenz genießen zu können. Das „Aufnahmeritual“ gestaltet sich schwierig, da ihre Herkunft nicht ganz dem Standard entspricht, den sich das Haus wünscht. England und Standesdünkel – eine ganz eigene Welt…

Die Einladende ist Grace Aram, mittlerweile selbst Leiterin eines Internats, in dem auch ein Pflegeheim untergebracht ist. Für Miss Betony – Emma – verlockend, aber auch nicht besonders erstrebenswert zugleich. Denn Kinder waren für sie nie (wirklich nie!) erstrebenswerte Wesen, die sie gern um sich hatte. Sie zu formen, war okay. Aber sie stets um sich herum zu haben – no, thanks. Und außerdem hat Emma nun doch die Zusage für Toplady bekommen, der Seniorenresidenz, für die sie sich beworben hat. Doch Grace`Angebot ist dann doch verlockender. Schließlich ist sie die einzige ehemalige Schülerin der Gouvernante, mit der sie noch regelmäßig in Kontakt steht. Man konnte es schon fast Freundschaft nennen.

Grace hat einen konkreten Anlass Emma zu bitten zu ihr zu kommen. In dem Pflegeheim, das unterm gleichen Dach wie ihr Internat ist, wird – aller Wahrscheinlichkeit nach – ein perfides Spiel getrieben. Eine Bewohnerin wird sukzessive … vergiftet. Ja, so ist das in englischen Pflegeheimen! Emma hat nun die Wahl: Entweder so den Lebensabend beschließen wie geplant oder doch der vermeintlichen Freundin zur Seite stehen und ein bisschen Nervenkitzel zu erleben. Emma entscheidet sich für Letztes.

In dem Internat, das Grace leitet, ist alles seltsam. Nettigkeiten weichen Ränkelspielen, Lehrkörper und Schüler sind im ständigen Wettkampf. Emma, Miss Betony, muss sich erstmal eingewöhnen. Dabei hilft ihr ihre über Jahrzehnte gepflegte Distanz. Erst als der mysteriöse Ambrosio auf der Bühne der Unannehmlichkeiten erscheint, verliert Emmy Betony ihre Distanziertheit. Doch da ist es schon fast zu spät, und schon ist „Miss Betony in Gefahr“.

Dorothy Bowers gehört zu erweiterten Kreis englischer Ladies, die mit ihren Krimis die Welt eroberten. Während Dorothy L. Sayers und Agatha Christie nie auch nur eine Silbe ihres Ruhmes verloren gaben, wird Dorothy Bowers immer wieder neu entdeckt. Dieses Buch wird jetzt, 2026, zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen, 85 Jahre NACH Erscheinen. Gift, Intrigen, destinguished people – alles, was das british-crime-heart begehrt wird hier vollends bedient, ohne dabei auch nur ansatzweise im Klischee-Morast zu versinken.

Padua

Listet man eine reihe von Städten in Italien auf, die man unbedingt sehen muss, gehört Padua sicher nicht auf die Champions-League-Plätze. Abstiegsgefährdet ist sie allerdings auch nicht. Padua ist klein, kuschelig und vor allem prall gefüllt mit Historie. Eine der ältesten Unis Europas, der älteste Botanische Garten der Welt, Galilei unterrichtete (kann man bis heute besichtigen). Und ein Schmuckkästchen für alle, die feingestalteter Architektur mehr als nur etwas abgewinnen können.

Nun hat mich also entschieden Padua zu besichtigen. Was nun? Was gibt’s zu sehen, was muss man sehen, wo muss man hin? Suchmaschinen führen einen immer an die gleichen Orte. Nämlich die, die von Online-Reise- und Ausflugsportalen gefüttert wurden. Da rennt man dann den ganzen Tag hinter einem Fähnchen her, lässt sich erzählen, dass diese Säule eine Säule ist und dass genau dieses Haus alt ist. Hurra, ein Tankfüllung vergeudet für etwas, was jeder sofort erkennt (so schlecht ist das Internet dann auch wieder nicht…).

Padua muss man selbst erobern. Mit Sinn und Verstand, mit wachem Geist, mit Reiseband und … dieser Reisebeschreibung. Ulrike Rauh ist eine Italophile mit unbändiger Sehnsucht nach dem Stiefel. Von Milano bis Napoli hat sie den Leser schon mehrmals an die Hand genommen und ihn sanft an Orte geführt, die noch nie ein Fähnchen gesehen hat.

Padua ist wie die kleine Schwester von Bologna. Nicht nur wegen der alten Universitätstradition. Auch hier läuft gut beschattet durch Arkaden. Und zu sehen gibt’s hier auch jede Menge. Einfach Kapitel für Kapitel lesen, die von der Autorin gemachten Schritte nicht als Dogma verstehen sondern als liebevolle Stupser in die richtige Richtung. Wer Padua noch nicht kennt, fühlt sich augenblicklich wohl und kaum noch fremd in dieser pittoresken Stadt.

Das besondere an Ulrike Rauhs Büchern sind die gehauchten Liebeserklärungen an die besuchte und beschriebene Stadt. Sie hat immer einen Begleiter im Arm, der ihr und dem Leser SEINE Stadt näher bringt. Und das ist einzigartig! Und lässt so manches Zögern in schwungvolle Schritte verwandeln. Mit diesem Buch rutscht Padua mit einem Mal von den mittleren Wunschplätzen in die Königsklassenregion auf. Der Sommer wartet nicht. Padua wartet auf seien neugierigen Besucher, die dank dieses Buches bedacht und wohl belesen auf historischen Pflaster lustwandeln können.

Bergvögel

Klingt alles ziemlich vertraut, doch – so viel sei schon mal verraten – es ist alles ganz anders! Zwanziger Jahre. Schweizer Alpen. Sanatorium. Ja, da kommt einem schon der „Zauberberg“ in den Sinn. Doch damit hat es sich auch mit den Gemeinsamkeiten. Denn Zofia Nałkowska kannte das Meisterwerk aus Deutschland nicht. Es war zwar schon erschienen, aber nicht auf Polnisch. Und sie sprach nicht genug Deutsch, um es im Original lesen zu können. Und bei ihr steht auch nicht das Zwischenmenschliche so prägend im Vordergrund. Die hier Versammelten sind allesamt mit ihren Köpfen noch im Weltkrieg, der bis vor ein paar Jahren ihr Leben bestimmte, teils zerstörte. Zofia Nałkowska verbrachte Februar bis April 1925 mit ihrem Ehemann eine erholsame und vor allem wohl nachhaltige Zeit in Leysin in der Schweiz. Dieser lässt sich nur spärlich im namenlosen Ort des Romans erkennen. Das aber nur als Randnotiz, denn es ist unerheblich für den Genuss dieses Buches.

Die Bergvögel, Choucas, kreisen in den luftigen Höhen der Schweiz. Und mit ihnen das neue Jahr, neue Hoffnung, Aufbruch. Es ist eine kleine elitäre Gruppe von Menschen. Sie stammen aus Armenien, England, Russland, Italien, Spanien, Rumänien und Deutschland. Eine wahre EU, die in den über vierzig Kapiteln sich näherkommen, verzweifeln, lachen, tanzen, leiden. Jedes Kapitel eine Geschichte für sich. Diese Kurzgeschichten werden durch den losen Faden des Handlungsortes zu einem festen Seil verwoben, das sich wie ein Kargen um das Lesehirn schlingt und niemanden mehr loslässt.

In Polen ist Zofia Nałkowska bekannt. Mehr jedoch für ihre Romane, „Bergvögel“ ist auch hier relativ wenig bekannt.

Es sind die leisen Töne, die zarten Bande, die hier Verbindungen schaffen, die in der „großen Politik“ heute wie damals undenkbar sind. Das Massaker an den Armeniern in der Türkei wird derart detailliert beschrieben, dass man doch mal absetzen muss. Der zu Ende gegangene Krieg hat noch keine Ordnungszahl. Man liest sich schnell in einen Rausch, das Flattern der schwarzen Vögel mit den roten Beinen und den gelben Schnäbeln ist Hintergrundmusik, die den Takt vorgibt. Seite für Seite erheben sich die mächtigen Gipfel der Schweizer Alpen. Das Geschirr im Speisesaal klappert vornehm. Selbst die Sonne scheint zwischen den Seiten hervorzuluken.

Anders als bei Thomas Mann ist „Bergvögel“ um einiges kürzer. Auch die Sätze und die Kapitel ziehen sich nicht ewig dahin. „Bergvögel“ ist einer der Romane, die man nicht auf den ersten Blick für sich auswählt. Hat man aber die ersten Seiten gelesen, entsteht eine starke Liebe. So muss das sein!